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23/11/2018 1968 - und was heute daraus geworden ist - Eine Abkehr von Fragen der sozialen Gerechtigkeit

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SEIN UND STREIT | Beitrag vom 06.05.2018 MEISTGELESEN MEISTGEHÖRT EMPFEHLUNG

1 Säuglingsforschung
1968 – und was heute daraus geworden ist Wie Babys die Welt entdecken

Eine Abkehr von Fragen der sozialen 2 Sexueller Missbrauch im Bistum

Gerechtigkeit Hildesheim
Ehemaliger Messdiener belastet
Bischof und Priester
Armin Nassehi im Gespräch mit Stephanie Rohde
3 Debatte um Polizeiruf-
Nachbearbeitung
Podcast abonnieren „Massiver Eingriff in die
Kunstfreiheit“

4 „Polizeiruf 110“-Regisseur Eoin


Moore
„Der AfD-Au kleber war keine
künstlerische Entscheidung“

5 Hassobjekt Sprachnachricht
Neue Technik, altes Genörgel

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Demonstration gegen Notstandsgesetze in München 1968 (dpa)

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Was unterscheidet die heutige Gesellschaft von den 68ern? Vieles von dem, worum
es im öffentlichen Streit gehe, seien Anerkennungsdiskurse und viel weniger
politische, sagt der Münchner Soziologe Armin Nassehi. Das betreffe vor allem die PHILOSOPHISCHE ORTE

jüngere Generation.

Was meinen wir, wenn wir „68“ sagen? Kein Ereignis, sagt der Münchner Soziologe
Armin Nassehi, sondern eine grundlegende politische Umbruchsphase, in deren
Zentrum das Motiv der Inklusion steht. Wo sich die Studentenbewegung als explizit
links, teils sogar „links-revolutionär“ verstand,  war ihre Wirkung auf die Gesellschaft
implizit links, argumentiert Nassehi:

„Die Gesellschaft konnte gar nicht mehr anders als Inklusionsschübe zu machen.
Darunter verstehe ich, dass Bevölkerungsgruppen, die vorher eher ausgeschlossen Wie Orte auf das Denken wirken
waren aus Bildungskarrieren, von sozialem Aufstieg, Teilhabe von öffentlichen
Diskursen nun in die Gesellschaft reingeholt worden sind. Man muss gar nicht links
denken, um diese Politik zu machen, die linke Ziele verfolgt: nämlich Gleichheit und RELIGIONEN
Gleichberechtigung herzustellen“.
Deutsche Su is in Indien

Re lexion, Moral und Pop im Dauerloop Auf den Spuren der


spirituellen Lehrer
Die zentrale Errungenschaft der 68er macht Nassehi allerdings an einem anderen
Charakteristikum der jungen Wilden fest: Unwiderru lich hätten sie die
„Dauerre lexion“ eingeführt. Aufgebrochen hätten sie nämlich nicht nur verkrustete
Strukturen, sondern viel weiterreichend bewirkt, was Jürgen Habermas die
„Ver lüssigung der Kommunikationsverhältnisse“ nennt. Nassehi zufolge haben die
68er den ewigen Zweifel zum bundesrepublikanischen Grundmodus gemacht:
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23/11/2018 1968 - und was heute daraus geworden ist - Eine Abkehr von Fragen der sozialen Gerechtigkeit

„Man kann sagen, dass seit Mitter der 60er Jahre bis heute die Nein-Stellungnahmen
in der Gesellschaft größer werden. Wenn jemand etwas behauptet, kommt sofort
jemand dazu und sagt: ‚Nein, das stimmt nicht‘ oder ‚Bitte, begründe mir das‘.
Während man vorher eher davon ausgehen konnte, dass die Sätze – einfach dadurch,
dass sie gesagt wurden – galten.“

Den allumfassenden Zweifel der 68er sieht Nassehi verwoben mit einem zweiten
Wesensmerkmal: der „Dauermoralisierung“:
Im 11. Jahrhundert wanderten die ersten
Su is in Indien ein. Im Lauf der
„Was man schon beobachten muss und das ist auch, was derzeit viele Kritiker von 68
Jahrhunderte entstanden dort vier große
auf den Plan ruft: Das war eine Generation, die die Gesellschaft mit starken Su i-Strömungen. Eine davon sind die
moralischen Urteilen herausgefordert hat. Man war immer auf der Seite der Guten Naqschbandi. Der Orden hat Anhänger auf
und alles, was im Leben passierte, musste auf den Prüfstand einer bestimmten Moral der ganzen Welt – und manchmal
gestellt werden: private Lebensformen, Sexualität, aber auch die öffentliche Politik.“ besuchen sie einander.
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Armin Nassehi hat den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der LMU
München inne. (Arne Dedert/dpa)

Diese Moralisierung hätte aber nicht nur eine politische, sondern auch eine
entlastende Funktion gehabt: „Wer seine Ziele re lexiv nicht ganz erreichen kann,
neigt zur Moralisierung“.  Der Re lexion in Endlos-Schleife hält auch der Pop etwas
entgegen, meint Nassehi. Auch ihm schreibt der Münchner Soziologe eine soziale
Entlastungsfunktion zu, deren Bedeutung für die 68er gar nicht zu überschätzen sei.

„Wenn Sie heute Leute nach ihren Erlebnissen und Erinnerungen befragen, dann
können sie sich eher daran erinnern, welche Musik sie gehört haben, als was sie
damals gesagt haben. Das ist schon sehr prägend gewesen. Und heute ist die
Konsumkultur die Popkultur noch einmal potenziert“.

„68“ heute – Ästhetik statt Politik?

Diese drei Wesenszüge der 68er – Dauerre lexion, Dauermoralisierung und die
Hinwendung zur popkulturellen Ästhetik – sieht Nassehi heute, in einer neuen
Generation auf neuartige Weise vermischt:

„Wir haben es heute mit einer Generation zu tun, die sehr stark an
Identitätsansprüchen, an Anerkennung, an einer ästhetischen Form der
Selbstdarstellung hängt. Vieles von dem, worum es heute im öffentlichen Diskurs und
Streit geht – vor allem in einer jüngeren Generation ,- sind Anerkennungsdiskurse und
viel weniger politische Diskurse.“

Diese diagnostizierte Abkehr von Fragen der sozialen Gerechtigkeit bringt Nassehi in
Verbindung mit dem popkulturellen Erbe der 70er Jahre. Unter dem Ein luss der
Popkultur habe man sich seither an eine kapitalistische Ästhetik gewöhnt und so den
Duktus von Kritik und Protest mit einem kapitalistischen Konsumstil versöhnt.

„Kapitalismuskritik ist heute eigentlich keine Theorieform mehr, sondern eine Kritik an
bestimmten Konsumstilen, an bestimmten ‚Statements‘, die man abgibt.“

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Der Bezugspunkt der Politik hat sich nach rechts verschoben

Frappierende Ähnlichkeiten hingegen erkennt Nassehi heute im Auftreten der


selbsterklärt linken wie rechten Gruppen:

„Interessant ist heute, dass das explizit Rechte heute bisweilen Formen annimmt, die
dem explizit Linken sehr ähneln. Das sagen rechtspopulistische und -extreme
Protestformen ganz explizit: Sie sagen, wir nutzen die Provokationsformen, die wir
von den 68ern lernen.“

Aber auch auf den Bezugspunkt der weiten Öffentlichkeit sieht Nassehi nach rechts
gerückt:

„Zugehörigkeit, Nicht-Universelles, Identitätspolitik, Heimat – sowohl auf der linken


als auch auf der rechten Seite wird die Frage gestellt: ‚Wer bin ich‘ und nicht ‚Wie
können wir universalistisch begründen, dazuzugehören?‘“

Politik hinkt gegenwärtigen Problemstellungen hinterher

Dass rechte Provokation heute sehr viel besser funktioniert als linke, liest Nassehi an
einer extrem zugespitzten Problematisierung von Zugehörigkeit ab.

„Wenn Sie die Flüchtlingsdiskussion sehen: Die Leute tun ja gerade so, als ob die
Flüchtlingssituation diese Gesellschaft in ihren Grundfesten zerstören würde – eine
radikale Übertreibung dieses Zugehörigkeitsproblems. Und das funktioniert erst
durch ein rechtes Bezugsproblem: Wir können tatsächlich nicht mehr diskutieren, wer
dazu gehört. Wir können jetzt ganz klar Exklusionspolitik machen. Das ist neu.“

Was bedeutet dieser veränderte Bezugsrahmen für die heutige Linke? Diese Frage
hält auch Nassehi für zentral und mahnt die Rückbesinnung auf Kernanliegen an:

„Wenn man heute überhaupt links sein will – diese Unterscheidung so also
funktioniert – sollte man sich vielleicht die Frage stellen: Wie ist so etwas wie sozialer
Aufstieg heute wieder möglich? Wird sich in den Veränderungen von Arbeitsformen
so etwas wie eine Harmonisierung von Arbeit und Leben – das ist das klassische
implizit linke Thema der 70er Jahre gewesen – überhaupt denken lassen?“

Dass wir uns gerade in einer Umbruchphase be inden, die fundamentale


Verschiebungen mit sich bringen wird, hält Nassehi für wahrscheinlich. Das
Bewusstsein in Politik und Öffentlichkeit hinke den gegenwärtigen Problemstellungen
oftmals hinterher. Mit Blick auf Migrationsfragen kritisiert er:

„Wir reden über Migrationsfragen, als gehe es da nur um Identitätsfragen – das ist
nicht der Fall. Wenn es endlich mal eine Diskussion darüber gäbe, ein
Einwanderungsgesetz zu haben, explizit zu erklären, wie wir Einwanderung eigentlich
haben wollen, dafür gute Gründe zu nennen und dadurch Legitimation zu
produzieren, dann  ist das keine Identitätsfrage mehr sondern eher eine operative
Frage. Ich glaube, dass man die Konzentration auf diese rechten Bezugsprobleme nur
loswird, wenn man die operativen Fragen wiedergewinnt und den Mut hat, diese
Fragen endlich zu stellen.“

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(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 17.06.2018)

Keine Revolte, kein Gedenken – Wie Frankreich heute den Mai 68 diskutiert
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 02.05.2018)

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