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Jobcenter im

Der Architekt Fritz Bornemann gilt als einer der Architekten


wichtigen Unbekannten der Nachkriegszeit in Rüthnick Architekten
West-Berlin: Amerika-Gedenkbibliothek, Deut­
Projektleitung

Bornemann-Hochhaus
sche Oper, Freie Volksbühne und die Museen in
Dahlem (mit Wils Ebert) gehen auf ihn zurück. In Elisabeth Rüthnick

der zweiten Reihe seines Oeuvres stehen Bau­-


Mitarbeiter
ten wie die Erweiterung des Rathauses in Wed­
Sylvia Wallau, Sabine
ding (1959–66). Schlicht, funktional, ein biss­ Hadrossek
chen spröde – so erscheint das zwölfgeschossi­
ge Hochhaus in der Müllerstraße auf den ersten Bauleitung

Leer, energetisch veraltet, mit bröckelnder Fassade: Der von Fritz Blick. Dabei steht Bornemanns städtebauliches Frank Anacker

Bornemann entworfene Turm mit Saalbau im Berliner Wedding Konzept paradigmatisch für das demokratische
Selbstverständnis der jungen Bundesrepublik.
Tragwerksplanung
Rüdiger Jockwer, Berlin
war deutlich in die Jahre gekommen. Rüthnick Architekten haben Nun haben Rüthnick Architekten den Bau, in
Abstimmung mit dem Denkmalschutz, grundsa­ Landschaftsplanung
ihn, für die Nutzung als Jobcenter, denkmalgerecht grundsaniert. niert und in ein Jobcenter umgebaut. Das Ergeb­ ANNABAU, Berlin Vor der Sanierung: Aus den
alten Waschbetonplatten
nis ist eine rundum ordentliche, ehrliche und
Haustechnik fielen Brocken herab und
stimmige Instandsetzung des 50 Jahre alten Ge­ gefährdeten Passanten.
Heimann Ingenieure,
bäudes. Der Umbau beweist, dass gelungene Berlin
funktionalistische Architektur auch jenseits ihrer
ursprünglichen Funktion nicht an Attraktivität Brandschutz

einbüßen muss. Mit der 10,76 Millionen Euro teu­ Büro für Brandschutz,
Berlin
ren Sanierung konnten 8900 Quadratmeter BGF
Text Alexander Stumm Fotos Andreas Meichsner für das Jobcenter geschaffen werden.

Punkthochhaus statt Querriegel die Volksvertreter nicht in Hinterzimmern, son­


dern auf dem Vorplatz tagen. Dank der Vollver­
Um zusätzliche Räumlichkeiten für das 1928–30 glasung von drei Seiten konnten die Bürger ihnen
von Friedrich Hellwig errichtete Rathaus in Wed­ bei der Arbeit über die Schulter schauen. Als re­
ding zu schaffen, entschied man sich in den präsentativster Gebäudeteil erhielt der Saal eine
1950er Jahren für einen Erweiterungsbau. Die Holzvertäfelung und eine prismenförmige Ra­
Neue Bauwelt schrieb 1955 über den Wettbe­ bitzdecke mit Kugelbeleuchtung und war bereits
werbsentwurf, für den Bornemann den 1. Preis mit einer ausfahrbaren Leinwand und einem Be-
erhalten hatte: „In seinem Erläuterungsbericht und Entlüftungssystem ausgestattet.
spricht der Architekt von einer Schwergewichts­ Die Fassade des Punkthochhauses gliederte
verlagerung im Rathausbau: die Repräsentation Bornemann in horizontale Bänder, wobei sich
weicht der Verwaltung. Gleichwohl komme sol­ Fensterzonen und Waschbetonplatten mit relief­
Der Gebäudekomplex an cher Verwaltungsarbeit durchaus die Würde bildenden Marmorkieseln abwechselten. Im
der Müllerstraße. Im Süd­
baulicher Betonung zu. Sie zeigt sich hier – jen­ Südwesten ragt ein eingeschossiger Bauteil hin­
osten des Platzes befindet
sich die 2015 fertigge­- seits einstiger Quader, Säulen, Giebel – in der aus und umschließt einen Hof. Im Nordwesten
stell­te Schiller-Bibliothek Harmonie einer Verquickung von Baukunst und führt ein schmaler, auf filigranen Stützen stehen­
von AV1 Architekten (im
Städtebau.“ der gläserner Verbindungsbau in den Altbau.
Foto links).
Großes Foto: Kevin Fuchs, Bis zum Baubeginn 1964 änderte Bornemann Der Erschließungskern des Hochhauses besteht
Lageplan im Maßstab seine eingereichten Pläne selbstbewusst ab, aus unverputzten Klinker. So prägt den Bau eine
1:7500 wie er sich 2002 in einem Interview erinnerte: „Im unaufgeregte, aber stimmige Kombination aus
Wettbewerb hatte ich einen Querriegel zum Glas, Stahl, Holz und Mauerwerk. Neben der
Altbau. Aber als ich dann den ersten Preis hatte, Ausgewogenheit der Baukörper dürfen aber auch
dachte ich mir: ‚Ne, das machst du anders.‘ Ich viele Details an Treppen und Geländer als aus­
habe den BVV-Saal rausgeholt und ein Punkt­ gesprochen gelungen gelten.
hochhaus gesetzt. Und dann rief der Düttmann
an und meinte: ‚Na, Fritze, haste ja Schwein ge­ Gefahrenquelle Waschbetonplatten
habt, dass Du deinen ersten Preis nicht bauen
musstest.‘“ Doch als 2001 mit der Berliner Bezirksreform die
Mit der Fertigstellung 1966 bezog die Bezirks­ Zusammenlegung der Bezirke Wedding und Mit­-
verordnetenversammlung (BVV) den Saal im auf­ te beschlossen wurde, stand das Ensemble vor
geständerten einstöckigen Baukubus auf dem einer ungewissen Zukunft.
Vorplatz. So salopp Bornemann seine Einge­ Zunächst folgte die Umwidmung in ein Bürger­
bung formulierte, so programmatisch muss die­ amt. Umbaumaßnahmen trafen insbesondere
se quasi-Freistellung der Funktion gelesen wer­ den BVV-Saal, der von 2006–14 einer neuen Nut­
den: Architektur als demokratische Geste, indem zung als Stadtteilbibliothek zugefügt wurde. Da­

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für errichtete man um die Treppe im aufgestän­ 1 Ehemaliger BVV-Saal
derten Sockelgeschoss einen käfigartigen Glas­ 2 Foyer
kasten, der den frei schwebenden Charakter des 3 Innenhof
Baus ein gutes Stück konterkarierte. 3 5 4 Wartebereich
Mit Fertigstellung der Schiller-Bibliothek von 5 Bearbeitungsplätze
AV1 Architekten 2015 im Südosten des Platzes 6 Vorplatz zur Müllerstraße
stand der BVV-Saal erneut leer. Die Suche nach
einer Nutzung des denkmalgeschützten Ensem­
bles zog sich hin, bis zum Verkauf durch den Be­
zirk an das Land.
2012 erhielten Rüthnick Architekten den Zu­
schlag für die Grundsanierung, energetische Er­ 2
tüchtigung und Herrichtung des Bestands zur
4
Unterbringung des Jobcenters Berlin-Mitte. Die
Funktion als Jobcenter schien sinnvoll, weil der
ohnehin für die Verwaltung geplante Bau damit
in seinen Grundrisskonfigurationen weitgehend
Der ehemalige BVV-Saal
erhalten werden konnte.
1 nach der Sanierung: Heute
Der größte Planungsaufwand zeigte sich für finden hier Veranstaltun­-
die Architekten in Hinblick auf die Fassade des gen des Berufsinformations­
zentrums statt.
Turms und den Brandschutz. Von der Fassade 6 Schnitt und Grundrisse Erd-/
fielen faustgroße Marmorsteine herab und ge­ Regelgeschoss im Maß-
fährdeten Passanten. Auch energetisch waren stab 1:750
die Waschbetonplatten jenseits heutiger Richt­
linien. Da die Demontage der Elemente – der Bau
hätte bis auf sein Stahlbetonskelett freigelegt
werden müssen – extrem kostenaufwendig ge­
wesen wäre, entschied man sich für eine Kom­
promisslösung: Die einzelnen Platten, die vorher Glücklicherweise fiel die Wahl auf Aluminium­
nur sich selbst trugen, wurden rückverankert, fenster ohne farbliche Eloxierung, die sich am
lose Kiesel entfernt und im Anschluss von außen Original orientieren.
das Wärmedämmverbundsystem mit einer ober­ Auch in Bezug auf den Brandschutz bewiesen
flächenbündigen Beschichtung aufgebracht. Vor Rüthnick Architekten Feingefühl. Als Beispiel
allem in der Nahsicht verliert die neue Fassade sei hier der Dillenburg-Saal im 1. Obergeschoss
damit an visuellem Reiz, die klare horizontale Glie­ mit seiner röhrenförmigen Deckenverkleidung
derung bleibt jedoch erhalten. Auch die Fenster genannt. Hinter ihr verbarg sich eine mit Beton
mussten gänzlich ausgewechselt werden. ausgegossene Stahl-Kassetten-Decke, die in
die Feuerwiderstandsklasse F 0 fiel. Sie wurde
Oben: Dillenburg-Saal im 1. OG mit einer unterseitigen Beschichtung ertüch­
des Hochhauses; Mitte:
tigt (F 90). Dafür wurden alle sichtbaren Elemen­
Innenhof und Innenraum im
Erdgeschoss; unten: Foyer te der Decke demontiert, gereinigt und instand­
gesetzt. So konnte der Originalbestand erhalten
bleiben. Ähnliches trifft auf den BVV-Saal zu,
der mit neuer Technik wieder in altem Glanze er­
strahlt. Bei der technischen Erneuerung wurde
im gesamten Gebäude, auch aus finanziellen
Gründen, viel mit Low-Tech gearbeitet, so ent­
schied man sich zum Beispiel gegen den Ein­
bau einer Klimaanlage.
Da die Sanierung unter Vorlagen des Denkmal­
schutzes stand, sind die baulichen Veränderun­
gen für die Umnutzung als Jobcenter erstaunlich
überschaubar. Zu nennen ist ein von den Archi­
tekten entwickeltes Farbkonzept für die einfa­
chere Orientierung. Im Erdgeschoss waren die
Planer am vorgegebenen Corporate Design des
Jobcenters gebunden.
Für Besucher lohnt vor allem ein Gang in die
die oberen Geschosse. Sie sind frei zugänglich –
und der Ausblick über Wedding ist phänomenal.

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