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Porträt Im Gespräch: Thomas Steimle

von Steimle Architekten,


Stuttgart

Interview Iris Darstein-Ebner Fotos Brigida Gonzalez

Der Ort bestimmt –


Bibliothek im Heustadel
Es fällt auf, dass die Bauaufgaben, die Sie ge- reizt, dann bewerben wir uns. Auch wenn wir die
rade realisieren, sehr vielseitig sind: vom Rat- Kriterien nur am Rande oder nicht vollständig er­
haus über Wohn- und Geschäftshäuser bis hin füllen. Und oft funktioniert es!
zum neuen Besucherzentrum für die Bundes-
schule Bernau, einer Ikone der Bauhausarchi- Gibt es Gebäude der jüngeren oder älteren Archi-
tektur. Wie nähern Sie sich diesen unterschied- tekturgeschichte, die Ihnen als Inspirations-
lichen Aufgaben? quelle dienen?
Ein Allgemeinrezept haben wir nicht. Zum Bei­ Mit konkreten Inspirationen ist es heute ja eher
spiel aber hat der Standort immer großen Ein­ schwierig: Jeden Tag flattern so viele Informatio­
fluss darauf, wie ein Baukörper letztendlich aus­ nen ins digitale Postfach, dass ich eher versucht
sieht. Gerade in der Entwurfsphase verbringen bin, diese Flut auszublenden und mich davor zu
wir viel Zeit direkt vor Ort und versuchen gemein­ schützen, als sie als Anregung zu nutzen. Einer
sam mit dem Bauherrn die Aufgabe zu konkre­ Aufgabe wird man meiner Meinung nach nur
tisieren. Nur im Dialog können wir die Schwer­ dann gerecht, wenn man sich intensiv mit ihr aus­
punkte der jeweiligen Aufgabe ausloten. Ge­ einandersetzt und die Hintergründe dazu hin­ Projekt

bäude entwickeln sich im Zusammenspiel von terfragt. Darum eifern wir keinen direkten Vorbil­ Bibliothek Kressbronn, Sanierung eines
Heustadels
Innen und Außen: Funktion und die Qualität des dern nach, sondern beschäftigen uns bei unse­
gebauten Raums spiegeln sich dann in der Fas­ ren Projekten intensiv mit dem, was wir vorfinden Architekten
sade wider. und was wir daraus ableiten können. Steimle Architekten, Stuttgart
Thomas Steimle Bei der Fassadensanierung am Haus Englisch
Der Architekt gründete 2009 sein eigenes Büro. Seit Bauzeit
nunmehr vier Jahren leitet er es gemeinsam mit
Sie lassen sich nicht auf eine bestimmte Spezia- von Paul Stohrer in der Stuttgarter Königstraße –
2016–18
seiner Frau Christine. Er hat einen Lehrauftrag für lisierung für eine Bauaufgabe festlegen, wie ein Betonbau aus den 50er Jahren – ließ sich zum
Baukonstruktion und Entwerfen an der Hoch­ es viele andere Kollegen – vielleicht notgedrun- Beispiel sehr gut nachvollziehen, wie sich die Fassadensystem
schule für Technik, Stuttgart, inne und ist Mitglied
gen – tun. Auch bei Wettbewerben nicht. Wie konstruktive Ehrlichkeit im Umgang mit einem Ma­ Sockel aus Dämmbeton, darüber Holzfach­
im Landesbeirat Baukultur Baden-Württemberg.
(Foto: Steimle Architekten) funktioniert das? terial in der Fassade widerspiegelt. Auch der werk-/Holzlamellen-Fassade

Wir lieben die Vielfalt in der Architektur und möch­ Mariendom von Gottfried Böhm in Nerviges von
ten auch vielseitig bauen. Darum versuchen wir 1968 ist dahingehend sensationell. Derlei ist für
tatsächlich – auch wenn wir uns für Wettbewerbe uns Inspiration.
qualifizieren – einer Zwangsspezialisierung zu
entkommen. Es läuft ja oft so: Hat man eine Schu­ Die Bibliothek in Kressbronn ist auch aus einem
le gebaut, darf man die nächste machen, und Wettbewerb heraus entstanden. Allerdings
Der Sockel des alten Heu­
die übernächste... Das wird auf Dauer aber lang­ erhielten Sie zuerst den dritten Preis. Wie und stadels konnte nicht er­
weilig! Die Qualität kommt mit der Individualität, warum haben Sie dennoch den Zuschlag für halten werden. An seine
und deshalb versuchen wir uns ganz bewusst auf die Realisierung bekommen? Stelle tritt eine mit rauen
Brettern geschalte Beton­
alle möglichen Aufgaben zu bewerben. Wenn Der Wettbewerb sah von Anfang an vor, dass die kubatur. Darüber flimmern
ein Wettbewerb ausgeschrieben wird, der uns ersten drei Preise im Gemeinderat neu disku­ Latten aus Weißtanne.

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Das alte Fachwerk konnte
erhalten werden. Die Ar­
chitekten nutzen die Struk­
DIE NEUE
DEFINI
tur für Bücherregale.

TION
VON
OBER
Neu eingebrachte Teile wie
FLÄCHE
die Erschließungskerne
mit Treppe und Aufzug so­
wie die Empore grenzen
die Architekten mittels Ma­
terialwahl und Ausführung
formal vom Bestand ab.

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Profile Klasse A
gem. DIN EN 12608

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tiert werden. Dieser sollte dann schlussendlich Können Sie den Entwurf kurz erklären? spannt dann die ebenfalls restaurierte Dachkon­ tanne entstanden. Die Lamellen sind an sich bekam durch das flatternde Band einen ganz be­
darüber abstimmen, welcher Entwurf umge­ Der klassische Heustadel in unmittelbarer Nähe struktion mit neuer Deckung. nicht beweglich, aber in unterschiedlichen Win­ sonderen Schlag und eine Individualität, die sich
setzt wird. Wir waren auf Platz drei und rechne­ zu Festhalle, Rathaus und Kirche war ein einfa­ Im Erdgeschoss sind neben dem Foyer ein teil­ keln angeordnet. Sie dienen als baulicher Son­ an der Fassade in einer außergewöhnlich leben­
ten uns ehrlich gesagt keine großen Chancen cher Bau. Im massiven Sockel wurden früher Ma­ barer Multifunktionsraum für Veranstaltungen, nenschutz ohne den Nutzern das Gefühl zu ge­ digen Anmutung zeigt.
aus. Als nach zwei Entscheidungsrunden das Er­ schinen untergestellt und einige Tiere gehalten, Sanitärräume und eine separat zugängliche 24 ben, in einem abgedunkelten Raum zu sein. Es
gebnis eindeutig bei uns lag, waren wir sehr obenauf saß die Holzkonstruktion mit offener Lat­ Stunden-Ausleihe untergebracht. Im Oberge­ kommt gerade so viel Licht herein, dass es die Die Details am und im Gebäude sind sehr hoch-
überrascht. tung, zum Trocknen und Lagern des Heus. schoss und dem neu eingezogenen Galeriege­ Bibliotheksnutzung nicht stört. Durch die Lat­ wertig ausgeführt. War es schwer, Handwerker
Ausschlaggebend für die Entscheidung des Bis der Rohbau begonnen wurde, war geplant, schoss befindet sich die eigentliche Bibliothek tung entsteht eine Wechselwirkung: Von innen zu finden, die so ein Projekt umsetzen können?
Gemeinderats war wohl, dass wir mit unserem am „offenen Herzen des Bauwerks zu operieren“ – mit Lesezonen und einigen abgeschlossenen nach außen ist der Durchblick gut möglich. Von Hier am Bodensee war das verhältnismäßig ein­
Entwurf die besondere Geschichte des Bestands­ sprich das Sockelgeschoss aus grobem Mauer­ Räumen für konzentriertes Arbeiten. außen hingegen sieht man nicht ins Gebäude hin­ fach – gerade was die Holzarbeiten angeht.
gebäudes, einer historischen Scheune im alten werk und Beton wo immer möglich zu erhal­- ein, der Holzkubus wirkt geschlossen. Durch die Seenähe wird Holz hier ganz anders be­
Ortskern von Kressbronn, weitererzählt und in ten. Doch seine Substanz entpuppte sich als so Welches Konzept verbirgt sich hinter der Glasfronten und Fensteröffnungen liegen von ansprucht, und man weiß, wie mit dem Material
die heutige Zeit gehoben haben. Wir fanden ei­ schlecht, dass es komplett abgetragen und neu Fassade? außen unsichtbar hinter dieser Lattung. Die Gie­ richtig umgegangen werden muss. Es sind auch
nen Ort vor, der bereits eine Geschichte erzählt, erstellt werden musste. Das alte Holztragwerk Ein Heustadel hat ja keine Fenster, denn es gibt belfront ist sogar vollständig verglast – acht Me­ bereits die Architektureinflüsse von Vorarlberg
mussten also nichts neu erfinden, sondern ein­ mit dem großen überkragenden Dach hingegen keine Notwendigkeit, von innen nach außen zu ter bis unter den First. So fällt das Licht sehr spürbar, einer ländlichen Region, in der Handwerk
fach weitererzählen. Diesen Spirit einzufangen, wurde abgetragen, restauriert und wieder auf schauen. Beim Fassadenkonzept der Bibliothek tief in den Baukörper hinein. noch Bedeutung hat. Es gibt noch so etwas wie Ästhetik trägt entscheidend zur Wahr-
zu erhalten und das Gebäude gleichzeitig einer das neu betonierte Sockelgeschoss aufgesetzt. galt es nun eine entsprechende Übersetzung „Handwerkerehre“, und viele Firmen wollen ein­ nehmung von Fenstern bei. Die ultra-
modernen öffentlichen Nutzung zuführen, ist uns Die neue Fassade orientiert sich gestalterisch zu finden, einen an sich geschlossen wirkenden Der Sichtbeton des Sockels zeigt eine sehr fach auch Qualität bauen. matte VEKA SPECTRAL Oberfläche
wohl ganz gut gelungen. an der vertikalen Holzlattung des alten Stadels. Baukörper mit einem qualitätsvollen Innenraum schöne Struktur. Wie ist sie entstanden? Im Innenraum haben wir Altes und Neues zu­ ermöglicht einzigartig reflexionsarme
Früher hat die Landwirtschaft mit Obstplanta­ Wir haben sie interpretiert und den Anforderun­ zu schaffen, der auch schöne Ausblicke bietet. Die Sockelwände bestehen aus 70 Zentimeter sammengeführt. Über die Haptik und die Mate­ Entwürfe. So vereinen Sie höchste Qua-
gen die Gemeinde geprägt, heute gibt der Tou­ gen einer modernen Bibliothek angepasst. Im Zuge des Wettbewerbskolloquiums konn­ starkem Dämmbeton, weil wir eine massive An­ rialsprache grenzen wir beides dennoch präzise lität und Funktion mit gestalterischem
rismus den Ton an: Jede Scheune, jede Obstwie­ Das Gebäude baut sich in Schichten auf: Das ten wir das alte Gebäude auch von innen besich­ mutung erreichen wollten. Um geeignete Bretter voneinander ab. Alte Bauteile, die durch neue er­ Anspruch. Weitere Informationen unter
se steht in Gefahr, an Immobilienhaie für aufge­ Erdgeschoss und die Treppenhaus- und Neben­ tigen. Als wir sahen, wie schön das Sonnenlicht für die raue Schalung zu erhalten, haben wir es setzt wurden, wie Decken, Wände, Böden, stellen create.veka.de
blasene Wohnhäuser oder Tourismusimmobilien raumkerne sind in Stahlbeton erstellt, darauf sitzt durch die Ritzen der Lattung fiel, wollten wir das uns nicht einfach gemacht: Rund zwölf Sägereien sich grober dar. Alle Elemente, die wirklich neu
verloren zu gehen. Vor diesem Hintergrund war die restaurierte, tragende Holzkonstruktion der Thema aufgreifen. Als Abstraktion des Vorgefun­ ließen wir Muster anfertigen. Schlussendlich hat hinzugekommen sind, wie Fenster und Einbauten,
es wichtig und richtig, der Gemeinde Kressbronn Obergeschosse. Die Fassade aus Holzlamellen denen ist die Idee der neuen Fassadenschicht die Sägerei mit der ältesten und unperfektesten sind hingegen sehr viel feiner bearbeitet und
ein Stück Historie zu erhalten. befindet sich als zweite Schicht davor. Alles über­ aus vertikalen Holzlamellen in regionaler Weiß­ Bandsäge den Zuschlag bekommen. Das Holz bündig eingebaut. Dieses Prinzip zieht sich kon­

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Beton wurde rau und ruppig
verwendet, wo er an frü­
here Bausubstanz erinnert,
glatt geschalt, wo neue Tei­-
le, etwa die Erschließungs­
kerne, hinzukamen.
Grundrisse und Schnitt im
Maßstab 1:500

sequent durch. Auch die Betonflächen der neu Die Gebäudehülle ist kein Kleidungsstück, das nem so geschichtsträchtigen Gebäude zu bau-
hinzugefügten Treppenhauskerne sind hap­ über das Bauwerk geworfen wird, sondern en war bestimmt keine leichte Aufgabe.
tisch sehr glatt. Dennoch wollten wir keinen „Mu­ über sie zeigen Häuser ihre inneren Werte nach Wie kann Ihr Neubau neben dem Weltkultur­
seumsbeton“ herstellen oder „Betonkosmetik“ außen. Mit der Gebäudehülle schärfen wir die erbe bestehen?
machen, sondern haben das Material als hand­ Charakterzüge eines Bauwerks. Was gibt es Tolleres, als für das Bauhaus – 30
werklichen Werkstoff so genommen, wie es Am Beispiel des Rathauses Remchingen, das Meter neben dem größten noch erhaltenen und
aus der Schalung kam. Bei den alten Holzbalken wir gerade bauen, kann man das gut sehen: Ein baulich nahezu unveränderten Ensemble von
gibt es auch Spreißel und Unregelmäßigkeiten – Rathaus mit seiner öffentlichen Verwaltung ist Hannes Meyer – ein Besucherzentrum zu reali­
genauso wollten wir das beim Beton haben. ein Repräsentant unserer politischen Wertesys­ sieren!? Dennoch war die Annäherung zugege­
teme, unserer Demokratie, und sollte darum an­ benermaßen mühsam: Weit über 80 Modellvarian­ KLINKER-PREFABS SORTIERUNG SCHWABINGER TOR
Sie sprechen von alt und neu – gibt es auch die ders aussehen als ein normales Büro- und Ver­ ten zu unterschiedlichen Gebäudevarianten, in
Thematik laut und leise bei Fassaden? Sie be-
vorzugen ja eher traditionelle Materialien mit
waltungsgebäude. Auf der einen Seite strahlt es
Solidität aus, deshalb haben wir eine klar struk­
alle erdenklichen Richtungen, haben wir entwor­
fen, um dann festzustellen: Zurück! Wir müssen
JEDER STEIN
natürlichen zurückhaltenden Farbtönen –
so richtige Farbknaller bleiben aus.
turierte, gerasterte Fassade entwickelt. Zum an­
deren hat es einen sehr transparenten Charak­-
das Gebäude auf das reduzieren, was es ist. Ein
Funktionsgebäude neben einer Ikone. Unser
FOLGT IHREM PLAN.
Das stimmt, wir haben keinen „Konfetti-Kasten“ ter, indem sich der Ratssaal mit großen Fenster­ Entwurf spiegelt darum die Philosophie des Ar­
im Repertoire. Aber es kommt natürlich immer flächen sehr offen nach außen wendet. Das Rat­ chitekten Hannes Meyer wider und bildet einen ÜBERLASSEN SIE IHRE FASSADE NICHT DEM ZUFALL, SONDERN UNSEREM
KLINKERKÖNNEN. WIR BRENNEN FÜR IHRE IDEEN – UND LIEFERN IHRE
auf die Aufgabe an, wenn man über Farbigkeit haus nimmt im Stadtgefüge als Solitär eine Son­ Rahmen für dessen Idee, Baukunst nicht als bild­
WUNSCHFASSADE AUCH ON DEMAND IN ÖKONOMISCHEN FERTIGTEILEN.
spricht. Bei der Feuerwache in Germersheim derstellung ein, dennoch braucht die Fassade hauerische, gestaltende Kunst zu sehen, son­
haben wir beispielsweise einen rot durchfärbten keine große Geste. Die Funktionen und Qualitä­ dern als etwas, das sich aus dem Handwerk ent­
PROJEKT: S40 AM
Beton verwendet. Aber eine Farbe von außen ten im Inneren übertragen sich auf die Fassade. wickelt. Der Pavillon gliedert sich rein aus sei­ SCHWABINGER TOR
auftragen ist mir zu wenig authentisch. Manche ner Funktion heraus.
Kollegen machen das sehr gut, aber wir wollen Zum Schluss möchte ich noch einmal auf Ihren Sich mehr mit der ganzheitlichen Qualität von
HILD UND K ARCHITEKTEN NEUES AUS KLINKER
eher aus dem Material heraus arbeiten. eingangs erwähnten Wettbewerbsgewinn Räumen zu befassen – vom großen städtebauli­ MÜNCHEN/BERLIN
für das neue Besucherzentrum der Bundes- chen Gefüge bis hin zum kleinsten Interior-Detail –,
Wie würden Sie zusammenfassend den Begriff schule Bernau bei Berlin vom Bauhaus Ar­ das würde ich mir auch heute bei vielen Archi­
„Gebäudehülle“ definieren? chitek­ten Hannes Meyer eingehen. Neben ei- tektur-Projekten wünschen.

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DIE GANZE KLINKERFOLGSSTORY DES S40 AM SCHWABINGER TOR AUF WWW.HAGEMEISTER.DE