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Das Rechnen mit kleinen Differenzen.

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III. Die Behandlung der Aufgaben


der Plattenstatik mittels der
Differenzenrechnung.
50. Das Rechnen mit kleinen Differenzen.
Wenn man die Lösung der Plattengleichung nicht mit Hilfe der
gewöhnlich benutzten Funktionen ausdrücken kann oder wenn es zu
umständlich wäre, die erforderlichen Funktionen aufzustellen, leisten
numerische Verfahren gute Dienste 1 ). Man verzichtet von vorn-
herein darauf, die elastische Fläche der Platte auf die Funktionen
zurückzuführen, die in der Analysis gewöhnlich benutzt werden und
beschränkt sich darauf, ihre Ordinaten und die Werte der Spannungs-
momente der Platte nur durch die Operation der Addition und der
Multiplikation zu bestimmen.
Zu diesem Zweck kann man sich der Differenzenrechnung
bedienen. Die Ingenieure des Eisenbetonfaches H. Marcus 2 ),
N. J. Nielsen 3 ) und Prof. H. M. Westergaard 4) haben das Verdienst,
sie in einer für die Zwecke der Plattenstatik geschickten Form
benützt und gezeigt zu haben, daß sich mit ihrer Hilfe die Span-
nungen von Platten oft mit einer für die technischen Anwendungen
bereits hinreichenden Genauigkeit berechnen lassen 5).
Das Rechnen mit kleinen Differenzen knüpft an die in den
Anfangsgründen der Differentialrechnung eingeführten Begriffe an.
') Die numerischen Verfahren sind besonders durch C. Runge und seine
Schüler entwickelt worden. Vgl. ihre zusammenfassende Darstellung in dem
eben erschienenen Werk von C. Runge und H. König, "Vorlesungen über
numerisches Rechnen". Berlin: Julius Springer 1924. (Bd. 11 der Sammlung
"Die Grundlehren der math. Wiss. ")
2 ) In seinem vor kurzem erschienenen Buch: "Die Theorie elastischer

Gewebe und ihre Anwendung auf die Berechnung biegsamer


Platten, unter besonderer Berücksichtigung der trägerlosen Pilzdecken."
Berlin: Julius Springer 1923. 3fl8 S.
3 ) In seiner Schrift: "Bestemmeise af Spondiger i Plader ved Anvendelse

af Differensligninger", Kopenhagen 1920. 231 S. Dissertation.


4 ) In einer mit W. A. SI a t er herausgegebenen Schrift: "Moments and
stresses in slabs", Proc. of the american concrete institute, 17. 1921. 124 S.
Auf ihre Nützlichkeit für die numerische Behandlung von Randwertaufgaben
hat H. Hencky (Z. ang. Math. Mech. Bd. 1, S. 81. 1921 und Bd. 2 S. 58. 1922)
an der Hand von durchgeführten BeispiPlen hingewiesen.
5 ) Der früh verstorbene Ingenieur Huldreich Keller hat bereits 1912
(Schweiz. Bauzg. 1913, S. 111. Z. V. d. I. 1912 und Mitt. ü. Forschungsarb.,
Heft 124) die Differenzenrechnung zur Lösung einer Aufgabe der Biegungs-
theorie der gewölbten Schalen herangezogen.

A. Nádai, Die elastischen Platten


© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1925
206 Die Behandlung der Aufgaben der Plattenstatik.

Der Unterschied vk+ 1 - v,. der Werte einer Funktion v einer Ver-
änderlichen x für zwei benachbarte Werte xk+ 1 und x,. ist ihre erste
Differenz Llv,.=vk+ 1 -vk. (1)
Entsprechend definiert man ihre zweite, dritte, ... , n-te Differenz nach
dem Schema

xk-lP v,._2 •
Llvk-2'
xk-1 • v,._t' Ll2vk-2'
LI v 1,_ 1 ,
xk vk Ll2vk-t' (2)
LI vk
x,.+1• vk+1' Ll2 vk
Llvk+t•
xk+2• vk+2'

Man erhält auf diese Weise die Ausdrücke für die erste, zweite, ...
Differenz
LI v 1, = vk+ 1 - v,,,
Ll 2 vk =LI v,.+ 1 - LI v,. = vk+'.l -- 2 vk+t + vk, (3)
Ll 3 v,. = Ll 2 vk+ 1 - Ll 2 v,.= v1,+ 3 - 3v,+ 2 + 3v,.+ 1 -vk,

Eine Anwendung desRechnensmit den ersten und zweiten Differenzen


bezieht sich auf die Bestimmung der Gleichgewichtsform eines durch
parallele Kräfte belasteten ausgespannten Seiles. Es seien xk und v,.
die Abszisse und die Ordinate des k-ten Knickpunktes eines Seiles,
an dem eine Kraft Q" angreift, in einem recht-
winkligen Koordinatensystem, dessen x-Achse
senkrecht zur Richtung der Kräfte Q" steht, S"
u
die Kraft mit der das Seil in der k-ten Seil-
seite gespannt wird und a,. der Winkel, unter
dem sie gegen die x-Achse geneigt ist. Die
Qk+1 Kräfte Q", Sk und 8"_ 1 , die am k-ten Knick-
Abb. 131. punkt angreifen, sind im Gleichgewichte, wenn
die Summe ihrer Komponenten in der x- und
in der y-Richtung verschwindet oder wenn die beiden Gleichungen
S,.cosa" = 8"_ 1 cosa,._ 1 = H, (4)
Q,. = - H(tga"- tga,._ 1 ) (5)
erfüllt sind, wo mit H die Horizontalspannung des Seiles bezeichnet
wird. Drückt man hier die Tangenten der Winkel ak und a" _ 1
durch die Koordinaten xk und v" vermöge der Gleichungen

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