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Deutschland

Sachsen-Werbung im fränkischen Hof


„Nischt so schüchdorn!“

heit haben westdeutsche Schulabgänger


gemerkt, dass die Mauer gefallen ist.
Nach neuesten, teils unveröffentlichten
Zahlen gibt es in diesem Wintersemester
überall in Ostdeutschland einen Rekord-
ansturm aus Westdeutschland (siehe Gra-
fik). Heute kommt in Thüringen und
Sachsen-Anhalt mehr als jeder vierte An-
fänger aus dem Westen, in Mecklenburg-
Vorpommern ist es gar mehr als jeder
dritte. Der Anstieg ist auch dann gewaltig,
wenn man Berliner Abiturienten nicht
mitrechnet; lediglich in Brandenburg ma-
chen sie einen großen Anteil aus.
Dass es so lange gedauert hat, bis nicht
nur Exoten oder Opfer der Zentralstelle
für die Vergabe von Studienplätzen in den

STEPHAN FLOSS
Osten rübermachen, hat vielerlei Gründe.
Zumindest einer hat nichts mit einer Ost-
phobie zu tun: Deutsche Erstsemester sind
vielfach Stubenhocker. Bei der Wahl der
Hochschule spielt für viele die Nähe zu
BILDUNG
Familie und Freunden die entscheidende
Rolle, wie erst kürzlich die große Stu-

Naher Osten dentenspiegel-Umfrage von SPIEGEL,


McKinsey und studiVZ bestätigt hat.
Das allein aber kann nicht erklären,
warum die allermeisten Westabiturienten
Mit aufwendigen Kampagnen werben ostdeutsche Hochschulen den Osten mieden. Vermutlich waren es
um Abiturienten aus den alten Ländern. Die machen neuer- auch Imageprobleme, wie sie Peer Paster-
dings scharenweise rüber – weniger aus Neugier denn aus Not. nack wahrgenommen hat, Direktor am In-
stitut für Hochschulforschung an der Uni-

N
ach einem Monat in der Fremde Deshalb sitzt sie nun in einem Seminar- versität Halle-Wittenberg – frei nach dem
war Anastasia Klink, 19, klar, dass raum ihrer Universität und paukt den Motto: Das ist doch eigentlich Osteuropa.
es so nicht weitergehen konnte. Landesdialekt. „Nischt so schüchdorn!“, Zudem sei die Qualität von Forschung
Unterhielten sich ihre Mitbewohner im ruft die Sprachtrainerin und winkt mit und Lehre in der Ex-DDR nach der Wen-
Studentenwohnheim, stand sie staunend Schildern: „Gonsonanden“, „Wogahle“. de schwer einzuschätzen gewesen.
daneben. In der Kneipe wusste sie nicht, Klink sitzt in der letzten Reihe und lächelt Einzelne neue Länder haben schon vor
was genau der Kellner wollte, und selbst ratlos, als die Sprachtrainerin dann Goe- vielen Jahren versucht, westdeutsche
beim Bäcker fühlte sie sich schon bei der thes „Zauberlehrling“ in schönstem Säch- Schulabgänger anzulocken, meist ohne
Begrüßung unwohl. sisch vorträgt. „Ich versteh kein Wort“, großen Erfolg. Dabei ist für viele Osthoch-
Anastasia Klink studiert Religionswis- klagt eine Austauschstudentin aus Ame- schulen ihre Attraktivität im Westen eine
senschaft in Leipzig. Die Stadt und die rika. „Ich auch nicht“, sagt Klink. Überlebensfrage. Denn der Geburten-
Uni gefielen ihr, sagt sie, und auch die Ob der Sprachkurs, angeboten für knick nach dem Mauerfall lässt die Zahl
Kommilitonen seien eigentlich nett. Wäre Westdeutsche und andere Fremde, nun der Abiturienten in ihrer Nähe sinken,
da nur nicht das Sprachproblem: „Säch- wirklich Überlebenshilfe für Studenten ohne Westimporte werden die Hochschu-
sisch, das geht gar nicht“, sagt die Studi- oder doch eher ein Marketing-Gag der len schrumpfen oder schließen müssen.
enanfängerin, geboren und aufgewachsen Universität ist: Eine Trendwende bezeugt Mecklenburg-Vorpommern schaltete in
270 Kilometer weiter westlich, in Gießen. er allemal. Zwanzig Jahre nach der Ein- den neunziger Jahren große Anzeigen in
Zeitungen. Sachsen schickt seit 2008 ei-
nen Truck auf PR-Tour, unter anderem
Die neuen Bildungsländer 42% nach Bayern: „Pack dein Studium“. Und
Anteil der Studienanfänger aus Westdeutschland (inklusive Berlin) neuerdings haben sich die Ostländer
in Prozent 40
36 % zusammengetan, um unter dem Motto
Alle Hochschularten; jeweils Studienjahr oder Wintersemester; „Studieren in Fernost“ gemeinsam zu
2009 und 2010 teilweise vorläufig
29 % 30
trommeln. Die Uni Leipzig holte schon
Quelle: Wissenschaftsministerien, 27 %
Statistische Landesämter Erstsemester im Trabi an deren Wohnort
ab, die Uni Rostock ließ Interessierte mit
mind. 20 % Robben schwimmen. Sogenannte Cam-
20
pus-Spezialisten sollen im Netzwerk schü-
lerVZ anderen Westkindern erzählen: So
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schlimm ist’s gar nicht im Osten.
Sachsen Thüringen Sachsen- Mecklenburg- Brandenburg Ob die neuen Rekordzahlen auf diese
Anhalt Vorpommern Aktionen zurückzuführen sind, kann nie-
0
mand sicher sagen. Franz Häuser, lang-
2005 2010 2010 2010 2010 2010 jähriger Rektor der Universität Leipzig,
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Deutschland

MARTIN JEHNICHEN
Studentin Stoffner in Halle: „Meine Freunde kommen nicht mal zu Besuch“

glaubt nicht daran. Die Werbung sei al- ländern kommen erst noch. Vom Wegfall
bern und unnötig, „wir brauchen diesen des Wehr- und Zivildiensts ganz zu
Klamauk nicht“, sagt er. Ostdeutsche Uni- schweigen, der zusätzlich Zehntausende
versitäten könnten auch anders überzeu- früher als gedacht an die Hochschulen
gen. Leipzig etwa habe gerade erst einen führen wird.
neuen Campus in der Innenstadt eröffnet, Wenn immer mehr Wessis nun in den
mit einer neuen Mensa und einer neuen Osten ziehen, dann treibt sie also wohl
Bibliothek, die rund um die Uhr geöffnet nicht nur die Neugier. Das Studium in
hat, sieben Tage die Woche. den neuen Ländern ist zudem finanziell
Und Leipzig ist kein Einzelfall. Als höchst attraktiv. Studiengebühren gab es
Sabine Stoffner, 26, vor fünf Jahren aus nie, niedrige Lebenshaltungskosten schon
Baden-Württemberg nach Halle zog, um immer. „Ein Leben wie hier könnte ich
Prähistorische Archäologie zu studieren, mir in Bayern niemals leisten“, sagt Da-
lernte sie schnell die im Vergleich zum vid Gilch, 21, der vor wenigen Wochen
Westen modernere Ausstattung schätzen, aus Amberg in der Oberpfalz nach Halle
die kleinen Kurse, die engagierten Do- zog, um dort Betriebswirtschaftslehre zu
zenten. Ihr Bruder erzählte ihr von Pro- studieren. Seine Freunde hatten ihn vor
fessoren in München, die Mitarbeiter zu Ostdeutschland gewarnt: Mach es nicht,
Vorlesungen schickten, statt selbst zu un- dort ist es dreckig, dort sind nur Nazis.
terrichten. In Halle hingegen antworteten Gilch weiß es heute besser: „Die Bedin-
Professoren auf E-Mails fast immer am gungen sind einfach gut.“
selben Tag. „Ich habe meine Entschei- Zu den Westimporten zählen freilich
dung, in Halle zu studieren, nie bereut“, auch einige, die nicht aus hehren Moti-
sagt Stoffner. Nur zu Hause müsse sie ven kommen. So hat sich ein 26-Jähriger,
sich rechtfertigen. „Meine Freunde kom- der seinen Namen aus gutem Grund
men nicht mal zu Besuch.“ nicht nennen will, nach seinem Politik-
Tatsächlich bieten viele ostdeutsche abschluss in München nun für ein Ma-
Hochschulen exzellente Studienbedingun- thematikstudium in Greifswald einge-
gen. „In die Ausstattung ist nach der Wen- schrieben. Er studiert damit ein Fach, an
de viel investiert worden, was sich immer dem er kein Interesse hat, und er studiert
noch positiv auswirkt“, sagt Cort-Denis in einer Stadt, die er noch nie gesehen
Hachmeister vom Centrum für Hoch- hat.
schulentwicklung. Vor wenigen Wochen „Aber ich wahre für 50 Euro im Semes-
haben die Hochschulberater aus Güters- ter den Studentenstatus, kann mich güns-
loh eine Sonderauswertung ihres bekann- tig versichern und muss in meinem Job
ten Rankings veröffentlicht. Die Studie- weniger Steuern bezahlen“, sagt der Dau-
renden bewerteten die Ausstattung ihrer erstudent. Zur Einschreibung habe er
Hochschulen. Die fünf neuen Länder be- nicht einmal persönlich erscheinen müs-
legen die Plätze eins bis fünf. sen. „Das ging ganz einfach per Post.“
Im Westen dagegen sind die Hochschu- In studentischen Internetforen wird der
len schon jetzt überfüllt, am vergangenen Trick schon seit einiger Zeit diskutiert.
Mittwoch erst hat das Statistische Bundes- „Schreib dich in Greifswald ein“, erläutert
amt einen neuen Studentenrekord ver- ein angehender Lehrer in einem Forum,
kündet: 2,2 Millionen. Dabei dürfte die „günstiger geht’s nirgends in der Bi-Ba-
Not noch größer werden. Die doppelten Bundesrepublik.“ F���X H�����,
Abiturjahrgänge aus den großen Bundes- M�X������� P���, M����� V������

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