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Für die Befreiung von staatlicher und kapitalistischer Herrschaft!

Diskussionsblätter für sozialistische und nationalrevolutionäre Politik


Herausgeber: Nationalrevolutionäres Forum (NRF). „Die Schwarze Front“ erscheint je nach Bedarf - also sporadisch - und dient
nur zur alleinigen Unterrichtung der Mitglieder-, Freundes- und Leserkreise. Die Beiträge sind als Meinungsaustausch gedacht,
wobei die Autoren für deren Inhalt selbst verantwortlich sind. Kontakt: NRF-Schwarze-Front@gmx.de Folge 11

Nationalismus und Sozialismus


Dem Marxismus fehlt das Nationalverständnis sprochen haben, kam der Vorwurf, den Aufbau
indem er nationale Traditionen ablehnt und eines nationalsyndikalistischen Staates zu pro-
durch den Internationalismus ersetzen möchte. pagieren. Es war die Falange Espanola die in
Eine Integration des Nationalismus in sozialisti- Spanien dieses System in ihrem Programm
sche Ideen würde jedoch rechten Demagogen vorgestellt hat. Das Programm forderte die
den Wind aus den Segeln nehmen und seinen Erhebung Spaniens zur Weltmacht und im Ein-
Mißbrauch verhindern. Wer „Nie wieder führungstext heißt es: „Dieses Programm ent-
Deutschland“ auf seine Fahnen schreibt hat be- spricht in seiner Zielsetzung und seinem
reits kapituliert und das Feld kampflos falschen Ideengut dem nationalsozialistischen des Rei-
Propheten überlassen. ches und dem faschistischen Italiens...“. Nach
Der Sozialismus (nach unserem Verständnis die diesem Vorbild unternahmen die Falangisten
sozialistische Berufsständeordnung in einer Rä- Terroraktionen um die Arbeiterbewegung und
tedemokratie), muß die legitime Reaktion auf jede revolutionäre Bewegung im Volk zu un-
jede kapitalistische, liberale, faschistische oder terdrücken.
kommunistische Sklaverei sein. Somit hat der Unser Nationalismus und Sozialismus fordert
Kampf für Sozialismus einen gerechten Grund. kein Streben nach Weltmacht und lehnt totali-
Im Sozialismus wird der arbeitende Mensch täres Ideengut völlig ab. Wir wollen über ein
nicht mehr ausgebeutet werden und er wird auf Gerechtigkeit, Gleichbehandlung und
nicht mehr gezwungen sein, seine Arbeitskraft Menschlichkeit beruhendes Gesellschaftsmo-
bis zum äußersten von einem Staats- oder Pri- dell nachdenken.
vatkapitalismus ausquetschen zu lassen. Es gibt viele zukunftsweisende Konzepte und
Nationalismus, nach Tomás Masaryk die Form Programme die in diese Richtung führen – wir
der äußeren Organisation der Gesellschaft (sie- müssen sie nur vereinen bzw. Brücken bauen.
he SF 10), und Sozialismus müssen eine unteil- Um wenigstens Kleinziele zu meistern, müßten
bare Einheit sein, in der alle Individuen zusam- taktische Bündnisse ins Auge gefaßt werden.
mengefaßt sind, wobei diese Einheit als souve- Allerdings ist zu befürchten, daß so ein Vorha-
räner Nationalstaat nicht in den Händen stärke- ben an programmatischen Grundfragen und an
rer Klassen (Parteien, Kapitalisten, Diktatoren) jeder ideologischen Toleranz scheitern wird
sein darf. Dies würde nämlich wieder ein Ent- obwohl so manche Gemeinsamkeit zu erken-
stehen autoritärer Machtverhältnisse im Dienste nen ist: die gemeinsame Feindschaft gegen
kapitalistischer Herrschaftsstrukturen hervorru- den Imperialismus und Kapitalismus, gegen
fen. Krieg, gegen die Ausbeutung der Werktätigen,
Nachdem wir in der SF 9 im Kurzartikel „Zukunft gegen Umweltzerstörung, Zentralismus, Mas-
berufsständische Ordnung“ vom „Syndikat als senarbeitslosigkeit, Sozialabbau und gegen
Keimzelle der berufsständischen Ordnung“ ge- jeden Totalitarismus.
Der historische Text 1:

Wie Mühsam ermordet wurde


(„Die Internationale", 1. Jg., Nr. 2, 1934, S. 58-60)

Das von Otto Strasser in Prag herausgegebene Mühsam kam zu uns zurück und erzählte uns
oppositionell-nationalsozialistische Blatt das. Er sagte danach wörtlich: „Den Gefallen
„Deutsche Revolution“ bringt einen Bericht tue ich ihnen aber doch nicht“. Er wußte, was
über die Ermordung Erich Mühsams in Ora- ihm bevorstand, war gefaßt und ruhig und
nienburg, für dessen Richtigkeit das Blatt alle verteilte seine letzten Habseligkeiten unter
Beweise zu besitzen behauptet. U.a. beruft uns. Um halb neun Uhr ging alles wie sonst
sich die Redaktion auf Aussagen des jetzt im schlafen. Um neun Uhr wurde Mühsam mit
Auslande befindlichen englischen Staatsange- einem Male plötzlich herausgerufen, angeblich
hörigen John Stone, der vom 14. Juli 1933 bis sollte er noch einen Anzug eines Wachmannes
13. Juli 1934 „irrtümlich“ im Konzentrationsla- sauber machen. Es ist nie vorgekommen, daß
ger Oranienburg festgehalten worden ist. Wir noch so spät ein solcher Auftrag gegeben wur-
lassen den Bericht folgen: de. Nachdem Mühsam herausgerufen wurde,
wurde uns anderen Schutzhäftlingen verboten,
Am 6. Juli wurde das Lager offiziell von der SS auf die Toilette auf dem Hofe zu gehen. Sonst
übernommen, nur für die Übergabe der ein- konnten wir sie auch nachts benutzen. Dar-
zelnen Abteilungen usw. verantwortlichen SA- über hinaus wurde, was auch sonst nie der Fall
Männer versahen weiter ihren Dienst. Das La- war, noch eine besondere Wache aufgestellt,
ger unterstand nunmehr dem SS- die darauf zu achten hatte, daß niemand der
Brigadeführer Eicke, sein Adjutant war der SS- Schutzhäftlinge auf den Hof kam. Wir wußten
Sturmführer Weibrecht. Ihre Namen und die alle, Erich Mühsams letztes Stündlein hat ge-
Namen des SS-Sturmbannführers Wäckerle schlagen und konnten vor Erregung kein Auge
sowie des SS-Sturmbannführers Eckardt muß zutun.
man sich merken, weil sie die Mörder Erich
Mühsams sind. M. E. ist der Befehl zur Beseiti- Was die SS in dieser Nacht mit ihm angestellt
gung Mühsams von oben gekommen, sie ha- hat, wissen wir nicht. Einen Schuß haben wir
ben ihn ausgeführt. nicht gehört, auch kein Schreien. Am anderen
Morgen, beim Wecken, fragte der SA-
Truppführer Petscher sofort nach Mühsam.
Sonst ist nie nach ihm gefragt worden. Müh-
sam, der zu dieser Zeit schon tot war, konnte
natürlich nicht antworten. Petscher, der natür-
lich die Ermordung Mühsams längst wußte,
sagte daraufhin zynisch: „Na, wenn er nicht da
ist, wird er wohl tot sein“.

Als wir auf die Toilette gingen, hing Erich Müh-


sam dort, man wollte uns einen Selbstmord
Mühsams vortäuschen. Uns allen war es ge-
wiß, daß er schon als toter Mann dort aufge-
hängt worden ist, das ging schon daraus her-
vor, daß er mit einem regelrechten Zimmer-
mannsknoten dort hing – wie sollte er selbst
den wohl fertigbekommen haben? -, daß seine
Augen geschlossen waren, die Zunge ihm
nicht aus dem Halse hing und seine Brille un-
gefähr zehn Meter davon auf dem Boden lag.

Erich Mühsam, der wie kein anderer gequält


Der „Selbstmord“ Erich Mühsams trug sich
und mißhandelt worden war, war von seinem
folgendermaßen zu: Am 9. Juli wurde Mühsam
Leiden erlöst. Die SS hat die Leiche selbst ab-
nachmittags zum SS-Sturmführer Eckardt ge-
genommen, eine Kommission wurde nicht ge-
rufen. Dieser sagte zu ihm: „Wenn sie sich
rufen. Eine ärztliche Untersuchung hat auch
nicht binnen zwei Stunden erhängen, Mühsam,
nicht stattgefunden.
werden wir sie aufknüpfen“.
2
Der historische Text 2:

Erich Mühsam

Idealistisches Manifest
(April 1914)

Wer mit dem Blick auf zeitlose Weiten neue Allen mitgeteilt hat, wenn die Ethik der
Moral, neue Gerechtigkeit, neue Menschlich- Massen sich zum Anstand geformt hat, wenn
keit zum Inhalt seines Strebens macht, der aus Zwang und Strafe Rechtlichkeit und Ver-
weiß aus unzähligen Erfahrungen, daß er miß- ständigung geworden ist.
verstanden wird. Es ist fast notwendiges
Schicksal seiner Überredungskunst, selbst bei Aber für den Frieden sind alle Vorbedingungen
Menschen von Verstand, Kritik und gutem Wil- nicht erfüllt. Die Völker haben ein natürliches
len Kopfschütteln und Achselzucken zu erre- Expansionsbedürfnis und bedrohen die Gren-
gen. Denn jede Agitation, deren Absicht nicht zen ihrer Nachbarn. Gehorsamsverweigerung,
zeitlich begrenzt ist, steigt unbekümmert und Generalstreik, Revolution ziehen entsetzliche
rücksichtslos über praktische Bedenklichkeiten Strafen nach sich. Der Gedanke, das Raubtier
hin. Für bürgerliche – das heißt gegenwarts- Mensch werde in Ordnung und Verständigkeit
besorgte – Naturen ist das Ziel immer der miteinander auskommen, der Geschmack der
nächste Schritt. Wer aufs Ideal steuert, rohen Masse könne umgeformt werden, Frei-
„schießt über das Ziel hinaus“. Den Weg zu heit werde jemals etwas anderes sein als eine
einem Ziele nicht in jeder Kurve kennen, das schöne Phrase, ist absurd und kindlich. Schon
Werkzeug zu einem Kampfe nicht auf jede die Formulierung deiner Ideale ist ein Beweis,
Gefahr erprobt haben, das bewirkt die Zweifel, wie unabwendbar und naturgewollt alle die
das Warnen, das Bangemachen und selbst den Einrichtungen sind, die du bekämpfst. Bitte:
gewalttätigen Widerstand gegen Tendenzen, ich fordere nicht auf, – ich bekenne. Und ich
gegen deren Ehrlichkeit garnichts eingewandt suche meine Gefühle, die mir Wahrheiten sind,
wird. Aber wer im reinen Gefühl die Wahrheit in das Gefühl der Nebenmenschen zu ver-
weiß und in kluger Skepsis von ihr abläßt, den pflanzen. Verstandeskühle Einwendungen
heiße ich einen Lumpen. können richtig oder falsch sein, – an der Er-
kenntnis dessen, was gut und recht ist, prallen
Hier ist mein idealer Zweck – da sehe ich das sie ab.
Mittel, ihn zu erfüllen: was kümmert mich die
Chamade der Vorsichtigen? Naturwissen- Das also ist das Wesen der Agitation: auszu-
schaftler, Volkswirtschaftler, Historiker, Geo- sprechen, was subjektiv wahr ist, die Energie
graphen, Politiker und Kaufleute sollen hun- der andern nach der Richtung zu beeinflußen,
dertmal recht haben, – mein Gefühl, das seine die zu erstreben ist. Was die stärkste Energie
Wege kennt, können sie nicht widerlegen. Ich – Weniger oder der Menge – wollen wird, das
will den Völkerfrieden, weil er mich gut dünkt. wird die Zukunft sein. Unmittelbare praktische
Ich weiß, er wird sein, wenn die Arbeit der Wirkungen gelten nicht allzuviel. Sie sind nur
Menschen nicht mehr für den Krieg steuert, wertvoll als Symptome eines neuen Geistes,
wenn die Soldaten sich weigern, ihresgleichen der unterirdisch im Werden ist. Der neue Geist
zu töten, wenn der Wille der Völker auf Frie- aber entsteht heimlich und unbeobachtet,
den aus ist. Ich will Sozialismus und Anarchie. langsam und viel später, als sein Same ge-
Ich weiß sie möglich, wenn Arbeit und Ver- streut ist. Wenn er zuerst in einem Gedanken,
brauch auf gerechten Ausgleich gebracht sind, einer Tat, einem Kunstwerk oder einer Er-
wenn Ordnung und Friedfertigkeit in den Men- kenntnis plötzlich aus dem Boden schießt,
schen Leben gewonnen haben, wenn Autorität dann ist sein Ursprung längst nicht mehr zu
und Gehorsam, Herrschaft und Knechtschaft entdecken, dann hat er gewirkt, als ob er
aus der Gewohnheit der Völker gewichen sind. selbstverständlich und ohne Rausch wäre.
Sie werden weichen, wenn allenthalben aus
der Sehnsucht nach Freiheit der Wille zur Frei- Plötzlich ist eine neue Bewegung da, überra-
heit geworden ist. Ich will Kultur und Kunst schend, scheinbar aus dem Nichts gestampft.
Gemeingut der Völker wissen. Sie werden es Sie zieht Kreise, wächst, wirkt, aber ihre Her-
sein, wenn der Geschmack der Besten sich kunft ist verschollen.
Aller Fortschritt ist diskreter Geburt, denn er Anerkennung des Menschen haben. Daß die
stammt vom heiligen Geist, er stammt aus der kämpfenden Frauen unserer Tage im Langen
Sehnsucht und der Bitternis vergangener nach dem Gute der Freiheit vorbeigreifen und
Idealisten. Freilich sieht jeder Erfolg des Idea- statt Menschenrechte Männerrechte begehren,
lismus anders aus als seine Werbung. Was soll uns nicht verdrießen. Die Not und die Ver-
daraus eingeht in das Leben des Menschen, stocktheit der Zeit hat den Frauen Männer-
sind Anpassungen an geltende Verhältnisse, pflichten auferlegt. Vielleicht schafft sich doch
sind nichts weiter als Entwicklungsfaktoren. einmal die Einsicht Bahn, daß nun nicht die
Gerade darum aber müssen die Forderungen Assimilation ans andere Geschlecht, sondern
an die Welt so schroff wie möglich gestellt die Befreiung von seiner Herrschaft – das ist
werden, muß stets das denkbar Äußerste ver- die Freiheit des Weibes in Liebe und Mutter-
langt werden, ohne Rücksicht auf die Aussich- schaft – das Glück des Frauentums wäre. Sie
ten der Verwirklichung. Nur die ideale Forde- müssen ihre Ziele weit setzen, die Frauen, die
rung in ihrem weitesten Umfange schafft Fort- in den Kampf getreten sind. Die Neubildung
schritte im engen Kreise. Die Utopie ist die aller gesellschaftlichen Formen auf dem Boden
Vorbedingung jeder Entwicklung. des Mutterrechts müssen sie verlangen. Wenn
sie es dann einmal erreichen, daß kein Weib
Die Entwicklung hat mit dem Abrollen der Jah- mehr ein anderes deswegen verachtet, weil es
re nichts zu tun, nicht nur, weil uns die Irreali- Mutter ist, dann müssen sie die Genugtuung
tät der Zeit bewußt ist, sondern weil uns die fühlen, daß ihr Werben und Kämpfen nicht
Geschichte der Vergangenheit lehrt, daß die umsonst war, wie sie selbst Zeugnis dafür sein
vorgeschrittene Jahreszahl keine Gewähr gibt sollten, daß die herrlichen Frauen der Roman-
für höhere Kultur und tieferen Menschenwert. tik nicht umsonst die Vorbilder freier, schöner
Einsichten und Sitten entstehen und ver- Weiblichkeit waren.
schwinden mit dem Werden und Vergehen der
Generationen. Nie wird die Zeit kommen, die Seit ganz kurzem aber beobachten wir die
keiner Revolution bedürfte. Dennoch wollen ersten Atemzüge einer neuen Bewegung, die
wir unser Weltbild gestalten nach dem Ideal vielleicht berufen sein wird, das höchste anar-
der Vollkommenheit, und das können wir, chistische Ideal, die Selbstbestimmung des
wenn wir den Blick aufs Künftige, und das ist Menschen, sein stolzes Vertrauen auf die eige-
aufs Ewige, gerichtet halten. Und wir wollen ne Persönlichkeit zur Sehnsucht der gehor-
uns freuen, wenn irgendwo aus dem Gesche- sambeherrschten Zeitgenossen zu machen.
hen der Zeit eine Blüte treibt, in der wir ver- Zum erstenmale organisiert sich die Jugend
wandelt und verdünnt den Keim unserer Wer- gegen Autorität und Zwang, gegen Tradition
bung erkennen. und Erziehung, gegen Schule und Eltern. Die
jungen Leute wollen die Hälse freibekommen
Wir erleben seit einem halben Jahrhundert von dem Umschnürungen der Verbote und des
eine gewaltige soziale Bewegung. Die werktä- Drills. Sie wollen anerkannt werden als Men-
tige Menschheit, also die Sklaven und Entrech- schen mit eigner Sehnsucht, mit eignem Le-
teten, haben sich auf ihren Anspruch beson- ben, die nicht zu danken, sondern zu fordern
nen, an den Lebenswerten teilzunehmen. Ja, haben. In schönem Radikalismus streben sie
sie haben begriffen, worauf ihre Versklavung nach den größten Dingen: nach Wahrheit in
beruht, und sie haben erkannt, daß die Ablö- Empfangen und Geben, nach Freiheit in Leben
sung des Kapitalismus Sozialismus heißen und Lernen, nach Raum zum Atmen und Wer-
muß. Zwar kamen die Advokaten und Politiker, den. Was in der Zeitschrift der Jugend Der
die Geschäftemacher und Demagogen, und Anfang aus jungen Herzen nach Ausdruck
bemächtigten sich der Idee der Gerechtigkeit drängt, das ist viel ungegorenes und manch-
und der Befreiung, indem sie daraus ein Par- mal bizarres Zeug, aber es ist die Sprache der
teiprogramm machten. Zwar kam die Trägheit Jugend, es ist das aufgeregte und den Freund
des Denkens und Handelns wieder über die der Zukünftigen heiß aufregende Bekennen
Massen und der tiefste Fluch des Lebendigen, heiliger, starker revolutionärer Inbrünste. Mö-
die Zufriedenheit. Aber ein Funke aus der hei- gen Lehrer, Pfaffen und Eltern vor Entsetzen
ligen Glut der Saint-Simon, Proudhon, Baku- bersten, mögen sie sich mit Maulkörben be-
nin, Lassalle schwält noch unter dem Schutt, waffnen und die Polizei herbeirufen, um das
und wir Lebenden dürfen nicht ruhen, ihn frei- freie Wort im Munde der Jungen zu verstop-
zumachen und zu neuem hellen Feuer anzu- fen, – es nützt nichts mehr.
blasen.
Der Gedanke ist stärker als das Wort, der Ge-
Aus der Schande tausendjähriger Entwürdi- danke ist losgelassen, ihn hält nichts mehr
gung als Kreatur der Männer ist das Weib er- auf. Das Problem Väter und Söhne ist gelöst,
wacht. Es will Mensch sein, die Rechte und die Jugend hat es gelöst. Sie schreitet dahin
4
über den Jammer der Alten wie der Frühling Die Jugend, der Nachwuchs, die kommende
über die Dürre des Winters. Die immer und Generation hat sich mündig erklärt. Das Alter
immer bewährten „Erfahrungen“ der Sechzig- ist nicht berechtigt, mit seinen überlebten,
und Siebzigjährigen sind um diese bereichert verknöcherten Prinzipien daran zu rütteln. Bei
worden: daß die recht haben, die eine ganze der Jugend ist alle Zukunft geborgen. Ihr wol-
Generation jünger sind, also um eine Genera- len wir unsere Ideale anvertrauen. Haben wir
tion Erfahrungen mehr haben. Der Kampf der die jungen Leute gewonnen, dann haben wir
Jungen ist angefacht. Er wird zum Siege füh- alles gewonnen: Freiheit und Kultur, Revoluti-
ren, denn an Nachwuchs wird er nie Mangel on und neue Menschheit. Die Jugend soll uns
haben, und die fröhliche Torheit, die das schö- die Staaten zertrümmern und den Frieden auf-
ne Vorrecht der Jugend ist, wird allzeit seine bauen, sie soll Sozialismus und Kultur schaf-
gute Waffe sein. fen, sie soll die Erde dem Geiste und dem
Menschenglück bewohnbar machen. Wir ande-
Hier ist ein prächtiges Beispiel, wie idealisti- ren müssen uns ja wohl begnügen, ihr in Dich-
sche Agitation wirkt, bis der Ursprung ver- tung und Werbung anfeuernd zuzurufen und
wischt ist und bis plötzlich an einer Stelle, die zu gleichem Tun denen den Mund zu öffnen, in
niemand kannte, in einer Art, die niemand denen die geistigen Güter der Menschheit ge-
voraussah, ihr Segen aus der Erde quillt. Was speichert sind.
haben die Alten nicht getan, um ihre Macht
über die Jungen zu konservieren! Sie haben Noch verträumen die Künstler und Kulturellen
verboten und gestraft, geprügelt und gelogen, ihre Zeit in ästhetischen Zirkeln. Noch haben
sie haben das Geheimnis der Menschwerdung sie nicht begriffen, daß sie zum Volke gehö-
vor den Kindern gehütet, als ob alles Seelen- ren, in die Gemeinschaft aller, und daß ihr
heil in Gefahr wäre, wenn der Junge weiß, wie Werk erst Wert enthält, wenn es Resonanz
das Mädel beschaffen ist. Und nun stellt sich findet im Herzen der Mitmenschen. Der Geiste
die Jugend lachend vor ihnen auf und ruft ih- der Lebenden gehört an die Spitze und in die
nen ins Gesicht: ihr braucht uns nichts zu er- Gefolgschaft der rebellischen Jugend. Seien
klären, denn wir sind längst so klug wie ihr. wir Agitatoren, bilden wir eine Jungmannschaft
Ihr braucht uns nichts zu verbieten, denn wir der Welt, auf daß auch unser Wort Keime lege
tun doch, was wir für recht halten. Ihr braucht zu neuem Geschehen und neuer Gestaltung!
uns nichts zu befehlen, denn wir gehorchen Verstopfen wir unsere Ohren vor den Unkenru-
euch nicht mehr. Wir Älteren haben das noch fen träger Philister und vor den Rechenexem-
nicht gewagt, wie brünstig wir es auch gefühlt peln praktischer Nörgler! Rufen wir die Wahr-
haben. Aber nun wollen wir uns ehrlich freuen, heit unserer Ideale aus, unbekümmert um
daß wir es bei den Jüngeren mit ansehen dür- Erfahrungen und zweifelnde Erwägungen, –
fen, und die nach uns kommen werden, wollen und wir werden eine Welt erleben, die auf
wir in einem Geiste aufwachsen lassen, der die Schönheit und Gemeinschaft und – fern ab
Beherrschung in sich selbst hat und keine Be- von Gott und Kirche - auf religiöser Inbrunst
herrschung von außen mehr duldet. errichtet ist.

Wer aus Unverständnis sich mit den Söldlingen des Kapitals verbinden wird, den werden wir mit
allen Mitteln bekämpfen. Aber wir glauben, daß die große Mehrzahl der national empfindenden
Massen nicht in das Lager des Kapitals, sondern in das Lager der Arbeit gehört. Wir wollen und
wir werden zu diesen Massen den Weg suchen und den Weg finden. Wir werden alles tun, daß
Männer wie Schlageter, die bereit waren, für eine allgemeine Sache in den Tod zu gehen, nicht
Wanderer ins Nichts, sondern Wanderer in eine bessere Zukunft der gesamten Menschheit wer-
den, daß sie ihr heißes uneigennütziges Blut nicht verspritzen um die Profite der Kohlen- und Ei-
senbarone, sondern um die Sache des großen arbeitenden deutschen Volkes, das ein Glied in der
Familie der um ihre Freiheit kämpfenden Völker ist... Schlageter kann nicht mehr diese Wahr-
heit vernehmen. Wir sind sicher, daß Hunderte Schlageters sie vernehmen und sie verstehen wer-
den!“ (Karl Radek, aus seiner Rede in der Sitzung der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen
Internationale am 20. Juni 1923)

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Das kapitalistische System