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Name: Milan Slat

Studiengänge und Fachsemester: Philosophie 6. FS / Kulturgeographie 6. FS

Matrikel-Nummer: 22065441

Abgabedatum: 07.05.2018

Dieser Essay hat zum Ziel die Differenzen der Sinnbegriffe von Niklas Luhmann und Alfred Schütz
herauszuarbeiten und darzustellen. Dazu werde ich zuerst auf den Sinnbegriff von Alfred Schütz eingehen.
Anschließend werde ich den Sinnbegriff bei Niklas Luhmann erläutern und im Anschluss auf diese
Darstellung, die Differenzen der beiden Sinnbegriffe herausarbeiten.

Der Sinnbegriff von Alfred Schütz ist durch seine Reflexivität, seine Selektivität und seine Subjektivität
gekennzeichnet. Die Reflexivität stellt sich darin dar, dass Sinn bei Schütz immer durch die Einordnung
von bereits Erlebtem „in den vorgegebenen Gesamtzusammenhang des Erfahrung“1 entsteht. Diese
Einordnung kann nur dann geschehen, wenn wir auch über das Vergangene nachdenken, da das Erlebnis
allein nicht hinreichend für die Sinnkonstituierung ist. Dass das Erlebnis nicht hinreichend ist bedeutet
auch, dass das reine Erleben eines Ereignisses dem Erlebnis noch keinen Sinn gibt, da zur Reflektion über
Erlebnisse notwendig gehört, dass eine Selektion aus dem Erlebten stattfindet. (Schütz 2004 [1932], 172f)
Wenn diese Selektion nicht stattfinden würde und wir über alles reflektieren würde was uns widerfährt, so
würden wir keine Zeit mehr haben etwas zu erleben, was nicht unsere Reflexion ist, da die Reflexion über
bereits Erlebtes alle Zeit die wir bewusst sind, in Anspruch nehmen würde. Da wir auch Dinge erleben, die
nicht unsere eigenen Reflexionen sind, selektieren wir also auch aus dem bereits Erlebten. Diese reflexive
Selektivität macht unseren Erfahrungsvorrat des bereits Erlebten zur Basis für die Deutung des Sinns, da
es nur der Erfahrungsvorrat des einzelnen Individuums ist, aus dem geschöpft werden kann. Da die
Einordnung des Erlebnisses in den Gesamtzusammenhang der Erfahrung, von der Struktur dieses
Gesamtzusammenhangs und den enthaltenen Erfahrungen beeinflusst ist, und jede Person individuell
eigens gestaltete Erfahrungen macht, ist die selektive Reflexion über Erlebtes immer subjektiv. Dies stellt
die Subjektivität des Sinnbegriffs von Weber dar.

Zusammengefasst kann man sagen: Die Erlebnisse aus dem Erfahrungsvorrat des einzelnen Individuums
werden durch ihre Selektion und Reflexion über sie vom jetzigen Standpunkt des Individuums mit seinen
subjektiven Deutungsschemata zu sinnvollen Erlebnissen (Schütz 2004 [1932], 172f). „Gemeinter Sinn
eines Erlebnisses ist nichts anderes als eine Selbstauslegung des Erlebnisses von einem neuen Erleben her.“2

Nach dieser Klärung des Sinnbegriffs von Alfred Schütz werde ich nun den Sinnbegriff, wie er von Niklas
Luhmann konzipiert wurde, erläutern. Der Sinnbegriff bei Luhmann ist gekennzeichnet durch Komplexität,
Selektionszwang sowie Selbstreferenzialität. Sowie, dass dieser nicht nur in subjektiven Sinnvollzügen

1
Schütz 2004 [1932], 173
2
Schütz 2004 [1932], 173
konstituiert wird, sondern auch in der Kommunikation sozialer Systeme. Sinn wird also sowohl in
psychischen als auch in sozialen Systemen geschaffen, welche das jeweils andere System voraussetzen und
stellt eine Errungenschaft der Co-Evolution dieser Beiden dar (Luhmann 1984: 92). „Das Phänomen Sinn
erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und
Handelns.“3 Der Sinn referiert auf tatsächliche, mögliche sowie unmögliche Arten des Erfahrens indem
durch die Intention des Erlebbaren bestimmte Möglichkeitsspielräume erweitert, andere verengt und
letztlich einige auch verschloßen werden. Durch diese Referenz auf unzählige Möglichkeiten wird
Komplexität konstituiert, welche für psychische und soziale Systeme Weltzugänge bereithält, da die
Sinnform Komplexität in einer Art widergibt, welche den Zugriff auf diese Möglichkeiten erlaubt. Diese
Komplexität der Sinnform ist es, welche einen Selektionszwang schafft, da die Anzahl der zur Verfügung
stehenden Möglichkeiten weit die Anzahl derer übersteigt, welche vollzogen werden können. In
psychischen Systemen geht dieser Selektionszwang mit einem Sinnbewusstsein und in sozialen Systemen
mit der Kommunikation einher. Zusätzlich ist es so, dass jede Sinnintention selbstreferentiell ist, da sich
diese durch jede Sinnintention, die vollzogen wird, als Möglichkeit wieder aufnimmt und somit ihre eigene
Veränderbarkeit enthält. Die Sinnintention sieht „ihre eigene Wiederaktualisierbarkeit mit[ ]vor[…]“4. Dies
bedeutet auch, dass der Sinn instabil und veränderbar ist. Diese Veränderbarkeit ist durch die
Interdependenzen gegeben welche zwischen verschiedenen Sinnformen bestehen. Zwar ist es vorstellbar,
dass eine Sinnform immer wieder auf sich selbst verweist und sich wiederholt, allerdings ist diese
Möglichkeit nur sinnvoll, wenn dies nicht die einzige Verweisungsmöglichkeit ist. Dass Selbstreferenz und
Komplexität durch die Sinnform handhabbar werden, erzeugt einen Sinnzwang, welcher bei den
psychischen und sozialen Systemen, die die Sinnform nutzen, dazu führt, dass sie Komplexität und
Selbstreferenzialität nur durch diese Sinnform verarbeiten können. Die Sinnform bildet somit die
Grundlage des Zugangs zur Welt für solche Systeme (Luhmann 1984: 93ff).

Bevor ich mich nach der Darstellung der beiden Sinnbegriffe die Differenzen dieser erläutere, werde ich
die Gemeinsamkeiten kurz aufzeigen. Diese bestehen darin, dass beide Sinnbegriffe den Sinngehalt als
instabil bestimmen, er also sehr veränderbar ist, und dieser eine selektierte Form hat. Schütz allerdings
betont wesentlich mehr die zeitliche Dimension des Sinnbegriffs und rückt seine Subjektivität stärker in
den Blick. Luhmann hingegen nimmt durch seine Konzeption von sinngenerierenden sozialen Systemen
die Eigenlogik sozialer Strukturen auf. Zwar ist durch Luhmanns Sinnbegriff der intersubjektive Sinn
besser erfassbar, allerdings gibt es auch hier keinen unmittelbaren Zugang zur Welt, da ebenfalls ein
Selektionszwang herrscht.

Schütz, Alfred (2004 [1932]): Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende
Soziologie. Alfred-Schütz-Werkausgabe Bd. 2, hg. v. Martin Endreß und Joachim Renn. Konstanz: UVK.

3
Luhmann 1984, 93
4
Luhmann 1984, 95
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp