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Das Gebäude mit Nord- und Südfassade aus dient.

dient. Planer wie Ausführende versuchten über­ um den Darmstädter Hauptbahnhof mit dem ICE-

Im Lehmbau
Text Enrico Santifaller
Stampflehm. Der für 500 Mitarbeiter ausgelegte zeugend, Traditionen – formal wie inhaltlich – Netz zu verbinden. Die endgültige Linienführung
Allraum vom Erdgeschoss bis unter den 19 Meter neu zu interpretieren. Das Gebäude bricht mit ist bislang ungeklärt. Um das Alnatura-Projekt
hohen First. Das Grundstück auf einem ehema­ gängigen Regeln und Glaubenssätzen. Darüber umzusetzen, musste jedenfalls der Flächennut­
ligen Militärgelände – mit weniger Alt-, als viel­ hinaus stellt es einen Neuanfang für das Gelän­ zungsplan geändert werden, was eine Verzöge­
mehr Zukunftslasten. Und ein Bauherr – Firmen­ de der ehemaligen Kelley-Barracks dar, die die rung von einem Jahr bedeutete – obwohl der alte
chef Götz Rehn –, der nicht nur gleichzeitig kos­ von einem grünen Oberbürgermeister regierte Alnatura-Sitz im zwanzig Kilometer entfernten Bi­
tengünstig bauen wollte und Nachhaltigkeit ein­ Stadt zu einem „nachhaltigen Quartier mit ge­ ckenbach bereits aus den Nähten platzte. Der Ter­
forderte, sondern auch den Mut hatte, sich an werblichem Schwerpunkt“ verwandeln will. mindruck war nicht der einzige Faktor, den die Ar­
Grenzen zu wagen und gegebenenfalls darüber Damit Alnatura auf dem von den US-Streit­ chitekten zu berücksichtigen hatten. Martin Haas
hinauszugehen. Sechs Jahre dauerten Planung kräften 2008 aufgegeben Militärgelände eine spricht von insgesamt zwölf Parametern und
und Bau der „Altnatura Arbeitswelten“ im Süd­ Pionierfunktion übernehmen kann, hatte die Wünschen des Bauherrn, die den Entwurf beein­
Sinnvoll für Mensch und Erde: Bei der Hauptzentrale von westen von Darmstadt. Sechs Jahre vermittelte
Martin Haas vom verantwortlichen Architektur­
Stadt sogar die Flächen separiert und am süd­
westlichen Zipfel, sprich für das zusätzlich mit
flussten – u.a. ein „einladendes und offenes, statt
ein beeindruckendes Haus“, eine „Werkstatt-
Alnatura in Darmstadt setzte das Unternehmen treu auf büro haascookzemmrich Studio 2050 glaubhaft einem öffentlichen Waldorfkindergarten, Pacht- Atmosphäre“, „Einfachheit“, was möglichst wenig

ihr Motto. Gemeinsam mit dem Stuttgarter Architektur- „gemeinsames Erleben, Erfahren und Erlernen“,
um ein Gebäude nach dem Alnatura-Motto
und Lehrgärten sowie einer bewegten Park­
landschaft ausgestatteten Alnatura-Areal, einen
komplizierte Haustechnik bedeutete, sowie mög­
lichst geringen Ressourcenverbrauch.
büro haascookzemmerich Studio 2050 beweisen sie mit „Sinnvoll für Mensch und Erde“ zu realisieren. Die
neue Hauptverwaltung des Bio-Lebensmittel­
vorgezogenen Bebauungsplan beschlossen.
Allerdings soll quer über das bzw. unter dem
Entscheidend für die Beurteilung der zu verwen­
denden Baustoffe war die Betrachtung des jewei-
dem Einsatz von Lehm Mut zum Experiment. händlers hat sich das Adjektiv „neu“ redlich ver­ Konversionsgebiet eine Bahntrasse verlaufen, ligen Lebenszyklus´, wobei von einem Bestand von

Auf dem ehemaligen Kaser­ Die Zentrale ist europaweit


nengelände befindet sich das größte Bürogebäude
neben der Zentrale ein Wal­ mit einer Außenfassade aus
dorfkindergarten, ein ve­ Stampflehm. Die massiven
getarisches Bio-Restaurant Lehmwände wurden
und diverse Lehrgärten. mit Lehmmörtel verbunden.
Lageplan im Maßstab Mischmaschine, Vormi­
1:5000 scher und Stampfmaschine
wurden vor Ort eingesetzt.

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Lehm, obwohl eines der fünfzig Jahren ausgegangen wurde. Selbst die mer in den Arbeitswelten ein angenehmes Klima.
Lehmfassade war anfangs nicht sicher, erst nach Für die im Winter notwendige Heizung wurde
ältesten Baumateria­- der Betrachtung aller Aspekte – von der grauen unter der Innenseite der Wand ein Leitungssys­
­lien der Welt, ist hierzu­- Energie bis zum Recycling nach Abbruch des tem eingestampft. Das Warmwasser stammt

lande kein zugelassener Gebäudes – entschieden sich Bauherr und Ar­


chitekten für Stampflehm und den Vorarlberger
aus Geothermiebohrungen und aus der Abwär­
merückgewinnung der Küchentechnik.
Baustoff. Eine Reihe Lehmexperten Martin Rauch als Partner. Dass Die raue Oberfläche der Lehmschale verfehlt
von Einzelgenehmigun­- Lehm, obwohl eines der ältesten Baumaterialien auch im Innenraum ihre schalldämmende Wir­
der Welt, hierzulande kein zugelassener Bau­- kung nicht: Denn so großzügig der Allraum ohne
gen waren erforderlich. stoff ist, dass inzwischen zwar DIN-Normen für Trennwände und Flure wirken mag, so elegant
Lehmmörtel, -putz und -farbe, nicht aber für sich die beiden geschwungenen Büroflächen an
Lehmfassaden existieren, dass also eine Reihe das offene Atrium schmiegen, so vielfältig und
von Einzelgenehmigungen erforderlich waren, abwechslungsreich das räumliche Erleben an
beanspruchte die Geduld der Beteiligten zusätz­ fast jedem Standpunkt des Gebäudes auch ist –
lich. rund vierhundert permanent anwesende Mitar­
Rauch, der die ungedämmte Lehmfassade des beiter produzieren ohne akustisch wirksame
Ricola-Kräuterlagers nach Plänen von Herzog & Einrichtungen eine Menge Lärm. Um dieses Pro­
de Meuron fertigte, musste seine Technik für ein blem in den Griff zu bekommen, hat nahezu jede
Bürogebäude weiterentwickeln. Die insgesamt Oberfläche in dem 13.500 Quadratmeter umfas­
384, je 3,50 Meter langen und ein Meter hohen senden Gebäude eine schallbrechende Funktion:
Elemente, die zu 32 selbsttragenden Elementen Von den perforierten Gebäudekernen und eben­
gestapelt und mit Gewindestäben in den Decken so beschaffenen Mitarbeiterspinden über die
verankert wurden, produzierten seine Mitarbei­- mit Blähbetonstreifen versehenen Decken und
ter in einer benachbarten ehemaligen Panzerhal­ die Holzlamellendecke unterm Dach bis zu den
le vor. Für den Lehm und den gewünschten oran­ Teppichböden und den siebenlagigen Vorhängen,
ge-gelblichen Farbton verwendeten sie neben die Besprechungsinseln und Teeküchen abtren­
Lavaschotter aus der Eifel auch Tunnelaushub nen. Mit Ausnahme der Arbeitsplätze direkt hin­-
von Stuttgart 21. Wegen einer 17 Zentimeter star­ ter diesen Besprechungsinseln – hier wird noch
Die schalldämmende Holz­ ken Dämmschicht aus Schaumglasgranulat nachgerüstet – funktionieren all diese Maßnah­
lamellendecke überspannt wuchs die Dicke der Lehmwand im Vergleich zu men ausgezeichnet. Die Stimmen bleiben ange­
den Allraum. Die Arbeitsbe­
Ricola auf 69 Zentimeter. Dank der je nach Um­ nehm leise. Die Entscheidung von Firmenchef
reiche werden über offene
Treppen und Brücken mitei­ gebungsluft Feuchtigkeit aufnehmenden oder Rehn und seinen Mitarbeitern für eine nicht-terri­
nander verbunden (linke abgebenden Lehmfassade, ihrer Speichermasse toriale, von einer Vitra-Fachabteilung geplante
Seite). Der einzige richtige sowie einer natürlichen Belüftung, wozu die Luft Büroorganisation und Desk-Sharing eröffnet fle­
Flur befindet sich im Erdge­
schoss, im Konferenzraum­ aus dem nahen Wald angesaugt und über einen xible Möglichkeiten. So kann man an den „Lüm­
trakt (oben rechts). Erdkanal vorkonditioniert wird, herrscht im Som­ melbrettern“, in Sitzecken oder in weiteren, „Alko­

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Architekten ven“ genannten Besprechungsinseln arbeiten,
Die transparente Stirnseite
haascookzemmerich Studio die stets mit Netzanschluss ausgestattet sind
und das Oberlichtband sor-
2050, Stuttgart und an den Bewegungsflächen liegen. gen für einen lichtdurchflu-
Mit „Werkstatt-Atmosphäre“ ist die Stimmung teten Raum. Durch letzte-
Projektleitung res gelangt Nordlicht in das
in dem Allraum – nur das Erdgeschoss hat ein
Sinan Tiryaki, Elena Krämer, Gebäude. So wird eine zu
Philip Furtwängler
paar Glaswände für weitere Besprechungsräume große Erwärmung im Som-
und für das öffentliche Restaurant – richtig um­ mer vermieden.
Mitarbeiter schrieben. In dem Raum, der durch die gläsernen
Eva Engele, Yohhei Kawasa­ West- und Ostfassaden sowie durch das nach
ki, Eduardo Martín Ro­
Norden gewandte Dachoberlicht taghell beleuch­
dríguez, Ioannis Siopidis
tet wird, wird konzentriert und – soweit das ein
Bauleitung Externer beurteilen kann – kollegial gearbeitet.
BGG Grünzig Ingenieurge­ Man ist weit weg von jenen vorgeblichen Krea­
sellschaft, Bad Homburg
tivität fördernden Freizeitparks, den neuerdings
Tragwerksplanung IT-Unternehmen und Sportartikelhersteller für
Knippers & Helbig, Stutt­ das hoffentlich overperformende Personal ein­
gart richten. Die Mischung aus Vitra-Möbelklassikern,
Auf-Putz-Installationen – etwa für die Sprinkler
Energiekonzept
–, aus den Panzerhallen stammenden Hänge­
Transsolar, Stuttgart
leuchten und den sich einzeln abzeichnenden
Landschaftsplanung
Schichten der rustikalen Lehmwände vermitteln
Ramboll Studio Dreiseitl,
die Arbeitswelten einen sehr eigenständigen
Überlingen
Reiz, der über manch‘ ästhetischen, für den All­
Hersteller raum erforderlichen Kompromiss locker hin­
Stampflehmfassade Lehm wegtröstet. Dass die Hülle des Allraums in Höhe,
Ton Erde
Farbe und Dachform dem Äußeren der Mann­
Verglasung Glas Trösch
Dacheindeckung Zambelli schaftsgebäude auf dem ehemaligen Kasernen­
Beschläge Dorma, Hafi gelände ein wenig ähnelt, sie fortschreibt, aber
Bodenbelag Chemotechnik, mit ganz anderem Inhalt füllt, vergrößert den
Carpet Concept
Trockenbau Knauf Reiz der Alnatura-Arbeitswelten zusätzlich. Die
Armaturen Herzbach Losung „Sinnvoll für Mensch und Erde“ lädt zu
Leuchten Nimbus, Wald­ vielerlei Interpretationen ein. Eine ebenso konzep­
mann, Molto Luce, Bega
Möbelierung Vitra
tionell hoch anspruchsvolle wie gelungene, ist
nun in Darmstadt zu sehen.

Akustik spielt eine tragende


Rolle: Sämtliche Oberflä­
chen und das Mobiliar erfül­
len besondere Anforderun­
gen.
Grundrisse im Maßstab
1:1000, Schnitt 1:750

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