Sie sind auf Seite 1von 4

Projektpartner Die Schale aus 376 unter-

schiedlichen Holzkassetten
ICD Institut für Computer- spannt bis zu 30 Meter weit.
basiertes Entwerfen und Grundriss und Schnitt im
Baufertigung, Universität Maßstab 1 :500
Stuttgart – Achim Menges,
Martin Alvarez, Monika Gö-
bel, Abel Groenewolt, Oli­-­
ver David Krieg, Ondrej Kyja-
nek, Hans Jakob Wagner
ITKE Institut für Tragkon­
struktionen und konstrukti-
ves Entwerfen, Universi­-
tät Stuttgart – Jan Knippers,
Lotte Aldinger, Simon
Bechert, Daniel Sonntag
Müllerblaustein Bauwerke,
Blaustein – Reinhold
Müller, Daniel Müller, Bernd
Schmid
BEC, Reutlingen – Matthias
Buck, Zied Bhiri
Bundesgartenschau
Heilbronn 2019 – Hanspeter
Faas, Oliver Toellner Text Jan Friedrich Fotos Roland Halbe
Genehmigungsverfahren

bionisch-digital
Landesstelle für Bautech­-
nik – Stefan Brendler, Willy
Weidner
Hugo Rieger (Prüfingenieur)
MPA Stuttgart – Simon
Aicher

Der Holzpavillon auf der so-


genannten Sommerinsel Wem die Stadtausstellung der Buga zu konventionell ist, findet die
des Buga-Geländes über-
deckt einen rund 400 echte Innovation in Gestalt zweier Pavillons, die an der Uni Stutt-
gart konzipiert, digital entworfen und gefertigt wurden.
Quadratmeter großen Ver-
anstaltungsbereich.

Wenn man Gelegenheit hat, ein Experiment über Es hat alles gepasst. Pünktlich zur Eröffnung der perimentieren seit geraumer Zeit eine Menge
einen längeren Zeitraum mitzuverfolgen, da­- Bundesgartenschau in Heilbronn Mitte April Leute herum; nicht selten sind das Versuche,
bei die Hingabe aller Beteiligten an das Projekt waren sie an ihren vorgesehenen Standorten auf irgendwelche aufgeregten, eigentlich nicht bau-
spürt, die im Wissen darum, dass sie tatsäch­ der sogenannten Sommerinsel des Buga-Ge- baren Gebilde doch irgendwie realisierungsfä-
lichen Neuerungen auf der Spur sind, bis zur ländes aufgebaut: Holzpavillon und Faserpavil- hig zu machen. Mit solchen Formspielereien hat
letzten Minute jeder Schwierigkeit trotzen – lon, die beiden Experimentalbauten, mit denen die Forschung des Architekten Menges, des Trag-
dann beginnt man auch als Außenstehender ir- das ICD – Institut für computerbasiertes Entwer- werksplaners Knippers und ihrer Teams nichts
gendwann mitzufiebern. Wenn man mit eige- fen und Baufertigung und das ITKE – Institut für zu tun. Den beiden geht es darum, hocheffizien-
nen Augen die neuartigen Fertigungsmethoden Tragkonstruktionen und konstruktives Entwer- te, materialsparende Konstruktionen wirtschaft-
gesehen hat, man verfolgen konnte, wie die fen der Universität Stuttgart den letzten Stand lich umsetzbar zu machen. Mithilfe digitaler Ent-
Roboter gemäß der digitalen Codes, mit denen der gemeinsamen Forschungsarbeit demonstrie- wurfs- und Fertigungsmethoden versuchen sie,
sie gefüttert wurden, präzise ihre Arbeit ver- ren. Die von Achim Menges (ICD) und von Jan endlich all jene Probleme in den Griff zu kriegen,
richten, Fasern zu Tragwerken wickeln, sich ge- Knippers (ITKE) geleiteten Institute haben in den die materialsparende Konstruktionen in der Re-
genseitig Holzplatten anreichen, Klebstoff auf- vergangenen Jahren immer wieder mit kleine- gel meist unwirtschaftlich werden lassen gegen-
tragen, Holzdübel versenken, millimetergenau ren und größeren Pavillons von sich Reden ge- über Konstruktionen, die im Grunde überdimen-
fräsen – dann beginnt man gemeinsam mit den macht, an denen sie Möglichkeiten digitaler Ent- sioniert sind, aber einfacher zu realisieren – jeden-
„Machern“ zu hoffen, dass sich am Ende die Ein- wurfsmethoden, robotisch unterstützter Ferti- falls wenn man auf konventionelle Baumethoden
zelteile tatsächlich an Ort und Stelle fügen las- gung und neuer Materialien getestet haben. angewiesen ist.
sen. Dass nicht irgendeine Genehmigungsbe- Jeder Architekt kennt das seit dem Studium
hörde auf den letzten Metern doch noch etwas Leicht, elegant – und wirtschaftlich aus der Baukonstruktionslehre, jeder Tragwerks-
Unbedachtes entdecken möge, was die ambi­ planer sowieso: Material sparen lässt sich vor al-
tionierte Unternehmung zum Erliegen bringen Entwerfen mithilfe des Computers, Fertigung lem, wenn man die Geometrie einer Konstruk­
würde. durch Roboter: alles schön und gut, damit ex­ tion entsprechend ihrer Belastung optimiert. Nur

42 THEMA Bauwelt 10.2019 Bauwelt 10.2019 THEMA 43


Um den innovativen Charakter der sind diese belastungsoptimierten Formen eigent- wendig herzustellen, was die ganze Sache eben-
lich nie rechtwinklige Gebilde, die man aus sich falls teuer und letztlich unwirtschaftlich macht.
Pavillons würdigen zu können, wiederholenden, gleichen Bauteilen zusammen- Genau hier liegt der Anreiz, neuartige digitale
muss man eigentlich mit eigenen setzen könnte, die gut in Serie und deshalb Fertigungsmethoden zu entwickeln und einzu-

Augen gesehen haben, wie un­ günstig zu fertigen wären. Sondern fast immer
sind das unregelmäßig geformte, meist gebo­
setzen. Mithilfe des Computers eine für gewisse
Parameter optimierte Konstruktion entwerfen –
geheuer präzise die Roboter ihre gene Strukturen. Schalen etwa, mit denen sich das kann man schon seit geraumer Zeit. Im nächs-
Arbeit verrichteten, wie sie Fa- zwar eindrucksvolle Räume überspannen las- ten Schritt geht es also darum, die digitale Kette
sen, die aber schwierig und aufwendig herzustel- zu verlängern, also Herstellungsmethoden zu er-
sern zu Tragwerken gewickelt, sich len sind. Möchte man solche Gebilde additiv finden, die sich direkt mit den digitalen Informa­
gegenseitig Holzplatten ange- bauen, also aus einzelnen kleineren Teilen zusam- tionen aus dem Entwurf steuern lassen. Auf den
reicht, Klebstoff aufgetragen, mil- mensetzen, muss man eine Unmenge völlig un- Buga-Holzpavillon von ICD und ITKE bezogen,
terschiedlich geformter und verschieden großer bedeutet das etwa: Einem Roboter ist es egal, ob
limetergenau gefräst haben. Einzelbauteile herstellen. Das ist kompliziert, er 376 Holzkassetten, die alle gleich groß sind,
dauert lange, und darüber hinaus entsteht dabei zusammenleimt und Keilzinken in ihre Kanten
Zwei Roboter in der Werk-
eine Menge Materialverschnitt. Ergo: unwirt- fräst – oder 376 Holzkassetten mit ganz unter-
halle der Tischlerei Müller-
blaustein haben die Kasset- schaftlich. Aus Beton ließe sich eine Schalenkon- schiedlichen Formaten; er benötigt nur die ent-
ten in präziser Teamarbeit struktion eigentlich gut gießen. Hier ist die Scha- sprechende digitale Information. Auf den Faser-
montiert, sich die Platten an-
lung der Knackpunkt: Die Schalung für eine geo- pavillon bezogen, heißt das: Dem Roboter ist es
gereicht, Klebstoff aufge-
tragen, Dübel eingeschos- metrisch derart komplexe Form ist überaus auf- einerlei, ob er Glas- und Karbonfasern über zwei
sen, die Keilzinken gefräst.

Der Pavillon wurde am 17.


April mit einem Konzert er-
öffnet. Die Akustik unter
der Holzschale ist bemer-
kenswert gut. Bei Dunkel-
heit bringen zahllose LEDs
sämtliche Öffnungen der
Pavillonunterseite zum
Leuchten.

Nach dem Aufbau der drei


Randträger (oben) ließen
sich die Kassetten auf der
Baustelle ohne Gerüst
oder dergleichen Hilfsmit­-
tel zusammensetzen.
Fotos Fertigung/Aufbau:
© ICD/ITKE, Uni Stuttgart

44 THEMA Bauwelt 10.2019 Bauwelt 10.2019 THEMA 45


Wickelrahmen wickelt, um daraus 60 Mal das Grundriss und Schnitt im
Maßstab 1:500
gleiche Trägerelement zu formen, oder ob er
viele unterschiedliche Elemente fertigt, aus de-
nen sich eine Kuppelkonstruktion zusammen-
bauen lässt, die in Bezug auf das Tragverhalten
wesentlich leistungsfähiger ist, als es eine aus
60 gleichen Trägern wäre.

Die Natur imitieren

An der Verlängerung der digitalen Kette in die Fer-


tigung hinein wird selbstverständlich nicht nur
an der Uni Stuttgart gearbeitet, sondern etwa
Die Sommerinsel der Buga auch an der ETH Zürich. Während man sich in
bildet die kongeniale Bühne
Zürich traditionell eher mit dem Massivbau be-
für die Pavillons: Auch die
Wellenlandschaft ist digital schäftigt, also beispielsweise nach Lösungen
entworfen (LOMA Land- für das oben erwähnte Problem mit der Beton-
schaftsarchitekten) und mit- schalung sucht (Bauwelt 23.2018), steht in Stutt-
hilfe eines GPS-gesteu­
erten Baggers geformt wor- gart von jeher der Leichtbau auf dem Programm.
den. Und Menges und Knippers haben sich noch wei­-
ter spezialisiert: Sie erforschen natürliche Kon-
struktionsprinzipien, wie sie bei Pflanzen und
Tieren zu finden sind, um daraus neue, leistungs-
fähigere Konstruktionsprinzipien für die Archi-
tektur abzuleiten: „bionische“ oder genauer ei-
gentlich „biomimetische“ Konstruktionen, sol-
che also, die natürliche Prinzipien imitieren.
Die Buga-Pavillons sind solche biomimeti-
schen Konstruktionen. So sind die Art, wie die
Schalenkonstruktion des Holzpavillons seg-
mentiert ist, und die Form der Fingerzinken, die
die 376 Segmente kraftschlüssig verbinden,
dem Plattenskelett von Seeigeln abgeschaut.

Projektpartner Genehmigungsverfahren
ICD Institut für Computer- Landesstelle für Bautech­-
basiertes Entwerfen und nik – Stefan Brendler, Stef-
Baufertigung, Universität fen Schneider
Stuttgart – Achim Men- Achim Bechert, Florian Roos
ges, Serban Bodea, Niccolo (Prüfingenieure)
Dambrosio, Monika Gö-
bel, Christoph Zechmeister DITF Deutsches Institut für
Textil + Faserforschung –
ITKE Institut für Tragkon­ Götz T. Gresser, Pascal Min-
struktionen und Konstruk­ dermann
tives Entwerfen, Universi-
tät Stuttgart – Jan Knippers,
Valentin Koslowski, Marta
Gil Pérez, Bas Rongen
FibR, Stuttgart – Moritz
Dörstelmann, Ondrej Kyja­
nek, Philipp Essers, Phi-
lipp Gülke
Bundesgartenschau
Heilbronn 2019 – Hanspeter
Faas, Oliver Toellner

46 THEMA Bauwelt 10.2019 Bauwelt 10.2019 THEMA 47


Dass die elegante, rund 30 Meter weit spannen-
de Holzschale – die, nebenbei bemerkt, nicht
mal ganz 37 Kilogramm pro Quadratmeter wiegt –
in dieser Gestalt nur baubar war, weil zwei Ro-
boter sozusagen in Teamarbeit die vielen unter-
schiedlichen Holzkassetten montiert und ge-
fräst haben, wird sich selbst dem fachlich vorge-
bildeten Besucher, bevor er die Hinweistafel ge-

Ein Tragwerk, das aus ei-


nem Geflecht von Glas-
und Karbonfasern gebildet
wird, ist eine biomimeti-
sche Konstruktion, wie
sie im Buche steht – basiert
doch eigentlich jede Kon-
struktion in der Natur auf
Faserverbundstrukturen.
Im Zentrum des Faserpavil- lesen hat, nicht auf den ersten Blick erschließen.
lons steht ein Ausstellungs-
Beim zweiten Pavillon, dem „Faserpavillon“, wird
karussell, das sich dem
Thema digitale Zukunft wid- man schon eher ins Grübeln darüber kommen,
met. LEDs bringen die wie der wohl gebaut wurde und woraus die Trag-
Glasfasern bei Dunkelheit
konstruktion überhaupt besteht.
zum Leuchten.
Der Faserpavillon ist eine rundherum neuartige
Konstruktion, die am ICD und ITKE entwickelt
wurde. Ein Geflecht aus Glas- und Karbonfasern
bildet das Tragwerk – eine biomimetische Kon­
struktion, wie sie im Buche steht, basiert doch ei-
gentlich jede Konstruktion in der Natur auf Faser-
verbundstrukturen. Ein Roboter hat die 60 Einzel-
teile des Tragwerks aus jeweils rund 1100 Metern
Glas- und 1600 Metern Karbonfasersträngen ge-
wickelt. Bei dieser Art der additiven Fertigung
entsteht keinerlei Verschnitt. Und da das Verfah-
ren „kernlos“ ist, der Roboter die Fasern also
frei zwischen zwei rotierenden Wickelgerüsten
aufspannt, muss man auch keinerlei Formen
bauen, die die Fasern stützen müssten, bis sie
ausgehärtet sind. Nur auf diese Weise waren die Der Roboter spannte zu-
nächst ein Geflecht aus
vielen unterschiedlich geformten Teile der Trag-
Glasfasern auf das Wickel-
konstruktion überhaupt wirtschaftlich herzustel- gerüst, auf dem er im
len. Insgesamt besteht das Tragwerk des Pavil- nächsten Schritt die Kar-
Der Aufbau der vormontier- bonfasern ablegte. Oben:
lons, der mit seinen 23 Metern im Durchmesser
ten Tragelemente auf der Fertigung der Tragelemen­-
rund 400 Quadratmeter Fläche überspannt, aus te in der Produktionshalle
Baustelle wurde durch ihr
150 Kilometern Glas- und Kohlenstofffasern. Den geringes Gewicht unglaub- der neu gegründeten FibR
GmbH.
Wetterschutz des transparenten Kuppelbaus lich vereinfacht.
Fotos Fertigung/Aufbau:
bildet eine vorgespannte EPFL-Membran. © ICD/ITKE, Uni Stuttgart;
Wenn übrigens eine Konstruktion die Bezeich- © FibR (Foto oben)
nung Leichtbau verdient, dann diese: Das Flä-
chengewicht des Tragwerks beträgt gerade ein-
mal 7,6 Kilogramm pro Quadratmeter. Jedes der
Einzelteile wiegt nur rund 80 Kilogramm und ist
enorm tragfähig: Beim Belastungstest versagte
es erst bei 25 Tonnen Drucklast seinen Dienst.
Auf Zug hält die Konstruktion noch ein Vielfaches
mehr aus.

48 THEMA Bauwelt 10.2019 Bauwelt 10.2019 THEMA 49