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"Besuch in Deutschland": Hannah Arendts neuaufgelegter Bericht über die Reise in ein zerstörtes

Land 1949/50

Über die Weigerung zu trauern


Von Fritz J. Raddatz

Von Fritz J. Raddatz


3. Dezember 1993, 7:00 Uhr

AUS DER ZEIT NR. 49/1993 [h p://www.zeit.de/1993/49?

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Wahrlich eine gloriose und zeit gemäße Idee des Rotbuch Verlags, diesen 1950
in New York [h p://www.zeit.de/thema/new-york] publizierten Essay von
Hannah Arendt [h p://www.zeit.de/thema/hannah-arendt] (mit dem Vorwort
des wie stets vergnüglich unverschämten Henryk M. Broder) jetzt wieder zu
veröffentlichen. Gibt er doch nicht nur dem verwunderten Schmerz der 1933
über Frankreich in die USA [h p://www.zeit.de/thema/usa] emigrierten
Philosophie Journalistin wieder, als sie bei dem ersten Besuch (August 1949 bis
März 1950) im Nachkriegsdeutschland ein verklebtes statt aufgewachtes,
verducktes statt Schuld begreifendes Volk vorfindet. Tatsächlich hat sie bereits
Jahre vor Mitscherlich die Formulierung von der "Weigerung zu trauern", dem
"Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit", gefunden angesichts der
verbreiteten deutschen Nicht Reaktion auf das Geschehene. Es hat eine
geradezu manichäische Emphase, wenn Hannah Arendt in einem einzigen Satz
die Worte "Gefühlsmangel, Herzlosigkeit, billige Rührseligkeit"
herausschleudert, um ihr Entsetzen deutlich zu machen über die Stimmung der
bundesrepublikanischen Gründerjahre, wo man es sich zwischen "Was haben
wir gelitten" und "Wir haben von nichts gewußt" gemütlich machte: "Der
Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen des letzten Krieges nicht in den
Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von
Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben " Vieles liest sich nahezu
prophetisch, denkt man an das Entstehungsdatum des schmalen Aufsatzes.
Heute haben wir genügend (?) Untersuchungen über das auf alle Wunden
gestrichene SchlagerSchmalz jener Jahre, die Lull Effekte der O -W Fischer
Filme und den Verscharr Eifer der Architekten. Man erneuerte zwar - unter
Bezug auf ihre Praxis Erfahrung - die Patente der Auschwitz Ofen Bauer; aber
man heizte ja bereits mit Öl. Doch Hannah Arendt spürte schon damals, daß die
Ästhetik der häßlichen Flachbauten wie die provinzielle Eleganz
"supermoderner Schaufenster" sogar den Gedanken an die eigenen Verluste (an
zerstörte Wahrzeichen der Kultur) zubetonieren oder verSpiegeln sollten. Es
geht nicht nur um jene "um sich greifende öffentliche Dummheit", die sie
konstatiert, sondern um das eifervolle Zudecken statt Aufdecken. Mit der
Energie eines Olympia Sprinters rannten die Deutschen vor den eigenen
Schatten weg - fleißig, geschäftig und so seelenlos wie jener, der seinen
Schatten verkaufte: "Die alte Tugend, unabhängig von den Arbeitsbedingungen
ein möglichst vortreffliches Endprodukt zu erzielen, hat einem blinden Zwang
Platz gemacht, dauernd beschäftigt zu sein, einem gierigen Verlangen, den
ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren. Beobachtet man die Deutschen,
wie sie geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte stolpern
und für die zerstörten Wahrzeichen ein Achselzucken übrig haben oder wie sie
es einem verübeln, wenn man sie an die Schreckenstaten erinnert, welche die
ganze übrige Welt nicht loslassen, dann begreift man, daß die Geschäftigkeit
ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist Der
Terminkalender als Wunderwaffe, der Rechenstift statt rächender
Gerechtigkeit. Der Zorn der Deutschen galt den "Terrorbombern" oder "dem
Russen" oder jener "Vorrsehunk", die ihr Adolf so schön aussprechen konnte
und die sie nun im Stich gelassen hatte; jedenfalls war er nicht gegen sie selber
oder ihre Ver Führer gerichtet: "Es lag wahrscheinlich allein daran, daß kein
einziger deutscher oder alliierter Soldat nötig gewesen wäre, um die wirklich
Schuldigen vor dem Volkszorn zu schützen. Diesen Zorn gibt es nämlich heute
gar nicht, und offensichtlich war er auch nie vorhanden "
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Ach, es ist ein Schmerzensbuch - auch wenn es vermessen klingt,
ihm diesen Titel zu verleihen, den Thomas Mann für seinen
Faustus Roman in Anspruch nahm. Denn so viele Stimmen derer,
die von Deutschland zerstampft, verjagt, ermordet wurden, klingen unter den
Sätzen von Hannah Arendt, geben ihren Worten den Grundakkord. Ist es Zufall,
daß es Joseph Roth [h p://www.zeit.de/thema/joseph-roth] schon früh vor der
"Sehnsucht der deutschen Frau, auf Schuhen ohne Absätze durch ein Leben
voller Tätigkeit zu marschieren", grauste; "denn in Deutschland ist der Typus zu
Hause: redlich, fleißig, biertrinkend, die Ordnung der Welt verbessernd"? Und
ist es Zufall, daß derselbe Roth - Erzfeind Tucholskys 1933 an Stefan Zweig
[h p://www.zeit.de/thema/stefan-zweig] schreibt: "Jedermann, ganz gleichgültig,
wer er ist, wie er früher war, der öffentlich heute in Deutschland tätig ist, ist
eine Bestie"; Sätze, die sich haargenau entsprechend bei Tucholsky in seinen
Briefen an Hasenclever finden:. Ich für meinen Teil also lehne jeden, aber auch
jeden ohne Ausnahme radikal ab, der das bejaht, der dort mitmacht, ja, schon
den, der dort leben kann "
Das sei ein alter Hut? Das möge man nun aufhören zu zitieren? Das seien
extreme Radikalismen eines Trinkers und eines melancholischen
Selbstmörders? Nein. Das sind analytische Befunde, Computertomographie vor
deren Erfindung. Das Missing link dieser Röntgenbilder zur aktuellen
"deutschen Frage" wäre Kurt Tucholskys Satz: "Immer stärker bis zur
Gewißheit ist in mir: det sind sie. Es ist nicht wahr, daß das arme Volk
unterjocht ist, daß sie es nicht gewollt haben, es ist nicht wahr Dieses Missing
link nun fügt Broder in seinem Vorwort ein, indem er mit souveräner Frechheit
das Taubmacher Gebot "Man darf nicht vergleichen" außer acht läßt: "JEine
solche Flucht vor der Wirklichkeit ist natürlich auch eine Flucht vor der
Verantwortung, heißt es bei Hannah Arendt mit Blick auf die Deutschen nach
1945, die keine kausale Verbindung zwischen den Ursachen des letzten Krieges
und den Taten des Naziregimes sehen mochten. Die gleiche Flucht vor der
Wirklichkeit und vor der Verantwortung zeigt sich in dem Appell Einheit durch
Versöhnung, den die CDU Politiker Perschau, de Maiziere und Diestel im Juli 93
an die deutsche Öffentlichkeit gerichtet haben. Es könnte nicht weiter
hingenommen werden, daß unzähligen Menschen dauerhaft ein Vorwurf
daraus gemacht wird, sich in dem System der DDR angepaßt und für die eigene
Lebensplanung oder für die der Kinder Kompromisse geschlossen zu haben,
heißt es in dem Aufruf der drei, von denen zwei - Diestel und de Maiziere - in
ihrer eigenen Lebensplanung die Gültigkeit der Regel widerlegt haben, daß
Ratten üblicherweise sinkende Schiffe zu verlassen pflegen Broder ist in seinem
Furor antiteutonicus nicht ausgewogen; Jahwe sei Dank. Das Wort stammt
vom Tomatenmarkt und mag tauglich sein für Talk Shows - nicht für
politischpolemische Analysen. Gewiß sind Urteile über "die Deutschen"
pauschal und dem Klischee "Alle Italiener haben schwarze Haare" nahe; aber
ebenso gewiß ist das Schöne an Klischees, daß sie der Wahrheit peinlich nahe
sind - so schrecklich viele blonde und blauäugige Italiener gibt es wohl nicht.
Während es eher schrecklich viel Blauäugigkeit im Exkulpieren gibt nach der
Melodie "Was hätten wir denn machen sollen"; das Schunkellied aller Mitläufer
- auch in der DDR.

Darm liegt das Explosive dieses Bändchens, das dem Lügen Geäder im Faux
marbre des deutschen historischen Bewußtseins nachspürt. Wenn damals
richts war und jüngst auch kaum etwas - "nur" Millionen von Mitmachern und
Hunderttausende on Häschern ; wenn immer alle nur Verführte (von wem?)
und Unschuldige (an was?) waren: Dann bleiben auch alle Erklärungsversuche
fürs Jetzt, das sich Rostock [h p://www.zeit.de/thema/rostock] oder
Hoyerswerda buchstabiert, Mogelpackungen und alle Lösungsvorschläge
Placebos. Noch einmal Henryk M. Broder: "Langsam wird der Platz im Tempel
der ewigen Weisheiten knapp. Zu der Warnung vor Onanie als Ursache von
Rückenmarkschwindsucht und der bekannten Tatsache, daß Frauen nicht
autofahren können, kommt nun eine dritte fundamentale Weisheit hinzu: Wer
arbeitslos wird, zündet Ausländer an. Der israelische Historiker Zvi Yavetz
wundert sich über den zwingenden Zusammenhang zwischen Ursache und
Wirkung. Wenn die Menschen in England [h p://www.zeit.de/thema/england]
arbeitslos werden, gehen sie fischen. Wenn sie in Deutschland arbeitslos
werden, gehen sie zu den Nazis "

Aus dem Amerikanischen von Eike Geisel; mit einem Vorwort von Henryk M.
Broder und einem Portrait von Ingeborg Nordmann; Rotbuch Verlag, Berlin
[h p://www.zeit.de/thema/berlin] 1993; 96 S, 19 80 DM

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