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Im Februar 1981 wurden drei Gefangene, dabei Serge Coutel, in

einer spektakulären Aktion mit einem Hubschrauber aus dem


Knast Fleury-Merogis, dem grössten Knast Europas, befreit.

Im Gefängnis von Fleury-Mérogis waren u.a. Jacques


Mescrine und Aktivisten der „Action directe“ inhaftiert. Sie
wurden einige Tage später allerdings wieder festgenommen und zu
weiteren mehrjährigen Strafen interniert. Diese Zeit beschrieb
Serge Coutel in seinem Buch „ L‘ envolée“ (rasanter Anstieg), das
1985 erschienen ist.
L'envolée" heisst auch die heute noch existierende
Antiknastzeitschrift, die 2001 gegründet wurde. Die "meist
zensierte Zeitschrift Frankreichs, ja Europas"(Le Canard enchainée)

"L'Envolée" erscheint viermal im Jahr. Sie veröffentlicht Briefe der


Gefangenen, Berichte von Gerichtsverhandlungen und Analysen der
Gesellschaft und ihrer Gesetze.

Die Zeitschrift wird von ehemaligen Häftlingen und Angehörigen


gemacht, die Texte aus dem Gefängnis und gegen das Gefängnis
veröffentlicht. Gefangene beschreiben dort ihr tägliches Leben,
prangern die Haftbedingungen, kämpfen gegen die Isolation.
"L'Envolée" möchte die Stimme der Gefangenen sein, sind aber
nicht deren Sprecher. Denn die Gefangenen sind diejenigen, die
immer die Experten sind, mehr als Journalisten, Soziologen,
Kriminologen oder auch Aktivistis draussen sein können.

Die Zeitschrift erweitert die Arbeit von einigen Antiknast-


Radioprogrammen, die so eine Verbindung zwischen dem Inneren
und Äusseren von Gefängnissen ausserhalb der Kontrolle der
Gefängnisverwaltung aufrechterhalten

Und es war ein Radioprogramm, das den Anstoss für u.a. die
Zeitschrift gegeben hat.
https://lenvolee.net/category/emissions-de-radio/

"Das Abenteuer von L'envolée begann mit dem Rundfunk.Ich war


im Gefängnis jahrelang Korrespondent für das anarchistische Radio
Libertaire. Ich schickte Texte, keine Zeugenberichte, sondern
Meinungen... wir haben dann zunächst ein Jahr lang bei Radio
Libertaire mitgemacht.

Ein Freund, der in den französischen Gefängnissen von mir gehört


hatte, tat sich mit mir zusammen und wir trafen die Entscheidung,
L'Envolée zu gründen. Das war eine Hommage an Serge Coutel
(s.o.) und der Vorspann unserer Sendung war der Sound eines
startenden Hubschraubers. "L'envolée" war jeden Freitag auf der
Frequenz Paris pluriel, auf 106,3, zu hören.... wir bemerkten, dass
wir damit zwar in Paris, aber nicht in der Provinz zu hören waren.
Francine meinte also, das es gut wäre, eine Zeitschrift zu
gründen, um die Provinz zu erreichen.Und das taten wir dann auch,
um in Marseille und allen anderen Städten in Frankreich
Verbreitung zu finden, dort, wo wir nicht gehört werden

Ca ne valait
konnten.."(**)(Abdel Hafed Benotmann)

pas la peine mais ca valait le coup...."


Abdel Hafed Benotman, 1960 als Sohn algerischer Eltern im 6.
Bezirk von Paris geboren, machte schon früh Bekanntschaft mit
dem französischen Strafsystem.

"Mit dem Beginn des kulturellen und ökonomischen Aufstiegs des


6.Arrondissement hatten wir eigentlich nicht mehr die Mittel, um
dort zu leben... Mein Vater war Arbeiter und im Quartier lebten bis
dahin kleine Beamt*innen und Kleinhändler, einige
Kunsthandwerker. Beide Elternteile und vier Kinder waren in
einem HLM (=habitation à loyer modéré/Sozialwohnung)
untergebracht.Nun wurden wir von der Entwicklung überrollt...Mein
Vater hielt durch und schnallte uns - bei sich beginnend - die Gürtel
enger."

Abdel war damit nicht einverstanden und wird mit 15 zum Dieb.
("Ich habe mich dafür entschieden. Ich bin kein soziales Opfer").
und zum Händler.. Alles was er klaute, verkaufte er an seine
Klassenkamerad*innen, die im Gegensatz zu ihm Taschengeld
hatten.

"Wir waren in unserem Wohnblock die einzige maghrebinische


Arbeiterfamilie, alle anderen waren Französ*innen oder
Europäer*innen..."

Mit 16 kommt er nach zum ersten Mal nach Fleury-Merogis.


Nach seiner Entlassung schlug er- nun als Illegaler - sich mit
Gelegenheitsjobs durch.

Seine Eltern hatten sich 1962 entschlossen, die algerische


Staatsangehörigkeit anzunehmen, um irgendwann nach Algerien
zurückkehren zu können. So wurden ihre Kinder automatisch zu
Algerier*innen.Nach der Haft konnte Abdel aber nicht abgeschoben
werden, weil da noch das Geburtsortprinzip existierte. Die
französische Staatsangehörigkeit zu bekommen, konnte er nun
aufgrund seiner Vorstrafe allerdings vergessen.
Doch 1979 fand er sich im Gefängnis wieder. Sein erster Bankraub
lief schief und er wurde zuerst in das Strafgefängnis von Clairvaux
gebracht.

"Es war meine erste grosse Strafe. Wir hatten damals keine Fernseher in den
Zellen und die Besuchszimmer waren mit Sprechmembranen ausgestattet. Es
gab nur sehr wenig physischen Kontakt, nur mit unseren Müttern, die durften
wir umarmen. Ich sagte mir:`Du bist zwischen vier Wänden eingesperrt.Die
Tür ist verschlossen und an den Fenstern sind Gitter. Du hast zwei
Möglichkeiten: Entweder du brichst aus und zwar richtig, das heisst, die
Gitterstäbe durchsägen und einen Tunnel graben, oder du findest einen
Hinterausgang.`Und da kam die Lust am Schreiben und an Büchern (wieder)
auf."

Er begann sich Bücher aus der Bibliothek zu hören, las alles, was er kriegen
konnte: Nietzsche, Hugo, Tschechow, Dostojewski - und er verweigerte sich
dem Arbeitszwang.

Wir sind nicht im Knast, um zu arbeiten!

"Ich bin der Arbeit gegenüber feindlich und unempfänglich, ob nun im


Gefängnis oder draussen...Im Gefängnis habe ich nie gearbeitet.War die Arbeit
verpflichtend, ging ich in Einzelhaft... im Gefängnis wird ein Subproletariat
geschaffen, das für den Reichtum in der Region beiträgt. Während sich die
Unternehmer, Bürgermeister*innen und Regionalräte bei jedem neuen
Gefängnis die Hände reiben, bleiben die Gefangenen arm.

Ich sage nicht, daß diejenigen, die im Gefängnis arbeiten, Dummköpfe sind.
Sie haben keine Wahl.Wenn sie essen wollen, dann haben sie Interesse, zu
arbeiten, vor allem in den gegenwärtigen Gefängnissen, die halb privatisiert
sind.... Ich bin einem System gegenüber feindlich eingestellt, in dem das
Justizministerium eine Broschüre mit Angeboten für Unternehmen
herausgeben kann. ..damit wird klar, daß es sich bei den Gefangenen um eine
permanent vor Ort verfügbare und der Fron ausgelieferte Population handelt,
die kein Recht auf Streik hat und die man loswerden kann, ohne ihr
Arbeitslosengeld zu bezahlen ...die im Falle eines Arbeitsunfalls ohne
Entschädigung entlassen wird ..."

Er nimmt stattdessen an einer Schreibwerkstatt, an einem Theaterworkshop


teil.
Schreiben wird für ihn zur Waffe.Er schreibt Briefe für andere Gefangene,
beginnt seine ersten Texte in Briefform.

„Wer im Gefängnis sitzt und nicht schreiben und lesen kann, hat ein schweres
soziales Handicap.Im Gefängnis spielt sich alles schriftlich ab. Wenn sie eine
Ärztin sehen wollen, müssen Sie ihr schreiben.Wenn die den Aufseher, die
Richter*in sehen wollen, müssen Sie ihr schreiben. Sie müssen bei allem und
alles schreiben… und wer das nicht kann, muss sich auf einer
Warteliste eintragen und warten, bis der Schreiber kommt.“

1984 wird er aus dem Knast entlassen. Durch den Theaterworkshop im Knast,
der von Maryvone Vènard intiiert wurde, wird er auf das „Théatre de la
Pierre Noir“ (Schwarzer Stein“) in Troyes im Nordosten Frankreichs
aufmerksam gemacht, mit denen er die nächsten zweieinhalb Jahre
zusammenarbeitet. Er spielt Stücke von Tschechow, von Victor Hugo (Regie:
Maryvone Vénard).

Er macht Theaterworkshops mit jungen „Straftäter*innen“, mit älteren


Menschen usw.

http://www.zeit.de/video/2010-11/675493776001/frankreich-gero-von-randow-die-
energie-der-banlieus

1987 kehrt er nach Paris zurück und beginnt für das Theater zu
schreiben. M.Toz und La Pension entstehen, die von seinem Bruder
inszeniert und in Aix-en-Provence und Paris aufgeführt werden.

Im Jahr 1990 wird er erneut strafrechtlich verfolgt und wegen Diebstahls


erneut zu acht Jahren Haft verurteilt. „Wie auch immer, ich bin ein Dieb, das
ist kein Geheimnis“ (Hafed Benotman).

Die grösste Gewalt, die einem Menschen angetan werden kann, ist für Abdel
Hafed die Unterwerfung. Sich zu unterwerfen, sich z.b. stundenlang, ein Leben
lang sich in einem fragwürdigen, „dummen“ Job zu beugen – für ihn
unvorstellbar. Dabei war er ein Dieb mit eigener Ethik und Grenzen,
spezialisierte sich darauf Banken und Reichen zu berauben, benutzte aber
während seiner Überfälle immer falsche Waffen und sorgte dafür, dass
niemandem Schaden zugefügt wurde. „Soweit ich konnte, habe ich
Institutionen angegriffen, sehr selten Personen.“

Obwohl früh marginalisiert, ohne Papiere, sah er seine Handlungen


nicht als eine Tat der „sozialen Verzweiflung“, distanzierte sich von
der damit verbundenen „Viktimisierung“, sieht in einem Dieb mehr
die Revolte und die eigene Wahl. „Ich hatte alle Karten selbst in der
Hand, um etwas zu erreichen, unter der Bedingung, daß ich die
Armut akzeptierte. Doch ich habe sie schon sehr früh nicht
akzeptiert.“

Sieht sich eher als Stachel, als freier Einzelgänger, vielleicht auch
im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit…..

Im Gefängnis nähert er sich der militanten Linken an und beteiligt


sich an den Gefängniskämpfen...

1993 erscheint die erste Sammlung seiner Kurzgeschichten "Les


Forcenés“(Die Verrückten),die zwischen Wut, Humor, Gewalt,
Bosheit und Engagment Menschen ausserhalb beschreibt, die
Ausgegrenzten, Abgeschobenen, in Knäste, Psychiatrien, Asyle, das
Leben auf der Strasse .. die "Ver-rückten" halt
1994 verschärfte sich die gesellschaftliche Situation aufs
Dramatische. Der Innenminister Charles Pasqua trat eine Serie von
Anti-Einwanderungsgesetzen los (Lois Pasqua), die u.a. „straffällig
gewordenen Nicht-Franzosen“, unabhängig ihrer Geburt, mit der
Abschiebung drohte…. Viele Einwander*innen, die sich bisher im
Lande aufhalten konnten, wurden nun in die Illegalität gedrängt,
auch für Abdel Hafed stand nach dem Gefängnisaufenthalt die
Abschiebung an….es gelingt ihm aus dem Gefängnis zu entkommen
und 18 Monate im Untergrund zu leben.

1995 wird er wieder inhaftiert und bekommt noch zwei Jahre und 6
Monate wegen seiner Flucht drauf (plus 3 Jahre Reststrafe). Ein
Jahr später hat er seinen ersten Herzinfarkt.Die Gefängnisleitung
ignoriert seine Beschwerden, hält ihn für einen Simulanten.Erst
nach 12 Tagen wird er behandelt.

"Während einer meiner Haftstrafen hatte ich schwerwiegende


gesundheitliche Probleme. Ich habe mich mit den Ärzt*innen
angelegt, aber keine Anzeige erstattet. Ich werde nicht ein
Verfahren gegen irgendwelche dieser Personen lostreten, die man
davon überzeugt hat, dass ich simuliere, um ins Krankenhaus zu
kommen und abzuhauen. Ich klage die Justiz nur an, wenn das die
Institution in Frage stellt."

Er schreibt weiter, über das Gefängnis, das Justizsystem, das


Prinzip Strafe

"Als Dieb - und ich präzisiere, es gibt einen Unterschied zwischen


einem Dieb und einem Schurken - hatte ich das Glück, niemals Blut
an den Händen zu haben. Das gestohlene Geld könnte ich
zurückerstatten. Aber keine Bank kann mir im Gegenzug auch nur
die kürzeste Sekunde meines Lebens wiedergeben..Im Gefängnis
wird uns nicht die Zeit genommen, sondern das Leben.Meine Zeit
fülle ich mich irgendetwas aus. Das Leben habe ich verloren."
Er nimmt im Gefängnis Kontakt auf zu Joelle Aubron von „Action
directe“, zu Idioa López Riano „La Tigresa“ eine Militante der ETA.

abei lernte er Francine, seine spätere Lebensgefährtin kennen(sie


heiraten während seiner Gefängniszeit).

Im Dezember 1999 wird er aus dem Zentralgefängnis in Melun im


Department Seine-et-Marne entlassen.
Wenn die Welt gerettet werden kann, so wird sie von
Rebell*innen gerettet...

Der Filmregisseur Jacques Doillon bietet ihm eine kleine Rolle in


einem seiner Filme an. Er wird zu Konferenzen über das Gefängnis
eingeladen, engagiert sich in anti-rassistischen Organisationen. Er
moderiert eine wöchentliche Sendung bei "Radio Libertaire"
"Den Malocher verschon, doch den Reichen bestiehl. Nimm ihn aus, den
Bourgois, den zynischen Kumpan.So lautet, kurz gesagt, das oberste Prinzip was
zu beachten ist als anständiger Dieb.

2001 dann die Gründung von "L'envolée " (s.o.).

Er schreibt weiter Romane, Theaterstücke. Im Jahr 2002 schrieb


er: La Politesse des foules (Die Höflichkeit der Menge), eine grausam-komische
Farce, mit "dem Durst nach Freiheit und dem Hunger nach Gerechtigkeit", das
von Bewohner*innen des Departments Dreux im Tal der Loire aufgeführt wird.

Seit 1996 lebt Abdel Hafed illegal in Frankreich, "sozial stranguliert"


ohne Möglichkeit der Re-Integration. "Alles was das System zu
bieten hat, ist ein fortwährendes Recycling als Gefangener."

Abdel Hafed Benotman bleibt "unbotmässig", akzeptiert weiterhin


nicht die angebotenen Spielregeln der Unterwerfung, dem Anbieten
an die Herrschenden noch dem Ausrauben anderer Armen, er sucht
sich -als ehrbarer Dieb - die Orte, wo es sich im Überfluss befindet
--- 2003 beginnt er wieder Banken zu überfallen.. seinen letzten,
bei der Banque Barclays in Neuilly, einem Vorort von
Paris,verlässt er mit 18 000 Euro zu Fuss auf ausgesucht roten
Krücken..

Von 2004 bis 2007 sitzt er wegen insgesamt 22.000 Euro wieder
mal im Gefängnis.Er verbringt die Zeit in Fresnes zusammen
mit Jean-Marc Rouillan von der "Action Directe."

Danach begann ein neues Kapitel im Leben von Abdul Hafed.


Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Francine bauen sie sich ein
kleines Restaurant auf, immer in der Gefahr lebend, abgeschoben
zu werden, nur wenige Schritte vom George Brassens Park im
15.Arrondissement entfernt, dem Liedermacher und Anarchisten,
der mit seinem Lied " La Mauvaise Reputacion" sicher auch ihn
besungen haben könnte.
Am 20.Februar 2015 stirbt Abdel Hafed Benotmann, seine
administrative Situation und vor allem das Herzleiden, das ihm im
Gefängnis zugefügt wurde (s.o.), hatten seine Gesundheit ein
Jahrzehnt lang bedroht....

Die Hälfte seines Lebens hat er in den französischen Gefängnissen


verbracht.

Am 28.Februar 2015, um 12.40 begleiten ihn seine Gefährt*innen


und Freunde auf den Friedhof von Ivry-sur-Seine.

*
**http://eipcp.net/transversal/1014/Benotman/Gefaegnis_Schreiben
*

Tranquille le chat, on dansera et on boira pour toi, Hafed… Salut beau


mec !