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Bundesregierung

Türkis-Grün angelobt: Der Kreis schließt


sich
Mit Antritt der türkis-grünen Regierung soll Ruhe im Staat einkehren. Eine erste Ansage lässt
daran Zweifel aufkommen

Sebastian Fellner

7. Jänner 2020, 16:55

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat die neue Regierung ernannt und angelobt. Im
Video sehen Sie auch, welche Posten die einzelnen Regierungsmitglieder nun innehaben.
DER STANDARD/APA

Wien – Die Republik ist inzwischen routiniert in diesem staatstragenden Zeremoniell – und
doch war in dem so turbulenten vergangenen Jahr fast immer eine Premiere dabei. So auch
am Dienstag: Wieder einmal drängten sich Journalisten und Angehörige der künftigen
Minister im früheren Schlafzimmer von Kaiserin Maria Theresia in der Wiener Hofburg, um
der Angelobung einer neuen Regierung beizuwohnen.

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Wieder richtete Bundespräsident Alexander Van der Bellen ernste Worte über Politik und
Verantwortung an die Anzugelobenden, wieder gelobten sie getreuliche Beachtung von
Verfassung und Gesetzen. Nur war es am Dienstag die erste Bundesregierung mit Beteiligung
der Grünen, während es bei der letzten Regierungsangelobung im Jahr 2019 noch die erste
Expertenregierung Österreichs gewesen war, die ernannt wurde.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen wünschte sich von Sebastian Kurz und Werner
Kogler eine Regierung in Rot-Weiß-Rot. Foto: heribert corn

Die Selbstreinigung der Demokratie

"Nach den hinlänglich bekannten Ereignissen seit dem Mai des Vorjahrs, von Ibiza über die
Regierung Bierlein bis hin zur Neuwahl des Nationalrats im Herbst, schließt sich jetzt der
Kreis", sagte Van der Bellen. Bösartig ausgelegt bedeutet das so viel wie: Der Präsident hat
vorerst einmal genug von der Angeloberei. Normalerweise übernimmt eine Bundesregierung
ja auch nach ausgerufenen Neuwahlen weiterhin die Amtsgeschäfte und übergibt sie dann
direkt an die Folgeregierung – Österreich hat nun aber wegen der erstmaligen Abwahl eines
Bundeskanzlers durch das Parlament ein 218-tägiges Intermezzo hinter sich.

Nach 218 Tagen ist die Amtszeit von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein vorbei. DER
STANDARD/APA

"Unsere Demokratie ist lebendig. Das hat sich im letzten Jahr gezeigt", erklärte Van der
Bellen. "Sie hat die Kraft zur Selbstreinigung und die Kraft zur Erneuerung." Er wünsche sich
eine rot-weiß-rote Regierung. Das bedeute, Grund- und Freiheitsrechte zu stärken, "die
großen Fragen unserer Zeit mutig und zuversichtlich anzugehen" und an die kommenden
Generationen zu denken.
Keine türkis-grüne Message-Control

Damit ist Sebastian Kurz wieder Bundeskanzler. Der Chef der Volkspartei steht nun aber
einer ganz anderen Regierung vor als jener mit den Freiheitlichen. Denn die ersten kritischen
Töne eines Ministers folgten direkt auf die Angelobung: Da erklärte der grüne Sozialminister
Rudolf Anschober laut Austria Presse Agentur, dass das Regieren mit den Türkisen
herausfordernder sein würde als jenes mit den Schwarzen.

Anschober hatte zuvor jahrelang mit der schwarzen Volkspartei in Oberösterreich


zusammengearbeitet. "Zwischen Türkis und Schwarz gibt es Unterschiede. Es wird
schwieriger werden", sagte Anschober, noch bevor er sich auf den Weg zur offiziellen
Amtsübergabe ins Sozialministerium begab.

Zwar biete die türkis-grüne Regierung auch die Chance, Gräben in der Gesellschaft zu
überwinden, und darauf wolle er auch hinarbeiten. Im Koalitionspakt gebe es aber Themen,
"die mir nicht gefallen". Er werde seine Haltung "sicher nicht an der Regierungsgarderobe
abgeben", versicherte Anschober – und erteilte damit so etwas wie einer türkis-grünen
Message-Control eine frühe Absage.

Ernste Töne bei Justiz und Heer

Im Anschluss rauschten die frisch angelobten Minister zur Amtsübergabe in ihre Ressorts –
mit Ausnahme von Außenminister Alexander Schallenberg, der einen fliegenden Wechsel
vom Experten- zum ÖVP-Minister vollzieht. Kanzler Kurz und Brigitte Bierlein erledigten
das Prozedere mit Dank, Glückwünschen und Blumenstrauß (für Bierlein). Die freute sich
nicht nur darüber, ihr Übergangsamt wieder abgeben zu dürfen – sondern auch darüber, "dass
sie sehr weiblich geprägt ist, diese Bundesregierung".
Leonore Gewessler nahm das Fahrrad zur Amtsübergabe. Foto: APA/HELMUT
FOHRINGER

Die grüne Umweltministerin Leonore Gewessler schwang sich symbolträchtig auf ihr
Fahrrad, um sich auf den Weg ins Verkehrsministerium zu machen. Dort sprach sie von einer
"zentralen Aufgabe" jenes Ministeriums, das erst durch eine Änderung des
Bundesministeriengesetzes zu ihrem "Superministerium" für Verkehr und Klimaschutz
gemacht werden muss. Die von der Koalition gesetzten Ziele dafür seien jedenfalls
"herausfordernd, spannend und zukunftsträchtig".

Währenddessen wurde Neovizekanzler Werner Kogler vom SPÖ-Bürgermeister seiner


Heimatgemeinde St. Johann in der Haide samt regionalem Geschenkkorb und
Blasmusikkapelle begrüßt.

Jabloner spricht von "Niedertracht" gegen Zadić


Werner Kogler wurde von der Blasmusik begrüßt. Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

Ernstere Töne wurden bei der Übergabe im Justizministerium angeschlagen – ist die neue
Ministerin Alma Zadić doch seit Tagen Ziel einer rassistischen Kampagne. Die falsche
Darstellung, sagte ihr Vorgänger Clemens Jabloner, sie sei strafrechtlich verurteilt worden,
hätte zu Reaktionen geführt, "die auch nach den derzeit geltenden tiefen Maßstäben einen
Tiefpunkt darstellen". "Niedertracht" sei laut Jabloner "das gute deutsche Wort dafür".

Zadić freute sich über die große Ehre, "dieses Haus leiten zu dürfen". Die Justizpolitik sei
auch Gesellschaftspolitik, im Zentrum würden die Grund- und Menschenrechte wie auch die
Verfassungsrechte stehen.
Verteidigungsministerin Klaudia Tanner übernimmt ein marodes Verteidigungsressort. Foto:
apa / pfarrhofer

"Steiler Weg" für das Bundesheer

Eine wichtige Premiere fand dann noch in der Rossauer Kaserne in Wien statt: Dort übernahm
die erste Frau die Führung des Verteidigungsministeriums. Klaudia Tanner (ÖVP) erklärte, es
sei kein Geheimnis, "dass ein schwieriger und steiler Weg vor uns liegt". Um dem
permanenten finanziellen Engpass zu begegnen, kündigte die Ministerin die Einführung der
"Teiltauglichkeit" für Grundwehrdiener ein. Das Heer brauche zukunftsfähige Strukturen und
eine moderne Ausrüstung, sagte Tanner. Es gehe um den Schutz des Staates Österreich, der
Bevölkerung und der Neutralität. (Sebastian Fellner, 8.1.2020)

Schon gehört?

Erste Termine der neuen Regierung

 Ministerrat: Die konstituierende Sitzung des Ministerrats findet am Mittwoch um elf


Uhr statt, im Anschluss daran wird es das erste Pressefoyer von Kanzler Sebastian
Kurz und Vizekanzler Werner Kogler geben.
 Nationalrat: Am Freitag lernt auch der Nationalrat die neue Regierung kennen. Die
Sitzung ist für 9.00 Uhr anberaumt, Kanzler Kurz wird seine Regierungserklärung
abgeben. Dem folgt eine Debatte. Dabei sind auch zwei von ÖVP und Grünen bereits
im Vorjahr auf den Weg gebrachte Gesetze zu behandeln. Mit dem
Bundesministeriengesetz werden den Ressortleitern ihre genauen Aufgaben zugeteilt.
Zweiter Beschluss ist das Budgetprovisorium, das quasi den Haushalt von 2019
fortschreibt.
 Antritt in Brüssel: Die ersten Auslandsbesuche sind auch schon eingetaktet.
Europaministerin Karoline Edtstadler wird am Donnerstag nach Paris reisen, um dort
ihre Amtskollegin zu treffen. Bundeskanzler Kurz begibt sich am Sonntag zu einem
Antrittsbesuch zur EU-Kommission nach Brüssel, um sich und seine türkis-grüne
Regierung zu erklären.