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Hartmut Böhrnet•...k -
N atur und Subjekt

Die Geschichte der Rationalität hat ihren Preis. Dem Gewinn an Hand-
lungskompetenz und Naturbeherrschung entspricht die Fremdheit des
Leibes und der Natur. Befreit man sich vom Diktat einer linearen Entwick-
lung von Rationalität, wird der Blick frei auf das Dunkel, das dem aufge-
klärten Bewußtsein entgeht. Er innerung an die Vorgeschichte und die
ausgegrenzten Zonen der Vernunft steht im Dienst einer Aufklärung über
die Aufklärung. Dabei werden verlorene Alternativen deutlich: Die Spra-
che der Natur und die des Leibes sind Konzepte, die auf Lesekunst zielen;
Natur, als Lebenszusammenhang begriffen, erfordere das Eingedenken
ethischer und ästhetischer Normen des Naturwissens und der manipulati-
ven Praxis (Paracelsus, Goethe, Novalis). Archaische Ängste und ekstati-
sche Entgrenzungen des Subjekts bedrohen die mühsam aufrechterhaltene
Ich-Identität (Mythos). Die Melancholie bedroht den Optimismus. Die
Zerstörungslust erscheint als Energie der Rationalität ($ade). Der Sinnzer-
fall löst das Fortschrittsbewuß tsein auf (Musil). Die Ruine wird zum
Emblem der Zivilisation (Tarkowskij). Das Denken hat den Kehrseiten der
Kultur standzuhalten.
Hartmut Böhme ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universi -
tät Hamburg. Suhrkamp
Inhalt

Vorwort 7
I. Naturgeschichte
Verdrängung und Erinnerung vormoderner Naturkonzepte.
Zum Problem historischer Anschlüsse der Naturästhetik in der
Modeme 13
Denn nichts ist ohne Zeichen. Die Sprache der Nat~r:
Unwiederbringlich? 38
Geheime Macht im Schoß der Erde. Das Symbolfeld des
Bergbaus zwischen Sozialgeschichte und Psychohistorie 67
Lebendige Natur. Wissenschaftskritik, Naturforschung und
allegorische Hermetik bei Goethe 145
Der sprechende Leib. Die Semiotiken des Körpers am Ende des
18. Jahrhunderts und ihre hermetische Tradition 179

II. Subjektgeschichte
Sinne und Blick. Zur mythopoetischen Konstitution des
Subjekts 215
Kritik der Melancholie und Melancholie der Kritik 2 56
Umgekehrte Vernunft. Dezentrierung des Subjekts bei Marquis
de Sade 274
edition suhrkamp 1470 Eine Zeit ohne Eigenschaften. Robert Musil und die
Neue Folge Band 470
faste Auflage 1988
Posthistoire 308
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1988
Ruinen-Landschaften. Zum Verhältnis von Naturgeschichte
Erstausgabe
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, und Allegorie in den späten Filmen von Andrej Tarkowskij 334
des öffentlichen Vortrags
sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,
Vergangenheit und Gegenwart der Apokalypse 380
auch einzelner Teile.
Satz: Hümmer, Waldbüttelbrunn Drucknachweise 399
Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden
Umschlagentwurf: Willy Fleckhaus Abbildungsnachweise 400
Printed in Gennany

1 l j 4 5 6 - 9j 92 91 90 89 88
Kritik der Melancholie und Melancholie und bezieht sich, in radikaler Umwertung, nunmehr auf den locus
classicus der melancholia generosa, die pseudoaristotelischen, ver-
der Kritik mutlich von Theophrast stammenden Problemaa, XXX, 1, die mit
der später zu selbstverständlicher Behauptung geronnenen Frage
anheben: »Aus welchem Grunde sind alle hervorragenden Män-
Tn der sehr alten Deutungsgeschichte der Melancholie gibt es um ner, sei es, daß sie sich in der Philosophie, in der Politik, der Poesie
, 47 5 eine dramatische Szene, von der Panofsky/Saxl in ihren bahn- oder den bildenden Künsten ausgezeichnet haben, offenbar Me-
brechenden Forschungen zur »Melencolia l« von Albrecht Dürer lancholiker ... ?« Bald darauf schreibt Ficino seine Diätik des sa-
berichten 1 : der hermetische Neuplatoniker Marsilio Ficino klagt turnischen Menschen 2 , worin er in klassischer Form alle Argu-
in einem Brief seinem Freund Giovanni Calvacanti, daß er nicht mente für die nobilitierte Melancholie zusammenfaßt.
ein noch aus wisse und verzweifelt sei; dies ginge auf die mächtigen Damit sind beide Seiten des saturnischen Temperaments genannt,
und düsteren Einflüsse des Saturns auf seinen Geist und sein Ge- die Qual und der Wahnsinn dort, die göttliche Erleuchtung und
fühl zurück. Saturn - das ist hier der maligne Stern, der fernste des inständige Forschung hier. Und beide Seiten sind in eine Subjekt-
Planetensystems, der Gott des Dunklen, Kalten und Schweren; form eingeschrieben, die des philosophischen und künstlerischen
rätselhafte, schwer entzifferbare Gottheit der Zeit; uralter Flur- Intellektuellen. Eine der Leistungen Ficinos ist es, daß er die my-
gott oder auch der gestürzte und kastrierte Uranide. Viele, auch thologische Struktur Saturns, der- wie Panofsky/Saxl herausgear-
widersprüchliche Traditionen fließen in der Semantik des Saturns beitet haben - ein Gott der Extreme, der Polaritäten und Hetero-
zusammen. Innerhalb der Astralmedizin ist der Saturn der Regent genitäten ist, übersetzt in das, was man die Komplexion des
der schwarzen Galle, der Milz, der kalten, trockenen Erde. Diese neuzeitlichen Intellektuellen nennen könnte: zerrissenes Subjekt
Komplexion aus Astrologie, Elementenlehre, Anatomie und Hu- zu sein, \Vtssender mit unglücklichem Bewußtsein, ein Entfrem-
moralpathologie bildet den Typus des melancholischen Tempera - deter, ein »Ferner« auf exzentrischer Bahn, nicht in ruhiger Mitte
ments. ausbalanciert, sondern bis zum Wahnsinn pendelnd zwischen
Von der frühmittelalterlichen arabischen Medizin, die ihrerseits dunkelster Grübelei und hellster Vision, ein Gratwanderer der
auf antiker Medizin und Philosophie aufbaut, wird die astral medi- schwierigen, unliebsamen und häretischen Wahrheiten, ein ge-
zinische Temperamentenlehre endgültig kodifiziert. Ficino, einer fährdeter Bruder derjenigen, die dem Höllensturz in die Starrnis
der großen Erneuerer platonischer und plotinischer Philosophie, der Depression oder der Ekstasis irrlichtemder Erleuchtungen
Hermetiker und Astrologe, aber auch Arzt, kannte diese Traditio - nicht mehr entrinnen.
nen aufs genaueste. Beklagt er sich bitter darüber, dieser dunkel- 200 Jahre später. Der frühaufklärerische Philosoph Christian
sten aller Mächte unterworfen zu sein, so spricht er als Kenner der Thomasius plaziert in seiner Ausübung der Sittenlehre (, 696) den
avanciertesten zeitgenössischen Wissensbestände - und zugleich Melancholiker in der Skala der vier Temperamente auf die niedrig-
als leidendes Subjekt und sich selbst reflektierender Intellektuel- ste Stufe. Melancholische Merkmale - das ist ein Lasterkatalog.
ler: dies ist das Neue, das subjektgeschicht!iche Moment in der Weitere 50 Jahre später: der maßgebliche Philosophiehistoriker
Historie der Melancholie. Diese Wendung zur subjektiven Erfah - des 18. Jahrhunderts, Jacob Bruckner, macht Marsilio Ficino auf
rung von Schmerz und Orientierungslosigkeit läßt Ficino die eine rüde Weise für den Irrationalismus aller Schwärmer, Herme-
bittere und düstere Seite des Saturns betonen. Darin weist ihn tiker und Häretiker bis ins r8. Jahrhundert verantwortlich; die
denn auch sein Freund Cavalcanti zurück: dem Saturn verdanke melancholische Philosophie wird zum Antipoden schlechthin der
Ficino alles, seine Weisheit und Bildung sowie die einzigartige Aufklärung.
Fähigkeit, griechische Philosophie und ägyptischen Hermetismu s Die europäische Aufklärung, so hat Hans-Jürgen Schings3 deut-
mit der Gegenwart zu vermitteln. Marsilio nimmt in seiner Ant- lich gemacht, kann geradezu als Feldzug gegen die Melancholie
wort die bittere Klage über seine saturnische Melancholie zurück verstanden werden. Es scheint, als sollte Saturn, der ferne Regent
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der ingeniösen Melancholie, noch einmal gestürzt werden. Die duldend er leben mag, inmitten allen Lebens und aller Freuden
Autorität der pseudoaristotelischen Tradition wird rigoros gebro- zum Einsamen stempelt.
chen. Nur so eigenwillige Außenseiter wie Johann Georg Ha- Die abendländische Einsamkeit wurzelt im melancholischen
mann, der eben darum zum Vater der melancholischen Genies im Temperament; wer nicht dazugehört, nicht von den kodifizierten
»Sturm und Drang« wird, wagen es, die Linie Marsilio Ficinos Zielen des Handelns - Gottgefälligkeit, Glück, Erfolg, Reich-
gegen das Unisono der aufgeklärten Geister weiterzudenken. Ob- tum-getragen scheint, macht sich verdächtig. Tendenziell ist jeder
wohl die Spur der melancholiagenerosa in Kunst und Philosophie Melancholiker auch ein Häretiker oder Dissident. Sein Denken
sich niemals völlig verliert, so sind sich heute linke Aufklärer und und seine Gefühle schweifen in Zonen des Tabus, der Sünde, der
konservative Rationalisten in der Verwerfung der Melancholie ei- Unmoral, der Normlosigkeit. Das Gefängnis seines Schmerzes
nig. Die Frage ist, warum gerade die Melancholie so heftig be- wird nicht als solches verstanden, sondern als Hartnäckigkeit und
kämpft wird - und was in der Geschichte die zu rettende Produk- Hochmut, mit denen er sich dem rechten Glauben, den Sitten und
tivität der Melancholie ausmacht. Kulturformen entzieht. Daß der Melancholiker über Bewußtsein
Die Negativbewertung der Melancholie beginnt im Mittelalter. und Bildung verfügt, macht das Wissen als solches verdächtig.
Saturn gilt als das Unglücksgestirn. ln der christlichen Einfärbung Zuviel Denken, zuviel Grübeln über das, was ist und woran alle
der Temperamentenl~hre wird die Melancholie zur Sünde: unter glauben und teilhaben, ist ein Übel vor Gott und den Menschen.
dem Namen »Acedia« bezeichnet sie die Todsünde der Tücke, der Davon bleibt die Geschichte des europäischen Intellektuellen bis
Trauer, des Stumpfsinns und der Herzensträgheit, der Verhärtung heute belastet.
gegenüber der Gnade. Es sind dies Revolten gegen die göttliche So ist es kein Zufall, daß die Melancholie in Gegensatz zur Uto-
Schöpfung, deren Schönheit und sinngesättigte Ordnung der Me- pie tritt. Seit den großen Gesellschaftsutopien der Renaissance
lancholiker zu verneinen scheint. Die bestehende theologische besteht geradezu ein Melancholie-Verbot. 4 Wo von den Höhen des
(und damit gesellschaftliche) Ordnung erweist sich beim Melan- Staates herab alles bis in die Formen der Sexualität als lückenlose
choliker als wirkungslos. Ordnung des Glücks entworfen wird, dort ist der Melancholiker
Er verkörpert das Temperament, an dem die verbindlichen Sinn- eine Unperson. In der Melancholie wird verfolgt, was dem verord-
angebote und Werte der Gesellschaft abprallen. Mit der Hartnäk- neten Glück sich entzieht. Das freilich läßt sich auch andersherum
kigkeit seiner schwarzen Gesinnung, seinem ungläubig in die leere lesen: nicht wer satt, glücklich, erfolgreich und mächtig ist, malt
Ferne schweifenden Blick, mit der Düsternis seiner Gefühle stört Utopien aus. Sondern aus dem kritischen Bruch, dem Leiden an
er das Sinn- und Normengefüge der Kultur. Der Melancholiker der Gesellschaft, aus der Ohnmacht gegenüber der Gewalt des
ist Störenfried, weil er den gesellschaftlichen Konsens stört; er Staates und dem Schmerz über die Ungerechtigkeit, zur Vertrei-
ist Sünder, weil an ihm der göttliche Kosmos zu zerbrechen bung also der Trauer entstehen Utopien. Wir begreifen, daß das,
scheint. was die Utopisten verbieten, sie selber sind: Leidende. Die Utopi-
Wir haben in dieser Abwertung der Melancholie einen der großen sten verraten die Melancholie an die Ordnung, die jene unter
gesellschaftlichen Abwehrmechanismen zu sehen, die seit dem Zensur stellt. Undurchschaut bleibt dabei das christliche Erbe und
christlichen Mittelalter in allen Gesellschaftsformen wiederkeh- die Nähe der Utopien zur Machtstruktur der entstehenden abso-
ren: jede Ordnung erhält sich durch Ausgrenzung dessen, was als lutistischen Staaten. Daß nämlich die Theologie in der Melancho-
Unordnung gilt. Darum wird der Melancholiker nicht als Leiden- lie eine Sünde wider die göttliche Ordnung sieht, liegt auf einer
der oder Opfer ins soziale Mitgefühl eingeschlossen. Vielmehr Linie mit dem Verbot, welches die absolutistischen Herrscher am
wird er, dem kein Glück dieser Gesellschaft, dem kein Wissen, Hofe über die Melancholie verhängen. Beide Male glaubt sich die
kein Beruf, kein Vergnügen und keine Hoffnung seine schwarzen Ordnungsmacht bedroht. Der Melancholiker, wie er im 17. Jahr-
Gedanken vertreiben, zum Außenseiter gemacht, zum Träger ei- hundert für die Salons des entmachteten, vom politischen Han-
nes unsichtbaren Stigmas, das ihn, so passiv, schweigsam und deln abgeschnittenen französischen Adels typisch ist, setzt sich
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I
dem Verdacht aus, ein Frondeur gegen den König zu sein. Melan- u. v. a. In ihnen allen wirkt-als Verhängnis des brütenden Körpers
cholie wird zum Privileg des Souveräns, der melancholische Un- über den Geist-die melancholische Komplexion. Mit dem Begriff
tertan zum stillgestellten Rebell. der »manischen Melancholie« - so etwa bei Annäus Carl Lorry -
Keine Epoche jedoch stilisiert so unnachsichtig den Melancholi- gelingt den Aufklärern ein strategischer Schachzug von weitrei-
ker zum Typus des Vernunftlosen wie die Aufklärung. Geht man chender Bedeutung: indem die Melancholie um den Formenkreis
die Gruppen durch, welche die Aufkärung zu ihren Gegnern er- der Manie erweitert wird, wird das Kernstück der melancolia ge-
klärte, so werden sie sämtlich mit dem Stigma der Melancholie nerosa pathologisierc. Denn niemals bestand die »heilige Melan-
belegt: die Pietisten und Separatisten, die Schwärmer und Fanati- cholie« nur aus der tristitia spiritualis,sondern immer auch- unter
ker, die Enthusiasten und Phantasten, die »mönchischen « Asketen Berufung auf die Autorität Platons - im göttlichen Furor. 6 Mit der
und Religionisten, die Abergläubigen. Sie alle sind Melancholiker »hitzigen Melancholie« werden Phantasie und Enthusiasmus im
deswegen, weil sie den Zielen der Aufklärung, dem allgemeinen Kern getroffen. Die aufklärerische Furcht vor Einbildungskraft
Glück, der Geselligkeit, der vernünftigen Religion und humanen und grenzüberschreitender Begeisterung schafft sich eine neue
Moral nicht entsprechen. Im Umgang mit den als melancholisch Dämonologie.7 Die Melancholie wird zum Diabolos der Ver-
etikettierten Minderheiten offenbart die Aufklärung die Grenzen nunft, der Melancholiker ist der Mensch im Status des Sündenfalls
der Toleranzdoktrin . .Die separatistischen Schwärmer, von denen wider die universale Ordnung der Vernunft (bzw. - bis 1750 -
das 18. Jahrhundert wahrlich nur so wimmelt, werden zum Feind- ein Provokateur der Theodizee). Rationalität heißt: so wie in
bild der Aufklärung, auf die alle Negativstereotypen projiziert allem Abweichenden und Minderheitlichen die Melancholie als
werden: Geiz, Rachsucht, Misanthropie, Grausamkeit, Heim- Krankheitsverursachung angenommen wird, so wittert man um-
tücke, Mißtrauen, Argwohn, Furchtsamkeit, Neid, Unbarmher- gekehrt in allen Melancholikern den Rebellen gegen die vernunft-
zigkeit, Hochmut, Hinterlist, versteckter Stolz, Heuchelei. Zu bewehrten Grundfeste der Gesellschaft. Nicht umsonst geistern
Recht sagt Schings, daß »der misanthropische Melancholiker ... im Hintergrund der aufklärerischen Debatten über die Schwär-
eine einzige große Provokation der Gesellschaft 5« sei. Doch ist merbewegungen des 18. Jahrhunderts immer wieder die beiden
nicht zu übersehen, daß der Melancholiker keine Realität, sondern perhorreszierenden Chiffren »Müntzer« und »Münster« - Signen
das Konstrukt des stigmatisierten Anderen der Vernunft ist. Der der Rebellion des 16. Jahrhunderts.
Gewinn des vernünftigen Sprechers dieses Melancholie-Diskurses »Es ist leicht zu begreifen« - so kann man, zugespitzt, abe1·den-
ist enorm: wird die Melancholie zum Titel aller unerwünschten noch repräsentativ bei Heinrich Wilhelm Lawätz in dessen Tempe-
Charaktermerkmale, so reserviert sich das Vernunftobjekt damit ramentenlehre von 1777 lesen -: »wie es so weit mit diesem
gleichzeitig alle positiven Werte der Gesellschaft: Menschenliebe, Temperament hat kommen können, daß Feindschaft gegen das
Mitleid, Großmut, Freundschaft, Familiensinn usw. Ist der me- ganze menschliche Geschlecht, Haß gegen die ganze Welt und die
lancholische Menschenfeind und Religionist die zentrale Feindfi- über die waltende Vorsehung daher entstehen. Und wenn es beym
gur, so lassen sich auf der Ebene der diskursiven Strategien noch Melancholischen so weit kömmt, daß er die Ursache seiner Unzu-
zusätzlich zwei Frontlinien beobachten: zum einen werden Ein- friedenheit und der Hindernisse, die seinen Ansichten widerste-
bildungskraft und Enthusiasmus radikal diskreditiert; zum ande- hen, in den höheren Verhängnissen suchet; so ist er nicht so
ren werden alle philosophischen Traditionen, die unter den Titel geneigt, durch abergläubische Bemühungen die Gottheit zu ver-
»ägyptischer Neuplatonismus« zu bringen waren, als Ausgebur- söhnen, als sie zu verleugnen oder zu lästern. Denn er ist mehr
ten pathologischer Milzsucht physiologisiert. Das trifft alle von stolz als furchtsam.« 8
der Renaissance ausgehenden hermetischen Philosophen, die Al- Hier ist die aufklärerische Melancholiekritik auf den Begriff ge-
chemie, die paraeelsisehe Medizin, die Pansophie Jacob Böhmes bracht: der Melancholiker ist der »Feind an sich« des Menschenge-
usw. Ebenso gehören dazu Ficino, Robert Fludd, Giordano schlechts, der Gesellschaft und Gottes. Man hat darum - mit
Bruno, Pico della Mirandola, van Helmont, Athanasius Kircher Schings, gegen Lepenies - zunächst daran festzuhalten, daß die
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bürgerliche Aufklärung Vernunft und Melancholie in scharfen dy- Arbeit, ökonomische Spekulation, Reichtum, Religionsfreiheit,
namischen Gegensatz bringt wie Licht und Finsternis, die die Gelehrsamkeit, Kunstgenuß - die Momente bürgerlicher Freiheit
Symbolik des Aufklärungsprozesses bestimmen. Der Kampf ge- also - verursachen eine strukturelle Anomie der Gemütskräfte. So
gen die Melancholie ist ein Herzstück des »großen Riesenkampfes angewiesen bürgerliches Bewußtsein auf diese sozialen Formatio-
zwischen der alten Finsternis und dem neuaufgehenden Lichte« nen von Freiheit als dem Milieu seiner ökonomischen und ideologi-
(Ch. Fr. Duttenhofer). 9 Die Melancholie wird zum Schlüsselbe- schen Identität ist - so erscheint diese Identität jetzt mit unglück-
griff für den ersten Feldzug gegen Dissidenten im Namen der lichem Bewußtsein geschlagen, nahe der Konversion in schwarze
Vernunft. Melancholie, in die Irrlichtereien der Hysterie oder der hypochon-
Dennoch hat Schings in seiner Lepenies-Kricik nicht durchgehend drischen Fixation. Das Zeitalter der bürgerlichen Neurosen ist
recht. Denn zweifellos wird im 18. Jahrhundert die Melancholie eingeläutet.
auch zur Signatur des aufklärerischen Bürgertums selbst. 10 Dies ist Hier ist eine neue Angst entstanden. Es ist nicht die Angst des
nicht nur an der auffällig hohen Zahl von Melancholikern unter Rückfalls aus der moralischen Ordnung in die chaotische Anima-
aufgeklärten Gelehrten und Literaten abzulesen - zumindest die lität, sondern die Angst vor der Apokalypse des Wahnsinns, in
mildere Form der Hypochondrie gehörte fast zum guten Ton -, welche die fortschreitende Zivilisation den Menschen stellt: Der
sondern vor allem auoh an den Diskursen über den Wahnsinn und Zivilisationsprozeß selbst ist es, der die Zukunft zum Wahnsinn
den Status, den die Melancholie darin gewinnt. Diese Linie über- hin verd unkelt.
sieht H. J. Schings. Sie läßt sich leicht ablesen an dem paradigmati- Zur Abwehr dieser Angst werden die ersten großen psychiatri-
schen Übergang von der humoral-pathologischen zur neuro- schen Kliniken konstruiert. Sie entsprechen in Anlage und Funk-
physiologischen Deutung von Melancholie. Die hier zugrunde tion genau dem Typ von Vernunft, die sich eben jener Angst zu
liegende Reiz- und Tonuslehre erlaubt nämlich eine zunächst über- entledigen sucht, die sie doch selbst hervorbringt.
raschende Kombination von medizinischer und soziologischer Ar- Die Vernunft wird von der Melancholie eingeholt - nicht aber
gumentation. Die melancholia nervosa ist, wie die Hysterie, das von der ingeniösen, die sie so bekämpfte, sondern von der neuro-
Krankheitsbild, das die kulturkritische Selbstreflexion der bürger- tischen. Nicht ungestraft projiziert man, wie an der Schwärmer-
lichen Gesellschaft freisetzt. Möglich wird dies, weil die Begriffe kritik erkennbar war, das unterdrückte Eigene auf eine Fremd-
des Nervs und der Reizung die Vermittlung leiblicher Pathologie, gruppe, an der es verfolgt wird. Der epochale Gegensatz von
Gemütserkrankung und gesellschaftlicher Erfahrung erlauben. Vernunft und Melancholie fällt zusammen. Besonders deutlich
Am Ende des 18. Jahrhunderts verbre iten sich überall in Europa wird dies an den Stürmern und Drängern 11, die die Ziele der Auf-
Unruhe und Angst aufgrund des vermeintlichen oder wirklichen klärung radikalisieren und genau dadurch auf deren melancholi-
Zuwachses an Wahnsinn, gerade in den vernünftigen Sozialschich- schen Kern st0ßen. Der freiheitliche Schwung durfte nur in den
ten. In England, dem bürgerlich fortgeschrittensten Land, sollen Köpfen stattfinden. Diese erzwungene Wende ins Idealistische,
die Krankheiten am verbreitetsten sein. Unter Rousseaus Einfluß die literarisch durchgespielte Blockierung jeder veränderten Pra-
benachbarn sich nun Natur mit Gesundheit und Gesellschaft mit xis ist die Ursache für die angestrengte Haltung und die Resigna-
Krankheit. Ist es etwa die moralische, gesellschaftliche, ökonomi- tion gerade der aktivsten Teile deutscher Aufklärungsbewegung.
sche Ordnung der Vernunft selbst, welche Unvernunft produziert? Wezel, Lenz, Hölderlin mögen für diesen Umschlag von politi-
Neue Deutungsformen verbreiten sich, neue Unruhen. Die Melan- scher Enttäuschung in Melancholie stehen. Die gefesselte Aufklä-
cholie, verschwistert mit der Hypochondrie und Hysterie, gilt rung, die ordnungsstrategische Vernunft, aber auch das Versinken
schon früh als englische Krankheit (George Cheyne, 1733). Melan- weiter Teile des Bürgertums in philiströsen Biedersinn und mutlo-
cholie verbindet begrifflich die Unruhe, Desintegration, Orientie- sen Opportunismus, dieser zähe und muffige Untertanengeist der
rungsdiffusion der Zivilisation mit der nervösen Unordnung im Deutschen machen die kulturelle Intelligenz zu melancholischen
Seelenhaushalt des Bürg ers. Urbane Lebensformen, intellektuelle Außenseitern.
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Diese Kluft zwischen Künstler und Gesellschaft heilt nie wieder lancholischen Erfahrung. Er scheint nämlich, daß heute die Me-
zu. Im Gegenteil: seit nach dem Scheitern der Revolution 1848 das lancholie, die immer eine Signatur der Außenseiter war, zu einem
Bürgertum zunehmend seine liberale Orientierung aufgibt und gesellschaftlichen Grundmuster wird. Die traumatischen Erfah-
auf dem Weg ökonomischer Entfaltung einen Kompromiß mit den rungen unserer Gesellschaft in Faschismus und Krieg, die niemals
alten Machteliten sucht, seit der demokratische Traum deutscher angemessen aufgearbeitet wurden, verbinden sich heute mit der
Einheit die Gestalt eines preußisch-militanten, nationalistischen Hoffnungslosigkeit, daß die erdrückenden militärischen, ökologi-
Großkonzerns in kaiserlichem Gewande annimmt -: da ist der schen und sozialen Bedrohungen, welche erstmals in der Ge-
Funktionsverlust der kulturtragenden Intelligenz endgültig. Der schichte den Bestand der Menschheit gefährden, nicht mehr lösbar
Weg in die Subkultur, in die Boheme, den Dandyismus ist vorge- sind. Wir können heute in den Masken eines blinden Optimismus,
zeichnet. Früher schon war ihn in Frankreich Charles Baudelaire in den Ungeheuerlichkeiten der sogenannten Fortschritte, in der
gegangen. Mit ihm setzt die Modeme der Kunst ein, deren oft Hoffnungslosigkeit einer noch in ihren hektischen Vergnügen und
elitäre oder aggressive, formstrenge oder augenblickshaft impro- Moden verzweifelten Jugend, in dem langsamen Sterben der Na-
visierte Attitüden den melancholischen Grundton niemals mehr tur, in der Kähe der Städte, in dem beschwichtigenden Wortge-
übertönen. Es gibt seitdem keine authentische Kunst mehr, die klingel der Politiker, in der Ohnmacht der professionellen Trö-
nicht dem Schmerz eptstammt, die nicht die Wunde der Feind- ster - wir können, um des Überlebens willen, in solchen
schaft zwischen Kunst und Gesellschaft in sich trägt. Auch dort, Symptomen nicht länger übersehen, daß die Melancholie ins Zen-
wo der Schein des Schönen gefeiert, wo, wie in der Wiener Mo- trum der Gesellschaft gerückt ist. Längst gibt es nicht mehr das
deme um 1900, der leichte Konversationston des Kaffeehauses melancholische Privileg der Kunst. Längst ist Melancholie nicht
stilbildend wird, wo die polierten Oberflächen der Artefakte die mehr Ausdruck eines parasitären Katastrophismus, wie ihn Mi-
dunklere Tiefe unsichtbar machen, schimmert die Melancholie als chael Schneider kürzlich den Intellektuellen und Künstlern vor-
das Grundmuster der ästhetischen Erfahrung durch. Bis heute ist rechnete. Es ist sinnlos geworden, mit guten moralischen Über-
viel zuwenig bedacht, daß die Exilierung der Kultur durch den zeugungen gegen die nicht mehr zu leugnende Möglichkeit zu
Faschismus die radikale Zuspitzung eines Prozesses ist, in wel- polemisieren, daß unsere Geschichte ins Zeichen des Todes getre-
chem schon lange vor r933 die Kunst zum »inneren Ausland« der ten sein könnte. Was einmal die Erfahrung abseitiger Minderhei-
Gesellschaft wurde. Diese Verdrängung und Marginalisierung der ten war, daß nämlich das Leben nur im Durchgang des Todes zu
Kunst ist nicht als Sonderfall zu verstehen. Daß die Melancholie haben ist, dieses melancholische Wissen ist zur zentralen Aufgabe
zum Genius der Künste wird, ist ein gesellschaftlicher Prozeß, der unserer Gesellschaften geworden.
bei der Kultur nicht haltmacht. Darum reißt seit der Weimarer Wir haben darum die Geschichte des Melancholikers neu zu le-
Republik die Melancholiedebane nicht mehr ab. Mir scheint, daß sen. Wir entdecken, daß er immer schon ein Sprung im Gefüge der
sie unter falschen Vorzeichen geführt wird. Immer nämlich führen Macht war. Er mißtraut der Propaganda, die heute noch im west-
dabei Melancholiekritiker das Wort, die entweder von einem lichen Kapitalismus wie im östlichen Staatssozialismus tönt, wo-
»rechten« Ordnungsdenken her oder von einer »linken« Moral nach die bestehende Ordnung zwar nicht die beste, aber die
des Engagements die Melancholie als das Defizitäre ausmachen. bessere ist. Verordnetes Glück und verbotene Melancholie korre-
Mit seinem katastrophischen Pessimismus richte sich der Melan- spondieren miteinander. Die Kritiker der Melancholie erweisen
choliker in einer Position der Verweigerung ein; bestehende oder sich allzu oft als Anwälte der Ordnung, der Gesundheit des Staates
utopische Werte und Ziele, vorhandene oder zu entwickelnde und einer seelischen Normalität, die an der kleinen alltäglichen
Mittel und Wege zu ihrer Realisierung nehme der Melancholiker Zufriedenheit genug hat. Dagegen setzt der Melancholiker den
nicht wahr und schade darum dem Kampf um politischen Fort- bösen Blick. Hinter dem schönen Schein der tanzenden Frau Welt
schritt oder stabile Verhältnisse. Daran ist vieles richtig. Und entdeckt er die Geschwüre, den Eiter, das ekelhafte Gewürm und
zugleich ist dieses Urteil eine abwehrende Verharmlosung der me- Gezücht, das den Körper der Gesellschaft zum Monum~nt der
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Fäulnis macht. Im empfindlichen Gefüge des Friedens spürt er Philosophie. Nichts auch ist zu spüren von jener Radikalität, die
schon die Spannungen und Risse, die den Krieg vorausdeuten. Was Kierkegaard in seiner Untersuchung der Krankheit zum Tode um-
eben noch erbaut wird im Willen, die Zeit zu überdauern, sieht er trieb: daß es nämlich zur menschlichen Existenz gehört, in eine
schon als künftige Ruine. Natürlich stört das unser Vertrauen, daß Tiefe von Verzweiflungen stürzen zu können, wo es nicht mehr
es weitergeht, aufwärts, ins Bessere. Wir brauchen das Bild eines darum geht, den Weg zurück zur Realität zu finden, sondern eine
geglückten Lebens, um unsere Kräfte zu spannen, brauchen den Haltung im Angesicht des Todes. Eine solche Haltung aber hat im
Blick nach vorn, um dem Heute einen Sinn zu verleihen. Hören Abendland nur in der Melancholie ihre kulturelle Form gefunden.
wir dagegen auf den Melancholiker, ist es, als sei der Gesang des Freud spricht als Therapeut; darum wertet er die Trauer hoch und
Daseins ein ewiges Requiem. Er hört nicht die Lieder des Auf- erklärt die Melancholie zur neurotischen Reaktion, der ärztlich
bruchs, sondern die Totenmesse der untergegangenen Dinge, der abzuhelfen sei. Diese Medizinierung der Melancholie aber ver-
zerstäubten Hoffnungen und zerstörten Kulturen. Dagegen glau- gißt, daß es Weltzustände und existentielle Situationen gibt, in
ben wir, uns wehren zu müssen. Und darum wurde und wird die denen die Melancholie eine angemessene Haltung darstellt. Viel-
Melancholie diskriminiert. leicht leben wir heute in einer solchen Epoche der globalen Verdü-
Davon ist selbst Sigmund Freud 12 nicht völlig frei. Sosehr er die sterung der Lebensmöglichkeiten. Und vielleicht geht es darum,
alte psychiatrische Strategie der Diskriminierung durch eine der in der gesellschaftlichen Krankheit eine »Freiheit zum Tode« zu
Einfühlung in den Kranken ersetzt, gerät ihm die Melancholie zur finden, also eine melancholische Haltung.
neurotischen Form von Trauer. Während der Trauernde in der In dunkleren Augenblicken wissen wir, daß der Weg unserer
Trauerarbeit seine libidinösen Energien langsam vom verlorenen Handlungen und Geschichte auch einer des Todes ist. Jede Ent-
Liebesobjekt abzieht und sich wieder der Realität zuwenden kann, scheidung läßt die vielen verworfenen Möglichkeiten sterben; wir
wird die Melancholie zum Bild einer imaginären Anklammerung leben von einer Unzahl getöteter Kreaturen; wir töten, was uns als
ans Verlorene, das im Inneren verewigt wird. Der Melancholiker- Feind gilt; wir kranken daran, daß wir nicht ewig sind; wir bauen,
so Freud - identifiziert sich mit dem verlorenen Objekt. Eine schaffen, arbeiten in wütender Obsession an unserem Überleben;
»großartige Ichverarmung« ist die Folge. Das Ich versteinert in der wir setzen auf unsere Dauer in Werken, Kindern, Institutionen.
Position des Verlassenen und empfindet sich als wertlosen Schat- Der Melancholiker aber sieht, daß das Leben auf einer gewaltigen
ten. Auf dem Umweg über diese Selbstbestrafung nimmt das lch Welle des Todes in eine Zukunft strömt, die die »Schädelstätte der
Rache an den ursprünglichen Objekten, deren Verlust wie ein Un- Geschichte« (Luka<;s) nur vergrößert. Darum ist die Ruine der
tergang des Selbst erlebt wurde. eigentliche Ort des Melancholikers. Die Ruine zeigt unseren
Die Einsichten, die sich hieraus ergeben, haben Alexander und mächtigen Bauwillen im Übergang zum endgültigen Verfall. Was
Margarete Mitscherlich in ihrem Buch Die Unfähigkeit zu trauern einst Ausdruck lebensvoller Energien, Stätte des Handels oder der
vorbildlich entwickelt. Hier kommt es auf etwas anderes an. Liebe, Ort des Gebets oder der Arbeit war, ist jetzt Zeugnis einer
Durch den Melancholie-Begriff Freuds schimmert noch immer die eigenartigen Verwandlung, durch die das Schauspiel des Lebens
theologische und moralische Verurteilung des Melancholikers. zur Totenklage wird. Noch ist der Bauplan des Hauses, der Stadt
Die versteckte Aggression ist nur ein anderer Ausdruck für die zu erkennen, noch stehen Gewölbe, Torbögen, Mauergerippe;
Tücke. Der Narzißmus enthält den Vorwurf der Asozialität, der aber schon frißt das Wasser am Stein, krallen sich Pflanzen in die
hartnäckigen Selbstbezüglichkeit und des Rückzugs von der Ge- Risse der Mauern, spielt der Wind in den Fensterhöhlen, huschen
sellschaft. Die Tchverarmung setzt den Vorwurf der Trägheit und die unheimlichen Tiere der Nacht durch Räume, die spurenhaft
Starre fort. Melancholie bleibt ein Defizit, ein Mangel an Trauerar- noch das vormalige Leben der Menschen bewahren. Die Natur
beit und Verantwortlichkeit gegenüber der Realität. Fern liegt holt sich, was der Mensch ihr abgerungen hat, zurück. Die Ruine
Freud die Frage nach den produktiven Möglichkeiten. Nichts er- läßt spüren, daß unsere Einrichtungen eines lückenlosen Energie-
innert an die großartige Tradition melancholischer Kunst und aufwands zu ihrer Erhaltung bedürfen. Nichts aber hat Bestand;
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dies ist das unnachgiebige Wissen des Melancholikers. So mächtig, Kraft gerade aus der Insistenz der Trauer über das Vergängliche
st0lz, siegreich sich unsere Bauwerke erheben - es gibt eine stär- zieht. Solche Hoffnung ist heute selbst vom Tode gezeichnet.
kere Kraft, die des leisen, unmerklichen Niedersinkens. Das Projekt Benjamins (und des frühen Adornos) 15 war es, aus der
Es ist das 17.Jahrhundert, das diesem Bild von Geschichte seinen Dialektik der Allegorie eine säkularisierte Geschichtsphilosophie
Ausdruck gegeben hat. Dies hat zuerst Benjamin in seinem Trauer- zu entwickeln. Die allegorische »Exposition der Geschichte als
spiel-Buch entdeckt. Ihm erwächst die Rehabilitation der Allego- Leidensgeschichte« sollte hineingerettet werden in eine Philoso-
rie und der Melancholie. phie des mythischen Banns, der naturhaft auf der Geschichte liegt.
In der Allegorie, sagt Benjamin, »liegt die facies hippocratica der Ge-
Dieser Bann, der die geschichtlichen Objektivationen ins Emblem
schichte als erstarrte U rlandschaft dem Betrachter vor Augen. Die Ge- der Vergängnis transfiguriert, ist die Entfremdung und Verzaube-
schichte in allem, was sie Unzeitiges, Leidvolles, Verfehltes von Beginn an rung, der die Menschen zwanghaft, durch Herrschaft unterliegen.
hat, prägt sich in einem Antlitz - nein, in einem Totenkopfe aus. Und so Geschichte in der Physiognomie der Ruine zu entziffern, heißt in
wahr alle ,symbolische, Freiheit des Ausdrucks, alle klassische Harmonie diesem Kontext, sie als Vorgeschichte zu lesen. Mit Hegel und
der Gestalt, alles Menschliche einem solchen fehlt - es spricht nicht nur die Marx hatte man gelernt, diese Vorgeschichte zu entwickeln als den
Natur des Menschendaseins schlechthin, sondern die biographische Ge- notwendigen Gang, den die am Horizont aufscheinende Freiheit
schichtlichkeit eines ciqzclnen in dieser naturverfallensten Figur bedeu- durch die Zeichenkette ihrer Erniedrigung geht. Dialektik führt,
tungsvoll als Rätselfrage sich aus. Das ist der Kern der allegorischen noch einmal, das Mysterienspiel der Allegorien auf: an den Chif-
Betrachtung, der barocken, weltlichen Exposition der Geschichte als Lei-
fren der auf Natur zurückgefallenen Intentionen, im Zeichenpro-
densgeschichte der Welt; bedeutend ist sie nur in den Stationen ihres
Verfalls.«ll zeß der Vergängnis und der Leidensgeschichte der Entfremdung
wird der Gang des Weltgeistes abgelesen - zumindest die Zeichen
Diese saturnische Vision der Geschichte enthält sicher nicht mehr der Kritik und der unabgegoltenen Vergangenheiten.
die göttliche Seite des melancholischen Temperaments. Ihr allego- Heute ist es so, als erschienen die heilsgeschichdichen wie die
rischer Ausdruck ist darum die Ruine, der Trümmerplatz der in säkularisierten Geschichtsphilosophen der Modeme nur noch im
Natur zurücksinkenden Intentionen und symbolischen Ordnun- Zeichen ihrer Auflösung. Dies wäre ein Sympt0m der Posthis-
gen der Menschen. Im Bedeutungsrausch der Allegorien gerät alles toire. Wir haben wohl davon auszugehen, daß die authentischen
zur Elegie des Todes. Dem Allegoriker bedeutet Schönheit nur, kulturellen Produktionen heute daran erkennbar sind, daß sie sich
was sie wird: Leiche. In hochmütiger Unberührbarkeit-das ist die jedem Schein von Versöhnung widersetzen - ja, daß in ihnen eine
acedia- verpanzert sich der Melancholiker gegen die Zumutungen der wichtigsten Ressourcen des geschichtlichen Prozesses nur
des handgreiflichen Lebens. Erst solcher Fremdheit gerät alles zur noch allegorisch, aufgezehrt und verbraucht erscheint: der bis zur
Bedeutung, die den Dingen in der artifiziellen Kalkulation der Al- Modeme anhaltende Glaube, daß die Problemlösungsfähigkeit
legoriearrangements entrissen wird, um sie zu mortifizieren. »Pro- der Menschen die zu bewältigenden Probleme übersteigt. Dies
duktion der Leiche, ist vom Tode her betrachtet, das Leben.« 14 hieße, daß Geschichte in den Zustand des unaufhaltsamen Verfalls
Derart vom Ende her fällt der melancholische Blick des 17. Jahr- und der Verwüstung überginge. Die Ruine als zentrales Signum
hunderts auf die Geschichte. Das genau macht seine Modernität der Posthist0ire, wie Hannes Böhringer 16 vermutet, spiegelt eine
aus. Gewiß trägt die barocke Metaphysik nicht mehr. Wenn heute Epoche, in der Geschichte erlösungslos auf Naturgeschichte zu-
wieder in der Kunst ein »melancholischer Allegorismus« zu beob- rückfällt. Der luziferische Absturz, in den alles hineingezogen
achten ist, so unterscheidet sich dieser von der barocken Allegorie wird, entbehrt dabei des alten melancholischen \Vissens, daß der
dadurch, daß nicht nur die Geschichte im Bild der Natur als ewige gefallenen Natur und der Schädelstätte, als den Umschlagpunkten
Vergängnis erscheint, sondern daß der Akt des allegorischen Be- der Geschichte, das Heil entspringt.
deutens selbst veraltet und verfällt. Die barocken Mortifikationen So ist vielleicht doch nicht die barocke Melancholie, wie sie Ben-
entspringen noch einer Heilshoffnung, die ihre unwiderstehliche jamin versteht, die Haltung, die heute zu beerben ist. Zurückkeh-
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ren möchte ich am Ende vielmehr auf jenes Bild, das ich ganz zu Bild, der vom Geist der Mathematik und Geometrie sowie von den
Beginn schon nannte: das Urbild des saturnischen Temperaments, davon abgeleiteten technischen Möglichkeiten resignierend abläßt
die »Melencolia l« von Albrecht Dürer. Treffend nennt Gottfried und in eine kontemplative Starre angesichts leerer Unendlichkeit
Benn diesen schwermütigen Engel einen »Genius ohne Schlaf auf fällt. Wir wissen heute, daß Dürer darin auch seine Resignation
bloßem Stein, mit Geduld gekrönt, die nichts erwartet, die Ellen- gestaltete, rrnt den Mitteln der Rationalität, Mathematik und Meß-
bogen aufs Knie gestützt, die Wange an die Faust gelehnt, schwei- kunst, ·das Geheimnis der Schönheit konstruieren zu können. Dies
gend dabei, seine offenkundigen und seine geheimen Werke zu ist es, was die »Melencolia« so modern macht. Die Kunst trennt
erfüllen, bis der Schmerz erklungen ist, das Maß vollbracht und sich von Wissenschaft und Technik, die ihrerseits den geschicht-
die Bilder von ihm treten in der Blässe der Vollendung«. 17 Hiermit lichen Prozeß zunehmend dynamisieren und beherrschen. In ein-
schließt Benn, an einem Tiefpunkt der Geschichte, im Krieg 1944, samer Abspaltung, aus der Erfahrung einer fundamentalen Tren-
seinen Roman des Phrinotyp. Es ist, als holte uns im 20. Jahrhun- nung heraus tritt die Kunst ins Zeichen des Saturns: sie bildet ihre
dert die Melancholie wieder ein. Jetzt erst wird die Dürersche Werke in Zonen des Schmerzes und des Schweigens, einem Schat-
Melencolia verstanden in den großen kunsthistorischen Arbeiten tenreich der Kontemplation, die vor den Mächten der Geschichte
von Giehlow, Sax!, Klibansky und vor allem Erwin Panofskys. abgedankt hat.
Gottfried Benn idencifiziert in ihr den Künstler, der - durch die Durch alle Bewegungen der Historie und der Kunst hindurch
Zerüttungen der Geschichte gegangen - seine einsame Arbeit an scheinen wir heute hier wieder anzulangen. Kaum ein authen-
der Form, der Ausdruckswelt leistet. Doch sind auch die von den tischer Denker und Künstler dieses Jahrhunderrs scheint sich dem
Schrecken dieses Jahrhunderts entsetzten Philosophien Walter Bann des Dürcrschen Bildes entziehen zu können. Denn dessen
Benjamins und Theodor W. Adornos von den Zeichen durchzo- Melancholie lesen wir heute so: die historische Dynamik der Ra-
gen, die Dürer ins Bild der Melancholie setzt. tionalität, der wir jahrhundertelang vertraut haben, scheint er-
Dürer, so wissen wir von Melanchthon, begriff sich selbst als Me- schöpft. Immer ferner rückt die Utopie des Glücks. Die Träume
lancholiker. In seiner »Melencolia 1«18 gestaltet er-an der Schwelle des Fortschritts sind ausgeträumt. Wir haben uns eine Welt einge-
zur Neuzeit, die ein Aufbruch im Zeichen der menschlichen Auto- richtet, die nichts mehr weiß vom Geheimnis der Schönheit,
nomie war-deren Kontrapunkt: einen geschichtsphilosophischen sondern geprägt ist von Zerstörung und Angst. Die Verluste der
Pessimismus, der heute, nach dem Scheitern der Aufklärung, zur Natur überwiegen die Vorteile, die wir aus ihr beziehen. Die Tech-
Chiffre des postmodernen Epochenbewußtseins wird. Die Bild- nik ist der Kontrolle entglitten. Die sozialen und ökologischen
analysen der Dürerschen Melencolia zeigen, daß dieser düstere Probleme übersteigen unsere Problemlösungsfähigkeiten. Das
Engel mit dem scharfen, in leere Unendlichkeit gerichteten Blick Vertrauen in die Wissenschaft, der noch das 19. Jahrhundert alles
umgeben ist von Gegenständen, die alle zur technischen Praxis und zutraute, ist erschüttert. Was die Menschen den Menschen angetan
mathematischen Wissensgewinnung in Beziehung stehen: es sind haben in Kriegen, Völkermorden und Verelendungen überbietet
z.B. Zirkel und Buch, Hammer und Säge, Hobel und Drechsler- jede Kraft der Trauer darüber. Die Elemente, von denen wir leben,
kugel, Waage, Lineal, Nägel und Zange, ein Stundenglas, ein ma- Wasser, Luft, Erde und Feuer, drohen uns zu vergiften. Das vierte
thematisch-astrologisches Gebilde, das magische Quadrat, ein im Element, das Feuer, hält im atomaren Weltbrand unseren mehrfa-
Bau befindliches Haus, ein geometrisch konstruierter Körper. Die chen Tod bereit. Neben allen gesundheitlichen und sozialen Fol-
Bedeutung dieser sinnlos verstreuten Gegenstände löst sich - nach gen greift dies tief in unser Unbewußtes ein: wir verlieren den
Panofsky/Saxl/Klibansky - auf, wenn realisiert wird, daß Saturn unbewußt verankerten Zusammenhang mit dem Kosmos, mit der
auch der Herr der saturnischen Berufe ist: Baumeister, Steinmetz, uns tragenden Natur. Furchtbar fällt auf die Menschen zurück,
Tischler, Drechsler, Zimmermann-: Sie bedienen sich der Geome- was sie aufs großartigste im Zeichen des Saturn entwickelten: eine
trie und Mathematik. Symbolisch hat Dürer all dies in seinem Bild geniale, aber kalte Technik, eine Meßkunst des Todes, einen
versammelt. Aber was bedeutet dies? Dürer bringt einen Engel ins Reichtum der Vernichtung, eine Konstruktion der Zerstörung.
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Saturn ist der Gott, der seine Kinder frißt; der Gott der Zeit, der 2 Panofsky/Saxl, a. a. 0. S. 3 5.
einzigen Zeit, die wir haben. Daß die Geschichte in sein Zeichen 3 Hans-Jürgen Schings: Melancholie und Al4jklärung. Melancholiker
tritt, macht den Denker und Künstler zum Melancholiker. und ihre Kritiker in Erfahrungsseelenkunde und Literatur des 18. Jahr-
hunderts, Stuttgart 1977.- Die Untersuchung von Schings ist die beste
Die Melancholie, die uns droht, trägt das Antlitz des Dürerschen
und materialreichste zum Melancholieproblem im Zeitalter der deut-
Engels. Das hieße dem Gedanken standzuhalten, daß unsere Ge- schen Aufklärung. - Zum Forschungsstand vgl. Wolfram Mauser: Me-
schichte ins Zeichen des Todes getreten sein könnte; hieße, dies zu lancholieforschung des 18. Jahrhunderts zwischen Ikonographie und
lenken ohne Verrat am Leben; hieße, das Sterben zu lernen, ohne Ideologiekritik. Auseinandersetzung mit den bisherigen Ergebnissen
aufzugeben, das selbstgeschaffene Elend zu bekämpfen. und Thesen zu einem Neuansatz, in: Lessing-Yearbook Vol. Xlll, 1981,
Darin liegt ein wesentliches Paradox, das aus der Geschichte der s. 253-277.
Melancholie zu lernen ist. Die großen Melancholiker seit der Re- 4 Zum folgenden vgl. die noch immer unverzichtbare Studie von Wolf
naissance haben nichts mit jener klagenden Resignation und hand- Lepcnies: Melancholie und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1969, Kap. III
lungsgehemmten Apathie zu tun, in der sich heute Literaten gern u. IV.
lamentierend ergehen. Gewiß hält sich der Melancholiker in Di- 5 Schings a. a. 0. S. 47.
6 Der Juror divinm wird im Aufklärungsverständnis zum platonischen
stanz zur gesellschaftlichen Praxis. Aber er ist produktiv. Der
Wahnwitz, vgl. Schings, a. a. 0. S. 151.
Genius der Melancholie ist streng. Er duldet nicht den selbstmit- 7 Vgl. Schings, a. a. 0., ferner: Hartmut Böhme/Gernot Böhme: Das
leidigen Jammer oder die masochistische Faszination der Schwä- Andere der Vernunft, Frankfurc/M. 1983, S. 117ff., 387ff.
che. Er fordert Mut für die Zeichen der Angst und Bedrohung, ein 8 Zit. nach Schings a. a. 0. S. 48.
Wissen ohne Beschönigung, ein Gefühl ohne Verdrängung. Hierin 9 Zit. nach Schings a.a.O. S. 193.
läge vielleicht seine produktive Kraft: eine Form und eine Haltung 10 Vgl. zum folgenden auch Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft,
im Blick des Todes zu finden. Das scheint uns fremd und ist doch Frankfurt/M. ,973 - Klaus Dörner: Bürger und Irre. Zur Sozialge-
notwendig: die »Todesfuge« als Signum unlösbarer Trauer und schichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie, Frankfurc/M.
1 975·
zugleich als Klang des verwandelten Lebens.
11 Gert Mattenklott: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang,
Vielleicht gilt dann der Satz, den Susan Somag als letzten über
Stuttgart 1968.
Walter Benjamin formuliert: »Vor dem Weltgericht wird der letzte 12 Sigmund Freud: Trauer und Melancholie, in: ders.: Studienausgabe,
Intellektuelle - dieser saturnische Held der Modeme, mit seinen hg. v. A. Mitscherlich u. a., Bd. 111,Frankfurt/M. 1975, S. 175ff.
Ruinen, seinen abwegigen Visionen, seinen Träumereien, seiner 13 Walter Benjamin: Urspmng des deutschen Trauerspiels, Frankfurt/M.
undurchdinglichen Melancholie, seinem gesenkten Blick - erklä- ,969, S. 182f.
ren, daß er viele ,Positionen, innehatte, und daß er das Leben der 14 Ebd. S. 246.
ldeen bis zum bitteren Ende verteidigte, so recht und unmensch- '5 Vgl. den stark von Benjamin inspirierten frühen Aufsatz von Th. W.
lich er konnte.«1 9 Adorno: Die Idee der Naturgeschichte, in: ders.: Ges. Sehr. hg. v. R.
Tiedemann, Bd. 1, Frankfurt/M. 1973.
16 Hannes Böhringer: Die Ruine in der posthistoire, in: Merkur Jg. 36
(1982), H. 4, S. 367-75.
Anmerkunf!.en 17 Gottfried Benn: Ges. Werke, hg. v. D. Wellcrshof, Bd. 5, Wiesbaden
1968, S. 1376.
18 Zum folgenden s. wieder Panofsky/Saxl a. a. 0.
1 Zuerst in: Erwin Panowsky/Fritz Sax!: Dürers , Melencolia J,. Eine
19 Susan Sontag: Im Zeichen des Saturn, München/Wien 1981, S. 146.
Quellen- und Typengeschichtliche Untersuchung, Leipzig 1923,
S. 32 ff. - Vgl. ferner: R. Klibansky/E. Panofsky/F. Sax!: Saturn and
Melancholy; Liechtenstein 1979. - E. Panofsky: Symbolism and Dü-
rer's ,Melencolia J,, in: Morris Weitz (Hg.): Problems in Aesthetics, 2.
Aufl. New York 1970, S. 467ff.

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