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MAS Krise der Faktizität

Dozentin: Prof. Dr. Silke van Dyk


Referent: Milan Slat
WS 19/20 03.12.2019

Bernard Williams Wahrheit und Wahrhaftigkeit Kapitel 1

I. Wahrhaftigkeit und Wahrheit (S.11-20)

Zwei besonders wichtige Denkströmungen in der Moderne

1. Forderung nach Wahrhaftigkeit – Verhindern, dass man falsche Überzeugungen über die Welt hat (S.11)

2. Zweifel an der Wahrheit selbst – Wahrheit existiert entweder nicht oder ist bestenfalls relativ bzw. subjektiv
(S.11).

„Eine im Kreis dieser Autoren besonders einflussreiche Persönlichkeit ist Richard Rorty, auf dessen
Formulierungen ich in verschiedenen Zusammenhängen Bezug nehmen werde. Aufmerksamkeit hat der von ihm
als „liberale Ironie“ bezeichnete Standpunkt vor allem dadurch auf sich, dass er es unterlässt, die eigene Wahrheit
zu behaupten“ (S.15-16).

Vgl. dazu Rorty:


„Philosophen, die, wie ich, zu dieser Vorstellung neigen, die sich mehr als Helfer der Dichter denn der
Naturwissenschaftler verstehen, sehen sich einer Schwierigkeit gegenüber: sie müssen vermeiden, dass der
Eindruck entsteht, diese Vorstellung erfasse etwas richtig, meine Art Philosophie entspreche der Weise, wie die
Dinge wirklich sind. […] Wenn wir sagen, wir sollten die Vorstellung aufgeben, dass die Wahrheit dort draußen
ist und darauf wartet, von uns entdeckt zu werden, dann sagen wir damit nicht, wir hätten entdeckt, dass es dort
draußen überhaupt keine Wahrheit gibt. Wir sagen nur, unseren Zwecken wäre am besten gedient, wenn wir
aufhörten die Wahrheit als eine tiefe Angelegenheit, ein Thema von philosophischem Interesse zu sehen“ (S.28-
29)

Aus dem gleichzeitigen Nebeneinander dieser beiden Haltungen erwächst nach Williams eine Gefahr, weil es die
Geisteswissenschaften und viele unserer sonstigen Handlungen stark gefährden würde, wenn dieser Zweifel an der
Wahrheit selbst zu einer intersubjektiv gültigen Tatsache werden würde (S.12).
Zur Untermauerung dieser These zeigt Williams die Folgen auf, welche eine allseitige Anerkennung dieses
Zweifels hätte (S.12-14).

(1) Wenn man eine Wahrheit beanspruchende Aussage wahrhaftig kritisieren will und der Forderung nach
Wahrhaftigkeit entsprechen will, dann ist es notwendig, Wahrheit beanspruchende Aussagen wahrhaftig
aufzustellen (S.12).

(2) Man will der Forderung nach Wahrhaftigkeit entsprechen (Forderung nach Wahrhaftigkeit) (S.11).

(3) Wenn es keine Wahrheit gibt oder sie nur relativ bzw. subjektiv ist, dann kann auch niemand Wahrheit
beanspruchende Aussagen wahrhaftig aufstellen (S.13).

(4) Es gibt keine Wahrheit oder wenn es sie gibt, dann kann sie nur relativ bzw. subjektiv sein (Zweifel gegen die
Wahrheit selbst) (S.11).

(5) Aus (3) und (4) folgt – Es ist nicht möglich, Wahrheit beanspruchende Aussagen wahrhaftig aufzustellen (S.13).
(6) Aus (1), (2) und (5) folgt – Es ist nicht möglich, Wahrheit beanspruchende Aussagen wahrhaftig zu kritisieren
(S.12-13).

Williams stellt im Anschluss Überlegungen auf zu weiteren gesellschaftlichen Folgen dieses Umstandes.

II. Autorität (S.20-28)

Autorität scheint von Williams als ein Anspruch auf Geltung verstanden zu werden, der beansprucht gerechtfertigt
zu sein. (S.20-22)

In dieser zweiten Kritik greift Williams die Annahme (5) aus dem vorigen Argument auf und versucht zu zeigen,
dass die weitreichende Anerkennung der postmodernen Position regressive soziale Effekte für den Bereich der
Wissenschaften hätte.

(1) Wenn wissenschaftliche Zeugnisse keine Wahrheit beanspruchenden Aussagen wahrhaftig aufstellen können,
dann können sie auch keine Autorität besitzen. (S.21)

(2) Wenn kein wissenschaftliches Zeugnis Autorität besitzt, dann ist der von diesen Entitäten konstituierte soziale
Raum allein durch Machtverhältnisse strukturiert (S.21).

(3) Es ist nicht möglich, Wahrheit beanspruchende Aussagen wahrhaftig aufzustellen (S.13).

(4) Aus (1) und (3) folgt – Wissenschaftliche Zeugnisse können keine Autorität besitzen (S.22)

(5) Aus (2) und (4) folgt – Der von wissenschaftlichen Zeugnissen konstituierte, soziale Raum ist allein durch
Machtverhältnisse strukturiert (S.22)

(6) Wenn der von wissenschaftlichen Zeugnissen konstituierte, soziale Raum allein durch Machtverhältnisse
strukturiert ist, dann können Minoritäten keine anhaltende Veränderung in diesem sozialen Raum bewirken, weil
sie weniger Macht haben als die anderen Gruppen in diesem Feld (S.22).

(7) Aus (5) und (6) folgt – Minoritäten können im sozialen Raum der Wissenschaft keine anhaltenden
Veränderungen bewirken, weil sie weniger Macht haben als die anderen Gruppen in diesem Feld (S.22).

Bernard, Williams (2003): Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Frankfurt am Main, S.11-22.

Richard Rorty (1991): Kontingenz; Ironie und Solidarität, Frankfurt am Main, S.28-29.