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Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden

Fakultät Informatik/Mathematik
Prof. Dr. B. Jung

Skript zur Vorlesung Mathematik 2


für den Studiengang
Elektrotechnik und Informationstechnik

Stoffgebiete:
6. Integralrechnung für Funktionen einer reellen Variablen
7. Funktionen von mehreren reellen Variablen
8. Einführung in die Feldtheorie (Vektoranalysis)
Inhaltsverzeichnis
6 Integralrechnung für Funktionen einer reellen Variablen 4
6.1 Integralbegriff und Integrierbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
6.1.1 Unbestimmtes Integral, Grundintegrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
6.1.2 Bestimmtes Integral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
6.1.3 Eigenschaften integrierbarer Funktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
6.2 Integrationsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
6.2.1 Integration durch Substitution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
6.2.2 Partielle Integration ( Produktintegration“) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

6.2.3 Integration durch Partialbruchzerlegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
6.2.4 Numerische Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
6.3 Fourier-Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
6.3.1 Entwicklung einer periodischen Funktion in eine Fourier-Reihe . . . . . . . . . . . . . 16
6.3.2 Weitere Eigenschaften von Fourier-Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
6.3.3 Die Spektralform der Fourier-Reihe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
6.3.4 Die komplexe Form der Fourier-Reihe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
6.4 Weitere Anwendungen der Integralrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
6.4.1 Flächeninhalt ebener Bereiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
6.4.2 Bogenlänge einer ebenen Kurve . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
6.4.3 Volumen und Mantelfläche von Rotationskörpern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
6.4.4 Integration der Bewegungsgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
6.4.5 Mechanische und elektrische Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
6.4.6 Mittelwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
6.5 Uneigentliche Integrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

7 Funktionen von mehreren reellen Variablen 31


7.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
7.2 Partielle Ableitungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
7.2.1 Grenzwert, Stetigkeit, partielle Ableitungen 1. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
7.2.2 Partielle Ableitungen höherer Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
7.2.3 Differentiation nach einem Parameter (verallgemeinerte Kettenregel) . . . . . . . . . . 37
7.3 Das totale Differential einer Funktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
7.3.1 Definition und Anwendung in der Fehlerrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
7.3.2 Implizite Differentiation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
7.4 Extrema von Funktionen mehrerer Variabler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
7.4.1 Begriff des Extremums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
7.4.2 Extrema ohne Nebenbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
7.4.3 Extrema mit Nebenbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
7.5 Ausgleichsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
7.6 Integrale über zwei- bzw. dreidimensionalen Bereichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
7.6.1 Zweidimensionale Bereichsintegrale: Definition und Berechnung . . . . . . . . . . . . 48
7.6.2 Anwendungen des zweidimensionalen Bereichsintegrals . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
7.6.3 Dreidimensionale Bereichsintegrale : Definition und Berechnung . . . . . . . . . . . . 53
7.6.4 Anwendungen des räumlichen Bereichsintegrals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
7.7 Kurvenintegral (Linienintegral) einer skalaren Funktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
7.7.1 Definition des Kurvenintegrals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
7.7.2 Anwendungen des Kurvenintegrals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
7.8 Oberflächenintegral (Flächenintegral) einer skalaren Funktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
7.8.1 Definition des Oberflächenintegrals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
7.8.2 Anwendungen des Oberflächenintegrals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59

8 Einführung in die Feldtheorie (Vektoranalysis) 60


8.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
8.1.1 Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
8.1.2 Niveauflächen, Gradient und Richtungsableitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2
8.2 Divergenz und Rotation eines Vektorfeldes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
8.2.1 Divergenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
8.2.2 Rotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
8.3 Potentialfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
8.4 Kurvenintegral (Linienintegral) eines Vektorfeldes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
8.4.1 Physikalische Deutung und Definition des Kurvenintegrals . . . . . . . . . . . . . . . . 68
8.4.2 Wegunabhängigkeit von Kurvenintegralen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
8.5 Zusammenfassung der Eigenschaften von Potentialfeldern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
8.6 Oberflächenintegral (Flächenintegral) eines Vektorfeldes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
8.7 Integralsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
8.7.1 Der Satz von Green in der Ebene (Integralsatz von Green) . . . . . . . . . . . . . . . . 75
8.7.2 Der Gaußsche Integralsatz (Divergenzsatz) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
8.7.3 Der Stokessche Integralsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
8.8 Komplexe Vektorfelder (Einblick) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78

3
6 Integralrechnung für Funktionen einer reellen Variablen
Während bei der Differentialrechnung die Ableitungsfunktion einer gegebenen Funktion ermittelt wird, sucht
die Integralrechnung nach einer Funktion, deren Ableitung mit einer gegebenen Funktion übereinstimmt.

6.1 Integralbegriff und Integrierbarkeit


6.1.1 Unbestimmtes Integral, Grundintegrale

Definition 6.1: Die Funktion y = f (x) sei auf einem Intervall [a, b] definiert. Eine auf diesem Intervall
differenzierbare Funktion F (x) heißt Stammfunktion von f (x), wenn gilt:
F 0 (x) = f (x) .

Zwei Stammfunktionen F1 (x), F2 (x) einer Funktion f (x) unterscheiden sich lediglich durch eine additive Kon-
stante (vgl. dazu Definition 6.1 und die Differentiationsregeln im Abschnitt 5.3.1). Diese Aussage führt zu dem
Begriff des unbestimmten Integrals.

Definition 6.2: Das unbestimmte Integral einer Funktion f (x) ist die Gesamtheit aller Stammfunktionen
F (x) + C (F (x): spezielle Stammfunktion, C: beliebige reelle Zahl, die sog. Integrationskonstante).
ˆ
Schreibweise für das unbestimmte Integral: f (x) dx = F (x) + C

Beispiel 6.1:

Einige unbestimmte Integrale (Grundintegrale)


(C, C1 , C2 ∈ R: Integrationskonstanten)
ˆ ˆ
1 1
xn dx = xn+1
+ C (n ∈ N) xa dx = xa+1 + C (a 6= −1, x > 0)
n+1 a+1
ˆ ˆ
1 1 x
dx = ln |x| + C ax dx = a +C (a > 0, a 6= 1)
x ln a
ˆ ˆ
sin x dx = − cos x + C cos x dx = sin x + C
ˆ ˆ
1 1
dx = tan x + C dx = − cot x + C
cos2 x sin2 x
ˆ ˆ
1 1
√ dx = arcsin x + C1 dx = arctan x + C1
1 − x2 1 + x2
= − arccos x + C2 = − arccot x + C2
ˆ ˆ
sinh(x) dx = cosh(x) + C cosh(x) dx = sinh(x) + C
ˆ ˆ
1 1
dx = tanh(x) + C dx = −coth(x) + C
cosh2 (x) sinh2 (x)

4
6.1.2 Bestimmtes Integral
Das bestimmte Integral wird als Flächeninhalt A unter der Kurve einer Funktion f (x) in einem vorgegebenen
Intervall [a, b] definiert. Dabei wird zunächst angenommen, dass die Funktion in diesem Intervall monoton wach-
send ist und sämtliche Funktionswerte positiv sind1 , d.h. die betrachtete Fläche wird durch die Geraden x = a
und x = b, die x-Achse und die Kurve y = f (x) begrenzt, siehe Bild 6.1. Diese Fläche ist i.allg. nach oben
krummlinig berandet, so dass der gesuchte Flächeninhalt nicht mit elementargeometrischen Mitteln bestimmt
werden kann. Er wird als Grenzwert einer Folge von Näherungssummen ermittelt. Diese Vorgehensweise wird
im folgenden genauer beschrieben.
- Das Intervall [a, b] wird in n Teilintervalle [xk−1 , xk ] (k = 1, 2, . . . , n, wobei x0 = a und xn = b) zerlegt.
Damit wird eine Unterteilung des Flächenstücks in n Streifen mit den Breiten ∆x1 , ∆x2 , . . . , ∆xn
(∆xk = xk − xk−1 ) vorgenommen.
- Diese Streifen werden durch Rechtecke ersetzt, deren Höhe gleich dem kleinsten bzw. größten Funktionswert
in dem entsprechenden Teilintervall ist (siehe Bild 6.1).
- Die Flächeninhalte der Rechtecke werden summiert:
n
X n
X
Un = f (xk−1 )∆xk , On = f (xk )∆xk
k=1 k=1

Auf Grund der Voraussetzung, dass f (x) eine im Intervall [a, b] monoton wachsende Funktion ist, folgt sofort:
Un ≤ A sowie On ≥ A. Daher wird Un auch als Untersumme und On als Obersumme bezeichnet.
- Es erfolgt ein Grenzübergang n → ∞, wobei die Breite sämtlicher Streifen gegen Null gehen soll
(d.h. die Unterteilung der Fläche wird immer feiner).
- Wenn bei diesem Grenzübergang die Unter- und Obersumme gegen einen gemeinsamen Grenzwert streben,
so wird dieser als das bestimmte Integral der Funktion f (x) in den Grenzen von a bis b bezeichnet.
Schreibweise:
X n ˆb
lim f (xk )∆xk = f (x) dx
n→∞
k=1
a

y 6

f (x)

-
a c b x

Bild 6.1 Bild 6.2

Es soll nun die Frage untersucht werden, unter welchen Bedingungen das bestimmte Integral (d.h. der betrachtete
Grenzwert) existiert.
Eine notwendige Bedingung für die Integrierbarkeit einer Funktion f (x) im Intervall [a, b] ist die Beschränktheit
dieser Funktion (da anderenfalls die betrachteten Summen nicht beschränkt wären und damit kein Grenzwert
existieren würde).
Eine hinreichende Bedingung für die Existenz des bestimmten Integrals der Funktion f (x) über [a, b] ist die
Stetigkeit oder zumindest die stückweise Stetigkeit2 von f (x) auf [a, b]. So kann z.B. für die im Bild 6.2 dar-
gestellte, stückweise stetige Funktion das bestimmte Integral über [a, b] berechnet werden, und zwar unter der
Voraussetzung, dass bei jeder der oben beschriebenen Unterteilungen in x = c ein Anfangs- bzw. Endpunkt
eines Teilintervalls liegt (vgl. auch Abschnitt 6.1.3, Eigenschaft 4)).
1
Diese Voraussetzungen sind für die Definition des bestimmten Integrals nicht zwingend notwendig, ermöglichen aber eine relativ
einfache Herleitung.
2
Das bedeutet, dass in dem betrachteten Intervall nur endlich viele Stellen existieren, an denen die Funktion unstetig ist. Die Eigen-
schaft der stückweisen Stetigkeit schließt die Beschränktheit mit ein.

5
Bei der praktischen Berechnung eines bestimmten Integrals wird man jedoch nicht die genannte Grenzwertbil-
dung nutzen, sondern auf den folgenden Satz zurückgreifen.

Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung


Ist f (x) auf [a, b] stetig und F (x) eine beliebige Stammfunktion von f (x), dann gilt:
ˆb
f (x) dx = F (b) − F (a) . (77)
a

Somit ist bei der Berechnung des bestimmten Integrals zunächst eine Stammfunktion des Integranden f (x) zu
suchen und dann das Einsetzen der Integrationsgrenzen gemäß der Formel (77) vorzunehmen.
Beispiel 6.2:

6.1.3 Eigenschaften integrierbarer Funktionen

1) Änderung der Integrationsvariablen:


ˆb ˆb
f (x) dx = f (t) dt
a a
2) Vertauschung der Integrationsgrenzen:
ˆb ˆa
f (x) dx = − f (x) dx
a b
3) Zusammenfallen der Integrationsgrenzen:
ˆa
f (x) dx = 0
a
4) Zerlegung des Integrationsintervalls in Teilintervalle:
ˆb ˆc ˆb
f (x) dx = f (x) dx + f (x) dx (a < c < b)
a a c
5) Linearkombination mehrerer Funktionen:
ˆb ˆb ˆb
(c1 f1 (x) + c2 f2 (x)) dx = c1 f1 (x) dx + c2 f2 (x) dx (c1 , c2 : reelle Konstante)
a a a

Diese Regel ist erweiterbar auf eine beliebige endliche Anzahl von Funktionen f1 , f2 , . . . , fn .
6) Majorisierung eines bestimmten Integrals:
ˆb ˆb
f1 (x) dx ≤ f2 (x) dx , falls f1 (x) ≤ f2 (x) für alle x ∈ [a, b]
a a

Beispiel 6.3:

Beispiel 6.4:

6
Mittelwertsatz der Integralrechnung
Ist f (x) auf [a, b] stetig, so gibt es mindestens eine Stelle ξ ∈ [a, b] mit der Eigenschaft
ˆb
f (x) dx = (b − a)f (ξ) . (78)
a

f (ξ) heißt linearer Mittelwert von f (x) auf [a, b].

Der Mittelwertsatz kann auf folgende Weise anschaulich interpre- y 6


tiert werden. Das Integral auf der linken Seite der Gleichung (78) ist
gleich der Fläche zwischen der Kurve y = f (x) und der x-Achse
im Intervall [a, b] (vgl. Abschnitt 6.1.2). Der Ausdruck auf der rech- f (x)
ten Seite ist gleich dem Flächeninhalt eines Rechtecks mit den Sei-
tenlängen (b−a) (Länge des Intervalls) und f (ξ), siehe Bild 6.3. Das f (ξ)
bedeutet, dass die beiden grau unterlegten Teilflächen den gleichen
Flächeninhalt besitzen.
Es ist i.allg. nicht möglich (und auch nicht notwendig), den genau-
en Wert von ξ zu berechnen. Bei praktischen Problemen (wie z.B. -
a ξ b x
für Berechnungen in der Elektrotechnik) ist meistens nur der Mittel-
wert f (ξ), d.h. der zu ξ gehörige Funktionswert, von Interesse. Bild 6.3

6.2 Integrationsverfahren
Beim Aufsuchen der Stammfunktion zu einer gegebenen Funktion f (x) führt die Anwendung der Grundintegrale
und der elementaren Integrationsregeln nicht immer zum Ziel. Aus diesem Grund werden im folgenden einige
Integrationsverfahren vorgestellt, die als Hilfsmittel zum Auffinden von Stammfunktionen verwendet werden
können.

6.2.1 Integration durch Substitution


Das Prinzip dieses Integrationsverfahrens besteht darin, einen Ausdruck mit der Variablen x auf geeignete Weise
durch eine neue Variable zu ersetzen, um dadurch ein einfacher zu lösendes Integral (evtl. sogar ein Grund-
integral) zu erhalten. Das nachfolgende Beispiel soll dieses Prinzip verdeutlichen (zunächst anhand eines unbe-
stimmten Integrals).
ˆ

Beispiel 6.5: Zu berechnen ist das Integral 2x + 1 dx.
In diesem Fall bietet sich die Substitution u = 2x + 1 an. Grundsätzlich ist bei der Anwendung von Substitu-
tionen zu beachten, dass auch das alte“ Differential dx durch die neue“ Variable u und deren Differential du
” ”
ausgedrückt werden muss. Im vorliegenden Fall ist die folgende Rechnung auszuführen:
du du
u = 2x + 1 ⇒ =2 ⇒ = dx
dx 2
(d.h. Differentiation von u nach x gemäß der Ableitungsregeln und anschließendes Umstellen nach dx). Durch
Einsetzen in das zu berechnende Integral ergibt sich schließlich:
ˆ ˆ ˆ
√ √ du 1 1 2
2x + 1 dx = u· = u1/2 du = · u3/2 + C ,
2 2 2 3
und nachdem die Substitution rückgängig gemacht wurde:
ˆ
√ 1
2x + 1 dx = (2x + 1)3/2 + C .
3
Die allgemeine Vorgehensweise bei der Integration durch Substitution lässt sich wie folgt beschreiben.

7
Vorgehensweise bei der Berechnung eines Integrals mittels einer geeigneten Substitution

1) Aufstellung der Substitutionsgleichungen


du du
u = g(x) , = g 0 (x) , dx = 0
dx g (x)

2) Durchführung der Integralsubstitutionˆ durch Einsetzen der Substitutionsgleichungen in das


vorgegebene (unbestimmte) Integral f (x) dx :
ˆ ˆ
f (x) dx = ϕ(u) du .

Das neue Integral enthält nur noch die neue Variable u und deren Differential du.
Der neue Integrand ist die Funktion ϕ(u).
3) Integration (nach u):
ˆ
ϕ(u) du = Φ(u) + C wobei Φ(u) eine Stammfunktion von ϕ(u) ist, d.h. Φ0 (u) = ϕ(u)

4) Rücksubstitution:
ˆ
f (x) dx = Φ(u) + C = Φ(g(x)) + C = F (x) + C

Ergänzung zu Beispiel 6.5:


1√ 1
In diesem Beispiel war: g(x) = 2x + 1, ϕ(u) = 2 u, Φ(u) = 3 u3/2 , F (x) = 13 (2x + 1)3/2 .

Besonders vorteilhaft ist die Anwendung des Substitutionsverfahrens bei Integranden von folgender Form:
f (g(x))·g 0 (x) (d.h. der Integrand ist eine verkettete Funktion, multipliziert mit ihrer inneren Ableitung)
oder f (x) · f 0 (x) (d.h. der Integrand ist das Produkt aus einer Funktion und ihrer Ableitung).
In dem nachfolgenden Beispiel wird dies deutlich.
Beispiel 6.6:

Im folgenden sind einige häufig verwendete Substitutionen zusammengestellt.3


Einige Standard-Substitutionen bei der Berechnung von Integralen
Mit R(a, b, . . .) wird ein rationaler Ausdruck in a, b bezeichnet.

Integraltyp Substitution Integraltyp Substitution


ˆ ˆ
f (ax + b) dx u = ax + b R(sinh x, cosh x) dx u = ex
ˆ ˆ
√ √
 
0 n n
f (x) · f (x) dx u = f (x) R x, ax + b dx u= ax + b
ˆ ˆ
f 0 (x)
 p 
dx u = f (x) 2
R x, a + x 2 dx x = a · sinh u
f (x)
ˆ ˆ  p 
0 2 2
f (g(x)) · g (x) dx u = g(x) R x, x − a dx x = a · cosh u
ˆ x ˆ  p 
R(sin x, cos x) dx u = tan 2
R x, a − x 2 dx x = a · sin u
2

3
Weitere Substitutionen sind zu finden in: H.J. BARTSCH, Taschenbuch Mathematischer Formeln für Ingenieure und Naturwissen-
schaftler, 22. Auflage, S. 476-478.
8
In der vorangegangenen Tabelle sind auch Substitutionen vom Typ x = h(u) aufgeführt. In diesen Fällen lauten
die Substitutionsgleichungen:
dx
x = h(u) , = h0 (u) , dx = h0 (u)du.
du
Die weitere Vorgehensweise ist völlig analog zu dem Fall, dass eine Substitution der Form u = g(x) vorgenom-
men wurde.
Beispiel 6.7:

Schließlich wird noch die Berechnung bestimmter Integrale mittels Substitution anhand eines Beispiels erläutert.
Beispiel 6.8:
ˆ2
Zu berechnen ist das bestimmte Integral e4−3x dx.
0
Zwei prinzipielle Vorgehensweisen sind möglich:
1) Stammfunktion mittels Substitution ermitteln (d.h. unbestimmte Integration), erst anschließend die Grenzen
einsetzen
2) Bestimmte Integration mit substituierten Grenzen

zu 1): Mittels Substitution u = 4 − 3x erhält man für das zugehörige unbestimmte Integral:
ˆ ˆ
du du 4−3x 1 1
= −3 ⇒ dx = − ⇒ e dx = − eu du = − eu + C
dx 3 3 3
Nach Rücksubstitution (in diesem Fall unbedingt erforderlich!) und Einsetzen der Grenzen für die Inte-
grationsvariable x erhält man:
ˆ2  2
1 1
e 4−3x
dx = − e4−3x = (e4 − e−2 ) ≈ 18.1543 .
3 0 3
0

zu 2): Substitution der Integrationsvariablen wie bei 1), zusätzlich Substitution der Integrationsgrenzen:
x1 = 0 wird durch u1 = 4 − 3x1 = 4 und x2 = 2 wird durch u2 = 4 − 3x2 = −2 ersetzt. Dann gilt:
ˆ2 ˆ−2
1 1
e 4−3x
dx = − eu du = (e4 − e−2 ) ≈ 18.1543 .
3 3
0 4

6.2.2 Partielle Integration ( Produktintegration“)



Zur Herleitung der Formel für dieses Integrationsverfahren geht man von der Produktregel für die Differentiation
einer Funktion aus (siehe dazu auch Abschnitt 5.3.1):
d
(u(x) · v(x)) = u0 (x) · v(x) + u(x) · v 0 (x)
dx
Nach Subtraktion des Terms u0 (x) · v(x) auf beiden Seiten dieser Gleichung und anschließender Integration
beider Seiten der Gleichung nach x erhält man:
ˆ ˆ ˆ
d
(u(x) · v(x)) dx − u (x) · v(x) dx = u(x) · v 0 (x) dx ,
0
dx
und nach Auflösung des ersten Integrals auf der linken Seite ergibt sich schließlich die Formel für die partielle
Integration.
9
Formel für die partielle Integration:
ˆ ˆ
u(x) · v 0 (x) dx = u(x) · v(x) − u0 (x) · v(x) dx (79)

Zur Durchführung der partiellen Integration ist es erforderlich, dass die zu integrierende Funktion
als Produkt u(x) · v 0 (x) dargestellt wird. Dabei ist v 0 (x) die Ableitung einer (zunächst noch unbekannten)
Funktion v(x).

Da die partielle Integration das Auffinden einer Stammfunktion zu einer gegebenen Funktion erleichtern soll,
sind folgende Voraussetzungen bei der Anwendung dieses Integrationsverfahrens zu beachten:

(I) Zu v 0 (x) kann problemlos die Stammfunktion v(x) gefunden werden.


ˆ
(II) Das Integral u0 (x)v(x) dx ist elementar lösbar (oder mit Hilfe anderer Integrationsverfahren,
z.B. Substitution).

Eine geeignete Wahl der Faktorzerlegung u(x)v 0 (x) hat wesentlichen Einfluss auf das Erfülltsein dieser Voraus-
setzungen.
Beispiel 6.9:

In manchen Fällen muss die partielle Integration mehrfach hintereinander angewendet werden, wie das folgende
Beispiel zeigt.
Beispiel 6.10: ˆ
Zu berechnen ist das Integral x2 · cos x dx .
Mit u = x2 , v 0 = cos x ⇒ u0 = 2x, v = sin x ergibt sich nach Anwendung der Formel (79):
ˆ ˆ ˆ
x2 · cos x dx = x2 · sin x − 2x · sin x dx = x2 · sin x − 2 x · sin x dx . (80)

Das auf der rechten Seite dieser Gleichung entstandene Integral ist jedoch noch kein Grundintegral.
ˆ
Eine nochmalige Anwendung der partiellen Integration, diesmal auf das Integral x · sin x dx, führt zum Ziel.
Man wählt: u = x, v 0 = sin x ⇒ u0 = 1, v = − cos x und erhält:
ˆ ˆ
x · sin x dx = −x · cos x − (−1 · cos x) dx = −x · cos x + sin x + C1 .

Zusammen mit (80) ergibt sich schließlich für das gesuchte Integral:
ˆ
x2 · cos x dx = x2 · sin x − 2 (−x · cos x + sin x + C1 ) = x2 · sin x + 2x · cos x − 2 sin x + C2

(mit C2 = −2C1 ; C1 , C2 ∈ R).

Bemerkungen:
ˆ ˆ ˆ
n n
- Integrale der Form x · cos x dx , x · sin x dx oder xn · ex dx können durch n-malige partielle

Integration gelöst werden (analog zu Beispiel 6.10, wo der Fall n = 2 betrachtet wurde).

- Die Formel der partiellen Integration gilt sinngemäß auch für bestimmte Integrale. Sie lautet dann:

ˆb ˆb h ib ˆb
f (x) dx = u(x) · v (x) dx = u(x) · v(x) − u0 (x) · v(x) dx .
0
a
a a a

10
Eine weitere Anwendung der partiellen Integration ist der sogenannte Rückwurf. Durch einmalige oder mehr-
malige partielle Integration und geeignete Umformungen wird das gesuchte Integral so reproduziert, dass die
gewonnene Beziehung nach diesem Integral aufgelöst werden kann. In dem folgenden Beispiel wird diese Me-
thode genutzt.
Beispiel 6.11:
ˆ
Das Integral sin2 x dx soll berechnet werden.
Mit u = sin x, v 0 = sin x und u0 = cos x, v = − cos x ergibt sich nach Anwendung der Formel für die partielle
Integration:
ˆ ˆ ˆ
sin x dx = sin x · (− cos x) − cos x · (− cos x) dx = − sin x · cos x + cos2 x dx.
2
(81)

Eine nochmalige partielle Integration führt nicht zum Ziel, weil dadurch nur die triviale Identität
ˆ ˆ
sin2 x dx = sin2 x dx entstehen würde. Jedoch kann die trigonometrische Beziehung sin2 x + cos2 x = 1
genutzt werden, um die Beziehung (81) wie folgt umzuformen:
ˆ ˆ ˆ
sin x dx = − sin x · cos x + (1 − sin x) dx = − sin x · cos x + x + C1 − sin2 x dx .
2 2

Auf der rechten Seite dieser Gleichung hat sich das gesuchte Integral zwar reproduziert, aber mit dem Vorfak-
tor −1. Daher kann diese Gleichung nach dem gesuchten Integral aufgelöst werden:
ˆ ˆ
2 1 x
2 sin x dx = − sin x · cos x + x + C1 ⇒ sin2 x dx = − sin x · cos x + + C2
2 2
1
(mit C2 = 2 C1 ; C1 , C2 ∈ R).

6.2.3 Integration durch Partialbruchzerlegung


Die bisher betrachteten Integrationsverfahren führen bei der Integration gebrochenrationaler Funktionen (siehe
Definition 5.6 im Abschnitt 5.2.4) nur in speziellen Fällen zum Ziel.
Wenn es sich bei der zu integrierenden Funktion um eine unecht gebrochenrationale Funktion handelt, so kann
diese zunächst als Summe eines Polynoms und einer echt gebrochenrationalen Funktion dargestellt werden. Der
Polynom-Anteil kann elementar integriert werden (Integration von Potenzfunktionen). Für den echt gebrochen-
rationalen Anteil kann die Partialbruchzerlegung (im folgenden kurz PBZ “ genannt) angewendet werden. Die

Grundidee der PBZ besteht darin, die echt gebrochenrationale Funktion als Summe einfacherer Brüche (soge-
nannter Partialbrüche) darzustellen, welche dann leichter zu integrieren sind.
Zunächst wird diese Vorgehensweise anhand eines Beispiels erläutert und anschließend allgemein beschrieben.
Beispiel 6.12:
ˆ
5x + 11
Berechnung des Integrals dx mittels PBZ
x2 + 3x − 10
Der Integrand ist eine echt gebrochenrationale Funktion, d.h. es kann sofort mit der PBZ begonnen werden.
Zunächst wird eine Produktdarstellung des Nenners des Bruches ermittelt. Der Nenner x2 + 3x − 10 besitzt die
Nullstellen x1 = 2 und x2 = −5 ⇒ x2 + 3x − 10 = (x − 2)(x + 5) ist die gesuchte Produktdarstellung.
Die Faktoren dieser Produktdarstellung werden unmittelbar für den Ansatz der PBZ genutzt:
5x + 11 5x + 11 A1 A2
= = + , (82)
x2 + 3x − 10 (x − 2)(x + 5) x−2 x+5
wobei die reellen Koeffizienten A1 und A2 zunächst noch unbekannt sind. Das nächste Ziel wird sein, diese
Koeffizienten zu berechnen. Dazu wird die rechte Seite der Gleichung (82) auf den Hauptnenner (x − 2)(x + 5)
(Nenner des Integranden) gebracht:
5x + 11 A1 (x + 5) + A2 (x − 2)
=
(x − 2)(x + 5) (x − 2)(x + 5)
und nach Multiplikation mit diesem Hauptnenner entsteht die Gleichung
5x + 11 = A1 (x + 5) + A2 (x − 2) . (83)
11
Da diese Gleichung für beliebiges x gelten muss, kann durch Einsetzen spezieller Werte für x eine Berechnung
der Koeffizienten A1 und A2 erfolgen. Als vorteilhaft erweist es sich, genau die Nullstellen des Nenners des
Integranden einzusetzen, weil dann auf der rechten Seite der Gleichung (83) jeweils ein Term entfällt. Man
erhält

für x = 2 : 21 = A1 · 7 + A2 · 0 = 7A1 ⇒ A1 = 3 ,
für x = −5 : −14 = A1 · 0 + A2 · (−7) = −7A2 ⇒ A2 = 2 .

Einsetzen der soeben berechneten Koeffizienten in den Ansatz (82) liefert:


5x + 11 3 2
= + ,
(x − 2)(x + 5) x−2 x+5
d.h. es gilt
ˆ ˆ ˆ   ˆ ˆ
5x + 11 5x + 11 3 2 dx dx
2
dx = dx = + dx = 3 +2 .
x + 3x − 10 (x − 2)(x + 5) x−2 x+5 x−2 x+5
Die beiden Integrale auf der rechten Seite dieser Gleichung lassen sich mittels Substitution berechnen (das erste
Integral mit der Substitution u = x − 2, das zweite mit u = x + 5, siehe dazu Abschnitt 6.2.1), und man gelangt
so zu dem Resultat:
ˆ
5x + 11
dx = 3 ln |x − 2| + 2 ln |x + 5| + C (C ∈ R).
x2 + 3x − 10

Für die Integration gebrochenrationaler Funktionen kann allgemein die folgende Vorgehensweise angewendet
werden.
ˆ
Berechnung des Integrals f (x) dx mit einer gebrochenrationalen Funktion f (x)
g(x)
Falls f (x) = echt gebrochenrational ist, kann sofort mit Schritt 1 begonnen werden.
h(x)
g(x)
Anderenfalls wird zuerst mittels Polynomdivision die Darstellung f (x) = p(x) +
h(x)
g(x)
ermittelt, wobei p(x): Polynom, : echt gebrochenrationale Funktion.
h(x)
g(x)
Die folgenden Schritte der PBZ werden nur mit durchgeführt.
h(x)
Schritt 1: Produktdarstellung des Nenners h(x) mittels Berechnung der reellen Nullstellen des Nenners
(Faktoren der Form (x − xi )ki bzw. (x2 + pi x + qi )li , ki , li ≥ 1)
Schritt 2: Aufstellen des Partialbruchansatzes
(unter Berücksichtigung der Vielfachheit der Nullstellen)
Schritt 3: Berechnung der Koeffizienten im Partialbruchansatz
Schritt 4: Einsetzen der gefundenen Koeffizienten in den Ansatz und Integration der Partialbrüche
mit Hilfe bekannter Integrationsregeln
Schritt 5: Summation aller Teilresultate

Bemerkung:
Eine alternative Möglichkeit zur Berechnung von A1 und A2 im Beispiel 6.12 besteht darin, die Terme auf der
rechten Seite der Gleichung (83) auszumultiplizieren, dann soweit wie möglich zusammenzufassen und einen
Koeffizientenvergleich durchzuführen. Man würde bei dieser Vorgehensweise erhalten:
5x + 11 = A1 x + 5A1 + A2 x − 2A2 = (A1 + A2 )x + 5A1 − 2A2 .
Der Vergleich der Koeffizienten von x auf beiden Seiten der Gleichung ergibt: 5 = A1 + A2 und der Vergleich
der Koeffizienten von x0 (Absolutglieder) auf beiden Seiten der Gleichung liefert: 11 = 5A1 − 2A2 . Das
aus diesen beiden Gleichungen gebildete lineare Gleichungssystem besitzt die Lösung A1 = 3, A2 = 2 (vgl.
Beispiel 6.12).
12
Beim Aufstellen des Ansatzes für die PBZ sind die Art und die Vielfachheit der Nullstellen des Nenners des
Integranden zu beachten. Dabei werden die folgenden Fälle unterschieden.

g(x)
Fallunterscheidung für die Ansätze bei der Partialbruchzerlegung von
h(x)

1. Fall: Das Nennerpolynom h(x) hat nur einfache reelle Nullstellen.


Es gilt die Darstellung: h(x) = (x − x1 )(x − x2 ) · . . . · (x − xn ).
Der zugehörige Ansatz für die PBZ lautet:
g(x) A1 A2 An
= + + ... + .
h(x) x − x1 x − x2 x − xn
Die Integration für jeden dieser Summanden liefert (dabei bezeichnet C die Integrationskonstante) :
ˆ
Ai
dx = Ai · ln |x − xi | + C (i = 1, 2, . . . , n).
x − xi

2. Fall: Das Nennerpolynom h(x) hat auch mehrfache reelle Nullstellen.


Sei xm eine reelle Nullstelle der Vielfachheit k, d.h. h(x) enthält den Faktor (x − xm )k , k ≥ 2.
Dieser mehrfachen reellen Nullstelle entsprechen im Ansatz die Summanden
B1 B2 Bk
+ 2
+ ... + .
x − xm (x − xm ) (x − xm )k
Für jede weitere reelle Nullstelle mit Vielfachheit ≥ 2 wird analog vorgegangen.
Die Integration dieser Summanden (außer für den ersten, der im 1. Fall erläutert wurde) ergibt:
ˆ
Bi Bi Bi 1
i
dx = · (x − xm )−i+1 + C = · + C (i = 2, 3, . . . , k).
(x − xm ) 1−i 1 − i (x − xm )i−1

3. Fall: Das Nennerpolynom h(x) enthält einfache komplexe Nullstellen, d.h. in der Produktdarstellung
des Nenners treten Faktoren der Form (x2 + pi x + qi ) auf, die keine reelle Nullstelle besitzen.
Jedem derartigen Faktor entspricht im Ansatz ein Summand der Form:
Ci x + D i
(linearen Term im Zähler beachten!).
x2 + p i x + qi
Die Integration dieser Summanden kann ggf. sofort mittels Substitution (siehe Beispiel 6.14) erfolgen,
anderenfalls muss zunächst eine geeignete Zerlegung der linearen Terme im Zähler durchgeführt werden.

4. Fall: Das Nennerpolynom h(x) enthält mehrfache komplexe Nullstellen, d.h. in der
Produktdarstellung des Nenners treten Faktoren der Form (x2 + pi x + qi )l mit l ≥ 2 auf, die keine
reelle Nullstelle besitzen.
Einem solchen Faktor entsprechen im Ansatz für die PBZ die Summanden
E1 x + F1 E2 x + F2 El x + Fl
+ + ... + 2 .
x2 + pi x + qi (x2 + pi x + qi )2 (x + pi x + qi )l
Für jede weitere komplexe Nullstelle mit Vielfachheit ≥ 2 wird analog vorgegangen. Die Integration
der o.g. Terme kann mit Hilfe von Rekursionsformeln erfolgen.

Beispiel 6.13:

Beispiel 6.14:

13
6.2.4 Numerische Integration
Die Zielstellung der numerischen Integration besteht darin, eine Berechnung bestimmter Integrale mittels Nähe-
rungsformeln durchzuführen, wenn die exakte Berechnung sehr kompliziert oder sogar unmöglich ist.
ˆb
Der Wert des bestimmten Integrals f (x) dx entspricht bekanntlich dem Inhalt der Fläche unter der Funk-
a
tionskurve von f (x) im Intervall [a, b] (siehe dazu Abschnitt 6.1.2). Die Grundidee der numerischen Integration
besteht darin, die zu berechnende Fläche in Teilflächen zu unterteilen und jede Teilfläche durch eine einfacher
zu berechnende Fläche zu ersetzen. Im folgenden werden zwei Formeln zur numerischen Integration vorgestellt:
die Trapezformel und die Simpsonsche Formel.
Bei der Herleitung der Trapezformel wird wie folgt vorgegangen:
b−a
- Die Fläche unter der Kurve f (x) wird in n Streifen gleicher Breite: h = unterteilt
n
(n: vorgegebene Zahl; Bild 6.4 zeigt eine Unterteilung in n = 4 Streifen).

- Die krummlinige Begrenzung der Flächenstreifen wird jeweils durch die zugehörige Sehne ersetzt.
⇒ Es entstehen n Trapezflächen.

- Der Flächeninhalt des k-ten Trapezes Tk (k = 1, 2, . . . , n) berechnet sich nach:

f (xk ) + f (xk−1 ) yk + yk−1


ATk = h = h
2 2

- Die Summation aller Trapezflächen ergibt die Trapezformel:


h
IT = (y0 + 2y1 + . . . + 2yn−1 + yn )
2
(Bei der Summation kommen alle Werte y1 , y2 , . . . , yn−1 genau zweimal vor, die Randwerte“ y0 = f (a)

und yn = f (b) hingegen nur einmal.)

Bild 6.4

ˆb
Die Trapezformel zur näherungsweisen Berechung des bestimmten Integrals I = f (x) dx
a

h
IT = (y0 + 2y1 + . . . + 2yn−1 + yn ) , (84)
2
b−a
wobei n : Anzahl der Streifen (Teilintervalle auf der x-Achse), h = : Streifenbreite
n
und yi = f (xi ) (i = 0, 1, . . . , n), x0 = a, xi = a + ih, xn = b.

14
Beispiel 6.15a):
ˆ2
dx
Das Integral soll mittels der Trapezformel (84) mit n = 8 näherungsweise berechnet werden.
x
1
Diese lautet im genannten Fall:
1
IT = (y0 + 2y1 + . . . + 2y7 + y8 ) ,
16
b−a 2−1
da h = = gilt. Die benötigten Werte xk und die zugehörigen Funktionswerte yk (jeweils auf
n 8
6 Nachkommastellen gerundet) sind in der nachfolgenden Tabelle zusammengestellt:

1
k xk yk = f (xk ) = xk
0 1.000 1.000000
1 1.125 0.888889
2 1.250 0.800000
3 1.375 0.727273
4 1.500 0.666667
5 1.625 0.615385
6 1.750 0.571429
7 1.875 0.533333
8 2.000 0.500000

Man erhält das Resultat: IT = 0.694122. Das betrachtete Integral kann auch exakt berechnet werden (Stamm-
funktion: ln |x| ), in diesem Fall lautet das (wiederum auf 6 Nachkommastellen gerundete) Ergebnis:
I = 0.693147. Für den Fehler bei der näherungsweisen Berechnung des Integrals gilt daher:
|IT − I| = 9.75 · 10−4 ≈ 10−3 .
Um die Simpsonsche Formel zu erhalten, wird eine gerade Anzahl n von Teilintervallen gewählt und wiederum
eine Unterteilung der zu berechnenden Fläche in n gleichbreite Streifen vorgenommen. Dann werden jeweils
zwei benachbarte Streifen zusammengefasst und die krummlinige Begrenzung dieser Flächenstreifen wird je-
weils durch ein Parabelstück ersetzt. Anschließend wird exakt integriert, d.h. die Flächeninhalte unter den Para-
belstücken werden exakt berechnet.

ˆb
Die Simpsonsche Formel zur näherungsweisen Berechung des bestimmten Integrals I = f (x) dx
a

h
IS = [ y0 + 4(y1 + y3 + . . . + yn−1 ) + 2(y2 + y4 + . . . + yn−2 ) + yn ] (85)
3
(innerhalb der Klammer mit dem Vorfaktor 4 stehen alle yk mit ungeradem Index k und innerhalb
der Klammer mit dem Vorfaktor 2 alle yk mit geradem Index k, außer y0 und yn ).
Weiterhin gelten wieder die folgenden Bezeichnungen:
b−a
n : Anzahl der Streifen (Teilintervalle auf der x-Achse), h = : Streifenbreite
n
und yi = f (xi ) (i = 0, 1, . . . , n), x0 = a, xi = a + ih, xn = b.

Beispiel 6.15b):
Das im Beispiel 6.15a) betrachtete Integral soll nun mit Hilfe der Simpsonschen Formel (85) näherungsweise
berechnet werden. Diese lautet im genannten Fall:
1 b−a 2−1
IS = [ y0 + 4(y1 + y3 + y5 + y7 ) + 2(y2 + y4 + y6 ) + y8 ) ] , da h = = gilt.
24 n 8
Die benötigten Werte xk und die zugehörigen Funktionswerte yk sind dieselben wie in der Tabelle
15
im Beispiel 6.15a). Die Berechnung ergibt: IS = 0.693155 , womit der Fehler |IS − I| = 8 · 10−6 beträgt, d.h.
die Simpsonsche Regel hat für dieses Beispiel einen genaueren Wert als die Trapezregel geliefert (diese Aussage
gilt auch allgemein, siehe Bemerkungen).
Bemerkungen:

- Der mit der Näherungsformel (Trapezformel oder Simpsonsche Formel) berechnete Wert lässt sich verbes-
sern, indem die Anzahl n der Teilintervalle vergrößert wird. Für n → ∞ streben die Näherungswerte gegen
den exakten Wert des Integrals.
- Der Fehler bei Verwendung der Trapezformel liegt in der Größenordnung von h2 , bei der Simpsonschen
Formel in der Größenordnung von h4 .
- Die numerische Integration ist auch dann geeignet, wenn die zu integrierende Funktion nicht in geschlossener
Form vorliegt (sondern z.B. nur als Messwerte an einzelnen Stellen; siehe Übung).
- Weitere Formeln für die numerische Integration sind z.B. in: H.J. BARTSCH, Taschenbuch Mathematischer
Formeln für Ingenieure und Naturwissenschaftler, 22. Auflage, Abschnitt 9.4 zu finden.

6.3 Fourier-Reihen
In Naturwissenschaften und Technik spielen periodische Vorgänge häufig eine Rolle. Ein einfaches Beispiel ist
die harmonische Schwingung (vgl. auch Abschnitt 1.5.1 im Skript zur Vorlesung Mathematik 1) eines mecha-
nischen oder elektromagnetischen Schwingungssystems, die sich durch eine Sinusfunktion beschreiben lässt.
Jedoch gibt es auch periodische Vorgänge (Funktionen), die nicht mit Hilfe einer einzelnen Sinus- oder Kosi-
nusfunktion dargestellt werden können. In diesen Fällen versucht man, die Funktion als Summe (Überlagerung)
harmonischer Schwingungen mit verschiedenen Frequenzen darzustellen. Dies geschieht mit Hilfe von Fourier-
Reihen.

6.3.1 Entwicklung einer periodischen Funktion in eine Fourier-Reihe


Zunächst werden Beispiele für periodische Funktionen, welche in der Elektrotechnik vorkommen, vorgestellt.
Beispiel 6.16:
Kippschwingung (Kippspannung) Sinusimpuls eines Einweggleichrichters

u(t) 6 u(t) 6
û 
 
 
 
 û
   
r r r r
   
 - -
0 T 2T 3T 4T t 0 T /2 T 3T /2 2T 5T /2 t

Die beiden im Beispiel 6.16 betrachteten Funktionen besitzen die Eigenschaft, dass sich der im Intervall [0, T )
vorliegende Funktionsverlauf in den Intervallen [T, 2T ), [2T, 3T ) usw. wiederholt, d.h. es gilt f (t) = f (t + T )
für alle t ∈ R, t ≥ 0. Die betrachteten Funktionen sind periodisch mit der Periode p = T .
Bei der Einführung der Fourier-Reihen werden zunächst Funktionen f (x) mit der Periode p = 2π betrachtet.
Alle diese Funktionen besitzen die Eigenschaft f (x) = f (x + 2π) für alle x ∈ D(f ). Später werden Fourier-
Reihen für Funktionen mit beliebiger Periode betrachtet.

16
Definition 6.3: Die Fourier-Reihe einer periodischen Funktion f (x) mit der Periode 2π ist gegeben durch:

a0 X
+ (ak cos(kx) + bk sin(kx)) . (86)
2
k=1

Die Fourier-Reihe wird auch als trigonometrische Reihe bezeichnet.


Die Fourier-Koeffizienten ak und bk aus (86) werden nach den folgenden Formeln berechnet:
ˆ2π
1
ak = f (x) cos(kx) dx für k = 0, 1, 2, . . .
π
0
(87)
ˆ2π
1
bk = f (x) sin(kx) dx für k = 1, 2, 3, . . . .
π
0

Zunächst erfolgt eine formale Zuordnung der Fourier-Reihe zu der Funktion f (x), die in der Form

a0 X
f (x) ∼ + (ak cos(kx) + bk sin(kx)) (88)
2
k=1

geschrieben werden kann.

Die Frage, unter welchen Bedingungen in der letztgenannten Beziehung anstelle von ∼“ das Gleichheitszei-

chen stehen darf, wird später erläutert. Zunächst werden zwei Beispiele für die Berechnung von Fourier-Reihen
betrachtet.

Beispiel 6.17:
Gegeben ist die 2π-periodische Funktion (Sägezahnkurve, siehe Bild 6.5 auf der nächsten Seite):
f (x) = π − x für 0 ≤ x < 2π, f (x + 2π) = f (x) für x ∈ R .

f (x) 6
s sπ s s
@ @ @ @ @
@ @ @
@ @ @ @ -
@ @ 0 π@ 2π @ x
@ @ @ @
@
−π@ @ @

Bild 6.5

Die Berechnung der Fourier-Koeffizienten erfolgt unter Verwendung der Formel (87), wobei der Koeffizient a0
gesondert behandelt wird. Im Fall k = 0 gilt cos(kx) = 1 für x ∈ R, so dass sich die Formel zur Berechnung
von a0 folgendermaßen vereinfacht:
ˆ2π
1
a0 = f (x) dx .
π
0

Nach Einsetzen des Ausdrucks für f (x) erhält man dann:


ˆ2π ˆ2π 2π
x2

1 1 1
a0 = f (x) dx = (π − x) dx = πx − = 0.
π π π 2 0
0 0

17
Nun werden die verbleibenden Fourierkoeffizienten berechnet.
ˆ2π ˆ2π ˆ2π ˆ2π
1 1 1
ak = f (x) cos(kx) dx = (π − x) cos(kx) dx = cos(kx) dx − x cos(kx) dx
π π π
0 0 0 0
 2π  2π
1 1 x 1
= sin(kx) − sin(kx) + 2 cos(kx) =0+0=0 für k = 1, 2, 3, . . .
k 0 π k k 0

ˆ2π ˆ2π ˆ2π ˆ2π


1 1 1
bk = f (x) sin(kx) dx = (π − x) sin(kx) dx = sin(kx) dx − x sin(kx) dx
π π π
0 0 0 0
 2π  2π
1 1 x 1 2 2
= − cos(kx) − − cos(kx) + 2 sin(kx) =0+ = für k = 1, 2, 3, . . .
k 0 π k k 0 k k

Nach Einsetzen der berechneten Fourier-Koeffizienten in die Formel (86) erhält man die Fourier-Reihe für f (x):
∞ ∞
a0 X X 2 2
f (x) ∼ + (ak cos(kx) + bk sin(kx)) = sin(kx) = 2 sin x + sin(2x) + sin(3x) + . . . .
2 k 3
k=1 k=1

Beispiel 6.18:
Gesucht ist die Fourier-Reihe der 2π-periodischen Funktion (siehe Bild 6.6):
f (x) = (x − π)2 für 0 ≤ x < 2π, f (x + 2π) = f (x) für x ∈ R .
f (x) 6

π2

-
0 π 2π x

Bild 6.6

18
Im folgenden wird die Frage beantwortet, unter welchen Bedingungen eine periodische Funktion4 in eine Fourier-
Reihe entwickelt werden kann.

Entwickelbarkeit einer periodischen Funktion in eine Fourier-Reihe: die Dirichletschen Bedingungen

(I) Das Periodenintervall der Funktion f (x) ist zerlegbar in endlich viele Teilintervalle, in denen f (x)
stetig und monoton ist.
(II) An den Sprungstellen von f (x) existiert sowohl der links- als auch der rechtsseitige Grenzwert.

Wenn die Bedingungen (I) und (II) erfüllt sind, gelten folgende Aussagen:
- Die Fourier-Reihe von f (x) konvergiert für alle x ∈ R.
- An den Stetigkeitsstellen von f (x) stimmt der Wert der Fourier-Reihe mit dem Funktionswert
von f (x) überein.
- An den Sprungstellen von f (x) ist der Wert der Fourier-Reihe gleich dem arithmetischen Mittel
aus dem links- und dem rechtsseitigen Grenzwert von f (x).

Unter den genannten Voraussetzungen wird in der Relation (88) anstelle des Symbols ∼“ das Gleichheitszeichen

geschrieben.
Ergänzung zu Beispiel 6.17:

Bei der Berechnung der Fourier-Reihen kann es sich in manchen Fällen als günstig erweisen, wenn die Integra-
tion bei der Berechnung der Fourier-Koeffizienten z.B. über [−π, π) erfolgt (statt über [0, 2π), wie in Formel (87)
angegeben). Diesbezüglich gilt die folgende Aussage.

Die Integration bei der Berechnung der Fourier-Koeffizienten (siehe Formel (87)) darf über ein beliebiges
Periodenintervall der Länge 2π erstreckt werden.

6.3.2 Weitere Eigenschaften von Fourier-Reihen


Auf Grund der folgenden beiden Eigenschaften verringert sich der Rechenaufwand bei der Berechnung der
Fourier-Reihe einer geraden bzw. ungeraden Funktion.

Eigenschaften der Fourier-Reihe einer geraden bzw. ungeraden Funktion


a
Die Fourier-Reihe einer geraden Funktion enthält nur den Summanden 0 und Kosinusglieder,
2
d.h. es gilt: bk = 0 für k = 1, 2, 3, . . . .
Die Fourier-Reihe einer ungeraden Funktion enthält nur Sinusglieder, d.h. es gilt: ak = 0
für k = 0, 1, 2, . . . .

Ergänzung zu Beispiel 6.18:


Die betrachtete Funktion ist eine gerade Funktion, und es wurde bk = 0 für k = 1, 2, 3, . . . berechnet.
Durch Abbruch der Fourier-Reihe nach endlich vielen Gliedern kann man eine Näherungsfunktion für f (x)
erhalten. Diese Näherungsfunktion wird auch als Fourier-Polynom bezeichnet (vgl. dazu auch Abschnitt 5.2.2:
dort wurden Taylor-Polynome als Näherungsfunktionen betrachtet). In dem nachfolgenden Beispiel wird die
Approximation einer Funktion mit Hilfe von Fourier-Polynomen betrachtet.
4
Diese Aussagen gelten auch für Funktionen mit einer Periode 6= 2π.

19
Beispiel 6.19:
Gegeben ist die 2π-periodische Funktion (periodischer Rechteckimpuls, siehe Bild 6.7):
(
1 für 0 ≤ x < π
f (x) = , f (x + 2π) = f (x) für x ∈ R.
0 für π ≤ x < 2π

f (x) 6

s 1s s

s s -
0 π 2π x

Bild 6.7
Diese Funktion kann wie folgt in eine Fourier-Reihe entwickelt werden:
 
1 2 sin(3x) sin(5x) sin(7x)
f (x) = + sin x + + + + ...
2 π 3 5 7
Die Fourier-Polynome P1 (x), P3 (x), P5 (x) bzw. P7 (x) werden gebildet, indem die obige Fourier-Reihe nach
dem Summanden mit sin x, sin(3x), sin(5x) bzw. sin(7x) abgebrochen wird, d.h.
1 2 sin x 1 2 sin x 2 sin(3x)
P1 (x) = + , P3 (x) = + + , ...
2 π 2 π 3π
Im Bild 6.8 sind diese Fourier-Polynome grafisch dargestellt.

P1 (x)
6
1

-
0 π 2π x

P3 (x)
6
1

-
0 π 2π x

P5 (x)
6
1

-
0 π 2π x

P7 (x)
6
1

-
0 π 2π x

Bild 6.8
Diese grafische Darstellung zeigt: Je mehr Glieder der Fourier-Reihe in dem Fourier-Polynom berücksichtigt
werden, desto besser ist die Näherung für die Funktion f (x). Nur in der Umgebung von Sprungstellen der Funk-
tion f (x) ist eine verstärkte Oszillation der Fourier-Polynome zu beobachten. Diese wird auch als Gibbs’sches
Phänomen bezeichnet.
20
Um die Formeln für die Entwicklung von Funktionen mit beliebiger Periode in eine Fourier-Reihe anzugeben,
werden Funktionen betrachtet, die von der Variablen t abhängen (d.h. zeitabhängige Funktionen). Die Perioden-

dauer wird mit T bezeichnet, weiterhin sei: ω = die Kreisfrequenz.
T

Definition 6.4: Die Fourier-Reihe einer periodischen Funktion f (t) mit der Periode T ist gegeben durch:

a0 X 2π
+ (ak cos(kωt) + bk sin(kωt)) , mit ω = . (89)
2 T
k=1

Die Fourier-Koeffizienten ak und bk aus (89) werden nach den folgenden Formeln berechnet:
ˆT
2
ak = f (t) cos(kωt) dt für k = 0, 1, 2, . . .
T
0
(90)
ˆT
2
bk = f (t) sin(kωt) dt für k = 1, 2, 3, . . .
T
0

Beispiel 6.20:

6.3.3 Die Spektralform der Fourier-Reihe


Sei f (t) eine periodische Funktion mit der Periode T . Die Voraussetzungen für die Entwickelbarkeit in eine
Fourier-Reihe (siehe Abschnitt 6.3.1) seien erfüllt. Dann gilt:

a X 2π
f (t) = 0 + (ak cos(kωt) + bk sin(kωt)) mit ω = .
2 T
k=1

Setzt man formal: ak = Ak sin ϕk und bk = Ak cos ϕk (k ≥ 1), so entsteht nach Einsetzen dieser Darstellung
in die Fourier-Reihe und anschließender Anwendung eines Addditionstheorems schließlich die Spektralform der
Fourier-Reihe:

a0 X a
f (t) = + Ak sin(kωt + ϕk ) = 0 + A1 sin(ωt + ϕ1 ) + A2 sin(2ωt + ϕ2 ) + . . .
2 2
k=1
 
a

 arctan k für bk > 0

 bk
π

für bk = 0, ak > 0




 2
q  π
mit Ak = a2k + b2k und ϕk = −2 für bk = 0, ak < 0
 
 ak
arctan +π für bk < 0, ak ≥ 0





 bk
 
 arctan ak − π


für bk < 0, ak < 0 .
bk

Dabei sind Ak die Amplituden (maximale Auslenkungen) und ϕk die Nullphasenlagen (Nullphasenwinkel, kurz:
Phasen). Es gilt: Ak ≥ 0 sowie −π < ϕk ≤ π.
Der Summand A1 sin(ωt + ϕ1 ) besitzt die größte Periode und wird Grundschwingung oder 1. Harmonische
genannt. Die weiteren Summanden werden als 2., 3., . . . Harmonische, insgesamt als höhere Harmonische (oder
Oberwellen) bezeichnet. Für die Wertung der Beiträge der einzelnen Harmonischen an der Gesamtschwingung
sind deren Amplituden und Phasenlagen von Interesse. Daher erfolgt eine Darstellung in Abhängigkeit von der
Frequenz (diskrete Werte!) als Amplitudenspektrum oder Phasenspektrum.
Beispiel 6.21:

Bemerkung:
Es ist auch möglich, die Spektralform der Fourier-Reihe als Summe von cos-Termen (anstelle von sin-Termen)
zu schreiben. Die Formel zur Berechnung von ϕk ist dann entsprechend anzupassen.
21
6.3.4 Die komplexe Form der Fourier-Reihe
Ausgehend von e jx = cos x + j sin x für x ∈ R (vgl. Abschnitt 1.4.1, Formel (9)) sowie
e −jx = cos(−x) + j sin(−x) = cos x − j sin x
erhält man:
1 j
cos x = (e jx + e −jx ) , sin x = − (e jx − e −jx ) .
2 2
Durch Einsetzen dieser Beziehungen in die reelle Form der Fourier-Reihe (siehe (86)) entsteht die komplexe
Form der Fourier-Reihe.

Definition 6.5:
Für eine periodische Funktion f (x) mit der Periode 2π ist die komplexe Fourier-Reihe gegeben durch:

X
f (x) ∼ ck e jkx , (91)
k=−∞

wobei die Fourier-Koeffizienten nach der Formel


ˆ2π
1
ck = f (x) e−jkx dx für k = 0, ±1, ±2, . . . (92)

0

berechnet werden. Bei Funktionen f (t) mit Periode T gilt entsprechend:



X 2π
f (t) ∼ ck e jkωt , ω= , (93)
T
k=−∞

mit den Fourier-Koeffizienten


ˆT
1
ck = f (t)e−jkωt dt für k = 0, ±1, ±2, . . . . (94)
T
0

Beispiel 6.22:

Im folgenden werden allgemeingültige Formeln für die Umrechnung der Fourier-Koeffizienten (reelle in kom-
plexe Form und umgekehrt) angegeben.

Umrechnung der Fourier-Koeffizienten: reell ⇒ komplex


Die reellen Fourier-Koeffizienten ak , bk seien bekannt, dann gilt:
a0 ak − jbk ak + jbk
c0 = , ck = , c−k = (k ≥ 1), d.h. c−k = c∗k .
2 2 2

Umrechnung der Fourier-Koeffizienten: komplex ⇒ reell


Die komplexen Fourier-Koeffizienten ck (k ∈ Z) seien bekannt, dann gilt:

a0 = 2c0 , ak = ck + c−k , bk = j(ck − c−k ) (k ≥ 1) .

Fortsetzung zu Beispiel 6.22:

22
6.4 Weitere Anwendungen der Integralrechnung
6.4.1 Flächeninhalt ebener Bereiche
Im Abschnitt 6.1.2 wurde das bestimmte Integral als Flächeninhalt A zwischen der Kurve einer Funktion f (x)
und der x-Achse in einem vorgegebenen Intervall [a, b] definiert. Dabei wurde jedoch zunächst vorausgesetzt,
dass diese Funktion in [a, b] nur positive Werte annimmt, d.h. dass ihre Kurve vollständig oberhalb der x-Achse
verläuft. Betrachtet man nun eine Funktion, deren Kurve in dem betrachteten Intervall vollständig unterhalb der
ˆb
x-Achse liegt, so würde das bestimmte Integral f (x) dx einen negativen Wert haben und daher nicht der
a
Maßzahl des Flächeninhaltes zwischen der Funktionskurve von f (x) und der x-Achse entsprechen. In solchen
Fällen kann der Flächeninhalt wie folgt berechnet werden:
ˆb ˆ
b


A = |f (x)| dx = f (x) dx (95)

a a

(anschaulich: die Fläche wird an der x-Achse gespiegelt).


Im folgenden werden weitere Fälle betrachtet, wo bestimmte Integrale zur Berechnung von Flächeninhalten
angewendet werden können.

Flächeninhalt eines ebenen Bereiches, der von zwei Kurven begrenzt wird
Seien f1 (x) und f2 (x) auf dem Intervall [a, b] integrierbare Funktionen und es gelte f1 (x) ≤ f2 (x).
Der Bereich B sei gegeben durch: B = {a ≤ x ≤ b ; f1 (x) ≤ y ≤ f2 (x)} (siehe Bild 6.9).
Dann gilt für den Flächeninhalt dieses Bereiches:
ˆb
AB = [ f2 (x) − f1 (x)] dx . (96)
a

y 6 y 6
f2 (x) f1 (x)
BB
B


f1 (x) f2 (x)
- -
0 a b x 0 a x1 x2 x3 b x
Bild 6.9 Bild 6.10

Die Voraussetzung, dass die Differenz f2 (x) − f1 (x) nicht negativ werden darf, wird nun fallengelassen. Mit
Hilfe der Formel (95) erhält man für den Fall, dass der Bereich B durch die Geraden x = a und x = b sowie die
Kurven der (auf [a, b] integrierbaren) Funktionen f1 (x) und f2 (x) begrenzt wird:
ˆ1 ˆ2 ˆ
x x b


AB = [ f2 (x) − f1 (x)] dx + [ f2 (x) − f1 (x)] dx + . . . + [ f2 (x) − f1 (x)] dx .
(97)

a x1 xn

Dabei sind mit x1 , x2 , . . . , xn die Abszissen der im Intervall [a, b] gelegenen Schnittpunkte der Kurven von
f1 (x) und f2 (x) bezeichnet, siehe Bild 6.10.
Beispiel 6.23:

23
6.4.2 Bogenlänge einer ebenen Kurve
Eine weitere wichtige Anwendung der Integralrechnung ist die Berechnung der Länge einer im Intervall [a, b]
gegebenen Funktionskurve. Dazu werden zunächst die folgenden Überlegungen durchgeführt.
Das Intervall [a, b] wird in n Teilintervalle [xi−1 , xi ] (i = 1, 2, . . . , n) mit der Länge ∆xi = xi − xi−1 zerlegt.
Dann werden jeweils die Punkte (xi−1 , f (xi−1 )) und (xi , f (xi )) verbunden, d.h. es erfolgt die Annäherung der
Kurve durch einen Streckenzug (siehe Bild 6.11a)).
y 6

si
f (x) ∆yi

∆xi
r r r r -
x0 = a xi−1 xi xn x

Bild 6.11a) Bild 6.11b)

Die Länge der i-ten Teilstrecke sei si . Für die Gesamtlänge Sn des Streckenzuges gilt (siehe Bilder 6.11a), b)):
s
n n p n  2
X X
2 2
X ∆yi
Sn = si = (∆xi ) + (∆yi ) = 1+ ∆xi
∆xi
i=1 i=1 i=1

mit ∆yi = f (xi )−f (xi−1 ). Für jedes i = 1, 2, . . . , n existiert nach dem Mittelwertsatz der Differentialrechnung
i∆y
(siehe Abschnitt 5.3.4 im Skript zur Vorlesung Mathematik 1) ein ξi ∈ (xi−1 , xi ) mit f 0 (ξi ) = , so dass Sn
∆xi
n p
1 + [f 0 (ξi )]2 ∆xi .
P
folgendermaßen ausgedrückt werden kann: Sn =
i=1
Durch Grenzwertbildung (n → ∞, ∆xi → 0 für i = 1, 2, . . . , n) erhält man dann für die gesuchte Bogenlänge S
der Kurve y = f (x) im Intervall [a, b]:
Xn p ˆb p ˆb q
S = lim Sn = lim 0 2
1 + [f (xi )] ∆xi = 0 2
1 + [f (x)] dx = 1 + y 0 2 dx .
n→∞ n→∞
i=1 a a

Berechnung der Bogenlänge einer ebenen Kurve


Seien f (x) und ihre erste Ableitung f 0 (x) im Intervall [a, b] stetig. Dann kann die Länge S
der Kurve y = f (x) nach der Formel
ˆb p ˆb q
S= 0 2
1 + [f (x)] dx = 1 + y 0 2 dx (98)
a a

berechnet werden.
Falls die Kurve in Parameterdarstellung: x = x(t), y = y(t), t1 ≤ t ≤ t2 (siehe Abschnitt 5.1.1
im Skript zur Vorlesung Mathematik 1) gegeben ist, gilt:
ˆt2 p ˆt2 p
S= [ẋ(t)]2 + [ẏ(t)]2 dt = ẋ2 + ẏ 2 dt , (99)
t1 t1

wobei x(t) und y(t) sowie ihre ersten Ableitungen als stetig vorausgesetzt werden und außerdem
[ẋ(t)]2 + [ẏ(t)]2 6= 0 für alle t ∈ [t1 , t2 ] gelten muss.

Beispiel 6.24:
Beispiel 6.25:
24
Bemerkung:
Die Integrale in (98) bzw. (99) sind auf Grund des auftretenden Wurzelausdrucks häufig nicht auf elementarem
Weg lösbar. Als Ausweg dienen dann die im Abschnitt 6.2.4 eingeführten Methoden zur numerischen Integration.

6.4.3 Volumen und Mantelfläche von Rotationskörpern


y 6
Während bei sehr einfachen Rotationskörpern (wie z.B. Kreis-
zylinder, Kreiskegel, Kreiskegelstumpf) eine Berechnung des
Volumens und der Mantelfläche mittels elementarer Formeln
möglich ist, muss bei allgemeineren rotationssymmetrischen f (x)
Körpern auf die Integralrechnung zurückgegriffen werden.
Zunächst wird die Situation betrachtet, dass die Kurve einer
-
Funktion y = f (x) in einem gewissen Intervall um die x-Achse a  b x
rotiert (vgl. Bild 6.12). Bild 6.12

Berechnung des Volumens eines Rotationskörpers


Durch Rotation der Fläche zwischen der Kurve der Funktion y = f (x) und den Geraden x = a sowie x = b
um die x-Achse entsteht ein Rotationskörper mit dem Volumen
ˆb ˆb
2
Vx = π · [f (x)] dx = π · y 2 dx . (100)
a a

Begründung für die Formel (100):


Das gesuchte Volumen V des Rotationskörpers wird angenähert durch die Summe der Volumina Vi (i = 1, 2, . . . , n)
von Kegelstümpfen.
y 6 f (x)

f (xi ) q
si

f (xi−1 )
Vi
-
x0 = a x1 xi−1 xi xn = b x

Bild 6.13

Das Volumen des i-ten Kegelstumpfes5 beträgt:


π
Vi = ∆xi [(f (xi−1 ))2 + (f (xi ))2 + f (xi−1 )f (xi )] ,
3
denn der Radius der Grund- bzw. Deckfläche des i-ten Kegelstumpfes ist gleich f (xi−1 ) bzw. f (xi ) und die Höhe
ist gleich ∆xi = xi − xi−1 , siehe Bild 6.13. Durch Grenzwertbildung (n → ∞, ∆xi → 0 für i = 1, 2, . . . , n)
erhält man dann für das gesuchte Volumen V :
n n ˆb
X X π
V = lim Vi = lim ∆xi [(f (xi−1 )) + (f (xi )) + f (xi−1 )f (xi )] = π · [f (x)]2 dx .
2 2
n→∞ n→∞ 3
i=1 i=1 a
Beispiel 6.26:

5
Die Formel für das Volumen eines Kegelstumpfes mit r1 und r2 als Radius von Grund- bzw. Deckfläche sowie der Höhe h ist z.B.
in: H.-J. BARTSCH . Taschenbuch mathematischer Formeln für Ingenieure und Naturwissenschaftler, 22. Auflage, S. 160 zu finden.

25
Berechnung der Mantelfläche eines Rotationskörpers
Die Mantelfläche AM x eines Körpers, der durch Rotation der Fläche zwischen der Kurve der Funktion
y = f (x) und den Geraden x = a sowie x = b um die x-Achse entsteht, lässt sich mit Hilfe der folgenden
Formel berechnen:
ˆb p ˆ q b

AM x = 2π · f (x) · 1 + [f (x)] dx = 2π · y · 1 + y 0 2 dx .
0 2 (101)
a a

Begründung für die Formel (101):


Die gesuchte Mantelfläche AM x des Rotationskörpers wird angenähert durch die Summe der Mantelflächen AMi
(i = 1, 2, . . . , n) von Kegelstümpfen. p
Die Mantelfläche des i-ten Kegelstumpfes6 beträgt: AMi = π (f (xi−1 )+f (xi )) si mit si = (∆xi )2 + (∆yi )2 ,
∆xi = xi − xi−1 und ∆yi = f (xi ) − f (xi−1 ) (siehe Bild 6.13). Durch Grenzwertbildung (n → ∞, ∆xi → 0
für i = 1, 2, . . . , n) ergibt sich dann für die gesuchte Mantelfläche AM x :
X n X n p
AM x = lim AMi = lim π (f (xi−1 ) + f (xi )) (∆xi )2 + (∆yi )2
n→∞ n→∞
i=1 i=1

ˆb
v !2
n
u
X u ∆yi p
= lim π (f (xi−1 ) + f (xi )) t1 + ∆xi = 2π · f (x) 1 + [f 0 (x)]2 dx .
n→∞ ∆xi
i=1 a

Beispiel 6.27:

Bemerkung:
Die Formeln für die Berechnung des Volumens bzw. der Mantelfläche eines Rotationskörpers bei Rotation um
die y-Achse lassen sich auf analoge Weise herleiten.
Wenn eine Fläche, welche von der Kurve x = g(y) und den Geraden y = c sowie y = d begrenzt wird, um die
y-Achse rotiert, dann entsteht ein Rotationskörper mit dem Volumen
ˆd ˆd
Vy = π · [ g(y)]2 dy = π · x2 dy . (102)
c c

Die Mantelfläche dieses Rotationskörpers kann nach der Formel


ˆd p ˆ p
d

AM y = 2π · g(y) · 1 + [ g 0 (y)]2 dy = 2π · x · 1 + x0 2 dy (103)


c c

berechnet werden.
Wenn die Gleichung der rotierenden Kurve in der Form y = f (x) vorliegt, dann muss zunächst eine Auflösung
dieser Gleichung nach x vorgenommen werden, um die Formeln (102) und (103) anwenden zu können.

6.4.4 Integration der Bewegungsgleichung


ds
Aus dem Abschnitt 5.4.1 (siehe Skript zur Vorlesung Mathematik 1) ist die Beziehung v = ṡ = bekannt,
dt
wobei s = s(t) das (bekannte) Weg-Zeit-Gesetz bei der Bewegung eines Massepunktes ist und v die Momen-
tangeschwindigkeit dieses Punktes bezeichnet. Ist nun die Geschwindigkeit v als Funktion der Zeit vorgegeben,
so kann der zurückgelegte Weg s durch Integration dieser Funktion ermittelt werden.

6
Die Formel für die Mantelfläche eines Kegelstumpfes mit r1 und r2 als Radius von Grund- bzw. Deckfläche sowie der Höhe h ist
z.B. in: H.-J. BARTSCH . Taschenbuch mathematischer Formeln für Ingenieure und Naturwissenschaftler, 22. Auflage, S. 160 zu finden.

26
Berechnung des zurückgelegten Weges durch Integration der Bewegungsgleichung
Bei der Bewegung eines Massepunktes (oder eines Körpers) sei die Geschwindigkeit v als Funktion
der Zeit t bekannt: v = v(t). Dann wird die Länge s des im Zeitintervall [t1 , t2 ] (t1 ≥ 0) zurückgelegten
Weges nach der folgenden Formel berechnet:
ˆt2
s = v(t) dt .
t1

Beispiel 6.28:

6.4.5 Mechanische und elektrische Arbeit


Die Integralrechnung kann auch zur Berechnung der mechanischen Arbeit (Arbeit einer Kraft) angewendet wer-
den, wie die nachfolgenden Überlegungen zeigen.
Es wird von einer variablen Kraft F~ ausgegangen, welche in Richtung eines geradlinigen Weges wirkt. Der Ab-
stand des Angriffspunktes der Kraft von einem festen Punkt 0 dieser Geraden sei x. Die stetige Änderung des
Betrages F der Kraft werde durch eine Funktion F (x) beschrieben. Es soll nun die folgende Frage beantwortet
werden:
Wie groß ist die von der Kraft geleistete Arbeit, wenn der Angriffspunkt von x = a nach x = b verschoben wird?
Um diese Frage zu beantworten, wird eine Zerlegung des Intervalls [a, b] in n Teilintervalle Ik = [xk−1 , xk ]
(k = 1, 2, . . . , n) mit den Längen ∆xk vorgenommen, siehe Bild 6.14.
∆xk
a  - b
t -
0 x0 x1 ... xk−1 xk ... xn−1 xn x

Bild 6.14

Die Funktion F (x) wird in jedem Teilintervall konstant gesetzt: F (x) = F (ξk ) für alle x ∈ Ik (mit beliebigem
ξk ∈ [xk−1 , xk ]). Unter dieser Voraussetzung gilt für die auf dem Intervall Ik geleistete Arbeit:
∆Wk = F (ξk ) · ∆xk .
Pn n
P
Somit kann die Arbeit auf dem gesamten Intervall [a, b] wie folgt berechnet werden: ∆Wk = F (ξk )∆xk .
k=1 k=1
Bei stetigem F existiert Grenzwert der Summe für n → ∞, und nach Definition des bestimmten Integrals gilt:
ˆb
W = F (x) dx .
a

Berechnung der mechanischen Arbeit


Die Kraft F~ wirke in Richtung eines geradlinigen Weges und ihr Betrag F sei darstellbar als eine stetige
Funktion F = F (x) (x: Abstand des Angriffspunktes der Kraft von einem festen Punkt 0). Dann gilt für die
Arbeit, die von der Kraft auf dem Weg von x = a nach x = b geleistet wird:
ˆb
W = F (x) dx .
a

Beispiel 6.29:

27
Analog zu den vorangegangenen Überlegungen kann eine Formel zur Berechnung der elektrischen Arbeit her-
geleitet werden. Betrachtet wird ein Stromkreis mit den (jeweils zeitlich veränderlichen) Größen u(t) und i(t).
Die Fragestellung lautet nun:
Wie groß ist die im Zeitintervall [0, T ] geleistete Arbeit?
Auch hier wird wieder eine Zerlegung des betrachteten Intervalls in Teilintervalle vorgenommen; es entstehen
n Teilintervalle Ik der Länge ∆tk . In jedem Teilintervall werden die Spannung und die Stromstärke als konstant
angenommen: i(t) = i(ξk ), u(t) = u(ξk ) für alle t ∈ Ik (mit beliebigem ξk ∈ [tk−1 , tk ] ). Dann ist der Nähe-
rungswert für die im Intervall Ik = [tk−1 , tk ] geleistete Arbeit: ∆Wk = u(ξk ) · i(ξk ) · ∆tk . Durch Summation
über alle Teilintervalle und anschließende Grenzwertbildung erhält man schließlich für die elektrische Arbeit:
ˆT
W = u(t)i(t) dt .
0

Berechnung der elektrischen Arbeit


Die Spannung und die Stromstärke eines Wechselstromkreises seien gegeben durch die Funktionen u(t)
und i(t). Dann wird die im Zeitintervall [0, T ] geleistete elektrische Arbeit wie folgt berechnet:
ˆT
W = u(t)i(t) dt .
0

Beispiel 6.30:

6.4.6 Mittelwerte

Definition 6.6:
Der lineare Mittelwert einer im Intervall [a, b] stetigen Funktion y = f (x) ist gegeben durch:
ˆb
1
y lin = f (x) dx .
b−a
a

Der quadratische Mittelwert dieser Funktion im Intervall [a, b] wird berechnet nach der Formel:
v
ˆb
u
u 1
u
y quad = t [ f (x)]2 dx .
b−a
a

Lineare und quadratische Mittelwerte finden Anwendung in der Wechselstromlehre. Der lineare Mittelwert ilin
eines Wechselstroms i(t) über eine Periode wird als Gleichrichtwert bezeichnet. Der Gleichrichtwert entspricht
der gedachten konstanten Stromstärke i, welche erforderlich ist, um während einer Periode die gleiche Elektri-
zitätsmenge zu transportieren wie bei der variablen Stromstärke i(t). Der quadratische Mittelwert iquad von i(t)
über eine Periode heißt Effektivwert. Dieser gibt den Wert an, den ein Gleichstrom haben müsste, damit er
während einer Periode die gleiche Arbeit leistet bzw. die gleiche Wärmewirkung liefert wie der Wechsel-
strom i(t). Entsprechende Berechnungen werden in dem nachfolgenden Beispiel durchgeführt.
Beispiel 6.31:

Bemerkung:
Der in der Definition 6.6 eingeführte lineare Mittelwert y lin einer Funktion y = f (x) in einem Intervall entspricht
dem Wert f (ξ) aus dem Mittelwertsatz der Integralrechnung (siehe Abschnitt 6.1.3).

28
6.5 Uneigentliche Integrale
Bisher wurde bei der Berechnung bestimmter Integrale stets vorausgesetzt, dass das Integrationsintervall endlich
ist und die zu integrierende Funktion überall in diesem Intervall beschränkt ist (vgl. dazu Abschnitt 6.1.2). Diese
Voraussetzungen sollen jetzt abgeschwächt werden. Das führt dann zu einer Verallgemeinerung des Integralbe-
griffs: man bezeichnet die entsprechenden Integrale als uneigentliche Integrale.
Die Berechnung uneigentlicher Integrale wird stets auf die Betrachtung von Grenzwerten zurückgeführt. Wenn
der entsprechende Grenzwert existiert, so sagt man, dass das uneigentliche Integral konvergiert. Stellt man da-
gegen fest, dass der entsprechende Grenzwert nicht existiert, dann divergiert das uneigentliche Integral.
Im weiteren werden die zwei Fälle unterschieden: Integration über unendliche Intervalle und Integration unbe-
schränkter Funktionen.

(I) Integration über unendliche Intervalle


Die Integration einer Funktion f (x) über dem Intervall [a, ∞) wird wie folgt durchgeführt:

ˆ∞ ˆc
f (x) dx = lim f (x) dx , (104)
c→∞
a a

d.h. zunächst wird die Berechnung des Integrals über dem endlichen Integrationsintervall [a, c] (mit c ∈ R)
durchgeführt. Der Wert dieses Integrals hängt noch von c ab. Dann wird untersucht, wie sich dieser Wert für
c → ∞ verhält. Wenn der entsprechende Grenzwert existiert, dann konvergiert das uneigentliche Integral
ˆ∞
f (x) dx und sein Wert ist gleich dem berechneten Grenzwert. Anderenfalls divergiert dieses uneigentliche
a
ˆb
Integral. Die Berechnung eines uneigentlichen Integrals vom Typ f (x) dx erfolgt analog zu (104).
−∞

Beispiel 6.32:

Beispiel 6.33:
Im Gravitationsfeld der Erde soll eine Masse m aus der Entfernung r0 ins Unendliche (r = ∞) gebracht
werden. Wie groß ist die dabei aufzuwendende Arbeit?
:

Erde m 

r=∞
~
HH 
HH   
 
 r0
r
 

29
Bei der Berechnung eines uneigentlichen Integrals mit den Grenzen −∞ und ∞ wird zunächst die folgende
Zerlegung vorgenommen:
ˆ∞ ˆd ˆ∞
f (x) dx = f (x) dx + f (x) dx (d ∈ R, beliebig). (105)
−∞ −∞ d

Die Berechnung der beiden Integrale auf der rechten Seite der Gleichung (105) erfolgt jeweils analog zu (104).
Nur wenn diese beiden Integrale unabhängig voneinander konvergieren, dann konvergiert auch das Integral
ˆ∞
f (x) dx und sein Wert ergibt sich als Summe der Werte dieser beiden Integrale.
−∞

Beispiel 6.34:

(II) Integration unbeschränkter Funktionen


Die Funktion f (x) besitze an der Stelle x = b einen Pol und sei für x ∈ [a, b) beschränkt7 . Dann ist das
uneigentliche Integral dieser Funktion über dem Intervall [a, b] wie folgt definiert:
ˆb ˆb−ε
f (x) dx = lim f (x) dx . (106)
ε→0+0
a a

In Abhängigkeit von der Existenz des Grenzwertes auf der rechten Seite der Gleichung (106) konvergiert
oder divergiert das uneigentliche Integral.
Wenn die Funktion f (x) an der Stelle x = a einen Pol hat und für x ∈ (a, b] beschränkt ist, erfolgt die
Berechnung des uneigentlichen Integrals analog zu (106).
Beispiel 6.35:

Abschließend wird noch die Situation betrachtet, dass die zu integrierende Funktion genau einen Pol8 im
Inneren des Integrationsintervalls [a, b] hat. Dieser Pol befinde sich an der Stelle x = xP (a < xP < b). Mit
Hilfe der Zerlegung
ˆb ˆxP ˆb
f (x) dx = f (x) dx + f (x) dx (107)
a a xP

kann entschieden werden, ob das uneigentliche Integral konvergiert. Die beiden Integrale auf der rechten
Seite von (107) können analog zu (106) berechnet werden. Nur wenn diese beiden Integrale unabhängig
ˆb
voneinander konvergieren, dann konvergiert auch das Integral f (x) dx und sein Wert ergibt sich als Sum-
a
me der Werte dieser beiden Integrale.
Beispiel 6.36:

Bemerkung:
Uneigentliche Integrale werden auch in der Wahrscheinlichkeitsrechnung angewendet. Darauf wird im Kapi-
tel 13 (3. Semester) eingegangen.

7
Das bedeutet, dass diese Funktion in jedem Intervall [a, b − ε] mit ε > 0 integrierbar ist.
8
Wenn in dem betrachteten Intervall mehrere Pole vorliegen, ist entsprechend eine Zerlegung des Integrationsintervalls in mehr als
zwei Teilintervalle vorzunehmen.
30
7 Funktionen von mehreren reellen Variablen
7.1 Einführung
In zahlreichen physikalischen und technischen Anwendungen treten Größen auf, die von mehr als einer Varia-
blen abhängen. Das Ziel dieses Kapitels ist es, den Begriff der Funktion entsprechend zu erweitern sowie die
Differential- und Integralrechnung für Funktionen mehrerer Variabler kennenzulernen.
Beispiel 7.1:
a) Wurfweite beim schrägen Wurf
Ein Körper wird mit der Geschwindigkeit v0 unter einem Winkel α abgeworfen. Die Wurfweite sW hängt
sowohl von der Abwurfgeschwindigkeit v0 als auch von dem Abwurfwinkel α ab. Es besteht der funktionale
Zusammenhang:

v02 · sin(2α)
sW = sW (v0 , α) = (g : Erdbeschleunigung).
g

b) Gesamtwiderstand eines Stromkreises


Der Gesamtwiderstand Rges des hier dargestellten Stromkreises
hängt von den drei Widerständen R1 , R2 und R3 ab. Es besteht
der funktionale Zusammenhang: R3

R2 · R3
Rges = Rges (R1 , R2 , R3 ) = R1 + .
R2 + R3 R1
R2

Definition 7.1:
Funktionen von n reellen Variablen sind Abbildungen vom Raum Rn in die Menge der reellen Zahlen, d.h.
einem Vektor x = (x1 , x2 , . . . , xn ) wird in eindeutiger Weise eine Zahl y = f (x) = f (x1 , x2 , . . . , xn )
zugeordnet. Dabei gelten die folgenden Bezeichnungen:
x1 , x2 , . . . , xn : unabhängige Variable
f (x1 , x2 , . . . , xn ) : Funktionswert

Es ist zu beachten, dass im Zusammenhang mit Funktionen mehrerer reeller Variabler die Vektoren aus dem
Raum Rn stets als Zeilenvektoren geschrieben werden (im Skript zur Vorlesung Mathematik 1, Abschnitt 2.6,
wurden Vektoren aus dem Raum Rn als Spaltenvektoren eingeführt).

Definitionsbereich und Wertebereich von Funktionen mehrerer reeller Variabler


Sei f (x) = f (x1 , x2 , . . . , xn ) eine Funktion mehrerer reeller Variabler.
Der Definitionsbereich Df der Funktion f umfasst die Menge aller Vektoren x = (x1 , x2 , . . . , xn ),
denen durch f ein Funktionswert y zugeordnet werden kann (vgl. Definition 7.1).
Unter dem Wertebereich Wf der Funktion f versteht man die Menge derjenigen Werte y ∈ R, für die
es (mindestens) ein x gibt mit y = f (x).

Beispiel 7.2:

31
Von der bisher verwendeten Bezeichnungsweise: f (x1 , x2 , . . . , xn ) für eine Funktion von n reellen Variablen
wird häufig abgewichen, wenn n = 2 oder n = 3 gilt.

Schreibweise für Funktionen von zwei oder drei reellen Variablen (n = 2 oder n = 3)
Für Funktionen mit zwei unabhängigen Variablen wird anstelle von y = f (x1 , x2 ) häufig z = f (x, y)
geschrieben.
Für Funktionen mit drei unabhängigen Variablen ist anstatt von y = f (x1 , x2 , x3 ) auch die Schreibweise
u = f (x, y, z) üblich.

Im weiteren sollen verschiedene Möglichkeiten zur Darstellung von Funktionen zweier reeller Variabler aufge-
zeigt werden.
Darstellungsformen von Funktionen zweier unabhängiger Variabler:
1) Funktionsgleichung
Bei der Darstellung in Form einer Funktionsgleichung (siehe dazu Definition 7.1) wird noch die folgende
Unterscheidung getroffen:
explizite Darstellung (d.h. aufgelöst nach z): z = f (x, y),
z.B.: z = 2x + y − 4 oder z = x2 − y 2
implizite Darstellung: F (x, y, z) = 0,
z.B.: x2 + y 2 + z 2 − 1 = 0 oder 6x + y − z + 5 = 0

2) Funktionstabelle (Wertetabelle)
Die Wertetabelle einer Funktion von zwei Variablen hat die Gestalt einer Matrix, da jeweils Paare (x, y)
gebildet werden und dann der entsprechende Funktionswert zugeordnet wird. Als Beispiel wird die Werte-
tabelle der Funktion z = 2x + y − 4 für x = 0, 1, 2 und y = 0, 1, 2 angegeben.

y 0 1 2
x
0 -4 -3 -2
1 -2 -1 0
2 0 1 2

3) Darstellung als Fläche im Raum R3


Während die Veranschaulichung von Funktionen einer reellen Variablen in einem ebenen Koordinatensystem
erfolgt, muss zur grafischen Darstellung von Funktionen zweier reeller Variabler ein räumliches Koordinaten-
system verwendet werden. Der Funktionswert z besitzt dann die Bedeutung einer Höhenkoordinate, und das
Bild der Funktion ist eine Fläche im Raum R3 .
Beispiel 7.3:
a) Der linearen Funktion ax+by+cz +d = 0 (a, b, c, d ∈ R) entspricht im räumlichen Koordinatensystem
eine Ebene.

b) Grafische Darstellung der Funktion


z = f (x, y) = −16xy(1 − x)(1 − y)
für 0 ≤ x ≤ 1, 0 ≤ y ≤ 1
f (x, y)

y x

32
c) Grafische Darstellung der Funktion
z = f (x, y) = x0.25 · y 0.75
für 1 ≤ x ≤ 10, 1 ≤ y ≤ 10
Funktionen vom Typ f (x, y) = xα · y β
(oder mit anderen Bezeichnungen der Va-
riablen) finden Anwendung als Produk-
tionsfunktionen in der Betriebswirtschafts- f (x, y)
lehre. Sie beschreiben den Zusammen-
hang zwischen Produktionsfaktoren und
Produktionsergebnis.

y x

4) Veranschaulichung mit Hilfe von Niveaulinien


Die Menge der Punkte in der (x, y)-Ebene, an denen eine Funktion f (x, y) einen konstanten Wert
f (x, y) = c hat, heißt Niveaulinie von f . Eine Niveaulinie entsteht als Projektion der Schnittkurve der Ebe-
ne z = c mit der Fläche z = f (x, y) in die (x, y)-Ebene.
Beispiel 7.4:
Durch Rotation der Normalparabel z = x2 um die z-Achse entsteht ein Rotationsparaboloid (siehe Bild 7.1a)).
Die Mantelfläche dieses Rotationsparaboloids hat die Funktionsgleichung
z = f (x, y) = x2 + y 2 .
Die Niveaulinien dieses Rotationsparaboloids sind:
z = f (x, y) = const. = c , d.h. x2 + y 2 = c .

⇒ Für jeden positiven Wert des Parameters c erhält man als Niveaulinie einen Kreis mit dem Radius c
um den Koordinatenursprung. Bild 7.1b) zeigt einige Niveaulinien der Funktion z = f (x, y) = x2 + y 2 .

z y6 Niveaulinien für z = 1,
6
z = 2, z = 3, z = 4, z = 5
q
z = x2 + y 2

q -
H
H x
H Schnittkurve der Ebene
z = c mit der Fläche
z = x2 + y 2

-
y


x
)


Bild 7.1a) Bild 7.1b)

Bemerkung:
Bei einer Funktion, die von 3 Variablen abhängt, sind durch die Gleichung f (x, y, z) = const. = c die
Niveauflächen gegeben.

7.2 Partielle Ableitungen


7.2.1 Grenzwert, Stetigkeit, partielle Ableitungen 1. Ordnung
Zunächst werden die Begriffe Grenzwert“ und Stetigkeit“ für Funktionen mehrerer reeller Variabler formuliert.
” ”
Dabei werden Funktionen von zwei reellen Variablen betrachtet, d.h. z = f (x, y). Die Aussagen lassen sich
sinngemäß auf Funktionen von n Variablen (n ≥ 3) übertragen.
Bei der Untersuchung von Grenzwerten von einer Funktion einer reellen Variablen9 (d.h. y = f (x)) wurde das
9
siehe Abschnittt 5.2 im Skript zur Vorlesung Mathematik 1
33
Verhalten der Funktionswerte bei Annäherung an eine Stelle x0 des Definitionsbereiches von f (x) untersucht.
Jetzt muss das Verhalten der Funktionswerte bei Annäherung an eine Stelle (x0 , y0 ) ∈ Df für z = f (x, y)
betrachtet werden.

Es gilt: limn→∞ (xn , yn ) = (x0 , y0 ), wenn zugleich die Zahlenfolge {xn } gegen x0 und die Zahlenfol-
ge {yn } gegen y0 strebt. Dabei ist es nicht von Bedeutung, welche Folgen {(xn , yn )} das Variablenpaar
durchläuft (anschaulich: eine Folge von Punkten mit den Koordinaten (xn , yn ) in der (x, y)-Ebene kann
sich entlang verschiedener Kurven dem Punkt (x0 , y0 ) nähern).

Damit kann der Begriff des Grenzwertes für eine Funktion zweier reeller Variabler eingeführt werden.

Definition 7.2: Eine Funktion z = f (x, y) sei in einer Umgebung der Stelle (x0 , y0 ) definiert.
Gilt dann für jede Folge {(xn , yn )}, (xn , yn ) ∈ Df , mit limn→∞ (xn , yn ) = (x0 , y0 ) :

lim f (xn , yn ) = g ,
n→∞

dann heißt g der Grenzwert von f an der Stelle (x0 , y0 ).


Schreibweise: lim(x,y)→(x0 ,y0 ) f (x, y) = g

Mit Hilfe des Grenzwertbegriffes kann nun auch die Stetigkeit einer Funktion zweier reeller Variabler definiert
werden.

Definition 7.3: Eine in (x0 , y0 ) und in einer gewissen Umgebung von (x0 , y0 ) definierte Funktion
z = f (x, y) ist an der Stelle (x0 , y0 ) stetig, wenn der Grenzwert lim(x,y)→(x0 ,y0 ) f (x, y) existiert und
lim(x,y)→(x0 ,y0 ) f (x, y) = f (x0 , y0 ) gilt. Eine Funktion, die an jeder Stelle ihres Definititionsbereiches
stetig ist, wird als stetige Funktion bezeichnet.

Beispiel 7.5:
Die bereits im Beispiel 7.4 betrachtete Funktion z = f (x, y) = x2 + y 2 ist eine stetige Funktion.
Beispiel 7.6: (Beispiel für eine Funktion, die an einer Stelle unstetig ist)

4xy

 für (x, y) 6= (0, 0)
Sei f (x, y) = x2 + y 2
0 für (x, y) = (0, 0) .

Diese Funktion ist in (0, 0) zwar definiert, aber


nicht stetig, da sie dort keinen Grenzwert hat. f (x, y)

x
y

Um diese Aussage zu begründen, wird die Funktion f (x, y) zunächst längs der x-Achse (d.h. für y = 0) betrach-
tet. Dort gilt:
4·x·0
f (x, 0) = = 0 für x 6= 0 ⇒ lim f (x, 0) = 0 .
x2 + 0 2 x→0

Längs der Geraden x = y gilt jedoch:


4·x·x
f (x, x) = = 2 für x 6= 0 ⇒ lim f (x, x) = 2 .
x2 + x2 x→0

34
Nun soll der Begriff der Ableitung auf Funktionen mehrerer reeller Variabler übertragen werden. Dies führt zur
Definition der partiellen Ableitung.

Definition 7.4: Unter den partiellen Ableitungen 1. Ordnung einer Funktion z = f (x, y) an der Stelle
(x0 , y0 ) versteht man die folgenden Grenzwerte (falls sie existieren):
∂f f (x0 + ∆x, y0 ) − f (x0 , y0 )
(x0 , y0 ) = fx (x0 , y0 ) = lim (108)
∂x ∆x→0 ∆x

(partielle Ableitung 1. Ordnung nach x)

∂f f (x0 , y0 + ∆y) − f (x0 , y0 )


(x0 , y0 ) = fy (x0 , y0 ) = lim (109)
∂y ∆y→0 ∆y

(partielle Ableitung 1. Ordnung nach y).

Es sei darauf hingewiesen, dass bei Funktionen von mehreren reellen Variablen für die Ableitungen niemals das
Symbol d“, sondern immer das Symbol ∂ “ (wie in Definition 7.4) zu verwenden ist.
” ”
Im Abschnitt 5.3.1 (siehe Skript zur Vorlesung Mathematik 1) wurde die erste Ableitung einer Funktion von
einer reellen Variablen als Anstieg der Kurventangente in dem betreffenden Kurvenpunkt gedeutet. Auch die
partiellen Ableitungen einer Funktion z = f (x, y) lassen eine geometrische Deutung zu. Die partielle Ableitung
dieser Funktion nach der Variablen x (bzw. y) entspricht dem Anstieg der Flächentangente im Flächenpunkt
P (x0 , y0 , z0 ) in der positiven x- (bzw. y-) Richtung.

Berechnung der partiellen Ableitungen 1. Ordnung einer Funktion f (x, y)


∂f
Berechng. der Ableitung : Die Variable y wird als Konstante betrachtet und dann werden (bzgl. x)
∂x
die Ableitungsregeln für Funktionen einer reellen Variablen angewendet.
∂f
Berechng. der Ableitung : Die Variable x wird als Konstante betrachtet und dann werden (bzgl. y)
∂y
die Ableitungsregeln für Funktionen einer reellen Variablen angewendet.

Beispiel 7.7:

Völlig analog zu Definition 7.4 können die partiellen Ableitungen 1. Ordnung für eine Funktion von n reellen
Variablen (d.h. für f (x1 , x2 , . . . , xn )) eingeführt werden. Bei der Berechnung der partiellen Ableitung fxi
(i = 1, 2, . . . , n) werden alle Variablen außer xi als Konstante betrachtet, dann kommen wieder die Ableitungs-
regeln für Funktionen einer reellen Variablen zur Anwendung.
Beispiel 7.8:

Partielle Differenzierbarkeit
Eine Funktion f (x1 , x2 , . . . , xn ) heißt partiell differenzierbar, wenn alle partiellen Ableitungen fxi
(i = 1, 2, . . . , n) existieren.

Ergänzung zu Beispiel 7.8:


Die in diesem Beispiel betrachteten Funktionen sind partiell differenzierbar, da jeweils die partiellen Ableitungen
nach allen Variablen existieren.

7.2.2 Partielle Ableitungen höherer Ordnung


Falls die partiellen Ableitungen fxi einer Funktion f (x1 , x2 , . . . , xn ) nochmals nach einer der Variablen xj
(j = 1, 2, . . . , n) differenzierbar sind, kann man partielle Ableitungen 2. Ordnung bilden. Wenn möglich,
können durch weitere Differentiation partielle Ableitungen k-ter Ordnung (k ≥ 3) gebildet werden.
35
Die partiellen Ableitungen 2. Ordnung einer Funktion f (x, y)

∂2f ∂2f
   
∂ ∂f ∂ ∂f
fxx = = fyy = =
∂x2 ∂x ∂x ∂y 2 ∂y ∂y

∂2f ∂2f
   
∂ ∂f ∂ ∂f
fxy = = fyx = =
∂x∂y ∂y ∂x ∂y∂x ∂x ∂y

∂2f
 
∂ ∂f
Für Funktionen f (x1 , x2 , . . . , xn ) gilt analog: fxi xj = = .
∂xi ∂xj ∂xj ∂xi
Beispiel 7.9:

Bei der Bildung partieller Ableitungen 3. Ordnung gibt es für eine Funktion zweier Variabler bereits 23 = 8
Möglichkeiten. Aus diesem Grund wird nur ein Beispiel für eine partielle Ableitung 3. Ordnung aufgeführt:
∂3f ∂2f
 

fxxy = =
∂x2 ∂y ∂y ∂x2

Nun soll noch eine weitere wichtige Eigenschaft von partiellen Ableitungen höherer Ordnung behandelt werden.
Die Ableitungen der im Beispiel 7.9 betrachteten Funktion besitzen offensichtlich die Eigenschaft: fxy = fyx .
Dies ist kein Zufall, denn es gilt der folgende Satz.

Satz von Schwarz (Vertauschbarkeit der Differentiationsreihenfolge)


Bei partiellen Ableitungen k-ter Ordnung (k ≥ 2) darf die Reihenfolge der einzelnen Differentiationsschritte
vertauscht werden, wenn die partiellen Ableitungen stetige Funktionen sind.

Beispiel 7.10:
Sei f (x, y) = x3 sin y + e2y cos x.

36
7.2.3 Differentiation nach einem Parameter (verallgemeinerte Kettenregel)
Sei z = f (x, y) eine Funktion der beiden unabhängigen Variablen x und y, die wiederum von einem reellen
Parameter abhängen: x = x(t), y = y(t) (t1 ≤ t ≤ t2 ). Durch Einsetzen dieser Parametergleichungen in die
Funktionsgleichung z = f (x, y) entsteht eine zusammengesetzte (verkettete) Funktion des Parameters t:

z = z(t) = f (x(t), y(t)) . (110)

Die Berechnung der Ableitung dieser Funktion nach der Variablen t erfolgt mit Hilfe der verallgemeinerten
Kettenregel.
Verallgemeinerte Kettenregel
Die Funktionen x(t) und y(t) seien stetig differenzierbar nach der Variablen t und die Funktion f (x, y)
besitze stetige partielle Ableitungen nach den Variablen x und y. Dann ist die Funktion z aus (110) stetig
dz
differenzierbar nach t und ihre Ableitung ż = wird wie folgt berechnet:
dt
dz ∂z dx ∂z dy
ż = = · + · = zx · ẋ + zy · ẏ (111)
dt ∂x dt ∂y dt

Es ist zu beachten, dass in der Formel (111) die Ableitungen von z nach x bzw. y als partielle Ableitungen
geschrieben werden, die Ableitungen von x bzw. y nach t jedoch als gewöhnliche“ Ableitungen (da die Funk-

tionen x und y jeweils nur von einer Variablen, nämlich t, abhängen).
Die verallgemeinerte Kettenregel wird z.B. dann angewendet, wenn die Ableitung einer Funktion längs einer in
Parameterdarstellung gegebenen Kurve zu berechnen ist.
Beispiel 7.11:
Sei z = f (x, y) = x · ln y mit x = x(t) = sin t, y = y(t) = cos t, wobei 3π 2 < t ≤ 2π gelte (dann gilt:
y = cos t > 0, so dass ln y definiert und somit auch differenzierbar ist).
Nach Formel (111) erhält man für die Ableitung der Funktion z = z(t) = sin t · ln(cos t):
dz 1 1
ż = = zx · ẋ + zy · ẏ = ln y · cos t + x · · (− sin t) = ln(cos t) · cos t + sin t · · (− sin t)
dt y cos t
= ln(cos t) · cos t − tan t · sin t.

Bemerkung:
Die Aussage von Formel (111) kann auf Funktionen von n reellen Variablen verallgemeinert werden. Die Varia-
dF
blen x1 , x2 , . . . , xn seien selbst wieder Funktionen des reellen Parameters t. Dann gilt für die Ableitung
dt
der Funktion F (t) = f (x1 (t), x2 (t), . . . , xn (t)):
dF ∂f dx1 ∂f dx2 ∂f dxn
= · + · + ... + · .
dt ∂x1 dt ∂x2 dt ∂xn dt

7.3 Das totale Differential einer Funktion


7.3.1 Definition und Anwendung in der Fehlerrechnung

Definition 7.5: Unter dem totalen (oder vollständigen) Differential einer partiell differenzierbaren Funk-
tion f (x1 , x2 , . . . , xn ) versteht man den Ausdruck
∂f ∂f ∂f
df = dx1 + dx2 + . . . + dxn = fx1 dx1 + fx2 dx2 + . . . + fxn dxn . (112)
∂x1 ∂x2 ∂xn

Mit Hilfe des totalen Differentials kann geschätzt werden, wie sich eine geringfügige Änderung der unabhängi-
gen Variablen x1 , x2 , . . . , xn auf eine daraus abgeleitete Größe auswirkt. Seien ∆x1 , ∆x2 , . . . , ∆xn die
(sehr kleinen) Änderungen der Argumente x1 , x2 , . . . , xn der Funktion f , dann kann ∆x1 = dx1 ,
∆x2 = dx2 , . . . , ∆xn = dxn gewählt werden, und es gilt: ∆f ≈ df , wobei ∆f die Änderung des Funktions-
wertes von f bezeichnet.
Beispiel 7.12:
37
Die soeben beschriebene Eigenschaft des totalen Differentials begründet dessen Anwendung in der Fehlerrech-
nung, da die geringfügigen Änderungen“ der Argumente x1 , x2 , . . . , xn auch Messfehler sein können. Es gilt

die folgende Aussage:

Lineares Fehlerfortpflanzungsgesetz
Wird eine Größe y berechnet aus y = f (x1 , x2 , . . . , xn ) und sind die Eingangsgrößen x1 , x2 , . . . , xn
mit den Fehlern ∆x1 , ∆x2 , . . . , ∆xn behaftet, so lässt sich der Fehler ∆y der abgeleiteten Größe y
wie folgt schätzen:

|∆y| ≈ |fx1 | · |∆x1 | + |fx2 | · |∆x2 | + . . . + |fxn | · |∆xn | . (113)

Beispiel 7.13:

7.3.2 Implizite Differentiation


Eine Funktionskurve sei in der impliziten Darstellung F (x, y) = 0 gegeben (vgl. Abschnitt 7.1). Unter den
Voraussetzungen, dass in der Umgebung eines Punktes P (x, y) stetige partielle Ableitungen Fx und Fy existieren
sowie Fy (x, y) 6= 0 gilt, kann die Ableitung y 0 in diesem Punkt nach der folgenden Formel berechnet werden:
dy Fx (x, y)
= y0 = − . (114)
dx Fy (x, y)

Begründung für die Formel (114):


Unter den gegebenen Voraussetzungen beschreibt die implizite Darstellung F (x, y) = 0 in der Umgebung des
betrachteten Punktes P (x, y) tatsächlich eine differenzierbare Funktion f : y = f (x). Die Funktionsgleichung
F (x, y) = 0 wird nun als Sonderfall der Funktionsgleichung z = F (x, y) mit z = 0 betrachtet. Für das totale
Differential dz gilt dann einerseits dz = 0 und andererseits (vgl. Formel (112)): dz = Fx (x, y)dx + Fy (x, y)dy.
Nach Gleichsetzen und Umstellen ergibt sich die Beziehung (114).
Die Bedeutung der Formel (114) liegt darin, dass die Differentiation einer Funktion auch dann möglich ist, wenn
diese nicht in der expliziten Form y = f (x) darstellbar ist bzw. die Auflösung nach y sehr aufwändig wäre.
So kann z.B. der Anstieg einer Kurventangente auch dann berechnet werden, wenn die Funktion nicht in der
expliziten Darstellung vorliegt. Eine solche Situation wird in dem folgenden Beispiel betrachtet.
Beispiel 7.14: y
6

-
x

7.4 Extrema von Funktionen mehrerer Variabler


7.4.1 Begriff des Extremums

Definition 7.6: Eine Funktion f (x1 , x2 , . . . , xn ) besitzt an der Stelle (x∗1 , x∗2 , . . . , x∗n ) ein lokales
Maximum (bzw. ein lokales Minimum), wenn in einer gewissen Umgebung dieser Stelle stets gilt:

f (x∗1 , x∗2 , . . . , x∗n ) > f (x1 , x2 , . . . , xn ) (bzw. f (x∗1 , x∗2 , . . . , x∗n ) < f (x1 , x2 , . . . , xn )), (115)

wobei (x1 , x2 , . . . , xn ) 6= (x∗1 , x∗2 , . . . , x∗n ).


Wenn die Ungleichung (115) an jeder Stelle (x1 , x2 , . . . , xn ) des Definitionsbereiches Df erfüllt ist, dann
liegt ein globales Maximum (bzw. ein globales Minimum) vor.

38
Maxima und Minima werden unter dem Begriff Extrema“ zusammengefasst.

Für eine Funktion zweier Variabler (d.h. z = f (x, y)), welche als Fläche im Raum R3 dargestellt werden kann,
ist die folgende anschauliche Interpretation möglich: einem lokalen Maximum (bzw. Minimum) entspricht ein
Punkt dieser Fläche, welcher höher“ (bzw. tiefer“) liegt als alle anderen in der Umgebung befindlichen Punkte
” ”
der Fläche.
Beispielsweise besitzt die im Bild 7.1a) (siehe Abschnitt 7.1) dargestellte Funktion z = x2 + y 2 an der Stel-
le (0, 0) ein lokales Minimum mit dem Funktionswert z = 0. Die Überlegung, dass x2 + y 2 ≥ 0 für alle
(x, y) ∈ R2 gilt und insbesondere x2 + y 2 = 0 nur für x = y = 0 möglich ist, führt zu der Aussage, dass an der
Stelle (0, 0) sogar ein globales Minimum der betrachteten Funktion vorhanden ist.
Allgemeine Verfahren zur Berechnung lokaler Extrema werden in den nachfolgenden Abschnitten erläutert. Da-
bei werden ausschließlich Funktionen zweier Variabler, d.h. z = f (x, y), betrachtet.

7.4.2 Extrema ohne Nebenbedingungen


Wie auch bei Funktionen einer reellen Variablen (siehe Abschnitt 5.4.2 im Skript zur Vorlesung Mathematik 1)
werden notwendige und hinreichende Bedingungen für das Vorhandensein lokaler Extrema bei Funktionen meh-
rerer reeller Variabler formuliert.

Notwendige Bedingungen für das Vorliegen eines lokalen Extremums


Die notwendigen Bedingungen für das Vorliegen eines lokalen Extremums einer partiell differenzierbaren
Funktion f (x, y) an der Stelle (x∗ , y ∗ ) lauten:

fx (x∗ , y ∗ ) = 0 und fy (x∗ , y ∗ ) = 0 . (116)

Eine Stelle, für die die Bedingungen (116) erfüllt sind, wird als stationäre Stelle bezeichnet.

Die Bedingungen (116) können wie folgt anschaulich interpretiert werden: ein lokales Extremum einer Funktion
zweier Variabler kann nur dort vorliegen, wo die Tangentialebene10 an die Fläche z = f (x, y) parallel zur
(x, y)-Ebene verläuft. Die genannten Bedingungen sind jedoch nicht hinreichend, wie das folgende Beispiel
zeigt.
Beispiel 7.15:
Für die Funktion z = f (x, y) = x2 − y 2 (siehe Bild 7.2)
gilt zwar: fx (0, 0) = fy (0, 0) = 0, aber an der Stelle (0, 0)
liegt kein lokales Extremum vor.
Begründung: Es werden die Werte der Funktion f in der
Umgebung der Stelle (0, 0) betrachtet, und zwar speziell:
f (0, y) (d.h. x = 0 fest, y 6= 0 variabel). Es gilt:
f (0, y) = 02 − y 2 = −y 2 < 0 ⇒ wegen f (0, 0) = 0
kann an der Stelle (0, 0) kein lokales Minimum vorliegen.
Andererseits ist f (x, 0) = x2 − 02 = x2 > 0 ⇒ an der
Stelle (0, 0) kann somit auch kein lokales Maximum vor-
liegen. An der Stelle (0, 0) liegt eine Sattelstelle vor. Die
Fläche z = x2 − y 2 besitzt die Form eines Sattels und
Bild 7.2
wird daher auch als Sattelfläche bezeichnet.

Zur Formulierung hinreichender Bedingungen für das Vorliegen eines lokalen Extremums wird noch die Hesse-
Matrix der Funktion f benötigt. Diese wird aus den partiellen Ableitungen 2. Ordnung gebildet.

Definition 7.7: Unter der Voraussetzung, dass die partiellen Ableitungen zweiter Ordnung der Funktion
f (x, y) existieren, lautet die Hesse-Matrix Hf (x, y) dieser Funktion:
 
fxx (x, y) fxy (x, y)
Hf (x, y) = .
fyx (x, y) fyy (x, y)

10
Die Tangentialebene an die Fläche z = f (x, y) im Punkt P0 (x0 , y0 , f (x0 , y0 )) berührt diese Fläche in P0 und enthält alle Tangen-
ten, die in P0 an diese Fläche gelegt werden können.
39
Hinreichende Bedingungen für das Vorliegen eines lokalen Extremums
Die hinreichenden Bedingungen für das Vorliegen eines lokalen Extremums der Funktion f (x, y)
an der Stelle (x∗ , y ∗ ) lauten:
(I) Die Bedingung (116) ist erfüllt, d.h. (x∗ , y ∗ ) ist eine stationäre Stelle.
(II) Die Determinante der Hesse-Matrix Hf (x, y) hat an der Stelle (x∗ , y ∗ ) einen positiven Wert,
d.h. es gilt: ∆ = det Hf (x∗ , y ∗ ) > 0.

Die Entscheidung, ob es sich um ein lokales Maximum oder ein lokales Minimum handelt, kann mit Hilfe der
Ableitung fxx an der Stelle (x∗ , y ∗ ) getroffen werden. Es gilt die folgende Aussage:

Entscheidung über die Art des lokalen Extremums


Die hinreichenden Bedingungen für ein lokales Extremum der Funktion f (x, y) seien an einer Stelle (x∗ , y ∗ )
erfüllt.
Gilt dann: fxx (x∗ , y ∗ ) < 0 , so liegt in (x∗ , y ∗ ) ein lokales Maximum vor.
In dem Fall fxx (x∗ , y ∗ ) > 0 liegt in (x∗ , y ∗ ) ein lokales Minimum vor.

Wenn an einer Stelle (x∗ , y ∗ ) nur die o.g. Bedingung (I) erfüllt ist, aber ∆ < 0 gilt, dann handelt es sich um
eine Sattelstelle. Dies bedeutet, dass die betrachtete Funktion an dieser Stelle einen Sattelpunkt besitzt.
Wenn an einer Stelle (x∗ , y ∗ ) die o.g. Bedingung (I) erfüllt ist sowie ∆ = 0 gilt, kann noch keine Entscheidung
bzgl. des Vorhandenseins eines lokalen Extremums getroffen werden. Auf diesen Fall wird hier nicht näher
eingegangen.
Bei der Berechnung lokaler Extrema ist zu beachten, dass das Aufstellen der Bedingung (116) häufig auf ein
nichtlineares Gleichungssystem mit den beiden Variablen x und y führt, dessen Auflösung sich möglicherweise
schwierig gestaltet (ggf. kann der solve-Befehl des Taschenrechners genutzt werden).
Beispiel 7.16:
a) Das Vorhandensein eines lokalen Minimums der Funktion z = f (x, y) = x2 + y 2 an der Stelle (0, 0)
wurde im Abschnitt 7.4.1 anschaulich begründet. Nun soll diese Funktion rechnerisch auf lokale Extrema
und Sattelpunkte untersucht werden.
Überprüfung der Bedingung (I): wegen fx = 2x und fy = 2y liegt genau eine stationäre Stelle vor, nämlich
(x∗ , y ∗ ) = (0, 0).
Überprüfung der Bedingung (II): die noch benötigten Ableitungen lauten: fxx = 2, fxy = fyx = 0 sowie
fyy = 2. Damit lautet die Hesse-Matrix:
 
2 0
Hf (x, y) = . (In diesem speziellen Fall besitzt Hf für alle (x, y) ∈ R2 den gleichen Wert!)
0 2

Somit gilt ∆ = det Hf (0, 0) = 4 > 0, d.h. in (0, 0) liegt tatsächlich ein lokales Extremum vor. Wegen
fxx = 2 > 0 handelt es sich um ein lokales Minimum, der zugehörige Funktionswert ist
f (0, 0) = 02 + 02 = 0.
Aus den obigen Überlegungen folgt weiterhin, dass die betrachtete Funktion kein lokales Maximum und
keinen Sattelpunkt besitzt.

b) Berechnung der lokalen Extrema der Funktion z = f (x, y) = 3xy − x3 − y 3

40
7.4.3 Extrema mit Nebenbedingungen
Bei den bisherigen Betrachtungen wurden die lokalen Extrema im gesamten Definitionsbereich der Funktion
gesucht, d.h. die unabhängigen Variablen x und y unterlagen keinen zusätzlichen Einschränkungen (Neben-
bedingungen).
Die Modellierung von Praxisproblemen führt jedoch häufig auf Funktionen, bei denen die unabhängigen Varia-
blen durch eine Neben- oder Kopplungsbedingung miteinander verbunden sind, d.h. zusätzlich zur Funktions-
gleichung liegt eine weitere Gleichung vor. Bei der Lösung derartiger Problemstellungen sind zwei verschiede-
ne Herangehensweisen möglich: die Eliminationsmethode (siehe Abschnitt 7.4.3.1) und die Lagrange-Methode
(siehe Abschnitt 7.4.3.2).

7.4.3.1 Die Eliminationsmethode


Bei der Eliminationsmethode wird - wie der Name schon vermuten lässt - eine der vorkommenden Variablen
aus der Funktion beseitigt“. Dies geschieht, indem die gegebene Nebenbedingung (NB) nach einer Variablen

aufgelöst wird. Anschließend wird diese Variable in der Funktion, deren Extrema gesucht sind, ersetzt (d.h.
die Anzahl der Variablen wird um 1 verringert). Die Durchführung dieser Methode wird anhand der beiden
nachfolgenden Beispiele verdeutlicht.
Beispiel 7.17:
Aus einem Baumstamm mit kreisrundem Querschnitt soll ein Balken mit rechteckigem Querschnitt so heraus-
b · h2
geschnitten werden, dass sein Widerstandsmoment W (b, h) = maximal wird. Dabei bezeichnet b die
6
Balkenbreite und h die Balkenhöhe.

In diesem Beispiel konnte die Berechnung eines Extremums einer Funktion mit zwei Variablen auf Grund der
zu erfüllenden NB auf die Ermittlung eines Extremums einer Funktion mit einer Variablen (vgl. auch Ab-
schnitt 5.4.2 im Skript zur Vorlesung Mathematik 1) zurückgeführt werden.
In dem nun folgenden Beispiel ist ein Extremum einer Funktion mit drei Variablen unter einer NB gesucht. Die
Elimination einer dieser Variablen führt auf die Bestimmung eines Extremums einer Funktion mit zwei Variablen
(vgl. Abschnitt 7.4.2).
41
Beispiel 7.18:
Bei der Herstellung quaderförmiger, nach oben offener Behälter mit
einem Fassungsvermögen von V = 4 l soll möglichst wenig Mate-
rial verbraucht werden, d.h. die Oberfläche AO eines Quaders ohne
Deckfläche bei fest vorgegebenem Volumen ist zu minimieren. y
z

7.4.3.2 Die Lagrange-Methode (Lagrangesche Multiplikatorenmethode)


Die Lagrange-Methode kommt zur Anwendung, wenn die Eliminationsmethode nicht durchführbar ist, d.h. wenn
- die Auflösung der NB nach einer Variablen nicht möglich oder zu aufwändig ist oder
- die Elimination einer Variablen zu einer sehr komplizierten Funktion führt.
Das Grundprinzip der Lagrange-Methode besteht in der Einführung einer zusätzlichen Variablen λ, Lagrange-
scher Multiplikator genannt. Diese wird in eine Hilfsfunktion eingebracht, deren Extrema bestimmt werden.

Durchführung der Lagrange-Methode


Gegeben sei die Funktion z = f (x, y).
Zu ermitteln sind die Extrema dieser Funktion unter der NB: ϕ(x, y) = 0.
Dazu wird wie folgt vorgegangen:
1) Einführung der Hilfsvariablen λ (Lagrangescher Multiplikator) und Aufstellen der Hilfsfunktion

F (x, y, λ) = f (x, y) + λϕ(x, y)

2) Berechnung der Koordinaten (x, y) der extremwertverdächtigen Stellen aus dem (i.allg. nichtlinearen)
Gleichungssystem

Fx (x, y, λ) = fx (x, y) + λϕx (x, y) = 0


Fy (x, y, λ) = fy (x, y) + λϕy (x, y) = 0 (117)
Fλ (x, y, λ) = ϕ(x, y) = 0

42
Um dann zu entscheiden, ob tatsächlich ein Extremum vorliegt (und um ggf. die Art des Extremums festzustel-
len), kommen die folgenden Möglichkeiten in Frage:
- In manchen Fällen kann aus der Problemstellung heraus entschieden werden, ob ein Extremum vorliegt.
- Die Frage, ob es sich um ein Minimum oder um ein Maximum handelt, kann ggf. anschaulich mit Hilfe eines
Niveauliniendiagramms (siehe Abschnitt 7.1) geklärt werden.
- Wenn gilt: Fxx ϕ2y − 2Fxy ϕx ϕy + Fyy ϕ2x < 0 , dann liegt ein Maximum vor.
In dem Fall Fxx ϕ2y − 2Fxy ϕx ϕy + Fyy ϕ2x > 0 liegt ein Minimum vor.

Beispiel 7.19: Berechnung der maximalen Beleuchtungsstärke11


Ein fester Punkt A einer ebenen Bühne wird durch eine x Lichtquelle
punktförmige, in der Höhe h verstellbare Lichtquelle mit der
QQ
α Q
konstanten Lichtstärke I0 beleuchtet. Die im Punkt A erzeugte Q
Q
Beleuchtungsstärke B genügt dem Lambertschen Gesetz: Q
Q r
Q
h
I0 cos α Q
B = B(α, r) = Q
r2 Q
Q A
Q
a (fest) Qt
(α: Einfallswinkel des Lichtes, r: Abstand zwischen
Lichtquelle und Punkt A). 0 Bühne
Bild 7.3

Die Fragestellung lautet: Unter welchem Winkel α wird der Punkt A maximal beleuchtet?
Zur Beantwortung dieser Frage wird der Sachverhalt wie folgt mathematisch formuliert:
Gesucht ist das Maximum der Funktion B(α, r) unter der Nebenbedingung ϕ(α, r) = r sin α − a = 0
a
(Beziehungen im rechtwinkligen Dreieck: sin α = , siehe Bild 7.3).
r
Bei Anwendung der Lagrange-Methode wird zunächst die Hilfsfunktion F (r, α, λ) gebildet:
I0 cos α
F (r, α, λ) = B(α, r) + λ · ϕ(α, r) = + λ · (r sin α − a) .
r2
Analog zu (117) wird das Gleichungssystem aufgestellt:
2I0 cos α
Fr = − + λ sin α = 0 (I)
r3
I0 sin α
Fα = − + λr cos α = 0 (II)
r2
Fλ = r sin α − a = 0 (III)

Die Gleichungen (I) und (II) werden jeweils nach λ umgestellt und gleichgesetzt:

2I0 cos α I0 sin α


= 3 ⇒ 2 cos2 α = sin2 α ⇒ 2 = tan2 α .
r3 sin α r cos α

Die letztgenannte Gleichung
√ hat die beiden Lösungen α1 = arctan( 2) = 0.955
und α2 = arctan(− 2) = −0.955 , wobei α2 (wegen α2 < 0) sofort entfällt. Nach Umwandlung von α1 in
das Gradmaß erhält man: α1 = 54.74◦ .
Für α1 kann gezeigt werden, dass tatsächlich ein Maximum der Funktion B(α, r) vorliegt.
Schließlich soll noch die maximale Beleuchtungsstärke Bmax berechnet werden. Setzt man die Beziehung
a
r= in die o.g. Formel zur Berechnung von B(α, r) ein, dann erhält man:
sin α

I0 cos α I0 cos α I0 cos α sin2 α 0.385I0


B(α, r) = = 2 = = B(α) und mit α = α1 : Bmax = B(α1 ) = .
r2 a a2 a2

sin α

⇒ Ergebnis: Bei einem Winkel von α = 54.74◦ wird der Punkt A maximal beleuchtet, die Beleuchtungsstärke
0.385I0
beträgt in diesem Fall Bmax = .
a2
11
Quelle: L. PAPULA. Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler, Band 2, 12. Auflage (2009), S. 257-258

43
Bemerkungen:

- Der Wert der Hilfsvariablen λ selbst wird für die Berechnung der Extrema nicht benötigt. Daher kann diese
Variable ggf. bei der Auflösung des Gleichungssystems (117) eliminiert werden (wie im Beispiel 7.19).
- Die Lagrange-Methode ist sinngemäß auch anwendbar für Funktionen von n Variablen x1 , x2 , . . . , xn mit
m Nebenbedingungen ϕi (x1 , x2 , . . . , xn ) = 0, i = 1, 2, . . . , m, wobei m < n. Dann müssen insgesamt m
Hilfsvariable λ1 , λ2 , . . . , λm eingeführt werden. Analog zu (117) sind dann die Ableitungen der Hilfsfunktion
F (x1 , x2 , . . . , xn , λ1 , λ2 , . . . , λm ) nach sämtlichen Variablen, von denen sie abhängt, zu bilden und gleich
Null zusetzen.

7.5 Ausgleichsrechnung
In der Praxis tritt häufig die folgende Problemstellung auf: mit n verschiedenen Eingangsdaten xi (i = 1, 2, . . . , n)
wird ein Versuch durchgeführt, wodurch die Versuchsergebnisse yi (i = 1, 2, . . . , n) entstehen. Gesucht ist der
funktionale Zusammenhang y = f (x) zwischen den Größen x und y, d.h. eine Funktion f ist so zu bestimmen,
dass die Versuchsergebnisse möglichst gut wiedergegeben werden. Ein solches Experiment könnte z.B. die Mes-
sung der Längenänderung eines Stabes in Abhängigkeit von der Temperatur sein.
Nur selten wird die Situation eintreten, dass alle n Punkte mit den Koordinaten (xi , yi ) (i = 1, 2, . . . , n) exakt
auf einer Funktionskurve im ebenen kartesischen Koordinatensystem liegen12 . Aus diesem Grund bedient man
sich zur Lösung der beschriebenen Problemstellung der Ausgleichsrechnung. Ein klassisches Verfahren der Aus-
gleichsrechnung ist die Methode des Gaußschen Fehlerquadratminimums. Diese Methode wird im folgenden
beschrieben am Beispiel des Ausgleichs durch eine Gerade.
Gegeben seien n Punkte mit den kartesischen Koordinaten (xi , yi ), i = 1, 2, . . . , n, mit n ≥ 3 sowie xi 6= xj
für i 6= j. Nun soll eine Gerade y = f (x) = a1 x + a0 so in diese Punktmenge eingepasst werden, dass der
Trend“ in der Anordnung der Punkte möglichst gut wiedergegeben wird (siehe Bild 7.4a)). Diese Gerade wird

als Ausgleichsgerade bezeichnet. Als Kriterium für die Güte dieser Ausgleichsgeraden dient die Summe aller
Fehlerquadrate d2i (i = 1, 2, . . . , n) mit d2i = [f (xi ) − yi ]2 (zur Veranschaulichung siehe Bild 7.4b)), d.h. die
unbekannten Größen a1 und a0 sind so zu bestimmen, dass diese Summe minimal wird.
Für die Summe S der Fehlerquadrate gilt:
n
X n
X n
X
S = S(a1 , a0 ) = d2i = 2
[f (xi ) − yi ] = [a1 xi + a0 − yi ]2 . (118)
i=1 i=1 i=1

In die Berechnung von S gehen die Werte a1 , a0 , xi und yi (i = 1, 2, . . . , n ) ein, wobei xi und yi jeweils aus
dem Versuch bekannt sind. Lediglich die Werte von a1 und a0 sind bislang unbekannt, d.h. S ist eine Funktion
nur von diesen beiden Variablen.

y 6 y
6

r r f (x) = a1 x + a0  f (x) = a1 x + a0
r r  yi r 
r r r r f (xi ) 
r 
r 
r
  

- -
0 x 0 xi x

Bild 7.4a) Bild 7.4b)

12
Wenn z.B. zwischen zwei physikalischen Größen ein linearer Zusammenhang besteht, dann wird die grafische Darstellung der
Versuchsdaten in der Regel nur annähernd eine Gerade ergeben.
44
Die notwendigen Bedingungen für das Vorhandensein eines Extremums der Funktion S(a1 , a0 ) sind
∂S ∂S
(vgl. Abschnitt 7.4.2): = 0 sowie = 0. Unter Einbeziehung von (118) erhält man:
∂a1 ∂a0
n n n n
∂S X X X X
=2 [a1 xi + a0 − yi ] · xi = 0 ⇒ a1 x2i + a0 xi = xi yi
∂a1
i=1 i=1 i=1 i=1
(119)
n n n
∂S X X X
=2 [a1 xi + a0 − yi ] =0 ⇒ a1 xi + a0 n = yi ,
∂a0
i=1 i=1 i=1

d.h. es ist ein lineares Gleichungssystem zur Berechnung von a1 und a0 entstanden.
In Matrizenschreibweise lautet dieses lineare Gleichungssystem:
 P n n   P n 
x2i
P
xi   x i yi
 i=1 i=1  a1  i=1 

 P n

 a0 = P n
.
 (120)
xi n yi
i=1 i=1

Zur Lösung von (120) kann z.B. die Cramersche Regel (siehe Abschnitt 3.7.3 im Skript zur Vorlesung Mathe-
matik 1) oder der rref-Befehl des Taschenrechners verwendet werden.

Berechnung einer Ausgleichsgeradena


Gegeben seien n Punkte mit den Koordinaten (xi , yi ), i = 1, 2, . . . , n, wobei n ≥ 3 sowie xi 6= xj
für i 6= j gilt. Die Werte von a1 und a0 für die Ausgleichsgerade y = f (x) = a1 x + a0 werden
als Lösung des linearen Gleichungssystems (119) bzw. (120) berechnet.
Unter den genannten Voraussetzungen ist das lineare Gleichungssystem stets eindeutig lösbar.
a
Anstelle des Begriffs Ausgleichsgerade“ sind auch die Begriffe Regressionsgerade“ oder empirische Ausgleichsgerade“
” ” ”
gebräuchlich.

Zudem kann nachgewiesen werden, dass für die aus (119) bzw. (120) berechneten Werte von a1 und a0 tatsächlich
ein Minimum der Funktion S(a1 , a0 ) (siehe (118)) vorliegt.
Beispiel 7.20:
Der Widerstand eines metallischen Leiters in Abhängigkeit von der Temperatur T wird durch die folgende Glei-
chung beschrieben:
RT = R0 + R0 · β · T
(RT : Widerstand bei der Temperatur T , R0 : Widerstand bei der Temperatur 0◦ C, β: Temperaturkoeffizient).
Um eine Berechnung der unbekannten Größen R0 und β vornehmen zu können, wurden die folgenden Messwer-
te aufgenommen:
T [◦ C] 20 40 60 80
RT [Ω] 1.66 1.76 1.86 2.00
Gesucht ist die zugehörige Ausgleichsgerade.

45
Es ist nicht in jedem Fall sinnvoll, nach einem linearen Zusammenhang zwischen den Größen x und y zu suchen
(nach Einzeichnen der Punkte mit den Koordinaten (xi , yi ), i = 1, . . . , n, in ein ebenes Koordinatensystem
könnte anhand der Lage dieser Punkte z.B. auch ein quadratischer Zusammenhang zwischen x und y vermutet
werden). Allgemein gilt:
Wenn anstelle der Ausgleichsgeraden ein Ausgleichspolynom m-ten Grades (m ≥ 2) berechnet werden soll, ist
ein Ansatz der Form
y = f (x) = am xm + am−1 xm−1 + . . . + a1 x + a0
mit unbekannten Koeffizienten am , . . . , a0 zu wählen. Die weiteren Arbeitsschritte verlaufen ähnlich wie bei
der Berechnung der Ausgleichsgeraden: Zunächst muss eine zu (118) analoge Beziehung, jetzt mit
S = S(a0 , . . . , am ), aufgestellt werden. Dann sind die notwendigen Bedingungen für ein Minimum dieser
Funktion zu formulieren, was auf ein lineares Gleichungssystem zur Berechnung der m + 1 Unbekannten
a0 , . . . , am führt.
Diese Vorgehensweise wird für den Fall m = 2 (Berechnung einer Ausgleichsparabel13 ) in dem nachfolgenden
Beispiel demonstriert.
Beispiel 7.21: (Berechnung eines Ausgleichspolynoms m-ten Grades, hier speziell für m = 2)
Gegeben seien n Punkte (xi , yi ), i = 1, 2, . . . , n, mit n ≥ 4 sowie xi 6= xj für i 6= j. Für diese Punkte soll eine
Ausgleichsparabel berechnet werden.
Für diese Ausgleichsparabel wird der Ansatz y = f (x) = a2 x2 + a1 x + a0 mit unbekannten Koeffizienten
a2 , a1 , a0 verwendet. Die Summe der Fehlerquadrate d2i = [f (xi ) − yi ]2 , i = 1, 2, . . . , n, soll minimal werden,
d.h.:
n
X
S(a2 , a1 , a0 ) = [a2 x2i + a1 xi + a0 − yi ]2 → Min.
i=1
Notwendige Bedingungen für ein Extremum der Funktion S sind:
n
∂S X
=2· (a2 x2i + a1 xi + a0 − yi ) · x2i = 0
∂a2
i=1
n
∂S X
=2· (a2 x2i + a1 xi + a0 − yi ) · xi = 0
∂a1
i=1
n
∂S X
= 2· (a2 x2i + a1 xi + a0 − yi ) = 0 .
∂a0
i=1

Nach Ausmultiplizieren der Klammern ergibt sich das folgende lineare Gleichungssystem zur Bestimmung von
a2 , a1 , a0 (Koeffizienten in der Gleichung der Ausgleichsparabel):
n
X n
X n
X n
X
a2 · x4i + a1 · x3i + a0 · x2i = x2i yi
i=1 i=1 i=1 i=1
Xn Xn Xn Xn
a2 · x3i + a1 · x2i + a0 · xi = x i yi (121)
i=1 i=1 i=1 i=1
n
X n
X n
X
a2 · x2i + a1 · xi + a0 · n = yi .
i=1 i=1 i=1

Für die Lösung dieses Gleichungssystems kann wiederum die Cramersche Regel oder der rref-Befehl des
Taschenrechners verwendet werden.
In dem nachfolgenden Beispiel (siehe nächste Seite) erfolgt eine Berechnung mit konkreten Zahlenwerten.

13
Anstelle des Begriffs Ausgleichsparabel“ kann auch der Begriff Regressionsparabel“ verwendet werden.
” ”
46
Beispiel 7.22:
Für ein Fahrzeug ist die Abhängigkeit des Bremsweges s von der aktuellen Geschwindigkeit v festzustellen.
Es liegen die folgenden Messwerte vor:
vi [ km/h ] 40 70 100 130 150
si [ m ] 14 39 78 120 153
Die Bestimmung der Koeffizienten a2 , a1 , a0 der Ausgleichsparabel s = a2 v 2 + a1 v + a0 erfolgt mittels des
Gleichungssystems (121), dessen Koeffizienten aus den Werten der gegebenen Tabelle ermittelt werden (jetzt: vi
statt xi , si statt yi ).
n n n n
vi4 = 918 430 000 , vi3 = 6 979 000 , vi2 = 55 900 ,
P P P P
Es gilt: vi = 490 ,
i=1 i=1 i=1 i=1
n n n
vi2 si = 6 464 000 ,
P P P
vi si = 49 640 und si = 404 ,
i=1 i=1 i=1
so dass das folgende lineare Gleichungsystem entsteht:
918 430 000 · a2 + 6 979 000 · a1 + 55 900 · a0 = 6 464 000
6 979 000 · a2 + 55 900 · a1 + 490 · a0 = 49 640
55 900 · a2 + 490 · a1 + 5 · a0 = 404
Die Lösung dieses Gleichungssystems (auf vier Nachkommastellen gerundet) lautet:
a2 = 0.0044, a1 = 0.4372, a0 = −11.2334 und durch Einsetzen dieser Werte in den o.g. Ansatz ergibt sich der
(mit Hilfe der vorliegenden Messwerte ermittelte) funktionale Zusammenhang zwischen den Größen v und s.

47
7.6 Integrale über zwei- bzw. dreidimensionalen Bereichen
Der Integralbegriff soll nun auf Funktionen mehrerer reeller Variabler ausgedehnt werden. Dabei werden zwei-
dimensionale und dreidimensionale Bereichsintegrale unterschieden. Derartige Integrale finden Anwendung z.B.
bei der Berechnung von Schwerpunkten und Trägheitsmomenten von Flächen oder Körpern.

7.6.1 Zweidimensionale Bereichsintegrale: Definition und Berechnung

Definition 7.9: Die Funktion f (x, y) sei auf dem zweidimensionalen Bereich B definiert und stetig.
Weiterhin sei der Bereich B in n Teilbereiche mit den Flächeninhalten ∆B1 , ∆B2 , . . . , ∆Bn zerlegt.
Dann wird der Grenzwert
Xn
lim
n→∞
f (xk , yk ) ∆Bk
(∆Bk →0) k=1

(falls er existiert) als zweidimensionales Bereichsintegral bezeichnet.


¨
Für ein solches Integral wird die folgende Schreibweise verwendet: f (x, y) dB. Dabei sind:
B
B - Integrationsbereich
f (x, y) - Integrand
dB - Flächendifferential (oder Flächenelement)

Das zweidimensionale Bereichsintegral kann auf folgende Weise geometrisch gedeutet werden.14
Für die Funktion f (x, y) seien die in der Definition 7.9 genannten Voraussetzungen erfüllt. Des weiteren wird
ein räumlicher, zylindrischer Bereich betrachtet, der die folgenden Eigenschaften hat (siehe auch Bild 7.5):

z 6 Fläche z = f (x, y)
- Boden“ des Zylinders: Bereich B der (x, y)-Ebene Q
Q

- Deckel“ des Zylinders: die Bildfläche von z = f (x, y)
”  Mantellinien


- Die auf dem Rand des Bereiches B errichteten Mantellinien Zylinder P
P
verlaufen parallel zur z-Achse. y
  Bereich B

-
x
Bild 7.5
Wenn das Volumen dieses Zylinders bestimmt werden soll, kann wie folgt vorgegangen werden:
- Zerlegung des Bereiches B in n Teilbereiche mit den Flächeninhalten ∆B1 , ∆B2 , . . . , ∆Bn
(Zylinder wird dadurch aufgeteilt in n ”Säulen”)
- Volumen ∆Vk der k-ten Säule: ∆Vk ≈ ∆Bk zk = f (xk , yk )∆Bk (Inhalt der Grundfläche: ∆Bk ,
Näherungswert für die Höhe: Höhenkoordinate zk = f (xk , yk ) des Flächenpunktes Pk = (xk , yk ))
- Näherungswert für das Volumen V durch Aufsummieren der Säulenvolumina:
n
X n
X
V = ∆Vk ≈ f (xk , yk )∆Bk
k=1 k=1

- Verbesserung des Näherungswertes, indem Anzahl der Säulen vergrößert wird (n → ∞, wobei: ∆Bk → 0),
Grenzwert führt zum zweidimensionalen Bereichsintegral (s. oben)

14
Quelle: L. PAPULA . Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler, Band 2, 12. Auflage (2009), S. 266-268

48
Die Berechnung eines zweidimensionalen Bereichsintegrals kann auf zwei nacheinander auszuführende Integra-
tionen nach einer reellen Variablen zurückgeführt werden, d.h. es erfolgt die Berechnung eines Doppelintegrals
(siehe auch unten: Formeln (122) und (123)). Dabei können sowohl kartesische Koordinaten als auch Polarkoor-
dinaten verwendet werden.
1) Zweidimensionale Bereichsintegrale in kartesischen Koordinaten
Um die Vorgehensweise bei der Berechnung zweidimensionaler Bereichsintegrale in kartesischen Koordina-
ten beschreiben zu können, wird zunächst der Begriff des ebenen kartesischen Normalbereiches benötigt.
Ein ebener Bereich B wird als kartesischer Normalbereich bezeichnet, wenn er durch
B = {(x, y) | a ≤ x ≤ b, f1 (x) ≤ y ≤ f2 (x)} (f1 (x), f2 (x) : im Intervall [a, b] stetige Funktionen)
oder
B = {(x, y) | g1 (y) ≤ x ≤ g2 (y), a ≤ y ≤ b} (g1 (y), g2 (y) : im Intervall [a, b] stetige Funktionen)

beschrieben werden kann. Bild 7.6a) zeigt einen ebenen kartesischen Normalbereich, welcher in x-Richtung
durch die Geraden x = a und x = b sowie in y-Richtung durch die Kurven y = f1 (x) und y = f2 (x)
begrenzt wird. Bei dem in Bild 7.6b) dargestellten ebenen kartesischen Normalbereich ist die Begrenzung
in x-Richtung durch die Kurven x = g1 (y) und x = g2 (y) sowie die Begrenzung in y-Richtung durch die
Geraden y = a und y = b gegeben.

y y
6 6
b
y = f2 (x)
x = g1 (y) x = g2 (y)
B B

y = f1 (x)

a
- -
a b x x
Bild 7.6a) Bild 7.6b)

Berechnung eines Integrals über einem ebenen kartesischen Normalbereich B


Der ebene kartesische Normalbereich B sei gegeben durch: B = {(x, y)|a ≤ x ≤ b, f1 (x) ≤ y ≤ f2 (x)}
mit stetigen Funktionen f1 (x) und f2 (x) (siehe Bild 7.6a)). Dann gilt:

¨ ˆb fˆ2 (x)

f (x, y) dB = f (x, y) dy dx . (122)


B x=a y=f1 (x)

Der Ausdruck auf der rechten Seite von (122) heißt Doppelintegral. Bei der Berechnung dieses Integrals
erfolgt zuerst die innere Integration (nach der Variablen y; dabei wird x wie eine Konstante betrachtet).
Danach wird die äußere Integration (nach der Variablen x) durchgeführt.
Wenn der ebene kartesische Normalbereich in der Form B = {(x, y) | a ≤ y ≤ b, g1 (y) ≤ x ≤ g2 (y)}
mit stetigen Funktionen g1 (y) und g2 (y) (siehe Bild 7.6b)) vorliegt, dann gilt:

¨ ˆb gˆ2 (y)

f (x, y) dB = f (x, y) dx dy , (123)


B y=a x=g1 (y)

d.h. es wird zuerst nach x und anschließend nach y integriert.

Außer der soeben genannten Integrationsvorschrift, nämlich dass die Integration stets von innen nach außen
durchgeführt werden muss15 , sind weitere wichtige Regeln bei der Berechnung von Doppelintegralen zu
beachten. Diese werden im folgenden angegeben (siehe nächste Seite).
15
D.h. die Reihenfolge der Differentiale im Doppelintegral legt die Reihenfolge der Integrationen fest.

49
Weitere Regeln für die Berechnung von Doppelintegralen
1) Bei Vertauschung der Integrationsreihenfolge müssen die Integrationsgrenzen neu bestimmt werden
(Ausnahme: alle Integrationsgrenzen sind konstant, d.h. der Integrationsbereich ist ein achsenparalleles
Rechteck: B = {(x, y) | a1 ≤ x ≤ b1 , a2 ≤ y ≤ b2 }).
2) Die im Abschnitt 6.1.3 genannten Integrationsregeln gelten in analoger Weise auch für Doppelintegrale.

Beispiel 7.23:

Beispiel 7.24:

2) Zweidimensionale Bereichsintegrale in Polarkoordinaten


In manchen Fällen (z.B. wenn der Integrationsbereich ein Kreis, ein Kreisring oder ein Kreissektor ist) ver-
einfacht sich die Berechnung des Integrals, wenn Polarkoordinaten verwendet werden. Der Zusammenhang
zwischen kartesischen Koordinaten und Polarkoordinaten ist gegeben durch:

x = r · cos ϕ , y = r · sin ϕ (r ≥ 0, 0 ≤ ϕ < 2π) (124)

(siehe dazu auch Abschnitt 5.1.2 im Skript zur Vorlesung Mathematik 1).
¨
Um nun die Berechnung des Integrals f (x, y) dB in Polar- y
B
6
koordinaten durchführen zu können, müssen sowohl die Grenzen
des Bereiches B als auch der Integrand mit Hilfe der Variablen r ϕ + dϕ
und ϕ ausgedrückt werden. Des weiteren ist eine Transformation dB ≈ rdrdϕ
des Flächendifferentials dB in Polarkoordinaten vorzunehmen.
Man erhält: dB ≈ r drdϕ (siehe dazu auch Bild 7.7: der Inhalt ϕ
der grau unterlegten Fläche ist annähernd gleich dem Flächenin- 
halt eines Rechtecks mit den Seitenlängen rdϕ und dr). Irdϕ

dr
r r + dr
-
0 x
Bild 7.7

Berechnung zweidimensionaler Bereichsintegrale in Polarkoordinaten


Der Integrationsbereich B sei in Polarkoordinaten gegeben durch:
B = {(r, ϕ) | ϕ1 ≤ ϕ ≤ ϕ2 , r1 (ϕ) ≤ r ≤ r2 (ϕ)} (mit stetigen Funktionen r1 (ϕ) und r2 (ϕ)). Dann gilt:

¨ ˆϕ2 rˆ
2 (ϕ)

f (x, y) dB = f (r · cos ϕ, r · sin ϕ) rdrdϕ . (125)


B ϕ=ϕ1 r=r1 (ϕ)

Bei dem Doppelintegral auf der rechten Seite von (125) ist zuerst die innere Integration (nach der Varia-
blen r; dabei wird ϕ wie eine Konstante betrachtet) vorzunehmen. Danach wird die äußere Integration
(nach der Variablen ϕ) durchgeführt.
Wenn der Integrationsbereich in der Form B = {(r, ϕ) | r1 ≤ r ≤ r2 , ϕ1 (r) ≤ ϕ ≤ ϕ2 (r)}
(mit stetigen Funktionen ϕ1 (r) und ϕ2 (r)) vorliegt, dann gilt:

¨ ˆr2 ϕˆ2 (r)

f (x, y) dB = f (r · cos ϕ, r · sin ϕ) rdϕdr , (126)


B r=r1 ϕ=ϕ1 (r)

d.h. zuerst wird nach ϕ und anschließend nach r integriert.

Beispiel 7.25:

50
7.6.2 Anwendungen des zweidimensionalen Bereichsintegrals
1) Berechnung des Flächeninhaltes eines ebenen kartesischen Normalbereiches
Flächeninhalt A eines ebenen Normalbereiches B
¨ ¨
A= 1 dB = dB
B B

Berechnung in kartesischen Koordinaten


Der Normalbereich sei gegeben durch: B = {(x, y) | a ≤ x ≤ b , f1 (x) ≤ y ≤ f2 (x)}
(mit stetigen Funktionen f1 (x) und f2 (x); vgl. auch Bild 7.6a)). Dann gilt gemäß Formel (122):

ˆb fˆ2 (x)

A= dy dx .
x=a y=f1 (x)

Berechnung in Polarkoordinaten
Der Normalbereich sei gegeben durch: B = {(r, ϕ) | ϕ1 ≤ ϕ ≤ ϕ2 , r1 (ϕ) ≤ r ≤ r2 (ϕ)}
(mit stetigen Funktionen r1 (ϕ) und r2 (ϕ)). Dann gilt gemäß Formel (125):

ˆϕ2 rˆ
2 (ϕ)

A= rdrdϕ .
ϕ=ϕ1 r=r1 (ϕ)

Soll bei der Berechnung in kartesischen Koordinaten zuerst nach x, dann nach y integriert werden (Integra-
tionsgrenzen beachten!), kommt Formel (123) anstelle von Formel (122) zur Anwendung (analog bei Polar-
koordinaten: Formel (126) statt (125), wenn die Integration nach ϕ zuerst erfolgen soll).
Im Fall der Flächenberechnung in kartesischen Koordinaten kann sehr leicht der Zusammenhang zur In-
tegration von Funktionen einer reellen Variablen (siehe Abschnitt 6.4.1) hergestellt werden. Wenn bei der
Berechnung des o.g. Doppelintegrals nur die innere Integration (d.h. die Integration nach y) vorgenommen
wird, dann erhält man:
ˆb fˆ2 (x) ˆb h i ˆb
f2 (x)
A= dy dx = y dx = (f2 (x) − f1 (x)) dx .
y=f1 (x)
x=a y=f1 (x) x=a a

Das entspricht aber genau der Formel (96) aus Abschnitt 6.4.1.
Beispiel 7.26:

Beispiel 7.27:
51
2) Berechnung der Masse und des Massenschwerpunktes eines ebenen Bereiches

Masse eines ebenen Bereiches B


¨
m= %(x, y) dB (% : auf B gegebene, stetige Massendichte)
B

Koordinaten des Massenschwerpunktes eines ebenen Bereiches B


¨ ¨
1 1
xS = · x%(x, y) dB , yS = · y%(x, y) dB
m m
B B

(m: Masse des Bereiches, %: auf B gegebene, stetige Massendichte)

Wenn es sich um einen homogenen ebenen Bereich handelt (d.h. die Massendichte ist auf B konstant), fällt
der Massenschwerpunkt mit dem geometrischen Schwerpunkt (Flächenschwerpunkt) zusammen. In den For-
1
meln für xS und yS kann dann der Faktor m durch den Faktor A1 ersetzt und %(x, y) ≡ 1 gesetzt werden.
Beispiel 7.28:

3) Berechnung von Flächenträgheitsmomenten (Flächenmomenten 2. Grades)


Das Flächenträgheitsmoment ist ein Maß für die Steifigkeit eines ebenen Querschnitts gegen Biegung und
Torsion. Es werden die (axialen) Flächenträgheitsmomente bzgl. der x- und der y-Achse (Bezeichnung: Ix
und Iy ) sowie das polare Flächenträgheitsmoment Ip (bzgl. des Koordinatenursprungs) unterschieden.

Flächenträgheitsmomente bezüglich der x- und der y-Achse sowie polares Flächenträgheitsmoment


¨ ¨ ¨
Ix = y 2 %(x, y) dB , Iy = x2 %(x, y) dB , Ip = (x2 + y 2 )%(x, y) dB = Ix + Iy
B B B

(%: auf gegebene, stetige Massendichte)

4) Berechnung der elektrischen Ladung eines ebenen Bereiches

Elektrische Ladung eines ebenen Bereiches B


¨
Q= σ(x, y) dB (σ : auf B gegebene, stetige Flächenladungsdichte)
B

Bemerkung:
Die Berechnung der unter 2) bis 4) genannten Integrale kann - je nach Art des Integrationsbereiches - unter
Verwendung von kartesischen Koordinaten oder von Polarkoordinaten erfolgen. Im Fall kartesischer Koordinaten
kommen die Formeln (122) oder (123) (je nach Integrationsreihenfolge), bei Polarkoordinaten entsprechend die
Formeln (125) oder (126) zur Anwendung.
52
7.6.3 Dreidimensionale Bereichsintegrale : Definition und Berechnung
Ähnlich wie beim zweidimensionalen Bereichsintegral (siehe Abschnitt 7.6.1) erfolgt die Definition des drei-
dimensionalen Bereichsintegrals mit Hilfe eines Grenzwertes. Zunächst wird noch der Begriff des räumlichen
Normalbereiches eingeführt.
Ein räumlicher Normalbereich B bezüglich der (x, y)-
Ebene besitzt die folgenden Eigenschaften (siehe auch
Bild 7.8): z 6 Fläche z = z2 (x, y)
Q
Q
- Der Bereich B wird von unten und von oben durch
stetige Funktionen (Flächen) z = z1 (x, y) und
z = z2 (x, y) begrenzt. B  Fläche z = z1 (x, y)
y
- Die Projektion von B auf die (x, y)-Ebene ist ein ebe-
ner kartesischer Normalbereich bezüglich x oder y 
P Projektion von B
P
(vgl. Abschnitt 7.6.1). -
x
Bild 7.8

Definition 7.10: Sei B ein räumlicher Normalbereich B bezüglich der (x, y)-Ebene und f (x, y, z)
eine auf B definierte und stetige Funktion. Weiterhin sei der Bereich B in n Teilbereiche mit den
Volumina ∆B1 , ∆B2 , . . . , ∆Bn zerlegt. Dann wird der Grenzwert
n
X
lim
n→∞
f (xk , yk , zk ) ∆Bk
(∆Bk →0) k=1

(falls er existiert) als dreidimensionales Bereichsintegral bezeichnet.


˚
Für ein solches Integral wird die folgende Schreibweise verwendet: f (x, y, z) dB. Dabei sind:
B
B - Integrationsbereich
f (x, y, z) - Integrand
dB - Volumendifferential (oder Volumenelement).

Anstelle des Begriffs dreidimensionales Bereichsintegral“ sind auch folgende Bezeichnungen gebräuchlich:

räumliches Bereichsintegral, Raumintegral oder Volumenintegral. Im Rahmen dieser Vorlesung wird der Begriff
dreidimensionales Bereichsintegral“ verwendet.

Die Berechnung eines Integrals über einem räumlichen Normalbereich kann auf drei nacheinander auszuführen-
de Integrationen nach einer reellen Variablen zurückgeführt werden. Dies wird im weiteren erläutert, wobei die
Integrale sowohl in kartesischen Koordinaten als auch in Zylinderkoordinaten und in Kugelkoordinaten betrach-
tet werden.
1) Dreidimensionale Bereichsintegrale in kartesischen Koordinaten
Berechnung eines Integrals über einem räumlichen Normalbereich B
Der räumliche Normalbereich B sei gegeben durch:
B = {(x, y, z) | a ≤ x ≤ b, f1 (x) ≤ y ≤ f2 (x), z1 (x, y) ≤ z ≤ z2 (x, y)} . Dann gilt:
˚ ˆb fˆ
2 (x) z2ˆ(x,y)

f (x, y, z) dB = f (x, y, z) dz dy dx . (127)


B x=a y=f1 (x) z=z1 (x,y)

Der Ausdruck auf der rechten Seite von (127) wird als Dreifachintegral bezeichnet. Bei der Berechnung
dieses Integrals werden nacheinander drei gewöhnliche“ Integrationen ausgeführt, wobei wiederum die

Reihenfolge von innen nach außen einzuhalten ist.
Bei einer Vertauschung der Integrationsreihenfolge müssen die Integrationsgrenzen neu bestimmt
werden (Ausnahme: alle Integrationsgrenzen sind konstant, d.h. der Integrationsbereich ist ein Quader:
B = {(x, y, z) | a1 ≤ x ≤ b1 , a2 ≤ y ≤ b2 , a3 ≤ z ≤ b3 }).

Beispiel 7.29:
53
2) Dreidimensionale Bereichsintegrale in Zylinderkoordinaten
Wenn der Integrationsbereich rotationssymmetrisch ist, empfiehlt sich für die Berechnung des Integrals der
Übergang zu Zylinderkoordinaten. Diese können auch als räumliche Polarkoordinaten“ aufgefasst werden.

Zu den Variablen r und ϕ kommt noch eine Variable in z-Richtung hinzu. Der Zusammenhang zwischen
kartesischen Koordinaten und Zylinderkoordinaten ist somit gegeben durch:
x = r · cos ϕ , y = r · sin ϕ , z = z (r ≥ 0, 0 ≤ ϕ < 2π). (128)
(siehe dazu auch Bild 7.9a)).

z 6 z 6
r P (x, y, z) r P (x, y, z)

z
r
*y ϑ *y
r P 0 (x, y, 0) r P 0 (x, y, 0)
j
r
ϕ
6 ϕ
6
O O

j j
x x
Bild 7.9a) Bild 7.9b)

Berechnung dreidimensionaler Bereichsintegrale in Zylinderkoordinaten


Der Integrationsbereich B sei in Zylinderkoordinaten gegeben durch:
B = {(r, ϕ, z) | ϕ1 ≤ ϕ ≤ ϕ2 , r1 (ϕ) ≤ r ≤ r2 (ϕ), z1 (r, ϕ) ≤ z ≤ z2 (r, ϕ)} mit stetigen Funk-
tionen r1 (ϕ), r2 (ϕ), z1 (r, ϕ) und z2 (r, ϕ). Dann gilt:

˚ ˆϕ2 rˆ
2 (ϕ) z2ˆ(r,ϕ)

f (x, y, z) dB = f (r · cos ϕ, r · sin ϕ, z) rdzdrdϕ , (129)


B ϕ=ϕ1 r=r1 (ϕ) z=z1 (r,ϕ)

d.h. die Integration erfolgt nacheinander nach den Variablen z, r und ϕ.

Beispiel 7.30:

3) Dreidimensionale Bereichsintegrale in Kugelkoordinaten


Der Übergang zu Kugelkoordinaten ist z.B. dann zweckmäßig, wenn das Integrationsgebiet eine Kugel oder
ein Kugelausschnitt ist. Der Zusammenhang zwischen kartesischen Koordinaten und Kugelkoordinaten wird
durch die folgenden Gleichungen beschrieben:
x = r · cos ϕ · sin ϑ , y = r · sin ϕ · sin ϑ , z = r · cos ϑ (r ≥ 0, 0 ≤ ϕ < 2π, 0 ≤ ϑ ≤ π). (130)
Dabei bezeichnet r die Länge der Strecke OP und ϕ den Winkel zwischen der x-Achse und der orthogonalen
Projektion OP 0 der Strecke OP auf die (x, y)-Ebene. Der Winkel zwischen der z-Achse und der Strecke OP
heißt ϑ (siehe dazu Bild 7.9b)).
Berechnung dreidimensionaler Bereichsintegrale in Kugelkoordinaten
Der Integrationsbereich B sei in Kugelkoordinaten gegeben durch:
B = {(r, ϕ, ϑ) | ϕ1 ≤ ϕ ≤ ϕ2 , ϑ1 (ϕ) ≤ ϑ ≤ ϑ2 (ϕ), r1 (ϑ, ϕ) ≤ r ≤ r2 (ϑ, ϕ)} mit stetigen Funk-
tionen ϑ1 (ϕ), ϑ2 (ϕ), r1 (ϑ, ϕ) und r2 (ϑ, ϕ). Dann gilt:

˚ ˆϕ2 ϑˆ2 (ϕ) r2ˆ(ϑ,ϕ)

f (x, y, z) dB = f (r ·cos ϕ·sin ϑ, r ·sin ϕ·sin ϑ, r ·cos ϑ) r2 sin ϑdrdϑdϕ (131)


B ϕ=ϕ1 ϑ=ϑ1 (ϕ) r=r1 (ϑ,ϕ)

d.h. die Integration erfolgt nacheinander nach den Variablen r, ϑ und ϕ.

Beispiel 7.31:
54
7.6.4 Anwendungen des räumlichen Bereichsintegrals
Alle nachfolgend aufgeführten Integrale können - je nach Art des Integrationsbereiches B - in kartesischen
Koordinaten, in Zylinderkoordinaten oder in Kugelkoordinaten berechnet werden (siehe dazu jeweils die For-
meln (127), (129) bzw. (131)).

1) Berechnung des Volumens eines räumlichen Normalbereiches (Körpers)

Volumen V eines räumlichen Normalbereiches B


˚ ˚
V = 1 dB = dB
B B

Beispiel 7.32:

2) Berechnung der Masse und des Massenschwerpunktes eines räumlichen Normalbereiches (Körpers)

Masse eines räumlichen Normalbereiches B


˚
m= %(x, y, z) dB (% : auf B gegebene, stetige Massendichte)
B

Koordinaten des Massenschwerpunktes eines räumlichen Normalbereiches B


˚ ˚ ˚
1 1 1
xS = · x%(x, y, z) dB , yS = · y%(x, y, z) dB , zS = · z%(x, y, z) dB
m m m
B B B

(m: Masse des Bereiches, %: auf B gegebene, stetige Massendichte)

Wenn ein homogener räumlicher Normalbereich vorliegt (d.h. die Massendichte ist auf B konstant), dann
fällt der Massenschwerpunkt mit dem geometrischen Schwerpunkt (Körperschwerpunkt) zusammen. In den
1
Formeln für xS , yS und zS kann dann der Faktor m durch den Faktor V1 ersetzt und %(x, y) ≡ 1 gesetzt
werden.
Beispiel 7.33:

3) Berechnung von Massenträgheitsmomenten


Das Massenträgheitsmoment gibt den Widerstand eines starren Körpers gegenüber einer Änderung seiner
Rotationsbewegung an.

Massenträgheitsmoment eines räumlichen Normalbereiches (Körpers)


˚
2
J= rA · %(x, y, z) dB ,
B

(rA : senkrechter Abstand des Volumenelementes von der Bezugsachse A,


%: auf B gegebene, stetige Massendichte)

4) Berechnung der elektrischen Ladung eines räumlichen Normalbereiches

Elektrische Ladung eines räumlichen Normalbereiches B


˚
Q= %(x, y, z) dB (% : auf B gegebene, stetige Raumladungsdichte)
B

55
7.7 Kurvenintegral (Linienintegral) einer skalaren Funktion
7.7.1 Definition des Kurvenintegrals
ˆb
Der einfachste Fall eines Kurvenintegrals ist das bestimmte Integral f (x) dx , bei dem der Integrationsweg
a
ein Intervall der x-Achse ist. Derartige Integrale wurden im Kapitel 6 behandelt. Jetzt soll eine Erweiterung des
Integralbegriffs auf Kurven im R2 oder R3 (d.h. auf ebene Kurven oder Raumkurven) erfolgen.
Ausgangspunkt für die Berechnung derartiger Kurvenintegrale ist stets eine Parameterdarstellung der entspre-
chenden Kurve. Durch die Gleichungen
x = x(t) , y = y(t) , z = z(t) (t1 ≤ t ≤ t2 ) (132)
ist die Parameterdarstellung einer Raumkurve gegeben16 .
Beispiel 7.34: z
h
6
?

x y

Nun wird noch der Begriff einer glatten Kurve“ benötigt. Eine durch die Parameterdarstellung (132) gegebene

Kurve heißt glatt, wenn die Funktionen x(t), y(t), z(t) für alle t ∈ [t1 , t2 ] stetig differenzierbar sind und
außerdem [ẋ(t)]2 + [ẏ(t)]2 + [ż(t)]2 6= 0 gilt. (Anschauliche Interpretation: Die Kurve besitzt keinen Knick“

und schneidet sich nicht selbst.)

Definition 7.11:
Gegeben sei eine glatte Kurve K in der Parameterdarstellung (132). Weiterhin sei f (x, y, z) eine
auf K stetige Funktion. Das Kurvenintegral der Funktion f über K ist dann definiert als:
ˆ ˆt2 p
f (x, y, z) ds = f (x(t), y(t), z(t)) [ẋ(t)]2 + [ẏ(t)]2 + [ż(t)]2 dt (133)
K t1

(ds: skalares Bogenelement).

Gemäß (133) wird die Berechnung eines Kurvenintegrals auf eine Integration bezüglich einer reellen Variablen t
zurückgeführt. Bei der Berechnung von Kurvenintegralen gelten die nachfolgend aufgeführten Regeln (Voraus-
setzung für die Regeln 2) und 3): K sei eine glatte Kurve oder aus glatten Kurvenstücken zusammengesetzt).

Regeln für die Berechnung des Kurvenintegrals einer skalaren Funktion


1) Falls die Kurve K aus den glatten Kurvenstücken K1 und K2 zusammengesetzt ist, gilt:
ˆ ˆ ˆ
f (x, y, z) ds = f (x, y, z) ds + f (x, y, z) ds .
K K1 K2
(Verallgemeinerung auf eine endliche Anzahl n von Kurvenstücken möglich)
ˆ ˆ
2) cf (x, y, z) ds = c f (x, y, z) ds (c: beliebige reelle Konstante)
K K
ˆ ˆ ˆ
3) [f (x, y, z) ± g(x, y, z)] ds = f (x, y, z) ds ± g(x, y, z) ds
K K K

16
Die Parameterdarstellung ebener Kurven wurde bereits im Kapitel 5 eingeführt. Diese kann als Spezialfall der Gleichung (132)
aufgefasst werden, indem dort z = z(t) ≡ 0 gesetzt wird.
56
7.7.2 Anwendungen des Kurvenintegrals
Die wohl einfachste und naheliegendste Anwendung des Kurvenintegrals einer skalaren Funktion ist die Berech-
nung der Länge (Bogenlänge) einer Raumkurve. Die entsprechende Formel entsteht, indem in (133) speziell
f (x, y, z) = 1 gesetzt wird.
Weitere Anwendungen des Kurvenintegrals ergeben sich bei der Berechnung der Masse bzw. der elektrischen
Ladung eines dünnen Drahtes oder Seiles, indem der Draht oder das Seil als Kurve“ aufgefasst wird (d.h. die

Querschnittsfläche muss sehr klein gegenüber der Länge sein).

Bogenlänge S einer Kurve K


ˆ ˆ
S = 1 ds = ds
K K

Masse m einer Kurve K


ˆ
m = %(x, y, z) ds (% : auf K gegebene, stetige Massendichte)
K

Elektrische Ladung Q einer Kurve K


ˆ
Q = λ(x, y, z) ds (λ : auf K gegebene, stetige Linienladungsdichte)
K

Die Berechnung der genannten Integrale erfolgt unter Verwendung der Parameterdarstellung (132) sowie
der Formel (133). Dabei wird vorausgesetzt, dass die Kurve K glatt ist oder sich aus endlich vielen
glatten Kurvenstücken zusammensetzt.

Beispiel 7.35:
Beispiel 7.36:
Bemerkung:
Handelt es sich bei K um eine ebene Kurve, so wird bei der Berechnung der Bogenlänge die Formel (133) mit
f (x, y, z) = 1 sowie z(t) = 0, ż(t) = 0 angewendet. Dann entsteht genau die Formel (99) aus Abschnitt 6.4.2.

7.8 Oberflächenintegral (Flächenintegral) einer skalaren Funktion


7.8.1 Definition des Oberflächenintegrals
Im Abschnitt 7.6.1 wurden Integrale über ebene Normalbereiche betrachtet. Diese Art von Integralen soll nun
zum Oberflächenintegral über (i. allg. gekrümmte) Flächen im R3 erweitert werden.
Zur Berechnung von Oberflächenintegralen wird eine Parameterdarstellung der betreffenden Fläche benötigt.

Definition 7.12:
Durch die Gleichungen

x = x(u, v) , y = y(u, v) , z = z(u, v) (u, v ∈ B), (134)

wobei die Funktionen x(u, v), y(u, v) und z(u, v) über dem Bereich B der (u, v)-Ebene definiert und stetig
sind, ist eine Parameterdarstellung der Fläche A im R3 gegeben.

Beispiel 7.37:

57
Mit Hilfe des Ortsvektors ~r kann die Parameterdarstellung einer Fläche auch in der folgenden Form geschrieben
werden:
 
x(u, v)
~r = ~r(u, v) =  y(u, v)  mit (u, v) ∈ B. (135)
z(u, v)
Eine Fläche A mit einer solchen Parameterdarstellung wird als glatte Fläche (oder als reguläre Fläche) bezeich-
net, wenn die Parameterdarstellung auf B umkehrbar ist, die partiellen Ableitungen
 ∂x   ∂x 
(u0 , v0 ) 
x (u , v )
 (u0 , v0 ) 
xv (u0 , v0 )

 ∂u  u 0 0  ∂v 
 ∂y  ∂y
~ru (u0 , v0 ) =  (u0 , v0 )  =  yu (u0 , v0 )  , ~rv (u0 , v0 ) =  (u0 , v0 )  =  yv (u0 , v0 )  (136)
     
 ∂u   ∂v 
∂z zu (u0 , v0 ) ∂z zv (u0 , v0 )
(u0 , v0 ) (u0 , v0 )
∂u ∂v

existieren und stetig sind sowie zusätzlich ~ru × ~rv 6= ~0 für alle (u, v) ∈ B gilt.
(Anschauliche Interpretation: Eine glatte Fläche besitzt keine Kanten, Ecken, Spitzen oder Rillen und durch-
dringt sich nicht selbst.)
Unter der Voraussetzung, dass die Fläche A glatt ist, kann nun das Oberflächenintegral über dieser Fläche defi-
niert werden.

Definition 7.13:
Gegeben sei eine glatte Fläche A in der Parameterdarstellung (134) (bzw. (135)). Die Funktion f (x, y, z)
sei stetig auf A. Dann ist das Oberflächenintegral von f über A gegeben durch:
¨ ¨ p
f (x, y, z) dA = f (x(u, v), y(u, v), z(u, v)) EG − F 2 du dv (137)
A B

mit E = x2u + yu2 + zu2 , F = xu xv + yu yv + zu zv und G = x2v + yv2 + zv2 , siehe dazu auch (136).
Hinweis: Die Grenzen bei der Integration über den Bereich B (d.h. die Grenzen für die Integrations-
variablen u und v) stammen aus der Parameterdarstellung der Fläche A.

Gemäß Formel (137) wurde die Berechnung des Oberflächenintegrals über einer räumlich gekrümmten Fläche
auf die Berechnung eines Integrals über einem ebenen Bereich zurückgeführt.
Bei der Berechnung von Oberflächenintegralen gelten die folgenden Rechenregeln (Voraussetzung für die Re-
geln 2) und 3): A sei eine glatte Fläche oder aus glatten Flächenstücken zusammengesetzt).

Regeln für die Berechnung des Oberflächenintegrals einer skalaren Funktion


1) Wenn die Fläche A aus den glatten Flächenstücken A1 und A2 zusammengesetzt ist, dann gilt:
¨ ¨ ¨
f (x, y, z) dA = f (x, y, z) dA + f (x, y, z) dA .
A A1 A2

(Verallgemeinerung auf eine endliche Anzahl n von Flächenstücken möglich)


¨ ¨
2) cf (x, y, z) dA = c f (x, y, z) dA (c: beliebige reelle Konstante)
A A
¨ ¨ ¨
3) [f (x, y, z) ± g(x, y, z)] dA = f (x, y, z) dA ± g(x, y, z) dA
A A A

4) Sei A eine Fläche im Raum, welche gegeben ist durch: z = ϕ(x, y) mit (x, y) ∈ B.
Die partiellen Ableitungen ϕx und ϕy seien stetig. Dann wird das Oberflächenintegral der
Funktion f über A wie folgt berechnet:
¨ ¨ q
f (x, y, z) dA = f (x, y, ϕ(x, y)) 1 + [ϕx (x, y)]2 + [ϕy (x, y)]2 dB .
A B

58
7.8.2 Anwendungen des Oberflächenintegrals

Flächeninhalt FA (A: eine räumlich gekrümmte Fläche)


¨ ¨
FA = 1 dA = dA
A A

Masse m einer Fläche A


¨
m= %(x, y, z) dA (% : auf A gegebene, stetige Massendichte)
A

Elektrische Ladung Q einer Fläche A


¨
Q= σ(x, y, z) dA (σ : auf A gegebene, stetige Flächenladungsdichte)
A

Für die Berechnung der Integrale sind die Parameterdarstellung (134) sowie die Formel (137)
zu verwenden. Dabei wird vorausgesetzt, dass die Fläche A glatt ist oder sich aus endlich vielen glatten
Flächenstücken zusammensetzt.

Beispiel 7.38:

59
8 Einführung in die Feldtheorie (Vektoranalysis)
Die Vektoranalysis wird z.B. bei der Beschreibung von elektrischen Feldern, Gravitationsfeldern und Strömungs-
feldern angewendet. Ein zentraler Begriff in der Vektoranalysis ist der Begriff des Feldes. Dieser und weitere
Grundbegriffe werden im nachfolgenden Abschnitt eingeführt.

8.1 Einleitung
8.1.1 Grundbegriffe


x
Ortsvektor: Der Ortsvektor ~r des Raumpunktes mit den Koordinaten (x, y, z) ist: ~r =  y  .
z
Skalarfeld: Ein Skalarfeld ist eine Abbildung von R3 nach R.
Jedem Raumpunkt wird eine reelle Zahl U = U (x, y, z) = U (~r) zugeordnet.
U (~r) wird als skalare Feldfunktion bezeichnet.
Vektorfeld: Ein Vektorfeld ist eine Abbildung von R3 nach R3 .
Jedem Raumpunkt wird ein Vektor V ~ =V ~ (x, y, z) = V
~ (~r) zugeordnet.
 
V1 (~r)
~ (~r) wird vektorielle Feldfunktion genannt; Schreibweise: V
V ~ (~r) =  V2 (~r) 
V3 (~r)

~ einer vektoriellen phy-


Bei praktischen Anwendungen entspricht U einer skalaren physikalischen Größe und V
sikalischen Größe.
Beispiel 8.1:

Des weiteren wird zwischen stationären (d.h. zeitlich konstanten) Feldern und instationären (d.h. zeitlich veränder-
lichen) Feldern unterschieden. Im letztgenannten Fall hängt die Feldfunktion zusätzlich von der Variablen t ab.
In diesem Kapitel werden - wenn nicht ausdrücklich anders vermerkt - stationäre Felder betrachtet.

8.1.2 Niveauflächen, Gradient und Richtungsableitung

Definition 8.1:
Sei U die Feldfunktion eines Skalarfeldes. Die Menge aller Punkte, in denen U = c (c: Konstante) gilt,
bilden eine Fläche. Diese wird als Niveaufläche (oder Äquipotentialfläche) bezeichnet und durch die
Gleichung U = U (x, y, z) = c beschrieben.

Beispiel 8.2:

60
Definition 8.2:  ∂U 
 ∂x 
∂U ∂U ∂U  ∂U 
Der Vektor grad U = ~ex + ~ey + ~ez =   heißt Gradient des Skalarfeldes U = U (~r).
∂x ∂y ∂z  ∂y



∂U
∂z
~ (∇: Nabla-Operator).
Eine andere Schreibweise für grad U ist: ∇U oder ∇U

Beispiel 8.3:

Im weiteren werden einige Rechenregeln für den Gradienten angegeben.

Rechenregeln für den Gradienten von Skalarfeldern


Seien U , U1 und U2 Skalarfelder, dann gilt:

1) grad (c U ) = c grad U (c: reelle Konstante)

2) grad (U1 + U2 ) = grad U1 + grad U2

3) grad (U1 · U2 ) = U1 grad U2 + U2 grad U1


∂f (U )
4) grad f (U ) = grad U
∂U

Die Richtungsableitung eines skalaren Feldes (siehe nachfolgende Definition) steht in einem engen Zusammen-
hang mit dem Gradienten.

Definition 8.3:
Seien ~e ein Einheitsvektor und U ein Skalarfeld . Dann wird der Grenzwert
U (~r + h~e) − U (~r) ∂U
limh→0 = (falls er existiert) als Richtungsableitung von U in Richtung ~e bezeichnet.
h ∂~e
Die Richtungsableitung kann mit Hilfe des Gradienten berechnet werden:
∂U
= grad U · ~e . (138)
∂~e

Der in der Definition 8.3 genannte Grenzwert lässt die folgende an- ~e -
P - P1
schauliche Interpretation zu. Die Richtungsableitung kann als Maß für KA h~e 
die Stärke der Änderung von U in Richtung von ~e angesehen werden A
(siehe dazu Bild 8.1: die Differenz der Werte von U in den Punkten P ~r A ~r1 = ~r + h~e
−→
und P1 wird betrachtet, wobei der Vektor P P1 in Richtung des gegebe- A
A
nen Einheitsvektors ~e verläuft). A
Aq
0
Beispiel 8.4:
Bild 8.1

61
Mit Hilfe der Definition der Richtungsableitung kann eine sehr wichtige Eigenschaft des Gradienten hergeleitet
werden.

Der Gradient eines Skalarfeldes U = U (~r) gibt die Richtung der maximalen Änderung von U an.
Der Wert dieser maximalen Richtungsableitung ist gleich |grad U |.

Begründung dieser Aussage:


Aus der Berechnungsformel (138) für die Richtungsableitung sowie der Definition des Skalarproduktes folgt (~e
sei ein Einheitsvektor):
∂U
= grad U · ~e = |grad U | |~e| cos ∠(grad U, ~e) = |grad U | · 1 · cos ∠(grad U, ~e)
∂~e
Somit wird der Wert der Richtungsableitung in einem Punkt maximal, wenn cos ∠(grad U, ~e) = 1 ist, d.h. wenn
∠(grad U, ~ e) = 0 gilt. Dann sind die Vektoren grad U und ~e parallel. Weiterhin folgt aus obiger Gleichung:

∂U
= |grad U |.
∂~e max

Beispiel 8.5:
Die Temperatur eines Materials sei durch T = T0 (1 + ax + by)ecz gegeben, wobei a, b, c und T0 Konstante
sind (T0 > 0). Zu bestimmen ist im Koordinatenursprung die Richtung, in der sich die Temperatur am stärksten
ändert.

Gradientenfeld und Potentialfeld


Die Menge der Gradienten eines Skalarfeldes U = U (~r) ist ein Vektorfeld: V ~ =V ~ (~r) = grad U (~r).
Dieses wird als Gradientenfeld bezeichnet.
Gehört umgekehrt zu einem Vektorfeld V ~ =V ~ (~r) ein Skalarfeld U = U (~r), so dass die Vektoren V~ =V ~ (~r)
~ (~r) = grad U (~r), dann heißt das Vektorfeld V
die Gradienten von U (~r) sind, d.h. V ~ =V ~ (~r) Potentialfeld
oder konservatives Feld und U = U (~r) ist das Potential von V .~

Bemerkungen:  
∂U
∂x
- Bei einem ebenen Skalarfeld U (x, y) besitzt der Gradient nur zwei Komponenten: grad U =  .
 
∂U
∂y
- Die Darst. des Gradienten in Polar-, Zylinder- oder Kugelkoordinaten sind z.B. in: G. M ERZIGER , G. M ÜHL -
BACH , D. W ILLE , T H . W IRTH . Formeln + Hilfen Höhere Mathematik, 7. Auflage, S. 154 zu finden.

8.2 Divergenz und Rotation eines Vektorfeldes


8.2.1 Divergenz
Zunächst soll eine physikalische Deutung17 der Divergenz eines Vektorfeldes gegeben werden.
Als Beispiel wird das Vektorfeld (Geschwindigkeitsfeld) ~v = ~v (~r) einer stationären strömenden Flüssigkeit mit
konstanter Dichte gewählt. Betrachtet man einen Raumteil mit dem Volumen ∆V , dann stellt sich die Frage, wie
groß die Differenz zwischen der in diesen Raumteil einströmenden und der aus diesem Raumteil ausströmen-
den Flüssigkeit (bezogen auf eine Zeiteinheit) ist. Fließt mehr Flüssigkeit hinein als heraus, dann muss in dem
Raumteil Flüssigkeit verschwinden, d.h. es existieren Senken. Fließt umgekehrt mehr Flüssigkeit heraus als hin-
ein, dann müssen in diesem Raumteil Quellen vorhanden sein.
Der Überschuss der austretenden über die eintretende Flüssigkeit wird Ergiebigkeit E der Quelle genannt.
17
Quelle: W. L EUPOLD (Hrsg.). Mathematik - ein Studienbuch für Ingenieure (Band 2: Reihen - Differentialgleichungen - Analysis
für mehrere Variable - Stochastik), 2. Auflage, S. 254-255
62
E
Für Senken ist E < 0. Für das Volumen ∆V ist die mittlere Quelldichte gleich .
∆V

Die Quelldichte in einem Punkt des Vektorfeldes ~v = ~v (~r) wird als Divergenz des Vektorfeldes bezeichnet:
E
div ~v = lim∆V →0 (E: Ergiebigkeit der Quelle, ∆V : Volumen des betrachteten Raumteils).
∆V

~ lässt sich wie folgt mit Hilfe der partiellen Ableitungen der Komponenten
Die Divergenz eines Vektorfeldes V
~ 18
von V ausdrücken .

Berechnung der Divergenz eines Vektorfeldes


   
V1 (~r) V1 (x, y, z)
~ =V
Die Divergenz des Vektorfeldes V ~ (~r) =  V2 (~r)  =  V2 (x, y, z) 
V3 (~r) V3 (x, y, z)
wird nach der folgenden Formel berechnet:

~ = ∂V1 + ∂V2 + ∂V3 .


div V (139)
∂x ∂y ∂z
Unter Verwendung des Nabla-Operators (siehe Definition 8.2) ist auch die folgende Schreibweise möglich:
~ =∇·V
div V ~.

Beispiel 8.6:

~ gilt: div V
Wenn in allen Punkten eines Vektorfeldes V ~ = 0, dann nennt man dieses Vektorfeld quellenfrei.

Beispiel 8.7:

Für das Rechnen mit der Divergenz von Vektorfeldern gelten die nachstehend aufgeführten Regeln.

Rechenregeln für die Divergenz von Vektorfeldern


~,V
Seien V ~1 und V~2 Vektorfelder, U ein Skalarfeld sowie ~a ein konstanter Vektor. Dann gilt:

1) div ~a = 0
~ ) = c div V
2) div (cV ~ (c: reelle Konstante)
~1 + V
3) div (V ~2 ) = div V
~1 + div V
~2

~ ) = U div V
4) div (U V ~ +V
~ · grad U

Bemerkungen:
- In einem elektrischen Feld mit ruhender Punktladung ist diese Ladung eine Quelle oder eine Senke
(in Abhängigkeit davon, ob es sich um eine positive oder eine negative Ladung handelt).
18
Eine Herleitung dieser Formel findet man z.B. in: L. PAPULA. Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler, Band 3,
5. Auflage, S. 71-74.
63
~ nur die Komponenten V1 und V2 . Bei der Berechnung von div V
- Im Fall eines ebenen Vektorfeldes besitzt V ~
entfällt dann der letzte Summand auf der rechten Seite von (139).
- Die Darstellg. der Divergenz in Polar-, Zylinder- oder Kugelkoordinaten sind z.B. in: G. M ERZIGER , G. M ÜHL -
BACH , D. W ILLE , T H . W IRTH . Formeln + Hilfen Höhere Mathematik, 7. Auflage, S. 155 zu finden.

8.2.2 Rotation
Auch hier wird zunächst eine physikalische Deutung19 angegeben.
Es wird das Geschwindigkeitsfeld einer stationären Strömung be-
trachtet, z.B. fließendes Wasser in einem Kanal. Die Strömungs- -
-
geschwindigkeit ist dabei in der Kanalmitte am größten und -
nimmt (bedingt durch Reibungskräfte) zum Ufer hin ab. Kleine, -
-
in die Strömung gebrachte Kugeln rotieren in Ufernähe infolge
des dortigen Geschwindigkeitsgefälles um ihre Achsen. I

Diese Rotation lässt sich in geeigneter Weise durch einen Vektor mit der Bezeichnung Rotation des Geschwin-

digkeitsfeldes“ beschreiben, wobei
Richtung dieses Vektors: Drehachse der rotierenden Kugel (bzw. des Wasserteilchens)
Betrag dieses Vektors: doppelte Winkelgeschwindigkeit der Drehung (Maß für die Stärke“ der

Flüssigkeitswirbel)
~ lässt sich wie folgt mit Hilfe der partiellen Ableitungen der Komponenten
Die Rotation eines Vektorfeldes V
~ ausdrücken.
von V

Berechnung der Rotation eines Vektorfeldes


   
V1 (~r) V1 (x, y, z)
~ =V
Die Rotation des Vektorfeldes V ~ (~r) =  V2 (~r)  =  V2 (x, y, z) 
V3 (~r) V3 (x, y, z)
wird nach der folgenden Formel berechnet:
 ∂V3 ∂V2 

~ex ~ey ~ez −
 ∂y ∂z 
∂ ∂ ∂  ∂V1 ∂V3
~ =

rot V ∂x ∂y ∂z =  ∂z − ∂x
 . (140)

 
V V V
1 2 3
∂V2 ∂V1

∂x ∂y

Unter Verwendung des Nabla-Operators ist auch die folgende Schreibweise möglich: rot V ~ =∇×V
~.
~ anstelle von rot V
In der englischsprachigen Literatur ist die Bezeichnung curl V ~ üblich.

Man beachte, dass bei der Berechnung der Rotation (im Gegensatz zur Divergenz) wieder ein Vektorfeld entsteht.
~ wird auch als Wirbelfeld zu V
Das Vektorfeld rot V ~ oder als Wirbeldichte von V
~ bezeichnet.

~ gilt: rot V
Falls in allen Punkten eines Vektorfeldes V ~ = ~0, dann nennt man dieses Vektorfeld wirbelfrei.

Beispiel 8.8:

19
Quellen: W. L EUPOLD (Hrsg.). Mathematik - ein Studienbuch für Ingenieure (Band 2: Reihen - Differentialgleichungen - Analysis
für mehrere Variable - Stochastik), 2. Auflage, S. 258 sowie L. PAPULA. Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler, Band 3,
5. Auflage, S. 79-80
64
Rechenregeln für die Rotation von Vektorfeldern
Seien V , V1 und V2 Vektorfelder, U ein Skalarfeld sowie ~a ein konstanter Vektor, dann gilt:

1) rot ~a = ~0
~ ) = c rot V
2) rot (cV ~ (c: reelle Konstante)
~1 + V
3) rot (V ~2 ) = rot V
~1 + rot V
~2

~ ) = U rot V
4) rot (U V ~ + grad U × V
~

Bemerkungen:
0
 
 
~ (~r) = V
~ (x, y) = V1 (x, y) ~ = 0
- Im Fall eines ebenen Vektorfeldes V gilt: rot V ,

V2 (x, y)

∂V2 ∂V1

∂x ∂y
denn sowohl V3 und dessen partielle Ableitungen als auch die partiellen Ableitungen von V1 und V2 nach z
verschwinden.
- Die Darstellungen der Rotation in Zylinder- oder Kugelkoordinaten findet man z.B. in: G. M ERZIGER ,
G. M ÜHLBACH , D. W ILLE , T H . W IRTH. Formeln + Hilfen Höhere Mathematik, 7. Auflage, S. 155.

8.3 Potentialfelder
Gemäß den Ausführungen am Ende von Abschnitt 8.1.2 zeichnet sich ein Potentialfeld V ~ dadurch aus, dass ein
~
Skalarfeld (Potential) U = U (~r) mit der Eigenschaft V = grad U existiert.
Nun soll die folgende Frage beantwortet werden:
Wie kann überprüft werden, ob ein vorgegebenes Vektorfeld ein Potentialfeld ist?
Im weiteren wird vorausgesetzt, dass die Bereiche (d.h. beschränkte und abgeschlossene Punktmengen), auf
denen die Vektorfelder betrachtet werden, einfach zusammenhängend sind. Ein Bereich heißt einfach zusam-
menhängend, wenn sich jede innerhalb des Bereiches liegende, geschlossene, sich selbst nicht schneidende Kur-
ve stetig auf einen Punkt zusammenziehen lässt. Bild 8.2a) zeigt einen einfach zusammenhängenden Bereich.
Der im Bild 8.2b) dargestellte Bereich ist dagegen nicht einfach zusammenhängend.

Bild 8.2a) Bild 8.2b)

Im Falle eines beliebigen einfach zusammenhängenden Bereiches gilt die folgende Aussage:

~ =V
Das Vektorfeld V ~ (~r) ist ein Potentialfeld. ⇔ Es gilt rot V
~ = ~0 für alle ~r des betrachteten Bereiches.
Das bedeutet: Ein Vektorfeld ist genau dann ein Potentialfeld, wenn es wirbelfrei ist.

Begründung der Aussage ⇒ “:



~ =V
Sei V ~ (~r) ein Potentialfeld, d.h. es existiert ein Potential U = U (~r) mit V
~ = grad U . Dann gilt:

∂U ∂U ∂U
V1 = , V2 = , V3 = . (141)
∂x ∂y ∂z
Durch Differenzieren erhält man:
∂V1 ∂2U ∂V2 ∂2U
= , = .
∂y ∂x∂y ∂x ∂y∂x
65
Nach dem Satz von Schwarz (Vertauschbarkeit der Differentiationsreihenfolge bei gemischten partiellen Ablei-
tungen, siehe Abschnitt 7.2.2) gilt:
∂2U ∂2U ∂V1 ∂V2 ∂V1 ∂V2
= oder = bzw. − = 0.
∂x∂y ∂y∂x ∂y ∂x ∂y ∂x
Durch analoge Überlegungen erhält man:
∂V3 ∂V2 ∂V1 ∂V3
− = 0, − = 0.
∂y ∂z ∂z ∂x
Dies sind genau die Komponenten des Vektors rot V ~ (siehe Formel (140)), d.h. für jedes Potentialfeld gilt:
~ ~
rot V = 0 . (Diese Aussage gilt sogar unabhängig davon, ob der Bereich einfach zusammenhängend ist.)
Beispiel 8.9:

Nun ist noch die Frage zu beantworten, wie das zu einem gegebenen Potentialfeld gehörige Potential berechnet
werden kann. Einerseits besteht die Möglichkeit, die Berechnung mit Hilfe von Kurvenintegralen vorzuneh-
men, worauf an dieser Stelle nicht näher eingegangen wird. Andererseits kann man sich der sog. Ansatzmethode
bedienen. Bei dieser Methode werden nacheinander die drei Gleichungen aus der Formel (141) zur Konstruk-
tion der Lösung (d.h. des gesuchten Potentials) verwendet. Die Durchführung dieser Methode wird anhand des
nachfolgenden Beispiels erläutert.
Beispiel 8.10:
Gegeben ist das Vektorfeld V ~ = 2xy~ex + (x2 − 4yz)~ey − 2y 2~ez (siehe auch Beispiel 8.9), welches ein Poten-
tialfeld ist. Gesucht ist das zugehörige Potential U .
Lösung:
Für die Komponenten des Potentialfeldes gilt: V1 (x, y, z) = 2xy, V2 (x, y, z) = x2 − 4yz
und V3 (x, y, z) = −2y 2 .
Die Berechnung von U erfolgt in mehreren Schritten.
∂U
1) Gemäß der 1. Gleichung aus (141) gilt: = V1 = 2xy . Durch unbestimmte Integration nach x
∂x
(y und z werden dabei als Konstante betrachtet) erhält man:
ˆ
U= 2xy dx = x2 y + C1 (y, z) .

Somit muss in den folgenden Schritten noch die (bzgl. x konstante) Funktion C1 (y, z) berechnet werden.
∂U ∂U
2) Gemäß der 2. Gleichung aus (141) gilt: = V2 . In die Ableitung wird der unter 1) ermittelte Ausdruck
∂y ∂y
für U eingesetzt:

∂U ∂ 2
= (x y + C1 (y, z)) = x2 + (C1 )y
∂y ∂y

und dies mit V2 gleichgesetzt: x2 + (C1 )y = V2 = x2 − 4yz .


3) Aus der letztgenannten Gleichung folgt: (C1 )y = −4yz . Durch unbestimmte Integration nach y (wobei z
als Konstante betrachtet wird) erhält man:
ˆ
C1 = (−4yz) dy = −2y 2 z + C2 (z) ⇒ U = x2 y − 2y 2 z + C2 (z)

und somit muss noch C2 (z) ermittelt werden.


66
∂U
4) Gemäß der 3. Gleichung aus (141) gilt: = V3 . Der Ausdruck für U wird hier eingesetzt:
∂z

∂U ∂ 2
= (x y − 2y 2 z + C2 (z)) = −2y 2 + C20 (z) .
∂z ∂z
Dann erfolgt die Gleichsetzung mit V3 : −2y 2 + C20 (z) = −2y 2 .
5) Daraus folgt: C20 (z) = 0, d.h. C2 ist von z unabhängig und es kann C2 = C (mit C ∈ R) gesetzt werden.
Nach Einsetzen von C2 (z) in den Ausdruck für U liegt das Resultat vor:
Das Potential des gegebenen Feldes V ~ ist: U (~r) = U (x, y, z) = x2 y − 2y 2 z + C (C ∈ R).
Hinweis zu Beispiel 8.10: Im Schritt 5 konnte aus C20 (z) = 0 sofort gefolgert werden, dass C2 nicht von z
abhängt, d.h. C2 (z) = const. = C. Im allgemeinen muss jedoch C20 (z) nach z integriert werden, um C2 zu
ermitteln.
Im weiteren werden einige Aussagen über spezielle Vektorfelder getroffen.

Definition 8.4:
Ein Vektorfeld heißt Laplace-Feld (oder Laplacesches Feld), wenn es quellen- und wirbelfrei ist.

Beispiel 8.11:

Ein Laplace-Feld V ~ besitzt somit stets die Eigenschaften: div V


~ = 0 und rot V~ = ~0.
~ ~
Damit ist es auch ein Potentialfeld, d.h. es kann in der Form V = grad U dargestellt werden, wobei U das zu V
~ = 0 entsteht: div grad U = 0.
gehörige Potential ist. Durch Einsetzen dieser Beziehung in die Gleichung div V
∂U ∂U ∂U
Mit Hilfe von grad U = ~ex + ~ey + ~ez (siehe Definition 8.2) und der Formel (139) erhält man:
∂x ∂y ∂z
∂2U ∂2U ∂2U
     
∂ ∂U ∂ ∂U ∂ ∂U
div grad U = + + = 2
+ 2 + 2 = 0.
∂x ∂x ∂y ∂y ∂z ∂z ∂x ∂y ∂z

Die zu einem quellen- und wirbelfreien Feld (Laplace-Feld) gehörige Potentialfunktion U ist stets Lösung
der folgenden Gleichung:
∂2U ∂2U ∂2U
∆U = + + =0 (∆ : Laplace-Operator). (142)
∂x2 ∂y 2 ∂z 2
Die Gleichung (142) heißt Laplacesche Differentialgleichung oder kurz Laplace-Gleichung.
Mit Hilfe des Nabla-Operators ist auch die folgende Darstellung des Laplace-Operators möglich:
∆U = div grad U = ∇ · (∇U ) = (∇ · ∇)U .

Beispiel 8.12:

Bei der Einführung des Laplace-Operators wurde bereits eine Kombination zweier Vektoroperationen betrach-
tet. Im Zusammenhang mit der Beschreibung von Feldeigenschaften treten weitere Kombinationen von Vektor-
operationen auf. Dabei ist zu beachten, dass die Berechnung stets von innen nach außen erfolgt, d.h. zum Bei-
spiel wird bei der Berechnung von div rot V ~ zuerst rot V
~ ermittelt und dann die Divergenz des entstandenen
Vektorfeldes berechnet.

~ - Vektorfeld, U - skalares Feld):


Es gelten die folgenden Aussagen (V
~ = 0.
I. Ein Wirbelfeld ist stets quellenfrei: div rot V
II. Ein Gradientenfeld ist stets wirbelfrei: rot grad U = ~0.
III. Allgemein gilt: rot rot V~ = grad div V ~ − ∆V ~ , wobei: ∆V
~ = (∆V1 , ∆V2 , ∆V3 )T .

Begründung von Aussage I:


~ wie folgt geschrieben und umgeformt:
Unter Verwendung des Nabla-Operators wird der Ausdruck div rot V
~ = ∇ · rot V
div rot V ~ = ∇ · (∇ × V
~)=V ~ · (∇ × ∇) = V
~ · ~0 = 0.

67
Begründung von Aussage II:
rot grad U = rot (∇U ) = ∇ × (∇U ) = (∇ × ∇)U = ~0 U = ~0.

Bemerkung:
Bei der Laplace-Gleichung handelt es sich um eine partielle Differentialgleichung, da partielle Ableitungen einer
Funktion mehrerer Variabler auftreten (mehr dazu im 3. Semester).

8.4 Kurvenintegral (Linienintegral) eines Vektorfeldes


8.4.1 Physikalische Deutung und Definition des Kurvenintegrals
Im Abschnitt 7.7 wurden bereits Kurvenintegrale skalarer Funktionen behandelt. Jetzt wird der Fall betrachtet,
dass der Integrand des Kurvenintegrals ein Vektorfeld ist.
Zunächst wird die Einführung des Kurvenintegrals aus physikalischer Sicht motiviert20 .
Gegeben sei ein Vektorfeld, das zunächst anschaulich als Kraftfeld z6
F~ = F~ (~r) = F~ (x, y, z)
~i
F
gedeutet werden soll. In diesem Kraftfeld soll ein Massepunkt auf 
einer glatten Kurvea K vom Punkt A zum Punkt B verschoben wer- 
den. Zu berechnen ist die Arbeit, die bei dieser Bewegung von dem Pi  B
A r Pi+1 Pn r
Kraftfeld am Massepunkt verrichtet wird. r  ∆~ri q r r
*
Um dieses Problem zu lösen, wird die Kurve durch die Punkte ~ri ~ri+1
P1 = A, P2 , P3 , . . . Pn , Pn+1 = B in n Teilstücke zerlegt -
(siehe Bild 8.3). Der Ortsvektor von Pi wird mit ~ri bezeichnet, y
F~i ist die in Pi angreifende Kraft des Feldes. Weiterhin gelte:
x
∆~ri = ~ri+1 − ~ri . Bild 8.3
a
zum Begriff glatte Kurve“: siehe Abschnitt 7.7.1, vor Definition 7.11

Bei der Verschiebung des Massepunktes von Pi nach Pi+1 leistet die Feldkraft angenähert die Arbeit
∆Wi = F~i (~ri ) · ∆~ri . Die Gesamtarbeit W bei der Bewegung des Massepunktes auf K von A bis B kann
näherungsweise als Summe
n
X n
X
W ≈ ∆Wi = F~i (~ri ) · ∆~ri
i=1 i=1

berechnet werden. Bei immer feinerer Zerlegung der Kurve K (d.h. n → ∞, ∆~ri → ~0) folgt:
ˆ
W = F~ (~r) · d~r .
K

Definition 8.5:
~ =V
Sei V ~ (~r) ein Vektorfeld in einem räumlichen Bereich B und K eine glatte Kurve in B.
Dann wird das Integral
ˆ
~ (~r) · d~r
V (143)
K
~ längs der Kurve K bezeichnet; d~r ist das vektorielle Bogenelement.
als Kurvenintegral des Vektorfeldes V
Im Fall einer geschlossenen Kurve K verwendet man die Schreibweise
˛
V~ (~r) · d~r .
K
Dieser Integraltyp wird auch Zirkulation oder Wirbelstärke genannt.

20
Quelle: W. L EUPOLD (Hrsg.). Mathematik - ein Studienbuch für Ingenieure (Band 2: Reihen - Differentialgleichungen - Analysis
für mehrere Variable - Stochastik), 2. Auflage, S. 263-264
68
Ausführlich geschrieben lautet das Kurvenintegral (143):
ˆ ˆ ˆ
   
V1 (x, y, z) dx
~
V (~r) · d~r =  V2 (x, y, z)  ·  dy  = (V1 dx + V2 dy + V3 dz) . (144)
K K V 3 (x, y, z) dz K

Die Berechnung dieses Kurvenintegrals wird - analog zur Berechnung des Kurvenintegrals einer skalaren Funk-
tion (siehe dazu Abschnitt 7.7.1) - auf eine gewöhnliche Integration zurückgeführt, indem die Parameterdarstel-
lung der Kurve K genutzt wird.
 
x(t)
Sei ~r = ~r(t) =  y(t)  mit t1 ≤ t ≤ t2 die Parameterdarstellung der Kurve K, dann gilt (da Glattheit
z(t)
der Kurve vorausgesetzt wurde):
 
ẋ(t)
d~r
d~r = dt = ~r˙ dt =  ẏ(t) dt .
dt
ż(t)

Wird nun noch das Vektorfeld V ~ mit Hilfe des Parameters t ausgedrückt:
 
V1 (x(t), y(t), z(t))
~ (~r) = V
V ~ (~r(t)) =  V2 (x(t), y(t), z(t))  ,
V3 (x(t), y(t), z(t))
dann kann die folgende Berechnungsvorschrift für das Kurvenintegral (143) aufgestellt werden.

Berechnung des Kurvenintegrals (143) (Kurvenintegral eines Vektorfeldes)


Sei K eine glatte Kurve. Unter Verwendung der Parameterdarstellung ~r = ~r(t) der Kurve K lässt sich
der Wert des Kurvenintegrals (143) wie folgt berechnen:
ˆ ˆt2 ˆt2
~ (~r) · d~r = V
V ˙
~ (~r(t)) · ~r(t) dt = (V1 ẋ(t) + V2 ẏ(t) + V3 ż(t)) dt . (145)
K t1 t1

Beispiel 8.13:

Beispiel 8.14:21
Ein Körper mit der Masse m wird längs einer Windung der Schraubenlinie mit der Parameterdarstellung
 
cos t
~r(t) =  sin t  t ∈ [0, 2π]
 
h
t

von A(1, 0, 0) nach B(1, 0, h) um die Höhe h im Gravitationsfeld der Erde gehoben (Maßeinheiten werden der
Einfachheit halber weggelassen). Wie groß ist die vom Gravitationsfeld geleistete Arbeit? (Voraussetzung:
Die z-Achse zeigt vom Erdmittelpunkt weg.)
Lösung:

0
Das Gravitationsfeld hat die Feldgleichung F~ =  0  .
−mg
− sin t
 

Mit ~r˙ (t) =  cos t  folgt für die vom Kraftfeld geleistete Arbeit:
h

ˆt2 ˆ2π  0
 
− sin t

ˆ2π
mgh
W = F~ (~r(t)) · ~r˙ (t) dt =  0  ·  cos t  dt = − dt = −mgh .
h 2π
t1 0
−mg 2π 0
21
Quelle: W. L EUPOLD (Hrsg.). Mathematik - ein Studienbuch für Ingenieure (Band 2: Reihen - Differentialgleichungen - Analysis
für mehrere Variable - Stochastik), 2. Auflage, S. 266-267
69
Ergänzung:
Wenn das Integral entlang der Strecke von A nach B berechnet wird, dann ergibt sich mit
     
1 0 1
~r(t) =  0  + t  0  =  0 , t ∈ [0, h]:
0 1 t

ˆt2 ˆh  0
  
0 ˆh
W = F~ (~r(t)) · ~r˙ (t) dt =  0  ·  0  dt = − mg dt = −mgh .
t1 0
−mg 1 0

Weitere Anwendungen des Kurvenintegrals eines Vektorfeldes:


Umlaufspannung in einer Leiterschleife
Die in einer geschlossenen Leiterschleife mit der Kontur K induzierte Umlaufspannung Uind (bedingt durch
einen zeitlich veränderlichen magnetischen Fluss) kann folgendermaßen durch ein Kurvenintegral ausge-
drückt werden:
˛
Uind = E ~ · d~r ~ : elektrische Feldstärke).
(E
K

Durchflutungsgesetz (Ampèresches Gesetz)


Dieses Gesetz beschreibt den Zusammenhang zwischen der Durchflutung Θ (d.h. dem gesamten Strom
~
durch die Fläche, die von einer geschlossenen Kurve K berandet wird) und der magnetischen Feldstärke H
längs der Kurve K:
˛
Θ= H ~ · d~r .
K

wichtiger Spezialfall: Wenn die Kurve K einen (einzelnen) stromdurchflossenen Draht umgibt, dann ist Θ
gleich dem Strom I, der durch diesen Draht fließt.

Die Rechenregeln für Kurvenintegrale skalarer Funktionen (siehe Abschnitt 7.7.1) lassen sich sinngemäß auf
Kurvenintegrale von Vektorfeldern übertragen.
Bemerkungen:
- Das Kurvenintegral (143) wird auch als orientiertes Kurvenintegral bezeichnet. Wenn der Integrationsweg in
umgekehrter Richtung durchlaufen wird, dann ändert der Wert des Kurvenintegrals sein Vorzeichen.
- Die Berechnung des Kurvenintegrals eines ebenen Vektorfeldes erfolgt analog zu Formel (145),
indem z(t) = 0 und ż(t) = 0 gesetzt wird.

8.4.2 Wegunabhängigkeit von Kurvenintegralen


Zunächst werden nochmals die Resultate von Beispiel 8.13 und Beispiel 8.14 aus dem vorangegangenen Ab-
schnitt betrachtet. Man stellt dabei folgendes fest:
- Im Beispiel 8.13 sind für zwei unterschiedliche Integrationswege bei gleichem Anfangs- und Endpunkt auch
verschiedene Werte des Integrals ausgerechnet worden. Es handelt sich folglich um ein wegabhängiges Inte-
gral.
- Im Beispiel 8.14 wurde für den Fall, dass der Körper entlang einer Schraubenlinie von der Höhe 0 auf die
Höhe h gebracht wird, die Arbeit W = −mgh berechnet. Man erhält das gleiche Ergebnis, wenn der Körper
geradlinig von der Höhe 0 auf die Höhe h angehoben wird (siehe: Ergänzung zu Beispiel 8.14). Dies wirft
nun die folgende Frage auf:
Würde auch für andere Integrationswege mit gleichem Anfangs- und Endpunkt der gleiche Wert des Integrals
entstehen? Oder, anders formuliert: Ist der Wert des im Beispiel 8.14 betrachteten Integrals wegunabhängig?
Es wird sich zeigen, dass eine einfache Möglichkeit besteht, um die Wegunabhängigkeit von Kurvenintegralen
zu überprüfen.
70
Ein Kriterium für die Wegunabhängigkeit von Kurvenintegralen
ˆ
Der Wert des Kurvenintegrals ~ (~r) · d~r ist genau dann vom Integrationsweg unabhängig, wenn V
V ~ (~r)
K
ein Potentialfeld ist.

Begründung:
Gemäß den Ausführungen im Abschnitt 8.3 gilt folgendes: Wenn V ~ (~r) ein Potentialfeld ist, dann existiert ein
~
Potential U = U (~r) derart, dass V (~r) = grad U gilt. Man erhält dann für das Kurvenintegral entlang einer
Kurve K mit Anfangspunkt A und Endpunkt B:
ˆ ˆ ˆ  
~ ∂U ∂U ∂U
V (~r) · d~r = grad U · d~r = dx + dy + dz .
∂x ∂y ∂z
K K K

Der Integrand ist das vollständige Differential22 dU des Potentials U (~r), d.h. es gilt:
ˆ ˆB
~ (~r) · d~r =
V dU = U (~rB ) − U (~rA ) . (146)
K A

Somit ist der Wert des Integrals, unabhängig vom Integrationsweg K, gleich der Potentialdifferenz der Punkte A
und B.
Aus diesen Überlegungen kann sofort eine wichtige Schlussfolgerung gezogen werden:

Für ein Kurvenintegral entlang einer geschlossenen Kurve K (d.h. der Anfangspunkt A und der Endpunkt B
von K fallen zusammen) im Potentialfeld gilt stets:
˛
~ (~r) · d~r = 0 .
V
K

Begründung dieser Aussage:


Wenn A = B gilt, folgt ~rA = ~rB und gemäß (146) hat das Integral den Wert:
U (~rB ) − U (~rA ) = U (~rB ) − U (~rB ) = 0 .
Gemäß den Aussagen im Abschnitt 8.3 kann festgestellt werden, ob ein gegebenes Vektorfeld V ~ ein Potentialfeld
~ ~
ist, indem rot V = 0 überprüft wird. Dieses Kriterium kann nun zur Entscheidung über die Wegunabhängigkeit
von Kurvenintegralen verwendet werden:
ˆ
Der Wert des Kurvenintegrals ~ (~r) · d~r ist genau dann vom Weg unabhängig (d.h. die Integration entlang
V
K
verschiedener Kurven mit gleichem Anfangs- und Endpunkt liefert das gleiche Ergebnis), wenn gilt:

~ = ~0 , ∂V3 ∂V2 ∂V1 ∂V3 ∂V2 ∂V1


rot V d.h. = , = , = . (147)
∂y ∂z ∂z ∂x ∂x ∂y
Die drei letztgenannten Gleichungen werden auch als Integrabilitätsbedingungen bezeichnet.

Fortsetzung zu Beispiel 8.13:

Fortsetzung zu Beispiel 8.14:

22
siehe dazu auch Definition 7.5
71
Auf Grund der obigen Aussagen ist das folgende Vorgehen23 bei der Berechnung eines Kurvenintegrals im
Vektorfeld möglich.
ˆ
Vorgehensweise bei der Berechnung des Kurvenintegrals ~ (~
V r ) · d~
r
K
1) Wegunabhängigkeit des Integrals prüfen (siehe (147))
2) Falls Wegunabhängigkeit vorliegt: als Integrationsweg eine möglichst einfache Kurve K 0 (z.B. eine
Strecke) mit gleichem Anfangs- und Endpunkt wie K wählen, dann das Kurvenintegral entlang K 0
berechnen; alternativ: Potential U = U (~r) ermitteln und Formel (146) verwenden
Im Fall der Wegabhängigkeit: Integration entlang der vorgegebenen Kurve K

Beispiel 8.15:

Beispiel 8.16:24
Im Koordinatenursprung O befinde sich eine positive elektrische Punktladung Q. Sie erzeugt ein elektrisches
Kraftfeld, dessen Feldlinien radial von O wegzeigen. Im Punkt P (x, y, z) befindet sich die positive Ladungs-
einheit e, auf die die Feldkraft F~ wirkt. Mit Hilfe des Coulombschen Gesetzes erhält man für F~ und damit für
die Feldgleichung:
 
x
~ 1 ~r
F = Qe 2 2 2 3/2
 y  = Qe 3 .
(x + y + z ) |~r|
z

Analog zu Beispiel 8.8 lässt sich zeigen, dass rot F~ = ~0 gilt, d.h. dass ein Potentialfeld vorliegt. Das Potential
ist
Qe Qe Qe
W = −p =− =− .
2 2
x +y +z 2 |~r| r

(Hinweis: In diesem Beispiel wird das Potential mit W anstatt mit U bezeichnet.)
Für das Kurvenintegral vom Punkt P1 (~r1 ) zum Punkt P2 (~r2 ) ergibt sich dann (siehe dazu auch (146)):
ˆP2  
1 1
F~ · d~r = W (~r2 ) − W (~r1 ) = Q e − ,
r1 r2
P1

unabhängig von dem zwischen P1 und P2 gewählten Integrationsweg.


Bemerkungen:
2 1 ∂V ∂V
- Im Fall eines ebenen Vektorfeldes gibt es nur eine Integrabilitätsbedingung, und zwar: =
∂x ∂y
(d.h. die letzte Gleichung aus (147)).
- Bei den bisherigen Ausführungen wurden ausschließlich skalare Potentiale von Vektorfeldern betrachtet, wo-
bei von wirbelfreien Feldern ausgegangen wurde. Für Berechnungen in der Hydromechanik und in der Aero-
dynamik spielen jedoch quellenfreie Felder (d.h. Vektorfelder V~ mit div V
~ = 0 , siehe auch Abschnitt 8.2.1)
~
eine große Rolle. Die Zielstellung, zu einem quellenfreien Feld V ein Vektorfeld A ~ mit der Eigenschaft
rot A~ = V~ zu finden, führt auf den Begriff des Vektorpotentials. An dieser Stelle soll darauf nicht näher
eingegangen werden, es sei auf die folgende Literaturstelle verwiesen:
R. S CHARK , T H . OVERHAGEN. Mathematik - ein Lehr- und Übungsbuch (Band 4: Vektoranalysis, Funk-
tionentheorie, Transformationen), 1. Auflage, S. 82-86.

23
Diese Vorgehensweise empfiehlt sich insbesondere dann, wenn der Integrationsweg eine komplizierte“ Kurve ist. Bei Kurven, die

eine sehr einfache Parameterdarstellung besitzen, ist die sofortige Integration entlang der gegebenen Kurve meist effektiver.
24
Quelle: W. L EUPOLD (Hrsg.). Mathematik - ein Studienbuch für Ingenieure (Band 2: Reihen - Differentialgleichungen - Analysis
für mehrere Variable - Stochastik), 2. Auflage, S. 268-269
72
8.5 Zusammenfassung der Eigenschaften von Potentialfeldern
In einigen der vorangegangenen Abschnitte wurden Eigenschaften von Potentialfeldern aufgeführt. Da derartige
Felder in den Anwendungen häufig auftreten, werden an dieser Stelle alle genannten Eigenschaften zusammen-
fassend dargestellt.

Zusammenfassung: Eigenschaften von Potentialfeldern (konservativen Feldern)


~ = V
Sei V ~ (~r) ein Potentialfeld (konservatives Feld) über einem einfach zusammenhängenden Bereich.
Dann besitzt dieses Feld die folgenden Eigenschaften:
~ =V
1) Es existiert ein Skalarfeld U = U (~r), so dass die Vektoren V ~ (~r) die Gradienten von U (~r) sind:
~ ~
V = grad U . Das Skalarfeld U wird als Potential von V bezeichnet.
~ ist ein wirbelfreies Feld: rot V
2) V ~ = ~0.

~ = 0),
3) Wenn es sich um ein Laplace-Feld handelt (d.h. wenn zusätzlich Quellenfreiheit vorliegt: div V
~
dann erfüllt das zu V gehörige Potential U die Laplace-Gleichung ∆U = 0.

4) Sei K eine
ˆ Kurve, die vollständig in dem betrachteten Bereich liegt. Dann ist der Wert des Kurven-
integrals V~ (~r) · d~r vom Weg unabhängig (d.h. die Integration entlang verschiedener Kurven
K
mit gleichem Anfangs- und Endpunkt liefert stets das gleiche Ergebnis).

5) Sei K eine geschlossene Kurve, die vollständig in dem betrachteten Bereich liegt.
˛
Dann gilt: ~ (~r) · d~r = 0 .
V
K

8.6 Oberflächenintegral (Flächenintegral) eines Vektorfeldes


Auch der Begriff des Oberflächenintegrals, welcher für skalare Funktionen bereits im Abschnitt 7.8 behandelt
wurde, soll jetzt auf Vektorfelder ausgedehnt werden.
Im folgenden bezeichnet A eine (i. allg. gekrümmte) Fläche im R3 , welche durch eine Parameterdarstellung der
Form (134) bzw. (135) beschrieben werden kann.
Zur Einführung des Oberflächenintegrals eines Vektorfeldes wird zuerst eine physikalische Deutung25 gegeben.
Dazu wird ein Vektorfeld betrachtet, das zunächst anschaulich als Geschwindigkeitsfeld einer strömenden Flüssig-
keit: ~v = ~v (~r) = ~v (x, y, z) gedeutet werden soll. Zu berechnen ist der Fluss durch eine Fläche A (d.h. das
Volumen der pro Zeiteinheit durch A strömenden Flüssigkeitsmenge).
Dazu wird die Fläche A in n Teilflächen ∆A1 , ∆A2 , . . . , ∆An zerlegt. Jede Teilfläche ∆Ai wird als nahezu
eben betrachtet und kann somit durch ein vektorielles Flächenelement ∆A ~ i (siehe Bild 8.4) beschrieben werden,
welches die folgenden Eigenschaften besitzt:
z 6
- Der Vektor ∆A ~ i hat die gleiche Richtung wie die Flächenein-
heitsnormale ~ni der Teilfläche ∆Ai , d.h. er steht senkrecht Teilfläche ∆Ai
auf der Teilfläche ∆Ai . J
J
~ i ist gleich dem Flächeninhalt der ~i
∆A
- Der Betrag des Vektors ∆A J
J
Teilfläche ∆Ai .

 -
y

Fläche A
x
Bild 8.4

25
Quelle: L. PAPULA. Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler, Band 3, 5. Auflage, S. 166-170
73
Dann kann der Fluss des Vektorfeldes ~v durch die Teilfläche ∆Ai näherungsweise berechnet werden durch:
~ i (~ri : Ortsvektor eines Punktes Pi ∈ ∆Ai ). Auf Grund der genannten Eigenschaften von ∆A
~v (~ri ) · ∆A ~ i lässt
sich dies mit Hilfe der Flächeneinheitsnormale ~ni auch in der Form
~ i = (~v (~ri ) · ~ni )∆Ai
~v (~ri ) · ∆A

schreiben. Nun kann der Gesamtfluss durch die Fläche A näherungsweise berechnet werden als:
n
X n
X
~i =
~v (~ri ) · ∆A (~v (~ri ) · ~ni )∆Ai .
i=1 i=1
n
Der Grenzwert limn→∞, ∆Ai →0
P ~ i führt (falls er existiert) auf ein Integral, welches als Oberflächen-
~v (~ri )·∆A
i=1
integral des Vektorfeldes ~v (~r) über die Fläche A bezeichnet wird.
~ ) bezeichnet.
Hinweis: Im weiteren wird das Vektorfeld wieder mit einem Großbuchstaben (i. d. Regel mit V

Definition 8.6:
Sei A eine glatte Fläche (siehe dazu Abschnitt 7.8.1, vor Definition 7.13).
Weiterhin sei V~ =V ~ (~r) ein Vektorfeld auf der Fläche A. Dann wird das Integral
¨ ¨
~ ~
V (~r) · dA = ~ (~r) · ~n dA
V (148)
A A
als Oberflächenintegral des Vektorfeldes V ~ über die Fläche A bezeichnet.
In der Feldtheorie heißt das Integral (148) auch Fluss des Vektorfeldes V ~ durch die Fläche A.
Im Fall einer geschlossenen Fläche A verwendet man die Schreibweise
‹ ‹
~ ~
V (~r) · dA oder ~ (~r) · ~n dA .
V
A A
Dieser Integraltyp wird auch Hüllenfluss oder Quellenstärke genannt.

Zur Berechnung des Oberflächenintegrals (148) wird die Parameterdarstellung (135) der Fläche A genutzt.
Für das in dem Integral (148) vorkommende vektorielle Oberflächenelement gilt:
p
dA~ = ~n dA = ~n EG − F 2 dudv = [~ru (u, v) × ~rv (u, v)]dudv

mit E, F und G aus Abschnitt 7.8.1, Definition 7.13.


Wenn außerdem das Vektorfeld V ~ mit Hilfe der Parameter u und v ausgedrückt wird:
 
V1 (x(u, v), y(u, v), z(u, v))
~ (~r) = V
V ~ (~r(u, v)) =  V2 (x(u, v), y(u, v), z(u, v))  ,
V3 (x(u, v), y(u, v), z(u, v))
dann kann die folgende Berechnungsvorschrift für das Oberflächenintegral (148) aufgestellt werden.

Berechnung des Oberflächenintegrals (148) (Oberflächenintegral eines Vektorfeldes)


Unter Verwendung der Parameterdarstellung (135) der Fläche A sowie der Formel (136) lässt sich der Wert
des Oberflächenintegrals (148) wie folgt berechnen:
¨ ¨ ¨
~ (~r) · dA
V ~= ~ (~r) · ~n dA =
V ~ (~r(u, v)) · [~ru (u, v) × ~rv (u, v)] dudv .
V (149)
A A B

~ ~ru ~rv ]
Der Integrand in dem Integral auf der rechten Seite von (149) kann auch als Spatprodukt [ V
geschrieben bzw. berechnet werden.

Beispiel 8.17:
Beispiel 8.18:

74
Anwendungen des Oberflächenintegrals eines Vektorfeldes
Außer der bereits erwähnten Anwendung des Oberflächenintegrals im Zusammenhang mit strömenden
Flüssigkeiten seien noch die folgenden Anwendungen genannt:
Elektrischer Fluss Ψ durch eine Fläche A
¨
Ψ= ~ r) · dA
D(~ ~ ~ : elektrische Flussdichte)
(D
A

Magnetischer Fluss Φ durch eine Fläche A


¨
Φ= ~ r) · dA
B(~ ~ (B~ : magnetische Flussdichte)
A

Die Rechenregeln für Oberflächenintegrale skalarer Funktionen (siehe Abschnitt 7.8.1) lassen sich sinngemäß
auf Oberflächenintegrale von Vektorfeldern übertragen.
Bemerkungen:
- In manchen Fällen wird die Fläche auch mit S oder σ (anstelle von A) bezeichnet, das vektorielle (bzw.
skalare) Oberflächenelement heißt dann entsprechend dS~ oder d~σ (bzw. dS oder dσ).
- Auf Grund der Definition der Flächeneinheitsnormale ist eine Orientierung der Fläche festgelegt. Wenn der
Fluss zur anderen Seite der Fläche berechnet werden soll, ist −~n anstatt von ~n zu nehmen.

8.7 Integralsätze
In den vorangegangenen Abschnitten wurden verschiedene Integraltypen vorgestellt. Im Mittelpunkt dieses
Abschnittes werden Zusammenhänge zwischen verschiedendimensionalen“ Integralen stehen (z.B.: Kurven-

integral - Integral über einen zweidimensionalen Bereich). Sie werden als Integralsätze formuliert, die z.B. bei
Berechnungen in der Strömungsmechanik oder der Elektrodynamik vorteilhaft angewendet werden können.

8.7.1 Der Satz von Green in der Ebene (Integralsatz von Green)

Satz von Green in der Ebene


Sei B ein ebener Bereich, der von einer geschlossenen, stückweise glatten Kurve K berandet wird.
Diese Kurve werde im mathematisch positiven Sinn (d.h. entgegen dem Uhrzeigersinn) umlaufen.
 
~ ~ V1 (x, y)
Weiter sei V = V (~r) = ein stetig differenzierbares Vektorfeld in B. Dann gilt:
V2 (x, y)
˛ ¨  
∂V2 ∂V1
(V1 dx + V2 dy) = − dxdy . (150)
∂x ∂y
K B

Auf der linken˛ Seite der Gleichung (150) befindet sich ein Kurvenintegral (gemäß Formel (144) entspricht dieses
dem Integral V ~ (~r) · d~r , im Zweidimensionalen betrachtet). Dagegen handelt es sich bei dem Ausdruck auf der
K
rechten Seite von (150) um ein zweidimensionales Bereichsintegral (vgl. auch Abschnitt 7.6.1), d.h. der Satz von
Green stellt einen Zusammenhang zwischen zwei unterschiedlichen Integraltypen her. Die praktische Bedeutung
dieses Satzes liegt darin, dass er zur Berechnung von Flächeninhalten verwendet werden kann (speziell in dem
Fall, dass das Bereichsintegral für die Flächenberechnung schwieriger zu auszurechnen ist als das entsprechende
Kurvenintegral).

75
Berechnung von Flächeninhalten mit Hilfe des Satzes von Green in der Ebene
Sei B ein ebener Bereich, der von einer geschlossenen, stückweise glatten Kurve K berandet wird.
Wenn diese Kurve (bei positiver Umlaufrichtung) die Parameterdarstellung x = x(t) , y = y(t)
mit t1 ≤ t ≤ t2 besitzt, dann gilt für den Flächeninhalt A des betrachteten Bereiches die folgende Formel:
˛ ˆt2
1 1
A= (−y dx + x dy) = [−y(t)ẋ(t) + x(t)ẏ(t)] dt . (151)
2 2
K t1

(Hinweis: Die Formel (151) entsteht durch spezielle Wahl der Vektorkomponenten V1 und V2 in der Gleichung
dx dy
(150) und mit Hilfe der Beziehungen ẋ = sowie ẏ = .)
dt dt
Beispiel 8.19:
Gesucht ist der Inhalt der Fläche, welche von der Astroide mit der
Parameterdarstellung

x(t) = cos3 t , y(t) = sin3 t , 0 ≤ t < 2π ,

eingeschlossen wird.

8.7.2 Der Gaußsche Integralsatz (Divergenzsatz)

Gaußscher Integralsatz
Sei B ein räumlicher Bereich, der von einer geschlossenen, stückweise glatten Fläche A berandet wird.
Die Flächeneinheitsnormale ~n sei nach außen gerichtet.
 
V1 (x, y, z)
Weiterhin sei V~ =V ~ (~r) =  V2 (x, y, z)  ein stetig differenzierbares Vektorfeld. Dann gilt:
V3 (x, y, z)
‹ ‹ ˚
~ ~
V · dA = ~
V · ~n dA = ~ dB .
div V (152)
A A B

Dieser Satz stellt einen Zusammenhang zwischen dem Oberflächenintegral über eine geschlossene Fläche (lin-
ke Seite der Gleichung (152)) und einem dreidimensionalen Bereichsintegral (rechte Seite von (152)) her. Die
Formel (152) kann auf folgende Weise physikalisch interpretiert werden26 .
Wenn als Modell eine strömende Flüssigkeit gewählt wird, dann sagt der Gaußsche Integralsatz aus:
Die Flüssigkeitsmenge, die durch die (geschlossene) Oberfläche eines räumlichen Bereiches herausströmt, ist
gleich der Flüssigkeitsmenge, welche die Quellen im Inneren produzieren (es sei daran erinnert, dass die Quell-
dichte eines Vektorfeldes als Divergenz bezeichnet wird, siehe Abschnitt 8.2.1). Dies bedeutet insbesondere,
dass für ein quellenfreies Feld der Gesamtfluss gleich Null ist.
Wie das nachfolgende Beispiel zeigt, ist es in bestimmten Fällen sinnvoller, ein Oberflächenintegral mit Hilfe des
26
Quelle: R. S CHARK , T H . OVERHAGEN. Mathematik - ein Lehr- und Übungsbuch (Band 4: Vektoranalysis, Funktionentheorie,
Transformationen), 1. Auflage, S. 153
76
Gaußschen Integralsatzes in ein dreidimensionales Bereichsintegral umzuwandeln, anstatt dieses Oberflächen-
integral direkt zu berechnen.
Beispiel 8.20:

Beispiel 8.2127 (instationäre Wärmeleitung):


In einem homogenen, erwärmten Körper mit der Massendichte % und der spezifischen Wärme σ herrsche zur
Zeit t im Punkt (x, y, z) die Temperatur U (x, y, z, t). Die Größen % und σ werden als konstant vorausgesetzt.
Dann speichert ein Volumenelement dB die Wärmemenge dW = σU % dB und die Gesamtwärme W in einem
Teilbereich B des Körpers beträgt:
˚
W = σ% U dB . (153)
B
dW
Der mit fortschreitender Zeit stattfindende Wärmeaustausch wird als Wärmefluss (Wärmestrom) durch die
dt
Oberfläche A des Teilbereiches B gedeutet. Er lässt sich als Oberflächenintegral der Wärmestromdichte be-
rechnen. Das Fouriersche Gesetz der Wärmeausbreitung sagt aus, dass die Wärmestromdichte proportional zum
Temperaturgradienten ist. Der Proportionalitätsfaktor ist dabei die Wärmeleitfähigkeit k des Materials.
dW
Daraus folgt, dass der Wärmeaustausch in der Form
dt

dW
= k (grad U · ~n) dA (154)
dt
A
dargestellt werden kann. (Hierbei ist zu beachten, dass der Gradient nur bezüglich der Ortskoordinaten x, y und
z gebildet wird.)
Durch Differentiation der Gleichung (153) (nach t) sowie mit Hilfe der Beziehung (154) und des Gaußschen
Integralsatzes erhält man dann:
˚ ‹ ˚
∂U dW
σ% dB = = k(grad U · ~n) dA = k(div grad U ) dB
∂t dt
B A B
für jeden beliebigen Teilbereich B des Körpers. Daraus entsteht durch Gleichsetzung der Integranden auf der
linken und der rechten Seite dieser Gleichung die instationäre Wärmeleitungsgleichung:
k ∂2U ∂2U ∂2U
 
∂U k k
= div grad U = 2
+ 2
+ 2
= ∆U .
∂t σ% σ% ∂x ∂y ∂z σ%
Bemerkung:
Bei der Berechnung des dreidimensionalen Bereichsintegrals in (152) sollte ggf. eine Transformation in Zylinder-
oder Kugelkoordinaten vorgenommen werden (siehe Übung).

8.7.3 Der Stokessche Integralsatz

Integralsatz von Stokes


Sei A eine Fläche im Raum mit der geschlossenen, stückweise glatten Randkurve K. Die positive Umlauf-
richtung sei so festgelegt, dass die Fläche links von K liegenbleibt, wenn die Blickrichtung in Richtung der
Flächeneinheitsnormale festgelegt wird. Dann gilt für ein stetig differenzierbares Vektorfeld
 
V1 (x, y, z)
~ =V
V ~ (~r) =  V2 (x, y, z)  :
V3 (x, y, z)
˛ ¨ ¨
~
V · d~r = ~ ~
rot V · dA = rot V~ · ~n dA . (155)
K A A

Dieser Integralsatz beinhaltet den Zusammenhang zwischen einem Kurvenintegral (genauer: der Zirkulation des
Vektorfeldes V~ längs der Randkurve K einer Fläche A) und einem Oberflächenintegral (Fluss des Vektorfel-
~
des rot V durch diese Fläche A; dieser wird auch Wirbelfluss durch die Fläche A genannt). Der wesentliche
27
Quelle: K. M EYBERG , P. VACHENAUER. Höhere Mathematik 1 (Differential- und Integralrechnung, Vektor- und Matrizenrech-
nung), 5. Auflage, S. 498
77
Unterschied zu dem im Abschnitt 8.7.1 behandelten Satz von Green besteht darin, dass die Fläche A jetzt eine
gekrümmte Fläche im Raum ist.
Aus dem Integralsatz von Stokes können sofort die folgenden wichtigen Schlussfolgerungen gezogen werden:

~ (d.h. rot V
I. Im Fall eines wirbelfreien Vektorfeldes V ~ = ~0) verschwindet die Zirkulation.
II. Der Wirbelfluss eines Vektorfeldes ist für alle Flächen, welche die gleiche Randkurve besitzen, gleich
groß (unabhängig von der Gestalt der Fläche!).

Beispiel 8.22:

Bemerkungen:
- Gemäß der Schlussfolgerung II. erhält man das gleiche Resultat wie im Beispiel 8.22, wenn für A anstelle der
Kugeloberfläche z.B. die Fläche z = 1 − x2 − y 2 , z ≥ 0 (Teil der Mantelfläche eines Rotationsparaboloids)
gewählt wird, da beide Flächen die gleiche Randkurve besitzen.
- Für eine in der Ebene z = 0 liegende Fläche A mit der Randkurve K ist der Integralsatz von Stokes mit dem
Satz von Green (siehe Abschnitt 8.7.1) identisch.

8.8 Komplexe Vektorfelder (Einblick)


Im(z) 6
Zunächst die folgende Vorüberlegung: sz
Da sich ebene Vektoren auch durch komplexe Zahlen be- b 

schreiben lassen (siehe dazu Bild 8.5), kann man versu- ~v

chen, ebene Vektorfelder mit Hilfe komplexer Funktionen

(siehe Abschnitt 1.6 im Skript zur Vorlesung Mathema-


-
tik 1) darzustellen. 0 a Re(z)
Bild 8.5: Die x-Komponente des ebenen Vektors ~v
ist gleich dem Realteil a der komplexen Zahl z,
die y-Komponente gleich dem Imaginärteil b von z.

In diesem Abschnitt wird ein Einblick in die Problematik der komplexen Vektorfelder gegeben28 .
In einem einfach zusammenhängenden Bereich der (x, y)-Ebene sei ein ebenes stationäres Vektorfeld gegeben
 
u(x, y)
durch: . Die Feldgröße werde durch die komplexe Funktion
v(x, y)
w∗ = w∗ (z) = u+jv = u(x, y)+jv(x, y) beschrieben. (Es sei daran erinnert, dass eine Funktion der komplexen
Variablen z unter Verwendung von z = x + jy in Real- und Imaginärteil zerlegt werden kann; beide sind
Funktionen der reellen Variablen x und y). Nach Anwendung der Vektoroperationen im Fall ebener Vektorfelder
(siehe dazu die Bemerkungen am Ende der Abschnitte 8.2.1 und 8.2.2) erhält man für die Quelldichte und die
Wirbeldichte dieses Vektorfeldes:
 
0
∂u ∂v 0
div w∗ = rot w∗ = 
 
+ , .
∂x ∂y  ∂v ∂u 

∂x ∂y
Wenn vorausgesetzt wird, dass das betrachtete Vektorfeld im gesamten Bereich quellen- und wirbelfrei ist, gilt:
∂u ∂v ∂u ∂v ∂v ∂u ∂v ∂u
+ = 0 , d.h. =− sowie − = 0 , d.h. = . (156)
∂x ∂y ∂x ∂y ∂x ∂y ∂x ∂y
Auf Grund der Wirbelfreiheit des Vektorfeldes muss ein skalares Potential U (x, y) der Feldgröße w∗ existieren,
∂U
 
 
 ∂x  u(x, y)
d.h. eine Funktion mit der Eigenschaft: grad U =  ∂U  = .
v(x, y)
∂y
28
Quelle: H. J. D IRSCHMID . Mathematische Grundlagen der Elektrotechnik, 4. Auflage, S. 1266-1267
78
Wegen der Quellenfreiheit des Feldes muss das Potential U (x, y) eine Lösung der Laplace-Gleichung sein (siehe
dazu Gleichung (156) bzw. Abschnitt 8.3):
∂u ∂v ∂2U ∂2U
+ = 2
+ 2 = ∆U = 0.
∂x ∂y ∂x ∂y

Das skalare Potential der Feldgröße w∗ kann als Realteil U (x, y) einer Stammfunktion F (z) von
f (z) = w = u − jv (bei komplexer Integration) berechnet werden. F (z) heißt komplexes Potential.
Durch U (x, y) = const. sind die Äquipotentiallinien des Feldes gegeben und durch V (x, y) = const. die Strom-
linien bzw. Feldlinien (V (x, y): Imaginärteil der Stammfunktion F (z)).
Im Anschluss wird ein Anwendungsbeispiel29 für komplexe Vektorfelder aus dem Gebiet der Strömungsmechanik
angegeben.
Beispiel 8.23: y 6
Es wird davon ausgegangen, dass eine Flüssigkeit mit konstan- v0 
*
ter Geschwindigkeit v0 im Winkel α zur positiven x-Richtung
 
  * 
 
 *
 
strömt (siehe Bild 8.6). Dabei nimmt man an, dass es sich um ei-  
     * 
    α -
  *

ne inkompressible, nicht viskose Flüssigkeit handelt (d.h. es gibt
  x
keine innere Reibung der Flüssigkeitsmoleküle). Zudem wird von    
  
einer stationären Strömung ausgegangen.  

Das Geschwindigkeitsfeld dieser Strömung kann durch die kom-
plexe Funktion

w∗ = w∗ (z) = v0 cos α + jv0 sin α = v0 (cos α + j sin α) = v0 e jα


Bild 8.6
beschrieben werden, d.h. mit obigen Bezeichnungen gilt:
u = v0 cos α und v = v0 sin α .
Das skalare Potential U (x, y) dieser Strömung ist: U (x, y) = v0 (x cos α + y sin α)
und die zugehörige Funktion V (x, y): V (x, y) = v0 (−x sin α + y cos α).
Die Funktion U (x, y) wird als Geschwindigkeitspotential und die Funktion V (x, y) als Stromfunktion bezeich-
net.

Bemerkung:
Für ebene Potentialfelder in der Elektrostatik können analoge Überlegungen durchgeführt werden. Anstelle der
Größe w(z) wird dann die elektrische Feldstärke E(z) betrachtet.

29
Quelle: M. R. S PIEGEL . Komplexe Variablen - Theorie u. Anwendung, Nachdruck 1982, S. 245
79
Quellenangaben
Das Vorlesungsskript wurde unter Verwendung der nachfolgend aufgeführten Literatur erstellt:

H.-J. BARTSCH: Taschenbuch mathematischer Formeln für Ingenieure und Naturwissenschaftler.


Fachbuchverlag Leipzig im Carl Hanser Verlag, 22. Auflage, 2011.
H. J. D IRSCHMID: Mathematische Grundlagen der Elektrotechnik. Vieweg, 4. Auflage, 1990.
K. D ÜRRSCHNABEL: Mathematik für Ingenieure - Eine Einführung mit Anwendungs- und Alltagsbeispielen.
B. G. Teubner Verlag, 2004.
G. E NGELN -M ÜLLGES , W. S CH ÄFER , G. T RIPPLER: Kompaktkurs Ingenieurmathematik mit Wahrscheinlich-
keitsrechnung und Statistik. Fachbuchverlag Leipzig im Carl Hanser Verlag, 3. Auflage, 2004.
A. F ETZER , H. F R ÄNKEL: Mathematik 2: Lehrbuch für ingenieurwissenschaftliche Studiengänge. Springer,
6. Auflage, 2009.
R. G ELLRICH , C. G ELLRICH . Mathematik - Ein Lehr- und Übungsbuch (Band 3), Verlag Harri Deutsch,
2. Auflage, 2003.
W. L EUPOLD (Hrsg.): Mathematik - ein Studienbuch für Ingenieure (Band 1: Algebra - Geometrie - Analysis
für eine Variable). Fachbuchverlag Leipzig im Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, 2011.
W. L EUPOLD (Hrsg.): Mathematik - ein Studienbuch für Ingenieure (Band 2: Reihen - Differentialgleichungen
- Analysis für mehrere Variable - Stochastik). Fachbuchverlag Leipzig im Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, 2006.
G. M ERZIGER , G. M ÜHLBACH , D. W ILLE , T H . W IRTH. Formeln + Hilfen Höhere Mathematik, Binomi
Verlag, 7. Auflage, 2014.
K. M EYBERG , P. VACHENAUER: Höhere Mathematik 1 (Differential- und Integralrechnung, Vektor- und
Matrizenrechnung), Springer, 5. Auflage, 1999.
K. M EYBERG , P. VACHENAUER: Höhere Mathematik 2 (Differentialgleichungen, Funktionentheorie, Fourier-
Analysis, Variationsrechnung), Springer, 2. Auflage, 1997.
L. PAPULA : Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler: Ein Lehr- und Arbeitsbuch für das Grund-
studium (Band 1). Vieweg+Teubner, 12. Auflage, 2009.
L. PAPULA : Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler: Ein Lehr- und Arbeitsbuch für das Grund-
studium (Band 2). Vieweg+Teubner, 12. Auflage, 2009.
L. PAPULA : Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler: Ein Lehr- und Arbeitsbuch für das Grund-
studium (Band 3). Vieweg+Teubner, 5. Auflage, 2008.
W. P REUSS , G. W ENISCH (Hrsg.): Lehr- und Übungsbuch Mathematik (Band 2: Analysis). Fachbuchverlag
Leipzig im Carl Hanser Verlag, 3. Auflage, 2003.
W. P REUSS , G. W ENISCH (Hrsg.): Lehr- und Übungsbuch Mathematik für Elektro- und Automatisierungstech-
niker, Fachbuchverlag Leipzig im Carl Hanser Verlag, 1998.
M. R ICHTER . Grundwissen Mathematik für Ingenieure, Vieweg+Teubner, 2. Auflage, 2009.
R. S CHARK , T H . OVERHAGEN: Mathematik - ein Lehr- und Übungsbuch (Band 4: Vektoranalysis, Funktionen-
theorie, Transformationen), Verlag Harri Deutsch, 1. Auflage, 1999.

A.J. S CHWAB: Begriffswelt der Feldtheorie. Springer Verlag, 6. Auflage, 2002.

M. R. S PIEGEL : Komplexe Variablen - Theorie und Anwendung, McGraw-Hill, Nachdruck 1982.

M. R. S PIEGEL : Höhere Mathematik f. Ingenieure u. Naturwissenschaftler - Theorie u. Anwendung,


McGraw-Hill, Nachdruck 1991.
P. S TINGL : Mathematik für Fachhochschulen, Carl Hanser Verlag München, 8. Auflage, 2009.
80