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Fachartikel

Warum natürliche Entrauchung?

Feuer und Rauch gehören schon seit den Anfängen menschlicher


Zivilisation nicht nur zu den wichtigsten Werkzeugen des Menschen,
sondern auch zu seinen größten Feinden. Die zunehmende Zahl der
Brandkatastrophen, die nicht nur enorme Sachschäden verursachen und
unzählige Menschenleben fordern, erklären die zunehmende Bedeutung der
Feuerbekämpfung. Da Brände in Gebäuden grundsätzlich nicht verhindert
werden können, erhalten Rauch- und Wärmeabzugsanlagen (RWA) eine
zentrale Bedeutung innerhalb des vorbeugenden Brandschutzes.
Im Brandfall geht die Bedrohung nicht nur von Feuer und Hitze, sondern
besonders vom Rauch und den entstehenden giftigen Brandgasen aus. An
erster Stelle bedroht Rauch Leben und Gesundheit des Menschen. Die
wichtigste Aufgabe des vorbeugenden Brandschutzes besteht darin Flucht-
und Rettungswege rauchfrei zu halten. Personen in brennenden Gebäuden
muss ermöglicht werden, sich selbst in Sicherheit zu bringen.
Rettungsmannschaften müssen Menschen, Tiere und Sachwerte retten
sowie Brandfolgeschäden vermindern können.
Der bauliche Brandschutz ist zwar so weit entwickelt, dass in einem
brennenden Gebäude in der bei uns üblichen massiven Bausubstanz kaum
noch Personen direkt durch Feuer verletzt oder getötet werden – wohl aber
durch den extrem toxischen Brandrauch. Rauch und Brandgase, die die
Bausubstanz angreifen, Rettungs- und Löschwege blockieren, das Feuer in
andere, nicht brennende Teile des Gebäudes übertragen können, sind zu
fast 90% die Ursache für „Brandopfer“. Brandopfer sind Rauchopfer! Denn
das Inhalieren von nur einer Lungenfüllung heißen Brandrauchs kann den
sicheren Tod bedeuten. Der unmittelbaren Orientierungslosigkeit folgt die
Panik, der Bewusstseinsverlust und schließlich die absolute Hilflosigkeit.
Ursachen für den Tod durch Brandrauch sind zum einen die im Rauch
enthaltenden, tödlich wirkenden toxischen Bestandteile. Die so genannten
„korrosiv wirkenden Bestandteile“ führen zum anderen schon beim
Einatmen zu Verätzungen von Lunge und Atemwegen. Meistens ist ein
Zusammenwirken dieser beiden Ursachen der Grund für die Vergiftung und
die erheblichen inneren Verletzungen der Brandopfer.
Es ist also besonders wichtig, dass der sich in sehr kurzer Zeit in enormen
Mengen bildende Rauch – auch schon bei kleinen Schadensfeuern - schnell
und gezielt abgeführt wird. Denn besonders brennbare Baustoffe, die zur
Wärme- oder Schalldämmung verwendet werden, erzeugen beim Abbrand
sehr hohe Rauchgasmengen. 10 kg brennendes Schaumgummi
beispielsweise produzieren 25.000 m³ Rauchgas in nur einer Stunde, d.h.
ein Treppenhaus mit einer Höhe von 15 m wird über 100 mal völlig mit
Rauch gefüllt, wenn nur etwas Schaumgummi verbrennt.

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Der Gefahr der bei einem Brand entstehenden Verbrennungsprodukte wie
Rauchgas, Oxide und Wärmeenergie begegnet man am besten durch eine
Abführung des Rauches ins Freie. Diese wichtige Aufgabe übernehmen
Rauch- und Wärmeabzugsanlagen, die den Rauch effektiv aus dem
Gebäude abführen. Räume und Gebäude ohne RWA werden in wenigen
Minuten vollständig mit Rauchgasen ausgefüllt. Diese Rauchgasschicht
macht eine aktive und passive Rettung unmöglich! Die thermische
Beanspruchung des Baukörpers durch heiße Brandgase kann zum Einsturz
des Gebäudes führen. Rauch- und Wärmeabzugseinrichtungen sind somit
zu einem unverzichtbaren Bestandteil von Brandschutzkonzepten
geworden.

Wie funktioniert Rauchabführung eigentlich?


Die natürliche Entrauchung nutzt den thermischen Auftrieb - mit
Zuluftöffnungen im unteren Wandbereich und Abluftöffnungen möglichst im
oberen Wand- oder Deckenbereich - um den Rauch in einer stabilen
Rauchschichtgrenze oberhalb des Aufenthaltsbereiches des Menschen zu
binden. Unter dieser Grenze befindet sich die raucharme, darüber die
schwarze, giftige Rauchgasschicht.
Wichtig bei dieser Methode der Rauchabführung ist, dass es an der
Rauchschichtgrenze nicht zu einer Verwirbelung kommt, denn das könnte
zu einer Absenkung der giftigen Rauchschicht in den raucharmen Bereich
führen.
Zur Abführung des Rauches kann man die natürlich wirkenden (NRA) oder
die maschinell wirkenden Rauchabzugsanlagen (MRA) verwenden.
Die bei einem Brand entstehenden Verbrennungsprodukte wie Rauch,
Wärme und heiße Brandgase steigen im Raum nach oben und bilden
unterhalb der Decke eine Schicht aus Rauch und Brandgasen. Diese
Rauchgasschicht wird mit fortschreitender Branddauer immer dichter und
innerhalb kürzester Zeit ist der gesamte Raum ausgefüllt. Mit Hilfe der
NRA wird diese Schicht mittels des thermischen Auftriebsprinzips bereits
in der Entstehungsphase des Brandes direkt ins Freie abtransportiert. Die
notwendigen Zuluftöffnungen sorgen für den erforderlichen Ausgleich des
Massenstroms und verstärken den Effekt des thermischen Auftriebs
(Kamin-Effekt). Die entsprechenden Rauchabzugsgeräte müssen allerdings
gegen äußere Windeinflüsse ausreichend geschützt sein. Denn die
Ausbreitung und Ableitung von Rauchgasen hängt – insbesondere bei
Bränden in großen Räumen – wesentlich von der Raumströmung ab. Diese
wird wiederum von der äußeren Winddruckverteilung beeinflusst. So
genannte Zonenmodelle zur Beschreibung der Rauchausbreitung eignen
sich in der Regel aufgrund dieser Wechselwirkung nicht. Studien zur
Rauchausbreitung über Seitenwände unter Berücksichtigung des
Windeinflusses lassen sich aber gut im Windkanal an Modellobjekten im
verkleinerten Maßstab durchführen. Solche Untersuchungen zeigen, dass

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eine windrichtungsabhängige Öffnung von Ab- und Zuluftflächen in den
Seitenwänden unumgänglich ist. Da sich diese Öffnungen immer an der
Wind abgewandten Seite befinden müssen, ist der Einbau von NRA- und
Zuluftflächen in mindestens zwei gegenüberliegenden Gebäudewänden
erforderlich. Ausführlich beschreibt die DIN 18232 Teil 2 die Anforderungen
und Bemessungen an Natürliche Rauch- und Wärmeabzugsanlagen.
Der Vorteil der NRA liegt darin, dass sie bei zunehmenden Temperaturen
durch höhere Abzugsleistung die zusätzlich entstehenden
Rauchgasvolumen abtransportieren kann.
Bei der MRA werden die Rauchgase mechanisch über Ventilatoren bei
einem konstanten Fördervolumen abgeleitet. Dieses Verfahren ist gut
geeignet für niedrige Brandtemperaturen. Bei höheren Temperaturen
dagegen kann es vorkommen, dass das konstante Fördervolumen der
Ventilatoren die durch die Temperatur wachsenden Volumenströme nicht
ausreichend abführen kann.

Lichtkuppeln, Lichtbänder, Glaspyramiden, Kipp- oder Klappflügel...


Je nach Gebäudeart und Architektur sind verschiedene Formen des
Einbaus von RWA-Öffnungen möglich. Bei Flachdachbauten können RWA-
Öffnungen in Form von Lichtkuppeln, Lichtbändern oder Glaspyramiden
ausgeführt werden. Im geneigten Dach oder Sheddach ist der Einbau als
Kipp- oder Klappflügel möglich. Am häufigsten werden RWA-Öffnungen mit
den unterschiedlichsten Flügelformen in die Außenwand eingebaut. Um die
optimale Wirkung der natürlichen Entrauchung zu gewährleisten, müssen
Größe, Art und Anordnung des Öffnungselements beachtet werden. Wichtig
ist, dass die Rauchgase möglichst ungehindert aus dem Gebäude ins Freie
ausströmen können, weder der Fensterflügel selbst, noch bauliche
Gegebenheiten – wie Mauervorsprünge, Treppen, Lüftungskanäle etc. –
dürfen das Ausströmen behindern .

Komponenten eines Rauchabzuges


Zum Öffnen und Schließen von RWA-Öffnungen benötigt man einen RWA-
Sicherheitsantrieb. Man kann dafür elektromotorische 24V-Antriebe wie
z.B. Spindelantriebe, Kettenantriebe und Zahnstangenantriebe verwenden.
Die Auswahl ist objektabhängig.
Durch ein elektrisch oder pneumatisch angetriebenes Gasfedersystem
lassen sich die Ab- und Zuluftklappen schnell öffnen. Dieses System eignet
sich allerdings nicht für die tägliche Lüftung.
Ein Pneumatikzylinder öffnet mittels Druckluft oder CO2 – Gas die Öffnung.
Die RWA-Zentrale ist die Steuereinheit für die RWA-Antriebe. Sie nimmt die
Meldung der Brandmelder auf, überwacht Störungen und steuert die
Lüftungsfunktion. Integrierte Notstrombatterien sorgen bei Netzausfall für
eine 72 Stunden währende Betriebsbereitschaft.

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Die pneumatische Bedienstation enthält CO2 - Kapseln. Nach Einschlagen
der Glasscheibe und Betätigung des Handknopfes erfolgt die Auslösung.
Manuelle Brandmelder dienen zur Meldung einer durch Hand erfolgten
RWA-Auslösung. Die Zustände „Betriebsbereitschaft“, „RWA-Auslösung“ und
„Störung“ werden über Leuchtanzeigen signalisiert. Automatische
Brandmelder erkennen einen Brand selbständig. Ob manueller oder
automatischer Brandmelder, die Ausführung richtet sich u.a. nach dem
Brandschutzkonzept und den örtlichen Gegebenheiten.
Ein Windmessgerät, das die Windgeschwindigkeit und Windrichtung
aufnimmt, gewährleistet, dass bei der Entrauchung nur die
windabgewandten Flächen öffnen. Die Auswertung der Messwerte
übernimmt die angeschlossene RWA-Zentrale.
Da sich die 24V-RWA-Sicherheitsantriebe auch für Lüftungszwecke eignen,
können die Antriebe mit Lüftungstastern zur manuellen Lüftung,
Thermostaten und Hygrostaten zur automatischen Lüftung sowie
Anschlüssen zur rechnergesteuerten Lüftung über eine zentrale
Leittechnik (ZLT/GLT) ausgelöst werden.

Einbau von RWA und Lüftungs-Systemkomponenten


Die Ab- und Zuluftöffnungen müssen so bemessen sein, dass im geöffneten
Zustand die geforderte geometrische bzw. aerodynamische Fläche erreicht
wird. Zu beachten sind Behinderungen, wie z. B. durch Blendrahmen und
Stürze sowie die Profilstärken der Fenster sind.
Bei der Öffnungsmotorik müssen die Antriebe und die
Befestigungselemente für die benötigten Kräfte ausgelegt sein. Die
geforderten Ausstellweiten der Fenster sind zu erreichen. Es darf in
keinem Fall zu Kollisionen mit den Fensterprofilen kommen. Die
Zuleitungen müssen den örtlichen Brandschutzbestimmungen entsprechen
und vom Querschnitt den benötigten Motorströmen bzw. Volumen
angepasst sein.
Die elektrische RWA-Zentrale sollte in einen dafür vorgesehenen belüfteten
Technikraum eingebaut werden. Um eine sofortige Auslösung bei einem
Brand in diesen Räumen zu gewährleisten, sind hier automatische
Brandmelder empfehlenswert.
Manuelle Brandmelder müssen gut sichtbar sein und sollten an zentralen
Stellen wie an Eingangs- oder Empfangsbereichen montiert werden. Es ist
sinnvoll, den Einbauort mit einem Schild „Rauchabzug“ zu kennzeichnen.
Automatische Brandmelder sind so zu platzieren, dass das
Auslösekriterium, wie z. B. Rauch oder Hitze, den Melder erreichen kann.
Um Fehlauslösungen zu vermeiden, muss bekannt sein, welche
Gegebenheiten in dem entsprechenden Gebäudeteil im Normalbetrieb
herrschen. Hierzu gehören u. a. Staub, Wasserdampf oder auch höhere
Temperaturen unter Glasflächen. Abstände zu Wandflächen sowie die
Überwachungsfläche der Melder sind bei der Planung und beim Einbau zu
beachten.

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Um eine einwandfreie Funktion des Windmessgerätes zu gewährleisten,
muss es an einer verwirbelungsfreien, aber dem Wind zugänglichen Stelle
auf dem Dach montiert werden.

Innovation, Flexibilität und Beweglichkeit


RWA-Anlagen sind im Hinblick auf die Rettung von Menschenleben und
Materialien eine zwingende Notwendigkeit. Nur die Installation einer RWA-
Anlage kann die Gefahr durch Rauch- und Brandgase bannen. Nicht ohne
Grund ist die Forderung nach einer RWA-Anlage Bestandteil jeder
Bauordnung der Bundesrepublik Deutschland. Baulicher Brandschutz
erreichte durch die Gestaltung der Gebäude zwar wichtige Fortschritte,
doch die individuelle Konzipierung bringt diese Art des Brandschutzes
schnell an seine Grenzen. Wesentlich mehr Innovation, Flexibilität und
Beweglichkeit bieten anlagentechnische Lösungen. Zuletzt ist nicht zu
vergessen, dass jede elektromotorische RWA-Anlage automatisch den
Zusatznutzen der täglichen Lüftung bietet.

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