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Gespräche mit Gespenstern: Gehen, ging, gegangen und Homers Odyssee

In Jenny Erpenbeck’s Gehen, ging, gegangen beschreibt die Autorin, wie der emeritierte

Professor Richard die Flüchtlinge aus dem besetzten Oranienplatz kennenlernt. Denn Richard ist

Professor Klassischer Philologie gibt es viele klassische Hinweise, besonders auf die Odyssee.

An der Seite 29 lernt der/die Leser*in, dass das elfte Richards Lieblingskapitel der Homers

Odyssee ist. Obwohl dieser Satz könnte scheinen, eine bloße Trivialität zu sein, hat es eigentlich

richtige Auswirkungen zum/zur informierten Leser*in auf den Rest des Buchs. Im elften Kapitel

der Odyssee steigt der Odysseus in die Unterwelt ab, um mit dem toten Prophet Teiresias zu

sprechen, und um von ihm beraten zu werden. Dieser kleine Hinweis, nur ein einzelner Satz

inzwischen den Beschreibungen des Alltags des Richards, kann als Vergleich mit Richards Reise

in die Hauptmann Schule verstanden werden. Dieser Hinweis gilt nicht nur für die Schulreise,

sondern auch für Richards Oranienplatzbesuch und mehrere anderen Passagen. Mit diesem

Vergleich kann der/die Leser*in einfacher das Schicksal der Geflüchteten verstehen. Es gibt

auch andere Hinweise auf die Odyssee und andere klassische Werke, z.B. Ovid, aber dieser von

der Odyssee ist am klarsten und am erkennbarsten. Der Vergleich zwischen den Geflüchteten

und den Gespenstern der Unterwelt ist der wichtigste Punkt dieser Analyse zum Thema des

Buchs, weil es ihre gezwungene Ruhe, ihre Hilflosigkeit zu ihrer Situation, die Unkenntnis ihrer

Bedrängnis von den meisten Menschen, die Unsicherheit und Vergänglichkeit ihrer Zustände und

auch ihre Trennung von dem Rest der Gesellschaft betont.

Am Anfang des elften Buchs der Odyssee siegelt Odysseus durch den Fluss Okeanus,

zum Land der Kimmerischen Leute, wo die Sonne nicht scheint und die Leute in totaler

Dunkelheit leben (Homer XI.13-19). Zu dem Okeanus gibt es ein möglicher Hinweis an der

Seite 44, wo, während er an einer Bank am Oranienplatz sitzt, Richard sich an den ehemaligen
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Kanal erinnert. Dieser Okeanus gilt als Grenz und Übergang von der Welt der Lebenden zu der

der Toten, also könnte man den Oranienplatz nicht nur als Symbol für diese labile und

vergängliche Zeit in den Leben der Geflüchteten, sondern auch als Übergangpunkt zu der

Hauptmann Schule verstehen.

A.T. Murrays Übersetzung erzählt wie in diesem Land „’horrid darkness is spread over

wretched mortals’“ (Murray 401). Richards Reise in die Hauptmann Schule wird auch von

Dunkelheit und Schatten überwindet. Das sechste Kapitel beginnt: „Als Richard die Schule im

Berliner Bezirk Kreuzberg endlich gefunden hat, dämmert es schon. Eine Außenbeleuchtung

gibt es auf dem ehemaligen Schulhof nicht, so dass er die schwarzen Gestalten...kaum von der

nächtlichen Luft unterscheiden kann“ (Erpenbeck 35). Diese Dunkelheit in beiden Zitaten zeigt

eine düstere Vorahnung über die kommenden Ereignisse und über die Schicksale der

Einwohner*innen. In der Unterwelt von griechischer Mythologie ist das Feld der Asphodelien

ein Ort von Trübsinn, wo einige Gespenster für die ganze Ewigkeit wandern müssen. In

„Homer’s Asphodel Field“ beschreibt Autor Steve Reece das Sinn und das Gefühl dieses Feldes:

„The three passages in which Hades features [the Fields of Asphodel]...portray a gloomy,

mirthless place...This is Hades—dark, dank, and sunless--...where disembodied and senseless

spirits of the dead weep and wail pathetically...and flit about purposelessly like shadows or

dreams...“ (Reece 390). Es ist klar, dass dieses ein Ort von der Traurigkeit und der Verzweiflung

ist, aber es ist auch ein Ort von Untätigkeit. Sowohl die Geister als auch die Geflüchteten sind

verschüttet und müssen untätig bleiben. Der große Unterschied zwischen den Geistern und den

Geflüchteten liegt darin, dass die Geflüchteten nichts Falsches getan haben. Die Geister des

Asphodeliengrunds nichts besonders Gutes oder Böses in ihren Leben getan haben, und so

verbringen sie die Ewigkeit in der Schwebe. Während sie lebten, hatten sie die Wahl, gut oder
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böse zu sein. Die Flüchtlinge hatten keine Wahl und waren die Opfer*innen ihrer Zustände.

Trotzdem liegt die Ähnlichkeit in der Hilflosigkeit und Trübsinn ihrer Situationen, und das

Gefühl, als sei man im Gefängnis und auch, dass weder die Geflüchteten noch die Gespenster

dasselbe Leben wie zuvor (oder ein Leben überhaupt) haben dürfen.

Durch das ganze Buch gibt es das Thema von dem Schweigen der Unterdrückten

entweder denn man weigert sich, zu sprechen, oder denn niemand kümmert sich mit ihnen zu

sprechen. Dieses Thema ist am wichtigsten für diese These um die Ähnlichkeit zwischen den

Geistern der Unterwelt und den Flüchtlingen. Im elften Buch der Odyssee bietet das Blut eines

Schafbocks zum Trinken, aber er erlaubt nur Teiresias zu trinken (Homer XI.32-3). Der

Übersetzter A.T. Murray beschreibt die verschiedene Gespenster so: „’Then there gathered from

out of Erebus the ghosts of those that are dead, brides, and unwed youths, and toil-worn old men,

and frisking girls with hearts still new to sorrow, and [...] men slain in battle [...] and pale fear

seized me’“ (Murray 403). Viele Gespentster versuchen, das Blut zu trinken, aber Odysseus

verleugnet ihnen den Unterhalt. Nachdem Teiriseias das Blut trinkt, sagt er: „’Whoever of those

that are dead and gone you shall allow to approach the blood, he will speak truly to you; but

whomever you refuse, he will go back again’“ (Murray 411). Dieses Zitat ist vor allem wichtig,

weil es die Probleme spiegelt, die die Flüchtlinge erfahren, wenn sie versuchen, mit

Nichtgeflüchteten zu reden. Wegen sowohl ihrem Lebensplatz am Oranienplatz oder in der

Hauptmann Schule als auch ihrer Hautfarbe sind sie möglicherweise erkennbar als Flüchtlinge.

Weil alle Menschen, gleichgültig wie gut gesinnt, Vorurteile haben, ist es wahrscheinlich, dass

die meisten Leute vermuten, dass die Geflüchteten etwas von ihnen wollen, Geld, Arbeit, oder

sowas. Es gibt Beweis dieser Angst, wenn Menschen verschiedene Entschuldigungen anbieten,

um den Geflüchteten nicht zu helfen: „Weiß man da, ob die uns nicht die Einrichtung
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zerschlagen?“ „Das Problem insgesamt wäre damit ja nicht gelöst.“ „In der Nachbarschaft gibt

zu viele Nazis.“ „Das lohnt sich ja nicht – es gibt doch so viele von denen“ (Erpenbeck 331).

Also im Fall Erpenbecks Erzählung dürfen die Flüchtlinge die Allgemeingesellschaft direkt nicht

wirklich anreden. Es gibt diese Trennung zwischen den Geflüchteten und den Nichtgeflüchteten,

sowie zwischen den Toten und den Lebenden in der Odyssee.

Jedoch gibt es in Erpenbecks Buch auch die Leute, die sich weigern, zu sprechen, um

erkannt zu werden: die Protester. Richard vergleicht diese Leute mit dem Odysseus, als der sich

„Niemand“ benennt (Erpenbeck 31-2). Ein noch besseres Beispiel existiert aber auch im Buch

XI, wo der Geist des Aias sich weigert, mit dem Odysseus zu sprechen. In diesem Vergleich

erkennen wir Aias lieber als Odysseus als gleich mit den Protestern. Murray übersetzt:

‚Alone of [the spirits] the spirit of Aias, son of Telamon, stood apart, still full of wrath for

the victory that I had won over him in the contest by the ships for the arms of Achilles...I

spoke, but he answered me not a word...he might have yet spoken to me for all his wrath,

or I to him, but the heart in my breast desired to see the ghosts of those others that are

dead and gone.’ (Murray 440-1)

Erstens hat Aias sich wegen der Schande umgebracht, weil Odysseus ihn im Ringkampf

geschlagen hat, und weil Odysseus die Waffen des Akhilleus verliehen wurde. Odysseus schämt

sich nicht darüber: „’...For you in death we Achaeans sorrow unceasingly...Yet no other is to

blame but Zeus, who bore terrible hatred against the army of Danaan spearmen, and brought

on you your doom’“ (emphasis mine) (Murray 441). John Heath liest diese Stelle so: „The

narrator [Odysseus] wishes to show his audience...that it was Ajax’ intransigence, his inability to

control his heroic temper...that was the source of the problems between the two of them...“

(Heath 395). Also verleugnet der Odysseus die Verantwortlichkeit für den Tod/Selbstmord
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seines Genossen und Kriegsgefährten, wie der Staat Verantwortlichkeit für seine geflüchteten

Einwohner*innen verlassen hat. Der Aias, der schweigt, um sein Missfallen zu zeigen, ist in

diesem Sinne wie die Männer, die am Alexanderplatz schweigen und protestieren, um in

Deutschland zu bleiben und Arbeit zu bekommen (Erpenbeck 18).

In dem obererwähnten Zitat mit der Sammlung der Geister bekommt der/die Leser*in

eine sehr kurze Beschreibung jedes Geistes, um die Gruppe zu charakterisieren und deren

Vielfalt zu zeigen. Auch später im Buch XI spricht der Odysseus mit bekannten weiblichen

Geistern aufeinander folgend, einem Katalog berühmter Frauen. Der Odysseus verbringt fast ein

hundert Linien, um das zu erzählen. Es gibt so viele Beispiele, einschließlich der Tyro, der

Antiope, der Alkmene und so weiter, dass man alle die Frauen kaum unterscheiden kann (Homer

XI.235-327). Der Richard macht eine irgendwie ähnliche Liste von den Geflüchteten, die er

kennengelernt hat (Erpenbeck 327). Als die Namen verzeichnet werden, einige Eigenschaften

dieser Figuren hinzugefügt werden. Man kann annehmen, dass Erpenbeck so macht, weil sie die

individuellen Flüchtlinge unterscheiden will, aber es hat einen gegenteiligen Effekt. Natürlich ist

die Liste lang, weil es so viele Flüchtlinge gibt. Jedoch gibt es so viele genaue Details und so

viele Namen, dass es viel zu einfach ist, diese Namen und Details durcheinanderzubringen. Also

trotz Erpenbecks Versuch die Geflüchteten zu individualisieren bleiben sie irgendwie leider

anonym.

Außer seinem nämlichen Beruf >>Hero<< wird Odysseus als Retter charakterisiert. Der

erste Geist, der sich ihm nähert, ist Elpenor, der Jüngste der Besatzung des Odysseus, dessen die

Leiche auf der Insel Aeaea liegt. Murray übersetzt: „’There, then, my lord, I bid you remember

me. Do not, when you depart, leave me behind unwept and unburied and turn away...burn me

with my armor...and heap up a mound for me...in memory of an unlucky man...’“ (Murray 405).
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Der Odysseus schwört, Elpenor zu begraben, damit er ein echtes Begräbnis haben kann. So

rettet Odysseus die Seele des Elpenors.

Wenn diese selbe Analogie benutzt wird, wird Richard dann auch Retter. Was mit dieser

These natürlich problematisch ist, ist, dass Richard, der alte weiße wohlhabende Professor, als

Held im Vergleich zu den geopferten Flüchtlingen charakterisiert wird. Odysseus und Elpenor

waren Genossen; das genaue Word „comrade“ wird mehrmals von Murray in seiner Übersetzung

benutzt (Murray 406-7). Natürlich gehörten sie zu unterschiedlichen Graden in der Besatzung,

mit dem Odysseus als Kapitän, aber trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen ihrer

Beziehung und der Beziehung zwischen dem Richard und den Geflüchteten. Richard kommt aus

einem Hintergrund großes Sonderrechts, denn er ist weiß, während die Flüchtlinge

Unterdrückung erfahren, denn sie sind nicht. Das erschafft eine Machtdynamik, und deshalb ist

es problematisch, Richard als Held zu charakterisieren, als der Retter dieser armen Afrikanischen

Flüchtlinge.

Peggy McIntosh diskutiert in ihrem Artikel „White Privilege: Unpacking the Invisible

Knapsack“ die Privilegien, die weiße Menschen haben und oft nicht erkennen. Sie erklärt:

„Whites are taught to think of their lives as morally neutral, normative, and average, and also

ideal, so that when we work to benefit others, this is seen as work that will allow ‚them’ to be

more like ‚us’“ (McIntosh 1). Am Ende des Buches hat Richard vielen von den Geflüchteten

irgendwie geholfen, indem er Unterkunft für sie findet. Dieses ist eine zwar gewaltige Hilfe zu

den Geflüchteten, die in einer verzweifelten Situation waren, aber es ist wesentlich, dass der/die

Leser*in sich erinnert, dass Richard aus einem Ort der Weißprivilegien kommt, und dass er sich

entscheidet, den Flüchtlingen zu helfen, weil er zu viel Zeit nach der Pensionierung von einem

erfolgreichen Beruf hatte.


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Diese Thesen und Vergleiche mit dem elften Gesang der Odyssee wurden im Prinzip

genommen aus einem einzelnen Satz von dem Buch, aber sie könnten auch eine große und auch

eine ernste Konsequenz habe, wenn sie missdeutet werden. Obwohl die altgriechische Unterwelt

nicht als ein insgesamt schrecklicher Ort verstanden wurde, gibt es unsere heutigen unrichtigen

Assoziationen mit der christlichen Hölle und mit feuriger Qual. Es gibt bestimmt Gebiete in der

altgriechischen Unterwelt, die zu der Qual der Bösen Seelen gewidmet sind, wie Tartaros.

Jedoch gibt es auch Elysium und die Inseln der Seligen, auf denen nur Helden und die

frommsten Seelen wohnen dürfen. Fast alle die Seelen, die Odysseus sich begegnet, wandern

auf dem Asphodeliengrund, das ein neutrales Gebiet ist. Es ist notwendig, dies zu erklären, weil

diese These keineswegs vorhat, zu implizieren, dass die Flüchtlinge für ihre Zustände

verantwortlich sind, oder dass sie irgendwie ihre Zustände verdient haben. Das Ziel war lieber,

die Behandlungen der Gespenster und der Geflüchteten zu vergleichen, und zu beobachten,

inwieweit die Autorin Jenny Erpenbeck diesen Vergleich streckt, oder ob dieser Vergleich

überhaupt vorgehabt war.

Durch das Vergleichen zwischen den Geflüchteten und den Gespenstern wird die

Charakterisierung der Geflüchteten als eine gefangene, stimmlose und ignorierte Gruppe klarer.

Obwohl die Analogie mit dem weißen privilegierten Mann als Heldfigur problematisch wird,

stimmt es, dass weiße Männer in dieser Gesellschaft die meiste Macht haben, und auch, dass

Richard diese Macht für das Gute einer unterdrückten Gruppe verwendet. Der Hinweis auf die

Odyssee, auf dem diese These gründet, mag nicht besonders auffällig sein, aber trotzdem mit

einer engeren Lesung der zwei Texte kann man ein besseres und genaueres Verständnis von den

beiden finden.
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Bibliographie

Erpenbeck, Jenny. Gehen, Ging, Gegangen: Roman. München: Albrecht Knaus Verlag, 2015.
Print.

Heath, John. "Blood for the Dead: Homeric Ghosts Speak Up." Hermes 133. Jahrg..H. 4 (2005):
389-400. JSTOR. Web. 17 May 2016.

Homer, A. T. Murray, and George E. Dimock. "Book XI." The Odyssey. Cambridge, MA:
Harvard UP, 1995. N. pag. Print.

McIntosh, Peggy. "White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack." White Privilege and
Male Privilege: A Personal Account of Coming to See Correspondence through Work in
Women's Studies (1988): n. pag. Web. 16 May 2016.

Reece, Steve. "Homer's Asphodel Meadow Ἀσφοδελόσ / Σφοδελόσ."Homer's Winged


Words (n.d.): 261-72. Web.