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Ernst Dorfner

Der Kapitalismus schafft Arbeitsplätze


durch weltvernichtendes Wachstum

Im Kapitalismus befindet sich die gesamte "Arbeitsgesellschaft" am Tropf


gelingender Verwertung von Kapital.
Nur wenn in der warenproduzierenden "Wirtschaft" im ausreichenden Maße
aus Geld mehr Geld gemacht werden kann, gibt es Arbeitsplätze,
genügend Steueraufkommen für den öffentlichen Sektor,
für Kultur, Sozialleistungen, etc.
Aus diesem Verwertungszwang des Kapitals
resultiert der volkswirtschaftlich wahrnehmbare Wachstumszwang des Systems,
der die menschliche Zivilisation akut bedroht.
Gesamtgesellschaftlich dient dieser amoklaufenden
Verwertungsbewegung des Kapitals die Welt als bloßes konkretes "Material",
als notwendiges Durchgangsstadium,
um vermittels Lohnarbeit aus Geld mehr Geld zu machen.
Die gesamte kapitalistische Gesellschaft ist
dieser Welt-vernichtenden Eigendynamik des Kapitals ausgeliefert,
die sie unbewusst, weitervermittelt herstellt.

Thomas Koncs
https://www.heise.de/tp/features/Arbeitsplaetze-oder-Klima-4633699.html

Andreas Novy 2017 Obmann der Grünen Bildungswerkstatt, schreibt


einleitend in seinem Beitrag „Wachstumskritik ist Kapitalismuskritik“
(https://www.gbw.at/oesterreich/artikelansicht/beitrag/wachstumskritik-ist-
kapitalismuskritik-andreas-novy-these-1 bis these 4)

„Historisch gesehen ist das materielle Wachstum der letzten 200 Jahre
kapitalistischer Entwicklung mit nichts vergleichbar, was in den Jahrtausenden
davor in menschlichen Zivilisationen stattfand. Die von Karl Marx beschriebene
„ungeheure Warensammlung“ zeichnet kapitalistische Gesellschaften
genau so aus wie das ständige Streben nach Mehr, nach Wachstum. Mehr
haben zu wollen ist keine Charaktereigenschaft gieriger ManagerInnen,
sondern Antriebskraft des Systems. Von allem Anfang an war Kapitalismus nur
möglich, weil Unternehmer und Vermögensbesitzende Wetten auf die Zukunft
eingingen, Geld vorschossen, in der Hoffnung, mehr zurückzubekommen.
Das Kolonialschiff, das Gewürze nach Lissabon zurückbringen sollte, musste
vorfinanziert werden; so wie später die Kosten der Fabrik durch den Verkauf
von Massenprodukten mehr als ausgeglichen wurden, und heute
Pharmakonzerne Milliarden für Forschung an Kosmetik und Medikamenten
ausgeben in der Hoffnung, später mehr an Gewinn hereinzubekommen.“

Novy schreibt vom Geldvorschuss und vom mehr zurückbekommen. Wenn er


sich nun aber mit Marx eingehender auseinandergesetzt hätte, so hätte er
auch feststellen müssen, dass es für Marx nicht die ungeheure
Warensammlung war, die ihn – und auch Rosa Luxemburg - so stark
beschäftigte, sondern die Frage, wo das Mehr an Geld herkommt. Im Band III
von „Das Kapital“ schreibt er dazu: „Die Frage ist nicht: Wo kommt der
Mehrwert her; sondern: Wo kommt das Geld her, um den Mehrwert zu
versilbern?“ Marx und Luxemburg finden keine befriedigende Antwort. Erst
Michal Kalecky erkennt in den 1930-iger Jahren, dass „die Unternehmen nie
mehr einnehmen können, als sie ausgegeben; aber sie können mehr
ausgeben, als sie einnehmen!“ - d.h., sie können sich verschulden!

Es ist auch heute nicht die ungeheure Warensammlung, die uns ökonomisch
beschäftigt. Zu der kommt es in unserer Wegwerfgesellschaft gar nicht, da
kaum jemand Platz für das Stapeln all der Güter hat, die er in seinem Leben
erwirbt. Und das Wegwerfen ein integraler Bestandteil des Systems ist. Was
gestapelt wird, ist Geld. Und hier genügt für die allergrößte Summe der Platz
auf einem Papierzettel.

Die ungeheure Warensammlung, die Jahr für Jahr erzeugt wird, ist nur Mittel
zum Zweck für die Geldakkumulation, die zugleich eine Schuldenakkumulation
ist. Geld aus Krediten – und damit aus Verschuldung des Kreditnehmers - wird
heute in die Produktion von Waren investiert, die morgen gegen mehr Geld
verkauft werden müssen, um die Schulden von gestern wieder tilgen zu
können – und nicht zuletzt dem Investor einen monetären Mehrwert zu
erbringen. Die Betriebswirtschaftslehre ist hier hellsichtiger als die
Volkswirtschaftslehre. Für den Betriebswirt heißt Wertschöpfung - so wie bei
Karl Marx – aus Geld mehr Geld zu machen. Die erzeugten Waren sind also
nicht das Ziel, sondern nur das Mittel zum Zweck der Geldvermehrung. Sobald
sie mit Gewinn verkauft sind, haben sie ihren betriebswirtschaftlichen Zweck
erfüllt. Je rascher sie im Abfall landen, umso besser für die Wirtschaft. Das
sind vor allem die Konsumwaren, die nach ihrem Kauf verbraucht werden
müssen.
Die Verbraucher sind damit integraler Bestandteil dieses kapitalistischen
Systems bestehend aus Unternehmen, die kaufen, um teurer wieder zu
verkaufen - die also „Wertschöpfung“ betreiben – aus Geld immer mehr Geld
durch von Periode zu Periode immer höhere Kreditaufnahmen machen -, und
den Haushalten, die mit aus Schulden entstandenem Geld die am Ende der
Wertschöpfungskette immer mehr anfallenden Verbrauchsgüter kaufen und in
den Orkus zu schicken, um dann für Neuerzeugtes immer wieder Platz zu
machen. Zu all dem werden die Menschen durch die Werbung als weiterer
Bestandteil des Systems von morgens bis abends angetrieben, damit immer
wieder aus Geld mehr Geld gemacht werden kann.
Diese Zusammenhänge sieht Novy nicht. Er blendet das Thema Geld – wie fast
alle Ökonomen – aus, spricht aber – unter Berufung auf Polanyi - von einer
Marktgesellschaft, wiewohl es nach diesem diese Märkte, auf denen fertige
Güter gegen fertige Güter mit Hilfe von Geld getauscht werden, nie gegeben
hat. Die fertigen Güter sind auf diesen fiktiven Märkten so wie das Geld einfach
da, wie vom Himmel gefallen. Beide aber sind nicht vom Himmel gefallen. Das
aber unterstellen stillschweigend fast alle Ökonomen. - Oder wollen es nicht
deutlich sehen. Wollen nicht deutlich sagen, dass der Staat – und
insbesondere der Sozialstaat - durch die kapitalistische Wirtschaft mit Geld,
das aus Schulden entstanden ist, alimentiert wird – und daher vom Gedeihen
des Kapitalismus abhängig ist. Und diese Alimentation lastet vorwiegend auf
den Lohnkosten in Form allerlei Steuern und Abgaben – von der Lohnsteuer bis
zur Mehrwertsteuer. Die Arbeitskosten machen deshalb ein Vielfaches der
Netto-Arbeitslöhne aus, machen also die menschliche Arbeitskraft so teuer,
dass eine Kreislauf-, Diensteleistungs – und Reparaturökonomie für viel
Menschen nicht mehr bezahlbar ist. Unser Wirtschaftssystem zerstört diese
Arbeitsplätze.
Die in These 3 von Novy angesprochene Kreislauf- und Reparaturökonomie
wird daher nur möglich sein, wenn sich der Sozialstaat von der Alimentierung
durch die kapitalistische Wirtschaft durch Einführung eines Geldes, das nicht
durch Verschuldung aus Kreditaufnahme entsteht, löst. Denn dort, wo nicht
vorfabriziert werden muss, sondern Fertiges gegen Fertiges getauscht wird –
wie etwa Dienstleistungen -, genügt ein rechtsstaatlicher Werttitel als Tausch-
und Zählmittel, das von Haushalten direkt zu den Haushalten fließt. Geld, so
wie das von der EZB ins Spiel gebrachte Helikoptergeld, das aber nicht wieder
für Investitionen in die Untemehmen für die „Wertschöpfung“ verwendet wird,
sondern zum Austausch von Leistungen der Haushalte untereinander.

Es kann dabei bei beiden Geldarten ein und das selbe Geld sein, das aber
unterschiedlich entsteht. Das eine, das jetzt vorhandene Geld, das durch
Verschuldung durch Kreditaufnahme entsteht, und durch Entschuldung durch
Kredittilgung wieder verschwindet – und deshalb auch nicht umlaufen kann,
und das andere, das von einer staatsnahen Institution als Tausch- und
Zahlungsmittel für erbrachte Dienst- und Reparaturleistungen ausbezahlt wird
– und umläuft, da hier keine Schulden zu tilgen sind. Dieses zweite Geld kann
aber auch ein eigener Titel sein, so wie etwa der schon im Jahr 1999
vorgestellte Taxos.
Hinzugefügt sei noch, dass mit einem solchen Geld auch ein Grundeinkommen
finanziert werden könnte. Ich denke aber, dass unserer Gesellschaft der Bedarf
an menschlicher Arbeit bei allem technischen Rationalisierungsfortschritt nicht
ausgeht, sondern dieser Bedarf im sozialen Dienstleistungsbereich immer
weiter ansteigt. Die hier dann erbrachte Arbeitsleistung muss auch ihren Lohn
erhalten – und darf nicht allein vom guten Willen abhängig sein. Dies gilt in
ähnlicjher Form aber auch für anderer Dienstleistungen, wie die Reparatur von
Geräten und Einrichtungen kostengünstiger machen als die Neuanschaffung,
und so auch den Abfall reduzieren.
01/2020