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Christian Thomas Kohl

Nagarjuna und Alfred North Whitehead

Denkweisen aus Asien und Europa

1
Abstract

In diesem Text geht es zunächst um eine Zurückweisung eines

indologischen Interpretationsmusters und Klischees, nach dem der

bahnbrechende indische Philosoph Nagarjuna (ca 150 Common Era)

den Dingen eine fehlende Existenz zugeschrieben haben soll. Das

halte ich für einen Versuch, den Buddhismus auf die Stufe eines

Aberglaubens herabzustufen. Weiterhin geht es um das zwischen den

Dingen Liegende und um den Begriff der Abhängigkeit und um

zahlreiche ganz ähnliche Begriffe, die der Philosoph A. N. Whitehead

(1861-1947) verwendet, um ein Prinzip zum Ausdruck zu bringen, das

von ihm auch als die Verflochtenheit der Dinge bezeichnet wird. Ein

viel früherer Hinweis auf das zwischen den Dingen Liegende verdanken

wir dem indischen Philosophen Nagarjuna. Bei beiden Philosophen gibt

es Dutzende von Begriffen und Bildern, die sich vom Denken an eine

unabhängige Tatsache lösen, um sich mehr auf das zu konzentrieren,

was zwischen den Dingen passiert, auf Zwischenräume und

Zwischenzustände. Solche Verbindungen und Übergänge lassen sich

nicht auf einen einzigen Begriff festnageln, der die Vielfalt der

Beziehungen zum Ausdruck bringen könnte.

2
1. Vorbemerkung

Tatsachen. „Schließlich und letztlich aber ist es ja doch die

ungeschminkte Wahrheit, die wir wissen wollen. Zur endgültigen

Befriedigung unseres Strebens brauchen wir mehr als krude

Ersatzobjekte für die Wahrheit oder subtile Ausflüchte, wie delikat

ihre innere Struktur auch immer sein mag. Die indirekten und

umwegigen Formen der Wahrheit werden uns nie zufriedenstellen

können. Alles, was wir uns als Zweck vornehmen, sucht seine

wesentliche Rechtfertigung in den nackten Tatsachen. Das ist das

Fundament, auf das es ankommt; alles Übrige ist bloß Zutat, ganz

gleich, wie wichtig es in anderen Hinsichten auch sein mag. Wenn sich

nirgendwo eine ungeschminkte Wahrheit finden ließe, müsste unser

Leben in einem von parfümierten Winken und Andeutungen erfüllten

Zustand der Dekadenz versinken“ (A.N. Whitehead, Abenteuer der

Ideen, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1971, S. 439).

3
2.Vorbemerkung

„Oder müssen wir, wie es mir scheint, die Vorstellung akzeptieren,

dass die Realität einzig und allein aus Wechselwirkungen besteht?“

Carlo Rovelli, Sieben kurze Lektionen über Physik, Rowohlt Verlag,

2015

4
3. Vorbemerkung

„Wenn wir es nun, Sokrates, bei der Beantwortung so vieler Fragen

über die Götter und die Entstehung des Universums nicht schaffen,

eine Geschichte zu finden, die völlig in sich übereinstimmend und in

allen Punkten ganz genau ist, solltest du nicht verwundert sein; denn

es sollte schon genügen, wenn unsere Geschichte nicht weniger

plausibel als andere ist. Wir müssen nämlich immer daran denken,

dass wir alle bloß Menschen sind, ich, der ich sie erzähle, und ihr,

die ihr sie hört, und dass uns deshalb bei diesen Fragen wohl eine

wahrscheinliche Geschichte genügen muss…“ (Platon, Timaios).

5
4. Vorbemerkung

Whitehead schreibt in seinem Buch Abenteuer der Ideen über

Ähnlichkeiten von Ideen, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen

sind, weil sie in unterschiedlichen Sprechweisen formuliert wurden.

Und damit möchte ich in mein Thema einführen: Gibt es eine

Entsprechung von asiatischen und europäischen Denkweisen?

„Selbst scharfen Denkern fällt es mitunter schwer, die

Entsprechungen zwischen Ideen zu sehen, die in unterschiedlichen

Sprechweisen formuliert und durch unterschiedliche Beispiele

illustriert worden sind. Manchmal ist es zwischen Philosophen, die

genau die gleiche Idee auf verschiedene Weise formuliert hatten,

zum erbitterten Streit gekommen. Deshalb muss man, wenn man in

der Religion einen neuen Anfang machen will, der auf Ideen von

profunder Allgemeinheit basiert, darauf gefasst sein, dass es tausend

Jahre dauert, bis er sich durchsetzen kann. Religionen sind in dieser

Beziehung wie die Spezies im Tierreich: keine von ihnen entsteht

durch einen spontanen Schöpfungsakt in endgültiger Gestalt“ (A.N.

Whitehead, Abenteuer der Ideen, Suhrkamp Verlag Frankfurt am

Main 1971, S. 323).

6
5. Vorbemerkung

Vorprägung. Können wir heute, im 21. Jahrhundert, den indischen

Philosophen Nagarjuna aus dem 2. Jahrhundert verstehen? Werden

wir nicht durch unsere eigenen Vorprägungen daran gehindert? In

seinen Heraklit-Studien hat sich der fast 100-jährige Philosoph

Hans-Georg Gadamer genau mit dieser Frage beschäftigt. Gadamer

schreibt dort: „Unsere eigene Vorprägung sitzt so tief, dass sie im

Verständnis anderer Kulturen und Geschichtswelten uns behindert. Um

zu besserem Verständnis zu gelangen, muss man sich seiner eigenen

Vorprägung bewusst zu werden versuchen“ (Hans-Georg Gadamer, Der

Anfang des Wissens, Philipp Reclam, Stuttgart 1999, S. 67).

Meine Vorprägung, mit der ich die Philosophie Nagarjunas zu

verstehen suche, ist durch die Auseinandersetzung mit Whiteheads

Schriften entstanden und umgekehrt.

Beide Philosophen haben sich von der Idee einer unwandelbaren

absoluten Wirklichkeit und von der Idee eines unabhängigen, Subjekts

verabschiedet, beide haben als eine Alternative zum Absoluten und

zum Subjekt das zwischen den Dingen Liegende als eine Grundlage

angesehen. Für beide liegt den Dingen kein weiteres Ding zugrunde,

das sich wiederum auf ein weiteres Ding stützt.

Als Hintergrund der Dinge sind vielmehr solche Relationen und


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Zwischenräume vorzustellen, die wir vielleicht mehr als ein Prinzip

oder ein Gesetz, ein Axiom, ein auf grundlegenden Regeln beruhendes

System nennen könnten, das auf bestimmten Voraussetzungen beruht.

und Voraussetzung nennen könnten. Solch ein strukturierter Prozess

bezieht sich mehr auf das zwischen den Dingen Liegende und weniger

auf die Dinge selbst oder auf irgendwelche Tatsachen und Objekte.

Wir sollten uns vor einer fest genagelten Wortwahl hüten, da wir

nicht von klaren und eindeutig festgelegten Prinzipien ausgehen

können. In der Philosophie geht es mehr um die Suche nach solchen

Prinzipien, die den Dingen zugrunde liegen. Es geht weniger darum,

feststehende Spielregeln einfach nur anzuwenden.

Wer sich in der Situation wähnt, einen voraussetzungsfreien Zugang

zur buddhistischen Philosophie zu finden, ohne eine

Auseinandersetzung mit den eigenen Denkvoraussetzungen und ohne

die geringste Kenntnis der eigenen Vorprägungen, läuft Gefahr, die

historischen und systematischen Voraussetzungen, denen das eigene

Denken immer schon unterliegt, zu bagatellisieren, zu übersehen oder

zu leugnen.

Konkret kann die Gefahr bestehen, in der buddhistischen Philosophie

nach unveränderlichem Ewigem oder nach einem absoluten Subjekt zu

suchen und dementsprechend die buddhistische Philosophie mit

substantiellen oder subjektivistischen Philosophien aus der

europäischen Philosophiegeschichte zu vergleichen.

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Diese unaufhörliche Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte

ist gerade von Alfred North Whitehead geleistet worden, um eine

eigene Denkweise zu begründen, die durch die Stichwörter der

Zusammenhänge, des gegenseitigen Durchdringens der Dinge, der

Relationen und der wechselseitigen Verbundenheit der Dinge

angedeutet werden kann, um nur einige zu nennen.

9
6. Vorbemerkung

Die Unterscheidung zwischen einem Objekt und einem Prinzip ist keine

Selbstverständlichkeit, weil unsere Denkweisen stark von den

Tatsachen geprägt sind und von den Wissenschaften und Philosophien,

die isolierte Tatsachen als die Grundlage aller Existenz betrachten.

Deswegen möchte ich auf die Auseinandersetzungen hinweisen, die

den Physiker Albert Einstein beschäftigten, als er die

Relativitätstheorien ausarbeitete. Albert Einstein schrieb in einem

Aufsatz, den er ‚Autobiographisches‘ nannte über seine Methoden des

Erfindens und Entdeckens: „Nach und nach verzweifelte ich an der

Möglichkeit, die wahren Gesetze durch auf bekennte Tatsachen sich

stützende konstruktive Bemühungen herauszufinden. Je länger und

verzweifelter ich mich bemühte, desto mehr kam ich zu der

Überzeugung, dass nur die Auffindung eines allgemeinen formalen

Prinzips uns zu gesicherten Ergebnissen führen könnte“. (Albert

Einstein, 1949 Autobiographisches, in: Artur Schilpp (Ed.), Albert

Einstein: Philosopher –Scientist, 1949, La Salle, IL: Open Court, p.

49 )

10
7. Vorbemerkung

„Wir sollten uns vor Philosophien hüten, die vorherrschende Emotionen

von Epochen langsamen sozialen Verfalls zum Ausdruck bringen“

(Alfred North Whitehead, Denkweisen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt

am Main 2001, Seite118).

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8. Vorbemerkung

Worum geht es? Eine kurzgefasste, fragmentarische, Einführung in

Whiteheads Ideen. A. N. Whitehead, Denkweisen, Suhrkamp Verlag,

Frankfurt am Main 2001:

“Philosophische Wahrheiten sind daher eher in den Voraussetzungen

der Sprache als in ausdrücklichen Feststellungen zu suchen” (S. 45).

„Zum großen Nachteil für die Philosophie ist Lernen auf das Detail

ausgerichtet. (…) Wir müssen das Thema im Groben erfassen, bevor

wir es glätten und formen“ (S. 50).

„Der Begriff der reinen Tatsache ist der Triumpf des

abstrahierungsfähigen Intellekts. Er ist noch in keinen klaren

Gedanken eines Babys oder eines Tiers eingegangen. Babys und Tiere

befassen sich mit ihren Wünschen, die sie auf ihre Umgebung

projizieren. Das heißt also, dass diese in ihr Interesse eingebettet

sind, auf die Details der äußeren Umgebung zu achten. Das ist der

reinste Weg der Abstraktion vom Detail. Eine einzelne Tatsache in

ihrer Isolation ist der Hauptmythos, der für das endliche Denken

erforderlich ist, das heißt: für ein Denken, das unfähig ist, das

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Ganze einzubeziehen. Der mythologische Charakter rührt daher, dass

es keine solchen Tatsachen gibt. Verbundenheit ist das Wesen

jeglicher Art von Dingen”. (...) „Keine Tatsache ist nur sie selbst”.

(...) “Dies bedeutet, dass immer da, wo ein Einzelfaktum erörtert

wird, eine Voraussetzung unterschlagen wird, nämlich die Koordination

mit der Umgebung, die erforderlich ist für die Existenz dieses

Faktums”. (S. 53-54)

„Eine Übersetzung muss immer in der Epoche des Übersetzers Sinn

machen“ (S. 57).

“Die Tatsache ist eine Abstraktion, zu der man gelangt, wenn man

das Denken auf rein formale Beziehungen beschränkt, die schließlich

als endliche Realität maskiert werden. Darum fällt Wissenschaft in

ihrer Perfektion auf das Studium von Differentialgleichungen zurück.

Die wirkliche Welt ist der Wissenschaft durch das Netz gegangen”.

(S. 62)

„Man sollte zugeben, dass Sprache nicht die Essenz des Denkens ist.

Diese Schlussfolgerung allerdings muss vorsichtig eingegrenzt werden.

Ohne die Sprache ist das Festhalten des Gedankens, das einfache

Abrufen von Gedanken, das Verknüpfen von Gedanken zu höherer

Komplexität und die Kommunikation von Gedanken höchst beschränkt“.

(S. 77)

“Philosophie ist die Kritik der Abstraktionen, die spezifische

Denkweisen beherrschen”. (S.89)

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“Diese gegenseitige Durchdringung ist eine fundamentale

Erfahrungstatsache”. (S. 93)

“Die Definition der Umgebung ist genau das, was in speziellen

Abstraktionen übergangen wird”. (S. 95)

“So suggerieren zum Beispiel einzelne Wörter, jeweils in ihrer

lexikalischen Bedeutung, und einzelne Sätze, abgetrennt durch

Schlusspunkte, die Möglichkeit, vollständig von jeglicher Umwelt

abstrahierbar zu sein. So kann man durchaus sagen, dass das Problem

der Philosophie darin besteht, wechselseitige Verbindungen von Dingen

zu verstehen, die auch ohne Bezug zueinander verstanden werden

können. Aber eben diese Voraussetzung ist irrig. Wir sollten uns von

ihr verabschieden und davon ausgehen, dass jede Entität – welcher

Art auch immer – notwendigerweise über eine für sie wesentliche

Verbindung mit dem Universum der Dinge verfügt. Diese Verbindung

kann als die Seinsweise betrachtet werden”. (S. 105)

„Die einfachste These über verschiedene Typen von Existenz ist die,

dass einige extreme Formen unabhängig vom Rest der Dinge

existieren. Griechische Philosophen beispielsweise, insbesondere

Platon, scheinen diese Theorie in Bezug auf qualitative Abstraktionen

wie zum Beispiel Zahlen, geometrische Verbindungen, moralische

Charakteristika und qualitative Entschlüsselungen höherer

Sinneswahrnehmungen vertreten zu haben. Dieser Tradition

entsprechend abstrahieren wir von unserer Erfahrung die groben

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Einzelheiten dessen, was sich hier und jetzt inmitten einer

bestimmten Umgebung ereignet. Was bleibt, ist ein Residuum von

Selbstidentitäten, Unterschieden und wesentlichen Verbindungen, die

jedoch anscheinend keine wesentliche Beziehung zum Gang der

Ereignisse haben. Dieser Theorie zufolge resultiert der Umstand,

dass wir unsere Aufmerksamkeit auf das ewige Reich der Formen

richten, aus einer Abwendung vom transitorischen Charakter der

Realität. In diesem imaginierten Reich gibt es keinen Übergang,

keinen Verlust und keinen Gewinn. Es ist in sich vollständig. Es ist

selbst-erhaltend. Deswegen ist es das Reich der „vollkommenen

Wirklichkeit“.

Dies ist die Vorstellung, welche die Philosophie gefesselt hat. Sie war

nie weit vom griechischen Denken entfernt“ (s. 106).

„Bedeutsamkeit entsteht aus der Verschmelzung des Endlichen mit

dem Unendlichen. Der Ausruf „Lasst uns essen und trinken, denn

morgen sterben wir“ verdeutlicht die Trivialität des rein Endlichen.

Der mythische, apathische Schlummer verdeutlicht die Leere des rein

Unbegrenzten. Diejenigen Theologen, welche die Unendlichkeit auf

Kosten der Begrenztheit der Übergänge in der Geschichte

überstrapazierten, leisten ihrer Religion einen schlechten Dienst. Mit

der vorangegangenen Erörterung im Hinterkopf kommen wir noch

einmal auf die drei Gegensatzpaare zurück: Klarheit und Vagheit,

Ordnung und Unordnung, das Gute und das Schlechte. Es ist nur

natürlich, Klarheit und Ordnung mit dem Guten zu assoziieren und


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Vagheit und Unordnung mit dem Schlechten. So würde beispielsweise

in einem Zeugnis der Satz: „Ihr Geist ist klar und ordentlich“ als Lob

gelten; wo hingegen der Satz „Ihr Geist ist vage und unordentlich“ als

Untauglichkeitsbescheinigung gelesen werden würde. Der Grund für

solch ein Urteil basiert auf der Tatsache, dass derjenige, der

Klarheit und Ordentlichkeit besitzt, dazu in der Lage wäre, mit

vorhersehbaren Situationen umzugehen. Es sind notwendige

Grundlagen zur Aufrechterhaltung des existierenden gesellschaftlichen

Lebens. Trotzdem reichen sie nicht aus. Das Transzendieren bloßer

Klarheit und Ordnung ist notwendig, wenn man mit dem

Unvorhersehbaren, dem Fortschritt und der Aufregung umgeht. Das

Leben degeneriert, wenn es in den Ketten reiner Konformität liegt.

Die Kraft, vage und unordentliche Elemente in die Erfahrung zu

integrieren, ist unerlässlich für den Fortschritt hin zu Neuem.

Das Verstehen des Universums hat seinen Ursprung in einer engen

Verbundenheit mit diesem Voranschreiten. Ohne es ist der Begriff

Schöpfung bedeutungslos und vom Wandel abgeschnitten. Die Zeit hat

dann keine Anwendungsmöglichkeiten auf die statische Natur der

Dinge. Die Existenz wird bedeutungslos. Und das Universum wird auf

eine Statik reduziert, in der Zwecke belanglos sind, bar jeden Lebens

und jeder Bewegung.

In der europäischen Philosophiegeschichte, in der Geschichte großer

Denker, kann man bezüglich dieser Frage eine seltsame

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Unentschlossenheit ausmachen. Die Berufung auf Leben und Bewegung

ist verflochten mit der Annahme einer höchsten Realität, die ohne

allen Wandel ist. Ordnung ohne Wandel wird als die ultimative

Perfektion begriffen, mit dem Resultat, dass das geschichtliche

Universum zunehmend dazu herabgesetzt wird, nur noch als jene

partielle Realität verstanden zu werden, auf die schließlich der

Begriff der reinen Erscheinung abzielte. Als Ergebnis dieser

Entwicklung wurde den evidentesten Wesenszügen unserer Erfahrung

kurzerhand eine untergeordnete Rolle in metaphysischen

Konstruktionen zugewiesen. Wir leben in einer Welt des Aufruhrs.

Philosophie und Religion haben, beeinflusst von orthodoxem

philosophischen Denken diesen Aufruhr immer nach draußen verwiesen.

Solch ein Ausschluss ist das Ergebnis ermüdender Dekadenz. Wir

sollten uns vor Philosophien hüten, die vorherrschende Emotionen von

Epochen langsamen sozialen Verfalls zum Ausdruck bringen.

Das Erbe unseres philosophischen Denkens ist mit dem Aufstieg und

Fall des Römischen Reiches und mit dem Verfall der östlichen

Zivilisationen infiziert. Es bringt die Erschöpfung zum Ausdruck, die

auf die ersten drei Jahrtausende fortschrittlicher

Menschheitsgeschichte folgten. Man braucht eine bessere Balance.

Denn Zivilisationen steigen und fallen. Wir brauchen die Philosophie,

um das Aufkommen von Ordnungstypen zu erklären, die Übergänge von

Typ zu Typ und die Mischung von Gut und Schlecht, die das

Universum charakterisiert, so wie es unserer Erfahrung selbstevident


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vor Augen steht. Ein solches Universum ist der Ort der

Bedeutsamkeit. Ein eingefrorenes, bewegungsloses Universum kann

höchstens Thema reinen Wissens sein, mit dem knappen Kommentar:

So ist es.

Die Betonung auf begrenzte, deutlich erfahrbare Aspekte der Dinge

hat die Wissenschaft vorangebracht und die Philosophie behindert.

Man betrachte zum Beispiel die Wirkung des Aufkommens der

Mathematik auf das europäische Denken, etwa vier Jahrhunderte vor

der christlichen Epoche. Die Mathematik beschäftigte sich mit

Begriffen, die zu jener Zeit weder einen Sinn für Übergang noch für

Neuschöpfung hatten. Zahlen und geometrische Formen machten den

einzigen Inhalt griechischer Mathematik aus.

Es ist unnötig, länger bei der Bedeutsamkeit der Erforschung dieser

speziellen mathematischen Formen zu verweilen. Es hat die Zivilisation

umgeformt. Aber die Auswirkungen einer solchen Formung auf das

griechische Denken waren zwiespältig. So wie die Griechen

Mathematik und Geometrie verstanden, blieb jede Vorstellung von

Übergängen für sie im Hintergrund. Jede Zahl, jedes Verhältnis,

jede geometrische Form stellte eine statische Errungenschaft dar.

Die Zahl zwölf (in ihrer Konzeption) hatte keinen Bezug zum

schöpferischen Prozess, genauso wenig das Verhältnis sechs zu zwei

oder die geometrische Form des Kreises. Ideale Formen waren für sie

bewegungslos, undurchdringlich und sich selbst genügend, sie je für

sich eine besondere Art von Vollkommenheit darstellten. So reagierte


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griechisches Denken auf die grundlegenden Begriffe der Mathematik.

Der menschliche Geist war geblendet vom Aufblitzen der Ewigkeit.

Das Ergebnis dieser neuen Erkenntnisse war, dass die griechische

Philosophie – zumindest in ihren einflussreichsten Schulen – die letzte

Realität im Gewand statischer Existenzen mit zeitlosen Verbindungen

wahrnahm. Vollkommenheit stand in keiner Beziehung zu Übergang.

Das Schaffen und seine Welt des Wandels waren unbedeutende

Nebenbeschäftigung eines statischen Absoluten. (…)

Das Ergebnis war, dass Philosophie und Theologie die Aufgabe

aufgebürdet bekamen, die wechselhafte geschichtliche Welt von einer

Welt ohne Wandel letzter Realität abzuleiten. Die ganze Konzeption

unseres Wissens wurde verdorben. Die letzte Weisheit stellte man

sich als ein unveränderliches Nachdenken über eine unveränderliche

Realität vor. Ein Wissen ohne Beziehung zum Handeln wurde

gepriesen. Handlung wird also als etwas begriffen, das mit einer

Schattenwelt befasst ist. Platons Vorlesung vom Guten, mit der

Betonung der Mathematik, so wie sie damals verstanden wurde, ist

bezeichnend für eben diese Haltung, von der die Philosophie getrieben

wurde.

In jenen Tagen war die Mathematik eine Wissenschaft, die ein

statisches Universum zum Gegenstand hatte. Jeder Übergang wurde

als ein Übergang von statischen Formen wahrgenommen. Heute können

wir Formen des Übergangs denken. Das moderne Konzept einer

unendlichen Reihe ist das Konzept einer Form des Übergangs; so ist
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etwa in diesem Falle die Eigenschaft der Reihe als ganzer solch eine

Form. Der Begriff der Summe einer solchen Reihe ist der Begriff

eines Endergebnisses, das durch diese Form des Übergangs angezeigt

wird“ (S. 117- 120)

“Alles, was in irgendeinem Sinne existiert, hat zwei Seiten, sein

individuelles Selbst und seine Signifikanz im Universum. Und jeder

dieser Aspekte ist ein Faktor des anderen”. (S. 146)

„Diese Lehre kehrt Humes Standpunkt und die vielfältigen davon

abgeleiteten Standpunkte genau um. Hume verleiht seinen

Qualifikationen vorrangige Bedeutung, und die Welt wird als

zweitrangige Vermutung eingeführt. Man wird feststellen, dass unsere

Ausführung hingegen nichts anderes als eine erweiterte Fassung der

Einsicht ist, dass Kraft die Basis für unseren Begriff von Substanz

ist. Dieser Begriff von Kraft kann bei Locke und bei Platon gefunden

werden, wo er sporadisch zum Ausdruck gebracht, jedoch niemals

wirklich entwickelt wird. Unsere Erfahrung beginnt mit einem Sinn für

Kraft und geht in die Unterscheidung von Einzeldingen und ihrer

Qualitäten über“ (S. 153).

“Die Umwelt dringt in die Natur jedes einzelnen Dings ein”. (S. 170)

„Aus moderner Sicht sind Prozess, Aktivität und Veränderung die

eigentlichen Tatsachen. In einem Moment gibt es gar nichts“ (S.

177).

„In diesen Kapiteln bin ich nicht auf die systematische metaphysische

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Kosmologie eingegangen. Das Thema dieses Buches ist es, jene

Elemente unserer Erfahrung anzuzeigen, hinsichtlich derer eine solche

Kosmologie konstruiert werden sollte. Der Schlüsselbegriff, von dem

eine solche Konstruktion ausgehen sollte, ist, dass die energetische

Aktivität, so wie sie in der Physik begriffen wird, identisch mit der

emotionalen Intensität ist, so wie sie im Leben vorkommt“ (S. 197-

198).

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1. Einleitung: Sunyata

In der Geschichte des Buddhismus ist der indische Philosoph

Nagarjuna, der wahrscheinlich im 2. Jahrhundert lebte, besonders

durch zwei Schlüsselbegriffe seiner Philosophie bekannt geworden, es

sind die Sanskritworte ‚Sunyata‘ und ‚pratityasamutpada‘. Auf diese

Begriffe haben sich nicht etwa europäische Philosophen, sondern

ausgerechnet europäische und amerikanische Philologen, also

Sprachwissenschaftler, Indologen, gestürzt. Kurzgefasst ist Indologie

das Folgende:

„Schwerpunkt der klassischen Indologie war seit ihren ersten

Anfängen die Sanskrit-Philologie, bereits in der ersten Hälfte des

19. Jahrhunderts kamen Studien der mittelindischen Sprachen (Pali

und Prakrit-Dialekte) hinzu. Viele von der klassischen Indologie

erstellte Übersetzungen oder Fachartikel bereicherten andere

Wissenschaften wie zum Beispiel die vergleichende Sprach- und

Religionswissenschaft oder Archäologie. Auch für die Zukunft bleiben

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noch zahlreiche Aufgaben, so etwa die deutsche Übersetzung

wichtiger Sanskrit-Texte, die bislang nur in – oft unvollkommener –

englischer Übertragung vorliegen.“ Die Quelle dieses Zitats ist

Wikipedia.

http://de.wikipedia.org/wiki/Indologie

Indologen haben den Schlüsselbegriff 'Sunyata' meistens mit dem

deutschen Wort ‚Leerheit‘ übersetzt und ‚pratityasamutpada‘ mit der

Bezeichnung ‚abhängiges Entstehen‘. Diese Übersetzungen von

einzelnen Wörtern, jeweils in ihrer lexikalischen Bedeutung, haben

den Eindruck hervorgerufen, Nagarjuna hätte die Dinge für leer,

nicht real, nicht existierend gehalten, für eine reine Einbildung oder

Fiktion.

An dieser Stelle möchte ich an die philosophische Kurzdefinition einer

Fiktion erinnern: „Das menschliche Vorstellungsgebilde der Welt ist

ein ungeheures Gewebe von Fiktionen voll logischer Widersprüche,

d. h. von wissenschaftlichen Erdichtungen zu praktischen Zwecken

bzw. von inadäquaten, subjektiven, bildlichen Vorstellungsweisen,

deren Zusammentreffen mit der Wirklichkeit von vornherein

ausgeschlossen ist.“ Hans Vaihinger: Philosophie des Als Ob, 1911,

S. 14

Bei der Übersetzung dieser Schlüsselbegriffe fehlt häufig eine

Berücksichtigung des Textzusammenhangs und es fehlen die


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ausgesprochenen und nicht ausgesprochenen philosophischen Ideen, die

dem gesamten Text zugrunde liegen. Auch wird häufig keine Rücksicht

genommen auf die zahlreichen Beispiele, mit denen Nagarjuna seine

Ideen exemplifiziert hat. Bei diesen Beispielen geht es um den

Zusammenhang von zwei Dingen, die wir auf den ersten Blick für

getrennte Fakten halten könnten.

Bei einem ersten Beispiel geht es um den Zusammenhang von Ursache

und Wirkung, zwischen denen kein leerer Raum existiert. Auch sind

Ursache und Wirkung kein Nichts. Ursache und Wirkung existieren.

Doch existieren sie nicht unabhängig voneinander. Sie haben keine

eigene Existenz, sie existieren nicht aus sich selbst heraus, sondern

in gegenseitiger Abhängigkeit. Das ist in kurzen Worten die Idee, die

dem Begriff von Sunyata zugrunde liegt. Den Dingen fehlt durch ihre

Abhängigkeit ein eigenes Sein, eine unabhängige Existenz. In der

Philosophie hat man eine unabhängige Existenz manchmal auch als eine

Substanz oder als eine Essenz oder als einen festen Kern bezeichnet,

ohne eine Festlegung der Wortwahl.

Ursache und Wirkung kann man an einer Hochgeschwindigkeits-

Photographie von Harold Edgerton erkennen. Zwei Prozesse sind eng

miteinander verbunden: Das Durchdringen des Geschosses und der

explodierende Apfel. Beiden Prozessen fehlt eine Unabhängigkeit.

24
Ursache und Wirkung

Das ist nur ein einziges Beispiel, mit dem Nagarjuna illustriert, was

er mit der Idee von Sunyata zum Ausdruck bringen will: Durch die

Abhängigkeit der Dinge fehlt ihnen eine unabhängige Existenz, haben

sie keinen festen Kern. Solche Prozesse sind substanzlos.

Was wird nun durch eine lexikalische Übersetzung aus dieser Idee?

Stellvertretend und symptomatisch für die Indologie möchte ich hier

nur zwei herausragende, bedeutende Gelehrte nennen, Lambert

Schmithausen und Etienne Lamotte. Schmithausen schreibt, über den

Begriff Sunyata bei Nagarjuna: „Das Zustandekommen in

Abhängigkeit von anderem läuft somit auf [In-Wahrheit]

Nichtzustandekommen, auf [In-Wahrheit] Nichtexistieren hinaus, die

Eigenwesenlosigkeit [nihsvabhavata] auf Sunyata im Sinne von

Nichtigkeit“ (L. Schmithausen, in: Historisches Wörterbuch der


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Philosophie, Joachim Ritter, Karlfried Gründer [Hg.]; Bd. 10, Basel

1998, S. 629). Demnach soll Sunyata das Nichtzustandekommen, die

Nichtexistenz oder die Nichtigkeit der Gegebenheiten [dharma]

bezeichnen.

Hier möchte ich nur in ganz kurzgefasster Form in Erinnerung rufen,

dass wir in der Philosophie unter den Begriffen der Substanz oder

des Seins oder des Wesens der Dinge keineswegs eine chemische

Substanz oder materielle Existenz oder die einfache Tatsächlichkeit

oder das Dasein der Dinge verstehen, sondern die immaterielle Idee

oder das Urbild eines Dings, etwas Absolutes, das dauerhaft und

unveränderlich, unabhängig von jeder Art von Fremdbestimmung, aus

sich selbst heraus existiert, das körperlos ist, alle Dinge durchdringt

und das eigene Sein der Dinge ausmachen soll. In der traditionellen

griechischen Philosophie wurde es bereits von Platon mit dem

griechischen Begriff ousia, eigenes Sein, oder dem Begriff der Idee

bezeichnet oder auch mit noch anderen Begriffen, ohne eine

Festlegung in der Wortwahl. Im Gegensatz dazu war für Platon die

Existenz der Dinge nicht mehr als ein schattenartiges, scheinhaftes

Abbild, eine zweitklassige Imitation der Idee oder des eigenen Seins.

Der englische Philosoph Henry More (1614-1687) hat die Bedeutung

des Begriffs von einem idealen Sein oder von einem substantiellen

Etwas in der traditionellen europäischen Substanzmetaphysik

zusammenfassend gekennzeichnet. Er sagt von Gott und dem Raum,

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sie seien „eins, einfach, unbeweglich, ewig, perfekt, unabhängig, aus

sich selbst heraus existierend, durch sich selbst bestehend,

unverfälscht, notwendig, unermesslich, unerschaffen, unbegreiflich,

allgegenwärtig, körperlos, alle Dinge durchdringend und umfassend,

wesentliches Sein, wirkliches Sein, reine Wirklichkeit“ (Henry More,

zitiert in: Edwin Arthur Burtt, The Metaphysical Foundations of

Modern Physical Science, London 1925, Seite 140).

Die traditionellen indischen Philosophien bezeichneten ein derartiges

eigenes Sein mit dem Terminus ‚svabhava‘. Beide extreme

Vorstellungen, die von einem eigenen Sein, aber auch die entgegen

gesetzte Vorstellung von einer schattenartigen, scheinhaften Fiktion

der Dinge, werden von der buddhistischen Philosophie zurückgewiesen.

Doch keineswegs wird die Mitte zwischen diesen extremen

Vorstellungen zurückgewiesen, nämlich die materielle Existenz der

Dinge, das bloße Dasein oder die Welt, in der wir leben.

Allerdings muss bei dem Begriff des Seins der Hinweis des

Philosophen Hans-Georg Gadamers bedacht werden, der bemerkte:

„Was das Sein eigentlich meint, das auf diese Weise zustande

gekommen sein soll, haben sie nicht gesagt“. (Hans-Georg Gadamer,

Der Anfang des Wissens, Stuttgart 1999, S. 147 ) Dabei ist zu

beachten: All diese Sätze dienen nur der Bestimmung des Seins und

des Absoluten. Sie sind natürlich ohne Rücksicht formuliert worden,

ob es auch wirklich etwas gibt, das diesen Bestimmungen entspricht.

Mit diesen Worten vom Sein ist noch nichts über die Wirklichkeit des
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Seins gesagt. Wir haben es nur mit Worten zu tun.

Selbst unsere besten Ideen haben Grenzen, die nicht überschritten

werden dürfen. Auch der Begriff von Sunyata, der die

Substanzlosigkeit der Dinge und das Fehlen eines eigenen Seins

bezeichnet, hat nicht den Rang eines Grundbegriffs für alles.

Sunyata ist ein eingeschränkter, nur für eine spezielle Fragestellung

brauchbarer Begriff. Er bezieht sich auf die spezielle Fragestellung

nach einem eigenen Sein oder nach etwas Absolutem, was in der

Geschichte der Philosophie auch mit dem Begriff von einer Substanz

bezeichnet wurde. Es ist extrem voreilig, einfach bedenkenlos zu

verallgemeinern und es ist eine unzulässige und eine unhaltbare

Verallgemeinerung, die philosophische Idee der fehlenden Substanz

der Dinge aufzublasen und nun alles als nichts zu erklären. Der

Begriff Sunyata kann nicht auf die Existenz der Dinge ausgedehnt

werden. Das ist eine sehr riskante Überdehnung eines philosophischen

Begriffs. Mit dieser Idee kann man nicht das Dasein in seiner

einfachen Tatsächlichkeit in Abrede stellen. Das ist nicht nur ein

Übersetzungsfehler, sondern ein kolossaler philosophischer Fehlschlag,

der die Philosophie Nagarjunas zu einem Aberglauben macht und zu

einer zurückgebliebenen Schwärmerei, durch die wir das Vertrauen in

den gesunden Menschenverstand, in jedes systematische

philosophische Denken und in unsere sinnliche Wahrnehmung verlieren

würden, wenn wir solch einer unhaltbaren und plumpen

Verallgemeinerung Glauben schenken.


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Indologische Sprachwissenschaftler bleiben durch einen solchen

Übersetzungsfehler inadäquat, vage und sie überschreiten den

zulässigen Anwendungsbereich des speziellen philosophischen Begriffs

Sunyata.

Wir müssten jede moderne und traditionelle Philosophie aufgeben und

zum mythologischen Denken oder zu mystischen Visionen und

phantasievollen Mutmaßungen der Frühzeit als Vorstufe zum rationalen

Denken Griechenlands zurückkehren, um von dem Aberglauben an die

Nichtexistenz der Dinge überzeugt zu sein. Die Griechen haben die

Mathematik und die Logik entdeckt und dadurch Methoden und

systematisches Denken zu einer rationalen Philosophie integriert.

Das mythologische Denken in der Frühgeschichte der Menschheit

lieferte eine vorstellbare Weltdeutung, die weder belegt noch

begründet werden muss. Es wurde in der modernen Welt als eine

kindliche Vorstufe zum begrifflichen Denken bezeichnet, bei dem es

keine Unterscheidung zwischen vorgestellter und wirklicher

Wahrnehmung gibt. Der Philosoph Ernst Cassirer hat es kurz

zusammengefasst: „Mythos ist immer als das Ergebnis einer

unbewussten Tätigkeit und als ein freies Produkt der Einbildungskraft

bezeichnet worden“.

In seinen philosophischen Kerngedanken über die Wirklichkeit, die

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meines Erachtens in den zahlreichen Gleichnissen über die

Wirklichkeit zu sehen sind, in denen Buddha Sakyamuni die

Wirklichkeit mit einem Regenbogen, einer Wolke, einem Tautropfen,

einem Spiegelbild, einer Kerzenflamme oder einer Schaumblase

vergleicht, spielen schwer zu belegende oder zu beweisende Mythen

wie Karma, Geist, Seele keine Rolle. Worum es bei solchen

Vergleichen geht ist die Welt, in der wir leben. Auch Nagarjuna

beschäftigt sich in seiner Philosophie überhaupt nicht mehr mit

solchen mythologischen Fragen. Damit will ich die buddhistische

Philosophie nicht von dem Ganzen der buddhistischen Religion trennen.

Das wäre einfach lächerlich. Tiefere philosophische Wahrheiten

haben immer einen Hauch von Mythos, von dem sie nicht getrennt

werden können. Zwischen buddhistischen Philosophien und

buddhistischen religiösen Mythen gibt es keine klare Trennung, es

gibt überhaupt nirgendwo klare Trennungen, denn auch tiefere

philosophische Wahrheiten sind ungesicherte, mögliche Geschichten,

wie sie Platon genannt hatte.

A. N. Whitehead hat sich immer wieder gegen derartige Trennungen

ausgesprochen. Er hat sich auch gegen eine Trennung von Philosophie

und Mystik ausgesprochen und schreibt im Epilog seines Spätwerks

Denkweisen über den Zusammenhang von Philosophie und Mystik auf

den Seiten 201- 202: „Wenn man es so nennen will, dann ist

Philosophie mystisch. Denn Mystik ist der direkte Einblick in bisher

noch unausgesprochene Tiefen. Aber der Zweck der Philosophie ist


30
es, Mystik zu rationalisieren: Nicht indem sie diese weg erklärt,

sondern indem sie neue verbale Charakterisierungen einführt, die auf

rationale Weise koordiniert werden“.

31
Neben dem philosophischen Kerngedanken über die Wirklichkeit gibt

es für den Buddhismus als Ganzes, als Religion, solche mythologischen

Lehren, wie die vom Karma, oder von einem Zwischenzustand zwischen

Leben und Tod, den die tibetische Tradition 'Bardo' nennt oder

solche buddhistischen Lehren, die tiefe Bereiche des Geistes und des

Bewusstseins betreffen, wie ‚bodhi‘, ‚Bodhisattva‘, ‚Buddha‘,

‚Bodhicitta‘ etc. Solche buddhistischen, religiösen Vorstellungen des

Glaubens können durchaus mit dem mythischen Denken der alten

indischen Weisheit in Verbindung gebracht werden, die wir in all ihrer

Totalität nicht definieren und nicht rational erklären können. Sie

gehören jedoch nicht zum eigentlichen Kernbereich der Philosophie.

Sie sind nicht das eigentliche Thema der buddhistischen Philosophie.

Ich spreche hier von Philosophie, wie sie von Edmund Husserl, Ernst

Cassirer und A.N. Whitehead verstanden wurde, als einer

'Wissenschaft' oder besser gesagt, von der Nähe der Philosophie zu

den Wissenschaften. Whitehead kommt immer wieder auf diese Nähe

zu sprechen. So schreibt er in Abenteuer der Ideen:

„Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, eine Zusammenordnung

von Ideen auszuarbeiten, die sich in den konkreten Fakten der realen

Welt manifestieren soll. Sie sucht nach den allgemeinen Zügen, die

die vollständige Realität eines Faktums charakterisieren und ohne die

jedes Faktum den Charakter einer Abstraktion annehmen müsste. Die

Wissenschaft dagegen abstrahiert und begnügt sich damit, das

Faktum nicht in seiner Vollständigkeit, sondern nur im Hinblick auf


32
gewisse wesentliche Aspekte zu verstehen. Die Wissenschaft und die

Philosophie kritisieren sich wechselseitig, und die eine regt immer das

Vorstellungsvermögen der anderen an. Philosophische Systeme haben

die Aufgabe, die konkreten Fakten zu erleuchten, von denen die

Einzelwissenschaften abstrahieren. Und die Einzelwissenschaften

sollten ihre Prinzipien in den konkreten Fakten finden, die das

philosophische System ihnen präsentiert. Die Geschichte des Denkens

ist die Geschichte der Fehlschläge und Erfolge dieses gemeinsamen

Unternehmens“ (Alfred North Whitehead, Abenteuer der Ideen,

Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1971 S. 286)

„Selbstverständlich ist es eine Übertreibung, wenn man die

Urheberschaft an der spekulativen Vernunft in dieser neuen Form

ausschließlich den Griechen zuschreibt; denn auch die großen

asiatischen Zivilisationen – die indische und die chinesische – haben

Varianten dieser Methodik hervorgebracht. Allerdings hat keine von

ihnen die technische Vollkommenheit der griechischen Methodik

erreicht. Die asiatische Handhabung der spekulativen Vernunft war

effektiv im Bereich der abstrakt-religiösen und der philosophischen

Spekulation, versagte aber vor den Aufgabenstellungen der

Naturwissenschaft und der Mathematik. Unter diesem Gesichtspunkt

sind es die Griechen, denen wir das Instrumentarium zur

Disziplinierung der Vernunft in seiner endgültigen Form zu verdanken

haben“ (A.N. Whitehead, Die Funktion der Vernunft, Phillip Reclam

jun., Stuttgart 1974, Seite 36).


33
Ein weiterer Sprachwissenschaftler, Etienne Lamotte (1903-1983),

ein herausragender und hoch qualifizierter Übersetzer der Werke des

chinesischen Übersetzers und Gelehrten Kumarajivas (344-413). Wir

verdanken Lamotte mehrere bedeutende, umfassende Übersetzungen

aus dem Chinesischen ins Französische, von seinen französischen

Übersetzungen habe ich viel gelernt, sie gehören zu den wertvollsten

Übersetzungen aus dem Chinesischen im 20. Jahrhundert. Er hatte

Nagarjuna folgendermaßen verstanden: „Nicht aufgrund einer

Leerheit sind die Wesen und Gegebenheiten leer, sondern sie sind

leer, weil sie nicht sind“ (Etienne Lamotte, Der Mahayana-

Buddhismus, in: Heinz Becher & Richard Gombrich, Die Welt des

Buddhismus, München 2002, S. 93).

Dadurch wollen uns zwei einflussreiche Gelehrte und mit ihnen

zahlreiche indologisch geschulte Sprachwissenschaftler überzeugen, in

den philosophischen Arbeiten Nagarjunas ginge es um die Idee des

Nichts, um die Nichtexistenz und Unwirklichkeit der Dinge, sie

würden im buchstäblichen Sinn Leere und Abwesenheit von Inhalt

illustrieren.

Gewiss, Die Idee und der Begriff ‚Sunyata‘ steht im Zentrum der

Philosophie Nagarjunas, mit dem eng umgrenzten Geltungsbereich der

Relationalität und Abhängigkeit der Dinge. Das war ein Hinweis, um

34
sich von der Vorstellung von einem eigenen Sein oder von etwas

Absolutem zu lösen. Dieser beschränkte Geltungsbereich wird durch

das Interpretationsmuster von Schmithausen und Lamotte über die

Maßen ausgedehnt. Nach ihrer Interpretation soll von Nagarjunas

Philosophie nicht nur die Vorstellung von einem ideellen Sein, von einer

ideellen Essenz der Dinge, sondern auch die ganze materielle Existenz

der Dinge bestritten werden.

„Wer über eine für die Verfolgung seiner dominierenden Interessen

gute Methode verfügt, zeigt häufig bei den umfassenderen Urteilen,

bei denen es um die Einordnung seiner Methode in ein vollständiges

Ganzes der Erfahrung geht, nahezu pathologische Defekte. (…) „Die

Neigung zu übertriebenen Behauptungen ist schon immer eines der

Grundlaster der Wissenschaft gewesen, und so hat man denn

zahlreichen, innerhalb strikter Grenzen unzweifelhaft wahren,

Aussagen, dogmatisch eine nicht bestehende universelle Gültigkeit

beigemessen“ (Alfred North Whitehead, Die Funktion der Vernunft,

Philipps Reclam 1974, Seite 12 und 26).

Mit solchen übertriebenen Behauptungen über das Nichts und über die

Unwirklichkeit der Dinge machen indologische Sprachwissenschaftler

die Philosophie Nagarjunas zu einem exotischen Aberglauben, den wir

sonst eigentlich nur von ausgemachten Scharlatanen und Quacksalbern

kennen, die mit bewussten Fälschungen und Tricks arbeiten, um ihre

35
leichtgläubige Kundschaft in die Irre zu führen.

Immer wenn ich höre und lese, Buddha Sakyamuni oder Nagarjuna

sollen die Dinge dieser Welt als ein Nichts oder als eine Fiktion und

pure Einbildung erklärt haben, deren Zusammentreffen mit der

Wirklichkeit von vornherein ausgeschlossen ist, überfällt mich ein

Gefühl der Lähmung, von Misstrauen, Argwohn und Skepsis über solch

verdrehte, absurde Beleidigungen des gesunden Menschenverstandes

und der sinnlichen Wahrnehmung. Solch ein Amalgam von

philosophischen Begriffen, solch einen verkorksten Tiefsinn und

Aberglauben soll Nagarjuna gelehrt haben?

Der Begriff 'Aberglaube' hat eine lange Geschichte, nach einer

modernen Definition des Sozialpsychologen Judd Marmor bezeichnet

er heute Glaubenssätze und Praktiken, die wissenschaftlich

unbegründet sind und nicht dem erreichten Kenntnisstand einer

Gesellschaft entsprechen. Dagegen kann man die meisten Philosophien,

auch die Philosophie Nagarjunas, als einen Versuch beschreiben, ein

kohärentes, logisches, notwendiges System allgemeiner Ideen zu

finden, durch das alle Bestandteile unseres Erlebens interpretierbar

werden (vgl. Whitehead, Abenteuer der Ideen, Seite 395).

Leider sind derartige philologischer Fehlschläge zu einem

dogmatischen Interpretationsmuster in der Indologie der vergangenen

100 Jahren geworden. Soll ‚das Nichts‘ die philosophische zentrale

36
Idee und die Kernaussage Nagarjunas sein? Soll das seinem Geist und

seinen Absichten entsprechen? Wollte Nagarjuna’s Philosophie die

Außenwelt leugnen? Sollten diese Ideen über das Nichts überhaupt

philosophische Ideen sein? Müssen wir jetzt etwa die Außenwelt

philosophisch beweisen, bevor wir sie anerkennen? Die Existenz der

Welt, in der wir leben, ist evident, man sieht sie, sie ist kein

Hokuspokus, wir leben in ihr, wir sind ein Teil von ihr. Der gesunde

Menschenverstand reicht vollkommen aus für eine Zurückweisung des

Glaubens an ‚das Nichts‘. Wir brauchen kein Philosophiestudium, um

mit der Realität der Außenwelt zu rechnen. Auch optische

Täuschungen und Halluzinationen lassen uns nur in dem Moment an der

Realität der Außenwelt zweifeln, in dem wir sie erleben. Die

Verwirrungen, die sie stiften, sind glücklicherweise seltene Momente,

für die die wissenschaftliche Wahrnehmungsforschung einige

Erklärungen vorgeschlagen hat.

Die Welt, in der wir leben, wird eigentlich nur von extremen

subjektivistischen Philosophien geleugnet. Doch haben solche extremen

Sichtweisen nur einen geringen Erklärungswert über die Welt, wenn

sie überhaupt einen haben. Deswegen sollten wir uns von solchen

extremen Subjektivisten einfach nur verabschieden. Sie haben die

gleiche scharfe Trennung zwischen Geist und Materie akzeptiert, die

sie bei ihren 'materialistischen' Gegnern bemerkt haben. Während

für ihre 'materialistischen' Gegner die physische Natur die einzige

Realität und der Geist eine Randerscheinung ist, ist für


37
Subjektivisten die physische Natur reine fiktive Erscheinung und das

Bewusstsein die einzige Realität. Bei extremen Subjektivisten gibt es

keine Verbindung oder Verschmelzung von Beidem.

Durch ihr Interpretationsmuster ist Nagarjuna von Schmithausen und

Lamotte in die Nähe des idealistischen Philosophen George Berkeley

(1685-1753) gerückt worden. Berkeley lehrte, dass eine vom

Wahrnehmen und Denken unabhängige Außenwelt nicht existiert.

Sollte Nagarjuna, der Begründer eines mittleren Weges, der alle

extremen Denkweisen zurückgewiesen hat, selber ein extremer

subjektivistischer Philosoph gewesen sein, der die Außenwelt infrage

stellt? Wollte er zurückweisen, was offensichtlich existiert? Wollte

Nagarjuna die Welt in der wir leben, leugnen? Oder war Nagarjuna

ein 'Nihilist'? War er blind oder wollte er einfach nicht seinen Augen

trauen?

Zu derartig exotischen, absurden und zurückgebliebenen,

altmodischen subjektivistischen Schlussfolgerungen und

Unterstellungen können wir kommen, wenn wir die Bedeutung von

einem zentralen Begriff übersetzen, ohne nach den Ideen zu fragen,

die dem Begriff und dem ganzen Text zugrunde liegen. Solche

indologischen Unterstellungen über ‚das Nichts‘ haben die Diskussion

um einen bedeutenden buddhistischen Philosophen vergiftet. Eine

philosophische Interpretation und Diskussion beginnt nicht mit der

Übersetzung von Begriffen, die man nicht verstanden hat, sondern

mit Fragen nach den Ideen, die einem Begriff und dem ganzen Text
38
zugrunde liegen. Mit solchen Fragen sind wir nicht am Ende, sondern

am Anfang eines philosophischen Verstehens angekommen.

Der Buddhismus hatte von Anfang an einen negativen Ruf, der ihm

unterstellte, die Existenz der Welt zu leugnen. Das war von Anfang

an ein grobes Missverständnis, weil bereits für Budddha Sakyamuni

gerade in der Erkenntnis der wolkenartigen, regenbogenartigen,

spiegelartigen und nebulösen, vagen und vergänglichen Außenwelt und

Wirklichkeit die Voraussetzung besteht, sich von der Welt zu

befreien und alle Bindungen an diese Welt aufzugeben. Befreiung ist

erst dann möglich, so lehrte Buddha Sakyamuni, wenn wir die

Bodenlosigkeit und Grundlosigkeit der Dinge sehen, ihre Beziehungen

untereinander. Auch wir Menschen hängen gierig an den Dingen,

solange wir nicht sehen, dass wir einer Fata Morgana nachjagen. Eine

Fata Morgana ist alles andere als ein Hokuspokus oder als ein bloßes

Nichts. Das sind die philosophischen Kerngedanken Buddha

Sakyamunis über die Wirklichkeit.

Nagarjuna betont ebenso den flüchtigen, fragmentarischen,

verschwommenen, sich in Luft auflösenden, zusammengesetzten

Charakter der Dinge, wenn er von ihnen sagt, sie seien nicht

zusammen aber fallen auch nicht auseinander. Weder sind die Dinge

zusammen, noch sind sie nicht zusammen, [MMK 6.8], sagt Nagarjuna

wörtlich in seinem Hauptwerk. Davon wird im 3. Teil dieses Textes

39
die Rede sein.

Vom Nichts zu sprechen, ist eine grobe Irreführung, der es an

Feinfühligkeit und feiner Wahrnehmung von Zwischenzuständen,

Zwischenstufen, Übergängen, energetischen Zwischenbereichen,

feinstofflichen Zwischendingen, Zwischenräumen, Zwischenergebnissen

und Zwischenlösungen fehlt. Ich denke dabei auch an die unendliche

Vielfalt von allem, was beinahe oder ganz ähnlich ist oder an etwas,

das fast verschwunden ist oder noch nicht ganz in Erscheinung

getreten ist. Auf solche Übergänge und Ähnlichkeiten hat uns vor

einigen Jahren der italienische Mathematiker Paolo Zellini in seinem

historischen Überblick des mathematischen Denkens hingewiesen

(Paolo Zellini, Eine kurze Geschichte der Unendlichkeit, C.H. Beck,

München 2010).

Den Buddhismus und besonders Nagarjunas Begriff von ‚Sunyata‘ in

die Nähe ‚des Nichts‘ zu rücken entspricht einem Denken, das

Klischees verhaftet geblieben ist. Klischees sind vorgeprägte

Wendungen, abgegriffene und durch allzu häufigen Gebrauch

verschlissene Bilder, Ausdrucksweisen, Redeschemata, die ohne

individuelle Überzeugung einfach unbedacht übernommen werden (Gero

von Wilpert).

Sprachwissenschaftler überschreiten ihre lexikale Kompetenz, wenn es

um eine philosophische Interpretation der grundlegenden Ideen

40
Nagarjunas geht.

Der Buddhismus wäre schon längst nichts weiter als nur ein

Aberglaube, wenn er nicht von seinen Anfängen bis zur Gegenwart in

Verbindung mit einer intellektuellen Bewegung gestanden hätte, mit

einer Liebe nach Weisheit, wie wir die Philosophie nennen können, mit

einer Anstrengung der Vernunft, ein mehr oder weniger vollständiges

philosophisches System zu formulieren, das auch vage und

unordentliche Elemente enthalten kann.

Dieses Streben nach Rationalität ist auch eine Grundlage der

Religionsphilosophie, die sich im 18. Jahrhundert entwickelte, aus

dem Bemühen, das Wesen und die Wahrheit des religiösen Glaubens

aus der Vernunft zu begreifen, ohne Rücksicht auf

Offenbarungsansprüche. Dabei schließe ich mich den

Religionswissenschaftlern Richard Otto und Mircea Eliade an, die als

einen Einheitsbegriff ‚das Heilige‘ ausgewählt hatten, um das in der

religiösen Erfahrung ursprünglich Erscheinende zu bezeichnen. 'Das

Heilige' ist auch für die buddhistische Religion ein Kennzeichen, das

über den philosophischen Kern hinaus führt.

Einige Sprachwissenschaftler setzen sich über diesen rationalen Kern

der buddhistischen Philosophie einfach hinweg. Durch ihre

willkürlichen, irrationalen Fehlschläge der Übersetzungen eines

Schlüsselbegriffs ist die Philosophie Nagarjunas erheblich geschwächt

41
worden. Solche indologischen Sprachwissenschaftler haben ein

vollständig veraltetes Bild von der buddhistischen Philosophie

geschaffen. Sie haben den Buddhismus auf eine Art mystischen

Singsang über das Nichts und über eine uneinsehbare Welt reduziert

und zu einem zurückgebliebenen Aberglauben herabgestuft.

Ich möchte den buddhistischen Kerngedanken über die Realität an

dieser Stelle mit drei traditionellen Gleichnissen von einer

Bananenstaude, einem Nebel und einem Spiegelbild belegen:

42
43
Bananenstaude.

Foto: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16940722

Kommentar: Bananen gehören zu einer Pflanzengattung in der Familie

der Bananengewächse. Eine Bananenstaude hat keinen Stamm. Was

wir für einen Stamm halten könnten ist ein Scheinstamm, der aus

massiven Blattstielen besteht, die nicht verholzen. Das ist ein häufig

genanntes Beispiel im frühen Buddhismus. Wir sollen alle Dinge so

betrachten, ohne einen festen Kern, ohne eine Substanz. Von einer

fehlenden Existenz der Bananenstaude ist im Buddhismus überhaupt

nicht die Rede.

44
Die Realität ist wie ein Nebel

45
Foto: By Taken byfir0002 | flagstaffotos.com.auCanon 20D + Tamron

28-75mm f/2.8 - Own work, GFDL 1.2,

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=205768

Kommentar: Auch Nebel ist ein traditionelles Gleichnis im frühen

Buddhismus. Im Nebel erscheint alles weniger wirklich. Von einem

Nichts oder von einer kompletten Unwirklichkeit der Dinge im Nebel

kann nicht die Rede sein.

46
Spiegelbild

Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Flo%C3%9Fteich

47
Kommentar: Auch ein Spiegelbild ist nicht ein Nichts, auch ist es nicht

leer. Es existiert, es ist da. Es gibt ein Spiegelbild in einem Spiegel

oder in einem See. Nur besteht es eben aus Licht, es stellt keine

Verdoppelung der materiellen Wirklichkeit dar, es täuscht eine

Verdoppelung vor. Es existiert in einem Zwischenbereich zwischen dem

Nichts und einer materiellen Wirklichkeit. Es ist wie eine Erscheinung,

die nicht sie selbst ist. Vor allen Dingen ist es nicht greifbar. Wir

können es nicht festhalten. Es fesselt uns nicht an diese Welt und wir

können uns eher von unserer Gier nach etwas Festem und Haltbarem

befreien. Wenn wir alle Dinge wie ein Spiegelbild betrachten, können

wir das Loslassen lernen. Deswegen wurde im frühen Buddhismus das

Spiegelbild gelehrt.

48
Wie sollten Nagarjunas Schlüsselbegriffe übersetzt werden?

Für ganz ähnliche Fragen der Übersetzung und Interpretation ist der

Bibelübersetzer Martin Luther (1483 – 1546) bekannt geworden. In

der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. April 2015 schreibt

Reinhard Binger über eine Korrektur der Lutherbibel durch die

Evangelische Kirche Deutschlands und nennt die Gründe, warum

Theologen im Jahre 2015 an unzähligen Stellen zum Deutsch Martin

Luthers zurückkehren. Binger schreibt:

„Charakteristisch für Luthers Übersetzung war insgesamt, dass er

recht frei mit den einzelnen Wörtern der Urtexte umging. ‚Die

Grammatik soll nicht über die Bedeutung herrschen‘, sagte Luther

einmal. Übersetzung war für den Reformator immer auch Auslegung.

Nicht die Bedeutung einzelner Worte, sondern die Theologie eines

Textes wollte er so präzise und prägnant wie möglich ins Deutsche

übertragen. Vom Ergebnis sind die in Leipzig versammelten Fachleute

noch immer angetan“.

Nagarjuna hat bisher keinen philosophischen Übersetzer vom Rang

Martin Luthers gefunden, wir sind durch philologische Methoden des

Übersetzens noch immer mit dem Ergebnis konfrontiert, dass

Nagarjunas Philosophie als nihilistisch, schwierig, dunkel und

bestenfalls exotisch gilt. Auch werden ihr viele paradoxe und

49
nebulöse Tiefsinnigkeiten unterstellt, mit denen uns Nagarjuna Rätsel

aufgegeben haben soll. Dadurch wollen uns Sprachwissenschaftler

dann weismachen, Nagarjunas Philosophie könne mit europäischen

philosophischen Ideen kaum verstanden, verglichen und interpretiert

werden.

Während Nagarjuna bei Indologen und Sprachwissenschaftlern seit

zwei oder drei Generation eine Hochkonjunktur erlebt, haben sich

europäische Philosophen in den letzten 200 Jahren nur ganz selten

mit indischen Philosophien auseinandergesetzt. Indische Philosophien

waren für sie bestenfalls Weisheitslehren, aber nicht Philosophie.

Darauf ist der Philosophie-Historiker Elmar Holenstein in seinem

Philosophie-Atlas eingegangen. Holenstein schreibt:

„Der Forschungsstand ist heute ein anderer als in den Jahrzehnten

unmittelbar vor und nach 1800. Zu viele der wahrhaft großen

Philosophen außerhalb Europas waren Kant (1724 -1804) und Hegel

(1770 – 1831) wohl noch nicht einmal dem Namen nach vertraut, etwa

Nagarjuna, Vasubandhu, Bhartrihari, Dharmakirti, Shankara,

Gangesha in Süd-Asien, Xun Zi, Wang Bi, Fazang Zhu Xi, Wang

Yangming, Yi Hwang und Ogyu Sorai in Ostasien“. (…) Von der

Mehrzahl dieser Gelehrten sind Texte überhaupt erst im Verlauf des

20. Jahrhunderts in europäische Sprachen zugänglich gemacht

worden“ (1).

50
Eine bedeutende Ausnahme war übrigens der Philosoph Karl Theodor

Jaspers (1883 – 1969).

Wie bereits erwähnt: Was Whitehead immer wieder über seine eigene

Philosophie sagt, ist auch für Nagarjunas Philosophie ein Kennzeichen:

„Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, eine Zusammenordnung

von Ideen auszuarbeiten, die sich in den konkreten Fakten der realen

Welt manifestieren soll. Sie sucht nach den allgemeinen Zügen, die

die vollständige Realität eines Faktums charakterisieren, und ohne die

jedes Faktum den Charakter einer Abstraktion annehmen müsste.“

(Abenteuer der Ideen, S. 286).

51
2. Nagarjuna

Nagarjuna hat seine Ideen von der Wirklichkeit keineswegs nur in den

Begriffen 'Sunyata' und 'Pratityasamutpada' zum Ausdruck gebracht.

Diese beiden Sanskrit-Begriffe sind in seinem Hauptwerk [MMK] nur

eine zusammenfassende Verallgemeinerung von 25 Gleichnissen, mit

denen er die Wirklichkeit untersucht, dargestellt und verglichen hat.

Welche Ideen liegen diesen 25 Gleichnissen zugrunde? Der

Kerngedanke Nagarjunas besteht in dem Hinweis auf das zwischen

den Dingen Liegende und wird mit verschiedenen Begriffen

bezeichnet, mit dem Begriff des Zusammenhangs der Dinge, mit dem

Begriff der Abhängigkeit (Sanskrit: pratityasamutpada) und des

Zusammenseins. Das sind alles vage Begriffe, die schwer in konkrete

Worte zu fassen sind. Auch ergänzende und ähnliche Begriffe aus

anderen Philosophien und aus dem Alltag können nicht ohne weiteres

die vage Bedeutung auflösen. Ich meine solche Begriffe wie

beispielsweise Bindungen, Verschränkungen, Zwischenräume,

Verwicklungen, Verflochtenheit, Wechselspiel, oder die wechselseitige

Verbundenheit der Dinge. Oder Giobertis Hinweise auf die Mitte, die

Vereinigung, auf den Durchgang, den Übergang, den Weitergang, den

Abstand, die Entfernung, das Band und auf den Kontakt. (2)

Diese und zahlreiche weitere Begriffe bringen etwas andere Aspekte

52
von dem, was zwischen den Dingen passiert, zum Ausdruck. Bis heute

gibt es keinen einzelnen, einzigen oder zusammenfassenden Begriff

für die etwas schwerfällige Bezeichnung von dem zwischen den Dingen

Liegendem, den ich von Albert Einstein übernommen habe, als er von

einem Feld sprach. Es ist nicht immer von genau demselben

Sachverhalt die Rede. Die Worte Sunyata und Pratityasamutpada

können nur als Sammelbegriffe für das zwischen den Dingen Liegende

verstanden werden. Sunyata und Pratityasamutpada lassen sich nicht

durch ein einziges Wort übersetzen. Man kann sie nicht auf einen

einzigen, konkreten Begriff festnageln.

Die Hauptströmungen der europäischen Philosophien haben sich nicht

mit dem beschäftigt, was zwischen den Dingen passiert. Sie sind ganz

andere Wege gegangen. Sie haben vor allem seit Platon (428 – 348

vor Christus) die extremen Ideen des Absoluten, des Seins und der

Substanz oder aber seit René Descartes (1596 – 1650) in der

Philosophie der modernen Welt das gegenteilige Extrem, das

unabhängige Subjekt thematisiert. Sie konnten seit Aristoteles (384 –

322 vor Christus) mit dem zwischen den Dingen Liegendem gar nichts

anfangen.

Denn bereits Aristoteles, neben Platon der wohl bedeutendste und

einflussreichste Philosoph des alten Griechenlands, hatte ein logisches

Prinzip formuliert nach dem ein Sachverhalt entweder besteht oder

53
nicht, tertium non datur, ein Drittes gibt es nicht. Es ist ein Denken

in einem Schwarz-Weiß-Schema ohne Zwischenbereiche. Es

durchzieht die europäische Philosophiegeschichte und

Wissenschaftsgeschichte wie ein roter Faden, von Aristoteles bis

heute.

Hier möchte ich das Schwarz-Weiß-Schema durch einige Bilder

zurückweisen, die das Dritte darstellen, den Zwischenzustand

zwischen Tag und Nacht.

54
Der Abend in Bildern.

55
3. Aber warum Bilder?

Hier einige kurzgefasste Gründe: Bilder können eine Frische

enthalten, die der Verstand nicht erreichen kann. Meistens sind

Bilder umfassender als einzelne Ideen, sie repräsentieren das nie

erfahrbare, nicht überschaubare Ganze der Dinge. Da Bilder über die

Augen ins Blut gehen bieten sie eine tiefer liegende Gewissheit als

Ideen. Ein Bild, das gesehen wird, kann eigentlich nicht in Worte

übertragen werden, ohne dass ein Teil des Seherlebnisses verloren

geht. Den Worten fehlt die Frische, eine Ästhetik, ein konkreter

Gesamteindruck und die Vielfalt und Vielseitigkeit.

Wie denken wir? Normalerweise denken wir an irgendetwas, an ein

Ding, an ein Objekt, an einen Freund, an einen Berg, an das Meer,

an einen Traum, an eine Idee, an ein Bild, an ein Wort und an vieles

mehr. An einzelne materielle oder immaterielle Dinge, an einzelne,

isolierte Tatsachen, die wir herausgreifen und die wir aus dem

Zusammenhang lösen. Diese Denkweisen wurden uns besonders von

Philosophen und Wissenschaftlern vorgemacht und gelehrt. Bereits

Aristoteles hatte ein logisches Prinzip gelehrt, nach dem ein

Sachverhalt entweder besteht oder nicht, ein Drittes gibt es nicht.

56
57
Was fehlt in diesen schematischen logischen Denkweisen? Es fehlen

Zwischenstadien, Zwischenstücke, Zwischenstufen, Zwischenträger,

Zwischenwände. Zwischenfarben, Zwischenformen, Zwischenstufen,

Zwischenbemerkungen. Zwischendinge kommen in diesem logischen

Schema nicht vor. Es fehlt das, was zwischen den Zeilen steht. Es

fehlten Dinge, die ähnlich sind und nicht vollständig verschieden,

Dinge, die so flüchtig sind, dass sie schon verschwunden sind, bevor

sie richtig in Erscheinung getreten sind. Neben klaren Sachverhalten

und Aussagen fehlen verwässerte Sachverhalte und Aussagen. Neben

klaren Denkprozessen kennen wir auch solche, die wir im Halbschlaf

machen, unkonzentriert, unscharf und mit lauter Irrtümern behaftet.

In solchen Zustand kann von einem Sachverhalt, der einer logischen

Überprüfung standhält, gar keine Rede sein. Wir kennen

Sachverhalte, die sich nur geringfügig von anderen Sachverhalten

unterscheiden, wo sich beide Sachverhalte ganz ähnlich sind, wie

Zwillinge. Wir kennen metaphorische Aussagen, in der eine Sache

durch eine andere bezeichnet wird. Hier fehlt ein eindeutiger

Sachverhalt. Auch kennen wir Kippbilder, die in kein logische Schema

gepresst werden können, um nur zwei sehr bekannte Beispiele aus der

Wahrnehmungsforschung zu nennen:

58
59
60
Dieses grundlegende, logische Schwarz-Weiß-Schema durchzieht das

wissenschaftliche und philosophische Denken wie ein roter Faden bis

der englische Physiker, Michael Faraday (1791-1867) eine

Zwischenlösung vorgeschlagen hat: das zwischen den Dingen Liegende.

Als eine Nebenbemerkung möchte ich an dieser Stelle den indischen

Gelehrten B.N. Goswamy erwähnen. Goswamy, ein 1933 geborener

Kunsthistoriker aus Indien, schreibt in der Neuen Züricher Zeitung

(NZZ) vom 10./11. Juli 1999 über Sanskrit und den indischen Geist.

Beide hätten folgende Kennzeichen, „man dachte sich hunderterlei

Weisen aus, dasselbe zu sagen, aber man tat es mit Vergnügen und

oft mit Erfindungsgeist“. Offenbar können wir Ähnliches bei

Whitehead entdecken: keine Festlegung in der Wortwahl, den

Versuch, sich nicht auf ein Schwarz-Weiß-Schema festlegen zu

lassen und das zwischen den Dingen Liegende zu beachten. Was hier

in sehr kurz gefasster Form über Sanskrit und über indische

Denkweisen gesagt wurde, lässt sich auch über einige traditionelle

chinesische Denkweisen sagen, die gerne etwas indirekt ausdrücken,

durch Umwege. Aber in vielen Sprachen sind metaphorische Bilder,

die etwas durch etwas Anderes sagen, der Poesie ganz nahe und der

Musik, dem Gesang. Hier nur ein einziges Gleichnis des Buddha

Sakyamuni, der etwas durch etwas anderes erklärte. Er spricht über

Schaumblasen und vergleicht sie mit der Welt, in der wir leben: „Die

Wirklichkeit ist wie eine Schaumblasen, betrachtet alle Dinge so“.

Buddha Sakyamuni.
61
62
Ich denke hier an buddhistische Texte, die in Indien und China in den

Gebeten rezitiert werden und gesungen werden und ich denke an das

philosophische Hauptwerk Nagarjunas, „Mulamadhyamaka-karika“.

Dem ganze Werk liegt eine Melodie zugrunde, es ist eine gesungene

Philosophie, die milde stimmt und sanft gelehrt wird, die den ganzen

Körper in eine Stimmung versetzt und viele Regionen des Körpers

vibrieren lässt, wie ein Liebesgedicht, das den Geliebten oder die

Geliebte oder alle Geliebten verführt, in eine Welt der Träume, des

Nachsinnens, eine Welt in der unsere Herzen ergriffen werden. Der

logische Verstand ist nur ein Besucher dieser Welt, einer unter

mehreren anderen.

Doch unscharfe und fehlerhafte Sachverhalte kennen wir in allen

Gebieten des menschlichen Wissens. Sie gestatten es uns nicht der

Wahrheit und der Wirklichkeit vollständig auf den Grund zu gehen

und ganz nahe zu kommen. Ich möchte hier nur einen Hinweis geben:

Es ist durchaus bekannt, dass das Vorhandensein und die Verwendung

fehlerhafter - falscher, unpräziser, widersprüchlicher,

unvollständiger, inkonsistenter, mehrdeutiger und vager -

Informationen in der Wissenschaft allgegenwärtig sind und auf

natürliche Weise als Teil der Dynamik der wissenschaftlichen

Entwicklung gesehen werden. Dadurch kann von einem exakten und

absolutem Wissen oder von einem eindeutigen Sachverhalt keine Rede

sein.

63
Als einen letzten Hinweis auf die Auflösung eines Schwarz-Weiß-

Schemas möchte ich auf eine kurze Bemerkung des lettisch-

amerikanischen Malers Mark Rothko hinweisen, der) sagte: „über die

Kunst in seiner Zeit (1947/1948);

„Die fraglose Übereinstimmung der gegenständlichen Welt mit sich

selbst muss erschüttert werden: Nur so lässt sich das oberflächliche

Beziehungsnetz zerstören, mit dem die Gesellschaft unsere wahre

Umgebung zu verhüllen droht“. („The familiar identity of things has

to be pulverized in order to destroy the finite associations with which

our society increasingly enshrouds every aspect of our environment“.

Meine Übersetzung: "Die vertraute Identität der Dinge muss

pulverisiert werden, um die endlichen Assoziationen zu zerstören, mit

denen unsere Gesellschaft zunehmend jeden Aspekt unserer Umwelt

umhüllt". (Mark Rothko, Possibilities Nr. 1, 1947/1948, in: Galerie

Beyeler, Basel 1990) . Mark Rothko half uns, die Welt auf eine neue

Art und Weise zu sehen.

64
Mark Rothko. Ohne Titel, 1970

65
1. Abend. William Turner, Sunset

Der Abend liegt zwischen Tag und Nacht. Er ist ein Übergang, ein

Zwischenzustand.

66
2. Abend

Foto: Christian Thomas Kohl

Kommentar: Der Abend verbindet Tag und Nacht. Er hat keine eigene

Existenz, zum Teil ist er Tag, zum Teil ist er Nacht.

67
3. Abend

Kommentar: Der Abend, zwischen Tag und Nacht, ohne eine

Grundlage.

68
4. Abend

„Wie für die Leidenschaft ist damit für alle Dinge erwiesen: Weder

sind sie zusammen, noch sind sie nicht zusammen“. ( Nagarjuna MMK

6.10). Das trifft auch für Tag und Nacht zu. Weder sind sie

zusammen, noch sind sie nicht zusammen.

69
5. Quantenverschränkungen

„Die Objekte sind weder richtig getrennt, noch richtig mit einander

verbunden“ (Der Mathematiker Roger Penrose über verschränkte

Quantenobjekte). So sind auch Tag und Nacht weder richtig getrennt

noch richtig miteinander verbunden.

70
6. Abend

Tag und Nacht sind Gegensätze, die sich anscheinend völlig

ausschließen. Durch den Abend werden diese Gegensätze zu einer

Einheit verbunden. „Die Menschen haben sich für zwei Gestalten der

seienden Dinge entschieden und sie mit zweierlei Ausdrücken fest

benannt. Damit haben sie freilich einen grundlegenden Irrtum

begangen, nämlich die beiden Gestalten so zu trennen, statt es mit

dem einen Sein zu belassen“ (Gadamer/Parmenides)

71
7. Abend. Der Abend stellt einen Zusammenhang zwischen Tag und

Nacht und eine Beziehung zwischen dem Tag und der Nacht her.

72
8. Abend

Tag und Nacht sind weder zusammen, noch nicht zusammen. Der

Abend befindet sich zwischen Tag und Nacht. Der Abend ist mit

dem Tag und mit der Nacht verbunden und verschränkt.

73
9. Abend

„Die Mitte, die Verbindung, die Vereinigung, der Durchgang, der

Übergang, der Weitergang, der Abstand, die Entfernung, das Band,

der Kontakt“ (Vincenzo Gioberti).

74
10. Abend

„Die Mitte ist das Zusammenkommen zweier Verschiedenheiten und

Gegensätze zu einer Einheit“ (Vincenzo Gioberti).

75
11.„Es bedurfte eines kühnen Gedankensprunges, um zu erkennen,

dass nicht das Verhalten von Körpern, sondern das von etwas

zwischen ihnen Liegendem, das heißt, das Verhalten des Feldes, für

die Ordnung und das Verständnis der Vorgänge maßgebend sein

könnte“. Einstein

76
12. Abend. „Abhängigkeit, Vernetzung, Verbundenheit, Relation,

wechselseitige Zusammenhänge, universelle Bezogenheit,

Zusammenwirken, Geflecht, Beziehungsfeld, Glieder eines Systems,

Wechselwirkung, Funktionszusammenhang, Kraftfeld“ (Alfred North

Whiteheads Schlüsselworte)

77
78
4. Aristoteles

Ich komme auf Aristoteles zurück. Aristoteles hatte ein logisches

Prinzip gelehrt: Entweder besteht ein Sachverhalt oder er besteht

nicht, ein Drittes gibt es nicht. Diesem grundlegenden logischen

Prinzip des Aristoteles wagten erst im 20. Jahrhundert einige

Mathematiker und Physiker zu widersprechen. Für die Mathematik

war es besonders Jan Brouwer (1881 – 1966). Bei unendlichen Reihen

dachte Brouwer an Übergänge ohne ein Entweder-Oder. Für die

Physik begann die Loslösung vom Aristotelischen Prinzip bereits mit

Faraday (1791-1867) und Maxwell (1831-1879). Aber darauf soll an

dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Ich möchte hier nur

einen Hinweis auf Albert Einstein geben. In seinen physikalischen

Ideen geht es nicht nur um eine neue Sichtweise der Dinge, sondern

auch um eine neue Sichtweise von dem Raum zwischen den Dingen. In

Einsteins Gravitationstheorie wurde der Raum zu einem Vermittler und

Träger von Informationen zwischen den Dingen. Das zwischen den

Dingen Liegende sollte von nun an in der modernen Physik von

Bedeutung sein. Die Vorstellungen von einem „Nichts“ oder von einem

„leeren Raum“ hatten ausgedient. Die moderne Physik im 20.

Jahrhundert hatte sich von solchen Vorstellungen verabschiedet, um

der Idee der Vermittlung zwischen den Dingen einen Platz

einzuräumen.

79
Magnetfeld. Faraday.

80
„Es bedurfte eines kühnen Gedankensprunges, um zu erkennen, dass

nicht das Verhalten von Körpern, sondern das von etwas zwischen

ihnen Liegendem, das heißt, das Verhalten des Feldes, für die

Ordnung und das Verständnis der Vorgänge maßgebend sein könne“

[Albert Einstein, Leopold Infeld, Die Evolution der Physik, Rowohlt,

Hamburg 1957, Seite 194].

Diese Sätze stammen aus einem wenig beachteten Buch über die

Geschichte der Physik. Das ist ein bedeutendes und erst im 20.

Jahrhundert bemerktes Kennzeichen der modernen Physik seit 1850.

Schritt für Schritt hat sie eine neue Sichtweise eingeführt. Während

sich die Klassische Mechanik mit physischen Körpern beschäftigte,

begann der englische Physiker Faraday sich für die Zwischenräume zu

interessieren, auf elektrische Ströme und auf magnetische Ströme

zwischen den Körpern.

81
Modernes Gravitationsfeld.

Der Raum wird hier als Träger und Vermittler der Informationen

zwischen den Massen verstanden.

82
Gravitationswellen auf dem Ozean

83
Bei Gravitationswellen werden Einsteins Einsichten als eine

geometrische Theorie gelehrt. Schwerkraft ist hier keine Kraft,

sondern eine geometrische Eigenschaft des Raumes und der

Zeit.Gravitationswellen werden daher nicht als als Wellen von Feldern

angesehen – wie der elektrischen und magnetischen Felder in der

Elektrodynamik - sondern Geometrodynamik.

84
Isaac Newton und die Klassische Physik kennen nur einzelne,

unabhängige Körper, die getrennt sind, sie findet nur Sukzessionen,

das sind einzelne, auf einander folgende, unabhängige Tatsachen oder

Zeitabschnitte, sie kennt keine Übergänge. Die moderne Physik des

20. Und 21. Jahrhunderts hat die Entdeckung gemacht, dass es in

der Natur überall Übergänge gibt. Und es gibt keinen Übergang ohne

zeitliche Dauer. Wir müssen uns von ‚nackten‘ Tatsachen

verabschieden, die im Nichts schwimmen. Die Dinge ändern sich. Die

Natur ist ein Theater für Wechselbeziehungen. Der moderne

Standpunkt wird in der Physik durch die Begriffe von Energie,

Aktivität, Schwingungsunterschiede und Raumzeit zum Ausdruck

gebracht. Die Dinge fließen, wie auf dem Bild eines modernen

Gravitationsfeldes zu sehen ist. Das ganze räumliche Universum ist

ein Kraftfeld oder – mit anderen Worten – ein Feld unaufhörlicher

Aktivität (Whitehead). Newtons Methodologie war ein überwältigender

Erfolg. Allerdings konnte er keine Ursache für die Gravitation

einführen. Masse und Anziehung waren in seinem System losgelöste

Faktoren, ohne einen Zusammenhang. Die Natur war für Newton tot,

stumm, farblos und geistlos. Die Voraussetzungen der Physik von

gestern bleiben im Denken der Physiker erhalten, selbst wenn ihre

ausdrücklichen Lehren diese im Detail widerlegen, so wie dies durch

die Relativitätstheorie und die Quantenphysik geschehen ist.

85
Elektromagnetische Felder

86
Elektromagnetisches Feld eines Radios

87
Radiowellen sichtbar gemacht

88
Funkwellen

89
Netzt mit Knoten und Verbindungen.

Besteht ein Netz aus Knoten oder aus den Verbindungen dazwischen?

90
Nervenzellen im Gehirn

91
Kleinhirnzellen einer Taube, 1899, Zeichnung

92
Milchstrasse

93
Dargestellt sind zwei Neutronensterne und die bei der Verschmelzung

abgestrahlten Gravitationswellen.

94
Gravitationswellen (Modell, Albert Einstein)

95
Albert Einstein: Simulation einer kosmischen Kollision: Tanzen

Schwarze Löcher umeinander und stoßen zusammen.

„Die Materie sagt der Raum-Zeit, wie sie sich krümmen soll und die

Raum-Zeit sagt der Materie, wie sie sich bewegen soll“ (der Physiker

John Archibald Wheeler).

96
Gravitationswellen auf dem Ozean

97
Handywellen

98
Frequenz-Sprünge in Mikrowellen-Generatoren

99
Verschränkung. Quantenphysik.

100
Verschränkung.

Die Verschränkung ist wohl das seltsamste Phänomen der

Quantentheorie. Zwei miteinander verschränkte Teilchen verhalten

sich wie ein einheitliches System, unabhängig davon, wie weit sie

voneinander entfernt sind. Misst man die Eigenschaft eines Teilchens,

wird augenblicklich auch der Quantenzustand des Partners festgelegt.

Im Labor und in Freilandversuchen ist die Gültigkeit dieses

„spukhaften“ Phänomens, das Albert Einstein äußerst suspekt war,

auf Herz und Nieren getestet worden. Dabei werden verschränkte

Photonen auf Distanz von mehreren hundert Kilometern erzeugt

(Manfred Lindinger, FAZ 28. August 2019). ‚Augenblicklich‘ bedeutet

hier, mit Überlichtgeschwindigkeit, was nach Albert Einstein

eigentlich nicht möglich ist. Wodurch diese augenblickliche

Verschränkung hergestellt wird, wissen wir nicht. Seit 80 Jahren

wird in der Quantenphysik darüber geschwiegen.

Quantenverschränkungen sollte es eigentlich nicht geben, da sie

schneller als „blitzschnell“ stattfinden, schneller als in einer

Geschwindigkeit des Lichtes.

101
5. Alfred North Whitehead

A. N. Whitehead (1861-1947) war in der ersten Hälfte des 20.

Jahrhunderts ein außerordentlicher Mathematiker, Philosoph und

Wissenschaftsphilosoph, der die philosophische Tradition Europas als

eine Reihe von Fußnoten zu Platon charakterisierte und sie gegen den

Strich bürstete. Whitehead war ein historischer Philosoph, es ging

ihm jedoch nicht um die geschichtlichen Ablauf der Philosophie, ihm

ging es darum, die erhellenden Potentiale der betrachteten

Philosophen für die gegenwartsbezogene Diskussion bestimmter

philosophischer Sachfragen zu erkunden. Seine Rückblicke waren

problembezogene Prüfungen dessen, was von der Vergangenheit zu

lernen ist. Whitehead integrierte sich selber in diese philosophische

Tradition Europas, um die beiden grundlegenden Ideen der

europäischen Philosophie, die Idee des Absoluten und des

unabhängigen Subjekts, abzuschütteln und hinter sich zu lassen.

Damit hat Whitehead den europäischen Denkweisen eine neue

Richtung gegeben.

102
103
Basar, Aleppo, Durchgang

104
Welche Richtung? Die Richtung auf das zwischen den Dingen

Liegende, wie es Albert Einstein (1879-1955) für die Physik seit

Faraday formulierte, auf die Mitte, die Vereinigung, den Durchgang,

den Übergang, auf die Beziehung und das Band zwischen den Dingen,

auf den Kontakt, wie es ein recht unbekannter Gelehrter, Vincenzo

Gioberti 1864 in Neapel formulierte. Wir verdanken die Hinweise auf

Gioberti dem italienischen Mathematiker Paolo Zellini. (Paolo Zellini,

Eine kurze Geschichte der Unendlichkeit, C.H. Beck, München 2010)

Whiteheads organistische Prozessphilosophie ist von Christoph Kann

zusammengefasst worden und soll hier nicht noch einmal dargestellt

werden. Doch dient Kanns gelungene, meisterhafte Darstellung als

eine bequeme Grundlage für diesen kleinen Überblick: Christoph Kann,

Fußnoten zu Platon. Philosophiegeschichte bei A. N. Whitehead. Felix

Meiner Verlag Hamburg 2001.

In seinem Spätwerk Denkweisen schreibt Whitehead im Jahre 1938

gleich zu Beginn, wie man mit einer philosophischen

Auseinandersetzung anfangen sollte, nämlich durch eine Sammlung der

wichtigsten Begriffe und nicht durch eine systematische Darstellung:

„Philosophie kann nichts ausschließen. Sie sollte folglich niemals mit

einer Systematisierung beginnen. Ihr anfänglicher Zustand kann nur

„Sammlung“ genannt werden. Das ist natürlich ein nie endender

Prozess. Alles was erreicht werden kann ist die Betonung einiger
105
weniger umfangreicher Begriffe, zusammen mit der Erlangung einer

Aufmerksamkeit für das Facettenreichtum anderer Ideen, die im

Zusammenspiel eben dieser Begriffe hervortreten, die vorgängig

ausgewählt worden sind“ (S. 47). Diese Hinweise setzt Whitehead

fort und schreibt auf der Seite 50: „Wir müssen das Thema im

Groben erfassen, bevor wir es glätten und formen“. Darum geht es

mir in der folgenden Sammlung von wichtigen Begriffen, die sich wie

ein roter Faden durch die Werke Whiteheads ziehen. Allerdings ohne

einen Vollständigkeitsanspruch.

Hier soll an einen wichtigen Punkt der Philosophie Whiteheads

erinnert werden. Ich meine vor allem die Begriffe der wechselseitigen

Abhängigkeiten der Dinge oder der wechselseitigen Verbundenheit der

Dinge und ganz ähnliche Begriffe, die ich ohne einen

Vollständigkeitsanspruch darstellen möchte. Mit diesen Ideen werden

die Ideen von einem absoluten Sein und von einem absoluten Subjekt

zurückgewiesen. Sie lassen sich nicht auf einen Begriff bringen. Wie

wir das bereits seit Platon kennen, sind solche Ideen und

Schlüsselbegriffe ohne eine Festlegung in der Wortwahl. Whitehead

verwendet immer wieder andere Begriffe, er lässt sich nicht auf

einen Begriff festnageln, „denn der voreilige Gebrauch irgendeines

geläufigen Worts muss unweigerlich dazu führen“ meint Whitehead in

Abenteuer der Ideen, „dass wir den angestrebten Grad von

Allgemeinheit nicht erreichen“. „Wir brauchen die Ausdrücke


106
„zusammen“, „das immanent Schöpferische“, „die Konkreszenz“, „das

Erfassen“, „das Fühlen“, „die subjektive Form“, „die Gegebenheiten“,

„Wirklichkeit“, „Werden“ und „Prozess“, sagt Whitehead.

Relationalität oder die wechselseitige Abhängigkeit der Dinge. Für

diese und ähnliche Begriffe hat sich weder bei Whitehead selber

noch in seiner Wirkungsgeschichte ein einzelner Begriff durchgesetzt.

Wie beiläufig taucht der Begriff der Abhängigkeit auf, wenn eine

unabhängige, unbewegliche, starre Existenz der Dinge negiert wird

(Seite 66 bei Christoph Kann). Wie ein roter Faden durchzieht er

Whiteheads Gesamtwerk. Wirkliche, konkrete Dinge sind abhängig von

anderen konkreten Dingen, sie befinden sich in einer Vernetzung mit

ihrer realen Welt (Seite 196). Whitehead spricht von einer

offensichtlichen Verbundenheit des Universums (Seite 201). An einer

anderen Stelle ist von Relationen die Rede, sie bezeichnen die

Beziehungen oder auch die inneren Relationen, die alle Realität

aneinander binden (Seite 208).

Bei unseren Anschauungen - macht Whitehead gegenüber Immanuel

Kant geltend – geht es nicht nur um abstrakte Daten. Den Daten

entsprechen wechselseitige Zusammenhänge der Realisierung (Seite

229) in einem mehrstufigen Empfindungsprozess. Christoph Kann fasst

Whiteheads Sichtweise zusammen: „Initiiert durch die Aristotelische

Substanzmetaphysik hat für Whitehead die Philosophie einen Weg

eingeschlagen, der den Gesichtspunkt einer universellen Bezogenheit

der Erfahrungswirklichkeit sowie den platonisch Grundgedanken vom


107
Sein als Werden preisgegeben hat“ (Seite 239).

Bei der Substanzmetaphysik bleibe - nach Whitehead – die Frage

nach Zusammenhängen und Beziehungen zwischen den Dingen außerhalb

der Betrachtung, eine Welt, in der es Beziehungen zwischen realen

Individuen gibt, wird „schlechthin unverständlich“ (Seite 126).

Whitehead meint, auch bei den mathematischen Grundlagen der

Physik Isaak Newtons lassen sich keine inneren Gründe des

Zusammenwirkens angeben (Seite 181). Es fehlen reale Beziehungen

zu realen Subjekten und realen Objekten (Seite 171). Auch fehlt die

Kategorie des Bezogenseins der Dinge, schreibt Whitehead an einer

anderen Stelle mit ganz ähnlichen Worten (Seite 132). Denn gemäß

unserem natürlichen Bewusstsein und unserer Selbsterfahrung

erscheint die Natur nicht als ein Nebeneinander isolierter

Materieteilchen, sondern als ein Geflecht organisch verbundener

Wesenheiten (Seite 182).

108
Geflecht.

109
Dieses Geflecht zwischen den Dingen, taucht unter verschiedenen

Bezeichnungen auf. Whitehead nennt es auch Beziehungsfeld (Seite

183), manchmal ist von einer notwendigen Kohärenz oder Bezogenheit

aller Glieder eines Systems die Rede (Seite 108) oder von einem

Kraftfeld (Seite 185) oder von elementaren Prozesseinheiten, die

den materiellen Dingen zugrunde liegen, statt der überholten Idee

eines leeren Raumes (Seite 185).

Whitehead weist darauf hin, in der neuen Physik gebe es eine

Wechselwirkung mit der Umgebung (Seite 186), atomare Einheiten

werden von einem Feld umfasst, das zugleich das Feld anderer

Organismen ist (Seite 187). Hier wird deutlich, wie Whitehead

Einheiten der Physik zum Modell für seinen Begriff einer

organistischen Wirklichkeit nimmt, wie Christoph Kann zutreffende

betont (S. 188). Es geht Whitehead immer wieder um die wesentliche

Verbundenheit der Dinge (S. 127) und um den Strukturzusammenhang

der Geschehnisse (S. 187), was manchmal auch nexus oder

Funktionszusammenhang genannt wird (Seite 188). Auch der

bedeutende Begriff des Organismus, der für Whiteheads Philosophie

ein zentrales Kennzeichen ist, wird von Kann zu einem

Strukturzusammenhang, wenn er schreibt: Whitehead versteht unter

einem Organismus eine individuelle, atomare Einheit, die ein

kontinuierliches Feld umfasst, das zugleich das Feld anderer

Organismen ist“ (S. 187).


110
Christoph Kann hat in seinen abschließenden Bemerkungen über

Whitehead mehrfach den Grundbegriff der Bezogenheit

hervorgehoben. Kann Schreibt: „Initiiert durch die aristotelische

Substanzmetaphysik hat für Whitehead die Philosophie einen Weg

eingeschlagen, der den Gesichtspunkt der universellen Bezogenheit der

Erfahrungswirklichkeit sowie den platonischen Grundgedanken vom Sein

als Werden preisgegeben hat“ (Christoph Kann, S. 239). Und diese

notwendige Bezogenheit aller Glieder eines Systems wird von

Whitehead auch durch den Grundbegriff der Kohärenz zum Ausdruck

gebracht, womit grundlegende Elemente gemeint sind, die ein System

zusammenhalten, die aber isoliert betrachtet sinnlos wären (vgl.

Kann, S. 104 und 108).

Damit schließe ich diese kurzgefasste Übersicht ab, ohne diese

Begriffe noch einmal zusammen zu fassen. Sie lassen sich einfach

nicht auf einen Begriff festnageln. Selbst der etwas holprige

Einsteinsche Begriff von dem 'zwischen den Dingen Liegendem' stellt

nur einen unvollständigen, fragmentarischen Sammelbegriff dar.

111
6. Nagarjuna

„Wenn Darwin oder Einstein Theorien verkünden, die unsere Ideen

modifizieren, dann ist das ein Triumph der Wissenschaft. Wir sagen

nicht, dass die Wissenschaft schon wieder eine Niederlage erlitten

hat, weil ihre alten Ideen aufgegeben wurden. Wir wissen, dass ein

weiterer Schritt der wissenschaftlichen Einsicht gelungen ist. Die

Religion wird ihre alte Kraft nicht wieder erlangen, solange sie

Veränderungen nicht in demselben Geiste begegnen kann wie die

Wissenschaft. Ihre Prinzipien mögen zeitlos sein, aber der Ausdruck

dieser Prinzipien verlangt eine kontinuierliche Weiterentwicklung“.

[A.N. Whitehead. Wissenschaft und moderne Welt. 219]

Nagarjuna war ein bedeutender und einflussreicher buddhistischer

Philosoph Indiens. Wahrscheinlich lebte er im 2. Jahrhundert. In

seinem Hauptwerk, Mulamadhyamaka-Karika, Lehrstrophen über die

grundlegenden Lehren des Mittleren Weges [MMK (2)], war die erste

Frage nicht die nach dem Geist oder dem Bewusstsein, sondern nach

den Dingen der Welt, in der wir leben. Besonders hat Nagarjuna auf

die Abhängigkeit der physischen Objekte von anderen Objekten

hingewiesen. Dadurch hatte er eine neue Sichtweise für das zwischen

den Dingen Liegende eröffnet.

Hier ein Überblick von einigen Bildern von abhängigen, an einander

112
gebundenen Objekten, die Nagarjuna in den 25. Kapiteln der MMK

untersucht. Seine Bilder, Metaphern, Allegorien oder symbolische

Beispiele haben eine Frische und Realitätsnähe, die abstrakte

philosophische Ideen und Begriffe nie erreichen können:

1. Ein Ding und seine Ursache. 2. Der Geher, das Gehen und die

begangene Strecke. 3. Der Seher und das Sehen. 4. Ursache und

Wirkung. 5. Kennzeichen und Zu-Kennzeichnendes. 6. Leidenschaft

und der von Leidenschaft Ergriffene. 7. Entstehen, Bestehen und

Vergehen. 8. Tat und Täter. 9. Der Sehende und das Sehen. 10.

Feuer und Brennstoff. 11. Anfang und Ende. Leid und Ursachen des

Leids. 13. Der Junge und der Alte, süße Milch und saure Milch. 14.

Etwas und etwas Anderes. 15. Der Begriff des Seins und der Begriff

des Nichts. 16. Bindung und Befreiung. 17. Tat und ihre Frucht. 18.

Der Begriff der Identität und der Begriff der Verschiedenheit. 19.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 20. Der Grund und die

Frucht. 21. Entstehen und Vergehen. 22. Der Gedanke ‚den Buddha

gibt es über den Tod hinaus’ und der Gedanke ‚es gibt ihn nicht’. 23.

Das Reine und das Unreine. 24. Der Buddha und bodhi [Erwachen].

25. Nirvana und das Seiende.

Mein Kommentar: Ein Ding ist nicht unabhängig von seinen

Bedingungen, aber auch nicht identisch mit ihnen, ein Geher existiert

113
nicht ohne eine begangene Strecke, aber er ist auch nicht eins mit

ihr. Bei einem Seher gibt es weder eine Identität mit dem Sehen,

noch eine Trennung vom Sehen. Es gibt keine Ursache ohne eine

Wirkung und keine Wirkung ohne eine Ursache. Der Begriff ‚Ursache’

hat keine Bedeutung ohne den ergänzenden Begriff der ‚Wirkung’.

Ursache und Wirkung sind nicht eins, aber sie fallen auch nicht in

zwei getrennte Begriffe auseinander. Ohne ein Kennzeichen können

wir nicht von einem Zu-Kennzeichnenden sprechen und umgekehrt.

Wie sollte es einen von Leidenschaft Ergriffenen geben, ohne

Leidenschaft? Ohne eine Tat gibt es keinen Täter, ohne einen

brennenden Stoff oder einen Brennstoff kein Feuer.

Bei diesen Bildern, die meistens aus Zwei-Körper-Systemen,

manchmal aus zwei oder drei Begriffen bestehen, sind die Körper

oder Begriffe nicht eins, aber sie fallen auch nicht auseinander. Die

Körper sind abhängig von einander, sie sind aneinander gebunden. Sie

befinden sich in einem Zwischenzustand, in dem sie weder richtig

zusammen, noch richtig getrennt sind. Etwas passiert zwischen ihnen.

Das ist der erste und wichtigste Aspekt der Philosophie Nagarjunas.

Er soll uns öffnen für das zwischen den Dingen Liegende und für einen

Umgang mit den Dingen, bei denen wir nicht immer auf Granit beißen

müssen, bei dem wir das Loslassen lernen können.

114
115
116
Abb. 2. Ein Läufer und die gelaufene Strecke.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Usain_Bolt_Olympics_Cele
bration.jpg Kommentar: Usain Bolt. Ein Mensch ist nicht
unabhängig von seinen Bedingungen, aber auch nicht identisch mit
ihnen. Ein Läufer existiert nicht ohne eine gelaufene Strecke,
aber er ist auch nicht eins mit ihr. Ein Läufer und die gelaufene
Strecke sind weder eins noch zwei getrennte Körper. Das
wichtigste Kennzeichen der Körper ist ihre Interdependenz, ihr
fehlendes eigenes Sein oder ihre fehlende unabhängige Existenz.
MMK, 2. Kapitel.

117
Abb. 3. MMK, 8. Kapitel: Tat und Täter: Clay and Sonny Liston.

Foto:

http://static1.squarespace.com/static/5228dd28e4b05c5567875a75/

t/5313f48ae4b019c52e34dc97/1393816715136/ali+AP+Photo-

John+Rooney.jpg

118
Tat und Täter

119
Kommentar: Wenn es keine Tat gibt, gibt es auch keinen Täter.

Beide existieren nicht für sich alleine. Tat und Täter sind keine

isolierten Komponenten. Sie entstehen nur in Abhängigkeit von

einander. Sie sind aneinander gebunden. Nicht das Verhalten von

Körpern, sondern das zwischen ihnen Liegende, das Zusammenspiel,

das motorische Nervensystem, zwischen einem Täter, dem Boxer, und

seiner Tat, dem Schlag, ist entscheidend.

120
Abb. 4. MMK.10. Kapitel: Feuer und Brennstof

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fa/Lightmatter_fire
breath.jpg

121
Kommentar: Ohne Feuer gibt es keinen Brennstoff oder besser
gesagt: brennenden Stoff. Ohne Brennstoff oder einen brennenden
Stoff gibt es kein Feuer. Die materiellen oder immateriellen
Komponenten eines Zwei-Körper-Systems existieren nicht isoliert, sie
sind nicht eins und existieren doch nicht unabhängig voneinander.
Etwas passiert zwischen diesen Körpern und deswegen sind sie nicht
unabhängig, haben sie keine Substanz, kein eigenes Sein. Nagarjuna
betont eine zentrale Idee: Die Körper sind nicht getrennt und sie
sind nicht eins. Das wichtigste Kennzeichen der Körper ist ihre
Abhängigkeit von einander und ihre Bindung aneinander.

122
7. Ergebnis

Nagarjuna und Whitehead haben es abgelehnt, sich auf einen einzigen

Begriff festzulegen, der das zwischen den Dingen Liegende

bezeichnet. Sogar solche wichtigen Bezeichnungen wie

Zwischenzustände der Dinge, die Zwischenräume, die

Zwischenbereiche und die verflochtenen Zusammenhänge sind nicht

umfassend.

Die Dinge können mit einem Regenbogen oder mit einer schwebenden,

luftigen, leichten Wolke verglichen werden. Durch ihre Bindungen

haben sie auch etwas Unwirkliches an sich, das sich schwer in Worten

aber vielleicht etwas leichter in Bildern darstellen lässt. Bei einem

Zwischenzustand verklumpen die Dinge nicht miteinander, aber sie

sind auch nicht getrennt voneinander, ganz ähnlich wie bei einem

Vogelschwarm die Einheit nicht durch einen Zusammenprall der

einzelnen Vögel hergestellt wird. Welch ein befreiender Anblick!

1. https://www.youtube.com/watch?v=XH-groCeKbE

2.http://www.weltderphysik.de/gebiete/fluide/news/2013/rollende-

schwärme-mikrokugeln-organisieren-sich-selbst/5

123
Anhang I

A. N. Whitehead: „Abenteuer der Ideen“.

Einige Textpassagen aus Whiteheads Buch „Abenteuer der Ideen“

[A.N. Whitehead. Abenteuer der Ideen. Suhrkamp Verlag Frankfurt

am Main 1971] sollen die eben erwähnten einzelnen Begriffe

zusammenhängend darstellen und seine philosophischen Methoden kurz

erläutern.

Whitehead schreibt dort: „Die Aufgabe der Philosophie besteht

darin, eine Zusammenordnung von Ideen auszuarbeiten, die sich in den

konkreten Fakten der realen Welt manifestieren soll. Sie sucht nach

den allgemeinen Zügen, die die vollständige Realität eines Faktums

charakterisieren, und ohne die jedes Faktum den Charakter einer

Abstraktion annehmen müsste. Die Wissenschaft dagegen abstrahiert

und begnügt sich damit, das Faktum nicht in seiner Vollständigkeit,

sondern nur im Hinblick auf gewisse wesentliche Aspekte zu

verstehen. Die Wissenschaft und die Philosophie kritisieren sich

wechselseitig, und die eine regt immer das Vorstellungsvermögen der

anderen an. Philosophische Systeme haben die Aufgabe, die konkreten

Fakten zu erleuchten, von denen die Einzelwissenschaften

abstrahieren. Und die Einzelwissenschaften sollten ihre Prinzipien in

den konkreten Fakten finden, die das philosophische System ihnen

präsentiert. Die Geschichte des Denkens ist die Geschichte der

Fehlschläge und Erfolge dieses gemeinsamen Unternehmens“ (S. 286).

124
Etwas später lesen wir: „Die griechische Auffassung vom gegliederten

Zusammenhang der Harmonie ist durch den Fortschritt des Denkens

gerechtfertigt worden. Aber die lebhafte Vorstellungskraft der

Griechen neigte auch dazu, jeden Faktor des Universums mit einer

ganz eigenständigen Individualität auszustatten, wie sie sich z. B. in

dem selbstgenügsamen Reich der Ideen beobachten lässt, das in

Platons frühem Denken dominierte und hin und wieder auch in seinen

späteren Dialogen noch durchschlägt. Man kann den Griechen aus

dieser exzessiven Individualisierung keinen Vorwurf machen. Denn

schließlich baut ja unser ganzes Sprechen auf dem gleichen Irrtum

auf. Wir sprechen habituell von Steinen, Planeten und von Tieren,

ganz so, als ob es möglich wäre, dass ein individuelles Ding auch nur

einen Augenblick lang losgelöst von seiner Umwelt existieren könnte,

die in Wahrheit doch ein notwendiger Bestandteil seines eigenen

Wesens ist. Diese Weise des Abstrahierens ist einfach eine

Denknotwendigkeit, bei der die entsprechende systematisch geordnete

Umwelt stillschweigend vorausgesetzt und in den Hintergrund

verdrängt wird. Das ist eine Feststellung, der man nicht

widersprechen kann“ (S. 297).

„Die Newtonsche Physik“, so schreibt Whitehead einige Seiten

danach, „beruht auf der Vorstellung, dass jedes Stück Materie eine

vollkommen unabhängige Individualität besitzt: jeder Stein müsste

sich danach absolut vollständig beschreiben lassen, ohne dass man auf

irgendeinen anderen materiellen Körper einzugehen brauchte. Es wäre


125
denkbar, dass er sich - gleichsam als der einzige Bewohner des

Universums – allein in einem überall gleichförmigen Raum befände und

immer noch der gleiche Stein wäre, der er jetzt ist. Und es wäre

auch nicht nötig, bei seiner Beschreibung auf seine Vergangenheit

oder Zukunft einzugehen: er lässt sich immer jetzt, in diesem

Augenblick, vollkommen adäquat begreifen.

Das ist die konsequente Newtonsche Grundvorstellung, die im Lauf

der Entwicklung der modernen Physik Stück für Stück verschwand und

preisgegeben wurde. Sie beruht ganz und gar auf der Annahme der

‚eindeutigen Lokalisierbarkeit‘ (simple location) und der ‚Äußerlichkeit‘

aller Beziehungen zwischen Körpern (external relations), wobei es

allerdings im letzteren Punkt zu einigen Meinungsverschiedenheiten

kam. Newton neigte dazu, diese Beziehungen als Druck und Stoß

zwischen sich berührenden Körpern aufzufassen; seine unmittelbaren

Nachfolger – so z.B. Roger Cotes – fügten dem noch den Begriff der

Fernwirkung hinzu. In beiden Fällen aber blieb das, was vorlag, ein

rein in der Gegenwart aufgehendes Faktum, nämlich das Bestehen

einer äußerlichen Beziehung zwischen Körpern, die sich entweder

berührten oder voneinander entfernt waren.

Die gegenteilige Auffassung, nach der Beziehungen ‚intern‘

beziehungsweise wesenszugehörig sind, ist in ihrer Darstellung meist

durch eine Sprache verzerrt worden, die die Äußerlichkeit der

Beziehungen im Sinne Newtons als Voraussetzung enthält. Den

meisten Vertretern dieser Auffassung, selbst F.H. Bradley, ist es so


126
gegangen. Man muss sich hier darüber klar werden, dass nicht nur

Beziehungen die durch sie zueinander in Beziehung gesetzten Dinge

modifizieren, sondern dass auch das Umgekehrte gilt und die Dinge

das Wesen der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen modifizieren.

Eine Beziehung ist nichts Abstrakt – Universales, sondern genauso

konkret wie die Dinge, zwischen denen sie besteht.

Das ist eine Wahrheit, die z.B. durch den Gedanken, dass die

Ursache der Wirkung immanent bleibt, illustriert wird. Wir werden

ein Verständnis der Natur finden müssen, in dem diese konkrete

Verbundenheit physischer und geistiger Funktionen ihren Ausdruck

findet, ebenso wie die Verbundenheit zwischen Vergangenheit und

Gegenwart und der konkrete Zusammenhang unter physischen

Realitäten, die für sich betrachtet individuell verschieden sind.

Die moderne Physik hat den Standpunkt der eindeutigen

Lokalisierbarkeit aufgegeben. Die physischen Dinge, die wir als

Sterne, Planeten, Felsbrocken, Moleküle, Elektronen, Protonen und

Energiequanten bezeichnen, muss man sich als Modifikationen eines

Feldes vorstellen, das sich über die Gesamtheit von Raum und Zeit

erstreckt. Diese Modifikation ist in einem bestimmten Bereich

besonders intensiv, und das ist nach normalem Sprachgebrauch der

Ort, wo sich der fragliche Gegenstand befindet. Aber sie bereitet

sich von dort – mit endlicher Geschwindigkeit – bis in die

entferntesten Raum – Zeitbereiche aus. Es ist selbstverständlich ganz

natürlich und für gewisse Zwecke auch vollkommen angemessen, wenn


127
man diesen Zentralbereich der Erregung als das Ding selbst

anspricht, das sich dort befindet. Aber man kommt in

Schwierigkeiten, wenn man diese Denkweise zu lange durchhält. Denn

in der Physik ist das Ding mit dem identisch, was es tut, und was es

tut, ist eben genau diese Ausbreitung eines Erregungsvorgangs. Und

man kann den Zentralbereich auch nicht von den entfernteren

Bereichen der Erregungsausbreitung trennen. Das Ding widersetzt

sich hartnäckig dem Versuch, es als ein rein gegenwärtiges Faktum

aufzufassen“(S. 301 – 303).

Die folgenden Zitate sind dem Kapitel ‚Zur philosophischen Methode‘

entnommen: „Unbestreitbar ist in der Philosophie der Einfluss der

früheren Literatur viel größer als in allen anderen Wissenschaften,

und mit Recht. Aber die Ansicht, dass sich in ihr ein technisches

Vokabular herausgebildet hätte, das für alle Zwecke und für alle

vorkommenden Bedeutungsnuancen hinreichend wäre, ist vollkommen

unbegründet. Tatsächlich ist die philosophische Literatur ja so

ungeheuer umfangreich und die Vielzahl der philosophischen Schulen

so groß, dass sich überall eine Fülle von Belegen für die – höchst

verständliche und endschuldbare – Unkenntnis irgendeines bestimmten

Sprachgebrauchs finden lässt“ (S. 406 – 407).

Whitehead schreibt einige Seiten später: „Diese Bezeichnungsweisen

sind so gewählt worden, um der Bedingung Genüge zu tun, dass die

Sprechweise einer sich entwickelnden Theorie nach Möglichkeit

zwanglos aus der Sprechweise der großen Meister hervorwachsen


128
sollte, die ihre Grundlagen gelegt haben. Der Sprachgebrauch, der zu

einer bestimmten Zeit in bestimmten philosophischen Schulen

herrscht, bildet immer nur einen kleinen Ausschnitt aus dem

Gesamtvokabular der philosophischen Tradition“. (…) „Mit Hilfe der

gerade gängigen Sprechweisen kann man immer nur die Lehrmeinungen

der gerade herrschenden Schule und ihrer anerkannten Varianten zum

Ausdruck bringen“. Und die Forderung, dass eine andere Lehrmeinung,

die in anderen Teilen der Tradition wurzelt, sich ebenfalls auf diese

Sprachauswahl beschränken müsste, läuft auf nichts anderes hinaus

als auf den dogmatischen Anspruch, dass gewisse Vorannahmen

niemals revidiert werden dürften. Dann sind nur die Lehrmeinungen

zulässig, die sich mit Hilfe des geheiligten Vokabulars zum Ausdruck

bringen lassen. Was man vernünftigerweise fordern darf ist, dass

jede Lehrmeinung sich in ihren Sprechweisen auf die eigene Tradition

gründen sollte. Und wenn in dieser Beziehung Vorsorge getroffen

worden ist, kann man in der lauten Entrüstung über eingeführte

Neologismen nicht mehr sehen als ein Maß für den unbewussten

Dogmatismus des Entrüsteten“ (415).

Die Methoden der Philosophie. Immer wieder kommt Whitehead auf

die Rolle zu sprechen, die der Philosophie und ihren Methoden

zukommen. Er schreibt: „Das Hauptverfahren der Philosophie im

Umgang mit ihren Gegebenheiten ist die Methode der beschreibenden

Verallgemeinerung“(S. 416).

Auf diese Methode der beschreibenden Verallgemeinerung ist


129
Whitehead immer wieder zurückgekommen. So schreibt er

beispielsweise in seinem Werk Prozess und Realität: „Die wichtigste

Methode der Mathematik ist Deduktion; die der Philosophie ist

deskriptive Verallgemeinerung“

( Zitiert in: Christoph Kann, op. cit., S. 144).

Auch für die Metaphysik macht Whitehead in Prozess und Realität

Verallgemeinerungen geltend: „Metaphysische Kategorien sind nicht

dogmatische Feststellungen des Offensichtlichen, sie sind vorläufige

Formulierungen der allgemeinen Prinzipien“ (Zitiert in: Christoph Kann:

op. cit. S. 145). Für die Forschungsmethode spielt die

Verallgemeinerung auch eine Rolle. Die wahre Forschungsmethode

„geht aus von der Grundlage einzelner Beobachtungen, wodurch

Anwendbarkeit gewährleistet werden soll. In einem zweiten Schritt

hebt die Methode von diesem Ausgangspunkt ab, ‚schwebt durch die

dünne Luft phantasievoller Verallgemeinerung und versenkt sich dann

wieder in neue Beobachtungen, die durch rationale Interpretation

geschärft sind‘“(Christoph Kann, op. cit. S. 110).

Das Allgemeine. Später lesen wir bei Whitehead über das Allgemeine:

„Schon das erste undeutliche Aufdämmern eines großen Prinzips pflegt

von einer ungeheuren emotionalen Kraftentfaltung begleitet zu sein.

Die turbulente Fülle der einzelnen Handlungen, die aus solchen

komplexen, einen Kern tiefer Intuition umgebenden Gefühlen

entspringen, fällt in primitiven Zeiten oft abstoßend und bestialisch

130
aus. Schließlich aber bildet sich in der zivilisierten Sprache eine

ganze Gruppe von Wörtern heraus, von denen jedes die allgemeine

Idee in irgendeiner speziellen Form verkörpert. Wenn wir das

Allgemeine erkennen wollen, das in diesen speziellen Ausprägungen

enthalten ist, müssen wir die ganze Gruppe der entsprechenden

Wörter einer vergleichenden Betrachtung unterziehen, in der

Hoffnung, das ihnen gemeinsame Element zu entdecken. Das ist ein

für die Zwecke der philosophischen Verallgemeinerung unbedingt

notwendiges Vorgehen; denn der voreilige Gebrauch irgendeines

geläufigen Worts muss – infolge der mit seiner üblichen Konnotationen

– unweigerlich dazu führen, dass wir den von uns angestrebten Grad

von Allgemeinheit nicht erreichen“ (S. 417).

„Um also durch philosophische Verallgemeinerung – als

Verallgemeinerung des Erlebnisakts zu verstehen – zum Begriff des

fundamentalen, konkret Wirklichen (final actuality) zu gelangen,

bedarf es einer scheinbaren Redundanz von Ausdrucksformen: und

zwar weil wir darauf angewiesen sind, dass die jeweils verwendeten

Wörter sich wechselseitig korrigieren. Wir brauchen die Ausdrücke

‚zusammen‘, ‚das immanent Schöpferische‘, ‚die Konkreszenz‘, ‚das

Erfassen‘, ‚das Fühlen‘, ‚die subjektive Form‘, ‚die Gegebenheiten‘,

‚Wirklichkeit‘, ‚Werden‘ und ‚Prozess‘ (S. 419).

131
132
Alfred North Whitehead: Griechenland.

„Ein Blick auf die Zivilisation des alten Griechenlands lässt uns den

Wert des Widerstreits erkennen. Der Fortschritt der Griechen wurde

durch ein großartiges Ideal der Vollkommenheit in Gang gebracht, ein

Ideal, das alle anderen Ideale, die in den benachbarten Zivilisationen

jemals aufgekommen waren, mit großem Abstand übertraf. Es hat

eine Zivilisation vorbereitet und verwirklicht, in der eine bestimmte

Form des menschlich Schönen bis zu einer weder früher noch später

jemals übertroffenen Vollkommenheit gedieh. Die Kunst der Griechen

ihre theoretischen Wissenschaften, ihre Lebensweise, ihre Literatur,

ihre Philosophenschulen und ihre religiösen Rituale fanden sich zu

einer Einheit zusammen, die jedem Aspekt dieses wundervollen Ideals

Ausdruck verlieh. Das Vollkommene wurde erreicht, und als es

erreicht war, begann die Inspiration zu welken. Während der Folge

von Generationen, die die Errungenschaften ihrer Vorgänger

wiederholten, begannen diese allmählich ihre Frische zu verlieren.

Gelehrsamkeit und gelehrter Geschmack traten an die Stelle von

Schwung und Abenteuerlust. Auf das hellenische Griechentum folgte

die Epoche des Hellenismus; in der der ursprüngliche Genius in

Wiederholungen erstickte. Wir können uns vorstellen, wie die Zukunft

der Mittelmeerzivilisationen ausgesehen hätte, wenn es nicht zu den

133
Barbareneinfällen und zur Entstehung der beiden neuen Religionen -

des Christentums und des Islams – gekommen wäre: zweitausend

Jahre einer leblosen Wiederholung griechischer Kunstformen und

unfruchtbarer, in leere Formeln gekleideter philosophischer Debatten

unter den Schulen der Stoiker, Epikuräer, Aristoteliker und Neo-

Platonisten; eine konventionalisierte Geschichtsschreibung; eine stabile

und mit dem ehrfurchtgebietenden Glanz eines altertümlichen

Zeremoniells umgebene Regierung, die von traditionellen Formen der

Frömmigkeit gestützt wird; eine Literatur ohne Tiefe; eine

Wissenschaft, die sich in den Details der Deduktion aus unbefragten

Prämissen verliert; eine aufs höchste verfeinerte Sensibilität, weit

entfernt vom ursprünglichen robusten Abenteuersinn.

Und dieses Bild ist kein reines Phantasieprodukt. Das byzantinische

Imperium hat, ungeachtet aller Stürme, fast tausend Jahre lang so

ausgesehen, und ebenso das chinesische, trotz der Ausbreitung des

Buddhismus und der Tatarenüberfälle. Beide, die Chinesen und die

Griechen, haben es zu einer Vollkommenheit der Zivilisation gebracht,

die, für sich betrachtet, schlechthin bewunderungswürdig ist. Aber

selbst das Vollkommenste muss sich im Laufe der dauernden

Wiederholung abnützen. Eine Zivilisation, die sich die Intensität ihres

ersten Schwungs erhalten will, braucht mehr als Gelehrsamkeit. Sie

braucht auch Abenteuer, nämlich die Suche nach neuen Formen der

Vollkommenheit.
134
Diese Feststellung sollte eigentlich nicht weiter erstaunlich klingen.

Spontaneität und Originalität der Entscheidung sind etwas, das zum

Wesen jedes realen Vorgangs gehört. Sie bilden den höchsten

Ausdruck der Individualität; die ihnen konforme subjektive Form ist

eine Freiheit der Freude, die aus der Freude an der Freiheit kommt;

Frische, Schwung und gesteigerte Intensität sind ihre natürlichen

Begleiter. Bei einer personalen Abfolge von Erlebensvorgängen führt

das von Schwierigkeiten begleitete Anstreben einer idealen

Vollkommenheit zu einer tieferen Befriedigung als das Verharren auf

einem Niveau des Erreichten, dessen Variationsmöglichkeiten im

Wesentlichen schon erschöpft sind. Es ist also ein in allen Fällen

weiser Rat, dass man sich nie zu endgültig mit der fortdauernden

Verwirklichung ein und desselben Typs von Vollkommenheit

zufriedengeben sollte. Jeder Vorgang in einer Gesellschaft von

Vorgängen und vor allem jeder Vorgang, der einer personalen

Gesellschaft angehört, sucht nach neuen Antrieben in den Kontrasten,

die sich zwischen der – aus den Operationen des psychischen Pols

entstehenden – Erscheinung und den ererbten Wirklichkeiten des

physischen Pols bilden. Und dort, wo die Spontaneität auf ihrem

niedrigsten Niveau ist und praktisch vernachlässigt werden kann,

findet man nur noch eine letzte Spur ihres Wirkens in der Oszillation

zwischen entgegengesetzten Zuständen. Das ist der Grund für die

ungeheure Bedeutung und Vielfalt der Schwingungsvorgänge in der


135
Natur.“ (A.N. Whitehead, Abenteuer der Ideen, Seiten 450-452)

„Wir sollten uns vor Philosophien hüten, die vorherrschende Emotionen

von Epochen langsamen sozialen Verfalls zum Ausdruck bringen“.

(Alfred North Whitehead, Denkweisen, Suhrkamp Verlag Frankfurt

am Main 2001, Seite 118)

136
Alfred North Whitehead: Der Sinn für das Abenteuer

„Die Zivilisation ist ein schwieriger und verwirrender Begriff. Wir

wissen alle, was mit ihm gemeint ist: es geht in ihm um ein gewisses

Ideal des Lebens in dieser Welt, und dieses Ideal betrifft den

Einzelnen ebenso sehr wie die menschliche Gesellschaft. Ein Mensch

kann zivilisiert sein, und eine Gesellschaft kann zivilisiert sein, obwohl

der Sinn des Worts in diesen beiden Fällen etwas unterschiedlich ist.

Auf alle Fälle handelt es sich hier um einen jener ganz allgemeinen

Begriffe, die äußerst schwierig zu definieren sind. In der Regel tritt

er in Urteilen auf, bei denen wir einen ganz bestimmten Fall im Auge

haben. Wir sagen: „Dies ist zivilisiert, und das ist unzivilisiert“. Aber

wenn wir ihn allgemein zu fassen suchen, geleitet dieser Begriff uns

immer wieder aus den Händen. Und deshalb halten wir uns an

Vorbilder. Die gesamte europäische Kultur hat sich während der

letzten sechs Jahrhunderte von Vorbildern leiten lassen und die

glanzvollsten Epochen der griechischen und römischen Geschichte als

Maßstab der Zivilisation betrachtet. Wir haben danach gestrebt, die

großen Leistungen dieser Gesellschaften zu reproduzieren – vor allem

die des klassischen Athens.

Diese Maßstäbe haben unseren westlichen Gesellschaften gute Dienste

getan. Aber das Sichausrichten an Vorbildern hat auch seine

137
Nachteile. Es handelt sich um ein Verfahren, bei dem man rückwärts

blickt und auf einen bestimmten Typus sozialer Vollkommenheit

beschränkt bleibt. Und gerade heute befindet sich die Welt im

Übergang in ein ganz neues Stadium ihrer Existenz. Das

wechselseitige Verhältnis aller Dinge hat sich durch neue Erkenntnisse

und neue Formen der Technik radikal verändert. Unter diesen

Umständen aber ist ein Ideal, das am Vorbild der antiken

Gesellschaft gewonnen worden ist, viel zu statisch und schließt ganze

Bereiche von Möglichkeiten aus unserem Blickfeld aus. Faktisch reicht

es nicht einmal aus, um uns auf das Beste, was in der Antike gesagt

und getan worden ist, wirklich aufmerksam zu machen. Es kann

deshalb in seinen Folgen nur zu statisch-repressiven Zuständen und

degenerierten Denkgewohnheiten führen.

Man muss angesichts dessen wieder einmal daran erinnern, dass die

Griechen selber weder rückblickend noch statisch waren. Wenn man

sie mit ihren zeitgenössischen Nachbarn vergleicht, war ihre

Einstellung sogar einzigartig unhistorisch. Sie war vielmehr spekulativ,

abenteuerlustig und allem Neuen gegenüber lebhaft aufgeschlossen.

Die Griechen zu kopieren ist so ungefähr das Ungriechischste, was

man überhaupt tun kann. Denn was sie auch immer getan haben, das

Ergebnis war niemals eine bloße Kopie.

Eine weitere Gefahr, der wir bei der Herausbildung unserer

Vorstellungen von Zivilisation ausgesetzt sind, ist die ausschließliche

Konzentration auf passiv–kritische Qualitäten, die ihre eigentliche


138
Heimat im Umgang mit den schönen Künsten haben. Diese Qualitäten

spielen in jeder wirklich zivilisierten Gesellschaft zweifellos eine

bedeutende Rolle. Aber zur Zivilisation gehört mehr als ein

kultivierter Kunstgeschmack. Sie kann nicht einfach auf eine Enklave

beschränkt werden, in der es nur Museen und Studios gibt.

Ich möchte hier die Zivilisation ganz allgemein so definieren: In jeder

zivilisierten Gesellschaft müssen die fünf folgenden Qualitäten

anzutreffen sein: Wahrheit, Schönheit, Sinn für Abenteuer, Kunst

und Frieden.

Dabei denke ich bei der letzten Qualität, dem Frieden, hier nicht an

die politischen Verhältnisse, sondern an jene gelassene Zuversicht des

Geistes, die von der Überzeugung getragen ist, dass das Beste an

unserem Handeln seine Spur in der Natur der Dinge hinterlässt.

Es ist schlechthin unmöglich, all die Fragen, die sich angesichts

dieser Begriffe stellen, in fünf kurzen Kapiteln ausreichend zu

behandeln. Ich will deshalb in diesem Kapitel nur ein paar

philosophische und historische Gesichtspunkte zur Sprache bringen,

die ein gewisses Licht auf die vielfältigen Funktionen dieser fünf

Zivilisationselemente werfen.

II.

Nehmen wir also einmal an, dass nach dieser kurzen Vorbemerkung

über den Frieden und nach den drei vorausgegangenen Kapiteln unsere

Vorstellungen über die Bedeutung von Wahrheit, Schönheit und

139
Frieden fürs erste hinreichend deutlich sind, um uns auf Kunst und

Abenteuer als notwendige Bestandteile der Zivilisation konzentrieren

zu können; denn gerade wo es um diese beiden Elemente geht, haben

die gängigen Vorstellungen vom Charakter der Zivilisation ihre

schwächsten Punkte.

Es gibt eine Einsicht, die jedem theoretischen Verständnis der

menschlichen Gesellschaft – und das heißt letzten Endes: jedem

Verständnis des menschlichen Lebens überhaupt – zugrunde gelegt

werden muss, nämlich die Einsicht, dass die statische Erhaltung eines

Zustands der Vollkommenheit nicht möglich ist. Fortschritt oder

Niedergang sind die einzigen Möglichkeiten, die der Menschheit

offenstehen, weshalb übrigens der echte Konservative gegen die

Natur des Universums selbst angeht. Das ist eine Auffassung, die

ausführlicher begründet werden muss, nicht zuletzt deshalb, weil sie

in einem gewissen Widerspruch zu der auf das antike Denken

zurückgehenden gelehrten Tradition steht.

Sie beruht auf drei metaphysischen Prinzipien, von denen das erste

besagt, dass das Wesen der konkreten Wirklichkeit (of real

actuality)

das heißt das Wesen des ganz und gar Wirklichen, in seinem

innersten Kern Prozesscharakter hat. Jedes wirkliche Etwas kann

nur insoweit verstanden werden, als es etwas ist, das entsteht und

vergeht. Es gibt keinen Augenblick des Stillstands, in dem das

140
Wirkliche nichts weiter als ein statisches, mit sich selbst identisch

bleibendes Etwas wäre, auf dessen Oberfläche ein akzidentelles Spiel

der Eigenschaften stattfindet, das seinen Ursprung im Wandel der

Umweltverhältnisse hat. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Die statische Auffassung, gegen die ich mich hier wende, ist uns auf

zwei Wegen aus dem antiken Denken überkommen. Platon hat sich am

Anfang seines Philosophierens von der zwingenden Einsichtigkeit und

der unveränderlichen Vollkommenheit der Mathematik dazu verführen

lassen, eine Überwelt ewig vollkommener und in ihren wechselseitigen

Beziehungen ewig unveränderlicher Ideen anzunehmen. Er hat dieser

Vorstellung später gelegentlich widersprochen, sie aber nie

ausdrücklich aus seiner Philosophie verbannt. In seinen Spätdialogen

geht es ihm vor allem um sieben Begriffe: die Ideen, die physischen

Elemente, die Psyche, den Eros, die Harmonie, die mathematischen

Beziehungen und das „Worin“. Ich habe sie hier noch einmal

aufgezählt, weil ich glaube, dass die Philosophie in nichts anderem

besteht als in dem Versuch, durch entsprechende Modifikationen

dieser Begriffe zu einem in sich kohärenten System zu kommen.

Wenn man sich um die Details ihrer Koordination nicht zu kümmern

braucht, ist ihre allgemeine Bedeutung mehr oder weniger unmittelbar

einleuchtend. Die Psyche ist natürlich nichts anderes als die Seele;

der Eros ist der Drang zur Verwirklichung der idealen

Vollkommenheit. Vom „Worin“ hat Platon selbst gesagt, dass es sich

hier um einen sehr schwierigen Begriff handle, so dass wir getrost


141
auf den Versuch verzichten können, eine einfache Erklärung für ihn

zu finden. Meinem Verständnis nach wird in diesem Begriff die

wesentliche Einheit des Universums erfasst, und zwar als etwas

Wirkliches, das irgendwie frei ist von den Formen „des Lebens und

der Bewegung“, an denen sonst alles Wirkliche mit Notwendigkeit

teilhat. Wenn wir vom Wirken der Psyche und des Eros absehen,

kommen wir zu einer statischen Welt. „Leben und Bewegung“, die im

späteren Denken Platons eine so große Rolle spielen, gehen auf das

Wirken dieser beiden zurück. Aber Platon hat uns kein System der

Metaphysik hinterlassen.

Wenn wir das – mit Hilfe entsprechend modernisierter Fassungen

dieser sieben metaphysischen Grundbegriffe – nachholen wollen,

bietet sich als Ausgangspunkt der Begriff der Wirklichkeit an, die

ihrem Wesen nach ein Prozess ist. Dieser Prozess hat seine physische

Seite, nämlich das Vergangene, das sich – eben indem es vergeht – in

die Grundlage einer Neuschöpfung verwandelt. Er hat aber auch seine

psychische Seite, nämlich die Seele, die Ideen erfasst.

Die Seele betätigt sich in einer Synthesis, durch die ein Neues

Faktum erschaffen wird, nämlich die Erscheinung, in der sich das

Alte mit dem Neuen verwebt – zu einer Verbindung von Rezeption und

Antizipation, die ihrerseits dann in die Zukunft hinübergeht. Das

Ziel, dem die Seele durch den ihr innewohnenden Eros

entgegengetrieben wird, ist die abschließende Synthese dieser drei

Komplexe. Das Gute, das dabei verwirklicht werden kann, ist die
142
Artikulation einer Mannigfaltigkeit von Gefühlen, die sich durch ihr

Zusammenkommen in dieser neuen Einheit wechselseitig vertiefen und

verstärken. Das Schlechte ist dann entsprechend ein

Aufeinanderstoßen sich widersprechender Gefühle, die sich

untereinander den Raum, den sie zu ihrer Entfaltung brauchen,

streitig machen. Und die Verwirklichung des Trivialen besteht in der

Anästhesie, dem einfachen Ausweichen vor dem Schlechten, das dazu

führt, dass die zur Erscheinung kommenden Gefühle weniger zahlreich

und wesentlich abgeschwächter sind. So gesehen ist das Schlechte so

etwas wie eine Zwischenstation zwischen Vollkommenheit und

Trivialität, weil es in ihm wenigstens noch um ein echtes Messen der

Kräfte geht.

Bei Aristoteles liegt die Wurzel der falschen statischen

Betrachtungsweise in einem seiner Grundbegriffe, der in der

gesamten nach ihm kommenden Philosophie eine verhängnisvolle Rolle

gespielt hat, nämlich in dem Begriff der „ersten Substanzen“, der

Träger aller ihnen aufgeprägten Eigenschaften.

Im Bereich der neuzeitlichen Erkenntnistheorie findet sich ein

analoger Begriff in Lockes Auffassung vom menschlichen Bewusstsein

als einer „leeren Tafel“, die gleichsam erst noch mit der Wiedergabe

unserer Sinneseindrücke vollzuschreiben ist. Was also bei Locke

Realität hat, ist nicht der Prozess, sondern das, was diesen Prozess

143
in statischer Beharrung aufnimmt. Und für beide Versionen – die von

Aristoteles und die von Locke – gilt, dass eine „erste Substanz“ nicht

zu den Wesensbestandteilen einer anderen „ersten Substanz“ gehören

kann. Irgendwelche Beziehungen unter den „ersten Substanzen“

können also auf keinen Fall die gleiche substantielle Realität haben

wie diese „ersten Substanzen“ selbst. Auf der Grundlage dieser

Auffassung ist dann der Zusammenhang zwischen wirklichen Dingen in

der gesamten modernen Philosophie immer wieder und unter allen

möglichen Aspekten zum Problem geworden – für die Metaphysik

ebenso wie für die Erkenntnistheorie. Das Vorurteil der

aristotelischen Logik hat dazu geführt, dass sich unser gesamtes

metaphysisches Denken ausschließlich an den Substantiven und

Adjektiven orientiert hat, ohne dass man den Präpositionen und

Konjunktionen auch nur einen Blick gegönnt hätte. Diese aristotelische

Grundauffassung wird von mir in diesem Buch rundheraus bestritten.

Der Prozess selbst ist das, was wirklich ist; und er ist auf keinen

schon vor ihm existierenden statischen Träger angewiesen. Und die

vergangenen Prozesse werden im Vergehen selber als die komplexe

Ausgangsbasis aller neu entstehenden Vorgänge wirksam. Der Prozess

besteht in einer – durch den schöpferischen Eros vorangetriebenen –

Zusammenfassung des Vergangenen und der gegenwärtigen Ideale und

Antizipationen in einer neuen Einheit.

III.

Ich komme jetzt zum zweiten der zu Anfang des vorigen Abschnitts
144
genannten drei metaphysischen Prinzipien. Es besagt, dass jeder

reale Vorgang seiner Natur nach endlich ist, und dass es keine

Gesamtheit gibt, die eine Harmonie aller Vollkommenheiten in sich

umfassen könnte. Alles, was in einem Erlebensvorgang verwirklicht

wird, schließt mit Notwendigkeit eine Fülle mit ihm unverträglicher

Möglichkeiten von der Verwirklichung aus. Es ist immer etwas

denkbar, das es hätte geben können, das es aber nicht gibt. Und

diese Endlichkeit ist nichts weniger als der Ausdruck eines Übels oder

einer Unvollkommenheit. Sie resultiert einfach aus dem Umstand,

dass es Möglichkeiten der Harmonie gibt, die bei gemeinsamer

Verwirklichung eine Dissonanz ergeben oder überhaupt nicht

gemeinsam zu verwirklichen sind. Im Bereich der schönen Künste ist

das nichts weiter als ein Gemeinplatz; und auch in der politischen

Philosophie ist es – oder sollte es - ein Gemeinplatz sein. Die

Geschichte jedenfalls kann man überhaupt nur verstehen, wenn man

sie als eine Bühne betrachtet, auf der unterschiedliche Gruppen von

Idealisten Ideale verfechten, deren gemeinsame Verwirklichung

unmöglich ist. Man kann zu keinem historischen Urteil über Recht

oder Unrecht kommen, wenn man immer nur eine dieser Gruppen

betrachtet. Das Übel liegt in ihrer Kombination.

Dieses Prinzip der inneren Unverträglichkeit hat wichtige

Konsequenzen für unsere Vorstellung vom Wesen Gottes. Der

Gedanke, dass es Unmögliches gibt, was selbst Gott nicht möglich

machen kann, ist den Theologen schon seit Jahrhunderten geläufig.


145
In der Tat dürfte es ohne diese Annahme ziemlich schwierig sein,

sich überhaupt eine bestimmte Vorstellung vom Wesen Gottes zu

machen. Aber merkwürdigerweise hat man – jedenfalls soweit ich weiß

– diesen Gedanken einer möglichen Unverträglichkeit nie auf die im

Wesen Gottes verwirklichten Ideale angewandt. Sobald man dies tut,

muss man sich den göttlichen Eros als ein aktives Gegenwärtig haben

aller Ideale vorstellen, das von dem Drang begleitet wird, jedes von

ihnen zu einer Zeit in einer endlichen Form zu realisieren. Das Wesen

Gottes ist nicht ohne einen solchen Prozess vorstellbar, in dem seine

Unendlichkeit zur endlichen Verwirklichung kommt.

Aber wir brauchen hier nicht weiter auf theologische Fragen

einzugehen. Was wir von dieser Überlegung festhalten müssen, ist,

dass ein begriffliches Erfassen von untereinander unverträglichen

Dingen möglich ist, und ebenso das Anstellen begrifflicher Vergleiche

unter ihnen. Daneben gibt es dann die Synthese des begrifflichen

Erfassens mit der physischen Verwirklichung. Die begrifflich erfasste

Idee kann mit der Idee identisch sein, die sich im physischen Faktum

exemplifiziert. Aber sie kann auch anders und dann mit der anderen

verträglich oder unverträglich sein. Diese Synthesis zwischen Idealem

und Realem ist genau das, was sich in jedem endlichen Vorgang

vollzieht.

Bei jeder Zivilisation, die ihren Höhepunkt erreicht hat, darf man

deshalb erwarten, dass ein bestimmter Typ von Vollkommenheit in

beträchtlichem Ausmaß verwirklicht worden ist, und zwar ein ziemlich


146
komplexer Typ, der im Detail Variationen in der einen oder anderen

Richtung zulässt. Die Zivilisation kann sich auf der Höhe des von ihr

Erreichten halten, solange es noch möglich ist, innerhalb des in ihr

vorgegebenen Typs zu experimentieren. Aber wenn alle diese

Variationen im Detail erschöpft sind, gibt es nur noch zwei

Richtungen, die die weitere Entwicklung einschlagen kann.

Möglicherweise fehlt es der Gesellschaft, um die es gerade geht, an

Phantasie und Vorstellungsvermögen. Dann wird sie schal und verliert

im Zyklus der Wiederholung nach und nach das Gefühl für Originalität

und Frische. Die Herrschaft der Konventionen wird in ihr

allumfassend, und eine gelehrte Orthodoxie unterdrückt den Sinn für

das Abenteuer.

Ein letztes Aufflackern von Originalität zeigt sich im Überleben der

Satire. Die Satire gedeiht nicht unbedingt nur in dekadenten

Gesellschaften, auch wenn die obsoleten Züge des gesellschaftlichen

Lebens ihren eigentlichen Nährboden bilden. Aber es ist immerhin

typisch, dass gegen Ende des silbernen Zeitalters Roms, kurz

nachdem der jüngere Plinius und Tacitus gestorben waren, der

berühmte Spötter Lucian geboren wurde, und dass gegen Ende des

silbernen Zeitalters der Renaissance-Kultur, im achtzehnten

Jahrhundert, Voltaire und Edward Gibbon ihre Formen der Satire bis

zur Vollkommenheit entwickelt haben. Die Satire war die natürliche

Ausdrucksform für eine Zeit, die sich dem amerikanischen

Unabhängigkeitskrieg, der französischen Revolution und der


147
industriellen Revolution näherte. Nach ihr kam eine neue Epoche, die

Anfangsphase der modernen Industriegesellschaft, ein Aufschwung,

der 150 Jahre dauerte. Die Blütezeit dieser Epoche war die

sogenannte viktorianische Ära. Innerhalb dieser Zeit haben die

europäischen Völker neue Industrien entwickelt, Nordamerika

bevölkert, den Handel mit der alten Zivilisation Asiens ausgebaut, der

Literatur und den anderen Künsten neue Anstöße gegeben und ihre

Regierungsformen umgestaltet. Das neunzehnte Jahrhundert war eine

Epoche des zivilisatorischen Fortschritts, eines humanitären,

wissenschaftlichen, industriellen literarischen und politischen

Fortschritts. Aber zuletzt hatte es sich erschöpft. Der erste

Weltkrieg markierte sein Ende und gleichzeitig den entscheidenden

Einschnitt, von dem an das Leben der Menschheit eine ganz neue

Richtung eingeschlagen hat – eine Richtung, die wir bis heute noch

nicht ganz verstehen. Aber gegen Ende dieser Epoche war ein

deutliches Wiederaufleben der Satire zu erkennen – in England gab es

Lytton Strachey, und in Amerika Sinclair Lewis. Die Satire ist ein

letztes Aufflackern der Originalität in einer zu Ende gehenden

Epoche, die vor sich nichts mehr außer Schalheit und Langeweile

erkennen kann. Die Dinge haben ihre Frische verloren, und was

zurückbleibt ist ein bitterer Geschmack. Wenn eine erschöpfte

Lebensform sich über ihre Zeit hinaus erhält, kommt es zu einer

langsamen Dekadenz, zu Wiederholungen, die keine Früchte von

irgendwelchem Wert mehr tragen. Die überlebte Epoche kann noch

148
eine erstaunliche Zähigkeit beweisen; denn die Dekadenz, die weder

von originellen Geistern im Innern noch von äußeren Feinden bedroht

wird, ist ein extrem langsam wirkender Verfallsprozess. Aber dennoch

schwinden die Werte des Lebens in ihr, nach und nach und ganz

unaufhaltsam. Was zurückbleibt, sind dann nur noch die

Äußerlichkeiten der Zivilisation; von ihrer Realität ist nichts mehr

vorhanden.

Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit als die des langsamen

Verfalls. Es kann vorkommen, dass ein Volk (oder eine Gruppe von

Völkern) die Formen einer bestimmten Zivilisation erschöpft hat, aber

noch nicht die Quellen seiner eigenen schöpferischen Originalität. In

diesem Fall kann es zu einer relativ kurzen Übergangsperiode

kommen, die von weitgehenden Dislozierungen und einer Fülle

menschlichen Elends begleitet wird – oder auch nicht. Solche Perioden

hat es in Europa gegen Ende des Mittelalters gegeben, während der

verhältnismäßig lange anhaltenden Reformationskämpfe und gegen

Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Wir wollen hoffen, dass es sich

auch bei der Gegenwart um eine solche Übergangsperiode handelt, in

der die Zivilisation eine neue Richtung einzuschlagen beginnt, und dass

die zu erwartenden Dislozierungen nur ein Minimum an menschlichem

Elend mit sich bringen werden. Obwohl man gewiss sagen kann, dass

schon die Leiden des [ersten] Weltkriegs in ihrem Ausmaß für jede zu

erwartende epochale Veränderung hätten genug sein müssen.

Derart rasche Übergänge zu neuen Formen der Zivilisation sind nur


149
dann möglich, wenn das Denken der Menschen den Gegebenheiten der

bestehenden Zivilisation vorausgeeilt ist, wenn sich die Lebenskraft

der betreffenden Völker in ein Abenteuer der Phantasie gestürzt

hat, das die physischen Abenteuer der Exploration des Neuen

antizipiert. Die Welt träumt dann von Dingen, die kommen sollen;

und wenn die Zeit reif ist, geht sie an ihre Verwirklichung. Es ist in

der Tat immer so, dass dem physischen Abenteuer, das einen

bestimmten Zweck verfolgt, ein Abenteuer des Denkens über Dinge,

die noch nicht wirklich sind, vorausgegangen ist. Bevor Columbus die

Segel setzte, um nach Amerika aufzubrechen, hat er vom Fernen

Osten, von der Kugelgestalt der Erde und von den Gefahren des

grenzenlosen Ozeans geträumt. Abenteuer erreichen selten das Ziel,

das sie sich vorgenommen haben. Columbus ist nie in China

angekommen; aber er hat Amerika entdeckt.

Manchmal hält sich das Abenteuer in bestimmte Grenzen, kann seine

Ziele vorausberechnen und sie auch erreichen. Dies sind dann die

Abenteuer, die wie ein Wellenzug kleinerer Veränderungen bestimmte

Epochen einer Zivilisation durchlaufen und frischen Wind in die

stagnierenden Zustände bringen. Aber der Sinn für das Abenteuer

kann eine beträchtliche Kraft entfalten, und früher oder später wird

die Einbildungskraft die sicheren Umzäunungen der bestehenden

Verhältnisse und der erlernten Regeln des Geschmacks überspringen.

Dann treten – begleitet von Dislozierungen und Wirren - neue Ideen

auf, mit denen sich der Zivilisation neue Aufgaben stellen.


150
Jede menschliche Gesellschaft ist im Vollbesitz ihrer Lebenskraft,

solange es in ihr zu realen Kontrasten zwischen dem kommt, was

gewesen ist, und dem, was sein könnte, und solange sie sich vom Sinn

für das Abenteuer über die Grenzendes Gewohnten und Gesicherten

hinaus bewegen lässt. Eine Zivilisation, in der es keine Abenteuer

mehr gibt, muss verfallen.

Und das ist auch der Grund, warum die Definition der Kultur als einer

Kenntnis des Besten, was in früheren Zeiten gesagt und getan worden

ist, so gefährlich ist. In ihr kommt ein ganz entscheidender Umstand

nicht zur Sprache, nämlich der Umstand, dass die großen Leistungen

der Vergangenheit die großen Abenteuer der Vergangenheit gewesen

sind. Nur wer selber noch Sinn für Abenteuer hat kann die Größe der

Vergangenheit verstehen. Die klassische Literatur der Antike war zu

ihrer eigenen Zeit ein Abenteuer; Äschylos, Sophokles und Euripides

waren Abenteurer in der Welt des Denkens. Wenn man ihre Dramen

liest, ohne ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die Welt in ihnen auf

eine neue Art verstanden und die Emotion auf eine neue Weise

ausgekostet wird, verfehlt man das, was an ihnen lebendig ist und

ihren eigentlichen Wert ausmacht. Aber Abenteuer sind etwas für

Menschen, die selber Sinn für Abenteuer haben. In der bloß passiven

Kenntnis der Vergangenheit geht der ganze Wert dessen, was sie uns

hinterlassen hat, verloren. Eine lebendige Zivilisation kommt ohne

Gelehrsamkeit nicht aus, ist aber selber etwas, was weit über die

Gelehrsamkeit hinausreicht“.
151
(Alfred North Whitehead, Abenteuer der Ideen, Surkamp Verlag

Frankfurt am Main 1971, Seiten 475-486 )

6. Anhang II

Denken und Sehen: Ein Zusammenspiel

1. „Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen“. Ist eine solche

Bemerkung im 21, Jahrhundert noch denkbar, ist darin noch

irgendeine Erkenntnis enthalten, widersprechen nicht alle Philosophien

und Wissenschaften einer solchen naiven Aussage? Welche Philosophie

oder Wissenschaft interessiert sich heute noch für das Sehen? Max

Planck hatte 1941 in einem Vortrag in Berlin bemerkt, dass vom

Sehen, Hören, Tasten im wissenschaftlichen Weltbild nicht die Rede

sei. [1] Der Aristotelesforscher Ingemar Düring sagte uns im Jahre

1966: Nach einer Meinung die schon Aristoteles mit fast allen

Philosophiekollegen teilte, sei das philosophische Denken die höchste

menschliche Aktivität und der oberste Wert [2]. Wer wollte dem

widersprechen? Denkweisen, besonders philosophische und

wissenschaftliche Denkweisen, können nicht vom Sehen infrage

gestellt werden. Auch die Väter des modernen wissenschaftlichen

Denkens, Kopernikus, Kepler, Galilei, Descartes und Newton haben

seit dem Jahre 1500 Aristoteles nicht widersprochen, jedenfalls


152
nicht in der Frage des Denkens. Sie haben das wissenschaftliche,

abstrakte Denken noch einmal eine Stufe höher gehoben. Sie haben

es in eine mathematische Form gegossen. Galilei sprach für ein ganzes

wissenschaftliches Zeitalter, als er sagte, das Buch der Natur sei in

der Sprache der Mathematik geschrieben. Mathematische Formeln

und geometrische Formen, Naturgesetze, all das konnte niemand

sehen. Mit dem Sehen konnte man nicht die Fallgesetze bestätigen

oder widerlegen. Mit den Augen konnte man nur die Sonne täglich

aufgehen sehen. Man konnte nicht sehen, dass sich die Erde um ihre

eigene Achse dreht. Aber man konnte so etwas denken und

mathematisch berechnen. Dementsprechend ist der Satz von René

Descartes wahrscheinlich der bekannteste Satz der Philosophie und

Wissenschaft der modernen Welt: Ich denke, darum bin ich. Denken

ist wichtig, meinte René Descartes, das Sehen und die anderen

Formen der Wahrnehmung spielen beim Verstehen der Welt keine

Rolle.

2. Und eine zweite Selbstverständlichkeit wurde von nun an

behauptet: Denken und Sehen sind zwei getrennte Dinge, sie haben

nichts mit einander zu tun. Die Wahrnehmung und die wahrgenommen

Dinge wurden seit dem 16. Jahrhundert abgewertet. Das Sehen und

die gesehenen Natur, farbige Vögel und bunte Landschaften, sich

immer wieder neu bildende Wasserwellen, helle und dunkle

153
Gegenstände im Licht, diese unendliche Vielfalt der konkreten Bilder,

die wir mit unseren Augen sehen, sie wurden abgewertet. Sie sollten

eine geringere Bedeutung und Wirklichkeit haben, die mehr den

Bereichen der Träume, Visionen, Fiktionen, Illusionen und Phantasien,

zugeordnet wurden. Bis heute nennen wir solche inneren Dinge

Phänomene. Das war nur ein anderes Wort für Erscheinungen. Ganze

Philosophien und Wissenschaften wurden nach diesem schillernden

Begriff genannt: Phänomenologie. Von nun an wurden die Menschen in

eine Welt der Erscheinungen versetzt. Die konkrete Welt, in der wir

leben, hieß nun Erscheinung und die konkreten Dinge dieser Welt

wurden nur noch als subjektive, abstrakte Phänomene zur Kenntnis

genommen. Es war keine Welt für Menschen, die sich auf das Sehen

verlassen hatten. Viele wissenschaftliche Denkweisen versuchten uns

nun eines Besseren zu belehren. Man braucht nur ein beliebiges

Physikbuch über Farben aufzuschlagen, um zu erfahren, dass die

Welt farblos sein soll. Farben, so behauptete schon Isaac Newton,

gibt es nicht in dieser Welt. Farben gibt es nur in unserem

Bewusstsein (‚in our minds’, wie Newton es formulierte). Farben, so

belehrte uns Isaac Newton, sind nur die Dispositionen von Dingen,

bestimmte Lichtstrahlen zu reflektieren [3]. Farben, so belehrte uns

Newton, gibt es nur im menschlichen Wahrnehmungsapparat, im

Bewusstsein. Wo dieser Ort genau liegen soll ist keine ausgemachte

Sache, jedenfalls nicht da draußen, in der Natur. Das Sehen spielt

keine Rolle mehr beim philosophischen oder wissenschaftlichen

154
Erkennen der Welt. Es war vollkommen getrennt vom begrifflichen

Denken. Es konnte dem Denken nicht mehr in die Quere kommen,

wenn es darum ging, die Welt zu erkennen und zu verstehen. Das

Sehen hatte in den physikalischen Wissenschaften und in den

verschiedensten Spielarten der Phänomenologie abgewirtschaftet.

3. Allerdings wagten in Europa einige Seher und Querdenker zu

widersprechen. Sie widersprachen beiden grundlegenden Annahmen

europäischer Philosophien und Wissenschaften, die das Denken und die

die dualistische Trennung von Sehen und Denken betrafen. Ohne

Vollständigkeitsanspruch möchte ich einige Hinweise auf solche

Querdenker geben. Der erste europäische Physiker, der das Sehen

wieder aufwertete, war meines Erachten der Physiker Michael

Faraday. Sein Kollege, der berühmte mathematische Physiker James

Clerk Maxwell schreibt über Faraday in der Einleitung seines Werkes

'Treatise on Electricity and Magnetism' im Jahre 1873: « Faraday

sah beispielsweise vor seinem geistigen Auge Kraftlinien, die den

gesamten Raum durchdringen, wo Mathematiker Kraftzentren sahen,

die sich über eine Entfernung hinweg anziehen; er gewahrte ein

Medium, wo jene nichts anderes als Distanz sahen « [4].

4. Auch über den Philosophen Ludwig Wittgenstein haben wir

Hinweise, die von dem Philosophen Ray Monk im Sommer 2012

stammen, nach denen es Ludwig Wittgenstein mehr um das Sehen,

als um das Denken ging. Er dachte offenbar in Bildern [5].

155
5. Der Philosoph Hans Blumenberg hat sein Leben einem Gebiet

gewidmet, das man vielleicht einen Zwischenbereich zwischen dem

Sehen und dem philosophischen Denken in abstrakten Begriffen

nennen könnte : Es ist das Denken in Metaphern oder sollten wir

sagen, das Sehen von Metaphern ? [6]

6. Der Gehirnforscher und Neurobiologe Semir M. Zeki ist nach

intensiven Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass Sehen

sich nicht vom Verstehen trennen lässt. Er widerspricht nachdrücklich

der dualistischen Konzeption Immanuel Kants, nach der Wahrnehmen

und Verstehen zwei grundverschiedene Fähigkeiten seien [7].

7. Mit anderen Methoden als mit den Methoden der Neurobiologie

ist Irvin Rock in seinen psychologischen Studien über die

Wahrnehmung zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen, wenn er am

Ende seiner vielfältigen Untersuchungen schreibt : « Trotz der

Autonomie der Wahrnehmung gegenüber dem Bewußtsein würde ich sie

als intelligent betrachten : Intelligent drückt dabei Fähigkeiten aus,

wie sie in ähnlicher Form für Denkprozesse typisch sind :

Beschreibung, Schluss und Problemlösung » [8].

8. Als ein letztes Beispiel für die Aufwertung des Sehens möchte ich

einen bedeutenden Maler zu Wort kommen lassen : Cy Twombly

(1928-2011) : ‘The image cannot be dispossessed of a primordial

freshness which ideas can never claim’. ‚Dem Bild kann eine

156
ursprüngliche Frische nicht genommen werden, die Ideen niemals für

sich beanspruchen können’. [9]

Anmerkungen zum Anhang II

[1] Vgl. Max Planck. Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaft.
München 1971, S.22

[2]. Ingemar Düring, Aristoteles, Heidelberg 1966, S. 220.

[3]. Isaac Newton, Optics., zitiert in: Edwin Arthur Burtt, The
Metaphysical Foundations of Modern Physical Science, Kegan Paul,
London 1925, p. 233. Newton schreibt: “so colours in the object are
nothing but a disposition to reflect this or that sort of rays more
copiously than the rest“.

[4] James Clerk Maxwell, Treatise on Electricity and Magnetism


zitiert in: Giulio Pruzzi: Maxwell: Der Begründer der Elektrodynamik,
Spektrum der Wissenschaft, 2/2000, Heidelberg 2000, Seite 48

[5] Vgl.Ray Monk : http://www.newstatesman.com/culture/art-and-


design/2012/08/ludwig-wittgenstein’s-passion-looking-not-thinking

[6] Vgl. Hans Blumenberg, Quellen, Ströme, Eisberge, Herausgegeben


von Ulrich von Bülow und Doris Krusche, Suhrkamp Verlag Berlin
2012. Blumenberg schreibt in seinem Nachlass, Seite 258 :« Die

157
Metapher erfrischt den Verstand ; aber sie bedarf auch der
Auffrischung durch den Verstand ».

[7] Semir M. Zeki. Das geistige Abbild der Welt. In : Gehirn und
Bewußtsein. Mit einer Einführung von Wolf Singer. Spektrum.
Akademischer Verlag. Heidelberg 1994, S. 332

[8] Irvin Rock. Wahrnehmung. Vom visuellen Reiz zum Sehen und
Erkennen. Spektrum. Akademischer Verlag. Heidelberg 1998, S. 198

[9] Hier die ursprüngliche Formulierung des Satzes von Cy Twombly,

7. Anmerkungen

(1) Elmar Holenstein, Philosophie-Atlas: Orte und Wege des Denkens.

Amman Verlag, Zürich 2004, S. 19

(2) Vgl. Paolo Zellini, Eine kurze Geschichte der Unendlichkeit. Verlag

C.H. Beck. München 2010, S. 71

(3) Nagarjuna: Die Philosophie der Leere: Nagarjunas

Mulamadhyamaka-karikas. Übersetzung des buddhistischen

Basistextes mit kommentierenden Einführungen / Bernhard Weber-

Brosamer, Dieter M. Back. Wiesbaden Harrassowitz 1997 [ MMK ]

(4) A.N. Whitehead, Abenteuer der Ideen. Suhrkamp Verlag AG, 20

00

158
8. Literaturauswahl

a) Vorsokratiker

Geoffrey S. Kirk, Die vorsokratischen Philosophen: Einführung, Texte


und Kommentare von Geoffrey S. Kirk, John E. Raven und Malkom
Schonfield, Stuttgart 1994

Hans-Georg Gadamer, Der Anfang der Philosophie, Stuttgart 1996

Hans-Georg Gadamer, Der Anfang des Wissens, Stuttgart 1999

b) Platon

Hans-Georg Gadamer, Wege zu Plato, Stuttgart 2001

Carl Friedrich von Weizsäcker, Ein Blick auf Platon, Stuttgart 1988

c) Aristoteles

Ingemar Düring, Aristoteles, Heidelberg 1966

d) Geschichte der Metaphysik

159
Heinrich Schmidinger, Metaphysik. Ein Grundkurs, Stuttgart, Berlin
Köln 2000

e) Klassische Mechanik

Edwin Arthur Burtt, The Metaphysical Foundations of Modern


physical Science, London 1925

Stephen Shapin, Die wissenschaftliche Revolution, Frankfurt am Main


1998

K. Simonyi, Kulturgeschichte der Physik, Leipzig/Jena/Berlin 1980

Alexandre Koyré, Galilei, Berlin 1988

f) Philosophie

Clément Rosset, Le réel et son double. Essai sur l'illusion, Gallimard


1984

A.N. Whitehead. Wissenschaft und moderne Welt. Suhrkamp


Frankfurt 1988

A.N. Whitehead, Abenteuer der Ideen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt


am Main 1971

A. N. Whitehead, Denkweisen, Suhrkampverlag, Frankfurt 2001

Christoph Kann, Fußnoten zu Platon, Philosophiegeschichte bei A.N.


Whitehead, Hamburg 2001

g) Nagarjuna

Nagarjuna, Die Philosophie der Leere, Nagarjunas Mulamadhyamaka-


Karikas, Bernhard Weber-Brosamer/Dieter M. Back [Hg.],
Wiesbaden 1997

Etienne Lamotte, Traité de la Grande Vertue de Sagesse de


Nagarjuna, Mahaprajnaparamita-sastra, Tome I-V, Louvain 1944 ff.
160
h) Etwas ausführlichere Literaturangaben in:

Christian Thomas Kohl, Buddhismus und Quantenphysik:


Schlussfolgerungen über die Wirklichkeit, Windpferdverlag,
Oberstdorf 2013

Fotos: https://wn.com/novaya_zemlya_effect

Christian Thomas Kohl

Email: kohl2018@gmail.com

https://wn.com/novaya_zemlya_effect

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