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Inhaltsverzeichnis

Einleitung……………………………………………………………………2

Mills Verständnis von Verdienst…………………………………………...2

Der Zweck der Strafe……………………………………………………….4

Mills retributives Strafprinzip……………………………………………..5

Die tough-on-crime-Politik6……………………………….…………….….6

Resozialisierung und Gesellschaftsschutz…………….……….…………..7

Der beschränkte Nutzen von Abschreckungseffekten……….………….10

Das Nutzenprinzip als Maßstab………………………………..…………12

Konklusion………………………………………………………..………..13

Bibliographie……………………………………………....……………….15

1
1. Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist es, zu zeigen, dass John Stuart Mill inkohärente Anforderungen an Strafe
stellt. Dies werde ich zeigen, indem ich erst Mills Begriff des Verdienstes1, sowie danach seine
Bedingungen für gerechtfertigte Strafe kläre. Diese sind gerechte Vergeltung und entweder
Resozialisierung oder Gesellschaftsschutz oder Abschreckung. Diese Thesen werde ich
anschließend zusammenführen zu dem, was ich das retributive Strafprinzip nennen werde. Im
nächsten Schritt werde ich am Beispiel der tough-on-crime-Politik erklären, weshalb dieses
retributive Strafprinzip nicht kohärent ausführbar ist. Ich werde dies erst an der Bedingung des
Gesellschaftsschutzes und der Resozialisierung zeigen, sowie anschließend auf die Abschreckung
eingehen. Da die Bedingung der Abschreckung rein formal als erfüllt betrachtet werden kann,
werde ich im darauffolgenden Abschnitt erläutern, dass ein so geringer Effekt nicht zur
Legitimation ausreicht, weil sich das retributive Strafprinzip mit seinen Folgen am Nutzenprinzip
messen lassen muss.

Das zuvor erwähnte Nutzenprinzip besagt, dass Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch
richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie
die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück zu bewirken.“ 2 Kuenzle und Schefczyk machen
allerdings eine Millinterpretation stark, nachdem dieses Nutzenprinzip von Mill nicht zur
Evaluation von Einzelhandlungen gedacht ist, da es sich eher auf Regeln bezieht. Demnach besagt
es, „dass eine Handlung dann richtig ist, wenn sie Regeln entspricht, deren Befolgung die
Glücksmenge in der Welt möglichst groß macht“. 3 Ich vertrete hier somit eine Regel-
Utilitaristische Lesart von Mill. Diese Regeln werden nach Mill von sogenannten secondary
principles dargestellt, abgeleitete Grundsätze, die als Orientierungshilfe dienen, um die richtige
Handlung zu erkennen.4

Nach dieser kurzen Einleitung und Einführung in zentrale Begrifflichkeiten bei Mill, werde ich
mich nun der Klärung von Mills Verdienstbegriff zuwenden.

2. Mills Verständnis von Verdienst


Um Mills Verständnis von gerechtfertigter Strafe zu bestimmen, werde ich zunächst seinen
Verdienstbegriff klären, da dieser eine zentrale Position im retributiven Strafprinzip einnimmt.
Dazu möchte ich im Folgenden vier Textstellen aus Utilitarianism zitieren. Die erste ist die
paradigmatischste und längste, während die anderen uns helfen sollen, einen genaueren Griff für
Mills von Verdienst zu bekommen.

1
Der englische Begriff, auf den sich meine Erläuterungen beziehen, ist „Desert“.
2
Mill 1976: 23
3
Kuenzle/ Schefczyk 2009: 128
4
Kuenzle/ Schefczyk 2009: 208
2
Thirdly, it is universally considered just that each person should obtain that (whether good or evil) which he deserves;
and unjust that he should obtain a good, or be made to undergo an evil, which he does not deserve. This is, perhaps,
the clearest and most emphatic form in which the idea of justice is conceived by the general mind. As it involves the
notion of desert, the question arises, what constitutes desert? Speaking in a general way, a person is understood to
deserve good if he does right, evil if he does wrong; 5

Verdienst konstituiert sich aus den Handlungen einer Person, er wird retrospektiv bestimmt und
Personen verdienen entweder Gutes oder Schlechtes. Dabei sollten Personen Gutes bekommen,
wenn sie moralisch richtig gehandelt haben und Schlechtes erleiden, wenn sie moralisch falsch
gehandelt haben. Des Weiteren ist es ungerecht, wenn Personen Leid erfahren, welches sie nicht
verdienen und vice versa.

The principle, therefore, of giving to each what they deserve, that is, good for good as well as evil for evil, is not only
included within the idea of justice as we have defined it, but is a proper object of that intensity of sentiment, which
places the just, in human estimation, above the simply Expedient. 6

Dass Personen Gutes oder Schlechtes verdienen, wenn sie moralisch richtig oder moralisch
gehandelt haben, ist Bestandteil der Gerechtigkeit, sowie ein natürliches menschliches Gefühl.

If it is a duty to do to each according to his deserts, returning good for good as well as repressing evil by evil, it
necessarily follows that we should treat all equally well (when no higher duty forbids) who have deserved equally
well of us, and that society should treat all equally well who have deserved equally well of it, that is, who have
deserved equally well absolutely.7
Auch hier kommt wieder klar heraus, dass für Mill Verdienst eng verbunden ist mit der Idee, dass
Übles mit Üblem vergolten werden sollte, sowie Gutes mit Gutem. Desweiteren bildet diese auch
die Rechtfertigung für ein Prinzip der Gleichbehandlung. Dieses Prinzip ist sogar der oberste
Grundsatz einer distributiven Gerechtigkeit nach Mill.8

There are other cases in which impartiality means, being solely influenced by desert; as with those who, in the capacity
of judges, preceptors, or parents, administer reward and punishment as such. 9
Hier drückt sich das Verdienstprinzip als ein Bestandteil der Unparteilichkeit aus, welche im
Kontext der Bestrafung eine große Rolle spielt, da sie eine notwendige Eigenschaft von
rechtschaffenen Gerichten darstellt und somit auch für eine gerechtfertigte Verteilung von Strafe
notwendig ist. Ein Teil der Unparteilichkeit von Richtern, Lehrern oder Eltern stellt der Grundsatz
dar, nur in Anbetracht des jeweiligen Verdienstes der Person, Strafen und Belohnungen zu
bemessen und zu verteilen. Kuenzle und Schefczyks Interpretation nach ist es für Mill allerdings
auch möglich, das Strafmaß zu erhöhen, wenn der Abschreckungseffekt der Bestrafung als zu

5
Mill 1976: 132
6
Mill 1976: 182
7
Mill 1976: 184
8
Mill 1976: 184
9
Mill 1976: 136 [Hervorhebung von mir, M.S.]
3
gering erscheint.10 Um dieser Einschätzung Rechnung zu tragen, werde ich davon ausgehen, dass
die Bemessung von Strafe sich mindestens an dem Verdienst orientieren muss, um gerechtfertigt
zu sein, allerdings auch über diesen hinausgehen darf, um einen Abschreckungseffekt zu erzielen.

Der Begriff des Verdienstes hat also bei Mill stark retributive Züge, da Mill immer wieder
hervorhebt, dass Personen, welche moralisch falsch gehandelt haben, auch wieder Schlechtes
verdienen. Er sieht dieses Prinzip dargestellt in dem menschlichen Wunsch nach Vergeltung, und
versteht dieses Prinzip als den obersten Grundsatz einer distributiven Gerechtigkeit. Als eng
verbunden mit diesem Prinzip der Gleichheit, sieht er die Unparteilichkeit. Diese stellt eine
notwendige Eigenschaft von rechtschaffenen Gerichten dar, und äußere sich zum Beispiel darin,
dass sich diese rechtschaffenen Gerichte immer mindestens an dem Verdienst einer Person der
Bemessung der Bestrafung dieser Person leiten lassen.11

Hier anschließend stellen sich allerdings einige Fragen.


Wenn Bestrafung, wie Fassin gezeigt hat, grundsätzlich immer auch in der Zufügung von Leid
besteht12, dann scheint eine Spannung zu bestehen zwischen dem utilitaristischen Prinzip und der
Idee von Verdienst, welche Mill vertritt. Das Nebeneinander dieser beiden Prinzipien erscheint
paradox. Das utilitaristische Prinzip verlangt nach Handlungen, welche tendieren, das Glück zu
befördern, wobei unter Glück auch die Abwesenheit von Leid gefasst wird. Das Verdienstprinzip
verlangt, dass Personen welche moralisch falsch, also gegen das utilitaristische Prinzip, gehandelt
haben, mindestens in dem Maße mit Leid bestraft werden sollen, in dem sie sich schuldig gemacht
haben. Nach dem ursprünglichen Verstoß gegen das utilitaristische Prinzip, welcher Leid
verursachte, gesellt sich also ein weiteres Leidverursachendes Moment, nämlich die Bestrafung
nach dem retributiven Strafprinzip. Allerdings kommt noch erschwerend hinzu, dass die
Bestrafung, und somit das zugefügte Leid, härter wird, je größer das zuvor begangene Unrecht
war. Die Beweislast wird also in dem Maß größer für Mills Thesen, indem dieses retributive
Strafprinzip die Zufügung von Leid für verursachtes Leid fordert. Ich werde im darauffolgenden
Abschnitt zeigen, dass Mills Argumentation, um Bestrafung gemäß diesem retributiven
Strafprinzip zu rechtfertigen, dieses Gewicht nicht tragen kann.

3. Der Zweck der Strafe

Eine gerechtfertigte Strafe ist nach Mill eine, deren Zweck gerechtfertigt ist.13 Um zu klären, worin
für Mill so ein gerechtfertigter Zweck besteht, werde ich im Folgenden einen sehr langen
Textausschnitt zitieren, welcher meiner Meinung nach allerdings sehr aufschlussreich für die
Beantwortung diese Frage ist.
If, on the contrary, the impression is strong in his mind that a heavy punishment will follow, he can, and in most cases
does, help it. […] To punish him for his own good, provided the inflictor has any proper title to constitute himself a
judge, is no more unjust than to administer medicine. As far, indeed, as respects the criminal himself, the theory of

10
Kuenzle/ Schefczyk 2009: 160
11
Mill 1976: 134f.
12
Fassin 2018: 84f.
13
Mill 1979: 388
4
punishment is, that by counterbalancing the influence of present temptations, or acquired bad habits, it restores the
mind to that normal preponderance of the love of right, which smanys moralists and theologians consider to constitute
the true definition of our freedom.* In its other aspect, punishment is a precaution taken by society in self-defense.14

Mill identifiziert hier drei verschiedene Zwecke von Strafe. Resozialisierung des Täters, Schutz
der Gesellschaft vor dem Täter, sowie Abschreckung des Täters und von potentiellen Straftätern.

Es ist zu vermuten, dass die Strafformen, welche Mill hier im Sinn hatte, vor allem Freiheitsstrafen
sind, da sich diese im Laufe des 18. und 19. Jhd. als vorherrschende Praxis durchsetzten15, sowie
die Todesstrafe, da er sich gegen deren Abschaffung eingesetzt hatte16.
Welche Eigenschaften aber besitzt nun eine gerechtfertigte Strafe?
Punishment proceeds on the assumption that the will is governed by motives. If punishment had no power of acting
on the will, it would be illegitimate, however natural might be the inclination to inflict it. […] There are two ends
which, on the Necessitarian theory, are sufficient to justify punishment: the benefit of the offender himself, and the
protection of others. The first justifies it, because to benefit a person cannot be to do him an injury. […] To make this
just, the only condition required is, that the end which society is attempting to enforce by punishment, should be a just
one. Used as a means of aggression by society on the just rights of the individual, punishment is unjust. Used to protect
the just rights of others against unjust aggression by the offender, it is just. If it is possible to have just rights, (which
is the same thing as to have rights at all) it cannot be unjust to defend them.17
Unter einer gerechtfertigten Strafe versteht Mill also, dass sie einem gerechtfertigten Ziel dient,
wobei unter gerechtfertigtem Ziel die Verteidigung der Rechte von Personen verstanden wird.
Diese Verteidigung kann bei der Bestrafung die Gestalt einer Resozialisierung, eines Schutzes der
Gesellschaft, oder eines Abschreckungseffektes annehmen.
Umgekehrt bedeutet dies, dass Strafe, wenn sie nicht nachweisen kann, auch nur einen dieser
Effekte zu haben, ungerecht ist, da sie dem Bestraften Leid zufügt, ohne einem dieser Zwecke zu
dienen.
Ich werde im Folgenden Mills Verständnis von Verdienst und sein Verständnis einer
gerechtfertigten Strafe zusammenführen, um im darauffolgenden Abschnitt die Plausibilität seiner
Thesen empirisch zu überprüfen.

4. Mills retributives Strafprinzip

Weiter oben, in Abschnitt 4, habe ich drei Eigenschaften identifiziert, von denen eine Bestrafung
mindestens eine erfüllen muss, um gerechtfertigt zu sein. Diese Eigenschaften wären wie oben
erwähnt eine Abschreckungswirkung, ein resozialisierenden Effekt auf den Bestraften, sowie ein
Schutz der Gesellschaft.
Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Strafe dem Täter mindestens so viel Leid zufügen
muss, wie er verursacht hat, und einen der drei zuvor beschriebenen Effekte (Abschreckung,

14
Mill 1979: 388
15
Höflich/ Schriever 1996:1
16
De Musset 1869: 430
17
Mill 1979: 388f.
5
Resozialisierung, Gesellschaftsschutz) bewirken muss, um gerechtfertigt zu sein. Ich werde diese
Auffassung im Weiteren das retributive Strafprinzip nennen.
Im Folgenden möchte ich zeigen, dass sich diese Anforderungen nur sehr beschränkt kohärent
zusammenbringen lassen, wenn man Mills Prämissen empirisch prüft. Im darauffolgenden
Abschnitt werde ich dann erläutern, weshalb sich keine Bestrafung bei Mill rechtfertigen lässt,
wenn man unsere bis dahin gewonnenen Betrachtungen unter dem Lichte des Nützlichkeitsprinzip
bewertet.
Da Mill fordert, dass Bestrafungen den Tätern Leid zufügen müssen, und die Strafen gleichzeitig
gewisse soziale wünschenswerte Effekte haben müssen, um gerechtfertigt zu sein, werde ich im
Folgenden prüfen, inwiefern sich diese Ansprüche zusammenbringen lassen. Ich werde zu diesem
Zweck exemplarisch die Auswirkungen der sogenannten tough-on-crime- und Zero-Tolerance-
Politik aufzeigen, welche etwa seit den 1960er Jahren in den USA der Strafverfolgung zugrunde
liegt. Bindzus und Martens attestieren dem US-amerikanischen Strafvollzug kein einheitliches
Vollzugsziel, da den Zielen „Abschreckung (deterrence), Resozialisierung (rehabilitation), Schutz
der Gesellschaft (social protection), gerechte Vergeltung (just deserts, justice, retribution)
unterschiedliche Bedeutung und Wert beigemessen“ wird, welche ihnen zufolge dieser Strafpraxis
zugrunde liegt. 18 Hier lässt sich erkennen, dass diese tough-on-crime-Politik eine
Strafverfolgungspraxis nach Millschem Verständnis darstellt, da die vier Zwecke mit den
Millschen Legitimierungsgrundlagen übereinstimmen.

Mit dem Aufzeigen der Negativfolgen dieser tough-crime-Politik möchte ich die Plausibilität von
Resozialisierung und Gesellschaftsschutz als Effekte von retributiver Strafe untergraben. Mein
Argument kann selbstverständlich kein zwingend gültiges an dieser Stelle sein, da die tough-on-
crime-Politik nur als Beispiel für eine Strafverfolgung nach dem retributiven Strafprinzip dienen
kann. Ich werde als erstes einen Überblick geben, was diese tough-on-crime-Politik beinhaltete
und anschließend auf ihre Folgen im Allgemeinen und schließlich im Speziellen eingehen.
Abschließend werde ich erläutern, inwiefern diese Effekte Mills Thesen schwächen.

5. Die tough-on-crime-Politik

Mit der wachsenden Besorgnis von Politikern aus beiden Lagern durch Aufstände, sowie einen
Anstieg von Gewalt und Drogenkonsum, wurde als einhellige Reaktion die Anzahl von Polizisten
in Städten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts massiv erhöht - in Philadelphia
beispielsweise um 67 Prozent.19 In den 1980er Jahren wurden härtere Strafen für Drogen, sowie
Gewaltdelikte eingeführt, auch als Reaktion auf die wachsenden Probleme durch die Ausbreitung
von Crack. Zwar sind in den 1990ern Kriminalität und Gewalt beständig weniger geworden,
jedoch wurde diese später als Zero-Tolerance-Politik bekannte Strategie beibehalten und
ausgebaut.20 Denn ebenso in den 1990ern wurden mit dem Violent Crime Control Act und dem

18
Bindzus/ Martens 2008: S.31
19
Goffman 2016: 18
20
Beckett 2007: 73, Simon 2007: 241
6
Law Enforcement Act massiv Geldmittel für mehr staatliche und bundesstaatliche Polizeibehörden
zur Strafverfolgung bereitgestellt, sowie fünfzig neue Straftatbestände geschaffen und im
Bundesrecht verankert. Ebenso führte diese Politik unter der Bush-Regierung zu weiteren
Verschärfungen der Strafen für Gewalt- und Drogendelikte, aber auch für Landstreicherei,
Prostitution und Glücksspiel.21
Dieses Paket an Maßnahmen führte, unter Anderem zusammen mit Kürzungen der finanziellen
Unterstützung von armen Familien und der maximalen Bezugsdauer von Leistungen, zu einer
beispiellosen Inhaftierungswelle. Von den 1970ern bis zum Jahr 2000 war die Anzahl der
Inhaftierungen um das Fünffache angestiegen. 2014 war diese Inhaftierungsrate höher als die aller
westeuropäischen Staaten sowie die höchste in der Geschichte der USA. Zum Vergleich: Von
100000 Einwohnern in den USA waren 2004 724 inhaftiert, in Deutschland lag diese Zahl 2003
bei 97.22 Allerdings sind vor allem arme und schwarze Menschen von dieser Masseninhaftierung
betroffen, wie der Soziologie David Garland diesen Prozess genannt hat.23 13 Prozent schwarze
Menschen in der US-Bevölkerung stehen 37 Prozent in den Gefängnissen gegenüber.24 Denn in
dem Wechselspiel aus verringerten Wohlfahrtsstaatlichen Leistungen sowie massiv verschärfter
und ausgeweiteter Strafverfolgung, führt diese tough-on-crime-Politik zu enormen
Verelendungsprozessen in den vor allem schwarzen und armen Communities, die sie betrifft.25

Wie diese Verelendungsprozesse zu Stande kommen, werde ich exemplarisch an einer Studie von
Alice Goffman über die Folgen der tough-on-crime-Politik in einem Viertel von Philadelphia
zeigen. Da es sich hierbei um eine ethnographische Feldstudie handelt, lassen sich die Ergebnisse
natürlich nicht einfach verallgemeinern. Allerdings werde ich annehmen, dass die von mir
beschriebenen Phänomene und Folgen der tough-on-crime-Politik aufgrund der
zugrundeliegenden Problemstruktur auch in vielen anderen Städten und Vierteln auftreten. Die 6th
Street in Philadelphia ist ein von hauptsächlich schwarzen Menschen bewohntes Viertel in
Philadelphia, welches zwar inzwischen einen Verelendungsprozess hinter sich hat und immer noch
erlebt, gehört allerdings nicht zu den heruntergekommensten Vierteln in Philadelphia. Goffman
nimmt deshalb an, dass sich ihre Beobachtungen auch in anderen Vierteln und Städten der USA,
in denen die gleiche Strafpraxis verfolgt wird, reproduzieren lassen würden, und ich folge ihr in
dieser Annahme.26

6. Resozialisierung und Gesellschaftsschutz

Ich werde mich zuerst den Problemen zuwenden, welche die tough-on-crime-Politik bei der
Resozialisierung der Täter macht, um mich anschließend den Problemen für den
Gesellschaftsschutz zuzuwenden, welche sich teilweise aus dem Vorangegangenem erklären.

21
Beckett/ Sasson 2000: 5
22
Kury 2007: 5
23
Garland 2001: 1f.
24
Pettit/ Western 2004: 151, 164
25
Goffman 2016: 25.
26
Goffman 2016: 17ff.
7
Resozialisierung, verstanden als Prozess, der im und auf den Täter wirkt, und ihm durch das
Aufzeigen von alternativen Handlungsmöglichkeiten und das Eröffnen von Möglichkeiten der
eigenen Lebensführung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, eine Lebenswirklichkeit
ohne Kriminalität bietet, findet in dem von uns betrachteten Ausschnitt so gut wie nicht statt. Die
Hauptursache dafür ist eine Dynamik, die sich in der Wechselwirkung aus langen Haftstrafen, sehr
strengen Bewährungsauflagen, hohen Gerichtskosten und einer Stigmatisierung und Ausschluss
aus dem öffentlichen Leben, durch vorangegangene Sanktionierung, entfaltet. Auch bei sehr
geringfügigen Verstößen kann es zu sehr lang Untersuchungshaftzeiten kommen, welche diese
Dynamik in Gang setzen, da Personen oft sehr lange auf ihren Prozess warten müssen.27 Ich werde
im Folgenden einige der Wechselwirkungen beschreiben, um die Probleme aufzuzeigen, welche
sich aus dem Nebeneinander dieser Maßnahmen ergeben.
Wenn eine Person wegen einem geringfügigen Vergehen aufgegriffen wird, dann wird diese Person
festgenommen und kommt in Untersuchungshaft bis zu ihrem Prozess. Sobald jemand in
Untersuchungshaft ist, auch wenn die Vorwürfe später fallen gelassen werden, verliert diese Person
in den meisten Fällen ihre Anstellung, wenn sie eine hatte. Für den Fall, dass die Person noch zur
Schule geht, verliert sie den Anschluss und es gibt viele Fälle, in denen Jugendliche ihren High-
School-Abschluss nicht machen können, da sie in Untersuchungshaft sitzen, oder sie keine
Ausbildung anfangen können. Durch die sehr lange Dauer bis es zu Prozessen kommt, stellt sich
diese Zeit automatisch als große Einschränkung dar, egal ob die Person noch zur Schule geht oder
berufstätig ist. Falls die Person allerdings schuldig gesprochen wird, auch wenn es nur ein kleiner
Teil der Anklage ist, muss sie die Gerichtskosten stemmen und bekommt, falls die Strafe auf
Bewährung ausgesetzt wird, rigorose Bewährungsauflagen. Diese bestehen in einem Verbot
„abends das Haus zu verlassen, Auto zu fahren, die Staatsgrenzen zu überschreiten, Alkohol zu
trinken, ihre Freunde z treffen und bestimmte Gegenden der Stadt aufzusuchen“28. Verbunden mit
intensiver und flächendeckenden Kontrollmaßnahmen machen diese Restriktionen einen Verstoß
gegen diese Auflagen und damit einen ausgestellten Haftbefehl sehr wahrscheinlich. Jede neue
Verhaftung erlaubt zudem einem Richter die Bewährung aufzuheben, auch wenn die Vorwürfe
später fallengelassen werden.
Wenn eine Person einmal wegen einer schweren Straftat verurteilt worden ist, dann ist es in vielen
Bundesstaaten so, dass diese Person das Wahlrecht verliert, nicht mehr für öffentliche Ämter
kandidieren darf und viele Stellen im öffentlichen Dienst nicht mehr annehmen darf. Ebenso wird
ihnen der Zugang zu vielen wohlfahrtsstaatlichen Leistungen, sowie zu Sozialwohnungen versagt.
Zudem werden schwarze Menschen mit Vorstrafen auf dem Arbeitsmarkt so sehr stigmatisiert,
dass sie oftmals enorme Schwierigkeiten Jobs zu finden, auf die sie sich rechtlich auch bewerben
dürfen.29
Ein weiteres Problem stellen die hohen Gerichtskosten dar, wenn Personen (wegen geringfügiger
Vergehen) verurteilt werden. Viele können diese nicht bezahlen, und versuchen, nachdem durch
die strengen Auflagen und die Stigmatisierung auf legalem Weg Geld zu verdienen sich als schwer
darstellt, Drogen zu verkaufen oder andere Straftaten zu begehen um schnell an Geld zu kommen.

27
Goffman 2016: 29ff.
28
Goffman 2016: 43
29
Pager 2007: 4f.
8
Denn sobald diese Gerichtskosten nicht bezahlt werden, stellt dies wiederum einen Verstoß gegen
Auflagen dar, aufgrund dem ein Haftbefehl ausgestellt wird. Andererseits sind die
Bewährungsauflagen selbst wiederum oftmals so streng und repressiv, dass es schwierig ist, den
meisten Jobs nachzugehen, unter anderem auch, weil bei vielen Stellen überprüft wird ob man
gerade auf Bewährung ist, oder schon einmal im Gefängnis war. Woran die Absurdität dieser
Auflagen sehen kann ist, dass der Großteil der offenen Haftbefehle im Winter 2010 in Philadelphia
(etwa achtzigtausend), nicht wegen neuer Strafdelikte, sondern wegen nicht eingehaltener
Gerichtstermine, unbeglichenen Gerichtsgebühren oder Verstößen gegen die Bewährungsauflagen
war. 30

Diese enorme Häufigkeit mit der solche kriminalisierten Personen einen Haftbefehl zu bekommen,
konfrontiert sind, und die unglaubliche Strenge der Auflagen, welche den Verurteilten ein
normales Leben unmöglich macht, sind für mich hinreichend um hier zu beschließen, dass diese
Strafvollzugspraxis nicht zur Resozialisierung der Bestraften beiträgt. Eher bewirkt sie eine
Kriminalisierung derselben. Im Folgenden werde Ich Aspekte aufzeigen, welche zeigen, dass diese
Strafpraxis insgesamt nicht zu einem Gesellschaftsschutz beiträgt, sondern eher zu einer
Schädigung des Umfelds dieser Personen, sowie dass diese Strafpraxis einen wahren Nährboden
für Straftaten bietet.

Durch das dichte Überwachungsnetz der Polizei und die enorme Leichtigkeit einen Haftbefehl zu
bekommen, leiden die Bindungen der Täter und ihr Umfeld enorm. Wenn auf eine Person, meistens
sind es ja junge, schwarze Männer, ein Haftbefehl ausgestellt ist, so ist ihr nicht mehr möglich an
essentiellen Anlässen des gesellschaftlichen Lebens teilzuhaben. Die Polizei überwacht
Beerdigungen und Krankenhäuser so, dass Männer, die bei der Geburt ihrer Kinder zugegen sein
wollen, oft noch im Krankenhaus festgenommen und in Handschellen aus dem Kreissaal geführt
werden, während die Mutter des Kindes in den Wehen liegt.31
Ebenso ist es gängige Praxis dieser Gesuchten, dass sie ihrer Familie und anderen Bezugspersonen
möglichst wenige Informationen über sich geben, und somit maximal oberflächliche Beziehungen
führen, da die Polizei die Strategie verfolgt, über psychologischen Druck, Repressalien und
Versprechungen, die Bezugspersonen dazu zu bewegen, Informationen über die Gesuchten
preiszugeben. Dies bewirkt einerseits, dass die wegen äußerst geringfügiger Vergehen (z.B. abends
zu später in den offenen Vollzug wiedergekommen) Gesuchten, alle ihre Bezugspersonen auf
Abstand halten, sowie andererseits, dass sich ihre Bezugspersonen Repressalien der Polizei, wie
zum Beispiel willkürlichen Hausdurchsuchungen oder Drohungen, ausgesetzt sehen. Die
Drohungen reichen von dem Versprechen diese Person ab sofort jedes Mal mit allen Mitteln zu
durchleuchten und ihr Handy abzuhören bis zu der Ankündigung einen Grund für den Entzug des
Sorgerechts zu finden. Dieser psychische Druck belastet das Sozialleben und das Umfeld der Täter
enorm. Ebenso wird die Polizei von dem Umfeld der Gesuchten aus diesen Gründen eher als
Bedrohung wahrgenommen und es findet eine Solidarisierung mit den Gesuchten statt.32

30
Goffman 2016: 17ff., 41ff.
31
Goffman 2016: 57ff.
32
Goffman 2016: 105ff.
9
Ein weiteres Problem ergibt sich durch die Schwierigkeit der Gesuchten, selbst rechtsstaatliche
Mittel zu nutzen, um ihnen widerfahrene Straftaten ahnden zu lassen. Da sie verhaftet werden
würden, wenn sie dies versuchen würden, werden sie äußerst leichte Opfer von Anderen. Es
werden also Vogelfreie geschaffen, welche sich nun meistens nicht anders zu helfen wissen, als
von Selbstjustiz Gebrauch zu machen. Diese, durch inflationäre Haftbefehle entstehende,
Dynamik unterminiert rechtsstaatliche Prozesse und ist ein Nährboden für Straftaten.33
Ebenso begünstigt diese Strafpraxis die Entstehung eines Subsystems von Dienstleistungen,
welche die Gesuchten wahrnehmen, da sie weder zur Polizei, in Krankenhäuser oder zu Ärzten
noch viele Orte öffentlichen Interesses aufsuchen können. Diese Dienstleistungen reichen von dem
Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, über die Fälschung von
Ausweisdokumenten, bis zu dem Wahrnehmen der Anrufe von Bewährungshelfen. Dieses
Dienstleistungssystem entsteht durch den massiven Druck den die langen und schnell verteilten
Haftstrafen erzeugen. Gleichzeitig operiert dieses System am rechtsstaatlichen Rahmen vorbei und
begünstigt weitere Straftaten.34

Aufgrund der eben aufgezeigten, vielfältigen Folgen dieser tough-on-crime-Politik schließe ich,
dass hierdurch kein wirksamer Gesellschaftsschutz bewerkstelligt wird. Ebenso wurde zuvor
gezeigt, dass keine sinnvolle Resozialisierung stattfindet. Vielfach reproduziert diese
Strafvollzugspraxis lediglich die Delinquenz, die sie verhindern möchte.

6. Der beschränkte Nutzen von Abschreckungseffekten

Da im vorherigen Abschnitt gezeigt wurde, dass als Folgen der Anwendung eines retributiven
Strafprinzips, breite Resozialisierungseffekte und einen Gesellschaftsschutz anzunehmen,
unplausibel ist, werde ich mich nun dem von Mill herausgestellten Abschreckungseffekt
zuwenden. Wenn gezeigt werden könnte, dass dieser bei besonders harten Strafe genügend groß
wäre, dann wäre es doch möglich, mit Mill Strafe nach dem retributiven Strafprinzip als
gerechtfertigt anzuerkennen.

Zu der Frage, ob Abschreckungseffekte durch harte Strafen wirksam sind, gibt es eine nahezu
unüberschaubare Anzahl an Studien, welche eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden anwenden
und, die hinsichtlich ihrer Einschätzung zu ebenso vielen unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
Eine Metastudie von Dölling et al. (2009) hat sich der Evaluation dieser Studien angenommen,
deren Ergebnisse methodisch differenziert und zusammengefasst. Forschungsgrundlage waren
700 Studien zur Wirkung von Abschreckungseffekten im Strafrecht.35
Die Ergebnisse lassen sich dahingehend zusammenfassen, dass der Abschreckungseffekt durch
Strafe insgesamt eher schwach ausgeprägt ist, allerdings sich nach Art der Vergehen differenziert.
Bei Vergehen, welche nicht zur Befriedigung von lebenswichtigen Bedürfnissen dienen, lässt sich
ein durchaus ein Abschreckungseffekt feststellen, auch wenn sogar in diesen Fällen ein eher

33
Goffman 2016: 56ff.
34
Goffman 2016: 187ff.
35
Dölling (2009): 203f.
10
schwacher Zusammenhang vorliegt. Bei Vergehen, welche gegen Gesetze verstoßen, welche
lebenswichtige Bedürfnisse betreffen, und den Vergehen, welche mit der Todesstrafe bestraft
werden, lässt sich der geringste Zusammenhang feststellen.36 Der Abschreckungseffekt fällt also
insgesamt eher schwach aus, während sich der Effekt als umso schwächer herausstellt, je
grundlegender die Bedürfnisse sind, welche mit den Normen geschützt werden sollen. Wie lässt
sich das erklären und was bedeutet der letztendliche Befund für die Anforderungen des retributiven
Strafprinzips?

Die Befunde der Metastudie lassen sich teilweise mit Untersuchungen von Andrews und Bonta,
sowie Bliesener und Thomas zu Bedingungen von gelingender Abschreckung erklären. Andrews
und Bonta stellen fest, Strafe müsse zum einen so hart wie möglich sein, zweitens müsse sie immer
und für jede Tat erfolgen, und schließlich dürfe die Bestrafung keine Belohnungsmöglichkeiten
offenlassen für den Täter, wie zum Beispiel, dass er an Ansehen in seiner Bezugsgruppe gewinne.37
Gegen die Bedingung der möglichst harten Strafen führt Kury an, dass zu der Zeit der peinlichen
Strafen, welche wohl ohne Zweifel als möglichst hart bezeichnet werden können, die Belastung
durch Gewaltverbrechen in Europa etwa 20-mal höher lag.38 Wahrscheinlich ist dieses Argument
allerdings kritisch zu betrachten, da ein historischer Vergleich an dieser Stelle durch die enormen
gesellschaftlichen Unterschiede nur begrenzt aufschlussreich sein kann. Allerdings dürfte gegen
diese Bedingung ebenso sprechen, dass die Todesstrafe, welche ja durchaus in die Kategorie der
möglichst harten Strafen fallen dürfte, der Abschreckungseffekt von der bereits angeführten
Metastudie als am geringsten eingeschätzt wurde 39 . Bliesener und Thomas kommen zu dem
Befund, dass es für die Wirkung von Abschreckungseffekten wichtig sei, dass die Strafe sofort
erfolgt, damit die Strafe auch in Beziehung zu dem Vergehen gesetzt wird.40

Durch die enorme Menge an Straftaten, welche im Verborgenen und somit auch ohne (staatliche)
Bestrafung bleibt, kann von einer Strafe, die für jede Tat erfolgt keine Rede sein. Diese sogenannte
Dunkelfeld-Problematik ist selbstverständlich ein Problem jedweder Strafverfolgung, speziell in
diesem Fall ist sie ein Problem des retributiven Strafprinzips. Die nächste Bedingung, dass der
Täter keine Belohnungsmechanismen durch seine Tat in Gang setzen können sollte, ist ebenfalls
mit dieser Strafpraxis äußerst schwierig zu erfüllen. Es ist zu vermuten, dass eine retributive Strafe,
welche sich nicht ausreichend um die Bedürfnisse der Bestraften und ihrer näheren Umgebung
kümmert, von diesen Personen als Opposition angesehen wird. Diese Missachtung des Täters und
seines Umfeldes gibt Anlass zu einem Kampf gegen diese Opposition, 41 und Solidarisierung mit
dem Täter, da diese Behandlung als ungerecht empfunden wird. Auch diese Bedingung wird also
von einer retributiven Strafpraxis wie der tough-on-crime-politik verfehlt. Die vierte Bedingung,
dass die Strafe sofort erfolgen sollte, ist ebenso nicht erreichbar, allerdings aus anderen Gründen.
Rechtsstaatliche, deliberative Verfahren haben ihre Eigenzeiten, die sie in Anspruch nehmen

36
Dölling (2009): 223
37
Andrew/Bonta 2010: 42
38
Kury 2007: 40f.
39
Dölling 2009: 223, sowie
40
Bliesener/Thomas (2012): 382ff.
41
Honneth 1994: 214ff.
11
müssen, um weiterhin als rechtsstaatlich anerkannt zu werden. 42 Eine Strafverfolgung, welche
solchen rechtsstaatlichen Ansprüchen genügen soll, hat ebenso gewisse Zeiterfordernisse, welche
diese Bedingung unerreichbar sein lassen. Ein weiterer Grund liegt in einer anderen Bedingung.
Wenn Strafe für jede Tat erfolgen sollte, dann gilt eine besondere Sorgfalt bei der Ermittlung der
Person, welche die Tat begangen hat. Aber diese besondere Sorgfalt braucht nun einmal eine
gewisse Weile.
Wenn man diese Bedingungen betrachtet, dann lässt sich erklären, weshalb Abschreckungseffekte
so gering sind. Zwar sind die Strafen der tough-on-crime-Politik sehr hart, allerdings ist dies auch
die umstrittenste Kategorie. Allerdings scheint durchaus ein Abschreckungseffekt zu bestehen. Im
Folgenden Abschnitt werde ich erläutern, dass so ein geringer sozial wünschenswerter Effekt nicht
ausreichend ist, um den Strafvollzug der tough-on-crime-Politik mit dem retributiven Strafprinzip
von Mill zu rechtfertigen, da dieses Prinzips sich nämlich im Großen und Ganzen mit seinen
Folgen am Nutzenprinzip messen lassen muss.

7. Das Nutzenprinzip als Maßstab

Nun, rein formal kann man wohl sagen, dass, wenn man der Metastudie Döllings folgt,
Abschreckungseffekte in einigen Fällen als schwach wirksam eingeschätzt werden sollten. Somit
würde sich auch eine von Mills Bedingungen von gerechtfertigter Strafe erfüllen, die ja waren,
Strafe muss Leid verursachen und entweder resozialisierend, gesellschaftsschützend oder
abschreckend wirken. Die tough-on-crime-Politik ist definitiv leidvoll und in geringem Maß
abschreckend, womit sie nach Mill als gerechtfertigt gelten könnte.
Eine Frage ist allerdings, wie gerechtfertigt dieser Schluss im Lichte des, von Mill formulierten
und vertretenen Nutzenprinzips ist. Dieses besagt, wie in Abschnitt Eins vorgestellt, „dass
Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück
zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück
zu bewirken.“ 43 Inwieweit retributive Strafen moralisch richtig sind, hängt also nach dieser
Interpretation davon ab, inwieweit sie die Tendenz haben, Glück zu bewirken und die Erzeugung
von Leid zu verhindern. So interpretiert, müsste sich also jede Bestrafung mit ihren Konsequenzen
an diesem Nutzenprinzip messen lassen. Diese Argumentation reicht allerdings noch nicht weit
genug, denn Mills eigener Auffassung nach sollte sich nicht jede Einzelhandlung am
Nutzenprinzip orientieren.
Die secondary principles, welche wir im ersten Abschnitt bereits kennengelernt haben, stellen
abgeleitete Grundsätze unserer etablierten Moral dar, an welchen wir uns im Einzelfall orientieren
sollten, da eine Bewertung jeder Handlung nach dem Nutzenprinz nicht praktikabel wäre. Sie sind
also Orientierungshilfen, wie das Nautical Almanack, mit welchem Mill sie an einer Stelle
vergleicht.44 Unter diesen befände sich die Gerechtigkeit, deren retributive Anforderungen wir ja
bereits kennengelernt haben, diese habe zudem eine größere Verbindlichkeit als das
Nutzenprinzip.45 Wenn die Gerechtigkeit jedoch in den konkreten Situationen handlungsweisend

42
Rosa 2005: 391ff.
43
Mill 1976: 23
44
Kuenzle/Schefczyk 2009: 208
45
Mill 1976: 127
12
wirken soll, und eine höhere Verbindlichkeit als das Nutzenprinzip selbst besitzt, sollten sich das
retributive Strafprinzip dann nicht eher an der Gerechtigkeit als am Nützlichkeitsprinzip messen
lassen müssen?
In diesem Fall müssen sie das schon, denn uns geht es nicht um konkrete Situationen, solange man
nicht die Strafverfolgungspraxis in den USA der letzten 50 Jahre als „konkrete Situation“
bezeichnen möchte. Der Anspruch an einen Abgleich mit dem Nutzenprinzip erhöht sich mit dem
Abstraktionsgrad des zu evaluierenden Prinzips. Desto allgemeiner ein Prinzip ist, desto größer
sind die Ansprüche des Nützlichkeitsprinzips an dieses. Dies lässt sich auch deswegen einsehen,
weil die secondary principles ja gerade aus dem Nützlichkeitsprinzip abgeleitet sind und bei der
Erfüllung von diesem helfen sollen. Das bedeutet also nicht, dass jede einzelne nahegelegte
Handlung dem Nutzenprinzip entsprechen muss. Aber im Allgemeinen sollten die durch
secondary principles nahegelegten Handlungen das Glück befördern. Das retributive Strafprinzip
ist ein secondary principle, da es Handlungsanweisungen gibt wie Personen zu bestrafen sind.
Somit muss sich dieses retributive Strafprinzip am Nützlichkeitsprinzip messen lassen.

Wenn das Nutzenprinzip hier allerdings als Maßstab fungieren soll, dann lässt sich die tough-on-
crime-Politik nicht mit Mill rechtfertigen. Die harten Strafen und alltagsweltlichen Repressionen
der tough-on-crime-Politik führen, wie bereits gezeigt, zu Verelendungsprozessen, sowie einer
Masseninhaftierung, welche den Tätern selbst, sowie ihrem Umfeld, großes Leid zufügt. Dieses
Leid, das die tough-crime-Politik beinhaltet und nach sich zieht, ist gegen die positiven Folgen
abzuwiegen. Die gezeigten Folgen dieser sind allerdings so schwerwiegend, dass diese
Abschreckungseffekte zu wenig Gewicht haben, um diese tough-crime-Politik zu rechtfertigen.
Wenn das so ist und die tough-on-crime-Politik ein paradigmatisches Beispiel einer retributiven
Strafpraxis ist, dann lässt sich dieses Strafprinzip nicht kohärent von Mill vertreten.

8. Konklusion

Personen Leid anzutun, nachdem sie bereits Leid zugefügt haben, um das Glück zu fördern, ist
eine widersprüchliche Forderung und in der tough-on-crime-Politik und deren Folgen zeigt sich
das dieser Forderung zu Grunde liegende Paradox. Das Leid und die Probleme, welche durch diese
Strafen verursacht werden, können nicht durch die geringen positiven Effekte aufgewogen werden,
unter anderem, weil sie diesen diametral entgegenwirken. Resozialierung, Schutz der Gesellschaft
sowie Abschreckungseffekte sind zu gering, um einen Ausschlag zu bewirken. Nötig wären, um
Straftaten zu verhindern und präventiv zu wirken, Kriminalprävention durch Hilfe für Täter und
Opfer und ein auf Unterstützung ausgerichtetes Reaktionssystem auf Straftaten,46 Zudem müsste
durch sinnvolle Bezugnahme auf die Bedürfnisse der Täter, deren Problemen und der Ursache für
ihre Straftaten begegnet werden. 47 Dies ist jedoch nicht zu erreichen, wenn einem Strafprinzip
gefolgt wird, welches davon ausgeht, dass auf die Zufügung von Leid wiederum Leid folgen sollte,
und ein verurteilter Straftäter nichts Gutes verdient. Mill vertritt so ein retributives Strafprinzip,
welches zudem entweder Resozialisierung oder Gesellschaftsschutz oder Abschreckung zur

46
Kury 2009: 40
47
Flügel 2015: 40ff.
13
Legitimation verlangt. Von diesen drei Bedingungen war die Abschreckung als einzige
nachzuweisen. Da sich dieses retributive Strafprinzip zusätzlich mit seinen Folgen am
Nutzenprinzip messen lassen muss, und es diese Probe nicht besteht, können dessen Forderungen
also als nicht erfüllbar zurückgewiesen werden.

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