Sie sind auf Seite 1von 2

12/10/2016 Druckversion ­ Jurist oder Putschist?

 | Telepolis

Jurist oder Putschist?
09.12.2016  –  Harald Neuber

In Deutschland lebende Brasilianer und Gewerkschafter haben Proteste gegen den Vortrag
eines Juristen aus Brasilien[1] an der Universität Heidelberg am heuten Freitagabend
angekündigt. Sie werfen dem Bundesrichter Sergio Moro vor, Ermittlungen gegen den
ehemaligen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva aus einer politischen Motivation heraus
beeinflusst zu haben. Auch soll Moro interne Informationen an Medien weitergegeben haben.

Während der Jurist an der Uni Heidelberg einen Vortrag über Korruption in Brasilien hält,
läuft daher gegen ihn selbst ein Verfahren. Im Falle einer Verurteilung würde ihm die
Arbeitserlaubnis entzogen, zudem drohten ihm bis zu sechs Monate Haft. Das Max­Weber­
Institut für Soziologie an der Uni Heidelberg kündigte Moro dessen ungeachtet als
"Korruptionsbekämpfer" an.

Dabei soll der Jurist im Verfahren gegen Lula da Silva seine Kompetenzen erheblich
überschritten[2] haben. Moro wird beschuldigt, im vergangenen März ohne ausreichende
rechtliche Grundlage den Ex­Präsidenten zu einem dreistündigen Verhör abgeführt sowie
Hausdurchsuchungen in privaten und Arbeitsräumen der Familie da Silva angeordnet zu
haben. Hierbei waren mehr als 200 Polizisten im Einsatz. Die vorübergehende Festnahme
und das Verhör da Silvas seien "unverhältnismäßig und missbräuchlich" und daher
unrechtmäßig gewesen, da er sich keiner richterlichen Vorladung zur Aussage im
Korruptionsfall Fall Lava Jato um den halbstaatlichen Erdölkonzern Petrobras widersetzt
hatte, so Lula da Silvas Anwälte.

In einem offenen Brief[3] haben sich inzwischen gut zwei Dutzend Wissenschaftler aus
Brasilien an Prof. Dr. Markus Pohlmann von der Uni Heidelberg gewandt, der den Brasilianer
eingeladen hatte. "Moro verfolgt offenbar nur ein Ziel: den Ex­Präsidenten Lula da Silva
festzunehmen", heißt es in dem Schreiben.

Die "illegale Zwangsvorführung" des ehemaligen Präsidenten werde derzeit von einem UN­
Gremium untersucht. Mit der Veröffentlichung abgehörter Telefongespräche zwischen Lula
und Präsidentin Rousseff wenige Stunden vor Lulas Ernennung zum Präsidialamtsminister
sei Moro zudem politischen Motiven gefolgt. Die Veröffentlichung der Abhörprotokolle und
das Senden dieser Gespräche an den rechtsgerichteten Fernsehsender Rede Globo TV
"lassen keinen Zweifel an der Parteilichkeit des Bundesrichters". Moro habe von demselben
Sender zudem Auszeichnungen erhalten und in seinem Nachrichtenmagazin offen politisch
Stellung gegen die Regierungen von Lula da Silva und Rousseff bezogen.

https://www.heise.de/tp/news/Jurist­oder­Putschist­3567698.html?view=print 1/2
12/10/2016 Druckversion ­ Jurist oder Putschist? | Telepolis

Kritiker in Deutschland verwiesen indes darauf, dass der Jurist zwar gegen Mitglieder der
linksgerichteten Arbeiterpartei von Lula da Silva und Moro vorgeht, nicht aber gegen
Vertreter der Partei PSDB, die am Sturz Rousseffs beteiligt war. Von der PSDB sind die
Politiker Aécio Neves, Antonio Anastasia, Fernando Henrique Cardoso, José Serra und
Sergio Guerra (2014 verstorben) in den Korruptionsskandal verwickelt.

Auf Anfragen des Lateinamerika­Portals amerika21 verteidigte Pohlmann vom Max­Weber­
Institut die Einladung Moros. Der brasilianische Jurist werde im Rahmen einer
wissenschaftlichen Konferenz sprechen, auf der es sich um Korruption und
Korruptionsbekämpfung dreht und unter anderem der Petrobras­Fall aus einer
wissenschaftlichen Perspektive beleuchtet werde. "Da er als Bundesrichter mit dem Fall
betraut war, wollen wir ihn als Experten dazu anhören", so Pohlmann.

Die Kritiker besänftigt das nicht. "Die verbreitete Korruption im Land muss aufgearbeitet und
beendet werden. Dabei hat die Justiz neutral zu sein und nicht den Interessen der politischen
Machthaber Vorschub zu leisten", heißt[4] es seitens des Arbeitskreises Solidarität mit
brasilianischen Gewerkschaften beim Deutschen Gewerkschaftsbund in Mannheim. Moro
gelte in Brasilien schlichtweg als ein PSDB­naher Bundesrichter, der eine politische
Kampagne anführt.

Die Kritik scheint bei den Organisatoren der Veranstaltung durchaus Gehör zu finden, auch
wenn sie öffentlich an der Einladung festhalten. Auf der Seite des Max­Weber­Instituts wird
Sérgio Moro inzwischen nicht mehr als "einer der renommiertesten Korruptionsbekämpfer"
vorgestellt, sondern als "ein umstrittener Korruptionsbekämpfer". Geändert wurde der Text
am Mittwoch, einen Tag nach Publikation des offnen Briefes der brasilianischen
Wissenschaftler.

URL dieses Artikels: 
http://www.heise.de/­3567698

Links in diesem Artikel: 
[1] https://www.soz.uni­heidelberg.de/?p=3478 
[2] https://amerika21.de/2016/11/164411/lula­zeigt­moro 
[3] https://amerika21.de/dokument/165521/sergio­moro­kritik­heidelberg
[4] https://rhein­neckar.verdi.de/vor­ort/zukunftsforum/++co++2d9c7398­a35c­11e2­ 

 
Datenschutzhinweis  Impressum  Kontakt  Mediadaten  2104374 Content Management by InterRed
Copyright © 2016 Heise Medien

https://www.heise.de/tp/news/Jurist­oder­Putschist­3567698.html?view=print 2/2