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Basisseminar Kultur und Kommunikation 20.01.

2018

Wintersemester 2017/2018 Wilhelm-Löhe-Straße 12


PD Dr. Jan Weyand Milan Slat

Pierre Bourdieu: Klassen und Klassifizierungen

Klassen und Klassifizierungen haben eine erstaunliche Rolle in der sozialen Welt und es gilt zu erklären
wie diese Rolle zustande kommt, sowie wie diese Rolle und somit auch zu erklären weshalb eine
Gesellschaftstheorie die grundlegenden Prinzipien dieser klassifizierenden Akte erklären können sollte.
Wirksamkeit verdanken die Schemata des Habitus, dem Faktum, dass sie jenseits des Bewusstseins wie des
diskursiven Denkens agieren. Sie leiten unbewusst die Handlungen im Alltag und konstituieren sich
unbewusst aus diesen. Diese repräsentieren die Gliederung der Sozialwelt und ordnen Körper und die
Beziehungen dieser Körper in verschiedene Kategorien ein. Sie funktionieren also als eine Art
gesellschaftlicher Orientierungssinn und sind notwendig um zu spüren welche zukünftigen Rollen ihnen in
der Sozialwelt zugedacht sind, welche Mittel dafür notwendig sind, sowie welche Handlungen und Güter
damit verbunden sind, die jemandem als Inhaber einer solchen Position zustehen. Zusätzlich ermöglicht
dieser Orientierungssinn ein Gespür für die soziale Relevanz dieser Praktiken und Güter.

Diese klassifizierenden sozialen Akteure sind Produzenten von klassifizierbaren, klassifizierenden Akten,
die für sich wieder klassifiziert sind. Daraus folgt, dass eine Gesellschaftstheorie davon ausgehen muss,
dass diese von ihr interpretierten Akteure selbst wieder interpretieren. Dadurch, dass diese Interpretationen
ihrerseits konstruiert sind und nicht bloße Widerspiegelungen des Wirklichen sind, kommt diesen
klassifizierenden Akten eine wirklichkeitskonstituierende Funktion zu. Diese klassifizierenden Akte stellen
eine aktive, strukturierende Tätigkeit dar, inkorporierte Schemata, welche biographisch und kollektiv
erworben werden. Eine Theoriekonzeption muss beinhalten, dass ihr untersuchter Gegenstand solch eine
strukturierende Tätigkeit ausübt. Somit ist die Erfassung der gesellschaftlichen Genese durch diese
Konstruktionsprinzipien eine Aufgabe einer Gesellschaftstheorie, sowie die Untersuchung der Grundlagen
dieser Klassen und Rangfolgen konstituierenden Systeme.

Um in der Sozialwelt mit anderen sozialen Akteuren einen möglichst komplikationsfreien Umgang zu
pflegen, ist es notwendig über diese Schemata zu verfügen. Diese Teilungs- und Gliederungsprinzipien
machen den Aufbau einer gemeinsamen sinnhaften Welt möglich. Diese Prinzipien liegen in grundlegenden
Wahrnehmungsmustern vor, welche durch Gegensatzpaare von Adjektiven repräsentiert werden. Ihre
strukturierende Kraft wird ermöglicht dadurch, dass sie sich auf die fundamentalsten Gegensätze der
Sozialwelt beziehen. Sie organisieren und repräsentieren also den sozialen Raum. Auch die anderen
Gegensatzpaare basieren noch auf diesen fundamentalen Gegensätzen, da sie über fortschreitende
Spezifikation diese grundlegenden Schemata zwar verschleiern aber dennoch Gebrauch von ihnen machen.
Diese Gegensatzpaare sind zwar eigentlich bedeutungsarm, aber eben dadurch ergibt sich die Möglichkeit,
dass es seine spezifische Bedeutung in seinem jeweiligen Kontext gewinnt und einen speziellen Sinn
konstituiert.