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Graffiti

im

Allerheiligsten
eine leidenschaftliche Stellungnahme
zu den
neuesten Angriffen auf das Heiligtum und Ellen White

von

CLIFFORD GOLDSTEIN

-1-
Impressum

Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel


„Graffiti in the Holy of Holies“
Copyright der englischen Originalausgabe 2003
By Pacific Press Publishing Association
Printed in United States of America.

Copyright der deutschen Ausgabe by


Bernd Bangert
Goldener Rain1
69434 Heddesbach

Übersetzung: Hella Butzbach


Lektorat: Heinz Hopf

Die Bibeltexte wurden, falls nicht anders erwähnt, nach der deutschen Übersetzung von
Dr. Martin Luther, revidiert 1984, zitiert.

-2-
Graffiti
im Allerheiligsten
Inhaltsverzeichnis

Der dreibeinige Schemel 4


- Die Adventistenbibel 7
- Der springende Punkt bi der Sache 8

Der Splitter im Fuß 12

Antiochus Epiphanes 14
- Daniel 12 16
- Die (Kleine-Horn-)Zwickmühle 17
- Der „Splitter 23
- Ein Vergleich der Merkmale 24
- „Ein paar klare Bibelhinweise“ 27

Von der Antike bis zur Ewigkeit 29


- Das kleine Horn von Daniel 7 31
- Nicht namentlich erwähnt? 35
- Das kleine Horn und das Gericht 37
- Wer wird gerichtet 40
- Noch einmal Daniel 8 41

Schwächste Glieder? 46
- 1150 oder 2300? 50
- Gereinigt 52
- „In das Innere des Vorhangs“ 55
- 457 v. Chr. und was damit zusammenhängt 61
- Das Tag-/Jahr-Prinzip: Also noch einmal 65
- Schlussfolgerung 69

Das Evangelium und das Gericht 72


- Das Gericht in der Bibel 74
- Br. Dales Vor-Advent-Gericht 78
- Die frohe Botschaft vom Gericht 80
- Zusammenfassung der Thematik

Die Gabe der Weissagung 90


- Br. Dale und Ellen White 95
- Ellen White und William Miller 96
- Die geschlossene Tür 100
- Ellen White und das Evangelium 105
- Was noch übrig bleibt 108

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Kapitel 1

Der dreibeinige Schemel


i
In den späten 1980ern veröffentlichte Pacific Press mit dem Buch „1844 – leicht gemacht“, *1) den
verzweifelten Versuch eines neuen Adventisten (meine Wenigkeit), das Vor-Advent-Gericht zu verteidigen. Seit
dieser Zeit habe ich noch so viel gelernt, das meinen Glauben gestärkt hat; nicht nur darin, dass unsere Lehre
von dem seit 1844 bestehenden Vor-Advent-Gericht richtig, sondern auch sehr wichtig ist.

Viele Dinge haben mich auf das Thema gebracht; eines davon war, dass die Gegner der Lehre es nicht nur
versäumten mit irgendetwas Neuem herauszukommen, um ihr entgegenzutreten, ja, sie wollten sogar nicht
einmal unserer besten Verteidigung die Stirn bieten. Man sollte doch annehmen, dass sie nach so langer Zeit
etwas Originelles - etwas Neues - anführen, um gegen das vorzugehen, was sie so offen ablehnen. Doch alles
was sie tun ist, dieselben arthritischen Argumente gegen das seit 1844 bestehende Untersuchungsgericht
auszustoßen: Wie ist es mit dem Kontext-Problem von Daniel 8? Es gibt keinen Beweis für das Jahr-/Tag-Prinzip.
Es gibt keinen verbalen Zusammenhang zwischen Daniel 8 und 9. Antiochus Epiphanes ist das kleine Horn, …
usw. usw.

Natürlich behaupten sie, dass diese Ausführungen niemals beantwortet wurden. Ich widerspreche. In den
1980er und 1990er Jahren veröffentlichte die Gemeinschaft - unter Inanspruchnahme ihrer besten Theologen –
die Daniel- und Offenbarungs-Schriften (sieben Bände wissenschaftlicher Kapitel), die viele dieser
Herausforderungen behandelten. Soviel sie sich auch darüber lustig machten, haben ihre Kritiker den Inhalt
niemals ernsthaft widerlegt. Stattdessen wurde bloß mit pauschalen Verurteilungen der Schriftenreihe
weitergemacht.

Nehmen wir zum Beispiel das Jahr-/Tag-Prinzip, das eines der zitierten Feindbilder von denen ist, die 1844
abstreiten. Bei mehr als einem Anlass habe ich die altbekannte kritische Aussage gehört, dass „es nicht den
Funken eines Beweises für das Jahr-/Tag-Prinzip gibt“. Gut. Aber warum hat er niemals Stellung bezogen zu den
zwei Kapiteln in der Daniel- und Offenbarungsserie, in der das Jahr-/Tag-Prinzip verfochten wird, anstatt sich
darüber zu mokieren, wie er es getan hat? Wenn das Jahr-/Tag-Prinzip nicht biblisch wäre, warum deckt er das
nicht Punkt für Punkt auf, um seine Ansicht zu verteidigen, anstatt diese Lehre nur anzugreifen und sich über
die Bücher zu mokieren, die dafür sprechen? Ich habe nie gehört, dass er oder irgendein anderer das auch nur
versucht hat.

Es ist auch nicht nur das Jahr-/Tag-Prinzip allein. Ungeachtet des üblichen Schnaubens und Wütens gegen die
Serie, warum haben die Kritiker nicht Punkt für Punkt die Gegenargumente für ihre Antiochus-Epiphanes-
Interpretation von Daniel 8 vorgebracht? Warum brachten sie kein Gegenargument zum vermeintlichen
Kontext-Problem von Daniel 8 hervor? Oder über die aussagekräftigen Kapitel der heidnischen und päpstlichen
Aspekte des kleinen Horns? Oder ihre Widerrede gegen unsere Einstellung zum Hebräerbrief? Stimmgewaltig
wird die Antiochus-Interpretation von Daniel 8 bekräftigt, so dass man meinen könnte, dass sich letztlich eine
der Stimmen der Gemeinde entgegenstellt (oder es wenigstens versucht), um durch ein gutes Gegenargument
unsere Interpretation anzuzweifeln. Stattdessen gibt es nichts (wie bei den anderen Kapiteln auch), was mich
veranlassen könnte zu glauben, ihre Kritiken würden diese Dinge widerlegen; aber weil sie sie nicht widerlegen
können, herrscht darüber bloß Schweigen, was meinen Glauben an die Lehre von 1844 nur noch mehr
bestärkt.

Natürlich wird meine Überzeugung mehr von Gottes Wort selbst, als durch ihr Schweigen bestätigt. Während
einige dieser Leute zu entscheiden versuchen, welche Teile der Bibel richtig sind und welche nicht, hat mein
fortgesetztes Bibelstudium meinen Glauben an die Heiligtumsbotschaft von 1844 bestärkt. Besonders hilfreich
dabei waren mein größeres Verständnis des Evangeliums und meine Wertschätzung im Zusammenhang mit
dem Heiligtum und dem Gericht. Dies – zusammen mit weiteren Studien von Daniel, der Offenbarung und dem
Kreuz – hat meinen Glauben an das seit 1844 bestehende Untersuchungsgericht vertieft.

-4-
Über die Jahre lernte ich immer mehr, und mir kam der Gedanke, das, was ich gelernt hatte, zu aktualisieren
und in „1844 – leicht gemacht“ niederzuschreiben. Nach Jahren des Zögerns führte ich das aus, aber auch erst,
nachdem ich durch einiges andere dazu angespornt wurde.

Dazu angetrieben hat mich ein Buch mit dem Titel „The Cultic Doctrine of Seventh-day Adventists“ (Die
sektiererische Lehre der Siebenten-Tags-Adventisten) – abgekürzt CDSDA -, geschrieben und veröffentlicht von
Dale Ratzlaff, einem ehemaligen Adventisten-Prediger, der die Gemeinschaft 1981 verlassen hatte, weil er und
seine Frau – wie er schrieb – „ihren Austritt gut überlegt hatten.“*2) Br. Ratzlaff – in der vierten Generation
Adventist und in erstklassigen STA-Schulen bis hin zum Theologischen Seminar ausgebildet – betreibt jetzt die
Life Assurance Ministries (LAM), die gezielt Siebenten-Tags-Adventisten, forschende Adventisten, Sabbatarier
und besorgte Evangelikale aufsuchen.*3) LAM hat auch einen Verlagszweig, dessen Missionsstatement sich so
liest: „Über die ehemaligen Siebenten-Tags-Adventisten, forschenden Adventisten, Sabbatarier und besorgten
Evangelikalen Bücher zu schreiben, zu veröffentlichen, vorrätig zu halten und zu verkaufen. Unser Ziel ist es, für
die evangelikale Welt zum Fundort für korrekte Informationen über die Lehren und Praktiken der Adventisten
zu werden.“*4) Unter den Büchern, die LAM verkauft, sind Titel von Illuminaten wie Desmond Ford, Walter Rea,
Ron Numbers, Jerry Gladson und Br. Ratzlaff selbst (einschließlich „Der Sabbat in der Krise“, sein Versuch, die
adventistische Einstellung zum Sabbat als falsch hinzustellen). Obwohl ich nicht anfangen wollte über die
Herzen und Motive dieser Autoren zu richten und ungeachtet des Umgangstons bei den
Meinungsverschiedenheiten und des wissenschaftlichen Wertes dieser Werke (schließlich bin ich mit einigen
vertraut), muss ich doch konstatieren, dass alle eine Gemeinsamkeit teilen: Kritik an beiden, der STA-Gemeinde
und ihrer Leitung, an den adventistischen Lehren (insbesondere 1844) und natürlich am Wirken von Ellen
White.

„Graffiti im Allerheiligsten“ ist meine Reaktion auf das Buch „The Cultic Doctrine of Seventh-day Adventist“
(„Die sektiererischen Lehren der Siebenten-Tags-Adventisten“). Mein Interesse gilt hier nicht Br. Ratzlaff,
seinen Motiven, seiner Offenheit oder Integrität. Was ihn persönlich betrifft hoffe ich, dass diese Worte mein
Führer sein werden: „Richtet nicht!“ (Matthäus 7, 1) und auch diese, „wahre Christen hegen Liebe in ihren
Herzen und spiegeln das auch in ihrem Leben wider“; das sollten wir auch im bestmöglichen Sinne auf unsere
Brüder anwenden“*5). Die Wechselfälle der Zeit machten es mir ein bisschen leichter diesen Prinzipien zu
folgen, denn ich habe mit meinen eigenen hartnäckigen Charakterfehlern schon genug zu tun, und daher
tendiere ich nicht dazu, mich in Strafreden gegen die auszulassen, deren Herzen ich nicht kenne und deren
Schwächen, wie meine auch, in den Augen Gottes nicht verabscheuungswürdig sein mögen. Tatsächlich ist Br.
Ratzlaff (zugegebenermaßen) ein kleines Lob zu spenden, weil er einige Themen in einer freimütigen und sogar
erfrischenden Deutlichkeit angepackt hat. Im Gegensatz zu anderen - die fast unmerklich oder ganz
unverhohlen die Hauptlehren verdammen und dabei sogar noch behaupten Adventisten zu sein - hat Br.
Ratzlaff seine Schlussfolgerungen konsequent zu Ende gedacht. Zum Beispiel schreibt Br. Ratzlaff: „Die
Theologie der Siebenten-Tags-Adventisten - die Lehre von der Reinigung des himmlischen Heiligtums und dem
Untersuchungsgericht - wegzunehmen, würde die Inspiration und Kompetenz der Schriften von Ellen White
und die Integrität der ganzen Adventbewegung in Frage stellen.“*6)

Dem stimme ich durchaus zu. Und hätte ich das Gericht abgelehnt, wie er es getan hat, dann würde ich die
Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten auch verlassen haben, wie er es getan hat.

Allerdings finden diejenigen, die Bruder Ratzlaff weniger wohlwollend gesinnt sind, Gründe genug, um ihn zu
verurteilen.

Betrachtet einmal in CDSDA den Abschnitt ab Seite 43 bis 93. In diesen drei Kapiteln behauptet Br. Ratzlaff,
dass Ellen White die gesamte Theologie von William Miller ausdrücklich befürwortet hat, insbesondere seine
15 „Beweise“, die die Wiederkunft Jesu auf ein bestimmtes Datum in 1843 (revidiert auf 1844) festlegten.

Nun, vermutlich lehnst du (ebenso wie ich) 14 dieser Punkte ab, obwohl du glaubst (wie ich), dass einer - der
von Daniel 8, 14 abgeleitete - gültig ist. Dann ist da noch das Problem mit Ellen Whites Billigung der anderen
Punkte, weil, wie Br. Ratzlaff behauptet, sie Millers System und Botschaft pauschal anerkennt: „Wir können
sehen, dass Ellen White William Miller umfassend anerkennt. Es ist für unsere Studie sehr wichtig zu erkennen,
dass sie unmissverständlich erklärt, Miller ist in seinem System, seinen Schlussfolgerungen und in seiner
Botschaft von Gott geführt worden.“*7)

-5-
Er fährt weiter fort: „Die Grundlage der adventistischen Lehre beruht auf Ellen Whites umfassender
Bestätigung des Systems und der Botschaft von William Miller.“*8)
Und weiter: „In dem letzten Kapitel haben wir gesehen, dass Ellen White William Miller ihre vollumfängliche,
begeisterte Unterstützung gab. Sie erklärt mit ‚prophetischer Autorität’ unmissverständlich, dass Gott Miller
auserwählt und seinen Verstand zum Studieren der Schriften geführt und ihm so ein System zur
Bibelinterpretation gezeigt hat, das ihn von einer Schriftstelle zur anderen führte und er auf diese Weise eine
‚perfekte Kette der Wahrheit’ entdeckte.“*9)

Sofort nach diesem letzten Zitat kontrollierte Br. Ratzlaff Millers System und ermahnte seine Leser, „sich die
nötige Zeit zu nehmen, um sorgfältig jeden seiner (Millers) 15 Beweise zu lesen. Überprüfe seinen Gebrauch
der Schrift und seine hierdurch entstandenen Schlussfolgerungen. Ohne ein vollständiges Verstehen dieses
Kapitels wird es unmöglich sein, die Beweisführung und das Ergebnis dieses Buches zu begreifen. Viele der
eindeutigen Gesichtspunkte adventistischer Theologie, Interpretationen und des prophetischen Dienstes von
Ellen White schließt dieses Kapitel ein – oder aus - (Hervorhebung im Original).“*10)

Vermutlich wären die meisten Adventisten überrascht zu entdecken, dass „viele der eindeutigen Aspekte“
unserer Theologie und Interpretationen von Miller stammen sollen (oder jedenfalls 14 davon). Ich denke, dass
99,9% unserer Glieder noch nie etwas davon gehört haben, und sicherlich auch nicht als Beweis für 1844 ernst
nehmen würden, selbst wenn sie es geglaubt hätten (wahrscheinlich hatte William Miller sich verrannt,
nachdem er einen stichhaltigen Beweis in Daniel gefunden hatte).

Dennoch ist das der entscheidende Punkt von Br. Ratzlaffs Provokation: Ellen White hat die Methodik Millers
vollumfänglich gebilligt, die die 15 Beweise für 1843 (1844) enthielten. Deshalb kann Ellen White auch
schwerlich eine Prophetin sein, denn welcher Prophet könnte solch einen himmelschreienden Irrtum
befürworten?

„Es steht für die Adventisten viel auf dem Spiel.“ schreibt Br. Dale. „Wenn Miller irrte, dann irrte Ellen White
ebenso.“*11)

Das ist richtig, außer einer Sache: Nachdem er drei Kapitel dafür aufwandte, um den Beweis anzutreten, dass
Ellen White keine Prophetin sein kann, weil sie ja Millers Methodik und Beweise gutgeheißen hat, schreibt
unser lieber Bruder in einer Fußnote am Ende der letzten Seite des dritten Kapitels: „Es ist nicht eindeutig klar,
ob Ellen White alle von Millers 15 Beweisen befürwortete.“*12)

Jetzt kann sein, dass mir hier etwas entgangen ist; aber verrät diese Fußnote nicht, dass es eben nicht eindeutig
klar ist, ob Ellen White alle 15 Beweise von Miller billigte? Und war nicht der ganze Zweck der vorherigen 50
Seiten – 30 oder mehr Seiten davon wurden allerdings darauf verwendet, um Millers 15 Beweise zu kritisieren
(Beweise, angesichts derer die Leser ermahnt werden, sie sorgfältig zu studieren, weil ohne ihr Verständnis, „es
unmöglich sein wird, die Argumente und Rückschlüsse dieses Buches zu begreifen“) – aufzuzeigen, dass Ellen
White vollumfänglich den 15 „Beweisen“ von Miller beigepflichtet und damit den Beweis geliefert hat, dass sie
eine falsche Prophetin ist? Und trotzdem erklärt er offen, dass er nicht sicher weiß, ob sie allen „Beweisen“
beipflichtete? Kann es daher sein, dass ihre „umfassende“ Bestätigung am Ende doch nicht so „umfassend“
war?

Wie konnte Br. Ratzlaff in seinem Buch einen so ungeheuerlichen Widerspruch zulassen? Vielleicht hatte er
keinen aufgeweckten Lektor. Vielleicht – wie es auch mir oft passierte – ist man in dem, was man schreibt, so
eingebunden, dass man einige Ungereimtheiten darin einfach übersiehst (bis zu dem Tag, an dem man es
gedruckt sieht). Oder könnte sich vielleicht Br. Ratzlaffs Gewissen geregt haben, als er erkannte, dass seine
Sache doch nicht so überzeugend ist, was ihn dann dazu bewegte, die Wahrheit doch noch zum Ausdruck zu
bringen, wenn auch nur in Form einer Fußnote.

-6-
Die Adventistenbibel

Es gibt noch einen weiteren Grund, weswegen jemand Br. Ratzlaff scharf verurteilen könnte, wenn er es wollte.
In einem Kapitel mit dem Titel „Tampering with the Word“ (Fälschung des Wortes)*13) schreibt er: „Einige
Sekten, wie beispielsweise die Mormonen und die Jehovas Zeugen, haben ihre eigenen Bibeln, von denen sie
behaupten, dass sie genauer sind als andere Bibeln“.*14) Dann stellt er in diesem Kontext – nämlich in einem
Atemzug mit den Bibeln der Mormonen und der Zeugen Jehovas – fest, dass die Freikirche der Siebenten-Tags-
Adventisten auch zwei neue Bibeln herausgebracht hat“*15), die - ebenso wie die der Mormonen und Zeugen
Jehovas - das Wort verfälschen, um unsere Lehren zu stützen.

Auf welche Bibeln bezieht er sich, die zeigen, dass wir Gottes Wort fälschen?

Zunächst einmal auf das Buch „The Clear Word“ (Das reine Wort).[*]
[*Anmerkung der Übersetzerin zur Erklärung für die deutschen Leser: „The clear Word“ wurde 1994
ursprünglich als „The Word Bible“ (Das Bibelwort) zur Erweiterung der Bibelklarheit als eine fromme
Umschreibung der Bibel von Jack Blanco, einem ehemaligen Vorsteher der Southern Adventist University, als
persönliches Andachtsbuch und zusätzliches Studienwerkzeug geschrieben, das an der Seite der Bibel benutzt
werden konnte. Es wurde in kircheneigenen Buchläden verkauft, obwohl „The clear Word“ von den
Adventisten weder befürwortet noch empfohlen worden ist.]

Das reine Wort? Wenn eine gemeinschaftseigene (im Gegensatz zu einer öffentlichen) Druckerei eine
Paraphrase der Bibel (eine Umschreibung der Bibel mit anderen Worten) nur druckt (im Gegensatz zu
„verlegt“), hat dann diese Kirchengemeinschaft ihre eigene Bibel, genauso wie die Jehovas Zeugen mit ihrer
„Neuen-Welt-Übersetzung“? (Penguin Books druckt den Koran. Ist diese Firma deshalb jetzt muslimisch?) Jeder,
der die Siebenten-Tags-Adventisten auch nur ein bisschen kennt, weiß auch, wie unfair und falsch diese
Behauptung ist, dass „The Clear Word“ irgendeine offizielle Bibelversion der Adventisten ist.

Ich lese eine Menge Druckwerke, die durch unsere Kirche veröffentlicht werden; selten, wenn überhaupt, finde
ich „The Clear Word“ zitiert, und in den wenigen Fällen, die ich bemerkte, wurde jeweils ausdrücklich darauf
hingewiesen, dass es sich hier um eine Umschreibung handelt. Ich redigiere und bearbeite die vierteljährlichen
Studienanleitungen der Sabbatschule für Erwachsene. Sie stellen die offizielle konfessionelle
Lehrveröffentlichung für die weltweite STA-Kirche dar. Der Herausgeber ist die Generalkonferenz der
Siebenten-Tags-Adventisten. In all den Jahren, in denen ich diesen Job verrichte, hat noch niemals jemand auch
nur einmal in seinem Manuskript „The Clear Word“ zitiert. Und wenn das jemand getan hätte, hätte ich es
gefunden und herausgenommen, genauso wie ich es mit jeder anderen umschreibenden Übersetzung tun
würde. Und jetzt ist lt. Br. Ratzlaff „The Clear Word“ der Beweis, dass wir uns „an dem Wort zu schaffen
machen“, um unsere Lehre zu stützen.

Ich vermute mal, dass die meisten Adventisten das Buch The Clear Word wahrscheinlich gar nicht besitzen (ich
habe es nicht und werde es voraussichtlich auch niemals haben, allein schon deswegen, weil ich
Umschreibungen immer abgelehnt habe, sogar solche, die offensichtlich die Richtung der Interpretation
wiedergeben, die ich gutheißen kann). Und die Adventisten, die „The Clear Word“ besitzen, verstehen es als
eine mit anderen Worten ausgedrückte Umschreibung, als die Interpretation einer Person dessen, was die
Bibel sagt. Sie wissen, dass es keine Studienbibel ist, kein Werk, in dem man Glaubenslehren lernen kann; und
es ist schon gar nicht die „Adventistenbibel“, wie „The Message“ (Die Botschaft) – verfasst von Eugen Peterson
– die die „Presbyterianer-Bibel“ ist.

Schon auf dem Einband von The Clear Word wird ausdrücklich erklärt, dass es sich um eine Interpretation der
Schrift handelt. Der Autor beginnt sein Vorwort so: „Dies ist keine neue Übersetzung, sondern eine
Interpretation der Schriften. Sie ist nicht für ein tiefgründiges Studium oder für öffentliche Vorlesungen in der
Kirche gedacht“.*16)

Sie ist auch nicht von einem Verlagshaus der Adventisten herausgegeben worden. Der Autor Dr. Jack Blanco
besitzt die Rechte des Verlegers. Die Druckerei von Review and Herald druckt und vertreibt es nur; das Buch ist
noch nicht einmal eine Veröffentlichung von Review and Herald. Als es zuerst herauskam, hieß es The Clear
Word Bible (Das reine Bibelwort); um eventuelle Missverständnisse jedoch zu vermeiden, wurde bei späteren

-7-
Auflagen der Titel in The Clear Word geändert – eine Maßnahme, die schwerlich ein Zeichen ist für die, die
behaupten, dass die Siebenten-Tags-Adventisten ihre eigene Bibelversion haben.

Das andere Beispiel, das Br. Ratzlaff als „Fälschung des Wortes“ von den Adventisten zitiert, ist The Study Bible
(Die Studienbibel).

Die was für eine Bibel? Ich kann mir vorstellen, dass die meisten Adventisten niemals davon gehört haben. Ich
jedenfalls nicht – zumindest nicht, bis Br. Dale in seinem Buch schrieb, dass das eine weitere Adventistenbibel
ist.

Was ist nun diese „Studienbibel“? Eine sich selbsttragende Schule druckte die King-James-Version mit
Kommentaren von Ellen White am Rande, etwa so, wie die Scofield-Reference-Bibel. Allerdings wurde die
„Studienbibel“ wie auch „Das reine Wort“ von Review and Herald nur gedruckt und nicht verlegt. Tatsache ist,
als die Schule mit dieser Idee zunächst an das E.G.White Estate (die Ellen-Gould-White-Stiftung) herantrat,
beschloss der Vorstand der Stiftung einstimmig, dem Projekt nicht zuzustimmen, weil es „Kritikern
offensichtlich Vorschub leisten könnte, die behaupten, dass wir Ellen Whites Schriften als eine zusätzliche Bibel
akzeptieren“. Nachdem die Schule das Buch aber trotzdem veröffentlichte, gab die Ellen-White-Stiftung
folgende Stellungnahme:

„Die Tatsache, dass diese „Studienbibel“ der Forschungszentrale zur Verfügung gestellt wurde, sollte nicht
als eine Empfehlung weder dieser Veröffentlichung, noch aller anderen Schriften von Ellen White
betrachtet werden, sie als Ergänzung oder anstelle der Bibel gelten zu lassen. Obwohl wir glauben, dass
Ellen White von demselben Geist wie die Bibelschreiber inspiriert wurde, glauben wir auch, dass der
Kanon der Heiligen Schrift abgeschlossen ist und dass man Frau White und der Kirche einen schlechten
Dienst erweisen würde, wollte man den Unterschied zwischen ihren Büchern und denen der Bibel
verwischen. Jede Herausgabe, wie gutgläubig sie auch konzipiert und produziert worden sein mag, die den
Anschein erwecken könnte, dass die Kirche das Schrifttum von Frau White als Teil des Kanons betrachtet,
setzt die Kirche dem Vorwurf aus, eine Sekte zu sein.“*18)

Aus irgendeinem Grund hat Br. Ratzlaff diese Anmerkung in seinem Buch nicht zitiert. Andererseits gehörte er
seit 1981 nicht mehr der Adventistenkirche an. So war er wohl ahnungslos und wusste nichts davon. Seine
Wissenslücke hierüber ist daher verständlich. Aber, da Life Assurance Ministries „eine fehlerfreie und präzise
Informationenquelle über Lehre und Gebräuche der Adventisten“ (Hervorhebung hinzugefügt) sein will, verrät
dieser Lapsus bestenfalls eine sehr schlampige Recherche.

Der springende Punkt bei der Sache

Natürlich ist Br. Ratzlaffs Bezichtigung der Adventisten sie würden „das Wort verfälschen“ nicht sein
eigentlicher Kernpunkt. Sein Hauptvorwurf, wie er in The Cultic Doctrine of Seven-Day-Adventist (Die
sektiererische Lehre der STA) erhoben wird, kann in einem Satz gesagt werden: Die Lehre des
Untersuchungsgerichts ist nicht biblisch und daher ist Ellen White, die diese Lehre fördert eine falsche Prophetin.
In diesen 19 einfachen Worten liegt sein Angriff. Und hier liegt nun in deinen Händen meine Stellungnahme.

Nur wer die Struktur seines Angriffs versteht, kann meine Reaktion darauf verstehen. Zum Beispiel verwendet
Br. Ratzlaff die ersten 8 Kapitel seines Buches dazu, warum er glaubt, dass Ellen White keine Prophetin war; der
Rest von CDSDA handelt vom Untersuchungsgericht. Um es einfach zu machen, werde ich in meiner Antwort
diese Reihenfolge umkehren, denn wenn das Untersuchungsgericht nicht biblisch ist, dann ist das Thema Ellen
White irrelevant. Wenn man das Gericht widerlegen kann, warum soll man sich dann noch mit ihr abgeben?
Um einen Vergleich heranzuziehen: Wenn man die Existenz Gottes widerlegen kann, warum soll man sich dann
noch bemühen die Gerechtigkeit allein durch den Glauben zu entkräften?

Ich kann es akzeptieren, dass Ellen White gerade als Prophetin sowohl in ihrem Leben als auch in ihren
Schriften fehlbar war. Meiner Meinung nach wird ihr prophetischer Dienst nicht dadurch
geschmälert, dass sie Fehler gemacht hat, dass sie in ihrem Verstehen von Lehre und Theologie gewachsen ist,
dass sie ihre Meinung über dogmatische und theologische Fragen geändert hat und dass sie sogar einmal eine
falsche Ansicht über den Sabbat oder über das Gesetz im Galaterbrief hatte oder dass sie einige ihrer eigenen

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Visionen nicht vollständig verstand. Ich kann verstehen, dass ihre Menschlichkeit in ihre Arbeit und ihren
Dienst mit eingeflossen ist (sag mir, dass das bei den Aussagen von Mose, Johannes dem Täufer oder Petrus
nicht mit eingeflossen ist). Inspiration bedeutet nicht automatisch Unfehlbarkeit. Was ich allerdings nicht
akzeptieren kann, ist, wenn sie angesichts der Wichtigkeit, die sie der Lehre vom Vor-Advent-Gericht beimaß,
als Prophetin darin irren würde. Möglicherweise können das andere; ich nicht. Glücklicherweise muss ich das
auch nicht.

Das Problem ist nämlich nicht Ellen White, obwohl Br. Dale es so hinzustellen versucht; die Problematik liegt
am Untersuchungsgericht. Wenn dies Gericht falsch ist, dann liegt sie auch falsch; wenn sie darin irrt, könnte
ihr prophetisches Wirken ernsthaft in Zweifel gezogen werden. Andererseits, ist das Gericht biblisch – auch
wenn das kaum ihre prophetische Gabe beweist – dann offenbart das den eigentlichen Kernpunkt der Angriffe
von Br. Dale auf ihr prophetisches Wirken.

Aus diesem Grund beginne ich nicht mit Ellen White, sondern mit dem Gericht. Wenn Br. Ratzlaff recht hat und
die Lehre nicht biblisch ist, dann besteht keine Notwendigkeit mehr, mit ihr weiterzumachen, weil sie auch
nicht biblisch sein kann.

Als Siebenten-Tags-Adventisten sitzen wir nicht auf einem dreibeinigen Schemel (oder zumindest sollten wir
das lieber nicht), wovon einer dieser Beine Ellen White ist. Unser Fundament muss tief verankert sein in der
Bibel, und nur in der Bibel allein. Ich war erstaunt und es schmerzt mich, wenn ich Menschen sehe, die fast ihre
ganze christliche Erfahrung verloren, weil ihr Glaube an ihrem Dienst erschüttert wurde, meist aufgrund von
verkehrten Annahmen, was Inspiration bedeutet.

Daher behandeln wir zuerst die Frage nach dem Gericht und Br. Ratzlaffs Kritik daran. Anschließend betrachten
wir seine Angriffe auf Ellen White.

Egal was er auch in seinem Buch erwähnt haben mag, Br. Ratzlaff ist nicht das Problem. Es sind die Ideen, nicht
die Personen, die hinter diesen Konzepten stehen. In Wirklichkeit ist unser Bruder vielmehr ein Opfer seiner,
wenn auch unbeabsichtigten, Fehler geworden; so wie auch die meisten in unserer Gemeinde bis zu einem
gewissen Grad auch schon Opfer wurden, ob uns das nun bewusst ist oder nicht. Im Laufe der Zeit werden
mehr Dale Ratzlaffs kommen und gehen und dieselben Anklagen vorbringen, genauso wie mehr Clifford
Goldsteins kommen und gehen werden, die vor diesen Anklagen schützen wollen. Wir suchen nämlich nach
etwas, was das menschliche Dasein übersteigt – zumindest das eines einzelnen Menschen – und das sind
schlicht biblische Wahrheiten, die aufgrund ihrer Natur existieren, unabhängig davon, wie jemand zu ihnen
steht.

Obwohl ich Br. Ratzlaffs Buch als Grundlage für meine Stellungnahme nehme, geht die Thematik noch weit
darüber hinaus. Obwohl in „1844 – leicht gemacht“ schon im Wesentlichen auf Br. Ratzlaffs Angriffe konkret
eingegangen worden ist, sagte ich in den einleitenden Seiten, dass ich in diesem Buch „Graffiti im
Allerheiligsten“ noch weiterreichende Gedanken erörtern werde, als es das ursprüngliche Buch verlangt hat.
Selbst wenn CDSDA nicht geschrieben worden wäre, hätte dieses Material vorgelegt werden müssen, weil sie
das Herz und die Seele unseres Adventistseins betreffen. Zu schade, dass diese Verteidigung im
Zusammenhang mit CDSDA gemacht werden muss, aber „wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge
zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind“ (Römer 8, 28). Ich hoffe und bete, dass
durch Graffiti im Allerheiligsten der Beweis der biblischen Prinzipien klar erbracht wird.

-9-
* 1) Goldstein, Clifford. 1844 Made Simple (Pacific Press, Nampa)
* 2) Ratzlaff Dale. The Cultic Doctrine of Seventh-day Adventists (Life Assurance Ministries; Glendale, Arizona) 1996,
S. 13
* 3) Entnommen aus www.LifeAssuranceMinistries.com (26. Januar 2001)
* 4) Ebd. (26. Januar 2001)
* 5) Ellen White. Review and Herald, 15. April 1880, par. 12
* 6) CDSDA S. 20
* 7) Ebd., S. 49
* 8) Ebd., S. 43
* 9) Ebd., S. 52
*10) Ebd., S. 54 (Ratzlaffs kursiv)
*11) Ebd., S. 52
*12) Ebd., S. 93, S. 28
*13) Ebd., S. 303
*14) Ebd., S. 303, 304
*15) Ebd., S. 304
*16) Jack Blanco, The Clear Word 1994 Jack J. Blanco, gedruckt und vertrieben durch Review and Herald
Publishing Association, Hagerstown, MD, p. vii
*17) Ellen G. White Estate Board. Minutes (30. September 1990)
*18) Ellen G. White Estate Board of Trustees, September 1998

- 10 -
Kapitel 2

Der Splitter im Fuß


In The Cultic Doctrine of Seventh-day Adventists (CDSDA) nennt Dale Ratzlaff das Untersuchungsgericht einen
„Splitter im Fuß“ des Adventismus. Allerdings stimme ich mit ihm darin überein, „dass die Lehre von der
Reinigung des himmlischen Heiligtums und dem Untersuchungsgericht tatsächlich ‚das Fundament und eine
der Hauptsäulen des Adventismus ist“*1); denn wenn diese Lehre falsch ist, ist sie nicht nur ein Splitter im Fuß,
sondern ein Dolch im Herzen.

Bevor wir aber „tot umfallen“, muss erst ein faszinierender Bestandteil von CDSDA angesprochen werden.

„Die Reinigung des himmlischen Heiligtums und das Untersuchungsgericht“ schreibt Br. Dale dort nämlich, „ist
als eine ständig beibehaltene Glaubenslehre das Vermächtnis von Ellen White und niemand anderem“
(Hervorhebung von ihm).*2) Man könnte über diesen Vorwurf debattieren, ich habe aber vielmehr vor, ihn zu
widerlegen.

Und noch einmal (ich kann es nicht genug betonen): Elle White ist nicht das Schlüsselproblem; dass sie so
hingestellt wird, sagt vielmehr etwas darüber aus, wie mangelhaft unsere Freikirche ihren Dienst und die Lehre
vom Untersuchungsgericht dargestellt hat (mehr dazu später). Die einzige Frage ist die: Kann das
Untersuchungsgericht durch die Schrift selbst bewiesen werden? Wenn das beantwortet werden kann, ist alles
andere auch klar.

Das Buch unseres Bruders gibt vor, ein Schlag gegen die Lehre des Untersuchungsgerichts zu sein. Das ist es
auch. Das Werk, umfasst rund 380 Seiten, hat aber nur ein kurzes Kapitel von gerade mal 15 Seiten, das
speziell von der biblischen Lehre des Vor-Advent-Gerichts selbst handelt. Obwohl Bruder Ratzlaff hier und da
Aspekte aus „biblischer“ Sicht in seinem ganzen Band berührt, handelt doch das meiste in seine Buch von Ellen
White, William Miller, die „geschlossene Tür“, „Das reine Wort“ usw. Ein Buch, das behauptet aufzuzeigen,
weshalb die Lehre des Vor-Advent-Gerichts nicht biblisch ist, hätte sich idealerweise stärker auf diese spezielle
biblische Lehre konzentrieren sollen. Allerdings ist das nicht der Kerninhalt in CDSDA.

Warum? Darüber kann man nur Mutmaßungen anstellen. Es steht jedoch außer Frage, dass diese
Unverhältnismäßigkeit des bearbeiteten Stoffes teilweise von dem Missverständnis herrührt – das auch unter
vielen Gliedern der Adventgemeinde verbreitet ist -, dass die Lehre „das Vermächtnis von Ellen White und von
niemand anderem ist“. Somit ist es leichter und sicherer, sich mit fehlbaren Menschen und Instanzen, wie Ellen
White, William Miller und der adventistischen Kirche, auseinanderzusetzen, als mit den biblischen Texten
selbst. Aus welchem Grund auch immer er versucht, die Lehre selbst gezielt aus der Bibel zu widerlegen, steht
in seinem 10. Kapitel: „Eine kaputte Kette“.*3)

Vieles in meiner Stellungnahme zu dem Buch dieses Bruders wird sich stark auf dieses Kapitel konzentrieren,
weil es eine Schlüsselrolle spielt. Wenn ich seine Gründe hier nicht zerreißen kann, ist es sinnlos, mich mit Ellen
White, mit der „geschlossenen Tür“ und dem Rest abzumühen. Wenn ich andererseits den Fall hier zur
Entscheidung bringen kann, ist der Rest „erledigt“ (oder sollte es sein).

Ein weiterer Punkt, den ich schon im ersten Kapitel streifte, muss auch noch angesprochen werden. Es wurde
eine unheimliche Menge wissenschaftlicher Arbeit in die Beantwortung der hervorgebrachten Argumente
gegen das Vor-Advent-Gericht investiert, das meiste davon allerdings erst, nachdem unser Bruder die
Freikirche schon verlassen hatte. So kann man ihm zugutehalten, von diesen Forschungsergebnissen nichts
gewusst zu haben. Der Anhang von CDSDA beinhaltet jedoch eine „ausgewählte Bibliografie“, die die meisten
dieser Werke auflistet; u. a. auch die aus gut 2000 Seiten bestehenden sieben Bände einer Serie, die der Daniel-
und Offenbarungsausschuss verfasste und die von dutzenden unserer besten Theologen geschrieben wurden.
Sie behandeln entweder direkt oder indirekt jene üblichen Punkte der Ablehnung des Untersuchungsgerichts,
wie sie auch unser Bruder in CDSDA darlegte. Bruder Ratzlaff wusste also von den Büchern und bis jetzt – aus
welchen Gründen auch immer – hat er es vorgezogen, die darin aufgeführten Beweisgründe zu ignorieren;
Argumente, die (das behaupte ich) seine Thesen bezüglich des Vor-Advent-Gerichts widerlegen würden. Wenn

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er sich mit einigen dieser Bücher beschäftigt hätte, oder zumindest mit den Abschnitten, die seine Vorwürfe
behandeln, und dann versucht hätte, sie Punkt für Punkt zu entkräften (wie ich das tun will), dann wäre diese
Vorgehensweise letztendlich glaubhafter, als seine Einwände gegen das Untersuchungsgericht einfach
aufzulisten - wie auf einer Schnur aufgereiht -, während er die besten Gegenargumente ignoriert.

Obwohl er das Material unbeachtet lässt, schreibt Bruder Dale, dass „ein paar klare Bibelhinweise mehr als
genug sind, ohne den Schatten eines Zweifels aufzuzeigen, dass die Lehre von dem Untersuchungsgericht und
der Reinigung des himmlischen Heiligtums nicht durch die Schrift untermauert wird und ihr sogar in fast jedem
Punkt widerspricht.“*5) Das ist eine kühne Behauptung, eine, die jeder aufrichtige Adventist genau
untersuchen sollte.

Daher werden einige der nächsten Kapitel diese „paar klare Bibelhinweise“, die „ohne den Schatten eines
Zweifels“ sein sollen, überprüfen; nicht nur, ob das Vor-Advent-Gericht falsch ist, sondern, ob es „in fast jedem
Punkt“ im Gegensatz zur Schrift steht. Wenn diese Texte das aussagen, was unser Bruder behauptet, wären sie
nicht nur ein Splitter im Fuß, sondern – wie gesagt – ein Dolch im Herzen.

*1) CDSDA, S. 265


*2) Ebd., S. 19
*3) Ebd., S. 165
*4) Ebd., Anhang D , S. 377-383
*5) Ebd., S. 165, 167

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Kapitel 3

Antiochus Epiphanes
Jeder Angriff auf die Prophezeiung von den 2.300 Tagen sollte sich auf den dahinter stehenden Schlüsseltext in
Daniel 8, 14 konzentrieren: „Und er sagte zu mir: ‚Bis 2.300 Abende und Morgen vergangen sind, dann wird das
Heiligtum wieder gereinigt werden’“ (King-James-Version). Das ist genau das, was Bruder Dale tut – er
attackiert uns mit diesem Text. Wenn er damit Erfolg hat und beweisen kann, dass wir das falsch ausgelegt
haben, sind wir „verraten und verkauft“.

Daher wollen wir nun Daniel 8, 14 und unsere Interpretation dazu betrachten und dann seinen Angriff auf diese
Interpretation überprüfen. Nur so können wir den Wert seiner Anklagen beurteilen.

Zunächst also Daniel 8 (dieses Kapitel enthält die angefochtenen Verse); es besteht aus zwei Teilen – einer
Vision und dann einer (jedenfalls teilweisen) Deutung dieser Vision. Die ersten 14 Verse (die Vision von den
2.300 Tagen) beschreiben die Vision an sich und enden mit Dan 8,14, der Vision über die 2.300 Tage; die Verse
15-27 behandeln die Deutung dieser Vision. Viele Bibeln unterteilen dieses Kapitel in zwei Abschnitte mit
einem Absatz zwischen den Versen 14 und 15, wobei der zweite Teil oft mit einem Untertitel versehen ist. Das
ist eine Aufteilung, die im Hebräischen nicht erscheint.

Nachdem Daniel diese Vision empfangen hatte, verstand er sie nicht (Daniel 8, 15). Dann hört er eine Stimme,
die zu Gabriel sagt: „Lege diesem Menschen das Gesicht aus, damit er es versteht“ (Vers 16). Mit anderen
Worten: Jemand (vermutlich der Herr – denn wer sonst hätte Gabriel dorthin befehlen können?) sagt Gabriel,
dass er Daniel das verständlich machen soll, was er gerade gesehen hat. Dem gehorchend tritt Gabriel nahe an
Daniel heran und sagt: „Merke auf, du Menschenkind! Denn diese Vision ist für die Zeit des Endes“ (Vers 17).
„Siehe, ich will dir kundtun, wie es gehen wird in der letzten Zeit des Zorns; denn auf die festgesetzte Zeit des
Endes geht diese Vision (Vers 19). Abschließend waren Gabriels letzte erklärende Worte zu Daniel: „Dieses
Gesicht von den Abenden und Morgen, das dir hiermit kundgetan ist, das ist wahr; aber du sollst das Gesicht
geheim halten, denn es ist noch eine lange Zeit bis dahin (Vers 26, Hervorhebungen vom Autor).

Ohne die Vision oder ihre Interpretation näher zu betrachten, können wir feststellen, dass es sich hierbei um
eine Periode handelt, die Gabriel „das Ende“, „die Zeit des Endes“ oder „das letzte Ende“ nennt. Was bedeutet
das? Als Gabriel 6 Jahrhunderte vor Christus zu Daniel sprach und ihm von „der Zeit des Endes“ oder über „das
letzte Ende“ erzählte, worauf nahm er dann Bezug? Meint „das Ende“ das, was wir Adventisten – die wir
Tausende von Jahren, nachdem Daniel 8 geschrieben wurde, leben – unter „dem Ende“ verstehen? Sind wir
überhaupt berechtigt, unsere Ansicht über eine Zeit, über die schon so lange vorher geschrieben wurde,
eigenmächtig festzulegen?

Natürlich nicht; und schon gar nicht eigenmächtig. Stattdessen gibt uns das Buch Daniel selbst einige
überzeugende Indizien, die uns helfen, die Bedeutung dieser Sätze in ihrem jeweiligen Kontext zu verstehen.
Erst dann können wir besser begreifen, was sie bedeuten und ob diese Bedeutung sich mit unserem
Verständnis von „dem Ende“ deckt.

Daniel Kapitel 2, 7 und 8

Daniel 8 weist viele Parallelen zu Daniel 2 und Daniel 7 auf. Ganz anders verhält es sich mit den Kapiteln Daniel
1 und Daniel 3 bis 6. Sie setzen sich zusammen aus den Berichten spezieller Ereignisse in einem örtlichen,
regionalen Kontext: Daniel und die drei Hebräer weigern sich, die Speise des Königs zu essen; Nebukadnezars
goldenes Standbild; wie der König seinen Verstand verliert; Belsazars Fest; Daniel in der Löwengrube. Daniel 2,
7 und 8 behandeln aber viel umfassendere Themen und erstrecken sich über eine viel größere Zeitspanne, als
bloß die Schwächen und Erfolge einer Handvoll Leute aufzuzählen, die Gefangene und Könige des antiken
Babylons und Medo-Persien sind.

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Im Gegensatz zu den erzählenden Kapiteln bestehen die Kapitel 2, 7 und 8 jeweils aus zwei wesentlichen Teilen:
Einem Traum (Daniel 2 und 7) oder einer Vision (Daniel 8), und dann einer Deutung eben dieses Traums oder
der Vision, die den Aufstieg und Fall verschiedener Königreiche aufzeigt, und damit weit über die
Kommunalpolitik jener Zeit hinausreicht, in der die Vision oder der Traum empfangen wurde. Daher stehen
diese drei Kapitel durch die Ähnlichkeit, ihrer Struktur, Thematik und ihrem Kontext nicht nur außerhalb der
anderen früheren Kapitel, sondern sie stehen auch miteinander in engem Zusammenhang.*1) Indem wir alle
drei Kapitel betrachten, erfahren wir mehr über jedes Einzelne.

Durch direkte Erleuchtung vom Himmel deutet Daniel zum Beispiel in Kapitel 2 den Traum des Königs (Daniel 2,
19-23). Entsprechend dem, was ihm der Herr gesagt hat, berichtet Daniel über die Weltgeschichte; er fängt an
mit Babylon selbst (Daniel 2, 38) und schließt ab mit dem Ende der Welt, bzw. wie die Welt neu errichtet wird.

Woher wir das wissen? Nach der Beschreibung des Untergangs des vierten und letzten Königreichs, das noch
vor dem Ende in kleine unbedeutende Reiche zerfällt (Daniel 2, 40-44), beendet Daniel seine Traumdeutung
mit diesen Worten:

„Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört
wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und
zerstören; aber es selbst wird ewig bleiben, wie du ja gesehen hast, dass ein Stein ohne Zutun von
Menschenhänden vom Berg herunterkam, der Eisen, Kupfer, Ton, Silber und Gold zermalmte. So hat der
große Gott dem König kundgetan, was dereinst geschehen wird. Der Traum ist zuverlässig und die
Deutung ist richtig“ (Daniel 2, 44-45).

Was hat hier der Herr dem Daniel gezeigt? (Zur Erinnerung: Daniel erzählte einfach das, was Gott ihm in einer
„Nachtvision“ gezeigt hatte.) Wann endet die Abfolge der Ereignisse, die geschildert wurden?

In dem Traum selbst sah der König nur eine Statue, deren Kopf aus Gold, die Brust und Arme aus Silber, ihr
Bauch und ihre Oberschenkel aus Kupfer, die Beine aus Eisen und die Füße aus Eisen und Ton waren (Daniel 2,
31-33). Das stellt natürlich verschiedene Weltreiche (Daniel 2, 38-40) in der chronologischen Reihenfolge ihres
Erscheinens dar. Und was passiert danach?

„Das sahst du, bis ein Stein herunterkam ohne Zutun von Menschenhänden; der traf das Standbild an
seinen Füßen, die von Eisen und Ton waren und zermalmte sie. Da wurden miteinander zermalmt Eisen,
Ton, Kupfer, Silber und Gold und wurden wie Spreu auf der Sommertenne, und der Wind verwehte sie,
dass man sie nirgends mehr finden konnte. Der Stein aber, der das Standbild zerschlug, wurde zu einem
großen Berg, so dass er die ganze Welt füllte. Das ist der Traum (Daniel 2, 34-36).

Mit anderen Worten: Was Daniel in den Versen 44-46 über den Gott des Himmels sagte, der ein ewiges
Königreich aufrichtet, das alle vorherigen zerbrechen und zerstören wird, ist die Deutung der Verse (34-36), die
von dem Stein handeln, der „ohne Zutun von Menschenhand“ alle vorherigen Königreiche zerschlägt, bis „man
sie nirgends mehr finden konnte“ (Daniel 2, 35).

Daniel 2 beginnt mit der Herrschaft des Reiches Babylon und erstreckt sich über einen Zeitrahmen, der
irgendwann in der Zukunft unserer Tage (ganz zu schweigen von den Tagen Daniels) endet und schließt auch
noch die Aufrichtung eines ewigen Reiches durch Gott selbst mit ein.

In Daniel 2, 45 sagt der Prophet dem König: „So hat der große Gott dich wissen lassen, was hiernach
geschehen wird“ (Daniel 2, 45 KJV). Die NAS (New American Standard Bible) übersetzt diesen Text mit „was in
Zukunft geschehen wird“. Das aramäische Wort acharay „hiernach“ oder „zukünftig“ wird aus derselben
Wurzel wie achr hergeleitet und in Kapitel 8, 19 mit „das letzte Ende“ aus dem Hebräischen übersetzt. Beide
Kapitel, Daniel 2 und auch Daniel 8, haben also mit diesem achr zu tun und Daniel 2 liefert den Beweis dafür,
dass achr das Ende (zumindest in diesem Kapitel) der Welt beinhaltet, so wie wir Siebenten-Tags-Adventisten
das verstehen: nämlich die Zerstörung aller irdischen Königreiche nach Jesu Wiederkunft.

Die Parallele zu Daniel 2 ist Daniel 7: ein weiteres Kapitel, das aus einer übernatürlichen Offenbarung (einem
Traum) und einer übernatürlichen Deutung besteht. So wie in Daniel 2 wird auch hier eine weitere
chronologische Abfolge der Weltgeschichte dargestellt: Der Aufstieg und Fall von vier großen Weltreichen,

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gefolgt von der Aufrichtung des Reiches Gottes. Und so beginnt die Deutung mit den Worten: „Diese vier
großen Tiere sind vier Königreiche, die auf Erden kommen werden. Aber die Heiligen des Höchsten werden das
Reich empfangen und werden es für immer und ewig besitzen“ (Daniel 7, 17-18). Diese Aussage ordnet das
Kapitel zweifellos dem zweiten Kommen Jesu und der Zeit danach zu. Wie in Daniel 2 wird es vier große
Weltreiche geben, aber am Ende wird Gott ein ewiges Königreich aufrichten.

In dieser Vision sieht Daniel vier Tiere aus dem Meer heraufsteigen (Daniel 7, 3): einen Löwen, einen Bären,
einen Panther, ein viertes Tier, und dann entstand eine „Horn-Macht“, die aus dem vierten Tier kommt (Daniel
7, 4-8). Dann hatte Daniel die Vision einer himmlischen Gerichtsszene (Verse 9, 10, 13), die schließlich mit der
Errichtung von Gottes ewigem Königreich endet. „Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und
Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein
Reich hat kein Ende“ (Daniel 7, 14). Die Vision in Daniel 7 endet mit der Errichtung dieses Königreichs.

Obwohl dieser Teil der Vision klar ist, wiederholt die Deutung nochmals denselben Gedanken. Der konzentriert
sich hier insbesondere auf die Auswirkung der Macht des kleinen Horns, das aus dem vierten Tier hervorbrach
und ein Teil des vierten Tieres ist (Daniel 7, 19-25). Und dann schließt die Erklärung mit den Worten: „Danach
wird das Gericht gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und am Ende ganz und gar
vernichtet werden. Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen
Himmel wird dem Volk des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist und alle Mächte werden ihm
dienen und gehorchen“ (Daniel 7, 26.27).

Wenn das nicht das Ende unserer gegenwärtigen Welt ist, was ist es dann?

Vers 26 endet mit diesen Worten: „ …es wird am Ende ganz und gar vernichtet … (im Englischen steht hier „zu
Ende gebracht“) werden.“ Obwohl die aramäische Wurzel für „Ende“ hier nicht dieselbe ist, die in Daniel 2, 45
und Daniel 8, 19 verwendet wurde, ist es doch derselbe Gedankengang. Sowohl in Daniel 2, als auch in Daniel 7
wird „das Ende“ so geschildert, wie wir es verstehen: der Untergang dieser Welt, der durch das zweite Kommen
Christi erfolgt.

Auch handelt Daniel 2 und 7 von Mächten, die zu der Zeit existierten, als Daniel schrieb (oder die bald darauf
emporkommen würden), wobei sich diese Kapitel auch auf Dinge oder Ereignisse beziehen (Daniel 2, 29.45),
die „dereinst“ oder „in Zukunft“ geschehen werden und beziehen sich somit auf Dinge nicht nur für Daniel
selbst, sondern ebenfalls für uns zukünftig sein werden.

Daniel 8, wie Daniel 2 und 7, setzt sich zusammen aus einer übernatürlichen Offenbarung und einer
übernatürlichen Erläuterung. Wie die zwei vorher genannten Kapitel handelt auch dieses von verschiedenen
Weltreichen. Daniel 2 und 7 beginnen mit Babylon (Daniel 2, 38 nennt es sogar mit Namen) und schildern dann
drei weitere aufeinander folgende Mächte, die letztendlich mit Gottes Königreich enden; Daniel 8 beschreibt
nur drei Mächte, denn es schließt Babylon nicht mit ein (vermutlich, weil zu der Zeit, als Daniel die in Kapitel 8
aufgezeichnete Vision hatte, Babylon schon kurz vor seinem Untergang stand). Stattdessen handelt diese Vision
von einem Widder (Daniel 8, 3-4), einem Ziegenbock (Verse 5-8), einem kleinen Horn (Verse 9-12), und dann
von dem Heiligtum, das gereinigt (geweiht) wird (Vers 14). Entsprechend der Deutung dieser Vision ist der
Widder Medo-Persien (in Vers 20 genannt); der Ziegenbock ist Griechenland (in Vers 21 genannt); und das
kleine Horn, obwohl ungenannt, wird als eine unterdrückende, gewalttätige und trügerische Macht
beschrieben, die letztendlich „ohne Zutun von Menschenhand“ vernichtet wird (Daniel 8, 25). Einzelheiten über
die Reinigung des Heiligtums werden nicht gegeben, obgleich Daniel in Vers 14 gesagt wird, dass die Vision von
den 2.300 Tagen und der Reinigung des Heiligtums wahr ist und eintreffen wird (Vers 26).

Ungeachtet weiterer Gemeinsamkeiten teilen alle drei Kapitel diesen Punkt ebenso: Sie enden mit dem
überirdischen Eingreifen Gottes. Daniel 2 schließt mit dem „ohne Zutun von Händen“ herabfallenden Stein
(Daniel 2, 45), der das Standbild zerschmettert und vernichtet und an dessen Stelle Gott sein Königreich
aufrichtet. Daniel 7 endet mit der Gerichtsszene im Himmel, die am Ende zum Untergang des kleinen Horns
und zur Aufrichtung von Gottes Königreich führt (Daniel 7, 25-28). Daniel 8 schließt lt. Vers 25 mit der
Vernichtung des kleinen Horns „ohne Zutun von Menschenhand“ [„nicht durch menschliche Kraft“ (New
International Version)], wobei noch ein paar Worte über die Vision in Vers 14 folgen, dass sie wahr ist und dass
sie verschlossen werden sollte (was wahrscheinlich auf das ganze Kapitel zu beziehen ist), denn „es dauert noch
viele Tage bis dahin“ (Vers 26 KJV).

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Nun zurück zu unserer Anfangsfrage: Als Gabriel sechs Jahrhunderte vor Christus zu Daniel über „die Zeit des
Endes“ oder nur „das Ende“ sprach, auf was bezieht er sich da? Meint er mit „dem Ende“ das, was wir
Siebenten-Tags-Adventisten Tausende von Jahren nachdem Daniel 8 geschrieben wurde, unter „dem Ende“
verstehen? Sind wir dazu überhaupt berechtigt, unsere Ansicht so selbstverständlich auf etwas festzulegen, das
vor so langer Zeit geschrieben wurde?

Nein, wie ich schon vorher einmal erwähnte, sind wir nicht ohne weiteres zur der Annahme berechtigt, dass
„das Ende“ in Daniel dasselbe bedeutet, als wenn wir über „das Ende“ reden. Wenn man allerdings die
Beweise betrachtet, besonders die Parallelen in diesen Kapiteln, könnte man am Ende doch recht behalten mit
unserem Verständnis „der Zeit des Endes“ in Daniel 2 und Daniel 7 und mit demselben Verständnis auch in
Daniel 8.

Jedes Kapitel schildert eine Abfolge militärischer/politischer Mächte; die Letzte erfährt schließlich ihren
Untergang durch das überirdische Eingreifen Gottes. Nach dem Aufzeigen einer Reihe politischer und
militärischer Mächte, schließt Daniel 2 mit dem überirdischen Handeln Gottes ab. Nach dem Aufzeigen einer
Reihe politischer und militärischer Mächte, schließt auch Daniel 7 mit dem überirdischen Handeln Gottes ab.
Nach dem Aufzeigen einer Reihe von politischen und militärischen Mächten, schließt Daniel 8 ebenfalls mit
dem überirdischen Handeln Gottes ab. Und genauso wie Daniel 2 und Daniel 7 vom Ende der Welt handeln,
handelt auch Daniel 8 davon. Wenn Daniel zweimal gesagt wird (Daniel 8, 17+19), dass dieses Kapitel „vom
Ende“ handelt, dann braucht man keine Auslegung – es gibt ja die speziellen Parallelen mit Daniel 2 und Daniel
7, die unmissverständlich vom Ende der Welt handeln – um zu erkennen, dass „das Ende“ in Daniel 8 dasselbe
ist, wie „das Ende“ in Daniel 2 und 7 – nämlich das Ende der gegenwärtigen Welt.

Daniel 2 Daniel 7 Daniel 8


irdischen Mächte irdische Mächte irdische Mächte
(Verse 39-43) (Verse 17-25) (Verse 20-25)

überirdisches Eingreifen überirdisches Eingreifen überirdisches Eingreifen


Gottes (Vers 44) Gottes (Verse 26-28) Gottes (Vers 25)

Daniel 12

Weitere Beweise in Daniel 12 bestätigen diese Rückschluss, dass „das Ende“ in Daniel 8 sich sogar für uns noch
auf die Zukunft bezieht. Sogar ein oberflächliches Lesen dieses Kapitels zeigt, dass es u. a. ebenfalls von dem
Ende der Welt, so wie wir es verstehen, handelt. „Zu jener Zeit wird Michael, der große Engelfürst, der für dein
Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es
Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch
geschrieben stehen“ (Daniel 12,1).

Die Vorstellung von „einer Zeit großer Trübsal wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener
Zeit“, wird allgemein als ein noch zukünftiges Ereignis verstanden, denn es enthält die Mitteilung von Namen,
die „…geschrieben stehen in dem Buch ….“ welches vielleicht das Buch des Lebens ist. (siehe Philipper 4, 3;
Offenbarung 3, 5; Offenbarung 13, 8; 20, 12+15; 21, 27; 22,19).

„Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben und die
anderen zur ewigen Schmach und Schande“ (Daniel 12, 2). Das ist eine unmissverständliche Bezugnahme auf
etwas, dass sogar für uns noch in der Zukunft liegt.

„Und du Daniel, verbirg diese Worte und versiegele das Buch „bis auf die letzte Zeit“ („… die Zeit des Endes“
Elberfelder Übersetzung). Viele werden es dann erforschen und große Erkenntnis finden“ (Daniel 12, 4). Der
Ausdruck „bis auf die letzte Zeit“ („… die Zeit des Endes“) ist derselbe wie in Daniel 8, 17 (die hebräische
Vokalisierung ist geringfügig unterschiedlich, aber das ist nur auf eine Akzentverschiebung zurückzuführen und
beeinflusst nicht die Bedeutung). Da mit „dem Ende der Zeit“ in Daniel 12 eindeutig Ereignisse gemeint sind,
die sogar für uns noch zukünftig sind, ist es nicht von weit hergeholt zu glauben, dass „das Ende der Zeit“ in
Daniel 8 genau dasselbe meint.

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Auch wird in Daniel 12, 4 dem Propheten Daniel gesagt, „verbirg diese Worte und versiegele dies Buch „bis auf
die letzte Zeit“ („… die Zeit des Endes“). In Daniel 8, 26 sagt Gabriel zu Daniel: „… du sollst das Gesicht geheim
halten, denn es ist noch eine lange Zeit bis dahin“. Das sind Parallelen, die eine enge Verbindung zwischen
Daniel 8 und Daniel 12 zum Ausdruck bringen, wobei das letztgenannte ein Kapitel ist, das unbestritten die
Endzeit einbezieht.

„Und ich hörte es, aber ich verstand es nicht und sprach: ‚Mein Herr, wie wird das Ende aussehen? Und er
antwortete: „Geh jetzt, Daniel, denn es ist verschlossen und versiegelt bis auf die Zeit des Endes. …. Du aber
Daniel, gehe hin, bis das Ende kommt und ruhe, bis du auferstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage“ (Daniel
12, 8.9.13 Hoffnung für alle).

In Vers 9 sagt Gabriel zu Daniel, dass er die Worte verschließen soll „bis zum Ende der Zeit“ – Worte, die eine
weitere Parallele zu Daniel 8 aufzeigen. Die Verwendung des Ausdrucks „Ende der Zeit“ ist dieselbe wie in
Daniel 12, 4 und in Daniel 8, 17. Jedenfalls wurde auch in Daniel 12, 13 das Wort „Ende“ zweimal verwendet (es
ist dasselbe Wort, das in Daniel 8, 17 für „Ende“ benutzt wurde), was im Kontext hochinteressant ist. Daniel
wird ruhen „bis zum Ende der Tage“. Das ist eine ganz klare Bezugnahme auf die Auferstehung der Toten am
Ende der Welt und somit ein weiterer Hinweis, dass die in Daniel 8 geschilderten zukünftigen Ereignisse für uns
gelten.

Die sprachlichen, strukturellen und semantischen Parallelen zwischen Daniel 2, 7 und 8 (die klar das Ende so
abhandeln, wie wir es erkannt haben) beweisen genauso wie die sprachlichen Verknüpfungen und
semantischen Parallelen wie zwischen Daniel 8 und Daniel 12 (die mit dem Ende genauso umgehen, wie wir sie
auffassen), dass Daniel 8 tatsächlich auf „das Ende“ so eingeht, wie wir Adventisten „das Ende“ erklären.

Die Wichtigkeit dieser Schlussfolgerung werden wir bald sehen.

Noch ein Punkt, bevor wir Bruder Ratzlaffs Angriff auf unsere Interpretation von Daniel 8, 14 gewissenhaft
nachprüfen. Wie wir sehen konnten, haben Daniel 2, 7 und 8 frappierende Parallelen in Struktur und Inhalt:

1. Traum/Vision, gefolgt von einer Deutung


2. ein Überblick über historische Mächte
3. ein überirdisches Eingreifen Gottes

Und es gibt eine weitere Parallele. Daniel 2 befasst sich mit einer lückenlosen Reihenfolge von historischen
Mächten und endet mit einem überirdischen Eingreifen Gottes. Daniel 7 ist identisch: Eine lückenlose Abfolge
historischer Mächte, die mit einer gewaltigen Gerichtsszene und einem überirdischen Eingreifen Gottes endet.
Auch Daniel 8 beinhaltet eine lückenlose Reihenfolge irdischer Mächte, die mit einem überirdischen Eingreifen
Gottes endet. Mit anderen Worten: Jedes Kapitel zeigt einen durchgehenden chronologischen Fluss, einen
linearen Verlauf, der in der Antike beginnt (mindestens 600 Jahre v. Chr.) und ohne Unterbrechung weiterfließt
bis hin zu dem überirdischen Eingreifen Gottes, das unmissverständlich auch in Daniel 2 und 7 (und mit
Parallelen zu Daniel 8) zur Aufrichtung des Königreichs Gottes führt. Ein Ereignis, das noch bevorsteht.

Auch auf den Zweck dieses Punktes komme ich gleich zurück.

Die (Kleine-Horn-)Zwickmühle

Lasst uns jetzt einen ersten Blick darauf werfen, was Br. Dale sagt. Er behauptet nämlich „dass einige wenige
klare Bibeltexte völlig ausreichen, um ohne den Schatten eines Zweifels beweisen zu können, dass „die Lehre
von der Reinigung des Heiligtums und von dem Untersuchungsgericht nicht durch die Schrift gestützt wird,
sondern ihr sogar in fast jedem Punkt entgegensteht“.*2)

Br. Ratzlaff beginnt seine „biblische Berechnung“ der 2300 Tage natürlich mit Kapitel 8. Den ersten Teil der
Vision und ihre Deutung bestreitet er nicht. Der Widder und der Ziegenbock werden ja in Daniel benannt. Der
Widder ist Medo-Persien (Daniel 8, 20), und der Ziegenbock ist Griechenland (Vers 21). In der Vision hatte der
Ziegenbock ein großes Horn, das zerbrach und vier andere Mächte kamen aus diesem Horn hervor

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(Daniel 8, 5-8, 21.22). Ich zitiere Br. Dale: „Das große Horn stellt seinen ersten König, Alexander den Großen,
dar. Die vier Hörner repräsentieren vier Königreiche, die aus Alexanders Nation entstehen, wenngleich auch
nicht mit seiner Macht. Bis zu diesem Punkt sind sich alle Evangelikalen – sogar Siebenten-Tags-Adventisten –
einig, dass die vier Hörner die vier Teile aus Alexanders Imperium sind.*3)

Also haben laut unserem Br. Dale sogar die Siebenten-Tags-Adventisten mal recht. Der große Streitpunkt
kommt erst jetzt. In Daniels Vision sah er einen Widder (der Medo-Persien darstellt), einen Ziegenbock, der ein
großes Horn hatte, das in vier Teile zerbrach (Griechenland und das Auseinanderfallen nach dem Tod
Alexanders); und dann kommt der dritte Hauptdarsteller in dieser Vision: Eine schreckliche „Kleine-Horn-
Macht“, die einen großen Teil dieser Vision ausmacht. Sie wird folgendermaßen geschildert:

„Aus einem von ihnen wuchs ein kleines Horn; das wurde sehr groß nach Süden, nach Osten und nach
dem herrlichen Land hin. Und es wuchs bis an das Heer des Himmels und warf einige von dem Heer und
von den Sternen zur Erde und zertrat sie. Ja, es wuchs bis zum Fürsten des Heeres und nahm ihm das
tägliche Opfer weg und verwüstete die Wohnung seines Heiligtums. Und es wurde Frevel an dem täglichen
Opfer verübt; und das Horn warf die Wahrheit zu Boden, und was es tat, gelang ihm“ (Daniel 8, 9-12).

Hier nun die Erklärung, die Gabriel dem Daniel über die Macht des „kleinen Horns“ gibt:

„Aber gegen Ende ihrer Herrschaft, wenn die Frevler überhand nehmen, wird aufkommen ein frecher und
verschlagener König. Der wird mächtig sein, doch nicht durch eigene Macht. Er wird ungeheures Unheil
anrichten, und es wird ihm gelingen, was er tut. Er wird die Starken vernichten. Und gegen das heilige Volk
richtet sich sein Sinnen, und es wird ihm durch Betrug gelingen, und er wird überheblich werden und
unerwartet wird er viele verderben und sich auflehnen gegen den Fürsten aller Fürsten; aber er wird
zerbrochen werden ohne Zutun von Menschenhand.“ (Verse 23-25)

Jetzt kommt natürlich die Frage auf: Wer oder was ist dieses kleine Horn? Die Antwort ist entscheidend, denn
das, so behauptet Br. Dale, ist der Frontalzusammenstoß mit „dem Splitter“*4) in der adventistischen Lehre
vom Gericht. Wenn er damit recht hat, gibt es keinen Grund fortzufahren, denn dann sind wir erledigt!

Bevor wir unsere oder Br. Dales Interpretation darlegen, lasst uns so viel wie möglich über die Charakteristiken
des kleinen Horns herausfinden und aufgrund dessen versuchen, seine Identität zu ermitteln (oder jedenfalls
die falschen auszuschließen). Wir sehen uns erst den Text an und dann listen wir die beschriebenen Merkmale
des kleinen Horns auf – Charaktereigenschaften, die der Herr für wichtig genug erachtete, um sie in die Vision
von Daniel 8 einzubringen. Tatsächlich sind uns über diese „Kleine-Horn-Macht“ mehr Details als über die
anderen zwei Mächte in Daniel 8 mitgeteilt worden, was ein interessanter Gesichtspunkt ist und uns beim
Ermitteln hilfreich sein könnte. Der Schwerpunkt wird nicht nur auf die Beschreibung des kleinen Horns und
seiner Umtriebe gelegt, sondern auch auf die Erklärung dieses Horns und seiner Aktivitäten.

Zum Beispiel wird nur ein Vers zur Interpretation von Medo-Persien benötigt (Vers 29), während zwei Verse für
Griechenland, Alexander dem Großen und den Zerfall des griechischen Imperiums in vier Reiche genügen
(Verse 21 und 22). Diese drei Verse umfassen die Zeitspanne vom mittleren bis späten 6. Jahrhundert v. Chr. –
also vom Aufkommen Medo-Persiens bis zu Alexander dem Großen (der 323 v. Chr. starb) – und bis zum
Niedergang der vier darauf folgenden Königreiche, die sich dann später unter der römischen Vormachtstellung
im zweiten Jahrhundert v. Chr. auflösten. Drei Verse umspannen nahezu 400 Jahre. Im Vergleich dazu nimmt
allein die Erklärung des kleinen Horns drei Verse ein (Verse 23-25). Aus dieser Tatsache sollte man jedoch nicht
allzu viel herauslesen, aber man sollte sie auch nicht ganz außer Acht lassen. Was oder wer auch immer diese
Macht ist - angesichts der dafür aufgewendeten vielen Verse, ist sie eine Instanz von auffallender historischer
Bedeutung, im Gegensatz zu den beiden Riesentieren Medo-Persien oder Griechenland, die an sich zwei höchst
wichtige historische Mächte waren (mehr davon später).

Wie wir zuvor gesehen haben, befindet sich Daniel 8 nicht in einem Vakuum, sondern es erscheint mit
zahlreichen Parallelen zu Daniel 2 und Daniel 7 – Parallelen, die uns helfen können, das kleine Horn genau zu
bestimmen.

Wie wir gesehen haben, beginnt Daniel 2 mit der Herrschaft Babylons (Daniel 2, 26-38), und dann nach drei
anderen aufeinander folgenden Königreichen taucht das kleine Horn auf, ehe die Weltgeschichte endet und

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Gott sein ewiges Königreich aufrichtet (Daniel 2,39-45). Die Parallelen zwischen Daniel 2 und Daniel 8 zeigen,
dass die zwei Königreiche Medo-Persien und Griechenland dem Königreich Babylon folgen (Daniel 2, 39; 8,
20.21). Tatsache ist, dass in den Kapiteln drei dieser Königreiche mit Namen erwähnt werden: Babylon, Medo-
Persien und Griechenland; und historisch erschienen sie genau in dieser chronologischen Reihenfolge.
Demnach ist die Abfolge in Daniel 2 wie folgt:

Daniel 2 - Babylon
Medo-Persien
Griechenland
letztes irdisches Königreich
Gottes ewiges Königreich

Noch einmal: diese Deutung ist nicht spezifisch für den Adventismus. So wurde diese Prophetie auch von
jüdischen wie christlichen Kommentatoren über Hunderte von Jahren, wenn nicht gar noch länger, verstanden.

Also, das letzte irdische Königreich in Daniel 2, das nach Griechenland kommt, ist in der Statue mit Eisen
symbolisiert. Es beginnt an den Beinen und erstreckt sich bis in die Füße, wobei die Zehen aus Eisen mit Ton
gemischt waren. Die Vision erklärt dann ganz klar, dass es während dieser Zeit der Füße und Zehen – der Zeit
des Eisens und Tons - Gott sein ewiges Königreich aufrichten wird.

„Und dass die Zehen an seinen Füßen teils von Eisen und teils von Ton sind, bedeutet: zum Teil wird es ein
starkes und zum Teil ein schwaches Reich sein. Und dass du gesehen hast Eisen mit Ton vermengt
bedeutet: sie werden sich zwar durch Heiraten miteinander vermischen, aber sie werden doch nicht
aneinander festhalten, so wie sich Eisen mit Ton nicht mengen lässt. Aber zur Zeit dieser Könige wird der
Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein
anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst wird ewig
bleiben“ (Daniel 2, 42-44 Hervorhebungen vom Autor).

Nun, die Einfachheit dieser Aussage sollte uns nicht verkennen lassen wie wichtig sie ist und wie sie uns später
hilft, das kleine Horn in Daniel 8 zu identifizieren. Der Punkt ist doch folgender: Was immer die Identität des
durch das Eisen symbolisierten Königreichs in Daniel 2 auch ist, es besteht bis zum Ende. Selbst wenn seine
Form sich verändert (Ton wurde dem Eisen in den Füßen und Zehen beigemischt), bleibt das Eisen aber weiter
bis zum Ende bestehen. Diese Macht ist nicht nur als eine mächtige, gewalttätige Instanz geschildert, sondern
als ein Königreich, das nach Griechenland erscheint und dann „ohne Hände“ vernichtet wird (Daniel 2, 34.35),
genauso, wie die „Kleine-Horn-Macht“ in Daniel 8 „ohne Hände“ vernichtet wird (Daniel 8, 25).

Also, was immer die vierte Macht in Daniel 2 ist, sie entsteht nach Griechenland, das in der Statue symbolisch
durch Bronze dargestellt wird (Daniel 2, 39-44). Wenn diese letzte Macht, die aus den Trümmern des
zusammengebrochenen griechischen Reiches schon in vorchristlicher Zeit hervorkam, bis zum zweiten
Kommen Jesu fortbestehen wird, dann handelt es sich hier um etwas, das von langer Dauer ist und Tausende
von Jahren fortdauert.

Dasselbe Prinzip gilt auch für die letzte irdische Macht in Daniel 7, ein weiteres Parallelkapitel zu Daniel 2 und
Daniel 8. Wie in Daniel 2 beschreibt Daniel 7 die Aufeinanderfolge von vier Königreichen; und nach dem Letzten
folgt die Aufrichtung des Königreichs Gottes. „Diese vier großen Tiere sind vier Königreiche, die auf Erden
kommen werden. Aber die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen und werden es immer und
ewig besitzen“ (Daniel 7, 17.18).

Noch einmal: Die Identität der ersten drei Königreiche – Babylon, Medo-Persien und Griechenland – sind im
Großen und Ganzen unbestritten. Dank Daniel 2 und Daniel 8 sind sie klar identifiziert worden. Die vierte
Macht in dieser Vision – eine letzte Irdische (genau wie in Daniel 2) – kommt nach Griechenland auf und bleibt
bestehen bis zum Ende der Zeit, bis Gott sein ewiges Reich aufrichtet:

„Diese vier großen Tiere sind vier Königreiche, die auf Erden kommen werden. Aber die Heiligen des
Höchsten werden das Reich empfangen und werden es immer und ewig besitzen. Danach hätte ich gern
Genaueres gewusst über das vierte Tier, das ganz anders war als alle anderen, ganz furchtbar, mit
eisernen Zähnen und ehernen Klauen, das um sich fraß und zermalmte und mit seinen Füßen zertrat, was

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übrig blieb; und über die zehn Hörner auf seinem Haupt und über das andere Horn, das hervorbrach, vor
dem drei ausfielen. Und es hatte Augen und ein Maul, das große Dinge redete, und es war größer als die
Hörner, die neben ihm waren. Und ich sah das Horn kämpfen gegen die Heiligen, und es behielt den Sieg
über sie, bis der kam, der uralt war und Recht schaffte den Heiligen des Höchsten und bis die Zeit kam,
dass die Heiligen das Reich empfingen“ (Daniel 7, 17-22).

Das letzte irdische Königreich ist offensichtlich so wichtig, dass weitere aufschlussreiche Informationen in der
folgenden Interpretation gegeben sind:

Er sagte also, „das vierte Tier wird das vierte Königreich auf Erden sein, das sich von allen anderen
unterscheidet. Es wird die ganze Erde verschlingen und zertrampeln und in Stücke reißen. Und die zehn
Hörner, die aus diesem Königreich erwachsen, sind zehn Könige, die aufkommen. Und danach entsteht ein
weiteres und wird ganz verschiedenartig von dem ersten sein, und es wird drei Könige bezwingen und
unterwerfen. Und es wird große Worte gegen den Allerhöchsten sprechen und wird die Heiligen des
Allerhöchsten zermürben, und es gedenkt Zeit und Gesetz zu ändern; und sie werden in seine Hand
gegeben eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit. Aber das Gericht tritt zusammen, und es wird ihm
am Ende seine Oberherrschaft wegnehmen, um sie zu zerstören und vernichten. Die Herrschaft dieses nie
endenden Königreiches unter dem ganzen Himmel wird dem Volk des Allerhöchsten anvertraut, und alle
Mächte werden ihm dienen und gehorchen“ (Daniel 7, 23-27 Hfa).

Wie auch in Daniel 2 kommt dieses letzte Königreich nach Griechenland (das dritte beschriebene Königreich)
auf. Es ist eine schreckliche und verfolgende Macht, wie die in Daniel 2 durch Eisen dargestellte Macht; und sie
bleibt bis zum Ende, wenn Gott sein Königreich aufrichtet, wie das nach der letzten Macht in Kapitel 2 auch der
Fall ist. Also, genauso wie das Eisen der Beine sich am Ende in Eisen mit Ton veränderte (was vielleicht auf eine
Änderung des Wesens dieses Königreichs hinweist, auch wenn das ursprüngliche Königreich selbst bis zum
Ende bestehen bleibt), findet auch eine Änderung des letzten Königreichs in Daniel 7 statt. Es fängt an als ein
schreckliches Tier, bis der Schwerpunkt sich auf die Aktivitäten der Horn-Macht verlagert (in Dan7, 8 als „ein
kleines Horn“ und in Vers 21 als „das Horn“ bezeichnet). Die Horn-Macht, was auch immer sie darstellt, ist nach
wie vor Teil des vierten Tieres; es ist keine selbständige Instanz. Wie in Daniel 2 das eiserne Königreich nach
Griechenland aufkam und bis zum Ende der Zeit blieb (obwohl es mit Ton vermischt war) kommt auch in Daniel
7 das letzte Tier nach Griechenland und bleibt ebenfalls bis zum Ende.

Eine weitere Überlegung: Etwa vier oder fünf Verse verwendet Daniel für Babylon, Medo-Persien und
Griechenland, die sich über einen Zeitraum von rund vier Jahrhunderten erstreckten. Im Gegensatz dazu
werden in ungefähr elf Versen die Aktivitäten des vierten Tieres und der schrecklichen „Kleine-Horn-Macht“,
die ein Teil des Tieres ist, beschrieben. Was auch immer diese letzte Macht ist, die bei Daniel 2 durch das Eisen
in der Statue darstellt wird, sie ist offensichtlich wirklich von großer Bedeutung. Diese Macht hat ihren Anfang
nach Griechenland und besteht so lange, bis der Herr sein Königreich aufrichtet; somit erstreckt sie sich schon
über den Zeitraum der letzten 2000 Jahre. Die Parallelen zwischen Daniel 2 und Daniel 7 werden in der
nachfolgenden Aufstellung aufgezeigt:

Daniel 2 Daniel 7

Babylon Babylon
Medo-Persien Medo-Persien
Griechenland Griechenland
End-Königreich End-Königreich
Gottes ewiges Königreich Gottes ewiges Königreich

Als nächstes kommen wir zu dem anderen Parallelkapitel, zu Daniel 8. Wie bei Daniel 2 und 7 hat dieses Kapitel
dieselbe Reihenfolge von Medo-Persien, Griechenland und die letzte Macht, die, wie das Eisen in Daniel 2 und
das vierte Tier in Daniel 7, übernatürlich vernichtet wird. „Ohne Zutun von Menschenhand“ (Vers 25), so
beschreibt dieses Kapitel den Untergang dieser Macht. Die entscheidende Frage dreht sich nun um die Identität
der „Kleinen-Horn-Macht“ in Daniel 8. Was oder wer ist sie?

Erstens (wie oben angeführt) reichen die Kapitel Daniel 2 und Daniel 7 bis in „die Zeit des Endes“ hinein; unter
diesem Ausdruck verstehen wir die Zeit bis zum zweiten Kommen Jesu und noch darüber hinaus. Wir sahen

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auch, dass, wenn Daniel 8 über „die Zeit des Endes“ (Daniel 8, 17) oder „das Ende“ (Dan. 8,19) spricht,
überzeugende Beweise existieren, dass „das Ende“ dieselbe Bedeutung hat wie in Daniel 2 und Daniel 7,
nämlich das Ende dieser gegenwärtigen Welt. Demnach muss diese Horn-Macht in Daniel 8 – was immer sie
ist – etwas sein, das aufkommt und bis „zum Ende“ oder „zur Zeit des Endes“ bleibt. Andernfalls ergibt der
Ausdruck „das Ende“ in Daniel 8 keinen Sinn, insbesondere in Anbetracht des Zusammenhangs mit den
anderen Kapiteln in Daniel (2, 7 und 12), die zweifellos in das Ende der Zeit hineinreichen.

Wenn also jemand diese Auffassung vom Ende ablehnt, was macht er dann mit den Parallelen zwischen
Daniel 2, 7 und 8? Sie können folgendermaßen zusammengefasst werden:

Daniel 2 Daniel 7 Daniel 8

Babylon Babylon -
Medo-Persien Medo-Persien Medo-Persien
Griechenland Griechenland Griechenland
das letzte Königreich im Kapitel das letzte Königreich im Kapitel das letzte Königreich im Kapitel
übernatürliche Vernichtung am übernatürliche Vernichtung am übernatürliche Vernichtung am
Ende Ende Ende

Alle drei Kapitel berichten über die Abfolge von Medo-Persien, Griechenland, bis zum letzten Königreich vor
dem übernatürlichen Eingreifen Gottes. In Daniel 2 und Daniel 7 steht es außer Zweifel, dass dieses letzte
Königreich in den Kapiteln das letzte Irdische ist, bevor Gott sein Königreich aufrichtet. Gemäß Daniel 8 gibt es
nach dem Ablauf der Reihenfolge von Medo-Persien und Griechenland nur eine weitere Macht, die
übernatürlich von Gott vernichtet wird. Was auch immer diese Endmacht ist, die nach Griechenland
hochkommt und „am Ende“ übernatürlich vernichtet wird (genauso wie die Endkönigreiche in Daniel 2 und
Daniel 7), die erdrückenden Beweise legen den Schluss nahe, dass diese in Daniel 8 beschriebene „Kleine-Horn-
Macht“ dieselbe ist, wie in Kapitel 2 und 7. Angesichts dessen, was wir bisher gesehen haben (und was noch
kommen wird), ist die zwangsläufige Schlussfolgerung, dass das Eisen- (und Ton-)Königreich in Daniel 2, das
vierte Tier (und das kleine Horn) von Daniel 7, und das „Kleine-Horn“ von Daniel 8 trotz unterschiedlicher
Darstellungen zwangsläufig ein und dieselbe Macht ist.

Wir müssen noch zwei weitere Punkte über die Horn-Macht in Betracht ziehen, bevor wir uns Br. Dales
Auslegung ansehen; eine Auslegung, die, falls sie richtig sein sollte, unser Untergang als Siebenten-Tags-
Adventisten wäre.

Erstens, in einem der Bücher der Serie, die der Daniel-und-Offenbarungs-Arbeitskreis herausgegeben hat, (ein
Buch, das Br. Ratzlaff in seine Bibliografie mit aufnahm) befasste sich Dr. William Shea mit der Identität dieses
vierten Tieres und konzentrierte sich dabei besonders auf diese Horn-Macht in Daniel 8. Was Dr. Shea schrieb
ist wichtig, denn es hilft aufzuzeigen, dass diese Mächte, was immer sie auch darstellen, ein und dieselbe
Instanz zu sein scheinen.

Andererseits gibt es in diesen Kapiteln (Daniel 7 und 8) signifikante Argumente zur Identifizierung des kleinen
Horns als ein und dieselbe historische Macht. Denn die Tatsache, dass dasselbe Symbol verwand wurde, ob im
Aramäischen (Kapitel 7) oder im Hebräischen (Kapitel 8), verweist auf das eingangs Gesagte, dass da gut ein
Zusammenhang zwischen beiden bestehen könnte. Wenn dort beabsichtigt gewesen wäre einen historischen
Unterschied zu machen, hätte man auch möglichst unterschiedliche Symbole ausgewählt. Aber die Symbole
blieben dieselben.

Zweitens, die Mächte, die durch dieselben prophetischen Symbole dargestellt werden, betätigen sich jeweils
mit gleichartigen Handlungen; beide kommen empor und erscheinen zur ziemlich gleichen Zeit in der
Geschichte; beide fangen klein an und werden groß (Daniel 7, 8 und Daniel 8, 9); beide sind frevlerische Mächte
(Daniel 7, 25 und Daniel 8, 11+25); beide verfolgen die Heiligen Gottes (Daniel 7, 21+25, Daniel 8, 11+25); beide
tauchen auf und bestehen über die ganze lange prophetische Zeitkette (Daniel 7, 25 und Daniel 8, 14); und
beide erleiden schließlich dasselbe Schicksal (Daniel 7, 26 und Daniel 8, 25).

Folglich, wenn zwei Mächte unter denselben prophetischen Symbolen dargestellt emporkommen und
dieselben Dinge im Verlauf der Vision praktizieren, dann ergibt sich daraus eine solche Wahrscheinlichkeit, dass

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man sich getrost auf die Seite der Kommentatoren stellen kann, die sie als ein und dieselbe historische Instanz
identifiziert haben. Einige Kriterien der Aktivitäten des kleinen Horns, die in Kapitel 7 erwähnt werden, stehen
allerdings nicht in Kapitel 8 und auch umgekehrt. Die Anzahl der Übereinstimmungen zwischen ihnen ist jedoch
größer, als die Gesichtspunkte ihrer Werke, die nicht an beiden Stellen erwähnt sind. Aber keine dieser
individuellen Charakteristiken schließen sich gegenseitig aus, so dass man sich der Auffassung anschließen
kann, dass sie sich auf dieselbe Macht beziehen.*5)

Der zweite Punkt handelt von einer speziellen Beschreibung des kleinen Horns in Daniel 8. In der Vision waren
dem kleinen Horn zwei Mächte vorausgegangen – der Widder (Daniel 8, 3-4) und der Ziegenbock (Verse 5-8),
Medo-Persien (Vers 20) und Griechenland (Vers 21). Der Widder wurde als „groß“ beschrieben (Vers 4) und der
Ziegenbock als „sehr groß“ (Vers 8). Im Gegensatz zu diesen zwei Riesentieren wurde die Kleine-Horn-Macht
als „überaus groß“ (Vers 9, King-James-Version) beschrieben.

Der hebräische Wurzel gdl wird als Verb in allen drei Versen mit „groß“ übersetzt. Bei der Beschreibung von
Medo-Persien benutzt der Prophet nicht das Bestimmungswort, sondern nur das Verb gdl. Das ergibt natürlich
einen Sinn, wenn man die Größe, den Bereich und die Dauer des medo-persischen Königreichs bedenkt, das
(wahrscheinlich) von 539 v. Chr. bis ungefähr 331 v. Chr. datiert ist, also rund zwei Jahrhunderte bestand. Auf
seinem Höhepunkt umfasste es ein größeres Gebiet als sein babylonischer Vorgänger oder irgendein anderes
vorheriges Imperium. Vom Berg Ararat im Norden, nach Nubien im Süden, vom Indusstrom im Osten bis zu den
Dardanellen im Westen dehnte sich das medo-persische Großreich aus – der Widder von Daniel 8, der
sicherlich „groß“ geworden war.

Der Ziegenbock, oder Griechenland, wurde (nach der Einheits-Übersetzung) „über die Maßen groß“ (Daniel 8,
8. Hier ist die hebräische Wurzel gdl durch die Worte ad meod ergänzt worden; wobei ad eine häufige
Präposition ist und „so weit wie“, „bis“, „bis zu“, „bis hin zu“ bedeutet. Meod ist ein hebräisches Wort und
bedeutet „Kraft“, „Fülle“, „Macht“, „über alle Maßen“. Es wird auch in dem berühmten Vers verwendet, „Du
sollst Gott, deinen Herrn lieben von ganzem Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit allen deinen Kräften
(von meod)“. Der Ausdruck ad meod, wie er in Daniel 8, 8 steht, erscheint auch an anderer Stelle, wie etwa
in 1. Mose 27, 33: „Da entsetzte sich Isaak über die Maßen sehr (Hervorhebung hinzugefügt)“.

Die Beschreibung, die Griechenland größer macht (gdl) als Medo-Persien, passt gut zu dem historischen
Bericht. Griechenlands Heldentaten unter dem „beträchtlichen Horn zwischen seinen Augen“ (Alexander der
Große) sind legendär. Das griechische Imperium dauerte (einschließlich der Zeit der vier Könige, die Alexander
nachfolgten) ungefähr eineinhalb Jahrhunderte und erstreckte sich über ein noch größeres Gebiet als seine
Vorgänger in der Prophetie. Es besaß alles, was schon Medo-Persien besaß, und noch mehr. Es war das
flächenmäßig größte Imperium, das die Welt je gesehen hatte. Kein Wunder, dass es als „sehr groß“ (Vers 8)
beschrieben wurde, das heißt, noch größer als Medo-Persien, das nur „groß“ wurde (Vers 4).

Nun, im Gegensatz zu diesen zwei Königreichen kommt in Daniel 8 ein letztes Königreich, die „Kleine-Horn-
Macht“, der Gegenstand unserer Untersuchung. Gemäß der Elberfelder Übersetzung wächst sie zu einer
Dimension heran, die als „übermäßig groß“ (Vers 9) beschrieben wird, im Gegensatz zu Medo-Persien („groß“)
und Griechenland („sehr groß“).

Hier ist findet wieder das Verb gdl Verwendung, jedoch mit dem Adverb ytr modifiziert, das aus einem
Wortstamm kommt, der „übrig bleiben“ bedeutet (und der auch manchmal im Zusammenhang mit „dem Rest,
den Übrigen“ gebraucht wird). In dem Zusammenhang, wie es in Daniel 8, 9 gemeint ist, kann ytr mit
„hervorragend“, „übermäßig“, „Überfluss“ und „gewaltig“ übersetzt werden. Bedeutet dieses Wort sogar
etwas noch größeres als das durch ad meod, modifizierte Wort gdl in Bezug auf Griechenland? Mit anderen
Worten, waren die Bibelübersetzer aufgrund rein sprachlicher Gründe berechtigt ytr mit einem scheinbar noch
verstärkenden Wort zu übersetzen, als die Worte, die sie für Griechenland angewendet hatten? Heißt das
dann, dass, während Griechenland schon „sehr groß“ wurde, dieses letzte Königreich auf „übermäßig groß“
anwuchs, und somit zum Ausdruck bringen will, dass, wie groß auch immer Griechenland gewesen sein mag,
dieses letzte Königreich, das kleine Horn, sogar noch größer ist?

Aus sprachlichen Gründen allein kann die Frage so oder so erörtert werden. Für unseren speziellen Zweck ist
diese Frage irrelevant. Man könnte argumentieren, dass im Kontext – in Daniel 8 liegt der Schwerpunkt
hauptsächlich auf den Aktivitäten des kleinen Horns (im Gegensatz zu Medo-Persien oder Griechenland) – die

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Bibelübersetzer gar nicht anders konnten, als das so zu übersetzen, was darauf schließen lässt, dass es noch
größer war als Griechenland. Trotzdem haben wir ein solches Argument nicht nötig, denn, was immer die
Unterschiede zwischen den zwei Bestimmungswörtern sind, der eine Punkt ist klar: Dieses letzte Königreich
(wie das letzte Königreich in Daniel 2 und Daniel 7) war größer als Medo-Persien. Medo-Persien wird nur als
„groß“ beschrieben, wohingegen die Kleine-Horn-Macht als „übermäßig groß“ bezeichnet worden ist. Wir sind
nicht angewiesen auf den sprachlichen Wortstreit zwischen ad meod und ytr. Der bloße Gebrauch eines
Adverbs in Vers 9 – egal, was es in der Beziehung zu Griechenland aufzeigt – besagt ohne den Schatten eines
Zweifels ganz klar, dass diese Kleine-Horn-Macht größer ist als das Imperium von Medo-Persien.

Der „Splitter“

Wir verlassen jetzt viele der zurückliegenden Seiten im Buch von Br. Ratzlaff mit den zwei Königreichen in
Daniel 8, in denen er mit uns hinsichtlich Medo-Persien und Griechenland übereinstimmt*6). Noch einmal, die
Schlüsselfrage beschäftigt sich mit der Identität der „Kleinen-Horn-Macht“ in Daniel 8. Wer ist diese Horn-
Macht, die letzte irdische Macht, die sowohl in diesem Kapitel als auch in Daniel 2 und Daniel 7 aufkommt?

Lasst uns zunächst besonders den textlichen Inhalt im Zusammenhang mit den vorherigen prophetischen
Kapiteln zusammenfassen:

1. Das kleine Horn, die letzte irdische Macht in Daniel 8, erscheint nach Griechenland, genau wie
auch die letzten irdischen Mächte in Daniel 2 und Daniel 7.

2. Diese letzte irdische Macht, genau wie jene in Daniel 2 und Daniel 7, wird „am Ende“
überirdisch vernichtet; ein Ausdruck, der in Daniel 8 häufig vorkommt und eindeutig auf das
Ende der Welt beim zweiten Kommen Jesu hinweist.

3. Was auch immer diese letzte irdische Macht in Daniel 2, Daniel 7 und Daniel 8 ist, sie entsteht
nach Griechenland und bleibt bis zum Ende der Welt bestehen. Folglich muss diese in allen drei Kapiteln
geschilderte Macht für Jahrhunderte bestehen. Tatsächlich, in allen drei Kapiteln existiert diese Macht bis
zum Ende; das heißt, sie muss sogar jetzt vorhanden sein, weil wir uns immer noch zwischen dem
Untergang Griechenlands und dem zweiten Kommen Jesu befinden.

4. Diese letzte Macht in Daniel 8 ist dieselbe, von der auch Daniel 2 und Daniel 7 berichten. Das macht
nachstehende Aufstellung klar, die die Parallelen der drei Kapitel aufführt (es ist auch sinnvoll, noch einmal
einen Blick auf die Obere zu werfen).

Daniel 2 Daniel 7 Daniel 8

Babylon Babylon -
Medo-Persien Medo-Persien Medo-Persien
Griechenland Griechenland Griechenland
das letzte Königreich im das letzte Königreich im das letzte Königreich im
Kapitel Kapitel Kapitel
übernatürliche Vernichtung übernatürliche Vernichtung übernatürliche Vernichtung
am Ende am Ende am Ende

Wie zuvor aufgeführt, schildern alle drei Kapitel eine Aufeinanderfolge von Medo-Persien,
Griechenland, bis zum letzten Königreich, das in jedem Kapitel als das Letzte vor dem übernatürlichen
Eingreifen Gottes dargestellt wird. Zweifellos ist dieses letzte Königreich von Daniel 2 und Daniel 7 das letzte
Irdische, bevor Gottes Königreich aufgerichtet wird. Gemäß Daniel 8 gibt es nach der Aufeinanderfolge von
Medo-Persien und Griechenland noch eine weitere irdische Macht, die übernatürlich von Gott vernichtet
wird. Was immer diese Macht ist, die nach Griechenland aufkam und „am Ende“ vernichtet wird (wie auch die
Letzte in den beiden Kapiteln Daniel 2 und Daniel 7), so weisen eindeutige Indizien darauf hin, dass es
sich bei dieser „Kleinen-Horn-Macht“ in Daniel 8 um dieselbe Macht handelt, von der auch in den Kapiteln 2
und 7 berichtet ist.

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5. Diese letzte irdische Macht in Daniel 8 ist eine verfolgende Macht, wie in den Kapiteln 2 und 7 auch.

6. Diese letzte irdische Macht, die Kapitel 2, 7 und 8 beschreiben, ist in vielerlei Hinsicht mächtiger als die
vorherigen Königreiche es waren. Das tritt durch die aufgezählten Eigenschaften klar hervor, einschließlich
der Tatsache, dass dafür meistens mehr Verse nötig waren, um die Details und Aktivitäten aufzuzählen, als
für die vorangegangenen Mächte.

Nachdem wir diese Punkte nun festgestellt haben, lasst uns sehen, was Br. Dale geschrieben hat. Was sagt er,
wer dieses kleine Horn ist? Was sagen wir, wer es ist? Haben wir von der Bibel und der Geschichte her
genügend Angaben, um festzustellen, wer recht hat?

Nachdem er über Medo-Persien und Griechenland geschrieben und aus Daniel 8, 23-25 zitiert hat (die Deutung
des kleinen Horns gibt die Bibel selbst), gibt Br. Dale seine Antwort auf die Frage: Wer ist das kleine Horn von
Daniel 8?

„Fast alle Bibelwissenschaftler glauben, das kleine Horn würde Antiochus Epiphanes IV. darstellen. Daniel
erklärt, dass diese Macht aus einer Division von Alexanders Imperium kommt. Es ist klar, dass sie eine
frevlerische Macht ist, die großen Schaden gegen die Heiligen anrichtet. Die Adventisten behaupten, dass
dieses kleine Horn Rom ist. Jedoch sind die Beweise, dass es sich auf Antiochus bezieht, erdrückend!“*7)

Unser Bruder fährt fort und spricht „den ‚Splitter’ der Lehre von der Reinigung des himmlischen Heiligtums und
dem Untersuchungsgericht direkt an“*8). Sein Standpunkt ist einfach dieser: Wenn das kleine Horn wirklich
Antiochus Epiphanes IV. ist, dann ist der ganze Kontext von Daniel 8 weit entfernt von „dem Ende“ – also dem
Ende der Welt – und wurde vor mehr als 2000 Jahren bereits erfüllt, als dieser König den Tempel in Jerusalem
entweihte. Wenn das kleine Horn Antiochus ist, dann ist die adventistische Lehre des Vor-Advent-Gerichts, wie
sie jedenfalls aus Daniel 8 (ihre Grundlage) verstanden wird, zunichte gemacht. Die Prophezeiung, die wir „der
Zeit des Endes“ (Daniel 8, 17) oder „dem letzten Ende“ (Daniel 8, 19) zuordnen, war stattdessen schon mehr als
ein Jahrhundert vor Jesu Tod erfüllt und abgeschlossen. Wenn dem so wäre, dann wäre unsere ganze
verkündete Lehre null und nichtig. Unser lieber Bruder weiß das, weswegen er das kleine Horn mit Antiochus
identifiziert.

Im Gegensatz dazu glauben wir Adventisten (gemeinsam mit einigen frühen Reformern und verschiedenen
Protestanten im Verlauf der Kirchengeschichte), dass sich die in Daniel 8 beschriebene Kleine-Horn-Macht
(zusammen mit dem vierten Tier/Horn von Daniel 7 und dem Eisen/Ton von Daniel 2) auf Rom bezieht – sprich,
das heidnische und päpstliche Rom, das in der Bibel oft als eine Macht dargestellt wird.

Ein Vergleich der Merkmale

Wer hat recht? Alles, was wir zu tun haben, ist die Merkmale von beiden, von Rom und Antiochus,
anzuschauen und zu sehen, welche von ihnen auf wen zutreffen. Weil die Beiden ganz unterschiedlich sind,
sollten die Beweise auch eindeutig sein.

Nach dem Tod Alexanders des Großen (in Daniel 2 durch Bronze, in Daniel 7 durch den Leopard und in Daniel 8
durch den Ziegenbock dargestellt) zerfiel das griechische Imperium in vier getrennte Diadochenreiche, die in
verschiedenen Stadien existierten, bis das römische Imperium in der Antike zu einer politischen und
militärischen Vormachtstellung aufstieg. Eines dieser vier Königreiche war das der Seleukiden, das über das
Gebiet herrschte, welches heute Syrien ist. Die ganze seleukidische Dynastie währte von etwa 311 - 65 v. Chr.;
in dieser Zeit saßen mehr als 20 Könige auf seinem Thron. Darunter war auch Antiochus IV. Epiphanes, um den
es hier geht, und der nach Ansicht von Br. Ratzlaff die Kleine-Horn-Macht in Daniel 8 ist. Antiochus, nicht
gerade einer der erfolgreichsten Könige der Seleukiden, war der Achte in der Linie; ungefähr 12 weitere
Seleukiden-Könige folgten nach ihm.

Sicherlich würde Antiochus kaum mehr sein als eine historische Fußnote, wären da nicht diese drei Jahre in
seiner insgesamt elfjährigen Herrschaft (175-164 v. Chr.) in denen er das Heiligtum in Jerusalem geschändet
hat, als Palästina im Jahre 198 v. Chr. unter die Herrschaft der Seleukiden geriet. Mit anderen Worten:
Antiochus hatte Palästina, nicht einmal erobert; er hatte es einfach nur übernommen, nachdem es schon

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bezwungen war. Es war die Entweihung des Heiligtums und seiner Dienste durch Antiochus – und nur sie allein
–, die viele Bibelkommentatoren (einschließlich Br. Dale) veranlasste, ihn als die Macht in Daniel zu
identifizieren, die „wuchs bis zum Fürsten des Heeres und nahm ihm das tägliche Opfer weg und verwüstete
die Wohnung seines Heiligtums. Und es wurde Frevel an dem täglichen Opfer verübt und das Horn warf die
Wahrheit zu Boden. Und was es tat, gelang ihm“ (Daniel 8, 11.12).

Was hatte Antiochus getan? In Zusammenarbeit mit hellenistischen Juden ließ Antiochus eine Zeusstatue vor
dem Brandopferaltar außerhalb des Tempels errichten, auf dem unreine Tiere, wahrscheinlich mehr als nur
Schweine, geopfert wurden. Diese Schändung dauerte rund drei Jahre lang, bis die Juden unter Leitung der
Makkabäer die Kontrolle über den Tempelberg zurück gewonnen und den Gottesdienst nach biblischen
Maßstäben wieder hergestellt hatten (deshalb sagt man, dass die Reinigung am Ende der 2.300 Tage in Daniel
8, 14 ein Hinweis auf dieses Ereignis ist). Mehr darüber findet man im 1. und 2. Makkabäerbuch, zwei
apokryphische Schriften, die niemals in den biblischen Kanon eingebunden wurden.

Jetzt also die entscheidende Frage: Passt die in Daniel 8 gemachte Beschreibung des kleinen Horns auf
Antiochus Epiphanes? Zur Erinnerung: Für Dale Ratzlaff ist es Antiochus im Zusammenhang mit Daniel 8, der
der adventistischen Theologie als „Splitter“ direkt entgegensteht. Lasst uns also die sechs Charakteristiken des
kleinen Horns, wie vorher aufgegliedert, ansehen und sie mit der Herrschaft von Antiochus vergleichen:

1.Das kleine Horn, die letzte irdische Macht in Daniel 8, tritt entsteht erst nach Griechenland – ebenso wie
die letzten irdischen Mächten in Daniel 2 und Daniel 7 auch.
Das passt auf Antiochus; denn nach dem Tod Alexanders des Großen und dem Zerfall seines
Reiches kommt er mitten aus der seleukidischen Dynastie.

2. Diese letzte irdische Macht – genau wie die in Daniel 2 und Daniel 7 – wird „am Ende“
übernatürlich vernichtet; eine Aussage, die mehrere Male in Daniel 8 gemacht wird und
zeigt, dass damit das Ende der Welt bei Jesu zweitem Kommen gemeint ist.

Bei allem Respekt, Antiochus Epiphanes versagt hier kläglich. Eine Persönlichkeit, die 200
Jahre v. Chr. starb, kann schwerlich diesen Punkt der Prophezeiung „bis zum Ende“ erfüllen.
Auch gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass Antiochus durch ein übernatürliches Eingreifen
starb.

3. Wer auch immer diese letzte irdische Macht in Daniel 2, Daniel 7 und Daniel 8 ist, sie entsteht nach
Griechenland und existiert bis zum Ende der Welt. Deshalb muss die in allen drei Kapiteln beschriebene
Macht viele Jahrhunderte lang bestehen. Tatsächlich existiert diese Macht auch in allen drei Kapiteln bis
zum Ende; das heißt, sie muss jetzt auch noch bestehen, denn wir befinden uns zwischen dem
zerfallenen Griechenland und dem zweiten Kommen Jesu.

Noch einmal, ein König, der im zweiten Jahrhundert v. Chr. unterging (mitsamt der ganzen
Dynastie, die zeitweilig herrschte), auf den passt schwerlich die in Daniel 8 beschriebene
Existenz, die nach Griechenland begann und „bis zum Ende der Welt“ Bestand hat.

4. Diese endzeitliche Macht in Daniel 8 ist dieselbe, die schon in Daniel 2 und Daniel 7
beschrieben wurde. Alle drei Kapitel bringen eine Aufeinanderfolge von Medien-Persien,
Griechenland bis zum letzten Königreich, das in jedem Kapitel beschrieben wird, und das bis
zum übernatürlichen Eingreifen Gottes besteht. In Daniel 2 und Daniel 7 ist zweifellos dieses
letzte Königreich das letzte irdische Königreich, bevor Gott sein Königreich aufrichtet. Daniel
8 zeigt nach der Abfolge von Medien-Persien und Griechenland, noch eine irdische Macht, die
übernatürlich durch Gott vernichtet wird. Wer immer diese letzte Macht ist, die nach
Griechenland auftaucht und „am Ende“ übernatürlich vernichtet wird (ebenso wie die beiden in
Daniel 2 und Daniel 7 aufgeführten letzten Königreiche) - der starke Beweis liegt nahe, dass
diese in Daniel 8 geschilderte Kleine-Horn-Macht dieselbe ist, die auch Daniel 2 und 7 anführt
(s. dazu auch unsere obige Aufstellung).

Noch einmal: Aufgrund dieser ganz eindeutigen Parallelen zwischen Daniel 2, 7 und 8 ist
Antiochus ganz und gar ausgeschlossen. Wie könnte Antiochus das letzte Königreich sein, das

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besteht, bis Gott sein Königreich am Ende der Zeitalter aufrichtet, wenn er doch schon zwei
Jahrhunderte v. Chr. verschwand? Natürlich kann die Antwort nur sein: Das ist unmöglich!

5. Diese letzte irdische Macht in Daniel 8 ist, wie in den Kapiteln 2 und 7 auch, eine verfolgende Macht.
Antiochus war eine verfolgende Macht; in dieser Hinsicht trifft dieses Charakteristikum auf ihn zu.

6. Diese letzte irdische Macht – wie in Daniel 2, 7 und 8 beschrieben – ist in vielerlei Hinsicht mächtiger, als die
Königreiche, die vor ihr da waren. Das wird durch die verschiedenen beschriebenen Eigenschaften und die
Tatsache deutlich, dass für diese detaillierte Beschreibung und die Aufzählung ihrer Aktivitäten mehr Verse
nötig waren, als für die Berichte über die vorherigen Mächte.

Auch hier kommt Antiochus bei weitem nicht mit, als „nicht gerade erfolgreicher“ König einer
vergangenen Dynastie, die bestenfalls schwächer und kleiner war als Griechenland oder
Medo-Persien. Selbst auf der Höhe seiner Macht erfüllte er nicht die Merkmale des kleinen
Horns, das jenseits allen Zweifels größer als Medo-Persien und wohl auch größer als
Griechenland beschrieben wurde. Noch einmal, Antiochus‘ einziger Anspruch auf historische
Niedertracht ist die 3-Jahreperiode, in der er den Tempel Jerusalems schändete; eine Tat, die es
schwerlich verdient hat, in der Bibel so ausführlich beschrieben zu werden und so viel Zeit, Platz und
Worte dafür aufzuwenden wie für die Kleine-Horn-Macht.

Wie wir gesehen haben, treffen von den sechs Eigenschaften des kleinen Horns gerade mal zwei auf Antiochus
zu: Er kam hoch nach Griechenland und war eine verfolgende Macht. Die verbleibenden vier Eigenschaften –
dass er am Ende der Welt übernatürlich vernichtet wird, dass er für viele Jahrhunderte existiert, sogar noch bis
heute und darüber hinaus, dass er das letzte irdische Königreich ist, ehe Gott sein ewiges Königreich aufrichtet
und dass sein Königreich größer ist, als all die anderen vor ihm (besonders Medo-Persien) – schließen ihn
unbestritten von der Erfüllung der Rolle des kleinen Horns aus.

Die zwei Merkmale, die auf ihn zutreffen – eine Macht, die nach Griechenland entsteht und eine verfolgende
Macht ist – lässt weder einzeln noch zusammen eine eindeutige Identifikation zu. Im Gegensatz dazu gibt es
jedoch eine Macht, auf die nicht nur zwei Merkmale wie bei Antiochus zutreffen, sondern auch all die anderen
Kennzeichen; und diese Macht ist Rom, sowohl das heidnische, als auch das päpstliche!

1. Das kleine Horn tritt nach Griechenland auf: Rom passt.

2. Das kleine Horn wird am Ende übernatürlich vernichtet. Natürlich liegt das noch in der
Zukunft; aber egal wie, eine Macht, die am Ende übernatürlich vernichtet wird, muss jedenfalls
bis zum Ende existieren. Nach über 1.500 Jahren ist Rom (jetzt im Stadium der päpstlichen
Periode) noch immer erfolgreich, und man sieht auch keine Anzeichen, dass es in absehbarer Zeit
verschwinden würde. Ganz gewiss hat Rom das Potential, diese Merkmale zu erfüllen im Gegensatz
zu Antiochus, der dazu ganz und gar keine Möglichkeit hat.

3. Das kleine Horn kommt nach Griechenland auf und besteht viele Jahrhunderte lang, sogar bis
in unsere Zeit. Roms Entstehung nach Griechenland und sein Fortbestehen bis in unsere Zeit
passt haargenau.

4. In Daniel 2 ist die Macht, die nach Griechenland kommt, Rom; die letzte Macht vor Gottes
ewigem Königreich. In Daniel 7 ist die Macht, die nach Griechenland kommt, Rom; die letzte
Macht vor Gottes ewigem Königreich. Und in Daniel 8 muss die Macht, die nach Griechenland
kommt, die letzte Macht, auch Rom sein.

5. Rom war eine verfolgende Macht.

6. Die Kleine-Horn-Macht ist größer als die Mächte, die vor ihr waren; eine Eigenschaft, die – noch einmal –
allein auf (das heidnische und päpstliche) Rom zutrifft.

Man kann so rechthaberisch sein, wie Rechthaberei nur sein kann: Aber an diesem Punkt steht die Identität der
Kleinen-Horn-Macht einfach außer Frage: Diese Macht ist einzig und allein, hundertprozentig und

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ausschließlich nur Rom, das heidnische und das päpstliche. Welche anderen Mächte entstanden denn sonst
nach Griechenland und existieren bis heute, insbesondere im Kontext von Daniel 8, wo eine Macht erscheint,
die in einer Beziehung zur Gemeinde Gottes steht und mit ihr verwickelt ist? Glaube ist nötig, um das zweite
Kommen Jesu, die Auferstehung der Toten und ein Millennium im Himmel für wahr zu halten. Aber wer muss
schon glauben, dass Rom die Macht ist, auf die diese Prophezeiung zutrifft, wenn die Geschichte sie so klar,
eindeutig und unmissverständlich offenbart?

Beachte Daniel Kapitel 8 als ein Ganzes, besonders die Parallelen darin mit den Kapiteln 2 und 7; sie alle weisen
auf Rom hin, nicht auf Antiochus Epiphanes, die letzte Macht, die vor dem Ende der Welt aufkam. Lasst uns das
noch einmal in einer Aufstellung verdeutlichen:

Daniel 2 Daniel 7 Daniel 8

Babylon Babylon -
Medo-Persien Medo-Persien Medo-Persien
Griechenland Griechenland Griechenland
Rom (heidnisch/päpstlich) Rom (heidnisch/päpstlich) Rom (heidnisch/päpstlich)
übernatürliche Vernichtung übernatürliche Vernichtung übernatürliche Vernichtung
am Ende am Ende am Ende

Ersetze in jeder Spalte „Rom (heidnisch/päpstlich)“ mit „Antiochus“, und du wirst sehen, wie unhaltbar die
Antiochus-Interpretation ist.

Der adventistische Standpunkt bezüglich Rom als das kleine Horn steht so fest wie die Weltgeschichte selbst.
Ganz gleich wie politisch falsch diese Ansicht ist, wir können hier keine zweideutigen Aussagen machen.
Glücklicherweise brauchen wir das auch nicht.

„Ein paar klare Bibelbeweise“

Nun, beweist dieses Argument an sich die Richtigkeit der adventistischen Lehre vom Untersuchungsgericht?
Natürlich nicht. Das war auch nicht beabsichtigt. Vielmehr war die Absicht, einige der „paar klaren
Bibelhinweise“ zu untersuchen, die von Br. Dale für null und nichtig erklärt werden, wie das
Untersuchungsgericht, darunter auch die Verse in Daniel 8, die angeblich belegen (und, wie Br. Dale sagt,
„erdrückende Beweise“ sind), dass die Kleine-Horn-Macht Antiochus Epiphanes ist und nicht Rom. Der Beweis
ist tatsächlich „erdrückend“ und widerlegt den Standpunkt unseres Bruders.

Weit mehr Arbeit wurde investiert, um die Antiochus-Interpretation als falsch zu entlarven, ganz egal, wie
bekannt und verbreitet sie auch ist. Und das führt zu einem beunruhigenden Aspekt in Br. Dales Buch; etwas,
das ich schon vorher einmal erwähnte, was es aber wert ist, wiederholt zu werden. In dem Buch „Selected
Studies on Prophetic Interpretation“ („Ausgewählte Studien über prophetische Deutung“) gibt es ein Kapitel,
das überschrieben ist mit dem Titel „Warum Antiochus IV. nicht das kleine Horn von Daniel 8 ist“. Darin
beschreibt der adventistische Wissenschaftler William Shea auf mehr als 30 Seiten Punkt für Punkt die
Unzulänglichkeit der Antiochus-Interpretation. Br. Dale behauptet, dass Daniel 8 „die Verfolgungen von
Antiochus mit solch genauen Details“ beschreibt, dass einige liberale Wissenschaftler überzeugt sind, dieses
historische Ereignis rund um Antiochus ist erst geschrieben worden, nachdem sich das alles bereits zugetragen
hatte. Eine erstaunliche Behauptung, besonders im Hinblick auf all die geleistete Arbeit, die gerade das
aufzeigt, weswegen Antiochus es nicht ist und nicht sein kann, auf den die Prophezeiung passt. Und aus
irgendeinem Grund macht Br. Ratzlaff nicht einmal den Versuch, auch nur eines der Argumente, die Dr. Shea
anführte, aufzugreifen, um die Antiochus-Interpretation zu widerlegen. Zu behaupten, dass er gar nichts von
Dr. Sheas Arbeit wusste, stimmt nicht, denn er führt ja „Selected Studies on Prophetic Interpretation“ in seinem
Buch CDSDA an. Mit anderen Worten: Br. Dale wusste von Sheas Buch, beschloss aber, nicht über die darin
stehenden Argumente zu diskutieren – eine Taktik, die übrigens viele anwenden; sogar auch viele Theologen
innerhalb der Freikirche.

Warum versucht wohl jemand eine der Hauptlehren einer Freikirche als falsch darzustellen, ignoriert dann aber
die wichtigste Verteidigung dieser Lehre der Kirche? Man kann nur spekulieren. Denn statt über unsere

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Verteidigung zu diskutieren, tut Br. Dale so, als ob es sie nicht gibt und macht stattdessen weitschweifige
Aussagen, die sich bei einer Prüfung als armselig, belanglos und höchst oberflächlich erweisen. Noch einmal,
für einen Dienst, der den Anspruch erhebt, „eine präzise und fehlerfreie Informationsquelle über
adventistische Lehre und Praxis für die evangelikale Welt“ zu sein, spricht diese Entgleisung nicht.
Und das ist noch nicht die Einzige.

* 1) Für ein detailliertes Studium der Beziehung dieser Kapitel s. „Symposium on Daniel“ (Biblical Research Institut,
Silver Spring, MD), „Unity of Daniel“, William Shea, S. 165-220. Daniel and Revelation Committee Series, Band 2.
1982
* 2) CDSDA, S. 165, 166
* 3) Ebd. S. 167
* 4) Ebd. S. 168
* 5) William Shea, Selected Studies on Prophetic Interpretation, Daniel and Revelation Committee Series, Bd. 1
(General Conference of Seventh-day Adventists, 1982), “Why Antiochus IV. is not the Little Horn of Daniel 8”,
S. 30, 31
* 6) CDSDA, S. 167
* 7) Ebd. S. 167, 168
* 8) Ebd. S. 168
* 9) Ebd.
*10) Entnommen von www.LifeAssuranceMinistries.com (26. Januar 2001)

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Kapitel 4

Von der Antike zur Ewigkeit


Ich rekapituliere: Dale Ratzlaff, ein ehemaliger Adventistenprediger, schreibt ein 380 Seiten dickes Buch, in dem
er das Vor-Advent-Gericht als „sektiererisch“ verurteilt, obwohl nur ein Kapitel (etwa 15 Seiten) in dem ganzen
Band von den biblischen Texten handelt, die sich auf das Gericht selbst beziehen. Obwohl die Lehre vom
Gericht an verschiedenen Stellen erwähnt wird, ist der Rest seiner Arbeit ein Angriff auf Ellen White, William
Miller, die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten usw. Dieser Punkt sollte nicht übersehen werden, denn er
sagt mehr aus, als Herr Ratzlaff wohl je beabsichtigt hatte.

Nichtsdestotrotz werden wir zunächst fortfahren, die „paar klare Bibelhinweise“, wie Br. Dale sich ausdrückt,
zu untersuchen, „die mehr als genug sind, um ohne den geringsten Zweifel zu zeigen, dass die Lehre von der
Reinigung es himmlischen Heiligtums und des Untersuchungsgerichts nicht durch die Schrift untermauert wird
und dass sie sogar in fast jedem Punkt dazu im Widerspruch steht“*1). Wir haben bereits die ersten dieser
Hinweise in Daniel 8 untersucht, die sich – laut Br. Ratzlaff – auf Antiochus Epiphanes beziehen und nichts mit
dem Vor-Advent-Gericht zu tun haben, das in den letzten Tagen stattfindet. Wie wir aufgezeigt haben, ist diese
Meinung unhaltbar. Ich vermute, es wird sich zeigen, dass die meisten dieser anderen biblischen Argumente
kein bisschen besser sind, als die, die wir schon geprüft haben; und dass einige sogar schlechter sind. Bevor wir
uns die anderen Argumente von Br. Dale gegen das Gericht ansehen, möchte ich einige Punkte
zusammenfassen (und in einigen Fällen näher darauf eingehen) und dann auf bestimmte Argumente von ihm
antworten.

Daniel 2

Lasst uns mit Daniel 2 beginnen. Es fängt an mit Babylon und endet mit Christi ewigem Königreich. Daniel 2
bildet die prophetische Grundlage des ganzen Danielbuches. Auf die eine oder andere Art führen die meisten
der Prophezeiungen im Folgenden in näher aus, was in diesem Kapitel dargelegt wurde. Kapitel 2 kann so
zusammengefasst werden:

Babylon - Medo-Persien - Griechenland - Rom - das zweite Kommen Jesu.

Ich kann es nicht genug betonen, wie wichtig Daniel 2 für unsere prophetische Interpretation ist. (Studiere das
Kapitel selbst noch einmal, während du liest, was ich hier schreibe.) Daniel 2 legt den Grund für unsere
Sichtweisen, die dadurch so unerschütterlich und wortgetreu sind, wie die Weltgeschichte selbst. Es legt die
ganzen prophetischen Parameter Daniels fest. Es beinhaltet ferner die Methodik, wie wir die Prophezeiungen
interpretieren sollen, und es belegt, dass diese Prophezeiungen in der Antike beginnen und den Lauf der
gesamten Weltgeschichte hindurch bis „in die Zeit des Endes“ umspannen, also noch über unsere Tage hinaus
in die zukünftige Welt von Gottes Königreich reichen. Dieser letzte Punkt kann nicht genug betont werden,
besonders im Licht der verschiedenen Theorien über die Deutung der Prophezeiungen Daniels.

Daniel 2 beschreibt eine ununterbrochene Reihenfolge von Königreichen, die mit Babylon beginnt und mit dem
Ende dieser Welt endet; es zeigt also die Notwendigkeit auf, dass man historistisch an die notwendige
Interpretation dieser Prophetie herangehen muss. Das Kapitel zeigt auch, dass diese Prophezeiungen auf der
Historie beruhen, einer Geschichte, die progressiv voranschreitet, indem sie in der Antike beginnt und ihren
Höhepunkt in der Zukunft erreicht.

Studiere Daniel 2, 37-44, wo Daniel ausdrücklich sagt, dass die Prophezeiung sich über vier große Weltreiche
erstreckt, die mit dem Babylon Nebukadnezars beginnen und dann enden, wenn der Gott des Himmels sein
ewiges Königreich erreichtet. Folglich enthalten diese Verse den Schlüssel zum Verständnis der
Prophezeiungen, weil sie selbst die Prophezeiung schon auslegen. Das erhärtet auch den historistischen Ansatz
der Interpretation (mit der die Adventisten fast allein dastehen), die aber der Text auch fordert. Die Historik
lehrt, was Daniel 2 auch lehrt: dass diese Prophezeiungen dem Weg der Menschheitsgeschichte von der Antike

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bis zur Ewigkeit folgen, und dass sie sich nicht allein auf die Ereignisse in grauer Vorzeit konzentrieren oder nur
auf Geschehnisse in der Zukunft, sondern den ganzen Rahmen der Weltgeschichte umspannen. Demnach wird
uns gleich im ersten prophetischen Abschnitt von Daniel der Schlüssel gegeben, um diese Prophezeiungen zu
verstehen.

Somit entkräftet Daniel 2 die Meinung, dass all diese Prophezeiungen schon in ferner Vergangenheit erfüllt
wurden, wie etwa unter der Herrschaft von Antiochus Epiphanes, wie einige behaupten. Daniel deutet den
letzten Teil der Vision – den Stein, der herabkam ohne Zutun von Menschenhänden und alles vernichtet, alle
vorherigen Weltreiche, bis sie wie Spreu auf der Sommertenne wurden und der Wind sie verwehte und „dass
man sie nirgends mehr finden konnte“ (Vers 35) – folgendermaßen: „Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott
des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk
kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst wird ewig bleiben“ (Daniel
2, 44). Wie wir wissen, ist das das Ende der gegenwärtigen Welt; ein noch zukünftiges Ereignis. Daniels
Deutung, die mit Babylon beginnt und in der Zukunft endet, entkräftet jede Auslegung, dass die
apokalyptischen Prophezeiungen dieses Buches nur auf die ferne Vergangenheit begrenzt sind.

Auch die Versuche, alle diese Ereignisse in die Zukunft zu verlegen, erklärt Daniel 2 für nichtig und auch, die
Sinnbilder so zu deuten, dass jetzige oder noch aufkommende Mächte sich vor dem Ende der Welt gegenseitig
angreifen und in gewaltige apokalyptische Kämpfe verwickeln werden. In Daniel 2, 37 benennt der Prophet
Babylon selbst (verkörpert durch Nebukadnezar) als den ersten Teil der Statue, was beweist, dass die
Prophezeiung jedenfalls mit einem Symbol anfängt, das schon vor Hunderten von Jahren vor Christus bestand
und nicht nur allein von zukünftigen Königreichen (die allgemein in oder um den mittleren Osten liegen)
handelt. Wir brauchen weder zu raten noch zu spekulieren. Die Deutung und das Vorgehen zur Deutung
wurden angegeben; nicht nur für Daniel 2, sondern auch für die Kapitel 7 und 8. Diese beiden Kapitel sind
erweiterte Ausführungen und Wiederholungen von Daniel 2. Tatsächlich, allein die Beweise in Kapitel 7 und 8
(und erst recht die gegenseitigen Parallelen zusammen mit Daniel 2) lassen nur eine historistische Auslegung
zu, weil sich genau so die Prophetie selbst ausgelegt hat: als eine Darstellung großer Weltimperien, wobei das
Erste in der Antike entstand und das Letzte endet, wenn Gott sein ewiges Reich aufrichtet.

Schließlich erklärt Daniel 2 (und die Kapitel 7 und 8) auch noch die Meinungen für ungültig, die mehrere
Deutungen zulassen und behaupten, dass mit der einen Epoche dies gemeint sei und ein anderes Mal etwas
anderes und dass es in unserer Zeit noch etwas anderes bedeute. Was gibt jemandem das Recht, in diese
Kapitel verschiedene Erfüllungen hineinzulegen, besonders, wenn Daniel selbst die Prophezeiung erklärt - vier
große Königreiche, die aufkommen bis zuletzt Gottes Königreich kommt und fest gegründet ist (Daniel 2,
37-44)? Daniel sagt nicht, dass diese Prophezeiungen einmal dies bedeuten und ein anderes Mal in einer
anderen Epoche jenes, und noch etwas anderes in einer anderen Zeit und dass alle diese Denkansätze zulässig
sind. Er sagt ganz klar, ohne etwas zu verschleiern, was die Prophezeiung umfasst: eine Aufeinanderfolge von
Weltreichen, die ihren Höhepunkt am Ende der Welt mit Jesu zweitem Kommen erreicht. Die Prophezeiungen,
die sich selbst auslegen, geben sich selbst auch eine Deutung, die in der Weltgeschichte verankert ist, mit
einem gewaltigen, unverrückbaren Hauptteil, der von Natur aus keine mehrfachen Erfüllungen und Deutungen
zulässt.

Mit der Benennung von Babylon selbst, als dem goldenen Haupt der Statue (Vers 38), legt er die Prophezeiung
ausdrücklich auf dieses genau bezeichnete Königreich fest. Allein schon diese Tatsache verwehrt ein
Denkmuster von einer mehrfachen Erfüllung. Abgesehen von der Nennung Babylons, mit welchem Recht
unterschieben wir den anderen Symbolen in dieser Prophezeiung mehrere Deutungen zu unterschiedlichen
Zeiten? Können wir bei jeder Neuinterpretation nur Babylon so wörtlich stehen lassen, während wir jedes
andere Symbol dieser Prophezeiung so abändern, dass es gerade so in unsere Deutung passt, wie es uns
beliebt? Oder können wir die eindeutige Festlegung auf Babylon in diesem Kapitel einfach ignorieren (also das
Babylon Nebukadnezars, das viele Jahrhunderte v. Chr. existierte und das die Prophezeiung fest in der
Geschichte verwurzelt hat) und uns ein anderes Vorgehen einfallen lassen, das auf die Deutung in eine andere
Epoche der anderen Symbole dieser Prophezeiung angewendet wird? Daniel 2 legt die Parameter fest, die nicht
viele Möglichkeiten zulassen, wie man diese oder die anderen apokalyptischen Prophezeiungen in demselben
Buch deuten kann.

Das Argument, das gegen mehrere Erfüllungsmöglichkeiten spricht, wird noch untermauert, wenn wir uns die
Kapitel 2, 7 und 8 im Vergleich ansehen. Wie wir gesehen haben (und auch weiter sehen werden) handeln

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diese Kapitel hauptsächlich von bedeutenden Königreichen, von vier Irdischen und einem Göttlichen. Von den
fünfen sind vier ausdrücklich genannt worden. Die fünf Imperien oder Königreiche können so bezeichnet
werden:

Babylon - Daniel 2, 38
Medo-Persien - Daniel 8, 20
Griechenland - Daniel 8, 21
(ungenanntes viertes Königreich) - Daniel 2, 40
Gottes ewiges Königreich - Daniel 2, 44; 7, 14,18,27

Innerhalb der Prophezeiungen selbst werden also vier der fünf Elemente vom Herrn selbst benannt. Und
angesichts der Reiche, die mit Namen benannt sind – gewaltige Imperien, die unverrückbar und unveränderlich
in die Weltgeschichte verwurzelt sind –, kann die Vorstellung sicherlich nicht aus dem Text selbst abgeleitet
werden, dass man diesen Prophezeiungen verschiedene Erfüllungen in den verschiedenen Epochen zuordnen
kann.

Das kleine Horn von Daniel 7

Daniel 7 gibt uns im Wesentlichen dieselbe prophetische Reihenfolge (mit derselben historischen Hermeneutik)
wie Daniel 2, nur mit mehr Einzelheiten. Noch einmal: Ich empfehle dir als Leser dringend, dass du diesem
Gedankengang in der Bibel selbst folgst. (Mein Buch, „1844 – leicht gemacht“, kann dabei auch helfen.)

In Kapitel 7 hat Daniel einen Traum von vier Tieren, die aus dem großen Meer emporsteigen. Diese Tiere sind
bildlich als große Königreiche dargestellt worden, die eines nach dem anderen aufkommen (genauso wie die in
Daniel 2 beschriebene Vision), gefolgt von der Aufrichtung des Reiches Gottes (Daniel 7, 1-18). Eine
Aufeinanderfolge von Weltmächten? Ein Gang durch die Weltgeschichte? Noch einmal, die Prophetie selbst
lehrt uns, wie wir sie zu deuten haben und lehrt uns auch, die historische Methode anzuwenden und weiter
nichts. Immer wieder haben im Verlauf der Geschichte zahlreiche Kommentatoren diese vier Tiere ganz richtig
beschrieben als Babylon, Medo-Persien, Griechenland, Rom und Gottes ewiges Königreich; gerade so, wie sie
das auch mit Daniel 2 gemacht haben. Diese Interpretation ist nicht nur einmalig bei den Adventisten, bei
weitem nicht.

Eine Menge Einzelheiten werden uns jedoch von dem vierten Tier in Daniel 7 mitgeteilt. Daniel hätte „gern
Genaueres gewusst über das vierte Tier“ (Vers 19), über die Macht, die gleich nach Griechenland aufkam).

Welches große Imperium folgte auf den Untergang Griechenlands? Kein anderes als das heidnische Rom, die
Macht, die genau genommen den Untergang Griechenlands verursacht hatte. Wie könnte das vierte
dargestellte Tier irgendetwas anderes als Rom sein, eine gewaltige Weltmacht, eine verfolgende, eine
verschlingende Macht (Daniel 7, 7) die – noch einmal – gleich nach dem Fall der vorhergehenden Macht
emporkommt? Darauf passen nicht viele andere Anwärter und schon gar nicht in diesem Zusammenhang. Es
kann nur das heidnische Rom sein, das, so wie es gewesen ist, für Jahrhunderte von den Kommentatoren
identifiziert worden ist. Uns, die wir von unserem perspektivischen Rückblick aus die historische
Dokumentation überblicken können, fordert diese Identifizierung keinen großen Glauben ab. Wer benötigt
denn dazu Glauben, um zu erkennen, dass das heidnische Rom nach dem Untergang Griechenlands auftrat?
Das wäre dasselbe, als wenn ich sagte „ich glaube fest daran, dass Napoleon bei Waterloo besiegt wurde“.

Nun, aus diesem vierten Tier, dem heidnischen Rom, erwächst eine schreckliche Kleine-Horn-Macht, die viele
ähnliche Eigenschaften hat wie das kleine Horn in Daniel 8. Dieser wesentliche Punkt ist es wert, ihn zu
wiederholen: Diese Horn-Macht in Daniel 7 ist kein isoliertes, einzelnes Tier, sondern ein Teil des vierten Tieres,
des heidnischen Roms. Mit anderen Worten, dieses kleine Horn ist anders als alle vorherigen Tiere, die völlig
eigenständige Tiere und somit völlig eigenständige Mächte waren; es ist nicht von Rom getrennt. Es ist
vielmehr ein Teil Roms und stellt einfach eine spätere Phase davon dar.

Diese Prophezeiung ist eine exakte Vorhersage dessen, was mit dem heidnischen Rom passierte. Wurde Rom
irgendwann durch ein ganz neues Königreich abgelöst, so wie die vorherigen Königreiche, die alle durch neue
unterschiedliche Tiere dargestellt wurden? Oder verwandelte Rom sich selbst in etwas anderes, in einen

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verlängerten Arm von dem, was es war? Verhielt es sich nicht so wie das Eisen in Daniel 2 (welches das vierte
Königreich darstellt), das aber die ganze Zeit hindurch bis zu den Füßen und Zehen der Statue vorhanden bleibt
und das als viertes Königreich bis zum Ende bestehen bleiben wird, wenn auch in anderer Form?

Natürlich ist das Letztgenannte die richtige Antwort. Das vierte Tier ist nie vergangen, es hat sich nur verändert.
Einige Historiker wollen nicht einmal über den „Fall“ des heidnischen Roms sprechen; stattdessen ziehen sie
vor, es eine Umgestaltung zu nennen (nicht umsonst spricht man daher von der römisch-katholischen Kirche).
Noch einmal, denn dieser Punkt kann nicht genug betont werden: Diese Kleine-Horn-Macht ist ein Teil des
vierten Tieres. Sie ist keine neue Macht wie jedes der vorherigen Imperien. Wie einer der tonangebenden
politischen Philosophen in einer der größten geschichtlichen Ausarbeitungen schrieb: „Wenn man die
Entstehung dieser kirchlichen Herrschaftsform betrachtet, wird man leicht erkennen, dass das Papsttum nichts
anderes ist, als der Geist des verstorbenen römischen Imperiums, das gekrönt an seinem Grabe sitzt.“*2)

Achte darauf, wie die Kleine-Horn-Macht in der Vision selbst beschrieben wurde: Nach der Beschreibung der
ersten drei Tiere (Babylon, Medo-Persien und Griechenland, sie alle wurden von Daniel in verschiedenen Teilen
seines Buches namentlich erwähnt, wenn auch unter verschiedenen Symbolen), sagt Daniel:

„Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich
und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es
mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner. Als ich aber auf
die Hörner achtgab, siehe, da brach ein anderes kleines Horn zwischen ihnen hervor, vor dem drei der
vorigen Hörner ausgerissen wurden. Und siehe, das Horn hatte Augen wie Menschenaugen und ein Maul,
das redete große Dinge. Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein
Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle; Feuerflammen waren sein Thron
und dessen Räder loderndes Feuer. Von ihm ging aus ein langer feuriger Strahl. Tausendmal Tausende
dienten ihm und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die
Bücher wurden aufgetan. …. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich …. Seine Macht ist ewig und vergeht
nicht, und sein Reich hat kein Ende“ (Daniel 7, 7-10, 14 Hervorhebungen hinzugefügt).

Lies diese Verse wieder und wieder, bis der klare, unbestreitbare Beweis dieser Reihenfolge von Ereignissen
fest in deinem Gedächtnis verankert ist: Nach Babylon, Medo-Persien und Griechenland kommt eine vierte
Macht (das heidnische Rom); und aus dieser Macht erwächst ein kleines Horn (und bleibt weiterhin Teil des
vierten Tieres), gefolgt von einem Gericht im Himmel; ein Gericht, das (wie wir sehen werden) zur Aufrichtung
des Reiches Gottes führt.

Schon durch das gründliche Erfassen des Gesamtzusammenhangs der Reihenfolge, wird die Identität dieser
Macht zweifelsfrei festgestellt. Nach Griechenland kommt diese vierte Macht auf und besteht (wie zuvor
gesehen) bis zum Ende der Welt. Diese vierte Weltmacht, die Macht, welche die Dritte zu Fall brachte, ist Rom.
Und ebenso wie die vierte Macht zwei Phasen hat – die erste dreht sich um das Tier selbst und die zweite um
das kleine Horn, das aus dem vierten Tier hervorkam –, so hatte auch Rom zwei Phasen, eine heidnische, die
den Untergang Griechenlands bewirkte und eine päpstliche Phase, die fortdauert bis zum Ende der Zeit.

Man kann also Daniel 7 wie folgt zusammenfassen:

Babylon
Medo-Persien
Griechenland
Rom (heidnisch/päpstlich)
Gericht im Himmel
Jesu zweites Kommen

Studiere Daniel 7 bis dir die Reihenfolge ganz klar ist; denn sie ist wichtig. Wie ich in meinem Buch „1844 –
leicht gemacht“ hervorhob, erscheint diese spezifische Reihenfolge – kleines Horn, die Gerichtsszene im
Himmel, das zweite Kommen Jesu – in Daniel 7 drei Mal und betont damit ihre Wichtigkeit. Wir haben uns
schon eine Schilderung angesehen (Daniel 7, 7-10), lasst uns jetzt die zwei anderen auch noch betrachten:

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„Danach hätte ich gern Genaueres gewusst über das vierte Tier, das ganz anders war als alle anderen; ganz
furchtbar, mit eisernen Zähnen und ehernen Klauen, das um sich fraß und zermalmte und mit seinen
Füßen zertrat, was übrig blieb; und über die zehn Hörner auf seinem Haupt und über das andere Horn, das
hervorbrach, vor dem drei ausfielen; und es hatte Augen und ein Maul, das große Dinge redete und war
größer als die Hörner, die neben ihm waren. Und ich sah das Horn kämpfen gegen die Heiligen, und es
behielt den Sieg über sie, bis der kam, der uralt war und Recht schaffte den Heiligen des Höchsten und bis
die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich empfingen“ (Daniel 7, 19-22 Hervorhebungen hinzugefügt ).

Beachte noch einmal die Reihenfolge: Das vierte Tier (welches das kleine Horn mit einschließt), das Gericht im
Himmel, dann das Reich Gottes.

„Er sprach: Das vierte Tier wird das vierte Königreich auf Erden sein; das wird ganz anders sein als alle
anderen Königreiche; es wird alle Länder fressen, zertreten und zermalmen. Die zehn Hörner bedeuten
zehn Königreiche, die aus diesem Königreich hervorgehen werden. Nach ihnen aber wird ein anderer
aufkommen, der wird ganz anders sein, als die vorigen und wird drei Könige stürzen. Er wird den Höchsten
lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten und wird sich unterstehen, Festzeiten und Gesetz zu
ändern. Sie werden in seine Hand gegeben werden eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit. Danach
wird das Gericht gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und ganz und gar vernichtet
werden. Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel
wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte
werden ihm dienen und gehorchen“ (Daniel 7, 23-27 Hervorhebungen hinzugefügt).

Wie könnte man die Reihenfolge klarer oder noch konkreter beschreiben?

Das kleine Horn


Gericht im Himmel
Gottes ewiges Königreich.

Ich halte mich jetzt nicht mit dem klaren Beweis auf, der in der Beschreibung des kleinen Horns ganz eindeutig
ans Licht gekommen ist und nur eine einzige plausible Deutung zulässt: Es handelt sich um das päpstliche Rom.
Ich behandelte das auch schon in meinem Buch „1844 – leicht gemacht“.
Die Bände 1 und 2 aus der Buchserie, die der Daniel- und Offenbarungs-Arbeitskreis herausgegeben hat,
untersuchen diesen Beweis in allen Einzelheiten. Es genügt hier zu sagen, dass eine Macht, die direkt aus dem
heidnischen Rom entsteht (Daniel 7,8.20.24) - eine gotteslästerliche und religiöse Macht (Daniel 7,8.20.25),
eine verfolgende Macht (Daniel 7, 21.25), und eine Macht, die sich untersteht „Festzeiten und Gesetze zu
ändern“ (Daniel 7, 25) - nicht viel Auswahl übrig lässt, insbesondere auch deshalb, weil eine Menge
Einzelheiten über dieses kleine Horn angegeben werden (mehr als über Babylon, Medo-Persien, Griechenland
oder das heidnische Rom). Das heißt, es spielt offensichtlich eine Hauptrolle in der Weltgeschichte und ist den
vorangegangenen Reichen durchaus ebenbürtig. Wie viele verfolgende Mächte, die direkt aus dem
heidnischen Rom hervorgingen, wurden zu einer gewaltigen Weltmacht mit eindeutig religiösem Charakter?
Die Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Mit einem weiteren Detail ist die Identität tatsächlich absolut
unmissverständlich.

In der Beschreibung dieser Kleinen-Horn-Macht erscheint die erste apokalyptische Zeitweissagung des Buches
Daniel. Gemäß Daniel 7,25 werden die Heiligen „in seine Hand (in die Hand des kleinen Horns) gegeben werden
eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit“. Dass diese Zeitspanne dreieinhalb Jahre bedeutet, wird von fast
allen Bibelwissenschaftlern anerkannt (nicht nur von adventistischen Theologen). Beispielsweise interpretiert
die King-James-Studienbibel von Thomas Nelson (keine adventistische Publikation) Daniel 7, 25
folgendermaßen:

„Eine Zeit und Zeiten und die Teilung der Zeit“ (oder „eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit“) ist ein
Ausdruck, der im Danielbuch und in der Offenbarung verwendet wird und sich auf dreieinhalb Jahre oder 1260
Tage oder 42 Monate bezieht.“ (Daniel 12,7; Offenbarung 11,2.3; 12,6.14; 13,5).

Demnach haben auch Nichtadventisten kein Problem damit, die „eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe Zeit“ in
1260 Tage umzuwandeln. Alles, was man dann tun muss, ist das Tag-Jahr-Prinzip auf die 1260 Tage
anzuwenden; und es werden 1.260 Jahre.

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Natürlich greift Br. Dale auch das Tag-Jahr-Prinzip an; dabei ignoriert er zwei Kapitel von Dr. Sheas
geschriebenem Band 1 der Daniel und Offenbarungs-Reihe, welche nicht nur die Richtigkeit des Tag-Jahr-
Prinzips als Gesamtheit beweisen, sondern dabei auch begründet, weshalb es speziell auf diese Prophezeiung
angewendet werden muss. Ich werde auf den Streitpunkt des Tag-Jahr-Prinzips später noch einmal eingehen.
Es genügt, jetzt so viel zu sagen: Die Kleine-Horn-Macht entsteht direkt aus dem heidnischen Rom, das seinen
Untergang (als heidnisches Rom) etwa im 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr. erlebte. Daraus entstand diese Kleine-
Horn-Macht, die die Heiligen für 1260 „Tage“ (Daniel 7, 23-25) verfolgte. Nach dieser Verfolgung kommt ein
Gericht im Himmel, das der Aufrichtung des ewigen Königreichs Gottes vorausgeht (Verse 26+27).

Nun, entweder ist der Zeitrahmen wortwörtlich zu nehmen (dreieinhalb tatsächliche Jahre), oder prophetisch
(1260 Jahre). Welche Variante ist die bessere?

Inmitten all der prophetischen Symbole von Daniel 7 (geflügelte Löwen und Leoparden, ein Tier mit
Eisenzähnen, ein Horn, das Augen und ein Maul hat) finden wir eine Zeitprophezeiung, die die Aktivitäten eines
Horns, das ein Maul und Augen hat, beschreibt. Wenn man den Zeitraum von dreieinhalb Jahren wörtlich
nimmt (auch wenn sie inmitten unter diesen Symbolen erscheinen), dann ist eine von zwei Varianten möglich.

Erstens, die Verfolgung wurde mindestens 1500 Jahre lang aufgeschoben; denn bekanntlich kam ja das kleine
Horn nach dem Untergang des heidnischen Roms auf - also im 5. bis 6. Jahrhundert n. Chr. - während das
Gericht, das erst nach den 1260 Tagen der Verfolgung stattfindet, mit dem zweiten Kommen Jesu endet; d. h.
zumindest nicht früher als jetzt im 21. Jahrhundert. Daher müsste eine große Lücke existieren zwischen dem
Aufkommen des kleinen Horns (6. Jahrhundert n. Chr.) und den 1260 Tagen der Verfolgung, die noch
unmittelbar vor dem Endgericht kommt, welches dem zweiten Kommen Jesu vorausgeht. Bei dieser Annahme
erwächst eine verfolgende Macht aus dem heidnischen Rom; aber diese Verfolgung fängt für mindestens 1500
Jahre und mehr nicht an? Vergiss nicht, wir leben bereits im 21. Jahrhundert und Gottes Königreich ist bis jetzt
noch nicht erschienen; dabei entsteht es doch nach den wortwörtlichen 1260 Tagen der Verfolgung. Diese
Situation ist zwar möglich aber nicht überzeugend. Nebenbei bemerkt gibt es im Text nirgends einen Hinweis,
dass die Verfolgung bis kurz vor dem Ende der Welt aufgeschoben wird; auch scheinen alle Charakteristiken
des kleinen Horns zusammen aufzutreten.

Die andere Variante ist dann die, dass diese dreieinhalb Jahre der Verfolgung schon früh in der Anfangsphase
des kleinen Horns beginnen mussten, weil seine Charakteristiken scheinbar alle zusammen auftreten und es
keinen Hinweis auf ein Hinausschieben gibt. Das heißt, die Verfolgung muss schon vor ungefähr 1500 Jahren,
etwa im 6. Jahrhundert n. Chr., beendet gewesen sein, also 1260 Tage nachdem sie anfing. Wenn dem so wäre,
dann hätte das ihr nachfolgende Gericht schon vor fast 1 ½ Jahrtausenden begonnen und seither getagt. Dieser
Standpunkt ist ebenso möglich, aber ziemlich unhaltbar, besonders bei solchen Leuten, die sich über die
adventistische Ansicht mokieren, dass das Untersuchungsgericht seit 1844 besteht, und sagen, es ist absurd,
dass ein Gericht so lange andauern soll, nämlich seit 1844.

Kurz gesagt, eine wortwörtliche Interpretation von Daniel 7, 25, bei der die Verfolgung durch die Kleine-Horn-
Macht nur dreieinhalb buchstäbliche Jahre dauert, ist so unwahrscheinlich, dass man sie als Unsinn bezeichnen
muss.

Im Gegensatz dazu: Wenn der Zeitrahmen prophetisch ist (so wie die Symbole, die ihn umgeben) und das
Tag-/Jahr-Prinzip angewendet wird, dann überbrückt die Prophezeiung den Lauf der Geschichte ab dem 5. – 6.
Jahrhundert n. Chr. und endet irgendwann im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert. Damit bringt sie die
Vorhersage viel näher an die „die Zeit des Endes“ heran als alle anderen Prophezeiungen (in Daniel 2, 7 und 8).
Vielleicht haben deswegen Bibelausleger Jahrhunderte lang noch bevor die Freikirche der Siebenten-Tags-
Adventisten existierte, dieses Tag-/Jahr-Prinzip auf Daniel 7,25 angewandt. Es ist also keine ausschließliche
Interpretation der Adventisten, auch wenn sie jetzt fast allein daran festhalten.

So, nun zurück zum kleinen Horn: Wir haben eine religiöse Macht, eine römische Macht, eine verfolgende
Macht, die eine Zeitspanne von mindestens 1260 Jahren überdauert. Wer könnte das sein? Antiochus
Epiphanes? Ich bitte dich! Der Islam? Ein netter Versuch; aber erstens ging der Islam nicht geradewegs aus
dem heidnischen Rom hervor und zweitens ist er wohl kaum als eine römische Macht zu bezeichnen.

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Wer kommt sonst noch in Betracht außer dem päpstlichen Rom? Bei ihm passt alles perfekt. Je älter ich werde,
desto weniger rechthaberisch bin ich bei fast allen Dingen geworden; aber wenn es um die Identität des
kleinen Horns als päpstliches Rom geht, kann man es sich leisten unausstehlich rechthaberisch zu sein.

Also, wenn die 1260 Jahre im 6. Jahrhundert n. Chr. mit dem Anfang der päpstlichen Vorherrschaft beginnen,
dann enden sie irgendwann im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert. Mit welcher Berechtigung man die
Jahreszahlen 538 - 1798 n. Chr. auch verwenden mag und aufgrund welcher Beweise diese Daten auch
ausgewählt wurden, wir brauchen sie eigentlich gar nicht. Stattdessen können wir mit zwei unwiderlegbaren
Argumenten – nämlich das kleine Horn als päpstliches Rom und die Anwendung des Tag-/Jahr-Prinzips auf die
„eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit“ von Daniel 7, 25 – beweisen, dass die nach der 1260-Jahres-
Periode stattfindende Gerichtsszene im Himmel ein Ereignis ist, das irgendwann nach dem späten 18. oder
frühen 19. Jahrhundert noch vor dem zweiten Kommen Jesu stattfindet. Tatsächlich beweisen diese Texte
eindeutig und unwiderlegbar, dass dieses Gericht dem zweiten Kommen Jesu vorausgeht.

Hier noch einmal Daniel 7 mit Daniels erster apokalyptischer Zeitprophezeiung, die in dieser Reihenfolge
enthalten ist. Was ich noch hinzugefügt habe, ist die ungefähre Zeit, in der die jeweils vorausgegangenen
Reiche zusammenbrachen. Obwohl die Historiker diesen Ereignissen oft ganz exakte Daten beilegen, die sich
meist um entscheidende militärische Schlachten drehen, geht ein Weltreich nicht zu einem genauen Zeitpunkt
unter und ein anderes kommt nicht ab einem ganz bestimmten Zeitpunkt auf. Im Allgemeinen geschieht das
über viele Jahre, nicht nur in einem einzigen.

Babylon - endete im frühen bis mittleren 6. Jahrhundert v. Chr.


Medo-Persien - vom frühen bis mittleren 6. Jahrhundert bis Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr.
Griechenland - vom frühen bis mittleren 4. Jahrhundert bis Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr.
das heidnische Rom - von Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. bis zum 5./6. Jahrhundert n. Chr.
das päpstliche Rom - Verfolgung ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. bis zum 18./19. Jahrhundert n. Chr.
Gericht im Himmel
zweites Kommen Jesu

Sicher, das Papsttum endete nicht im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert, aber das sagt die Prophezeiung
ja auch nicht. Vielmehr sagt sie, dass die Verfolgung so lange dauern würde oder zumindest die Zeitspanne
dieser Verfolgung (Offenbarung 13 spricht von einem Wiederaufleben der Verfolgung; aber das ist ein anderes
Thema).

So weit ist in Daniel 7 klargestellt, dass es eine gewaltige Gerichtsszene im Himmel gibt, ein Gericht, das nach
den 1260 Jahren der päpstlichen Verfolgung irgendwann ab dem späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert
stattfindet und der Aufrichtung des ewigen Gottesreiches vorausgeht.

Nicht namentlich erwähnt?

Aber jetzt kommt eine weitere Frage auf. Warum sind in den Prophezeiungen von Daniel 2, 7 und 8 alle
Königreiche namentlich genannt worden, außer dem Vierten, Rom? Wie viel leichter wäre es doch gewesen
und wie viele unnütze und falsche Spekulationen wären unterblieben, wenn die Prophezeiung einfach den
Namen des vierten Königreichs preisgegeben hätte, so wie die von Babylon, Medo-Persien, Griechenland und
Gottes letztem Königreich. Andererseits hat die Nennung der Namen auch nicht alle möglichen Vermutungen
und Interpretationen verhindert, so dass diese Mächte als alles Mögliche identifiziert wurden, nur nicht als das,
was der Text selbst sagt, wer oder was diese Mächte sind. Manche behaupten, dass Rom deshalb nicht genannt
wurde, weil das Buch Daniel nicht prophetisch ist und Daniel es nicht zurzeit des babylonischen und frühen
medo-persischen Reichs geschrieben hat, wie er sagt. Sie behaupten, Daniel hätte während des griechischen
Weltreichs gelebt und hätte daher die Geschichte, die bereits stattgefunden hatte, einfach rückblickend
nacherzählt und die Ereignisse eben nicht vorausgesagt, bevor sie eintraten. Mit anderen Worten: Die Berichte
über die Löwengrube, den feurigen Glutofen, den Befehl, die weisen Männer umzubringen, die Träume und
Visionen, all das wurde erfunden und sind Fabeln, ohne jegliche historische Echtheit. Diese Ansicht ist unter
Theologen weit verbreitet (leider), sogar bei einigen unserer eigenen. Sie ist auch besonders beliebt bei denen,
die das kleine Horn für Antiochus halten.

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Ein Hauptproblem mit dieser Auffassung (und es gibt noch viele andere, da bin ich sicher) ist, dass – selbst
wenn jemand dem späteren Datum von Daniel zustimmt (was in Wirklichkeit reine Spekulation ist) und somit
die Abfassung seines Buches auf etwa die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. verlegt – Daniel einen erstaunlichen
Job gemacht haben muss, weil er das mehr als 500 Jahre später aufkommende heidnische römische Imperium
und seinen Zerfall in verschiedene europäische Staaten beschreibt (Daniel 2, 41-44). Auch gibt es dann noch
Daniels Voraussagen über die Umwandlung des heidnischen Roms in das päpstliche im 5. bis 6. Jahrhundert n.
Chr. (Daniel 7, 23-25), was für einen Mann, der vermutlich rund 1 ½ Jahrhunderte v. Chr. schrieb nicht schlecht
wäre. (Es wäre vergleichsweise so, als ob jemand ein Jahrhundert vor Luther den Aufstieg und Fall der
Sowjetunion beschrieben hätte).

Vielleicht ist Rom deswegen nicht direkt namentlich genannt worden, weil der Herr wusste, dass Rom für
Jahrhunderte die Heiligen Schriften unter seiner alleinigen Kontrolle hatte; und hätten die Führer ihr Reich
eindeutig erkennen können, das auch noch in so einem schlechten Licht dargestellt wird, hätten sie die Heilige
Schrift oder das Buch Daniel oder zumindest die Kapitel, die von ihnen handeln, vernichten können. Aber so
wie es war, unklar, von wem die Texte reden, konnte Rom die Identität anderen zuschreiben, statt auf sich
selbst zu beziehen. Einstweilen hielt der Herr die Identität verborgen, wohl wissend, dass er zur rechten Zeit
Leute aufstehen lässt, insbesondere die protestantischen Reformatoren, die die wahre Identität der Kleinen-
Horn-Macht entdecken würden. Nach all dem sagt Daniel, dass seine Worte „verborgen und versiegelt“ werden
sollten „bis auf die letzte Zeit“ (Daniel 12, 9).

Sogar die Juden, die zurzeit des römischen Weltreiches lebten, haben diese Prophezeiungen oft wie folgt
interpretiert: Babylon, Medo-Persien, Griechenland und – Edom. Wieso Edom? Weil sie sich vor den Römern
fürchteten, versteckten sie ihre Deutung hinter diesem Namen; so, wie es der Herr in seiner göttlichen
Fürsorge und Voraussicht schon bei Daniel Hunderte von Jahren vorher getan hatte.

Obwohl der Herr in der Prophetie Rom nicht mit Namen nennt (jedoch die Kriterien zur Identifizierung), verfuhr
er so auch im Neuen Testament, wo Rom der ausschlaggebende Akteur im Hintergrund war. Das Neue
Testament selbst entstand während des Königreichs, das nach Griechenland aufkam (das ist das vierte
Königreich nach Daniel 2 und 7 und das Dritte in Daniel 8) und enthält eine Fülle von Hinweisen auf Rom bzw.
die römische Macht (in diesem Fall auf die heidnische Periode von Rom). Die Evangelien, die Apostelgeschichte,
die apostolischen Briefe, sie alle entstanden in einem römischen Umfeld. Daniel erwähnt namentlich Babylon,
Medo-Persien und Griechenland, während das Neue Testament Rom benennt, die Macht, die nach
Griechenland aufkam und die Welt zur Zeit Jesu und auch noch danach beherrschte.

Viele Texte im Neuen Testament weisen direkt oder indirekt auf Rom und die römische Macht hin: „Es begab
sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde“ (Lukas
2, 1). Beachte, „alle Welt“ sollte geschätzt werden. Nur eine Weltmacht konnte alle Welt schätzen. Daniel 7, 23
sagt, dass das vierte Tier „alle Länder fressen“ wird und nach diesem Text in Lukas war es Cäsar, der den Erlass
herausgab. Wer oder was könnte ein treffenderes Symbol für Rom sein? (siehe auch Johannes 11, 48; Matthäus
22, 17; Lukas 3,1; Apostelgeschichte 25, 21.)

Auch Jesus sprach über die zukünftige Zerstörung Jerusalems: „Wenn ihr sehen werdet dass Jerusalem von
einem Heer belagert wird, dann erkennt, dass seine Verwüstung nahe herbeigekommen ist. Alsdann, wer in
Judäa ist, der fliehe ins Gebirge und wer in der Stadt ist, gehe hinaus, und wer auf dem Lande ist, komme nicht
herein (Lukas 21, 20-21). In der Parallelstelle in Matthäus sagt Jesus, „wenn ihr nun sehen werdet das
Gräuelbild der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel – wer
das liest, der merke auf! -, alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist“ (Matthäus 24, 15-16).

Im Zusammenhang mit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer (man würde schon sehr in Verlegenheit
kommen, wenn man einen seriösen Bibelwissenschaftler finden müsste, der nicht glaubt, dass sich Jesus hier
auf die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. bezieht) verknüpft Jesus das römische
Imperium mit dem Buch Daniel. Deshalb weist Jesus nicht nur auf Rom hin, sondern er gibt ihm seinen Platz
innerhalb des Buches Daniel, wo die Formulierung „Gräuel der Verwüstung“ (revidierte Elberfelder
Übersetzung, und nicht „Gräuelbild“, wie die revidierte Luther-Übersetzung interpretierend hinzufügt!) dreimal
vorkommt und im direkten Zusammenhang mit dem steht, was Jesus ausgesprochen hat. Die drei Stellen
finden sich in Daniel 9, 27, Daniel 11, 31 und Daniel 12, 11. Von besonderem Interesse ist die Verwendung
dieses Ausdrucks in Daniel 9, 24-27. Denn das ist eine Prophezeiung, die, wie die meisten Theologen es

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verstehen, u. a. auf die Zerstörung Jerusalems durch Rom hinweist. Es ist eine Prophezeiung, die (wie wir noch
sehen werden) direkt mit Daniel 7 und Daniel 8 verknüpft ist.

Der Punkt ist der: Daniel hat den Schleier nicht gelüftet und uns den Namen „Rom“ nicht bekanntgegeben, weil
das praktisch das Neue Testament gemacht hat. Wenn wir dem protestantischen Prinzip folgen, dass die Bibel
selbst ihr eigener Ausleger ist, dann finden wir alle vier in Daniel beschriebenen Weltreiche in der Bibel
benannt.

Das kleine Horn und das Gericht

Daniel 7 unterbreitet uns ein starkes Fundament für das Vor-Advent-Gericht. Studiere die klare Reihenfolge der
Ereignisse:
Babylon – nach Babylon Medo-Persien – nach Medo-Persien Griechenland – nach Griechenland das heidnische
Rom – nach dem heidnischen Rom das päpstliche Rom (für 1260 Jahre) – nach dem päpstlichen Rom (der 1260-
Jahres-Periode) das Gericht im Himmel, das dem zweiten Kommen Jesu vorausgeht. Der Fokus liegt auf der
zuverlässigen, unverrückbaren Reihe von Ereignissen: Weltreich folgt auf Weltreich, und darauf folgt ein
himmlisches Gericht, das zum zweiten Kommen Jesu hinführt. Dieses himmlische Gericht (das Vor-Advent- oder
Untersuchungsgericht) ist so fest verwurzelt, wie die mächtigen Weltreiche, die den Weg dahin pflastern. Wir
stehen mit dieser Prophezeiung felsenfest auf unerschütterlichem Grund. Wenn wir sie uns zu eigen gemacht
haben, bis sie uns zur zweiten Natur geworden ist, werden wir fähig sein, fast jedem Angriff auf unsere
prophetische Grundlage zu widerstehen. Daniel 7 liefert den sonnenklaren Beweis für das Vor-Advent-Gericht -
ein Ereignis von klarer, kolossaler Bedeutung, weil es das zweite Kommen Jesu und die Aufrichtung von Gottes
ewigem Reich herbeiführt.

Nun, einige (einschließlich Br. Dale) versuchen, diese Interpretation vom Gericht in Daniel 7 als falsch
hinzustellen. Sie argumentieren, dass das Gericht sich allein gegen das kleine Horn richtet und kein letztes Vor-
advent-Gericht ist, das auch Gottes Kinder mit einbezieht. Mit anderen Worten: Dieses Gericht hat nichts zu
tun mit den Sünden der Heiligen, mit der Reinigung des Heiligtums oder dem Dienst Jesu im himmlischen
Heiligtum. Sie behaupten, es ist einfach ein Gericht gegen die Kleine-Horn-Macht, und mehr nicht.

Mit dieser Behauptung kommen ein paar Probleme auf. Zunächst einmal, wenn das kleine Horn und seine
Aktivitäten historische Ereignisse gewesen wären, die sich schon vor Jesu Zeit abgespielt hätten (wie das
diejenigen sagen, die darauf beharren, dass das kleine Horn Antiochus Epiphanes ist), dann hätte dieses
Gericht, von dem sie vermuten, dass es sich allein gegen das kleine Horn richtet, schon vor der Zeit Jesu
beginnen müssen. Es würde dann über unsere Zeit weiter bis in die Zukunft andauern. Vergessen wir nicht,
dass laut dieser Vorhersage das Gericht zur Aufrichtung von Gottes Königreich hinführt (Daniel 7, 26-28). Also,
wenn dieses Gericht nur den Fall des kleinen Horns allein behandelte und demnach das kleine Horn seinen
Untergang schon mehr als ein Jahrhundert v. Chr. erlebt hätte, dieses Gericht aber zum zweiten Kommen Jesu
führt, was ja bis jetzt im 21. Jahrhundert noch nicht geschehen ist, dann begann das Gericht demnach im 2.
Jahrhundert v. Chr. und besteht mindestens bis ins 21. Jahrhundert n. Chr. weiter. Auch wenn diese Idee
logisch nicht völlig unmöglich ist, so ist sie doch schwerlich glaubhaft oder gar überzeugend.

Andererseits, für diejenigen, die die Aktivitäten des kleinen Horns in die Zukunft verlegen möchten und die das
Gericht auf zukünftige Mächte beziehen, gibt es noch das Problem der Lücke zwischen dem vierten Reich, dem
heidnischen Rom, und dem zukünftigen kleinen Horn. Was passierte eigentlich zwischenzeitlich in der
Geschichte der letzten rund 2000 Jahre? Wenn das kleine Horn einen zukünftigen Antichristen darstellt, dann
müsste Daniel 7 etwa wie folgt ausgelegt werden: Babylon – Medo-Persien – Griechenland – heidnisches Rom
(gefolgt von einer Lücke von etwa 1.500 Jahren; das erstreckt sich über die Zeit der frühen Kirche, die Zeit der
päpstlichen Oberherrschaft, die Reformation etc.), und schließlich eine antichristliche-Macht in den „letzten
Tagen“, die von einem Gericht vernichtet wird, welches das zweiten Kommen Jesu nach sich zieht. Solch eine
Deutung ist auch nicht unmöglich, macht aber überhaupt keinen Sinn, besonders, da es in Daniel 7 keinerlei
Anzeichen von solch einer riesigen Lücke in der Prophezeiung gibt.

Es steht jetzt steht außer Frage, dass das kleine Horn als Folge des Gerichts vor seinem Untergang steht. Es
kann aber auch nicht bestritten werden, dass das Gericht mit dem kleinen Horn und seinen Aktivitäten

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zusammenhängt. Keine dieser beiden Tatsachen hebt das Vor-Advent-Gericht, wie es die Adventisten
verstehen, auf. Im Gegenteil.

Die erste Schilderung des Gerichts erscheint in Daniel 7, 9 und 10:

„Als ich aber auf die Hörner achtgab, siehe, da brach ein anderes kleines Horn zwischen ihnen hervor, vor
dem drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden. Und siehe, das Horn hatte Augen wie Menschenaugen
und ein Maul, das redete große Dinge. Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der uralt war,
setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle; Feuerflammen
waren sein Thron und dessen Räder loderndes Feuer. Und von ihm ging aus ein langer feuriger Strahl.
tausendmal Tausende dienten ihm und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht
wurde gehalten, und die Bücher wurden aufgeschlagen“ (Daniel 7, 8-10).

Beachte, hier wird keine Beziehung zwischen Ursache und Wirkung beschrieben. Daniel beschreibt einfach die
Kleine-Horn-Macht, und dann wird sein Augenmerk auf das Gericht im Himmel gelenkt. Er erzählt von dem
kleinen Horn, und sagt dann, „ich sah ….“ und fährt fort, die Throne, die Feuerflammen, die Bücher und das
Gericht zu beschreiben. Der Ausdruck „ich sah“, ist seine Art zu sagen, was er sah und wie es ihm in seinem
Traum erschien. Er sah das Bild eines sitzenden Uralten; er sah seine weiße Kleidung, Haar wie Wolle, feurige
Throne und brennende Räder. Noch einmal, und das ist ganz wichtig, es wird nichts davon gesagt, dass das
Gericht die Vernichtung des kleinen Horns herbeiführt; obwohl es das sogar tut. Das ist aber nichts
Außerordentliches, denn wie wir wissen, wird am Ende die ganze Welt gerichtet, und dazu gehört natürlich
auch die Kleine-Horn-Macht. Nichts deutet darauf hin, dass das Gericht durch die Handlungen des Kleinen
Horns ausgelöst wird. Eine Begründung für das Gericht wird hier überhaupt nicht genannt. Die gleiche
Reihenfolge erscheint dann noch einmal in den Versen 19-22:

„Danach hätte ich gern Genaueres … gewusst über die zehn Hörner auf seinem Haupt und über das andere
Horn, das hervorbrach, vor dem drei ausfielen; und es hatte Augen und ein Maul, das große Dinge redete,
und war größer als die Hörner, die neben ihm waren. Und ich sah das Horn kämpfen gegen die Heiligen,
und es behielt den Sieg über sie, bis der kam, der uralt war, und Recht schaffte den Heiligen des Höchsten
und bis die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich empfingen.“ (Daniel 7, 19-22)

Hier werden wieder dieselben Ereignisse gezeigt, aber mit einer eindeutigen Verknüpfung zwischen der
Aktivität des kleinen Horns und dem Gericht im Himmel. Es steht also nach diesen Versen außer Frage: Was
immer das Gericht auch sonst noch alles einschließt, ein Vorgehen gegen die Kleine-Horn-Macht gehört auch
dazu. Niemand leugnet das, auch nicht, dass das Gericht letztendlich zur Vernichtung des kleinen Horns führt.
Wie zuvor schon ausgeführt, führt das Gericht zum zweiten Kommen Jesu, wobei jede irdische Macht beendet
wird (Daniel 2, 35+44) einschl. die des kleinen Horns. Der wesentliche Punkt ist, dass das Gericht mehr
beinhaltet als bloß das Gericht gegen das kleine Horn.

Bei der ersten Erwähnung des himmlischen Gerichts (Verse 8-14) beschreibt Daniel nur, was er in seinem
Traum gesehen hat. „Ich sah“ sagt er (Vers 9), und beschreibt, was ihm gezeigt worden war. In Vers 15 und 16
spricht er darüber, was er gefühlt hat, nachdem er den Traum gesehen hatte und stellt ein himmlisches Wesen
vor, das mit ihm redet. „Und er redete mit mir, und sagte mir, was es bedeutet“ (Vers 16). In Vers 17 fängt der
himmlische Deuter an, Daniel zu erklären, wovon der Traum handelt. Die Verse 17-20 sind Daniels
Nacherzählung dessen, was der Interpret ihm gesagt hat – dass es vier Königreiche geben wird und dass aus
dem vierten eine schreckliche Kleine-Horn-Macht entstehen wird, die „große Dinge reden wird“ usw.

Mit dem Beginn des nächsten Textes in Vers 21 wird ein Schnitt gemacht zwischen dem, was Daniel durch den
Ausleger erzählt bekam und dem, was Daniel in dem Traum gesehen hatte. Er schwenkt um von der Deutung
des Engels zu seiner eigenen Schilderung.

„Und ich sah das Horn kämpfen gegen die Heiligen, und es behielt den Sieg über sie, bis der kam, der uralt
war und Recht schaffte den Heiligen des Höchsten, und bis die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich
empfingen“ (Verse 21-22). Anstatt zu aufzuschreiben, was ihm erzählt worden ist, schreibt Daniel über
das, was er gesehen hat, und das, was ihm erschienen ist. „Ich sah“ das kleine Horn diese Dinge tun,
versichert er uns, bis das Gericht sich niederließ.

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Schließlich schwenkt das Kapitel in Vers 23 wieder zurück zu der Deutung, indem der Engel dem Daniel die
Bedeutung dessen erklärt, was er in seinem Traum gesehen hat: „Dann sagt er (der Engel): Das vierte Tier wird
das vierte Königreich auf Erden sein …“.

Die ganze Erklärung des Engels über die Bedeutung der Vision steht in Daniel 7, 17-20, 23-27. Aber die Verse 21
und 22, die von dem Verhältnis der Keinen-Horn-Macht und dem Gericht erzählen, sind keine Interpretation,
sondern bloß eine Beschreibung von dem, was ihm im Traum gezeigt wurde.

Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Das ganze Kapitel 7 hat nur 28 Verse und darin sind der Traum, die
Deutung des Traums und auch etwas von dem Kummer enthalten, den Daniel über das, was ihm gezeigt
worden war, empfand. Mit anderen Worten: Daniel 7 erstreckt sich über die Weltgeschichte, angefangen von
Babylon bis hin zum zweiten Kommen Jesu. Mehr als 2600 Jahre sausen vorbei in gerade mal ein paar Dutzend
Versen, wovon ein guter Teil bloß eine Interpretation der anderen Verse ist. Unter diesen Umständen werden
die Fakten verständlicherweise sehr zusammengedrängt. Dem Autor wurde nicht viel Spielraum gelassen.
Wenn die dreieinhalb Zeiten im späten 18. bzw. frühen 19. Jahrhundert n. Chr. enden, gefolgt von einem dann
beginnenden Gericht, (etwa innerhalb von vielleicht 50 Jahren oder so), dann ist es nicht schwer zu erkennen,
warum das Tier, so wie es ihm in dem Traum erschienen war, seine Aktivitäten ausübte, bis das Gericht
begann. Vom Ende des 18. oder des frühen 19. Jahrhunderts bis sagen wir mal 1844 ist es keine lange Zeit,
besonders dann nicht, wenn in einer Prophezeiung mit ein paar Dutzend Versen mehr als 2600 Jahre umfasst
werden, eine Zeit, in der sogar oft die gleichen Perspektiven der Prophezeiung wiederholt werden. Der
Gebrauch des Wortes „bis“ zeigt einfach, wie es Daniel erschien; es war keine Deutung von ihm selbst.

Dieser Punkt wird erst in der Deutung dessen, was Daniel sah, nachfolgend erklärt:

„Er (der Deuter) sprach: Das vierte Tier wird das vierte Königreich auf Erden sein; das wird ganz anders
sein, als alle anderen Königreiche; es wird alle Länder fressen, zertreten und zermalmen. Die 10 Hörner
bedeuten 10 Könige, die aus diesem Königreich hervorgehen werden. Nach ihnen aber wird ein anderes
aufkommen, das wird ganz anders sein als die vorigen und wird drei Könige stürzen. Es wird den Höchsten
lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten und wird sich unterstehen, Festzeiten und Gesetz zu
ändern. Sie werden in seine Hand gegeben werden eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit. Danach
wird das Gericht gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und ganz und gar vernichtet
werden. Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel
wird dem Volk des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte werden ihm dienen
und gehorchen.“ (Daniel 7, 23-27)

In der Deutung wird (im Gegensatz zu dem, wie es Daniel erschien) das Gericht nicht als eine sofortige Antwort
auf die Aktivitäten des kleinen Horns dargestellt. Das heißt, das Gericht ist nicht das Ereignis, welches die 1260
Jahre der Verfolgung beendet. Die Deutung sagt das nicht. Die Verfolgung des kleinen Horns steckt zumindest
in dem Ausdruck, der beschrieben wird mit „einer Zeit, zwei Zeiten und einer halben Zeit“. Diese Zeit kommt
und geht, und dann tagt das Gericht. Auf jeden Fall besagt die Deutung, dass das Ende der 1260 Jahr nicht
durch das Gericht ausgelöst wird.

Fakt ist, dass das in Vers 26 übersetzte Wort „danach“ ein einzelner hebräischer Buchstabe ist, der übersetzt
werden kann mit „aber“, „und“ oder „dann/danach“. Er wird das ganze Kapitel 7 hindurch gebraucht, um den
chronologischen Fortschritt der Ereignisse aufzuzeigen, wie in Daniel 7, 26. „Danach wird das Gericht
gehalten“. „Und das Gericht wird gehalten.“ Da gibt es eine Verfolgung, die eine bestimmte Zeit lang andauert
und dann, danach, kommt das Gericht. Wenn man dann dogmatisch sagt, dass das Gericht im Himmel die
1260-Jahresperiode der Verfolgung beenden würde, liest man mehr in diesen Text hinein, als darin steht.

Dieser Punkt, ist dogmatisch belanglos, jedoch insofern wichtig, weil einige versuchen, das Gericht allein auf die
Kleine-Horn-Macht und auf das Ende der speziellen Verfolgungszeit zu begrenzen, die beschrieben wird mit
„einer Zeit, zwei Zeiten und einer halben Zeit“. Aber so wird die Prophezeiung von Daniels Interpreten nicht
erklärt. Obwohl das kleine Horn und das Gericht miteinander verknüpft sind, kann man nicht sagen – und schon
gar nicht von der Deutung selbst her – dass die 1260-Jahresperiode durch das Gericht beendet wurde.

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Wer wird gerichtet?

Aber wenn das Gericht tatsächlich wegen der Heiligen und wegen des himmlischem Heiligtums und wegen
denen, die ihren Glauben an Christus bekannt haben, stattfindet – wie wir Adventisten es lehren – warum wird
dann dieses Gericht im Zusammenhang mit dem kleinen Horn geschildert?

Gute Frage. Die kurze Antwort kann man in dem hebräischen Begriff von Gerechtigkeit und Gericht finden, der
nicht nur die Rechtfertigung der Unschuldigen, sondern auch die Bestrafung der Schuldigen mit einschließt;
Elemente, die auch in Daniel 7 und 8 erscheinen. Das kleine Horn verübt seine Gräueltaten gegen Gottes Volk;
und am Ende gibt es ein Gericht, das nicht nur das Volk Gottes rechtfertigt - „… und Recht schaffte den Heiligen
des Höchsten“ (Daniel 7, 22) -, sondern auch den Gottlosen zuletzt Gerechtigkeit widerfahren lässt – „danach
wird das Gericht gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und ganz und gar vernichtet
werden“ (Vers 26). - Mit anderen Worten: Erst im Zusammenhang mit dem Vor-Advent-Gericht (welches das
Werk Jesu im himmlischen Gericht zu unsren Gunsten darstellt) ergibt die Beschreibung vom Untergang des
kleinen Horns, dem Symbol des Bösen, einen richtigen Sinn. Es ist kein Geheimnis, dass die Rechtfertigung der
Heiligen und die Verurteilung des kleinen Horns zusammenhängen. Das ist das typische hebräische Verständnis
von Recht, Gericht und Rechtfertigung: alles gehört zusammen.

„Wenn eine Streitsache zwischen Männern ist und sie vor Gericht kommen und man sie richtet, so soll man
den, der im Recht ist, gerecht sprechen und den Schuldigen schuldig sprechen“ (5. Mose 25, 1). Hier sehen wir
ein fundamentales Prinzip der biblischen Auffassung von Gerechtigkeit und Gericht. Es beinhaltet nicht nur die
der Bestrafung des Schuldigen oder die Freisprechung des Gerechten. Es umfasst beides zugleich, so wie im
Buch Daniel. Dort wird das Gericht gehalten (in Kapitel 7,22) um den Heiligen des Höchsten Recht zu
verschaffen. Noch näher ausgeführt wird dies in Kapitel 8: Denn die Reinigung des Heiligtums beinhaltet auch
das Gericht. Und dieses Gericht führt zum endgültigen Untergang der in beiden Kapiteln beschriebenen
antichristlichen Macht.

„So wolltest du hören im Himmel und Recht schaffen deinen Knechten, dass du den Frevler als Frevler
erkennen und seine Tat auf sein Haupt kommen lässt, aber den, der im Recht ist, gerecht sprichst und ihm gibst
nach seiner Gerechtigkeit.“ (1. Könige 8, 32). Hier ist in einem Vers das Wesentliche enthalten, das in Daniel 7
und 8 beschrieben ist: Bestrafung der Gottlosen und Rechtfertigung der Gerechten. Das ist Gericht, und darum
beschreiben Daniel 7 und 8 die Vernichtung der Kleinen-Horn-Macht; und in diesem Gericht wird nicht nur das
Volk Gottes gerechtfertigt, sondern der Verfolger wird auch bestraft.

Noch einmal: Niemand leugnet, dass als Folge des Gerichts das kleine Horn endgültig vernichtet wird (was
übrigens auch das Ende aller irdischen Königreiche bedeutet); das Gericht, das dem zweiten Kommen Jesu
vorausgeht, beschränkt sich nicht nur einfach auf das kleine Horn. Das ist alles! Das Gericht ist ein viel größeres
und umfassenderes Ereignis, das zur Rechtfertigung der Heiligen führt und ebenso auch zum Untergang ihrer
(und Gottes) Feinde.

Roy Gane von der Andrews-Universität schreibt:

„Wenn es einen Gerichtsprozess gibt, bei dem eine Partei gewinnt und die andere verliert, dann
deswegen, weil sich beide gegensätzlich gegenüberstehen. Aufgrund der Untersuchung wird einer im
Recht, der andere im Unrecht befunden. Das „Horn“ ist gegen Christus. Es spricht überhebliche Worte
gegen „den Allerhöchsten“, unterdrückt sein Volk und beabsichtigt, Gottes Gesetz zu ändern. Die Horn-
Macht ist ein Aufrührer, der die Herrschaft von Jesus Christus beansprucht.
Wenn Christus in dem Gericht gewinnt, gewinnt sein treues Volk mit ihm. Sie sind befreit von der
Zwangsherrschaft des kleinen Horns und bekommen das Königreich: „…bis der kam, der uralt war, und
Recht schaffte den Heiligen des Höchsten und bis die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich empfingen“
(Daniel 7, 22; siehe auch Vers 27).

So, wie der israelitische Hohepriester am Versöhnungstag sein Volk vor Gott darstellte, so stellt Christus
sein Volk dar. Ebenso wie der damalige Versöhnungstag unterscheidet auch das Endzeitgericht zwei
Gruppen: Die, die Gott treu ergeben sind, und die, die das nicht sind.“*3)

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Dasselbe Prinzip finden wir in Daniel 8. Keine Frage, dort richtet sich das Augenmerk auf die Aktivitäten der
Kleinen-Horn-Macht; und es steht auch außer Frage, dass die Reinigung des Heiligtums zu seinem Untergang
führt. Allerdings geschieht das bei dem antitypischen Versöhnungstag, denn das Gericht wird „für“ oder
„zugunsten“ des Volkes Gottes gehalten (siehe Daniel 7, 22). Am Ende erhalten sie das ewige Königreich.

Dieser Punkt wird besonders deutlich bei der in Vers 13 gestellten Frage: „Ich hörte einen Heilligen sprechen.
Ihn, der da sprach, fragte nun ein anderer Heiliger: Auf wie lange Zeit erstreckt sich das Gesicht bezüglich des
täglichen Opfers, des zugefügten Frevels des Verwüsters und der Zertretung des prachtvollen Heiligtums?“
(King James Version)

Bezeichnend ist, dass es das Wort „bezüglich“ im Hebräischen nicht gibt, die hebräische Grammatik erlaubt das
auch nicht. Somit dreht sich die Frage nicht nur um die Aktivitäten des kleinen Horns, sondern die Frage bezieht
sich auf alles in diesem Kapitel Beschriebene, einschl. der Vision vom Widder (Medo-Persien) und dem
Ziegenbock (Griechenland) und ebenso auf die Aktivitäten des kleinen Horns (das heidnische und päpstliche
Rom): Eine wörtliche Übersetzung würde daher so lauten: „Wie lange dauert die Vision, das Tägliche, der Frevel
der Verwüstung und das Zertreten des Heiligtums und des Heeres?“ Mit anderen Worten: Die Frage führt noch
einmal alle die Dinge auf, die in der Vision geschehen. Das Wort für „Vision“, die von dem Widder und dem
Ziegenbock, also von Medo-Persien und Griechenland handelt, ist in der Tat in Vers 13 hazon (siehe nächstes
Kapitel).

Die Frage könnte man daher mit anderen Worten so umschreiben: Wie lange werden alle diese Dinge – vom
Aufkommen Medo-Persiens und Griechenlands an bis hin zu Roms Angriff auf Jesu himmlischen Dienst –
zugelassen werden?

Die Antwort darauf lautet dann, dass das Heiligtum im Himmel gereinigt wird (oder dass das Gericht im Himmel
tagt) am Ende der 2.300 Jahre; und dass als Folge des Gerichts die Heiligen das Königreich erhalten werden
(Daniel 7, 26-28) und die Kleine-Horn-Macht gerichtet und vernichtet wird. Der springende Punkt ist, dass die
Prophezeiung sich über alle Ereignisse dieses Kapitels erstreckt, die von der Geschichte des Volkes Gottes seit
Medo-Persien bis zum Ende der Zeit handeln.

Ich wiederhole: In der hebräischen Bibel schließt das Gericht immer zwei Dinge mit ein - die Bestrafung der
Gottlosen und die Rechtfertigung der Gerechten, der Heiligen. Obwohl dieser Aspekt in Daniel 8 nicht
ausdrücklich erwähnt wird wie in Daniel 7, kommt er doch irgendwie zum Ausdruck; einmal durch das, was das
Urbild des Versöhnungstags lehrt und zum andern durch die Parallelen zwischen Daniel 7 und Daniel 8 (siehe
unten), wobei die Rechtfertigung der Heiligen in Daniel 7 klar gezeigt wird.

Kurz gesagt, diejenigen, die sich an der Vernichtung des kleinen Horns in Daniel 7 und 8 aufhängen, indem sie
behaupten, dass sich das Gericht ausschließlich darauf bezieht, verstehen das Prinzip eines hebräischen
Gerichts nicht, das sowohl die Rechtfertigung der Gerechten, als auch die Bestrafung der Bösen vorsieht. Gibt
es eine bessere Beschreibung des Vor-Advent-Gerichts, das nicht nur die Rechtfertigung der Heiligen ein für
alle Mal nach sich zieht, sondern zu dem einen großen Ereignis hinführt, dem zweitem Kommen Jesu, welches
die endgültige Vernichtung des kleinen Horns mit sich bringt?

Also, diese Fakten widerlegen praktisch das so genannte „Kontext-Problem“ von Daniel 7 und 8 (ein weiteres
wieder aufgewärmtes Desmond-Ford-Argument in Br. Dales Buch*4)), der behauptet, dass das besondere
Thema in Daniel 8 nur das kleine Horn behandelt, das lange nach Beginn der 2300 Jahre die Weltbühne
betreten hat, und somit hat dann Daniel 7 und 8 auch nichts mit einem himmlischen Vor-Advent-Gericht zu
tun. Der Rahmen, in dem die Frage in Vers 13 gestellt wird, zeigt jedoch, dass sie sich auf Ereignisse bezieht, die
natürlich auch das kleine Horn mit seiner Machtergreifung und Verfolgung enthalten, sich darüber hinaus aber
auf den Ablauf der ganzen Menschheitsgeschichte erstrecken, also bei Medo-Persien anfangen und im Ende
der Welt gipfeln.

Noch einmal Daniel 8

Wir haben ja in Daniel 7 eine gewaltige Gerichtsszene im Himmel gesehen, die irgendwann nach 1260 Jahren
der päpstlichen Herrschaft stattfindet. Ein Gericht, das dem zweiten Kommen Christi vorausgeht.

- 41 -
Nun kehren wir zurück zu Daniel Kapitel 8, das wir uns schon in einem früheren Kapitel angesehen haben. Lasst
uns das Kapitel rekapitulieren, weil es ganz wesentlich ist, für das, was wir glauben.

Daniel hat eine Vision von einem Widder, einem Ziegenbock, einem kleinen Horn und dann wird gesagt, dass
das Heiligtum gereinigt wird (Daniel 8, 1-14).

Widder – Ziegenbock - kleines Horn - Reinigung des Heiligtums

Das ist der Kern in Daniel 8. Studiere diese Reihenfolge, bis sie in deinem Gehirn eingebrannt ist. Mache sie dir
zur zweiten Natur; du wirst es nicht bereuen!

Wie wir auch in der Deutung sahen (Daniel 8, 20+21), ist der Widder Medo-Persien, der Ziegenbock
Griechenland, und das kleine Horn ist - obwohl nicht wie der Widder und der Ziegenbock mit Namen genannt –
einzig und allein Rom, und zwar das heidnische und das päpstliche (auch wenn der Schwerpunkt auf der
päpstlichen Phase liegt). Das kleine Horn kann niemand sonst sein; und, wie wir festgestellt haben, zeigt uns
Jesus und das Neue Testament auch warum. Demnach können wir Daniel 8 so zusammenfassen:

Medo-Persien – Griechenland - Rom (heidnisch/päpstlich) - die Reinigung des Heiligtums

Wieder sind die Parallelen zwischen Daniel 2 und Daniel 7 und Daniel 8 nicht nur sehr auffallend und nicht zu
bestreiten, sondern sogar grundlegend. Lasst uns darauf achten: Diese Zeit umfasst das Gericht, das in Daniel 7
ganz deutlich in Erscheinung tritt, und die Reinigung des Heiligtums, dessen Höhepunkt die Vision in Daniel 8
ist.

Daniel 2 Daniel 7 Daniel 8

Babylon Babylon -
Medo-Persien Medo-Persien Medo-Persien
Griechenland Griechenland Griechenland
Rom (heidnisch/päpstlich) Rom (heidnisch/päpstlich) Rom (heidnisch/päpstlich)
- Gericht im Himmel Reinigung des Heiligtums
zweites Kommen Jesu zweites Kommen Jesu -

Beachte die Parallelen:

Babylon in Daniel 2 und Babylon in Daniel 7


Medo-Persien in Daniel 2 Medo-Persien in Daniel 7 Medo-Persien in Daniel 8
Griechenland in Daniel 2 Griechenland in Daniel 7 Griechenland in Daniel 8
Rom in Daniel 2 Rom in Daniel 7 Rom in Daniel 8

Dann erscheint nach Rom in Daniel 7 die Gerichtsszene im Himmel und direkt parallel dazu steht die Reinigung
des himmlischen Heiligtums, die auch in Daniel 8 nach Rom kommt. Kurz gesagt, diese gewaltige Gerichtsszene
in Daniel 7, das Gericht, das dem Ende der Welt vorausgeht, ist dasselbe Ereignis wie die Reinigung des
Heiligtums in Daniel 8. Hier wurden nur zwei unterschiedliche Beschreibungen für ein und dieselbe Sache
gegeben: Das Vor-Advent-Gericht (denn es ist klar, dass das Gericht in Daniel 2 vor dem zweiten Kommen Jesu
stattfindet) ist auch bekannt unter der Reinigung des himmlischen Heiligtums in Daniel 8.

Schlussendlich erzählen beide Kapitel, Daniel 2 und Daniel 7, ganz speziell vom Ende der Welt, jedenfalls dieser
jetzigen Welt, und das passiert beim zweiten Kommen Jesu.

Der entscheidende Punkt ist die Parallele zwischen der gewaltigen Gerichtsszene in Daniel 7 und der Reinigung
des himmlischen Heiligtums in Daniel 8. Ich kann es nicht genug betonen, wie wichtig diese Parallele ist. Die
Gerichtsszene in Daniel 7 ist einfach ein anderer Weg, die Reinigung des Heiligtums in Daniel 8 auszudrücken;
genauso wie die Beschreibung des Bären in Daniel 7 eine andere Art ist, den Widder in Daniel 8 darzustellen.
Eine Beschreibung fügt sich zu der anderen; eine führt die andere näher aus; und zusammen ergibt das für uns
eine Menge an Informationen über das besondere Ereignis.

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Studiere diese Parallelen bis sie ein wesentlicher Teil deines adventistischen Glaubens werden. Benutze allein
deine Bibel, mache deine eigenen Randbemerkungen, bis du nicht nur die Reihenfolge der Ereignisse erkennst,
sondern auch die Parallelen zwischen der Gerichtsszene in Daniel 7 und der Reinigung des himmlischen
Heiligtums in Daniel 8. Hierin gegründet wirst du auf einem stabilen Fundament stehen, so sicher wie die
Weltgeschichte selbst.

Und es gibt noch mehr: Wie in „1844 – leicht gemacht“ angesprochen, verstanden die Juden den
Versöhnungstag (bekannt als Jom Kippur), der Tag, an dem das Heiligtum gereinigt wird, auch als Gerichtstag.
Hier ein Zitat aus einer jüdischen Quelle über das, was während des Versöhnungstags, bei der Reinigung des
Heiligtums, geschah: „Gott sitzt auf seinem Thron, um die Welt zu richten. Gleichzeitig öffnet der Richter, der
Verteidiger, der Gutachter und Zeuge das „Buch der Aufzeichnungen“, und jedermanns Name kommt darin vor.
Die große Trompete erschallt; eine stille Stimme des Gewissens wird vernommen; zitternd sagt der Engel „dies
ist der Tag des Gerichts“*5). Das klingt ganz nach der Gerichtsszene in Daniel 7.

Dr. Jacques Doukhan, ein Jude und Professor an der Andrews Universität, schreibt über Daniel 7 und 8 und die
Reinigung des Heiligtums in Daniel 8, 14 und erklärt:

„Aufgrund der Parallelen zwischen den zwei Kapiteln würden dann die in Kapitel 8 beschriebenen
Ereignisse, wie die Reinigung (oder Weihung) des himmlischen Heiligtums mit dem Versöhnungstag in
Kapitel 7 übereinstimmen. Bezeichnenderweise übersetzt die Septuaginta (eine Übersetzung der
hebräischen Bibel ins Griechische schon vor Jesu Zeit) diesen Ausdruck mit dem griechischen Wort
katharisai (reinigen), ein Fachausdruck, der verwendet wurde, um auf Jom Kippur hinzuweisen. Auch der
große jüdische Kommentator Rashi schlug vor, diese Passage (Daniel 8, 14) im Zusammenhang mit dem
Versöhnungstag zu lesen.
Was das Kapitel 7 den „Tag des Gerichts“ nennt, bezeichnet Kapitel 8 als „Versöhnungstag“. In
Wirklichkeit ist beides ein und dasselbe Ereignis. Israel erlebte den Versöhnungstag als eine
Verwirklichung des letzten Gerichts.“*6)

Nachdem ich Adventist geworden bin und das Buch „Der großen Kampf“ las, war ich über Ellen Whites
Beschreibung des Vor-Advent-Gerichts erstaunt, weil es sich gerade so anhörte, wie das, was nach dem
Glauben der Juden am Versöhnungstag – den Jom Kippur – geschieht. Das ist weiter keine Überraschung, denn
Daniel 7 zeigt klar, dass die Gerichtsszene im Himmel nur eine andere Beschreibung von der Reinigung des
Heiligtums, dem Versöhnungstag in Daniel Kapitel 8, ist. Es sind einfach zwei verschiedene Beschreibungen ein
und derselben Sache: Die eine rückt den Aspekt des Gerichts direkt in den Blickpunkt, die andere stellt das
Element eines himmlischen Heiligtums vor (und was könnte das himmlische Heiligtum in diesem
Zusammenhang anderes sein, als das Gericht am Ende der Welt?). Sie werden parallel zueinander gezeigt, weil
der Herr uns veranlassen will, sie in dem Licht, das von dem einen auf das andere geworfen wird, zu studieren;
und zusammen stellen sie das dar, was wir unter dem Vor-Advent-Gericht verstehen: ein Ereignis, das
buchstäblich weltweit schwerwiegende Folgen hat.

Tatsächlich, Daniel 8 ist aus vier Bestandteilen zusammengesetzt: Medo-Persien, Griechenland, das heidnische
und päpstliche Rom und der Reinigung des Heiligtums. Genau vier.

Nun, der erste Teil, Medo-Persien, spielte sicherlich eine wichtige Rolle in der Weltgeschichte und in der
Geschichte des Volkes Gottes. Medo-Persien befreite die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft und
bahnte ihnen den Weg zur Neugründung der hebräischen Nation. Auch Griechenland beeinflusste die Welt und
die Kirche in starkem Maße. Tatsächlich prägt griechisches Gedankengut die Welt bis heute immer noch stark.
Der dritte Teil, Rom, spielt natürlich eine Hauptrolle in der Welt und bei dem Volk Gottes; eine Rolle, die es bis
zum zweiten Kommen Jesu beibehält.

Nun (und hier ist jetzt der Kernpunkt), wenn es nur vier Elemente in diesem Kapitel gibt und die ersten drei
bedeutend genug sind, um weltweiten Einfluss zu haben, was sagt das dann automatisch über das vierte
Element, die Reinigung des Heiligtums, aus?

Natürlich muss auch das einen hohen Stellenwert haben!

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Warum sollte der Herr diese drei riesigen Tiere mit etwas verknüpfen, das nicht auch von enormer Bedeutung
ist? Er tat es nicht. Die Reinigung des Heiligtums (die den Höhepunkt der ganzen Vision in Daniel 8 darstellt) ist
offensichtlich von so großer Wichtigkeit, dass sie auf eine Stufe mit den vorangegangenen Mächten gestellt
wird, ja sie sogar noch übertrifft. Und was könnte das sein?

Natürlich ist es das große Gericht, das dem zweiten Kommen und der Errichtung des ewigen Königreichs
vorausgeht, das in Daniel 7 so klar aufzeigt ist. Das ist auch der Grund, weshalb die Reinigung des Heiligtums
zusammen mit den drei großen vorangehenden Königreichen aufgeführt wird, weil die 2300 Tage über das
Ereignis reden, das schließlich zum letzten Königreich führt: Gottes ewigem Königreich, das größer ist, als alle
die jemals vorher da gewesen waren.

Darum, selbst wenn jemand die Interpretation der Adventisten von Daniel 8,14 abstreiten will, verlangt es
schon allein der Kontext, dass – egal welche Interpretation man auch immer wählt - sie als ein Ereignis gesehen
werden muss, das für die Welt und Gottes Wort größere Folgen hat, als all die anderen Teile in dieser
Prophezeiung. Und soweit ich weiß, sind die Adventisten die einzigen Menschen in der Welt, die Daniel 8, 14
überhaupt eine wichtige Bedeutung zumessen. Die meisten der christlichen Welt sehen darin nichts anderes,
als eine Beschreibung von Antiochus Epiphanes.

Und schließlich, wie wir zuvor gesehen haben, endete Babylon ungefähr im frühen bis mittleren
6. Jahrhundert v. Chr. Nach Babylon war Medo-Persien; dessen Herrschaft dauerte vom frühen bis mittleren 6.
Jahrhundert v. Chr. bis zum frühen bis mittleren 4. Jahrhundert v. Chr. Nach Medo-Persien kam Griechenland,
das aufblühte von etwa dem frühen bis mittleren 4. Jahrhundert bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Und
dann kam Rom (zunächst die heidnische Phase), das aufstieg bis zur Höhe seiner Macht etwa um die Mitte des
2. Jahrhunderts v. Chr. bis zum Zusammenbruch etwa im 5. bis 6. Jahrhundert n. Chr. Das Nächste ist das
päpstliche Rom, das gemäß der prophetischen Zeit in Daniel seine Vorherrschaft über 1260 Jahre ausübte. Es
folgte auf dem Zusammenbruch des heidnischen Roms; das heißt, dass die päpstliche Phase Roms, wie in
Daniel 7 beschrieben, sich vom 6. Jahrhundert n. Chr. bis in das 18./19. Jahrhundert ausdehnte. Dann, nach
dieser genauen prophetischen Zeitvoraussage, nach dieser speziellen Phase des päpstlichen Roms, fand die
Gerichtsszene im Himmel statt.

Insoweit macht Daniel 7 klar, dass die Gerichtsszene im Himmel, die der Errichtung von Gottes Königreich
vorausgeht, irgendwann nach den 1260 Jahren der päpstlichen Verfolgung und irgendwann nach dem späten
18. oder frühen 19. Jahrhundert stattfindet.

Nun, wenn die Reinigung des Heiligtums in Daniel 8 das gleiche Ereignis ist wie die Gerichtsszene, die in Daniel
7 gezeigt wurde (was sie ja auch ist), und wenn die Gerichtsszene im Himmel irgendwann nach dem späten 18.
bzw. frühen 19. Jahrhundert begann (was ja auch so war), dann begann die Reinigung des himmlischen
Heiligtums in Daniel 8 auch in etwa nach dem späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert; denn sie sind ein und
dasselbe Ereignis.

Daniel 7 Daniel 8

Babylon -
(endete im frühen/mittleren 6. Jahrhundert v. Chr.)
Medo-Persien Medo-Persien
(vom frühen/mittleren 6. Jh. bis ins frühe/mittlere 4. Jh. v. Chr.)
Griechenland Griechenland
(vom frühen/mittleren 4. Jh. bis zur Mitte des 2. Jh. v. Chr.)
das heidnische Rom das heidnische Rom
(von Mitte des 2. Jh. v. Chr. bis ins 5./6. Jh. n. Chr.)
das päpstliche Rom das päpstliche Rom
(vom 6. Jh. n. Chr. bis ins 18./19. Jh. n. Chr.)
das Gericht im Himmel die Reinigung des himmlischen
Heiligtums
das zweite Kommen Jesu Zerstörung ohne Hände

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Eine gewaltige Gerichtsszene im Himmel (Daniel 7) ist im Zusammenhang mit der Reinigung des himmlischen
Heiligtums (Daniel 8) beschrieben, die sich irgendwann nach dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert
ereignete; jedenfalls vor dem zweiten Kommen Jesu. Kommt dir das bekannt vor? Natürlich. Es klingt wie das
Gericht, an dem Br. Dale so eifrig gearbeitet hat, um es zu widerlegen.

Noch einmal: Studiere diese Punkte, bis sie in dein Gedächtnis eingemeißelt sind. Der Schlüssel dazu ist die
Reihenfolge der Königreiche und dann die Parallelen zwischen ihnen, die ohne den geringsten Zweifel zeigen,
dass die Gerichtsszene in Daniel 7 dasselbe bedeutet wie die Reinigung des himmlischen Heiligtums in Daniel 8.
Sei darin fest verankert, bis du das ganz eindeutig siehst. Und noch einmal, ich kann es nicht genug betonen,
wie sehr dieses Fundament dich in diesem Aspekt unserer Botschaft festigt.

Mit diesem Hintergrund sind wir nun bereit, noch mehr Argumente von Br. Dale gegen das
Untersuchungsgericht zu überprüfen – das Gericht, das in den vorgenannten Texten so klar beschrieben
wurde.

*1) CDSDA, S. 167, 168


*2) Thomas Hobbes, Leviathan, in Great Books of the Western World (Chicago: Encyclopedia Britannia 1791), S. 241
*3) Roy Gane, Altar Call (Diadem, Berrien Springs, MI) 1999, S. 241
*4) CDSDA, S. 174, 175
*5) „Atonement“ Jüdische Enzyklopädie, Band 1, S. 286
*6) Jaques Doukhan, Daniels Geheimnisse (Review and Herald; Hagerstown, MD) 2000, S. 127

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Kapitel 5

Die schwächsten Glieder?


Stell dir vor, im 21. Jahrhundert rechtfertigt jemand das Vermächtnis von Joseph Stalin und das
kommunistische System der ehemaligen Sowjetunion. Und stell dir vor, diese Person erklärt, dass der
sowjetische Marxismus der beste Weg war, die Arbeiter von der Unterdrückung zu befreien, Reichtum unter
den Massen zu verteilen und die Freiheit und Gleichheit aller Menschen zu garantieren. Und stell dir weiter vor,
diese Person verkündet, dass durch den natürlichen Geschichtsablauf der Staat untergehen wird, der
Kapitalismus aufgrund seiner inneren Widersprüche verschwinden und die Welt sich so in ein reines
kommunistisches Paradies entwickeln wird.

Nun, es gab in der Vergangenheit eine Zeit, in der säkulare Menschen – ohne das Wissen, das wir heute haben
und was daher entschuldbar ist – ihre Hoffnung in die marxistischen Ideale setzten. Aber heute, nachdem
durch die kommunistische Hinterlassenschaft die Unterdrückung und der vorgetäuschte Schein, den es immer
gab, aufgedeckt wurden, ist eine solche Geisteshaltung unentschuldbar.

Genauso empfinde ich bei Br. Dales biblischen Argumenten gegen das Untersuchungsgericht. Die meisten sind
wieder aufgewärmte Behauptungen, die von Dr. Ford vor drei Jahrzehnten aufgestellt wurden;
Herausforderungen, die zu der Zeit noch wert waren bedacht und beantwortet zu werden. Heute sind jedoch
alle diese Herausforderungen von führenden adventistischen Theologen längst aufgegriffen und beantwortet
worden. Doch Br. Dale ignoriert alle diese Antworten und wiederholt stattdessen dieselben ermüdenden alten
Sprüche; Sprüche, die sich nach ihrem Studium so anhören, als wenn z. B. heute jemand behauptet, dass in der
kommunistischen Weltanschauung die soziale, politische, historische und wirtschaftliche Wahrheit liegt.

Weil es jedoch diese Herausforderungen gibt, und weil deren Beantwortung unseren Glauben an das
Untersuchungsgericht nur noch festigen kann, wollen wir uns daher einige dieser Gegenargumente ansehen.
Ich werde nicht alle davon behandeln (einige sind nicht relevant, einige sind bereits in den vorhergehenden
Kapiteln beantwortet worden), und ich werde sie auch nicht in derselben Reihenfolge angehen, wie Br. Ratzlaff
das tut. Vielmehr habe ich zwei Ziele: Erstens, aufzuzeigen, wie unsolide und fadenscheinig diese biblischen
Argumente sind (was wir schon hinsichtlich der Behauptung, dass das kleine Horn Antiochus Epiphanes ist,
gemacht haben); zweitens, noch mehr Beweise vorzulegen, dass wir Adventisten mit dem
Untersuchungsgericht seit 1844 fest auf biblischem Grund stehen.

70 Wochen

Indem er die gewaltigen (und jetzt diskreditierten) Schlagworte aus Desmond Fords Buch Daniel 8,14, der
Versöhnungstag und das Untersuchungsgericht*1), übernimmt, attackiert Br. Ratzlaff die Anschauung, „dass die
2300 Jahre zur selben Zeit beginnen, wie die 70 Wochen“*2). Mit anderen Worten, er greift den für unsere
Glaubensüberzeugung wesentlichen Grundsatz an, dass die 70-Wochen-Prophezeiung von Daniel 9 mit den
2300 Tagen in Daniel 8, 14 in direktem Zusammenhang stehen. Dr. Ford versuchte seit Jahren, diesen
Zusammenhang zu trennen; Br. Dale (vielleicht aus Unkenntnis der Antworten) wiederholt einfach Dr. Fords
erfolglose Bemühungen.

Ich habe bereits den Zusammenhang zwischen den zwei Kapiteln in meinem Werk „1844 – leicht gemacht“
ganz allgemein behandelt. Für eine noch tiefergehende wissenschaftliche Sichtweise empfehle ich Band 2 der
Buchserie des Daniel- und Offenbarungs- Arbeitskreises (Symposium über Daniel), in dem es ein Kapitel gibt mit
dem Titel „Das ‚kleine Horn, das himmlische Heiligtum und die Zeit des Endes’: Eine Studie über Daniel 8,
9-14“*3). Auch der verstorbene Dr. Gerhard Hasel behandelte die Zusammenhänge zwischen Daniel 8 und 9
(siehe besonders die Seiten 436-444). Im selben Band schreibt auch Dr. William Shea („Unity of Daniel“) nicht
nur, dass die „Visionen der Kapitel 8 und 9 sehr eng miteinander verknüpft sind, sondern dass sie praktisch eine
Vision sind“*4) – er beweist, dass das so ist. Br. Dale hat beide Bücher in seiner Bibliografie aufgeführt, aber er
übergeht einfach die darin erbrachten Argumente.

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Also, können wir nun unsere Behauptung begründen, dass die 70 Wochen in Daniel 9, 24-27 und die 2300 Tage
in Daniel 8, 14 in direktem Zusammenhang stehen?

Zunächst einmal bestehen die Kapitel Daniel 2, Daniel 7 und Daniel 8 aus Träumen und/oder Visionen, gefolgt
von einer Deutung des Traumes oder der Vision, obwohl in Daniel 8 die Deutung noch nicht abgeschlossen war.
Im Gegensatz zu den vorigen Kapiteln ist Daniel 9 anders, denn es enthält keine Träume oder Visionen; nach
Daniels Gebet besteht es nur aus einer Deutung der 70-Wochen-Prophezeiung, die ihm durch Gabriel gegeben
wurde.

Hier nun, wie Daniel die Ankunft Gabriels beschreibt:

„Eben als ich noch so redete in meinem Gebet, da flog der Mann Gabriel, den ich zuvor im Gesicht
gesehen hatte, um die Zeit des Abendopfers dicht an mich heran. Und er unterwies mich und redete mit
mir und sprach: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dir zum rechten Verständnis zu verhelfen. Denn als
du anfingst zu beten, erging ein Wort, und ich komme, um dir’s kundzutun; denn du bist von Gott geliebt.
So merke nun auf das Wort, damit du das Gesicht verstehst.“ (Daniel 9, 21-23 Hervorhebungen
hinzugefügt)

Beachte die drei kursiv geschriebenen Sätze; alle drücken sie Gabriels Absicht aus, dem Daniel etwas zu
erklären, ihm zum Verständnis zu verhelfen und ihm etwas zu zeigen. Wie wir sehen werden, kam er, um
Daniel den einen Teil der Vision in Kapitel 8 – die 2300 Tage – zu deuten, der ihm noch nicht gedeutet worden
war.

Die Vision in Daniel 8 besteht aus dem Widder, dem Ziegenbock, dem kleinen Horn und der Reinigung des
Heiligtums (die 2300 Tage). Der Widder wurde gedeutet, der Ziegenbock wurde erklärt und das kleine Horn
wurde gedeutet (Daniel 8, 19-25). Der einzige Teil der Vision, der nicht gedeutet worden war, war der Teil, der
von den 2300 Tagen handelt; der Teil, von dem Daniel sagte, dass er ihn nicht versteht.

Achte genau auf das, was Daniel hier sagt:

„Dies Gesicht von den Abenden und Morgen, das dir hiermit kundgetan ist, das ist wahr; aber du sollst das
Gesicht geheim halten, denn es ist noch eine lange Zeit bis dahin. Und ich, Daniel, war erschöpft und lag
einige Tage krank. Danach stand ich auf und verrichtete meinen Dienst beim König. Und ich wunderte
mich über das Gesicht und niemand konnte es mir auslegen.“ (Daniel 8, 26-27)

Ein paar auffallende Fakten machen unseren Standpunkt deutlich. Erstens, als Gabriel in dem obigen Text von
der Vision der „Abende und Morgen“ spricht, spricht er über Daniel 8, 14, wo es (wortwörtlich) heißt, „bis 2300
Abende und Morgen….“ Dann nimmt Gabriel Bezug auf Vers 26 der Vision von den „Abenden und Morgen“
(mit der Betonung, dass sie wahr ist) und weist speziell auf die 2300 Tage von Daniel 8, 14 hin. Daniel sagte,
dass er sie nicht versteht; das heißt, er verstand die Vision über die 2300 Tage nicht, was nicht sonderlich
überrascht, denn alles andere in Kapitel 8 wurde ja erklärt.

Ferner sind zwei unterschiedliche hebräische Worte in Daniel 8, die mit „Vision“ (oder Gesicht) übersetzt
worden sind. In den Versen 1 und 2 in Kapitel 8 gibt Daniel dreimal den Hinweis auf die „Vision“ und jedes Mal
kommt es von demselben hebräischen Wort „hazon“:

„Im dritten Jahr der Herrschaft des Königs Belsazar erschien mir, Daniel, ein Gesicht (eine Vision - hazon):
nach jenem, das mir zuerst erschienen war. Ich hatte ein Gesicht (eine Vision - hazon) und während
meines Gesichtes (meiner Vision -hazon) war ich in der Festung Susa, im Lande Elam, am Fluss Ulai.“
(Daniel 8, 1-2)

Dann beschreibt Daniel, was er in der hazon gesehen hat: Den Widder, den Ziegenbock, das kleine Horn etc.
Daher verweist hazon auf die Hauptvision von Daniel 8.

Wenn er aber speziell von den 2300 Tagen spricht, verwendet Daniel im Gegensatz dazu ein anderes Wort für
Vision, und zwar „mareh“. „Und das Gesicht (die Vision - mareh) von den Abenden und Morgen, das dir hiermit
kundgetan ist, das ist wahr; … Und ich, Daniel, war erschöpft und lag einige Tage krank. Danach stand ich auf

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und verrichtete meinen Dienst beim König. Und ich wunderte mich über das Gesicht (die Vision - mareh) und
niemand konnte es mir auslegen.“.*5) (Daniel 8 26-27)

Also, wir haben zwei Worte für „Vision“ in Daniel 8: hazon für die ganze Vision von den 2300 Tagen und mareh
für Daniel 8,14, für die 2300 Abende und Morgen und die Reinigung des Heiligtums. Das war der Teil, den
Daniel nicht verstand (Daniel 8, 27).

Jetzt erscheinen diese zwei Worte in Daniel 9 wieder, als Gabriel dem Daniel nach seinem Gebet erschien.

„Eben als ich noch so redete in meinem Gebet, da flog der Mann Gabriel, den ich zuvor im Gesicht (in der
Vision hazon) gesehen hatte, um die Zeit des Abendopfers dicht an mich heran. Und er unterwies mich
und redete mit mir und sprach: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dir zum rechten Verständnis zu
verhelfen. Denn als du anfingst zu beten, erging ein Wort, und ich komme, um dir’s kundzutun; denn du
bist von Gott geliebt. So merke nun auf das Wort, damit du das Gesicht (die Vision mareh) verstehst.“
(Daniel 9, 21-23)

Beachte, Daniel verweist auf den Engel Gabriel, den er in der hazon von Daniel 8 gesehen hatte. (Gabriel ist
derjenige, dem in Daniel 8, 16 gesagt wurde, dass er Daniel die Vision erklären soll.) Beachte weiter, dass
Gabriel zu Daniel kommt, um ihm zum Verständnis zu verhelfen. Verständnis wofür? Das letzte Mal, als er
Daniel verließ, verstand er die mareh von Daniel 8, 14 nicht.

Es ist auch interessant, dass das hebräische Wort „Verständnis“ in Daniel 9, 22 von derselben hebräischen
Wortwurzel (bin) abgeleitet ist, die von Daniel in Kapitel 8, 27 gebraucht wird, als er sagte, dass er verwundert
war über die mareh und dass er sie „nicht verstand“ (bin). (Daniel 8, 27) Folglich ist es so, dass Gabriel in
Kapitel 9 erscheint, um Daniel das bin, das Verständnis, zu geben, das er in Kapitel 8 nicht hatte.

Dieser Punkt wird noch klarer, wenn wir das Wort für „Vision“ genau beleuchten, das Gabriel in Vers 23
gebraucht, kurz bevor er Daniel die 70-Wochen-Prophezeiung gibt. Jetzt achtet sorgfältig darauf: „Denn als du
anfingst zu beten, erging ein Wort, und ich komme, um dir’s kundzutun; denn du bist von Gott geliebt. Deshalb
achte nun auf das Wort, damit du das Gesicht (die Vision mareh) verstehst.“

Mareh? Welche mareh? Es gibt nur eine, die mareh von den 2300 Abenden und Morgen in Daniel 8, 14, die er
nicht verstanden hatte. Wir haben denselben Engelinterpreten wie in der hazon von Daniel 8, auf den Daniel
selbst hinwies, als Gabriel das erste Mal erschien. Dann versprach Gabriel dem Daniel bin (Verständnis) zu
geben; und wir sahen zuletzt, dass Daniel bin bezüglich der 2300 Abende und Morgen in Daniel 8, 14
benötigte. Dann weist Gabriel speziell auf die mareh hin und sagt ihm, darauf „zu achten“ (zu
betrachten/nachzudenken kommt auch von bin).

Ein weiterer Punkt: Welcherart Prophezeiung war die mareh von Daniel 8, 14? Es war eine Zeitprophezeiung.
Was ist das Erste, das Gabriel jetzt dem Daniel gibt? Natürlich eine Zeitprophezeiung – die 70 Wochen -, die er
in Daniel 9, 24 anfängt zu erklären.

Zweifellos kommt Gabriel in Kapitel 9 zu Daniel mit dem Auftrag, ihm die Erklärung für die 2300 Tage in Kapitel
8 zu geben.

Die Adventisten sind auch nicht die Einzigen, die diesen Zusammenhang sehen. Ich habe in meinem Büro einen
jüdisch-orthodoxen Kommentar über Daniel. Es ist erstaunlich, wie dieser Kommentar die 70 Wochen von
Daniel 9, 24-27 abhandelt. Nachstehend ist ein kurzer Auszug über den Ausdruck „achte auf/betrachte die
mareh“(Vision); denn dieser Kommentar übersetzt das mit „erhalte das Verständnis der Vision“, was eine
genauere Wiedergabe des Verbs (bin in der hiphil) ist. Was sagt dieser jüdische Kommentar über die 70-
Wochen-Prophezeiung aus?

„Dies bezieht sich auf den Teil in Daniels Vision in Kapitel 8, der ihn so beunruhigt hatte (Vers 14), und der in
den Versen 16-26 als eine mareh bezeichnet wird. *6)

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Zuerst weist dieser Kommentar zurück auf Daniel 8, 14. Mit anderen Worten, die Juden, die sicherlich nicht die
„Agenda“ der Adventisten vertreten, sehen trotzdem den Zusammenhang zwischen Daniel 8, 14 und der 70-
Wochen-Prophezeiung in Daniel 9, 24-27.
Beweist dieser Kommentar die Zusammengehörigkeit dieser beiden Kapitel? Natürlich nicht. Was er jedoch
beweist ist, dass auch andere, nicht bloß wir Adventisten, die Verbindung zwischen den zwei Kapiteln sehen –
es gibt sie, trotz der angestrengten Versuche von Dr. Ford und Br. Dale, sie abzustreiten.

Abgetrennt

Jedes Abstreiten des Zusammenhangs zwischen Daniel 8, 14 und Daniel 9, 24-27 hört sich an wie ein
obligatorisches Mantra gegen das adventistische Verständnis von Daniel 9, 24; besonders bei dem Anfang des
Satzes „70 Wochen sind verhängt über dein Volk …“ wiederholt Br. Dale die Schlagworte direkt von Desmond
Ford, indem er vorbringt, „es gibt keine Möglichkeit nachzuweisen, dass das Abtrennen der 490 Tage von den
2300 Tagen beabsichtigt ist“.*7)

Nun lasst uns anhand der aufgeschlagenen Bibel sehen, was wir hier in Daniel 9, 24 haben. Zu Beginn haben wir
den nicht zu leugnenden Zusammenhang zwischen den zwei Zeitprophezeiungen gesehen, die mareh von den
2300 Tagen in Daniel 8, 14 und das Erscheinen von Gabriel in Daniel 9, die auch die 70-Wochen-Prophezeiung
enthält. Interessant ist auch, dass die mareh in Daniel 8, 14 – anders als der Rest der hazon – ein Hören
voraussetzt. Denn hier hört Daniel etwas, im Gegensatz zu dem, was er im Rest der Vision sieht. Lies noch
einmal Daniel 8: Die mareh der 2300 Tage wird in Worten ausgedrückt und nicht in sichtbaren Symbolen. Auch
in Daniel 9, als Gabriel zurückkommt und ihm die Deutung sagt, gibt er Daniel keine Vision von einem Widder,
Ziegenbock und Kleinen Horn; sondern er gibt ihm etwas zu hören, etwas Akustisches, wie auch bei der mareh
in Daniel 8.
Gabriel kommt zu Daniel, lenkt seine Aufmerksamkeit zurück auf die 2300 Tage, und dann weist er ihn auf eine
andere Zeitprophezeiung hin, die – oberflächlich betrachtet – kürzer ist, als die mareh von Daniel 8 (70
Wochen sind auf jeden Fall kürzer als 2300 Tage). Folglich stehen diese zwei Zahlen direkt nebeneinander.

Lasst mich einen Beispiel nennen: Angenommen, du bist ein Mann und hast zusammen mit deiner Frau 1.000 €
auf einem Bankkonto. Deine Frau kommt zu dir und unter Bezugnahme auf die 1.000 € erwähnt sie eine Lampe,
die nur 250 € kostet. Was ist dann die sofortige Schlussfolgerung? Sie möchte 250 € von den 1.000 € für die
Lampe nehmen, nicht wahr? Natürlich!

Lasst mich ein weiteres Beispiel anführen (eines, das weniger sexistisch ist): Du erzählst deinem Nachbarn, dass
du am Sonntag fünf Freistunden hast. Der Nachbar kommt herüber, und mit dem direkten Hinweis auf deine
fünf Freistunden erwähnt er, dass er jemanden braucht, der ihm hilft, ein Zimmer zu streichen. „Es dauert nur
eine Stunde“, sagt er. Was ist dann die sofortige Schlussfolgerung dieser Nebeneinanderstellung von einer
Stunde gegen die fünf? Natürlich, eine von diesen Stunden soll dafür herausgenommen werden, um ihm beim
Streichen zu helfen.

Nun noch einmal zu Daniel 8 und 9. Nach der Bezugnahme auf die 2300 Abende und Morgen gibt der Engel
Daniel sogleich eine kürzere Zeitprophezeiung: Die 70 Wochen; eine neben die andere gestellt. Was ist die
unmittelbare Schlussfolgerung? Natürlich, dass die 70-Wochen-Prophetie ein Teil – oder ein davon
genommener Teil – von dem größeren Abschnitt der 2300 Tage ist.
Br. Dale gibt zu, dass das Verb in Daniel 9, 24 – „70 Wochen sind verhängt (bestimmt/verfügt)“ - auch
„abtrennen/abschneiden“ heißen kann. Er schreibt, „chatchak bedeutet schneiden oder bestimmen“. *8)

Dass die 70 Wochen abgetrennt oder herausgenommen sind von den 2300 Tagen wird sogar durch das Verb
chatchak selbst noch deutlicher gemacht. Das ist ein so genannter hapax (=einmal/einmalig) legomenon (=das
Gesagte), ein Fachausdruck für ein Wort, das in der Bibel nur ein einziges Mal erscheint und meint, dass wir
nichts weiter anführen können, mit dem man es vergleichen kann. Jedoch geben die meisten hebräischen
Lexika die Bedeutung – die Hauptbedeutung – mit „abtrennen/abschneiden“ an. Ich besitze drei hebräische
Lexika: Gesenius übersetzt chatchak passend mit „schneiden/trennen, teilen“, mit dem Gedanken, einen
Erlass herausgeben/anordnen. Brown, Driver and Briggs definieren es als „teilen/bestimmen/festlegen“.
Holladay (ein gekürztes Lexikon) definiert es als „bestimmen/erlassen/verordnen“. Obwohl es sonst nicht noch

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einmal in der Bibel verwendet wird, erscheint das Verb bei den alten Hebräern und bedeutete in den meisten
Fällen hauptsächlich „abtrennen/abschneiden“.
Vor vielen Jahren studierte ich an der Universität Ugaritisch, eine dem Hebräischen sehr nahe stehende
Sprache, (im Gegensatz zu der hebräischen Schrift ist sie keilschriftähnlich). Ich erinnere mich, dass ich
ugaritische Dichtung studierte und dabei in einem Text auf chatchak stieß, was übersetzt
„abtrennen/abschneiden“ heißt. Ganz aufgeregt rief ich unsere Professoren für die Geschichte des Nahen
Ostens an und sagte scherzend, „Ich habe den Text gefunden, der den Adventismus rettet!“ Ich war jedoch zu
spät. Denn anderen Wissenschaftlern war der Zusammenhang von chatchak in beiden Sprachen bereits
bekannt. Das ergibt natürlich noch zusätzliche Beweisgründe, dass „abtrennen“ eine gut fundierte Bedeutung,
wenn nicht sogar die ursprüngliche Bedeutung, dieses Verbs ist.

Seht euch den Kontext und seht euch auch die Analogien an! Uns wurden zwei Zeitprophezeiungen gegeben;
die Größere kommt zuerst, dann die Kleinere. Verbunden sind sie durch ein Verb, das die Grundbedeutung von
„abtrennen“ (im Zusammenhang mit der Größeren) hat. Ist es dann ein so unmöglicher Rückschluss,
anzunehmen, dass die kleinere Zahl, die 70 Wochen, abgetrennt werden von der Größeren, den 2300 Tagen?
Wohl kaum. Es ist wirklich die einzige logische Schlussfolgerung!

Und obwohl „abtrennen“ die Grundbedeutung von chatchak ist, sollte bestimmen/festsetzen/verhängen/
verordnen“ auch nicht außer Acht gelassen werden. Vielleicht wurde chatchak als Gegensatz zu einem Wort,
das ausschließlich „bestimmen“ bedeutet (beide sind im Hebräischen vorhanden) mit der Absicht verwendet,
beide Gedanken einzubringen: Das „Abtrennen“ und das „Bestimmen/Verordnen“. Die 70 Wochen, die von den
2300 Tagen abgetrennt wurden, sind „bestimmt“ über die jüdische Nation, um gewisse Auflagen zu erfüllen.

Was meint Br. Dale (und Dr. Ford) mit der Behauptung, dass es „keine Möglichkeit gibt zu beweisen, dass die
490 von den 2300 Tagen abgetrennt sind“? Ich vermute mal, dass die Antwort lautet: Was meinst du mit
„beweisen“? Ich bezweifle nämlich, dass Br. Dale oder Br. Des so eindeutig beweisen können, dass Jesus der
Messias ist, wie sie „beweisen“ können, dass 2 + 2 = 4 ist. Wir behandeln hier Fragen des Glaubens. Auf diesem
Gebiet kann man kaum etwas „beweisen“, wenn wir mit „beweisen“ wissenschaftliche Beweise meinen (es ist
sogar fraglich, ob die Wissenschaft überhaupt etwas „beweisen“ kann). Ich weiß nicht, was Br. Dale oder Dr.
Ford mit „beweisen“ meinen, aber eins ist sicher: Wir können „beweisen“, dass unsere Argumente, dass die 70
Wochen von den 2300 Tagen abgetrennt wurden, viel besser, stärker und fester begründet sind, als ihre
Gegenargumente.

1150 oder 2300?

Den nächsten Einwand zu behandeln gibt mir das Gefühl, als ob ich mich mit der Behauptung abgeben müsste,
dass Jesus den Sabbat in den Sonntag geändert hat. Der Gedanke trägt gewissermaßen den Stempel: „Das
kenne ich doch schon“. Trotzdem, wie oft man auch denken mag „das kenne ich schon“ (in dem Buch 1844
einfach gemacht habe ich mich schon mit dieser Frage auseinandergesetzt), so ist es doch wichtig, zu diesen
unbegründeten Vorwürfen Stellung zu nehmen, allein schon aus dem Grund, um damit die schwachen
Argumente aufzuzeigen, die in dem einzigen Kapitel des Buches von Br. Ratzlaff vorgebracht wurden, das
speziell von den angeblich biblischen Beweisen gegen das Vor-Advent-Gericht handelt; Argumente, deren
Schwachheit für das ganze Buch unseres Bruders Dale bezeichnend sind.

Br. Dale bleibt dabei, dass die 2300 Abende und Morgen von Daniel 8, 14 in Wirklichkeit gerade mal 1150 Tage
sind. Warum? Weil (wie er behauptet) der Ausdruck „Abende und Morgen“ sich auf das tägliche Opfer bezieht;
und weil es zwei Opferungen pro Tag gab, können es bei 2300 Opfern daher nur 1150 Tage sein.

Ist diese Behauptung in irgendeiner Weise stichhaltig?

Jahrelang benutzte ich die phantastische Bibelkonkordanz auf der CD-ROM von Bible Works for Windows. Ich
konnte ohne sie nicht leben. Nachstehend sind alle (englischen) Versionen der Bible Works for Windows-
Übersetzungen von Daniel 8, 14:

Und er sagte zu mir, „bis zweitausenddreihundert Tage um sind, dann wird das Heiligtum gereinigt werden.“
(King-James)

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Und er sagte zu mir, „bis zweitausenddreihundert Abende und Morgen um sind, dann wird das Heiligtum
gereinigt werden.“ (American Standard Version).

Und er sagte zu mir, „nach 2300 Abenden und Morgen, dann wird die Heilige Stätte ordnungsgemäß
wiederhergestellt.“ (New American Standard)

Er sagte zu mir, „nach 2300 Abenden und Morgen, dann wird die Heilige Stätte ordnungsgemäß
wiederhergestellt.“ (New American Bible)

Und er sagte zu ihm, „zweitausenddreihundert Abende und Morgen lang, dann wird das Heiligtum in seinen
rechtmäßigen Stand wiederhergestellt.“ (Revidierte Standard Version)

Und er antwortete ihm, „nach zweitausenddreihundert Abenden und Morgen, dann wird das Heiligtum in
seinen rechtmäßigen Zustand wiederhergestellt.“ (New Revised Standard)

Und er sagte zu mir, „zweitausenddreihundert Tage lang, dann wird das Heiligtum gereinigt werden.“ (Neue
King-James)

Und er sagte zu mir, „bis zweitausenddreihundert Tage um sind, dann wird das Heiligtum gereinigt werden.“
(World English Bible)

Und er sagte zu mir, „bis nach zweitausenddreihundert Tagen, dann wird das Heiligtum gereinigt werden.“
(Websters revidierte Bibel)

Und er sagte zu mir, „bis dass zweitausenddreihundert Abende (und) Morgen um sind, dann wird das Heiligtum
gerechtfertigt werden.“ (Douay)

Und er sagte zu ihm, „nach zweitausenddreihundert Abenden und Morgen, dann wird die Heilige Stätte sauber
gemacht werden.“ (Bible in Basic English)

Und er sagte zu mir, „bis Abend–Morgen zweitausend und dreihundert, dann wird die Heilige Stätte für Recht
erklärt.“ (Youngs Literal Translation)

Beachte, dass keine dieser Bibeln den Text mit 1150 Tagen übersetzt hat. Meine zwei Versionen der
Septuaginta (einer altgriechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, die noch aus vorchristlicher Zeit datiert)
übersetzen Daniel 8, 14 mit „2300“. Die Vulgata, eine frühe lateinische Ausgabe der hebräischen Bibel,
übersetzt den Text mit „2300“. Ich habe nur eine Version – die TEV – gefunden, die 1150 Tage verwendet. Doch
1150 ist keine Übersetzung, es ist eine Auslegung, die von der Voraussetzung ausgeht, dass Daniel 8 von
Antiochus Epiphanes handelt. Das Problem besteht aber darin, dass, wenn man die 2300 Tage wortwörtlich
nehmen würde, es 6 Jahre, 4 Monate und 20 Tage sind. Die Entweihung des Tempels durch Antiochus
Epiphanes (der angeblich das kleine Horn von Daniel 8 sein soll) dauerte auf den Tag genau 3 Jahre oder –
wenn man einen 360-Tage-Kalender benutzt – 1080 Tage. Folglich passen die 2300 Tage überhaupt nicht, nicht
einmal annähernd. Die Anhänger dieser Anschauung teilen stattdessen die 2300 Tage und kommen somit auf
1150 Tage. Das kommt der Sache schon näher, aber es fehlten dann immer noch 70 Tage.

Br. Dale, der ja behauptet, dass die Beweise für Antiochus Epiphanes als kleines Horn „erdrückend“ sind,
schreibt also, dass einige Theologen glauben, „das Buch Daniel muss erst nach dem Jahr 165 v. Chr.
geschrieben worden sein, weil es die Verfolgung durch Antiochus Epiphanes mit genauen Details beschreibt“.
Wenn Daniel wirklich nach diesem Faktum geschrieben worden wäre, warum hat der Autor dann keinen
besseren Job gemacht, indem er die Zeitelemente richtig hinbekommen hätte? Andererseits, wenn das Buch
von Gott inspiriert wurde, hätte er doch sicherlich einen besseren Job mit den Zahlen verrichtet, nicht wahr?
Natürlich sind nicht die Zahlen das Problem, das Problem ist die Interpretation des kleinen Horns als Antiochus
Epiphanes.

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Selbst wenn wir Antiochus jetzt mal beiseitelassen, das 1150-Tage-Argument basiert auf die Vorstellung, dass
der Text sich aufs tamid, das zweimal täglich dargebrachte Heiligtumsopfer, bezieht. Dr. Hasel erläutert in allen
Einzelheiten, dass dieses Opfer immer in der Reihenfolge Morgen vor Abend genannt wurde, niemals (wie in
Daniel 8, 14) „Abend vor Morgen“. Mit anderen Worten, die Reihenfolge in Daniel 8 steht im Gegensatz zu der
Reihenfolge bezüglich des Opfers, das täglich gebracht wurde. „Ohne Ausnahme“, schreibt Hasel, „erscheint
diese Reihenfolge im Alten Testament“.*10) Also, wenn Daniel 8, 14 über das tägliche Opfer reden würde,
warum verwendet es nicht dieselbe Reihenfolge wie jeder andere alttestamentliche Bezug auf das tägliche
Opfer? Natürlich heißt die Antwort, weil es gar nicht von dem Opfer spricht, und daher gibt es auch kein Recht,
die 2300 Tage zu halbieren. Hinzu kommt, dass das tägliche Heiligtumsopfer in der Schrift als nur ein tägliches
Opfer angesehen wird, das zweimal am Tag erfolgte. Eine Aufteilung in zwei Opfer ist nicht gerechtfertigt.

Obwohl die Reihenfolge von Abend-Morgen in Daniel 8, 14 der des täglichen Opfers entgegensteht, ist es
genau dieselbe Reihenfolge, die für jeden Tag im Schöpfungsbericht in 1. Mose 1 gebraucht wird: „Da ward aus
Abend und Morgen der erste Tag“; „da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag…“; „da ward aus Abend
und Morgen der dritte Tag….“
Beachte die Reihenfolge, Abend/Morgen, sie ist die gleiche wie in Daniel 8, 14; und beachte auch, wie diese
Reihenfolge mit dem Wort „Tag“ verbunden ist.

Im Gegensatz zu der Ansicht von Br. Ratzlaff und Dr. Ford, gibt es keine Grundlage zu glauben, dass die 2300
„Abende und Morgen“ von Daniel 8, 14 etwas anderes sind, als die meisten Bibeln sie auch übersetzt haben: Es
sind 2300 Tage!

Gereinigt

Ein weiterer Einwand, den Br. Dale vorbringt – ganz egal, wie konsequent und wie oft er auch schon widerlegt
wurde -, er beteuert, dass es nicht richtig ist, Daniel 8, 14 mit „gereinigt“ zu übersetzen („ bis 2300 Abende und
Morgen vergangen sind; dann wird das Heiligtum wieder geweiht werden“). (In der englischen King-James
Übersetzung steht hier „gereinigt“, statt geweiht.) Das ist ein weiteres Argument, das auf Dr. Ford basiert.
Damit wird der Versuch unternommen, den Zusammenhang zwischen Daniel 8, 14 und dem levitischen
Versöhnungstag abzustreiten, an dem die Reinigung des irdischen Heiligtums stattfand. Die Behauptung der
Adventisten, dass Daniel 8, 14 von der Reinigung des himmlischen Heiligtums spricht, wäre damit entkräftet.

Gute Arbeit wurde geleistet mit einer Stellungnahme zu diesem Streitpinkt; eine Arbeit, die Br. Dale einfach
ignoriert.

Doch zunächst einmal gehen wir zurück zum vorigen Absatz und schauen uns verschiedene Übersetzungen von
Daniel 8, 14 an. Einige, nicht alle, übersetzen das fragliche Wort mit „gereinigt“ (cleansed), was ein deutlicher
Beweis dafür ist, dass zumindest einige Fachleute „gereinigt“ als die zutreffende Übersetzung dieses Verses
ansehen. Viele andere ältere Versionen verwenden „gereinigt“ (cleansed), und in jüngster Zeit übersetzt es die
NAB (New American Bible) mit „gereinigt werden“ (purified). Sogar die neue jüdische Publication Society Bible
übersetzt es mit „gereinigt“ (cleansed).

Obwohl das in Daniel 8, 14 übersetzte Verb „gereinigt“ (tsadaq) mehr als 500 Mal im Alten Testament
vorkommt, wird es nur einmal in dieser speziellen Verbform gebraucht, als niphil oder Passiv. Ansonsten
wurde es in unterschiedlicher Weise verwendet:

Erstens erscheint es als ein Wort aus dem Rechtswesen im Zusammenhang mit der Rechtfertigung eines
Unschuldigen und der Bestrafung des Bösen. Zum Beispiel in diesen Texten: „Der HERR ist Richter über die
Völker. Schaffe mir Recht, HERR, nach meiner Gerechtigkeit (tsadaq) und Unschuld! Lass der Gottlosen Bosheit
ein Ende nehmen, aber die Gerechten (von tsadaq) lass bestehen (tsadaq); denn du, gerechter Gott, prüfest
Herzen und Nieren. (Psalm 7, 9.10).

Tsadaq erscheint also im Zusammenhang mit Errettung/Erlösung: „Der HERR lässt sein Erretten kundwerden;
seine Gerechtigkeit (von tsadaq) enthüllt er vor den Augen der Heiden. (Psalm 98, 2 KJV). „Er wird die Mühsal
seiner Seele sehen und wird gesättigt sein. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, als Gerechter die
Vielen rechtfertigen (von tsadaq), und ihre Sünden wird er auf sich laden.“ (Jesaja 53, 11 KJV)

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Es enthält auch den Gedanken der Läuterung, der Reinigung: „Wie kann ein Mensch gerecht (von tsadaq, dem
gleichen Wort, das in 3. Mose für die Reinigung des Heiligtums angegeben) sein vor Gott oder ein Mann rein
sein vor dem, der ihn gemacht hat?“ (Hiob 4, 17)

„Wir merken“, schreibt Angel Rodrigez, ein auf das Alte Testament spezialisierter adventistischer Theologe,
„dass der Ausdruck tsadaq in Verbindung steht mit Begriffen wie Gericht, Rechtfertigung, Reinigung und
Erlösung. Der Ausdruck vermittelt den Gedanken der Wiederherstellung der von Gott eingesetzten Ordnung
durch einen Reinigungsdienst und das Gericht“*11); Begriffe also, die in direkter Verbindung mit dem stehen,
was am Versöhnungstag, dem Tag des Gerichts, geschah, einem Tag des Gerichts, der Rechtfertigung, Erlösung
und natürlich auch Reinigung.

Kein Wunder, dass die Septuaginta, ebenso wie die lateinische Vulgata tsadaq in Daniel 8, 14 mit „gereinigt“
übersetzt. Tatsächlich benutzt die Septuaginta in Daniel 8, 14 dasselbe griechische Wort wie in
3. Mose 16, wo dieses Kapitel über die Reinigung des irdischen Heiligtums am Versöhnungstag berichtet. Das
macht besonders einen Sinn, wenn man die Sprache von Daniel 8 untersucht, die voll ist von Begriffen und
Abbildern des alttestamentlichen Heiligtumsdienstes, einschließlich des Versöhnungstages.

Warum Daniel nicht dasselbe spezielle hebräische Wort für „gereinigt“ benutzt hat, wie es in 3. Mose steht,
lässt sich nur vermuten. Hätte er das getan, würde eine Debatte wegen eines Zusammenhangs zwischen Daniel
8, 14 und dem levitischen Versöhnungstag irrelevant sein. Es gibt allerdings genug andere Beweise, die den
Zusammenhang von 3. Mose und dem Versöhnungstag zeigen und deswegen „gereinigt“ eine präzise
Übersetzung ist. Wenn man das komplexe Thema hier betrachtet – das Endgericht, das diese Welt beendet und
in die Nächste einleitet (wie das durch die Parallelen zwischen Daniel 7 und Daniel 8 klargelegt wird) – dann
wurde tsadaq vielleicht deswegen verwendet, weil diese Verse Themen behandeln, die weitaus größer sind, als
in dem speziellen Heiligtumsbegriff „Reinigung“ vermitteln werden kann. Der Herr ließ hier einen Ausdruck
verwenden, in dem mehr als nur ein religiöser Ritus eingeschlossen ist. Gott wollte unsere Gedanken in die
Tragweite von dem, was da geschieht, hinein erweitern. Und was hier geschieht ist, wie wir feststellen
konnten, dass Daniel 8, 14 die Parallele zu der Gerichtsszene in Daniel 7 ist. Hinzu kommt die jüdische
Denkweise, bei der das Gericht mit dem Versöhnungstag zusammenfällt, dem Tag, an dem das Heiligtum
„gereinigt“ wurde.
Den Begriff der „Reinigung“ oder den levitischen Zusammenhang in Daniel 8, 14 herablassend abzulehnen (wie
Br. Dale das tut), ist daher einfach falsch. Wir stehen auf festem Grund gemeinsam mit den Übersetzern der
Septuaginta, der Vulgata, der King-James- und auch vieler anderer Bibelversionen und können daher dabei
bleiben, dass „gereinigt“ die präzise Übersetzung von Daniel 8, 14 ist.

Himmlisch oder irdisch

Wieder lehnt sich Br. Dale direkt an Dr. Ford an, wenn er gegen den Standpunkt der Adventisten, dass mit dem
„Heiligtum von Daniel 8, 14 das Heiligtum im Himmel“ gemeint ist, Stellung bezieht, indem er statt dessen
behauptet, „der Kontext spricht vom Heiligtum auf Erden“*12).
Auch hier wurde die Antiochus-Interpretation übernommen. Wenn Daniel 8 von dem Angriff auf die Juden,
Jerusalem und den Tempel durch diesen unbedeutenden heidnischen Herrscher handeln würde, dann meinte
der Kontext tatsächlich das Heiligtum auf Erden. Aber wie wir gesehen haben, kann Antiochus nicht passend
gemacht werden.

Vielmehr wenden wir uns wieder den Parallelen zwischen Daniel 7 und Daniel 8 zu. Studiere die nachfolgende
Tabelle; ich kann es nicht genug betonen, wie wichtig diese Parallele ist:

Daniel 2 Daniel 7 Daniel 8


Babylon Babylon -
Medo-Persien Medo-Persien Medo-Persien
Griechenland Griechenland Griechenland
Rom (heidnisch/päpstlich) Rom (heidnisch/päpstlich) Rom (heidnisch/päpstlich
- Gericht im Himmel Reinigung des Heiligtums
zweites Kommen Jesu zweites Kommen Jesu -

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Die Reinigung des Heiligtums in Daniel 8, 14 ist dieselbe Sache wie die Gerichtsszene in Daniel 7, das Gericht,
das dem zweiten Kommen am Ende dieser Welt vorausgeht. Betrachte das Gericht an sich, wie es in der
Prophetie beschrieben ist:

Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie
Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle; Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder
loderndes Feuer. Und von ihm ging aus ein langer feuriger Strahl. Tausendmal Tausende dienten ihm, und
zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden
aufgetan. … Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels
wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm
Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen
sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende. … Danach wird das Gericht
gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und ganz und gar vernichtet werden. Aber das
Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der
Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte werden ihm dienen und
gehorchen. (Daniel 7, 9.10, 13.14, 26.27)

Throne, der Uralte, der Menschensohn, feurige Strahlen, aufgeschlagene Bücher, Gericht - wenn das kein Bild
von etwas Himmlischem ist, was denn sonst? Da geschieht etwas im Himmel, das direkten Einfluss auf das
Geschehen auf Erden hat, und das ist das himmlische Gericht, das dem zweiten Kommen Jesu vorausgeht. Und
dieses Gericht ist eine direkte Parallele zur Reinigung des Heiligtums in Daniel 8, 14! Angesichts der Ereignisse -
abgesehen von dem Zeitrahmen (denn hinter den 1260 Jahren steht nur die Vorherrschaft des päpstlichen
Roms) – von welchem anderen Heiligtum kann hier berichtet werden, von einem anderen als dem
Himmlischen? Das letzte irdische Heiligtum, das noch in Funktion gewesen war, wurde im 1. Jahrhundert n.
Chr. von der Landkarte ausradiert. Nichts blieb davon übrig, nur ein Teil einer Mauer. Daher steht es außer
Frage, dass das Heiligtum, das in Daniel 8, 14 gereinigt wird, das himmlische Heiligtum ist. Es kann nichts
anderes sein, weil dieser Endzeitrahmen der Bibel nichts anderes erkennen lässt.

Wenn man über die Wichtigkeit dieser zwei Kapitel (Daniel 7 und Daniel 8) nachdenkt, die das Gericht und die
Reinigung des Heiligtums schildern, dann ergibt es einen Sinn, dass die Bibel im Neuen Testament fast ein
ganzes Kapitel dem Dienst Jesu als unserem Hohenpriester im himmlischen Heiligtum vorbehalten hat. Der
Hebräerbrief berichtet unmissverständlich über Jesu hohepriesterlichen Dienst im himmlischen Heiligtum
(Hebräer 7-9). Nicht nur, dass Hebräer auf das Heiligtum und Jesu Dienst darin verweist, das Buch bezieht sich
auch ganz klar auf seine Reinigung:

Es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießen geschieht keine
Vergebung. So also mussten die Abbilder der himmlischen Dinge gereinigt werden; die himmlischen Dinge
selbst aber müssen bessere Opfer haben als jene. Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum,
das mit Händen gemacht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um
jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen. (Hebräer 9, 22-24)

Beachte folgendes in diesen Texten:

1. Das eindeutig wirkliche Vorhandensein des himmlischen Heiligtums,


2. die Übereinstimmung des himmlischen Heiligtums mit dem irdischen Gegentypus, der als ein
Abbild „der Dinge im Himmel“ beschrieben wird,
3. die Schilderung, dass Jesus etwas zu unseren Gunsten im Heiligtum tut, das heißt, er tut
etwas für uns nach seinem Tod und seiner Auferstehung, und
4. die Notwendigkeit der „Reinigung“ oder „Weihe“ (wie viele moderne Übersetzungen es
ausdrücken) des himmlischen Heiligtums.

Tatsächlich, das griechische Wort, das in Hebräer 9,23 der KJV mit „geweiht“ übersetzt ist (und mit „gereinigt“
in der NAS und ASV), kommt von demselben griechischen Wort, das die Septuaginta in 3. Mose 16 und in
Daniel 8, 14 in Bezug auf die Reinigung des Heiligtums verwendet. Es scheint so, dass auch der Hebräerbrief
einen direkten Bezug zu dem herstellt, was in Daniel 8, 14 gesagt wird: die Reinigung des himmlischen
Heiligtums. Auch nichtadventistische Theologen haben in Hebräer 9, 23 einen Bezug zu dem Versöhnungstag
des himmlischen Heiligtums gesehen. Hier nur zwei nichtadventistische Kommentare zu Hebräer 9, 23. Achte
auf ihren klaren Bezug zu der Reinigung des himmlischen Heiligtums:
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„Zu sagen‚ es ist notwendig, dass ‚die Abbilder der himmlischen Dinge durch solche Riten gereinigt
werden’ (Vers 23a), fasst die Aspekte des mosaischen Gesetzes zusammen, insbesondere die Anordnung,
dass das Heiligtum am Versöhnungstag mit Blut gereinigt werden soll (3. Mose 16, 15-19) …. Die
bestimmte Vorstellung, dass das himmlische Heiligtum eine Reinigung nötig haben könnte (beachte
Hebräer 9, 23), spiegelt ein Bild der Offenbarung wieder. Der Verfasser sieht die fundamentale
Wirklichkeit eher als himmlisch als irdisch an. Wenn das irdische Heiligtum eine Darstellung des
Himmlischen ist (Hebräer 8, 2+5), dann decken die Gesetze der irdischen Hütte wahrscheinlich etwas von
der himmlischen Hütte auf, die sie ja repräsentiert. Man kann daraus schlussfolgern, dass das irdische
Heiligtum gereinigt wurde, weil sein himmlisches Gegenstück auch gereinigt werden sollte. Christus
reinigte nicht das himmlische Heiligtum, weil er verpflichtet ist dem levitischen Muster zu folgen; vielmehr
ist es umgekehrt wahr. Der levitische Brauch war ein Vorschatten auf Jesu Reinigung der himmlischen
Hütte zur Zeitenwende“ (Hebräer 10,1).*13)

Das Mittel zur Reinigung von der beleidigenden Entweihung war das vermittelnde Blut, die Quelle des
„Lebens“, das, einmal vergossen, zum Reinigungsmittel wurde, um alle kultischen und sittlichen
Verschmutzungen zu entfernen. Der Verfasser des Hebräerbriefes macht eine Gegenüberstellung und
erinnert in Hebräer 9, 13-14 an das ‚geringere (im Vergleich) zum größeren’ Opfer; genauso wie die neuen
Riten auch die Reinigung des Gewissens (und nicht nur die Oberfläche) eines Sünders mit dem
wirksameren Mittel Blut umfasst, so ist auch das bessere Heiligtum durch das Mittel eines besseren Blutes
gereinigt …. Die Reinigung des himmlischen Heiligtums durch Jesus ist die rituelle Inkraftsetzung des
Beschlusses, in dem Gott zugesagt hat, „ich will ihrer Sünden nicht mehr gedenken“. (Jeremia 31, 34;
zitiert aus Hebräer 8, 12; 10, 15-18)“ *14)

Also, sofern nicht jemand hoffnungslos der Antiochus-Interpretation verfallen ist, die die Ereignisse in Daniel in
eine vorchristlichen Ära eingrenzt, dann ist ganz klar (durch den gegebenen Zeitrahmen), dass Daniel 8, 14 über
das himmlische Heiligtum spricht, das in Hebräer beschrieben ist, wo Christus zu unseren Gunsten seinen
Dienst verrichtet – in dem Heiligtum, das gemäß dem Hebräerbrief selbst auch gereinigt werden muss.

„In das Innere des Vorhangs“

Kein Hieb gegen das Vor-Advent-Gericht wäre vollständig ohne das Mantra „in das Innere des Vorhangs“, das
aus dieser Passage in Hebräer genommen wurde:

So sollten wir durch zwei Zusagen, die nicht wanken - denn es ist unmöglich, dass Gott lügt -, einen starken
Trost haben, die wir unsere Zuflucht dazu genommen haben, festzuhalten an der angebotenen
Hoffnung. Diese haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele, der auch hineinreicht bis in
das Innere hinter dem Vorhang. Dahinein ist der Vorläufer für uns gegangen, Jesus, der ein Hoherpriester
geworden ist in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks. (Hebräer 6, 18-20 Hervorhebung zugefügt).

Br. Dale behauptet, die Aussage „in das Innere des Vorhangs“ muss sich auf den Vorhang beziehen, der den
ersten von dem zweiten Raum des himmlischen Heiligtums trennt. Deshalb, wenn Jesus „in das Innerste hinter
den Vorhang“ ging, muss er, seiner Meinung nach, gleich nach dem Kreuz in das Allerheiligste, also in den
zweiten Raum, eingetreten sein und nicht erst 1844, wie die Adventisten lehren. Dann nennt er einige Verse
aus Hebräer (Hebräer 9, 8,12,24; 10, 19,20), die, wie er angibt, seinen Standpunkt untermauern. Sehr
interessant ist aber, dass er die Verse, die er zitiert, alle der NIV (New International Version) entnommen hat,
die den entscheidenden Satzteil mit „Allerheiligstem“ übersetzt, im Gegensatz z. B. zur NEB (New English Bible),
die denselben Satz mit dem Ausdruck „Heiligtum“ übersetzt. Wie wir gleich sehen werden, ist die NEB die
bessere Übersetzung.

Zunächst einmal, wenn man den Hebräerbrief „unbedarft liest“, das heißt, ohne jegliche theologische
Vorkenntnisse, ist die Kernaussage die, dass Jesus, erst als unser Opfer und jetzt als unser Hoherpriester, eine
neue Ära im Erlösungsplan eröffnet hat. Alles, was vor ihm gewesen war, der ganze Dienst im irdischen
Heiligtum mit dem Blut, den Opfern, dem Bund, wurde - obwohl von Gott selbst angeordnet - weggewischt und
ausgetauscht gegen ein besseres Heiligtum, mit besserem Blut und einem besseren Bund (dem neuen Bund).
Gemäß dem Hebräerbrief war die traditionelle Weise nur ein Schatten, ein Hinweisen auf Christus, der durch

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seinen Tod, seine Auferstehung und seinen jetzigen Dienst als Hoherpriester im Himmel für uns wirkt. Dieses
Thema durchzieht das Buch der Hebräer und erreicht seinen Höhepunkt in diesen Versen:

„Das ist nun die Hauptsache bei dem, wovon wir reden: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der sitzt
zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel und ist ein Diener am Heiligtum und an der wahren
Stiftshütte, die Gott aufgerichtet hat und nicht ein Mensch. Denn jeder Hohepriester wird eingesetzt, um
Gaben und Opfer darzubringen. Darum muss auch dieser etwas haben, was er opfern kann. Wenn er nun
auf Erden wäre, so wäre er nicht Priester, weil da schon solche sind, die nach dem Gesetz die Gaben
opfern. Sie dienen aber nur dem Abbild und Schatten des Himmlischen, wie die göttliche Weisung an
Mose erging, als er die Stiftshütte errichten sollte: ‚Sieh zu’, sprach er, ‚dass du alles machst nach dem
Bilde, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist’. Nun aber hat er ein höheres Amt empfangen, wie er ja
auch der Mittler eines besseren Bundes ist, der auf bessere Verheißungen gegründet ist.“ (Hebräer 8, 1-6)

Was ist die Hauptsache bei dem „wovon wir reden“ in den ersten sieben Kapiteln dieses Buches? Es ist der
Gedanke, dass anstelle des alten Bundes, seiner Priesterschaft samt Heiligtum wir einen neuen Bund samt
Priesterschaft und Heiligtum haben, wo Jesus im „wahren Tabernakel“ als der amtierende Hohepriester im
Heiligtum im Himmel dient. Hebräer vergleicht den Heiligtumsdienst des alten Bundes mit dem Neuen und
Besseren, der durch Christus eingeweiht wurde.

Das Thema ist nicht, in welche Abteilung Christus ging oder ob der rituelle Versöhnungstag (im Gegensatz zu
dem täglichen Opfer) mit Jesu Himmelfahrt ein Ende fand. Das wurde nirgends angesprochen, denn darum
geht es im Hebräer nicht, weder ausdrücklich, noch implizit. In Hebräer geht es einfach um Christus, seinen
Dienst als unser Hoherpriester des neuen Bundes, der zu unseren Gunsten im himmlischen Heiligtum vor dem
Vater Fürbitte einlegt. Damit tut er etwas für uns, das der alte Bund mit dem priesterlichen Dienst im Heiligtum
niemals tun konnte: Jesus ermöglicht uns den direkten Zugang zu Gott selbst durch seine Fürsprache. Das Buch
richtet unseren Blick auf den Gegensatz, auf den Vergleich zwischen dem Alten und dem Neuen, dem Irdischen
und dem Himmlischen, dem Schlechteren und dem Besseren, zwischen dem Schatten und der Wirklichkeit.

Aber was ist nun mit dem Ausdruck „in das Innere des Vorhangs“, der laut Br. Ratzlaff zeigt, dass zu der Zeit, als
der Brief an die Hebräer geschrieben wurde, Christus bereits in das Allerheiligste des himmlischen Heiligtums
eingetreten ist?*15)

Es steht außer Frage, dass in den meisten, nicht in allen, Fällen, wenn das Alte Testament den kurzen Satz „in
das Innere des Vorhangs“ verwendet, es sich dabei auf das Allerheiligste des irdischen Heiligtums bezieht. Aber
es ist faszinierend festzustellen, dass diese Ausdrucksweise fast immer mit sicheren Vermerken versehen wird,
dass damit speziell der zweite Raum der Stiftshütte gemeint ist. Mit anderen Worten; Wenn der Ausdruck „das
Innere des Vorhangs“ allein dasteht, ist er auch doppeldeutig, und man kann dogmatisch nicht eindeutig
behaupten, dass er sich immer und ausschließlich auf den zweiten Raum bezieht.

Seht euch einige Texthinweise an:

„Und du sollst den Vorhang an die Haken hängen und die Lade mit dem Gesetz hinter den Vorhang setzen,
dass er euch eine Scheidewand sei zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten. Und du sollst den
Gnadenthron auf die Lade mit dem Gesetz tun, die im Allerheiligsten steht.“ (2. Mose 26, 33-34.
Hervorhebung hinzugefügt)

„Und sprach: Sage deinem Bruder Aaron, dass er nicht zu jeder Zeit in das Heiligtum gehe hinter den
Vorhang vor den Gnadenthron, der auf der Lade ist, damit er nicht sterbe; denn ich erscheine in der Wolke
über dem Gnadenthron.“ (3. Mose 16,2. Hervorhebung hinzugefügt)

„Und er soll eine Pfanne voll Glut vom Altar nehmen, der vor dem Herrn steht, und beide Hände voll
zerstoßenen Räucherwerks und es hinter den Vorhang bringen und das Räucherwerk aufs Feuer tun vor
dem Herrn, dass die Wolke vom Räucherwerk den Gnadenthron bedecke, der auf der Lade mit dem Gesetz
ist, damit er nicht sterbe. Und er soll etwas vom Blut des Stieres nehmen und es mit seinem Finger gegen
den Gnadenthron sprengen; vor dem Gnadenthron soll er siebenmal mit seinem Finger von dem Blut
sprengen. Danach soll er den Bock, das Sündopfer des Volkes, schlachten und sein Blut hineinbringen
hinter den Vorhang und soll mit seinem Blut tun, wie er mit dem Blut des Stieres getan hat, und davon

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auch etwas gegen den Gnadenthron und vor den Gnadenthron sprengen.“ (3. Mose 16, 12-15.
Hervorhebungen hinzugefügt)

Jede dieser Aussagen „hinter den Vorhang“ bleibt nicht ohne weitere Angaben allein stehen. Mit anderen
Worten, jedes Beispiel zeigt entweder sofort oder im nachfolgenden Text ganz speziell, welcher Teil des
irdischen Heiligtums gemeint war; in diesen Fällen stets das Allerheiligste.

Im Gegensatz zu diesen Texten steht dieser eine Text, in dem der Ausdruck „… drinnen hinter dem Vorhang“,
ohne den ausdrücklichen Zusatz verwendet wird (so wie es auch der Fall in Hebräer 6, 19 ist):

„Du aber und deine Söhne mit dir, ihr sollt auf euer Priesteramt Acht haben, dass ihr dient in allen
Verrichtungen am Altar und drinnen hinter dem Vorhang; denn euer Priesteramt gebe ich euch zum
Geschenk. Wenn ein Fremder sich naht, so soll er sterben.“ (4. Mose 18, 7. Hervorhebung hinzugefügt)

Der Kontext ist ganz wichtig. Der Herr sprach mit Aaron über seine Pflichten im Heiligtumsdienst; und obwohl
die Leviten auch Verantwortungen im Heiligtum übernehmen durften, wurden bestimmte Dinge nur Aaron und
seinen Söhnen überlassen.

In Vers 5 spricht der Herr zu Aaron und seinen Söhnen: „So verseht nun den Dienst am Heiligtum und den
Dienst am Altar, damit hinfort nicht mehr ein Zorn komme über die Israeliten.“ (4. Mose 18, 5. Hervorhebung
hinzugefügt) Zwei Dinge werden ihnen hier für ihren besonderen Dienst ausgewählt: Das Heiligtum (vermutlich
einschließlich mit allem, was darin war, weil niemand sonst, sondern allein Aaron und seinen Söhnen erlaubt
war, es zu betreten) und der Brandopferaltar, der außerhalb des Heiligtumszeltes selbst stand. Daher fielen laut
Vers 5 das Heiligtum und der Altar unter die besondere Obhut von Aaron und seinen Söhnen, den Priestern.

In Vers 6 spricht der Herr noch einmal über das, was er in Vers 4 bereits gesagt hatte, dass die Leviten
bestimmte Verantwortlichkeiten zu übernehmen hatten. In Vers 7 wendet der Herr sich wieder Aaron und
seinen Söhnen zu und wiederholt, was er schon in Vers 5 gesagt hat und verweist auf die besondere
Verantwortlichkeit, die sich von dem allgemeinen Dienst der Leviten deutlich unterscheidet.

„Du aber und deine Söhne mit dir, ihr sollt auf euer Priesteramt Acht haben, dass ihr dient in allen
Verrichtungen am Altar und drinnen hinter dem Vorhang; denn euer Priesteramt gebe ich euch zum
Geschenk. Wenn ein Fremder sich naht, so soll er sterben.“ (4. Mose 18, 7 Hervorhebung hinzugefügt)

Vergleiche das mit Vers 5, wo der Herr zu Aaron speziell über seine Pflichten und die Pflichten seiner Söhne,
den Priestern, spricht:

„So verseht nun den Dienst am Heiligtum und den Dienst am Altar, damit hinfort nicht mehr ein Zorn
komme über die Israeliten.“ (4. Mose 18, 5. Hervorhebung hinzugefügt)

Siehe die zwei Parallelen zwischen den zwei Versen:

Vers 5 Vers 7
Altar = Altar
Heiligtum = „drinnen hinter dem Vorhang“

Diese Verse „drinnen hinter dem Vorhang“ und „das Heiligtum“ laufen parallel. Ein Vers sagt, dass Aaron und
seine Söhne das Amt am Altar und Heiligtum haben; der andere spricht von ihrem Altardienst und dem Dienst
„drinnen hinter dem Vorhang“, und das ist das Heiligtum. Beide reden von derselben Sache. Jedenfalls ist hier
die Aussage „drinnen hinter dem Vorhang“ ohne nähere Bestimmung gemacht worden, was ein klarer Beweis
auf das ganze Heiligtum ist – ein starker Beweis, dass ohne einen weiteren Vermerk (wie in Hebräer 6, 19) die
Aussage „im Inneren des Vorhangs“ sich nicht zwangsläufig auf das Allerheiligste bezieht, sondern auf das
ganze Heiligtum. Dieser Begriff passt gut zum Gesamtthema des Hebräerbriefes, das nicht davon spricht,
wohin Jesus im himmlischen Heiligtum ging, sondern einfach von der Tatsache, dass er drinnen ist und seinen
Dienst zu unseren Gunsten verrichtet .

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Alle, die dogmatisch behaupten, dass mit dem „Inneren des Vorhangs“ immer das Allerheiligste gemeint sein
muss, können sich mit Hebräer 9, 1-3 wenig trösten. Hier wird speziell über das irdische Heiligtum und die zwei
Räume, aus denen es besteht, gesprochen. Der Text lautet:

„Es hatte zwar auch der erste Bund seine Satzungen für den Gottesdienst und sein irdisches Heiligtum.
Denn es war da aufgerichtet die Stiftshütte: der vordere Teil, worin der Leuchter war, und der Tisch und
die Schaubrote, und er heißt das Heilige; hinter dem zweiten Vorhang aber war der Teil der Stiftshütte,
der das Allerheiligste heißt.“ (Hebräer 9, 1-3)

Diese Verse sind über etliche Dinge sehr aufschlussreich:

Zuerst haben wir eine unmissverständliche Bezugnahme auf die zweite Abteilung allein, das Allerheiligste. Vers
3 sagt „hinter dem zweiten Vorhang“ ist „das Allerheiligste“.

Nun, lasst die Bibel sich selbst auslegen und uns auf das zurückgreifen, was uns bei der Interpretation sicher
helfen kann. Wir können sehen, dass der Verfasser des Hebräerbriefes hier die Redewendung „hinter dem
zweiten Vorhang“ benutzt, wobei er sich damit auf das Allerheiligste bezieht, im Gegensatz zu der Aussage „im
Inneren des Vorhangs“. Wenn er in Hebräer 6, 19 dogmatisch beteuern wollte, dass Jesus in der zweiten
Abteilung ist, warum benutzte er dann nicht auch den gleichen Ausdruck „hinter dem zweiten Vorhang“, wie er
das in Hebräer 9,3 getan hat und damit zweifellos direkt auf das Allerheiligste weist? Oder warum verwendet er
nicht die früheren Worte von Hebräer 6, 19 („in das Innere hinter den Vorhang“) in Hebräer 9,3, wenn dieser
Ausdruck sich auf das Allerheiligste bezieht, anstatt das zu nennen, was „hinter dem zweiten Vorhang“ war?

Kann man jetzt behaupten, dass das nur zwei verschiedene Ausdrücke für ein und dieselbe Sache sind?

Vielleicht. Aber die bessere Lösung, die auf den gesamten Kontext des Hebräerbriefes passt, ist die, dass der
Verfasser in Hebräer 6,19 auf das ganze Heiligtum Bezug nimmt, das Jesus für uns betrat, während er in
Hebräer 9, 3 allein auf das Allerheiligste hinweist.
Warum ist das die bessere Lösung?

Das griechische Wort ta hagia und seine Varianten kommen im Hebräerbrief zehnmal vor. Die
Grundbedeutung des Wortes ist „das Heilige“, dem Grund nach eigentlich „das Heiligtum“. Es ist also das Wort,
das verwendet wird, um zu beschreiben, wo Jesus jetzt als unser Hoherpriester im Himmel ist; es ist auch ein
weiterer Schlüssel, der die Behauptung widerlegt, dass Hebräer Jesus gleich in das Allerheiligste des
himmlischen Heiligtums hineinversetzt hat.

Noch einmal, das Thema in Hebräer ist nicht, in welche Abteilung – das Heilige oder das Allerheiligste – Jesus
eintrat, sondern dass er unser Hoherpriester im himmlischen Heiligtum ist. Um jedoch dem dogmatischen
Streitpunkt entgegenzutreten, die Epistel versetzt Jesus gleich nach dem Kreuz in das Allerheiligste, lasst uns
einmal sehen, was das Griechische darüber sagt, wo Jesus ist.

Sehen wir noch einmal nach in Hebräer 9, 1-3. Der Kontext ist klar. Der Autor beschreibt das irdische Heiligtum
mit seinen zwei Abteilungen:

„Es hatte zwar auch der erste Bund seine Satzungen für den Gottesdienst und sein irdisches Heiligtum.
Denn es war da aufgerichtet die Stiftshütte: der vordere Teil, worin der Leuchter war und der Tisch und die
Schaubrote, und er heißt das Heilige; hinter dem zweiten Vorhang aber war der Teil der Stiftshütte, der
“das Allerheiligste“ heißt.“ (Hebräer 9, 1-3. Hervorhebung hinzugefügt)

Es steht außer Frage, dass die Formulierung in Vers 3 „das Allereiligste“ sich auf die zweite Abteilung des
irdischen Heiligtums bezieht. Das ist sicher. Im Griechischen wird hier eine einzigartige Variante von ta hagia,
verwendet, die sonst nirgendwo im Neuen Testament vorkommt: hagia hagion, das bedeutet „das Heilige der
Heiligen“ (Anmerkung des Lektors: …der heiligen Orte oder Abteilungen, nicht Personen! Das Wort ist die
Mehrzahl von „das Heilige“, nicht von „der Heilige“!), ein klarer, unmissverständlicher Bezug nur auf den
zweiten Raum allein. Achte auf die Betonung von „allein“, das wird später wichtig sein.

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Nun, in all den anderen Texten, in denen Hebräer eine Variante von ta hagia verwendet, einschließlich dem, in
welcher Örtlichkeit im Himmel sich Jesus befindet, ist es offensichtlich, dass nicht einer den Ausdruck hagia
hagion – „das Heilige der Heiligen“ – verwendet, was ein eindeutiger Bezug allein auf das Allerheiligste ist.
Wenn, wie manche beharrlich behaupten, Hebräer wirklich den ganzen Brief hindurch Jesus sofort nach seiner
Himmelfahrt in das Allerheiligste eintreten lässt, warum wird dort dann niemals die Redewendung verwendet,
die unmissverständlich und eindeutig auch „das Allerheiligste“ meint, wenn beschrieben wird, wo sich Christus
im Himmel befindet? Stattdessen wird eine Variante von ta hagia benutzt, die sich in den meisten Fällen auf
das Heiligtum als Ganzes bezieht.

Lasst uns mit einem anderen Text fortfahren, der eine Variante von ta hagia verwendet; es ist sogar der Text,
der dieses Wort zum ersten Mal erwähnt:

„Das ist nun die Hauptsache bei dem, wovon wir reden: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der da
sitzt zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel und ist ein Diener im Heiligtum und an der wahren
Stiftshütte, die Gott aufgerichtet hat und nicht ein Mensch.“ (Hebräer 8, 1-2 Hervorhebung hinzugefügt)

Hier haben wir einen weiteren Gebrauch von ta hagia. Vers 2 sagt, dass Christus ein Diener am „Heiligtum“
(von ta hagia) ist; der Kontext macht ganz klar, dass der Verfasser sich auf das ganze Heiligtum bezieht, das,
wie er sagt, „die wahre Stiftshütte ist, die Gott aufgerichtet hat und kein Mensch“. Es steht außer Frage, dass
der Ausdruck von „ta hagia“, der hier das erste Mal im Hebräerbrief erscheint, von dem Heiligtum im Himmel
als Ganzes spricht, im Gegensatz zu einem einzelnen Raum.

Die nächste Anwendung dieses Wortes ist Hebräer 9,1, wo es heißt, „es hatte zwar auch der erste Bund seine
Satzungen für den Gottesdienst und sein irdisches Heiligtum. (Hervorhebung hinzugefügt) Die Aussage
„irdisches Heiligtum“ kommt auch von ta hagia und ist ein weiterer unmissverständlicher Bezug auf das
Heiligtum als Ganzes, entgegen einem einzelnen Raum, und beweist einmal mehr, dass die Grundbedeutung
dieser Redewendung das Heiligtum selbst ist.

Dann gibt es noch Hebräer 9,2, wo es heißt, „denn es war da aufgerichtet die Stiftshütte: der vordere Teil,
worin der Leuchter war und der Tisch und die Schaubrote, und er heißt das Heilige.“ (Hervorhebung
hinzugefügt) Obwohl das eine der kompliziertesten Anwendungen des Wortes ist, sieht der Kontext einen
klaren Bezug auf den ersten Raum, das Heilige des irdischen Heiligtums. Trotz der Doppeldeutigkeit dieses
Wortes an sich (unabhängig davon, ob das griechische Wort im Plural sächlich und im Singular weiblich ist), ist
der Bezug auf den ersten Raum ganz klar.

Dann ist da in Hebräer 9,3 noch der Vers, den wir uns bereits angesehen haben und der ein einziges Mal die
Redewendung „hagia hagion“ - „das Heilige der Heiligen“ – anführt, womit zweifellos der zweite Raum allein
gemeint ist.

Als nächstes nun Hebräer 9,8: Vergiss nicht den Textzusammenhang: Der Schreiber von Hebräer vergleicht
darin den irdischen Heiligtumsdienst mit dem himmlischen. Nachdem er über den Dienst des Hohenpriesters
im Heiligen und Allerheiligsten berichtet hat, schreibt er:

„Damit macht der Heilige Geist deutlich, dass der Weg ins Heilige noch nicht offenbart sei, solange der
vordere Teil der Stiftshütte noch bestehe; der ist ein Gleichnis für die gegenwärtige Zeit. Es werden da
Gaben und Opfer dargebracht, die nicht im Gewissen vollkommen machen können den, der den
Gottesdienst ausrichtet. Dies sind nur äußerliche Satzungen über Speise und Trank und verschiedene
Waschungen, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt sind.“ (Hebräer 9, 8-10 Hervorhebung
hinzugefügt)

Beachte, er stellt den irdischen Dienst, „die erste Stiftshütte“*16), die ein „Gleichnis für die gegenwärtige Zeit“
war, der „Zeit einer besseren Ordnung“ gegenüber, dem neuen System, das Christus durch seinen Tod, seine
Auferstehung und seinen jetzigen hohenpriesterlichen Dienst im himmlischen Heiligtum einführte. Das in der
KJV (King-James-Version) übersetzte Wort „ins Heiligste von beiden“ kommt von dem Wort ta hagia „das
Heiligste“ oder einfach „das Heiligtum“ her, das auch den Sinn des Kontextes im Vergleich des alten mit dem
neuen System besser wiedergibt. (Anmerkung des Lektors: Der Luthertext übersetzt hier genauer mit „ins
Heilige“. Somit erübrigt sich diese Erklärung im Deutschen.) Was er damit meint ist, dass der Weg in das

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himmlische Heiligtum (auch die RSV - Revised Standard Version- und die NEB - New English Bible - übersetzen
das mit „das Heiligtum“) nicht erfolgen kann, solange das Irdische, das erste Tabernakel, noch wirksam war.
Also, wenn das Allerheiligste gemeint gewesen wäre, warum benutzte der Verfasser dann nicht die eindeutige
Bezeichnung für das „Allerheiligste“, und die heißt „hagia hagion“?

Die nächste Stelle, in der ta hagia vorkommt, ist in Hebräer 9, 12. Lasst uns wieder der Gedankenführung
folgen: Wir haben gerade gesehen, wie in den Versen 8-10 das irdische Heiligtum dem himmlischen
gegenübergestellt wurde. Die parallelen Verse 11 und 12 drücken denselben Gedanken aus (die Betonung liegt
auf dem Gegensatz von himmlisch zu irdisch):

Christus ist gekommen als ein Hoherpriester der zukünftigen Güter durch die größere und vollkommenere
Stiftshütte, die nicht mit Händen gemacht ist, das ist: die nicht von dieser Schöpfung ist. Er ist auch nicht
durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für allemal in das Heiligtum
eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben.“ (Hebräer 9,12. Hervorhebung hinzugefügt)

Noch einmal, wenn das „Allerheiligste“ – also die zweite Abteilung – gemeint wäre, warum benutzte der Autor
dann nicht die Worte „hagia hagion“, anstatt den Ausdruck zu verwenden, der ganz einfach „das Heiligtum“
meint? Stattdessen ist hier nicht mehr als eine weitere Gegenüberstellung des irdischen und des himmlischen
Heiligtums und weiter nichts.

Unser nächster Text steht in Hebräer 9, 24. Die vorhergehenden Verse reden davon, was im irdischen Heiligtum
geschah. Dann schreibt der Verfasser: „Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen
gemacht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem
Angesicht Gottes zu erscheinen“ (Hebräer 9, 24 Hervorhebung hinzugefügt). Das Wort heißt buchstäblich die
„Heiligen“ und nicht hagia hagion, „das Allerheiligste“. Der Gebrauch des Ausdrucks „in den Himmel selbst“
zeigt, dass es sich hier nicht darum dreht, in welcher Abteilung Jesus ist, sondern nur, dass er im Himmel im
Heiligtum ist.

Diejenigen, die behaupten, dass die Aussagen des Hebräerbriefes Christus unmittelbar nach seiner
Himmelfahrt in das „Allerheiligste“ versetzten, meinen zwar, dass sie mit dem nächsten Vers in Hebräer 9, 25
etwas in der Hand haben. Allerdings spricht gerade dieser Vers gegen sie. In einer unmissverständlichen
Bezugnahme auf den Dienst des Hohenpriesters am Versöhnungstag sagt der Text, „auch nicht, um sich oftmals
zu opfern, wie der Hohepriester alle Jahre mit fremdem Blut in „das Heiligtum“ geht“ (Hebräer 9, 25
Hervorhebung hinzugefügt). Das Interessante dabei ist nun, dass im Griechischen hier für „das Heiligtum“
wörtlich „ta hagia“, „die Heiligen“, steht; ein genauer der Ausdruck, der auch in Hebräer 9, 12, ein eindeutiger
Hinweis auf das ganze Heiligtum war. Aber in diesem Fall hier haben wir einen klaren Hinweis auf „das
Allerheiligste“, oder nicht? Wenn aber ta hagia hier „das Allerheiligste“ meint, sind wir dann nicht berechtigt
die gleiche Bedeutung auch den anderen Versen zuzuordnen, die nicht so unmissverständlich formuliert sind?

Oberflächlich betrachtet ist das ein gutes Argument. Jedoch ist es ein oberflächliches Argument und beruht auf
einer falschen Voraussetzung und zwar darauf, dass dieser Text sich ausschließlich auf das Allerheiligste
bezieht. Aber das ist nicht der Fall. Vielmehr ging der Hohepriester am Versöhnungstag in beide Abteilungen,
nicht nur in das Allerheiligste (siehe 3. Mose 16, 16-20). Deshalb bezieht sich Hebräer 9, 25 auf das gesamte
Heiligtum (ta hagia), in das er eintrat, im Gegensatz zu dem Ausdruck, der nur für das Allerheiligste (hagia
hagion) allein gebraucht wird. Er sprach also vom ganzen Heiligtum, nicht von einem einzelnen Raum. Hätte er
nur das „Allerheiligste“ gemeint, hätte er den Ausdruck hagia hagion verwendet, der das Allerheiligste
bezeichnet. Aber weil er das ganze Heiligtum gemeint hat, benutzte er das Wort, das das ganze Heiligtum
bezeichnet. Ich bin weit davon entfernt, ihren Streitfall zu untersuchen, denn dieser Text ist Beweis genug, um
die Behauptung derer zu widerlegen, die meinen, dass der Hebräerbrief dem Standpunkt der Siebenten-Tags-
Adventisten widerspricht.

Noch ein oder zwei weitere Texte in Hebräer verwenden diesen Ausdruck ebenfalls. Hier der erste:

„Weil wir nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er
uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines
Leibes“ (Hebräer 10, 19-20 Hervorhebung hinzugefügt).

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Noch einmal, das Griechische meint hier einfach „das Heiligtum“ (im Gegensatz zu dem unmissverständlichen
Ausdruck für „das Allerheiligste“); und außerdem ist der Kontext, wie bereits erwähnt, ein Vergleich zwischen
dem alten und dem neuen System, mit dem der Verfasser sagen will, dass wir jetzt jederzeit den
uneingeschränkten Zugang zu Gott ins himmlischen Heiligtum haben, im Gegensatz zu dem alten
eingeschränkten Zugang, der dem Gläubigen geboten war.

Der letzte Gebrauch steht in Hebräer 13, 11 und ist ein eindeutiger Verweis auf das Heiligtum; darum wurde
auch da ta hagia verwendet, im Gegensatz zu hagia hagion.

Was haben wir nun gesehen? Br. Dale nimmt diesen einen an sich schon mehrdeutigen Satzteil „in das Innere
hinter dem Vorhang“ und versucht dadurch unsere gesamte Heiligtumsbotschaft zu widerlegen, ohne auf die
schwerwiegenden Beweise der Texte selbst zu achten, wo insbesondere der Gebrauch des Wortes ta hagia
eindeutig belegt, dass der Hebräerbrief Christus einfach nur im himmlischen Heiligtum selbst sieht und weit
davon entfernt ist, ihn in das Allerheiligste hineinzuversetzen.

Es sollte noch angemerkt werden, dass Bibelgelehrte schon lange den Standpunkt vertreten, dass der Schreiber
des Hebräerbriefes von der Septuaginta, einer griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, beeinflusst
worden ist. In der Septuaginta ist ta hagia der allgemein gebräuchliche Ausdruck für „das Heiligtum“ und wird
niemals, auch kein einziges Mal, in Bezug auf das Allerheiligste allein verwendet. Das gleiche Schema zeigt sich
auch im Hebräerbrief, was nicht sonderlich überrascht, wenn man den Einfluss der Septuaginta auf den
Verfasser des Hebräerbriefes bedenkt. Gemäß einer Studie erscheint in der Septuaginta 109 Mal das Wort „ta
hagia“. In 106 Fällen davon bezieht es sich auf das ganze Heiligtum und in 3 auf den ersten Raum. Es gibt
keinen einzigen Beweis dafür, dass es sich jemals auf das Allerheiligste bezogen hat.*17)

Kurz gesagt, Br. Dales Behauptung, dass der Gesichtspunkt unserer Heiligtumstheologie „in das Innere hinter
den Vorhang“ falsch ist, ist selbst falsch. Es ist laut Hebräer keine Frage, in welchen Raum des Heiligtums
Christus eintrat. Aber wenn man dogmatisch sein will und energisch darauf besteht, dass ein Raum vor dem
anderen geschoben werden soll, dann sprechen die Beweise eindeutig gegen das Allerheiligste.

457 vor Christus und was damit zusammenhängt

Natürlich läuft Br. Dale (indem er Dr. Ford nacheifert) Sturm gegen die Jahreszahlen 457 v. Chr., 27 n. Chr., 31
n. Chr. und 34. n. Chr. Wie wir sehen werden, entwickelt er allerdings auch keine anderen Alternativen, die uns
zu irgendeinem interessanten Gesichtspunkt bringen würden.

Zunächst einmal, die Erstellung dieser Daten dreht sich um Daniel 9, 24-27 - eine Prophezeiung, die, wie wir
Adventisten gemeinsam mit vielen anderen Christen glauben, auf Christus hinweist. Eine Prüfung der
Fachliteratur (Werke, die von der Annahme ausgehen, dass es das Konzept einer Prophetie in der Bibel gar
nicht gibt und sie deshalb von ihnen abgelehnt wird) hat gezeigt, dass die meisten modernen Kommentatoren
die Meinung vertreten, der Gegenstand dieser Verse ist nicht Jesus, sondern, ……, du wirst es erraten,
Antiochus Epiphanes. Wie falsch sie damit auch liegen, so sehen sie schließlich doch den Zusammenhang
zwischen Daniel 9 und Daniel 8, den sie allerdings auch auf Antiochus beziehen. Natürlich hat Antiochus weder
mit dem einen, noch mit dem anderen Kapitel etwas zu tun. Daniel 9 spricht von Jesus, nicht von Antiochus.

Und die Tatsache, dass dieser Textabschnitt von Jesus handelt, fügt der Frage nach diesen Daten noch ein
wichtiges Element hinzu, ein Element, das die Kritiker ignorieren müssen. Des Ford, Dale Ratzlaff und andere
wollen alle das Jahr 457 v. Chr. widerlegen; und das ist in Ordnung, solange man anerkennt, dass es bei der
Berechnung um Daten geht, die Jesus betreffen. Solange man glaubt, dass die 70 Wochen von Daniel 9 auf
Jesus Bezug nehmen, sind die Möglichkeiten hinsichtlich des Ausgangspunktes für die 70 Wochen – und somit
auch für die 2300 Tage – sehr begrenzt. Trotzdem sollten wir nicht allzu dogmatisch sein, die genauen Daten
des Dienstes Jesu „nachzuweisen“, denn die Schrift verschafft uns nur das Material, das den allgemeinen
Zeitrahmen festlegt; und der ist ganz wichtig für uns (wie wir gleich sehen werden), um den Angriffen auf das
Jahr 457 v. Chr. entgegentreten zu können.

Betrachte den folgenden Text:

- 61 -
„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt
würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien
war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch
Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die das heißt Bethlehem,
weil er aus dem Hause und dem Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem
vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und
sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst
keinen Raum in der Herberge.“ (Lukas 2, 1-7 Hervorhebung hinzugefügt)

„Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus
dem Morgenland nach Jerusalem.“ (Matthäus 2, 1 Hervorhebung hinzugefügt)

„Da stand er (Josef) auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. Als er
aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu
gehen. Und im Traum empfing er Befehl von Gott und zog ins galiläische Land.“ (Matthäus 2, 21-22
Hervorhebung hinzugefügt)

Beachte die „säkularen“ Personen, die in diesen Versen im Zusammenhang mit Jesu Geburt erwähnt werden:
Kaiser Augustus, Quirinius, der Gouverneur von Syrien, König Herodes und der Sohn des Herodes, Archelaus.
Anders gesagt, einige der hier aufgeführten Personen sind sicherlich besser bekannt, andere weniger; einige
sind daher leichter zu datieren, andere weniger; doch alle sind Personen, die den historischen Hintergrund für
die Zeit von Jesu Geburt bilden.

„Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und
Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft
Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da
geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste. Und er kam in die ganze
Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“. (Lukas 3, 1-3
Hervorhebung hinzugefügt)

Beachte, auch hier sind einige weitere historische Personen aufgeführt - Kaiser Tiberius, Pontius Pilatus,
Herodes, Philippus, Hannas, Kaiphas - die alle in die Zeit des Johannes des Täufers gehörten, der Jesus taufte,
als er 30 Jahre alt war (Lukas 3, 23; Matthäus 3, 13-17). Wir haben hier also noch andere historische
Persönlichkeiten, die zum Teil mehr oder weniger genau datiert werden können.

„Am Morgen aber fassten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluss über Jesus, ihn zu
töten, und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus.“ (Matthäus
27,1+2 Hervorhebung hinzugefügt)

„ Und als er vernahm, dass er ein Untertan des Herodes war, sandte er ihn zu Herodes, der in diesen Tagen
auch in Jerusalem war.“ (Lukas 23,7 Hervorhebung hinzugefügt)

Diese Verse berichten von weiteren historischen Personen jener Zeit, die dieses Mal im Zusammenhang mit
Jesu Tod stehen. Dabei haben wir noch nicht einmal die historischen Personen berücksichtigt, die nach Jesu
Tod in der Apostelgeschichte aufgeführt sind, und die auch nachweislich ein wichtiges chronologisches
Fundament bilden, das uns etwas über die Zeit verrät, in der Jesus lebte und starb.

Warum ist das so wichtig? Weil wir die 70 Wochen aus Daniel 9 mit den 2300 Tagen aus Daniel 8 miteinander in
Verbindung bringen, und weil wir glauben, dass die Zeitprophezeiung der 70 Wochen gleichzeitig das
Anfangsdatum der 2300-Tage-Prophetie festlegt. Und das Anfangsdatum der 70 Wochen wird den
Endzeitpunkt der 2300 Tage festlegen, den wir im Jahr 1844 sehen. Diejenigen, die gegen 1844 vorgehen,
müssen einfach nur zeigen, dass das Anfangsdatum der 70 Wochen - 457 v. Chr.- falsch ist. Denn wenn das
verschoben würde, und sei es auch nur um ein Jahr, dann würden die 2300 Tage (Jahre) nicht 1844 enden.

Nun, viele der Bücher, auf die Br. Dale sich bezieht, behandeln dieses Thema, allerdings setzt sich Br. Dale
einfach über die Begründung dieses Datums hinweg, indem er die Argumente von Dr. Ford einfach wiederholt.
Ich will diese ganzen Rechtfertigungen hier nicht wiederholen, ist doch eine Menge Material darüber auf dem
Markt. Ich möchte eine etwas andere Vorgehensweise einschlagen; eine, die sich um die chronologische
- 62 -
Geschichtlichkeit Jesu dreht, denn er steht im Mittelpunkt, sowohl als Opfer (in der 70-Wochen-Prophezeiung),
als auch als Hoherpriester (in der 2300-Tage-Prophezeiung). Wir können von Jesu Leben und Sterben
ausgehend rückwärts rechnen, und aufgrund dieses Zeitrahmens den Anfang der 70-Wochen-Prophezeiung
feststellen, der uns dann ganz automatisch an das Ende der prophetischen Zeitkette bringt.

In Daniel 9, 25 (Elberfelder Übers.) heißt es: „So sollst du denn erkennen und verstehen: Von dem Zeitpunkt an,
als das Wort erging, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis zu einem Gesalbten, einem Fürsten, sind
es …..“ Somit suchen wir nach dem Datum, wann der Befehl erteilt wurde „Jerusalem wiederherzustellen und
zu bauen“, nachdem die Stadt offensichtlich durch die Babylonier zerstört worden war. Indem wir das
Reformationsprinzip „sola scriptura“ (allein die Schrift) verwenden, müssen wir in der Schrift etwas finden, das
dieses Datum belegt.

Es hat verschiedene Daten für diesen Erlass gegeben, einschl. 538 v. Chr., 520 v. Chr., 457 v. Chr., 458 v. Chr.
und 444 v. Chr. Vieles wurde von unseren Theologen über den historischen Hintergrund dieser Daten
geschrieben.*18) Doch lasst uns dieses Thema aus einem anderen Blickwinkel heraus angehen.

Gesetzt den Fall, jemand würde 538 v. Chr. als Ausgangspunkt für die 70 Wochen zugrunde legen. Von dem
Befehl Jerusalem wieder aufzubauen (538 v. Chr.) bis zur Erfüllung aller Ereignisse dieser Prophetie (das erste
Kommen Jesu, sein Tod, die Bestätigung des Bundes usw.), würden es 490 Jahre sein. Wenn wir 538 v. Chr. als
Ausgangspunkt annehmen, dann reichen die 490 Jahre bis zu … wann? 48 v. Chr. Nun, nachdem was wir
geschichtlich über Jesus und die historischen Ereignisse rund um sein Leben und seinen Dienst wissen, glaubt
dann noch irgendjemand, dass das Jahr 48 v. Chr. in den Hauptzeitrahmen von Jesu irdischem Dienst
hineinpasst? Natürlich nicht.

Genauso ist es mit dem Jahr 520 v. Chr. Wenn wir dieses Jahr zugrunde legen, dann enden die 70 Wochen im
Jahr 30 v. Chr., ein Datum, das in keiner Weise in die Zeit passt, in der Jesus lebte und starb. Wenn wir jedoch
457 v. Chr. einsetzen, dem siebten Jahr der Herrschaft Artaxerxes (siehe Esra 7, 8-26), dann fallen die Zahlen
genau richtig in Jesu Zeit, und zwar von 27-34 n. Chr. Und obwohl wir das exakte Datum nicht allzu doktrinär
aus den historischen Quellen nachweisen können, können wir mit dem Jahr 457 v. Chr. ganz gewiss dogmatisch
sein, das uns im Gegensatz zu allen anderen Daten, die alle so weit weg von dem einzig möglichen
Anfangspunkt liegen, zu dem „Gesalbten, dem Fürsten,“ bringt. Während ich von A. Rupert Hall die berühmte
Biografie von Isaac Newton las, stieß ich auf folgenden Satz, an den ich auch persönlich glaube: „ Wen
interessiert es heute noch, ob Newton richtig lag, indem er an seiner Behauptung festhielt, dass die
Prophezeiung über die 70 Wochen in dem Buch Daniel sich auf eine Zeitspanne von 490 Jahren bezieht,
beginnend mit der Rückführung der Juden durch Esra, von Babylon zurück nach Jerusalem, (457 v. Chr.) bis zur
Kreuzigung im Jahr 33/34 n. Chr.“? *19) Obwohl auch das noch keinen Beweis für unseren korrekten
Standpunkt ist, bestätigt es doch, dass wir nicht die Einzigen sind, die an ihm festhalten.

Der Erlass wurde im Jahr 457 v. Chr. von Artaxerxes I. herausgegeben, und es ist eindeutig, dass nicht nur die
Juden, sondern auch ihre Feinde sehr wohl verstanden, was der Erlass noch alles so nach sich zog: Er enthielt
die Erlaubnis zum Wiederaufbau der Stadt Jerusalem. In Esra 4, 7-13 (die Ereignisse dort werden nicht in
chronologischer Reihenfolge berichtet) wird uns mitgeteilt, dass eine Gruppe persischer Offiziere an den König
Artaxerxes schrieb und sich über den Wiederaufbau Jerusalems durch die Juden beschwerte. In dem Brief
gaben sie zwei wichtige Punkte an: Erstens, dass die Stadt gerade im Wiederaufbau war (Esra 4, 12) und
zweitens, dass die Juden, die den Wiederaufbau ausführten, von dem König gekommen sind. Sie schrieben in
diesem Brief wie folgt: „Und nun sei dem König kundgetan, dass die Juden, die von dir heraufgezogen und zu
uns nach Jerusalem gekommen sind, die aufrührerische und böse Stadt wieder aufbauen wollen; sie haben
begonnen, die Mauern zu errichten, und die Fundamente sind schon gelegt“ (Vers 12 Hervorhebung
hinzugefügt). Mit anderen Worten, die Juden, die die Stadt wieder errichteten, waren von Artaxerxes geschickt
worden; und der einzige Erlass, der die Juden nach Jerusalem schicken konnte (jedenfalls der einzige, der in der
Bibel erwähnt wird), wurde vom König im 7. Jahr seiner Herrschaft ausgestellt – ein Datum, das auf das Jahr
457 v. Chr. festgelegt werden kann.

Könnte man behaupten, dass es ein anderer Erlass war, ein anderer als der in Esra 7, einen, der nicht in der
Bibel erwähnt wird? Man könnte, aber zu welchem Preis? Hier haben wir die gewaltigste Prophezeiung in der
Bibel vor uns: Man gibt uns die Daten von Jesus, dem Messias Jahrhunderte im Voraus, und dann gibt uns die
Bibel selbst nicht den Anfangszeitpunkt bekannt? Das ist schwer zu glauben. Wenn wir nach dem Sola-

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Scriptura-Prinzip verfahren, dass die Bibel sich selbst auslegt, müssen wir glauben, dass sie uns einen
zuverlässigen und glaubhaften Ausgangszeitpunkt für diese wichtige Prophezeiung zur Verfügung stellt
(genauso wie für die 2300 Tage). Und sie tut das mit dem Erlass, den Artaxerxes in seinem 7. Regierungsjahr
ausgestellt hat, genau wie in Esra 7 beschrieben.

Was ist nun mit dem Jahr 445 v. Chr. als Ausgangszeitpunkt für die 70 Wochen? Wenn wir diese Zahl nehmen
und die 70 Wochen zuzählen, kommen wir in das Jahr 45 n. Chr.; und obwohl das besser ist, als einige der
anderen Daten, glaubt niemand, dass Jesus – der in der Mitte der letzten Woche „ausgerottet“ werden sollte –
etwa 42 n. Chr. hingerichtet wurde.

Nun, es gibt noch ein letztes Datum als Alternative für 457 v. Chr. das vorgeschlagen wird: 458 v. Chr. Das
beläuft sich auf eine Differenz von 6 Monaten. Nachstehend ein paar Zitate aus nichtadventistischen Quellen,
die alle 458 v. Chr. als das 7. Regierungsjahr von Artaxerxes zugrunde legen. Obwohl die meisten in einem
anderen Zusammenhang schreiben, beachte das Datum, das sie für die Rückkehr Esras nach Jerusalem
angeben:

„Viele Gelehrte entschieden sich für Artaxerxes I. und legten so das 7. Regierungsjahr des Artaxerxes in
Esra 7 auf das Jahr 458 v. Chr. fest….“*20)

„Eine eindeutige Deutung des biblischen Textes platziert Esras Ankunft in Judäa in das Jahr 458 v. Chr.“
*21)

Bezüglich der biblischen Quellen wirkten beide (Esra und Nehemia) zur Zeit Artaxerxes I. Longimanus. Das
Datum von Esras Ankunft in Jerusalem war im 7. Regierungsjahr dieses Königs, das bedeutet dann im Jahr
458 v. Chr.“*22)

In einem Artikel bestreitet Desmond Ford das Jahr 457 v. Chr. als Ausgangszeitpunkt für die 70 Wochen und
schrieb wie folgt:

„Aber es gibt noch ein letztes Problem: Sogar die Theologen, die glauben, dass Esra 4 sich auf die Zeit von
Esra und den Erlass in Esra 7 beziehen könnte, erkennen das Erlassdatum 457 v. Chr. nicht an. Das am
häufigsten allgemein anerkannte Datum ist 458 v. Chr., und zwar das Frühjahr - und sicherlich nicht der 22.
Oktober. Leider vollenden sich mit diesem Datum die 2300 Jahre nicht im Jahr 1844 n. Chr.“*23)

Nein – sie enden dann schon 1843 n. Chr.! Ein Jahr würde fehlen (nicht einmal ein volles Jahr). Auch wenn wir
458 v. Chr. anwenden, landen wir mit dem Beginn des himmlischen Vor-Advent-Gerichts (beide in Daniel 7 und
8) im Jahr 1843, anstatt in 1844. Tatsache ist, dass genug wissenschaftliche Werke verfasst wurden, um zu
belegen, dass das Jahr 457 v. Chr. wirklich das Bessere der beiden Daten ist. *24)

Faszinierend ist auch, dass, obwohl Br. Dale und Des Ford das Jahr 457 v. Chr. strikt ablehnen, sie kein
Alternativdatum angeben. In dem Artikel, der das Jahr 457 v. Chr. scharf kritisiert, spricht Ford über den Erlass
von Cyrus, der die Prophezeiung besser erfüllen würde, als der Erlass von Artaxerxes im Jahr 457 v. Chr.
Interessanterweise verfolgt er diesen Gedanken nicht weiter. Er stellt ihn einfach so in den Raum *25) als Teil
seines Versuchs, 1844 zu widerlegen, und geht dann weiter. Warum? Könnte es sein, weil er genau weiß, dass
der Erlass von Cyrus unmöglich funktioniert (das heißt, falls man glaubt, dass die 70 Wochen ein Hinweis auf
Jesus sind), denn dieser Anfangszeitpunkt würde Christi Zeit um Jahrzehnte vorverlegen, ehe er auf Erden
lebte? Anscheinend will Dr. Ford diesen Gedankengang nur aufnehmen, ihm aber nicht weiter nachgehen. Er
will einfach nur unseren Glauben attackieren und dann weitergehen. Man kann es ihm kaum verdenken.

Br. Ratzlaff fährt fort, gegen die Jahre 27 n. Chr., 31 n. Chr. und 34 n. Chr. vorzugehen. Jedoch ist seine
Argumentation für unseren augenblicklichen Zweck unwichtig. Was wichtig ist, ist der Ausgangszeitpunkt der
70 Wochen – ein Datum, das direkt mit Jesus im Zusammenhang steht. Und, wie wir gesehen haben, stehen wir
damit auf festem Grund.

Schließlich haben die, die das Jahr 457 v. Chr. als Ausgangszeitpunkt für die 70 Wochen ablehnen, nun die
Beweislast, ein anderes Datum aus der Schrift zu liefern; ein Datum, in dem sie die 70 Wochen so unterbringen,

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dass sie in die Zeit Jesu passen und das auch gleichzeitig den Anfangszeitpunkt der Prophezeiung über die 2300
Jahre bildet. Jesu Leben und Dienst setzte „Grenzen“, denn es schränkt die Möglichkeiten bezüglich des
Datums, das man als Ausgangszeitpunkt der Prophezeiung nehmen kann, sehr ein. Daher bietet uns Jesus
selbst die Grundlage für die Zeitprophezeiung der 2300 Jahre an. Du kannst nicht das eine verändern ohne das
andere zu manipulieren.

Das Tag-/Jahr-Prinzip: Also noch einmal

Bis zum heutigen Tage höre ich immer wieder, wie sogar innerhalb unserer Gemeinde die Gegner das Tag-/
Jahr-Prinzips angreifen. In Anbetracht des vielen Beweismaterials, das innerhalb der Gemeinde zugunsten des
Prinzips veröffentlicht wurde, wären diese Angriffe auf theologischem Gebiet fast so, als ob man das Wissen
um eine runde Erde zugunsten einer flachen Erde angreifen würde. Noch einmal, Br. Dales Irrtum in dieser
Hinsicht könnte noch mit einem Mangel an Information entschuldigt werden, weil er schon so lange nicht mehr
in unserer Gemeinde und daher entsprechend nicht auf dem Laufenden ist. Aber einige Gemeindeglieder,
denen unsere besten Argumente für das Tag-/Jahr-Prinzip zur Verfügung stehen, gehen trotzdem weiter
dagegen vor. Interessanterweise vermeiden sie es jedoch, sich direkt mit der besten Verteidigung dieser Lehre
in unserer Kirche auseinanderzusetzen, wie zum Beispiel mit Dr. Bill Sheas Ausarbeitung in „Selected Studies on
Prophetic Interpretation“.*26) Obwohl sie laut und dreist das Prinzip leugnen, haben sie sich (soweit mir
bekannt ist) niemals mit den Beweisen beschäftigt. Die Gegner geben weitschweifende Erklärungen gegen
dieses Prinzip ab und ergreifen dann die Flucht. Angesichts der Beweise – nicht nur für das Tag-/Jahr-Prinzip im
Allgemeinen, sondern insbesondere auch für seine Anwendung auf Daniel 7, 8 und 9 – kann ich ihnen dafür
kaum einen Vorwurf machen.

Ich beabsichtige nicht, alle Argumente dafür zu wiederholen. Um mehr zu erfahren, lies das Buch von Dr. Shea.
Ironischerweise sind die besten Argumente für das Tag-/Jahr-Prinzip im Anhang von Dr. Fords Buch „Daniel“ zu
finden.*27) Offensichtlich weist er darin jetzt alles zurück, was er damals geschrieben hatte. Es fällt schwer sich
vorzustellen, wie jemand, nachdem er Dr. Sheas Material gelesen hat (und Ford hat das eigentlich getan), das
Tag-/Jahr-Prinzip aus Vernunftsgründen noch bestreiten kann (emotionale Gründe dagegen sind eine völlig
andere Geschichte). Anstelle einer erschöpfenden Beweiskette zur Verteidigung, wie sie Dr. Shea schon
beigebracht hat, will ich nur einige Beispiele anführen, die, wie ich glaube, völlig ausreichend sind, um
beweisen zu können, wie hohl die Angriffsargumente auf das Tag-/Jahr-Prinzip bisher gewesen sind.

Zunächst zu Daniel 9, 24-27. Wenn du das Zeitelement wörtlich nimmst, hast du 70 Wochen (das sind ungefähr
1 Jahr und vier Monate) von dem Befehl an, Jerusalem wiederherzustellen und aufzubauen, bis zu dem
„Gesalbten, dem Fürsten“, Jesus von Nazareth, der im 1. Jahrhundert n. Chr. lebte. Das ist natürlich ganz
unmöglich, jedenfalls mit keinem der genannten Anfangsdaten, die alle Jahrhunderte vor Jesu Geburt liegen.
Andererseits wandelt das Tag-/Jahr-Prinzip die 70 Wochen in ein nahezu halbes Jahrtausend um und versetzt
den „Messias, den Fürsten“ genau in die Zeitperiode, in der Jesus lebte, was aber keinesfalls sein kann, wenn
der Zeitrahmen wortwörtlich interpretiert wird. Somit beweist der Messiasstatus von Jesus die Stichhaltigkeit
des Tag-/Jahr-Prinzips. Keine schlechte Begründung, um sicher zu sein.

Ein beliebtes Argument gegen dieses Prinzip – das Dr. Ford jetzt gebraucht – ist, dass der Ausdruck „70
Wochen“ in Daniel 9, 24, in Wirklichkeit „70 Wochen von Jahren“ bedeutet. Wenn Du „70 Wochen“ hast und
jede dieser Wochen ist eine „Jahrwoche“ (also 7 Jahre), dann kommst du auch auf 490 Jahre, sogar ohne das
Tag-/Jahr-Prinzip. Demzufolge würde diese Berechnung auch stimmen, denn wir kommen damit ebenfalls in
die Zeit Jesu sogar ohne das Tag-/Jahr-Prinzip anzuwenden.

Aber mit dieser Methode kommen zahlreiche Probleme auf. Zunächst einmal: Überall in der Bibel wo das Wort
gebraucht wird, das in Daniel 9, 24-27 mit „Wochen“ übersetzt und vokalisiert wurde, bedeutet es auch immer
„Wochen“ und nicht „Wochen von Jahren“ oder „Siebener“. In dieser speziellen Form und speziellen
Vokalisierung ist es nie anders übersetzt worden, als nur mit „Wochen“. Warum sollten die Verse Daniel
9, 24-27 plötzlich eine ganz andere Bedeutung haben, als die, welche das Wort „Woche“ sonst auch überall
hat?

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Vielmehr erscheint die gleiche Wortform auch in Daniel 10, 2-3: „Zu der Zeit trauerte ich, Daniel, drei Wochen
lang. Ich aß keine leckere Speise; Fleisch und Wein kamen nicht in meinen Mund; und ich salbte mich auch
nicht, bis die drei Wochen um waren.“ An beiden Textstellen ist das Wort „Wochen“ dasselbe, das in Daniel
9, 24-27 Verwendung findet und dort ganz korrekt mit „Wochen“ übersetzt wurde und nicht mit „Wochen von
irgendetwas“. Also, in den beiden Stellen wurde der hebräische Ausdruck mit „drei ganzen Wochen“ übersetzt,
und das sind buchstäblich „drei Wochen von Tagen“. Nun versuchen manche damit zu argumentieren, indem
sie ziemlich spitzfindig behaupten, dass die „drei Wochen von Tagen“ parallel zu Daniel 9, 24-27 stehen , weil
sie nicht den Zusatz „Tage“ vor dem Wort „Wochen“ haben, und deshalb muss es „Wochen von Jahren“
(Jahrwochen) bedeuten.

Mit dieser Annahme gibt es allerdings ein paar eklatante Probleme. Das erste ist, dass in Daniel 10, 2-3 das
angeführte Wort für „Wochen“ ganz konkret Wochen meint und keine „Wochen von irgendetwas“. Hebräische
Hauptwörter stehen nämlich, wenn ein Genitiv folgt, in einer besonderen Form (Status constructus), z. B. „Haus
von irgendetwas“, im Gegensatz zu einfach „Haus“. Und „Wochen“ in Daniel 10, 2-3 ist eindeutig kein Status
constructus. Es sind keine „Wochen von irgendetwas“, sondern ganz einfach nur gewöhnliche „Wochen“.
Deshalb bricht die versuchte Parallele gleich von Anfang an aufgrund dieser unveränderlichen
grammatikalischen Grundlage in sich zusammen.

Außerdem werden im Bibelhebräisch Zeiteinheiten wie Monate und Jahre manchmal von dem Zusatzwort
„Tagen“ gefolgt, das jedoch ein sprachüblicher Ausdruck für „voll“ oder „ganz“ ist (siehe 1. Mose 41, 1; 29, 14).
Das ist alles, was damit gemeint ist, und das ist auch alles, was in Daniel 10, 2-3 gemeint ist. Deshalb ist der
Sprung von „drei ganzen Wochen“ (Daniel 10. 2-3) zu „Jahrwochen“ in Daniel 9, 24-27 ein Sprung ins Leere.

„Somit“, schreibt Dr. Shea, „bedeutet der hebräische Ausdruck in Daniel 10, 2-3 gemäß dieser
Spracheigentümlichkeit der drei „Wochen von Tagen“ nämlich „drei volle Wochen“ oder „drei ganze
Wochen“. Durch diese Ausdrucksweise wird sprachlich vermieden, dass man die Schlussfolgerung ziehen
kann, dass die „Woche von Tagen“ in diesem Abschnitt „Jahrwochen“ bedeuten würden.*28)

Noch ein letzter Punkt: Angenommen, es gäbe sprachliche Gründe in Daniel 9, 24-27, die Wochen mit
„Jahrwochen“ zu übersetzen. Jede „Woche“ wäre dann eine „Woche von Jahren“, das heißt, eine Woche
umfasst 7 Jahre. Interessant, dass mit diesem Tag-/Jahr-Prinzip jede Woche auch 7 Jahre bedeuten. Mit
anderen Worten, in dem Begriff einer „Woche von Jahren“ ist das Tag-/Jahr-Prinzip selbst schon mit enthalten.
Wenn also jemand vernünftigerweise nach dem Tag-/Jahr-Prinzip sucht, könnte er es im Rahmen des Begriffs
der „Woche von Jahren“ finden. Theologen hatten sich das eigentlich ausgedacht, um damit das Tag-/Jahr-
Prinzip zu widerlegen. Weil jedoch das Tag-/Jahr-Prinzip so tief in der Prophetie verwurzelt ist – es ist für die
Prophezeiung notwendig, damit sie einen Sinn ergibt – bestätigt das, was erdacht worden war, um das Prinzip
abzulehnen, dieses indirekt noch!

Weil nun das Tag-/Jahr-Prinzip für die 70 Wochen unbedingt erforderlich ist und weil die 70 Wochen (als ein
Teil) von den 2300 Tagen „abgeschnitten“ wurden, ist es da nicht logisch, dass das Tag-/Jahr Prinzip auch für
die 2300 Tage gilt? Selbstverständlich. Tatsächlich ist es ein logisches Erfordernis, weil es ja gar keine
Möglichkeit gibt 490 Jahre als Teil oder Abschnitt von wortwörtlichen 2300 Tagen abzuziehen, die gerade mal
etwas über 6 Jahre ergeben. Die einzige Möglichkeit, die für den Zusammenhang der zwei Prophezeiungen
einen Sinn macht, ist die Anwendung des Tag-/Jahr-Prinzips – auch für die 2300 Jahre.

Mittlerweile gibt es innerhalb der 2300 Tage selbst einen weiteren Beleg, dass sie rechnerisch anhand des Tag-
/Jahr-Prinzip verstanden werden müssen. Um diesen Punkt noch einmal klarzustellen, wiederhole ich ein paar
Absätze aus früheren Abschnitten dieses Buches, die sich mit der in Daniel 8, 13 gestellten Frage beschäftigen
und die zu der in Vers 14 gegebenen Antwort führen, die besagt, dass das Heiligtum gereinigt wird:

Dieser Punkt ist besonders aus dem besagten Vers 13 ersichtlich: „Ich hörte aber einen Heiligen reden und ein
anderer Heiliger sprach zu dem, der da redete: Wie lange gilt dieses Gesicht vom (in der englischen King-James
Übersetzung: „bezüglich des …“) täglichen Opfer und vom verwüstenden Frevel und vom Heiligtum, das
zertreten wird?“

Das Wesentliche hierbei ist, dass das Wort „bezüglich“ im Hebräischen gar nicht vorkommt. Die hebräische
Grammatik lässt das auch nicht zu. Demnach geht es bei dieser Frage nicht bloß um die Aktivitäten des kleinen

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Horns, sondern um alles, was in diesem Kapitel geschrieben steht. Und das ist sowohl die Vision über den
Widder und den Ziegenbock (Medo-Persien und Griechenland), als auch die Aktivitäten des kleinen Horns
(heidnisches und päpstliches Rom). Eine wortwörtliche Übersetzung würde etwa lauten: „Wie lange die Vision
vom Täglichen und der Übertretung der Verwüstung, die Heiligtum und Heer zertreten?“ Anders gesagt zählt
die Frage Dinge auf, die in dieser Vision passierten. Das Wort für „Vision“ in Vers 13 ist nämlich hazon. Sie
handelt von dem Widder und dem Ziegenbock, also Medo-Persien und Griechenland (siehe nächstes Kapitel).

Die Frage könnte dann auch so umschrieben werden: Wie lange wird es all diesen Geschehnissen erlaubt sein
weiterhin zu wirken, angefangen von dem Aufkommen Medo-Persiens, dem Aufkommen Griechenlands und
schließlich dem Angriff Roms auf Jesu himmlischen Dienst?

Dieser Punkt sollte ganz klar sein: Die 2300 Tage müssen sich über alle in der Vision von Daniel 8 beschriebenen
Ereignisse erstrecken; das heißt, über Medo-Persien, Griechenland, Rom und die Reinigung des Heiligtums.
Wortwörtliche 2300 Tage erstrecken sich nicht einmal über eines dieser Königreiche, geschweige denn über
alle. Hingegen ist das Problem mit dem Tag-/Jahr-Prinzip auf Anhieb gelöst: Über 23 Jahrhunderte hinweg und
nicht nur über ein bisschen mehr als 6 Jahre erstrecken sich die besagten Ereignisse. Kurz gesagt, die
Prophezeiung selbst fordert das Tag-/Jahr-Prinzip.

Ebenso trägt auch Daniel 7 das Erfordernis des Tag-/Jahr-Prinzip in sich. Ich wiederhole noch einmal einiges aus
einem früheren Abschnitt dieses Buches; dieses Mal im Kontext der Macht des Kleinen Horns, die ein Teil des
vierten Tieres ist:

Es genügt, so viel zu sagen: Die Kleine-Horn-Macht entsteht direkt aus dem heidnischen Rom, das seinen
Untergang (als heidnisches Rom) ungefähr im 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr. erlebte. Daraus ging die Kleine-
Horn-Macht hervor, die die Heiligen „1260 Jahre“ lang (Daniel 7, 23-25) verfolgt. Nach dieser Verfolgung gibt
es ein Gericht im Himmel, das zur Aufrichtung von Gottes ewigem Königreich führt. (Verse 26-27)

Nun, entweder ist der Zeitrahmen von dreieinhalb Jahren wortwörtlich oder prophetisch (1260 wirkliche Jahre)
zu nehmen. Welche Variante passt am besten?

Inmitten all der prophetischen Symbole von Daniel 7 (einem geflügelten Löwen, einem Leoparden, einem Tier
mit Eisenzähnen, einem Horn, das Augen und einen Mund hat) finden wir eine Zeitprophetie, die die
Aktivitäten eines Horns beschreibt, das einen Mund und Augen hat. Nimmt man nun diesen Zeitraum von
dreieinhalb Jahren wortwörtlich (selbst wenn er inmitten all dieser Symbole erscheint), dann ist nur eine von
zwei Varianten möglich.

Zunächst einmal wurde die Verfolgung für mindestens 1500 Jahre aufgeschoben. Wir dürfen dabei ja nicht
vergessen, dass das kleine Horn erst im 5. bis 6. n. Chr., nach dem Untergang des heidnischen Roms, aufkam
und dass das Gericht, das den 1260 Tagen der Verfolgung folgt, mit dem zweiten Kommen Jesu endet, welches
frühestens jetzt im 21. Jahrhundert ist.

Demzufolge müsste eine Riesenlücke klaffen zwischen der Zeit des Aufkommens des kleinen Horns (im 6.
Jahrhundert n. Chr.) und den 1260 Verfolgungstagen, die noch vor dem Endgericht stattfinden, das wiederum
dem zweiten Kommen Jesu vorausgeht. In diesem gedachten Szenario entsteht also eine verfolgende Macht
aus dem heidnischen Rom, aber mindestens 1.500 Jahre oder mehr beginnt die Verfolgung noch nicht?
Bedenke, wir leben bereits im 21. Jahrhundert und Gottes Königreich ist bis jetzt noch nicht erschienen, aber es
tritt doch nach 1260 Verfolgungstagen auf. Solch eine Auslegung ist zwar möglich, aber nicht plausibel.
Außerdem wird nirgendwo in diesem Text angedeutet, dass die Verfolgung bis zum Ende aufgeschoben wird;
alle Charakteristiken des kleinen Horns gelten für seine ganze Dauer.

Die andere Variante sieht folgendermaßen aus: Weil die Charakteristiken auf die gesamte Zeit des kleinen
Horns anzuwenden sind, also ohne einen Hinweis auf einen anfänglichen Aufschub, müssen die dreieinhalb
Jahre der Verfolgung schon früh in der Karriere des kleinen Horns anfangen haben. Das heißt, sie hätten dann
schon vor ungefähr 1500 Jahren, also etwa im 5. Jahrhundert n. Chr. aufgehört, also nur 1260 tatsächliche Tage
nachdem sie begonnen hatten. Wenn dem so wäre, dann würde das darauf folgende Gericht schon seit
eineinhalbtausend Jahren tagen. Auch diese Situation ist zwar denkbar, aber ziemlich unhaltbar, besonders für

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die, die schon über die Ansicht der Adventisten spotten, dass das Untersuchungsgericht seit 1844 begonnen
hat, und meinen, es sei dumm zu glauben, dass ein Gericht so lange, nämlich seit 1844, tagt.

Kurz gesagt, eine wortwörtliche Interpretation von Daniel 7, 25, die für die Verfolgungszeit der Kleinen-Horn-
Macht buchstäbliche dreieinhalb Jahre ansetzt, ist so unwahrscheinlich, dass man sie als baren Unsinn
bezeichnen muss.

Wird allerdings der Prophezeiung das Tag-/Jahr-Prinzip zugrunde gelegt, verschwinden alle diese Probleme.

Beweise für das Tag-/Jahr-Prinzip sind in der Schrift reichlich vorhanden. Schon das 1. Buch Mose ist ein guter
Anfang. Man könnte das die erste Zeitweissagung in der Bibel nennen, in der eine Andeutung dieses Prinzips
erscheint. Im Zusammenhang mit der kommenden Flut sagte der Herr: „ Mein Geist soll nicht ewig im
Menschen bleiben, da er ja auch Fleisch ist. Seine Tage sollen 120 Jahre betragen.“ (1.Mose 6,3; Elberfelder
Übersetzung Hervorhebung hinzugefügt) Siehst du die Verknüpfung von Tagen/Jahren? Obwohl das nur
idiomatische Ausdrücke sind, ist die Verknüpfung von Tagen und Jahren schon da.

Es gibt noch mehr:


„Und alle Tage Kenans betrugen 910 Jahre, dann starb er.“ (1. Mose 5, 14. Elberf. Hervorhebung hinzugefügt)
„Und alle Tage Henochs betrugen 365 Jahre „ (1. Mose 5, 23. Elberf. Hervorhebung hinzugefügt).
„Und alle Tage Noahs waren 950 Jahre“ (1. Mose 9, 29. Elberf. Hervorhebung hinzugefügt).
Allein aus diesen Formulierungen (die zahlreich auf den ersten Seiten der Bibel zu finden sind), kann man
schwerlich das Tag-/Jahr-Prinzip nachweisen. Aber sie beweisen zumindest andeutungsweise eine Verknüpfung
von Tagen mit Jahren.

Natürlich gibt es den bekannten Vers in 4. Mose 14, 34, der für sich allein betrachtet zwar nicht das
Tag-/Jahr-Prinzip beweisen würde; aber zusammen mit anderen Hinweisen fraglos hilft diesen Gedanken zu
erhärten. „Nach der Zahl der vierzig Tage, in denen ihr das Land erkundet habt - je ein Tag soll ein Jahr gelten -,
sollt ihr vierzig Jahre eure Schuld tragen, auf dass ihr innewerdet, was es sei, wenn ich die Hand abziehe.“
(Hervorhebung hinzugefügt) Auch die folgenden bekannten Verse schaden unserem Fall nicht: „Ich will dir aber
die Jahre ihrer Schuld auflegen, für jedes Jahr einen Tag, nämlich dreihundertneunzig Tage. So lange sollst du
die Schuld des Hauses Israel tragen. Und wenn du dies vollbracht hast, sollst du danach dich auf deine rechte
Seite legen und sollst tragen die Schuld des Hauses Juda vierzig Tage lang; denn ich gebe dir hier auch je einen
Tag für ein Jahr.“ (Hesekiel 4, 5-6. Hervorhebung hinzugefügt)

Übrigens, auch in der hebräischen Poesie werden oft Tage als Parallelen für Jahre eingesetzt, die dann einen
semantischen Zusammenhang zwischen zwei Zeitabschnitten aufzeigen:

„ Sind deine Tage wie die Tage eines Menschen oder deine Jahre wie die Tage eines Mannes?“ (Hiob 10,5.
Elberfelder Übersetzung, Hervorhebung hinzugefügt)

„Ich dachte: Lass das Alter (wörtlich „die Tage“ z. B. King-James Übers.) reden, und die Menge der Jahre
lass Weisheit beweisen.“ (Hiob 32, 7 Hervorhebung hinzugefügt)

„Ich durchdachte die Tage vor alters. Der Jahre der Urzeit gedachte ich.“ (Psalm 77,6. Elberf.
Hervorhebung hinzugefügt)

Es gibt auch Texte, in denen das Wort „Jahre“ mit „Tage“ übersetzt wurde, obwohl „Jahre“ gemeint sind. Im
Zusammenhang mit dem Passahfest, das einmal im Jahr abgehalten wurde, heißt es in 2. Mose 13, 10, „So
sollst du denn diese Ordnung zu ihrer bestimmten Zeit von Jahr zu Jahr halten“, obwohl der wortwörtliche
hebräische Ausdruck „Tag für Tag“ lautet.

Einmal im Jahr nahm Hanna die Kleidung, die sie für den jungen Samuel gemacht hatte, mit in den Tempel:
„Und seine Mutter machte ihm ein kleines Oberkleid und brachte es ihm Jahr für Jahr hinauf, wenn sie mit
ihrem Mann hinaufging, um das jährliche Schlachtopfer darzubringen.“ (1. Samuel 2,19 Hervorhebung
hinzugefügt) Im Hebräischen steht hier für „Jahr für Jahr“ wortwörtlich „Tag für Tag“ und ebenso heißt
„jährlich“ buchstäblich „die Tage“.

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Noch einmal, obwohl das alles nur idiomatische Ausdrücke sind, weisen sie definitiv auf eine semantische
Verbindung zwischen den Begriffen Tage und Jahre hin.

Dann haben wir natürlich noch das kleine ärgerliche Problem, das sich in Daniel 8 findet. Da wird dem
Propheten gesagt, dass die Vision in die „Zeit des Endes“ gehört (Daniel 8, 17+19). Schwer zu erklären, wenn
die 2300 Tage, die zur Zeit Medo-Persiens begannen, nur wortwörtliche 6 Jahre gedauert hätten. Im Gegensatz
dazu löst das Tag-/Jahr-Prinzip das Dilemma wirklich gut.

Wir brauchen nicht einmal die Tatsache in Betracht zu ziehen, dass die Zeitweissagungen in Daniel 7 und 8 auf
eine sehr ungewöhnliche Weise dargestellt wurden. Zum einen sind sie in eine prophetische Symbolsprache
eingekleidet, in die Bilder von einem Ziegenbock und einem geflügelten Löwen. Zum andern sind diese
prophetischen Symbole selbst schon mehr als nur ein Fingerzeig darauf, dass eine wortwörtliche Interpretation
der Zeit gar nicht gemeint sein kann. Beispielsweise ist der Ausdruck „2300 Abende und Morgen“ nicht die Art
und Weise, wie die Bibel eine Zeitperiode von rund 6 Jahren und 4 Monaten beschreiben würde. Warum? Der
Grund könnte sein, dass sie, weil sie inmitten symbolischer Prophezeiungen erscheinen, als symbolische und
nicht als wörtliche Zeit gemeint ist.

Also, ich persönlich glaube, dass das Tag-/Jahr-Prinzip kaum eine adventistische Erfindung ist. Es wurde schon
Hunderte von Jahren bevor der Adventismus aufkam sowohl von jüdischen als auch von christlichen Auslegern
erkannt und angewandt; und diese Ausleger verwendeten das Prinzip sogar für dieselben Prophezeiungen wie
wir. Obwohl das nicht beweist, dass das Tag-/Jahr-Prinzip richtig ist, bestätigt es doch sicherlich, dass andere,
lange vor William Miller und Ellen White, in der Bibel gute Gründe für dieses Prinzip sahen, und man es deshalb
nicht als die Erfindung irgendwelcher Adventisten oder Milleriten bezeichnen kann.

Es gibt noch vieles, das wir nicht angesprochen haben (lies nur Dr. Shea oder sogar Fords Buch
„Daniel“; darin findet man mehr als genug Beweismaterial für die Stichhaltigkeit unserer Anwendung des
Tag-/Jahr-Prinzips). Aber eins steht fest: In Anbetracht der sprachlichen, theologischen und historischen
Nachweise für das Tag-/Jahr-Prinzip liegt die Beweislast nicht bei denen, die an das Prinzip glauben, sondern
bei denen, die es trotz aller Beweise abstreiten.

Schlussfolgerung

Lasst uns nun einige Aspekte aus den vorhergehenden Kapiteln zusammenfassen und aufzeigen, wie wir auf
das Datum 1844 als Endzeitpunkt der 2300-Jahres-Prophezeiung aus Daniel 8,14 kommen.

1. Halte noch einmal Rückschau auf die Tabellen, die die Parallelen zwischen Daniel 2, 7 und 8 darstellen, und
überzeuge dich, dass die Gerichtsszene in Daniel 7 – das Gericht, das dem zweiten Kommen Jesu und dem Ende
der Welt, wie wir es kennen, vorausgeht – dasselbe Ereignis ist, wie die Reinigung des Heiligtums in Daniel 8.

2. Betrachte die Tabellen und sieh, dass das Gericht in Daniel 7 und die Reinigung des Heiligtums nach der
„einen Zeit, zwei Zeiten und einer halben Zeit“ (Daniel 7, 25) stattfinden, das heißt, irgendwann nach dem
späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert.

3. Beachte auch, dass Daniel 2 aus einem Traum/einer Vision und einer vollständigen Deutung des
Traums bzw. der Vision besteht. Im Gegensatz dazu hat Daniel 8 einen Traum/eine Vision, aber nur eine
teilweise Deutung des Traumes/der Vision; die mareh der 2300 Tage ist der einzige nicht erklärte Teil. Dafür
hat Daniel 9 keinen Traum und keine Vision, bloß eine Erklärung; und wie wir zuvor gesehen haben, ist es eine
Erklärung der mareh, der Vision von den Abenden und Morgen, die in Daniel 8 nicht erklärt wurde.

4. Wir sahen auch, dass die 70 Wochen ein Abschnitt von den 2300 Tagen ist . Folglich haben wir hier zwei
Prophezeiungen, eine kürzere von 70 Wochen und eine längere von 2300 Tagen, von der die Kürzere von der
Längeren abgetrennt wurde (nach alledem kann es keinesfalls umgekehrt sein, nicht wahr?):

70 Wochen
--------------
2300 Tage

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5. Wir haben auch gesehen, dass von allen Terminvorschlägen für den erteilten Erlass, Jerusalem wieder
aufzubauen, und hierdurch auch für den Beginn der 70 Wochen und der 2300 Tage, der Dienst Jesu selbst, als
das einzige umsetzbares Datum 457/458 v. Chr. festzusetzen ist. Diese Prophezeiung ist so sicher wie Christus
selbst.

70 Wochen
457 v. Chr. --------------- 34 n. Chr.

6. Wenn die 70 Wochen, die ein „Abschnitt“ von den 2300 Tagen sind, 457 v. Chr. beginnen (siehe in „1844
leicht gemacht“ die Erklärung, warum die Abtrennung am Anfang und nicht am Ende der 2300 Tage sein
musste), kommen wir folglich in das Jahr 1844 n. Chr.

2300 Jahre
457 v. Chr. -------------------------------------------------1844 n. Chr.

Rechne nach, addiere 2300 zu -457 und du erhältst 1843. Zähle noch ein weiteres Jahr hinzu, um die
Jahresdifferenz zwischen einer regulären Zahlenlinie und einem Kalender auszugleichen und du kommst auf
1844. Wunder über Wunder, dieses Datum kommt nach der in Daniel 7 beschriebenen 1260-Jahresperiode
heraus. Mehr braucht man nicht zu machen. Das ist so sicher wie die Weltgeschichte, so sicher wie Christus, so
sicher wie Mathematik an sich.

Lasst uns nun zusammenfassen:

In den letzten drei Kapiteln haben wir allein den einen Abschnitt („Eine biblische Bewertung“) von Br. Dales
Angriff auf das Untersuchungsgericht überprüft, in dem er behauptet, mit „ein paar klaren Bibelhinweisen ohne
den Schatten eines Zweifels“ zu belegen, dass nicht nur das Untersuchungsgericht verkehrt ist, sondern der
Schrift „in fast jedem Punkt“ widerspricht.

Noch einmal, in Br. Dales 380 Seiten umfassenden Buch gegen das Untersuchungsgericht sind nur 15 Seiten
enthalten, die er eine „biblische Bewertung“ nennt. Und wir haben uns die Bewertung näher angesehen. Das
Beweismaterial spricht für sich selbst.

Nun, wie ich schon früher betonte, wenn wir das Vor-Advent-Gericht nicht aus der Bibel beweisen können,
brauchen wir uns auch nicht um Ellen White und ihre Gabe zu kümmern und sie verteidigen. Wenn das Gericht
ein Irrtum ist, so ist es auch ihr Dienst.

Aber wenn das Gericht verkehrt ist, braucht Br. Dale bessere Beweise als seine 15 Seiten starke „biblische
Bewertung“, die nichts anderes sind, als die ausgekauten Argumente von Dr. Ford. Ein Gedanke geht mir nicht
aus dem Sinn: Ist das alles, was die Kritiker zuwege bringen, einfach dieselben alten Vorwürfe dagegen immer
wieder aufzuwärmen - Vorwürfe, die schon mehr als einmal beantwortet wurden? In aller Aufrichtigkeit muss
ich sagen, dass die kontinuierliche Schwäche und Seichtheit derselben alten Angriffe, wie auch die permanente
Weigerung, unseren Schreibern der Daniel- und Offenbarungs-Bücher entgegenzutreten, mich in meinem
Glauben an die Wahrheit des Untersuchungsgerichts seit 1844 nur noch mehr bestärkt.

Kürzlich schrieb ein pensionierter Kirchenwissenschaftler eine lange Schmähschrift gegen das
Untersuchungsgericht. Sie enthielt dieselben Argumente einschließlich der obligatorischen Angriffe auf das
Tag-/Jahr-Prinzip („Es gibt keine biblische Grundlage für das so genannte Prinzip.“*29), Sie enthielt auch
Angriffe auf die Daniel- und Offenbarungsbücher, die er u. a. „die ultimativen Werke eines im höchsten Grade
fraglichen Obskurantismus nannte, den die adventistische Wissenschaft zu bieten hat!“*30). Wie die anderen
Kritiker einschl. Br. Dale auch, hat er sich aber bisher niemals mit konkreten Argumenten auseinandergesetzt.
Er kritisiert sie nur heftig und macht dann weiter. Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus.

Wir haben Br. Dales „biblische Bewertung“ des Gerichts betrachtet. Sie ist jämmerlich gescheitert. Beweist
dieser Fehlschlag, dass das Gericht wahr ist? Natürlich nicht. Es beweist nur, dass einer der lautstarken
Kirchenkritiker unfähig war, ein stabiles Gebäude gegen 1844 und das Untersuchungsgericht auf biblischer
Grundlage aufzubauen. Wenn er könnte, würde er Ellen White mit noch schwerer wiegenden Angriffen
attackieren (wirklich, es würde ausreichend sein, um sie untergehen zu lassen). Seine große Anklage, dass sie

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eine falsche Lehre unterstützte, steht auf schwachen Füßen, weil er nicht beweisen kann, dass die Lehre selbst,
das Untersuchungsgericht, verkehrt ist.

Jetzt aber, so schwach seine Anklage auch gewesen ist, sehen wir uns die nächste an, die noch schwächer ist:
sein Vorwurf, dass das Vor-Advent-Gericht im Gegensatz zu dem Evangelium steht.

* 1) Desmond Ford, 1844, Der Versöhnungstag und das Untersuchungsgericht, (Evangelion Press, Castlebury, FL) 1980
* 2) CDSDA, Seite 175
* 3) Symposium On Daniel, Frank Holbrock, Editor (Biblical Research Institute, Silver Spring, MD) 1986, Seiten 378-426
* 4) Ebd., S. 221
* 5) Nachdem 1844 einfach gemacht veröffentlicht war, erhielt ich einige Briefe und Anrufe von Leuten, die die
Strong-Konkordanz benutzen. Sie sagten, dass darin für das Wort „Vision“ am Ende von Daniel 9, 23 hazon
und nicht mareh steht. Ich überprüfte das; sie hatten recht, aber die Konkordanz war falsch. Das Wort ist
mareh und nicht hazon. Eine Konkordanz ist am Ende doch auch nur gerade mal eine Konkordanz und ist nicht
immer unfehlbar
* 6) Daniel, Art Scroll Tanach Series (Mesorah Publication, Brooklyn, NY) 1988, S. 258
* 7) CDSDA, S. 175
* 8) Ebd.
* 9) Ebd., S. 168
*10) Symposium on Daniel, S. 431
*11) Angel Rodriguez, “The Sanctuary and Its Cleansing”, Supplement to the Adventist Review (General Conference of
SDA, Januar 1994), S. 9
*12) CDSDA, S. 177
*13) Craig R. Koester, Hebrews, The Anchor Bible Series (Doubleday, New York) 2001, S. 427
*14) David A. DeSilva,Perseverance in Gratitude (William B. Eerdmans Publishing Company, Grand Rapids, M) 2000,
S. 312, 313
*15) CDSDA; S. 172
*16) Der Ausdruck “das erste Tabernakel “ steht in Hebräer 9,6 und 9,8 und hat in gewisser Hinsicht einige
nachvollziehbare Verwirrung verursacht. Vers 6 ist ein deutlicher Hinweis auf das Heilige, die erste Abteilung,
des irdischen Heiligtums. In Vers 8 muss die Bedeutung aber etwas verändert werden, denn er meint das ganze
irdische Heiligtum. Ansonsten wird der Text widersinnig. In Vers 6 wird der Ausdruck in einem räumlichen
Zusammenhang verwendet und kennzeichnet den Ort, wo der Priester Dienst tat.
Vers 8 handelt von dem Kriterium der Zeit und beschreibt den Unterschied zwischen den beiden Glaubens-
systemen. Nichtadventistische Theologen haben diese Veränderung in der Bedeutung des Ausdrucks auch erkannt.
Das anders zu lesen – wie das diejenigen tun, die darauf bestehen, dass dieser Text meint, dass Jesus sich im
Allerheiligsten des himmlischen Heiligtums befindet – würde sich wie folgt anhören: „Der Heilige Geist will
deutlich machen, dass der Weg ins Allerheiligste (des himmlischen Heiligtums) noch nicht offenbart sei, solange
der vordere Teil (das Heilige) der Stiftshütte noch bestehe.“ Das macht natürlich gar keinen Sinn.
*17) Carl Coesart, „A Study of Ta Hagia in the LXX, Pseudepigrapha, Philo, and Josephus, and its Implications in
Hebrews.” M. A. thesis, Nazarene Theological Seminary, 2000
*18) S. z. B. 70 weeks, Leviticus, Nature of Prohecy, Frank Holbrook, ed. “Commencement Date for the Seventy-Week
Prophecy”, Arthur J. Ferch (Biblical Research Institute, Washington, DC) 1986, S. 64-74
*19) A. Rupert Hall, Isaac Newton: Adventure in Thought (Cambridge University Press, Cambridge) 1992, S. 372
*20) Otto Eissfelt, The Old Testament: An Introduction (Harper and Row, New York, NY) 1965, S. 533
*21) Norman Gottwald, The Hebrew Bible: A Socio-Literary Introduction (Fortress Press, Philadelphia, PA, S. 435
*22) S. Talmon, “Esra und Nehemia”, IDB Sup, S. 320
*23) Good News Unlimited (November 1990), S. 6
*24) For an entire book on the subject see, Siegfried Horn, Lynn Wood, The Chronology og Esra 7 (Review and
Herald Publishing Association, Washington, DC) 1953
*25) Good News Unlimited, S. 6
*26) William Shea, Selected Studies on Prophetic Interpretation (General Conference of Seventh-day Adventists,
Washington DC) 1982
*27) Desmond Ford, Daniel (Southern Publishing Association; Nashville, TN) 1978, Appendix f.
*28) Ebd., S. 76
*29) http://www.jesusinstituteforum.org/AssetOrLiability.html
*30) Ebd.

- 71 -
Kapitel 6

Das Evangelium und das Gericht


Meine Frau, die in der Adventgemeinde aufgewachsen ist, erzählte mir einmal, wie sie als Kind das
Untersuchungsgericht gelehrt bekam.

„Nun ja“, sagte sie, und in ihrer Stimme klang etwas Sarkasmus mit, „sie sagen dir, dass das Gericht im Himmel
gerade jetzt im Gange ist und dass jeden Moment dein Name aufgerufen werden kann. Und wenn das
geschieht und du nicht vollkommen bist (wenn du vielleicht gerade im Kino bist oder etwas Ähnliches machst),
dann wird dein Name aus dem Lebensbuch gelöscht, und du bist für immer verloren. Das Problem dabei ist, du
weißt nicht, wann dein Name gelöscht wird; und so versuchst du auch weiterhin vollkommen zu werden. Aber
es ist zu spät; deine Bewährungszeit ist abgelaufen, und so musst du am Ende den zweiten Tod erleiden.“

Gute Nachrichten? Puh!

Mit solch einer Auffassung über das Untersuchungsgericht ist es kein Wunder, dass einige Leute diese Lehre
oder gleich die ganze Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten, die so etwas lehrt, aufgegeben haben. An dieser
Stelle empfinde ich tatsächlich so etwas wie Sympathie für Br. Dale. Sein ganzes Buch hindurch äußert er sich
darüber, was für viele Adventisten ein Problem war (und wohl immer noch ist): Das Untersuchungsgericht in
Einklang mit dem Evangelium zu bringen. Dieses Leitmotiv erscheint von Anfang bis Ende in seinem CDSDA und
gibt u. a. Aufschluss über den psychologischen Hintergrund von Br. Dales Abkehr von der Freikirche.

Zum Beispiel wird in dem Buchabschnitt mit dem Titel „Über den Autor“ gesagt, „dass Br. Dale überzeugt
wurde, dass diese Lehre (das Vor-Advent-Gericht) nicht durch die Schrift belegt wird, sondern im Gegensatz zu
der klaren biblischen Lehre steht und den neuen Bund der Gnade untergräbt“. *1)

Der Nicht-Adventist Kenneth Samples, Gründer und Präsident des Augustine Fellowship Study Centers schreibt
in dem Vorwort des Buches: „Ich stimme mit Mr. Ratzlaff überein, dass die Lehre von dem
Untersuchungsgericht im Gegensatz zu dem biblischen Evangelium steht. Sie ist ganz klar unvereinbar mit der
Lehre der Gerechtigkeit allein aus Gnaden, allein durch den Glauben und allein durch Christus.*2)

Was meine Frau mir vom Untersuchungsgericht erzählte, klingt in mir nach, wenn ich lese, was Br. Dale
schreibt: „Was ist, wenn mein Name aufgerufen wird, während ich gerade Spaß habe beim Volleyballspielen?
Was ist, wenn mein Name aufgerufen wird, während ich mir gerade neue Kleidung kaufe? Was ist, wenn mein
Name aufgerufen wird und ich bin gerade darauf konzentriert meinen Lebensunterhalt zu verdienen? Was ist,
wenn das Gericht meinen Namen aufruft und ich gerade einem schmutzigen Gedanken nachgehe? Oder, noch
schlimmer, wurde mein Name bereits aufgerufen? Ist mein Todesurteil schon besiegelt?“* 3)

Auch das schreibt er noch: „Ich danke Gott, dass das Evangelium jetzt auch in einigen Kirchen der Adventisten
gelehrt wird. Trotzdem wird das Untersuchungsgericht selbst auf der offiziellen Ebene weiter gelehrt, und
beides kann man nicht mischen.“*4) „Die STA-Lehre vom Untersuchungsgericht ist ein schwerwiegender
Irrtum, eine himmelschreiende Verdrehung des Evangeliums.“*5)

Er appelliert an die Kirchenleitung, „warum wird der ‚Splitter’ der Reinigung des himmlischen Heiligtums und
des Untersuchungsgerichts nicht entfernt, selbst wenn es weh tut und die Kosten hoch sind? Warum wird nicht
beschlossen, nur noch dem neuen Bund des Evangeliums der Gnade und dem Wort Gottes allein treu zu sein?
*6) Natürlich, nur, Br. Dale, würde das bedeuten, auch den Sabbat, den siebenten Tag, zu vergessen; aber das
ist ein anderes Thema.

„Es ist ein großer Unterschied“, schreibt er, „ob man unter dem Untersuchungsgericht oder unter der froh
machenden Nachricht des Freispruchs Jesu lebt, wie sie in den Briefen des Neuen Testaments verkündet
wird!“*7)

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Aber wie ehrlich Br. Dale mit seiner Kritik auch sein mag und wie genau er das Dilemma auch schildern mag,
das viele Leute innerhalb der Kirche verblendet hat oder noch verblendet, seine Worte sind ein Paradebeispiel
für das, was ich „Volks-Adventismus“ nenne: volkstümliche, aber falsche Ansichten über unsere Lehren. Wenn
die Adventgemeinde wirklich das lehren würde, was er behauptet, dass sie es lehrt, dann sollte sie auch das
tun, was er sagt; und das ist, frei zu werden von dem Vor-Advent-Gericht; weil auf jede Lehre, die im
Widerspruch zum Evangelium steht, verzichtet werden sollte.

Jedoch ist die Lehre an sich nicht das Problem, sondern die falsche Ansicht über diese Lehre. Das ist das
ausschlaggebende Unterscheidungsmerkmal. Unter diesen Umständen haben sich viele Leute vom Christentum
abgewendet, weil die Christen manchmal auf diese armselige Weise ihren Glauben bekannten. Vielen wurde
das Vor-Advent-Gericht verleidet, weil es ihnen auf diese mangelhafte Weise von unseren Kanzeln und in
unseren Klassenräumen vorgesetzt wurde. Aber ebenso wenig wie das lieblose Verhalten der Christen die
Wahrheit des Christentums schmälert, so schmälert die mangelhafte Art, mit der die Adventisten das
Untersuchungsgericht lehrten, nicht die Wahrheit dieses Gerichts. Ein lausiger Konzertvortrag von Beethovens
9. Symphonie macht die Schönheit der Originalpartitur nicht zunichte.

Das Vor-Advent-Gericht ist weit davon entfernt das Evangelium zu verneinen, vielmehr ist es der
überwältigende Höhepunkt des Evangeliums. Das Gericht ist der Höhepunkt des Kreuzes, die Krönung der
guten Nachricht. Das Gericht steht nicht im Widerspruch zum Kreuz; es hilft uns vielmehr das Kreuz und was
Christus da für uns vollbracht hat, besser zu verstehen.

Überleg einmal: Wenn du als Jude im alten Israel während der Wüstenwanderung gelebt hättest, dann hättest
du von dem Erlösungsplan durch das tragbare Tabernakel erfahren. Denn hier war den Israeliten das
Evangelium als Typos dargestellt worden. Und nun stell dir vor, deine Erkenntnis vom Plan der Erlösung hätte
sich nur auf den Tod der Tiere beschränkt. Dann hättest du nur den Teil des Dienstes, der sich um das Opfer
dreht, gekannt. Wäre dir nichts weiter erklärt worden – zum Beispiel nichts vom Dienst der Priester, zu dem
auch das Blut der geschlachteten Tiere, das ins Heiligtum gebracht wurde, gehört – hättest du dann nicht eine
viel begrenztere Erkenntnis, als jemand, der nicht nur den Tod der Tiere verstehen konnte, sondern auch den
Dienst mit dem Blut im Heiligtum, besonders den Dienst am großen Versöhnungstag, wenn der Hohepriester
einmal im Jahr in das Allerheiligste ging, um das Werk der Reinigung zu vollziehen? Wer hätte wohl die
Erlösung besser erfassen können, der, dessen Blick, Erkenntnis und Interesse bei dem Tod des Tieres (der
symbolisch für das Kreuz steht) endete, oder der andere, dessen Erkenntnis die ganzen heiligen Riten umfasste,
angefangen bei dem Tod des Tieres, bis hin zum Höhepunkt am Versöhnungstag, wenn das Heiligtum selbst
durch das Blut geschlachteter Tiere (das symbolisch für das Gericht steht) gereinigt wurde?

Die Antwort liegt auf der Hand. Genauso haben die, die eine begrenzte Erkenntnis des Erlösungsplans bis nur
hin zum Kreuz haben, ohne alles das zu wissen, was danach noch passiert, einschließlich des Gerichts, nur eine
eingeschränkte Sicht auf das Kreuz. Man kann den Tod der Tiere nicht vollständig begreifen ohne die
Erkenntnis des Dienstes, der danach kam; ebenso wenig kann man vollständig das Kreuz verstehen, ohne den
Dienst, der danach folgt, und der schließt das Gericht mit ein, das durch das Ritual am Versöhnungstag
versinnbildlicht war.

Denke auch darüber nach: Gab es irgendeine Spannung, geschweige denn einen Widerspruch zwischen dem
Tod des Tieres (der das Kreuz symbolisiert) und dem Dienst des Hohenpriesters im Allerheiligsten am
Versöhnungstag (der das Gericht symbolisiert)? Standen diese zwei Tätigkeiten – das heißt der Tod des Tieres
und der Dienst in der zweiten Abteilung des Heiligtums - in irgendeiner Weise im Gegensatz zueinander?
Natürlich nicht. Als zwei Teile eines Ganzen waren beide wichtige Kriterien einer gleichen Sache, nämlich des
Erlösungsplans.

Wenn jemand, der verstanden hatte, was mit dem Tod des Tieres geschah, in Spannung oder gar Widerspruch
gestanden wäre zu der Person, die den Dienst im Allerheiligsten begriffen hatte, dann hätte diese Person
entweder den Tod eines Opfers oder den Dienst im Allerheiligsten, oder sogar beides missverstanden. Diese
von Gott eingesetzten Dinge können gar nicht im Widerspruch zueinander stehen. Und wenn Gegensätze oder
Widersprüche aufkommen, dann liegt das Problem nicht in den Zeremonien, sondern in dem Verständnis der
Person für diese Riten.

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Genauso verhält es sich mit jemand, der das Kreuz erkannt hat (symbolisiert durch den Tod des Tieres) aber
seine Erkenntnis irgendwie in einer Spannung oder einem Gegensatz zum Vor-Advent-Gerichts (symbolisiert
durch den Dienst in der zweiten Abteilung des Heiligtums) steht, dann hat er entweder das Kreuz oder das
Gericht oder beides nicht verstanden. Diese von Gott eingesetzten Dinge können nicht im Widerspruch
zueinander stehen. Wenn Gegensätzlichkeit oder Widerspruch aufkommen, liegt das weder am Kreuz, noch am
Gericht, sondern allein an der fehlenden Erkenntnis dieser Ereignisse solch einer Person.

Und schließlich denke noch darüber nach: Als Adventisten glauben wir, dass wir seit 1844 in dem antitypischen
Versöhnungstag leben. Das heißt, dass der irdische Versöhnungstag, der einmal im Jahr im jüdischen Heiligtum
stattfand, einfach nur ein Modell, ein Typus, eine kleine Vorausschau auf den wahren Versöhnungstag war.
Ebenso wie die Tieropfer ein Abbild, Symbole des Kreuzes, waren, war der irdische Versöhnungstag ein Typus,
ein Symbol, des wirklichen Versöhnungstags, den Jesus 1844 feierlich eröffnete indem er seinen Richterdienst
im himmlischen Heiligtum aufnahm.

Wenn wir recht haben, und wir leben wirklich im wahren Versöhnungstag, wäre das dann keine gute
Nachricht? Übrigens, was ist Versöhnung? Versöhnung ist das Werk Gottes, indem er uns rettet, nicht wahr?
Wie erlangt man Versöhnung? Nur durch Jesu Blut, nicht wahr? Das Gesetz kann nicht versöhnen, stimmt’s?
Gehorsam kann nicht versöhnen, richtig? Gute Werke können nicht versöhnen, nicht wahr? Versöhnung
geschieht einzig und allein durch das, was Christus für uns getan hat, richtig? Selbstverständlich!
Sollte dann nicht jeder „Tag“, der der Versöhnung gewidmet ist, sprich, Gottes Rettungsdienst für uns, eine
gute Nachricht sein? Sollten wir uns nicht eher unserer Hoffnung freuen, im Versöhnungstag zu leben, als davor
Angst zu haben? Natürlich.

Wieso haben wir Adventisten dann diese gute Botschaft in eine schlechte verdreht? Aber das ist eine andere
Geschichte. In Wirklichkeit liegt das Problem nicht im Gericht, sondern in einer falschen Auffassung vom
Gericht, wie das bei Br. Dale zum Ausdruck kommt.

Mit diesen paar Punkten im Hinterkopf lasst uns nun einen Blick auf das Untersuchungsgericht im Lichte des
Kreuzes werfen und sehen, ob Br. Dales Vorwurf, dass diese Lehre im Widerspruch zum Evangelium steht,
berechtigt ist oder ob sie vielleicht von dem gleichen Kaliber ist, wie seine „biblische Bewertung“ der Lehre
selbst.

Das Gericht in der Bibel

Lasst uns für einen Moment 1844, „das Untersuchungsgericht“, Ellen White und Hiram Edson in seinem
Maisfeld vergessen. Stattdessen lies die folgenden Texte (ich habe sie absichtlich alle herausgeschrieben, weil
ich möchte, dass du sie liest). Mach dir keine Gedanken darüber, ob diese Texte vom Untersuchungsgericht
handeln oder nicht; stattdessen konzentriere dich auf Folgendes: Beschreiben diese Texte eine Art
Endzeitgericht oder gerichtliche Entscheidungen? Wann findet das Gericht statt (oder wann ergehen die
Urteile)? Wer wird gerichtet? Welche Kriterien werden dem Urteil zugrunde gelegt? Welche Rolle spielen die
Taten im Gericht? Wie sorgfältig werden Leben und Taten geprüft? Was sind die Folgen des Gerichts? Lasst die
Texte für sich selbst sprechen, unabhängig von einer vorher ausgedachten Gerichtstheologie:

„Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen
meines Vaters im Himmel tun. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in
deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister ausgetrieben? Haben wir
nicht in deinem Namen viele Wunder getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie
gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!“ (Matthäus 7, 21-23)

„Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Und als er
anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da
er's nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er
hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach:
Hab Geduld mit mir; ich will dir alles bezahlen. Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn

- 74 -
frei, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der
war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir
schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's
bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er
schuldig war. Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei
ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte.
Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir
erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen
Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den
Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater an
euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.“ (Matthäus 18, 23-35)

„Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht
austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor
seinen Engeln.“ (Offenbarung 3, 5)

„Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er
sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird
sie voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner
Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten:
Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der
Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr
habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt
gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im
Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen:
Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir
zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder
nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir
gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan
habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu
denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und
seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig
gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht
aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis
gewesen und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann
haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis
und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr
nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden
hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.“ (Matthäus 25, 31-46)

„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor
den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): >So wahr ich lebe,
spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.< So wird nun
jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“ (Römer 14, 10-12)

„Die zehn Hörner bedeuten zehn Könige, die aus diesem Königreich hervorgehen werden. Nach ihnen aber
wird ein anderer aufkommen, der wird ganz anders sein als die vorigen und wird drei Könige stürzen. Er
wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten und wird sich unterstehen, Festzeiten
und Gesetz zu ändern. Sie werden in seine Hand gegeben werden eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe
Zeit. Danach wird das Gericht gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und ganz und gar
vernichtet werden. Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen
Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte
werden ihm dienen und gehorchen.“ (Daniel 7, 24-27)

„Lasst uns die Hauptsumme aller Lehren hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gilt für alle
Menschen. Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse“
(Prediger 12, 13-14)

- 75 -
So wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es klar machen; denn mit Feuer
wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.“ (1. Korinther
3, 13)

„Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange
für das, was er getan hat bei Lebzeiten, sei es gut oder böse.“ (2. Korinther 5, 10)

„Denn wir kennen den, der gesagt hat (5. Mose 32, 35-36): >Die Rache ist mein, ich will vergelten<, und
wiederum: >Der Herr wird sein Volk richten<.“ (Hebräer 10, 30)

„Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht
bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht
bringe.“ (Johannes 15, 1+2)

„Denn es wird geschehen, dass der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen
Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun.“ (Matthäus 16, 27)

„Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und ein
anderes Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach
dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken.“ (Offenbarung 20, 12)

„Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, einem jeden zu geben, wie seine Werke sind.“
(Offenbarung 22, 12)

„Denn nach welchem Maß ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.“ (Matthäus 7, 2)

„Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so
führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht.“
(1. Petrus 1, 17)

„Da sprach ich in meinem Herzen: Gott wird richten den Gerechten und den Gottlosen, denn alles
Vorhaben und alles Tun hat seine Zeit.“ (Prediger 3, 17)

„Denn die Zeit ist da, dass das Gericht anfängt an dem Hause Gottes. Wenn aber zuerst an uns, was wird
es für ein Ende nehmen mit denen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben?“
(1. Petrus 4, 17)

„Ich aber sage euch, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem
unnützen Wort, das sie geredet haben. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen
Worten wirst du verdammt werden.“ (Matthäus 12, 36-37)

„Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem
Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die Törichten nahmen ihre
Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die Klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren
Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht
aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! Da standen die
Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. Die Törichten sprachen aber zu den Klugen: Gebt uns
von eurem Öl, denn unsere Lampen verlöschen. Da antworteten die Klugen und sprachen: Nein, sonst
würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. Und als
sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit,
und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu
uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.“ (Matthäus
25, 1-12)

„Zu jener Zeit wird Michael, der große Engelfürst, der für sein Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird
eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber
zu jener Zeit wird dein Volk gerettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen.“ (Daniel 12, 1)

- 76 -
„Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen ist und Fische aller Art fängt.
Wenn es aber voll ist, ziehen sie es heraus an das Ufer, setzen sich und lesen die Guten in Gefäße
zusammen, aber die Schlechten werfen sie weg. So wird es auch am Ende der Welt gehen: die Engel
werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden, und sie werden sie in den Feuerofen
werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein.“ (Matthäus 13, 47-50)

„Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Das Himmelreich ist gleich einem
König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zu laden;
doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen:
Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist
bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere
an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König
zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach
er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereitet, aber die Gäste waren’s nicht wert. Darum geht
hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen
hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll. Da ging
der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches
Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein
hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die
Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein.“
(Matthäus 22, 1-13)

„Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an auf den Tag des
Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes.“ (Römer 2, 5)

„Und ich sah einen anderen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu
verkündigen denen, die auf Erden wohnen, allen Nationen und Stimmen und Sprachen und Völkern. Und
er sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist
gekommen! Und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und das Meer und die Wasserquellen!“
(Offenbarung 14, 6-7)

„Bei einigen Menschen sind die Sünden offenbar und gehen ihnen zum Gericht voran; bei einigen werden
sie hernach offenbar.“ (1. Timotheus 5, 24)

Abgesehen von einer unverkennbar adventistischen Theologie fallen einige Punkte in diesen Textabschnitten
auf:

1. Es gib so etwas wie ein Endgericht (oder Urteile), eine Abrechnung (oder Vergeltungsmaßnahmen) am
Ende der Zeit. Dieses Gericht (oder die Urteile) wird oft direkt mit dem zweiten Kommen Jesu
in Verbindung gebracht.
2. Unter diesen Gerichteten befinden sich die bekennenden Nachfolger Christi. Beide, Jesus und Paulus,
machen ganz deutlich, dass die, die bekennen dem Herrn zu folgen, gerichtet werden.
3. Ein ganz wesentliches Kriterium bei dieser Endabrechnung sind unsere Taten. Dieser Gedanke
ist in vielen Texten der zentrale Schwerpunkt.
4. Es werden nur zwei Konsequenzen aufgeführt: Diejenigen, die das Reich Gottes ererben, das
ihnen „bereitet ist von Anbeginn der Welt“ oder die, die den „ewigen Tod“ erleiden müssen.
5. Einige Texte zeigen ganz klar ein noch vor der Strafvollstreckung vorausgehendes Gericht, was auch Sinn
macht. Übrigens, hat man jemals gehört, dass bei weltlichen Gerichten die Strafe vor dem Urteil vollstreckt
wurde? In einigen Texten – wie z. B. in dem Gleichnis von dem hochzeitlichen Kleid – wird dieser Punkt
ausdrücklich genannt: da ist ein Gericht, eine Inaugenscheinnahme der Kleider der Gäste und dann die
Aburteilung. In Offenbarung 22, 12 sagt der Herr, dass, wenn er kommt, er seinen Lohn mitbringt. Das setzt
also ein vorangegangenes Gericht voraus. (Warum sollte die Belohnung schon mit ihm sein, wenn es vorher
keine Möglichkeit gab, festzulegen, wer den Lohn bekommen soll?) Auch 2. Korinther 5, 10 spricht ganz klar

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von einer Lebensbilanz vor einer endgültigen Belohnung oder Bestrafung. Denselben Gedanken finden wir
auch in Daniel 12, 1, wo die, deren Namen im Lebensbuch geschrieben stehen, erlöst sind. Jedes aufgrund
der Taten gefällte Urteil erfordert eine Bewertung der Taten vor der Durchführung einer Belohnung oder
Bestrafung aufgrund dieser Werke, ob das Urteil nun 100 Jahre oder 100 Sekunden vor der Ausführung der
Strafe bzw. der Rechtfertigung erfolgt ist.

Es ist also keinesfalls unvernünftig, in Offenbarung 14, 6-7 ein Gericht vor Jesu zweitem Kommen zu sehen. Das
ausgerufene Gericht ist ein Teil des zu verkündenden ewigen Evangeliums für die ganze Welt; offensichtlich
muss dieses Gericht, das hier als bereits gekommen vorgestellt wird, vor dem zweiten Kommen stattfinden,
weil es mit dem Evangelium schon über die ganze Welt verbreitet worden ist (Matthäus 24, 14). Mit anderen
Worten, der Aufruf, das Evangelium über die ganze Welt zu verbreiten, ergeht zur gleichen Zeit wie die
Botschaft, dass das Gericht gekommen ist; und das ist das Vor-Advent-Gericht. Andererseits, warum erging der
Aufruf, das Evangelium in der ganzen Welt zu verkündigen? Der Kontext von Offenbarung 14, 4 bis zum Ende
des Kapitels – einschl. der Verdammung Babylons (Vers 8), der Warnung, das Tier anzubeten (Verse 10. 11) und
die letzte Ernte (Verse 14-18) – legt das Gericht vor Jesu Wiederkunft fest.

Die Leute können schnauben, wüten, knurren und die Zähne fletschen, so viel sie wollen, trotzdem lehrt Daniel
7, 24-27 ein himmlisches Gericht bevor Gott sein ewiges Königreich aufrichtet; und das wird nicht stattfinden
bis Jesus zum zweiten Mal kommt. Deshalb ist es ein Vor-Advent-Gericht.

Br. Dales Vor-Advent-Gericht

In der komischsten Zeile seines Buches – in einem Abschnitt mit der Überschrift „Das zweite Kommen Christi
offenbart Gottes Gericht“*8) – zitiert Br. Dale Römer 2, 5 (siehe oben) und schreibt dann: „Der obige Text
beinhaltet, dass das Urteil bereits gefällt ist. In diesem Sinne könnte man von einem Vor-Advent-Gericht
sprechen.“*9)

Ein Vor-Advent … was? Gericht? Ist das gewissermaßen nicht ein merkwürdiges Eingeständnis für ein Buch, das
dazu geschrieben war, um die ganze Vorstellung von einem Vor-Advent-Gericht zu widerlegen?

Natürlich sagt Br. Dale dann das, „dieses Vor-Advent-Gericht ist nicht irgendein Untersuchungsgericht, bei dem
Jesus und das zuschauende Universum über den Berichtsbüchern sitzen und sich die Charaktere betrachten,
um danach festzulegen, wer es wert ist, das ewige Leben zu erhalten“.*10) Das ist in Ordnung; wir werden
später darauf zurückkommen. Zunächst einmal (und das ist wichtig für unsere Diskussion) gibt Br. Ratzlaff die
Existenz von etwas, „das man Vor-Advent-Gericht nennen könnte“, zu. Obwohl man über seinen zeitlichen
Ablauf und die Art und Weise debattieren könnte, würde ein „Vor-Advent-Gericht“ laut Definition doch
immerhin zwei Punkte beinhalten: Es ist ein Gericht, und findet vor dem Advent statt. Das ist genau das, was
die Adventisten schon immer gesagt haben.

Indem Br. Dale fortfährt, sein „Vor-Advent-Gericht“ zu erklären, macht er das auf genau dieselbe Weise, wie
die meisten unterrichteten Adventisten ihre Vorstellung von einem Vor-Advent-Gericht definieren würden:
„Dieses Gericht erfolgt für jemand als eine Antwort auf das Evangelium, sobald es verkündet, verstanden und
angenommen oder abgelehnt wurde. Das letzte Gericht bringt einfach zutage, wer im Glauben Gottes
Geschenk des ewigen Lebens angenommen hat und wer nicht.“*11)

Ein treuer Siebenten-Tags-Adventist könnte das nicht besser beschrieben haben!

Br. Dale spricht zunächst über die Antwort, die jemand auf das Evangelium gibt. Obwohl es vielerlei
Konsequenzen gibt (Lukas 8, 5-15), lasst uns besonders die betrachten, die vorgeben, das Evangelium
anzunehmen; denn hierüber tobt die Auseinandersetzung bezüglich des Untersuchungsgerichts: Über den
Gedanken eines Gerichts für bekennende Christen.

Natürlich sollten die, die Jesus als ihren Retter angenommen haben, in ihren Leben Rechtschaffenheit
offenbaren. Dann das ist das Fundament des Christentums:

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„Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut,
Keuschheit; gegen all dies ist das Gesetz nicht. Die aber Christus Jesus angehören, die haben ihr Fleisch
gekreuzigt samt den Leidenschaften und Begierden.“ (Galater 5, 22-24)

„Jesus antwortete ihm: Du sollst deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von
ganzem Gemüt. Das ist das höchste und größte Gebot. Das andere ist ihm gleich: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22, 37-39)

„Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten.“ (1. Johannes 5, 3)

Jesus sagte, dass wir „von neuem geboren werden müssen“, um gerettet zu werden (Johannes 3, 7); und eine
Neugeburt bringt ein „neues Leben“ mit sich (Römer 6, 4). Und was ist ein „neues Leben“, wenn es sich nicht in
unseren Taten erweist, was alles, wie Br. Dale sagt, „eine Antwort“ auf das Evangelium ist?

Gleichzeitig gibt es viele Texte im Neuen Testament, die nicht nur davon reden, wie ein bekennender Christ
leben muss, sondern die auch die Folgen des Ungehorsams beschreiben. (Matthäus 5, 20; Offenbarung 22, 15;
Jakobus 1, 26; Philipper 3, 17-19; Galater 6, 7-8; 1. Petrus 4, 17; Römer 6, 16 und 2, 3-11; 2. Thessalonicher 1, 8;
2. Petrus 3, 16; Epheser 5, 1-7; Matthäus 13, 47-50)

Ich zitiere noch einmal Br. Dale: „Das letzte Gericht bringt einfach zutage, wer im Glauben das Geschenk des
ewigen Lebens angenommen hat und wer nicht.“ Ein letztes … was? Gericht?! Das Letzte vor was?
Offensichtlich vor dem zweiten Kommen. Und in diesem letzten Gericht vor Jesu zweitem Kommen, was wird
da von denen offenbart, die Gottes Geschenk im Glauben angenommen haben? Ihre Werke, was sonst?

„Was hilft’s, liebe Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der
Glaube ihn selig machen? Wenn dein Bruder oder deine Schwester Mangel hätte an Kleidung und an der
täglichen Nahrung und jemand unter euch spräche zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt
euch!, ihr gäbet ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was könnte ihnen das helfen? So ist auch der
Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber. Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben, und
ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus
meinen Werken. Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Da tust du recht daran; die Teufel glauben’s auch und
zittern. Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?“
(Jakobus 2, 14-20)

Für Jakobus sind Glaube und Werke untrennbar. Wahrer Glaube kann ohne Werke nicht bestehen, genauso
wenig wie es kein Viereck ohne Seiten und Ecken gibt. Jeder kann behaupten, dass er glaubt, aber nur die
Werke verraten die Echtheit der Behauptung. Die Werke zeigen, ob der Glaube lebendig oder tot ist (Vers 20).
Jakobus lehrt nichts, was im Gegensatz zu Paulus’ Rechtfertigung steht; er zeigt bloß, dass ein gerechtfertigter
Glaube zwangsläufig durch Werke zum Ausdruck kommen muss.

Auch stimmen die Worte des Jakobus‘ über „die Nackten und die Hungrigen“ mit dem Gleichnis Jesu „von den
Geringsten dieser meiner Brüder“ überein. Wirklich, viele der oben angeführten Gerichtstexte verbinden die
Werke direkt mit Errettung und Gericht; nicht, weil die Werke die Menschen vor dem Gericht bewahren
würden, sondern weil die Werke dem Gericht verraten, wer wahrhaft Christus und seine Gerechtigkeit
angenommen hat. Den Hungrigen zu essen zu geben und denen zu vergeben, die sich an uns versündigt haben,
aufrichtige Worte reden oder gute Werke zu tun; all diese Dinge werden einfach zutage gebracht werden (wie
Br. Dale schreibt) bei denen, „welche durch den Glauben Gottes Geschenk des ewigen Lebens angenommen
haben oder welche es nicht angenommen haben“. Verdienen am Ende doch alle, die genug Hungrige gespeist,
genug nackte Menschen gekleidet, genug aufrichtige Worte gesprochen oder genug gute Werke getan haben,
die Erlösung? Das ist genau der Punkt den Paulus im Römerbrief anführt, dass wir die Errettung nicht verdienen
können, weil es dann nicht länger Gnade wäre. (Römer 4, 1-4)

Welcher Sünder kann genug gute Taten vorweisen, um den Abgrund zwischen Himmel und Erde zu
überbrücken, der durch die Sünde verursacht wurde? Niemand. Und Jakobus sagt auch nicht, dass man das
kann. Darin stimmt Jakobus mit Paulus überein, dass man einsehen muss, dass Werke – obwohl sie uns nicht
erlösen können – doch der Ausdruck, die Bekundung, die lebenswichtige Realität der Erlösten sind. Wenn wir

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Gott lieben, halten wir seine Gebote. Wir sind nicht gerechtfertigt durch das Halten der Gebote, vielmehr
halten wir sie, weil wir durch Jesus bereits gerechtfertigt sind.

Aber woher weiß ich, ob ich genug gute Werke tue, um einen echten Glauben erkennen zu lassen? Das ist eine
zwar logische Frage, aber sie geht von einer falschen Voraussetzung aus. Sie spiegelt die Gesinnung derer
wider, die da sagen: „Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Und haben wir nicht in deinem
Namen böse Geister ausgetrieben? Und haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder getan?“ (Matthäus
7, 22) Oder der Pharisäer, der sagte, „ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie die andern Leute, Räuber,
Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von
allem, was ich einnehme.“ (Lukas 18, 11-12)

Stattdessen sollte unsere Gesinnung wie die des Zöllners sein, der an seine Brust schlug und sagte: „Herr, sei
mir Sünder gnädig.“ (Lukas 7, 13) Jeder, der jemals etwas von der Gerechtigkeit Jesu erblickt hat, weiß, dass er
sich ganz der Gnade und Güte Gottes übergeben muss, und dass seine Werke – welcher Art sie auch immer
sein mögen, wie sehr sie auch aus einem reinen, liebenden Herzen heraus getan wurden - niemals genug sind.
Deshalb müssen wir aus dem Glauben leben, seinen Verheißungen vertrauen, dass er uns wegen Jesus, und nur
wegen Jesus allein, rettet. Das ist die Umsetzung unserer unzulänglichen Werke, die uns zum Glauben drängen
und zu der Zusage uns zu erretten durch Christus. Und das ist der Glaube – der Glaube, der Gottes Zusagen
vertraut – der unser Leben verändert, eine Veränderung, die sich in unseren Werken zeigt.

„Wir sind angenommen in dem Geliebten; “ schrieb Ellen White. „Die Mängel der Sünder sind umhüllt von der
Vollkommenheit und Fülle der Gerechtigkeit unseres Herrn.“ *12)

Nun, Logik allein könnte jemanden nach dem Lesen dieser Worte von Ellen White dazu verführen, zu denken,
‚toll, jetzt kann ich tun, was ich will, denn ich bin ja vollständig umhüllt’. Stattdessen sollte die Reaktion einer
wahrhaft bekehrten Seele auf diese Worte sein: ‚O Herr, ich danke dir so sehr für diese Hoffnung. Lösche meine
Sünden aus, reinige mich, mache mich so, wie du bist. Ich möchte mich der großen Berufung durch Christus
würdig erweisen!’

Seltsam, nicht wahr, aber je mehr jemand erfahren hat, dass seine Fehler wirklich bedeckt sind durch die
Vollkommenheit und Fülle der Gerechtigkeit des Herrn, desto mehr will er diese Fehler überwinden. Je mehr
jemand versteht, dass er durch Christi Gehorsam dem Gesetz gegenüber gerettet ist (im Gegensatz zu seinem
eigenen Gehorsam), je mehr will er dem Gesetz gehorsam sein. Allerdings könnte Logik allein eine gegenteilige
Reaktion hervorrufen (ich bin ja umhüllt, jetzt kann ich tun, was ich will); aber diejenigen, die erfahren haben,
dass Christus ihre Sünden bedeckt hat, möchten mehr denn je, dass ihre Sünden aus ihrem Leben ausgemerzt
werden. Sie möchten einen Glauben, der sich in Werken äußert, Werke, die (um noch einmal Br. Dale zu
zitieren) zeigen, ob sie „im Glauben Gottes Geschenk des ewigen Lebens angenommen haben“.

Die frohe Botschaft vom Gericht

Vorhin mokierte sich Br. Dale über die Vorstellung, dass Jesus und das zuschauende Universum in dem Vor-
Advent-Gericht die Bücher durchgeht. Sogar die Bibelschreiber verwenden den bildlichen Ausdruck von
Büchern oder eines Buches in Verbindung mit der Frage der Errettung oder Verurteilung.*13) Viele der
vorgenannten Verse zeigen unmissverständlich, dass das Gericht eine Prüfung der Gesinnung und der inneren
Einstellung eines Menschen mit einschließt und deren Werke beurteilt werden; denn was wäre ein Gericht
ohne eine solche genaue Untersuchung? Sagte nicht auch Jesus, dass wir „über jedes unnütze Wort“
Rechenschaft ablegen müssen (Matthäus 12, 36)? Ist das nicht derselbe Jesus, der sagte, dass „die Haare auf
dem Haupt alle gezählt sind“ (Matthäus 10,30), der weiß, wann „ein Sperling zur Erde fällt“ (Matthäus 10, 29),
der sagte, dass „er alle Werke vor Gericht bringen wird, alles, was verborgen ist“ (Prediger 12, 14)? Jede Tat?
Jede geheime Sache? Deshalb sollte man die ganze Konzeption von Büchern und einer genauen Überprüfung
der Taten im Gericht nicht so herablassend ablehnen.

Doch wie könnte (und das führt uns jetzt zum kritischen Punkt an der ganzen Sache) ein Sünder bestehen,
wenn jedes unnütze Wort, jede geheime Sache vor Gericht kommt? Ich bin ja schon ein Todgeweihter dafür,
was ich öffentlich getan habe, geschweige denn für das, was ich heimlich tat! Wer unter den Milliarden

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Sündern auf Erden könnte im Gericht gerechtfertigt vor Gott stehen, wenn jedes unnütze Wort und jede
geheime Tat aufgedeckt wird?

Niemand. Aber die frohe Botschaft des Gerichts ist, dass Jesus in seiner Gerechtigkeit uns durch das Gericht
hindurch bringt; weil er dort an unserer Stelle steht. Sonst wären wir alle verloren, ganz gleich, wie gut unsere
Taten auch sind, niemand von uns hätte genug Gerechtigkeit, vor einem heiligen Gott zu bestehen. Sofern wir
nicht mit einer vollkommenen, fehlerlosen Gerechtigkeit, die niemand von uns aus sich selbst heraus besitzt
oder sich verdienen kann (egal, wie aufrichtig und gläubig wir es auch versucht haben) bekleidet sind, müssen
wir für unsere eigenen Taten einstehen, unsere eigene Gerechtigkeit vorweisen. Und wer möchte das schon
vor den alles sehenden Augen eines Gottes, der unsere tiefsten Gedanken und innersten Geheimnisse kennt –
Gedanken und Geheimnisse, die wir nicht einmal unseren intimsten Vertrauten erzählen würden?

Die frohe Botschaft des Gerichts ist jedoch, dass wir dort nicht mit unserer eigenen Gerechtigkeit stehen
müssen. Wir können dastehen in der Gerechtigkeit Jesu. Nur weil wir nach unseren Taten beurteilt werden,
heißt doch nicht, dass wir durch sie gerettet werden. Vielmehr sind wir allein durch die Gerechtigkeit Jesu
gerettet, die uns durch Glauben zugerechnet wird. Diese Gerechtigkeit bedeckt uns von dem Moment an, wenn
wir uns Christus vollständig übergeben und seine Gerechtigkeit für unsere geltend machen; und sie bleibt auch
das ganze Gericht hindurch bei uns (wenn auch nicht bedingungslos). „So gibt es nun keine Verdammnis für die,
die in Christus Jesus sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern dem Geist.“ (Römer 8,1 Luther 1912)
Keine Verdammnis, nicht jetzt und sicherlich auch nicht im Gericht. Und schließlich, wozu wäre es für einen
jeden von uns gut, mit dieser Gerechtigkeit bedeckt zu sein, wenn wir sie nicht da hätten, wo wir sie am
allernötigsten brauchen - im Gericht?

Jedem, der im Vor-Advent-Gericht besteht, wird das widerfahren und nur darum, weil für diese Person Jesus an
seiner Stelle steht. Was sonst würde sie da durchbringen? Ihre Taten? Ihr Gesetzesgehorsam? Die vielen Male,
die sie Hungrigen zu essen gegeben haben? Ich bitte dich!

„Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der
zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Römer 8, 34)

„Daher kann er auch für immer selig machen, die durch ihn zu Gott kommen; denn er lebt für immer und
bittet für sie.“ (Hebräer 7, 25)

„Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht und nur ein Abbild des
wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu
erscheinen.“ (Hebräer 9, 24)

„Dahinein ist der Vorläufer für uns gegangen, Jesus, der ein Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit nach
der Ordnung Melchisedeks.“ (Hebräer 6, 20)

Endet diese Fürsprache für uns plötzlich am Versöhnungstag, am Tag des Gerichts, wenn wir sie am meisten
benötigen? Oder ist diese Fürsprache für uns das Einzige, was uns durch den Versöhnungstag bringt?

Noch einmal, wie kann ich am Versöhnungstag bestehen? Durch Werke? Durch das Gesetz? Durch Hungrige
sättigen? Nackte bekleiden? Durch das Reden wahrer Worte? Durch Frucht bringen? Indem ich
Gefängnisinsassen besuche? Durch Entfaltung eines christlichen Charakters? Nein, wenn es gute Werke wären,
die das bewerkstelligen könnten, dann hätte Christus nicht für uns zu sterben brauchen. Versöhnung geschieht
nur durch das Blut Jesu, ungeachtet der Rolle unserer Taten im Gericht.

Die meisten Adventisten, wenn sie das Vor-Advent-Gericht gelehrt bekamen, wurden in das Allerheiligste ohne
das Blut gebracht. Das aber führt nur zum Tod, denn im Allerheiligsten liegt das Gesetz, und das Gesetz
verdammt und kennt keine Gnade. Bei der Versöhnung aber geht es um das Verzeihen und nicht ums
Verdammen. Das Gesetz hat keine Macht zu retten, keine Macht zu sühnen, keine Macht zu verzeihen, keine
Macht, Menschen zum Gehorsam zu befähigen; genauso wenig wie man durch das Starren in einen Spiegel aus
einem hässlichen Gesicht ein hübsches machen kann. Darum schrieb Paulus, dass alle, „die aus den Werken des
Gesetzes leben, die sind unter dem Fluch“ (Galater 3, 10). Paulus schrieb nicht, dass die, die dem Gesetz
gehorchen unter dem Fluch sind, denn das steht im Widerspruch zu den vielen klaren Befehlen Gottes über
den Gesetzesgehorsam (Offenbarung 14, 12; 22, 14; 1. Johannes 5, 2-3; Jakobus 2, 10). Vielmehr sagt er, dass
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die, die auf ihre Werke für die Errettung vertrauen, unter dem Fluch stehen, denn ihre Werke können sie nicht
retten.

In der levitischen Ordnung ging der Hohepriester niemals ohne Blut in das Allerheiligste (symbolisch für das
Gericht), weil es der Tag der Versöhnung war, und nur Blut sühnte die Sünde (lies 3. Mose 16). Ich muss immer
wieder betonen: Das Schlüsselelement ist Blut, nicht das Gesetz, weil das Blut sühnt, nicht das Gesetz.

„Und soll etwas vom Blut des Stieres nehmen und es mit seinem Finger gegen den Gnadenthron sprengen;
vor den Gnadenthron aber soll er siebenmal mit seinem Finger von dem Blut sprengen. Danach soll er den
Bock, das Sündopfer des Volks, schlachten und sein Blut hineinbringen hinter den Vorhang und soll mit
seinem Blut tun, wie er mit dem Blut des Stieres getan hat, und etwas davon auch sprengen gegen den
Gnadenthron und vor den Gnadenthron. Und er soll hinausgehen zum Altar, der vor dem HERRN steht,
und ihn entsühnen und soll vom Blut des Stieres und vom Blut des Bockes nehmen und es ringsum an die
Hörner des Altars streichen und soll mit seinem Finger vom Blut darauf sprengen siebenmal und ihn
reinigen und heiligen von den Verunreinigungen der Israeliten.“ . (3. Mose 16, 14-15, 18-19
Hervorhebungen hinzugefügt)

Jeder Tropfen dieses Blutes symbolisierte das Blut Jesu, das einzige Blut, das echte Entsühnung schafft: „Denn
ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der
Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.“
(1. Petrus 1, 18-19) Und obwohl die Menschen nach ihren Taten gerichtet werden, ist es das Blut, nicht die
Werke, das den reuigen Sünder durch das Gericht bringt.

Das wohl deutlichste Beispiel für die uns bedeckende Gerechtigkeit Jesu im Gericht ist wohl Jesu
Gerichtsgleichnis, die Geschichte von der Hochzeitsfeier. Nachdem die zuerst Gerufenen die Einladung
verschmähten hatten, „gingen die Knechte auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden,
Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll. Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen und sah da
einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier
hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu
seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und die Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und
Zähneklappern sein.“ (Matthäus 22, 10-13)

Was gab den Ausschlag, ob der Mann bleiben durfte oder gehen musste? Die Kleidung, die der König seinen
Gästen gab (eine Gepflogenheit zur damaligen Zeit in dieser Gegend). Die Person ging auf die Einladung ein,
aber sie nahm nicht an, was ihr angeboten wurde. Was kann diese Kleidung anderes sein, als die Gerechtigkeit
Jesu? „Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des
Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie ein Bräutigam mit priesterlichem
Kopfschmuck geziert, und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.“ (Jesaja 61, 10) Der Gast nahm die
Einladung an, aber nicht die Bedingungen; er schlug ab, was ihm der König angeboten hatte.

Beachte, dass das Gleichnis sagt, Gute und Böse kamen. Es sagt nichts darüber aus, ob der Mann ohne
Hochzeitskleid gut oder böse war. In gewisser Hinsicht machte das auch keinen Unterschied. Denn im Gericht
stehen wir alle – „Gute“ oder „Böse“ – ohne Hochzeitskleid verurteilt vor Gott. Was der Gast bei der Hochzeit
brauchte, ist dasselbe, was wir im Gericht brauchen, etwas, was uns bedeckt. Sonst werden wir dorthin hinaus
gestoßen, wo Heulen und Zähneklappern ist. Diese Bedeckung, die in dem Gleichnis mit einem Hochzeitskleid
symbolisiert ist, ist die Gerechtigkeit Jesu, die seinen Nachfolgern durch Glauben verliehen wird; und das ist
ihre einzige Hoffnung im Gericht.

Eine andere aussagekräftige Darstellung des Gerichts in der Schrift steht im Alten Testament:

„Und er ließ mich sehen den Hohenpriester Jeshua, wie er vor dem Engel des Herrn stand, und der Satan
stand zu seiner Rechten, um ihn zu verklagen. Und der Engel des Herrn sprach zu dem Satan: Der Herr
schelte dich, du Satan! Ja, der Herr, der Jerusalem erwählt hat, schelte dich! Ist dieser nicht ein
Brandscheit, der aus dem Feuer gerettet ist? Jeshua aber hatte unreine Kleider an und stand vor dem
Engel, der anhob und sprach zu denen, die vor ihm standen. Tut die unreinen Kleider von ihm! Und er
sprach zu ihm: Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen. Setzt ihm

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einen reinen Kopfbund auf das Haupt! Und sie setzen ihm einen reinen Kopfbund auf das Haupt und zogen
ihm reine Kleider an, und der Engel des Herrn stand dabei.“ (Sacharja 3, 1-5)

Womit war Jeshua zuerst bekleidet? Mit verdreckter Kleidung (das mit „unrein“ übersetzte Wort kommt von
einem hebräischen Wort für „menschliches Exkrement“ (siehe 5. Mose 23,13; Hesekiel 4, 12; Jesaja 28, 8), und
ist eine sehr drastische Darstellung der Kleidung des Hohenpriesters. Was sonst stellt diese verschmutzte
Kleidung dar, als die Sünden und Ungerechtigkeiten des Volkes Gottes? Vergiss nicht, hier ist der Hohepriester
der Repräsentant einer kollektiven Gemeinschaft, demnach also des Volkes Gottes. Seine Auserwählten (seine
Gemeinde) werden in einem schrecklichen Zustand beschrieben. Der Hohepriester, als Stellvertreter des
ganzen Volkes, zeigt sich (interessanterweise) sichtbar am Versöhnungstag, der Zeit der gemeinsamen Reue
und Buße.

Sacharias Vision weist viele Parallelen auf zu den ersten zwei Kapiteln des Buches Hiob, in denen Satan vor Gott
zu einer himmlischen Sitzung erscheint und Vorwürfe und Beschuldigungen gegen jemanden äußert, der dem
Herrn dient. Die aus dem Hebräischen mit „ihn zu verklagen“ übersetzte Formulierung (Sacharja 3, 1) kommt
genau genommen aus derselben Wortwurzel, wie der Name „Satan“ selbst (stn) und bedeutet, „zu sein oder
zu handeln wie ein Widersacher“ oder eben „anklagen“.

Wie in Hiob auch, geschieht dieser Dialog zwischen dem Engel des Herrn (der Christus ist) und Satan nicht in
einem Vakuum. Christus sprach zu denen, „die vor ihm standen“ (Sacharia 3, 4), genauso, wie sich der Disput
zwischen Gott und Satan im Buch Hiob in der Gegenwart der „Söhne Gottes“ zugetragen hat (Hiob 1, 6). Siehe
auch die himmlische Gerichtsszene in Daniel 7, wo andere Wesen anwesend sind.

Beachte auch, was in Sacharias Vision geschieht. Obwohl Satan Jeshua angreift und Anschuldigungen gegen ihn
vorbringt, wer wird gescholten? Jeshua, der dasteht und sich wegen seiner kotverschmierten Kleidung schämt
(ein Symbol für ein sündhaftes Volk) oder Satan? „Der Herr schelte dich, du Satan! Ja, der Herr, der Jerusalem
erwählt hat, schelte dich!“ Offensichtlich ist Jesus da, um sein Volk zu verteidigen und nicht anzuklagen. Wir
reden hier über eine Darstellung des Evangeliums im Alten Testament!

Der Herr sagt dann, dass Jeshua ein aus dem Feuer gezogenes Brandscheit ist (die Kinder Israel wären nach
Jahren in der Gefangenschaft sicher untergegangen, hätte der Herr sie nicht in das Land zurückgebracht). Nun,
welches Brandscheit hat sich jemals selbst aus dem Feuer gezogen? Keines. Es muss durch jemand anderen aus
dem Feuer gezogen werden. Genauso wenig können wir durch irgendjemand anderen gerettet werden, als nur
durch Gott. Auch hier sehen wir ein weiteres Beispiel für das Prinzip des Evangeliums: Gott tut das für uns, was
wir niemals für uns selbst tun könnten.

Der wichtigste Teil aber kommt, wenn der Befehl erteilt wird, Jeshua die verschmutzten Kleider abzunehmen
und ihm neue anzuziehen. Beachte, Jesus sagt dem Jeshua nicht, seine eigene Kleidung zu reinigen oder
abzulegen und neu anzuziehen. Vielmehr hat es der Herr selbst getan; er hat Jeshuas Kleidung gewechselt.

„Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen.“ Gott ist es, der von den alten
Kleidern befreit und neue anzieht; es ist der Herr, der Jeshuas Sünden wegnahm und ihn mit Gerechtigkeit
bekleidete. Noch einmal, wie könnte es eine bessere Beschreibung des Erlösungsplans geben?

Und nun, nachdem der Herr den Kleiderwechsel vollzogen hatte, sagte er zu Jeshua: „Wirst du in meinen
Wegen wandeln und meinen Dienst recht versehen, so sollst du mein Haus regieren und meine Vorhöfe
bewahren. Und ich will dir Zugang zu mir geben mit diesen, die hier stehen.“ (Sacharja 3, 7) Mit anderen
Worten: Nachdem er Satan gescholten hat, nachdem er die schmutzige Kleidung entfernt hat, nachdem er
Jeshua mit einem reinen Gewand bedeckt hat, erst dann gibt er Jeshua die klare Anweisung, in seinen Wegen
zu wandeln und sein Amt auszuführen. Gott sagte nicht: „Jeshua, wandle in meinen Wegen und führe dein Amt
aus, und wenn du das alles ordentlich machst, werde ich deine schmutzige Kleidung wegnehmen und dir neue
geben.“ Stattdessen gab er Jeshua den Auftrag zu Treue und Gehorsam nachdem er Jeshua gerettet hatte,
nachdem er ihn von der Schuld und dem Schmutz der Sünde befreit und mit seiner Gerechtigkeit bekleidet
hatte. Demnach war Jeshuas Gehorsam nicht der Grund für den Kleiderwechsel; sein Gehorsam war die Folge
von dem bereits stattgefundenen Wechsel. Wenn das nicht eine Beschreibung davon ist, wie wir gerettet
werden, was ist es dann sonst?

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Nach einer Vision über dieses Kapitel interpretierte auch Ellen White dieses in einer am Evangelium
orientierten Weise. Wie paradox ist es da, dass Br. Dale gegen Ellen White und ihr Schrifttum über das
Untersuchungsgericht Stellung bezieht, weil sie (wie er behauptet) dem Evangelium widersprechen. Wenn er es
sorgfältig gelesen hätte, insbesondere diesen Abschnitt, aber auch andere, die diesem ähnlich sind, hätte er
solch einen Irrtum niemals ausgearbeitet. Nach der Beschreibung des Hintergrunds von Sacharja 3 schreibt
Ellen White:

„Der Hohepriester kann weder sich selbst noch sein Volk vor Satans Anklagen schützen. Er kann nicht
behaupten, dass die Kinder Israels schuldlos sind. In seiner verdreckten Kleidung – die die Sünden des
Volkes symbolisiert und die er jetzt als ihr Stellvertreter trägt – steht er vor dem Engel und bekennt ihre
Schuld, weist auch auf die Reue und Beschämung hin, verlässt sich ganz auf die Gnade des Sünden
vergebenden Retters und nimmt im Glauben die Zusagen Gottes in Anspruch.*14)

Als die Fürbitte Jeshuas angenommen wurde, erging der Befehl, „tut die unreinen Kleider von ihm“; und zu
Jeshua sagte der Engel, „sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen.“ Sie
setzten ihm einen reinen Turban auf sein Haupt und zogen ihm reine Kleider an. Seine eigenen Sünden
und die seines Volkes waren vergeben. Israel wurde einem „Kleiderwechsel“ unterzogen; ihnen wurde die
Gerechtigkeit Christi angerechnet.*15)

Für Ellen White ist das Wegnehmen der sündenbefleckten Kleidung gleichzusetzen ist mit der Vergebung der
Sünden. Sie sind vergeben, bedeckt von dem Blut Jesu.

Sie spricht auch darüber, wie Satan zu allen Zeiten das Volk anklagt und wie sehr der Teufel „über ihre
fehlerhaften Charaktere frohlockt“.*16)

Mit zahllosen äußerst grausamen und raffinierten Erfindungen ist Satan bestrebt, ihre Verdammnis
sicherzustellen. Der Mensch kann Satans Anklagen nichts entgegensetzen. In seiner sündenbeschmutzten
Kleidung steht er, seine Schuld bekennend, vor Gott. Aber Jesus, unser Anwalt, legt zu Gunsten aller, die
im Glauben und mit Reue ihm ihre Seelen zur Verwahrung übergeben haben, ein wirksames Plädoyer vor.
Er verteidigt ihre Sache und überwindet ihren Ankläger mit dem stärksten Argument, mit „Golgatha“. Sein
absoluter Gehorsam dem Gesetz Gottes gegenüber, sogar bis zum Tode am Kreuz, hat ihm alle Macht im
Himmel und auf Erden gegeben, und er nimmt seines Vaters Gnade und Versöhnung für schuldig
gewordene Menschen in Anspruch. Dem Ankläger seines Volkes sagt er: „Der Herr schelte dich, du Satan!
Das sind die durch mein Blut Erkauften, Brandscheite aus dem Feuer“. Die, die im Glauben auf ihn bauen,
erhalten die tröstende Zusicherung: „Sieh her, ich nehmen deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider
anziehen!“ Alle, die das Kleid der Gerechtigkeit angezogen haben, werden vor ihm stehen als Auserwählte,
Treue und Wahrhaftige. Satan hat keine Macht, sie aus Jesu Hand zu reißen.“*17) (Hervorhebungen
hinzugefügt)

Gegen das Evangelium? Aus irgendeinem Grund wurden diese Aussagen von Ellen White nirgends in Br. Dales
Buch zitiert. Sie spricht über die gleichen kämpfenden Heiligen, wenn sie fortfährt:

„Ihre einzige Hoffnung ist die Gnade Gottes; ihre einzige Abwehr wird ihr Gebet sein. Wie Jeshua vor dem
Engel flehte, so wird die Gemeinde der Übrigen mit zerrissenen Herzen und ernstem Glauben um
Vergebung und Erlösung durch Jesus, ihren Anwalt, flehen. Sie sind sich der Sündhaftigkeit ihres Lebens
voll bewusst, sie sehen ihre Schwachheit und Unwürdigkeit, und wenn sie auf sich selbst sehen, sind sie
der Verzweiflung nahe. Der Versucher steht bereit, sie anzuklagen, wie er bereit stand Jeshua zu
verklagen. Er zeigt auf ihre verdreckte Kleidung und ihre mangelhaften Charaktere. Er präsentiert ihre
Schwächen und Torheiten, ihre Sünden der Undankbarkeit, ihre Unähnlichkeit mit Christus und was ihren
Erlöser entehrt hat. Er bemüht sich, ihre Seelen mit dem Gedanken abzuschrecken, dass ihr Fall
hoffnungslos ist, dass die Flecken ihrer Verschmutzung niemals weggewaschen werden können. Er erhofft
sich, ihren Glauben so zerstören zu können, dass sie seinen Versuchungen nachgeben werden, sich von
ihrer Treue Gott gegenüber abwenden und so das Zeichen des Tieres erhalten.* 18)

Wer konzentriert sich auf ihre Sünden, auf ihre verdreckte Kleidung, ihre Schwachheiten und Torheiten und
ihre Unähnlichkeit mit Christus? Der Herr oder Satan? Es ist Satan, nicht der Herr, weil Jesus bereits alle ihre
Schuld, ihre Mängel und ihre Sünden kennt. Doch Christus ist da, um sie in ihrem Prozess trotzdem zu

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verteidigen, denn dies ist der Tag der Versöhnung, und Versöhnung bedeutet Freispruch und keine
Verdammnis.

Beachte auch die Wahl des richtigen Zeitpunkts! Satan versucht sie zu entmutigen, damit sie „das Zeichen des
Tieres“ erhalten. Das betrifft doch die letzte Generation, diejenigen, die am Ende der Zeit leben, wenn das
Gericht endet, die Bewährung abgeschlossen ist und Jesus wiederkommt.

Die Tatsache, dass das bekennende Volk Gottes in schmutziger Kleidung vor dem Herrn stehend
dargestellt wird, sollte dazu führen, dass alle, die sich zu seinem Namen bekennen, ihr Herz in Demut bis
in die Tiefe durchforschen. Diejenigen, die ihre Seelen wirklich reinigen, indem sie der Wahrheit
gehorchen, werden von sich selbst eine bescheidene Meinung haben. Je genauer sie den fleckenlosen
Charakter Jesu betrachten, desto stärker wird ihr Verlangen, seinem Bild immer ähnlicher zu werden und
desto weniger sehen sie in sich selbst Lauterkeit oder Heiligkeit. Aber indem wir unseren sündigen Zustand
erkennen, sollten wir gleichzeitig auf Christus als unsere Gerechtigkeit, unsere Heiligung und unserer
Erlösung vertrauen. Wir können den Anklagen Satans nichts entgegensetzen. Allein Christus kann eine
effektive Verteidigung zu unseren Gunsten vortragen. Er kann den Ankläger mit den Beweismitteln zum
Schweigen bringen, die nicht auf unseren, sondern auf seinen Verdiensten beruhen *19) (Hervorhebungen
hinzugefügt)

Was beantwortet die Anklagen des Teufels? Nur das eine: Die Verdienste Jesu, die in seinem Leben errungene
Gerechtigkeit, die er freigebig allen schenkt, die sie im Glauben für jetzt und im Gericht annehmen. Die paar
oben kursiv geschriebenen Zeilen sind eine überzeugende Beschreibung des Evangeliums und des Gerichts; sie
zeigen, wie ein Begreifen des Dienstes in der zweiten Abteilung des Heiligtums hilft, uns das Kreuz ausführlich
zu erläutern; sie zeigen uns, dass es weder eine Spannung noch einen Widerspruch zwischen dem Kreuz und
dem Gericht gibt; und schließlich zeigen sie uns, dass das Gericht eine gute Nachricht ist, weil in diesem Gericht
die Verdienste Jesu unsere große Hoffnung sind.

„Sacharjas Vision von Jeshua und dem Engel“, schreibt Ellen White, „lässt sich bezeichnenderweise auf die
Erfahrung des Volkes Gottes am Abschluss des großen Versöhnungstages anwenden.“*20) Anders gesagt, Satan
verklagt Gottes Volk, er verklagt diejenigen, die „fehlerhafte Charaktere“ haben, die, denen „Schwächen und
Torheiten“ anhängen und diejenigen, die „schwere Schuld“ auf sich geladen haben und die, denen die
„Sündhaftigkeit ihres Lebens“ bewusst ist. Aber sie werden von Jesus verteidigt, der mit seinem Blut zu ihren
Gunsten plädiert, denn nichts anderes bringt sie durch das Gericht. Sie benötigen einen Kleiderwechsel, „die
Gerechtigkeit Christi“, sagt sie, „die ihnen zugerechnet wird“.
Hier noch einmal Ellen White mit derselben Thematik:

„Obwohl Jesus die Personen seiner Gnade verteidigt, klagt Satan sie vor Gott als Übertreter an. Der große
Betrüger versucht, sie zu einer kritischen Haltung zu verführen, sie zu veranlassen, das Vertrauen zu Gott
zu verlieren, sie von seiner Liebe zu trennen und sein Gesetz zu übertreten. Jetzt verweist er auf die
Berichte ihres Lebens, auf ihre mangelhaften Charaktere, ihre Unähnlichkeit mit Christus, was ihren
Erlöser entehrt hat; er weist auf alle Sünden hin, zu denen er sie verführt hat und die sie begangen haben,
und wegen diesem allen beansprucht er sie als sein Eigentum.

Jesus entschuldigt ihre Fehler zwar nicht, aber er verweist auf ihre Reue und ihren Glauben und fordert
Vergebung für sie; er streckt die Wundmale seiner Hände dem Vater und den heiligen Engeln entgegen
und sagt. „Ich kenne sie mit Namen; ich habe sie in meine Hände gezeichnet.“ „Die Opfer, die Gott
gefallen, sind ein zerknirschter Geist, und ein reuevolles und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht
verschmähen.“ (Psalm 51,19 Übersetzung nach Hamp, Stenzel, Kürzinger). Und zu dem Verkläger seines
Volkes sagt er: „Der Herr schelte dich, du Satan! Ja, der Herr, der Jerusalem erwählt hat, schelte dich! Ist
dieser nicht ein Brandscheit, das aus dem Feuer gerettet ist?“ (Sacharja 3, 2) Christus bekleidet seine
Gläubigen mit seiner eigenen Gerechtigkeit, damit er sie dem Vater als eine „herrliche Gemeinde
vorstellen kann, die keine Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen hat“ (Epheser 5,27). Ihre Namen
sind im Lebensbuch eingetragen und weiter ist dazu geschrieben: „Sie werden mit mir einhergehen in
weißen Kleidern, denn sie sind es wert.“ (Offenbarung 3, 4) *21)

Trotzdem beharrt Br. Dale darauf, dass das Untersuchungsgericht, so wie Ellen White es lehrt, gegen das
Evangelium spricht. Weiter sagt sie über die Vision von Sacharja:

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„Das Volk Gottes ist in vielerlei Hinsicht schuldigt geworden. Satan hat genaueste Kenntnis über alle
Sünden, zu denen er sie verführt hat und die sie begangen haben und präsentiert sie in einem total
übertriebenem Licht, indem er sagt: „Will Gott mich und meine Engel aus seiner Gegenwart verbannen,
aber die belohnen, die sich derselben Sünden schuldigt gemacht haben? Das kannst Du, oh Herr,
gerechterweise nicht tun. Dein Thron wird dann nicht für Gerechtigkeit und gerechtes Gericht stehen;
denn die Gerechtigkeit fordert, eine Verurteilung gegen sie auszusprechen.“

Doch obwohl die Nachfolger Jesu gesündigt haben, haben sie sich nicht dem Einfluss des Bösen
überlassen. Sie haben ihre Sünden abgelegt und haben den Herrn in Demut und Reue gesucht, und der
göttliche Anwalt plädierte zu ihren Gunsten. Er der durch ihre Undankbarkeit am meisten beleidigt wurde,
der ihre Sünden, aber auch ihre Reue kennt, erklärt: ‚Der Herr schelte dich, du Satan! Ich gab mein Leben
für diese Seelen. Sie sind in meine Hände gezeichnet.“*22)

Ist es zu viel verlangt von den Nachfolgern Jesu, die ihn als Herrn für sich in Anspruch nehmen, dass sie sich
nicht selbst der Macht des Bösen übergeben? Sich nicht selbst der Macht des Bösen zu übergeben meint doch
wohl nicht anderes, als ein treuer Christ zu sein, der seinen Herrn liebt, und der gegen sich selbst, die Sünde
und den Versuchungen kämpft (wenn auch nicht immer erfolgreich)?

Natürlich ist das so; und trotzdem drückt Ellen White diesen Gedanken nicht halb so scharf aus wie Johannes:
„Kinder, lasst euch von niemandem verführen! Wer recht tut, der ist gerecht, wie auch jener (Jesus) gerecht
ist. Wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an.“ (1. Johannes 3, 7-8). Oder wie
Paulus: „Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung,
Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen,
Fressen und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: die solches tun,
werden das Reich Gottes nicht erben.“ (Galater 5, 19-21) Oder wie Jesus, der ganz speziell sagt:
„Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem
Herzen. Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf es von dir. Es ist besser
für dich, dass eines deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Wenn dich
deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner
Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.“ (Matthäus 5, 28-30).

Wir können über Gnade, Blut, Vergebung, Rechtfertigung, Stellvertretung und alles, was wir wollen, reden,
aber die, die mit diesen Begriffen ihre Schuld zudecken wollen, sind genau diejenigen - die Einzigen -, die das
Gericht fürchten müssen. (Matthäus 7, 22-23) Dagegen negieren die, die Ellen White in ihrer Interpretation des
Gerichts in der Vision bei Sacharia beschrieben hat, keinesfalls das Evangelium; sie erheben es vielmehr zu
einem herrlichen Höhepunkt in ihrem Leben. Das Gericht ist keine Zeit in der Gott entscheidet, uns
anzunehmen oder zu verwerfen; es ist einfach die Zeit, in der Gott unsere Wahl beendet und erkennt, ob wir
ihn angenommen haben oder nicht - eine Entscheidung, die zwangsläufig durch unsere Taten offenbart wird.

Zusammenfassung der Thematik

Wie wir gesehen haben, bestehen keine Widersprüche zwischen dem Tod des Tieres (das Symbol für das Kreuz)
am Versöhnungstag und dem Dienst des Hohenpriesters im Allerheiligsten (das Symbol für das Gericht). Wie ist
das möglich? Beides sind zwei Teile in ein und demselben Prozess: Gottes Erlösungsplan für die verlorene
Menschheit.

Wir haben auch gesehen, dass das entscheidende Element am Versöhnungstag das Blut war, nicht das Gesetz,
denn nur Blut allein sühnt Sünde.

Und schließlich ist Versöhnung das Werk Gottes zu unseren Gunsten, etwas, das Gott für uns tut, weil wir das
niemals für uns selbst tun könnten.

Wenn wir diese paar Punkte im Sinn behalten, wie verstehen wir dann das Vor-Advent-Gericht angesichts des
Blutes vom Kreuz?

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1. Wir erkennen alle unsere Unzulänglichkeiten dem vollkommenen Gesetz Gottes gegenüber, dass
wir alle Sünder sind, dass wir alle gefehlt haben und verdammt vor Gott stehen.
(Römer 3, 10+23; 5, 12; Galater 3, 22)

2. Wir erkennen, dass uns der Herr durch Jesus einen Ausweg angeboten hat. Christus hat die Strafe für jeden
Sünder bezahlt. Indem er das tat, brachte er den Himmel mit der Erde wieder in Einklang. Die Menschheit
war nicht automatisch weiter der Verdammnis ausgesetzt. Idealerweise könnte jeder Mensch gerettet
werden. (Römer 5, 15-21; 2. Korinther 5, 19; Hebräer 2, 9).

3. Weil wir Sünder sind, haben wir keine Möglichkeit, im Gericht vor einem heiligen Gott zu
bestehen. Die gute Nachricht des Evangeliums ist, dass uns Jesus durch seinen Tod die
vollkommenen Verdienste seines Lebens anbietet. Die Gerechtigkeit erhalten wie nur durch
den Glauben, nicht durch Werke; denn wenn das durch Werke möglich wäre, könnten wir sie
uns verdienen. (Römer 4, 3-6; 3, 28; 4, 13-16; Galater 2, 16; 3, 11)

4. Unser Glaube äußert sich in unserem Leben durch unsere Taten, die – obwohl sie nicht
imstande sind, unsere Schuld dem Gesetz gegenüber abzutragen – aufzeigen, dass wir durch
Jesus Christus gerettet sind, der uns ein neues Leben geschenkt hat. Werke sind eine
untrennbare Seite unseres christlichen Lebens, die unbestrittene Frucht eines mit Christus
geborgenen Lebens in Gott. Sie sind der Ausdruck einer Seele, die neu geboren wurde, die
notwendige Reaktion einer Person, die Gott um des Kreuzes willen liebt. Die Werke aus einem
biblischem Glauben zu entfernen ist das gleiche, als ob man von einem Kreis die Rundung
entfernt; was dann am Ende auch immer übrig bleibt, ist kein biblischer Glaube mehr.
(Johannes 3, 3; 14, 15; Römer 6, 4; Kolosser 3, 3.10; 1. Thessalonicher 4, 3; Titus 3, 5;
Matthäus 7, 24-27; Epheser 5, 9; 1. Johannes 5, 2)

5. Es gibt ein Gericht über Gläubige; über die, die ihren Glauben an Christus bekennen.
(Römer 14, 10-12; Matthäus 22, 1-13; Offenbarung 22, 12; 1. Petrus 1, 17)
Dieses Gericht offenbart lediglich, ob wir Christus wahrhaft angenommen haben oder nicht;
eine Entscheidung die durch unsere Werke offenbar gemacht wird. Mit Br. Dales eigenen Worten: „Wir
haben also gesehen, dass die Menschen aufgrund ihrer Reaktion auf die gute Nachricht des Evangeliums
gerichtet werden. Das Licht der Gnade Gottes hat sich strahlend in Christus offenbart. Jetzt hat die Finsternis
der Sünde keine Entschuldigung mehr.“*23) (Hervorhebungen hinzugefügt) Noch einmal, obwohl die Werke
uns im Gericht nicht retten, offenbaren sie doch, „wer im Glauben Gottes freiwilliges Geschenk der ewigen
Lebens angenommen hat und wer nicht“.*24)

Wie geschieht das? Das Leben eines bekennenden Nachfolgers Jesu wird vor Gott gebracht: jede Tat, jede
geheimste Sache, jedes unnütze Wort kommt noch einmal zur Begutachtung (Matthäus 12, 36; Prediger 12, 14;
3, 17; 2. Korinther 5, 10; Römer 14, 10-12; Psalm 135, 14; Hebräer 10, 30). Wer kann vor solch einer genauen
Untersuchung bestehen? Niemand. (Römer 3, 23; 3, 10; Galater 3, 22; 1. Timotheus 1, 15) Allerdings steht
Christi wahren Nachfolgern Jesus als ihr Anwalt, ihr Stellvertreter, ihr Fürsprecher im Himmel, zur Seite. (Römer
8, 34; Hebräer 7, 25; 9, 24; 6,20; 1.Johannes 2, 1;) Und obwohl sie weder in sich, noch aus sich selbst heraus
etwas haben, das vor Gott einen Wert hat, und obwohl keine Werke gut genug sind, um sich vor dem Herrn zu
rechtfertigen, offenbart ihr Leben trotzdem, wenn auch noch schuldig und fehlerhaft, ihre aufrichtige Reue und
ihren Glauben (Jakobus 2, 14-20; 1.Johannes 5, 3; 4, 20; Johannes 14, 15; Matthäus 7, 24-27). Wie sie die
Armen behandelt haben, die Notdürftigen, die Gefangenen, wie sie vergeben haben, so wie ihnen vergeben
wurde, die Worte, die sie aussprachen, die Werke, die sie taten (Matthäus 18, 23-25; 25, 31-46; 12, 36-37; 7, 2)
– alle diese Dinge können sie vor Gott niemals rechtfertigen und niemals die Forderungen eines übertretenen
Gesetzes erfüllen. Und doch lassen diese Taten erkennen, wer Christus als seinen Stellvertreter angenommen
hat und daher allein durch seine Gerechtigkeit, die ihn wie ein Kleid bedeckt, im Gericht bestehen kann.
(1. Johannes 2, 1; Matthäus 22, 1-14; Sacharja 3, 1-5; 3. Mose 16; Römer 8, 34; 8, 1; Hebräer 9, 24)

Noch einmal, die Frage sollte nicht heißen: Woher weiß ich, dass ich genügend Werke tue, um zu zeigen, dass
ich Glauben habe? Wenn wir weiterhin annehmen, dass wir niemals genug gute Taten vorzuweisen haben,
müssen wir uns nur auf die Verdienste Jesu stützen, der für meine Sünden starb und uns sein vollkommenes
Leben im Glauben „gutschreibt“. Oder wie Ellen White es so klar ausdrückt:

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„Aber während wir unseren sündhaften Zustand erkennen, sollten wir auf Christus als unsere
Gerechtigkeit, unsere Heiligung und unsere Erlösung vertrauen. Wir können den Anklagen Satans gegen
uns nichts entgegensetzen. Allein Christus kann ein wirksames Plädoyer zu unseren Gunsten halten. Er
kann den Ankläger mit Beweisen zum Schweigen bringen, die nicht in unseren, sondern in seinen
Verdiensten begründet liegen.“*25)

Die Sinnlosigkeit einer Errettung durch unsere Werke sollte uns veranlassen, völlig auf die Gnade und
Verdienste Jesu zu bauen. Dann dienen wir ihm aus Liebe und Dankbarkeit dafür, dass unsere Errettung durch
Christus gewiss ist, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und ganzem Gemüt und Leib; ein Dienen, das sich in
Taten erweist. Wie sollte es denn sonst sein?

Demnach ist das Gericht der Höhepunkt des in unserem Leben praktizierten Evangeliums. Das ist 3. Mose 16,
der Tag der Versöhnung, der zu unseren Gunsten durchgeführt wird. Wenn das Gericht aus dem Evangelium
herausgenommen wird, ist es, als ob man bei 3. Mose 16 das Blut weglässt: alles, was dabei herauskommt, ist
nur der Tod.

Die Behauptung, dass das Untersuchungsgericht im Widerspruch zum Evangelium steht, sagt nichts über das
Untersuchungsgericht aus, aber es sagt viel über die aus, die diese Behauptung aufstellen. Br. Dale ist das Opfer
einer „Volksauffassung“ vom Gericht geworden, die ausschließlich auf einer missbräuchlichen Verwendung von
ein paar ausgewählten Zitaten von Ellen White beruht; Zitate, die aus dem Zusammenhang ihres Schrifttums
gerissen wurden und aus denen ein ganzes Gebäude perfektionistischer Anti-Evangeliums-Theorie aufgebaut
wurde. Aber das ist eine Theologie, die nicht nur im Widerspruch zur Bibel steht, sondern auch zu Ellen White.
Wie tragisch und paradox ist das, insbesondere in Anbetracht von Ellen Whites genauer Erläuterung der Vision
von „Jeshua und dem Engel“, die eine auf das Evangelium ausgerichtete Beschreibung des Vor-Advent-Gerichts
ist und die Jesu Tod in den Mittelpunkt des Gerichts stellt. Das ist die einzige Möglichkeit, wie es richtig
verstanden werden kann.

Br. Dale bekämpft, wenn auch aufrichtig, auf 400 Seiten die Volksauffassung einer adventistischen Theologie.
Er kämpft nicht gegen die einzig Wahre, die immer mehr Adventisten begreifen, die Eine, die tatsächlich Ellen
White selbst lehrte.

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* 1) Ratzlaff, Dale, The Cultic Doctrine od Seventh-day Adventists (Life Assurance Ministries, Glendale, AZ) 1998,
unnumbered page (2)
* 2) Ebd., unnumbered page (9)
* 3) Ebd, S. 236
* 4) Ebd.
* 5) Ebd., S. 235
* 6) Ebd., S. 353
* 7) Ebd., S. 236
* 8) Ebd., S. 260
* 9) Ebd.
*10) Ebd.
*11) Ebd., S. 260, 261
*12) Ellen White, Our high Calling, p. 51
*13) Zu jener Zeit wird Michael, der große Engelfürst, der für dein Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird eine
Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener
Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, alle, die im Buch geschrieben stehen.“ (Daniel 12, 1) „Das Gericht wurde gehalten und die
Bücher aufgetan.“ (Daniel 7, 10) „Und ich sah die Toten, Groß und Klein, stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und
ein anderes Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtete nach dem, was in den Büchern
geschrieben steht, nach ihren Werken.“ (Offenbarung 20, 12)
„Und wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen
Pfuhl.“ (Offenbarung 20, 15) „Tilge sie aus dem Buch des Lebens, dass sie nicht geschrieben stehen bei den Gerechten.“ (Psalm 69,
29) „Vergib ihnen doch ihre Sünde; wenn nicht, dann tilge mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast. Und der Herr sprach zu
Mose: Ich will den aus meinem Buch tilgen, der an mir sündigt.“ (2. Mose 32, 32-33) „Und man wird die Pracht und den Reichtum
der Völker in sie bringen. Und nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Gräuel tut und Lüge, sondern allein, die
geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes.“ (Offenbarung 21, 26-27) „Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern
angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen Aus dem Buch des Lebens. Und ich will seinen Namen bekennen vor
meinem Vater und vor seinen Engeln.“ (Offenbarung 3, 5)
*14) Ellen White, Testimonies for the Church, Band 5, pp. 468, 469
*15) Ebd., S 469
*16) Ebd., S. 470
*17) Ebd., S. 471
*18) Ebd., S. 473
*19) Ebd., S. 471, 472
*20) Ebd., S. 472
*21) Ellen White, The Great Controversy, p. 484
*22) Ellen White, Testimonies for the Church, Band 5, p. 474
*23) CDSDA, S. 260
*24) Ebd., S. 260, 261
*25) Ellen White, Testimonies for the Church, Band 5, S. 472

- 89 -
Kapitel 7

Die Gabe der Weissagung


Der deutsche Philosoph Immanuel Kant baute einmal eine ganze Philosophie auf den Unterschied zweier Arten
von Sätzen auf. Der erste Satztyp (analytisch genannt) ist eine Feststellung wie diese: „Der Kreis ist rund.“
Schon aufgrund der Definition ist ein Kreis rund. Daher fügt das Prädikat des Satzes „ist rund“, dem Subjekt
„der Kreis“ nichts Neues hinzu.

Der zweite Typ (synthetisch genannt) ist eine Feststellung wie diese: „Der Kreis ist rot.“ Kreise müssen, um
Kreise zu sein, immer rund sein; sie haben aber nicht rot zu sein. Daher fügt das Prädikat „ist rot“ dem Subjekt
etwas hinzu, das wir aufgrund der Definition allein nicht erhalten hätten.

Wenn wir nun die Aussage machen, „Ellen White ist eine Prophetin“, welche Eigenschaften und Merkmale
legen wir damit automatisch in das Wort „Prophet“ hinein? „Unfehlbarkeit“? „Charaktervollkommenheit“?
„Unveränderlichkeit“? „Originalität“? Gehören diese Attribute zu einem „Propheten“ wie das „Runde“ zum
„Kreis“? Oder sind es Begriffe, die nicht zwangsläufig oder per Definition dazu gehören?

Diese Fragen sind wichtig, weil Adventisten glauben, dass die Stellung Ellen Whites die einer Prophetin Gottes
war. Und als solche ist sie oft der Auslöser eines Hauptstreitpunktes, der damit begann, dass viele den
schmerzhaften Weg nach draußen durch die Tür der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten gingen. Br. Dale ist
da keine Ausnahme. In „The Cultic Doctrine of Seventh-day Adventists“ macht er Ellen White zum Streitpunkt,
obwohl sie das nicht sein wollte. Dass sie das ist – nicht nur für Br. Dale, sondern auch für viele andere – sagt
eine Menge darüber aus, wie schlecht wir dieses wunderbare Gottesgeschenk verwaltet haben.

Für mich steht Ellen Whites Berufung zur Prophetin außer Frage. Für mich ist das so sicher wie die Existenz
Gottes oder wie die Messianität Jesu oder die immerwährende Gültigkeit des Sabbats. Und dabei bleibe ich.
Obwohl noch Fragen, Spannungen und Probleme bestehen bleiben können, die Eckpunkte selbst waren für
mich schon vor langer Zeit klar.

Was für mich aber immer noch nicht gänzlich geklärt ist und was in meinem Kopf noch gärt und kocht, ist die
Frage: Welche Rolle sollte Ellen White heute in unserer Gemeinde spielen und welche Autorität sollte ihr
zukommen? Noch einmal: Du könntest versuchen, mich davon zu überzeugen, dass Sun Myung Moon der Eine
ist, der, wie seine Gläubigen behaupten, von Gott gesandt wurde, um das Werk Christi zu vollenden. Das wäre
genauso sinnlos, als ob Du versuchen würdest mich zu überzeugen, dass Ellen White offenbar nicht den „Geist
der Weissagung“ hatte. Was allerdings nicht vorgegeben ist, ist, welche Stellung sie in der Gemeinde haben
sollte.

Bis jetzt bin ich darüber nicht allzu sehr beunruhigt, weil ich alles, was ich wissen muss, um ein Siebenten-Tags-
Adventist zu sein, allein aus meiner Bibel weiß. Nimm mir Ellen White weg, und die Hauptlehren, die aus mir
einen Adventisten machten – die Sechs-Tage-Schöpfung allen Lebens auf Erden, der Tod und die Auferstehung
Jesu, sein wortwörtliches zweites Kommen vom Himmel, der Sabbat, der Zustand der Toten, das Heiligtum und
1844 – bleiben, mit oder ohne Ellen White.

Dass mein Leben durch sie einzigartig gesegnet wurde, dass ihr Schrifttum meinen Glauben überaus gestärkt
hat, dass ihr Zeugnis und ihr Dienst für mich immer eine große Quelle ständiger Ermutigung war, dass sie mir
half, über viele wichtige Dinge Klarheit zu bekommen, dass sie mich inspirierte wie kein anderer
außerbiblischer Autor es jemals tat, dass ich glauben kann, sie war eine Botin Gottes – zu alledem sage ich ein
aufrichtiges und unmissverständliches „Ja!“. Aber sie war nie das Fundament meines Glaubens, noch wird sie
es durch die Gnade Gottes jemals werden. Wenn wir Adventisten die Fahne der Reformation „sola scriptura“
schwenken, dann sollten wir das auch so meinen.

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Ein persönliches Zeugnis

Ich gewann diese Meinung über Ellen White nicht durch Zufall. Sie bildete sich nach einem langen und
manchmal qualvollen Weg. Ich bin auch überzeugt, dass ich es durch die Gnade Gottes geschafft habe, auf dem
rechten Weg zu bleiben; allerdings bin ich noch weit von dem vollkommenen Mittelpunkt entfernt, und
wahrscheinlich wird das auch immer so bleiben.

Ich glaube, dass ich in meinen Anfangstagen als neuer Adventist eine falsche und möglicherweise gefährliche
Anschauung über den Dienst und die Inspiration von Ellen White erhielt; eine in der Gemeinde weit verbreitete
Ansicht über sie, die viele veranlasste, die Gemeinde zu verlassen, so wie auch Dale Ratzlaff.

Meine erste Begegnung mit Ellen White reicht bis in die Zeit zurück, ehe ich Adventist wurde. Ich hatte gerade
beeindruckende übersinnliche Erfahrungen gemacht, denn ich war geradewegs durch die Tür des Okkultismus
getreten, weil ich dachte, dass ich hier die Antworten auf die Fragen über den Sinn des Lebens finden würde.
Auf dem Weg zur Universitätsbibliothek, wo ich anfangen wollte über den Okkultismus zu lesen, hielt ich an
einem Reformhaus an. Als ich dem Inhaber gegenüber erwähnte, wohin ich gehe (zur Bibliothek) und weshalb
(um über den Okkultismus zu lesen), versuchte er, mich vor dem Teufel zu warnen. Doch zu der Zeit meines
Lebens war diese Warnung genauso wirkungslos, als wenn man mir gesagt hätte, dass Santa Claus am
Weihnachtsabend nicht zu mir durch den Schornstein kommt, wenn ich böse bin. Als ich wegging, lachte ihn
aus, nahm aber trotzdem das Buch, das er mir geschenkt hatte, mit.

Ich ging dann zur Bibliothek, zog ein okkultes Buch aus dem Regal und fing zu lesen an. Nachdem ich das erste
Kapitel dieses okkulten Buches gelesen hatte, stellte ich es in das Regal zurück, jedoch nicht an den Platz, wo es
hingehörte. Weil ich zu der Zeit in dieser Schule noch nicht immatrikuliert war und deshalb keine Bücher
mitnehmen durfte, versteckte ich es, damit kein anderer, es ausleihen konnte, bevor ich nicht wiederkommen
konnte, um es auszulesen.

Wie auch immer, jedenfalls war der Endeffekt der: An diesem heißen Sommernachmittag saß ich in der
Bibliothek der Universität von Florida und hatte zum ersten Mal in meinem Leben ein Buch über Okkultismus in
der einen Hand, während ich in der anderen Hand – wirklich zum ersten Mal in meinem Leben – das Buch hielt,
das ich von dem Reformhausbesitzer erhalten hatte. Errätst Du, welchen Titel das Buch hatte?

Natürlich. Der Große Kampf.

Ich habe keine Ahnung mehr, was mir damals dabei so alles durch den Kopf geschossen ist. Aber ein paar Tage
danach kam Christus und bekehrte mich. Er beendete damit meinen Ausflug in das Okkulte. Viel später erst
erkannte ich die Signifikanz, ein okkultes Buch in der einen und „Den großen Kampf“ in der anderen Hand zu
halten – beide jeweils zum allerersten Mal!

Hierdurch hat Ellen White von Anfang an eine Rolle in meinem christlichen Leben gespielt. Nichtsdestotrotz -
als ich von ihr und ihren Aussagen das erste Mal hörte, sträubte sich in mir verständlicherweise alles dagegen
(immerhin ist die prophetische Gabe schwierig zu begreifen). Einmal, nach meiner Bekehrung, ja sogar ein paar
Monate bevor ich mich der Adventgemeinde anschloss, las ich etwas von ihr, das sie über einen Vers in
Timotheus schrieb, den sie dem Paulus zuordnete. Noch kaum biblisch belesen dachte ich, dass Timotheus und
nicht Paulus dieses Timotheus-Buch im Neuen Testament geschrieben hat. Das war aufregend! Ich hatte einen
Fehler bei Ellen White gefunden! Sie konnte damit also unmöglich eine Prophetin sein; und daher brauchte ich
sie auch nicht anzuerkennen und die Dinge, die sie sagte, mir nicht zu Herzen nehmen.

Nicht lange danach entdeckte ich meinen Irrtum über die Urheberschaft von Timotheus, der mein tolles
Argument für die Ablehnung von Ellen White entkräftete. Doch der Vorfall war lehrreich; denn obwohl ich bald
an ihre Gabe glaubte, ging ich dazu über, an eine Unfehlbarkeit als ein untrügliches Attribut eines echten
Propheten zu glauben (was könnte schließlich ein Prophet eines vollkommenen Gottes anderes als selbst
vollkommen zu sein?). Ich war überzeugt, würde ich irgendwo in ihrem Schrifttum einen Fehler finden – und
wäre es nur ein Einziger – so wäre diese prophetische Gabe null und nichtig. Wie könnte schließlich ein Prophet
jemals falsch liegen, besonders, wenn es um religiöse Dinge geht?

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Ich denke, die Ursache für diesen Irrglauben ist auf die Begriffserklärung für das Wort „Prophet"
zurückzuführen. Da mich niemand gezielt aufklärte, wie Inspiration wirkt (insbesondere ihre), basierte mein
Verständnis für das Wort „Prophet“ auf diesen Vermutungen. Unter anderem beinhalteten diese Vermutungen
auch die Vorstellung einer „Irrtumsfreiheit“. Woher dieser Gedanke kam, weiß ich nicht, aber ich glaube, es
gibt eine Tendenz, dass wir die Attribute Gottes automatisch auf seine Diener übertragen, insbesondere auf
die, die ihm in der Rolle eines Propheten dienen.

Ungefähr ein Jahr später erschütterte ein weiterer Vorfall mein Paradigma. Ich las, was Ellen White über das
„Reformkleid“ gesagt hatte und wie sie in einer Vision gezeigt bekam, wie ein Kleid sein sollte:

Drei Frauengruppen gingen mit ihren Kleidern bezüglich der Länge an mir vorüber:
Das erste Kleid hatte eine modische Länge, die die Gliedmaßen beschwerte und beim Gehen störte; es
fegte die Straße und erfasste dabei ihren Schmutz. Das schlechte Ergebnis habe ich vollinhaltlich
ausgeführt. Diese Frauen, die Sklaven der Mode waren, erschienen schwächlich und müde.

Die Kleidung der zweiten Gruppe, die an mir vorbeiging, war in vieler Hinsicht, wie sie sein sollte. Die
Gliedmaßen waren ordentlich bekleidet. Sie waren zwar frei von der Bürde, die das Diktat der Mode der
ersten Gruppe aufgezwungen hatte; aber sie verfielen in das Extrem, dass das kurze Kleid auf die guten
Leute abstoßend wirkte und zu Vorurteilen führte. Es zerstörte weitgehend ihren eigenen Einfluss. Das ist
der Stil und Einfluss der „amerikanischen Mode“, die von vielen „bei uns daheim“, in Dansville, N. Y.
getragen wird. Sie reicht nicht bis zum Knie. Ich muss nicht sagen, dass mir gezeigt wurde, dass diese
Kleiderart zu kurz war.

Eine dritte Gruppe ging mit fröhlichen Gesichtern und freien, elastischen Schritten an mir vorüber. Die
Länge der Kleider habe ich mit anständig, sittsam und gesund beschrieben. Sie ließen den Schmutz der
Straße und des Fußwegs bei allen Straßenverhältnissen ein paar Inches unter sich, auch beim Herauf- und
Herabsteigen von Treppen etc. Wie ich vorher ausführte, wurde mir die Länge nicht in Inches angegeben.“
*1)

Für mich war völlig klar: Der Schöpfer des Universums hat seiner Prophetin in einer Vision („drei
Frauengruppen gingen an mir vorbei…“) gezeigt, wie die korrekte Länge der Frauenbekleidung sein soll. Wie
könnte bei einem treuen Adventisten jemals ein zweifelnder Gedanke darüber aufkommen? Jahwe hat
gesprochen; und was sagt der Herr anderes, als die absolute, unumstößliche und vollkommene Wahrheit?

Irgendwann später, aber noch in meiner „adventistischen Entwicklungsphase“, las ich dann Folgendes von Ellen
White:

„Man könnte die Frage stellen: Warum ist dieses Kleid zur Seite gelegt worden, und aus welchem Grund
wurde die Kleiderreform nicht durchgefochten? Den Grund für diese Änderung will ich hier kurz
ausführen: Während viele unserer Schwestern dieser Reform grundsätzlich zustimmten, waren andere
gegen diesen einfachen, gesunden Stil, der empfohlen worden war. Es machte viel Mühe, diese Reform
bei jungen Leuten einzuführen. Es war nicht genug, den Schwestern die Vorteile klarzumachen und sie zu
überzeugen, dass sie damit Gottes Anerkennung erlangten. Die Mode übte einen so starken Zwang auf sie
aus, dass sie sich nur schwer davon losreißen konnten, selbst wenn ihre Vernunft und ihr Gewissen ihnen
das befehlen würden. Und viele, die vorgaben, diese Reform zu akzeptieren, änderten ihre verkehrten
Kleidergewohnheiten nicht, außer, dass sie ihre Röcke kürzer machten und ihre Gliedmaßen bedeckten.

Aber das war noch nicht alles. Einige, die diese Reform angenommen hatten, gaben sich mit ihrem
Kleiderbeispiel allein nicht zufrieden; wenn sie nach den Vorteilen der Kleidung gefragt wurden, nannten
sie ihre Gründe für das Tragen, ließen es dabei aber nicht bewenden, sondern sie versuchten vielmehr,
den anderen durch ihr Vorbild ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn sie diese Kleider trugen, müssen
die anderen sie auch anziehen. Sie vergaßen, dass niemand dazu gezwungen wurde diese Reformkleidung
zu tragen.

Es ist nicht meine Aufgabe, meine Schwestern mit Vorwürfen unter Druck zu setzen. Nachdem ich ihnen
mitgeteilt hatte, was mir gezeigt worden ist, habe ich sie ihrem eigenen Gewissen überlassen. Viele
ungute Gefühle wurden durch die heraufbeschworen, die ihre Schwestern zur Reformkleidung zwingen

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wollten. Für Extremisten scheint diese Reform die Summe und der Inhalt ihrer Religion zu sein. Sie war ihr
Gesprächsthema und der Ballast ihrer Herzen; und somit waren ihre Sinne von Gott und der Wahrheit
abgelenkt…. Manche waren sehr verärgert, dass ich die Kleiderfrage nicht zur Testfrage machte und
wieder andere, weil ich denen, die ungläubige Ehemänner oder Kinder hatten, geraten habe, diese
Reformkleidung nicht zu tragen, denn sie könnte zur Unzufriedenheit führen, und das würde den Vorteilen
des Tragens entgegenwirken. Jahrelang trug ich die Last dieser Arbeit und mühte mich ab, eine
einheitliche Kleidung unter unseren Schwestern einzuführen. ... Ich hatte kein Problem mit meiner
Aussage wegen dieser Kleiderangelegenheit.“*2)

Was? Der Schöpfer des Universums zeigte ihr, wie die Kleidung sein soll, aber Ellen White „hat kein Problem
mit ihrer Aussage über die Kleiderangelegenheit“ und sogar den Frauen zu sagen, sie sollen sie vergessen? Ich
kann mich nicht mehr an jeden einzelnen Gedanken erinnern, den ich hatte, als ich dieses Erlebnis vor langer
Zeit hatte; aber ich erinnere mich, dass ich erkannte, dass ich noch viel zu lernen hatte über die Bedeutung,
Vollmacht und Rolle der prophetischen Gabe.*3)

Bald danach hatte Br. Walter Rea einen großen Auftritt mit seinen Plagiatsanschuldigungen, die in dem Buch
„The White Lie“ (Anmerkung der Übersetzerin: Der deutsche Titel lautet: „Die harmlose Notlüge“)*4) gipfelten.
So bitter sein Verhalten auch ist und so sehr ich seine Schlussfolgerungen verwerfe, aber Rea zerrte die
Streitfrage ihrer Inspiration an die Öffentlichkeit. Obwohl ich nichts über Ellen Whites literarische
Textentleihungen aus anderen Büchern wusste und erst ein paar Monate Adventist war, war ich, wenn ich
zurückdenke, weder schockiert noch überrascht. Ich war ein bisschen verärgert, dass man mir nichts von den
Textübernahmen erzählt hatte (und fragte mich, was wohl noch alles herauskommen würde). Aber ich
erkannte bald, dass die Verwendung anderer Quellen in ihrem Schrifttum nichts Neues war. Vielleicht war der
Grund, dass mir niemand davon erzählt hatte einfach der, dass ich nie danach gefragt hatte. Ich wurde niemals
ausdrücklich darauf hingewiesen, dass nicht jedes Wort, das Ellen White geschrieben hat, direkt von Gott kam,
so als ob er es diktiert hätte. Ich denke, dass ich einfach vermutete, dass das so gewesen sein musste. Hinzu
kam, dass ich von Leuten umgeben war, die sich ihre Schriften so zunutze machten, als ob jedes Wort
tatsächlich verbal inspiriert worden war. Aber „weil wir nichts gegen die Wahrheit, sondern nur etwas für die
Wahrheit tun können“ (2. Korinther 13, 8), trug Rea durch das Aufzeigen und Verwerfen dieses Sachverhalts,
mit der er die Kirche konfrontierte, dazu bei, dass ich und andere besser verstehen konnten, wie Inspiration
wirkt.

Zunächst einmal weiß ich nun, dass nicht jede Aussage, jedes Wort und jede Äußerung von Ellen White eine
ewig gültige, abschließende Wahrheit, also das letzte Wort zu jedem Thema ist, ob es nun um Eier, Käse oder
das „Tägliche“ geht. Und obwohl das nie der offizielle Standpunkt unserer Kirche war, dass jedes ihrer Worte
das endgültige Wort zu einem Fragenkomplex war, halten doch viele Adventisten entweder unverhohlen oder
versteckt an dieser Ansicht fest. Zweifellos sind Tausende, die an dieser Ansicht festhielten, nicht mehr bei uns,
weil sie daran zerbrachen, als sie merkten, wie unhaltbar sie ist.

Vieles von dem, was Ellen White schrieb - ob direkt aus einer Vision von Gott oder eine allgemeine Predigt bei
einem Campmeeting oder ein Brief an ein eigensinniges Gemeindeglied - muss im Zusammenhang gesehen
werden. Das ist ganz wichtig. Denn nur so können wir verstehen, warum sie an einer Stelle in ihren Schriften
davor warnt, Eier zu essen, während sie das an anderer Stelle nachhaltig empfiehlt; *5) oder warum sie an einer
Stelle schrieb, dass „Käse nicht einwandfrei und daher als Nahrungsmittel gänzlich ungeeignet ist“, während sie
ein anderes Mal sagt, „Tee, Kaffee, Tabak und Alkohol müssen als sündiger Genuss angesehen werden. Aus
demselben Grund können wir kein Fleisch, keine Eier, Butter, keinen Käse und solche Sachen auf den Tisch
stellen …. Die gifthaltigen Narkotika sind nicht in der gleichen Weise zu behandeln wie Eier, Butter und Käse.“
*6)

Wenn diese konkreten Aussagen endgültige Wahrheiten wären, dann gäbe es mit Jahwes ewigen Geboten ein
Problem, weil diese ewigen Wahrheiten sich gegenseitig aufheben würden. Welche dieser ewigen
Endwahrheiten ist dann die ultimative, ewige, endgültige Wahrheit? Hat Gott erst einmal den Käse verboten,
es sich dann aber anders überlegt und ihn ebenso wie Milch oder Butter wieder erlaubt? Wir müssen schon
eine gewisse Anpassung an den Kontext zulassen, wenn wir ihre Aussagen interpretieren. Was sollen sonst
unsere Geschwister mit solchen und anderen Aussagen anfangen? Viele glauben doch, ihre Aussagen seien von
Gott wörtlich inspiriert worden und es handele sich bei ihnen um absolute Wahrheiten, für die es keine höhere
Autorität gibt.

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Das habe ich inzwischen begriffen, der Schlüssel bei Ellen White ist, sie wie ein großes Bild anzusehen. Welches
sind die zentralen Kernfragen, die sie anspricht? Und welche Grundsätze stehen hinter dem, was sie sagt? Wie
ist der Kontext? Zudem ist es außerordentlich wichtig zu prüfen, was sie zu einem bestimmte Thema sagt, und
nicht einfach nur hier und da ein Zitat herauszuziehen. Wenn wir uns auf Nebensächlichkeiten konzentrieren,
werden wir uns in verschiede „Widersprüche“ verlieren, die einer höchst komplizierten und spitzfindigen Logik
zur Lösung bedarf. Aber über diese unbedeutenden Dinge hinaus ist ihr Schrifttum von einem unvorstellbar
tiefen und harmonischen Einklang durchdrungen; sie drückt ihre deutlichen und wichtigen Wahrheiten immer
und immer wieder in wunderbarer Weise aus. Das Schlimmste, was wir tun können (und was manche getan
haben und immer noch tun) ist, ganz Gebäude von Theologien oder sogar Paradigmen für bestimmte
Lebensweisen auf eine Aussage hier und da zu konstruieren, als ob jedes Zitat in sich selbst die reine Wahrheit
birgt. Dafür stand sie zu ihren Lebzeiten nicht ein, und wir entehren ihr Vermächtnis, wenn wir es jetzt tun.

In meinen Anfangsjahren als Adventist sah ich beispielsweise ihre Aussage, dass Käse als „Nahrungsmittel
gänzlich ungeeignet“ ist, als direkte Anweisung vom Herrn an. (Niemand zeigte mir damals das andere Zitat von
ihr, dass Käse derselben Kategorie zuzuordnen ist wie Milch und Butter.) Ich wurde stark beeinflusst von
Leuten, die aufgrund dieser Aussage aus der Abstinenz vom Käse eine Lebenshaltung und Theologie machten.
Für mich war Käseessen gleichzusetzen mit dem Malzeichen des Tieres. Später musste mich sogar eine Kollegin,
mit der ich zusammenarbeitete, in ihr Büro bitten und mir etwas von Ellen Whites Ratschlag über das
Maßhalten in der Gesundheitsreform vorlesen. Danach sagte sie freundlich aber bestimmt; „Cliff, hör auf, der
Belegschaft zu erzählen, dass sie in die Hölle kommen, nur weil sie Käse essen!“

Später, als ich das alles etwas lockerer nahm, ging ich einmal mit Leuten zum Essen aus, die Pizza bestellten. Ich
aß sie, aber ich weigerte mich, Gott dafür um seinen Segen zu bitten. Wie hätte ich den Herrn um seinen Segen
bitten können für etwas, was er durch seine Botin als „ein gänzlich ungeeignetes Nahrungsmittel“ bezeichnet
hat?

Kannst du dir vorstellen, welche Gedanken durch meinen Kopf gingen, als ich ein oder zwei Jahre später eine
andere Aussage von Ellen White las (die, wie erwähnt, mir vorher noch nicht bekannt gewesen ist), in der der
schreckliche Käse in dieselbe Kategorie eingereiht wurde, wie Milch, Butter und Eier! Ich drehte durch. Was
ging hier vor sich?

Dann fing ich an zu begreifen, dass die Problematik nicht bei Ellen White lag, sondern an meiner Auffassung
von ihrem Dienst. Wenn ich mir das jetzt betrachte und versuche, das Prinzip zu erkennen, verstehe ich
kritiklos, warum Ellen White Käse als ungesund angesehen hat. Und sie hatte recht. Ich sah gerade in der
Newsweek die Grafik einer Pyramide von Lebensmitteln, die man nur in kleinen Mengen zu sich nehmen sollte;
und fast an der Spitze stand der Käse. Obwohl Käse nicht gerade das beste Nahrungsmittel ist (und ich
vermute, dass Leute mit bestimmten Gesundheitsproblemen ihn nie essen sollten), ist das Essen eines Stücks
Pizza mit Käse keine Frage der ewigen Seligkeit in dem Sinne, dass das ein Verstoß gegen eine Anordnung
Gottes ist. Mit zunehmendem Alter (ich steuere auf das Ende meiner 40 zu) esse ich immer weniger Käse. Aber
das sagt doch eine Menge darüber aus, wie wir solche Äußerungen von Ellen White verkorkst haben; denn erst
nach Jahren habe ich begriffen, dass ich nicht das Gefühl zu haben brauche, ich müsste neu getauft werden,
nur weil ich ein Stück Briekäse gegessen hatte!

Ich weiß nur, wie lächerlich und unvertretbar meine früheren Ansichten waren. Ich bin sehr dankbar, dass ich
schon frühzeitig begann, diese Dinge anders zu sehen, bevor Jahre oder Jahrzehnte des Missverständnisses
verstrichen waren, die vieles zugrunde gerichtet hätten. Der Ton wurde neu geformt, solange er noch weich
war. Versuche einmal, harten Ton zu modellieren; er zerfällt in Krümel und kann leicht durch jedes Lüftchen
weggeblasen werden - und dann bleiben nur noch leere Kirchenbänke übrig.

Wie sind wir in dieses Durcheinander hineingeraten? Ich weiß es nicht. Seitdem uns der Herr die Gabe der
Weissagung durch den Dienst von Ellen White gab, mühen wir uns ab, um zu wissen, wie wir sie richtig
verstehen und einsetzen sollen. Wenn Ellen White sich schon zu ihren Lebzeiten mit denen befassen musste,
die ihr Werk und ihr Schrifttum missverstanden und missbrauchten, was glauben wir wohl, auf was sich die
Kirche jetzt, lange nach ihrem Tod, gefasst machen muss? Ich glaube nicht an irgendeine üble Gesinnung, aber
wir haben hier etwas hervorgebracht, das nachweislich schwer zu zügeln ist. Nach dem Tod von Ellen White
gingen einige, die für ihre wunderbare Gabe eintraten, zu weit. Sie bauten ein Gebäude auf wackligen Säulen

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auf; ein Gebäude, mit dem man gar nicht erst hätte anfangen dürfen, weil es mehr Probleme geschaffen, als
gelöst hat. Schlimmer noch als diese Gabe nicht zu verteidigen ist, sie mit schwachen Argumenten zu
verteidigen. Wir hätten lieber schweigen sollen, als Dinge auszusprechen, die nicht zutreffend waren.

Für meine Andacht las ich zuerst die 5 Bücher Mose in meiner hebräischen Bibel und dann „Patriarchen und
Propheten“. Eines Morgens, als ich gerade las, schoss es mir durch den Kopf: „Vielleicht hätten wir sie einfach
in Ruhe lassen sollen“. Das heißt, anstatt ein ganzes Rechtfertigungsgebäude aufzubauen, hätten wir vielleicht
weniger sagen und dafür ihr Material für sich selbst sprechen lassen sollen. Anstatt den Leuten den Rachen
vollzustopfen, hätten wir vielleicht besser nur die Bücher drucken, sie preisgünstig verkaufen und uns
zurücklehnen sollen und den Heiligen Geist, der zweifellos durch die Schreiberin wirkt, auch an den Lesern
wirken lassen.

Obwohl es jetzt zu spät ist alles rückgängig zu machen, kann noch viel getan werden. Bevor jemand dieser
Kirche beitritt, sollte es ihm zur Pflicht gemacht werden, das Buch von George Knight „Reading Ellen White“
(Ellen White lesen und verstehen, Adventverlag Lüneburg, 1998) als Studienmaterial zu lesen. Knight greift das
Wesentliche ihrer Inspiration auf. Er erfasst viele Themen; alles von ihrer Rolle in der Theologie, ihre
Verwertung historischer Quellen und ihre Beziehung zur Bibel, und ebenso auch ihre Fehlbarkeit. Vielleicht bin
ich naiv, aber wenn dieses Buch oder ein ähnliches am Anfang anstatt am Ende des 20. Jahrhunderts
geschrieben worden wäre, würden wir heute nicht in der Situation stecken, in der wir uns jetzt befinden; und
Tausende, die austraten, weil sie ihren Dienst nicht verstanden hatten, würden heute noch bei uns sein,
vielleicht auch Br. Ratzlaff.

Br. Dale und Ellen White

Das bringt uns zurück zu Bruder Ratzlaffs polemischem Buch The Cultic Doctrine of Seventh-day Adventists
gegen das Untersuchungsgericht, auch wenn das meiste in diesem Buch ein Sturmlauf gegen Ellen Whites
prophetisches Amt ist.

Wie ich zuvor schon sagte, wenn er das Vor-Advent-Gericht widerlegen könnte, wäre immer noch Ellen White
ein strittiger Punkt. Aber, wie wir gesehen haben, stellte sich seine „biblische Bewertung“ dieser Glaubenslehre
als ebenso dürftig heraus, wie z. B. sein Hinweis auf die „Studienbibel“ als Beweis dafür, dass die Adventisten
„das Wort verfälschen“. Selbst wenn das Vor-Advent-Gericht nicht biblisch wäre, wäre das immer noch besser,
als dieselben von ihm immer wieder aufgewärmten alten Argumente dagegen, dass es das Gericht nicht gibt,
ganz zu schweigen von seinem völligen Ignorieren unserer handfesten Gegenargumente gegen solche
Behauptungen.

Seine Angriffe auf Ellen White sind von demselben Kaliber wie seine Angriffe auf das Vor-Advent-Gericht:
Wieder aufgewärmtes Material, eine Wiederverwendung ausgewählter Fakten und das völlige Ignorieren
unserer besten Verteidigungsargumente etc. Gewöhnlich werde ich nicht apologetisch für Ellen White, weil es
dazu keine Veranlassung gibt. Ihr Dienst spricht für sich selbst. Hinzu kommt, wie ich bereits gesagt habe und
hier wiederhole, weil es sehr wichtig ist: Ich brauche sie nicht. Was ich als Christ und Adventist wissen muss,
entnehme ich der Bibel. Selbst wenn seine Angriffe auf Ellen White stichhaltig wären, so würde das keine
unserer Lehren widerlegen (auch wenn Br. Dale sogar zugibt, dass „nicht ein einziger der adventistischen
Lehrpunkte von Ellen White abstammt).*8) Weil dieses Buch eine Antwort auf seines ist, wäre ich doch
nachlässig, wenn ich zum Schluss nicht noch auf einige seiner Vorwürfe gegen sie eingehen würde.

In seinem Vorwort schreibt Br. Dale über sich und seine Frau: „Wir beide hatten die Schriften von Ellen White
als inspiriert und zuverlässig angenommen.“*9)

Das ist schön; ich und Millionen andere finden das auch. Aber was meint er mit „inspiriert“? Irrtumslosigkeit?
Unveränderlichkeit? Verbale Inspiration? Sobald man sein Buch liest, wird klar, dass er genau diese Attribute
meint. Was meint er außerdem mit „zuverlässig“? Er erklärt das selbst: „Ich bin mit der Historie der Siebenten-
Tags-Adventisten aufgewachsen und nahm die Schriften von Ellen White wie eine gleichberechtigte Autorität
mit der Bibel an. ….“*10) An anderer Stelle schreibt er: „Ich nahm ihre Schriften für viele Jahre als eine
gleichberechtigte Autorität zur Bibel, an.“*11)

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Fairerweise muss ich sagen, er vertrat diese Meinung aufrichtig. Es gibt eine Menge Adventisten, die derselben
Ansicht sind wie er, egal, welchen Standpunkt wir als Kirche offiziell vertreten. Kein Wunder, dass er und
andere Probleme hatten. Es ist schwer mit ansehen zu müssen, wie jemand damit nicht fertig wird.

In Anbetracht dessen können wir die Art seiner Angriffe gegen Ellen Whites Inspiration und Autorität besser
verstehen, weil er hinsichtlich Ellen Whites Inspiration und Autorität von falschen Voraussetzungen ausgeht.
Ganz gleich wie gut deine Logik ist, wenn deine Prämissen falsch sind, ziehst du wahrscheinlich auch die
falschen Rückschlüsse. Br. Dale ist dafür ein Musterbeispiel.

Ellen White und William Miller

Was ist nun das Kernstück seiner Attacken, die Br. Dale seitenlang über „Ellen Whites umfassende Zustimmung
zu Millers Botschaft und seinen Methoden“ fortsetzt?*12) Er verfolgt diesen Punkt so hartnäckig weiter, weil er
glaubt, darin den Schlüssel gefunden zu haben, mit dem er ihr den Nimbus ihres Amtes rauben könnte. Seine
Logik sieht so aus: Ellen White bestätigt William Miller durch ihre Visionen. Miller unterliefen Irrtümer. Ellen
White kann deshalb auch keine echte Prophetin sein.

Wenn wir nun ihre Zustimmung zu William Miller und Br. Dales Kritik daran ansehen, darf auch das nicht
vergessen werden: Alles, was Ellen White über Miller und dessen Führung durch Gott schrieb, schrieb sie nach
der Enttäuschung von 1844. Anders ausgedrückt, alles was sie sagte, sagte sie, nachdem Christus 1843 oder
1844, als Miller ihn erwartet hatte, nicht wiedergekommen war. Obwohl Br. Dale diese Tatsache kennt,*13)
bezieht er diesen Umstand und seine Auswirkungen nicht mit ein, weil sie für seine Schlussfolgerungen im
höchsten Maße hinderlich sind.

Denk doch mal nach. Ellen White schrieb über Miller nach 1844, nach der Enttäuschung, nachdem es
offensichtlich geworden war, dass Miller immerhin in einigen Punkten falsch lag. Das größte erwartete
Ereignis, das zweite Kommen Jesu, war nicht eingetreten; und Ellen White wusste es ganz genau. Wie
umfassend war denn nun ihre „vollumfängliche Billigung“? Offensichtlich war darin doch nicht alles enthalten,
was Miller lehrte, nicht einmal der wichtigste Punkt, denn sie wusste, dass Christus nicht in 1843 oder 1844
wiedergekommen war. Wenn sie zuvor in einem Gesicht gezeigt bekommen hätte, dass das eine oder andere
Datum richtig ist, dann wäre das möglicherweise noch eine andere Geschichte. Aber worin sie sich auch immer
mit Miller einverstanden erklärte (immerhin hatte sie die große Enttäuschung selbst erfahren), wusste sie nur
allzu gut, dass Miller, was das zweite Kommen Jesu anbelangte, auf jeden Fall falsch lag.

Somit wurde Br. Dale mit einem Dilemma konfrontiert, dessen Auswirkungen er eifrig aus dem Wege geht.
Schon allein der Zeitpunkt ihrer Schriften beweist, dass, was immer sie von Miller billigte, nicht so „umfassend“
war, wie Br. Dale behauptet; denn mit „umfassend“ meint er alles, was Miller gelehrt hatte. Zu der Zeit ihrer
Niederschriften erklärte sie sich offensichtlich nicht mit der Behauptung einverstanden, dass Jesus 1843/1844
wiederkommen würde. Und sobald man erkannt hat, dass sich ihre Billigung nicht auf alle Lehren Millers
erstreckt, ändert sich die ganze Sachlage. Jetzt sollte man das Material gründlich durchgehen und sehen, was
sie nun tatsächlich befürwortet hat und was nicht. Das ist allerdings etwas, was Br. Dale mit seinen pauschalen
Vorwürfen gegen sie nicht tut, zumindest nicht offiziell.

Nun, wie wir in Kapitel 1 gesehen haben (und es ist wert, das noch einmal zu wiederholen) wandte Br. Dale
immense Energie für die Idee auf, dass Ellen White mit Millers 15 „Beweisen“ für 1844 einverstanden gewesen
ist und aus diesem Grund auch keine Prophetin sein kann. In einer späteren Fußnote (in einer Fußnote!!) hat er
dann allerdings eingeräumt, dass „es nicht klar ist, ob Ellen White allen ‚Beweisen’ von Miller zugestimmt
hat“*14)

Sieh an, was geschehen ist: Seitenweise erläutert Br. Dale, wie dumm Millers „Beweise“ sind und erörtert, dass
Ellen White, weil sie ihn unterstützt, keine Prophetin sein kann. Und trotzdem gibt er später zu, dass sie
möglicherweise nicht alles von ihm gebilligt hat! Also, wenn „es nicht klar ist, ob Ellen White allen 15
‚Beweisen’ von Miller zustimmte“, dann ist auch nicht klar, wie Br. Dale ihre „vollumfängliche Billigung Millers“
braucht, um sein Anklagegebäude gegen sie vollumfänglich aufrecht zu erhalten.

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Und wirklich, nirgendwo in CDSDA nennt Br. Dale auch nur ein Beispiel, dass Ellen White anderen „Beweisen“
von Miller seit 1843/1844 beigepflichtet hat (abgesehen von dem Sachverhalt, der auf Daniel 8, 14 basiert),
seien sie nun auf Hesekiel, das levitische Jubeljahr oder auf das zweite Buch Mose bezogen. Schon ein einziges
Beispiel hätte ihm als ein starker Beweis dienen können, um seine Polemik zu untermauern. Aber so weist er
nichts vor, weil er auch nichts hat. Im Gegensatz zu dem vorgenannten Punkt, aus dem er ein ganzes
Anklagegebäude gegen Ellen White konstruiert hat (sie würde alle diese „Beweise“ gutheißen), belegt kein
Indiz, dass sie überhaupt irgendeinen von Millers anderen „Beweisen“ für die Gültigkeit von ‚Zeitweissagungen
anerkannt hat, die 1843/1844 enden sollten.

Lies das Buch „Der große Kampf“. Was zieht sie heran, um 1844 zu begründen? Levitische Jubeljahre, Hesekiel
39, 9-10; 2. Mose 31, 13-17 oder einige von den anderen Texten Millers? Nein, sie bedient sich nur der einen
Schriftstelle: Daniel 8, 14; und die ist genau diejenige, die Br. Dale so heftig zu widerlegen versuchte und damit
scheiterte.

Bisher haben wir bewiesen, dass, wie „umfassend“ auch immer ihre Billigung von Miller war, sie sicherlich nicht
seinen Glauben teilte, dass Christus 1843/1844 wiederkommen würde (der wohl wichtigste Teil seiner
Botschaft). Trotz seiner Behauptungen hat Br. Dale auch nicht ein Beispiel vorgewiesen, dass sie – abgesehen
von Daniel 8, 14 – irgendeinen von Millers anderen 14 „Beweisen“ für 1844 befürwortet hat.

Lasst uns weitergehen. Br. Dale zitiert Ellen Whites Worte über die Mitwirkung von Engeln in Millers Dienst,
wie zum Beispiel, „Engel Gottes besuchten mehrmals den Auserwählten (Miller), leiteten seinen Verstand und
öffneten sein Verständnis für Prophezeiungen, die bisher für Gottes Volk im Dunkeln lagen.“*15) Er vermerkt
auch, dass sie geschrieben hat, dass Gott selbst Miller geführt hat“ und dass „der Herr seinen Verstand bei den
Prophezeiungen geleitet und ihm große Erleuchtung über das Buch der Offenbarung gegeben“ hat.*16)

Wie könnten Engel oder gar Gott Miller leiten, wenn seine Ansichten Irrtümer enthalten? Und dabei
unterstützt Ellen White ihn, sogar mitsamt seinen Irrtümern? Deshalb muss sie eine falsche Prophetin sein.

Br. Dales logisches Denken beginnt mit einer falschen Voraussetzung, dass nämlich die, die von Gott oder
Engeln geleitet werden, theologisch unfehlbar sein müssen. Er ist in diese Falle getappt, die ich früher schon
erwähnte: Der verständliche Hang, die Eigenschaften Gottes auf seine Boten zu übertragen.

Zum Beispiel leitete Gott Johannes den Täufer. Übrigens sagt Jesus selbst, dass es keinen größeren Propheten
gegeben hat, als Johannes (Lukas 7, 28). Und trotzdem müssen wir feststellen, dass Johannes die Messianität
Jesu in Frage stellte (Matthäus 11, 3); was sicherlich kein unbedeutender theologischer Gesichtspunkt war.
Oder wie war das mit Petrus? Obwohl er sicherlich von Gott geführt wurde, weigerte er sich mit den Heiden zu
essen, wenn andere Juden zugegen waren (Galater 2, 11-14)? Also, irgendwann nach dem Kreuzesgeschehen,
nachdem Jesus zu Petrus gesagt hatte, „weide meine Schafe“ (Johannes 21, 17), ja sogar nach Pfingsten, sieht
es ganz so aus, als habe Petrus eine der grundlegenden Wahrheiten verpasst, die Jesus gelehrt und durch das
Kreuz bewirkt hat (Galater 3, 28).

In ihrem Buch „Der großen Kampf“ schreibt Ellen White von Martin Luther, dass „himmlische Engel ihm zur
Seite standen und Strahlen des Lichts vom Thron Gottes seinem Verstand die Schätze der Wahrheit
offenbarten“.*17) Heißt das, dass alles, was Luther schrieb, von Gott kam? Welcher Protestant, der das
Evangelium liebt, das Martin Luther nach Jahrhunderten aus Müll und Aberglauben wieder ausgegraben hat,
glaubt nicht, dass es der Herr war, der Luther geführt hat? Dabei würde Ellen Whites Bemerkung (dass Engel
des Himmels an Luthers Seite waren) am Ende sogar bedeuten, sie würde seine Giftigkeit gegenüber denen, die
an den siebenten Tag, den Sabbat, glaubten, gutheißen? Hätte sie seine Angriffe auf Ulrich Zwingli
gutgeheißen, der überzeugt war, dass das Brot und der Wein beim Abendmahl nur Symbole waren, während
Luther sich mehr an die katholische Meinung anlehnte, dass Christus darin real präsent ist? Soll das etwa
heißen, dass sie mit Luthers Hetzreden gegen die Juden, in denen er Dinge schrieb, die Jahrhunderte später
dazu beitrugen, den Nazis den Weg zum Massenmord zu ebnen, einverstanden war? Um jetzt Br. Dales Logik zu
folgen, wie konnte Luther sich in solch einem Irrtum befinden, wo doch Engel vom Himmel zu ihm gesandt
wurden und Gott ihn führte? Auf gleiche Weise leiteten Engel Gottes auch Miller, der von Gott geführt wurde;
wie konnte er dann so im Irrtum sein?

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Es ist wichtig, das Umfeld von Millers (und Ellen Whites) geistlicher Welt zu kennen, um verstehen zu können,
was sie weshalb befürwortete. Miller predigte in einem Zeitalter des grassierenden Postmillenniums. Die
meisten Protestanten glaubten, dass Christus nach dem Millennium auf diese Erde zurückkommen würde. Sie
glaubten, dass die Erde nun in dieses Jahrtausend eintrat. Sie lehrten, die Welt würde sich kontinuierlich
verbessern, bis sie einen Idealzustand erreicht hat, zu dem Jesus wiederkommen und seinen Thron in
Jerusalem übernehmen würde. Darwin, der inzwischen seine Evolutionstheorie schon veröffentlicht hatte, die
besagte, dass sich die Menschen selbst zu einem höheren Stand weiterentwickeln würden, schürte damit erst
recht dieses Feuer des Postmillennialismus. Diese postmillennialistische Lehre wurde von Millionen
Protestanten bis in die ersten paar Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beibehalten und erst durch den Ersten
Weltkrieg verdrängt.

Aber schon mehr als ein halbes Jahrhundert vor Somme und Verdun kämpfte Millers Adventbotschaft
unerschrocken gegen diese Dummheit an. Beim Studium von Daniel und der Offenbarung sagte Miller unter
der Leitung Gottes und seiner Engel: „Nein, nein, und nochmals nein; die Welt wird nicht besser. Im Gegenteil,
sie wird schlimmer, und sie steuert nicht auf ein tausend Jahre andauerndes irdisches Paradies zu, sondern auf
eine letzte Katastrophe, die erst mit der Wiederkunft Christi endet.“ Ellen White befürwortete diese Lehre
grundsätzlich im Kontext mit Millers Berechnungen der Zeitprophezeiungen auf der Basis von Daniel 8 und 9,
weil sie im Gegensatz zum Postmillennialismus stand. Genauso billigte sie grundsätzlich die Lehre Luthers vom
Evangelium und der Gerechtigkeit durch den Glauben im Kontext mit dem Widerstand gegen das päpstliche
System. Sie hieß damit aber nicht alles gut, was Miller lehrte und auch nicht alles, was Luther lehrte. In beiden
Fällen „zog sie nur einen roten Faden heraus“ oder eine Glaubenslehre und konzentrierte sich darauf.

Br. Dale verbreitet diese zwei Äußerungen von Ellen White: „Ich sah, dass Gott mit der Verkündigung der Zeit
von 1843 war. Es war seine Absicht, die Menschen zu erwecken und sie an einen Punkt der Prüfung zu bringen,
an dem sie sich für oder gegen die Wahrheit entscheiden müssen.“*18) Und „ich habe gesehen, dass die
Herstellung der Tabelle von 1843 von der Hand des Herrn geleitet war und dass sie nicht geändert werden
sollte; dass die aufgelisteten Zahlen so waren, wie er sie haben wollte; dass seine Hand sie bedeckte und bei
einigen Zahlen einen Fehler verbarg, so dass ihn niemand sehen konnte, bis er seine Hand wegzog.“* 19)

Noch einmal, sie schrieb das nach der Enttäuschung von 1844 und so wusste sie bereits, dass nicht alles, was
Miller lehrte, richtig war, insbesondere das Datum 1843. Nun, trotz Br. Dales Behauptung von ihrer
„vollumfänglichen Billigung“ sagt sie in dem Zitat, das er anführt, ganz richtig, dass einige Zahlen in Millers
Tabelle falsch waren; ein Beweis mehr dafür, dass ihre Billigung sich doch nicht auf alles erstreckte, was Miller
lehrte. Also, neben ihrem (offensichtlichen) Wissen, dass Miller mit dem Ereignis in 1844 falsch lag, wusste sie,
dass einige weitere Zahlen falsch waren. Das kann man nun schwerlich eine generelle Billigung nennen.

Aber worüber redet sie? Hatte Gott die Milleriten absichtlich irregeleitet, indem er den Irrtum mit seiner Hand
zudeckte?

Zunächst behandeln wir hier eine Metapher (Gottes Hand verdeckt Fehler in Millers Tabelle), und Metaphern
sind bloß Metaphern, bildliche Ausdrücke, die nicht wortwörtlich zu nehmen sind. Ich sehe hier zwei mögliche
Denkansätze:

1. Übernatürlich verbarg Gott die Wahrheit vor Miller und seinen Nachfolgern, ebenso wie Jesus es tat mit
den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lukas 24,13-16).

2. Gott wollte, ungeachtet einiger Irrtümer in seiner Denkweise, Miller zu der Zeit keine weiteren Wahrheiten
offenbaren, ebenso wie Jesus seinen Jüngern keine weiteren Wahrheiten verraten wollte, als sie ihn kurz
vor seiner Himmelfahrt fragten, „Herr, wirst du nun in dieser Zeit für Israel wieder das Reich aufrichten?“
(Apg. 1, 6)

Ich entscheide mich für den zweiten Lösungsvorschlag, dass der Herr Miller und seine Nachfolger einfach nur so
weit, wie sie imstande waren mitzugehen, mitnahm. Dies ist eine Vorgehensweise, die sich auch in der Bibel an
verschiedenen Stellen findet (1. Korinther 3, 2; Johannes 16, 12). Eines der besten Beispiele dafür ist die
Begebenheit mit der Frau am Jakobsbrunnen in Johannes 4. Warum sagte Jesus der Frau, die keine Jüdin war,
dass er der Messias ist? Bei den Juden war er nicht so offenherzig. Darum, weil der Herr wusste, wie weit er die
Menschen führen und inwieweit ihr Verstand die Wahrheiten fassen kann, die sie nicht vollständig verstehen.

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Ich glaube, das erklärt, war hier stattfand. Der Herr nahm Miller und die anderen mit, so weit wie sie zu dieser
Zeit imstande waren mitzugehen. Darum konnte Ellen White schreiben, dass die Zahlen so waren, wie Gott sie
zu der Zeit haben wollte und dass zu der Zeit nichts geändert werden sollte. (Vergiss nicht, sie schrieb das,
nachdem klar war, dass die Zahl 1843 falsch war.) Dann, als die Zeit da war, zog der Herr seine Hand weg; das
heißt, er gab seinem Volk mehr Licht, und sie konnten ihre Fehler erkennen.

In den späten 70er Jahren benutzte der Herr ein von Hal Lindsey geschriebenes Buch, durch das mir die
Wahrheit über das Christentum erschlossen wurde. Obwohl ich darin mit allerlei lächerlichen Lehren
vollgestopft wurde, war das Buch für mich nichtsdestotrotz ein Wegführer zu Christus hin. Im Laufe der Zeit sah
ich die Fehler – Fehler, die der Herr zu der Zeit zugelassen hatte, um mich von da, wo ich war, wegzubringen
und dahin zu führen, wo er schließlich wollte, wo ich sein soll.

Es ist auch wichtig zu wissen, dass Ellen White im Zusammenhang mit dem Datum 1843 denen geschrieben hat,
die ein anderes, ein späteres Datum festlegten. Obwohl sie versuchte sie von der Festlegung eines Datums
abzubringen, stimmte sie der Grundberechnung von Miller zu, die trotz einiger Fehler im Wesentlichen richtig
war.

Br. Dale macht eine große Sache aus ihrer Aussage, dass der Herr „mit der Verkündigung von 1843 war“. Wie
konnte der Herr mit der Verkündigung sein, wo sie doch immerhin einen Fehler enthielt? Noch einmal, könnte
Gott keine Menschen leiten, die noch einige Fehler haben? Luther ist dafür ein Paradebeispiel. Auch glaube ich,
dass der Herr die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten geführt hat, auch wenn einige von uns in den
Anfangsjahren an Irrtümern festhielten, zum Beispiel an der Meinung es gäbe keine Dreieinigkeit. Gott nahm
die Milleriten mit, so weit sie zu der Zeit imstande waren mitzugehen. Falls du auch glaubst (wie ich es tue),
dass Millers Grundberechnung von Daniel 8 und 9 zutreffend war, obwohl „in einigen Zahlen“ ein Fehler
steckte, dann ist es doch ziemlich erstaunlich, wie Gott sie geführt hat und es ihnen ermöglichte, so viel
Wahrheit aus der Bibel zu gewinnen; insbesondere zu einer Zeit, als die vorherrschende theologische Strömung
lehrte, dass die Welt bereits in eine wunderbare Tausend-Jahres-Periode eingetreten ist, die ihren Höhepunkt
erreicht, wenn sie mit Jesus von Jerusalem aus über den glücklichen Planeten herrschen.

Noch einmal: Wenn das Gericht seit dem Jahr 1844 falsch wäre, müssten weit mehr Beweise vorgelegt werden,
als die, welche Br. Dale angeführt hat, um nachzuweisen, dass es falsch ist. Aber es ist richtig. Gott hat Miller
geführt und es waren Engel an seiner Seite. Gott setzte Miller ein, um das Fundament für die Freikirche der
Siebenten-Tags-Adventisten zu legen, die den Weg bereiteten für die heutige endzeitliche Bühne, die die
Vorstellung von einem sichtbaren Kommen Jesu am Ende der Welt mit einschließt und an der so viele der
heutigen christlichen Konfessionen Dank der Adventisten festhalten.

Ferner sind uns in Offenbarung 14 die Botschaften der drei Engel mitgeteilt worden, die vernünftigste,
geschichtlich fundierte und theologisch ausgewogenste Erkenntnis über die Ereignisse in den letzten Tagen, die
jemals enthüllt wurden. (Gibt es dazu irgendwelche Alternativen? Was ist zum Beispiel mit der so genannten
geheimen Entrückung, bei der Flugzeugpiloten aus dem Cockpit verschwinden, in den Himmel aufgenommen
werden und nichts als nur ihre Uniformen zurücklassen?) Die Siebenten-Tags-Adventisten sind zudem die
größte nicht-jüdische Sabbathalter-Bewegung in der Welt und eine der wenigen christlichen Konfessionen, die
das griechische Konzept einer unsterblichen Seele und die heidnische Anschauung, dass die Gerechten nach
dem Tod direkt in den Himmel gelangen – eine „getaufte“ Version von Platos Auffahrt der Seele – ablegten.
Und trotz Br. Dales missglücktem Versuch, das seit 1844 tagende Vor-Advent-Gericht als falsch hinzustellen, ist
es das letzte himmlische Ereignis (siehe Daniel 7), das dem zweiten Kommen und dem Ende der Welt
vorausgeht. Und deshalb ist es ein Ereignis von ungeheurer Wichtigkeit, das allein nur die Adventisten lehren.
Das alles und noch mehr fing mit William Miller an. Kein Wunder, dass Ellen White ihn unterstützte.

Lasst uns zurückblicken:

- Ellen White wusste, dass William Miller falsch lag mit dem Termin des zweiten Kommens
Jesu in 1844, weil sie erst nach der Enttäuschung schrieb.

- Br. Dale musste gezwungenermaßen zugeben, dass es nicht klar ist, ob Ellen White alle
„Beweise“ von Miller billigte.

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- Br. Dale liefert kein Beispiel über die Billigung irgendeines der von Miller erbrachten „Beweise“,
ausgenommen den von Daniel 8, 14 (und das, weil sie es nicht getan hat).

- Trotz ihrer Erklärung, dass Gott Miller geführt hat, gibt es keinen Beweis, dass sie mit allem
einverstanden war, was Miller lehrte.

- Sie räumte sogar ein, dass in einigen Zahlen von Miller ein Fehler steckte.

- Seine Hauptanklage gegen Ellen White baute Br. Dale auf die Voraussetzung auf, dass sie
„vollumfänglich“ allem, was Miller lehrte, zugestimmt hat. Die Indizien beweisen, dass diese Prämisse
falsch ist; seine Beweisführung ist deshalb fehlgeschlagen.

Die geschlossene Tür

Niemand, der Ellen White kritisierte, hat jemals die Kontroverse um die „geschlossene Tür“ ausgelassen. Die
Sache fing schon früh in ihrem Dienst an und wird trotz aller Widerlegung der Rückschlüsse von ihren Kritikern
immer wieder wegen ein paar Zeilen zur Sprache gebracht, die – aus dem Zusammenhang gerissen und ohne
weitere Erklärung – gute Munition für sie abgeben.

Ich beabsichtige nicht, nun alles zu wiederholen, was darüber geschrieben wurde (und das ist nicht gerade
wenig). Stattdessen möchte ich den Hauptvorwurf betrachten, der darin besteht, dass Ellen White in einer
Vision gezeigt bekam, dass die Tür der Gnade für die ganze Welt seit 1844 geschlossen wurde. Dann möchte ich
fragen, welchen Beweis kann Br. Dale vorbringen, um diese Beschuldigung zu erhärten?

Beachte, die Frage lautet nicht, glaubte Ellen White jemals, dass die Tür der Gnadenzeit für die Welt nach 1844
geschlossen war? Natürlich glaubte sie das zusammen mit vielen anderen Milleriten, zumindest eine Zeit lang,
ja selbst dann noch, als ihre Visionen angefangen hatten. Aber eine Glaubenslehre zu vertreten ist eine völlig
andere Sache als die Behauptung, dass sie in einer Vision gezeigt bekam, dass die ganze Welt nach 1844
verloren gehen würde. Übrigens macht eine Vision eine Person in ihrer Erkenntnis nicht plötzlich unfehlbar.

Br. Dale trachtet danach, das Ansehen von Ellen White in Verruf zu bringen. Und wenn sie, selbst nach dem
Erhalt der Gabe der Weissagung, noch eine falsche Ansicht vertreten hat, wird das natürlich benutzt und
angeprangert, um sie in Misskredit zu bringen. Die Schlacht wäre vorüber, noch ehe sie ausgefochten wurde.
Aber sein Argument (und das von anderen auch) ist, dass sie in einem Gesicht von Gott gezeigt bekam, dass die
Gnadenzeit für die ganze Welt nach 1844 beendet ist.

Br. Dale zitiert aus dem Material der Camden-Vision, welche lange Zeit als Schwindel verdächtigt wurde, so
dass wir das übergehen können. Lasst uns stattdessen mit ihren unbestritten eigenen authentischen Schriften
fortfahren. Interessanterweise bringt Br. Dale keine Zitate vor, in denen Ellen White gesagt hat, dass der Herr
oder ein Engel ihr in einem Gesicht gezeigt hat, dass die Gnadenzeit für die Welt nach 1844 beendet ist.
Stattdessen nimmt er ein Zitat aus einer ihrer frühen Visionen und baut seinen Vorwurf hauptsächlich darauf
auf.

Hier das fragliche Zitat ist aus ihrer ersten Vision, die sie im Dezember 1844 erhielt:

„Während ich am Familienaltar betete, kam der Heilige Geist über mich, und ich schien immer höher zu
steigen, weit über die dunkle Welt. Ich sah mich nach den Adventisten in der Welt um, konnte sie aber
nicht finden. Da sagte eine Stimme zu mir: ‚Sieh noch einmal hin, aber schau ein wenig höher’. Jetzt erhob
ich meine Augen und sah einen geraden, schmalen Weg, der hoch über der Welt aufgeworfen war. Auf
diesem pilgerten die Adventisten nach der heiligen Stadt, die am Ende des Weges lag. Hinter ihnen, am
Anfang des Weges, war ein helles Licht, das der ‚Mitternachtsruf’ war, wie mir ein Engel sagte. Dieses Licht
schien den ganzen Weg entlang und war ein Licht für ihre Füße, damit sie nicht straucheln konnten. Jesus
selbst ging seinem Volk voran, um es zu leiten. Solange die Adventgläubigen ihre Augen auf ihn gerichtet
hielten, waren sie sicher. Aber bald wurden manche von ihnen schwach und sagten, die Stadt sei so weit
entfernt und sie hätten erwartet, eher anzukommen. Jesus ermutigte sie aber, indem er seinen rechten
Arm erhob, von dem ein Licht ausging, das sich über die Adventisten ergoss, und sie riefen: ‚Halleluja!’

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Andere verachteten unbesonnen das Licht hinter ihnen und sagten, dass es nicht Gott gewesen sei, der sie
so weit hinausgeführt habe. Hinter solchen ging das Licht aus und ließ ihre Füße in völliger Finsternis, so
dass sie strauchelten. Sie verloren Jesus aus den Augen und fielen von dem Pfad herab in die dunkle, böse
Welt unter ihnen. Es war für sie genauso unmöglich, auf den Weg zurückzukommen und zur Stadt zu
gehen, wie für die ganze sündhafte Welt, die Gott verworfen hatte.“*20) (Hervorhebungen hinzugefügt)

Br. Ratzlaff zitiert nun diesen Teil der Vision und schreibt: „Ellen Gould White wurde gezeigt, dass es für die
Menschen, die sich von der Botschaft Millers oder seiner Interpretation losgesagt hatten, unmöglich war
gerettet zu werden. Gott hat die ganze sündhafte Welt verworfen.“*21)

Allerdings gibt es ein paar Probleme mit seiner Interpretation, was die Vision sagt. Lies zunächst einmal, was sie
schrieb oder was sie nicht schrieb. Sie sagte niemals, dass ihr gezeigt wurde, dass die ganze sündhafte Welt
verloren geht. Niemals sagte sie, „ein Engel zeigte mir, dass die ganze sündhafte Welt verloren geht“ – das ist
die Art von Sprache, die sie in zahlreichen anderen Fällen verwendete. Dass sie diese Dinge glauben konnte,
zumindest für eine Weile, ist eine andere Sache. Was hier höchstens passiert sein kann, ist, dass sie einige
Dinge in ihre Interpretation der Vision hineingelesen haben könnte, die durch die Vision nicht ausdrücklich
gesagt werden sollten. Und welche Fragen durch solch eine Formulierung auch immer aufgeworfen werden
könnten, so ist es doch nicht das Gleiche, als zu sagen diese Überzeugung sei ihr von Gott gezeigt worden.

Das oben angeführte Zitat wurde aus ihrer ersten Vision entnommen, die sie als 17jähriges Mädchen erhalten
hatte. Sie war weder hoch gebildet noch übermäßig schreibkundig und belesen, geschweige denn theologisch
geschult. Dass sie in diese Vision mehr hatte hineingelesen können als berechtigt war, oder dass sie die Vision
sogar missverstanden haben könnte – zumal es ihre erste Vision war – ist nicht dasselbe, als gezielt zu sagen,
dass Gott ihr diese Glaubensmeinung gezeigt hat. Jahre später schrieb sie dann: „Ich habe öfters mir gegebene
Darstellungen zunächst nicht verstanden. Aber nach einer Weile wurde mir durch Wiederholungen die
Bedeutung der Dinge, die ich zunächst nicht verstanden hatte, auf eine unmissverständliche Art und Weise klar
gemacht.“ (Brief 329, 1904) Selbst nachdem sie die Gabe der Weissagung schon eine Reihe von Jahren erfahren
hatte, sagte sie, dass sie manchmal zunächst nicht verstanden hat, was ihr gezeigt wurde; und erst später,
wenn die Darstellungen wiederholt wurden, hat sie sie schließlich verstanden. Ähnlich erging es ja auch Daniel,
denn er verstand die Vision von den 2300 Tagen zunächst nicht (Daniel 8, 27), bis ihm Jahre später mehr
Informationen darüber gegeben wurden. (siehe Daniel 9, 24- 27)

Also, was immer Ellen White in ihrer ersten Vision gezeigt wurde, sie hatte einfach mehr hineingelesen, als
darin enthalten war. Darf einem Propheten so etwas nicht passieren? Oder schreiben wir wieder die Attribute
Gottes seinen Propheten zu?

Aber hätte Gott die Neuronen in ihrem Gehirn nicht so anordnen können, dass sie die Vision fehlerfrei auslegen
konnte? Natürlich hätte er das tun können. Genauso hätte er die Gehirnzellen von Johannes dem Täufer neu
gestalten können, so dass er nicht an der Messianität Jesu gezweifelt hätte. Warum Gott das in solchen Fällen
nicht getan hat, ist eine Frage, die wir ihm eines Tages von Angesicht zu Angesicht stellen können. Einstweilen
verbleibt uns von diesem 17jährigen Mädchen Ellen Harmon nur ihre Vorstellung über ihre erste empfangene
Vision, für die sie einfach eine anschauliche Sprache des Glaubens verwendet hatte, die sie schon gebrauchte,
bevor sie ihre erste Vision erhielt.

Ellen White (damals noch Harmon) glaubte zusammen mit den Milleriten, dass, wenn Jesus wiederkommen
würde, die Tür der Bewährung geschlossen würde; ganz so, wie wir das heute auch glauben. Nachdem Jesus
aber nicht wiederkam, klammerten sich noch viele Milleriten an einige ihrer Glaubensvorstellungen um die
Ereignisse von 1844, einschließlich der Meinung, dass Sünder den Tag ihrer Gnade ab 1844 ausgeschlagen
hatten.

Aber diesen Irrtum zu berichtigen war nicht der Zweck der ersten Vision. Stattdessen wollte der Herr Ellen
White zeigen, dass die Milleriten ihren Adventglauben nicht aufgeben sollten, den Glauben, dass Gott sie
führte und dass sie auf dem Weg bleiben sollen und nicht wie andere abfallen, die das Licht verworfen hatten,
welches Gott ihnen gegeben hatte. Das war der entscheidende Punkt der Vision: Die Milleriten von der Abkehr
abzuhalten, wie andere es schon getan hatten.

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Dann ist da noch die ganze Frage nach der grammatikalischen Struktur des letzten Satzteils im Schlusssatz zu
klären, wo es heißt: “ … wie für die ganze sündige Welt, die Gott verworfen hat.“ Die Grammatik ist
mehrdeutig; sie kann entweder in einer einschränkenden oder nicht einschränkenden Weise verstanden
werden und daher zwei ganz verschiedene Bedeutungen ausdrücken:

Lies folgende zwei Sätze:


Das Haus, welches rot ist, ist abgebrannt.
Das rote Haus ist abgebrannt.

Der Unterschied ist nicht so einfach zu erkennen; aber sie sagen nicht dasselbe aus. Der erste Satz (der nicht
einschränkt) beinhaltet grammatikalisch die Existenz von zwei oder mehr Häusern, wovon eines rot ist. Es ist
dies Haus – das Rote – welches abbrannte.
Der zweite Satz (der einschränkt) besagt, dass es nur ein Haus gibt, und das Haus ist rot.

Wenn man den Satzteil liest, in dem Ellen White schrieb, „die ganze sündige Welt, die Gott verworfen hatte“ ist
aufgrund der Grammatik nicht eindeutig, ob „die Gott verworfen hatte“ ein einschränkender oder ein nicht
einschränkender Satzteil ist. Mit anderen Worten, meinte sie, dass die ganze Welt böse war und Gott alle
Menschen verworfen hatte (nicht einschränkend)? Oder meinte sie, dass Gott nur die bösen Menschen, die in
der Welt sind, verworfen hatte, nicht aber die, die nicht böse in der Welt lebten (eingeschränkt)? Wenn das
Letztere der Fall ist, dann ist das zur Diskussion stehende Problem keine Frage der Interpretation, sondern der
Grammatik; was dann kein Problem mehr sein sollte; es sei denn, dass Gottes Perfektion und Unfehlbarkeit
auch in der Grammatik seiner Diener seinen Ausdruck finden muss.

Jahre später ging Ellen White auf diese Vorwürfe ein, dass sie aufgrund ihrer Vision gelehrt hatte, dass die
Gnadenzeit für die Welt seit 1844 abgelaufen war (weswegen diese Erklärungen in späteren Druckauflagen
ausgelassen wurden) und schrieb:

„Es ist behauptet worden, diese Aussagen bestätigten die Lehre von der „geschlossenen Tür“ und seien
deshalb in späteren Druckauflagen weggelassen worden. Tatsächlich besagen sie aber nichts anderes, als
das, was von uns als Glaubensgemeinschaft gelehrt wurde und heute noch gelehrt wird, wie ich noch
aufzeigen werde.

Nach der großen Enttäuschung im Jahr 1844 glaubte ich noch eine Weile, genau wie die übrige
Adventgemeinde, dass der Welt damals die Gnadentür für immer verschlossen worden wäre. Davon war
ich überzeugt, bevor ich meine erste Vision von Gott erhielt. Es war das mir von Gott gegebene Licht, das
unseren Irrtum korrigierte und uns klar machte, was in Wirklichkeit geschehen war.“

Beachte, sie sagt ganz klar, dass sie und andere Adventisten noch vor ihrer ersten Vision glaubten, dass die Tür
der Gnade für immer geschlossen worden ist. Sie sagte nicht, dass ihre Ansicht durch ihre erste Vision
berichtigt wurde, sondern nur, dass sie diese Meinung schon vor ihrer ersten Vision hatte. Später, als ihr von
Gott nach der ersten Vision die Erleuchtung gegeben wurde, änderte sie allmählich ihre Meinung. Ihre erste
Vision erhielt sie mit einer ganz anderen Absicht, auch wenn sie möglicherweise mehr hineinlas, als der Herr
meinte. Sie erklärte weiterhin:

„Ich glaube immer noch an die Lehre von der „geschlossenen Tür“, aber nicht mehr in dem Sinne, wie wir
diesen Ausdruck zuerst verwendet haben oder wie er von meinen Gegnern verwendet wird.“

Es gab eine geschlossene Tür in den Tagen Noahs. Zu der Zeit hatte sich der Geist Gottes von der mit
Sünden beladenen Menschheit zurückgezogen, die dann in den Wassern der großen Flut umkam. Gott
selbst gab Noah die Botschaft der geschlossenen Tür: „Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen
walten, denn auch der Mensch ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit 120 Jahre geben“ (1. Mose 6, 3).

Es gab eine geschlossene Tür bei Abraham. Die erbetene Gnade für die Einwohner von Sodom endete, und
alle, außer Lot, seine Frau und seine zwei Töchter, wurden von dem Feuer, das vom Himmel fiel, verzehrt.

Es gab eine geschlossene Tür zurzeit Jesu. Der Sohn Gottes erklärte der ungläubigen Generation der Juden:
„Siehe, euer Haus soll euch wüst gelassen werden“ (Matthäus 23, 38).

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Schauen wir herab auf den Strom der Zeit bis hin zu den letzten Tagen, so verkündet dieselbe unendliche
Macht durch Johannes: „Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut
und niemand schließt zu, der zuschließt und niemand tut auf“ (Offenbarung 3, 7).

Mir wurde in einer Vision gezeigt, dass es im Jahre 1844 eine geschlossene Tür gab, und das glaube ich
noch. Alle, die das Licht der ersten und zweiten Engelsbotschaft sahen, es aber verwarfen, wurden in der
Finsternis gelassen. Und auch die, die das Licht annahmen, den Heiligen Geist empfingen und die vom
Himmel verkündete Botschaft beachteten, sich aber später dann doch vom Glauben abkehrten und ihre
Erfahrungen als Irreführung und Selbsttäuschung bezeichneten, wiesen dadurch den Geist Gottes ab, der
dann auch nicht länger für sie flehte.

Die, die das Licht nicht sahen, trugen keine Schuld daran, dass sie es verworfen hatten. Nur die Gruppe,
die das Licht vom Himmel verschmähte, die konnte der Heilige Geist nicht mehr erreichen. Und zu dieser
Gruppe gehörten, wie ich erklärt habe, beide, sowohl die, welche sich weigerten die Botschaft
anzunehmen, als sie ihnen angeboten wurde, als auch die, die sie erhalten hatten, aber später ihren
Glauben aufgegeben haben. Sie mögen zwar eine Art der Frömmigkeit beibehalten und sich als Nachfolger
Christi bekennen, aber sie haben keine lebendige Beziehung mehr zu Gott; sie wurden gefangen
genommen von den Täuschungen Satans. Diese zwei Gruppen wurden mir in einer Vision vorgestellt:
diejenigen, die erklärten, das Licht, dem sie gefolgt waren, sei ein Trugbild gewesen und die Gottlosen
dieser Welt, die dem Licht eine direkte Absage erteilten, wurden von Gott verworfen. Es wurde keine
Bemerkung über die gemacht, die das Licht nicht gesehen haben und daher keine Schuld an ihrer
Verwerfung hatten.“*22)

Beachte, sie bedient sich der einschränkenden Betrachtung, das heißt, sie sagt, dass in der Vision nicht gemeint
ist, dass die ganze Welt sündig und gottlos war und verloren ging (obwohl sie das selbst für eine Weile geglaubt
hatte), sondern dass alle, die in der sündigen Welt das Licht ausgeschlagen haben, von Gott verworfen wurden.
Diese Gruppe wird dann von Gott verworfen, nicht die ganze Welt, sondern nur die, die das Licht, das Gott
ihnen gegeben hatte, ablehnten. Und wenn das auch übermäßig hart erscheint, lies einmal, was der Verfasser
des Hebräerbriefs in einem noch viel breiteren Kontext als Ellen White sagt: „Denn es ist unmöglich, die, die
einmal erleuchtet worden sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und Anteil bekommen haben am
Heiligen Geist und geschmeckt haben und das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt und dann
doch abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Buße, da sie für sich selbst den Sohn Gottes abermals kreuzigen
und zum Spott machen.“ (Hebräer 6, 4-6)

Was lassen nun die Aussagen bis jetzt erkennen?

1. Nirgendwo hat Ellen White jemals behauptet, dass ihr in einer Vision gezeigt worden ist, dass
die Gnadenzeit für die ganze Welt ab 1844 beendet wurde. Doch genau das behauptet Br. Dale
und baut einen weiteren Angriff gegen sie auf diese Prämisse auf.

2. Das Schlimmste, was man sagen könnte ist, dass sie mehr in ihre Vision hineingelesen hatte,
als sie beinhaltete. Wenn jemand glaubt, dass das einem Propheten nicht passieren darf, dann
hat es keinen Zweck, die weiteren Punkte zu erörtern. Aber wenn man glaubt, wie sie selbst
sagte, dass sie zunächst nicht immer alles verstanden hat, was sie in einer Vision gezeigt
bekam, dann wird der Sachverhalt weniger problematisch. Sie hat das Gesicht, das sie gesehen
hatte, einfach im Zusammenhang dessen, was sie zu jener Zeit glaubte, ausgearbeitet. Später, im
Laufe der Zeit, stellte der Herr die falsche Überzeugung der Milleriten richtig.

3. Die Grammatik des äußerst umstrittenen Satzteils ist an sich mehrdeutig: Es ist möglich, ihn
so zu lesen, dass nicht die ganze Welt verloren geht, sondern nur ein begrenzter Teil der Welt.
Ellen Whites spätere Erklärungen über ihre Ansichten scheinen diesen Satz so interpretiert zu
haben, dass sie das nicht gesagt hat, was ihre Kritiker behaupten, dass sie das so gesagt hat.
Daher ist die Anschuldigung der Kritiker äußerst schwach, denn sie behauptete niemals, dass
Gott ihr in einer Vision gezeigt hat, dass die ganze Welt nach 1844 verloren geht; und sie
blieb auch später dabei, dass sie das selbst nie gesagt hat, egal, was auch immer sie zu der
Zeit persönlich geglaubt hatte.

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Ob es nun ein grammatikalisches oder ein Interpretationsproblem ist, so oder so ist Br. Dales Argument – dass
sie behauptet habe, dass Gott ihr in einer Vision gezeigt hat, die Gnadenzeit für die Welt sei nach 1844
abgeschlossen – ist falsch.

Br. Dale bezichtigt die frühen Adventisten auch der Täuschung, weil sie im Laufe der Zeit ihr Verständnis von
der „geschlossenen Tür“ neu definierten und ihre Meinung über das Ende der Bewährungszeit in den Dienst
Christi im himmlischen Heiligtum änderten. Um Ellen White noch einmal zu zitieren: „Ich glaube immer noch an
die Lehre von der „geschlossenen Tür“, aber nicht mehr in dem Sinne, womit wir diesen Begriff zuerst in
Verbindung gebracht haben oder wie er von meinen Gegnern verwendet wird.“ Mit anderen Worten, die
frühen Adventisten haben dazugelernt und sind aus einigen frühen Irrtümern herausgewachsen, nun
verstanden sie das Konzept der „geschlossenen Tür“ anders als in der Vergangenheit. Was für eine schreckliche
Täuschung!

Hier nun, wie sie später diesen Begriff angewendet hat:

„Am Sabbat, dem 24. März 1849, hatten wir mit den Brüdern zu Topsham, Maine, eine gute und
interessante Versammlung. Der Heilige Geist war über uns ausgegossen, und ich wurde im Geist zu der
Stadt des lebendigen Gottes genommen. Dann wurde mir gezeigt, dass die Gebote Gottes und das Zeugnis
Jesus Christus, das von der geschlossenen Tür berichtet, nicht getrennt werden können, und dass die Zeit,
als die Gebote Gottes in ihrer ganzen Bedeutung erschienen und Gottes Volk die Sabbatwahrheit
erkannte, gerade dann war, als die Tür zum Allerheiligsten im himmlischen Heiligtum geöffnet wurde, wo
die Lade ist, in welcher sich die 10 Gebote befinden. Diese Tür war nicht offen, bis die Vermittlung Jesu im
Heiligen des himmlischen Heiligtums im Jahr 1844 vollendet war. Dann schloss er die Tür des Heiligen und
öffnete diejenige ins Allerheiligste und ging durch den zweiten Vorhang, wo er nun bei der Lade steht und
wohin der Glaube Israels jetzt reicht.

Ich sah, dass Jesus die Tür in das Heilige geschlossen hat und niemand sie öffnen kann und dass er die Tür
in das Allerheiligste geöffnet hat und niemand sie zuschließen kann. (Offenbarung 3, 7-8) Seit Jesus die
Tür in das Allerheiligste geöffnet hat, welches die Lade enthält, sind die Gebote dem Volk Gottes offenbar
geworden, und es wird an der Sabbatfrage geprüft.“*23)

Br. Dale scheint eine Veränderung in der Erkenntnis mit einer Täuschung gleichzusetzen. Wenn dem so ist, was
macht er dann mit Petrus, der bis zu seiner Vision (Apostelgeschichte 10) dachte, die Heiden wären unrein?
Wenn eine Kirche oder sogar ein Prophet nicht in der Erkenntnis wachsen kann ohne zu täuschen, dann hätte
Br. Dale ein Problem mit der ganzen Kirche des Neuen Testaments, der Paulus permanent größeres Licht zu
bringen suchte. Als die Christen des Neuen Testaments in ihrer Erkenntnis wuchsen und alte Lehren oder
Glaubensüberzeugungen durch bessere ersetzten, durch solche, die mehr Wahrheit widerspiegelten, waren sie
dann unehrlich? Oder was war mit den Juden in der frühen Gemeinde? Diese Leute betrachteten sich selbst
noch als Juden, nur jetzt mit mehr Licht. Waren diese Leute unehrlich, weil sie im Laufe der Zeit ihre Ansicht
geändert hatten? Nach Ansicht von Br. Dale muss die Antwort „Ja“ lauten.

Schließlich bauscht Br. Dale den Umstand auf, dass die umstrittenen Sätze in der Erklärung von Ellen Whites
erster Vision später in dem Buch „Erfahrung und Gesichte“ gestrichen worden sind, zumal die Verleger, wie er
sagt, jegliche Löschung abstritten. Auch hier kann Br. Dale entweder einer schlampigen Recherche oder einfach
nur der Unehrlichkeit bezichtigt werden.

Das Vorwort von „Erfahrung und Gesichte“, das 1851 neu aufgelegt und veröffentlicht wurde, macht folgende
Aussage:

„Abgesehen davon sind keine Änderungen an dem ursprünglichen Werk vorgenommen worden,
ausgenommen, dass gelegentlich ein neues Wort benutzt oder der Satzbau etwas verändert wurde, um
den Gedanken besser auszudrücken, und kein Abschnitt des Werkes wurde weggelassen. Der
Gedankengang oder Sinn des ursprünglichen Werkes ist nicht verändert worden, und die Wortänderungen
sind unter den Augen der Schreiberin und mit ihrer vollen Zustimmung gemacht worden.“*23)

Gemäß diesem Vorwort wurden also keine größeren Änderungen zwischen der Ausgabe von 1851 und der
Neuauflage von Erfahrung und Gesichte vorgenommen. Aber, was Br. Dale entweder nicht wusste oder zu
erwähnen unterließ, war, dass in dem Werk von 1851 dieser umstrittene Satz bereits gestrichen war. Das heißt,
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als das Buch unter dem Originaltitel Early Writings neu aufgelegt wurde, war diese Aussage bereits nicht mehr
vorhanden. Wie also das Vorwort besagt, sind keine Streichungen vorgenommen worden; das Buch wurde
1851 einfach nachgedruckt.

Aber nach dem Zitieren des Vorworts von Erfahrung und Gesichte, das jede Streichung zwischen dieser und der
Version von 1851 bestreitet, vergleicht Br. Dale Erfahrung und Gesichte nicht mit der Version von 1851 (also
die im Vorwort erwähnte) sondern mit der Version von 1845, in dem das Zitat zum ersten Mal gedruckt worden
war. Mit anderen Worten, er vergleicht Erfahrung und Gesichte mit einer anderen Version, als der Version, auf
deren Vorwort er zurückgreift, so dass der Eindruck entstehen muss, dass das Vorwort unwahr ist, obwohl das
nicht stimmt.

Natürlich lässt das die Frage offen, warum die Verleger anfangs überhaupt eine Streichung vornahmen. Obwohl
dies ein völlig anderer Sachverhalt ist, erhebt Br. Dale die falsche Anschuldigung, dass sie gelogen haben. Aber
eine Streichung ist keine große Sache, es sei denn, man glaubt, dass alles, was jemand mit einer prophetischen
Gabe geschrieben hat, wörtlich von Himmel diktiert wurde und deshalb keiner Bearbeitung oder Korrektur
unterzogen werden darf. Das ist aber nicht das, was wir Adventisten unter Inspiration verstehen, und auch
gewiss nicht das, was wir bei Ellen White angeben. Denn seit Beginn ihres Dienstes wurden ihre Werke einer
Bearbeitung, Korrekturen und Abänderungen unterzogen, und das mitunter viele Male. Das sollte eigentlich
jeder informierte Adventist wissen. 1858 schrieb sie das Buch Geistliche Gaben (Spiritual Gifts), das 1884
revidiert wurde und als Geist der Weissagung (Spirit of Prophecy), Band 4, herauskam. Dann wurde es 1888
noch einmal erweitert und hieß nun Der große Kampf (The Great Controversy), der dann 1911 noch einmal
revidiert wurde. Jede dieser Bearbeitungen machte Löschungen, Zusätze und Änderungen notwendig. Dass die
ersten Adventisten etwas, das Ellen White als 17- oder 18jährige schrieb – etwas, das Verwirrung hervorrief
oder eine These, an die sie nicht mehr glaubte – in späteren Versionen herausgenommen haben, ist wohl
schwerlich als eine massive Vertuschung zu bezeichnen, trotz der gegenteiligen Behauptung von Br. Dale. Es
gab keine Täuschung, zumindest nicht von Seiten der Adventisten.

Ellen White und das Evangelium

Dem ganzen Buch The Cultic Doctrine of Seventh-day Adventists liegt scheinbar nur ein Thema zugrunde und
kommt darin immer wieder zum Vorschein: Das Schrifttum von Ellen White ist gegen das Evangelium gerichtet
und schwächt die Glaubenslehre von der Gerechtigkeit allein durch den Glauben. Wir zeigten in dem vorigen
Kapitel auf, wie falsch diese Behauptung ist, auf jeden Fall im Kontext mit dem Vor-Advent-Gericht Doch sogar
außerhalb dieses Zusammenhangs hält Br. Dale an seiner Anklage fest:

Ellen White sagt, dass wir nicht durch Glauben allein gerettet werden.*25)

Ellen Gould White sagt, dass die zugerechnete Gerechtigkeit für die Errettung der Sünder nicht genug
ist.*26)

Ellen Gould White sagt, dass es falsche Lehrer waren, die aussagten, dass „Christus kam, um die Sünder zu
retten“.*27)

Sie hat das Evangelium oft mit der rechten Hand gegeben, um es dann mit der linken Hand wieder zu
nehmen.*28)

Die Verwirrung in der STA-Kirche bezüglich des Evangeliums muss ganz und gar Ellen White angelastet
werden.*29)

Wie wir durch dieses ganze Buch hindurch sehen konnten, sind viele ihrer Äußerungen völlig falsch; und
hier kommt der wichtigste Punkt: viele davon verzerren, untergraben oder widersprechen dem neuen
Evangeliumsbund der Gnade.“*30)

Wie reagiert man nun auf solche Vorwürfe?

Lasst uns mit einer hypothetischen Situation beginnen:

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Angenommen, jemand würde Ellen White fragen, „Schwester White, was muss ich tun, um das ewige Leben zu
erhalten?“; und sie würde antworten, „willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote!“ (Matthäus
19, 17). Ich nehme an, Br. Dale wäre über solch eine Antwort empört, denn er würde darin einen weiteren
Beweis sehen, dass Ihre Ansichten den neuen Evangeliumsbund der Gnade „verzerren, untergraben und ihm
widersprechen“.

Oder angenommen, jemand würde sie fragen, „Schwester White, wie wichtig ist es, dass ich den Sieg über die
Sünde erringe?“; und sie würde antworten, „wenn dich deine recht Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und
wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle
fahre!“ (Matthäus 5, 30). Damit hätte Br. Dale einen weiteren Beweis, dass Ellen White gegen das Evangelium
ist.

Oder angenommen sie sagte, „so ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber“ (Jakobus
2, 17), oder, „Kinder, lasst euch von niemandem verführen. Wer recht tut, der ist gerecht, wie auch jener
gerecht ist.“ (1. Johannes 3, 7). Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft, welche Reaktion diese Worte, wenn
sie von Ellen White stammen würden, bei Br. Dale hervorrufen würden. Aber sie stehen sogar in der Bibel und
nicht nur in der Bibel, sondern im Neuen Testament – und das ist doch der Bund der Gnade!

Nimmt also das Neue Testament mit der linken Hand das Evangelium weg, das es mit der rechten Hand
angeboten hat? Oder müssen diese Texte des Neuen Testaments einfach nur im Zusammenhang gesehen
werden, also unter Berücksichtigung der gesamten Schrift, um den Sinn vollständig zu erfassen?

Natürlich das Letztere, und das nicht nur in der Bibel, sondern auch im Schrifttum von Ellen White. Ihre Worte
müssen im Zusammenhang betrachtet werden, also im Gesamtblick auch auf ihre anderen Schriften, um ein
richtiges Bild von dem zu erhalten, was sie sagt. Jeder kann eine Menge ihrer Aussagen aus dem
Zusammenhang herausreißen, wie Br. Dale es tut, und sie ohne Bezug auf die anderen Dinge, die sie sagte,
ohne Bezug auf ihr großes Gesamtbild zitieren, und sie so legalistisch und gegen das Evangelium gerichtet
klingen lassen, wie die vorgenannten Bibeltexte von Paulus, Jakobus oder sogar von Jesus.

Nachstehend nur ein paar Aussagen von Ellen White über das Evangelium. Obwohl ich jetzt das mache, was ich
bei Br. Dale angeprangert habe (Zitate von Ellen White ohne Zusammenhang aneinanderzureihen), tue ich das
nur, um zu zeigen, dass sie genauso wie die Bibel einige sehr eindringliche Aussagen machte, die ganz klar die
Gerechtigkeit durch den Glauben allein hervorheben, ungeachtet anderer Aussagen, die, wenn sie isoliert oder
aus dem Zusammenhang ihrer Schriften gerissen werden, übertrieben klingen können, wie in der Bibel auch.
Hier nun ein paar Aussagen von Ellen White zum Thema Erlösung und Rechtfertigung:

„Es gibt keinen Glaubenspunkt, den man nachdrücklicher betonen sollte und der häufiger und
unauslöschlicher in die Sinne aller Gläubigen eingeprägt werden muss, als die Erkenntnis, dass es
unmöglich ist, sich alles durch seine eigenen guten Werke verdienen zu können. Erlösung gibt es allein
durch den Glauben an Christus…..“

„Lasst uns klar vor Augen halten, dass es unmöglich ist, unser Ansehen bei Gott beeinflussen zu können
oder die Gabe Gottes für uns durch das Verdienst des Geschöpfes zu erwirken. Könnte jeder durch
Glauben und gute Werke die Gabe Gottes erkaufen, dann wäre der Schöpfer seinem Geschöpf gegenüber
verpflichtet. Hier schleicht sich leicht ein falscher Gedanke ein, der als Wahrheit angenommen werden
könnte. Wenn sich jemand durch das, was er tut, seine Erlösung verdienen kann, dann ist er in derselben
Lage wie der Katholik, der sich für seine Sünden selbst kasteit. In diesem Fall ist die Erlösung eine
Verpflichtung, die man sich als Lohn verdienen kann. Wenn der Mensch sich die Erlösung nicht durch seine
guten Taten verdienen kann, dann muss er sich ganz auf die Gnade verlassen, die er als Sünder erhält, weil
er Jesus annimmt und an ihn glaubt. Gnade ist ganz und gar ein freiwilliges Geschenk. Dass Gerechtigkeit
allein durch den Glauben erlangt wird, steht unbestritten fest. Und diese ganze Kontroverse ist beendet,
sobald das Problem geklärt ist, dass die Verdienste ihrer guten Werke den gefallene Menschen niemals
das ewige Leben verschaffen können.“*31)

„Das Licht, das Gott mir zu dem obigen wichtigen Thema gegeben hat, ist ohne Wenn und Aber fest in
meinen Sinn eingegraben. Rechtfertigung ist ganz und gar Gnade und kann nicht durch gute Werke
erworben werden. Der Grund dafür wurde mir ganz klar vorgelegt. Wenn ein reicher Mensch von seinem

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Geld und Besitztümern dem Herrn ein großes Opfer bringt und er auf die abwegige Idee kommt, dass er
die Gnade Gottes dadurch verdient hat, weil der Herr ihm jetzt wegen seines großen Opfers zu einem
Gefallen verpflichtet ist, so ist dessen Opfer wertlos geworden.“*32)

„Meine Brüder, erwartet ihr etwa, dass eure Verdienste eine Empfehlung für die Gnade Gottes sind, und
denkt ihr etwa, ihr müsstet frei von Sünden sein, bevor ihr seiner Macht euch zu retten vertraut? Wenn
ihr euch weiter mit solch einer Denkweise abmüht, fürchte ich, dass ihr keine Kraft gewinnen und
schließlich völlig entmutigt werdet.“*33)

„Gnade ist ein unverdienter Liebesdienst, und der Glaubende ist ohne irgendein eigenes Verdienst und
ohne dass Gott ein Opfer verlangt, gerechtfertigt durch die Erlösung Jesu Christi, der im himmlischen
Gericht als Stellvertreter und Bürge für den Sünder steht.“* 34)

„Jede Seele darf sagen: „Durch seinen vollkommenen Gehorsam hat er die Forderungen des Gesetzes
erfüllt, und meine einzige Hoffnung ist auf Jesus als meinen Stellvertreter und Bürgen aufzusehen, der für
mich dem Gesetz vollkommen gehorchte. Durch den Glauben an seine Verdienste bin ich frei von der
Verdammung durch das Gesetz. Er kleidet mich mit seiner Gerechtigkeit, die alle Anforderungen des
Gesetzes erfüllt. In ihm bin ich vollkommen, der mir immerwährende Gerechtigkeit verleiht. Er stellt mich
Gott in einem fleckenlosen Kleid vor, von dem kein Faden von einem menschlichen Mittler gewebt wurde.
Alles ist von Christus, und alle Herrlichkeit, Ehre und Majestät gehören dem Lamm Gottes, das die Sünden
der Welt wegnimmt.“*35)

„Wir sind angenommen in dem Geliebten. Die Unvollkommenheiten des Sünders sind bedeckt von der
Vollkommenheit und Fülle des Herrn, unserer Gerechtigkeit. Die, die mit einer aufrichtigen Gesinnung, mit
zerknirschtem Herzen und mit demütigen Bemühungen alles daran setzen, den Wünschen Gottes gerecht
zu werden, auf die schaut der Vater mit Erbarmen und zärtlicher Liebe; er betrachtet sie als gehorsame
Kinder, und die Gerechtigkeit Christi ist ihnen zugerechnet.“*36)

„Ich habe einen ganz innigen Wunsch, dass du die Stadt Gottes nicht als gerade noch begnadigter
Angeklagter betrittst, sondern als Überwinder.“*37)

„Wenn der Sünder auf das Gesetz sieht, wird ihm seine Schuld bewusst, und sein Gewissen schlägt und
verurteilt ihn. Sein einziger Trost und seine Hoffnung ist, auf das Kreuz von Golgatha zu sehen. Wenn er
den Verheißungen vertraut und Gott beim Wort nimmt, zieht Erleichterung und Frieden in seine Seele ein.
Er ruft aus: ‚Herr, du hast versprochen, alle zu retten, die im Namen deines Sohnes zu dir kommen. Ich bin
eine verlorene Seele. Herr, rette mich oder ich gehe zugrunde’. Sein Glaube richtet sich auf Christus, und
hält an ihm fest, und er ist vor Gott gerechtfertigt.“*38)

„Durch ihn, der die Wahrheit sagt, ist er für gerecht erklärt. Der Herr rechnet dem Gläubigen Jesu
Gerechtigkeit an und spricht ihn vor dem ganzen Universum gerecht. Er übergibt seine Sünden Jesus, dem
Stellvertreter, Bürgen und Garanten des Sünders. Auf Christus legt der Herr die Schuld einer jeden Seele,
die glaubt‚ denn er hat den, der von keiner Sünde wusste für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die
Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt’.“ (2. Korinther 5, 21)*39)

„Abraham hat Gott geglaubt, und das ist im zur Gerechtigkeit gerechnet worden. Dem aber, der mit
Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. Dem aber, der nicht mit
Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet
zur Gerechtigkeit (Römer 4, 3-5). Gerechtigkeit ist Gehorsam dem Gesetz gegenüber. Das Gesetz fordert
Gerechtigkeit, und das schuldet der Sünder dem Gesetz; aber er ist nicht imstande, das zu leisten. Die
einzige Möglichkeit, wie wir die Gerechtigkeit erlangen können, ist durch den Glauben. Durch den Glauben
kann er Jesu Verdienste zu Gott bringen, und der Herr rechnet den Gehorsam seines Sohnes dem Sünder
an. Jesu Gerechtigkeit wird anstelle des Versagens des Menschen angerechnet und Gott verzeiht und
rechtfertigt die reumütige, gläubige Seele, nimmt ihn an und behandelt ihn, als ob er gerecht wäre und
liebt ihn, wie er seinen Sohn liebt. So wird durch Glauben die Gerechtigkeit zugerechnet und die
begnadigte Seele geht weiter von Gnade zu Gnade, von einem Licht zu einem größeren Licht.“* 40)

„Wenn Gott Sünden verzeiht, erlässt er dem Sünder die Strafe, die er verdient hat und behandelt ihn so,

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als ob er nicht gesündigt hätte. Er bezieht ihn ein in seine göttliche Gnade und rechtfertigt ihn durch die
Verdienste der Gerechtigkeit Christi. Der Sünder ist gerechtfertigt durch den Glauben an das gebrachte
Sühneopfer von Gottes geliebtem Sohn, der ein Opfer wurde für die Sünden der schuldigen Welt.
Niemand kann aus eigenen Werken gerechtfertigt werden. Er kann allein aufgrund der Leiden, des Todes
und der Auferstehung von Jesus Christus von der Last der Sünde befreit werden, von der Verdammnis
durch das Gesetz und von der Strafe für die Übertretung. Glaube ist die einzige Bedingung, um
Rechtfertigung erhalten zu können, und Glaube beinhaltet nicht nur zu glauben, sondern zu
vertrauen.“*41)

Und um einfach offen festzuhalten, dass Br. Dales Beschuldigung nicht stimmt, dass Ellen White nicht an das
Konzept glaubte, dass Christus kam, um die Sünder zu retten, ist hier ein weiteres Zitat aus ihrem Buch „Das
Leben Jesu“:

„So darf jeder Sünder zu Christus kommen: ‚Er machte uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit
willen, die wir getan haben, sondern nach seiner Barmherzigkeit.’ (Titus 3, 5) Wenn Satan dir sagt, dass du
ein Sünder bist und nicht hoffen kannst, Segnungen von Gott zu empfangen, dann sage ihm, dass Christus
in die Welt kam, Sünder selig zu machen. Wir haben nichts, was uns bei Gott empfiehlt; der einzige Grund,
den wir anführen können, ist unsere äußerst hilflose Lage, die Jesu erlösende Kraft für uns notwendig
macht. Alles Selbstvertrauen aufgebend, dürfen wir nach Golgatha blicken und sagen: ‚Da ich dir nichts
bringen kann, schmieg ich an dein Kreuz mich an.“*42)

Aus irgendeinem Grund wurden diese und zahlreiche andere Zitate wie diese niemals in CDSDA aufgeführt.
Daher sind Br. Dales Beschuldigungen, dass Ellen White nicht an die Rechtfertigung allein durch den Glauben
glaubte, durchweg genauso falsch, wie seine Behauptung, dass Antiochus das kleine Horn von Daniel 8 ist.

Was noch übrig bleibt

Man könnte ein ganzes Buch über Br. Dale schreiben und darin die Schwächen seiner Angriffe auf Ellen White
enthüllen. Aber das ist nicht meine Absicht. Die letzten paar Seiten machten meinen Standpunkt klar: Seine
Kritik an ihr und ihrem Schrifttum sind von dem gleichen Kaliber wie seine „biblische Bewertung“ des Vor-
Advent-Gerichts. Noch einmal in aller Fairness Br. Dale gegenüber: Er hatte einmal die richtige Meinung von
Ellen White gehabt, und hätte er sie und ihre Inspiration in der richtigen Art und Weise verstanden, bezweifle
ich, ob er da wäre, wo er heute steht.

Br. Dale gibt noch eine weitere Erklärung über sie ab, die letzte, die ich betrachten werde, obwohl noch viele
weitere es wert wären, sie einer Prüfung zu unterziehen. Unter Bezugnahme darauf, dass Ellen White über die
Jahre gewisse Glaubensüberzeugungen änderte, sagt er: „Man muss ihr zugutehalten, dass sie im Gegensatz zu
anderen „Propheten“ ihrer Zeit ihre Lehre in Richtung auf den christlichen Glauben hin veränderte.“*43) Selbst
der christliche Gelehrte Kenneth Richard Samples, der für The Cultic Doctrine of Seventh-day Adventists das
Vorwort verfasste, schreibt: „Tatsächlich scheint Ellen White eine signifikante Rolle insofern zu spielen, indem
sie der Adventgemeinde dazu verhalf zur theologischen Orthodoxie hinzusteuern.“*44)

Das sind faszinierende Eingeständnisse, voller Rückschlüsse, die Br. Dale offenbar nicht durchdacht hat. In
einem Satz setzte er das Wort „Prophet“ in Anführungszeichen, was wohl heißen soll, dass er ihr prophetisches
Amt in Frage stellt. Na gut. Aber wie viele der anderen „Propheten“ von heute lenken die Schritte ihrer Kirchen
in die Richtung auf die „Mitte des christlichen Glaubens“, wie das laut Br. Dale Ellen White getan hat? Hat Sun
Myung Moon, der Führer der Vereinigungskirche das gemacht? Oder Joseph Smith von den Mormonen? Oder
Mary Baker Eddy von der Christlichen Wissenschaft? Ich bitte dich! Ohne Ausnahme und ohne jeden Zweifel
führten alle diese „Propheten“ ihre Gläubigen weg von der Mitte des christlichen Glaubens, eben weil sie alle
falsche Propheten sind. Dabei gibt Br. Dale zu, dass Ellen White einer dieser „Propheten“ ist, die ihre Kirche zur
Mitte des christlichen Glaubens hinführte oder, wie Kenneth Samples sagt, zu der „theologischen Orthodoxie“.
Das ist schon sehr seltsam für eine Frau, die (nach Br. Dales Meinung) falsche Lehren aufbrachte, Täuschungen
praktizierte und gegen das Evangelium schrieb.

Ellen White machte Aussagen über ihr Amt, die keinen Raum für Kompromisse oder Zweideutigkeit darüber
zulassen. Sie erklärte Dinge gesehen zu haben, die nur von einer übernatürlichen Inspiration herkommen

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konnten. Entweder sind diese ihre Behauptungen wahr, oder sie war eine Verrückte und/oder eine äußerst
geschickte Lügnerin, die ihr irres Gerede oder ihre erstaunlichen Täuschungen von der Mitte des 19.
Jahrhunderts bis in die zweite Dekade des 20. Jahrhunderts hinein verkündete.

Welche rationalen Alternativen gibt es sonst für jemanden, der behauptet eine Vision erhalten zu haben, in der
sie etwas gesehen hat, was sie angibt gesehen zu haben? Sie gab an, Jesus gesehen zu haben, der die Erlösten
in die heilige Stadt bringt. Sie behauptete, Menschen gesehen zu haben, die auf anderen Planeten lebten und
Engel, die das Volk Gottes beschützten. Sie behauptete, in einer Vision Jesus im himmlischen Heiligtum
gesehen zu haben, oder wie Satan ausgesehen hat, bevor er sündigte. Sie gab an, gesehen zu haben, wie Engel
Adam und Eva im Garten Eden besuchten, dass sie Adams Gesichtsausdruck gesehen hat, als er realisierte, dass
Eva gesündigt hatte. Sie gab an, dass sie Jesus in einer Vision gesehen hat und wie sein Gesichtsausdruck war,
nachdem er in der Wüste gefastet hatte. Sie gab an, dass sie Jesus aus dem Grab hat auferstehen sehen und
auch, wie ein Engel Paulus und Silas aus dem Gefängnis befreit hat. Sie gab an, gesehen zu haben, wie Satan
Scharen von Verlorenen nach der zweiten Auferstehung in die letzte Rebellion gegen Gott führt. Sie gab an, sie
hat in einer Vision das Leben auf der neuen Erde gesehen, und so weiter, und so weiter.

Was macht man mit solchen Aussagen? Die, die zum Beispiel ihren Dienst auf eine Ebene mit Martin Luther
stellen, spinnen sich eine logische Fantasiewelt zusammen. Entweder wir nehmen sie so an, wie sie sich selbst
sah (was natürlich noch eine Menge Fragen offen lässt, die wir als Kirche auch nicht immer glücklich
beantwortet haben) oder wir lehnen sie als Lügnerin, als Verrückte oder gar als vom Teufel Inspirierte ab. Das
sind die einzig logischen Möglichkeiten.

Ich habe einen Freund, einen ehemaligen Adventisten, der unsere Freikirche wegen Ellen White verließ und der
nun glaubt, dass sie vom Teufel war. (Er war derjenige, der mich mit dem Buch von Br. Ratzlaff bekannt
gemacht hat.) So sehr ich auch mit seiner Schlussfolgerung nicht einverstanden bin, respektiere ich doch seine
Logik. Angesichts dessen, was wir über ihre Aufgabe, deren Umfang und Rolle in ihrem Leben und Werk wissen,
muss etwas Übernatürliches hinter ihr gestanden haben. Und wenn jemand sich weigert zu glauben, dass ihr
Dienst von Gott war, von wem sollte er dann sonst gewesen sein als vom Teufel?

Trotz der von Br. Dale zahlreich genannten Zitate, die aus ihrer Feder stammen und von ihm als ein
schrecklicher, antibiblischer Irrtum angesehen werden, hat er interessanterweise niemals gesagt, dass Ellen
White dämonisch war (zumindest habe ich eine solche Aussage nicht gehört), wenngleich man das als die einzig
logische Schlussfolgerung aus seinen Angriffen entnehmen kann. Seite für Seite schimpft er über ihre falschen
Lehren, Irrtümer und über die gegen das Evangelium gerichtete Glaubensinhalte. Aber warum sagt er nicht
einfach, was so klar auf der Hand zu liegen scheint? Nach all dem, wer sonst als der Teufel benutzte schließlich
diese Frau, um Millionen und Abermillionen Menschen mit falschen und gegen das Evangelium gerichteten
Lehren, die nicht durch die Bibel zu begründen sind, in die Irre zu führen, was sie, wie Br. Dale glaubt, ja getan
hat?

Vielleicht aber ist Br. Dale auch nur nicht bereit, seinen Schlussfolgerungen bis zum Ende zu folgen, weil seine
Rückschlüsse eben doch nicht zu all den Fakten passen, die er uns so eifrig bewusst machen will. Ist er wirklich
bereit zu behaupten, dass die Frau, die „Das Leben Jesu“ und „Der Weg zu Christus“ bzw. „Der bessere Weg“
schrieb, vom Teufel war? Da er in der Gemeinde aufgewachsen ist, weiß er bestimmt genug über sie und ihr
Leben, um zu erkennen wie grotesk solch eine Schlussfolgerung ist.

So verlockend es auch ist fortzufahren (denn es gibt noch so viel mehr, was ich widerlegen könnte), ich höre
doch hier auf und beende meine Ausführungen.

Br. Dales Buch stützt sich auf diese paar nachgewiesenen Punkten:

1. Dass Ellen White die ganze Theologie von William Miller befürwortete. Das ist misslungen.
Im Gegensatz zu seiner Behauptung ist klar bewiesen, dass sie nicht alle Glaubenspunkte
von Miller befürwortete.

2. Dass das Vor-Advent-Gericht ab 1844 nicht biblisch ist. Er versagt auch hier. Wenn er
beweisen will, dass 1844 nicht biblisch ist, hätte Br. Dale mit viel überzeugenderen Dingen
herausrücken müssen, als nur mit einem Haufen unsinniger Argumente von Desmond Ford.

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3. Dass das Vor-Advent-Gericht im Gegensatz zum Evangelium steht. Sogar hier versagt er
ganz miserabel. In Wirklichkeit ist es so: Nur wenn man das Gericht versteht, kann man
auch das Evangelium vollständig begreifen.

4. Dass Ellen Whites Theologie im Gegensatz zur Lehre des Neuen Bundes, der Errettung
allein durch den Glauben, steht. Hier versagt er auch wieder. Ein paar Seiten früher beweisen
seine eigenen Worte, wie sehr er in diesem Punkt daneben liegt.

Dennoch sind Br. Ratzlaffs Fehler auch unsere eigenen. Ich bin weit davon entfernt seine Arbeit zu
entschuldigen, doch haben wir als Freikirche insofern versagt, als wir einige Dinge nicht so klar dargestellt
haben, wie sie sein sollten. Ich denke dabei besonders an das Evangelium als Mittelpunkt im Gericht und auch
an die Rolle und das Wesentliche des Dienstes von Ellen White. Wir ernten nun die Folgen. Das Buch The Cultic
Doctrine of Seventh-day Adventists ist ein Paradebeispiel dafür.

Dass Br. Dales Buch einige von uns sehr beeindruckt und sogar von uns abgekehrt hat, ist nicht ein Zeugnis
seiner Beweiskraft, sondern dafür, wie mangelhaft viele Adventisten informiert sind. Sein Buch wird die
beeinflussen, die bereits verärgert, verletzt, gekränkt und unzufrieden mit ihrer Kirche sind und die einen
Grund brauchen, um die Gemeinde zu verlassen. Doch andere werden (so glaube ich) hinter den vorgebrachten
Argumenten die Mängel sehen und werden, wie es bei mir war, zu einem stärkeren Glauben durchdringen, als
sie ihn hatten, bevor sie mit diesen Begründungen konfrontiert wurden. Ich war von der Wahrheit unserer
Lehre über 1844 fest überzeugt, ehe ich anfing Graffiti im Allerheiligsten zu schreiben. Jetzt, wo ich damit fertig
bin, ist meine Überzeugung fester denn je.

Ich hoffe und bete, dass die, die Graffiti im Allerheiligsten zu Ende gelesen haben, eine ähnliche Erfahrung
machen werden. Wenn das der Fall ist, sind meine Bemühungen mehr als belohnt worden.

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* 1) Ellen White, Selected Messages, book 3, S. 277, 278
* 2) Ellen White, Testimonies for the Church, Band 4, S. 635-637
* 3) For a fuller treatment of the Reform Dress issue, see Francis Nichols, Ellen White and Her Critics
(Review and Herald; Takoma Park, Washington, DC) 1051, S. 136-160
* 4) Walter T. Rea, The White Lie (Turlock, Calif.: M & R Publications, 1982)
* 5) Ellen White, Testimonies for the church, Band 2, S. 400; Counsels on Diet and Foods, S. 203, 204
* 6) Ellen White, Ministry of Healing, S. 302; Selected Messages, book 3, S. 287
* 8) CDSDA, S. 106
* 9) Ebd, Vorwort (13)
*10) Ebd, S. 83
*11) Ebd, S. 235
*12) Ebd, S. 43
*13) Ebd, S. 44.Hier sollte noch angemerkt werden, dass EGWs Billigung seiner Schussfolgerung nach 1844 entstand,
als schon offensichtlich war, dass Miller falsch lag.
*14) Ebda, S. 93, n. 18
*15) Ellen White, Spiritual Gifts, Band 1, S. 128, zitiert in CDSDA S. 45
*16) Ebd, S. 131, 132, zitiert in CDSDA
*17) Ellen White, The Great Controversy, S. 22
*18) Ellen White, Early Writings, S. 74, zitiert in CDSDA S. 84
*19) Ebd, zitiert in CDSDA S. 234
*20) Ellen White, A Word to the Little Flock, 1847
*21) CDSDA, S. 121
*22) Ellen White, Selected Messages, book 1, S. 62-65
*23) Ellen White, Early Writings, S. 42
*24) Ebd, S. iv
*25) CDSDA, S. 318
*26) Ebd, S. 226
*27) Ebd
*28) Ebd, S. 321
*29) Ebd, S. 337
*30) Ebd, S. 321
*31) Ellen White, Manuscript Releases, Band 3, S. 420, 421 (Ms. 36, 1890
*32) Ellen White, Faith and Works, S. 20
*33) Ellen White, Selected Messages
*34) Ebd, S. 398
*35) Ellen White, A New Life, S. 26
*36) Ellen White, In Heavenly Places, S. 23
*37) Ellen White, Testimonies for the Church, Band 8, S. 125
*38) Ellen White, Faith and Works, S. 99, 100
*39) Ellen White, Selected Messages, book 1, S. 392
*40) Ellen White, God’s Amazing Grace, S. 265
*41) Ellen White, Selected Messages, book 1, S. 389
*42) Ellen White, The Desire of Ages, S. 317
*43) CDSDA, S. 351
*44) Ebd, Vorwort (7)

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