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Zentralbibliothek

Mit einem schwungvollen Bibliotheksgebäude komplettieren ALA einen prestigeträch­


tigen Platz in Helsinki. „Oodi“ ist aber weit mehr als eine Bücherhalle, sie ist dazu an­
gelegt, alle Aspekte von Wissen und Lernen im Fluss zu halten. Das schaffen die Archi­
tekten und Bibliothekare durch die Kombination von praktischen, lehrreichen und
unterhaltsamen Angeboten sowie einer Architektur, die dazu einlädt, sie zu benutzen.
Text Josepha Landes Fotos Tuomas Uusheimo

3 5

Die Bibliothek „Oodi“ liegt 1 Oodi


zwischen Helsinkis Haupt-
2 Kiasma
bahnhof und einem Platz,
der als Kulturforum der 3 Parlament
Stadt gelten kann, dem 4 Musiikkitalo
„Kansalaistori“. 5 Finlandia-talo
Lageplan im Maßstab
6 Hauptbahnhof
1:10.000

Aus dem Foyer fällt der Blick


auf das finnische Parla-
ment (links). Über dem Haupt-
eingang kragt ein Balkon Wörtlich bedeutet Bibliothek „Buch-Behälter“ – Die Bibliothek bereichert ihren Bücherschatz, der Finnland noch unter russischer Herrschaft stand,
aus, der als „Terrasse des Bücher: Inkarnation des Wissens. Wen wundert, aus einer dynamischen Sammlung von circa dem Musik-Zentrum „Musiikkitalo“ von LPR
Volkes“ dem Regierungs- dass Bibliotheken der Gegenwart, wo das Wis- 100.000 Büchern besteht, um institutionelle An- (2011) und Steven Holls Museum für Gegenwarts-
bau Paroli bietet.
sen längst aus den Büchern hinausgeschwappt laufpunkte der EU und der Stadt Helsinki, Werk- kunst „Kiasma“ (1998) spannt. Zudem nur einen
ist, sich neu erfinden ­– als Wissens-Behälter. In stätten für digitale Arbeitstechniken, Musik- und Steinwurf entfernt von Alvar Aaltos Finlandia-talo
Helsinki eröffnete im Dezember ein solches Ge- Filmstudios, offene Arbeitsplätze, an denen die (1971), einer Konzert- und Kongresshalle, deren
bäude. Konzipiert wurde die neue Zentralbiblio- Bürger sich gegenseitig beim Umgang etwa mit Name auf einer sinfonischen Dichtung Jean Sibe-
thek der Stadt von ALA Architects. Die Helsinkier Nähmaschinen und Computern helfen, Räume liusʼ gründet, hält dieser Platz ohne Bedenken
waren 2013 als Gewinner aus einem zweiphasi- für Treffen von Interessengruppen verschiede- als finnisches Kulturforum her. ALA reihen ihren
gen Realisierungswettbewerb hervorgegangen nen Umfangs und eine Nachbarschaftsküche. schwungvollen Baukörper hier in eine Reihe von
(Bauwelt 29.–30.2013). Der Name der Bibliothek, Das Gebäude befindet sich in unmittelbarer Architektur ein, deren Bausteine über die Jahr-
„Oodi“, weist ihr die Funktion einer Ode an Wissen Nachbarschaft des von Eliel Saarinen (1873– zehnte hinweg stets auch Finnlands kultur-politi-
und Demokratie zu. Sie ist ein öffentlicher Raum 1950) entworfenen und 1919 eröffneten Haupt- schem Standpunkt Ausdruck verliehen haben.
für die Bürger, wo Wissen, Bildung und Miteinan- bahnhofs. Es bildet den östlichen Abschluss Oodis äußere Form und Material lassen man-
der rund um Bücher, aber eben auch um neue des Kansalaistori-Platzes, der sich zwischen dem nigfaltige Assoziationen zu: Die parametrisch
Medien und Tätigkeiten, ranken. finnischen Parlament aus dem Jahr 1906, als entwickelte Form, verkleidet mit viel Holz und ge-

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spickt mit viel Glas, erinnert an den Durchbruch Zugang im Erdgeschoss hineingestoßen ist und hinein dringen: ein Fest, der Winter, Tag oder Architekten Bauleitung
der Architekten, das 2012 im norwegischen den Vorplatz ins Gebäude holt, gibt der darüber Nacht. Im langgestreckten, weitgehend offenen ALA Architects, Helsinki YIT Rakennus, Helsinki
Kristiansand eröffnete Zentrum für Darstellende auskragende, weitläufige Balkon dem Gebäude Foyer bietet sich die Möglichkeit, mittels mobi-
Künste „Kilden“. Das sanft sich, wie in Wogen, Außenfläche zurück. Ob die Anleihen, die das Ge- ler Trennwände einen Veranstaltungsraum einzu- Projektarchitekten Tragwerksplanung

hebende und senkende Dach, das ähnlich einer bäude an die Finlandia-talo vorweist, im Sinne der ziehen. Zudem ist im nördlichen Abschnitt ein Juho Grönholm, Antti Nous- Ramboll Finland, Espoo
joki, Janne Teräsvirta,
Baiser-Schicht den Abschluss bildet, ruft zum Schöpfer sind, lässt sich nur vermuten. Denkbar Kinosaal untergebracht, den die Bibliothek außer- Samuli Woolston mit Niklas Bauherr
Beispiel Gedanken an die Hamburger Elbphilhar- scheint, dass das umlaufende Fensterband hin- halb der Spielzeiten vermietet. Mahlberg Stadt Helsinki
monie wach. Das Zusammenspiel von hölzer- ter der teils perforierten Holzlamellenwand, das Im Zwischengeschoss, der sogenannten Man-
Mitarbeiter
nem Rumpf und leichter Haube lässt ein Ringen beide Gebäuden vorweisen, kein Zufall ist. sarde, fügen sich rund um eine Lernlandschaft Hersteller
Aleksi Niemeläinen, Jussi
zwischen See und Schiff ausmachen, ein Bild, Über drei Etagen staffeln ALA im Inneren ihres eingestellte Räume zwischen das massige, höl- Fassadenholz Stora
Vuori, Erica Österlund, as Fenster/Verglasung Win-
das sich im Innern fortdenken ließe. Jedoch, solch Gebäudes Stadtplatz, Workshops und Bücher- zern verkleidete Stahltragwerk. All diese Räu- well as Willem Barendregt, door AS
bildhafte Vorstellungen verbitten sich die Archi- himmel, verbunden durch eine doppelläufige, me stehen den Bürgern kostenfrei für diverse Ak- Martin Genet, Vladimir Ilic, Dachbelag Icopal
Tiina Liisa Juuti, Julius Keko-
tekten mit dem Verweis auf eine rein konzeptu- schwarze Spiraltreppe und eine Rolltreppe mit tivitäten zur Verfügung. Diese Aktivitäten hal- Türen Jaatimet
ni, Auvo Lindroos, Pekka
Beschläge Abloy
elle Herleitung – die Schwünge der Fassade gelbem Handlauf. Jede Ebene befindet sich in ten das Zwischengeschoss im Fluss: Auf textil Sivula, Pekka Tainio, Jyri Tar-
Sonnenschutz Aletta
seien ein Mittel zum Zweck, dem Gebäude den stetem Fluss diverser Einflüsse. Im Erdgeschoss belegten Stufen machen Schüler ihre Hausauf- tia, Tuulikki Tanska, Tom
Bodenbeläge Teppman,
Stevens, Heikki Ruoho, Nea
öffentlichen Raum einzuverleiben: So wie der sind das die Ereignisse, die aus dem Außenraum gaben. In kleinen Separees treffen sich junge El- Loimaan Kivi
Tuominen, Pauliina Rossi,
Wandtextilien Kvadrat
Anna Juhola, Miguel Silva,
Sanitär und Armaturen
Michal Bala, Marina Diaz
Dyson, Oras, Duravit, Ido
Garcia, Jyri Eskola, Zuzana
Fliesen VeroStone, Pukkila
Hejtmankova, Harri Humppi,
Leuchten Erco, Fager-
Mette Kahlos, Anniina Kor­
hult, Wästberg, Led Linear,
temaa, Felix Laitinen, Mal-
Cariitti, Regent, Planlicht,
gorzata Mutkowska, T. K.
Gradus
Justin Ng, Marlène Oberli-
Schalter ABB Impressivo
Räihä, Olli Parviainen, Alicia
Möbel (Auswahl) Artek,
Peña Gomez, Anton Pram-
Nikari, Vivero, Arktis, Piiroi-
strahler, Jack Prendergast,
nen, Tunto, Lammhults,
Akanksha Rathi, Niina Rinki-
Arper, Vitra, Quinze & Milan
nen, Mikael Rupponen, Mirja
Gebäudeautomatik Fidelix
Sillanpää and Pekka Sivula
Klimasystem Itula

Das Gebäude lädt Flaneure ten Wendeltreppe drei Eta-


ein zu entdecken. Eine Roll- gen: Stadtplatz, Work-
treppe, deren gelbe Hand- shop und Bücherhimmel.
läufe das alltägliche Ele- Den Raum der mittleren
ment hervorheben soll, ver- Ebene prägt das hölzern
bindet neben einer doppel- verkleidete Stahl-Fach-
läufigen, schwarz gewande- werk.

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2

Die obere Ebene ist locker


10 mit Regalen bestückt.
An den Kurzseiten hebt sich
der Boden, was Raum für
Im Bücherhimmel finden die Einbauten, die effizientes 5 8 Nebenräume ergibt.
Besucher Rückzugsorte Arbeiten, Schmökern oder 9
Grundrisse und Schnitte
und verschiedene Konfigu- Austausch mit Anderen 5 im Maßstab 1:1000
rationen von Mobiliar und zulassen.
7
6

1 Bücherhimmel
2 Kinderland
3 Titanic-Spitze
4 Terrasse des Volkes
5 Studios
6 Separees
7 Bürgerküche
8 Multimedia-Cube
13 9 Lesestufen
11 14
10 Labore
1 1 Kinder-Café
12 Kino
12 13 flexibler Saal
14 Informationstresen

2
1 1 4

5 9 9

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tern, um Kleinkinder in den Schlaf zu wiegen, in mernächten gefeiert werden. Des Winters mum-
größeren versammelt sich ein Seniorenkreis. meln sich Besucher in Drehsessel hinter dem
Die Küche dient zum kulinarischen Beisammen- Panoramafenster und schwelgen in literarischen
sein. In den Kork-gewandeten Studio-Einbau- Welten.
ten proben Musiksternchen der Zukunft oder tüf- Farben und Material der Innenausstattung be-
teln die Mitglieder eines Fotoclubs. Aus Schau- wegen sich innerhalb eines von der Natur inspi-
kelstühlen folgen die Blicke Verweilender dem rierten Spektrums, kontrastiert mit Weiß, Schwarz,
Strom derer, die es nach oben zieht, in den Bü- Aluminium und gelben Akzenten an der Rolltrep-
cherhimmel. pe. In skandinavischer Designmanier gemusterte
Dort auf der oberen Ebene sind es die Licht- Teppiche und hochwertiges Mobiliar sind mit
Im Mittelgeschoss können fertigung verläuft fast voll- verhältnisse und die freie, landschaftliche An- Bedacht gewählt. An Oodi zeigt sich die Verbind-
die Bürger Separees und automatisiert. Die Sanitär-
ordnung des Mobiliars, die das Fließen von Bewe- lichkeit des öffentlichen Bauherrn, das Steuer-
Studios mieten. Technische räume im Untergeschoss
Labore sind mit dem neu- sind unisex angelegt und gung und Gedanken unterstützen. Die Atmos­ geld der Bürger für deren Bedürfnisse umzuset-
esten Stand der Technik aus- barrierefrei ausgestattet. phäre des Raumes unter einer gewellten weißen zen. Sicher kompensiert das Angebot in Oodi
gestattet. Die Bücher-Ab- Fotos: Josepha Landes Decke ändert sich unablässig. Ein leichter Mo- Defizite an anderen Stellen, etwa auf dem teuren
tivdruck, der wie Schnee über der Fensterfront und engen Wohnungsmarkt, nicht vollends, die
liegt, trägt zum Changieren des Lichts bei. Er Konsequenz aber, mit der bei diesem Bau Quali-
mildert auch im Sommer das Blenden der Sonne tät und Gesellschaftsraum an erste Stelle ge-
Im Bücherhimmel kann man ab. Von außen gesehen dient er zudem, die stellt wurden, beeindruckt. Das Konzept des Ge-
auch anderen Interessen
Schwerelosigkeit des Daches zu erhalten. bäudes scheint einem Entwurfsworkshop ent-
als dem Lesen nachgehen:
Kinder zweckentfremden Der Bücherhimmel ähnelt dem Inneren von sprungen, fußt aber auf expliziten, im Beteiligungs-
die Rampen als Rutschen, OMAs Qatar National Library in Doha: die glei- verfahren von den Bürgern zusammengetra­-
und der Ausblick lohnt den
chen Regale aus weiß lackiertem Aluminium, die genen Wünschen, die tatsächlich Beachtung
Ausflug aufs Oberdeck.
gleiche Kombination von kompakten Bündeln fanden.
dieser Regale, unterbrochen von freien Flächen,
wo Verweilen, Zerstreuung und Austausch mög-
lich werden. An den kürzeren Enden des langen
Raumes hebt sich der Boden und umspült auf
einer Seite einen Spielbereich, auf der anderen
eine Tischgruppe, die zum konzentrierten Ar-
beiten angelegt ist. Die Stelle, wo sich die Ecke
zum Platz hin hebt, nennen die Mitarbeiter von
Oodi ihre Titanic-Spitze. Es ist einer der belieb-
testen Orte der Bibliothek. Die Längsseite, zum
Platz hin, flankiert ein Balkon – die „Terrasse des
Volkes“, da auf Augenhöhe mit dem Parlament
liegend. Gen Westen gerichtet, soll hier in Som-
Im Foyer können sich Besu-
cher über die Bibliothek, die
Stadt und die EU informie-
ren. Spielflächen, Cafés und
Veranstaltungsräume ma-
chen den Ort zu einem attrak-
tiven Indoor-Stadtplatz.

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