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Faust. Eine Tragödie.

Faust. Eine Tragödie (auch Faust. Der Tragödie erster Teil oder Faust I) von
Johann Wolfgang Goethe gilt als das bedeutendste und meistzitierte Werk der
deutschen Literatur.

Die 1808 veröffentlichte Tragödie greift die Geschichte des historischen Doktor
Faustus auf und wird in Faust II zu einer Menschheits-Parabel ausgeweitet.

Inhalt

Ort und Zeit

Die Handlung spielt zu Lebzeiten des historischen Faust (ca. 1480–1538), also
während der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. Die Handlungsorte liegen in
Deutschland, beispielsweise in Leipzig oder im Harz.

Die Handlung in Kürze

Heinrich Faust, wie der historische Faust (ca. 1480–1538) ein angesehener
Forscher und Lehrer zu Beginn der Neuzeit, zieht die Bilanz seines Lebens und
kommt zu einem doppelt niederschmetternden Fazit: Als Wissenschaftler fehle es
ihm an tiefer Einsicht und brauchbaren Ergebnissen, und als Mensch sei er
unfähig, das Leben in seiner Fülle zu genießen. In dieser verzweifelten Lage
verspricht er dem Teufel seine Seele, wenn es diesem gelingen sollte, Faust aus
seiner Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit zu befreien. Der schließt mit Faust
einen Pakt, verwandelt ihn zurück in einen jungen Mann, nimmt ihn mit auf eine
Reise durch die Welt und hilft ihm, die Liebschaft mit der jungen Margarete,
genannt Gretchen, einzufädeln.

Figuren

• Direktor, ein Theaterdirektor (nur im Vorspiel auf dem Theater)


• Dichter, der Dichter eines Theaterstücks (nur im Vorspiel auf dem Theater)
• Lustige Person, ein Schauspieler (nur im Vorspiel auf dem Theater)
• die drei Erzengel Raphael, Gabriel und Michael
• Der Herr
• Mephistopheles, der Teufel (oft zu Mephisto abgekürzt)
• Heinrich Faust, ein Gelehrter
• Erdgeist, wird von Faust beschworen
• Wagner, Fausts Famulus
• Schüler, der bei Faust studieren will
• Hexe, in Diensten Mephistos
• Margarete, genannt Gretchen, ein junges Mädchen, Fausts Geliebte
• Marthe, Gretchens Nachbarin
• Lieschen, Gretchens Bekanntschaft
• Valentin, Gretchens Bruder

ferner: Chor der Engel, Chor der Weiber, Chor der Jünger, Spaziergänger aller Art,
Bauern, Geister, Lustige Gesellen, Hexentiere, Böser Geist, Walpurgisnacht-
Figuren, Stimme von oben, ein Pudel
Einleitung
Zueignung
Satan wettet mit Gott.
Szene aus der Hiobslegende auf einem Fresko im Campo Santo di Pisa, von
Taddeo Gaddi (um 1290–1366)
Bei dem Gedicht „Zueignung“ handelt es sich inhaltlich um eine Elegie, formal
um eine Stanze. Goethe spricht darin die Personen des Dramas selbst an,
berichtet vom Erwachen des Schaffensprozesses und gibt die Gefühle wieder, die
sich seiner dabei bemächtigt haben. Er trauert den vergangenen Zeiten nach,
seiner Jugend, seiner ersten Liebe und Leidenschaft und den verlorenen
Gefährten dieser Zeit.

Vorspiel auf dem Theater

Ein Theaterdirektor, ein Dichter und die Lustige Person (gemeint ist ein
Schauspieler) streiten über Sinn und Zweck eines gelungenen Theaterspiels. Der
Direktor betont dessen unternehmerische, der Dichter die künstlerische, die
Lustige Person die unterhaltende Absicht. Ihr Kompromiss sei das nun folgende
Universalstück, der Faust: So schreitet in dem engen Bretterhaus | den ganzen
Kreis der Schöpfung aus | und wandelt mit bedächt'ger Schnelle | vom Himmel
durch die Welt zur Hölle!

Prolog im Himmel

Der Prolog im Himmel ist an die Hiobswette im Alten Testament angelehnt. Der
Herr bringt die Sprache auf Doktor Faust, seinen Knecht, der ihm bisher nur
verworren diene. Mephisto wettet, er könne Faust verführen, vom rechten Weg
abzuweichen. Der Herr nimmt die Wette an und sagt voraus, dass Mephisto
verlieren werde: Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange | ist sich des
rechten Weges wohl bewusst.

Der Tragödie erster Teil

Die Handlung (Szenentitel nach Goethe, Einzelheiten kursiv)

Nacht – Faust, Erdgeist, Wagner


„Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich Dir!“ –
„Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!“
Faust und Erdgeist, Illustration von Goethes eigener Hand

Der Gelehrte Heinrich Faust zweifelt am Erkenntniswert der Wissenschaft, die


weit davon entfernt sei zu erklären, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er
zieht die Summe seiner langjährigen Studien und sieht, dass wir nichts wissen
können! Um der realwissenschaftlichen Sackgasse zu entkommen, greift er nach
dem Vorbild des Nostradamus zur Magie und beschwört den Erdgeist. Faust hofft,
durch dessen Kraft in höhere Sphären zu gelangen: Der Du die weite Welt
umschweifst, geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!, wird aber von jenem
Geist nur verhöhnt und schmerzvoll an seine eigene Sterblichkeit erinnert: Wo ist
der Seele Ruf? Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf? Wo bist Du, Faust,
des Stimme mir erklang? Ein furchtsam weggekrümmter Wurm!. So entzieht sich
der Erdgeist Faust und Wagner tritt auf.

Fausts lerneifriger Famulus Wagner ist der Typus des auf reine Buch-
Gelehrsamkeit bauenden, dabei optimistischen und fortschrittsgläubigen
Wissenschaftlers. (Er wird im zweiten Teil des Faust als Professor und
Reagenzglas-Genetiker auftreten und die nüchtern wissenschaftliche Position
gegenüber dem Faustschen Schwärmertum vertreten. Durch die Erschaffung
eines künstlichen Menschen (Homunculus) erweist aber auch er sich als Visionär.)

Aus Verzweiflung und mit dem letzten Wunsch nach Grenzüberschreitung


beschließt Faust sich das Leben zu nehmen, wird jedoch durch das Glockengeläut
zum Ostersonntag, das ihn weniger an die christliche Botschaft als an glückliche
Kindertage erinnert, davon abgehalten.

Vor dem Tor – Osterspaziergang


Faust und Wagner auf dem Osterspaziergang, Lithographie von Gustav Schlick

Am nächsten Tag unternimmt Faust mit Wagner einen festtäglichen


Frühlingsspaziergang und mischt sich unter das promenierende Volk. Bei dieser
Gelegenheit zeigt sich, welch hohe Achtung Faust seiner medizinischen
Verdienste wegen bei der Landbevölkerung genießt. Die Szene gibt einen
Querschnitt durch die mittelalterliche ständische Gesellschaft. Es treten Bürger
und Bauern auf, Studenten, Handwerksburschen und Soldaten, Bürgertöchter und
Mägde. In ihren Gesprächen werden unterschiedliche Haltungen und
Anschauungen innerhalb der Stände, aber auch der Generationen deutlich.

Faust offenbart Wagner sein inneres Zerrissensein zwischen körperlichen und


geistigen Bedürfnissen, zwischen irdischen und himmlischen Ambitionen: Zwei
Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen:
die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die
andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen.[1]

Ein seltsamer schwarzer Pudel folgt den beiden Spaziergängern; Faust nimmt ihn
mit in sein Studierzimmer.

Studierzimmer 1 – Pudelszene: Faust, Mephisto

Faust übersetzt den Anfang des Johannesevangeliums. Um den Sinn des


griechischen Wortes Logos zu erfassen, schlägt er die Übersetzungen Wort, Sinn
und Kraft vor, entscheidet sich aber schließlich für: Im Anfang war die Tat (also
für das Gegenteil von „Wort“, lógos).

Unterdessen wird der zugelaufene Pudel unruhig und entpuppt sich, von Faust
mit Zaubersprüchen beschworen, als der Teufel Mephisto, der sich vorstellt als
ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft und als
Geist, der stets verneint.

Studierzimmer 2 – Teufelspakt, Schülerszene


Der Teufelspakt, Stahlstich von Julius Nisle (um 1840)

Im sogenannten Teufelspakt verpflichtet sich Mephistopheles, Faust im Diesseits


zu dienen und hier alle Wünsche zu erfüllen. Im Gegenzug ist Faust bereit, dem
Teufel seine Seele zu überantworten, falls es diesem gelinge, ihm Erfüllung und
Lebensglück zu verschaffen (Faust: Werd' ich zum Augenblicke sagen: / Verweile
doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich
gern zugrunde gehn! (1699–1702).)

Mephistopheles macht sich Fausts Enttäuschung über sein Studierstubenleben


zunutze, um ihm den banalen Lebensgenuss schmackhaft zu machen. Wir
müssen das gescheiter machen / Eh' uns des Lebens Freude flieht. (1818–1819)
Hinter seinem Rücken verhöhnt er ihn: Verachte nur Vernunft und
Wissenschaft ... (1851).

In Fausts Professorentalar gekleidet, hält Mephisto einen soeben neu


angekommenen Studenten mit einer zynischen Studienberatung zum Narren und
holt aus zu einem satirischen Rundumschlag gegen die Universitätsgelehrsamkeit
im Allgemeinen und die Engstirnigkeit einzelner Fakultäten im Besonderen.

Auerbachs Keller in Leipzig

Vier angetrunkene Studenten in Auerbachs Keller versuchen, sich mit zotigen


Scherzen und ordinären Liedern in Laune zu bringen. Mephisto führt Faust ins
Lokal, um ihm zu zeigen, wie leicht sichs leben lässt. Als Ortsfremde erregen
beide das Interesse der Zechenden. Durch ein dreistes Lied versteht Mephisto,
sich schnell in den Kreis einzuschmeicheln, und als er jedem die gewünschte
Weinsorte aus dem Tisch zaubert, steigt die Stimmung.

Faust hat vom derben Treiben bald genug, aber Mephisto bittet um Geduld: Gib
nur erst acht, die Bestialität wird sich gar herrlich offenbaren. Der Wein
verwandelt sich plötzlich in Feuer und die Trinkenden wollen Mephisto mit
Messern ans Leder. Dank seiner magischen Kräfte gelingt es diesem jedoch, mit
Faust aus dem Trubel zu fliehen. Die Studenten bleiben verstört zurück: Nun sag
mir eins, man soll kein Wunder glauben!

Hexenküche

Mephisto führt Faust in eine Hexenküche, in der ihm ein Zaubertrank verabreicht
wird, der ihn verjüngt und ihm jede Frau begehrenswert erscheinen lässt. Faust
wehrt sich zunächst, fügt sich dann aber doch, überrumpelt von Mephistos
schmeichelnden Worten und der verwirrenden Umgebung in diesem Wust von
Raserei. Er trinkt das Zaubergebräu.

Nach der Jungbrunnen-Prozedur erblickt er in einem zerbrochenen Spiegel das


Idealbild einer Frau und ist von deren Anblick vollkommen verzückt — Oh Liebe,
leih mir den schnellsten deiner Flügel und führe mich in ihr Gefild!. Von diesem
Bild will er nicht lassen, doch Mephisto führt ihn, unter Hinweis auf zukünftige
Liebesfreuden, mit den Worten fort: Du siehst mit diesem Trank im Leibe | bald
Helenen in jedem Weibe.

Straße 1 – Begegnung mit Gretchen


„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ –
„Bin weder Fräulein, weder schön,
kann ungeleitet nach Hause gehn.“
Faust bietet Gretchen den Arm, von Peter von Cornelius (1811)

Faust bietet dem von der Beichte kommenden Gretchen seine Begleitung an. Das
aus einfachen Verhältnissen stammende Mädchen weist ihn zurück. Faust ist von
Gretchens Aussehen und Wesen eingenommen: So etwas hab ich nie gesehn.

Mit der Drohung, andernfalls den Pakt zu brechen, fordert Faust von Mephisto,
ihm Gretchen noch am gleichen Tag als Geliebte zu verschaffen. Mephisto, der
die Beichte belauscht hat, wendet ein, er habe keine Gewalt über das
unschuldige Mädchen. Faust entgegnet: Ist über vierzehn Jahr doch alt. Mephisto,
Fausts Lüsternheit verspottend (Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos!), mahnt,
man müsse mit Geduld und List vorgehen.

Vorerst soll Faust sich damit begnügen, Gretchens verwaistes Zimmer zu sehen.
Faust verlangt von Mephisto, ein Geschenk für das Mädchen zu besorgen.

Abend

Zu Hause angekommen, fragt sich Gretchen, wer wohl der Herr gewesen sei, der
sie auf der Straße angesprochen hat. Aufgrund seiner stattlichen Erscheinung
und seines kecken Auftretens hält sie Faust für einen Edelmann.

In Gretchens Abwesenheit führt Mephisto Faust in deren Zimmer und lässt ihn
allein. An diesem Ort spürt Faust süße Liebespein. Er malt sich Gretchens
bisheriges Leben aus und erfreut sich an der Vorstellung eines „reinen“, in seiner
ärmlichen, aber ordentlichen Umwelt verwurzelten Mädchens. Hier möcht ich
volle Stunden säumen, erklärt er beim Betrachten ihres Bettes.

Unversehens erkennt Faust sein Eindringen als Frevel und ist von seinem eigenen
Vorgehen befremdet: Armselger Faust, ich kenne dich nicht mehr! Mephisto
drängt wegen Gretchens baldiger Rückkehr zur Eile. Er versteckt ein von ihm
gestohlenes Schmuckkästchen im Schrank und macht sich über Fausts Bedenken
lustig.

Gretchen kommt zurück, entkleidet sich und singt dabei das Lied vom König in
Thule. Sie findet das Kästchen und rätselt über dessen Herkunft. Sie legt den
wertvollen Schmuck um und posiert damit vor dem Spiegel.

Spaziergang

Ein tobender Mephisto berichtet Faust, Gretchen habe den Schmuck ihrer Mutter
gezeigt, die daraufhin einen Pfarrer einschaltete. Der habe den verdächtigen
Schatz prompt für die Kirche eingezogen und himmlischen Lohn dafür
versprochen. Mephisto verhöhnt die Bereitwilligkeit, mit der die Kirche Güter
einstreiche, ohne sich um deren Herkunft zu scheren.

Mephisto erzählt, Gretchen denke ans Geschmeide Tag und Nacht, Noch mehr an
den, ders ihr gebracht. Faust verlangt umgehend ein neues, noch wertvolleres
Geschenk. Außerdem soll Mephisto Gretchens Nachbarin zu seiner Komplizin
machen.

Der Nachbarin Haus

„Wer konnte nur die beiden Kästchen bringen?


Es geht nicht zu mit rechten Dingen.“
Gretchen und Marthe, Stich nach Alexander von Liezen-Mayer

Nachbarin Marthe Schwerdtlein denkt an ihren verschollenen Mann, der sie auf
dem Stroh allein zurückgelassen habe. Sie will ihn in seiner Abwesenheit nicht
betrügen, hätte nur gern, falls er tot sei, eine amtliche Bestätigung dafür.

Gretchen kommt und zeigt Marthe den neuen Schmuck. Diese rät ihr, ihn vor der
Mutter zu verbergen und einstweilen nur heimlich in Marthes Haus zu tragen.

Mephisto bringt Marthe eine Nachricht: Ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen. Der
Verstorbene liege in Padua begraben. Zu einem abendlichen Treffen in Marthes
Garten will er den für einen Totenschein benötigten zweiten Zeugen für diesen
Sachverhalt mitbringen. Nachdem er Gretchen zuvor bereits geschmeichelt hat,
reif für einen vornehmen Verehrer zu sein, beschreibt er diesen Zeugen als
feinen Gesellen, der Fräuleins alle Höflichkeit erweist. Marthe sichert zu, auch
Gretchen werde beim Treffen zugegen sein.

Mephisto flirtet mit Marthe, zieht sich aber schnell zurück, als die
frischgebackene Witwe darauf einzugehen scheint: Die hielte wohl den Teufel
selbst beim Wort.

Straße 2

Faust erkundigt sich bei Mephisto nach den Fortschritten der Werbung um
Gretchen. Mephisto hofft hier auf Marthes Hilfe, im Gegenzug müsse Faust aber
den Tod ihres Gatten bezeugen. Zunächst will Faust dies nur tun, wenn er zuvor
das Grab in Padua in Augenschein nehmen könne.

Mephisto verhöhnt Fausts Doppelmoral: Habe dieser als Wissenschaftler nicht


auch Aussagen über Gott, Welt und Menschen gemacht, ohne wirklich Kenntnis
darüber zu haben? Werde er bei Gretchen nicht bald Versprechungen von ewiger
Treu und Liebe abgeben, die er nicht einhalten könne? Faust ärgert der
Vergleich: Sei sein tiefes Wahrheitsstreben für Mephisto etwa nichts anderes als
ein teuflisch Lügenspiel? Trotzdem lässt er sich auf den Betrug ein.

Garten

„Er liebt mich – liebt mich nicht.“ –


„Du holdes Himmelsangesicht!“
Faust und Margarethe im Garten, von James Tissot (1861)
Beim verabredeten Treffen spazieren die beiden Paare Faust–Gretchen und
Mephisto–Marthe in Marthes Garten auf und ab. Mephisto hat dabei alle Mühe, die
unverhüllten Eheanträge der Hausherrin abzuwehren.

Gretchen schildert Faust ihren arbeitsreichen Alltag. Starken Eindruck in ihrem


jungen Leben hat die Liebe zum verstorbenen Schwesterchen hinterlassen.
Gretchen hatte das Kind anstelle der kranken Mutter selbst aufgezogen.

Faust und Gretchen kommen einander näher. Sie beschreibt ihre Gefühle bei der
ersten Begegnung, er spricht von der Möglichkeit, sich hinzugeben ganz und eine
Wonne zu fühlen, die ewig sein muss.

Ein Gartenhäuschen [Bearbeiten]

Faust und Gretchen küssen sich, ein Glücksmoment, den Mephisto stört, indem er
Faust zum Aufbruch drängt. Das zurückbleibende Gretchen versteht nicht, was
der gebildete Faust an ihr findet (Bin doch ein arm unwissend Kind), erwidert
aber voller Naivität seine Zuneigung.

Wald und Höhle [Bearbeiten]

Allein in der Natur dankt Faust dem Erdgeist, der ihm alle Wünsche erfüllt habe.
Statt sie mit der kühlen Distanz des Wissenschaftlers nur zu betrachten, könne er
die Natur nun direkt erfassen und in ihre tiefe Brust schauen. Doch Faust beklagt
auch seine wachsende Abhängigkeit vom Zyniker Mephisto und den von ihm
offerierten Verlockungen.

Die Meditation wird von Mephisto gestört, der über Fausts Begeisterung an der
öden Natur spottet (Dir steckt der Doktor noch im Leib!) und dessen Seligkeit mit
Selbstbefriedigung vergleicht. Derweil, so Mephisto, warte Gretchen sehnsüchtig
auf den Geliebten.

Faust verdammt Mephisto, weil dieser seine Begierde wieder anstachelt (Und
nenne nicht das schöne Weib!), kann sich des Sogs der Gedanken an Gretchen
aber nicht erwehren. Sei die Verführung des Mädchens durch höllischen Einfluss
schon unvermeidlich, mags gleich geschehn, auch wenn Gretchen dann mit ihm
zugrunde gehn werde.

Gretchens Stube

Am Spinnrad sitzend, sinniert Gretchen über den Verlust ihres seelischen


Gleichgewichts: Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer,| ich finde sie nimmer
und nimmermehr. All ihre Gedanken werden von Faust bestimmt, den sie küssen
will, bis sie an seinen Küssen vergehen sollt.

Marthens Garten – Gretchenfrage

Gretchen spürt, wie distanziert Faust der Kirche gegenübersteht, und stellt ihm
daher die „Gretchenfrage“: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
Widerstrebend und ausweichend erläutert Faust, wie unzulänglich ihm
traditionelle Religiosität erscheine. An feste Begriffe wie „Gott“ oder „Glauben“
will er seinen Pantheismus nicht binden: Ich habe keinen Namen / Dafür! Gefühl
ist alles; / Name ist Schall und Rauch / Umnebelnd Himmelsglut. Gretchen
akzeptiert zwar Fausts Antwort, hält ihm aber vor, kein Christentum zu haben. In
diesem Zusammenhang erwähnt sie ihre starke Abneigung gegen Mephisto, der
ihr ein heimlich Grauen einflöße. Zum Abschied klagt Faust: Ach kann ich nie / Ein
Stündchen ruhig dir am Busen hängen / Und Brust an Brust und Seel in Seele
drängen? Er gibt Gretchen ein angeblich harmloses, letztlich jedoch tödliches
Schlafmittel, das sie ihrer Mutter am nächsten Abend verabreichen soll, damit er
Gretchen unbemerkt aufsuchen kann.

Am Brunnen [Bearbeiten]

„Ach neige,
Du Schmerzensreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Not!“
Gretchen vor der Mater dolorosa, von Wilhelm von Kaulbach

Beim Wasserholen trifft Gretchen auf Lieschen. Diese klatscht, eine gemeinsame
Bekannte, Bärbelchen, sei von ihrem Liebhaber geschwängert und dann
verlassen worden. Gretchens Mitleid mit dem Mädchen teilt Lieschen nicht.
Bärbelchen habe sich ihr Geschick aufgrund von Eitelkeit und Koketterie selbst
zuzuschreiben: War doch so ehrlos, sich nicht zu schämen, Geschenke von ihm
anzunehmen.

Wieder allein, bereut Gretchen, früher ähnlich den Stab über gefallene Mädchen
gebrochen zu haben. Nun sei sie selbst eine Sünderin: Doch – alles, was dazu
mich trieb, Gott! war so gut! ach, war so lieb!

Zwinger [Bearbeiten]

Vor einem Andachtsbild ruft Gretchen die Mater Dolorosa an, ihr in ihrer Not
beizustehen und sie vor Schmach und Tod zu bewahren, denn nur sie, die um
ihren gekreuzigten Sohn trauernde Maria, könne Gretchens Leid nachvollziehen.

Nacht [Bearbeiten]

Gretchens Bruder Valentin, Soldat und einst stolz auf die Tugend seiner
Schwester, hat von ihrem Fehltritt erfahren. Er fürchtet die ihm deswegen
drohenden Sticheleien. Vorm elterlichen Hause wartet er auf den nahenden
Verführer. Dieser soll nicht mit dem Leben davonkommen.

Faust und Mephisto schmieden Pläne, den Kirchenschatz zu stehlen. Faust hofft,
ein Halsband für Gretchen zu finden, die er ungern ohne Geschenk besuche.
Mephisto bietet an, Gretchen einstweilen durch ein Lied auf eine weitere Nacht
mit Faust einzustimmen.

Valentin tritt hervor und zerschlägt die Zither des singenden Mephisto.
Angestachelt von Mephisto und mit dessen Hilfe, ficht Faust mit Valentin. Als
Letzterem die Hand erlahmt, nutzt Faust nach Mephistos Aufforderung Stoß zu!
die Gelegenheit und ersticht Gretchens Bruder. Faust und Mephisto fliehen vor
dem drohenden Blutbann aus der Stadt.
Gretchen wird vom sterbenden Valentin vor aufgeschreckten Bürgern der
Zuchtlosigkeit beschuldigt. Er prophezeit der Schwester ein Ende als gewöhnliche
Hure. Marthes Ermahnung, sich nicht im Tode noch zu versündigen, kontert er
mit Vorwürfen an die Kupplerin. Er selbst sterbe als Soldat und brav.

Dom [Bearbeiten]

Gretchen nimmt an einem Gottesdienst teil. Ein böser Geist erinnert sie
angesichts jener Schuld, die sie nun am Tod von Mutter und Bruder trägt, an die
verlorenen Tage ihrer kindlichen Unschuld und bestätigt Gretchens Ahnung,
schwanger zu sein.

Als der Chor den Hymnus Dies irae intoniert, der auf das Jüngste Gericht
vorausweist, fällt Gretchen in Ohnmacht.

Walpurgisnacht [Bearbeiten]

„Ein bißchen Diebsgelüst, ein bißchen Rammelei. So spukt mir schon durch alle
Glieder, die herrliche Walpurgisnacht.“
Kupferstich von W. Jury nach Johann Heinrich Ramberg (1829)

Faust wird von Mephisto zum Hexentanz der Walpurgisnacht auf den Brocken
gelockt. Sie geraten in eine Windsbraut, ein Gewimmel von Hexen, die zur
Bergspitze hinauf reiten, wo der Teufel Hof hält. Faust wünscht sich, selbst zum
Gipfel vorzudringen: Dort strömt die Menge zu dem Bösen; Da muss sich
manches Rätsel lösen. Mephisto überredet Faust, stattdessen an einer Hexenfeier
am Hang teilzunehmen. Er bietet an, dort als Fausts Kuppler zu fungieren. Bald
ergehen sich beide im Tanz und anzüglichem Wechselgesang mit zwei lüsternen
Hexen.

Faust bricht den Tanz ab, als er sich vor seiner Partnerin ekelt (ihr springt ein
rotes Mäuschen aus dem Mund) und ihm ein blasses, schönes Kind erscheint, das
ihn an Gretchen erinnert und ein rotes Schnürchen um den Hals trägt (ein
Vorverweis auf Gretchens Hinrichtung). Um Faust von dem Zauberbild
abzulenken, führt Mephisto diesen auf einen Hügel, wo ein Theaterstück
aufgeführt werden soll.

Walpurgisnachtstraum [Bearbeiten]

Der Walpurgisnachtstraum ist ein auf dem Blocksberg zur goldenen Hochzeit des
Elfenkönigspaares Oberon und Titania aufgeführtes Theaterstück, ein „Stück im
Stück“ mit zahlreichen zeitgenössischen Anspielungen (vor 1808).

Trüber Tag. Feld [Bearbeiten]

Faust hat erfahren, dass Gretchen in ihrer Verzweiflung ihr neugeborenes Kind
ertränkt hat, dafür zum Tode verurteilt worden ist und nun ihre Hinrichtung
erwartet. Er macht Mephisto Vorhaltungen, ihm dies verheimlicht und ihn mit den
Ausschweifungen der Walpurgisnacht abgelenkt zu haben. Mephisto verhöhnt
Fausts Reaktion als typisch für einen Menschen, der sich zwar mit teuflischen
Mächten einlasse, aber die Konsequenzen nicht tragen könne: Drangen wir uns
dir auf, oder du dich uns?

Faust fordert von Mephisto, Gretchen zu retten, andernfalls sei dieser auf
Jahrtausende verflucht. Auf Mephistos Erinnern an Fausts eigene Verantwortung
(Wer war’s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?) weiß dieser nichts zu
entgegnen.

Trotz der schweren Strafe, die ihn wegen Valentins Tod in der Stadt erwartet, will
Faust zu Gretchen in den Kerker gebracht werden. Mephisto erklärt, er könne
zwar den Wächter einschläfern und Zauberpferde für die Flucht stellen, befreien
müsse Faust Gretchen aber selbst.

Nacht. Offen Feld [Bearbeiten]

Faust und Mephisto sind auf schwarzen Pferden unterwegs, um Gretchen zu


befreien. Sie passieren den Rabenstein, also den Hinrichtungsplatz. Faust
beobachtet schwebende Wesen, die streuen und weihen. Mephisto nennt sie eine
Hexenzunft.

Kerker – Gretchens Erlösung [Bearbeiten]

„Dein bin ich, Vater! Rette mich! Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen, lagert euch
umher, mich zu bewahren! Heinrich! Mir graut's vor dir.“
Gretchen empfiehlt sich Gott, Mephisto zieht Faust mit sich. Lithografie von
Wilhelm Hensel nach den Angaben des Fürsten Radziwill (1835)

Faust dringt in den Kerker ein. Das verwirrte und von Schuldgefühlen gequälte
Gretchen hält ihn zunächst für ihren Henker. Als sie ihn schließlich erkennt,
schwankt sie zwischen ihrer Liebe und ihrer Angst, noch tiefer ins seelische
Verderben gezogen zu werden. Faust will sie zur Flucht überreden, doch sie
weigert sich: Von hier ins ewige Ruhebett und weiter keinen Schritt! Als Gretchen
Mephisto hinter Faust auftauchen sieht, erschrickt sie und empfiehlt sich Gott:
Gericht Gottes! dir hab ich mich übergeben!

Mephisto drängt Faust aus dem Gefängnis: Sie ist gerichtet. Doch eine Stimme
von oben offenbart Gretchens Erlösung: Ist gerettet. Mephisto und Faust fliehen.

(Das Drama ist damit noch nicht abgeschlossen. Im Faust II wird die Tragödie
fortgesetzt und in andere dramaturgische Dimensionen überführt.)

Hinweise zum Verständnis [Bearbeiten]

Gliederung [Bearbeiten]

Nach der Zueignung und dem Vorspiel auf dem Theater, die nicht bei jeder
Aufführung des Faust gespielt werden, gehört der Prolog im Himmel bereits zur
Handlung, da die Wette zwischen dem Herrgott und Mephisto den Anlass für
Fausts Schicksal gibt.
Die beiden Haupthandlungsstränge sind die Tragödie des verzweifelten
Wissenschaftlers, der sich dem Teufel verschreibt, sowie die daraus erwachsende
Tragödie des verführten und ins Unglück gestürzten Mädchens Gretchen. Man
unterscheidet daher zwischen „Gretchentragödie“ und der „Gelehrtentragödie“.
Mit Gretchens Hinrichtung und der Errettung ihrer Seele endet der erste Teil des
Faust; die Gelehrtentragödie findet ihre Fortsetzung und Erfüllung im zweiten
Teil.

Die Szenen Auerbachs Keller in Leipzig und Walpurgisnacht treiben eigentlich


nicht die Handlung voran. Sie sind Beispiele für tiefere Einblicke in das
Weltgeschehen, die dem nach Erkenntnis suchenden Faust von Mephisto
ermöglicht werden.

Die Szene Walpurgisnachtstraum oder Oberons und Titanias goldne Hochzeit ist
im Untertitel als Intermezzo gekennzeichnet und wird ebenfalls nicht bei jeder
Aufführung des Faust gespielt.

Sprache [Bearbeiten]

Faust in seinem Studierzimmer, von Eugène Delacroix (1827).

Mit Ausnahme der Szene Trüber Tag. Feld ist der Faust in Versen geschrieben.
Goethe verwendete den am Versende reimenden Knittelvers, wie er in ähnlicher
Form schon zu Lebzeiten des historischen Doktor Faust, etwa von Hans Sachs
benutzt wurde, und den Madrigalvers. Das Versmaß des Faust passt also nicht
nur gut zum historischen Hintergrund, es ermöglicht auch eine lebensechte
Sprache der Personen.

Der Endreim unterstützt überdies die zahlreichen komödiantischen Dialoge im


Faust. Einige Beispiele:

Wagner: Verzeiht! ich hör Euch deklamieren;


Ihr last gewiss ein griechisch Trauerspiel?
In dieser Kunst möcht ich was profitieren,
denn heutzutage wirkt das viel. (522)

Bürger: Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen


als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
wenn hinten, weit, in der Türkei,
die Völker aufeinanderschlagen. (860)

Faust: Und was soll ich dagegen dir erfüllen?


Mephisto: Dazu hast du noch eine lange Frist.
Faust: Nein, nein! Der Teufel ist ein Egoist
und tut nicht leicht um Gottes Willen,
was einem andern nützlich ist. (1649)

Faust: Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber.


Mephisto: Das ist noch lange nicht vorüber. (2553)

Ein bekanntes Beispiel für einen unreinen Reim im Faust weist auf die
mundartliche Prägung des Verfassers hin („dialektischer Reim“). Gretchens
Anrufung Mariens, Ach, neige, | Du Schmerzenreiche (3587–3588), reimt sich
nicht in der Standardsprache, aber im Frankfurter Hessisch, in dem Goethe
aufwuchs.

Historischer Hintergrund [Bearbeiten]

Ort der Handlung ist Deutschland, unter anderem Leipzig und der Harz. Die Zeit
ist etwa die Lebenszeit des historischen Faust (ca. 1480–1538), also die Wende
vom Mittelalter zur Neuzeit.

Wir begegnen Faust in seiner gotischen Studierstube. Als Zeitgenosse Luthers


(1483–1546) beschäftigt er sich mit einer Bibelübersetzung. Die mittelalterliche
Alchemie, wie sie sein eigener Vater betrieben hat, beurteilt er sehr kritisch. Er
selbst setzt dagegen auf Magie und Geisterbeschwörung, auf Offenbarungen aus
einer anderen Sphäre – hierin Nostradamus (1503–1566), einem anderen
Zeitgenossen, ähnelnd. Es kommen Anachronismen vor, zum Beispiel Marthe
Schwerdtleins Wunsch, einen „Totenschein“ zu erhalten (2872), um das
Hinscheiden ihres Mannes im „Wochenblättchen“ anzeigen zu können (3013).
Beides gab es zu Fausts Zeiten noch nicht. Auch sind Anspielungen auf
technische Errungenschaften des 18. Jahrhunderts zu finden, z. B. den
Heißluftballon (2065–2072).

Verweise, Anspielungen und Konnotationen [Bearbeiten]

Goethes Tragödie steht in einer Reihe von literarischen Bearbeitungen des Faust-
Stoffes, und es lassen sich entsprechende Bezüge zu den Vorgängertexten
herstellen. Durch die Übernahme des Hiob-Motivs ist die Szene Prolog im Himmel
eine Neugestaltung der Bibel-Stelle Buch Hiob 1, 6 – 12.

Besonders in den Szenen Walpurgisnacht und Walpurgisnachtstraum hat Goethe


Anspielungen eingearbeitet, die für seine Zeitgenossen unmissverständlich
waren. So ist zum Beispiel mit der Figur Proktophantasmist (deutsch:
Steißgeisterseher) der Schriftsteller Friedrich Nicolai gemeint.

Bei Betrachtung von Goethes vielfältigem Gesamtwerk lassen sich zahlreiche


Stellen im Faust mit anderen Texten Goethes in Verbindung bringen. So gilt zum
Beispiel Mephistos Einlassung über Herkunft und Eigenschaften des Lichtes (Vers
1350 ff.) als Hinweis auf Goethes Farbenlehre.

Interpretationen [Bearbeiten]

Faust-Szene vor Auerbachs Keller (Leipzig)

Faust I ist (im Unterschied zu Faust II) auf den ersten Blick kein schwieriger Text,
Sprache und Handlung sind bei der ersten Lektüre oder dem ersten Besuch einer
Aufführung unmittelbar zugänglich.

Die Sprache ist zuweilen poetisch überhöht, etwa in Gretchens Klagen, jedoch
niemals kompliziert. Zum Beispiel lässt Fausts großer Monolog zu Beginn der
Handlung an Klarheit nichts zu wünschen übrig; so spricht ein frustrierter
Intellektueller: „Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider
auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich
armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und
ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler
an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können! Das will mir schier
das Herz verbrennen!“ (354–365)

Handlungsverlauf und Charaktere geben ebenfalls keine Rätsel auf: Ein nicht
mehr junger Wissenschaftler ist beruflich und privat durch und durch
unzufrieden. Als sich ihm eine Gelegenheit bietet, seiner verzweifelten Situation
zu entkommen, nimmt er sie rücksichtslos wahr und verschreibt sich dem Teufel.
Der Teufel Mephisto, dem neben Zauberkräften auch Humor und Charme zu
Gebote stehen, ist bestrebt, Faust vom rechten Weg abzubringen. Ein von
Mephisto besorgter Zaubertrank bewirkt, dass Faust sich spontan in Gretchen,
ein sehr junges und naives Mädchen, verliebt. Seine Liebe zu ihr erscheint zwar
aufrichtig, dennoch richtet er das Mädchen zugrunde, indem er es verführt,
schwängert und dann nicht vom Wahnsinn erretten kann.

Probleme der Interpretation [Bearbeiten]

Zum Faust entstanden seit seinem Erscheinen unzählige Interpretationen, die


einander nicht selten widersprechen. Der Grund liegt u.a. darin, dass das Stück
viele grundsätzliche Fragen und Themen zur Sprache bringt. Ein scheinbar
banales Beispiel liefert die Szene "Straße" (3025-3072): Mephisto will mit einem
Schwindel bei Marthe Schwerdtlein Einlass finden, Faust lehnt das ab, mit der
Begründung, er wolle nicht lügen. Mephisto hält ihm jedoch vor, er habe nicht nur
als Wissenschaftler zahlreiche unbeweisbare Aussagen gemacht, sondern er
belüge auch Gretchen, wenn er ihr ewige Treue und Liebe verspreche. Damit ist
nicht weniger gesagt, als dass Liebesschwüre potenzielle Lügen sind, weil für ihre
Einhaltung kein Mensch garantieren kann – eine ziemlich entwaffnende
Behauptung, wenn man etwa an die Versprechen im Rahmen einer
Eheschließung denkt. – Die Stelle ist also durchaus interpretationsbedürftig, wenn
man nicht einfach Mephistos Auffassung beipflichten will.

Ein anderes Beispiel (1335–1336): Mephisto stellt sich selbst vor als „ein Teil von
jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Das lässt sich
zunächst so verstehen, dass auch aus Unfällen, Irrtümern und sogar böswilligen
Taten etwas Gutes entstehen kann. Doch wer oder was ist „die Kraft“, von der
Mephisto ein Teil ist? Der Zufall, das Schicksal, Gott? Ist Mephisto überhaupt frei,
etwas zu wollen, noch dazu etwas, was ihm „stets“ ins Gegenteil umschlägt?
Oder ist er nur ein Werkzeug, wie der Prolog es nahelegt? Aber warum sollte sich
ein allmächtiger Gott eines Teufels bedienen, um über den Umweg des Bösen
zum Guten zu gelangen? Kann das Gute nicht ohne das Böse existieren und
umgekehrt, weil sich beides (vgl. Strukturalismus, 2. Abschnitt) nur im Kontrast
zueinander "definieren", also voneinander abgrenzen lässt?

Es sind weitreichende „letzte Fragen“ um Liebe, Wahrheit, Willensfreiheit,


Verantwortung, Gut und Böse, die Goethe in seinem Stück zur Sprache bringt und
die auch die Titelfigur beschäftigen. Das Universaldrama, das „vom Himmel
durch die Welt zur Hölle“ verläuft, ist so gut oder schlecht interpretierbar wie die
Welt selbst, weshalb viele Interpretationen möglich, aber nicht eindeutig oder gar
endgültig sind.
Interpretationen vor ihrem historischen Hintergrund [Bearbeiten]

Viele Interpretationen werden auch von vorherrschenden politischen und


wissenschaftlichen Denkrichtungen ihrer Zeit beeinflusst.

Zum Beispiel war lange Zeit die Auffassung verbreitet, Fausts Charakter, sein
grüblerischer, teils introspektiver, furchtlos auf letzte Dinge gerichteter
Erkenntnisdrang, sei spezifisch deutsch. Dies führte zu aus heutiger Sicht so
befremdlichen Überzeugungen wie etwa der, die deutschen Soldaten des Ersten
Weltkrieges seien „mit dem Faust im Tornister“ in den Kampf gezogen. Auch
Thomas Mann schrieb 1943 seinen Roman Doktor Faustus nicht nur über einen
durch und durch deutschen Helden, sondern auch als Gleichnis auf den
Teufelspakt, den das deutsche Volk mit den Nationalsozialisten eingegangen war.

Ein anderes Beispiel für eine historisch bedingte Interpretation bilden die am
Faust festgemachte Wissenschaftskritik bzw. Fragen nach der Ethik des
Wissenschaftlers. Diese Perspektive ergab sich in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts angesichts der sichtbar werdenden Umweltzerstörung und
insbesondere angesichts der entfesselten Nuklearkräfte. So wird in Gustaf
Gründgens Verfilmung des Faust aus dem Jahre 1960 unvermittelt eine
Atombombenexplosion eingeblendet. Unter der Fragestellung: „Wie weit darf ein
Wissenschaftler gehen?“ wird Goethes Faust bis heute im Schulunterricht mit
explizit wissenschaftskritischen Stücken wie Dürrenmatts Physikern oder
Kipphardts In der Sache J. Robert Oppenheimer verglichen.

Darüber hinaus bemühen sich natürlich alle literarischen Deutungsmethoden am


Faust. Man hat ihn u. a. psychoanalytisch, dialektisch und poststruktualistisch
auszulegen versucht. Ein Ende dieser Bemühungen ist nicht abzusehen.

Entstehungsgeschichte [Bearbeiten]

Die Legenden um Leben, Charakter und Schicksal von Johann Faust waren seit
Erscheinen des Volksbuches 1587 ein bekannter und vielfach bearbeiteter
literarischer Stoff.

Urfaust – Goethe begann die Arbeit an seinem Faust um 1770, angeregt von dem
Prozess gegen die Kindesmörderin Susanna Margaretha Brandt (deren
Hinrichtung Goethe wahrscheinlich miterlebt hat), weshalb in dieser ersten,
Urfaust genannten Fassung die Liebestragödie um Gretchen im Vordergrund
steht. Der Urfaust beginnt mit Fausts Monolog im Studierzimmer. Mephisto tritt
auf, aber der eigentliche Teufelspakt fehlt. Nach der Szene in Auerbachs Keller
nimmt die Gretchentragödie ihren Lauf; die Hexenküche und die Walpurgisnacht
fehlen. Diese Fassung wurde erst 1887 gedruckt.

Faust. Ein Fragment. – Aus dem Urfaust entwickelte Goethe die Fassung Faust,
ein Fragment, die 1788 vollendet war und 1790 gedruckt wurde. Gegenüber dem
Urfaust ist das Faustfragment um einen Dialog mit Mephisto erweitert, in dem der
Teufelspakt jedoch noch unausgesprochen bleibt. Neu hinzugekommen ist die
Szene Hexenküche, dafür fehlt Gretchens Ende im Kerker. Neben der
Liebestragödie um Gretchen wird die Tragödie des zweifelnden und scheiternden
Wissenschaftlers sichtbar.
Faust. Eine Tragödie. – 1797 fügte Goethe dem Fragment die einleitenden
Szenen Zueignung, Vorspiel auf dem Theater und Prolog im Himmel hinzu. Die
endgültige Fassung der bereits im Urfaust und im Fragment enthaltenen Szenen
sowie die Ausführung der Walpurgisnacht erfolgten bis 1806. Das Werk ging als
Faust. Eine Tragödie. für die Ostermesse 1808 in Druck. Aus der Geschichte um
ein unglücklich gemachtes Mädchen und einen verzweifelten Wissenschaftler war
ein Menschheitsdrama zwischen Himmel und Hölle geworden.

Goethe hat von seinem 21. bis 57. Lebensjahr am ersten Teil des Faust
gearbeitet. Die drei Fassungen dokumentieren neben der inhaltlichen
Erweiterung auch eine bedeutende stilistische Entwicklung.

Schon während der Arbeit an Faust I hatte Goethe Entwürfe und Szenen zum
zweiten Teil des Faust angelegt, obwohl er selbst nicht daran glaubte, dieses
Projekt verwirklichen zu können.

Äußerungen zum Faust [Bearbeiten]

Dank der überragenden Bedeutung Goethes und seines Faust dürfte es


schwerfallen, eine Persönlichkeit des literarischen Lebens namhaft zu machen,
die sich nicht zum Faust geäußert hätte. Einige Beispiele:

„Was ist das für ein erbärmliches Gewäsch über den „Faust“! Alles erbärmlich!
Gebt mir jedes Jahr 3000 Thaler, und ich will Euch in drei Jahren einen Faust
schreiben, dass Ihr die Pestilenz kriegt!“

– Christian Dietrich Grabbe

„Da die meisten Volksbücher über Faust aus dem Widmanschen Werke
entstanden, so geschieht darin von der schönen Helena nur kärgliche Erwähnung
und ihre Bedeutsamkeit konnte leicht übersehen werden. Auch Goethe übersah
sie anfänglich, wenn er überhaupt, als er den ersten Teil des Faust schrieb, jene
Volksbücher kannte und nicht bloß in den Puppenspielen schöpfte. Erst vier
Dezennien später, als er den zweiten Teil zum Faust dichtete, läßt er darin auch
die Helena auftreten, und in der Tat, er behandelte sie con amore. Es ist das
Beste oder vielmehr das einzig Gute in besagtem zweiten Teile, in dieser
allegorischen und labyrinthischen Wildnis, wo jedoch plötzlich, auf erhabenem
Postamente, ein wunderbar vollendetes griechisches Marmorbild sich erhebt und
uns mit den weißen Augen so heidengöttlich liebreizend anblickt, daß uns fast
wehmütig zu Sinne wird. Es ist die kostbarste Statue, welche jemals das
Goethesche Atelier verlassen und man sollte kaum glauben, daß eine
Greisenhand sie gemeißelt. Sie ist aber auch viel mehr ein Werk des ruhig
besonnenen Bildens, als eine Geburt der begeisterten Phantasie, welche letztere
bei Goethe nie mit besonderer Stärke hervorbrach, bei ihm ebensowenig wie bei
seinen Lehrmeistern und Wahlverwandten, ich möchte fast sagen bei seinen
Landsleuten, den Griechen. Auch diese besaßen mehr harmonischen Formensinn
als überschwellende Schöpfungsfülle, mehr gestaltende Begabnis als
Einbildungskraft, ja, ich will die Ketzerei aussprechen, mehr Kunst als Poesie.“

– Heinrich Heine

„So ruft der Faust des ersten Teiles der Tragödie, der leidenschaftliche Forscher
in einsamen Mitternächten, folgerichtig den des zweiten Teiles und des neuen
Jahrhunderts hervor, den Typus einer rein praktischen, weitschauenden, nach
außen gerichteten Tätigkeit. Hier hat Goethe psychologisch die ganze Zukunft
Westeuropas vorweggenommen.“

– Oswald Spengler

„Im Grunde genommen ist es die Liebesgeschichte eines Intellektuellen mit einer
Kleinbürgerin. Das muss ja mit dem Teufel zugegangen sein.“

– Bertolt Brecht

„In Goethes Dichtungen dominiert die Natur. Man weiß bei ihm immer welche
Witterung herrscht, welche Tages- und Jahreszeit, unter welchem Himmelsstrich
man sich befindet, auch wo nicht die geringste Andeutung darüber gemacht wird;
die äußere Atmosphäre, in der seine Menschen atmen, ist um sie herum gelegt,
hüllt sie ein wie ein bestimmter Farbton ein Gemälde. Dies gilt selbst von den
abstraktesten Szenen im zweiten Teil des Faust. …Er war immer Amateur,
Liebhaber, Gelegenheitsdichter, Gelegenheitsdenker, Gelegenheitsforscher. … Er
entdeckt heute den Zwischenknochen und schreibt morgen seine
Lebensgeschichte oder Teile des Faust, vielleicht aber auch nur irgendeinen ganz
gleichgültigen Bericht über Bergwerke oder Unterrichtswesen.“

– Egon Friedell

„Ich lasse mir Hände und Füße dafür abhacken, daß der Faust mit der
Grundkomponente des hehren deutschen Denkers nichts zu tun hat und daß man
diese Figur nicht aus einer philosophisch bedeutsamen Grundhaltung heraus
erwischen kann. Das macht dem deutschen Bildungsbürger mit seiner Sucht, die
hehren Werte zu erhalten, Probleme.“

– Helmut Griem

Goethes Äußerungen über seinen Faust [Bearbeiten]

• Gespräch mit Eckermann am 25. Januar 1827:

„Aber doch ist alles (besonders im Helena-Teil von Faust II) sinnlich und wird, auf
dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht
gewollt. Wenn es nur so ist, daß die Menge der Zuschauer Freude an der
Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht
entgehen, wie es ja auch bei der Zauberflöte und anderen Dingen der Fall ist.“

• Gespräch mit Eckermann am 6. Mai 1827:

„Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! – Sie machen sich durch ihre
tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das
Leben schwerer als billig. – Ei! so habt doch endlich einmal die Courage, Euch
den Eindrücken hinzugeben, Euch ergötzen zu lassen, Euch rühren zu lassen,
Euch erheben zu lassen, ja Euch belehren und zu etwas Großem entflammen und
ermutigen zu lassen; aber denkt nur nicht immer, es wäre Alles eitel, wenn es
nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre! Da kommen sie und fragen:
welche Idee ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht? – Als ob ich das selber
wüßte und aussprechen könnte. […] Je inkommensurabler und für den Verstand
unfaßlicher eine poetische Produktion, desto besser.“

• Gespräch mit Eckermann am 17. Februar 1831:

„ Der erste Teil ist fast ganz subjektiv; es ist alles aus einem befangenerem,
leidenschaftlicheren Individuum hervorgegangen, welches Halbdunkel den
Menschen auch sowohl tun mag. Im zweiten Teile aber ist fast gar nichts
subjektives, es erscheint hier eine höhere, breitere, hellere, leidenschaftslosere
Welt, und wer sich nicht etwas umgetan und einiges erlebt hat, wird nichts damit
anzufangen wissen. Es sind darin einige Denkübungen, sage ich, und es möchte
auch mitunter einige Gelehrsamkeit erfordert werden. …Ich habe immer
gefunden, sagte Goethe lachend, daß es gut sei etwas zu wissen.“

Geflügelte Worte [Bearbeiten]

Wegen seines großen Bekanntheitsgrades und der Bedeutung, die man dem Text
und seinem Autor beimisst, und auch wegen der leichten Reproduzierbarkeit von
Versen, ist Goethes Faust die Quelle zahlreicher geflügelter Worte, die bis heute
oft zitiert werden, vielfach auch, ohne dass dem Zitierenden ihre Herkunft
bewusst ist. Dabei entwickelten die Verse aus ihrem Textkontext
herausgenommen teilweise eine andere als die ursprünglich intendierte
Bedeutung. Ein Beispiel hierfür ist das Zitat Die Botschaft hör ich wohl, allein mir
fehlt der Glaube, das im ursprünglichen Kontext des Osterfestes eindeutig auf
den Zweifel an der Auferstehungsbotschaft bezogen ist, [2] als geflügeltes Wort
aber meist allgemein als Bild für den Zweifel an einer Botschaft/Wahrheit auch
außerhalb des religiösen Bereichs verstanden wird. Büchmann führt über fünfzig
geflügelte Worte aus dem ersten Teil des Faust an.[3] Einige Beispiele:

• Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!
(214)
• Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor! (358) –
selbstironischer Ausdruck von Unverständnis
• Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. (765) – Ausdruck
des Zweifels an der christlichen Botschaft
• Hier bin ich Mensch, hier darf ich′s sein (940) – Betreten eines persönlichen
Freiraumes, wo die gesellschaftlichen Sittlichkeitsvorschriften nicht
durchgesetzt werden.
• Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust! (1112) – Ausdruck eines
inneren Interessenkonflikts
• Das also war des Pudels Kern! (1323) – In der abgeleiteten Redensart steht
„des Pudels Kern“ für einen wesentlichen Sachverhalt, der lange Zeit
verborgen war und plötzlich aufgedeckt wird.
• Name ist Schall und Rauch (3457)

Bedeutende Inszenierungen [Bearbeiten]

Theaterzettel der Weimarer Uraufführung des Faust, Tragödie in acht


Abtheilungen von Goethe am 29. August 1829

• 1819/1820 – In Berlin Aufführung einzelner Szenen zur Musik von Fürst


Anton Radziwiłł. – Radziwiłł hatte sich seit 1808 an Compositionen zu
Göthe's Faust versucht und im privaten Kreise darbieten lassen. Goethe
zeigte sich von einem Gesangsvortrag Radziwiłłs in Weimar 1814 so
begeistert, dass er zwei neue Librettoeinlagen beisteuerte. Ab 1816
arbeitete Radziwiłł an einer dramaturgischen Einbettung seiner Lieder bzw.
an der Durchkomposition des gesamten Stoffes. Proben, einige davon vor
der Hofgesellschaft des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., wurden
nun von Lesungen nicht vertonter Passagen begleitet. Neben Laien
nahmen geschulte Schauspieler teil. Gleichzeitig gab es erste öffentliche
Konzerte mit Radziwiłłs Faust-Musik, an deren Ausarbeitung auch
Komponisten wie Carl Friedrich Zelter und Georg Abraham Schneider
mitwirkten. Am 24. Mai 1819 kam es zu einer ersten dramatischen
Aufführung der Studierzimmer-Szenen im Theatersaal von Schloss
Monbijou in Berlin. Gesang und Sprechvortrag waren personell getrennt.
Für die Erdgeist-Erscheinung benutzte Radziwiłł die Laterna magica-
Projektion eines Goethekopfes, wodurch der Dichter sich sehr geehrt
fühlte. Die Aufführung wurde gleichen Orts am 13. Juni 1819 wiederholt.
Sechsstündige Aufführungen am 24. Mai 1820 im Palais Radziwiłł (als
Reichskanzlei später Amtssitz der deutschen Reichskanzler) und am 7. Juni
1820 im Schloss Monbijou waren dann die bis dahin vollständigsten
Darbietungen eines über Jahre gewachsenen Bühnenprojekts, an dem die
Berliner Geisteswelt trotz des Laiencharakters regen Anteil nahm. Der
Schwerpunkt lag auf der Gelehrtentragödie bis zu Auerbachs Keller,
ergänzt durch einzelne Gretchen-Szenen. Wegen des höfischen Rahmens
stand Goethe dem Unternehmen insgesamt offenbar skeptisch gegenüber,
ließ sich aber von Vertrauten regelmäßig darüber berichten.[4]

• 1829 – Hoftheater in Braunschweig am 19. Januar. Zur Uraufführung kam


eine textlich, inhaltlich und vom Handlungsablauf gegenüber dem als
unspielbar gehaltenen Originaltext Goethes radikal veränderte, für die
Bühne redigirte Fassung in sechs Abtheilungen. Gestrichen waren unter
anderem die beiden Vorspiele sowie die Szenen „Abend“ und
„Walpurgisnacht“. Die Inszenierung von Ernst August Friedrich Klingemann
betonte vor allem die Gretchentragödie. Die Aufführung dauerte über
dreieinhalb Stunden und war ein großer Erfolg.

• 1829 – Hoftheater in Weimar am 29. August zu Goethes achtzigstem


Geburtstag, zeitgleich zu Aufführungen in Leipzig, Dresden und Frankfurt
am Main. Es handelte sich um eine an die Braunschweiger Inszenierung
angelehnte Fassung, deren Text Johann Peter Eckermann, Friedrich
Wilhelm Riemer und Regisseur Friedrich August Durand so überarbeitet
hatten, dass acht statt sechs Szenen gespielt wurden. Die begleitende
Musik stammte von Franz Carl Adelbert Eberwein. Zensurbedingte
Streichungen betrafen vor allem als anzüglich empfundene und
kirchenkritische Passagen; auch alle Verweise auf Gott mussten entfallen.
– Goethe, der verärgert war, weil man den Beschluss zur Aufführung des
„Faust“ getroffen hatte, ohne ihn zu konsultieren, hielt sich offiziell von
den Vorbereitungsarbeiten fern. Trotzdem nahm er über Eckermann
Einfluss auf Inszenierung und Textänderungen. Mit Carl von La Roche, dem
Mephisto, probte er privat so intensiv, dass der Schauspieler später
meinte, jede Gebärde, jeder Schritt, jede Grimasse, jedes Wort stamme
von Goethe selbst. In einer insgesamt kritischen Stellungnahme zur
Weimarer Inszenierung verglich Karl von Holtei La Roches jovialen
Mephisto dann auch positiv mit der blassen Faust-Darstellung Durands. An
der Uraufführung nahm Goethe ebenso wenig teil wie an einer zweiten
Aufführung am 8. November 1829, der letzten in Weimar zu seinen
Lebzeiten. Bis 1873 wurde die Inszenierung insgesamt neununddreißig Mal
in der Stadt auf die Bühne gebracht.[5]

• 1875/76 – Uraufführung, inklusive des postum 1832 veröffentlichten


zweiten Teils, im Hoftheater zu Weimar von Otto Devrient. Diese
Inszenierung, die Devrient auch in Berlin, Köln und Düsseldorf zur
Aufführung brachte, hatte noch einen starren dreigliedrigen Bühnenbau.
Zusätzliche Aufbauten waren für schnelle Szenenwechsel erforderlich.

• 1895 – Savits arbeitete bereits variabler mit offenen Verwandlungen.

• 1909/11 – Max Reinhardt nutzte am Deutschen Theater in Berlin die neue


Drehbühne für beide Teile des Faust.

• 1932 – Aufführungsserie von Lothar Müthels Faust I mit Gustav Gründgens


als Mephisto am Preußischen Staatstheater in Berlin, die bis zum Ende des
Zweiten Weltkriegs andauerte. Hier begann der gefeierte Schauspieler und
(ab 1935) Generalintendant Gründgens die klassische schwarz-weiße
Maske zu entwickeln, die man heutzutage mit dem Mephisto identifiziert.

• 1933 – Max Reinhardt inszenierte die erste Aufführung von Faust I bei den
Salzburger Festspielen als Freiluftspiel in der Felsenreitschule. Clemens
Holzmeister baute hierfür eine bis zu 20 Meter hohe, durch versteckte
Gänge und Treppen verbundene Fauststadt mit Zitaten aus der Architektur
Salzburgs. Auch die Galerien wurden ins Schauspiel einbezogen. Die
Ausstattung war naturalistisch, da Reinhardt eine perfekte Illusion des
ausgehenden Mittelalters erzeugen wollte. Den Schwerpunkt legte er auf
die kleinstädtische Welt Gretchens. Weil alle Szenenorte von Faust I
erstmals gleichzeitig zur Verfügung standen, konnte auf Umbaupausen
verzichtet werden. Eine raffinierte Beleuchtungsdramaturgie betonte die
Simultanität von Ereignissen und durch Farbgebung die Grundstimmung
einer Szene. Bernhard Paumgartner komponierte eine auf akustischen
Realismus ausgerichtete Begleitmusik sowie Lieder, die dem Lokalkolorit
angepasst waren. Die Leitung der Bühnenmusik oblag dem jungen Herbert
von Karajan. Premiere war am 17. August 1933. Ein Teil der Aufführung
musste wegen Regens ins Festspielhaus verlegt werden. Erst am 25.
August gelang eine komplette Vorführung in der Felsenreitschule. Die
Kritiken waren gespalten: Lobten einige Rezensenten die Sinnenfreude der
Inszenierung, bemängelten andere eine opernhafte Melodramatik und eine
Vernachlässigung von Goethes Text gegenüber optischen Effekten. Kritik
an Reinhardt und Mephisto-Darsteller Max Pallenberg hatte dabei auch
antisemitische Untertöne. Einhellig gelobt wurde die ungewohnt
unsentimentale Gretchen-Interpretation Paula Wesselys. Den Faust spielte
Ewald Balser. Die Inszenierung wurde mit wechselnden Mephisto-
Darstellern (Raoul Aslan, Franz Schafheitlin, Werner Krauß) bis 1937
gezeigt, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich
aber abgesetzt.[6]

• 1933 – Auch im Theater in der Josefstadt inszenierte Reinhardt den Faust I


in der Intendanzzeit seines Nachfolgers als Direktor Otto Preminger. Die
Premiere war dort am 4. September 1933. Die Realisierung seines Projekts
Faust II wurde durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten
verhindert.
• 1938 – Marie Steiner inszenierte die erste ungekürzte Aufführung beider
Teile als weltanschaulich-anthroposophisches Weihe- oder Festspiel.

• 1939 – Das Burgtheater in Wien setzte Faust I mit Ewald Balser als Faust
ins Repertoire. Diese gefeierte Serie dauerte bis zum Ende des
2. Weltkriegs.

• 1948 – Im Ronacher in Wien spielte das Burgtheater-Ensemble (das Haus


an der Wiener Ringstrasse war zerstört) Faust I. Regie: Ewald Balser, Oskar
Werner als Schüler.

• 1949 – In Hannover machte Alfred Roller mit seinem „Aluminium-Faust“, in


der Titelrolle Gerhard Just, den Neuanfang nach dem Krieg. Ostern war
Faust I zu sehen und Faust II am 28. August. Roller brach mit den
Prinzipien der Faust-Inszenierungen des 19. Jahrhunderts. Die Bühne von
Rudolf Schulz bestand aus einem halb-kugelförmigen Gerüst aus
Leichtmetall. Im Hintergrund spiegelte eine Aluminiumwand die
Lichtreflexe (der Phantasie). Das Metallische symbolisiert das Kosmische.
Die Räumlichkeiten vom Studierzimmer bis zum Kerker wurden nur
angedeutet. Die fünfstündige Version von Faust I wies nur einen Strich auf:
der Walpurgisnachtstraum entfiel. Auerbachs Keller war eine derbe
Saufszene, die Walpurgisnacht mit Lichtreflexen auf der metallenen Wand
eine Sinnesorgie. Faust war nicht mehr die wohlredende Prunkfigur des
19. Jahrhunderts, sondern der an seinem Wissen und Denken
verzweifelnde Mensch, der abtrünnige Humanist.

• 1949 – Am Broadway in New York inszenierte der Wiener Schauspieler und


Regisseur Leon Askin den Faust I mit großen Erfolg.

• 1952 – Das Berliner Ensemble unter der Regie von Egon Monk inszenierte
den Urfaust als provokative Neudeutung vor dem Hintergrund spießiger
Inszenierungen in der DDR. Parteischelte war die Folge. Bert Brecht formte
Goethes Vorlage episch um: Im Prolog macht Mephisto den Zuschauer mit
den wichtigsten Dramengestalten bekannt. Da der Urfaust ein Fragment
ist, füllte Brecht diese Leerstellen mit Brückenversen, die dem Zuschauer
aus einem voluminösen Buch vorgelesen werden. Wirkungsgeschichtlich
begann mit dieser Urfaust-Inszenierung die Abkehr vom realistisch-
naturalistischen Bühnenbau, die von Gustav Gründgens und Claus
Peymann fortgesetzt wurde.

• 1954 – Im Deutschen Theater in Berlin spielten Kurt Oligmüller (Faust) und


Ernst Busch (Mephisto) unter der Regie von Wolfgang Langhoff den Faust I.
Der westliche Vorwärts-Verlag kritisierte am 7. Januar 1954: „Die
Aufführung trug alle Merkmale der kommunistischen Schauspielkunst Ernst
Buschs. Nicht die Worte Goethes in ihrer Bedeutung standen im
Mittelpunkt der Interpretation, sondern die weltanschauliche Sinngebung
des Handlungsganges, aus der ostzonalen ‚Hexenküche‘…“ So ideologisch
vorbehaltvoll blieb die westliche Kritik bis in die sechziger Jahre, die
östliche sogar bis in die achtziger Jahre.

• 1955 – Staatsakt im Burgtheater am 14. Oktober zur Neueröffnung nach


dem Wiederaufbau infolge der Zerstörungen des 2. Weltkriegs: Vorspiel
auf dem Theater; Werner Krauß (Der Direktor), Raoul Aslan (Der Dichter),
Hermann Thimig (Lustige Person).

• 1956/1957 – Im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg erfolgte unter der


Regie und Intendanz von Gustaf Gründgens die Neuinszenierung des Faust
mit Will Quadflieg (Faust), Gründgens (Mephisto), Ella Büchi (Gretchen),
Elisabeth Flickenschildt (Marthe), Max Eckard (Valentin), Eduard Marks
(Wagner), Uwe Friedrichsen (Schüler). Gründgens erarbeitete mit seinem
Bühnenbildner Teo Otto Schritt für Schritt eine entrümpelte Fassung. Beide
bekannten sich zu ihrer „Einfallslosigkeit“ und zeigten die Bühne als
nacktes Gerippe. Gründgens entwickelte seine Konzeption anhand des
Vorspiels auf dem Theater. Entsprechend ist alles (Himmel, Hölle, große
oder kleine Welt) die Welt des Theaters. Die Inszenierung gastierte auch in
Moskau und wurde 1960 mit großem Erfolg verfilmt.

• 1976 – Am Wiener Burgtheater, in der Intendanzzeit Gerhard Klingenbergs


entstand ein weiterer Höhepunkt des avantgardistischen Regietheaters
von Otomar Krejča: Faust I mit Rolf Boysen als Faust und Heinz Reincke als
Mephistopheles. Dies war bis 2009 die letzte Burg-Inszenierung von
Goethes Faust im Haus am Ring.

• 1977 – In Stuttgart inszenierten Claus Peymann, Achim Freyer und


Hermann Beil einen frivolen Spieltext. Faust I und II an zwei Tagen als
zusammenhängendes Stück zur Geschichte des Heraustretens aus dem
Mittelalter bis zur Entwicklung des Bürgertums. Das Bühnengerüst war
zum Teil dreistufig. Ganz oben residierte der Herr mit seinen Engeln,
Fausts Welt blieb zunächst dunkel. Die Beleuchtungstechnik erschloss
beispielsweise die Gretchen-Szene. Alle Szenen wurden durch Striche
gekürzt mit Ausnahme der Zueignung und des Prologs im Himmel. Die
Vorstellungen waren zwei Jahre lang ausverkauft. Große Teile des
jugendlichen Publikums umjubelten die Darsteller. Als Peymann Stuttgart
1979 aus politischen Gründen verlassen musste, lagen so viele schriftliche
Bestellungen vor, dass der Faust fünf Jahre hätte gespielt werden können.
Martin Lüttge (Faust), Therese Affolter (Gretchen).

• 1979 – In Schwerin inszenierte Christoph Schroth Faust I und Faust II an


einem Abend mit einer Reihe politischer Bezüge. So spielte alles hinter
einem Eisener Vorhang. Die Inszenierung wurde über 100 mal in
ausverkauften Häusern gezeigt u. a. 1982 zur Tagung der Goethe-
Gesellschaft in Weimar.

• 1984 – Das Berliner Ensemble spielte unter Horst Sagert Faust-Szenen mit
Hermann Beyer (Faust) und Corinna Harfouch (Gretchen). Sagert knüpfte
an die fragmentarische Brecht/Monk-Inszenierung von 1952/53 an und
verwendete für seine Inszenierung Texte aus dem Umkreis der Dichtung,
die zu einer Abrechnung mit dem „Sturm und Drang“ wird. So grenzte er
Fausts Titanismus und den Titan Prometheus gegeneinander ab.

• 1986 – Dieter Dorns Inszenierung an den Münchner Kammerspielen. (siehe


auch Verfilmungen)

• 1990 – Faust I & II als drei Abende dauerndes Stück am Staatsschauspiel


Dresden von Wolfgang Engel. u. a. mit Freunde der italienischen Oper
• 1990 – Faust I im Schauspiel Frankfurt von Einar Schleef.

• 2000 – von Peter Stein; Erste professionelle Gesamtaufführung beider


Teile.[7] – mit Bruno Ganz als „altem“ und Christian Nickel als „jungem“
Faust. Johann Adam Oest und Robert Hunger-Bühler teilten sich die Rolle
des Mephisto. Dorothee Hartinger gab die Margarete. Insgesamt waren
80 Mitarbeiter, davon 33 Ensemble-Schauspieler beschäftigt. Dieses 15
Mio. Euro Großprojekt wurde durch das bis dato größte Kunstsponsoring
Europas aus privater und öffentlicher Hand finanziert. Das
Projektmarketing beinhaltete neben dem üblichen Programmbuch, einen
preisgekrönten, hochprofessionellen Web-Auftritt und Online-Videos im
ZDF. Die Sponsoren waren: EXPO 2000, Deutsche Bank, DaimlerChrysler,
Mannesmann, Ruhrgas, die Deutsche Bundesregierung, der Berliner Senat,
die Stadt Wien und 850 Privatsponsoren. Premiere am 22./23. Juli und
Serie bis 24. September 2000 auf der EXPO 2000 in Hannover, Gastspiel in
Berlin (21. Oktober 2000 bis 15. Juli 2001) und Wien (8. September bis
16. Dezember 2001). Die Aufführungsdauer incl. Pausen betrug
21 Stunden; reine Spielzeit 15 Stunden, aufgeteilt auf 3 Wochenend- bzw.
4 (oder 5?) Abendvorstellungen, in eigens für dieses Großprojekt
adaptierten Hallen. In den beiden Spielhallen wurden 18 unterschiedliche
Bühnenräume realisiert, zwischen denen das Publikum gehend wechselte.
Der einheitliche Eintrittspreis betrug 233 €.

• 2007 - Am Meininger Theater inszenierte Intendant Ansgar Haag Faust I +


II mit Hans-Joachim Rodewald (alter Faust), Peer Roggendorf (junger
Faust), Roman Weltzien (Mephistopheles). Ekkehart Krippendorff titelte
seine Besprechung in der Wochenzeitung Freitag 26 vom 29. Juni 2007:
Welttheater in Südthüringen. Ansgar Haags politisch-kritische Faust-
Inszenierung zeigt Goethes Helden als Inkarnation des europäischen
Machtmenschen.Dieser Doppelabend wurde unter der Schirmherrschaft
des Bundespräsidenten Horst Köhler mit dem Land-der-Ideen-Preis
ausgezeichnet. Durch die Novapol Fernsehgesellschaft Berlin-Weimar
wurden beide Teile vom 14. bis 17. April 2008 als Fernsehsendung
aufgezeichnet. Der Verlag Resch veröffentlichte unter dem Titel Meininger
Faust eine Fotodokumentation von Hans Hermann Dohmen (ISBN: 978-3-
932831-02-7).

• 2008 – Zum »Faust«-Jubiläum inszenierte Tilmann Köhler den Faust I am


Weimarer Nationaltheater als ein Stück gegen die kollektive Strichfassung
der Bibel des Bildungsbürgers. Es wird ein Totentanz.[8]

• 2009 - Unter der Intendanz und Regie von Matthias Hartmann, mit Tobias
Moretti als Faust und Gert Voss als Mephisto, werden beide Teile auf die
Bühne des Wiener Burgtheaters gebracht. Die Gesamtspieldauer beträgt 7
Stunden. Premiere war am 4. September. Dies ist die erste
Neuinszenierung des Faust am Haus am Ring seit 1976, und die
Erstaufführung des - allerdings stark gestrichenen- zweiten Teils an der
Burg.[9]