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Buchmesse 1997

„…hier liegt Bismarck irgendwo“


Rudolf Augstein über die Bismarck-Schelte von Johannes Willms
te stehen können, dann wäre der Erste
Weltkrieg vielleicht vermieden oder ver-
schoben worden.
Dieses große „Wäre“ muß aber in der
historischen Betrachtung spielerische Spe-
kulation bleiben. Wir haben es mit dem
wirklichen Bismarck zu tun, der 1890
außen- wie innenpolitisch am Ende seines
Lateins war und der sich mit dem ewig pu-
bertären jungen Kaiser Wilhelm II. nie hät-
te verstehen können, da paßte nichts mehr
zusammen.
Wir müssen Preußen nehmen, wie es
war, nämlich als in Deutschland führende
Zentralmacht, überdies als ein von Jun-
kern regiertes, von einem ungerechten
Dreiklassenwahlrecht bestimmtes, von
der Industrie noch nicht dominiertes
Gebilde.
Furet, wenn er noch lebte, würde viel-
leicht spekulieren, Bismarck hätte nicht
mit dem Vielvölkerstaat Österreich-Un-
garn, sondern statt dessen unter wohlwol-
lender Duldung Großbritanniens mit dem
zaristischen Rußland zusammengehen sol-
len. Die Gründe gegen solch eine Konstel-
lation überwiegen bei weitem. Wilhelms
oberste Diener haben ja von der Bismarck-
Schule übernommen, daß Bär und Wal-
fisch nie zusammenkommen könnten – ein
verständlicher, aber grober Irrtum.
Bismarck wurde 1862 berufen – als ty-
pischer „Konfliktminister“. Er hat nach der
BPK

Reichsgründung 1871, so auch Willms, jede


Kriegsgefangener Napoleon III., Bismarck (1870): Im Krieg ist „zuviel Zufall“ politische Hinwendung zu einem fort-
schrittlichen Parlamentsstaat verhindert.
Der Feuilletonchef der SÜDDEUTSCHEN keineswegs der „größte Staatsmann“ (für Das hat er gewiß mit großer innerer Über-
ZEITUNG, Johannes Willms, hat sich den ihn übrigens Sebastian Haffner im faz- zeugung getan. Aber die Frage ist doch, ob
bemüht, die Legende Bismarck zu ent- Fragebogen noch 1984 hielt. Er nannte Bis- irgendein anderer zu einer fortschrittlichen
zaubern. Das Unternehmen hält Überra- marck einen „Helden der Wirklichkeit“), Politik à la England fähig gewesen wäre –
schungen bereit. sondern ein „politischer Hasardeur, der man sieht ja keinen –, und zuvor mußte ja
das Zusammenwachsen der Deutschen zu wohl Preußen-Deutschland erst gegründet

E
in weiteres Jubeljahr dräut herauf. einer Nation erfolgreich verhinderte“. werden. Wer, außer Bismarck, hätte das
Am 30. Juli 1898 starb der Gründer Eine neue kühne These fürwahr. Sie muß wohl bewerkstelligen sollen? Wir dürfen
des Deutschen Reiches, Otto Fürst bewiesen werden. Würde man dem kürz- nicht vergessen, daß König Wilhelm I. Bis-
von Bismarck, auf seinem Landsitz Fried- lich verstorbenen französischen Historiker marck einzig wegen der Frage „Königs-
richsruh. Viel Kritisches ist seitdem über François Furet folgen, so müßte der Be- heer oder Parlamentsheer“ zu Hilfe holte.
ihn geschrieben worden. Aber noch nie- weis etwa folgendermaßen aussehen: Wäre Es wurde ein Säbel gebraucht und kein
mals hat es jemand auf sich genommen, Kaiser Friedrich III., der „99-Tage-Kaiser“, fortschrittlicher Staatsmann nach engli-
nur seine dämonische Natur herauszuar- nicht an Kehlkopfkrebs gestorben, sondern schem Muster.
beiten, ohne etwas Gutes an ihm zu ent- hätte bis, sagen wir, 1900 regiert, und hät- Daß Bismarck die katholischen Zen-
decken. te Bismarck ihm mit früherer Kraft zur Sei- trumsleute als von der Kurie abhängige
Dies Versäumnis, wenn es denn eines ist, Staatsfeinde verfolgte, war ein Fehler, den
will der promovierte Historiker Johannes Johannes Willms: er selbst einsah. Nicht einsehen konnte er,
Willms, Feuilletonchef der süddeutschen „Bismarck – Dämon der daß man die Sozialdemokraten an den
zeitung, nunmehr nachholen. In seinem Deutschen“. Staat hätte heranführen sollen, statt dessen
neuerschienenen Buch „Bismarck – Dä- Kindler Verlag, München; suchte er vergebens, sie mit staatsstreich-
mon der Deutschen“ sucht er die „Legen- 348 Seiten; ähnlichen Mitteln zu unterdrücken.
de“ um den Eisernen Kanzler zu zerstören. 44,90 Mark. Johannes Willms scheint zu glauben, ein
Die Kernbehauptung kann man schon dem Staatsmann dürfe kein skrupelloser Böse-
Umschlagtext entnehmen: Bismarck sei wicht, kein geldgieriger und machtbeses-
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sener Mehrer seines Eigentums sein. Er auslöste, zu hoch gehängt. Der Krieg wäre
macht den Fehler, und zwar immer wieder, auch ohnehin gekommen, weil Frankreichs
von Bismarck moralisches Denken zu er- neuberufener Außenminister, der Herzog
warten. Er war moralisch, wenn es ihm und von Gramont, und die naive Kaiserin Eu-
Preußen zu nützen schien, und er war skru- génie ihren kränkelnden Kriegsherrn Na-
pellos unmoralisch, wenn der Gegner Wi- poleon III. praktisch dazu zwangen (der
derstand leistete und dadurch seinen Zeit- letztere: Im Krieg ist „zuviel Zufall“).
plan durchkreuzte.
Es gibt aber vor 1900 fast nur große
Staatsmänner, die skrupellose Lügner und
geldgierige Vertreter ihrer Klasse waren,
Bestseller
sieht man von solchen auch nicht zahlreich Belletristik
gesäten Leuten wie George Washington
und Abraham Lincoln ab. 1 (1) Marianne Fredriksson Hannas
Kein Toter durfte sich sicher wähnen, Töchter W. Krüger; 39,80 Mark
von Bismarck nicht irgendwann verleum-
det zu werden. Er war der große Lügner 2 (2) Elizabeth George Denn sie betrügt
schlechthin. Aber er war nicht grausam wie man nicht Blanvalet; 46,90 Mark
Kardinal Richelieu, obwohl er sich im Krieg
gegen die Franzosen barbarisch genug 3 (3) Peter Høeg Die Frau und der Affe
äußerte. Hanser; 39,80 Mark
Sein Volk zur Demokratie zu erziehen,
4 (4) Arundhati Roy Der Gott der kleinen
verspürte dieser Junker keine Berufung,
eher betrieb er das Gegenteil. Aber der Dinge Blessing; 42,90 Mark
Staat, den er bei seinem Rausschmiß hin-
5 (5) John Grisham Das Urteil
terließ, war immer noch bündnisfähig und
hätte von 1914 bis 1918 nicht durchhalten Hoffmann und Campe; 48 Mark
können, wenn die Mehrheit der Bevölke-
6 (6) Donna Leon
rung ihm nicht in gewisser Weise doch er-
geben gewesen wäre. Vendetta Diogenes; 39 Mark
Vor allem auch stößt sich Willms an dem
Hasardspiel des Krieges gegen Österreich.
Bismarck habe Österreich damit 1866 aus Brunetti, der gute
der reichsdeutschen Entwicklung hinaus- Mensch von Venedig,
kämpft gegen Frauen-
gedrängt. Die Wahrheit ist, daß die ande- händler und andere
ren Großmächte eine engere und immer Finsterlinge
engere Verbindung zwischen der k. u. k.
Monarchie und den anderen deutschen
Staaten zu einem übermächtigen Groß- 7 (7) John le Carré
staat nicht geduldet hätten. Der Schneider von Panama
Man darf hier anderer Ansicht sein, aber
Kiepenheuer & Witsch; 45 Mark
von der Konstellation her war es den Ver-
such wert, Österreich abzuhängen, um 8 (11) Christian Jacq Ramses –
dann später mit ihm wieder von Staat zu
Der Tempel der Ewigkeit
Staat ein enges Bündnis zu schließen.
Hier trifft Willms den Kern. Dieser Krieg Wunderlich; 42 Mark
war ein riskantes Vabanquespiel. Der
9 (8) Frank McCourt Die Asche
Hasardeur Bismarck setzte alles auf eine
Karte, die vielleicht ohne Helmuth von meiner Mutter
Moltkes Genie auch nicht gestochen hätte. Luchterhand; 48 Mark
Nur, der „Eisenbahn-General“ von Moltke
gewann, und unter Weinkrämpfen hielt Bis- 10 (10) Minette Walters Dunkle
marck seinen König von jeder weiteren Kammern Goldmann; 42,80 Mark
Demütigung des Wiener Kaisers ab.
Wer den Staatsmann Bismarck in der 11 (9) Jean-Dominique Bauby
Folgezeit nicht bewundert, hat kein Gefühl Schmetterling und Taucherglocke
für Außenpolitik. In England hatte der Op- Zsolnay; 24 Mark
positionsführer Benjamin Disraeli klar er-
kannt, daß es 1870 zwischen dem neuen, 12 (14) Ingrid Noll Kalt ist der
noch nicht gefestigten Staatsgebilde Abendhauch Diogenes; 36 Mark
Deutschland einerseits und dem wackeligen
Frankreich Kaiser Napoleons III. anderer- 13 (13) Christian Jacq Ramses –
seits zum Krieg kommen mußte. Für den Der Sohn des Lichts Wunderlich; 42 Mark
Fall, daß Deutschland den Sieg davontragen
würde, hatten Disraeli düstere Vorahnun- 14 (15) Joy Fielding Am seidenen Faden
gen im Hinblick auf die Zukunft Englands Goldmann; 44,90 Mark
befallen, keineswegs unberechtigte.
Durchweg wird die von Bismarck redi- 15 (12) Jostein Gaarder Sofies Welt
gierte „Emser Depesche“, die den Krieg Hanser; 39,80 Mark

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Diesen Krieg gegen Frankreich mußte nicht in seinen bisherigen Grenzen beließ.
Bismarck aus seiner Konzeption heraus Das wäre richtig, wenn dazu die Möglich-
wollen. Nur galt es, und darin war er er- keit bestanden hätte.
folgreich, Paris als Angreifer erscheinen zu Es gab sie aber nicht, da Moltke Frank-
lassen. Folgt man Johannes Willms, so war reich vernichten und Bismarck Frankreich
Bismarck „ein großer außenpolitischer für immer als einen Staat zweiter Klasse
Fehler“ unterlaufen, weil er Frankreich festnageln und damit aus dem europäi-
schen Konzert entfernen wollte – vom Kö-
nig und von deutschen Rachegelüsten ganz
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich
ermittelt vom Fachmagazin BUCHREPORT abgesehen.
Hier kann man Bismarck ankreiden, daß
Sachbücher er ein friedliches Nebeneinander nicht
wollte. Er demütigte Frankreich über das
1 (1) Ute Ehrhardt Gute Mädchen Notwendige hinaus. Er machte ein teuto-
kommen in den Himmel, böse überall hin nisches Gewese um den „Sedanstag“. Bei
W. Krüger; 32 Mark Sedan war Napoleon III. gefangengenom-
men worden. Der Kanzler scheint gemeint
2 (2) Dale Carnegie Sorge dich nicht, zu haben, daß er und seine Nachfolger mit
lebe! Scherz; 46 Mark Frankreich nie wieder ins Geschäft kom-
men würden. Er annektierte nicht nur
3 (3) Michael Drosnin Der Bibel Code das Elsaß, dessen Bürgertum gar nicht
Heyne; 38 Mark zu Deutschland zurückwollte, sondern
nahm unter militärischem Druck auch
4 (6) Marion Gräfin Dönhoff Zivilisiert Lothringen.
den Kapitalismus DVA; 36 Mark Später hat er diese Annexion gerecht-
fertigt mit der Begründung, nach dem
5 (4) Richard von Weizsäcker Nikolsburger Frieden 1866 habe er König
Wilhelm nicht ein zweites Mal erpressen
Vier Zeiten Siedler; 49,90 Mark können, und da mag etwas Wahres dran
sein. Den Deutschen galt ja Straßburg als
6 (5) Udo Ulfkotte Verschlußsache BND die ihnen geraubte Stadt. Außerdem, so
Koehler & Amelang; 48 Mark argumentierte Bismarck, die Franzosen
hätten nicht einmal die Niederlage je
7 (7) Lea Rabin Ich gehe weiter auf verziehen.
seinem Weg Droemer; 44 Mark Auch da ist etwas dran, aber die völlige
Unterlassung persönlicher Gesten offen-
8 (9) Krämer/Trenkler bart eine Geringschätzung der französi-
Lexikon der populären Irrtümer schen Republik, die einem Bismarck nicht
Eichborn; 44 Mark hätte unterlaufen dürfen. Seine Nachfol-
ger und die wilhelminischen Militärs muß-
9 (8) Peter Kelder Die Fünf „Tibeter“ ten das 1916 bei Verdun drastisch erleben.
Integral; 19,80 Mark Ob es wirklich zu Bismarcks Zeiten eine
Chance gegeben hätte, sich mit den Fran-
10 (13) Martin/Schumann zosen zu arrangieren, muß offenbleiben,
schon am Versuch fehlte es.
Die Globalisierungsfalle
Rowohlt; 38 Mark
Wie wenig er von der französischen Re-
publik hielt, ließ er noch 1875 erkennen, als
11 (10) Franca Magnani Mein Italien er einen Präventivkrieg gegen Frankreich
Kiepenheuer & Witsch; 45 Mark zwar nicht beginnen wollte, aber auch nicht
rundweg ausschloß. Einen zwingenden
12 (12) Daniel Goeudevert Wie ein Vogel Grund gab es nicht, aber ohne Drohungen
kam er selten aus. Die übrigen Großmäch-
im Aquarium Rowohlt Berlin; 38 Mark
te machten ihm klar, daß sie einer neuen
Schwächung Frankreichs nicht tatenlos zu-
13 (11) Vivianne Forrester Der Terror der sehen würden – Bismarcks schwerste Nie-
Ökonomie Zsolnay; 36 Mark derlage.
Das Verhältnis des Fürsten zu Großbri-
14 (–) Arnulf Baring tannien ist ambivalent. Seinem tumben
Scheitert Deutschland? Kaiser versicherte er recht leichtfertig, ein
DVA; 39,80 Mark Bündnis mit Österreich-Ungarn würde
auch England von einer dem Reich ge-
fährlichen Politik abhalten. Eine gewagte
Wege durch die Annahme.
Standortkrise – mit
konservativem Eine reale Chance, mit England irgend-
Grundton einen Pakt zu schließen, scheint es nicht ge-
geben zu haben. Bismarck mochte nicht
verstehen, daß ein auf drei Jahre begrenz-
15 (14) Roman Frister Die Mütze oder tes Abkommen das Parlament in Westmin-
Der Preis des Lebens Siedler; 49,80 Mark ster keineswegs passieren würde, und so
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gemacht – flößte beiden Bis-


marcks keinerlei Vertrauen
ein, allenfalls würde er im
Ernstfall sechs Wochen Zeitge-
winn bringen. Der Zweifron-
tenkrieg war vorgezeichnet.
Trotzdem muß man Willms
fragen, ob er uns in der eu-
ropäischen Staatenwelt einen
größeren Staatsmann als die-
sen, seinen negativen Helden,
nennen kann. Da wird er sich
schwertun. Wahr allerdings ist
und bleibt, daß dieser Gewalt-
mensch, dieser Wotansknabe,
der sich in unmittelbarer Nähe
zu Gott wähnte, unsichtbare
und sichtbare Spuren für die
Zukunft hinterließ, gleichsam
porös in das ganze politische
System eindringende.
Großen Männern, die Gro-
ßes geleistet haben, wird man
schwerlich, wozu Willms aber
neigt, vorhalten können, sie
hätten anders sein sollen, als
sie waren. Zu Bismarcks La-
sten geht zweifellos sein mi-
litärisches Getue und Gehabe.
BPK

Der ehedem schludrige Land-


Bismarck (1871), Bismarck-Karikatur (1887)*: Generalsgetue mit Rückversicherung wehrleutnant trat in Generals-
uniform vor den Reichstag.
gaben sich beide Seiten auch keine son- zurück, muß man mit dem Croupier sagen: Er hat das Volk nicht erzogen, aber auch
derliche Mühe. „Nichts geht mehr.“ Voltaire wollte das Volk nicht erzogen
Den Flotten-Matador Alfred von Tirpitz, Johannes Willms hätte sicher nichts ge- wissen. Die geistige Vorbereitung auf
Verwirklicher der Seemachtsträume Wil- gen die dem spiegel gegenüber geäußerte Expansion und Weltmacht hat nicht er
helms II., konnte Bismarck nach seinem Ansicht von Gordon A. Craig einzuwen- eingeleitet. Das waren neben den Altkon-
Abgang 1890 nicht mehr wirklich durch- den, der späte Fontane habe Bismarck den servativen die neuen Bürgerschichten, für
schauen, und den Plan des Grafen Alfred Charakter abgesprochen. Es fällt tatsäch- die neben Wilhelm II. der expansionsdur-
von Schlieffen im Jahre 1905, der England lich schwer, dergleichen bei ihm zu ent- stige Soziologe Max Weber stand. Dieser
dann 1914 in den Krieg zwang, hat der decken. oft spöttisch genannte „Kaiser ohne Zep-
Reichsgründer gar nicht gekannt, da war er Bismarck huldigte einem einzigen Prin- ter“ hat den Ersten Weltkrieg zumindest
schon tot. zip, seine Prinzipien jeweils nach Lage mehr zu verantworten als Otto Fürst von
Seine Souveräne kann auch der souve- blitzschnell wechseln zu können. Das nahm Bismarck.
ränste Staatsmann sich nicht aussuchen. man ihm im Ausland nicht einmal übel. Da nach der Mitte des 19. Jahrhunderts
Nach dem Eindruck, den man hatte, war Sein Prinzip beinhaltete auch, daß er mög- nicht alles so bleiben konnte, wie es war,
das Deutsche Reich im Jahr 1900 immer lichst viel persönliche Macht für sich be- wüßten wir gern ein Konzept und den
noch bündnisfähig, obwohl der Plan des haupten konnte. Seine enormen Geistes- Mann dazu, der das Zusammenwachsen
britischen Kolonialministers Joe Cham- gaben trugen ihn über manche Fehl- der Deutschen zu einer Nation erfolgreich
berlain, ein germanisches Bündnis zwi- entscheidung hinweg, so, als er sich beim hätte durchführen können – erfolgreich
schen den USA, Großbritannien und dem Berliner Kongreß 1878 von Disraeli dazu und friedlich. Da wird Willms wohl passen
Reich abzuschließen, sicherlich eine verleiten ließ, auf Kosten der Russen Zu- müssen. Das Spektrum der Spekulationen
Schimäre war. geständnisse an England zu machen. verdichtet sich nur zu einem großen
Aber England fand sich wegen des Bu- Das Verhältnis zu St. Petersburg kam nie weißen Fleck, in dem Theodor Fontane mit
renkriegs isoliert. Ein Versuch, sich ihm zu mehr in Ordnung, zumal beide Bismarcks, seiner Verszeile Platz hätte: „… hier liegt
nähern, hätte von der Reichsleitung un- der Kanzler wie sein 36jähriger Sohn Her- Bismarck irgendwo“.
bedingt unternommen werden müssen. bert, inzwischen Staatssekretär des Aus- PS: Die Kohl-Koalition hat angesichts
Reichskanzler von Bülow aber, noch in wärtigen Amtes, am Ende seiner Kanzler- ihrer prall gefüllten Taschen den Steuer-
der Bismarck-Tradition befangen, wollte schaft der überholten Auffassung huldig- zahler für die Otto-von-Bismarck-Stiftung
die Briten „kommen“ lassen, wollte sie ten, die Beziehungen zwischen großen in Friedrichsruh mit etlichen Millionen
„pomadig“ behandeln. Staaten könnten vorzüglich sein, auch Mark belastet. Schließlich, so meint Stif-
Er sah die Chance nicht, wie sich her- wenn der eine große Staat ständig eine ge- tungsgeschäftsführer Epkenhans laut welt,
ausstellte, die letzte Chance. England gen den Partner gerichtete Wirtschaftspo- gebe es doch für Reizfiguren der ersten
paktierte erst mit Japan, schloß sich dann litik praktizierte, was die Bismarcks taten. wie der zweiten deutschen Republik ähn-
mit Frankreich freundschaftlich zusam- Das Abspielen der revolutionären Mar- liche Stiftungsunternehmungen, trotz Wil-
men (Entente cordiale) und verglich sich seillaise in Kronstadt 1891 war mithin auch ly Brandts „umstrittener Persönlichkeit“.
dann auch noch mit Rußland. Blickt man von Bismarck eingeleitet worden. Der Pläne, auch in Marbella eine Bismarck-Ge-
Rückversicherungsvertrag mit Rußland von denkstätte zu errichten, dürften Fürst Fer-
* Französisches Flugblatt: „Das Meerungeheuer“. 1897 – später wurde viel Wesens von ihm dinand und Gunilla demnächst erreichen.
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