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Die Halle von 1919 (rechts) ist

dreischiffig aufgebaut, die


Stahlbetonteile sind filigra-
ner ausgeführt als die des
Abschnitts von 1949 (links).
Grafik: Architekten

Architekten Kommunismus – ein Schreckgespenst! Schon


Atelier dʼarchitecture Pierre über Sozialismus zu sprechen – oh là là – erhitzt
Hebbelinck, Liège, und Hart hierzulande bisweilen die Gemüter. In der fran-
Berteloot Atelier Architec-
zösischen Kleinstadt Montataire ist er an der Ta-
ture Territoire (HBAAT), Lille
gesordnung. Seit 25 Jahren lenkt ein Bürgermeis-
Projektleiterin ter mit Parteibuch des PCF (Parti communiste
Heleen Hart français) die Geschicke des rund 13.000 Einwoh-
ner zählenden Ortes; Jean-Pierre Bosino war
Mitarbeiter
vor seinem Amt Arbeiter und Gewerkschaftsak-
Liège: Pierre Hebbelinck,
Didier Brandt, Margarida tivist im ortsansässigen Chausson-Werk, einer
Serrão, Edith Monseu, Céline Fabrik für metallene Autoteile. Die industrielle Ver-
Schnitzler, Pierre Dossin,
gangenheit des Ortes steckt ihm, wie vielen sei-
Jean-Sébastien Delvigne;
Lille: Julien Sabatier, David ner Mitbürgern, in den Knochen. So ist es kein
Lecomte Wunder, dass sich die Genossen für die Instand-
setzung dieses Erbes einsetzen.
Bauherr
Am Stadtrand, der eigentlich nur Nahtstelle zur
Ville de Montataire
Nachbargemeinde Thiverny ist, findet sich ei-
Hersteller nes dieser Erbstücke, das Werk eines vom Kom-
Fassade Roockwool, Zolplan munismus im wörtlichsten Sinn nicht unbeleck-
Verglasung Saint-Gobain

Entfachter Beton
ten Gespanns: eine Halle der Brüder Perret. Als be-
Dach VMZinc, Bluetek
Türen Malerba, Novoferm rühmtester der drei Brüder, die in Belgien als
Fenster Saint-Gobain, Vent- Kinder eines zur Emigration gezwungenen Pari-
light
Sonnenschutz ATES
ser Kommunarden geboren wurden, glänzt über
Boden Forbo, Boen den Lauf der Zeit Auguste (1874–1954). Jedoch als
Ausbau Knauf, Promat Unternehmer und experimenteller Architekt, der
Sanitärobjekte Allia
Boden Forbo, Boen den bewehrten Beton als eines der ausschlagge-
Leuchten Sfel, Trilux, Thorn benden Mittel für die moderne Architektur ein-

In Montataire, eine halbe Stunde Zugfahrt nördlich von Paris im De-


Lighting führte, wäre jener wohl kaum ohne Gustave (1876–
Schalter Schneider
Aufzüge Kone 1952) und Claude (1880–1960) so erfolgreich ge-
partement Oise gelegen, schlummert ein architektonischer Schatz. Heizung MHS Rdiators, Helios
Aufzüge Kone
wesen.
Die Fertigungshalle der Fabrik Wallut, in der
Die Brüder Perret haben hier Industrieanlagen gebaut. Eine Halle aus 1919 (oben links) loteten die landwirtschaftliche Maschinen hergestellt wur-

den Jahren 1919 und 1949 wurde vom belgisch-französischen Archi-


Architekten die Grenzen
den, entwickelten sie 1919. Ihr Tragwerk ist der-
des damals neuen Materials
aus, 1949 wenden sie be- art feingliedrig konstruiert, dass Computerpro-
tektenteam um Pierre Hebbelinck und HBAAT zum Kulturzentrum um- reits eine übliche Tragstruk-
tur an (oben rechts). Neben
gramme Schwierigkeiten haben, die Statik nach-
zuvollziehen. 1949 ergänzten die Architekten
gebaut. der Halle bauten die Perrets
Werkstätten für Marinoni, eine weitere Halle, nahtlos angedockt, ist diese
überspannt von Betongewöl- schon konventioneller dimensioniert.
ben (im Luftbild rechts da-
Die Perrets nahmen Bauen für die Industrie als
von).
Text Josepha Landes Fotos François Brix eine Aufgabe mit Anspruch. Nicht ohne Grund,

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Das Tragwerk präparierten
die Planer, hielten sich bei
ihrer Ergänzung mittels Po-
renbeton und blankem Holz
an den vom Stahlbeton-
Skelett implizierten rauen
wie eleganten Charme.

Die getönten Gläser sind


eine Arbeit des Künst-
lers Pierre Toby aus Brüs-
sel.

Es ergibt sich ein unge-


wohnt scharfer Blick auf
die Oberflächen des grob
gekörnten Betons, wenn er
einem so vor der Nase
steht, wenn die Stütze die
Landschaft zerschnei­-
det, in Bildausschnitte, die
die Dinge vor dem Fens­-
ter immer neu in Ver-
bindung setzen und auf
Abstand halten.

schließlich war Wallut seinerzeit einer der Haupt- Eine Strategie, den Ort vor dem Ausverkauf zu die Halle selbst, wie auch die Ateliers Marinoni, Im Detail betrachtet weist
die Betonstruktur einige
arbeitgeber der Stadt. Auf einem Nachbargrund- bewahren. nicht gelistet, auf ein nahegelegenes romani-
Sonderlichkeiten auf, zu se-
stück bauten die Architekten in der Zwischen- sches Kirchlein mussten die Planer jedoch Rück- hen etwa an der Ostfassa-
kriegszeit zudem für den Druckmaschinenher- Zusammensetzen der Teile sicht nehmen. de, wo sich nun der Eingang
befindet. Die Planer setz-
steller Marinoni ein Ensemble von Werkstätten, Vom Ursprungsbau ist kaum mehr als der Roh-
ten dem eine eigene, eben-
die sie mit gewölbten Beton-Sheddächern über- Die Perret-Halle spielt auf dem Grat zwischen die- bau geblieben, das Essenzielle. In der nordwest- falls bisweilen eigensinni-
spannten. Und das sich heute in bedauernswer- sen beiden Aspekten. Ihr industrielles Tragwerk lich gelegenen, langgestreckten und in ein Haupt- ge Logik entgegen, etwa be-
tem Zustand befindet. So wie es auch die Wallut- wird zum Skelett für kulturelles Leben. Und auch und zwei Seitenschiffe gestaffelten ersten Hal­- züglich der Fensterplatzie-
rung.
Halle war, bevor die Stadt 2014 mit einem Archi- die französisch-belgische Tradition ihrer Entste- le befinden sich nun Unterrichts- und Proberäu-
tekturwettbewerb den Anstoß gab, sie für kultu- hung setzt sich fort: Geplant haben den Umbau me einer Musikschule. In der später ergänzten,
relle Zwecke aufzuarbeiten. zum Kulturzentrum mit Musikschule das Atelier kompakten Halle im Südosten das Foyer und ein
Der Erfolg des Industriestandorts Montataire d’architecture Pierre Hebbelinck aus Liège in der bislang leerer Saal, der im nächsten Schritt zum
ist seit den neunziger Jahren auf dem abstei- Wallonie, gemeinsam mit Heleen Hart und Ma- Auditorium ausgebaut werden soll. Uptatio cus essit escimaio
idenimi, simusam que sitia
genden Ast. Die Arbeitslosigkeit, besonders un- thieu Berteloot (HBAAT) aus Lille. Sie waren als Im Hauptschiff der Halle von 1919 hat die örtli-
voleni net eni non pedis do-
ter den jungen Einwohnern, ist hoch. Die Bemü- drittplatzierte aus dem Wettbewerb hervorge- che Blaskapelle einen Proberaum. Wie der da­ lecepedit, ullam ullacitiis
hungen den Strukturwandel abzufedern, zeigen gangen und handelten den Zuschlag für sich aus. ran grenzende Tanzsaal ist er von Oberlichtern il-
sich etwa daran, dass die Stadt auch die ruinö- Pierre Hebbelinck konnte zudem den Historiker luminiert, die schon der Altbau mitbrachte und
sen Marinoni-Werkstätten auf dem Schirm hat. und Perret-Experten Joseph Abram für das Pro- die in einer Betondecke sitzen, die nun aus akus-
Plan ist es, sie so zu ertüchtigen, dass sich da­- jekt begeistern. Seinen Argumenten ist es auch tischen Gründen mit Spritzputz verkleideten
rin neue Gewerbe ansiedeln. Außerdem befinden zu verdanken, dass der Umbau die Hürde der wurde. Getäfelt sind beide Räume mit HWL-Plat-
sich einige Ladenlokale in kommunalem Besitz. Denkmalpflege (ABF) nehmen konnte. Zwar ist ten in erdig-hellem Ton. Der Raum der Blaska-

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Für akustische Zwecke ist
der Tanzsaal (links) mit
HWL-Platten und Spritzputz
ausgestattet. Auch die ver-
setzten Steinreihen in den
Proberäumen (rechts) die-
nen der Vermeidung von Re-
sonanzen.
Die Altbausubstanz ist Schild,
nicht Träger der Musikräu-
me im Seitenschiff (links).
Das verdeutlichen die Archi-
tekten durch die Loslösung
der neuen von der alten Fas-
sadengliederung (Mitte).
Wo sie dennoch auf das Vor-
gefundene bauen mussten,
benötigte die Struktur biswei-
len Unterstützung. Ästhe-
tisch wie substanziell unter-
1 6 streicht die Wahl offener
Stahlprofile die Unterschied-
lichkeit des Eingriffs
(rechts).
Grundrisse im Maßstab
1 :500

1 Eingangsfoyer pelle verfügt zudem über variable schwarze Samt- die die Dinge vor dem Fenster immer neu in Ver- stellen sind zum einen schmale Fugen, die ent-
2 Proberäume vorhänge. Durch die Deckenöffnung fallend, ent- bindung setzen und auf Abstand halten. stehen, wo die neue Kubatur der Lehrräume ins
3 Tanzsaal hüllt die Sonne eine Raffinesse des Eingriffs: Die Der Neubau schlägt leise Töne an. Alle Impulse alte Seitenschiff eingezogen ist. Zum anderen
4 Raum der Blaskapelle Fenster sind allesamt leicht getönt. Aus vier Va­ sind wohlgesetzt. Sie zeugen von einem Ver- sind sie großformatige Hohlräume am nordwest­
5 4 3 1 6
5 offene Bühne rianten, die von bräunlicher über grünliche Schat- ständnis und einem Hinterfragen des Vorgefun- lichen Hallenende und unter dem südlichen Sei-
6 Auditorium (vorgesehen) tierung spannen, schneiderte der Künstler Pierre denen. So zum Beispiel die zur Verstärkung des tenschiff. Auch das noch auszubauende Audito­
Toby den Räumen ein schimmerndes Gewand Tragwerks notwendig gewordenen Stahlprofile. rium sitz leicht außermittig in der Halle von 1949.
A Halle von 1919 von Understatement. Wohlweislich wählten die Architekten für diese Diese Leerstellen zeigen, wie aus fast nichts
B Halle von 1949 Die Unterrichtsräume haben die Architekten Stücke, die hauptsächlich Zugkräfte abfangen, ein Nichts geschaffen wird, das Raum ist. Raum,
im nördlichen Seitenschiff angeordnet. Sie sind offene Profile. Sie sollen der Massivität des Be- der für die Nutzung der Halle eine Bereicherung
asymmetrisch geschnitten, um Resonanzen vor- tons Paroli bieten. Der weiße Lacküberzug sei zu- darstellt, denn er verwebt Gebäude mit Umge-
zubeugen. Die Fenster platzierten die Planer ei- dem eine ideale Grundlage, auf der Licht chan- bung und Situationen. Eltern warten unter dem
ner funktionalen Logik folgend. Dadurch ergibt gieren kann. Vordach auf das Ende der Musikklasse, oder die
sich eine feine Dissonanz zum Bestand, wenn Das Raumprogramm ließ Luft, sodass die Ar- Jugendband spielt – so die perspektivische Idee –
etwa neues Fenster auf alte Stütze trifft. Hebbe- chitekten die Stellung der Neubaubestandteile ein Konzert für Passanten. Noch ist das Land
linck war an der Spannung interessiert, die die zum vorgefundenen Stahlbetongerüst ausloten um die Halle öde. Das Gelände gehört zur Haupt-
B
Elemente zu einander erzeugen. Und tatsächlich konnten. Die so entstehenden Leerstellen unter- sache dem nahen Großmarkt. Wenn die Vision
A
ergibt sich ein ungewohnt scharfer Blick auf die streichen die Genialität von Perrets baumeister- aber einmal Wirklichkeit wird, dann könnte die
Oberflächen des grob gekörnten Betons, wenn licher Idee, durch die Ausnutzung optimierter Halle darin als „Pôle Culturel“ Herzstück des
er einem so vor der Nase steht, wenn die Stütze Kraftflüsse ein von Natur aus schweres Material neuen Montataire fungieren, wie sie es als Fab-
die Landschaft zerschneidet, in Bildausschnitte, in ein luftiges Gebilde zu überführen. Diese Leer- rik in der Erinnerung der Alten ist.

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