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Konstruktion der Hochleistungsmaschinen

Konstruktion und Kunststoffmaschinen


Prof. Dr.-Ing. Reinhard Schiffers

Kunststofftechnologie SS 2019

Verbindungstechnik
Teil 1
Prof. Dr.-Ing. Reinhard Schiffers
Struktur der Vorlesung

▪ Produktentwicklung
▪ Simulation
▪ Verbindungstechnik Teil 1
▪ Verbindungstechnik Teil 2
▪ Konstruieren mit Kunststoffen Teil 1
▪ Konstruieren mit Kunststoffen Teil 2
▪ Werkzeugbau
▪ Galvanische Oberflächenveredelung

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Literatur

Vorlesungsbegleitende Literatur:

Titel. Handbuch Kunststoff-


Verbindungstechnik
Autor: Ehrenstein, Gottfried W
ISBN: ISBN 3-446-22668-0
Preis: 149 €

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Vorlesungsinhalt: Verbindungstechnik

▪ Teil 1
− Grundlagen
− Schraubenverbindungen
− Nietverbindungen
− Kleben
▪ Teil 2
− Schnappverbindungen
− Schweißen

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Grundlagen
▪ Urformprozesse wie bspw. das Spritzgießen oder das Extrusions-
Blasformen bieten eine große Vielfalt hinsichtlich der Formgebung von
Kunststoffbauteilen.

▪ Trotzdem besteht in vielen Anwendungsfällen die Notwendigkeit


Kunststoffbauteile zu fügen.

▪ Gemäß DIN 8580 ist das Fügen der vierten Hauptgruppe der
Fertigungsverfahren zu zuordnen.

Schaffen der Ändern der


Ändern der Form
Form Stoffeigenschaften
Zusammenhalt Zusammenhalt Zusammenhalt
Zusammenhalt vermehren
schaffen beibehalten vermindern
Hauptgruppe Hauptgruppe Hauptgruppe Hauptgruppe Hauptgruppe Hauptgruppe
1 2 3 4 5 6
Urformen Umformen Trennen Fügen Beschichten Stoffeigenschaften
ändern
Nach [Bonten, C.: Kunststofftechnik, Hanser-Verlag München, 2016, S. 265]

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Grundlagen
▪ Für das Fügen von Bauteilen stehen eine Vielzahl von Techniken zur
Verfügung.
▪ Eine Unterscheidung von Verbindungstechniken bzw. Fügeverfahren
nach Lösbar- bzw. Unlösbarkeit der Verbindung ist möglich:

Fügeverfahren

lösbar unlösbar

• Kleben
• Schraubenverbindungen
• Schweißen
• Schnappverbindungen
• Nieten
• Pressverbindungen
• Schnappverbindungen

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Vorlesungsinhalt: Verbindungstechnik

▪ Teil 1
− Grundlagen
− Schraubenverbindungen
− Nietverbindungen
− Kleben
▪ Teil 2
− Schnappverbindungen
− Schweißen

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Verbindungstechnik Schrauben
▪ Die klassische Schraubverbindung mit Durchsteckschraube und Mutter
hat bei den Kunststoffen eine vergleichsweise geringe Bedeutung
(Kriechen der Kunststoff-Schraube und der Kunststoffteile).

Nach [Bonten, C.: Kunststofftechnik, Hanser-Verlag München, 2016, S. 373]


▪ Wegen der vergleichsweise niedrigen Festigkeit, der Kriechneigung und
thermischen Ausdehnung werden Schrauben aus Kunststoffen nur in
Sonderfällen als kraftschlüssige Elemente eingesetzt, z.B. bei
besonderen Anforderungen an Korrosionsbeständigkeit, thermischer
und elektrischer Isolierung.

▪ Einen Sonderfall stellen die meist in der Hochspannungstechnik


eingesetzten, spanend hergestellten Schrauben, Muttern und Gewinde-
stangen aus GFK dar.

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Angeformte Bauteilgewinde
▪ Im Spritzguss geformte Gewinde an Gehäuseteilen können als lösbare,
feste Verbindungen, aber auch als bewegliche Verbindungen zur
Umwandlung von Dreh- in Längsbewegungen bzw. von Dreh in
Längskräfte verwendet werden.

▪ Feste Verbindungen sollen im allgemeinen dicht und dennoch sicher


voneinander trennbar sein.

▪ Ein selbstständiges Lösen ist meist unerwünscht.

▪ Die Dichtigkeit kann durch zusätzliche gestalterische Elemente wie


Dichtlippen oder aber Dichtelemente wie O-Ringe erreicht werden.

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Schrauben aus Kunststoffen
▪ Schrauben aus Kunststoffen werden entsprechend den genormten,
metrischen Stahlschrauben ausgeführt.

▪ Die hierbei vorgegebene Gewindegeometrie bedingt eine nicht optimale


Ausnutzung des Festigkeitspotentials der verwendeten Kunststoffe.

▪ Festigkeitseigenschaften spielen dabei meist eine untergeordnete Rolle,


werden jedoch bei bestimmten Anwendungen von „hochfesten“ GFK-
Schrauben gefordert.
Vorteile Nachteile
• einfaches Fügeverfahren • punktuelle Bauteilbelastung
• lösbare Verbindung • Verlust der Vorspannkraft durch Retardation
• schnelle nahezu, unbegrenzte → Maßnahmen zur Verminderung der Retardation:
Verfügbarkeit von Schrauben Verrippung / großflächige Unterlegescheiben /
• Fügen von Werkstoffen aller Art möglich Metallhülsen
• geringe Produktionskosten • Überbelastung führt zu Rissbildungen im Material
• Fertigung von hohen Stückzahlen in einem • Sonderbauformen sehr teuer in der Herstellung
Arbeitsschritt • hohe Recyclingkosten
• unschönes Design, Abdeckungen
• Exposition in feuchter Umgebung führt zu Verlust von
Steifigkeit und Festigkeit

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Schrauben aus Kunststoffen
▪ Bruchlast von GFK-Gewinde-Bolzen und –Muttern mit metrischen
Gewinden:

Nach [Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 171]
Nenn-Ø Bolzen Muttern
(Mattenlaminat)
Mattenlaminat Gewebelaminat Mischlaminat ║ ┴
[kN] (Hgw 2373.4) (Matte/Roving) [kN] [kN]
[kN] [kN]
M10 10 18 20 17 35
M12 16 25 29 25 50
M16 25 42 55 45 90
M20 37 69 86 65 130
M24 50 90 123 90 180
║Gewindeachse parallel zur Schichtebene
┴ Gewindeachse senkrecht zur Schichtebene

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Schrauben aus Kunststoffen
▪ Kraftfluss und Radiallastverteilung in einer Schraube-Mutter-
Verbindung aus FVK:

Nach [Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 174]
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Thermoplastschrauben
▪ Thermoplastschrauben und –muttern (M2,3 bis M16) werden vor-
wiegend im Spritzgussverfahren hergestellt.

▪ Schrauben werden zusätzlich spanend oder durch Gewinderollen


hergestellt. Diese sind überwiegend aus POM und PA mit hoher
Glasfaserverstärkung.

▪ Spanend hergestellte Schrauben haben eine ca. 40 % höhere Festigkeit

Nach [Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 175]
als gespritzte.

▪ Tragfähigkeit gespritzter Schrauben aus PA 66 und POM bei


unterschiedlicher Temperatur:

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Gewindeformende Schrauben (aus Metall)
▪ Das Verbinden von Formteilen und Bauelementen mit metallischen
gewindeformenden Schrauben, die in vorgeformte, zylindrische
Aufnahmelöcher eingedreht werden, ist die am weitesten verbreitete
Verbindungsart bei Kunststoffen.

▪ Vorteil dieser Verbindung ist eine schnelle, bedingt lösbare Montage.


▪ Die Montage erfolgt nach dem Formgebungsprozess, sodass ein
Einlegen von metallischen Einsetzen oder Hülsen ins Werkzeug mit der
Gefahr des Verkantens beim Schließen nicht gegeben ist.

▪ Die Qualität einer derartigen Verbindung wird im wesentlichen bestimmt


durch:
− Eigenschaften des Kunststoffes,
− Geometrie des Einschraubauges,
− Schraubgeometrie,
− Einschraubbedingungen,
− Art der Beanspruchung.

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Gewindeformende Schrauben (aus Metall)
▪ Der Vorgang des Gewindeformens ist mit einer Materialverdrängung
und radialen Dehnung des Auges verbunden.

▪ Grundkörper eines Einschraubauges:

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Gewindeformende Schrauben (aus Metall)
▪ Übersicht gewindeformender Metallschrauben
− Flankenwinkel von 30° bei „normalen“ Kunststoffen
− Flankenwinkel von 60° bei weichen Kunststoffen

[Bonten, C.: Kunststofftechnik, Hanser-Verlag München, 2016, S. 373]


− Bessere Selbsthemmung

90°
60° 60°
30° 40°
30°

30° 30°

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 165]

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Berechnungen von Schraubverbindungen
▪ Die Gestaltung des Einschraubauges wird durch die wichtigsten
Versagensfälle bestimmt:

− Abriss des Auges,


− Auszug der Schraube durch Schubversagen entlang der
Schraubenumhüllenden,
− zu hohe Umfangsdehnung durch die gewindeformende Schraube,
− Schraubenbruch.

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Gewindeeinsätze
▪ Konstruktive Maßnahmen zur Verringerung von Kriechneigung bei
Schraubverbindungen:

▪ Einsatz von metrischen Schrauben empfohlen, wenn die Anzahl der


Lösungsvorgänge der Schraubenverbindung >5

→ Gewindeeinsätze

[www.schmitt-brackenheim.de/de/produkte/kunststoffteile-m-einlegeteile.html]

[https://www.kunststoffe.de/produkte/uebersicht/beitrag/tappex-fuer-den-richtigen-dreh-577060.html]

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Gewindeeinsätze
▪ In angeformte Einschraubnocken oder direkt in die Wandung des
Bauteils eingesetzte Gewindeeinsätze (Inserts) werden bevorzugt dort
eingesetzt, wo die Verbindung z.B. aus Wartungs- oder
Reparaturgründen häufig gelöst und remontiert werden muss.

▪ Die metrischen Gewindeeinsätze übertragen dabei lediglich die


entstehenden Montage- und Betriebsbelastungen von der Schraube in
den umgehenden Werkstoff.

▪ Es werden zwei Einbauverfahren unterschieden:


− Mould-in-Technik: Gewindeeinsätze werden vor der Bauteilher-
stellung (z.B. Spritzguss, Pressen) in die Form eingelegt und vom
Kunststoff eingebettet/umspritzt.
− After-Moulding-Technik: Gewindeeinsätze werden nachträglich in
das fertige Bauteil eingesetzt.

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Umspritzte Gewindeeinsätze
▪ Geometrie umspritzbare Gewindeeinsätze

[https://www.boellhoff.com/de-de/produkte-und-dienstleistungen/spezialverbindungselemente/gewindeeinsaetze-amtec.php]

▪ Umspritzbare Normeinsätze nach DIN 16903.

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 179]

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Umspritzte Gewindeeinsätze

[https://www.boellhoff.com/de-de/produkte-und-dienstleistungen]
▪ Verfahrensablauf des Umspritzens von Metallinserts

[https://www.youtube.com/watch?v=oLE66pxDpDA]

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After-Moulding-Inserts
▪ Bei der After-Moulding-Technik werden nicht genormte Gewinde-
einsätze nach Herstellung des Bauteils in einem zusätzlichen
Arbeitsgang verankert durch:

− Nachträgliches Einbetten mit Hilfe von Wärme und Druck,


− Einbetten durch Ultraschall,
− Mechanisches Eindrehen mit selbstschneidendem oder –formenden
Außengewinde,
− Kalteinpressen mit anschließendem Aufweiten durch Eindrehen der
Schraube.

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After-Moulding-Inserts
▪ Gegenüber den umspritzten Inserts der Mould-in-Technik bestehen
folgende Vorteile:
− Reduzierung der Zykluszeit,
− Keine Beschädigung des Werkzeugs durch Herausfallen beim
Schließen,
− Vermeiden von Spannungsrissbildung durch unkontrollierte
thermische Schrumpfung um das kalte Metallteil sowie von
Kaltfließnähten,
− Kein Nachscheiden der Innengewinde beim Zusetzen durch
Kunststoff.
▪ Nachteile:
− Zusätzliche Einsetzwerkzeuge oder automatische Zuführung,
− Zusätzlicher Arbeitsgang zum Einbringen des Einsatzes,
− Zusätzlicher Transportaufwand.

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After-Moulding-Inserts
▪ After-Moulding-Gewindeeinsätze:

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 182]
1,2 - gewindeschneidende eindrehbare Einsätze aus Metall
3 - gewindeformende eindrehbarer Einsatz aus PA-GF
4 - Ultraschalleinsatz aus PA-GF
5,6 - Ultraschall- und Warmeinbettungseinsätze aus Messing
7-9 - Expansionseinsätze mit und ohne Spreizplatte

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Eindrehen von selbstschneidende
Gewindeeinsätze
▪ Kunststoff-Gewinde-Einsätze und gewindeformende Schrauben mit
Schneidkante.

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 181]
www.uni-due.de/kkm SS 2019 25
Kalteingepresste Gewindeeinsätze

▪ Verankern von Expansions-Gewindeeinsätzen.

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 183]

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Kalteingepresste Gewindeeinsätze
▪ Kalteingepresste Einsätze werden in eine meist mit Untermaß
versehene Aufnahmebohrung des Bauteils mit Einpress- oder
Einschlagwerkzeugen eingebracht und form- und/oder kraftschlüssig
verankert.

▪ Überwiegend werden zwei oder mehrfach axial geschlitzte, mit


Rändelungen und Verzahnungen versehene Expansionseinsätze
verwendet.

▪ Die Spreizung erfolgt entweder direkt durch die einzudrehende


Schraube oder beim Einpressen durch einen Montagebolzen.

▪ Wegen ihrer erhöhten Spannungsrissanfälligkeit sind sie für spröde,


amorphe Thermoplaste weniger geeignet.

▪ Wegen einfacher Montage und hohem Automatisierungsgrad sind sie


für viele Anwendungen ausreichend.

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Kalteingepresste Gewindeeinsätze
▪ Expansioneinsätze:

[https://www.youtube.com/watch?v=IzAMegOS0lU]

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Warmeingepresste Gewindeeinsätze
▪ Warmeinbettungs-Ansatz:

[https://www.youtube.com/watch?v=lejnvKgkwqw]

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www.uni-due.de/kkm
▪ Einbetten durch Ultraschall:

SS 2019
Ultraschall- und Warmeinbetten

[https://www.youtube.com/watch?v=zsuioRjSXII]
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[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 180]
Vorlesungsinhalt: Verbindungstechnik

▪ Teil 1
− Grundlagen
− Schraubenverbindungen
− Nietverbindungen
− Kleben
▪ Teil 2
− Schnappverbindungen
− Schweißen

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Nietverbindung
▪ Nieten gehören zu den unlösbaren Verbindungen.

[Troughton, M.J.: Handbook of plastics joining, 2nd ed., William Andrew Applied Science Puplishers, 2009, S. 197]
▪ Substitution von metallischen Nieten im Automobilbereich zur
Realisierung von Gewichtseinsparung.
▪ Nietverbindungen können sich mit der Zeit lockern, so dass
Bewegungen zwischen den Fügepartner möglich werden.
▪ Vereinfachte Darstellung des sogenannten Heißluftnietens:

[Bonten, C.: Kunststofftechnik, Hanser-Verlag München, 2016, S. 374]


▪ Verschiedene Nietkopfvarianten:

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Nietverbindung

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Nietverbindung

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Vorlesungsinhalt: Verbindungstechnik

▪ Teil 1
− Grundlagen
− Schraubenverbindungen
− Nietverbindungen
− Kleben
▪ Teil 2
− Schnappverbindungen
− Schweißen

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Kleben

▪ Definition:
− Kleben ist eine stoffschlüssige, feste und dauerhafte
Oberflächenverbindung.
− Ein Klebstoff ist nach DIN EN 923 ein nichtmetallischer Stoff, der
Werkstoffe durch Oberflächenhaftung (Adhäsion) so verbinden
kann, dass die Verbindung eine ausreichende innere Festigkeit
(Kohäsion) besitzt.
▪ Prinzipiell können fast alle Kunststoffe geklebt werden (schweißbar sind
hingegen nur Thermoplaste).
▪ Unterscheidungsmerkmale:

[Bonten, C.: Kunststofftechnik, Hanser-Verlag München, 2016, S. 368]


Typ Physikalisch abbindend Chemisch abbindend
Abbindung Erstarrung durch Abkühlen bzw. Erstarrung durch Bildung
Abdampfen eines Lösungsmittels chemischer Bindungen/Netzstruktur
Beispiele Dispersionsklebstoff (z.B. Uhu) Polymerisationklebstoff (1K und 2K)
Schmelzklebstoff Polyadditionsklebstoff
Kontaktklebstoff (z.B. Pattex) Polykondensationsklebstoff

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Kleben

▪ Adhäsion: mechanischer Zusammenhalt durch molekulare


Wechselwirkungen zwischen Grenzflächenschichten

▪ Kohäsion: Bindungskräfte zwischen Atomen/Molekülen innerhalb


eines Stoffes

[Bonten, C.: Kunststofftechnik, Hanser-Verlag München, 2016, S. 369]


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Kleben

▪ Die Klebetechnik hat gegenüber anderen Verfahren den Nachteil,


dass es häufig an näheren Kenntnissen über deren Leistungsfähigkeit
und das entsprechende Fertigungs-Know-how fehlt.
▪ Neben der Verbindungsfunktion nimmt die Klebetechnik aber auch
Zusatzaufgaben wie Dichten, Dämpfen oder Isolieren wahr.
Vorteile Nachteile
• Verbindung von unterschiedlichen • Vorbehandlung der Fügeoberfläche
Materialien • erhöhter Recyclingaufwand
• Verbindung dünner/ flexibler Bauteile • Alterung, Umwelteinflüsse
• großflächige Verbindungen • hohe Prozesssicherheit/ -
• keine Verletzung der Fügeteile nötig reproduzierbarkeit erforderlich
• Ausgleich von Toleranzen • Produktionsraten (Fügeraten) limitiert
• keine bzw. geringe thermische • Emission von Lösemitteln, etc.
Beeinflussung → Verhinderung von • Kosten für Vorbehandlungen, Entsorgung,
Rissbildung notwendige Werkzeuge, etc.
• relativ gleichmäßige Spannungsverteilung • Fixierung beim Aushärten notwendig
• flüssigkeits-/ gasdicht • Nicht alle Kunststoffe lassen sich gut
• schwingungsdämpfend und isolierend kleben und einige müssen erst chemisch
• glatte, fehlerfreie Oberflächen und/oder thermisch vorbehandelt werden

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Klebstoffe
▪ Klebstoffarten:
− Dispersionsklebstoffe
− Haftklebstoffe
− Kontaktklebstoffe
− Plastisole
− Leime
− Lösungsmittelfreie Schmelzklebstoffe
− Klebstofffolien
− Reaktionsklebstoffe
− Polyadditionsklebstoffe
− Polymerisationsklebstoffe
− Anaerobe Klebstoffe
− Cyanacsylate

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Klebneigung
▪ Nicht alle Kunststoffe weisen gute Eigenschaften für das Kleben auf.

[Bonten, C.: Kunststofftechnik, Hanser-Verlag München, 2016, S. 370]


▪ Klebneigung einer Klebverbindung:
− Polarität

− Kontaktwinkel des Klebstoffes


− Maß für das Benetzungsverhalten
− Je geringer der Kontaktwinkel, desto besser die Benetzung
− Sind Oberflächenspannung der Flüssigkeit und des Substrates gleich, findet
eine vollständige Benetzung statt

[https://de.wikipedia.org/wiki/Kontaktwinkel]
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Klebneigung
▪ Klebneigung einer Klebverbindung:
− Löslichkeit der Substrate
− Beim Anlösen werden die Molekülketten ähnlich beweglich wie in der
Schmelze
− Hierdurch wird das Diffundieren und Verknäulen über Grenzflächen möglich.
− Nach Abdampfen des Lösungsmittels werden die Ketten wieder weniger
beweglich und erlauben eine Kraftübertragung.

▪ Es gilt:
− völlig unpolare und unlösliche Kunststoffe sind ohne Vorbehandlung
nicht, mit Vorbehandlung nur relativ schwer klebbar,
− völlig oder weitgehend polare, aber partiell lösliche Kunststoffe sind
nach einer Vorbehandlung bedingt klebbar,
− unpolare, aber lösliche Kunststoffe sind klebbar,
− polare und lösliche Kunststoffe sind gut klebbar.

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Eigenschaften in der Klebetechnik

[Bonten, C.: Kunststofftechnik, Hanser-Verlag München, 2016, S. 371]


Kunststoff Benetzbarkeit Polarität Löslichkeit Klebbarkeit

Polyvinylchlorid gut polar löslich gut

Polystrol schlecht unpolar löslich gut

Polyethylen schlecht unpolar unlöslich schlecht

Polyamid 66 gut polar schwer löslich mäßig

Polymethyl-
gut polar löslich gut
methacrylat

Phenol-Formalde-
gut polar unlöslich gut
hydharzpreßstoff

Ungesättigter
Polyesterharzpreß- gut polar unlöslich gut
Stoff

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Vorbehandlung
▪ Viele Oberflächen sind aufgrund von Verunreinigungen oder
werkstoffspezifischen Eigenschaften ohne Vorbehandlung für das Kleben
ungeeignet.
▪ Vor jeder Klebung sollten haftungshemmende Verunreinigungen wie
Schmutz, Öl, Fett oder Trennmittelrückstände von der Oberfläche
entfernt werden.
− Klebstoff mag zwar an der Verschmutzung gut haften, aber die
Verschmutzung nicht am Fügeteil.
− Klebstoff wirkt nur auf der wirksamen Oberfläche
− Raue Oberfläche weisen – je nach Benetzbarkeit – eine höhere

[Bonten, C.: Kunststofftechnik, Hanser-Verlag München, 2016, S. 369]


wirksame Oberfläche auf als eine polierte Oberfläche

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Vorbehandlung
▪ Für eine gute Benetzung der Oberfläche müssen die
Oberflächenspannungen des Klebstoffes und des Subtrates ähnlich sein.

▪ Zur Anpassung der Oberflächenenergie eines Substrates sind


verschiedene Vorbehandlungs-Verfahren:
− Chemische Vorbehandlung
− Corona-Vorbehandlung
− Plasma-Vorbehandlung
− Thermische Vorbehandlung

▪ Auswahlkriterien das zu wählende Verfahren der


Oberflächenvorbehandlung
− Bedarf an Oberflächenenergie-Anpassung
− Geschwindigkeit
− Inline oder Offline
− Form und Größe der Substrate
− Kosten
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Beispiel Corona-Vorbehandlung
▪ Bei der elektrischen Vorbehandlung im Corona-Verfahren wird durch
Ionen und Radikale eine Oxidation der Oberfläche bewirkt.

▪ Bei der Corona-Vorbehandlung wird zur Behandlung der Werkstücke an


zwei Elektronen eine Hochfrequenz-Spannung angelegt und die Luft
ionisiert. Die Teile, meist Folien, werden zwischen den Elektronen
kontinuierlich durchgeführt und dabei mit Ionen beschossen.

▪ Mittels Corona-Vorbehandlung werden auf unpolaren Oberflächen, wie


bspw. bei PE oder PP durch Oxidation, polare Gruppe gebildet.

▪ Dies führt zu einer Erhöhung der Oberflächenspannung und verbessert


entsprechend die Benetzung sowie die Haftung des Klebstoffes auf dem
Substrat.

Non Contact –
Atomic Forces Microscopy
(NC-AFM)

0 Wmin/m² - 400μm² 10 Wmin/m² - 400μm²

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Beispiel Corona-Vorbehandlung

[https://www.youtube.com/watch?v=wyc9qnDg2Fg]

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Vorbehandlung

▪ Einfluss der Corona-Energie auf den Benetzungswinkel und die


Klebfestigkeit von PP-Stahl- und PP-PP-Klebungen.

Benetzungswinkel

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 198]

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Konstruktive Gestaltung
▪ Überlappungslänge:
− Je größer die Überlappungslänge ist, um so stärker ist der Einfluss
durch Verformungen und um so unterschiedlicher ist die Schub-
spannungsverteilung in der Klebschicht.
− Es gilt als grobe Faustformel:
Überlappungslänge ~ 5-fache Fügeteildicke

− Abhängigkeit der Klebfestigkeit von der Fügeteildicke bei einschnittig


überlappten Klebungen

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 200]

www.uni-due.de/kkm SS 2019 48
Konstruktive Gestaltung
▪ Überlappungslänge:
− Spannungsausbildung in Abhängigkeit von der Überlappungslänge

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 200]
− Abhängigkeit der Klebfestigkeit von der Überlappungslänge

www.uni-due.de/kkm SS 2019 49
Konstruktive Gestaltung
▪ Klebschichtdicke:
− Die Klebschichtdicke hat einen starken Einfluss auf die Klebfestigkeit.
− Als günstigste Klebschichtdicke hat sich unter Zugrundelegung von
Oberflächenrauheiten in der Größenordnung von 30-70 μm für die
Praxis ein Bereich von 0,05-0,20 mm erwiesen.

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 201]
− Abhängigkeit der Klebfestigkeit von der Klebschichtdicke:

www.uni-due.de/kkm SS 2019 50
Konstruktive Gestaltung
▪ Klebverbindungen können sehr unterschiedlich beansprucht werden.
Man unterscheidet Belastungen auf Zug, Druck, Scherung, Schälen
und Torsion.

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 199]
www.uni-due.de/kkm SS 2019 51
Konstruktive Gestaltung
▪ Schälkräfte:
− Schälkräfte sollten bei der Gestaltung von Klebstoffverbindungen auf
jeden Fall vermieden werden, da sie einen linienförmigen Kraftangriff
darstellen. Ist dies nicht möglich, sind die Schälkräfte durch geeignete
Maßnahmen zu verringern.

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 202]
− Maßnahmen zur Verringerung der Schälbeanspruchung:

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Konstruktive Gestaltung
▪ Bei der konstruktiven Gestaltung von Klebverbindungen sollen
grundsätzlich folgende Kriterien beachtet werden:

− Klebflächen und Überlappungen sind ausreichend zu dimensionieren.


− Die Formgebung ist so auszurichten, dass die Klebschicht möglichst
nur auf Scherung und/oder Druck beansprucht wird.
− Dabei sind Spannungskonzentration auf bestimmte Stellen der
Klebverbindung zu vermeiden.
− Schälbeanspruchungen sind zu vermeiden bzw. durch geeignete
Maßnahmen auszugleichen.
− Die Klebverbindungen ist möglichst steif auszulegen. Eine hohe
Deformation der Fügeteile führt zu veränderten Belastungen in der
Klebstoffschicht.
− Passungstoleranzen sind so zu wählen, dass sie vom Klebstoff
ausgeglichen werden können.
− Die Klebstoffmenge ist genau zu dosieren.

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Konstruktive Gestaltung
▪ Höher beanspruchte Klebungen sind ggf. durch Form- und/oder
Kraftschluss zu unterstützen.
▪ Ebene gleichmäßige Klebschichtdicken ergeben eine gleichmäßige
Spannungsverteilung.

[Ehrenstein, G.W.: Mit Kunststoffen konstruieren, 3.Auflage, Hanser-Verlag München, 2007, S. 203]
▪ Beispiele guter und schlechter Klebverbindungen:

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Konstruktive Gestaltung
▪ Gestaltungsmöglichkeiten von Klebeverbindungen:

[Habenicht, G.: Kleben, 6., aktualisierte Auflage, Springer-Verlag Berling Heidelberg, 2009, S. 702]

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Vi e l e n D a n k f ü r I h r e A u f m e r k s a m k e i t

Prof. Dr.-Ing. Reinhard Schiffers Universität Duisburg-Essen


reinhard.schiffers@uni-due.de Institut für Produkt Engineering
+49 203 379 - 2500 Konstruktion der Hochleistungsmaschinen
Konstruktion und Kunststoffmaschinen
www.uni-due.de/kkm

Lotharstr. 1
47057 Duisburg