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Thema

Frühling 2019

Zweite
Moderne
Thema

Produktives Haus

1 Produktives Haus
2 Neun Narrative
3 Drei energetische Ressourcen und
ihre Prinzipien
4 1:1-Modell
5 Darstellung
6 Zweite Moderne
7 Arbeitsweise
8 Kritiken und Abgabeleistung
9 Vorträge
10 Terminplan

Zweite
Moderne
1 Produktives Haus

Wie unterscheidet sich ein Haus, das nur


über Sonneneinstrahlung erwärmt wird
von einem Gebäude, das die Abwärme
eines Rechenzentrums nutzt? Wie entwer-
fen wir das Innenklima eines Wohnhauses?
Haben alle Räume die gleiche Temperatur,
oder ändert sich der Wärmegrad im Ver-
lauf eines Jahres? Das produktive Haus
ist ein Haus als Kraftwerk. Es produziert
und speichert Energie. Wir wollen beispiel-
hafte Projekte entwerfen, welche aus den
Prinzipien einer bestimmten Energieres-
source Form, Raum und Material neu den-
ken und daraus eine spezifische Wohn-
form entwickeln. Dafür unterscheiden
wir vier verschiedene Energieformen:
Sonnenstrahlung, Geothermie, Wind und
Abwärme. Das Spektrum unserer Entwürfe
reicht von offenen, lichtdurchfluteten und
dünnhäutigen Hallen bis zu dickwandigen,
schattigen und massiven Kammern. Die
spezifische Qualität der Wohnungen, das
Zusammenleben der Bewohner und das
Innenklima werden anhand von Narrativen
entwickelt.

Mit dem Entwurf wird ein klimapolitisch


brisantes Thema zum Anlass genommen,
architektonisch relevante Beiträge zur
Zukunft des Wohnens zu leisten. Denn
gerade im Wohnen fällt ein hoher Anteil
der CO2-Emissionen und des Energiev-
erbrauchs an. Die Fragestellung basiert
auf dem Konzept der Zweiten Moderne.
Damit ist eine Architektur gemeint, die
politisches Engagement mit Autorschaft
verknüpft, die Objektivierbarkeit und Ra-
tionalität beansprucht, ohne das Subjekt
zu vernachlässigen, und die abstrakt ist
und trotzdem ihre eigenen Fiktionen ver-
mittelt.
2 Neun Narrative – zwischen Forschung
und Fiktion

Um das breite Spektrum möglicher Ant-


worten unserer Frage nach den Zusam-
menhängen zwischen Wohnen und En-
ergie zu beantworten, haben wir neun
Narrative vorbereitet. Sie sind als Fragen
formuliert und bilden die Ausgangslage für
die weitere Bearbeitung durch die Studie-
renden. Jede Zweiergruppe bearbeitet ein
Narrativ.
Die Vertiefung der Narrative erfolgt zu-
nächst über Sammeln und Recherchieren:
sie beschäftigen sich mit einer bestim-
mten Energieressource, verstehen ihre
Funktionsweise, die kritischen Parame-
ter und den Energiefluss von der Produk-
tion bis zum Verbrauch. Sie arbeiten mit
Karten, Diagrammen und Texten. Für einen
einfacheren Einstieg in die Aufgabenstel-
lung hat Prof. Dr. Arno Schlüter die Prinzip-
ien der drei Energieressourcen unserer
Wahl zusammengefasst (siehe «Drei ener-
getische Ressourcen und ihre Prinzipien»).
Der Ort des Entwurfs ist konzeptabhängig
im Grossraum Zürich zu bestimmen.
Diese erste Vertiefung bildet die Grund-
lage für die Fortschreibung der Narrative
und für die Herleitung der entwerferischen
Idee (siehe 1. Zwischenkritik). Das Narrativ
der Studierenden basiert auf ihren For-
schungserkenntnissen, führt aber weiter
und ergänzt die ersten Fragen um weitere
persönliche wie auch suggestive Thesen.
Diese ist der Wohnform geschuldet, den
Bewohnern, der Raumidee, der Konstruk-
tionsweise, der Materialwahl.
Sind die Forschungserkenntnisse der
Objektivität verpflichtet, so dienen die
subjektiven Narrative und Fiktionen der
Studierenden ergänzend dazu, die Vorstel-
lungskraft anzuregen und über sinnlich
erfahrbare Entwürfe, neue Lebensräume
lustvoll und ergreifend zu vermitteln.
Narrativ 1: Territoriale Produktion

Laut der «Schweizerischen Gesamtener-


giestatistik 2017» beträgt der jährliche En-
denergieverbrauch der Schweiz 236 TWh.
Damit würden 156’000 Hektar Land ausre-
ichen, um mit Photovoltaik gesamtschweiz-
erisch 100 % erneuerbare Primärenergie
zu produzieren. Die Siedlungsfläche von
Wohnarealen, Industriearealen inkl. be-
sonderen Siedlungsflächen beträgt 193’000
Hektar und übersteigt damit die notwen-
dige Fläche. Wir übertragen diese Berech-
nungen auf einen kleinen Massstab. Stellen
Sie sich vor, eine Gemeinde des Mittelland-
es würde sich entscheiden, auf ihrem Geb-
iet Energieautarkie zu erreichen, dies über
Photovoltaikanlagen in Kombination mit
Ersatzneubauten auf bereits besiedelten
Flächen. Könnte dadurch ein Wohnraum
entstehen, der sich von den bekannten zer-
siedelten Agglomerationen deutlich unter-
scheidet? Wie lässt sich die Fläche zur Pro-
duktion von Energie maximieren? Würden
diese Flächen eher in der Horizontalen
(Dach) oder in der Vertikalen (Hochhausfas-
sade) bereitgestellt? Wie verändert sich die
Vorstellung des «Landlebens», wenn das
Haus zur Energiemaschine wird?

→ Siehe: «Die Sonne als Energiequelle»


Narrativ 2: Kinetisches Solarhaus

Welche Ausdrucksformen und räumlichen


Eigenheiten weist ein Haus auf, das seine
Wärmeenergie komplett von der Sonne
bezieht und sich nach dem Sonnenstand
ausrichtet? Welche Teile des Hauses sind
statisch, welche kinetisch? Bewegen sich
die Bewohner je nach Jahreszeit in ver-
schiedenen Bereichen des Hauses (Mi-
gration), bewegen sich die Räume, um
optimal ausgerichtet zu sein, oder wird die
Sonnenenergie über kinetische Elemente
(Spiegel/Linsen) an den jeweils richtigen
Ort gelenkt? Wo in der Stadt positionie-
ren Sie das Haus? Steht es in der prallen
Sonne oder eher im Schatten und erhält
über Spiegel und spiegelnde Flächen die
notwendige Sonneneinstrahlung?

→ Siehe: «Die Sonne als Energiequelle»


Narrativ 3: Abwärme von Datenzentren

Die fortschreitende Digitalisierung hat


den Bau von immer mehr Rechenzen-
tren zur Folge. Server und Rechenzentren
machen rund 3% des gesamten Energie-
verbrauchs der Schweiz aus. Ein grosser
Teil des Energieverbrauchs verursacht die
Kühlung solcher Räume. Es macht also
Sinn, die Abwärme nicht verpuffen zu las-
sen sondern für eine andere Nutzung zu
verwenden, wie für das Wohnen. Ist eine
Dämmung noch notwendig, wenn das
Haus laufend geheizt wird? Wie verhält
es sich im Sommer, wenn das Wohnhaus
nicht mehr geheizt sondern eher gekühlt
werden muss? Wird die Temperatur über
eine dazwischengeschaltete, saisonal ak-
tive Nutzung verringert? Bei diesem Nar-
rativ geht es um eine programmatische
Verbindung zweier Nutzungen, die zu-
nächst nicht zusammenpassen. Inwieweit
lassen sich die beiden Programmpunkte
trotzdem (über eine dritte Nutzung) sinn-
voll verknüpfen?

→ Siehe «Abwärme aus Prozessen als En-


ergiequelle»
Narrativ 4: Energie aus städtischen
Tunnelbauten

Tunnelthermie – der Begriff steht für die


Nutzung von Erdwärme aus Tunnelbauten.
Dabei werden flächige Kollektoren in die
Tunnelschale eingebaut. Wie eine Evalua-
tion des Bundesamtes für Strasse nach-
weist, ist das Potential für die Energiege-
winnung aus städtischen Tunneln gross.
Die Stadt Zürich beabsichtigt, einen Teil
der stark befahrenen Rosengartenstrasse
in Wipkingen im Abschnitt zwischen Wip-
kingerplatz und Bucheggplatz in den
Untergrund zu verlegen. Mit dem Pro-
jekt ist eine Verbesserung der aktuellen
städtebaulichen Situation beabsichtigt,
da die Stadtautobahn hohe Lärmemis-
sionen verursacht und das Quartier Wip-
kingen in zwei Teile trennt. Das Parlament
befürwortet das auf 1.1 Milliarden CHF
geschätzte Projekt. Bei SP, Grünliber-
alen und Grünen ist es umstritten, da es
sich um ein «Auto-Projekt» handle und
nicht mit dem Klimaschutz vereinbar sei.
Auch ist die Grösse des Tunnelportals
beachtlich. Mittels Tunnelthermie kön-
nte erneuerbare Energie für das Quartier
gewonnen und damit ein Argument für
den Bau des Tunnels geliefert werden.
Ebenfalls lässt sich Wärme aus notwendi-
gen Tunnelentlüftungsschächten mittels
Wärmerückgewinnungsanlagen aus der
Luft ziehen.
Wie sieht ein Wohnhaus aus, das seine
Wärme aus der Tunnelthermie und Tun-
nelentlüftung bezieht, und damit den
massiven unterirdischen Eingriff auch ar-
chitektonisch greif- und sichtbar macht?
Wo entlang der Rosengartenstrasse kön-
nten solche Wohnhäuser stehen? Alter-
nativ lassen sich auch andere Tunnels der
Stadt prüfen.

→ Siehe «Abwärme aus Prozessen als En-


ergiequelle»
→ Siehe «Die natürliche Umgebung als
Wärmequelle und Speicher»
Narrativ 5: Energie speichern und teilen

Stromproduktion aus Solarenergie ist


abhängig vom Wetter und der Tageszeit.
Bei wolkenlosem Himmel produziert eine
Photovoltaikanlage mehr Strom als für
den Eigengebrauch notwendig, umgekeh-
rt ist in der Nacht oder bei starker Be-
wölkung mit einer Unterversorgung zu
rechnen. Energiespeicher sind notwendig,
um solche Schwankungen auszugleichen.
Als Speicher dienen chemische Batterien,
Pumpspeicherwerke oder, wie es das Tes-
siner Start-Up «Energy Vault» gerade um-
setzt, ein simpler Kranzug mit Gewichten.
Entstehen in einem urbanen Umfeld
spezifischere Architekturen, wenn ver-
schiedene Formen der Energieproduktion
(Wärme, Strom) und deren Speicherung
nach Besonderheiten der Parzellen und
des Programms aufgeteilt werden? Könnt-
en diese durch ein Netzwerk verbundenen
Häuser auch räumlich gemeinschaftliche
Nutzungen unterbringen, die einen so-
zialen Austausch ermöglichen (z. B. Warm-
wasserspeicher mit Schwimmbad)?

→ Siehe «Die Sonne als Energiequelle»


Narrativ 6: Haus ohne Heizung

In unserer Klimazone gilt die Lehre für ein


Passivhaus: möglichst hohe Sonnene-
instrahlung für den Wärmeeintrag, gute
Wärmedämmung und viel Masse gegen
unnötige Wärmeabflüsse. Als Heizung di-
enen lediglich die Körperwärme der Be-
wohner und die Abwärme elektrischer
Geräte. Wie lassen sich diese Kriterien
auf ein Wohnhaus übertragen? Wie und
wo wird die Sonneneinstrahlung auf das
Haus maximiert, wo kann Masse zur Spe-
icherung der Energie eingesetzt werden.
Wie werden falls notwendig die Lüftung-
sanlagen und Wärmetauscher integri-
ert? Wie vermeidet man Überhitzung?
Inwieweit können thermische Puffer als
Zwischenklima zwischen Innen und Auss-
en zum Einsatz kommen?

→ Siehe «Die Sonne als Energiequelle»


→ Siehe «Abwärme aus Prozessen als En-
ergiequelle»
Narrativ 7: Städtische Hitzeinseln

Städte haben stets eine höhere Tempera-


tur als ihr Umland. Das hat mit der hohen
Versieglungsdichte zu tun. Asphalt und
Beton absorbieren die Wärme und re-
flektieren sie nicht. Besonders deutlich
wird dies im Sommer, wo nachts die in
den Bauten angestaute Wärme die Stadt
weiterhin aufheizt. Mit dem Klimawandel
wird sich die Hitzebelastung verstärken.
In der Stadt Zürich werden diese som-
merlichen Phänomene zunehmend dis-
kutiert, weil sie im Widerspruch zur Ver-
dichtungsstrategie stehen. Der Kanton
hat verschiedene Klimakarten erstellt, um
diese städtischen Hitzeinseln sichtbar zu
machen und konkrete Massnahmen zu er-
möglichen. Frischluftschneisen, begrünte
Dächer und Parkanlagen sollen die Hit-
zebildung abschwächen. Wo in der Stadt
Zürich wäre es sinnvoll, eine stadträumlich
spürbare Kühlung vorzusehen? Wie gross
ist der Effekt, wenn Häuser in einem be-
grünten Park geplant werden? Wie stark
wirkt sich eine begrünte Fassade auf das
Mikroklima der Umgebung aus? Wie ver-
hält es sich zum Innenraum?
In Tokyo hat das Architekturbüro Nikkei
Sekkai 2014 ein Hochhaus erstellt, welch-
es seine Fassaden mit Regenwasser be-
sprenkelt und dadurch die Umgebung
mikroklimatisch markant abkühlt. Das
Sony City Osaki Building wird mit Regen-
wasser gespiesen, das in die Atmosphäre
verdunstet. Die Energie liefert eine Pho-
tovoltaikanlage. Insgesamt entsteht so
ein ökologischer Kreislauf. Lässt sich ein
vergleichbares Projekt auch in Zürich re-
alisieren? Welchen mikroklimatischen Ef-
fekt hätte es? Inwieweit ist eine solche
Kühlung auch innenräumlich nutzbar?

→ Siehe «Die natürliche Umgebung als


Wärmequelle und Speicher»
Narrativ 8: Thermische Bauteilaktivierung

Das Prinzip der thermischen Bauteilak-


tivierung ist schon lange bekannt. Im an-
tiken Hypokaustum wurde in Öfen Luft
erwärmt, welche die Fussböden und teil-
weise Wände der Häuser aufheizten und
damit die Räume wärmten. Auch bei der
thermischen Bauteilaktivierung werden
einzelne Bauteile über eingelegte Rohre er-
wärmt oder gekühlt. Beton eignet sich auf-
grund seiner guten Speichereigenschaften
dafür besonders. Damit das System funk-
tioniert, müssen die energetischen Über-
tragungsflächen möglichst frei gehalten
werden. Deswegen werden meistens Ge-
schossdecken aktiviert und nicht Wände.
Wie könnten thermisch aktivierte Bauteile
im Wohnen sinnvoll eingesetzt werden?
Welche Bauteile werden aktiviert, und wie
sind sie im Grundriss angeordnet? Wär-
mende oder kühlende Oberflächen weisen
eine hohe Sinnlichkeit auf und wollen hap-
tisch wahrgenommen werden.

→ Siehe «Die natürliche Umgebung als


Wärmequelle und Speicher»
→ Siehe «Die Sonne als Energiequelle»
Narrativ 9: Graue Energie

In den oben genannten Narrativen liegt


der Fokus auf der Betriebsenergie eines
Gebäudes. Die in den letzten Jahren er-
folgten technischen Verbesserungen bei
Gebäudesystemen und insbesondere bei
Dämmungen haben zu einer relevanten
Senkung der Heizenergie geführt, sodass
die Gesamtenergiebilanz des Gebäudes
zunehmend in den Fokus rückt. Ein gross-
er Anteil dieses Gesamtenergieverbrauchs
bildet die sogenannte graue Energie,
welche zur Herstellung (und zum Abbruch)
eines Gebäudes benötigt wird.
Gemäss Energie Schweiz steht die «graue
Energie für die gesamte Menge nicht er-
neuerbarer Primärenergie, die für alle
vorgelagerten Prozesse, vom Rohstof-
fabbau über Herstellungs- und Verarbe-
itungsprozesse und für die Entsorgung,
inkl. der dazu notwendigen Transporte und
Hilfsmittel, erforderlich ist. […] Die Mas-
seinheit der grauen Energie ist Kilowatt-
stunde pro Quadratmeter und Jahr (kWh/
m2 a). Die enthaltene Energie wird damit
auf eine Fläche und eine Zeitspanne bezo-
gen, um sie mit der Betriebsenergie ver-
gleichbar zu machen.»
Können wir ein Wohnhaus entwerfen, des-
sen Anteil an grauer Energie minimal ist?
Ist dies mit der Wiederverwendung von
Bauteilen zu erreichen (siehe Ausstellung
«Matière grise»)? Inwieweit lässt sich die
graue Energie in Relation zur Betriebsen-
ergie setzen, sodass bei einem minimalen
Verbrauch von grauer Energie, die Betrieb-
senergie eines Wohnhauses aufgewogen
wird? Welche Potentiale erschliessen sich
für die Architektur des Wohnens, wenn
Bauteile „as found“ in eine neue, eigene
Struktur eingebracht werden?
3 Drei energetische Ressourcen und
ihre Prinzipien
von Arno Schlüter, Illias Hischier

Die Sonne als Energiequelle:


Aktiv und Passiv

Die Sonne ist der wichtigste Einflussfaktor


auf die Energiebilanz eines Gebäudes und
auf den Komfort der Bewohner. Die Ener-
gie der Sonne kann sowohl aktiv wie auch
passiv genutzt werden. Sie kann direkt als
Wärme am und im Gebäude verwendet,
über Wasser oder Luft abtransportiert und
gespeichert oder in Strom umgewandelt
werden. Solare Strahlung erwärmt Ober-
flächen des Gebäudes und kann über Öff-
nungen und transparente Flächen tief ins
Gebäude eindringen. Dort trifft sie auf
Bauteile, die abhängig von Oberflächen-
beschaffenheit und Material die Strahlung
reflektieren, absorbieren, speichern oder
weiterleiten.
Eine aktive Nutzung der thermischen En-
ergie erfolgt über Flächen, auf denen ein
Wärmeträger (z.B. Wasser) erhitzt und
über ein zirkuläres System in beliebige
Bereiche des Gebäudes oder in Speicher
transportiert wird. Auf diese Weise kann
die Nutzung dieser Energie räumlich und
zeitlich vom Angebot entkoppelt werden.
Die Umwandlung von Solarstrahlung in
Strom über den photovoltaischen Effekt
erlaubt es, solare Energie sehr flexibel,
d.h. für jede Anwendung im Gebäude zu
nutzen. Hierfür werden Oberflächen mit
Solarzellen belegt, die unter direkter oder
diffuser Einstrahlung Strom produzie-
ren. Während der Transport von Strom
einfach und über grosse Distanzen mit
geringen Verlusten möglich ist, bleibt die
Speicherung von Strom bisher aufwän-
dig. Die Stromspeicherung in Batterien ist
möglich, deren Bestandteile benötigen
allerdings seltene Rohstoffe. Dies bedeu-
tet, dass Strom nicht zwingend am ei-
genen Gebäude produziert werden muss
aber das zeitliche Profil des Strombe-
darfes mit der Stromproduktion möglichst
übereinstimmen sollte. Durch heute ver-
fügbare Oberflächen kann ein Solarmodul
nahezu wie jedes anderes Fassaden- oder
Dachmaterial eingesetzt werden.
Architektonisch relevante Parameter für
die aktive Nutzung sind die verfügbaren
Flächen am und im Gebäude und deren
solare Einstrahlung, d.h. deren Ausrich-
tung zur Sonne. Die Wahl der Solartech-
nologie (z.B. Monokristalline Solarzellen)
und die Oberflächen der Solarmodule (z.B.
Einfärbung oder Bedruckung) entscheiden
über den Wirkungsgrad und damit über
Menge, die erzeugt werden kann. Für die
passive, thermische Nutzung im Geb-
äude wichtig ist ebenfalls die Ausrich-
tung zur Sonne und die Materialien, Ma-
terialstärken und Oberflächen auf die die
Sonne trifft. Sie entscheiden, wie viel ges-
peichert werden kann. Bauteile können als
thermische Speicher, Räume und Zonen
als thermische Puffer verwendet werden,
deren Luft von der Sonne erwärmt wird
und welche dann direkt oder indirekt für
die Erwärmung weitere Räume verwendet
werden kann. Um die Kraft der Sonne do-
sieren zu können und eine Überhitzung zu
verhindern ist es wichtig, dass z.B. über
Verschattung die Menge der solaren Ein-
strahlung reduziert werden kann.
Für den Entwurf ist es wichtig, den Verlauf
der Sonne am Ort, die Ausrichtung des
Gebäudes zur Sonne und die Einstrahlung
auf die Flächen (bzw. deren Verschattung)
des Gebäudes zu analysieren. Diese ist
abhängig vom geographischen Ort, der
gebauten Umwelt und der Vegetation um
das Gebäude. Als Werkzeuge eigenen sich
das Sonnenstanddiagramm und Verschat-
tungsstudien.
Die natürliche Umgebung als Wärmequelle
und Speicher:
Oszillieren und Balancieren

Bereits in der unmittelbaren Umgebung


eines Gebäudes finden sich Wärmequellen,
die für die Heizung und Kühlung des Geb-
äudes verwendet werden können. Die Auss-
enluft bietet im Frühling und Herbst Wärme,
die mittels einer schlauen Maschine, der
Wärmepumpe, für die Heizung verwendet
werden kann. Im Winter sinken die Tempera-
turen, so dass die Verwendung der Aussen-
luft nicht mehr effektiv ist. Die im Erdreich
gespeicherte Sonnenenergie bietet dage-
gen eine ganzjährige Wärmequelle im Win-
ter und gleichzeitig eine Wärmesenke im
Sommer. Abhängig von der Wärmespeicher-
fähigkeit der verschiedenen Erdschicht-
en kann das Erdreich aktiv bewirtschaftet
werden und damit als saisonaler Wärmes-
peicher dienen. Hierfür wird mittels eines
zirkulären Systems über Erdsonden Wärme
aus dem Gebäude in das Erdreich geleitet
(Speicherung) und bei Bedarf wiedergewon-
nen (Heizung). Um die notwendigen Tem-
peraturen für die Heizung zu erreichen wird
ebenfalls eine Wärmepumpe eingesetzt. Ar-
chitektonisch lässt sich das Bewirtschaften
des Speichers durch die saisonale Wandel-
barkeit ausdrücken. Im Sommer werden
Überschüsse geerntet und im Speicher
zwischengelagert. Wärmegewinne (z.B.
über solare Strahlung) werden zugelassen
bzw. bewusst gefördert und aktiv in das Er-
dreich transportiert. Das Gebäude wird zum
thermischen Generator. Der Abtransport
von Wärme aus dem Innenraum oder an den
Oberflächen des Gebäudes bedeutet das
Auffüllen des Speichers und gleichzeitig
deren Kühlung. Im Winter verschliesst sich
das Gebäude, die Wärmeverlust werden
verringert und Wärme wird aus dem Speich-
er bezogen. Zusätzliche Gewinne, z.B. über
die Sonne, werden direkt, ohne Umwege
über den Speicher im Gebäude verwendet.
Das Angebot, dessen zeitliche Dynamik und
die Speicherkapazität entscheidet dabei,
wie stark das Gebäude im Winter Wärme
zurückhalten muss.
Für den Entwurf ist es wichtig, die Eigen-
schaften der Umgebung zu analysieren, z.B.
welche Temperaturen der Luft, des Wassers
und des Erdreiches über das Jahr auftre-
ten, ob das Erdreich bzw. Grundwasser am
Ort aktiv genutzt werden darf. Als Werkze-
uge eigene sich z.B. Klimadiagramme, GIS
Browser der Kantone (mit den jeweiligen
Anzeigeebenen), Wetterdaten von nahelie-
genden Wetterstationen sowie Karten über
Untergrund/Geologie vor Ort.
Abwärme aus Prozessen als Energiequelle:
Parasit und Symbiose

In industriellen oder anderen Prozessen


entstehende (Ab-)Wärme kann für das
Heizen und Kühlen von Gebäuden ver-
wendet werden. Die raum-zeitliche Dyna-
mik, wann und wo Wärme produziert und
benötigt wird, ist dabei von Bedeutung,
da bei zu grossem Abstand Wärme ver-
loren geht, gegebenen falls aber auch
ein Überangebot bestehen kann. Es bi-
etet sich also an, Nutzungen mit unter-
schiedlichem Wärmeangebot und -bedarf
zu kombinieren. Auch die Temperatur der
Wärmequelle ist wichtig, sie entscheidet
über die möglichen Nutzungen im Geb-
äude (Heizung, Warmwasser), die unter-
schiedliche Temperaturniveaus benöti-
gen. Für die Nutzung der Abwärme muss
sie mittels eines Mediums (z.B. Wasser)
aktiv transportiert werden. Alle Trans-
portvorgänge bedeuten Verluste und
benötigen Energie. Um z.B. (heisse oder
kalte) Luft oder Wasser von einem Ort
zum anderen zu transportieren müssen
entweder natürliche Potentialunterschie-
de, z.B. des Luft-oder Wasserdrucks ge-
nutzt werden oder diese mit technischen
Hilfsmitteln, z.B. Ventilatoren oder Pump-
en erzeugt werden. Für die Architektur ist
neben der räumlichen Nähe zur Abwärme
und die Verteilung der verschiedenen
Nutzungen auch das Verhältnis von
Wärmeangebot und -bedarf hinsichtlich
einer symbolischen Nutzung interessant.
So kann bei einem Überschuss von Wärme
auch deren ‹Verschwendung› akzeptiert
werden, d.h. die Verhinderung mögliche
Wärmeverluste z.B. durch Dämmung, rückt
in den Hintergrund.
Für den Entwurf wichtig ist die Analyse der
Nutzungen um den Standort, die räum-
lichen Distanzen, die Abschätzung der
vorhandenen Abwärmepotentiale bzw.
Temperaturniveaus und deren zeitliche
Dynamik. Hierfür eigenen sich Karten
(open street maps) und Internetrecher-
che über typische Prozesse und deren
Abwärme. Für gewisse Nutzung sind an
der Professur bereits Informationen vor-
handen und können zur Verfügung gestellt
werden.
4 1:1-Modell

Wir beginnen das Semester mit einem


24h-Entwurf. Aufgabe ist es, eine Raumse-
quenz zu einem dichotomischen Begriff-
spaar zu entwerfen. Diese Begriffspaare
beschreiben keine Wohnung, benennen
aber mögliche innenräumliche Qualitäten
des Entwurfs: ‹begrenzt und unbegrenzt›,
‹zyklisch und konstant›, ‹nah und fern›,
‹hell und dunkel›, ‹geschlossen und offen›,
‹dick und dünn›, ‹feucht und trocken›,
‹heiss und kalt›, ‹symbiotisch und para-
sitär›. Die Studierenden arbeiten dafür
in Zweiergruppen. Thematische Schwer-
punkte des 1:1-Modells bilden die Wandel-
barkeit von Räumen sowie die Bewegung
von Menschen im Raum. Die Abgabe er-
folgt in Grundriss (und Schnitt) 1:20 (ohne
Konstruktion) und einem Modell (1:20).
Zudem wird der Grundriss des Entwurfs
mit farbigen Klebebändern auf dem Boden
der Aufbauhalle aufgerissen.

In einem demokratischen Auswahlver-


fahren bestimmen wir am zweiten Tag
die interessanteste Arbeit, die wir im An-
schluss 1:1 bauen. Wir arbeiten mit The-
atertechniken, da hier ein grosses Wissen
zu Raumperformanz vorhanden ist. Un-
terstützung für den Aufbau des Modells
erhalten wir von der Szenografin Selina
Puorger. Folgende Gewerke gilt es zu
bearbeiten:
⏺ Planung: 2 Studierende
(Pläne, Koordination)
⏺ Prototypen: 2 Studierende
(Modelle, Prototypen)
⏺ Logistik: 2 Studierende
(Inventar)
⏺ Kulissenbau: 10 Studierende
(Bodenzeichnungen, Handwerk)
⏺ Licht/Effekte: 2 Studierende

Das 1:1-Modell sehen wir als sinnliches


und experimentelles Werk, das gängige
Raumerfahrungen durchkreuzt und neue
Raumeindrücke erforscht sowie erlebbar
macht. Die hierbei gewonnenen Erken-
ntnisse zu Raum, Licht, Materialität und
Farbe und damit Raumerfahrung und
Raumperformanz beeinflussen den En-
twurf.
5 Darstellung

Der Plan und insbesondere der Grundriss


ist eine abstrakte Notation einer räumli-
chen Konfiguration. Gleichzeitig hat er als
Zeichnung bildhafte Qualitäten, die es im
Entwurf einzusetzen gilt. Deswegen kom-
men den grafischen Mitteln, der handw-
erklichen Präzision und der sinnlichen
Qualität der Zeichnung grosse Bedeutung
zu.

In der persischen Miniaturmalerei sehen


wir die Möglichkeit, die von den Studie-
renden erarbeiteten Zusammenhänge
zwischen Energie und Wohnen in Text
und Bild abzubilden. Die Umsetzung der
abstrakten Narrative in eine ästhetisch
ansprechende Illustration soll auch den
Einstieg in die Entwurfsaufgabe erleich-
tern. Am 6. März findet ein Vortrag statt,
der in die Techniken und Bedeutungen
dieser Darstellungsweise einführt (siehe
Zwischenkritiken). Diese Bild-Textkompo-
sitionen sind im Illustrator zu erstellen.

Arbeitsmodelle und repräsentative Mod-


elle begleiten die entwerferische Arbeit.
Sie werden erstellt, um räumlich-struk-
turelle Aspekte des Entwurfs sichtbar zu
machen. Ab der 2. Zwischenkritik erwarten
wir Modelle, die den Stand des Entwurfs
wiedergeben. Diese sollen nicht das gesa-
mte Projekt zeigen, sondern die zum Ver-
ständnis der Idee wesentlichen Raumse-
quenzen im Massstab 1:50 oder 1:20. Das
Material ist sorgfältig und konzeptabhän-
gig auszuwählen. Wir erwarten eine hohe
Eigenqualität und Sinnlichkeit des Mod-
ells.

Weitere Visualisierungen (wie Bilder) kön-


nen konzeptabhängig erstellt werden.
6 Für eine Architektur
der Zweiten Moderne

Neben den entwerferischen Heraus-


forderungen fragen wir uns, mit welchen
Begriffen, Konzepten und Ideen wir unsere
Wirklichkeit beschreiben, und wie wir da-
raus entwerferische Strategien entwick-
eln können. Diese Untersuchung bildet
die Basis für eine Architektur der Zweit-
en Moderne. Damit stellen wir die an der
ETH und unter Schweizer ArchitektInnen
verbreitete Auffassung einer ‚autonomen
Architektur‘ in Frage. Der Idee der Un-
abhängigkeit der Disziplin setzen wir eine
Position entgegen, welche in der Ausein-
andersetzung mit der Komplexität der
Wirklichkeit seine Themen findet und darin
eine eigene Autorschaft anstrebt.
Die Prinzipien einer Architektur der Zweit-
en Moderne gilt es erst noch zu erfassen.
Wir haben dafür ein Thesenheft und einen
Thesaurus erstellt, welche wir in den kom-
menden Semestern ausarbeiten und ver-
tiefen. Im Textbuch sind die für uns grun-
dlegenden Aufsätze zur Zweiten Moderne
gesammelt. Zudem werden über Gastvor-
träge weitere theoretische Vertiefungen
angestrebt. Unser 1:1-Modell wird dabei
zum Veranstaltungs- und Austragungsort
verschiedener Diskussionen.
7 Arbeitsweise

Die offizielle Sprache im Studio ist


Deutsch. Informelle Gespräche wie
Tischkritiken etc. können auch auf En-
glisch stattfinden. Je nach Gästen werden
auch Zwischenkritiken oder die Schlusskri-
tik in Englisch gehalten. Die Projekte
werden in Zweiergruppen erarbeitet. Das
Team ist dienstags und mittwochs anwe-
send. Es finden wöchentliche Pin-ups und
Tischkritiken nach einem festen Zeitplan
statt. Von den Studierenden wird erwar-
tet, dass sie im Studio anwesend sind und
kontinuierlich an ihren Projekten arbeiten.
8 Kritiken und Abgabeleistung

Erste Zwischenkritik am 12. März 2019

Die erste Abgabe umfasst eine Miniatur-


komposition auf einem A1-Blatt, welche
den Stand der Forschung zum Narrativ
wiedergibt: dazu gehört die Funktions-
weise der gewählten Energieressource im
Gebäude, der Bezug zur Architektur des
Wohnens sowie der Energiefluss von der
Produktion bis zum Verbrauch.
Die Miniaturzeichnung umfasst:
⏺ Zehn Hauptsätze
⏺ Kolorierte Zeichnung
(CAD Linienzeichnung mit
Schraffuren, im Illustrator erstellt)
⏺ Ideen für mögliche Orte
⏺ Karten, Schemen, Skizzen,
Diagramme

Zweite Zwischenkritik am 9. April 2019

⏺ Farbige Miniaturkomposition mit


eingearbeitetem Narrativ (CAD Linien-
zeichnung mit Schraffuren)
⏺ Berechnung und Diagramme
⏺ Ausgearbeitete Grundrisse, Schnitte
und Ansichten
⏺ Arbeitsmodell
Dritte Zwischenkritik am 7. Mai 2019 und
Schlusskritik am 7. Mai 2019

⏺ Farbige Miniaturkomposition mit


eingearbeitetem Narrativ (CAD Linien
zeichnung mit Schraffuren)
⏺ Berechnung und Diagramme
⏺ Ausgearbeitete Grundrisse, Schnitte
und Ansichten, Detail 1:10
⏺ Modell
⏺ Visualisierung

Die Layoutvorgaben der Professur sind zu


beachten.
9 Vorträge

Mi 06.03.19 Martino Tattara


Architekt, Dogma,
London

Mi 06.03.19 Elika Palenzona-Djalili


Wiss. Mitarbeiterin,
Asien-Orient-Institut,
Zürich

Mi 13.03.19 Sascha Roesler


Professor für Architektur,
USI Mendrisio

Mi 27.03.19 David Claerbout


Künstler, Antwerpen und
Berlin

Mi 10.04.19 Michael Hampe


Philosoph, Professor
D-Gess, ETH
10 Terminplan

1 Di 19.02.19 Einführung
24h-Entwurf
Mi 20.02.19 Präsentation
demokratischer Ent-
scheid, Planung und
Aufgabenverteilung
Modell 1:1, Bauprobe

2 Di 26.02.19 Modell 1:1, Bauprobe


Mi 27.02.19 Modell 1:1, Bauprobe
Besprechungen Projekt

3 Di 05.03.19 Modell 1:1, Bauprobe


Mi 06.03.19 Vortrag Martino Tattara
Besprechungen Projekt
Vortrag Elika Palenzona-
Djalili

4 Di 12.03.19 1. Zwischenkritik
Mi 13.03.19 Vortrag Sascha Roesler
Besprechungen Projekt

5 Mo 18.03.19 Seminarwoche
Sa 23.03.19 Bühnen in Wien

6 Di 26.03.19 Besprechungen Projekt


Mi 27.03.19 Vortrag David Claerbout
Besprechungen Projekt
7 Di 02.04.19 Besprechungen Projekt
Mi 03.04.19 Besprechungen Projekt

8 Di 09.04.19 2. Zwischenkritik
Mi 10.04.19 Vortrag Michael Hampe
Besprechungen Projekt

9 Di 16.04.19 Besprechungen Projekt


Mi 17.04.19 Besprechungen Projekt

10 Mo 22.04.19 Osterferien
Fr 26.04.19

11 Di 30.04.19 Besprechungen Projekt


Mi 01.05.19 Besprechungen Projekt

12 Di 07.05.19 3. Zwischenkritik
Mi 08.05.19 Besprechungen Projekt

13 Di 14.05.19 Besprechungen Projekt
Mi 15.05.19 Besprechungen Projekt

14 Mo 20.05.19 Letzte Woche


Fr 24.05.19

15 Mo 27.05.19 Abgabe Entwurf


Di 28.05.19 Schlusskritik
Mi 29.05.19 Abbau Modell 1:1
ETH Zürich
Professur für Architektur und Entwurf

Prof. Dr. Elli Mosayebi

Wissenschaftliche Assistenz
Lukas Burkhart
Theres Hollenstein
Matthew Phillips

Frühling 2019

mosayebi.arch.ethz.ch