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ANAMNESE

I. Allgemeine Informationen und Vorgeschichte


- kurze, geschlossene Fragen, auf die eine präzise Antwort erwartet wird [ca. 5 Min.]

1. Wie alt sind Sie?


2. Wie leben Sie?
- Sind Sie alleinlebend?
- Sind Sie in einer festen Partnerschaft?
- Haben Sie Kinder?
- Leben Sie in betreuter Wohneinrichtung?
3. Sind Sie berufstätig?
- Gelernter Beruf?
- Zuletzt berufstätig?
- Arbeitsunfähig? Erwerbsunfähig? Ggf. seit wann.
4. Wann waren Sie zum ersten Mal in psychiatrischer Behandlung?
- Welche Diagnose wurde gestellt?
- Wie oft waren Sie in stationärer psychiatrischer Behandlung?
- Welche psychiatrische Medikation haben Sie zuletzt erhalten?
- Haben Sie einen ambulanten Psychiater oder Psychotherapeuten?
5. Wie häufig tranken Sie in den letzten Wochen Alkohol?
- Und wie viel Alkohol trinken Sie dann?
- Kommt es vor, dass Sie mehr als fünf alkoholische Getränke auf
einmal trinken?
- Waren Sie schon einmal zur Entgiftung?
6. Haben Sie schon einmal Drogen genommen, beispielsweise Cannabis?
Für jede Droge erheben:
- Wann haben Sie diese Droge zuletzt genommen?
- Wenn in den letzten Wochen zuletzt?
- Wie oft haben Sie diese Droge genommen?
- Und in welcher Menge?
7. Gab es schon einmal eine Phase in Ihrem Leben, in der es Ihnen so
schlecht ging, dass Sie nicht mehr Leben wollten oder gar versucht haben,
sich das Leben zu nehmen?
- Wie oft haben Sie versucht, sich das Leben zu nehmen?
- Wann zuletzt?
- Haben Sie in den letzten Tagen darüber nachgedacht, sich etwas
anzutun?
8. Haben Sie wichtige körperliche Erkrankungen?
- Nehmen Sie regelmäßig Medikamente?
- Haben Sie größere Operationen hinter sich?
- Leiden Sie an Allergien?

II. Aktuelle Anamnese


- offene Frage, geben Sie dem Patienten Raum, sein Anliegen darzustellen [ca. 5 Min]

1. Weshalb haben Sie sich heute bei mir vorgestellt? Was sind Ihre
Hauptbeschwerden?
- Was belastet Sie im Moment am meisten?
- Wie lange geht es Ihnen schon so wie jetzt im Moment gerade?
- Können Sie einen Auslöser erkennen?
2. Wer hat die Vorstellung hier veranlasst? Sie selbst oder jemand
anders?
- Bei Fremdmotivation: Was glauben Sie: Warum hat derjenige Sie
dazu gedrängt, sich hier vorzustellen?

III. Iterative Hypothesenbildung


- geschlossene Fragen, mit dem Ziel, die gebildete Hypothese zu überprüfen [ca. 5
Min.]

 Ab jetzt fragen Sie den Patienten nach dem Vorliegen von


bestimmten Symptomen.
 Orientieren Sie sich bei den Fragen an den diagnostischen Kriterien.
 Häufig bekommen Sie auf eine erste Frage nach den diagnostischen
Kriterien noch keine klare Antwort. Fragen Sie nach, bis Sie
verstanden haben, ob das diagnostische Kriterium erfüllt ist.
Manchmal ist das in der Notfall situation aber auch nicht
abschließend zu klären.

III. Übergang zur Erstellung des Behandlungsplanes


- ca. 5 Min.
1. Was erwarten Sie in dieser Situation von uns?
- Was war Ihr Ziel, als Sie sich bei uns vorgestellt haben?
- Brauchen Sie eine Beratung zur Medikation oder Psychotherapie?
- Halten Sie selbst eine stationäre Aufnahme für nötig?
 Machen Sie ihm dann einen Behandlungs vorschlag.

UNTERSUCHUNG
I. Screening neuropsychologischer Fähigkeiten

1. Merkfähigkeit - unmittelbare Wiedergabe


- Testung z.B. bei V.a. Demenz

»Ich möchte Sie bitten, sich jetzt drei Dinge zu merken: Aschenbecher,
Oslo und die Zahl 53. Bitte wiederholen Sie jetzt diese der Dinge.«

Der Patient sollte mehrere Chancen bekommen, sich alle drei Wörter
einzuprägen. Für die Bewertung wird nur die Anzahl der beim ersten
Lerndurchlauf richtig widergegebenen Worte gewertet.

2. Konzentration
- Testung bei verschiedenen psychischen Störungen, u.a. Demenz, Delir oder
Psychose

»Wir machen jetzt eine Rechenaufgabe. Ich bitte Sie von 100 die Zahl 7
abzuziehen. Bitte sagen Sie mir das Ergebnis laut.«
Wenn der Patient das Ergebnis genannt hat, bitten Sie ihn, wieder die
Zahl 7 von dem Ergebnis abzuzählen. Halten Sie nach fünf
Subtraktionen an und zählen Sie die Anzahl der richtigen Antworten.

Alternative:
» Lassen Sie sich das Wort RADIO rückwärts buchstabieren.«

3. Merkfähigkeit - verzögerte Wiedergabe


- Testung z.B. bei V.a. Demenz
»Bitte nennen Sie jetzt die drei Wörter, die Sie sich vorhin merken
sollten.«

4. Aufmerksamkeit
- Testung z.B. bei V.a. Delir

»Bitte drücken Sie meine Hand, wenn Sie beim Buchstabieren des
Wortes ANANASBAUM ein A hört. «

Als Fehler wird dabei gewertet, wenn der Patient bei einem A die Hand
nicht drückt oder bei einem anderen Buchstaben als dem A die Hand
drückt.
Als auffällig gilt, wenn der Patient drei Fehler oder mehr macht

5. Abstraktionsfähigkeit
- Testung z.B. bei V.a. Psychose

»Was meint man mit dem Sprichwort: Wer anderen eine Grube gräbt,
fällt selbst hinein?«
Oder
»Was ist der Unterschied zwischen einer Lüge und einem Irrtum?«

Checkliste zum diagnostischen Prozess bei einer organisch bedingten


psychischen Störung
1. Anamnese und Befund - hierzu gehören die körperliche,
neurologische und psychiatrische Untersuchung mit
psychopathologischen Befund. Als Hilfsmittel können der Mini Mental
Status Test oder die Confusion Assesment Method (CAM) erfolgen
2. Körpertemperatur
3. Labor
a) Metabolische Störungen: Glukose, Ammoniak, Harnstoff, Kreatinin
Elektrolytstörungen (vor allem Natrium, Kalium)
b) Hypovitaminosen: Vitamin B12, Thiamin
c) Infektionen: Differential Blutbild, Leukozytose, CRP
d) Toxikologie: Alkohol, Digitalis, Lithium etc.
e) Schilddrüsenfunktion: TSH, ggf. periphere Schilddrüsenhormone
f) Infektsuche Blutkulturen Urin: U-Status, Urinkultur
g) Röntgen-Thorax
h) EKG
i) cCT
j) EEG - Ausschluss eines nicht-konvulsiven Status epilepticus
k) Liquoruntersuchung

Zwangsmedikation

»Ich sehe, dass Sie sehr angespannt und aggressiv sind. Es ist wirklich
wichtig, dass Sie jetzt eine Medikation bekommen, damit es Ihnen bald
besser geht und die Menschen in Ihrer Umgebung nicht zu Schaden
kommen. Mir ist es gleichzeitig auch wichtig, eine Zwangsmedikation zu
vermeiden. Ich bitte Sie daher, diese Medikation jetzt zu nehmen.«
Beim Weitersprechen sollte man versuchen, sich auf die Antwort des
Patienten zu beziehen: »Ich habe verstanden, dass Sie wirklich große
Angst vor der Medikation haben. Im Moment ist diese jedoch dringend
notwendig«.
Zwangsunterbringung

»Nach meiner Einschätzung sind Sie in großer Gefahr. Es ist mir daher
wirklich wichtig, dass Sie in der Klinik bleiben. Ich habe verstanden, dass
Sie das nicht möchten. Ich darf mich nicht einfach so über Ihren Willen
hinwegsetzen. Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder wir einigen
uns darauf, dass Sie freiwillig hierbleiben, oder ich würde veranlassen,
dass morgen ein Richter kommt und die Sache entscheidet. Dabei
würde ich ihm vortragen, warum ich denke, dass Sie in der Klinik bleiben
müssen. Und Sie können vortragen, warum Sie nach Hause gehen wollen.
Der Richter wird dann eine Entscheidung treffen, wie es weitergeht.«

Konfliktdeeskalation ohne Zwangsmaßnahme

1. Den Patienten darauf aufmerksam machen, dass sein gegenwärtiges


Verhalten bedrohlich wirkt, und ihn bitten, sich weniger bedrohlich zu
verhalten.
(»Sie kommen mir zu nahe, das wirkt auf mich bedrohlich, bitte gehen
Sie einen Schritt zurück«).

2. Den Patienten fragen, was er braucht, um die Situation zu


deeskalieren.
(»Was könnte Ihnen helfen, etwas zur Ruhe zu kommen?).
Mögliche Maßnahmen:
a) Das Arztgespräch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, zu dem
der Patient sich etwas beruhigt hat.
b) Dem Patienten etwas zu trinken anbieten (evtl. sogar etwas zu
essen).
c) Dem Patienten die Möglichkeit geben, eine Zigarette zu rauchen.
d) Dem Patienten Bewegung ermöglichen, beispielsweise im Garten der
Station wenn dieser sicher eingezäunt ist.
e) Dem Patienten eine Rückzugsmöglichkeit anbieten, z.B. auf dem
Zimmer oder im Patientenaufenthaltsraum.
f) Dem Patienten eine Medikation anbieten.

Ablauf einer Fixierung


 Vorbereitung des Fixierbetts und der Medikation
 Sicherstellung, dass ausreichend Personal (6 Personen) für die
Fixierung anwesend ist. Eine Person (jemand mit Fixierungserfahrung,
Arzt oder Pfleger) ist der Ansprechpartner für den Patienten und
leitet die Fixierung.
 Fixierungsphase:
1. Auf den Patienten zugehen und ruhig erklären, was passieren soll.
2. Auf ein Signal des Leiters der Fixierung greifen alle Beteiligten
jeweils die vereinbarte Extremität. Der Patient wird zum Bett gebracht
und im Bett fixiert.
3. Verabreichung der Medikation
4. Sicherstellung der kontinuierlichen Überwachung des Patienten
für die Dauer der Fixierung - eine Sitzwache oder zumindest Sichtkontakt
und regelmäßige Kontrolle der Vitalparameter.
5. Spätestens nach Abschluss der Fixierung muss die rechtliche
Grundlage der Fixierung (Zwangsunterbringung) geklärt werden.
6. Bei Fixierung, welche länger als nur wenige Stunden dauert, muss
eine Thromboseprophylaxe angeordnet werden.
7. Eine Fixierung muss schriftlich ärztlich angeordnet, dokumentiert
und überwacht werden. In der Regel ist spätestens nach zwölf Stunden
die Fixierung erneut ärztlich anzuordnen, sofern die Voraussetzungen
die zur Fixierung geführt haben weiterhin bestehen. Die Fixierung muss
aufgehoben, sobald die Voraussetzungen entfallen, die zur Fixierung
geführt haben.