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2020 Wasserfilter: Ein Professor bewirbt das "gute" Wasser - ohne Belege - DER SPIEGEL

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Werbung ohne Evidenz

Der Professor und das "gute" Wasser


Eine Firma verkauft Wasserfilter für Tausende Euro. Experten sprechen von Betrug.
Doch ein Hochschulprofessor wirbt dafür - ohne Belege. Ein Lehrstück, wie freie
Wissenschaft für Geldmacherei missbraucht wird.

Von Julia Merlot und Philipp Seibt


19.01.2020, 16∶55 Uhr

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Trinkwasser: In Deutschland kann man ein Leben lang bedenkenlos Leitungswasser trinken Lukas Schulze/ dpa

Der Werbefilm, der den Deutschen das Leitungswasser madig machen soll, ist
Minuten lang und simpel produziert. Professor Doktor Ingo Froböse beantwortet
Fragen zum Thema, die auf Texttafeln eingeblendet werden. Er trägt kurze,
grauweiße Haare, unter seinem schwarzen Oberteil mit Kragen schaut ein weißes
Hemd hervor. Im Hintergrund stehen Fitnessgeräte.

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Froböse ist Fachmann für Prävention und Rehabilitation im Sport an der


Deutschen Sporthochschule Köln, verrät ein Infotext. Das Logo der Universität
erscheint im Film. Zudem ist das Symbol des Vereins Wassertankstelle e.V. zu
sehen. Dieser hat sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, die Bevölkerung
über Wasser zu informieren. Ein Thema, für das sich auch Froböse begeistern
kann.

Im Video spricht er über die Nachteile und Gefahren, die Wasser angeblich hat,
wenn es aus dem Wasserhahn kommt. Es geht um Mineralstoffe im Leitungswasser,
die angeblich die Funktion des Körpers beeinträchtigen und der Gesundheit
schaden, um Medikamentenreste, Arsen und Blei. Dann präsentiert Froböse die
vermeintliche Lösung: den Wasserfilter von Wassertankstelle e.V. Das Gerät
befreie das Wasser von Schadstoffen, sodass es endlich bedenkenlos genossen
werden könne.

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Froböse im Video: "Es ist ein neutraler Film über Wasser" lasoKiel/ YouTube

"Wir arbeiten hier mit der Champions League zusammen, genau wie wir es auch
selber sind", sagt Froböse. Die Botschaft ist klar, hier wird ein Spitzenprodukt
verkauft. Allein: Der Professor kann seine Behauptungen auf SPIEGEL-Nachfrage
mit keiner einzigen wissenschaftlichen Studie untermauern. Ein Forscher der
Berliner Charité bezeichnet die Aussagen als "wissenschaftlich und medizinisch
völlig unhaltbar".

"Lassen Sie si h ni ht das Geld aus der Tas he ziehen!"


Verbraucherzentrale Hamburg

Auch die Verbraucherzentrale Hamburg warnt vor dem Geschäftsmodell der


Wasserfilterhersteller. Unseriöse Anbieter schürten "mit pseudowissenschaftlichen
Erkenntnissen Ängste, um dann ihre völlig überteuerten Messgeräte und

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Filtersysteme zu verkaufen." Verbraucher sollten sich nicht das Geld aus der
Tasche ziehen lassen.

Der Vorstand des Vereins ist auch Chef der Filterfirma

Wassertankstelle e.V. arbeitet mit dem Filterhersteller Truu zusammen. Dessen


Geräte kosten Euro. Sie werden an die heimische Wasserleitung
angeschlossen und sollen das Wasser reinigen. Verein und Firma sind dabei eng
verbandelt.

Der Vorstand von Wassertankstelle e.V. ist laut Vereinsregister Timo Krause, der
wiederum Geschäftsführer der Truu Partner Ltd. ist, eines Unternehmens mit Sitz
auf Zypern. Auf der Website von Truu wird Krause als CEO zitiert. Dass das
Konstrukt vor allem Geschäftsinteressen dient, zeigt sich bei einer
Infoveranstaltung der Wassertankstelle e.V. in Lübeck.

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Keimbelastung und Rückstände: Stiftung Warentest rät zu


Leitungs- statt Mineralwasser

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Warmes Wetter: Warum in Norddeutschland das Trinkwasser


knapp wurde Von Jörg Römer

In einem Raum mit roten Plüschsesseln erwartet die Besucher ein mehrstündiger
Vortrag. Rund Frauen und Männer sind gekommen. Einigen geht es offenbar
um die Optimierung des eigenen Körpers, andere sind wohl eher der Esoterikszene
zuzuordnen. Der Referent spricht im Allgemeinen über Wasser und die
Trinkwasserverordnung, die "Mineralwasserindustrie" und Rückstände im
Trinkwasser im Besonderen.

Nach einer kurzen Pause übernimmt derselbe Referent die Rolle eines
Unternehmensvertreters. Eben noch Redner für den Verein, stellt er nun die
Produkte der Firma Truu vor, etwa den Wasserfilter für zu Hause zum stolzen
Preis von Euro. Wer das Geld nicht auf einen Schlag hat, kann auch auf
Raten kaufen. Wissenschaftliche Studien, die eine positive gesundheitliche
Wirkung von gefiltertem Wasser zeigen, sind nicht Teil des Vortrags.

Sporthochschule Köln distanziert sich

Die Sporthochschule Köln ist eine Institution in Deutschland, wenn es um


Sportwissenschaften geht. Wissenschaftliche Standards, evidenzbasierte Forschung
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- solche Werte zählen hier etwas, sollte man meinen. Doch warum gibt sich die
Hochschule für solche Produkte und Aussagen her?

Auf SPIEGEL-Nachfrage distanziert sich die Hochschulleitung. Man unterstütze


weder die Wassertankstelle noch die dahinterstehende Firma Truu. Es bestünden
keine Verbindungen oder Verträge, und die Hochschule habe auch kein Geld
erhalten. Ein Antrag auf Drehgenehmigung für den Werbefilm mit Froböse sei
nicht gestellt worden.

Der Professor verteidigt seinen Einsatz für den Wasserfilter dagegen beharrlich.
Das Video sehe er nicht als Werbung, sagte er dem SPIEGEL. "Es ist ein neutraler
Film über Wasser im Allgemeinen." Die Firma Truu habe er nicht genannt. Hinter
dem Film stehe "der gemeinnützige Verein der Wassertankstelle, welcher sich zum
Ziel gesetzt hat, im Themenfeld des Trinkwassers aufzuklären. Und das halte ich
für sehr wichtig."

Lobendes Gutachten, Video mit Truu-CEO

Den Kontakt zur Wassertankstelle beschreibt Froböse als lose, er habe kein Geld
erhalten. Man habe ihn um Hilfe gebeten. Da er das Thema Wasser spannend
finde, habe er zugesagt. Mit fragwürdigen Geschäften wolle er nichts zu tun haben.
Der Film war allerdings nicht der einzige Einsatz des Professors für die
Wassertankstelle.

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Erst im Februar verfasste er ein lobendes Gutachten über den Truu-Filter.


Darin nennt er auch den Herstellernamen. Auf Facebook ist zudem ein weiteres
Video zu finden, in dem Froböse neben Truu-CEO Krause zu sehen ist, den er mit
Vornamen anspricht. In dem Beitrag richtet der Sportwissenschaftler ein Grußwort
an die Besucher einer von der Wassertankstelle organisierten Veranstaltung. Auch
die Adressaten duzt er.

Die Firma Truu erklärte auf SPIEGEL-Nachfrage, die Aussagen der


Verbraucherzentrale seien "unwahr und geschäftsschädigend". Derzeit würden
"anwaltlich entsprechende Schadenersatzforderungen" geprüft. Man schüre in
keinster Weise Ängste.

Unabhängige Experten sehen das anders. Eines der Hauptargumente der Firma ist,
Wasser müsse möglichst "rein" sein, damit es vom Körper gut aufgenommen
werden könne. Diese Auffassung vertritt auch Sporthochschulprofessor Froböse in
den Werbevideos. Er behauptet, sehr mineralstoffarmes Wasser könne
Abfallprodukte aus dem Körper besser abtransportieren.

"Was do t behauptet wird, ist wissens haf li h und


medizinis h völlig unhal bar"
Michael Fromm, Institut für Klinische Physiologie und Ernährungsmedizin der Charité in Berlin

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Für Laien mag das plausibel klingen, doch mit der Funktionsweise des Körpers hat
das nichts zu tun. "Was dort behauptet wird, ist wissenschaftlich und medizinisch
völlig unhaltbar", erklärt Michael Fromm vom Institut für Klinische Physiologie
und Ernährungsmedizin der Charité in Berlin. Er sieht gleich mehrere Fehlschlüsse
in der Argumentation.

"Das größte Missverständnis besteht darin, dass der Körper Wasser angeblich
unverändert aufnimmt und in sich kreisen lässt", erklärt Fromm. In Wahrheit
würden Wasser und Nährstoffe schon im Darm getrennt und durch
unterschiedliche Kanäle in den Körper transportiert. Das geschieht, bevor sie
wesentliche Funktionen im Körper überhaupt aufnehmen.

Konzentrationen "unseriös vernachlässigt"

Hinzu komme, dass der Körper nicht darauf angewiesen sei, dass der Mensch die
Nährstoffzufuhr im Detail regele. Was zu viel sei, scheide er selbstständig aus, was
er brauche, verwerte er, erklärt Fromm. Ohnehin gelange der Großteil der
Nährstoffe über die Nahrung in den Körper, nicht über das Wasser. "Jeder weiß,
dass wir drei bayerische Maß Flüssigkeit in kurzer Zeit trinken können, ohne dass
der Flüssigkeits- und Nährstoffhaushalt im Körper aus den Fugen gerät - wir
müssen dann nur öfter auf die Toilette."

Mit Blick auf die von der Wassertankstelle und Froböse erwähnte angebliche
Schadstoffbelastung gibt das Umweltbundesamt (UBA) Entwarnung. Zwar ließen
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sich Arzneimittelrückstände im Trinkwasser mit den verfügbaren


Aufbereitungstechniken derzeit nicht vollständig vermeiden. Die von der
Wassertankstelle angesprochenen Punkte seien jedoch sehr plakativ dargestellt.

In Berichten wie diesen würden die gemessenen Konzentrationen häufig "unseriös


vernachlässigt", so das UBA. Mit modernen Analysetechniken sei es heute
möglich, bereits sehr geringe Mengen aller möglichen Stoffe im Trinkwasser
nachzuweisen. "Es ist daher ein leichtes zu verkünden, dass unser Trinkwasser eine
Vielzahl an Stoffen enthält, die eigentlich nicht dort hineingehören."

Die Trinkwasserqualität in Deutschland ist sehr gut

Würden nennenswerte Schadstoffmengen im Trinkwasser gefunden, seien


Behörden und Wasserversorger verpflichtet, die Konzentration zu verringern. Das
gelte für Medikamentenrückstände gleichermaßen wie für Arsen, Blei, Chlor,
Uran, Nitrat, Nitrit und Pflanzenschutzmittel. Die Trinkwasserqualität in
Deutschland sei insgesamt sehr gut , man könne das Wasser ein Leben lang
gefahrlos trinken - ganz ohne Filter.

Wie die Sporthochschule Köln weiter mit dem Fall umgeht, war zunächst unklar.
Es sei nötig, "die Ordnung zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" zu
beachten, teilte die Universität mit. "Eine Prüfung bei Verdacht auf
wissenschaftliches Fehlverhalten könnte gegebenenfalls nur von einer
Untersuchungskommission vorgenommen werden."
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