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Praxis

08
September 2019
Brick-Design
Schutzwall für die
schönen Künste
Barozzi/Veiga, Barcelona

Fotos, v.l.: Roman Keller,


Interview mit Alberto Veiga Henn Architektur,
Musée cantonal des Beaux-Arts, Gira, iotty, 3XN Architects
Lausanne

Im Prozess
Musée cantonal des Beaux-Arts,
Lausanne

Das neue Bunt


Volcano House, London

Smart Building
Fokus 54
Digital geplant, gebaut und bewohnt
Auf dem Forschungscampus im schweizerischen Dübendorf wurde das smarte Studentenwohnheim
DFAB House realisiert.
Jasmin Kunst

Marktplatz 60
Loxone Smart Home System, iotty Smart Switch, GIRA S1, Fraunhofer IGD AktVis, Regent My Data Analysis,
Messe München DigitalBAU, FSB L700, Siedle Axiom

Porträt 62
Martin Henn
Ein intelligentes Gebäude ist vernetzt.
Interview: Beatrix Flagner

Marktplatz 66
Forschungsprojekt Break the Grid, JUNG Plug &Light, wtec smartengine, Somfy TaHoma
Foto: Simon Menges

Detail 68
Das Gehirn im Cube
Eine künstliche Intelligenz soll in dem Neubau von 3XN Architects am Washingtonplatz in Berlin aus den
Daten des Betriebs, der Nutzer und seiner Umwelt lernen können.
Beatrix Flagner

52 Bauwelt BAUWELT PRAXIS


Special auf Bauwelt.de Bauwelt 18.2019 Bauwelt 18.2019 BAUWELT PRAXIS 53
Fokus
Die doppelt gekrümmte
Holzkonstruktion in
den oberen beiden Ge-
schossen wird von
einer transluzenten Fas-
sade umspannt.

Text Jasmin Kunst Fotos Roman Keller

Digital geplant, gebaut


und bewohnt Das DFAB House steht auf
der obersten von drei Ebenen
des NEST-Gebäudes.

Auf einem For-


schungscampus im
schweizerischen
Dübendorf wurde ein
Wohnhaus gebaut,
das sowohl in der Fer-
tigung als auch im
Betrieb die heutigen
Möglichkeiten digi­
taler Technologien
ausschöpft.
Ein Wohnhaus, bei dessen Bau sich Handwerker Betreten wird das DFAB House, dessen Name nessbereichs oder das Bauen in der Kreislauf­
und Roboter gegenseitig ergänzen, Baumate­ sich von seiner Herstellungsweise „digital fab­ wirtschaft erforscht.
rial und Abfall eingespart werden und das beim rication“ ableitet, durch den Eingang des NEST- Das DFAB House bildet eine Brücke zwischen
Betrieb Energie- und Wasserverbrauch redu­ Gebäudes, einer mehrgeschossigen Forschungs- Labor, Industrie und Nutzern: Es ist ein Gemein­
ziert – diese Idealvorstellung, die sich nach fer­ plattform, auf deren dritter Ebene das DFAB schaftsprojekt des Schweizerischen Nationalen
ner Zukunftsmusik anhört, ist beim DFAB House House steht. Das NEST-Gebäude (Bauwelt 14. Forschungsschwerpunktes (NFS) Digitale Fab­
ein Stück weit Realität geworden. Der Besuch 2018) bildet das Gerüst eines modularen For­ rikation (Bauwelt 23.2018), der Empa und Eawag
dieses unkonventionellen Studentenwohnheims schungsgebäudes, an das verschiedene „Units“, mit Forschern von acht verschiedenen Lehr­
unweit von Zürich führt auf den Forschungs­ also kleinere Forschungseinheiten, andocken. stühlen der ETH Zürich und mehr als dreißig Un­
campus der eidgenössische Materialprüfungs- Diese bleiben so lange stehen, bis die jeweilige ternehmen. Als Modell im 1 : 1-Maßstab testen
und Forschungsanstalt (Empa) und dem eidge­ Forschung abgeschlossen ist und weichen sie Techniken aus ihrer jeweiligen aktuellen For­
nössisches Wasserforschungsinstitut (Eawag) dann für die nächste. Zur Zeit werden hier etwa schung in Echtzeit und unter realen Bedingun­
in Dübendorf. die Möglichkeiten eines solarbetriebenen Well­ gen.

54 BAUWELT PRAXIS Bauwelt 18.2019 Bauwelt 18.2019 BAUWELT PRAXIS 55


Forschung

Lehrstühle
Matthias Kohler, Fabio Gramazio, Gramazio Kohler Research, ETH Zürich
Benjamin Dillenburger, Digital Building Technologies Group, ETH Zürich
Jonas Buchli, Agile & Dexterous Robotics Lab, ETH Zürich
Robert Flatt, Chair of Physical Chemistry of Building Materials, ETH Zürich
Joseph Schwartz, Chair of Structural Design, ETH Zürich
Walter Kaufmann, Chair of Structural Engineering – Concrete Structures and Bridge
Design, ETH Zürich
Guillaume Habert, Chair of Sustainable Construction, ETH Zürich

Architektur

Konzept
Matthias Kohler, Konrad Graser

Design und Projektmanagement


Konrad Graser, Marco Baur, Sarah Schneider

Mitwirkende
Arash Adel, Benjamin Dillenburger, Kathrin Dörfler, Rena Giesecke, Fabio Gramazio,
Norman Hack, Matthias Helmreich, Andrei Jipa, Ena Lloret-Fritschi, Mania Aghaei Meibodi,
Fabio Scotto, Demetris Shammas, Andreas Thoma

Bauleitung
ERNE AG Holzbau, Pascal Breitenstein

Bauherr
Empa

Die raumteilende Beton­


wand im Eingangsgeschoss Tragwerk
trennt die Gemeinschafts­
küche und den Aufenthalts­ Konzept
bereich. Die Wand wurde Joseph Schwartz
in situ auf der Baustelle ma­
nuell gefertigt. Transluzente Projektingenieur
Foto links: NFS Digitale Fab- Leichtbaufassade Marco Bahr
rikation
Mitwirkende
Jaime Mata Falcón, Walter Kaufmann, Daniel Rönz, Thomas Wehrle

Fachplaner
Spatial Timber
Bauphysik
Assemblies
BAKUS Bauphysik und Akustik GmbH

Elektrotechnik
Nach einem Jahr Vorbereitungs-, einem Jahr Pla­ licht auch komplexe, nicht-standardisierte Bau­ Glas von Holz abgelöst werden. Hier befinden sich Elektro Siegrist AG
nungs- und einem Jahr Bauzeit ist das Haus teilgeometrien wie die geschwungene Form, die vier Wohneinheiten, von denen drei seit April
dieses Frühjahr fertiggestellt worden. Es wurde die keine weitere Aussteifung benötigt. Smart Slab bewohnt werden. Studenten, Doktoranden oder Gebäudetechnik

mithilfe digitaler Verfahren geplant und weitest­ Eine Beton-Rippendecke, deren 295 Scha­ Empa-Mitarbeiter können sich ein Zimmer mit Schibli Gebäudetechnik

gehend mit digitalen Fertigungsmethoden ge­ lungselemente in einem automatisierten 3D- Smart Dynamic Bad und gemeinsam genutzten Aufenthaltsräu­
HLK/Sprinkler-Planer
baut. Roboter und 3D-Drucker haben die ver­ Sanddruck Verfahren hergestellt wurden, über­ Casting men mieten. Die insgesamt sechs Holzmodule
Häusler Ingenieure AG
schiedenen Bauteile vorgefertigt oder direkt auf spannt den Wohnraum. Die hochoptimierte wurden von zwei Baurobotern im Robotic Fabrica-
der Baustelle hergestellt. Geometrie ermöglicht eine Materialersparnis von tion Lab (RFL) der ETH Zürich gefertigt, wobei Lichtdesign
Den gemeinschaftlich genutzten Wohnraum siebzig Prozent gegenüber konventionellen die Wände nicht wie bei der herkömmlichen Her­ Sommerlatte & Sommerlatte AG
im Eingangsgeschoss dominiert die geschwun­ Flachdecken. Mesh Mould stellungsweise in der Ebene zusammengefügt,
gene, raumteilende Betonwand, welche im „Mesh Auch die Stahlbetonpfosten in der Fassade sondern die Holzelemente gemäß des dreidimen­ Hersteller
Mould“-Verfahren direkt auf der Baustelle, ge­ sind jeweils auf ihren statischen Lastfall hin op­ sionalen Entwurfs einzeln zugeschnitten und di­
Fassade
fertigt wurde. Ein mobiler Bauroboter erstellt bei timiert. Hergestellt wurden sie in einem Gleitscha­ rekt im Raum positioniert wurden.
ETFE Folie, Aerogel Granulat
dieser Methode eine 3D-Gitterstruktur, die so­ lungsverfahren, bei dem selbstverdichtender Der Wohnbereich wird von einer transluszen­
wohl als Schalung als auch als Bewehrung dient. Beton in eine bewegliche Schalung gefüllt wird, ten, opaken Aerogel-Fassade umspannt. Im Ge­ Verglasung
Diese wird mit einer Betonmischung befüllt, die die den Beton während des Aushärtens formt. gensatz zu Fensterglas kann sie die doppelt ge­ Glas Trösch
danach von Hand glattgestrichen wird. Die Scha­ Über eine Holztreppe gelangt man in die bei­ krümmten Flächen ausbilden, die von der Holz­
Fensterrahmen
lung verbleibt im Bauteil, somit entsteht kein den oberen Geschosse, wo die im Eingangs- konstruktion aufgespannt werden. Zudem ist sie
Biene Fenster AG
Schalungsabfall. Diese Herstellungsweise ermög­ geschoss dominierenden Materialien Beton und leicht und hat sehr gute Wärmedämmwerte.

56 BAUWELT PRAXIS Bauwelt 18.2019 Bauwelt 18.2019 BAUWELT PRAXIS 57


Trotz dieser Vorzüge ergeben sich mit der Fas­
sadengeometrie auch Probleme: Um aus den
Wohnungen hinausschauen zu können, muss­
ten dreieckige Fenster angefertigt werden.
Nach dem digitalen Bauen beginnt das zweite
große Thema des DFAB House erst beim Be­
trieb. Es ist ein „Smart Home“, ein intelligentes
Zuhause, das mit automatisierter Haustech-
nik und digital vernetzten Geräten einerseits den
Komfort und die Sicherheit der Bewohner er­
höhen, andererseits Energie sparen soll. Anders
als bei den digitalen Fertigungsmethoden, die
bis zur marktfähigen Anwendung noch stark wei­
terentwickelt werden müssen, sind viele der
Smart-Home-Technologien bereits im Handel,
wie die Sprachsteuerung, die kommunikations­
fähigen Haushaltgeräte oder das Einbruchmelde­
system.
Ob die Fülle an Gadgets im Alltag wirklich einen
Mehrwert bringen, ist typabhängig. Die umfang­
reiche Ausstattung soll so aber erstmals in realer
Umgebung getestet und die technischen Mög­
lichkeiten ausgelotet werden. Erforscht wird un­
ter anderem, wie eine herstellerunabhängige
Kommunikation zwischen digitalen und analogen
Geräten ermöglicht werden kann.
Mit vielen der Technologien, die das Thema
des Energiesparens betreffen, können die Be­
wohner nicht direkt interagieren. Die Blend- und
Beschattungsmöglichkeiten sind automatisiert, St. Johannis Quartier, Nürnberg I Architekten: Blauwerk Architekten, München
und die Photovoltaikmodule auf dem Dach un­
terliegen einer intelligenten Steuerung, so dass
keine Lastspitzen auftreten. JEDES PROJEKT EIN UNIKAT.
Beim DFAB House treten die angewandten
Bautechniken aus dem Labor in eine reale Umge­
bung. Bis sie allerdings als marktfähige und
GIMA RIEGELFORMAT IN
vor allem kostenverträgliche Produkte eine brei­-
te Anwendung finden, ist es noch ein weiter
Weg.
ELEGANTEN GRAU-NUANCEN.
Die dreieckigen Fenster in
der transluzente Fassade
gewährleisten, dass man
vom Wohnbereich wenig­
stens an einigen Stellen her­
aus schauen kann.

Fotos: Alexander Bernhard

Für die Fassadengestaltung des neuen St. Johannis Quartiers in Nürnberg


wählten die Architekten vom Büro Blauwerk in München Klinker in einem
individuell entwickelten Farbton in Beige-Grau mit echtem Kohlebrand, der sich
perfekt an die Glasfaserbetonprofile an Fensterbänken und Attika anpasst.
Ein Projektmitarbeiter ver­
Neben dem Farbton ist auch die Größe eine Maßanfertigung: Das schlanke
schraubt die Holzbalken,
die von den beiden Robo­ Riegelformat mit einer Länge von 490 mm verleiht dem Bau eine elegante
tern positioniert wurden. Note und rückt den klassischen Klinker in ein neues, modernes Licht.
Foto: NFS Digitale Fabrika­ GIMA – über 100 Jahre führend in Qualität, Innovation und Service.
tion/Roman Keller

58 BAUWELT PRAXIS Bauwelt 18.2019 Bauwelt 18.2019


WWW.GIMA-ZIEGEL.DE
Intelligent verbunden Smart Home Lichtschalter Auf die Plätze, fertig, los Digitale Zukunft in Köln

iotty

Messe
Regent
Loxone
„In unserem Smart Home ‚sprechen‘ alle Der Smart-Switch-Lichtschalter mit inte­ Wo finde ich einen freien Platz im Groß- Im Februar 2020 eröffnet die dreitägige Di-
Funktionalitäten miteinander: Fenster mit griertem WLAN lässt sich bequem per App raumbüro? Das System myData-Analysis gitalBAU Messe mit Rahmenprogramm
Brenner, Heizkörperthermostate mit Hei- oder durch Sprachassistenten ansteuern von Regent hilft anhand von Sensoren, in Köln. Die digitalBAU zeigt mit Vertretern
zung, Jalousien mit zentraler Steuerung“, und bedienen. Mit einer neuen Aktivitäts- die in Leuchten verbaut sind, bei der Platz- aus Wirtschaft, Industrie und Technologie
erklärt Loxone CEO Martin Öller. Das ler- steuerungsfunktion können ausgewähl­- suche in Büros ohne feste Arbeitsplät- neue Lösungen aus dem Bereich „Smart
nende Heizsystem berechnet die optimale te Lichtquellen für einen festgelegten Zeit- ze und lokalisiert diese für den Anwender. Home“. Die Themen Wohnkomfort, Energie-
Temperatur im Voraus und passt sie an raum ein- und ausgeschaltet werden. Durch die Analyse von Echtzeitdaten kann effizienz und Sicherheit stehen dabei im
die Anwesenheit und Bedürfnisse der Be- die Ausnutzung von Arbeitsplätzen und Fokus.
Smart Switch, www.iotty.com
wohner an. Per Miniserver reguliert sich Meetingräumen ermittelt werden. Anhand
DigitalBAU, www.digital-bau.com
die Temperatur automatisch nach dem All- der Auswertung von Daten wie Raumtem-
tagsrhythmus der Bewohner und spart peratur oder Energieverbrauch kann auch
damit Energie ein. Die Installation des Sys- der Ressourceneinsatz optimiert und da-
tems ist im Neubau wie Bestand möglich. mit Kosten gesenkt werden.

Smart Home System, www.loxone.com MyData Analysis, www.regent.ch

Sicherer Zugriff Neuer Zugang

FSB
GIRA
Das Fernzugriffmodul S1 von Gira ermög- Zugang per Smartphone ermöglicht das
licht die Steuerung von Smart-Home- neue Türbeschlagsystem von FSB. Über
Geräten von unterwegs durch eine siche­- ein verschlüsseltes Lichtsignal wird das
re Verschlüsselungstechnologie. Sobald Smartphone zum digitalen Türöffner. Die
eine Internetverbindung zwischen dem Zugangsberechtigungen können zentral
Gira S1 und der Haustechnik besteht, be- sowie dezentral gesteuert und vergeben
ginnt die Kommunikation. Das Modul er- werden. Das geschieht entweder im Web-
laubt ebenfalls den Zugriff auf in Gebäu- browser oder per App. Die Zutrittsberech­
den installierte Kameras. Das Gerät wird tigungen können dabei temporär, umfas-
im Schaltschrank verbaut und ist nach- send oder raumgebunden zugeteilt wer-
rüstbar. Per App oder über einen Tast- den. Die Übermittlung erfolgt per E-Mail
sensor kann gezielt die Freigabe für Dritte oder SMS. Der Anwender hält das Smart-
z.B. für die Fernwartung erteilt werden. phone vor die Garnitur der Tür und erhält
bei gültiger Berechtigung Zutritt. Der ge-
S1, www.gira.de
samte Datenübertragungsprozess ist End-
to-End-, SSL- bzw. AES 128 Bit-verschlüs-
Für den Dialog selt und entspricht damit höchsten Sicher-

Fraunhofer IGD
AktVis ist ein Geo-Web-Dienst zur Ent- heitsstandards. Das System ist im ge-
wicklung des ländlichen Raums, die den werblichen sowie privaten Gebrauch ein-
Planungsprozess und die Kommunika­ setzbar.
tion zwischen den Beteiligten vereinfacht.
L700, www.fsb.de
Er bereitet die Geodaten einer Kommune
interaktiv auf und durch eine integrierte
Wirtschaftlichkeits- und Baurechtsprü-
fung können in Planungsworkshops und
Beteiligungsverfahren Ideen direkt auf Funktion und Design

Siedle
ihre Machbarkeit überprüft werden. Die Die freistehende Kommunikationszentrale
Anwendung ist im Web und an Multi- Axiom von Siedle mit Touchscreen ver-
Touch-Tischen nutzbar. bindet die Bedienung der Türsprechanlage
mit Telefonie und Gebäudesteuerung. Der
AktVis, www.aktvis.de
platzsparende Aufbau ermöglicht eine gu-
te Akustik bei dem kabellosen Hörer und
bei der Freisprechfunktion. Das 7“ Display
lässt sich individuell mit Symbolen und
Icons konfigurieren. Farben und Ausführun-
gen für das Gerät sind in mehreren Va­
rianten verfügbar. Das Design wurde mit
dem red dot Design Award 2019 ausge-
zeichnet.

Axiom, www.siedle.com

60 BAUWELT PRAXIS Bauwelt 18.2019 Bauwelt 18.2019 BAUWELT PRAXIS 61


Porträt
Der neue Unternehmens­
campus in Berlin-Fried­ Smart Devices
richshain besteht aus zwei
Neubauten.
Projekt
Fotos: HG Esch
Zalando Hauptsitz, Berlin

Gebäudetyp
Im Gespräch: Martin Henn Bürogebäude

Fertiggestellt
2019

Interview Beatrix Flagner

Die Arbeitsbereiche sind


zum gebäudehohen Atrium
hin offen, wodurch genü­
gend Licht in die Gebäude­
mitte gelangt.

Martin Henn
ist seit 2008 für Henn tätig und seit 2012 Partner. Als Head of Design leitet er die Entwurfsstudios in Berlin,
München und Peking.

Ein intelligentes Gebäude


ist vernetzt
Wie würden Sie Smart Building definieren? tenschutzrechtlich vorher zugestimmt haben. Ähnlich wie beim Projekt Zalando geht es hier
Unsere Definition geht über Gebäudeautoma­ So können spontane Meetings stattfinden oder erst einmal um die Vernetzung von Themen und
tion, zentrale Bedienung oder der energeti­ Themen bekannt gemacht werden, die von Mitarbeitern. Im Innovation Center kommen
schen Optimierung hinaus. Die Intelligenz eines all­gemeinem Interesse sind. Das geht von einer für einen begrenzten Zeitraum interdisziplinäre
Gebäudes liegt im Grad seiner Vernetzung: Mit Lunch Time Lecture über einen freien Park- Teams zusammen und forschen an Zukunfts­
der Stadt, seiner direkten Umgebung und den platz bis hin zur Yogastunde. themen. Wie zum Beispiel Smart Materials. Die­
vielen Umwelteinflüssen, die auf ein Gebäude se stecken auch im Gebäude und wurden in
einwirken. Und vor all dem: in der Interaktion des In Ihrem Portfolio findet man diverse Smart der Konzeption miteinbezogen. Die Liquid Crys­
Gebäudes mit seinen Nutzern. Ein Smart Build­-­ Buildings: Stryker Innovation Center, Brun- tal Windows zum Beispiel steuern per Regler
ing reagiert auf seine Nutzer und ermöglicht Ih­ ner Innovation Factory, Merck Innovation Cen- die Durchlässigkeit des Sonnenlichts und ma­
nen neue Formen der Interaktion und Kommu­ ter: Was ist für Henn Innovation? chen einen herkömmlichen Sonnenschutz über­
nikation. Das verbindende Element bei den Projekten flüssig. Dann wurde ein neuartiges Beleuch­
ist, dass wir uns stark mit den Abläufen, den tungssystem, das sogenannte Human Centric
Wie kann diese Kommunikation zwischen Nut- Produktionsprozessen und den Kommunika- Lighting eingesetzt, welches im Laufe des Ta­
zer und Gebäude aussehen? tionsprozessen auseinandersetzen und ver­ ges seine Lichtfarbe und Intensität an die Tages­
Für den Zalando Campus in Berlin wird beispiels­ suchen diese zu verbessern. Darin liegt die In­ lichtsituation anpasst. Darüber hinaus gibt es Man kann am klassischen
weise gerade eine App entwickelt, die es den novation. noch viele weitere Beispiele, die im Hinblick auf Schreibtisch arbeiten,
ihre Material Performance oder die technische aber auch in dem hauseige­
Mitarbeitern ermöglicht, über ihre Smart Devices
nen Café oder auf der
andere Mitarbeiter zu lokalisieren und mit Ihnen Was macht den Merck-Neubau zu einem Ausstattung mit den Nutzern und der Umwelt in­ großen Eingangstreppe
in Kontakt zu treten – natürlich nur, wenn sie da­ Smart Building? teragiert. mit Sitzstufen.

62 BAUWELT PRAXIS Bauwelt 18.2019 Bauwelt 18.2019 BAUWELT PRAXIS 63


Smart Materials Die Brunner Innovation Factory ist ihr jüngstes
Projekt. Wo steckt dort die Smartness?
Haben die sich ändernden Anforderungen an
Architektur einen Einfluss auf die Struktur
sind zur Zeit noch höher als die in China. Dort ist
der Lebenszyklus eines Gebäudes oft viel kür­
Die Innovation Factory ist ein Hybrid aus unter­ Ihres Architekturbüros? Die digitale Weiter- zer. Dementsprechend ist auch die Investitions­
Projekt schiedlichsten Programmen: Entwicklung, De­ entwicklung in der smarten Gebäudetech- freude eines Bauherrn in die Intelligenz und Aus­
Merck Innovation Center, Darmstadt sign, Prototyping und Produktion treffen auf of­ nik fordert sicherlich deutlich mehr IT-Kom­ stattung eines Gebäudes geringer. Das wird sich
fene Büroräume, Showrooms und eine Kantine. petenz? aber sehr schnell ändern. Gerade was die Ent­
Gebäudetyp
Natürliches Licht und visuelle Verbindungen sor­ Wir sind heute viel stärker ausdifferenziert. wicklung und Nutzung künstlicher Intelligenz an­
Bürogebäude
gen für optimale Arbeitsbedingungen und för­ Neben den klassischen Design- und Planungs­ geht, ist China auf der absoluten Überholspur.
Fertiggestellt dern den Austausch unter den Mitarbeitern. Die teams gibt es sehr viele Experten und Quer­
2018 unterschiedlichen Prozesse beeinflussen sich schnittsfunktionen die unsere Projekte informie­
in Echtzeit. Wenn zum Beispiel ein Designer sieht, ren. Angefangen beim Programming, über Work-
wie in der Halle ein Stuhl zusammengesetzt place Strategy, Performance Based Design, Tech-
wird und dabei irgendetwas nicht optimal funk­ nical Systems bis hin zu Design Systems, wel­
tioniert, dann ist das ein direktes Feedback, das ches sich mit den digitalen Datenmodellen aus­
in die weitere Entwicklung einfließt. Andererseits einandersetzt, um nur einige Beispiele zu nen­
kann der Vertrieb sehen, welche Bestellung nen. Auch hört unser Job mit der Fertigstellung
wann versandfertig ist. eines Gebäudes nicht mehr auf. Wir evaluieren
Rechts: Der zentrale Be­ reich gezeigt. Im Verbin­
reich mit den ineinander­ dungsgang zwischen Res­ die Gebäude während ihrer Nutzung und ent­
greifenden Brücken- taurant und Bürogebäu- Ergeben sich andere Gestaltungsmöglichkei- wickeln sie weiter. Ein Architekt kann das selber
brüstungen. Unten: Eine de vertont die raumgreifen­
ten durch Smart Building? alles gar nicht mehr leisten.
großformatige Kunstins­- de Klanginstallation Ge­
tallation wird auf den Mo­ dankenströme. Die digitalen Technologien werden unser Verhal­
nitoren im Eingangsbe- Fotos: HG Esch ten und die Räume in denen wir uns bewegen Sie haben neben München und Berlin auch ein
und aufhalten in hohem Maße verändern. Da sind Bürositz in Peking. Welche Unterschiede
wir noch am Anfang, diese Zusammenhänge sehen Sie in der Entwicklung von Smart Build­
zu verstehen, um wirklich neue Gestaltungsmög­ ings in Deutschland und China?
lichkeiten daraus abzuleiten. Die Standards, die wir in Deutschland haben,

Smart
Programming
Projekt
Brunner Innovation Factory, Rheinau

Gebäudetyp
Industriegebäude

Fertiggestellt
2018

Von den Büroräumen und Umfang von Bestellungen


der Kantine im Erdgeschoss reagiert werden. Über je-
hat man eine Sichtverbin­ der Insel befindet sich ein
dung in die Montagehalle. Installationsbogen.
Sie folgt dem Inselprinzip. Fotos: HG Esch; Grundriss
So kann flexibler auf den im Maßstab 1:2000

6x1/1
10x1/1

Colt-Rauchschürzen
für mehr Sicherheit von
Menschen und Sachwerten
Damit Rauch, Flammen und Brandgase im Brandfall nicht unkontrollierte
Wege gehen, setzt Colt zur Begrenzung oder Kanalisierung Rauchschürzen ein.
Diese bilden Barrieren und halten die Flucht- und Rettungswege rauchfrei.
Als Pionier des Rauch- und Wärmeabzugs wissen wir, wovon wir sprechen.

Erfahren Sie jetzt mehr über Colt und Colt-Technologien:


64 BAUWELT PRAXIS Bauwelt 18.2019 www.colt-info.de
Bauwelt 18.2019 BAUWELT PRAXIS 65
"People feel safer in Colt conditions."
Forschung: Flexible Lichtgestaltung

JUNG
1
Das Plug &Light Leuchtensystem mit LED

Break the Grid


Aufsätzen ermöglicht anpassungsfähige
Lichteinstellungen. Die Aufsätze sind dimm­
bar, docken über einen Magneten an die
Lichtsteckdose an und sind somit direkt
Research nutzbar. Das ermöglicht eine hohe Flexi­
bilität und Funktionssicherheit für den An­
wender. Über den Magnetaufsatz wird die
GXN Innovation, ein Spin-Off des 2 Leuchte auch mit der für den Betrieb nö­
tigen Energie versorgt. Die Steuerung
dänischen Architekturbüros Vertikaler Antrieb für Asphalt
erfolgt entweder per Smartphone, Tablet,
3XN , erforscht gemeinsam mit
Lagerung mit verän- Die Solarkollektoren versorgen
dertem 3D-Druck-Mecha- den Antriebsmotor und das
nismus Kontroll- und Kommunikations­ Touchpanels oder durch eine intelligente
MAP Architects und dem Da- Gelenk mit allseitig bewegli­
zentrum mit Energie

Gebäudesystemsteuerung.
nish AM Hub neue Anwendungs-
Frei verstellbarer Neigungs-
chem euklidisch winkel für die optimale
linearem Fortbewegungs­ Energiegewinnung
system
Plug&Light, www.jung.de
gebiete für den 3D -Druck.

Unter dem Projekttitel „Break the Grid“ forschen


seit Anfang 2018 Architekten und Wissenschaft­- Fortbewegungssystem für
autonomes Laufen
Einzugsmechanismus, der die
Solarkollektoren vor Beschä-
digungen bei rauen Umweltbe­
SCHULBAU Salon & Messe:
ler aus Kopenhagen an 3D-Druck-Robotern. Ziel
Berlin
dingungen schützt

ist die Konstruktion eines Prototyps, der durch Beine aus einem ultra-leicht
3D-Drucker-Hexapod
Laufgelenke aus leichten Die Forscher arbeiten im La­
11. - 12. September 2019
Aluminiumprofilen
für Flexibilität und
die Weiterentwicklung herkömmlicher 3D-Dru­ bor an mechanischen Pro­ Zentrales Nervensystem

wtec
Geschwindigkeit in der
Fortbewegung
totypen 1. Technische Zeich­
cker, die natürliche und gebaute Umwelt ver­ An Leuchten gekoppelte Sensoren bilden
nung eines Roboters 2 und
bessert. Die Roboter sollen sich autonom fortbe­ verschiedene Einsatzmöglich­ das Netzwerk, mit dem das Smart-Build-
wegen und so neue Anwendungsbereiche er­ keiten 3–5 ing-System arbeitet. Zahlreiche nutzungs­
schließen können. Durch eine Kombination von gebundene Anwendungen wie die Be­
3 4
additiven Druckverfahren und Sensorik können leuchtung oder die Flächenbelegung in
die Roboter in verschiedenen Terrains arbeiten. Gebäuden können analysiert, gesteuert
Auf dem Land sieht die Forschungsgruppe und dadurch optimiert werden. … wenn sie langweilig ist.
die Möglichkeit, dass 3D-Druck-Hexapods klei­
smartengine, www.wtec.ag Wir brauchen aber gut ausgebildete und
ne Risse im Asphalt selbstständig aufspüren interessierte Schüler, die ihre und unsere
und mit einer Pilz-Calciumcarbonat Füllung repa­ Zukunft aktiv gestalten wollen. Von der Kita bis
rieren, um größere, aufkommende Schäden vor­ zum Campus müssen unsere Bildungsbauten
den Anforderungen von guter Architektur und
zubeugen. Unter Wasser soll ein 3D -Druck- ROV
guter Bildung entsprechen.
den Meeressand zusammen mit einem synthe­
tisch hergestellen Kleber vermengen und damit Die SCHULBAU ist die europaweit einzige
künstliche Riffe drucken. Dadurch lassen sich Messe, die für konkrete und verabschiedete
die Küsten schützen und ein lebendiger Unterwas­ Investitionsvolumina veranstaltet wird. Sie
5
serlebensraum fördern. In der Vision ist auch Vielfache Möglichkeiten findet in Kooperation mit wichtigen Akteuren

Somfy
im Bereich Schulbau statt.
eine Nutzung in der Luft vorstellbar. Um den Ener­ In einem Smart Home sind alle Anwendun­
gie- und Wärmeverlust bei älteren Hochhäu­ gen miteinander verknüpft. Ein Tool für Für Architekten und Fachplaner, Schulleiter,
sern einzudämmen, zeigen die Forscher wie zu­ die Steuerung bietet Somfy mit der Home- Behörden- und Institutionsvertreter, Investoren
künftig 3D-Druck-Drohnen Wärmebrücken iden­ Zentrale TaHoma. Über das beidseitige und Bauunternehmungen.
tifizieren und mit neuer Isolation versehen. Funkprotokoll „io-homecontroll“ kommuni­
Das Projekt ist der Teil der „Moonshots“-Initia­ zieren die Geräte untereinander und las­
tive des Danish AM Hub, das vielversprechende sen sich flexibel verknüpfen. Mehr als 200
Innovationen im Bereich 3D-Druck fördert. Initi­ Produkte lassen sich so miteinander kop­
iert und finanziert wird das Projekt durch die peln. Die Anwender können eigene Wohn­
Danish Industry Foundation. szenarien oder Anwesenheitssimulatio­ Mehr Infos auf www.schulbau-messe.de
nen für die angebundene Haustechnik er­
stellen und per App auch von unterwegs
steuern.

TaHoma, www.somfy.de EXTRA!


Beteiligte
sfeier
Große Jubiläum
GXN Innovation, MAP Architects, The Danish AM Hub, r mit
Kopenhagen am 12. Septembe
ke rn zu
Szene-Spea
ungsbau“
Fotos und Zeichnungen „Fassade im Bild
1–5 GXN

69x262_bauwelt.indd 2 17.07.19 15:05


66 BAUWELT PRAXIS Bauwelt 18.2019 Bauwelt 18.2019 BAUWELT PRAXIS 67
Detail 3750 Sensoren übernehmen die
Rolle der Sinnesorgane und füt-
tern das „Gehirn“ im Cube in Berlin

Architekten 2020 sollen die ersten Mieter in den „Cube“ am Washingtonplatz, direkt
3XN Architects, Kopenhagen hinter dem Berliner Hauptbahnhof, einziehen. Der zehngeschossige Ku­
bus, entworfen von 3XN Architects, soll das „The Edge“ in Amsterdam als
Tragwerk intelligentestes Gebäude in Europa ablösen. Die Besonderheit des soge­
RSP Remmel + Sattler Ingenieurgesellschaft mbH M&E nannten Smart Commercial Building liegt in einer integrierten künstlichen
Intelligenz (KI), welche die gesamte Technik des Gebäudes miteinander
Digitalisierungskonzept, Fassadentechnik, Energiedesign
vernetzt und wie ein Gehirn funktioniert. Es soll aus den Daten des Betriebs
Drees & Sommer
lernen und Verbesserungsvorschläge formulieren können, nutzerspezi­
Brandschutz fische Anwendungen erkennen und sich diesen anpassen.
hhp Berlin Zum einen speist das „Gehirn“ sein Wissen aus einer App, welche die In­
teraktion des Nutzers mit dem Gebäude ermöglicht. Die darin abgespei­
Bauherr
cherte, anonymisierte Personenerkennung gewährt etwa den Zugang zum Der Cube wird nach den Plä­ derzeit wird die Glasfassa­
CA Immo Deutschland nen des Kopenhagener de montiert.
Gebäude, man kann die hauseigene Paketstation bedienen, Bestellungen
Büros 3XN Architekten rea­ Abb.: CA Immo (Grafik und
Geplante Fertigstellung aufgegeben oder Buchungen von Arbeitsplätzen oder Meetingräumen vor­ lisiert und bietet auf 17.000 Foto links), 3XN Archi-
Herbst 2019 nehmen. Auch das Raumklima kann über die App gesteuert werden und Quadratmeter Büroflächen. tects (Renderings), Beatrix
individuelle Einstellungen von Licht und Temperatur können gespeichert Im Mai 2018 war Richtfest, Flagner (Foto rechts)

werden. Diese Daten verknüpft das „Gehirn“ mit dem digitalen Facility
Managment und dem Managment-Cockpit: Wo ist eine Reinigung notwen­
dig? Wo müssen Reparaturen vorgenommen werden?
Zum anderen zieht das KI-System seine Informationen aus 3750 Senso­
ren, sogenannten Beacons, die wie Sinnesorgane das Gehirn füttern.
An welchen Stellen im Haus können Energiekosten eingespart werden?
Das System basiert auf der Thing-it-Software des Startups Think
Technologies und wurde am Demozentrum im Cluster Smart Logistik der
RTWH Aachen entwickelt. Im Modell wird hier bis zur Inbetriebnahme das
Zusammenspiel der einzelnen Hard- und Softwares, also die Verknüpfung
von Planungs-, Betriebs- und Nutzerdaten, abgebildet und getestet. BF

68 BAUWELT PRAXIS Bauwelt 18.2019 Bauwelt 18.2019 BAUWELT PRAXIS 69