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NLMR 4/2012-EGMR 1

© Jan Sramek Verlag (http://www.jan-sramek-verlag.at). [Übersetzung wurde bereits in Newsletter Menschenrech-


te 2012/4 veröffentlicht] Die erneute Veröffentlichung wurde allein für die Aufnahme in die HUDOC-Datenbank des
EGMR gestattet. Diese Übersetzung bindet den EGMR nicht.

© Jan Sramek Verlag (http://www.jan-sramek-verlag.at). [Translation already published in Newsletter Menschen-


rechte 2012/4] Permission to republish this translation has been granted for the sole purpose of its inclusion in the
Court's database HUDOC. This translation does not bind the Court.

© Jan Sramek Verlag (http://www.jan-sramek-verlag.at). [Traduction déjà publiée dans Newsletter Menschenrechte
2012/4] L’autorisation de republier cette traduction a été accordée dans le seul but de son inclusion dans la base de
données HUDOC de la Cour. La présente traduction ne lie pas la Cour.

Sachverhalt

Die 1950 geborene (inzwischen verstorbene) Ehefrau Verwaltungsgericht Köln am 21.2.2006 als unzulässig
des Bf., mit der dieser seit 1980 verheiratet war, litt seit abgelehnt, da er nicht die Verletzung eigener Rechte gel-
2002 an einer sensomotorischen Querschnittslähmung, tend machen könne. Das Oberverwaltungsgericht Nord-
nachdem sie vor ihrer Haustür unglücklich gestürzt rhein-Westfalen nahm die dagegen erhobene Berufung
war. Sie war beinahe komplett bewegungsunfähig und nicht an.
musste künstlich beatmet und rund um die Uhr durch Der Bf. erhob daraufhin Verfassungsbeschwerde,
Pflegepersonal betreut werden. Außerdem litt sie an die am 4.11.2008 nicht zur Entscheidung angenom-
Krämpfen. Nach ärztlicher Einschätzung hatte sie eine men wurde (1 BvR 1832/07). Das BVerfG erachtete die
Lebenserwartung von zumindest weiteren 15 Jahren. Es Beschwerde als unzulässig, weil sich der Bf. nicht auf
war ihr Wunsch, dieses ihrer Ansicht nach würdelose einen postmortalen Schutz der Menschenwürde seiner
Leben mit Unterstützung des Bf. durch Suizid zu been- Ehefrau berufen könne. Postmortal geschützt werde nur
den. Die beiden kontaktierten die Suizidbeihilfe-Organi- zum einen der allgemeine Achtungsanspruch, der dem
sation Dignitas in der Schweiz. Menschen kraft seines Personseins zustehe, und zum
Im November 2004 beantragte die Ehefrau des Bf. anderen der sittliche, personale und soziale Geltungs-
beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinpro- wert, den die Person durch ihre eigene Lebensleistung
dukte die Genehmigung des Erwerbs von 15 g Natrium- erworben hat. Solche Verletzungen der Menschenwürde
Pentobarbital – einer tödlichen Dosis, die ihr die Durch- der Ehefrau des Bf. stünden aber nicht in Frage. Der Bf.
führung des Suizids in ihrem Haus in Braunschweig könne auch nicht als Rechtsnachfolger seiner verstor-
ermöglicht hätte. Das Bundesinstitut lehnte den Antrag benen Frau Beschwerde erheben, da dies zur Durchset-
am 16.12.2004 mit der Begründung ab, Betäubungs- zung des Schutzes der Menschenwürde und höchstper-
mittel dürften nur zum Zweck der notwendigen medi- sönlicher Rechte nicht möglich sei.
zinischen Versorgung abgegeben werden. Eine Geneh-
migung könne daher nur für lebenserhaltende oder
lebensfördernde, nicht jedoch für lebensbeendende Rechtsausführungen
Zwecke erteilt werden. Der Bf. und seine Frau legten
dagegen am 14.1.2005 einen Widerspruch ein. Der Bf. behauptet eine Verletzung von Art. 8 EMRK (Recht
Im Februar 2005 reisten der Bf. und seine Frau nach auf Achtung des Privat- und Familienlebens). Er bringt vor,
Zürich, wo sie am 12.2.2005 mit der Unterstützung von die Weigerung, seiner Ehefrau den Erwerb einer töd-
Dignitas Selbstmord beging. lichen Dosis eines Medikaments zu gestatten, die ihr die
Der Widerspruch wurde vom Bundesinstitut für Arz- Beendigung ihres Lebens ermöglicht hätte, hätte sowohl
neimittel und Medizinprodukte am 3.3.2005 zurückge- ihr als auch sein durch Art. 8 EMRK geschütztes Recht
wiesen. Die dagegen gerichtete Klage des Bf. wurde vom auf Achtung des Privat- und Familienlebens verletzt.

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2 Koch gg. Deutschland NLMR 4/2012-EGMR

Der GH muss sich schließlich dem Argument der


I.  Z
 ur behaupteten Verletzung der durch Art. 8 EMRK
Regierung zuwenden, dem Bf. hätte kein eigenes Recht
geschützten Rechte des Bf.
eingeräumt werden müssen, den Antrag seiner Frau zu
Der Bf. bringt vor, die Weigerung der deutschen Gerich- verfolgen, da sie den Ausgang des Verfahrens vor den
te, seine Beschwerde über die Entscheidung des Bun- innerstaatlichen Gerichten hätte abwarten können.
desinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte in Dazu stellt der GH fest, dass die Frau des Bf. bereits
der Sache zu prüfen, hätte ihn in seinem Recht auf Ach- knapp einen Monat nach Erhebung des Einspruchs
tung des Privat- und Familienlebens verletzt. gegen die Verweigerung des tödlichen Medikaments in
der Schweiz Selbstmord beging. Das innerstaatliche Ver-
fahren wurde nach drei Jahren und neun Monaten abge-
1.  Zum Vorliegen eines Eingriffs in die Rechte des Bf.
schlossen. Selbst unter der Annahme, dass die Gerichte
Nach Ansicht des Bf. liegt ein Eingriff in seine eigenen das Verfahren zügiger geführt hätten, wäre die Frau des
Rechte vor, weil er ein persönliches Interesse an einer Bf. noch am Leben gewesen, ist es nicht Sache des GH zu
Entscheidung über den Antrag seiner Frau hatte. Das entscheiden, ob sie den Ausgang des Verfahrens abwar-
Leiden und die Umstände ihres Todes hätten ihn als lie- ten hätte sollen, nachdem sie sich entschieden hatte,
benden Ehemann in einer Weise betroffen, die seine ihrem Leben nach einer langen Phase des Leidens ein
durch Art. 8 EMRK geschützten Rechte berühre. Der vor- Ende zu setzen.
liegende Fall ist insofern von Fällen zu unterscheiden, in Angesichts dieser Überlegungen, insbesondere der
denen Verwandte oder Erben der verstorbenen Person besonders engen Beziehung zwischen dem Bf. und sei-
eine Beschwerde nur in deren Namen erheben. ner Frau und seiner unmittelbaren Beteiligung an der
Ungeachtet dieser Unterschiede sind die in der Recht- Realisierung ihres Wunsches, ihr Leben zu beenden,
sprechung entwickelten Kriterien dafür, wann ein Ver- kann der Bf. behaupten, von der Weigerung des Bun-
wandter oder Erbe eine Beschwerde im Namen der ver- desinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, den
storbenen Person erheben darf, auch relevant für die Bezug einer tödlichen Dosis Natrium-Pentobarbital zu
Prüfung der Frage, ob ein Verwandter eine Verletzung genehmigen, direkt betroffen gewesen zu sein.
seiner eigenen Rechte unter Art. 8 EMRK behaupten Der GH erinnert an sein Urteil im Fall Pretty/GB, in
kann. Der GH wird daher prüfen, ob enge Familienban- dem er nicht ausschließen konnte, dass es einen Ein-
de existierten, der Bf. ein ausreichendes persönliches griff in das Recht der Bf. auf Achtung ihre Privatlebens
oder rechtliches Interesse am Ausgang des Verfahrens begründete, sie daran zu hindern, ihre Entscheidung
hatte und ob er schon vorher ein Interesse an dem Fall auszuführen, ein ihrer Ansicht nach unwürdiges und
zum Ausdruck gebracht hat. qualvolles Ende zu vermeiden. In Haas/CH anerkannte
Der GH stellt zunächst fest, dass der Bf. bereits 25 Jahre der GH, dass das Recht einer Person zu entscheiden, wie
lang mit seiner Frau verheiratet war, als sie die Geneh- und wann ihr Leben enden sollte, ein Aspekt des Rechts
migung des Bezugs des tödlichen Medikaments bean- auf Achtung des Privatlebens iSv. Art. 8 EMRK ist.
tragte. Es steht außer Zweifel, dass die beiden eine sehr Schließlich erwägt der GH, dass Art. 8 EMRK selbst in
enge Beziehung unterhielten. Der Bf. begleitete seine einem Fall ein Recht auf gerichtliche Überprüfung ent-
Frau während ihres Leidens und akzeptierte und unter- halten kann, in dem das in Frage stehende materielle
stützte schließlich ihren Wunsch, ihr Leben zu been- Recht noch nicht festgestellt wurde.
den. Er reiste mit ihr in die Schweiz, um diesen Wunsch Angesichts dieser Überlegungen gelangt der GH zu
zu erfüllen. Sein persönliches Engagement wird auch dem Ergebnis, dass die Ablehnung des Antrags durch
daran deutlich, dass er das verwaltungsgerichtliche Ver- das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinpro-
fahren gemeinsam mit seiner Frau anstrengte und nach dukte und die Weigerung der Verwaltungsgerichte, die
ihrem Tod im eigenen Namen weiterverfolgte. Unter die- Rechtsmittel des Bf. in der Sache zu prüfen, einen Ein-
sen außergewöhnlichen Umständen akzeptiert der GH, griff in sein Recht auf Achtung des Privatlebens iSv.
dass der Bf. ein starkes und fortbestehendes Interesse Art. 8 EMRK begründete.
an einer Entscheidung in der Sache über den ursprüng-
lichen Antrag hatte.
2.  Zur Vereinbarkeit mit Art. 8 Abs. 2 EMRK
Wie der GH weiters feststellt, betrifft der vorliegende
Fall grundlegende Fragen rund um den Wunsch eines Der GH wird die Beschwerde zunächst unter dem verfah-
Patienten, sein Leben selbstbestimmt zu beenden. rensrechtlichen Aspekt von Art. 8 EMRK prüfen. Weder
Diese sind von allgemeinem Interesse und gehen über das Oberverwaltungsgericht noch das BVerfG prüften
die Person und die Interessen sowohl des Bf. als auch den ursprünglichen Antrag in der Sache. Zwar äußerte
seiner verstorbenen Frau hinaus. Dies zeigt sich auch an sich das Verwaltungsgericht Köln in einem obiter dictum
der Tatsache, dass ähnliche Fragen wiederholt an den zur Rechtmäßigkeit der Entscheidung des Bundesinsti-
GH herangetragen wurden. tuts für Arzneimittel und Medizinprodukte, doch verwei-

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NLMR 4/2012-EGMR Koch gg. Deutschland 3

gerten die Verwaltungsgerichte eine Prüfung des von der Im Fall Sanles Sanles/E stellte der GH fest, dass das
Frau des Bf. ursprünglich geltend gemachten Anspruchs unter Art. 8 EMRK geltend gemachte Recht auf straflo-
in der Sache. se Beihilfe zum Selbstmord, selbst unter der Annahme,
Da diese Verweigerung einer Entscheidung in der dass ein solches existiert, höchstpersönlicher Natur sei
Sache keinem legitimen Ziel diente, hat eine Verlet- und in die Kategorie der nicht übertragbaren Rechte
zung des Rechts des Bf. auf gerichtliche Prüfung seines falle. Die Bf. konnte sich daher als Schwägerin der Ver-
Antrags in der Sache stattgefunden. storbenen nicht in deren Namen auf dieses Recht beru-
Zum substantiellen Aspekt der Beschwerde unter fen, weshalb die Beschwerde unzulässig war. In weiteren
Art. 8 EMRK betont der GH, dass die in der Konvention Fällen bekräftigte der GH, dass Art. 8 EMRK grundsätz-
garantierten Rechte und Freiheiten nach Art. 1 EMRK lich nicht übertragbarer Natur sei und daher Beschwer-
durch die Vertragsstaaten gesichert werden sollen. Die den nicht von engen Verwandten oder anderen Nachfol-
nationalen Systeme selbst sollen Abhilfe gegen Verstöße gern des unmittelbaren Opfers verfolgt werden könnten.
gegen die Konvention schaffen. Es wurden keine ausreichenden Gründe vorgebracht,
Dieser Grundsatz gilt umso mehr bei Beschwerden, die im vorliegenden Fall ein Abgehen von der ständi-
die einen Bereich betreffen, wo der Staat einen bedeu- gen Rechtsprechung rechtfertigen könnten. Der Bf. hat
tenden Ermessensspielraum genießt. Die Mehrheit der keine Beschwerdebefugnis, um die Rechte seiner Frau
Mitgliedstaaten erlaubt keine Form der Beihilfe zum unter Art. 8 EMRK geltend zu machen, da es sich bei die-
Selbstmord. Die Konventionsstaaten sind weit davon sen um nicht übertragbare Rechte handelt. Da der GH
entfernt, hier einen Konsens zu erreichen, was auf einen allerdings eine Verletzung der eigenen Rechte des Bf.
beträchtlichen Ermessensspielraum hinweist. festgestellt hat, ist er selbst dann nicht des Schutzes der
In Hinblick auf den Grundsatz der Subsidiarität ist Konvention beraubt, wenn er sich nicht auf die Rechte
es nach Ansicht des GH in erster Linie Sache der inner- seiner Frau stützen kann.
staatlichen Gerichte, den Anspruch des Bf. in der Sache Die Beschwerde über eine behauptete Verletzung der
zu prüfen. Wie der GH oben festgestellt hat, sind sie ver- Rechte der verstorbenen Ehefrau des Bf. unter Art. 8
pflichtet, eine Entscheidung in der Sache zu treffen. EMRK ist ratione personae unvereinbar mit der Konven-
Der GH beschränkt sich darauf, im Rahmen der vorlie- tion und daher für unzulässig zu erklären (einstimmig).
genden Beschwerde den prozessualen Aspekt von Art. 8
EMRK zu prüfen.
III.  Zur behaupteten Verletzung von Art. 13 EMRK
Die Weigerung der innerstaatlichen Gerichte, den
Antrag des Bf. in der Sache zu prüfen, begründete eine Angesichts der Feststellungen unter Art. 8 EMRK erach-
Verletzung von Art. 8 EMRK (einstimmig). tet es der GH nicht als notwendig zu prüfen, ob auch
eine Verletzung des durch Art. 13 und Art. 6 Abs. 1 EMRK
geschützten Rechts des Bf. auf Zugang zu einem Gericht
II.  Z
 ur behaupteten Verletzung der durch Art. 8 EMRK
stattgefunden hat (einstimmig).
geschützten Rechte der Ehefrau des Bf.
Die Frage, ob der Bf. sich über eine Verletzung der Rech-
IV.  Entschädigung nach Art. 41 EMRK
te seiner verstorbenen Frau beschweren kann, wurde in
der Zulässigkeitsentscheidung mit der Entscheidung in € 2.500,– für immateriellen Schaden, € 26.736,25 für
der Sache verbunden. Kosten und Auslagen (einstimmig).

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