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Fokus Text Jasmin Schiele Fotos Roger Frei

Dicke Wände In der Schweiz realisierten


Baumschlager Eberle
erneut einen Neubau ohne

statt dicker Luft Heizung, Lüftung und


Kühlung.

Es haben sich zwei Lager bei der Suche nach von 22 bis 26 Grad. Der fünfgeschossige Neubau Architektur hält, was sie verspricht: In zweijähri-
Lösungsansätzen für die enorme CO2-Emission kommt ohne Heizung, mechanische Lüftung ger Entwicklungsphase wurden alle Parameter
im Bausektor gebildet: Hightech versus Low- und Kühlung aus und wird als „energetisches Bau- im Vorfeld simuliert, von der Dicke der Außen-
tech. Sinnvolle Gebäudetechnik kann dazu bei- wunder“ gelobt. wände bis zur Höhe der Räume. Die gesammel-
tragen, den energetischen Aufwand von Bauten Die Architekten sehen ihr Konzept als Manifest ten Betriebsdaten der letzten Jahre bestätigen,
zu reduzieren, jedoch ist die eingesetzte Technik für nachhaltiges Bauen. Wuchtiges Mauerwerk, dass sich das Klima in der anvisierten Tempera-
selbst mit grauer Energie belastet. Ist deshalb wie man es beispielsweise vom traditionellen En- turzone bewegt. Auch die Nutzer sind überzeugt:
der radikale Verzicht auf Haustechnik das konsis- gadinerhaus kennt, sorgt für thermische Spei- Bei einer Befragung empfanden am kältesten
tentere Konzept? Wie das gebaut aussehen chermasse, ein sensorgesteuertes Lüftungskon- Tag noch 95 Prozent das Raumklima als ange-
kann, ist im Schweizerischen Emmenbrücke er- zept für ein angenehmes Raumklima. Mit die- nehm.
neut zu begutachten: beim Bürogebäude „2226“ sem Rezept haben Baumschlager Eberle bereits In Emmenbrücke ersetzte der Neubau mit sei-
von Baumschlager Eberle Architekten. Der Name 2013 bei ihrem eigenen Firmensitz in Lustenau nen 2815 Quadratmeter Nutzfläche ein altes
steht für eine konstante „Komforttemperatur“ in Österreich gezeigt (Bauwelt 44.2013), dass ihre Fabrikgebäude. Die städtebauliche Setzung mit
ähnlicher Kubatur sowie das Walmdach über-
In Emmenbrücke ersetzte nimmt das monolithische Bürogebäude vom Vor-
der Büroneubau ein altes
gänger. Auf den zweischaligen Wandaufbau,
Fabrikgebäude.
mit jeweils 38 Zentimeter tragendem und wärme-
dämmendem Ziegelmauerwerk ist beidseitig
ein 15 Millimeter starker Kalkputz aufgetragen –
die helle Farbe verhindert unnötiges Aufheizen
im Sommer. Tagsüber nimmt diese massive Hülle
Wärme auf und gibt sie nachts nach innen ab.
Der offene, nutzungsneutrale Grundriss glie-
dert sich um den Erschließungskern mit Sanitär-
anlagen und Nebenräumen. Alle innen liegenden
Tragelemente sind ebenfalls aus Ziegelstein.
Als Wärmequelle genügt die Abwärme von Men-
schen, technischen Geräten und Beleuchtung
sowie im Winter auch von solaren Gewinnen. Sen-
soren auf jedem Geschoss messen Tempera-
tur, CO2-Gehalt und die relative Luftfeuchtigkeit.
Auf dem Dach befindet sich zudem eine Wet-
terstation. Die Regulierungssoftware betätigt je

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de wird mit einer gleichmäßigen Belichtung und Architekten
Querlüftung begründet, ist aber ebenso eine
Entwurf
stilistische und kostensparende Entscheidung.
Baumschlager Eberle Architekten, Zürich

Komfort trotz Verzicht Projektleitung


Ein überdurchschnittlich hohes Maß an Komfort Thies Böke
trotz oder wegen des bewussten Verzichts auf
herkömmliche Haustechnik ist gegeben. Studien Mitarbeiter

belegen, dass Nutzer ihre thermische Behag- Katharina Jacobi, Plamen Stamatov

lichkeit höher einstufen, wenn Räume natürlich


Bauleitung
belüftetet werden können. Berechnet man den
bhp Baumanagement AG, Emmenbrücke
Energiebedarf, wird der Faktor Mensch als kon-
stant angenommen, sein irrationales Heizen und
Lüften (manchmal sogar zur selben Zeit), treibt Fachplaner
den Energieverbrauch in die Höhe und kann da-
Tragwerksplanung
zu führen, dass Zielwerte am Ende nicht einge-
Kost + Partner AG, Sursee
halten werden. Bei Baumschlager Eberle darf der
Mensch irrational sein, ohne dabei die Umwelt Landschaftsplanung
zu belasten – ganz ohne Techniküberfrachtung. USUS Landschaftsarchitektur AG, Zürich
Die Reduktion von Haustechnik ist ein Schritt
in die richtige Richtung. Die Erprobung solcher An-
Hersteller
sätze, auch für den Umbau von Bestandsge-
bäuden wäre ein weiterer wichtiger Schritt, auch Gelöschter Kalkputz
wenn dies oft nicht die kostengünstigste Alter- Gerold Ulrich
native ist.
Fassadenfenster, Fensterrahmen, Außentüren
Für Temperaturstabilität Neben der langlebigen Bausubstanz macht
sorgt ein knapp 80 cm GAWO Gasser
auch die Nutzungsneutralität das 2226-Gebäude
dickes, zweischichtiges
Mauerwerk. nachhaltig. Während man in Lustenau Büroräu- Dachfenster
Schnitt und Grundriss Erd- me, Fitnessstudio und Wohnungen mischte, gibt Velux
geschoss im Maßstab es im 2226 Emmenbrücke unter anderem eine
1 :500
Bildungseinrichtung für 650 Schüler. Dieses Jahr Beschläge

wird nach dem gleichen Prinzip ein Therapie- Glutz

zentrum mit Wohnungen in Österreich fertigstellt.


Leuchten

Neben der langlebigen Zumtobel, Hess

Bausubstanz macht auch Schalter und Steckdosen

die Nutzungsneutralität Feller

das 2226-Gebäude nach- Aufzüge


Kone Schweiz AG
haltig.
nach Bedarf Lüftungsklappen seitlich der innen Daten
liegenden, festverglasten Fenster und sorgt so
Adresse
für eine angenehme Raumtemperatur und Luft-
Emmenweidstraße 58a, 6020 Emmenbrücke, Schweiz
qualität. Die Nutzer können mit der Software die
Automatik auch selbst übersteuern – bei extrem Bauherr
hohen oder niedrigen Temperaturen macht dies BRUN Real Estate AG, Emmenbrücke
allerdings keinen Sinn, da sonst zu viel warme be-
ziehungsweise kalte Luft einströmen würde.
Damit das Lüftungskonzept aufgeht, braucht
es ein großes Luftvolumen, welches durch lich-
te Raumhöhen von 3,40 Meter im Regelgeschoss
und 4,50 Meter im Erdgeschoss gegeben ist. Der
Anteil der Öffnungen ist vergleichsweise gering
mit nur 18 Prozent, liegt damit aber um zwei Pro-
zent höher als beim Prototyp in Lustenau. Tiefe
Laibungen sorgen für Verschattung und verhin- Ohne Heizung, Lüftungs-
und Kühlungsgeräte wir-
dern das Aufheizen des Innenraums. Helle Böden
ken die Innenräume unge-
und Wände tragen zur besseren Lichtausnut- wöhnlich aufgeräumt
zung bei. Die strenge Rhythmisierung der Fassa- und frei.

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