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Die Siedlung Tingbjerg liegt Tingbjerg wirkt wie aus einem skandinavischen turzentrum und Begegnungsort fungieren soll.

nungsort fungieren soll. von Stadterweiterungen. Der „Fingerplan“, den


als kleiner Satellit einge-
Stadtplanungslehrbuch der Nachkriegszeit auf Geplant wurde das Gebäude mit seiner unge- Rasmussen mit seinem „Dansk Byplanlabora­
bettet in Grünflächen nord-
westlich des Stadtzent- den Kopenhagener Stadtplan gefallen: Eingebet- wöhnlichen, in Grundriss und Querschnitt drei- torium“ (kurz DBL) ab 1945 maßgeblich mitentwi-
rums von Kopenhagen. In der tet in einen Grüngürtel, ordnen sich lang ge- eckigen Form vom Kopenhagener Architektur- ckelt hatte, bevor das städtische Raumplanungs-
Bildmitte die neue Biblio- streckte, dreigeschossige Wohnhauszeilen in büro COBE. büro unter Leitung des Architekten Peter Breds-
thek
Nord-Süd-Richtung und kürzere, ebenso hohe Hat man die Siedlung erreicht, ist der groß- dorff die Federführung übernahm, ordnete die­-
in Ost-West-Richtung um ein Zentrum, das vor städtische Hintergrund nicht mehr präsent. Da­- se Satelliten- oder Gartenstädte so an, dass auch
allem von der ausgreifenden Anlage der einge- für sorgt der abstandhaltende Grünzug ebenso weiterhin Landschaftsräume bis ins Innere der
schossigen Schule mit ihren Laubengängen, ei- wie die starke Eigenwirkung der Anlage. Die ho- Stadt reichten. Anfang 1948 wurde der Fingerplan
ner Schwimm- und einer Sporthalle gebildet mogene Architektur der Wohngebäude mit ihren der Öffentlichkeit vorgestellt, und obwohl er
wird. Lediglich ein einzelnes Hochhaus im Süd- ebenso sorgfältigen wie alltagstaulichen Details nie offiziell verabschiedet wurde, prägt er die Pla-
osten markiert den Eingang in die Siedlung, sprechen für die Hingabe, mit der sich Architekt nung in der dänischen Hauptstadt bis heute:
wenn man aus dem rund acht Kilometer entfern- Steen Eilar Rasmussen (1898–1990) in den fünf­ Zuletzt wurden 2007 und 2013 überarbeitete Fin-
ten Stadtzentrum kommt, und sorgt für eine ziger Jahren der Planung gewidmet hat. Gelbe gerpläne vorgestellt, mit denen die Entwicklung
gewisse Sichtbarkeit des Satelliten in der Land- Klinker für die Fassaden, hellgraue Schiebe­ aktualisiert und weitergedacht worden ist.
schaft. Ein Besuch der Siedlung lohnt sich aber elemente für die großen, zweiflügeligen Fenster Weiterzudenken ist aber nicht nur ein Stadt-
nicht nur für den, der sich für skandinavische und flach geneigte, knapp überstehende Sat- entwicklungsplan, weitergedacht werden müs-
Nachkriegsmoderne interessiert, sondern auch teldächer bilden einen ruhigen Hintergrund für sen längst auch die einzelnen Siedlungen aus der
für Menschen, die zeitgenössische Architek­- ein Wohnen im Grünen, das seinerzeit, als im Nachkriegszeit. Gegenüber den fünfziger Jahren
tur sehen wollen: Im vergangenen Oktober wur- Zuge der Sanierung des Stadtzentrums tausen- haben sich die Ansprüche verändert; wo einst dä-
de in Tingbjerg eine neue Stadtteilbibliothek de Kopenhagener neu untergebracht werden nischer Mittelstand wohnte, leben heute ökono-
eingeweiht, die darüberhinaus als kleines Kul- mussten, das Leitbild abgab für eine ganze Reihe misch Unterprivilegierte, viele von ihnen Migran-

In Tingbjerg, einer Kopenhagener


Stadterweiterung aus den fünf­
ziger Jahren, hat das Büro COBE
eine Bibliothek realisiert, die
das bestehende Schul- und Sport­
zentrum ergänzt und dem Satel­
liten zu etwas mehr Eigenständig­
keit gegenüber dem Stadtzent­
rum verhilft.
Text Ulrich Brinkmann Fotos Rasmus Hjortshøj – COAST

Stadtteilbibliothek
An der Straße Skolesiden
bildet die Bücherei eine
setzkastenartige Fassade
aus, die das Geschehen
im Inneren sichtbar macht.
Mit der Schwimmhalle
formt sie eine neue, zeichen-
hafte Dachlandschaft.

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Die Fassade mit ihren stab­
Architekten
artigen Elementen ordnet
COBE, Kopenhagen sich in Farbe und Material
in die Umgebung ein.
Mitarbeiter Grundrisse und Schnitt im
Dan Stubbergaard, Thomas Maßstab 1 :500
Krarup, Caroline Krogh An-
dersen, Rasmus Bernhard
Nielsen, Morten Andersen,
Christian Sander, Frederik 1 Eingang 8 Besprechung
Lyng, Rune Veile, Anis Sou­ 2 Foyer 9 Kinder-/Märchenraum
issi, Jacob Lantow, Mads 3 Veranstaltungen 10 Leseraum
Knak-Nielsen, Milan Milen-
4 Café 1 1 Bürgerraum
kovski, Nikolaj Harving,
Kasper Munk, Rachel Wan, 5 Küche 12 Werkstatt
Daniel Axelsen 6 Verwaltung 13 Lernzimmer
7 Bücherei 14 Computerraum
Tragwerksplaner
Søren Jensen, Kopenhagen

Bauherr
ten. In ihrem Buch „Our urban living room“, 2018 im
Stadt Kopenhagen, Woh- 14 7 12
schwedischen Verlag Arvinius+Orfeus erschie-
nungsbaugesellschaften
SAB und FSB nen, zeichnen COBE ein anschauliches Bild der
Situation. In Tingbjerg etwa ist der Anteil nicht-
Hersteller westeuropäischer Einwohner fünf Mal höher als
Ziegelfassade NBK Ceramic im städtischen Durchschnitt, der Anteil der Ein-
Glasfassade Schüco
wohner ohne Ausbildung doppelt so hoch, fast
ebenso hoch auch jener der Arbeitslosen – das
Viertel weist damit den desaströsesten Schnitt
aller Kopenhagener Stadtteile auf. Immerhin ist
der Wohnungsbestand, anders als in ähnlichen
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Nachkriegssiedlungen in deutschen Städten, 13 7
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noch in der Hand städtischer Wohnungsgesell-
schaften, die Interessen jenseits kurzfristiger
Renditeziele verfolgen sollten: etwa die, Tingbjerg
auch für ein anderes Publikum wieder attrakti-
ver zu machen und so für mehr Vielfalt hinter den
gleichförmigen Fassaden zu sorgen.
Ein Schritt hin zu einem besseren Angebot ist
der Bau einer neuen Stadtteilbibliothek. Das Ge-
bäude in Tingbjerg ist Teil eines Investitionspro- 8
gramms der Stadt Kopenhagen in die Peripherie,
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mit dem neue öffentliche Gebäude den Zusam- 7

menhalt als „Motor gesellschaftlichen Lebens“


antreiben sollen. Die Kombination einer Bücherei
Vom Eingangsbereich, der Foto) bis auf die Straße Sko- mit weiteren Angeboten liegt ganz auf einer Ent-
die Bibliothek mit der Schu­- lesiden; wer den Kopf hebt,
wicklungslinie, die in den letzten zehn, fünfzehn
le verbindet, reicht der Blick kann über die Galerien bis
in Querrichtung durch den hoch zum First schauen. Jahren das einst klar umrissene Raumprogramm
Veranstaltungssaal (kleines Schnitt im Maßstab 1:500 eines solchen Gebäudes zu erweitern begonnen
hat: die Bibliothek als Treffpunkt (Bauwelt 44.
2008). Auch in Dänemark ist diese Tendenz ables- 6

bar. Zwar schrumpfte die Anzahl von Bibliothe- 5


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ken dramatisch – von rund 8000 um die Jahrtau- 4

sendwende auf gerade noch 484 im Jahr 2015 –,


die Besucherzahlen aber pendeln konstant um
2
die 36 Millionen pro Jahr. Der Zugang zu Informa­
tionen mag sich dank digitaler Angebote auf die
heimische Couch erweitert haben, der Bedarf 1

an öffentlichen Räumen aber bleibt. Tingbjerg Skole


Dem Bau des 50 Millionen Kronen – rund 6,7
Millionen Euro – teuren Neubaus in Tingbjerg
voraus ging ein Dialog mit den Anwohnern, um
deren Wünsche und Anregungen einfließen zu
lassen – die viergeschossige, bildschirmartige

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Die Büchersammlung der
Bibliothek verteilt sich
über sämtliche Ebenen und
verzahnt sich so mit den
übrigen Angeboten im Haus.

Eins ist auch den Stadtpla­


nern in Kopenhagen klar:
Mit einem öffentlichen Ge­
bäude allein lassen sich die
Probleme eines Stadtteils
nicht beheben, es braucht
dazu das, was eine funktio­
nierende Stadt ausmacht:
ausgewogene Mischung
Das terrassierte Innere
schafft zugleich eine
Straßenfassade stellt gleichwohl die Sehgewohn- den schönen Namen „Kuss“: Die Bibliothek spitzt Linien und Flächen, das die Ergänzung vollkom- Der erste Blick regt zur Erkundung an, und Kin-
Vielzahl unterschiedlicher
Bereiche mit jeweils kla­- heiten der unmittelbar gegenüber Wohnenden zur Schule hin förmlich den Mund. Mit dem men selbstverständlich wirken lässt, aber auch dern, die noch nicht abgeholt werden wollen,
rer Abgrenzung und Blick- in Frage, wie COBE-Architektin Caroline Nagel steil geneigten Pultdach und seinem dreieckigen von den Schulhöfen aus wirkt das Gebäude dank kommt die Gliederung des Raums mit reichlich
kontakte von oben nach
beim gemeinsamen Besuch des Neubaus er- Grundriss leitet das Volumen den Besucher der Schrägen in Grundriss und Schnitt in keiner Versteckmöglichkeiten entgegen. Und trotz des
unten.
Foto unten: ub zählt. Für COBE war die Frage nach dem richti- von beiden Richtungen hin zu den gläsernen Ein- Weise erdrückend. Wie überhaupt die entwerfe- im Großen und Ganzen geschlossenen Charak-
gen Maß an Einfügen und Abgrenzen beim Ent- gangstüren, die sich, bescheiden dimensio- rische Haltung gegenüber dem Kontext ange- ters dieses Innenraums stellen einzelne, große
wurf zentral; das Gebäude sollte Eigenständig- niert, nicht auf den ersten Blick als Haupteingang messen scheint: Nicht zu laut und nicht zu leise Öffnungen doch Verbindungen nach Außen her,
keit besitzen und als Ergänzung der Gegen- in das wichtigste Gebäudeensemble von Ting­ ist der Auftritt; den Bauten von Rasmussen er- bieten Blicke auf die Straße, hinüber zur Schwimm-
wart erkennbar sein, gleichwohl den Bestand res- bjerg zu erkennen geben. Auch wenn das am Tag weist die neue Architektur Referenz, ist aber als halle, über die Dächer der Schulpavillons. Und
pektieren. Den Wettbewerb haben COBE aber des Besuchs herrschende Schneetreiben eine Gesamtform ebenso wie in den Details der Glas- künftig wohl über neue Wohngebäude. Denn das
nicht mit einem fertigen Entwurf gewonnen, son- eher seltene Wetterlage in Kopenhagen sein mag und Ziegelfassade eigenständig. ist auch den Stadtplanern in Kopenhagen klar:
dern mit einem Kostenvoranschlag, den sie wie – ein irgendwie gearteter Wetterschutz machte So beiläufig auch der Eingang behandelt ist – Mit einem öffentlichen Gebäude allein lassen sich
alle teilnehmenden Planer zusammen mit einem auch bei Regen das Warten vor der möglicher- steht der Besucher erst im Foyer der Bibliothek, die Probleme eines Stadtteils nicht beheben,
Bauträger erarbeitet hatten – die eigentliche weise geschlossenen Tür angenehmer und den erwartet ihn durchaus ein „Wow“-Effekt. Steil staf- es braucht dazu auch Nachbarn mit einem ande-
Planung begann erst nach diesem Bieterverfah- Haupteingang kenntlicher. Überzeugend hinge- feln sich die langgestreckten Galerien mit ihrer ren Hintergrund; eben das, was eine funktio-
ren. gen die Kubatur: Gerade von der Südseite, mit Holzverkleidung gegenüber dem Eingang in die nierende Stadt ausmacht: eine ausgewogene Mi-
Das unter mehreren Alternativen weiterver- dem geneigten Dach der Schwimmhalle im Hin- Höhe, wobei die massiven Brüstungen nicht ver- schung.
folgte und schließlich realisierte Konzept trägt tergrund, ergibt sich ein Zusammenspiel aus raten, was im Einzelnen auf jeder Ebene passiert:

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