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Schlichtung und Mediation

Schlichtung Stuttgart 21:


Was Betriebsräte und Arbeitgeber daraus lernen können
von Sebastian Schoberansky, www.mark-seminare.de

Der Unmut der Bürger über die Entscheidungen seiner demokratischen


Repräsentanten nimmt in diesen Wochen immer mehr zu. Ob in Hamburg,
Stuttgart oder Gorleben: Die Menschen wollen die Entscheidungen über ihre

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Lebensumstände nicht mehr alle vier Jahre wegdelegieren, sondern in wichtigen

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Fragen aktiv mitmischen. Bisher gab es dafür einen fest definierten (und viele
sagen zu Recht: abgenutzten) Katalog an Möglichkeiten, seinen Unmut zu
äußern und seine Meinung in den Prozess einzubringen. Doch in Stuttgart
wurde in den vergangenen Wochen etwas Neues versucht: eine Schlichtung
über ein Thema, dass den etablierten Prozess der demokratischen
Willensbildung bereits hinter sich hat: das Bauvorhaben zur Umwandlung des
Kopfbahnhofes in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof. Was dann unter der
Regie von Heiner Geißler und unter der permanenter öffentlicher Beobachtung
(Phoenix übertrug nonstop live) wirklich geschah, ob das Ganze den Namen
„Schlichtung“ verdient hat und was Konfliktparteien – wie zum Beispiel
Betriebsräte und Arbeitgeber – daraus lernen können, dazu lässt sich aus der
Perspektive eines Mediators einiges sagen.

Mit erheblichem Aufwand sollte im Schlichtungsverfahren „Stuttgart 21“ die


bisher vermisste Transparenz hergestellt werden. Die Erwartungen waren von
Beginn an sehr hoch, die rechtlichen Bedenken groß – und wer die
Übertragungen einmal für etwas längere Zeit verfolgt hat, konnte sich des
Eindrucks nicht erwehren, dass beide Seiten viel zu verlieren haben. Auch wenn
die Vertreter beider Seiten einhellig in Interviews erklärten, sie hätten viel
gelernt, so entstand dennoch der Eindruck, dass sich der Lerneffekt nicht auf
den Verlauf des Verfahrens ausgewirkt hat. Beide Seiten fuhren groß auf: ein-
drucksvolle Grafiken, Fachspezialisten und hochrangige Vertreter – aber ebenso
Totschlagargumente, rhetorische Figuren und beharrende Denkunwilligkeit.

Schlichter Heiner Geißler war sichtlich bemüht, das Verfahren insbesondere für
die Zuschauer gewinnbringend zu gestalten. Leider tappte er dabei immer
wieder in die Falle, mit der einen oder der anderen Seite zu diskutieren oder gar
deren Vorträge zu bewerten. Dabei bemerkte er nicht, dass das von ihm
gewählte Vorgehen einen für den Ausgang des Verfahrens gravierenden
technischen Mangel aufweist: nach den jeweiligen Vorträgen ließ er die
gegnerische Seite den Vortrag der anderen in einer Art Fakten-Check
zerpflücken. Dieses Vorgehen ist zwar unter dem Aspekt der Herstellung von
Tranzparenz zu begrüßen, schaffte aber in Hinblick auf den möglichen
Ausgang des Verfahrens respektive der Findung einer Lösung für den Konflikt
erhebliche Probleme.

Aus der Perspektive eines Mediators sind die Mängel des Verfahrens eklatant:
Die vortragende Seite kam angesichts des Anrennens der zerpflückenden Seite
zwangsläufig in eine Verteidigungshaltung. Dabei haben die Befürworter
aufgrund des fortgeschrittenen Planungs- und Handlungsstadiums viel zu
verlieren und damit auch viel zu verteidigen, ihr Denken geht von der derzeitigen
Lösung aus und kehrt penetrant immer wieder zu dieser zurück. Die Gegner
haben naturgemäß noch nicht so weit geplant, haben daher noch nicht soviel
© mark 2010
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Denkmasse akkumuliert, müssen sich dafür aber gegen den Vorwurf verteidigen,
sie würden nur kritisieren und keine eigenen Vorschläge einbringen. Auch hier
wird Denken und Fühlen einseitig an den Vorgang der Verteidigung angeheftet –
und es gelang den Protagonisten nicht immer, diese Denkschiene zu verlassen.

Die zwischen resignativer Ermüdung und wütender Empörung schwankenden


Gesichter der Beteiligten drückten daher eine einzige große Frage aus: Was soll
das Ganze hier? Erkennbar lief der Prozess auf ein Entweder-Oder hinaus.

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Doch dafür hätte man sich nicht an einen Tisch setzen müssen, sondern der
Konflikt hätte weiter auf der Straße, vor den Gerichten und an der Wahlurne so

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lange ausgetragen werden können, bis sich eine Seite durchsetzt.

• Ein Kompromiss oder gar eine völlig neue und bisher


ungehörte Lösung hatte in diesem Vorgehen wie Denken keinen
Platz, geschweige denn, dass die Beteiligten ihre Kapazitäten
darauf verwendeten, wenn man sie denn nun schon mal alle
beisammen hat.

Es ist dabei nichts besonderes, dass die Projektgegner etwas mehr


Lösungsoffenheit an den Tag legen als die Befürworter. Entscheidend ist
aber, dass die Grundkonstruktion des Verfahrens nicht dazu geeignet ist, den
Parteien das Einnehmen einer lösungsoffeneren Haltung zu erleichtern: Die
Schritte zu einer solchen Haltung können wohl kaum in der breiten
Öffentlichkeit getan werden, denn es steht für die Vertreter der beiden Seiten
auch individuell viel auf dem Spiel. Ganz zu schweigen davon, dass beide
Parteien wissen, welche gravierenden Auswirkungen der Ausgang des
Verfahrens auf unser demokratisches Gefüge und die politische Stimmung in
diesem Land haben wird. Dies weiß auch Schlichter Heiner Geißler und
erschwert ihm ein unbefangenes und allparteiliches Agieren. In einer solch
aufgeheizten Atmosphäre ist der Raum für eine offene und kreative
Lösungsfindung kaum noch vorhanden.

Am besten hat es da noch Ministerpräsident Mappus, seine erkennbare


Lustlosigkeit lässt auf eine in diesem Falle heilsame Enttäuschung und
Resignation schließen: Er hat dieses Projekt geerbt und dieses Projekt ist der
Grund dafür, dass er im nächsten Frühjahr auch alle seine anderen politischen
und persönlichen Ambitionen wieder wird begraben müssen. Für eine kreative
Lösungsfindung wäre das unter diesen Umständen eigentlich keine schlechte
Ausgangslage…

Alles in allem drängt sich der Eindruck auf, dass die Schlichtung durch einen
grün angehauchten CDU-Politiker eine wahltaktische Verzögerung darstellt.
So sollen aufgebrachte CDU-Wähler zumindest bis zur Wahl besänftigt werden.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Schlichtung bis zur Wahl kein Ergebnis
haben; es stellt sich daher die spannende Frage, ob im Falle einer erneuten
Regierungsbeteiligung der CDU nach dem Wahltag noch irgendjemand von den
Befürwortern die Schlichtung weiter betreibt.

Als Mediator, Coach und Trainer für Betriebsparteien werde ich zurzeit von
verschiedenen Seiten nach meiner Einschätzung gefragt. Dahinter steht die
Frage, ob diese Schlichtung in irgend einer Hinsicht vorbildlich sei. Als erste
Antwort möchte ich an dieser Stelle folgende Schlüsse ziehen:
© mark 2010
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Schlichtung und Mediation

Was können Betriebspartner aus S21 lernen?

• Ein noch so korrektes formales Entscheidungsverfahren ersetzt nicht die


umfassende Kommunikation mit den Betroffenen.

• Wer mit der anderen Seite spricht, braucht ein Maximum an


Lösungsoffenheit und muss damit rechnen, dass am Ende etwas ganz
anderes herauskommt als gedacht. Wer eigentlich nur seine

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Vorstellungen darstellen will, damit die andere Seite zustimmend nickt,

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kann sich dieses Gespräch sparen und sich auf andere Weise
durchzusetzen versuchen.

• Zum Schein geführte Gespräche beschädigen massiv, wenn die Taktik


durchschaut wird. Solche Spielchen treibt man nur einmal, das verlorene
Vertrauen ist nur schwer wieder zurückzugewinnen, nachfolgende
Gespräche gestalten sich umso schwieriger.

• Eine sachliche Diskussion ist sinnvoll, insbesondere über Gefühle wie


Sorgen und Befürchtungen der Beteiligten. Erst wenn hier
zufriedenstellende Antworten gefunden sind, können andere Lösungen in
den Sachfragen überhaupt gedacht und zugelassen werden.

• Stellung und Reputation ihrer Person sind für die Protagonisten jederzeit
relevant. Die zusätzliche Bindung in der Öffentlichkeit an eine bestimmte
Lösung verknüpft das Erreichen genau dieser Lösung mit Stellung und
Reputation des Protagonisten. Dieser weiß dies genau und wird daher
umso mehr Energie aufwenden, um „seinen“ Vorschlag durchzubringen.
Wer sich anfangs etwas bedeckter hält und keine unnötigen
Versprechungen macht, bleibt flexibler und schützt seine Reputation
ebenso.

• Allzu frühe Lösungsvorstellungen entfalten einen Ankereffekt und


ertränken die kreative Optionsentwicklung auf dem Grund des
Konfliktmeeres. Statt des „Wie“ steht besser ein „was soll damit erfüllt
bzw. sichergestellt sein?“ im Mittelpunkt der Überlegungen. Wer sich um
Bedürfnisse, Anliegen und Interessen kümmert, findet oft befriedigendere
Lösungen als diese, die nach alter Tradition sofort ins Auge springen.

• Ein Prozessmoderator sollte nicht nur erfahren und von allen akzeptiert,
sondern auch gut ausgebildet sein. Ihm muss hinsichtlich Kommunikation
und Interventionen eine Fülle von auch manchmal ungewöhnlichen
Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Traditionelles rational-logisches
Vorgehen schafft selten die notwendige Bewegung im Denken und
Fühlen der Beteiligten.

© Sebastian Schoberansky, 28. November 2010

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