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Joy Snell – Der Dienst der Engel

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Dieses ebook ist nur
zum nichtkommerziellen Gebrauch
bestimmt!
Joy Snell – Der Dienst der Engel

JOY SNELL
Der Dienst der Engel
diesseits und jenseits

Erlebnisse einer Krankenschwester


an Krankenbetten und Sterbebetten
7. Auflage 1994 TURM VERLAG – 74308 BIETIGHEIM

Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet durch Eduard Umbeck Alle Rechte an der
deutschen Obersetzung und Bearbeitung bei E. Umbeck sel., Verlag der Gesellschaft für
Geistforschung, Freiestr. 165, CH–8032 Zürich 7 (Schweiz)

Der Übersetzer Eduard Umbeck (1869-1971) hat diese Arbeit im Alter von 91 Jahren
(1960) ausgeführt, was auch einige sprachliche Eigenheiten erklärt. Nach vielen eigenen
Erfahrungen fühlte er sich verpflichtet, dieses Büchlein den deutschsprachigen Lesern
zugänglich zu machen.

ISBN 3 7999 0171


mir freundlicher Genehmigung Verkerke Management BV Amsterdam Holland
Turm Verlag, 74308 Bietigheim, Postfach 18 51

Einbandgraphik: Odilon Redon – Die Zeit

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

ZUR EINFÜHRUNG

Es erfüllt mich mit großer Freude, daß nun das gute Buch von Mrs. Joy Snell,
The ministry of angels, dem deutschen Leserkreis zugänglich gemacht wird.
Noch immer herrscht allgemeine Unkenntnis hinsichtlich der verschiedenen
psychischen Tatsachen, und der vorliegende Bericht, der sich auf viele
Beobachtungen stützt, vermittelt grundlegendes Wissen um die geistige
Bedeutung des Todes.
Öfter als man gemeinhin glaubt, findet man Personen, die durch ihre
psychischen Erlebnisse beunruhigt sind und befürchten, krank zu werden, sie
verstehen diese Dinge nicht, und erkundigen sie sich in ihrem Bekanntenkreise,
so können sie die richtige Aufklärung in der Regel auch nicht erlangen:
Darum ist das Bestreben, belehrende Werke auf diesem Gebiet
herauszugeben, sehr lobenswert, und ich wünsche diesem Band jeden Erfolg bei
der Verwirklichung dieser Ziele.
April 1960 Dr. Karl E. Müller

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

VORWORT DER VERFASSERIN

Dieses kleine Buch berichtet vom Dienst der Engel auf der Erde und vom
Leben in den anderen Sphären, jenseits dieser Welt, sowie es eine Frau erfuhr,
die, begabt mit seltenen psychischen Kräften, unter dem Beistand von Engeln
manches sehen durfte, was dem Großteil der Menschheit bis nach dem Tode
verborgen bleibt. Und da Engel sie ermunterten, anderen hiervon Zeugin und
Mittlerin zu sein, so mögen die Blätter hinausgehen in der bestimmten
Hoffnung, manchen unter den Millionen Menschen, die ihre Toten beklagen,
einen Trost zu bringen.

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Zwölf Jahre war ich alt, als mir bewußt wurde, daß ich Dinge wahrnähme, die
den meisten Leuten unsichtbar und ihrem Gehör unvernehmbar sind. Mit
meinem zwei Jahre älteren Bruder lebte ich, damals bei einer Tante in
Nordirland, während unser Vater als Hauptmann in Indien stationiert war. Eines
Nachts erwachte ich und stellte fest, daß das Zimmer hell erleuchtet war wie
von einer Flut von Sonnenstrahlen und durchflutet von herrlichen
Wohlgerüchen, wie sie duftende Blüten verbreiten, und dieser Duft hatte dazu
noch eine beglückende Wirkung, wie sie sonst von keinem mir bekannten
Parfüm ausgeht. Mit einem rauschenden Tön, wie von schwingenden Flügeln,
standen plötzlich zwei strahlende Gestalten mitten im Zimmer. Langsam
entschwanden sie, und das Zimmer wurde wieder dunkel. Ich glaubte meinen
baldigen Tod angekündigt. Eine Stunde oder vielleicht länger ging ich
klopfenden Herzens auf dem Flur umher und rang vergeblich, mich dem zu
fügen, was ich für unabwendbar hielt. Als ich endlich, etwas ruhiger, mich
wieder zu Bett legte, kam kein Schlaf, denn ich fürchtete, daß ich das Licht des
kommenden Tages nicht mehr schauen werde. Diese Todesangst quälte mich
drei bis vier Tage.
Eine wirklich liebe Freundin, eine zarte alte Dame aus Schottland, die
jedermann liebte und der alle vertrauten, bemerkte mein verstörtes Aussehen
und fragte mich, was mich bedrückte. Ich erzählte ihr von meiner Vision und
meiner Befürchtung, daß sie meinen Tod ankündige. „Habe keine Angst,
Liebling“, sagte sie. [5] „Diese Vision wurde dir keineswegs als Todeswarnung.
Du hast das, was man die psychische Gabe nennt, und du wirst vieles sehen,
was andere nicht sehen können.“ Sie erzählte mir noch, daß auch sie manche
Vision gehabt habe und ihr auch der Heiland erschienen sei. „Die sind gut
betreut, die Gott führt“, sagte sie, „und du hast nichts zu fürchten. Aber behalte
diese Dinge für dich. Bewahre sie als einen heiligen Schatz in deinem Herzen,
denn es gibt wenige, die dich verstehen würden.“

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Von da ab hatte ich das Gefühl, selten allein zu sein, und es wurde mir
bewußt, daß da irgend etwas Lebendes bei mir war, gütig, liebend, immer
bemüht, mich recht zu führen.
Ich begann, Melodien zu hören, die nicht irdisch waren, sondern aus
erhabener Ferne kamen. Oft konnte ich auch Stimmen hören zu Tausenden, die,
wie es mir schien, begleitet von den Tönen einer mächtigen himmlischen Orgel,
Loblieder sangen, manchmal laut und klar, wie mit Händen zu greifen, und
dann wieder nach und nach leiser, wie von ferne, bis es nur noch schwach zu
hören war. Dann schwoll es wieder an, jubilierend, triumphierend. Diese, wie es
mir schien, himmlische Musik zu allen möglichen Zeiten und allen möglichen
Orten – bei Tag oder bei Nacht, ob ich allein oder in Gesellschaft war, in und
außer dem Hause –, diese Musik hörte ich mit Unterbrechung von jeher. Mein
Bruder und einige vertraute Bekannte, denen ich ohne Gefahr, mich lächerlich
zu machen, davon erzählte, hörten diese Musik, auch wenn sie für meine Ohren
am schönsten und lautesten war, nicht. Es ist besonders der Eindruck der
beglückenden Freude, der diese Musik von menschlichem Musizieren
unterscheidet. Von aller irdischen Musik, die ich hörte, war keine auch nur
annähernd so fröhlich. Wenn man sie hört, empfindet man, daß sie Ausdruck
einer Stufe des Glücksgefühls ist, die hier nur selten erreicht werden kann.
Immer aber ist diese Musik, wenn ich sie höre, verbunden mit beglückendem
Duft, wie er damals den Raum erfüllte, in dem ich meine erste Vision hatte. Bis
etwa zum 18. Lebensjahre hatte ich keine Vision mehr. [6] Inzwischen war
mein Leben, ausgenommen, daß ich die schöne Musik und die unsichtbaren
Stimmen hörte, auch das Gefühl für den dauernd gegenwärtigen Schutz in
meiner Nähe hatte, das eines gesunden, hochgesinnten jungen Mädchens in
guten Verhältnissen. Ich war sehr glücklich in diesen Tagen. Meine
Freundinnen gaben mir den Spitznamen „Cheery“ (die Fröhliche). Eines
Nachts erwachte ich aus tiefem Schlaf. Der Raum, in dem es sonst kein Licht
gab, war hell erleuchtet, und neben meinem Bett stand meine liebste
Jugendfreundin Maggie. Sie redete mich mit meinem Namen an und sagte: „Ich
muß dir ein Geheimnis mitteilen. Ich weiß, daß ich in nächster Zeit in die
andere Welt hinübergehen werde, und ich bitte dich, mir bei dem Übergang zu
helfen und meine Mutter aufzurichten, wenn ich gehe.“ Ehe ich mich von
meinem ersten Schreck und Staunen erholt und eine Antwort hätte geben
können, löste sich die Erscheinung auf, und das Licht nahm langsam wieder ab.
Ich erzählte der lieben schottischen Dame, was ich gesehen hatte. „Vertraue
auf die Führung, die du haben wirst“, sagte sie, „wenn Maggie in deinem Arm
sterben soll, ohne daß du es suchst, werden die Umstände ergeben, daß du bei
ihrem Ende bei ihr bist.“
Eine Woche später wurde ich zu meiner Freundin nach Hause gerufen. Sie litt
an einer fiebrigen Erkältung, aber Anzeichen einer besonderen Gefahr waren
nicht zu bemerken. Sie hatte kein Gefühl eines bevorstehenden Todes, und es
wurde mir klar, daß sie auch keinerlei Erinnerung hatte an ihren Besuch in

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Geistform bei mir. Da liegt ein Geheimnis, für das ich keine Erklärung weiß. Im
Laufe meines Lebens habe ich manchmal Erscheinungen gehabt von Leuten, die
noch auf dem irdischen Plane lebten. Ich habe zu einigen von ihnen gesprochen
und einige von ihnen haben zu mir gesprochen, aber nachher stellte ich immer
fest, daß sie selbst keinerlei Erinnerung oder Bewußtsein von diesen Vorgängen
hatten.
Maggies Mutter war dringend zu ihrer schwerkranken Schwester gerufen
worden und hatte mich gebeten, während ihrer Abwesenheit bei ihrer Tochter
zu bleiben. Als ich drei bis vier Tage bei Maggie war, wurde sie plötzlich
ernstlich krank, und sie starb in meinem Arm, bevor der herbeigerufene Arzt
eingetroffen war. Das war der erste Todesfall, den ich erlebte. [7] Gleich
nachdem ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen, sah ich deutlich etwas wie Rauch
oder Dampf, der aus einem kochenden Wasserkessel aufsteigt, aus ihrem
Körper aufsteigen. Diese Ausscheidung stieg nur bis zu geringer Höhe auf und
nahm da eine Form an, die der meiner eben verstorbenen Freundin entsprach.
Diese Form, anfänglich schattenhaft, wurde dann deutlich und war bekleidet mit
einem perlweißen, schleierartigen Gewand, das die Körperformen erkennen
ließ. Das Gesicht war das meiner Freundin, aber mit einem Ausdruck von
Seligkeit, in dem nichts hinwies auf das frühere Leiden und den Todeskampf.

Ich wurde dann Berufspflegerin, und diese Berufung übte ich zwanzig Jahre
aus. Ich war Zeugin vieler Todesvorgänge, aber immer, sofort nachher, sah ich
die Geistform, in Erscheinung ein ätherisches Doppel der menschlichen Form,
Gestalt annehmend über dem Körper, in dem das Leben erlosch, und dann
verschwindend.
Als ich zwanzig Jahre alt war, kam mein Vater von Indien heim und kaufte in
Irland ein schönes Heim, wo er sich niederließ. Als Kind von drei Jahren hatte
ich ihn verlassen in Indien, als meine Mutter gestorben war. Aber obgleich nun
17 Jahre darüber hinweggegangen waren, waren wir uns doch nicht fremd. Er
war lange der Held meiner Mädchenträume gewesen, und in ihm fanden sie
reichlich ihre Erfüllung. Ich liebte ihn von Herzen, und diese Liebe erwiderte er
in vollem Maße. Wir waren immer zusammen und auch beste Freunde und
Kameraden. Mein Bruder war ganz das, was man von einem Bruder erwarten
kann. Zwei Jahre lang war mein Freudenbecher bis zum Rand gefüllt.
Mittlerweile nahm immer stärker das Gefühl zu etwas Unsichtbarem, Zartem,
Liebevollem, das mich immer beschützte. So eng verbunden, so wirklich schien
manchmal diese Beziehung, daß ich mir einbildete, ich fühle einen Hauch auf
meinen Wangen und ich höre in meinen Ohren ein Wispern, so daß ich mich
schnell umdrehen wollte in der sicheren Erwartung, jemand zu sehen. Dann
kam aber eine Wandlung. Ein Gefühl beherrschte mich, daß meinem Vater
etwas Schreckliches zustoßen werde. [8] Diese Ahnung bevorstehenden
Unglücks lag am schwersten auf mir, wenn ich mir am stärksten der Nähe
meines unsichtbaren Führers bewußt war. Damals hatte ich den Eindruck, daß

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

jemand sich bemühte, mich auf eine unabwendbare harte Prüfung


vorzubereiten. Aber mein Vater schien unverändert körperlich und geistig
frisch, und es schien gar kein Anlaß vorzuliegen für eine ihn betreffende
Befürchtung.
Etwa drei bis vier Wochen nach diesen traurigen Ankündigungen saß ich
eines Nachts am Fenster meines Zimmers und genoß die wohltuende
Oktoberluft und die erhabene Schönheit der Nacht, als ich plötzlich die Stimme
meines Vaters hörte, der mich beim Namen rief und mich bat, zu ihm zu
kommen. Dann verlor ich das Bewußtsein zu meiner Umgebung, und ich hatte
eine Vision:
Ich sah meinen Vater im Garten liegend im Gesellschaftsanzug und
anscheinend schlafend. Es war hellichter Tag. Von der Straße her näherten sich
zwei Freunde dem Hause. Es waren Dr. ..., unser Hausarzt, und sein Bruder. Sie
trugen die an ihnen gewöhnten Anzüge. Ich sah sie durch das Gartentor
eintreten und dann, als sie meinen Vater erblickten, auf ihn zueilen. Der eine
von ihnen hob seinen Kopf, und der andere, der Doktor, öffnete Kragen und
Krawatte und schob seine Hand an seine Brust. „Er ist gegangen“, hörte ich den
Doktor sagen, „er muß ohne jeden Schmerz hinübergegangen sein. Aber wer
soll die Tochter benachrichtigen? Ich kann es nicht!“ Die Vision erlosch, und
ich wurde mir wieder bewußt, daß ich immer noch am offenen Fenster saß. Ich
zündete ein Licht an und ging zu dem Schlafzimmer meines Vaters, öffnete
leise die Tür und lauschte. Ich hörte die regelmäßigen, tiefen Atemzüge eines
tiefen Schlafes. Ich trat ein und ging vorsichtig an sein Bett. Dort kniete ich
nieder und betete inbrünstig, daß mir mein Vater möge erhalten bleiben. Aber
ich verließ das Zimmer mit dem gleich schweren Herzen, so bestimmt war
meine Überzeugung, daß sich das, was ich in der Vision erlebte, bald ereignen
werde. [9] In jener Nacht ging ich nicht mehr zu Bett, denn die schreckliche
Angst, welche über mich gekommen war, verhinderte jede Möglichkeit von
Schlaf, aber am nächsten Morgen begrüßte ich meinen Vater lachend beim
Frühstück, denn ich war fest entschlossen, ihn von meiner Angst und
Verzweiflung nichts merken zu lassen, er aber war so aufgeräumt, zärtlich und
kameradschaftlich wie immer.
An diesem Nachmittag um zwei Uhr verließ er das Haus zu einem
Spaziergang, von dem er gegen vier Uhr zurücksein wollte, um mit mir den Tee
zu nehmen. Vor dem Fortgehen küßte er mich noch zärtlich, wie er es immer
tat, wenn er mich auch bei kurzer Abwesenheit verließ, ich aber fühlte, daß ich
nie wieder von diesen gütigen Lippen einen Kuß empfangen sollte und ging auf
mein Zimmer, den Schlag erwartend, der mich treffen sollte.
Kurz nach halb drei Uhr kam ein Diener und fragte mich aufgeregt, ob ich
wüßte, wo der Herr sei. Und etwas später kam der andere Diener und stellte mir
dieselbe Frage. Dann kam der Stallknecht eines Freundes vom Militär und
fragte mich, ob der Herr heimgekommen sei, hinzufügend, daß Captain ... ihn
zu sehen wünsche.

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Ich war überzeugt, daß sich die Vision erfüllt hatte, daß mein Vater tot sei
und daß diese Männer es wußten, aber sich scheuten, es mir zu sagen. „Mein
Vater ist nicht zurück“, antwortete ich, „aber warum sehen Sie so verstört aus,
Andrew? Haben Sie eine schlechte Nachricht für mich?“ – „Nein, Miß“,
antwortete er mit niedergeschlagenen Augen und stürzte davon. Er war kaum
fort, da kam Dr. ... herein. In dem Moment, als ich sein Gesicht sah, wußte ich,
daß er eine Todesnachricht brachte, aber Bedenken hatte, sie mir mitzuteilen.
Ich wollte ihm die Mitteilung leichter machen. „Sie kommen, um mir zu sagen,
daß mein Vater einen Unfall gehabt hat, oder schlimmer noch, daß er tot ist“,
sagte ich. – „Es hat ihn schlimm getroffen“, antwortete er, „und – und sie
bringen ihn gerade herein.“ – „Warum sagen Sie mir nicht die Wahrheit,
Doktor?“ sagte ich, „ich weiß, daß mein Vater uns verlassen hat.“ – „Ich sollte
es Ihnen nicht leugnen“, antwortete er stotternd, „er ist tot:“ Gleich darauf
brachte man den leblosen Körper meines Vaters herein.
Nach der Beerdigung fragte mich Dr. ..., woher ich so bestimmt gewußt hätte,
daß mein Vater tot sei, ehe man mir doch die Mitteilung gemacht habe. [10] Ich
erzählte ihm von meiner Vision, und er bestätigte mir, daß alles sich so
zugetragen habe, wie ich es gesehen hatte, daß auch sein Bruder und er genau
das getan und gesagt hätten, wie ich es gesehen und gehört hatte. Erst nach
seinem Tode erfuhr ich, daß er schon zwei Jahre vorher von seinem Leiden
wußte und daß er ihm jeden Augenblick erliegen könne. Aber gleich wie der
tapfere Soldat, der er war und reit demselben ruhigen Mut, der ihn durch alle
Schrecken des indischen Aufstandes begleitete, nahm er auch sein Todesurteil
entgegen und verbarg es vor seinen Kindern, damit ihr Glück nicht getrübt
werde.
Nach dem Hinscheiden meines Vaters nahm schwarze Verzweiflung von
meiner Seele Besitz. Mein Fühlen war wie versteinert. Selbst die Erleichterung
durch Tränen fehlte mir. Ich verhärtete mein Herz gegen Gott. Ich sagte mir:
Ein Gott wäre nie so grausam gewesen, mir meinen Vater zu nehmen, also gibt
es gar keinen Gott. Ich ging nicht mehr zur Kirche und überließ mich den
schwärzesten Gedanken. Sie hafteten um so mehr, als andere Sorgen dazu
kamen. Nach meines Vaters Tod stellte man fest, daß der angebliche Freund,
dem mein Vater sein Geld zur Verwaltung anvertraut hatte, es unterschlagen
hatte und daß für uns Kinder nichts blieb. Mein Bruder, entschlossen, für uns
beide eine Existenz aufzubauen, ging in eine britische Kolonie und kam dort
um. Mein Lieblingsonkel starb. Es kam zu einem Nervenzusammenbruch und
anschließender langer Krankheit. Überzeugt, daß das Leben mir nichts mehr zu
bieten habe, was es lebenswert machen könne, wies ich alle Versuche, mir Trost
und Hilfe zu bringen, zurück. Zwei Jahre nach meines Vaters Tod veranlaßte
mich ein Onkel, bei dem ich lebte, ihn zu einer Bekannten zu begleiten, die die
Leiterin eines großen Spitals war. Er hoffte, daß es mich veranlassen würde, den
Pflegerinnenberuf zu ergreifen, denn nur wenn meine Gedanken eine andere
Richtung nähmen, könnte ich wieder gesund werden. Die Oberin erlaubte mir,

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

jeden Tag an den Wachen teilzunehmen. Ich begann da die Arbeit der
Pflegerinnen zu beobachten, mit wieviel Hingabe, Geschick und Geduld sie
denen dienten, welche ihrer Pflege anvertraut waren und wie oft es ihnen
gelang, deren Leiden zu mildern. [11] Ich kam auf den Kontrast, der zwischen
meinem Leben, das für niemanden etwas leistete, und dem der Pflegerinnen
bestand. Da kam in mir das Verlangen, auch so zu wirken, aber ich fühlte mich
völlig untauglich, unwürdig dafür und unfähig, mich von den düsteren
Gedanken zu befreien, die so vollständig Besitz von mir genommen hätten.
Einige Wochen nach meinem ersten Besuch im Spital verließ ich es eines Tages
mit dem Gefühl, daß ich ein solch unnützes, unglückliches Leben, wie meines
geworden war, nicht länger ertragen könne, und ich nahm mir vor, auf
irgendeine Weise herauszukommen. Ich wanderte Stunden ziellos umher, setzte
mich hin und wieder und suchte nach Gründen, welche einen Selbstmord
zulassen. Der Kampf zwischen Lebenswillen und Selbstmord ging auf und ab,
zuletzt aber war ich der Überzeugung, daß es das beste sei für mich und die,
welche durch Beziehungen an mich gebunden waren, mich zu töten. Es blieb
mir nur noch die Art des Selbstmordes zu wählen. Während ich in meinen
Gedanken die verschiedenen Möglichkeiten herumwälzte, hörte ich den Refrain
einer bekannten alten Hymne. Ich merkte, daß ich an einer Kirche vorbeikam.
Ich fühlte mich unwiderstehlich veranlaßt, hineinzugehen. Es war zum ersten
Male seit meines Vaters Tod, daß ich ein Gotteshaus betrat. Die Hymne, welche
man gerade sang, war das Lieblingslied meines Vaters gewesen. „Jesus,
Geliebter meiner Seele.“ Oft hatte ich es mit ihm gesungen in den glücklichen
Tagen unseres Zusammenseins, welche so weit hinter mir zu liegen schienen.
Worte und Musik berührten eine Gefühlsquelle, die ich für längst erstorben
glaubte. Ich sank auf den nächsten Sitz, und meine Hände verdeckten den
Tränenstrom, der über meine Wangen rann.
Ich weiß nicht, wie lange es war, daß ich so blieb. Dann merkte ich, daß der
Gottesdienst beendet und ich in der Kirche, in der wenige Gaslichter brannten,
allein war. In meine Seele war etwas wie die Ruhe nach dem Sturm eingezogen.
Als ich aufsah, starrte ich zum zweiten Male auf die weißgekleidete Gestalt des
Heilands, umgeben von hellem Licht, das von seiner Person auszugehen schien.
Ich starrte kurze Zeit gebannt auf das unbeschreiblich zarte Liebe ausstrahlende
Gesicht. „Oh, hilf mir“, rief ich, „denn ich habe Angst vor dem Leben und darf
noch nicht sterben.“ [12] Der Heiland streckte mir in liebevoller Aufforderung
seine Hände entgegen, und in Tönen, wie sie keine menschliche Stimme geben
kann an Zartheit und Mitgefühl, sprach er zu mir: „Belastet und verstrickt in
Verzweiflung, ich will dich stärken und dir Arbeit geben für mich. Nun geh in
Frieden.“ Die Vision löste sich vor meinen Augen auf. Eine große Last schien
von meiner Seele genommen, und ich verließ die Kirche mit dem Entschluß, ein
neues Leben zu beginnen im Dienste für andere. Ich weiß nicht mehr, wie ich
nach Hause kam, aber spät in der Nacht kam ich zu mir und fand, daß die gute
Oberin über mich gebeugt war, während ich ganz angezogen auf dem Bett lag.
Sie war beunruhigt über meinen Zustand und rief meinen Onkel. Ich erzählte
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

ihm, was ich gesehen hatte. „Gott sei Dank“, rief er inbrünstig aus, „das wird
der Wendepunkt in deinem Leben sein.“

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Dieses unglückliche Leben, das, wie es mir schien, so lange gedauert hatte,
hatte in Wirklichkeit nur etwas mehr als zwei Jahre gedauert, schien nun ganz
von mir abgefallen zu sein. Meine Gedanken, die sich bisher nur um meinen
Kummer und mein Elend gedreht hatten, begannen in neue Kanäle zu fließen.
Ausblicke auf ein anderes Leben – ein Leben, das einigen Wert für andere
haben sollte – öffneten sich vor mir. Dieses Werk lag klar vor mir. Ich wurde
als Novize im Spital aufgenommen. Mit Lust tat ich die Pflichten, welche mir
zugewiesen wurden, und in dem Bestreben, Leiden der anderen zu mildern, fand
ich den Weg zum Sich-selbst-Vergessen. Die Gegenwart meines Führers wurde
bewußter und vollkommener meine Aufnahmefähigkeit für seine Führung. Oft
spürte ich, daß mir Hilfe wurde bei Aufgaben, die über meine Körperkräfte
gingen oder daß ich bewahrt wurde vor Fehlern in meinem Bemühen, armen
Leidenden zu helfen. Es war, als wenn gelegentlich sich eine Hand auf die
meine legte und sie energisch zurückzog. Andere Male schien eine Stimme in
mein Ohr zu lispeln: [13] „Tue das nicht, tue dies“, und ich wußte sofort, was
und wie ich es tun sollte. Es gibt da allerlei Phasen in der Spitalarbeit, von
denen der gelegentliche Besucher, der den Kranken in peinlich sauberen Betten
liegen sieht, nichts ahnt. Manches, was die Pflegerin zu sehen und zu tun
bekommt, ist zu abstoßend für eine Beschreibung. Drei Monate, nachdem ich
ins Spital eingetreten war, geschah es, daß ich in empfindliche Berührung mit
der häßlichen Seite der Arbeit einer Spitalschwester gebracht wurde. Es war ein
Fall, der die schrecklichen Folgen von Verkommenheit und Laster zeigte, der
mich mit Ekel und Übelkeit erfüllte. Ich wandte mich von dem Patienten mit
Ekel ab und sagte zu mir: ,Ich will, ich kann nicht – mich selbst beschmutzen
bei der Berührung mit diesem Mann.’ Da fiel eine Lichtflut auf mich hernieder,
und als ich aufsah, erblickte ich, über den Patienten sich neigend, die Gestalt
des Heilands. Er wandte sein Haupt zu mir, und seine Hand über den durch
Krankheit entstellten Sünder ausstreckend, sagte er: „Soviel du an diesen tust,
tust du an mir. In jedem Geschöpf, das dir anvertraut wird, sieh mich, und die
Arbeit wird leicht sein.“ Die Erscheinung, Vision oder Wirklichkeit, ver-
schwand. Ich aber ging wieder zu dem Patienten. Vorbei war alle Übelkeit und
Ekel, die ich kurz vorher noch empfunden hatte. Derartige Fälle gehörten zu
meinen Aufgaben während des Spitaldienstes, aber jedesmal, wenn ich solche
Opfer ihres sündigen Lebens zu betreuen hatte, hörte ich in mir wieder die
Worte: „Soviel du an diesen tust, tust du an mir.“ Und dann war die Arbeit
leicht. Die Pflichten der Schwestern sind oft hart und streng, aber während der
Jahre, da ich mein Leben als Schwester fristete, stärkten mich die obigen Worte
des Heilands.

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Zu der Zeit, als ich den Mann zu pflegen hatte, der aus seinem Leben ein
solch elendes, seelisches und körperliches Wrack gemacht hatte, wurde im
Spital ein Junge aufgenommen, dessen Bein bei einem Unfall gebrochen war.
Er gehörte nicht zu meiner Station, aber es zog mich stark zu ihm, denn er hatte
wohl die zarteste Art, die ich je bei einem Kinde fand, und er trug seine
entsetzlichen Schmerzen mit bewundernswerter Geduld. Eines Tages sagte er zu
mir: „Ich werde froh sein, wenn die Zeit gekommen ist, daß ich von all diesen
Leiden fort kann. [14] Mein Vater erwartet mich bei ihm.“ – „Wo ist dein Vater,
Kind?“ fragte ich ihn. – „Er ist mit den Engeln hinauf in den Himmel“,
antwortete er mit einem Lächeln auf seinem kleinen, blassen Gesicht. „Die
Engel holten ihn, und ich freue mich auf den Augenblick, wo sie mich abholen
werden, um mich zu ihm zu bringen, denn ich liebe ihn sehr.“ In der Nacht
darauf stand ich an des Kindes Bett, als ich eine schattenhafte, dunkle Form am
Fußende des Bettes bemerkte. Genau hinsehend, stellte ich fest, daß die Form
der eines menschlichen Wesens entsprach, doch undeutlich sichtbar, wie man
Personen durch dicken Nebel hindurch erkennt. Sie trug ein langes Kleid, und
ihr Gesicht war verhüllt. Ich streckte meine Hand aus, um es zu berühren,
konnte aber nichts fühlen, obgleich ich sah, daß es noch da war. Einen
Augenblick später verschwand es. Ich empfand etwas wie Furcht und hatte den
Eindruck, daß diese Erscheinung etwas Schreckliches bedeute. Bevor der
Morgen graute, starb der Knabe, wie ich am nächsten Tage erfuhr. Später sah
ich oft diese dunkle Gestalt am Fußende des Bettes bei Patienten, deren Zustand
bedenklich war. Mit der Zeit erkannte ich, daß das immer den baldigen Tod des
Patienten bedeutete. Seit jener ersten Erscheinung stellte ich bei jedem
Patienten, gleich ob es im Spital oder Privatpflege war, fest, daß diese Gestalt
erschien, wenn die Zeit für das Ableben gekommen war. Meist trat der Tod
dann zwei oder drei Tage später ein. Nicht lange, nachdem ich zum ersten Male
die dunkle Gestalt im Spital gesehen hatte, erschien mir in auffallendem
Gegensatz zu der verhüllten eine andere. Es war eine helle, jugendliche
Erscheinung, in ein wolkenartiges, strahlendes Gewand gehüllt. Zum ersten
Male erschien mir diese Gestalt, als ich bei einem Patienten wachte, dessen
Befinden bedenklich war. Sie stand am Kopfende, mit erhobenem rechtem Arm
und nach oben weisendem Zeigefinger, also der Haltung und dem Ausdruck, die
Hoffnung bedeuten, wenigstens war das der Eindruck, den ich davon hatte. Alle
meine Befürchtungen für den Patienten waren verscheucht. Sein Zustand
besserte sich dann sofort, und er war bald wiederhergestellt. Auch diese
Erscheinung erlebte ich später oft, und sie hatte auch immer die gleiche
Bedeutung. [15] So wie ich die schwarze Gestalt als den Verkünder des Todes
ansah, so betrachtete ich den anderen als den Verkünder wiedergewonnenen
Lebens. Ich will damit nicht gesagt haben, daß bei seinem Erscheinen der
Patient unter allen Umständen und ohne irgendwelche menschliche Hilfe
genese. Auf jeden Fall hatte für mich diese Erscheinung immer den Sinn einer
Aufforderung: „Hoffe und wirke!“ Auf mich wirkte sie auf jeden Fall, alle
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Anstrengungen zu machen, um die Heilung des Patienten zu fördern. Während


meiner ganzen Tätigkeit als Pflegerin habe ich nie einen Fall erlebt, daß der
Patient gestorben wäre, bei dem ich die strahlende Erscheinung gesehen hatte.
Das soll nicht zu der Annahme führen, daß in allen Fällen sich vor einer
Heilung diese Erscheinung gezeigt hatte. Sie zeigte sich nur, wenn der Zustand
des Patienten bedrohlich schien. Bei solchen, die mit ungefährlichen Leiden
oder Unfällen in meine Pflege kamen – und diese leichteren Fälle sind
glücklicherweise die Mehrzahl –, sah ich nie die Lichtgestalt. Aber bei jedem
Todesfall, der sich bei meinen Patienten ereignete, erschien vorher die verhüllt
dunkle Gestalt. Auch die besten Ärzte und besorgtesten Schwestern konnten
keinen retten, bei dem ich den Todesengel gesehen hatte. Im Spital habe ich nie
Ärzten oder Pflegerinnen erzählt, warum ich so sicher sagen konnte, der und
der Patient werde gesunden und andere sterben, weil ich davon überzeugt war,
sie Würden doch nicht glauben, daß ich Dinge sehen könne, die sie nicht sahen.
Aber ab und zu hieß es im Spital – wo man meine Vorhersagen von Heilung
oder Tod nachprüfte – unter den Schwestern und einigen Ärzten, daß ich eine
merkwürdige Gabe besäße, die mir erlaube, so etwas vorauszusagen. Oft baten
mich Schwestern, die schwere Fälle hatten, zu sehen, welche Aussichten auf
Heilung beständen. Manchmal erschien dann, wenn ich am Bett der Kranken
stand, entweder die verhüllte dunkle Gestalt oder die strahlende, und ich äußerte
mich dann entsprechend. Oft aber hatte ich keine Erscheinung, und dann wagte
ich nicht, eine Meinung zu äußern.
Im Spital gewöhnte ich mich an den Tod. [16] Da sah ich Leute sterben, die
ihn als Erlöser begrüßten von allem Leid, Plage und Sorge, als den Pförtner, der
ihnen das Tor öffne, durch das, befreit von allen körperlichen Beschwerden, ihr
Geist hinübergehen wird zu einer helleren, freieren Sphäre, wo sich die tiefsten
Wünsche ihrer Seelen erfüllen. Andere sah ich sterben, die, als Folge
körperlicher Abspannung und geistiger Ermüdung, unfähig schienen zu jeder
Art von Hoffnung oder Furcht und die dem Tode zugingen, vollständig
gleichgültig für das, was nachher kommen könnte.
Ich erlebte einige Todesfälle, die ruhig und friedvoll vor sich gingen, so
schön anzusehen, wie wenn ein kleines Kind einschläft. Andere sah ich im
leiblichen Todeskampf bis zum letzten Atemzug, und das war schrecklich
anzusehen. Noch viel schrecklicher war aber der Tod jener, die, wenn sie
merkten, daß ihr Ende nahe war, furchtbefallen waren in der Angst, was ihnen
nachher zustoßen würde und sich kämpfend an das Leben anklammerten und
beteten und bettelten, daß ihnen erlaubt sein möge, weiterzuleben.
Glücklicherweise waren solche Sorgen selten. Die meisten, die ich sterben sah,
gingen hinüber in einem Zustand von Betäubung, offenbar unfähig für irgendein
Gefühl oder eine Gefühlsäußerung. Aber ich stellte fest, daß oft, unabhängig
von dem körperlichen oder Gemütszustand des Sterbenden, kurz vor dem Ende,
diese jemand sehen Würden, der nicht zu den Umstehenden gehörte und auch
von diesen nicht gesehen wurde. Ich sah einmal eine Frau, die stundenlang im

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Coma, Schlafsucht, gewesen war und dann plötzlich ihre Augen öffnete mit
dem Ausdruck freudiger Überraschung, die Hände ausstreckte, als wenn sie
Hände erfassen wollte, die sieh ihr entgegenstreckten und dann wie mit einem
Seufzer der Befreiung verschied. So sah ich auch einen Mann, der sich in
Agonie herumwälzte, plötzlich ruhig werden und seine Augen mit einem
Ausdruck freudigen Wiedererkennens da, wo für die Umstehenden nichts war,
und mit Tönen freudigen Begrüßens seinen letzten Atemzug aushauchte. Da
kommt auch der Tod einer Frau in mein Gedächtnis zurück, die das Opfer einer
der bösartigsten Krankheiten, des Krebses war. Sie litt entsetzlich, und sie
betete inständig, daß der Tod bald kommen und ihren Todeskampf. beenden
möge. [17] Ihre Leiden schienen plötzlich aufzuhören, ihr kurz vorher noch von
Schmerz verzerrter Gesichtsausdruck wechselte plötzlich und zeigte verklärte
Freude. Aufwärtsschauend mit fröhlichen Augen hob sie ihre Hände und rief:
„Oh, liebe Mutter, bist du gekommen, mich heimzuholen! Wie glücklich bin
ich!“ Im nächsten Augenblick schon war ihr Leben zu Ende. Da kommt mir
auch noch ein anderer Tod aus derselben Zeit in Erinnerung: Da war ein alter
Söldner, der im letzten Stadium der Tuberkulose war, die er sich bei Kämpfen
seiner Abteilung zugezogen hatte. Er war tapfer und geduldig, aber er hatte
häufig unerträgliche Anfälle von Schmerzen, und er wünschte den Tod herbei,
der ihm allein Erlösung von den Schmerzen bringen konnte. In einem dieser
Anfälle waren seine Züge verkrampft im Kampf mit der Atemnot, als er
plötzlich ganz ruhig wurde. Ein kleines Lächeln kam in sein Gesicht, und
aufwärts schauend rief er mit einem frohen Ton in der Stimme: „Marion, meine
Tochter.“ Dann kam das Ende. Bruder und Schwester standen am Bett, und die
Schwester sagte zum Bruder: „Er sah Marion, seine Lieblingstochter. Sie kam
und holte ihn dahin, wo es keinen Schmerz mehr gibt.“ Und sie fügte noch mit
Inbrunst hinzu: „Gott sei Dank! Er hat nun doch Ruhe gefunden.“ Daran, daß in
solchen Augenblicken die Sterbenden Geistgestalten sehen – solche, die
kommen von der anderen Welt, um sie bei ihrer Geburt in die andere Welt zu
begrüßen –, daran habe ich nie gezweifelt, und es kam die Zeit, von der ich
später reden will, wo mir erklärt wurde, daß sie wirklich das sehen, was sie
angeben. Das ist nicht, wie manche annehmen, eine Schöpfung ihrer Phantasie,
auf welche sie so glücklich starren, sondern ein dienender Geist – ein Engel –
und zwar mit mehr ausgestattet an Leben und Vitalität als die, welche den
Wechsel noch nicht durchgemacht haben, der bei dem Tode einsetzt. Aber
gleich, ob die Todesfälle, welche ich beobachtete, friedvoll oder qualvoll
verliefen, ob der Sterbende jemanden aus der anderen Welt bemerkte, immer
sah ich sofort nach dem Tode, wie sich über dem toten Körper die Geistform
bildete, wie eine verherrlichte Gestalt der körperlichen Erscheinung. [18] Wie
qualvoll auch die letzten Stunden gewesen sein mögen, wie lange sich auch die
Krankheit in die Länge gezogen, wie verheerend sie gewesen sein mag, keine
Spur von Krankheit oder Leiden war in dem strahlenden Angesicht des Geistes
zu sehen. Geradezu auffallend war manchmal der Unterschied, den dieser
Anblick bot, gegenüber den menschlichen Zügen, schmerzverzerrt und
13
Joy Snell – Der Dienst der Engel

durchfurcht vom Leiden. Oft hätte ich den dabeistehenden Trauernden gern
etwas gesagt von dem, was ich gesehen hatte, aber ich tat es selten, weil ich das
Gefühl hatte, daß sie es nicht glauben würden, weil sie nicht an die Möglichkeit
glaubten, daß ich etwas sehen könne, das sie selbst nicht sähen. Bei solchen
Gelegenheiten hatte ich den heißen Wunsch, daß auch sie die verherrlichte
Gestalt wahrgenommen und mit dem Eindruck von dieser, für immer in ihrer
Erinnerung, das Sterbezimmer dessen, den sie betrauerten, verlassen hätten. Ein
kurzer Blick auf die strahlende Erscheinung würde dem Tod viel von seinem
Stachel genommen haben. Ab und zu, des bin ich sicher, habe ich mit meinem
Hinweis Trauer vermindern können.
Etwa sechs Monate nach meinem Eintritt in den Spitaldienst offenbarte sich
mir, daß Sterbende wirklich die sahen, welche vom Geisterreich gekommen
waren, um sie zu begrüßen bei ihrem Übertritt in eine andere Daseinsform. Das
erstemal bekam ich diesen sichtbaren Beweis bei dem Tode von L., einem
süßen Mädchen von 17 Jahren und Freundin von mir. Sie war das Opfer von
Auszehrung. Schmerzen hatte sie nicht, aber die innere Ermüdung, die von der
großen Schwäche und Hinfälligkeit kam, belastete sie sehr, und sie sehnte sich
nach dem Ende. Kurz vor ihrem Ende bemerkte ich zwei Gestalten, die zu
beiden Seiten des Bettes standen. Ich hatte sie nicht kommen sehen, sie standen
am Bett, als ich sie bemerkte, und ich sah sie so deutlich, wie ich alle
Anwesenden in dem Raum sah. In meiner Vorstellung nannte ich diese Wesen
aus einer anderen Welt immer Engel, und als von solchen will ich weiterhin
sprechen. Ich erkannte in den beiden zwei intime Freundinnen des Mädchens,
die gleichaltrig mit ihr ein Jahr vorher gestorben waren. Gerade bevor die
beiden erschienen, hatte das sterbende Mädchen gesagt: „Es ist so dunkel
geworden, ich kann gar nichts mehr sehen.“ Aber diese erkannte sie sofort. Ein
liebliches Lächeln glitt über ihr Gesicht. [19] Sie streckte die Hände aus und rief
in freudigen Tönen: „Oh, ihr seid gekommen, mich abzuholen! Ich freue mich,
denn ich bin so müde.“ Als sie ihre Hände ausstreckte, ergriff jeder der beiden
Engel deren eine. Ihre Gesichter waren leuchtend, und wie auch das Gesicht der
Sterbenden strahlend lächelte, die ja nun die Ruhe finden sollte, nach der sie so
verlangte. Sie sagte nichts mehr, aber für etwa eine Minute hielt sie die Hände
ausgestreckt, die von den Händen der Engel gehalten wurden, und sie sah sie
weiter an mit strahlenden Augen und dem Lächeln auf ihrem Gesicht. Vater,
Mutter und Bruder, die ersucht worden waren, zugegen zu sein, wenn das Ende
käme, begannen bitterlich zu weinen, als sie merkten, daß sie sie verlassen
werde. Von meinem Herzen aber stieg eine Bitte empor, daß sie sehen könnten,
was ich sah, aber sie konnten nicht. Die Engel schienen die Hände der
Sterbenden loszulassen, die dann auf das Bett zurückfielen. Ein Seufzer, wie
von jemand, der sich glücklich dem Schlaf hingibt, kam von ihren Lippen, und
dann war sie, wie die Welt sagt, tot. Aber das milde Lächeln, das auf ihr Gesicht
gekommen war bei dem Erkennen der Engel, blieb noch. Die Engel blieben am
Bett während des kurzen Augenblickes, bis die Geistform über dem toten
Körper sich gebildet hatte. Sie erhoben sich dann und blieben einige
14
Joy Snell – Der Dienst der Engel

Augenblicke neben ihr, die ihnen nun gleich war. Dann verließen drei Engel den
Raum, wo vorher nur zwei gewesen waren. Als die weinenden Angehörigen den
Raum verlassen hatten, öffnete ich das Fenster weit und blickte in die Nacht,
neugierig, wohin wohl die Engel gegangen seien und sehnsüchtig, auch dahin
gehen zu können. Da hörte ich eine Stimme, wohlklingend aber bestimmt. Und
diese Worte, die ich so deutlich vernahm wie nur irgendeine menschliche
Stimme, waren: „Noch nicht, deine Aufgabe auf der Erde ist noch nicht
beendigt.“
Oft, ja oft in den kommenden Jahren sah ich Engel weggehen mit
Neugeborenen, welche sie betreuten, und immer wieder kam bei mir das
Verlangen, mitgehen zu dürfen. Und manches Mal noch hörte ich die gleiche
Stimme: „Noch nicht, dein Werk auf Erden ist noch nicht vollendet.“ [20]
Ich konnte wenig tun, um den Kummer von Vater, Mutter und dem Bruder
des Mädels zu mildern, deren Tod mir die Gewißheit gebracht hatte, daß sie zu
den Engeln eingegangen und in einen glücklicheren Zustand gekommen war,
als man ihn auf Erden findet. Ich wagte nicht, ihnen zu erzählen, was ich
gesehen hatte. Sie hätten nie geglaubt, daß ich etwas sehen könnte, was sie nicht
auch sähen. Der letzte wäre der Vater gewesen, so etwas zu glauben. Er war ein
guter Mann, aber Atheist, und er war fest überzeugt, daß das Lächeln, das in ihr
Gesicht kam, als sie die Engel erkannte, die ihren Geist abholten, nur Störungen
der Einbildung waren, denn so bezeichnete er es mir gegenüber. Ich versuchte
gar nicht, ihm klarzumachen, daß er im Irrtum sei, weil ich wußte, daß es
zwecklos gewesen wäre. Aber er tat mir wirklich leid, da er jeden
Hoffnungsstrahl abwies, die inniggeliebte Tochter in einem anderen Leben
wiederzusehen, die tiefe Finsternis seines Kummers zu durchbrechen. Mutter
und Bruder hatten diese Hoffnung, und deshalb hatte ihr Kummer auch nicht die
Bitternis.

Glücklicherweise gibt es noch Menschen, die, obwohl sie selbst die Engel
nicht sehen können, welche von den Sterbenden so freudvoll erkannt werden,
doch glauben, daß es diese dienenden Engel gibt, die kommen, um die zu
empfangen, welche durch das Tor des Todes in das ewige Leben eintreten.
Einen Monat nach dem Tod des Mädchens, von dem ich im vorigen Abschnitt
erzählte, starb in demselben Spital ein Freund von mir. Es war Pneumonie,
welche ihn hinwegraffte. Er war ein guter und gottergebener Mann, für den der
Tod keine Schrecken hatte. Er war sicher, daß er: nach dem Übergang in ein
erhabeneres, glücklicheres Leben eintreten werde, als man es hier auf Erden
haben kann. Sein einziger Kummer war, daß er sein inniggeliebtes Weib allein
zurücklassen müsse, aber dieser Kummer war gemildert durch die Gewißheit,
daß er nur vorausgehe und daß sie sich eines Tages in einer besseren Welt
wiedervereinigen würden. Sie saß an seinem Bett, im gleichen Glauben mit ihm
ergeben das Ende erwartend. Etwa eine Stunde vor seinem Tode rief er sie beim
Namen und aufwärts zeigend sagte er: „Schau, L., da ist B.! Er erwartet mich.

15
Joy Snell – Der Dienst der Engel

Und nun lacht er und hält mir seine Hände entgegen. [21] Kannst du ihn
sehen?“ – „Nein, mein Lieber, ich kann ihn nicht sehen“, antwortete sie, „aber
ich weiß, daß er da ist, da du ihn siehst.“ B. war ihr einziges Kind, das ein Jahr
zuvor ihnen genommen worden war, damals etwa fünf bis sechs Jahre alt. Ich
könnte den kleinen Engel sehr gut sehen mit seinen blonden Locken und den
blauen Augen und bekleidet mit dem, was ich Geistkleid nenne. Das Gesicht
war das eines herzigen Kindes, aber vergeistigt und von einem Glanz, w i e ihn
irdische Gesichter nicht haben. Der Vater war sehr ausgepumpt durch die
Verheerungen der Krankheit, und die Freude, welche der Anblick seines Kindes
bei ihm auslöste, schien den Rest der Lebenskraft zu erschöpfen, die ihm noch
geblieben war. Er schloß die Augen und versank in einen tiefen Schlaf. So blieb
er noch etwa eine Stunde, während der das Engelskind über dem Bett stand mit
erwartungsvollem Blick in seinem strahlenden Gesicht. Ab und zu sah er
liebevoll zu seiner M u t t e r hinüber. Das Atmen des Sterbenden wurde immer
schwächer, bis es ganz aufhörte. Dann sah ich wieder einmal, was mir ja ein
üblicher Anblick geworden war, nämlich die Entstehung des geistigen Körpers
über dem aufgegebenen Körper. Als die Erscheinung vollständig war, ergriff
das Engelkind die Hand des Engelvaters, sie sahen sich beide mit großer
Zärtlichkeit an und mit einem Ausdruck von Freude und Glückseligkeit gingen
sie hinweg. Es war wirklich ein herrlicher Anblick. So erschien der Tod, den
ziemlich alle a l s etwas Furchteinflößendes, in Dunkel gehülltes Mysterium
ansehen, glückvoll und wohltuend, als der Kronbeweis der unendlichen,
barmherzigen und unergründlichen Liebe des himmlischen Vaters. Wäre nicht
die weinende Witwe dagewesen, hätte ich in die Hände geklatscht und vor
Freude gesungen. Aber ihr Kummer war nicht von der dunklen und bitteren Art,
wie er m i c h belastet hatte, als mein Vater starb und ich jeden Trost
zurückwies. „Ich bin sehr glücklich, daß mein lieber Mann B. sah, bevor er
starb“, sagte sie an jenem Abend zu mir. „Es war selbstverständlich, daß B.
kommen würde, um ihn abzuholen, denn sie liebten einander sehr. Und wenn
ich einmal abberufen werde, dann bin ich sicher, daß beide zu mir kommen
werden. Ich kann nun an sie denken a l s immer zusammen und glücklich.“
[22]
Nachdem ich das Spital verlassen hatte und mich als Privatpflegerin
betätigte, starb von den Patienten, welche ich pflegte, nicht einer, bei dem ich
nicht ein oder zwei Engel an seinem Bett darauf warten sah, die unsterbliche
Seele zu ihrem neuen Lebensplan zu geleiten, nachdem sie den sterblichen Leib
mit dem geistigen Leib ausgewechselt hatte. Die Engel, welche ich bei dieser
Gelegenheit sah, unterschieden sich in Form und Ausdruck genauso wie
Menschen, die einen mit jugendlichem Ausdruck, andere als hochbetagt. Aber
was immer die Gesichter der Engel unterschied nach Alter oder Rasse,
erglühten sie doch alle von etwas, das so fraglos Liebe, Zartheit und Güte
verkündete, daß sie alle schön anzusehen waren. Und ob nun die Erscheinung
einen langen Bart und weißes Haar zeigte, gaben sie keinen Eindruck von
körperlichem Verfall und Gebrechlichkeit, wie sie meist mit sehr hohem Alter
16
Joy Snell – Der Dienst der Engel

auf der Erde verbunden sind. Gleich, ob die Gesichter dieser Strahlenden
erkennen ließen, ob sie jung, als Erwachsene oder Greise diese Erde verlassen
hatten, machten sie doch den Eindruck einer Kraft und Lebendigkeit, wie sie
nirgend ein auf der Erde Lebender besitzt. Kurz, mir scheint, daß die, welche
wir als Verstorbene bezeichnen, weit mehr Lebendigkeit besitzen als die,
welche hier noch der Natur Rechnung tragen müssen. Immer oder fast immer,
wenn wartende Engel von den Sterbenden gesehen wurden oder auch nachher
bei ihrem Spirit sie dieselben als solche erkannten, die man glücklich ist zu
treffen auf Erden. Das weist meiner Meinung nach darauf hin, daß sie selbst vor
dem Übergang Verwandte oder Freunde derer waren, die sie erkennen. Das war
unabweisbar so, wenn der Sterbende, wie in einigen der Fälle, die ich beschrieb,
sie bei Namen nennt. Und so, wie wenn wir das Schiff nehmen, um in ein uns
unbekanntes Land zu reisen, wir glücklich sind, wenn wir dort Bekannte haben,
die kommen, uns bei der Landung zu grüßen und zu unserer neuen Wohnung zu
führen, so natürlich ist es auch, daß der erste, dem wir begegnen bei der
Überschreitung der Schwelle zu einer anderen Welt, jemand von denen sein
sollte, der uns lieb war und vorher hinübergegangen ist. [23]

Es sind nicht nur die Ärzte und das Pflegepersonal, welche den Kranken und
den Leidenden dienen. Engel dienen ihnen auch. Das durfte ich erfahren, als ich
im Spital tätig war. Eines Nachts schrieb ich bei verdunkelter Lampe am Tisch
mitten in dem Raum, wo ich Nachtwache hatte. (Die wenigen anderen
brennenden Lampen waren niedergeschraubt.) Als ich aufsah, sah ich eine
Gestalt, die sich an einem Ende des spärlich erleuchteten Raumes bewegte. Ich
dachte, ein Patient sei aufgestanden, aber als ich näherkam, bemerkte ich, daß es
ein Engel war. Die Erscheinung war groß und schlank, und die Gesichtszüge
entsprachen denen einer Frau mittleren Alters. Ich war zu der Zeit schon zu
vertraut mit plötzlichem Erscheinen solcher strahlender Besucher aus der
anderen Welt, um beunruhigt oder erschrocken zu sein. So stand ich und
beobachtete sie. Sie ging zu drei oder vier Betten, blieb bei jedem einen
Augenblick stehen und legte die rechte Hand auf den Kopf des Patienten.
Seither verging während meines Aufenthaltes im Spital selten ein Tag, daß ich
nicht diesen Engel gesehen hätte, der den Kranken diente. Meist, wenn ich
Nachtwache hatte, aber in den dunklen Stunden, und besonders denen vor der
Dämmerung, wenn die Lebenskräfte der Kranken am tiefsten sinken und sie
notwendig etwas brauchen, um die Vitalität anzuregen und den Schmerz zu
mildern. Offenbar verfügte dieser Engel über besondere Kräfte, mit denen er
gelegentlich den Patienten wirksam half. Und da ich das oft feststellte, nannte
ich ihn bei mir den Heilengel. Oft haben Patienten nach einer solchen
Behandlung am Morgen zu mir gesagt: „Oh, Schwester, ich fühle mich heute so
viel besser, ich hatte einen erfrischenden Schlaf.“ Gelegentlich sagten sie auch
von schönen Träumen, in denen sie bezaubernde Musik gehört hätten.
Manchmal war ich neugierig, ob es wohl auch Strophen der Himmlischen
gewesen, wie ich sie oft hörte. Niemand aber scheint wie ich den Engel gesehen
17
Joy Snell – Der Dienst der Engel

zu haben, der ihnen die Wendung gebracht hatte, für die sie so dankbar waren.
Aber nicht nur wenn die Patienten schliefen, wirkten diese Heilkräfte auf sie.
[24] Mehr als einmal sah ich den Engel die Stirn von Patienten berühren, die
vor heftigen Schmerzen stöhnten und seufzten, wenig später dann, von
Schmerzen befreit, in einen ruhigen Schlaf sanken, aus dem sie gestärkt
erwachten. Häufig habe ich nach dem Besuch des Heilengels festgestellt, daß
der Puls meiner Patienten regelmäßiger und die Temperatur ziemlich normal
war. Oftmals half mir der Heilengel bei der Pflege eines Patienten und führte
meine Hand, andere Male half er mir, wo es unmöglich schien, schwere und
hilflose Opfer von Krankheit oder Unfall zu heben. Der Heilengel war nicht der
einzige, den ich bei Patienten im Spital sah. Gelegentlich kamen und gingen
auch andere, mehr wie menschliche Besucher, nur war ihr Erscheinen plötzlich
wie auch ihr Weggehen. Aber nur vom Heilengel habe ich häufiger erfahren,
daß er Heilung brachte. Der Fall einer jungen Frau, die von einem schweren
Wagen überfahren und innerlich schwer verletzt worden war, gab mir den
überzeugendsten Beweis für die wirksame Hilfe des Heilengels. Der Arzt vom
Dienst hatte nach gründlicher Untersuchung den Fall hoffnungslos erklärt. Die
Frau war erst kurz in der Abteilung, ich stand an ihrem Bett und überlegte, was
ich tun könne, um ihre furchtbaren Schmerzen zu lindern, und dachte an die
beiden kleinen Kinder, welche so bald schon der Liebe und Sorge verlustig
gehen würden, als der strahlende Engel am Kopfende des Bettes erschien und
aufwärts zeigte. Nur kurz stand er da, aber meine Hoffnungslosigkeit wich einer
Hoffnung, wo es mir doch schien, daß kein Wunder diesen traurig zugerichteten
Körper am Leben erhalten könne. Eine Stunde später war ich dabei, ihr eine
kühle Kompresse auf den Kopf zu legen, als ich den Heilengel auf der anderen
Seite des Bettes bemerkte. Er streckte seine Hand aus und legte sie auf meine,
die die Kompresse auf der Stirn der Leidenden hielt. Die Berührung war so
sanft, und so zart, daß ich sagen möchte, „ich empfand“ es mehr als daß ich es
fühlte. Als er seine Hand zurückzog, hob er seinen Kopf und schaute mir in die
Augen. Das war nicht ein nach den üblichen Begriffen schönes Gesicht, aber
von einer Herzlichkeit und Zartheit, die weit anziehender sind als nur
Schönheit. „Sei guter Zuversicht“, sagte er, „sie wird gesunden.“ Das war das
erste Mal, daß der Heilengel zu mir gesprochen hatte, aber später sprach er öfter
zu mir solch hoffnungsvolle Worte. [25] Er kam noch mehrmals diese Nacht
und legte jedesmal seine Hand auf die Stirn der Patientin, aber bis zum Ende
meines Dienstes, morgens neun Uhr, hatte sich keine bemerkbare Änderung in
ihrem Zustand gezeigt. Die folgende Nacht behandelte der Heilengel sie wieder
verschiedene Male, worauf sie einen erfrischenden Schlaf hatte, aber als der
Arzt sie am Morgen sah, war er immer noch fest davon überzeugt, daß der Fall
hoffnungslos sei. Während er mit mir sprach, erschien der Heilengel und stand
ganz nahe bei uns, ebenso klar zu sehen wie der Arzt selbst, der, wie ich wußte,
ihn nicht sehen konnte. Als er wieder seine Ansicht ausdrückte, daß die Frau
nicht durchkommen könne, sah mich der Engel mit einem zarten Lächeln voller
Zuversicht an. Dadurch kühn gemacht, sagte ich zu dem Arzt: „Soweit wir
18
Joy Snell – Der Dienst der Engel

sehen können, scheint der Fall hoffnungslos, aber dennoch glaube ich, daß sie
davonkommt.“ „Unsinn, Schwester“, antwortete er, „unmöglich, daß jemand
durchkommt, der so schwere Verletzungen erhielt. Aber“, sagte er, „wir werden
natürlich alles für sie tun, was uns möglich ist.“ In der folgenden Nacht trat
dann eine merkliche Besserung in ihrem Zustand ein, und die Temperatur,
welche bis dahin sehr hoch war, sank. „Es scheint wirklich etwas besser zu
gehen“, sagte am folgenden Morgen der Arzt, „es kann aber auch nur eine
vorübergehende Besserung sein.“ Nacht für Nacht setzte der Engel seinen
Dienst bei ihr fort, und einige Wochen später fand man im Spital, sie könne
nach Hause entlassen werden. Sie war nicht so stark und kräftig wie früher, aber
sie war imstande, ihren Haushalt zu führen und den Kindern die nötige Liebe
und Pflege zukommen zu lassen. Im Spital betrachtete man diesen Fall als eine
Wunderheilung. „Ich hätte nie geglaubt, daß ich sie noch einmal auf Füßen
sehen würde“, sagte der Arzt, der wiederholt den Fall als hoffnungslos
bezeichnet hatte, „ich sehe ihre Wiederherstellung als reines Wunder an.“ [26]
Solange ich zum Spitalpersonal gehörte, mußte ich turnusmäßig Arbeit
außerhalb des Spitals leisten. Sie bestand darin, daß wir in dringenden Fällen
die zu Hause pflegten, welche zu arm waren, um solchen Dienst bezahlen zu
können. Wenn zu der kummervollen Last der Armut noch die schmerzliche
Krankheit kommt, dann ist das tiefste menschliche Elend erreicht. Es macht
mich heute noch schaudern, wenn ich zurückblicke auf die mannigfachen
Szenen, die ich als Pflegerin unter den Bewohnern des Slums erlebte. So sah ich
einen Mann in einer Ecke des Raumes im Sterben, während in einer anderen
Ecke auf einem ebenso verkommenen Behelf von Bett eine Frau einem Kinde
das Leben gab. Und das war in einem christlichen Land!
N. war im Überfluß aufgewachsen, hatte Universitätsbildung und verkehrte
in guter Gesellschaft. Aber sein Vater verlor kurz vor dem Tode in einem
Finanzkrach sein ganzes Vermögen, und statt daß er seinen Sohn für das Leben
versorgt zurückließ, wie er gewollt, ließ er ihn ohne einen Penny zurück und
schlecht gewappnet für den Lebenskampf. N. war zu dieser Zeit mit der
Tochter einer sehr guten Familie verlobt. Er löste das Verhältnis, weil er sie zu
sehr liebte, um ihr zuzumuten, sein Los mit ihr zu teilen. Zu stolz, um das
anzunehmen, was er als Almosen betrachtete, schloß er sich ab von denen,
welche ihn in guten Tagen gekannt hatten, und ging männlich daran, sein Leben
zu verdienen. In seinen beschränkten Verhältnissen konnte er nicht weit nach
einer Stelle suchen, und so ging er als Angestellter in ein kleines
Weißwarengeschäft. Er teilte seiner Braut seine Adresse nicht mit, weil er fand,
es sei auf die Dauer das beste, wenn sie annehme, daß er ihr gegenüber
gleichgültig geworden sei. So wollte er ihr helfen, ihn zu vergessen. Aber
zufällig entdeckte sie ihn in dem Laden, wo er angestellt war, und sie, eine edle
Seele, machte ihm klar, daß sie viel glücklicher sein werde, wenn sie seine
Armut teile, als wenn sie ohne ihn in guten Verhältnissen lebe. Sie heirateten
und mieteten zwei kleine Räume in einem Mietshaus. Unglücklicherweise war

19
Joy Snell – Der Dienst der Engel

sie körperlich nicht sehr stark. Sein kleines Gehalt genügte kaum, um den
nötigsten Lebensbedarf zu beschaffen. Sie wurde krank, und man mußte den
Arzt rufen. Neben den anderen Dingen, welche der Arzt verschrieb, ordnete er
für seine Patientin eine kräftigere Nahrung an, als N. sie aus seinen kleinen
Mitteln beschaffen konnte. Seine Arbeitszeit war schon lang, aber er versuchte,
mit Nebenbeschäftigung etwas hinzuzuverdienen. Aber auch so reichte es nicht,
um das zu besorgen, was der Zustand seiner Frau dringend erforderte. [27] Es
ging schlechter mit ihr. In seiner Verzweiflung fälschte er einen Scheck in,
einem kleinen Betrage. Auch dieses Geld war bald aufgebraucht. Er brachte es
nicht fertig, noch einen weiteren Scheck zu fälschen, weil ihn der Gedanke
quälte, daß er schon durch das Verbrechen, das er begangen hatte, eine Barriere
zwischen seinem Weibe und ihm errichtet hatte und daß er dadurch, obgleich er
es aus Liebe für sie getan, doch ihrer Liebe unwürdig geworden sei. Das
Herannahen der Zeit, wo man die Ankunft eines kleinen Neulings erwartete,
machte die Aussichten noch trostloser. In diesem kritischen Zeitpunkt
benachrichtigte der Arzt das Spital, und ich wurde in das Unglückshaus
geschickt, um die arme Frau zu pflegen. Nach und nach erfuhr ich die traurige
Geschichte (von der ich oben berichtete). Ich habe viel gesehen an Sorge,
Beschwerden und Elend, aber ich glaube, nie ist mir etwas so zu Herzen
gegangen wie das Los des armen N. und seiner Frau. Er hatte den bitteren
Gedanken, durch seine Unfähigkeit sei sein Weib so weit heruntergekommen in
ihrer Gesundheit. Dabei plagte ihn dann auch noch die Reue über seinen
Fehltritt, verschärft durch den Umstand, daß das Vergehen unentdeckt und ohne
Vergeltung blieb. Aber trotzdem bemühte er sieh, sehr liebenswürdig zu sein
um seines Weibes willen. Er sagte es mir nicht, aber ich wußte, daß er oft
hungrig fortging, damit er für sie eine kleine Delikatesse kaufen konnte. Sie
selbst bemühte sich, immer herzlich zu ihrem Manne zu sein und trug ihr
Leiden ohne Klage. Mit rührendem Lächeln sagte sie ihm, wenn er fragte, wie
sie sich fühle: „Ich bin sicher, daß es mir morgen wieder besser geht.“ Aber ihre
geringe Kraft schwand mehr und mehr dahin, und eines Nachts sah ich am
Fußende ihres Bettes die schwarze Gestalt mit verhülltem Gesicht. Da wußte
ich, daß ihr Ende nahe bevorstand. Aber das Bewußtsein, daß die herrliche
Neugeburt und das Ende aller ihrer Schmerzen, Schwäche und Krankheit
bevorstand, ließ mich den Tod für sie mit Erleichterung erwarten. Was mich
beängstigte war der Gedanke an den Schlag, der ihres Mannes Herz treffen
würde. Das Kind wurde totgeboren, und die Mutter folgte ihm bald nach in eine
bessere Welt. [28] Dann erlebte ich das, was schmerzlicher zu sein scheint als
stärkstes körperliches Leiden – den Zusammenbruch einer Seele. Seine Seele
lag vollständig frei vor mir. N. klagte sich selbst an, Schuld zu sein am Tode
seiner Frau. Weil er zu feige gewesen sei, den Kampf gegen die Armut allein zu
bestehen, habe er ihr Angebot angenommen, sie mit ihm zu teilen, und damit
habe er ihren Tod verschuldet. Er habe Fälschung begangen und habe gezeigt,
daß er einer der verächtlichsten Lumpen sei. Dann kam ihm das Bewußtsein
seiner verzweifelten Lage. Wie sollte er das weitere Leben ertragen, das ihrer
20
Joy Snell – Der Dienst der Engel

großen Liebe beraubt war? Das könne er nicht, er wolle dem Leben, das ja doch
nur Elend für ihn bedeutete, ein Ende machen. Aus eigener Erfahrung konnte
ich nachfühlen, und ich wußte auch, wie nutzlos es sein würde, wollte ich ihm
mit den üblichen Tröstungsversuchen der Religion kommen. Sage ihm, daß sein
Weib zu einem fernen Himmel aufstieg, wo sie friedvoll und glücklich sei! Wo
sie sich vielleicht eines Tages wiedersehen würden und wiedererkennen. Wo sie
dann vielleicht feststellen würden, daß die Bande der Liebe, welche sie auf
Erden verbunden hatte, noch bestanden! Ich wußte, was so besonders sein Herz
verzweifeln ließ, es war der Gedanke daran, daß er nun vielleicht noch ein
langes Leben hinbringen müsse ohne ihre Liebe, Kameradschaft und
Anteilnahme, daß keine Botschaft von ihr durch die Barriere dringen könne, um
sein hungerndes Herz zu erreichen. Religion war für ihn mehr das, was ihn an
Pflicht, Edelsinn und Selbstlosigkeit mahnte, aber daß sie keinen Grund liefere
für eine Hoffnung auf das, wonach sein Herz, wie unter gleichen Umständen
jedes Herz begehrt. Ich hörte die Stimme: „Erzähle ihm etwas von dem, was du
weißt über die Engel und ihren Dienst. Er wird dir glauben.“ Ich erzählte ihm,
daß ich die verherrlichte Geistform über dem ausgemergelten Erdenkörper
gesehen hatte, auch, daß die sogenannten Toten oft in der Lage seien, zu ihren
Lieben auf der Erde zurückzukehren. Ich sagte ihm auch, daß ich oft Engel
gesehen hatte, die menschlichen Wesen geholfen hatten. [29] Auch machte ich
ihn darauf aufmerksam, daß, wenn er glaube, bei Selbstmord in eine andere
Existenz hinüberzuwechseln, das aber nicht die Sphäre sei, wo sich sein seliges
Weib befinde, ihre Heimat gefunden habe, und daß es sehr lange dauern könne,
ehe er, wenn er Selbstmord begangen habe, zu ihrer Sphäre aufsteigen könne.
Ob ich denn ihre Gegenwart gelegentlich feststellen könne, meinte er, und ob
ihre Gedanken mich erreichten und ich solche hinauf senden könne. Ich
versicherte ihm, daß er all das verwirklichen könne, aber vorher müsse er seinen
Glauben an Gott wiedergewinnen, mit Beten würde er sich selbst von den
trüben Gedanken, die von ihm Besitz genommen hätten, befreien und die
Fenster seiner Seele wieder für die göttliche Liebe öffnen. Dann werde er auch,
wenn allein, sich bewußt werden der Gegenwart und der Mitteilungen seines
Engelweibes, Mitteilungen, die er vielleicht nicht als Worte hören, sondern in
seiner Seele deutlich verstehen werde. Bevor ich ihn verließ, hatte er alle
Gedanken an Selbstmord aufgegeben, und war auch in ihm das Bewußtsein
geweckt, daß sein Leben nicht einsam und trostlos, wie er geglaubt hatte,
verlaufen werde. Schon nach einigen Tagen erzählte er mir, daß er die
Gegenwart seines Weibes festgestellt habe, die ihm Worte des Friedens und der
Stärkung in die Seele gebracht habe. Aber die große Belastung, die auf ihm
gelegen hatte, verbunden mit vermehrten Überstunden, führten zu einem
Nervenzusammenbruch. Dann kam er einige Zeit in meine Pflege. Häufig sah
ich während der Pflege sein Weib an seinein Bett und ihn behandeln. Sehen,
wie ich es lebhaft wünschte, konnte er sie nicht, aber er erzählte mir, daß er ihre
Gegenwart fühlen könne. Nach seiner Gesundung blieb ich noch einige Zeit in
Verbindung mit ihm. Mehr und mehr wurde ihm die Gegenwart und
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Kameradschaft seiner Frau bewußt. Wie er mir sagte, wurde ihm nicht nur das
Bewußtsein, die Gewißheit ihrer Liebe und Zuneigung, sondern sie brachte ihm
auch heilige und erhebende Gedanken von Gottes unendlicher Liebe und
Barmherzigkeit. Das Geld von dem gefälschten Scheck zahlte er anonym
zurück, und er half anderen, die in Not waren, mit Rat, Mitgefühl und Güte,
auch mit Geld, wenn er dazu in der Lage war. Manche wurden bessere
Menschen, seit sie ihn kennenlernten. [30]

Viele Personen haben, wie ich glaube, ihnen selbst unbewußt, irgend etwas
von dem, was man gewöhnlich psychische Gaben nennt, so daß sie nach
Ausbildung ihrer Gaben Verbindung aufnehmen können mit denen, welche
durch den Tod in einen anderen Zustand eingetreten sind. Davon können
manche sie sehen, andere sie hören und besonders Begabte sie sehen und hören.
Andere wieder, die sie nicht sehen oder hören, können ihren Einfluß verspüren.
Ich glaube in der Tat, daß die meisten Leute so beeinflußt sind, daß aber
verhältnismäßig wenige es merken. Das Empfinden für solchen Einfluß kann
entwickelt werden und ist dann eine der größten Wohltaten.
Als ich nach meinem Austritt aus dem Spital Privatpflege übernahm, kam ich
zu einer alten Dame, die an einer schmerzhaften inneren Krankheit litt,
unheilbar, außer durch eine Operation, die aber in Anbetracht ihres hohen Alters
zu gefährlich war. Sie war Witwe und lebte mit ihrer Tochter zusammen. Sie
trug, ihr Leiden mit großem Mut, klagte nie, aber der Kummer der Tochter war
herzbrechend, als sie erfuhr, daß ihre Mutter bald von ihr genommen werde. Die
Tochter war eine gute und fromme Person. Sie hatte den Glauben, daß ihre
Mutter Ruhe und Glückseligkeit im Himmel finden werde. Neben dem
Gedanken, daß sie so allein sein werde, wenn die Person, welche sie so herzlich
liebte, Abschied von ihr genommen hatte, war es die Überzeugung, daß
zwischen der Mutter im Himmel und ihr auf der Erde jede Verbindung
unmöglich sei, was ihr das Leben, das noch vor ihr lag, schrecklich erscheinen
ließ.
Um ihr zu erklären, daß eine Verbindung wohl möglich sei, erzählte ich ihr
einiges von meinen Erlebnissen mit dienenden Engeln, aber ihre religiöse
Überzeugung stand zu tief im Widerspruch zu meinen Angaben. „Ich würde das
gerne glauben, aber ich kann nicht. Wenn es Tatsache wäre, daß Verstorbene
gelegentlich auf die Erde zurückkommen können, dann wüßten unsere
Religionslehrer doch auch davon und hätten uns davon berichtet. Es ist zu
schön, um wahr zu sein. Wir sind nicht in der Lage, von Engeln besucht und
von ihnen betreut zu werden.“ Da kam die Zeit, wo das Ende nahe war. Die
Mutter war zeitweise bewußtlos, und die Tochter kniete neben dem Bett und
weinte, das Gesicht in den Händen vergraben. Auf einmal sah ich zwei Engel,
die zu beiden Seiten des Bettes standen. [31] Das Gesicht des einen erschien als
das eines Mannes von etwa 60 Jahren, Kopf und Barthaar stahlgrau. Seine
Gesichtszüge aber zeigten ein gewisses Etwas, Unbeschreibliches, von jener

22
Joy Snell – Der Dienst der Engel

überströmenden Kraft und Lebendigkeit, die von allen Engelsgesichtern


ausstrahlt, gleich ob sie auf Jugend oder Alter hinweisen. Das Gesicht des
anderen Engels zeigte eine Frau an, die zehn bis fünfzehn Jahre jünger erschien.
Da öffnete die Sterbende die Augen, und sie verrieten das glückliche Erkennen,
das ich ja schon oft bei denen beobachtet hatte, deren Geistkörper im Begriff ist,
sich von der Erdbindung zu lösen. Sie streckte beide Hände aus. Jeder der
beiden Engel ergriff eine ihrer Hände, während ihre strahlenden Gesichter von
der Begrüßungsfreude leuchteten für die, welche ihren irdischen Lebenslauf
beendet hatte. „Oh, Willy“, rief sie aus, „ihr seid endlich gekommen, um mich
heimzuholen, und wie bin ich froh, denn meine Schmerzen waren groß, und ich
bin so müde.“ Dann fügte sie hinzu: „Und auch du, Martha!“ Mir dem freudigen
Licht in ihren Augen blieben ihre Hände noch etwa eine halbe Minute
ausgestreckt, dann schienen sie dem Griff des Engels zu entgleiten. All ihre
Leiden waren vorüber. Die Tochter hob, als sie die Stimme der Mutter hörte,
ihren Kopf, und ihre tränenverschleierten Augen schienen etwas von dem
frohen Erstaunen in den Augen ihrer Mutter widerzuspiegeln. „Jetzt kann ich
nicht mehr länger zweifeln“, sagte sie zu mir, nachdem ihre Mutter den letzten
Atemzug getan hatte. „Ich weiß, daß Mutter den Vater und ihre Schwester,
Tante Martha, sah. Ich weiß, daß sie kamen, um sie abzuholen in die
himmlische Ruhe.“ Gespannt hörte sie mir zu, als ich ihr etwas mehr erzählte.
von dem, was ich gesehen hatte von dem Abgang der beiden Engel mit ihrer
Engel-Mutter. „Ich glaube es“, rief sie aus, „ach, wenn ich das doch auch hätte
sehen können.“ Ich sagte ihr, daß sie eines Tages selbst ihre Mutter als Engel
sehen werde. „Ja, jetzt glaube ich auch, daß das möglich ist“, sagte sie. Dieser
Gedanke tröstete sie stark, und die Bitternis über den Verlust wich einem
Gefühl der Ergebung, erhellt durch eine große Hoffnung. Diese Hoffnung
erfüllte sich bald, denn die Tochter besaß, unbewußt für sie selber,
außergewöhnliche mediale Gaben. [32] Während etwa zwei Jahren nach dem
Tode ihrer Mutter, sah ich sie ab und zu, und sie konnte mir versichern, daß
anstelle der früheren Hingabe an den Gedanken eines Verlustes der
Gemeinschaft mit ihrer Mutter, ein seelenvollerer Sinn für diese Verbundenheit
getreten sei, als sie diese zu Lebzeiten der Mutter gehabt habe. Sie fügte hinzu,
das sei eine wirksamere Himmelsführung gewesen, als wie die Mutter sie ihr zu
Lebzeiten hätte vermitteln können. „Zeitweise vermisse ich sie arg“, sagte sie
mir einmal, „aber wenn ich dann von Zweifeln und Unruhe geplagt bin, kommt
sie zu mir und bringt mit Stärkung und Frieden, weil sie meine Gedanken zu
Gott lenkt.“ Ihre beiden Brüder, die zu der Zeit, als die Mutter starb, in der
Fremde lebten, kamen bald darauf heim. Auch diese beiden entwickelten
ähnliche mediale Gaben wie ihre Schwester. Auch sie sahen ihre Mutter und
sprachen mit ihr. Gleichzeitig machten sie aber auch sonst so bedeutende
Fortschritte, daß ihre Freunde darauf aufmerksam wurden und die Ursache
davon wissen wollten.
Im Laufe meiner Arbeit als Pflegerin konnte ich verschiedene Personen
beobachten, denen durch Engelhilfe große Belastungen weitgehend erleichtert
23
Joy Snell – Der Dienst der Engel

und Elend und Verzweiflung in Frieden und Hoffnung gewandelt wurden.


Vielleicht der bedeutendste Fall dieser Art war die glückvolle Wandlung, die
sich bei einem krüppelhaften Mädchen von 16 Jahren vollzog, die so gut wie
keine Beine besaß. Sie war das einzige von mehreren Geschwistern, das
mißgestaltet war. Die Eltern schienen sich wegen ihrer Krüppelhaftigkeit zu
schämen und schenkten ihr wenig Zuneigung. Sie kam nie aus dem Hause, und
die Nachbarn ließ man soweit wie möglich nichts von ihrer Existenz wissen. Sie
hatte nicht schreiben und lesen gelernt, hatte auch keine religiöse Belehrung
erhalten. Ich hätte von ihr nie etwas gewußt, aber eine schwere Krankheit in der
Familie brachte mich in das Haus für sechs Monate. Mein Herz wurde ergriffen
bei dem Anblick ihres rührenden Gesichts und ihrer liebeheischenden Augen.
Zuerst erschrak sie vor mir, wie vor allen Fremden, denn die Vernachlässigung,
mit der man sie behandelte, hatte sie zu der Annahme verführt, daß ihr Anblick
alle abstoße. [33] Natürlich vermehrte das mein Mitleid mit ihr, und ich setzte
alles daran, die Schranke ihrer Empfindlichkeit und Furchtsamkeit zu
beseitigen. Da hatte ich bald Erfolg, denn ihr verarmtes Herz hungerte nach
Zuneigung. Als ich etwas Vertrauen und Liebe bei ihr gewonnen hatte, begann
ich ihr etwas von der Liebe Gottes und von Jesu Wirken auf der Erde zu
erzählen. Sie hörte gierig zu, wie eine Pflanze, die am Absterben ist in einem
ausgetrockneten Boden und wieder auflebt, wenn der Regen auf sie fällt, so
schien ihre Seele, die so lange in geistiger Verkümmerung und Unwissenheit
gelitten hatte, zu erwachen und sich in der Sonne göttlicher Liebe zu
entwickeln. „Erzähle mir doch noch! Erzähle mir doch noch mehr!“ rief sie oft
mit froher Erwartung in den großen Augen, wenn ich ihr von dem Dienst der
Engel gesprochen hatte und daß sie später auch so ein Engel sein werde.
„Werde ich dann auch gehen können wie andere?“ fragte sie mich. – „Ja“,
antwortete ich, „wenn du in ihre Welt hinübergehst, wirst du einen schönen
geistigen Leib haben, vollkommen und frei von allem Leid und Beschwerde.“ –
„Oh“, rief sie aus, „wenn ich doch auch die leuchtenden Engel sehen könnte,
dann würde ich mich nicht mehr so verlassen fühlen.“ Ich antwortete ihr, daß
sie dieselben wohl eines Tages sehen und auch hören werde, wenigstens würde
sie fähig werden, ihre Anwesenheit zu fühlen. Auch sie besaß seltene latente
Kräfte. Mir schien, sie müßten nur in ihrer geistigen Natur geweckt und
weiterentwickelt werden, um ihr die Wirklichkeit des Engeldienstes zu
offenbaren. Ich war gut einen Monat in dem Hause, als sie mir erzählte, daß sie
im Traum die „strahlenden Engel“ gesehen habe. Sie sah sie dann mehrere
Nächte im Traum und gewöhnte sich daran, den Schlaf zu erwarten, damit die
Träume ihr wieder Freude und Kraft brachten. Als ich dann eines Morgens in
ihr Zimmer ging, um zu fragen, wie sie geschlafen hatte, saß sie im Bett
aufrecht, mit Augen voller Entzücken, und sie klatschte in die Hände. „Was
denken Sie? Was denken Sie?“ rief sie freudestrahlend, „ich habe einen von den
strahlenden Engeln gesehen!“ – „Im Traum?“ fragte ich. – „Nein, kein Traum,
es war Wirklichkeit“, antwortete sie. „Der Engel stand an meinem Bett, da, wo
Sie stehen.“ – „Und was sprach der Engel zu dir?“ – [34] „Er sprach mit mir
24
Joy Snell – Der Dienst der Engel

über Gottes Liebe, so wie Sie, und ließ mich fühlen, daß Gott mich wirklich
liebt. Er erzählte mir auch, daß ich auch ein strahlender Engel sein werde, und
daß ich dann mich gleich bewegen könne wie er. Oh, ich bin so glücklich, da
ich weiß, daß das alles wirklich und wahr ist.“ Sie klatschte mit den Händen, ich
ebenfalls, und ein Dankgebet stieg aus meinem Herzen auf dafür, daß ihr die
Kameradschaft der Engel versprochen war und daß diese ihr größere Hilfe und
Frieden bringen würden als irgend irdische Freude. Dann verging kaum ein Tag,
solange ich bei dieser Familie blieb, an dem sie mir nicht erzählt hätte, daß sie
Engel gesehen und mit Ihnen gesprochen habe. Ich lehrte sie lesen und
schreiben. Sie lernte schnell. Sie las sehr gerne in der Bibel, und sie sagte mir,
daß die Engel gewöhnlich zu ihr über das sprachen, was sie da gelesen hatte, ihr
alles erklärten und ein großes Glücksgefühl vermittelten. Diesen Engeldienst
erlebte sie bei Tag und bei Nacht. Oft hörte sie auch, wie sie mir sagte,
wundervolle Musik, wahrscheinlich die gleiche, wie ich sie höre. Diese
Offenbarungen verursachten einen großen Wandel in ihr. Die bei ihr zur
Gewohnheit gewordene Niedergeschlagenheit wich einer stillen Freude, die
etwas Ansteckendes hatte, so daß ihre Eltern, die sie bisher gemieden hatten,
anfingen, Freude an ihrer Gesellschaft zu finden. Aber sie hatten keinerlei
geistige Einstellung. An den Dienst der Engel konnten sie nicht glauben. Sie
waren überzeugt, daß sich die Tochter das nur einbilde, was sie angeblich sehe
und höre. Aber da es sie glücklich mache, solle man sie. dabei lassen, ihren
Wahnvorstellungen – wie sie es nannten – nachzugehen. Ihr Vater und ihre
Mutter hatten eines Tages gerade mit mir über diese Dinge gesprochen und sie
als gegen den klaren Verstand verstoßend bezeichnet, als uns etwas veranlaßte,
in das Zimmer der Tochter zu gehen. Dort sah ich einen strahlenden Engel über
sie gebeugt, und da ich bald das Haus verlassen würde, benutzte ich die
Gelegenheit, den Angehörigen etwas in ihre Unwissenheit und Blindheit
hineinzuleuchten, bestätigte, daß auch ich den Engel sähe und beschrieb dessen
Erscheinung. „Oh, wie bin ich froh, daß Sie den hellen Engel genauso sehen wie
ich“, rief die Tochter aus, „nun wissen Vater und Mutter doch, daß es keine
Einbildung ist.“ [35]
Ich war besorgt, als ich sie verließ, denn sie war ein sehr lieber und zarter
Charakter geworden. Sie weinte, als ich von ihr Abschied nahm, und sie sagte,
sie werde mich sehr vermissen. „Aber du wirst dich nie wieder allein fühlen wie
früher“, sagte ich. „Immer werden dich Engel trösten.“ – „Ja, ich weiß das“,
antwortete sie fröhlich, „sie haben mir versprochen, daß sie mich nie mehr
verlassen, solange ich lebe, und daß ich nachher immer mit ihnen zusammen
sein werde.“
Das Bewußtsein, bei vollem Verstande, von der Nähe des Todes, läßt, glaube
ich, mehr als sonst irgend etwas, bei Mann und Weib den wahren Charakter
hervortreten. Es scheint mir, daß in dieser Zeit die Seele alles auf die Seite
schiebt, was bisher ihre wahre Natur verbergen half, sie erkennt sich selbst, ob
schön oder abstoßend. Und ihr wahres Gesicht enthüllt sie, wohl mehr als dem

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Arzt oder Geistlichen, auf deren Besuch sie gewöhnlich in einem gewissen
Maße vorbereitet ist, der Pflegerin. Während der langen Stunden, die der Patient
unter der Beobachtung der Pflegerin steht, besonders während der
Nachtwachen, wenn der schlaflose Kranke sich immer wieder vor die Frage
gestellt sieht, was kommt nach dem Tode? Dann zeigt sich der große
Unterschied zwischen denen, welche eine befriedigende Antwort fanden und
denen, die sie nicht fanden. Tod, nicht weniger als Leben, schien mir seit jeher
die Kernfrage der Religion zu sein, eine Glaubensfrage, die nicht nur sonntags,
sondern jeden Tag der Woche aktuell ist. Der übliche Glaube, das hat sich mir
wieder und wieder gezeigt, bietet nicht den Halt, den die Seele bei Lebenskrisen
benötigt. Mr. F. war ein tiefreligiöser Mann, von der feinen Art, die in der
Religion eine dauernde Quelle der Freude und sicheres Geleit in allen
Schwierigkeiten des Lebens fand. Bei allen, die ihn kannten, war er sehr
geschätzt. Ich wurde zu ihm gerufen, als er an Pneumonie litt und in
bedenklichem Zustande war. Schon die erste Nacht, welche ich bei hm war,
bemerkte ich, daß er unter Engelpflege war, denn ich sah einen Engel mit der
Erscheinung eines jungen Mannes, der sich über ihn beugte. Er legte, wie es
auch der Heilengel im Spital immer getan hatte, die rechte Hand auf des
Leidenden Stirn. [36] Jede Nacht, manchmal sogar mehrmals in der Nacht, sah
ich diesen Engel an der Bettseite von F. Er schien manchmal einen
beruhigenden, schmerzstillenden Einfluß auf den Patienten zu haben, damit er
schlafen konnte. Aber trotz dieser Betreuung und allem, was zwei Ärzte für ihn
tun konnten, ging es ständig schlechter. Es traten häufig Delirien ein. In den
Fieberträumen treten oft die beherrschenden Charakterzüge eines Menschen
hervor. Das war bei F. sicher der Fall, denn er sang, sang mit Inbrunst Strophen
seines Lieblingsliedes: Streiter Christi erhebt Euch und gürtet Euch mit dem
Schwert.
Die Lungenentzündung wurde zweiseitig, und das Herz wurde angegriffen.
Die Ärzte, die ihn behandelten, kamen zu dem Befund, daß der Fall
hoffnungslos sei. Auch der zugezogene Spezialist bestätigte den Befund, und es
lag außer ärztlicher Kunst, das Lebendes Patienten zu retten. Am Abend,
nachdem der Spezialist das Todesurteil gesprochen hatte, war die Familie in F.s
Zimmer versammelt, um wie sie fürchteten das letzte Mal mit ihm zusammen
zu sein. Für ihn hatte der Tod keine Schrecken. Nur der Gedanke an den
Kummer seiner geliebten Frau und der Kinder betrübte ihn. „Mein Gewinn wird
für sie ein Verlust sein“, sagte er. Als alle das Zimmer verlassen hatten und ich
mit ihm allein war, ergriff er meine Hand und sagte: „Das Ende scheint nahe zu
sein. Beten Sie für mich, und dann bleiben Sie bis zum Ende bei mir, wollen
Sie?“ Ich versprach es ihm und betete, so wie mir die Worte eingegeben
wurden. Dann betete er mit mir zusammen das Vaterunser. Bald danach kam
wieder ein Delirium, und er sang darin Verse aus seinem Lieblingslied. Um 4
Uhr morgens erwachte er völlig klar aus einem kurzen Schlaf. Nachdem er
etwas Nahrung genommen hatte, sagte er: „Schwester, hatten Sie den Raum
verlassen?“ – „Nein“, sagte ich. – „Habe ich den Raum verlassen?“ fragte er
26
Joy Snell – Der Dienst der Engel

dann. „Ja, war ich denn draußen?“ Ich versicherte ihm, daß er das Zimmer nicht
verlassen habe. „Sind Sie ganz sicher?“ – „Ja, ich bin ganz sicher“, antwortete
ich, „und ich bin ganz sicher, daß Sie währenddessen nicht aus dem Bett
waren.“ – „Aber ich war weg“, sagte er, „denn ich habe den Heiland gesehen,
und Er sagte zu mir: [37] Lege fröhlich deine Rüstung an, denn dein Werk hier
ist nicht zu Ende. Du wirst bald genesen, und dann wirst du reichlich zu tun
haben für mich.“ Da ich dachte, er könne vielleicht noch etwas im Delirium
sein, machte ich eine zarte Andeutung, er bemerkte meinen Zweifel. „Sie
werden es mir doch wohl glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich den Heiland
gesehen habe?“ sagte er. „Und“, fügte er hinzu, „ich weiß nun, daß ich wieder
gesund werde.“ Kurz darauf sah ich am Kopfende des Bettes den Engel stehen
mit erhobener Hand. Wenige Stunden später zeigte sich eine kleine
Veränderung in seinem Zustand, zunächst noch gering, aber für mich, die ihn
pflegte, gut bemerkbar. Ich fühlte, daß die Krisis vorbei war. Den Mitgliedern
der Familie, denen vom Arzt verboten worden war, mit F. zu sprechen, sagte
ich, was F. mir erzählt hatte. Sie waren erstaunt, aber sie glaubten es, und die
Belastung, die auf ihnen lag, wandte sich in Hoffnung. Von da an änderte sich
die ganze Stimmung im Haushalt. Es war, als wenn nun eine Feierstimmung das
ganze Haus durchflute mit Frieden und Fröhlichkeit. Die wirklich nur geringe
Besserung im Zustande des Patienten konnte die Ärzte nicht zur Änderung ihrer
Annahme bewegen, daß eine Heilung unmöglich sei. Ich wagte nicht, ihnen zu
erzählen, daß da Kräfte im Spiel seien, von denen materia medica keine
Kenntnis hat. Sie würden über diese Idee gespottet haben. Er fuhr fort, langsam
Fortschritte zu machen, und nach zwei Wochen erklärten die Ärzte ihn außer
Gefahr. Sie sahen seine Wiederherstellung als wirklich wunderbar an. Und,
großzügig, wie die Mitglieder des ärztlichen Berufes immer sind, denen die
Ehre zu geben, denen sie zukommt, sagten sie mir, daß nur meine Hingabe in
der Pflege den Kranken gerettet habe. Unter den vielen Todesfällen, die ich
erlebte, war der, der Mrs. L. der, welcher das schönste Beispiel lieferte für den
Sieg des Glaubens über den „grimmigen Schrecken“. Es ist dies die wertvollste
Erinnerung aus meinen Erlebnissen als Pflegerin. Mrs. L. war eine bekannte
Sängerin gewesen, auf deren Hilfe bei Veranstaltungen
Wohlfahrtsgesellschaften nie vergeblich abstellten. Sie war eine gute und sehr
liebenswürdige Frau. Sie litt an einer inneren Krankheit, die als unheilbar
bezeichnet worden war. [38] Ich hatte die schwarze verschleierte Gestalt am
Fußende ihres Bettes gesehen und wußte also, daß der Tod nahe war. 24
Stunden war sie so schwach und hinfällig, daß sie nur abgebrochen etwas
wispern konnte und unfähig war, sich allein aufzurichten im Bett. Dann
erschienen zwei Engel, um sie abzuholen in die Sphäre, wo Friede und Freude
wohnen und Leiden unbekannt sind. Da öffnete sie plötzlich ihre schönen
Augen. Sie ließ nicht erkennen, daß sie die Engel erblickt hatte, aber sie richtete
sich allein auf im Bett, und mit einem überirdischen Gefühlsausdruck sang sie
von Anfang bis zum Ende die herrliche Hymne: „Oh, bleibe im Herrn!“ Die
Stimme klang so rein und hell wie in früheren Jahren, wenn Hunderte entzückt
27
Joy Snell – Der Dienst der Engel

in der Konzerthalle sie hörten. Es ist gut, zu wissen, daß es auf der Erde
gelegentlich auch Vorgänge gibt, welche die Engel erfreuen. Dieser war ein
solcher, denn die strahlenden Gesichter der beiden Engel an ihrem Bett glühten
von fröhlichem Entzücken, als sie der Sängerin zuhörten. Nach Beendigung des
Gesanges sank sie in das Bett zurück und verschied. Ganz anders war der Tod
von Mrs. T. Sie war wohlhabend, früher eine Schönheit und sehr begabt
gewesen, aber sie war auch außerordentlich eitel, selbstsüchtig und
ausgesprochen weltlich. Nach außen gab sie sich, weil ihr das half, ihre soziale
Stellung zu heben, als eine fromme Frau. Sie trieb ihre Scheinheiligkeit so weit,
daß sie ihre ganze Dienerschaft jeden Sonntag in die Kirche schickte – eine
Kapelle genügte nicht. Das war eine der Anstellungsbedingungen. Auch sie war
das Opfer einer inneren Beschwerde. Sie hatte kurz vorher hintereinander zwei
Pflegerinnen gehabt, die sie verließen, weil sie ihre herrischen Manieren und
unvernünftigen Forderungen nicht ertragen konnten. Aber irgendwie veranlaßte
es mich, bei ihr auszuhalten und bis zu ihrem Tode bei ihr zu bleiben, der etwa
sechs Monate nach meinem Eintritt erfolgte. Zwei Wochen vor dem Ende wußte
sie, daß ihr Fall hoffnungslos sei und daß der Tod sie bald hinwegnehmen
werde. Da zeigte sich, daß die ganze Frömmigkeit nur eine üble Fassade war.
Wenn ich ihr von dem Leben nach dem Tode erzählen wollte, zeigte sich auch,
daß sie ein ganz skeptischer Materialist war. „Kein Mensch weiß etwas von
einem Leben nach dem Tode“, sagte sie. [39] „Was die Religionen über einen
zukünftigen Zustand lehren, ist alles nur Vermutung und Annahme. Wir wissen
nur, daß der Tod dieses Leben abschließt.“ Sie fand natürlich, daß andere
starben, aber daß der Tod auch sie holen sollte, erfüllte sie mit Empörung. Wie
konnte von ihr verlangt werden, daß sie ihr Leben aufgeben und von jeglichem
Vorteil und Genuß beraubt sein sollte? Der Gott, den sie in der Kirche so
andächtig verehrte, existierte nicht. Sie hatte auch keinen Glauben an das Gebet
und an den Erfolg derer, die sie öffentlich so oft mitgebetet hatte. Sie fand
keinen Trost, mit Ausnahme in dem Spott über die Grausamkeit und
Ungerechtigkeit der Bestimmung, nach der ihr Leben von ihr genommen
werden sollte. Es war traurig, zu sehen, wie kein Strahl der Hoffnung kam durch
das Dunkel, das ihre Seele umgab.

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Es kam eine Zeit, wo ich das Pflegen aufgeben mußte und Kümmernisse
mancherlei Art schwer auf mir lagen. Es war die dunkle Stunde vor dem
Tiefstand. Aber ich hatte keine Ahnung, daß er so nahe war. Ich begleitete eine
Freundin zum Haus einer Dame, die jahrelang schon invalide war und eine
Pflegerin benötigte. Als ich zu ihr kam, flog ihr mein Herz direkt entgegen,
denn augenblicklich wurde mir die Tiefe und Zartheit ihres Herzens bewußt.
Diese Frau ist, ich weiß nicht, warum, sagte ich mir, die Freundin, nach der ich
mich immer gesehnt habe. Aber es war: nur kurz, daß ich diese Freundschaft
genießen konnte, denn als ich einmal bei ihr war, sah ich auch bei ihr die dunkle
Gestalt mit dem verhüllten Gesicht.
Meine Freundin wurde als Pflegerin engagiert, und ich verließ das Haus mit
einem Gefühl bitterer Enttäuschung, da ich doch diese Stelle so besonders gern
gehabt hätte.
Zwei Tage später sah ich ihren Tod. Es geschah, wie ich später erfuhr, in der
Todesstunde. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich in ihr Zimmer versetzt, und ich
hörte ihre letzten Worte: „Gott ist die Liebe.“ [40] Ich sah auch über dem
leblosen Körper ihre herrliche Geistesgestalt mit dem strahlenden Gesicht,
daneben die beiden Engel, welche sie abholten. Als ich wieder zu mir kam, lag
ich noch in meinem Bett in meinem Zimmer und weinte über den Verlust einer
Freundin, deren Freundschaft ich nie erlebte. Ein wenig später erfuhr ich dann,
eine wie wertvolle Freundin sie für mich war, um mir Stärkung zu bringen und
mir Angaben zu machen über das Leben nach dem Tode.
Eines Tages, etwa eine Woche nach ihrem Abschied, kam das Bedürfnis über
mich, bei meinem Bett zu knien und um Hilfe und Führung zu bitten. Ich war in
tiefer Sorge wegen Personen, die mir lieb waren und für die ich keinen Ausweg
sah. Da berührte mich etwas zart an der Schulter, und als ich aufsah, stand ihre
Geistesgestalt da, genauso, wie ich sie über ihrer Leiche gesehen hatte. „Wirf
deine Sorgen auf den Herrn, und er wird sie tragen“, sagte sie und verschwand
langsam aus meiner Sicht. Es gibt wenige Stellen in der Bibel, die Belasteten
größere Stärkung gebracht haben, als diese, und wenn ein Engel uns solche
göttliche Botschaft vermittelt, dringt sie tiefer in uns, als wenn sie von
menschlichen Lippen kommt. Ich erhob mich von meinen Knien mit dem
Gefühl, erhört worden zu sein. Aber der Weg aus meinen Schwierigkeiten war
nicht sofort geöffnet. Zwei Tage später bei der Hausarbeit, voll Sorgen im
Gemüt, fühlte ich wieder diese Berührung, und wieder stand der Engel neben
mir. Sie führte eine andere Stelle an: „Fürchte dich nicht, nie sei verzagt, ich bin
mit dir, ich werde dich nicht verlassen und nicht aufgeben.“ Ihr strahlendes
Gesicht spiegelte die Zuversicht wider, daß Gott nicht verläßt, die auf ihn
trauen. Es kam Frieden in mich. Aber die menschliche Natur ist schwach, und
ich bin auch sehr menschlich. Es ist schwer, an diesem Glauben in Gott
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

festzuhalten, der eine ruhige Zuflucht in allen Wechselfällen des Lebens, die
einen bedrängen, bietet. Zeitweise konnte ich nicht verhüten, daß ich der
Verzagtheit Raum gab, und noch manchmal in der nächsten Woche erschien der
Engel bei mir und führte einen Spruch an, der zu meiner Lage und Stimmung
paßte. Das half mir viel und richtete mich wieder auf. [41]
Schon bevor sie mir erschien, hatte ich, wie berichtet, manche Engel gesehen
und die wohltuenden Wirkungen ihrer Hilfe erlebt, für mich aber waren es
Wesen, die durch den Tod so verändert, geistig so erhaben seien, daß sie nicht
in enge Berührung mit unserem durch allerlei irdische Sorgen und Nöte
belasteten Leben kommen könnten. Durch sie lernte ich, daß auch Engel die
Gefühle der Freundschaft und Verbundenheit behalten, doch ohne alle irdischen
Belastungen. So wurde sie im Laufe kurzer Zeit inniger meine Freundin, wie
irgendeine der Freundinnen aus dem Leben. Wenn sie kam, verschwand sie
nicht sofort wieder, sondern stand bei mir, sprach mit mir so eingehend und
natürlich, wie es nur ein menschliches Wesen kann. Wenn sie bei mir war, sah
ich sie genauso klar wie irgendeinen Gegenstand des täglichen Lebens, und ihre
Stimme, weich, tief und melodisch, war so gut hörbar wie die irgendeiner
menschlichen Sprache. Sie war für mich eine so ausgesprochene Persönlichkeit,
wie irgendeine lebende Person mit individuellen Eigenschaften. Wenn ich mich
mit ihr unterhielt, war es nicht notwendig, daß ich meine Gedanken aussprach.
Wenn ich zu ihr sprach, hörte sie mich an und antwortete, aber wenn ich nicht
sprach, las sie meine Gedanken und antwortete auf sie. Mit der irdischen
Sprache verbirgt man manchmal die Gedanken. Vor einem Engelfreund können
sie nicht verborgen werden. Und so schließt eine solche Freundschaft eine viel
tiefere Vertrautheit in sich ein wie unter irdischen Freunden. Das auferlegt
höhere Verpflichtungen und Vertrauenstreue. Neben dem erhebenden Einfluß,
der sich daraus ergibt, hindert das Bewußtsein, daß der Engel unsere Gedanken
liest, daß wir niedrige und gemeine Gedanken aufkommen lassen. Gedanken,
auch wenn wir sie nicht aussprechen, wirken in die Ferne. War ich unglücklich
oder betrübt und wünschte mir, sie möge doch bei mir sein, um mir Stärkung zu
geben, so war sie an meiner Seite. Nein, ich brauchte es nicht einmal besonders
zu wünschen. Man nimmt ja Freunde nicht gerne zu oft in Anspruch. Sie wußte,
wenn ich Hilfe notwendig hatte, wenn ich auch nicht daran gedacht hatte, sie
um Hilfe zu bitten, und sofort entsprach sie meinem Bedürfnis. Während
unserer Verbundenheit hier unten sagte sie eines Tages zu mir: [42] „Denke
nicht an mich als an einen Engel, erhaben weit über allem, was dein Erdenleben
betrifft, denke an mich als deine Freundin, die dir allerwegen zu helfen wünscht
und Anteil hat an allem, was dein Wohlsein betrifft.“ Oft begleitete sie mich auf
meinen Gängen und unterhielt sich bereitwillig mit mir über das, was wir gerade
sahen. Sie war auch oft bei mir, wenn ich mit Hausarbeiten beschäftigt war und
half mir mit Hinweisen, und bei ihrer Heiterkeit und ihrem guten Humor
schienen die Arbeiten leicht und einfach. Bevor sie von der langen Krankheit
befallen wurde, war, sie, wie ich von denen erfuhr, die sie zu Lebzeiten gekannt
hatten, lange Jahre eine große Dulderin gewesen, hatte aber durch ihr fröhliches,
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

sonniges, hilfsbereites und hoffnungsvolles Wesen viele angezogen. Und nun,


da sie frei war von aller Schwäche und Schmerz, strahlte sie förmlich Freude
aus und floß über von Glückseligkeit. Ihr fröhliches, mitreißendes Lachen war
an sich schon eine Stärkung. Ich schrieb von ihr wie von Vergangenem, aber es
sollte eigentlich Gegenwart sein, denn sie ist immer noch meine liebste
Freundin, und sie wird bis ans Ende meines Erdenwallens fortfahren, mir zu
raten, mich zu führen und zu stärken. Sie ist mein Engelführer. Die meisten
Freunde sprechen von ihr trauervoll als „tot“. Ich hoffe, einst so voller Leben zu
sein wie sie, so daß es mich manchmal lange dünkt, bis ich auch zu den Toten
gezählt werde.

Der Pfad, auf dem ich meinen Sorgen entrinnen sollte, hatte sich noch nicht
geöffnet, und eines Nachts lag ich wieder einmal in verzweifelter Stimmung
schlaflos im Bett. Ich betete innig um Hilfe. Da hörte ich eine sehr liebe Stimme
zart meinen Namen aussprechen, und ein Engel – mein Schutzengel, wie ich
dann erfuhr – beugte sich über mich. „Komm mit mir“, sagte er, umarmte mich
und hob mich in die Höhe. Das Zimmer verschwand vor mir, den Arm um
meine Taille, wurde ich schnell – ich möchte sagen – emporgetragen, und wie
es schien, immer höher und höher. [43] Als wir über das Stadtzentrum kamen,
konnte ich, als ich hinuntersah, trotzdem es Nacht war und wir sehr hoch waren,
die Gesichter der Leute in der wimmelnden Verkehrsader ganz deutlich
erkennen. Auch den Verkehrslärm konnte ich ganz deutlich wahrnehmen, als
wäre ich selbst mitten darin. Mit zunehmender Höhe nahmen die Geräusche
nach und nach ab. Die große Stadt entschwand meinem Blick. Immer höher
stiegen wir, schien mir, über Städte, Flüsse, große Wasserflächen hinweg, bis
auch die Erde meinem Blick entschwand, und ich einen Augenblick überhaupt
nichts mehr sah. Als wir dann anhielten, stand ich mit dem Engel inmitten einer
Szene von wunderbarer Schönheit, und ich kam spontan, also nicht nach und
nach, in einen Zustand des Entzückens. „Wo sind wir?“ fragte ich den Engel.
„Das ist der Himmel, wo wir uns aufhalten“, antwortete er, „und wenn wir
hierherkommen, haben wir alle Sorgen und Nöte hinter uns gelassen. Und nun
ruhe aus:“ Wir setzten uns zusammen nieder, und ein großes Glücksgefühl, wie
ich es nie gekannt hatte, nahm von mir Besitz. Alle Nöte, die so schwer auf mir
gelegen hatten, lagen hinter mir. Ich sagte zu dem Engel: „Welch wundervolles
Gefühl von Frieden und Ruhe überkommt mich! Kann ich hier immer bleiben?“
– „Nein, noch nicht“, antwortete er, „deine Aufgabe auf der Erde ist noch nicht
erfüllt. Aber du hast hier viele Freunde, und ich werde immer mit dir sein, denn
ich bin dein Schutzengel.“ Der Engel hatte mir bis dahin nichts davon gesagt,
daß ich unter seiner besonderen Obhut stand, und die Zusicherung, daß sein
Schutz und Führung von nun an immer mit mir sein werde, war für mich ein
Geschenk von unbeschreiblichem Wert. Dann wurde ich mir auch einer neuen
Sehergabe bewußt, denn ich konnte meine eigenen Züge sehen. Aber es waren
31
Joy Snell – Der Dienst der Engel

nicht die Gesichtszüge, wie ich sie im Spiegel sehe, sondern ich sah das
Gesicht meines Geistkörpers, strahlend wie die Gesichter der verklärten Wesen,
die ich so oft hatte aufsteigen sehen über den Körpern, aus denen das irdische
Leben entflohen war, und wie bei diesen war auch ich in ein Geistkleid gehüllt.
Da war mir auch klar, daß ich die Erde als Geist verließ und in meinen noch
lebenden Erdkörper zurück mußte, um meine irdischen Pflichten zu Ende zu
führen. [44] Es geht weit über mein Vermögen, um die Herrlichkeit des Ortes
zu beschreiben, an den mich mein Schutzengel gebracht hatte. Ich war wie in
einem großen parkähnlichen Garten, weit weg, begrenzt von schwach
sichtbaren Bergen. Verglichen mit Gärten auf Erden war er so, wie der
verherrlichte Geistkörper gegenüber einem irdischen Körper: In großartiger
Fülle: Blumen, Bäume, Sträucher, Grünflächen, Bäche und Flüsse. Viele Blätter
und auch manche Blumen ähnlich wie auf der Erde, aber eben mit dem
erstaunlichen Unterschied, den ich andeutete. Manchen der Blumen wußte ich
nichts Vergleichbares auf Erden gegenüberzustellen, und an Lieblichkeit
übertrafen sie die irdischen weitaus. Das gleiche gilt auch für Bäume und
Sträucher. Einige Bäume trugen Früchte, einige ähnlich wie auf der Erde.
Andere, wie ich sie auf Erden nie gesehen habe.

Es gibt auch vielerlei Vögel in den himmlischen Gefilden, aber ihr Federkleid
und ihr Gesang sind viel, viel schöner als die irgendeines gefiederten Sängers
auf Erden. Der ganze Raum ist erfüllt von ausgewähltem und erfrischendem
Wohlgeruch. Auch das Licht war so, wie ich es nie zu Lande oder Wasser sah.
Das wundervolle Glühen bei Sonnenuntergang, wenn die ganze Natur ein
Lobgesang Gottes zu sein scheint, gibt einen schwachen Begriff davon. Große
Maler versuchen die Landschaften, die sie malen, zu realisieren, aber hier
fasziniert alles den Blick. Licht, Farben, Formen sind idealisiert weit über
irgendeines Menschen Vermögen, deren Schauen auf irdische Szenerie
beschränkt ist. Überall waren Engelgestalten von verklärten Männern und
Frauen, junge und alte, heiter und rüstig, in den Gesichtszügen verschieden wie
die Erdbewohner, aber alle Gesichter strahlend von Freude, wie man sie auf
dieser Erde nicht kennt. Und von einem Charme, der jede Körperschönheit
übertrifft. Welch ein Unterschied zwischen diesen fröhlichen Gesichtern und
den vielen sorgenbeschwerten und leidvollen Gesichtern, wie ich sie bei dem
Überfliegen von London in dem Menschengewühl gesehen hatte. Aber der
Gedanke tröstete mich, daß auch von ihnen manche, die jetzt tapfer im Leben
kämpfen, eines Tages auch so aussehen werden wie die, welche um mich herum
waren. [45] Diese Engel, schien mir, verhielten sich viel so, wie es glückliche
Menschen auf Erden tun, sitzend, herumwandelnd, einzeln, paarweise oder in
Gruppen, hin und wieder anhaltend, um Grüße auszutauschen oder mit
Freunden zu sprechen. Da bemerkte man nichts von einem Gefühl ehrfürchtiger
Überraschung, die, wenn gewisse Ansichten über das Leben nach dem Tode

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

richtig wären, einige Zeit nach einer Umwandlung jenseits jeder menschlichen
Ähnlichkeit herrschen würde.
Engel sind sie, aber immer noch menschlich-verherrlichte Menschenwesen.
Auf der Erde stört oft die Gegenwart einer Menge von Menschen und läßt die
Schönheiten der Natur weniger genießen. In den himmlischen Gefilden aber
scheint jeder von den Tausenden von Engeln etwas zu den Schönheiten und der
Harmonie der Szene und zu dem Gefühl heiligen Friedens und der Freude
beizutragen, von denen man bei ihrer Betrachtung ergriffen wird. Aber oh, diese
Musik! Wie sie anschwillt und dröhnt, schallt und widerhallt und dann wieder in
zarten und lieblichen Harmonien abklingt. Und Tausende von Stimmen
vereinigen sich zu Lobgesängen. Da wurde mir klar, woher die Musik kam, die
ich oft auf der Erde gehört hatte, nun aber bei meinen Freunden hören konnte,
doch viel schöner und begeisternder. Die Allvereinigung in Gesang und
Harmonie war vollkommen. Es war, als triebe alle ein unwiderstehlicher Drang,
ihrer Liebe und ihrem Dank an den himmlischen Vater Ausdruck zu geben,
Gefühle, die aus ihren Herzen quollen. Oh, diese Freude und Fröhlichkeit dabei!
Es war der hörbare Ausdruck für jene Gefühle, die einige von uns in den
seltenen und erhabenen Augenblicken ergreifen, wenn wir das Gefühl haben,
näher zu Gott gekommen zu sein und die auszudrücken wir so unfähig sind.
Einige der Gesänge waren mir vertraut, aber hier mit einer solchen Wonne und
harmonischen Vollkommenheit wiedergegeben, wie ich solche auf Erden nie
hörte. Ich nahm an dem Gesang teil, denn ich hätte, selbst wenn ich es gewollt
hätte, nicht still bleiben können unter dem Eindruck, der alle beherrschte. Viele
der Gesänge waren mir unbekannt, aber es waren alles Dank- und Lobgesänge.
In der großen Menge der Engel erkannte ich manche, die ich schon auf Erden
kannte. Einige davon hatte ich gepflegt. [46] Sie begrüßten mich mit Lächeln
und freundlichen Worten. Für sie war ich eine wie sie selbst – eben von denen,
die durch das Tor des Todes in den Himmel gelangt sind. Ich weiß nicht, wie
lange ich da blieb, denn ich hatte kein Gefühl für die Flucht der Zeit. Aber als
ich mich wieder in meinem Zimmer befand, wußte ich, daß es kein Irrtum
gewesen war, der meine düsteren Gedanken verscheucht hatte.
Etwa zwei Monate seitdem ich in den himmlischen Garten – wie ich ihn
nenne – geführt worden war, wartete ich am offenen Fenster meines
Schlafzimmers auf den Aufgang der Sonne. Als sie erschien, fiel auf meine
Seele ein tiefes Gefühl für die Kraft und Güte des Schöpfers. Plötzlich bemerkte
ich, daß meine Engelführerin neben mir stand. „Komm mit mir“, sagte sie und
legte einen Arm um mich. Dann, wie das erstemal, entschwand das Zimmer,
und wir eilten schnell durch den Raum. Das Panorama der Erde kam außer
Sicht, und wieder stand ich in dem himmlischen Garten, und wieder erfüllten
seine Herrlichkeit, die prächtige Musik und die frohen Lobhymnen mein
innerstes Wesen mit Frieden und Freude. „Warte hier“, sagte meine Begleiterin,
„ich werde einige Freunde holen, die du glücklich sein wirst wiederzusehen.“
Sie verschwand, war aber im Augenblick wieder zurück mit meinem Vater und

33
Joy Snell – Der Dienst der Engel

meiner Mutter. Tod bringt manchen traurigen Abschied auf Erden, aber er
bringt auch frohe Begegnungen im Himmel. Die Last und Sorge, die er auf
Erden bringt, hatte ich reichlich kennengelernt, und nun genoß ich die Freuden
der Begegnungen im Himmel, ohne daß ich selbst gestorben war. Meinen Vater
erkannte ich sofort. Er war so, wie ich ihn im Leben zuletzt gesehen hatte, nur,
daß er jetzt in seinem verherrlichten Geistkörper vor mir stand. Aber wunders
zu sagen, auch meine Mutter, die ja von mir gegangen war, als ich erst drei
Jahre alt war, und obgleich meine Rückerinnerungen an ihre Gestalt und Züge
unsicher und dunkel waren, erkannte ich sofort, wie meinen Vater, und mit der
gleichen Erregung und Freude. In all den Jahren, seit sie mich verlassen hatte,
war das Andenken an sie wertvoll für mich gewesen, da ich immer das Gefühl
hatte, daß sie irgendwo aus der Ferne über mich wache. [47] Es dämmerte mir
sofort, daß sie mich nicht begrüßte als eine, deren Leben von ihr genommen
wurde, als sie starb, sondern als die, der mein Lebensschicksal bekannt war,
wie der intimsten Freundin auf Erden. Ebenso stellte ich auch fest, daß mein
Vater über alles Bescheid wußte, was mir das Leben an Erfahrungen gebracht
hatte, seit er mich verließ. Nach einer Umarmung, so wirklich und zart wie sie
nur je zwischen Mutter und Tochter nach langer Trennung stattfand, sagte ich:
„Oh, liebe Mutter, jetzt wo ich dich endlich wiedergefunden habe, möchte ich
dich nie wieder verlassen. Wie oft habe ich nach dir in den vergangenen Jahren
geschrien, wenn meine Nöte und Sorgen schwer zu tragen waren!“ – „Nun,
nachdem wir uns wiedergefunden haben“, antwortete sie, „werden wir nie mehr
lange getrennt sein. In Zukunft soll dein Name ,Joy’ (Freude) sein, denn Freude
wirst du vielen traurigen, hungrigen Herzen auf Erden bringen.“ Bald nach
meinem zweiten Besuch in den Himmelsgärten änderten sich meine
Verhältnisse, und meine Belastungen wurden von mir genommen. Meiner
Mutter Versprechen, daß wir nie mehr lange getrennt bleiben würden, wurde
reichlich erfüllt. Schon am Tag nach unserem Treffen in dem Himmelsgarten,
erschien sie bei mir auf der Erde, begleitet von meinem Schutzengel. Sie war
vollkommen sichtbar für mich und auch unbehindert, mit mir zu sprechen. Es
sind nur wenige Tage seit dieser ersten Begegnung, daß ich sie nicht gesehen
und mit ihr gesprochen hätte, Unterredungen, bei denen alles Freude, Friede und
Harmonie ist. Durch sie erhielt ich den Beweis dafür, daß die, welche uns zu
Lebzeiten innig liebten, weiter lieben, mag die Trennung auch noch so lang
sein. Die Bande reiner Anhänglichkeit werden durch den Tod nicht geschwächt,
sondern verstärkt. Nach dem zweiten Besuch in dem Himmelsgarten kamen
auch mein Vater und mein Bruder oft zu mir. Alte Freunde, teilweise schon
lange verstorben, zählten jetzt zu meinen Engelbesuchen. Unter ihnen waren
auch solche, welche ich auf Erden nicht kannte, die mir aber sehr liebgeworden
sind, denn es verhält sich damit wie sonst bei Freundschaften. Man bringt
gegenseitig seine Freunde in Kontakt, und unter einigen von ihnen können sich
engere Herzensbande entwickeln. [48] Manchmal, seit mir meine Mutter den
Namen „Joy“ gab, habe ich für meine Seele Erfrischung gefunden inmitten der
Schönheiten und Harmonien jener Behausung, wohin nichts von den widrigen
34
Joy Snell – Der Dienst der Engel

Zwistigkeiten der Erde dringt. Gewöhnlich wurde ich nachts dahin gebracht,
wenn ich im Schlaf lag. Auch an andere Orte wurde ich gebracht, während mein
Körper hier lag, und eigenartige, prachtvolle Visionen wurden mir. Gesegnet,
wahrlich, bin ich! Oft habe ich mich anfangs, als ich mit den Schönheiten des
Himmelsgartens bekannt und in die Kameradschaft der Engel einbezogen
wurde, gefragt, wieso gerade mir diese köstlichen Vorzüge verliehen wurden?
Ich hatte doch nichts getan, um sie zu verdienen. Die psychischen Kräfte, die es
mir möglich machten, so weit jenseits dieses Erdenlebens einzudringen, kamen
nicht von jenen fleischabtötenden und selbstverleugnenden Praktiken, von
denen ich hörte, daß einige Anhänger des Okkultismus sie erreichen, nämlich
ihren Körper beliebig zu verlassen. Aber ich hatte nicht lange über diese Frage
nachgedacht, als auch schon die Antwort dazu mir von meinem Schutzgeist
gegeben wurde. „Viel ist dir gezeigt worden von dem Dienst der Engel auf
Erden, und gerne bist du zugelassen worden zu ihrem Aufenthalt im Himmel“,
sagte er, „damit du der Welt etwas von deinen Erlebnissen erzählen kannst. Auf
Erden sind viele Kummerverwirrte und Beunruhigte, die, wenn sie den Weg
dahin wüßten, Hilfe, Trost und Licht empfangen könnten, durch die ihre
Verzagtheit sich in Freude und ihr Zweifel in die Gewißheit sich wandeln
würde, daß Gott wirklich die Liebe ist. Dann werden sie wissen, was es
bedeutet, das himmlische Königreich in sich zu haben.“ Dieser Trost und das
Erhebende, das solche Erfahrung bringt, war ihr, wie sie mir sagte, in ihrem
Erdenleben gegeben worden, besonders in den langen Jahren, da sie invalide
war. Auch sie hatte die Gabe, Engel zu sehen und mit ihnen zu reden. Es erfüllte
mich mit großen Bedenken, daß ich ein Buch über das schreiben sollte, was mir
offenbart worden war. Meine Arbeit als Pflegerin hatte mir wenig Muße zum
Lesen gelassen, und meine Schreiberei war beschränkt auf gelegentliche kurze
Briefe, aber es war für mich bestimmt, daß ich in enge Verbindung mit
jemanden kam, der mir helfen sollte, die Aufgabe zu erfüllen, für die ich mich
unfähig hielt. [49]
An mein Ohr klangen viele herrliche Stimmen und eine große Fülle von
Gesang, der unvermittelt aus Tausenden von in göttlicher Liebe überfließenden
Herzen ausbrach. „Rühmen Gott den Allerhöchsten!“ sangen sie, und der
Widerhall verlor sich in melodischem Geflüster zwischen den Bäumen. Ich war
wieder einmal in dem Himmelsgarten mit meinem Schutzengel, dessen Gesicht,
wie es mir schien, in einer neuen Schönheit erstrahlte. „Hier ist gut sein“, sagte
er, „und nun komm mit mir.“ Er führte mich zu einem wie ich vergleichsweise
sagen möchte, langen Durchgang (oder Straße), der sich in weite Ferne zog.
Bedeckt war er mit weichem, elastischem Torf und darauf hauchzartes Grün,
wie man es im Frühling hat, aber noch viel schöner. Auf jeder Seite standen,
eines am anderen, was wir auf Erden als Häuser bezeichnen würden. Sie hatten,
wie mir schien, alle die gleiche Breite und Höhe und waren von marmorartiger
Weiße. Sie hatten einen hohen Eingang, aber nichts, das man als Fenster
bezeichnen könnte. Mein Schutzengel leitete mich durch einen solchen
Eingang, und ich kam in ein großes Zimmer, in dem sich Licht verschiedener
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Farbtöne in solcher Harmonie mischte, wie wenn schöne, zarte Musik sichtbar
geworden wäre. Die Wände waren mit wolkenartigen Draperien behangen, bei
denen verschiedene Grün, Rosa, Karmin und Gold sich so kunstvoll mischten,
daß auch nicht der geringste Farbton störte. Die Draperien hatten aber keinerlei
Ähnlichkeit mit irdischen Textilfabrikaten. Obwohl deutlich sichtbar, boten sie
nichts Greifbares. Es war, als ob ich meine Hand in eine Wolke steckte.
Verschiedene Sitzgelegenheiten zeigten die gleiche wohltuende Färbung.
Allerlei Pflanzen und schöne Blumen schmückten den Raum. „Das ist meine
Ruhekammer“, sagte mein Schutzengel, „wohin ich komme, wenn ich ruhe und
meditiere. Und du sollst oft hierher kommen, um mit mir zu ruhen.“ Wir setzten
uns auf eines von den Ruhelagern und unterhielten uns. „Wer baut diese
schönen Ruheräume?“ fragte ich. „Sie entstehen durch den Willen des
Allerhöchsten“, antwortete er, „und wir finden sie fertig vor, wenn wir hierher
kommen, jeder Engel einen.“ – [50] „Meine Liebe“, sagte ich, „ich dachte
immer, daß ein erlöster Geist, wenn er die Erde verläßt, direkt in einem Zustand
der Glückseligkeit zu Gott aufsteigt und da in alle Ewigkeit bleibt. Ist das nicht
so?“ – „O nein“, antwortete sie, „niemand erreicht sofort nach dem Tode den
Grad der Vollkommenheit. Manche hier kamen erst durch andere Sphären,
bevor sie diese erreichten. Das dem Tode folgende unendliche Leben ist für die,
welche streben, gut und nicht übel, ein Leben der Entwicklung. Man hat dich,
wie du weißt, gelehrt: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Da sind
Welten und Zustände, die weit höher sind als die hier. Aber wir finden hier
unsere Glückseligkeit im Gottdienen, eine Seligkeit, wie wir sie auf der Erde
nur träumten. Erst hier erkennen wir, was wir auf Erden nicht konnten, was die
Liebe Gottes bedeutet.“ An einigen meiner späteren Besuche begleitete mich
meine Mutter hierher. Gelegentlich nahm sie mich auch mit zu ihrem
Ruheraum. Dort waren die Farben etwas anders verteilt, karmin und hellblau
herrschten vor, wirkten auf mich gleich besänftigend und ruhevoll. Die Farben
entsprechen den geistigen Eigenschaften der Bewohner. Oft war ich in den
Himmelsgärten gewesen, bevor mir einging, was ihnen eigentlich die
Himmelqualität verleiht. Nicht die erhabene Schönheit, nicht die herrliche
Musik, nicht die wunderbare Lichtfülle, nicht die Düfte, auch nicht die
strahlenden Gestalten und Gesichten der Engel, die da wohnen, nichts von
alledem, auch nicht ihre Gesamtheit ist es, was das Himmlische ausmacht, es ist
das tiefe, dauernde Gefühl der Liebe Gottes, welche alle Herzen hier erfüllt. So
verschieden die Geister auf Erden bis zuletzt waren an Typen und Angesicht, an
Rasse, Nationalität, Religion der verschiedensten Ausdrucksformen, hier in dem
Wissen um die Liebe Gottes und in dem dadurch erwachten gegenseitigen
Gefühl, das ihnen allen gemein ist, sind sie verbunden in Brüderlichkeit.
Manchen von ihnen interessierten noch lebhaft Angelegenheiten auf der Erde,
besonders Entdeckungen, Erfindungen und soziale Bewegungen, durch welche
die Zivilisation gefördert werden soll. [51] Ich habe verschiedentlich einer
Gruppe zugehört, welche über so etwas diskutierte, vielleicht über die letzten
Fortschritte in der Anwendung der Elektrizität und die zu erwartenden Wunder,
36
Joy Snell – Der Dienst der Engel

oder über das, was noch mit den Flugmaschinen zu machen sei, um sie für den
Luftverkehr sicher und geschäftlich rentabel zu gestalten. Mitten in solcher
Unterhaltung konnte man aber wieder einen von diesen großartigen Ausbrüchen
von Musik hören, die immer wieder im Himmelsgarten widerhallen und der sich
alle anschließen im Lobgesang, aber nicht oberflächlich, wie oft in religiösen
Versammlungen auf der Erde, sondern freudig und mit ganzem Herzen. Einer,
den ich verschiedentlich hatte an solchen Diskussionen teilnehmen gehört und
der auf Erden ein tüchtiger Ingenieur und Wissenschaftler gewesen war, sagte
zu mir: „Gottes Liebe ist für uns gleichsam, was die Luft ist für die Irdischen.
Wenn das nicht wäre, hätte der Aufenthalt hier für uns wenig Wert, und wir
würden danach verlangen, uns wieder in die Kämpfe und Zerstreuungen auf der
Erde zu stürzen. Ich interessiere mich immer noch sehr für die Dinge, welche
auf Erden mein Denken so stark in Anspruch nahmen, aber noch viel mehr –
weit mehr – beschäftigt mich jetzt alles, was zum geistigen Aufstieg der
Menschheit dienen kann. Davon hängt viel mehr ab, als vom materiellen
Fortschritt.“ Bei einem der vielen Besuche wandelte ich einmal mit meiner
Führerin neben einem prachtvollen Strom, während ich mich dankbar in den
Geist des Friedens, der Ruhe und Andacht versenkte, welcher hier wehte,
bemerkten wir das Nahen eines Schwarmes von Geistern. Sie gingen
reihenweise wie in einer Prozession, manches Tausend, Loblieder singend, wie
es nur Engel können. Als die Spitze näherkam, sah ich vornan jemand, der
sichtbar in Herrlichkeit gekleidet war. Von seinem weißen Kleid strahlte Licht
und um sein Haupt war ein großer Heiligenschein. „Jesu, salvator hominum!“
rief mein Schutzengel aus, und wir fielen auf die Knie. Als der Heiland bei uns
vorbeikam, lächelte er uns zu und gab uns mit erhobener Hand den Segen. Wir
blieben noch eine Weile auf unseren Knien.

So wie wir uns in Gedanken an die verschiedensten Orte auf der Erde
versetzen und mit den Gedanken dort Szenen sehen können, so können sich die
Engel ebenso schnell an irgendeine Stelle auf der Erde begeben, um dort zu
sehen, was sie wünschen, oder im göttlichen Sinne zu wirken. [52] Alle Wunder
und Schönheiten auf dieser Erde sind ihnen zugänglich, und um hinzugelangen,
benötigen sie nichts als ihren Willen. Kräftig angezogen werden sie von den
himmlischen Sphären weit über die Erde hinaus. Daran haben sie höheres
Ergötzen. Denn hier sind sie frei von all den Sorgen und Schwächen, die sie auf
Erden belasten, ihr Denken ist freier und kann höher aufsteigen. Und im
Geistkörper sind, wie ich feststellte, alle Sinne belebter. So sind auch die
irdischen Schönheiten weit schöner, wenn man sie mit den Augen des
Geistkörpers sieht. Wahrlich, hier sehen wir „wie durch ein Glas, ein dunkles
Glas“. Ich sprach einmal mit meiner Führerin über den Unterschied zwischen
irdischen Szenen und himmlischen. „Es gibt kein Meer hier“, bemerkte ich,
„und ich nehme an, daß das so ist in Erfüllung des Versprechens, daß nie mehr
Sintflut sein soll.“ – „Es gibt kein Meer hier“, sagte sie, „aber wir können gehen

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

und uns den Ozean in irgendeinem Zustande ansehen, wann wir wollen. Komm
mit, und ich werde ihn dir zeigen.“ Sie schlang den Arm um mich, und ich
wurde mir bewußt, daß wir in, wie es mir schien, ungeheurer Geschwindigkeit
dahinflogen. Schon nach einigen Augenblicken fand ich mich neben ihr stehend
auf der Spitze einer sehr hohen Klippe und sah hinunter auf eine weite
Seefläche, auf der sich auch allerlei Schiffe befanden. In dem herrlichen
Sonnenschein wahrlich ein erhebendes Schauspiel. Ich wurde verschiedentlich
mitgenommen zu diesem hohen Riff, dabei einmal, als ein heftiger Sturm raste
und große Wellen gegen die Felsen weit unter uns schlugen. Großen Eindruck
machte auf mich als Beispiel für den großen Unterschied des Empfindens
zwischen dem geistigen und dem irdischen Körper, daß ich, neben der hohen
Empfindlichkeit für alles, was in dieser Szene für mich erhebend und erfreuend
war, auch die salzige Seeluft mit Genuß schmecken und einatmen konnte. Das
Rauschen des Windes fühlte ich an meinen Wangen mit Ergötzen, während ich
es im Erdenkörper unangenehm empfunden haben würde. Als der Sturm
furchtbar raste, wurde ich mir nicht bewußt, ich sollte eine Anstrengung
machen, um zu verhindern, daß mich der Wind umwerfe. An einem sehr kalten
Tage merkte ich nichts von der Kälte. Der Geistkörper fühlt
Temperaturveränderungen nicht. [53]
Man hat mich in meinem Geistkörper nach Indien, Südafrika und sonst
allerlei Orte, nah oder fern, mitgenommen, aber immer hatte ich den Eindruck,
es seien dabei nur wenige Augenblicke am Tage hingegangen. Im Geistkörper
verliere ich das Bewußtsein für Zeit, während wir doch deren Flucht auf Erden
merken, außer vielleicht, wenn wir sehr beschäftigt oder sehr glücklich sind.
Engel sagten mir, daß es für sie Zeit nicht gibt wie für die Erdbewohner.
Bei unseren Unterhaltungen im Himmelsgarten kam die Rede auch oft auf
meine Tageserlebnisse und deren Bedeutung für mich. Es war darum natürlich,
daß ich, wenn ich einen verzweifelten Fall von Armut erlebt hatte, ihnen von
den Beschwerden der Armut und der grauenvollen Unterdrückung durch harte,
quälerische Arbeitgeber redete: „Es gibt mehr Elend auf Erden, als du merkst“,
sagte sie, „manche mißgeleitete Menschen werden völlig gefühllos in ihrer Gier
nach Gold, und selbst kleine Kinder, ja Tausende von ihnen gehören zu den
Opfern ihrer Habsucht. Komm mit, und ich will es dir zeigen.“ Die Szene
wechselte. Wir waren in einer großen Stadt und standen vor einem sehr großen
barackenähnlichen Gebäude, das, wie sie sagte, eine Zuckerfabrik war. Ich sah,
wie viele Männer, die Arbeit gesucht hatten, vom Eingangstor wieder
weggingen, während eine Menge Frauen und Kinder angenommen wurden. Wir
gingen in die Fabrik hinein und durch sie. Und da sahen wir eine Menge kleiner
Kinder, die sich hart abquälen mußten. Viele von ihnen waren unterernährt und
kärglich bekleidet. Man sah, daß sie nichts von der Lebensfreude kannten, die
doch das natürliche Erbanteil der Kindheit ist. Wie sie sich so über ihre Arbeit
beugten und mit den dünnen Fingern fleißig arbeiteten, stieg mancher Seufzer
auf von ihnen, und einige von ihnen weinten bitterlich. „Kann denn nichts getan

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

werden, um gierige, hartherzige Männer zu hindern kleine Kinder so arbeiten zu


lassen wie diese?“ – „Joy“, antwortete sie, „die Männer, die das tun, sind
unwissend – geistig unwissend –, was die schlimmste Art von Unwissenheit ist.
Wahrlich, sie wissen nicht, was sie tun. [54] Wenn sie erkennen könnten,
welche Ketten sie für ihre eigene Seele schmieden und was sie für später für
sich selbst vorbereiten, könnten sie sich jetzt sehen, wie wir sie sehen und wie
sie sich selbst sehen werden, wenn der Tod sie gefordert haben wird, dann
würden sie lieber ihre Finger bis auf die Knochen abarbeiten und selbst die
ärgste Armut erdulden, als diese kleinen Kinder zu versklaven, wie sie es tun.
Aber Joy“, fügte sie hinzu, „eines Tages werden diese Männer und manche
andere zur geistigen Einsicht kommen und Engel sie unterrichten. Dann werden
sich ihre Herzen wandeln, und sie werden große Freude dabei empfinden, kleine
Kinder glücklich zu machen, denn derer ist das Himmelreich.“ Ich sagte, daß
wir durch die Fabrik durchgegangen sind. Das war buchstäblich der Fall. Wir
gingen durch die Wände und Absperrungen, wenn wir von einem Teil der
Fabrik zu einem anderen wollten. Weder Steinmauern noch Stahlgerüste gaben
unserem Fortschreiten auch nur den geringsten Widerstand. Damals, als ich
noch nicht aus eigener Erfahrung den Unterschied zwischen dem irdischen und
dem geistigen Körper kannte, hatte ich mich immer gewundert, wie denn die
Engel bei verschlossenen Türen in die Häuser kommen und wie sie dieselben
verlassen, wenn doch alle Ausgänge verschlossen sind. Was für uns auf Erden
als feste Wände erscheint, ist einem geistigen Körper bei der Annäherung wie
eine Nebelwand. Für Geister haben sie keine Dichte. Bei Besuchen im
Geistkörper an verschiedenen Orten auf der Erde forderte der Engel mich
gelegentlich auf, in ein Gebäude hineinzusehen, und ich fand, daß die Gebäude
wie durchsichtig waren, ich konnte durch die Wände sehen und alles, was darin
war. Erklären, ja, das kann ich nicht. Ich kann nur die Tatsache feststellen.
Manches, was dem menschlichen Verstand als unlösbares Mysterium erscheint,
ist, wenn man im Geistkörper ist, nicht geheimnisvoller, als für uns die üblichen
Vorgänge des täglichen Lebens. Wir empfinden es nicht als eine Überraschung,
wenn wir von einer Steinmauer aufgehalten werden, und so ist es für jemand im
Geistkörper keine Überraschung, wenn er auf seinem Weg nicht durch sie
aufgehalten wird.

Wieder einmal erwartete ich die Dämmerung eines neuen Tages. Ich sah, wie
die aufgehende Sonne den östlichen Himmel rosa färbte. [55] Wie immer schien
mir auch heute, als verkünde dieses erhabene Schauspiel die Liebe Gottes für
alle Menschen. Meine Gedanken wurden auf die Menge gelenkt, die von dieser
wunderbaren Liebe nichts weiß, die ihr Leben dahinlebt in geistiger Dunkelheit,
die viel leidet und nicht weiß, wohin sie sich wenden soll um Rat und Hilfe.
Großes Leid erfüllte mich, und aus meinem Herzen stieg ein Schrei auf, daß mir
doch Weisheit und Stärke möge gegeben werden, damit ich etwas für sie tun
könne. Da kam meine Mutter zu mir, umarmte mich und nahm mich an der
Hand, um mich zu dem Himmelsgarten zu führen, wobei sie sagte: „Komm mit
39
Joy Snell – Der Dienst der Engel

mir. Nun schau hin!“ sagte sie, indem sie nach unten zeigte. Ich sah auf eine
große Stadt hinunter, und es war mir bewußt, daß wir in großer Höhe darüber
waren, und doch konnte ich die Leute, welche sich in den Straßen drängten, so
genau erkennen, als wäre ich unter ihnen, und der Straßenlärm tönte laut in
meinen Ohren. Auf den meisten Gesichtern war der Hunger zu lesen, an dem
ihre Seelen litten, aber bereitwillig hatte sich auch eine Menge Engel ihnen
zugesellt. Bei fast jedem in der Menge da unten war eine dieser strahlenden
Gestalten. „Wer sind denn diese Hellen da?“ fragte ich meine Mutter, „und was
machen sie?“ – „Das sind einige von denen“, antwortete sie, „die, als sie auf
der Erde lebten, auf verschiedene Art schwer geprüft wurden, so wie viele von
denen, neben denen sie schreiten. Aber sie haben im Leben tapfer gekämpft und
gesiegt. Nebenbei erwarben sie die Kenntnis, Erfahrung und Weisheit, welche
sie befähigen, Hilfsengel zu sein für die, welche dieselben Kämpfe und
Versuchungen durchzumachen haben, die sie selbst während des Erdenlebens
zu bestehen hatten.“ – „Ja, und wie helfen sie ihnen, Mutter?“ fragte ich.
„Indem sie sich bemühen, ihnen Gedanken der Geduld, des Mutes, an Gott
einzuflößen. Indem sie suchen, ihnen Ideen ins Gemüt zu pflanzen, die in ihnen
edlere Wünsche auslösen als nur die Befriedigung tierischer oder selbstsüchtiger
Bestrebungen. Oft, sehr oft sogar leider ist ihr Bemühen vergeblich, da das
Gemüt von denen, die sie beeinflussen möchten, zu verdunkelt ist durch düstere,
selbstsüchtige oder erniedrigende Gedanken, um das Licht zuzulassen, das die
Engel ihnen bringen möchten. [56] Aber die Engel wachen und warten, bis sie
durch irgendeine Öffnung in den dunklen Wolken einen erhebenden Gedanken
durchbringen können. Vielleicht hilft ihnen dabei gelegentlich, wenn ihr
Schützling durch Erleben einer großzügigen oder heroischen Tat, vom Lesen
einer Stelle in einem guten Buche, beim Hören von Musik beeindruckt wird. Oft
aber haben sie auch Erfolg, irrende Füße auf den rechten Weg zu leiten, oft
auch gelingt es ihnen, in menschliches Denken Gedanken einzupflanzen, die
keimen und Früchte bringen, die ihrem Leben einen edleren Auftrieb geben.
Selten werden sich Männer oder Frauen bewußt, wie oft sie solche Eingebungen
empfangen, die ihnen neuen Mut bringen und Hoffnung, des Lebens Bürden auf
sich zu nehmen. Wenn den Leuten nur bewußt gemacht werden könnte, daß
Engel da sind, die über sie wachen, immer eifrig bemüht, ihnen zu helfen,
Versuchungen zu widerstehen, Selbstvertrauen zu erwerben, ihre geistigen
Anlagen zu entwickeln, bleibenden Frieden da zu suchen, wo er nur gefunden
werden kann, dann würden sie sich selbst bemühen um diese gottgesandte
Hilfe. Die Menschheit würde dann für uns nicht mehr lange das traurige
Schauspiel bieten wie jetzt.“ – „Ich sehe ein“, sagte ich, „daß eine solche
Kenntnis für die Menschheit zu großem Segen würde.“ – „Ja, mein Kind, der
größte Segen wäre das. Du hattest heute morgen von Herzen gebetet, zu wissen,
wie man etwas tun könnte gegen die Unwissenheit und für die leidenden
Kinder. Diese Vision ist die Erfüllung deiner Bitte und um dich zu befähigen,
der Menschheit die Botschaft zu vermitteln, die sie so dringend benötigt.“

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Einmal mehr war ich mit meiner Mutter im Himmelsgarten, als sie mich
wieder bat, hinunterzusehen, und wieder erblickte ich die große Stadt unter mir.
Aber diesmal war es Nacht, und die Straßen waren künstlich beleuchtet. In den
Häusern, auf die mein Blick gelenkt wurde, brannten die Lichter hell. Ich sah
viele Männer und Frauen dort eintreten. In ihrer Begleitung waren helle
dienende Engel, aber auch Geister in dunkler Kleidung, deren Gesichter nicht
strahlten, gesellten sich zu ihnen. „Wer sind denn diese Dunklen, Mutter?“
fragte ich. [57] „Sie gehören zu denen, die während des Erdenlebens den
Versuchungen unterlagen und die dadurch herunterkamen und erniedrigt
wurden“, antwortete sie, „und nun lehnen sie noch die göttliche Liebe für ihre
Seelen ab, versuchen, andere zu dem zu machen, was sie selbst auf Erden
waren, denn es ist noch ihre Freude, übel zu tun.“ Ich beobachtete einige der
Dunklen. Ich bemerkte, daß sie besonders zahlreich waren bei ausgedehnten
Zechgelagen, und wenn einige in diesen Gruppen zornig wurden und Streit
anfingen, kam ein Ausdruck wilder Freude in die Gesichter der Dunklen, sehr
ähnlich dem, was ich auf den Gesichtern von einem halben Dutzend Männer
niedriger Art gesehen, die sich ergötzten bei der Beobachtung zweier Hunde,
die sich wild anfielen. Wenn ein Mann betrunken fortging, kamen eine oder
mehrere dieser dunklen Gestalten mit ihm, und manche von ihnen standen an
den Türen und eine oder mehrere von ihnen gingen mit den meisten Männern
und Frauen hinein. Ich beobachtete das Wirken der hellen Engel. Sie schienen
einige davon abhalten zu können, die an der Tür gezögert hatten. Ich sah, wie
einer von ihnen einem Mann die Hand auf die Schulter legte, und dieser, der
gerade ein Glas am Schanktisch genommen hatte, schien sich plötzlich an etwas
zu erinnern und verließ den Platz. Ich sah auch einen anderen einem Manne die
Hand auflegen, der gerade ärgerliche Worte ausgestoßen hatte, in dem
Augenblick sich aber an etwas erinnerte und die Gruppe der Streitenden verließ.
Aber oft sah ich auch, daß die Hellen keinen Einfluß gewinnen konnten auf die,
denen sie helfen wollten, und das machte sie traurig. Mein Vater gehörte zu
denen, die für dieses Rettungswerk bestimmt waren. Ich sah, wie er ein Dutzend
Männer, einen nach dem anderen, fortführte und auf den Heimweg brachte,
wobei er jeden ein kleines Stück Wegs begleitete und dann zu seiner Arbeit
zurückkehrte. Ich war sehr stolz auf ihn, noch mehr, als wenn in früheren
Jahren, bevor er von mir genommen wurde, ein Freund von ihm mir von seinen
Heldentaten während des Aufstandes in Indien erzählte.
Als die Vision vorbei war, sprachen mein Schutzengel und meine Mutter mit
mir über das, was mir gezeigt worden war. [58] Sie sagten mir, es sei ein Irrtum
vieler auf Erden, zu glauben, daß die, welche nach dem Tode Engel werden, in
eine Sphäre einträten, wo sie von aller Arbeit befreit ihr Leben damit
verbrachten, in glückseliger Ruhe Gott zu preisen. Jeder von den Engeln
arbeitet und findet seine Freude darin, Gottesdienst zu tun. „Wie könnten wir
wohl glücklich hier sein“, sagte meine Mutter, „wo wir wissen, wieviel Elend
und geistige Unwissenheit es auf Erden gibt und daß wir die Kraft haben, den
Sündern, Umnachteten und Leidenden beizustehen, und würden diese Macht
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

nicht ausüben? Etliche von uns wirken nicht allein auf der Erde, um der
Menschheit aufzuhelfen, sondern auch in den tieferen Sphären, um denen zu
helfen, die in ihrem irdischen Dasein ermangelten, aus dem Leben die rechte
Lehre zu ziehen. Da tun manche Engel das, was man auf der Erde mit
Missionsarbeit bezeichnen würde, und zwar unter den üblen Geistern, die, wie
du gesehen hast, Männer und Frauen für das Verderben ködern wollen.“ –
„Gerade in der Arbeit, die wir nach dem Tode leisten können“, sagte mein
Schutzgeist, „finden so manche reichen Ausgleich für die Bürde, die auf Erden
auf uns lag und oft so schwer zu tragen war. Hier merken wir, daß oft die
Lektionen, die uns auf Erden am schwersten fielen, und fähig machte, jetzt
denen auf der Erde zu helfen, die durch Ähnliches durch müssen. Ich war, wie
du weißt, auf Erden lange Jahre eine Ganzinvalide. Diese Erfahrung war es, die
mir das Wissen brachte und die Kraft, vielen zu helfen, die im Krankenbett
liegen, geplagt von Schmerz und Mühsal. Ich gehe an manches Bett, und es
gelingt mir manchmal, ihnen Gedanken zu vermitteln, aus denen sie Geduld,
Mut, Hoffnung und Glauben in Gott nehmen. Da bin ich des froh, daß ich auf
Erden eine große Leidende war.“ Jedem Menschenwesen ist, wie sie mir sagte,
ein Schutzengel beigegeben, dessen besondere Aufgabe es ist, über diese Person
zu wachen und sich zu bemühen, ihr zu helfen, Versuchungen zu widerstehen
und ein gutes Leben zu führen – ein Leben, das zu einer gesegneten Vergeltung
führt. „Aber wie kommt es?“ fragte ich meinen Schutzengel, daß ein Engel so
hingebend über jemand wachen kann, wie du über mir und auch noch andere
betreuen?“ – „Weil, Joy, es gar nicht notwendig ist, daß ein Schutzengel immer
bei denen ist, die er beauftragt ist zu betreuen, um zu wissen, was sie tun oder
was sie denken. [59] Wo immer ich auch bin, ob im, wie du sagst, himmlischen
Garten oder irgendwo weit weg auf der Erde, wo du lebst, deine Gedanken
erreichen mich, und wenn die Umstände meine Hilfe erfordern, dann bin ich
wie ein Lichtpfeil an deiner Seite.“ – „Betrübt es die Engel, die auf Erden in
Unruhe und Verzweiflung zu sehen, welche sie lieben?“ fragte ich. –
„Gelegentlich schon“, sagte meine Mutter, „aber nicht sosehr wie
Erdenbewohner, weil wir hier sehen, was die auf der Erde nicht sehen können,
wie oft nämlich Kämpfe mit Sorgen und Schwierigkeiten den Charakter stärken,
die geistige Natur entwickeln und das beste aus der Persönlichkeit herausholen.
Unser Blick geht eben über das Grab hinaus, und wir erkennen, was manche
hier erwartet, die für irdische Augen mit Unglück überhäuft sind. Manche von
denen, die bei euch zu den Elenden, Verlorenen gezählt werden, gelten bei uns
zu den edelsten Siegern, weil, wie arm auch an irdischen Gütern, sie ihre Seele
mit den Dingen bereichern, die unverweslich sind. Manche aber, die auf Erden
brillante Erfolgsleute galten, sind bei uns Gescheiterte, weil, wie groß auch ihr
Besitz war, sie sich hier mit einer verarmten Seele zeigen. Für unser Sehen sind
die Kleider und die, welche sie tragen, nicht undurchsichtig wie für körperliche
Augen, wir sehen die geistige Natur. Die irdischen Menschen sind
unverwesliche Geister wie wir, und so sehen wir sie. Sie sollten versuchen zu
erkennen, was sie wirklich sind und sich nicht für Wesen halten, deren Leben
42
Joy Snell – Der Dienst der Engel

mit dem Tode aufhört. Dann würden viele ihre Gedanken weniger auf materielle
Dinge richten, sondern diese immer nach ihrem wirklichen Wert einschätzen
und erkennen, daß Armut und Reichtum im wahren Sinne des Geistes sind.“
Damals verstand ich nicht die ganze Tiefe dieses Ausspruchs. „Armut und
Reichtum sind des Geistes“, und wie weit das Bezug hat auf unser hiesiges
Leben. Das machte mir in der Folge ein Engel, dem ich für viele Aufklärungen
sehr verpflichtet bin, klar, indem er mir folgende Geschichte erzählte:
„Ein junger Mann ging mit sich zu Rate, was er aus sich selbst machen solle,
und er beschloß, daß er ein sehr reicher Mann werden wolle, weil er annahm,
daß man mit reichen Mitteln alles haben könnte, was das Leben lebenswert
macht. [60] Um das zu erreichen, setzte er sich mit aller Kraft und einzigartiger
Hingabe ein und erreichte sein Ziel, denn er war mit reichen Gaben ausgestattet
und mit einer Konstitution gesegnet, die auch den Anstrengungen andauernder
Arbeit widerstand. Als er sich den sechzig näherte, zog er sich von den
Geschäften zurück mit dem Gedanken, nun in der Fülle zu genießen, was für
ihn mit Geld zu kaufen wäre. Er erwarb einen großen Besitz und baute darauf
ein prunkvolles Haus. Er berief gescheite Männer und tüchtige Handwerker,
und die machten aus seinem Hause einen Musentempel und aus seinen
Ländereien einen Traum von Forst- und Gartenschönheit. An gewissen Tagen
war seine Besitzung für das Publikum geöffnet. Unter den Besuchern sah ich
eines Tages einen Mann, der nach dem Urteil der Welt sein Leben verfehlt
hatte, weil er mit 55 Jahren noch hart und für einen kärglichen Lohn arbeiten
mußte, so daß er nur ganz wenig auf die Seite legen konnte. Als er in die
Besitzung eintrat und sah, wie lieblich sie war, stieg ein Dankgebet zum
himmlischen Vater aus ihm auf, denn er hatte eine für das Schöne empfindsame
Seele, und Schönheit war für ihn einer der vielen Beweise für Gottes Güte. Er
wußte es zwar nicht, aber mit ihm waren da Engel, und da er eine sehr
empfängliche Seele hatte, konnten sie ihm heilige und erhebende Gedanken
eingeben und ihm die Botschaften der Vögel, der Bäume, der Blumen, der
Bäche und Lichtungen deuten, so daß alles zu ihm sprach von der Liebe Gottes.
Friede und Freude kam über ihn, und er spazierte einige Stunden in dem
herrlichen Besitz. An diesem Tage fühlte er sich reich. Während nun er in dem
Fest von Schönheit schwärmte und für seine Seele Erholung fand, beobachtete
ich den Eigentümer dieser Besitzung. Er ging in seiner Bibliothek auf und ab,
mißmutig, ein Raub von Unzufriedenheit und Niedergeschlagenheit, denn seine
Besitzungen hatten ihm nicht das Glücksgefühl gebracht, das er von ihrem
Besitz erwartet hatte und für den er doch so freigebig seine Mittel ausgegeben
hatte. Der Gedanke kam in ihn, daß er, der jede Sache, die Menschen begehren,
kaufen könne, Glücksgefühl nicht kaufen könne. Er war beunruhigt, denn auch
er suchte, wie alle anderen, Glückseligkeit. Und er konnte nicht herausfinden,
wie er dazu kommen könnte. [61] Die Jagd nach Vermögen hatte in ihm nur
eine Seite seiner Natur zur Auswirkung gebracht. Die andere, die spirituelle
Seite, deren Entwicklung so bedeutende Früchte gebracht hätte, blieb
unentwickelt. Er war – und darauf war er stolz – ein äußerst praktischer Mann
43
Joy Snell – Der Dienst der Engel

geworden. Er glaubte auch nur an das, was er mit den fünf Sinnen erfassen
konnte. Die Blumen, Bäume, Vögel und all die anderen Schönheiten, die er um
sich herum anstaute, hatten seiner Seele nichts zu sagen. In dieser dunklen
Stimmung kam ihm nie der Gedanke an ein Gebet um Hilfe und Führung. Gott
war für ihn das große Vielleicht. Die Stelle der Schrift, die so oft als eine tiefe
Wahrheit erwiesen wurde: ,In all deinen Wegen erkenne Ihn, und Er wird deine
Schritte leiten’, sagte ihm nichts. Die Engel konnten ihm keinen Dienst zuteil
werden lassen, denn er hatte alle Zugänge zu seiner Seele, über die sie sich ihm
hätten nähern können, verschlossen. Klug in seinen eigenen Belangen, war er
doch, so wenig er das auch vermutete, ein wirklich armer Mann.“

Wohl die meisten Menschen mit strebender, ernster Natur haben die
Erfahrung gemacht, daß sich in gewissem Maße die tiefsten Wünsche ihrer
Seele kund tun. Die Zweifel und Verworrenheiten, mit denen sie sich lange
herumgeschlagen haben, vergehen. Die Unruhe lastet nicht mehr länger auf
ihnen, und etwas von dem Frieden, der über allem Verstand ist, kommt zu
ihnen. Sie entdecken, daß sie ohne Kampf, ohne bewußte Anstrengung
bekommen haben, wonach sie sich so lange sehnten. In der geistigen
Atmosphäre, in die sie verbracht scheinen, schweigen alle die kreischenden
Mißtöne des Erdenlebens, und eine tiefe Befriedigung erfüllt sie, sie können
keine Gedanken der Not festhalten, sie kennen keinen Neid, sie haben auch
keine Rachegefühle mehr gegen die, von denen sie am meisten geplagt wurden.
Zu solchen Zeiten strahlen gerade die, welche als Durchschnittsmenschen
gelten, verändert und verklärt und strahlen einen wohltuenden Einfluß aus auf
alle, die in ihrer Nähe sind. In solcher Stimmung fühlen sie, sie hätten den
tonlosen Botschaften zu lauschen, von irgendwoher außer ihnen und dabei
Stärkung für ihre Seele zu finden. [62] Dann dienen die Engel denen, die
hungerten und dürsteten nach der Gerechtigkeit einen Vorgeschmack auf den
Himmel. Solche gesegneten Augenblicke wären häufiger, wenn die, welche
geistige Erleuchtung suchen, das begriffen und lernten, wie man Engelhilfe
haben kann. Die Bewohner des Himmelsgarten besitzen diese heitere
Fröhlichkeit in höherem Maße und immer. Es ist der Dauerzustand dieses
Gemütszustandes, der mir bei denen auffiel, die ich dort als Engel wiedersah.
Ich möchte die Fähigkeit haben, so zu beschreiben, daß andere es verstehen
könnten, die wundervolle Lieblichkeit, die Zartheit, die Dienstfertigkeit, die
geistige Kraft bei allen denen, die, wie verschieden auch ihr Erdenlos gewesen
sein mag, die große Wandlung durchgemacht haben. Wenn ich zum Beispiel N.
beschreiben könnte, von dessen traurigen Prüfungen ich etwas in diesen
Blättern erwähnte, wie er jetzt ist und wie ich ihn sah, das gäbe neue Hoffnung
und neuen Mut für so manche Schwerbelastete, die wie er auf der Erde mit
bitterer Armut und herzbrechenden Sorgen zu kämpfen haben. Als ich während
meiner Spitalzeit in den Slums pflegte, hörte ich oft von einem jungen Kurator,
der sich als Arbeitsfeld den schmutzigsten Teil der City gewählt hatte. Dort
sprachen die armen Leute von ihm als ,Der Mann’, mit der Betonung des Der,
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

um ihn von allen anderen Männern, die sie kannten, zu unterscheiden. Als ich
zu ihm ging, um ihn auch kennenzulernen, erkannte ich die Berechtigung auf
den Titel, den man ihm gegeben hatte. Ich habe seither manchen guten Mann
angetroffen, wovon einige sich im Dienste der Kirche und andere auf
verschiedenen Wegen des Lebens hervortaten, aber er bleibt doch in meiner
Erinnerung als „der“ Mann.
Groß, gutgewachsen, athletisch, schön, hatte er überall Aufsehen erregt. Aber
es war seine Seele, die ihn zu „der“ Mann machte. Er schien sich selbst von
jeder Spur von Selbstsucht zu befreien. Ganz Herz und Fröhlichkeit widmete er
seine großen Gaben aller Art dem Dienste des Meisters unter der Bevölkerung
der Slums. Nie war ein Mann freier von irgendeiner Art Scheinheiligkeit als er.
Bei ihm stimmten Worte und Taten immer überein. Er brachte immer ein Etwas
mit sich, das schon allein als vertrauenswerte Männlichkeit wirkte. [63] Selbst
die, welche am tiefsten gesunken waren, konnten ihm nicht den Respekt
verweigern. Manches menschliche Wrack hob er auf und machte wieder einen
Menschen daraus. Sehr beliebt war er auch unter den Armen. Wenn irgendein
Streit unter ihnen war, wegen Recht oder Unrecht, so genügte die Feststellung,
daß der Mann so oder so gesagt hatte, um ihm ein Ende zu bereiten. Ich verlor
dann seine Spur kurze Zeit nachdem ich das Spital verlassen hatte. Nie hörte ich
seinen Namen nennen unter den Würdenträgern der Kirche, aber oft dachte ich,
wie ruhmvoll seine Bewertung sein werde bei seinem Empfang im Himmel. Da
erfuhr ich durch einen Seekapitän, der diesen Mann zur gleichen Zeit gekannt
hatte wie ich, und der auch seit Jahren im Himmel seinen Ruhehafen gefunden
hatte. Als zwei Engel ihn, dessen Leben vor einigen Augenblicken aufgehört
hatte, brachten, war der Heiland zugegen, er legte eine Hand auf dessen Haupt
und sagte: „Wohlgetan, guter und getreuer Knecht! Willkommen zu Hause!“
Und die Menge der Engel nahm den Ruf auf: „Willkommen daheim!
Willkommen daheim!“ Der Lebenskampf bringt Narben und schmerzhafte
Wunden, die selten hier heilen, wohl aber dort. Und dort gibt es auch keine
Betrübnis in Erinnerung an die Nöte und Sorgen, die hier tapfer ertragen
wurden. Die Engel sehen sie als Erfahrungen an, die reiche Belohnung gebracht
haben, weil sie befähigten, anderen in ähnlichen Nöten beizustehen. Im Alten
und Neuen Testament finden sich manche Berichte über den Verkehr zwischen
Engeln und menschlichen Wesen, und an keiner Stelle wird über solche
Vorfälle berichtet, als gingen sie so weit über gewöhnliche menschliche
Erfahrung hinaus, daß sie als unglaubwürdig erscheinen könnten. Im Gegenteil,
und viele Christen sehen die Erzählungen der Schrift als Feststellung von
Begebenheiten an. Das ist auch in kirchlichen Gesängen ausgedrückt, so zum
Beispiel in einem englischen Kirchenlied, das in der Übersetzung lautet: „Sie
kommen, Gottes Boten der Liebe, sie kommen aus dem Reich des Friedens, da
oben, von den Stätten immerwährenden Lichtes, von immerhellen Wohnungen
der Seligen. Sie kommen, um bei uns zu wachen ...“ [64] Und doch, so eifrig
manche Christen sich an diesem Gesang beteiligen, glauben sie doch in
Wirklichkeit nicht, genau wie die gröbsten Materialisten. Es wird ein herrlicher
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Tag sein, wenn die Kirchen und andere Verkünder des Evangeliums ihren
Glauben an den Dienst der Engel verkünden und sich auch ihm selbst
anvertrauen.
Wie mir Engel erzählten, treten alle Geister nach dem Tode in eine
Daseinssphäre ein, die ihrem eigenen Zustande entspricht, und zwar in
Übereinstimmung mit einem Gesetz, dem alle Geister unterworfen sind und das
man vergleichen kann mit dem physikalischen Gesetz der Schwere. Gemäß dem
Leben, das man hier geführt hat, bestimmt sich, wohin man nach Verlassen des
Körpers steigt oder fällt. War das Leben hier gut, so geht der Geist zu einer
Sphäre, wo er Ruhe und Glückseligkeit sowie Anregung zur Weiterentwicklung
findet. Bei dem Gegenteil geht er in eine Sphäre, wo er leidet. Der Geist erntet
immer, was er gesät hat. Wie es verschiedene Sphären gibt, die den
verschiedenen Bedürfnissen der Weiterentwicklung angepaßt sind, so gibt es
auch andere in Anpassung an ihren rückständigen Zustand. Von den beiden
letzteren habe ich zwei sehen dürfen.
In meinem Geistkörper erblickte ich einen Lichtpfad, an dem ein heller Engel
mir winkte. Ich ging diesen Fußweg entlang und kam an den Rand eines großen
Waldes. Es herrschte da ein Licht, wie man es oft in London an einem düsteren,
nebligen Winternachmittag sieht, wenn die Sonne hinter tiefliegenden,
regengeladenen Wolken versteckt ist und Türlichter angezündet sein müssen,
damit man sich zurechtfinden kann. Der Wald machte einen äußerst dunklen
und niederdrückenden Eindruck. Zwischen den Bäumen irrten Geisterformen zu
Tausenden dahin, Männer und Frauen verschiedenen Alters. Welcher
Unterschied zu den Engeln in dem Himmelsgarten! Dort jedes Gesicht Friede
und Freude und hier der Ausdruck von tiefer Unruhe, Elend und
Hoffnungslosigkeit, und während der Himmelsgarten widerhallt von
Lobgesängen, waren die einzigen Töne, die aus dem düsteren Walde kamen,
Seufzer und Klagen, die aus der Schar der unglücklichen Geister aufstiegen.
Ihre Kleider waren dunkel, meist schwarz. Alle schienen unaufhaltsam etwas
suchen zu müssen, was sie nicht finden könnten. [65] Ihr Verhalten erinnerte
mich etwa an Leute auf Erden, die etwas suchen, das sie verloren haben, aber
nicht wissen, wo sie es finden könnten. Sie huschten zwischen den Bäumen hin
und her, eifrig danach ausschauend, dann aber wieder zögernden Schrittes, als
hätten sie die trügerische Hoffnung, sie seien in die Nähe des gesuchten
Gegenstandes gekommen. Sie hörten dann auf zu klagen, weinen und seufzen.
Das war aber immer nur für einen kurzen Augenblick. Die Hoffnung, wenn es
Hoffnung war, verschwand meist sofort wieder. Das angstvolle Suchen, die
Schreie und verzweifelten Bewegungen begannen wieder. Wenn zwei oder drei
zufällig für einen Augenblick sich in derselben Richtung bewegten, begannen
sie, soweit ich beobachten konnte, eine Unterhaltung. Jeder war anscheinend so
mit seinem Leid beschäftigt, daß er von niemandem sonst Notiz nahm. Auf
Erden sucht Elend, Genossen, davon war hier nichts zu bemerken: Ich
beobachtete diese Geister längere Zeit, denn ich hätte gern gewußt, was sie

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

erwarteten. Da bemerkte ich, daß einer von ihnen sich mir genähert hatte. Aus
seinen Zügen ersah ich, daß er ein Mann mittleren Alters gewesen war, als er
starb, und offenbar auch sehr intelligent gewesen war. Ich wandte mich zu ihm
und sagte: „Können Sie mir sagen, was die alle hier so eifrig und ängstlich
suchen?“ Er sah mich an wie jemand, der sehr erstaunt ist, und fragte: „Wie
kommen Sie hierher?“ Ich sagte ihm, daß ich einem Fußweg von hellem Licht
gefolgt sei. „Oh, heller Geist“, sagte er, „das ist es, was wir hier erwarten –
Licht, Licht, wo wir wieder die Möglichkeit finden können, das zu tun, was wir
auf Erden versäumten. Nützliches, Gutes zu tun und zu lieben. Aber uns allen,
die wir hier suchen, immer suchen wir den verlorenen Seelenfrieden. und die
Ruhe, und wir finden sie nimmer. Oh, heller Geist, hilf uns, denn wir sind in
Qual. Wir mühen uns andauernd, aber wir erreichen nichts. Wir möchten gerne
mit denen sprechen, die wir auf der Erde zurückließen, aber wir können sie
nicht erreichen. Wir möchten sie ermahnen, doch ihre meiste Zeit, ihre Gaben
und Gelegenheiten zu benutzen, um anderen Gutes zu tun und nicht nur Be-
friedigung zu suchen für ihre eigenen, selbstsüchtigen Wünsche. [66] Wir
möchten sie ermahnen, von der Freiheit Nutzen zu ziehen, die den Menschen
auf Erden gewährt ist, und weise zu wählen, denn diese Möglichkeit der freien
Wahl finden sie hier im Reiche der Schatten nicht. Hier sind alle Dinge
ausweichend. Wenn man die Hand ausstreckt, um das zu fassen, was man sucht
oder wünscht, wird es zurückgezogen, und immer wieder muß man suchen
gehen und sich bemühen, ohne es je zu erreichen, endlos. Denke, was das
bedeutet! Hoffnungslos. Wenn Menschen auf der Erde der Hoffnung beraubt
würden, sie versänken in tiefste Verzweiflung. „Die Hände ringend und
stöhnend ging er wieder in den Wald zurück, um fortzufahren, das zu suchen,
was er doch nie finden konnte. Dann befand ich mich plötzlich wieder im hellen
Sonnenschein der Außenwelt. Ein großes Mitleid mit diesen Unglücklichen
erfaßte mich, und ich sank auf die Knie und bat, ob mir eine Möglichkeit
gegeben werden könne, diesen Unglücklichen zu helfen, und ich dachte dabei
an die Hilfe, welche der Heiland den Geistern in der Gefangenschaft gebracht
hatte. Mein Schutzengel kam mir zur Seite, nahm mich an der Hand, und wir
stiegen zusammen in den Himmelsgarten auf. Ich erzählte ihm, was ich gesehen
hatte.
„Komm mit mir, und ruhe eine Weile“, sagte er und brachte mich zu seinem
Ruheraum. Wie verschieden die Atmosphäre gegen die in dem traurigen
Unterweltwald. Trotzdem, was mir der arme Wicht gesagt hatte, der mich
händeringend und seufzend verlassen hatte, konnte ich nicht glauben, daß deren
Los für immer vollständig hoffnungslos sein sollte. Mein Schutzgeist erriet
meine Gedanken. „Joy“, sagte er. „Für jene unglücklichen Opfer ihres
selbstgeschaffenen Wahns kommt eine Zeit, für jedes ganz verschieden, wo sie
Gelegenheit bekommen, sich um ihre eigene Rettung zu bemühen. Dann werden
auch sie Ruhe finden.“

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Wieder war ich über einen Lichtpfad zu dem trüben Wald in der Unterwelt
gekommen. Diesmal aber schien ich weiter hineingekommen zu sein. Ich stand
am Rande einer tiefen Schlucht, in dem weit unten ein reißender Fluß von
tintenschwarzer Farbe strömte. Bei meinem ersten Besuch in dieser dunklen
Gegend war meine Seele erschüttert worden durch die offenbar hoffnungslose
Lage der Gestrandeten, die sich hier aufhielten. [67] Jetzt aber sollte ich
erfahren, daß Gott sie nicht verlassen hat, und daß gerade hier seine Lichtengel
eintreten und den Opfern ihrer eigenen Selbstsucht und versäumten Gelegenheit
auf Erden beistehen dürfen. Auf dieser Seite des Stromes, wo ich stand,
bemerkte ich Tausende von dunkelfarbigen Geistern, die zwischen den Bäumen
nach dem herumsuchten, was sie doch nie finden würden, und dabei die Luft
mit Klagen erfüllten. Ich hatte den Eindruck, daß der Strom ein Tränenstrom
war, vergossen von den Legionen von Elenden, die seit undenklichen Zeiten
durch die Pforte des Todes in diesen düsteren Wald hinabgestiegen waren. Auf
der anderen Seite sah ich keine zwischen den Bäumen herumirrende Geister und
hörte auch von dort keine Klagen. Gerade mir gegenüber war ein heller Engel,
den ich als meinen Bruder erkannte. Um ihn herum war eine Gruppe
dunkelfarbiger Geister, aber sie hatten aufgehört zu jammern und schienen auch
nicht mehr zwecklos zu suchen. Mein Bruder kam zu mir, und ich fragte ihn,
was das für Geister seien um ihn herum. „Das sind Geister“, sagte er, „die
durch ihre echte Reue über das, was sie auf Erden an Missetaten begingen, und
durch ihr aufrichtiges Verlangen, andere, die mit ihnen zusammenlebten, zu
warnen, den Eintritt in eine andere Sphäre erreicht haben, wohin ich sie führe.
Da können sie an ihrer eigenen Rettung arbeiten, und wenn sie durchhalten,
steigen sie von Stufe zu Stufe, bis sie dann auch dienende Engel im Himmel
werden.“ Ich erzählte ihm, was der Geist, den ich bei meinem ersten Eintritt in
den Wald traf, sagte. „Vielleicht ist er schon vorher in die Sphäre gebracht
worden, wohin ich die bringe, die ich erlöst habe“, sagte mein Bruder, „denn
unser sind viele, die dieser Arbeit zugeteilt sind. Wenn er aufrichtig sprach, hat
er offenbar den Geisteszustand erreicht, der für diese Unglücklichen eine neue
Möglichkeit zum Aufstieg bedeutet. Aber er war im Irrtum, wenn er annahm,
daß alle Unglücklichen hier besorgt seien, ihre Freunde zu warnen, die dasselbe
Leben führen, wie sie es taten. Unglücklicherweise sind die meisten hier weit
davon entfernt, so zu denken, sie sind noch äußerst selbstsüchtig. Sie fühlen
keine Sorge für die, welche sie auf Erden mißleiteten. Die denken nur an sich
selbst. Sie vergießen Tränen nur wegen ihres eigenen Elends. [68] Ihr begreift
wenig davon, bis zu welcher Tiefe der Selbstsucht, Gottlosigkeit und
Verderbtheit einige Naturen auf Erden sinken können. Aber wir, die wir uns um
solche hier bekümmern, wir wissen Bescheid, denn wir lesen ihre Gedanken.
Und wenn wir darin etwas lesen, und wenn wir darin eine Bereitschaft
erkennen, ihre Selbstsucht aufzugeben, ihre Missetaten und die versäumten
Gelegenheiten zu bereuen, dann gehen wir an sie heran und versuchen, ihre
dunklen Begriffe aufzuhellen, ihnen zu sagen, daß noch eine Hoffnung für sie
besteht, sprechen ihnen von Gott und seiner wunderbaren Liebe und ermutigen
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

sie, Anstrengungen für einen geistigen Fortschritt zu machen, bis sie soweit
sind, daß wir sie von diesem unglücklichen Platze fortführen dürfen. Denn nie
ist es der Wille des liebenden Vaters, daß eines seiner Kinder, und wie
heruntergekommen es auch sein mag, in alle Ewigkeit Elend und Qualen
erdulden soll. Immer, ja immer gibt es einen Pfad, auf dem sie, wenn auch der
Gang für manche von ihnen lang, anstrengend und schmerzvoll sein muß, zu
ihm zurückkehren können.“ Daß üble Geister auf der Erde Menschenwesen zum
Bösen verführen, hatte mich sehr, bestürzt, und ich hatte meinen Bruder gefragt,
ob ich dafür eine Erklärung bekommen könne. „Wir sind noch weit davon
entfernt, alle Wege Gottes zu verstehen, und das noch weit weniger, solange
man noch auf Erden weilt. Laß dir genügen, zu wissen, daß nach einem guten
und weisen Plan, der dir die Liebe Gottes verkündet, schlechten Geistern ab
und zu gestattet wird, auf die Erde zurückzukehren und da frei zu wählen, was
sie tun wollen, damit sich zeigt, wieweit Samen der Reue in ihren verdunkelten
Seelen Wurzel gefaßt haben.“

Meine Engelgäste waren eines Nachts noch lange bei mir, als mein Bruder
sagte: „Ich muß bald fort, denn es wartet Arbeit auf mich. Ich werde einige der
Geister erreichen, welche ich habe befreien dürfen aus der Unterwelt, in eine
höhere Sphäre bringen.“ Ich drückte den Wunsch aus, ihn begleiten zu dürfen,
um etwas über den Aufstieg kennenzulernen. „Das kannst du schon“, sagte er,
„vielleicht bist du imstande, mich diese Nacht zu begleiten.“ [69] Es ist fast
immer so, daß erst dann mein Geistkörper in andere Sphären steigen kann, wenn
ich in tiefen Schlaf gefallen bin. Wie lange ich schön geschlafen hatte, weiß ich
nicht, aber wieder einmal gelangte ich über den Lichtpfad in den düsteren Wald.
Auch diesmal bemerkte ich Tausende von dunklen, jammernden und
wehklagenden Geistern. Unter einem, wie es mir schien, unsichtbaren Einfluß,
ging ich durch den Wald und kam zu dem Tränenfluß, von dem ich schon
berichtete. Auf der anderen Seite war mein Bruder, und um ihn geschart waren
etwa dreißig Geister, die in ihrer dunklen Kleidung einen auffallenden
Gegensatz bildeten zu seiner strahlenden Erscheinung. Mein Bruder kam zu mir
und holte mich zu der wartenden Gruppe. In ihrer allgemeinen Erscheinung
glichen sie denen in dem Wald, von denen ich herkam und deren Klagen ich
noch hören konnte, aber ihre Gesichter zeigten Erwartung an Stelle von
Verzweiflung. Sie waren ruhig und nicht mehr vom Dämon der Unruhe
besessen. Wir machten, wie mir schien, einen längen Weg, ich neben meinem
Bruder und die Geister uns folgend. Bald begann der Pfad aus dem Pfühl stark
aufwärts zu steigen, und so ging es fort, bis wir am Ende der Reise
angekommen waren. Auf der Erde würde eine solche Reise sehr ermüdet haben,
aber in meinem Geistkleid hatte ich kein Gefühl für Müdigkeit. Die
Atmosphäre, die unten dick, muffig und drückend war, nahm nach und nach ein
helleres Grau an, das Laub der Bäume wurde dichter und grüner und das Gras
grüner. Zuletzt gelangten wir auf eine weite, bewaldete Hochfläche. Im
allgemeinen war sie ähnlich wie die Wälder in der gemäßigten Zone an einem
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

bedeckten Tag, wenn der graue Himmel die Sonne verdeckt, aber es waren
Vögel da, die schön sangen. In dem Raum, den mein Blick erfassen konnte,
waren Tausende von Geistern. Man hörte klar heraus, daß hier die Sündenlast
viel weniger auf ihnen lag als auf den Verzweifelten in dem düsteren Wald, von
dem wir kamen. Gekleidet waren sie mattgrau, wie die, die uns gefolgt waren.
„Es ist gut, da zu sein, wo die Vögel singen“, hörte ich einen von ihnen rufen.
Andere drückten ihre Freude aus über das Grün der Bäume und Pflanzen, oder
sie weinten Tränen der Freude. Einer langen Straße im Wald entlang sah ich
eine Reihe kleiner niedriger Gebäude, mehr Hütten ähnlich. [70] Sie waren alle
gleich und von grauer Farbe. „Das sind Ruheorte für die, welche hier leben“,
erklärte mir mein Bruder. „Dahin können sie sich zurückziehen für
Meditationen und Verkehr mit den Geistern, welche sie betreuen. Da, woher wir
kamen, gibt es das nicht, denn es gibt da keine Ruhe.“ Ich sah in eine Hütte
hinein. Es war ein einziger, kleiner, leerer Raum, von gleicher Farbe wie das
Äußere. „Welch ein Unterschied zu den herrlichen Räumen im
Himmelsgarten!“ rief ich aus. – „Dieser Unterschied“, sagte mein Bruder, „ist
bezeichnend für den Unterschied im geistigen Zustand der Bewohner.“ Ich sah
in dieser Sphäre keine Blumen, hörte auch nicht jene Ausbrüche von Lob und
Dank, die mich im Himmelsgarten so entzückt hatten. Die einzigen Gesänge,
die ich hier hörte, waren die der Vögel. „Diese Sphäre“, sagte mein Bruder, „ist
die erste Sphäre zwischen der, von der wir aufgestiegen sind, und den
himmlischen Sphären. Die Geister hier haben ein weit besseres Los als die in
dem düsteren Wald. Hier sind sie der Belehrung und Führung durch Engel
himmlischer Sphären mehr zugänglich, der Engel, die ihnen dienen und ihnen
bei dem geistigen Fortkommen helfen, denn aller Fortschritt ist spiritueller Art.
Von Zeit zu Zeit, wenn sie für eine solche Arbeit gerüstet sind, wird ihnen
erlaubt, in die Unterwelt zu gehen, die du gesehen hast, und gewissen Sündern
zu dienen. Dabei wird ihnen geholfen, sich selbst von der Selbstsucht zu
befreien, die das größte Hindernis ist für geistiges Wachstum.“ Ich drückte ihm
meine Freude aus, daß es ihm gelungen sei, so viele aus der Unterwelt zu
befreien. „Ich freue mich auch, daß ich fähig gewesen bin, solche Arbeit im
Dienste Gottes zu tun“, antwortete er, „aber täglich kommen von eurer Welt in
Sünden verstrickte Seelen durch die Pforte des Todes in die dunklen
Unterwelten. Am meisten liegt uns daran, in eurer Welt das Licht – die
Erkenntnis – sich ausbreiten zu sehen, durch das viele von dem sündigen,
gottlosen, selbstsüchtigen, gottverlassenen Leben abgehalten würden, das sie
nach dem Tode in einen solchen Zustand von Elend und Unglück bringt, denn
nach dem Tode muß sich das Gesetz erfüllen: Wie du säest, so wirst du ernten!
[71] In der düsteren Unterwelt ist es schwerer – viel schwerer – gottlose Sünder
auf den rechten Weg zu bringen, als in der Welt, wo sie ihr Körperleben
zubringen. Wenn man ihnen das begreiflich machen könnte, würden sie wohl
schwerlich versäumen, sich selbst für das ewige Leben vorzubereiten.“
Oft bin ich mit meinem Geistkörper aufgestiegen zu dem, was die Engel Höfe
des Lichts nennen. Während ich aber bei meinen Besuchen im Himmelsgarten
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

von einem Engel, meist meinem Schutzengel bewußt mitgenommen wurde,


wurde mir eine Mitnahme zu den Höfen des Lichts nicht bewußt. Es war wie
ein plötzliches Erwachen dort neben meinem Mentor-Engel. Schon bevor ich
ihn dort traf, war dieser Engel, der wirklich einer der weisesten und treuesten
Ratgeber in geistigen Dingen ist, bei mir erschienen und hatte mich belehrt. Er
war es auch, der mir den Spruch erklärte, den ich im vorigen Kapitel anführte:
„Armut und Reichtümer sind des Geistes.“ Als ich mich das erste Mal in den
Höfen des Lichts fand, stand ich mit dem Mentor mitten in einem großen Hof
oder Anlage. Ein schöner weißer Springbrunnen mit drei Schalen übereinander
endete in der denkbar anmutigen Statue eines nackten Mannes. Der rechte Arm
hält über dem Kopfe einen Siegeskranz. Ein Sprühregen fällt mit melodischem
Klingen in die Schalen zurück. Das Licht ist sehr hell. Für menschliche Augen
würde es blendend sein, aber nicht für die Augen des Geistkörpers. Dort hat die
duftende Atmosphäre eine wunderbar erheiternde Eigenschaft. Man ist mit
einem überschäumenden Lebensbewußtsein erfüllt, dem die Grenzen fehlen,
wie sie ihm im irdischen Körper gesetzt sind. Dort fühlt sich der Geist wirklich
frei. An den vier Seiten des Hofes – des einzigen der vielen Lichthöfe, den ich
bis jetzt sah – befinden sich wunderbare Gebäude und Tempel im griechischen
Stil. Sie erinnerten mich an Bilder und Beschreibungen, die ich von der
Akropolis gesehen und gelesen hatte, von dem Zustand vor ihrer Zerstörung.
Auch der Mentor mit seiner stattlichen Erscheinung und den feingeschnittenen
Zügen erschien mir wie eine verherrlichte Verkörperung altgriechischer
Männlichkeit. Die Kleider im antiken Stil sind weiß, aber von einem Weiß, das
mit irdischer Weiße nicht zu vergleichen ist, denn das Gewand strahlt Licht aus.
[72] Um sein Haupt ist ein Kranz von Blättern, und auf seiner Brust hängt an
einer dünnen Kette ein glitzernder Stern. Andere Engel, ähnlich gekleidet,
standen oder gingen plaudernd, in Gruppen oder als Paare. So wenig ich die
Schönheit der Lichthöfe beschreiben kann, ebenso wenig kann ich den
gewaltigen Eindruck der Belehrungen des Mentor erklären. Seine Sprache war
meinem Verstehen so angepaßt wie die eines erwachsenen Mannes für ein Kind.
Aber die gewaltige Wirkung, die sie hatte, ist unmöglich zu schildern. Wer
öffentlichen Rednern zugehört hat, weiß, wie ihre Überzeugungskraft abhängt
von dem Eindruck ihrer Persönlichkeit. Selbst bei den bedeutendsten Rednern
kann uns ein Zweifel bleiben, aber von dem Mentor in den Höfen des Lichts
nicht, Ich bin gewiß, daß ich Wahrheiten, geistigen Wahrheiten von höchster
Bedeutung für die Menschheit zuhöre. Manchmal habe ich, wenn ich auf die
Erde zurückkehrte, sorgfältig das aufgeschrieben, dessen ich mich von den
Belehrungen erinnerte, aber wenn ich dann meine Niederschrift las, merkte ich
betrübt, daß die Worte nicht die gleiche Kraft hatten, so herrlich zu überzeugen,
wie Worte des Mentor zu meinem Herzen gesprochen hatten. Der Mentor, der
einige hundert Jahre lebte, bevor Christus seinen Dienst auf Erden begann, ist
ein Diener des Herrn der Lichthöfe. Und der große Glaube, den er in meinem
Herzen entzündete, war der, den der Heiland in Galiläa verkündete. Der Schluß
seiner Reden war immer die Liebe Gottes, der Segen und die Glückseligkeit, die
51
Joy Snell – Der Dienst der Engel

sie denen vermitteln, so etwa sagte der Mentor, die sie annehmen. – „Engel sind
da, eine Menge von Engeln, die begierig, besorgt, sehnsüchtig, verlangend sind,
der Menschheit zu dienen, sie zu überreden, die Fenster ihrer Seele dem Licht –
dem Gotteslicht – zu öffnen, das ihnen Seelenfrieden bringt, der über allen
Verstand geht. Aber weil die meisten von ihnen in geistiger Dunkelheit, in
Anbetung falscher Güter, Selbstsucht, Sinnesfreuden leben oder so von Armut
und Elend niedergedrückt sind, daß sie gar nicht mehr merken, daß sie Seelen
haben, können die Engel ihnen nicht dienen, was sie doch eifrig zu tun
wünschen. Wenige unter den vielen Millionen Menschen wissen etwas von
Engeln oder deren Dienst auf Erden. Auch die meisten ihrer geistigen Lehrer
sind unwissend. [73] Sie glauben, daß Engel immer im Himmel bleiben und
dort sich einer unaussprechlichen Glückseligkeit erfreuen, aber in völliger
Vergessenheit ohne Verbindung mit der kämpfenden, leidenden Menschheit,
deren Seelen verhungern. Mit dem Aufstieg in himmlische Sphären gewinnen
wir eine tiefere, umfassendere Kenntnis von Gottes Liebe, und es scheint, daß
wir mit dem Zunehmen dieser Erkenntnis Gottes Eigenschaften widerspiegeln.
Wenn nun also Gottes Liebe für seine Kinder auf Erden nicht geringer ist als für
die im Himmel, wie könnten wir denn das sein, was wir sind, wenn wir sie nicht
auch lieben würden? So wie dein Herz, Schwester, von Mitleid bewegt wird,
wenn du jemand hungern siehst und ihm an Nahrung gibst, was er nach deiner
Meinung vertragen kann, so sind wir in noch größerem Maße von Mitleid erfüllt
und bemüht, den Millionen hungernder Seelen die wunderbare Gabe göttlicher
Liebe zu bringen.“ Um der Glut seiner Gefühle noch vollkommener Ausdruck
zu geben, sang er Zeilen eines Liedes, das ich vorher nie hörte, das aber
vielleicht in einer alten Sammlung von Hymnen zu finden ist. Es klingt in
meinem Herzen wieder und wieder der süße und frohe Kehrreim: „Sing wieder
und immer wieder vom Wunder der göttlichen Lieb.“ Die Worte sind einfach,
aber welche Tiefe des Gefühls drückte sich damit aus, wenn der Mentor sie mit
heißem Frohlocken sang! Nie vorher hatte ein Gesang einen so tiefen Eindruck
auf mich gemacht. Als ich wieder zur Erde zurückkam, fand ich mich wieder in
meinem Körper und im Bett liegend, aber der wundervolle Klang des Gesanges
war noch in meinen Ohren.
Als ich mich wieder einmal mit dem Mentor zusammen an dem
Springbrunnen in den Höfen des Lichts befand, füllte er einen Kristallbecher
und reichte ihn mir. „Trinke das aus“, sagte er, „es wird dich erfrischen und
stärken.“ Nach dem Trunk fühlte ich mich sofort gestärkt, und alle meine
geistigen Fähigkeiten schienen erhöht. Der Mentor hob seine Hand über meinen
Kopf und machte eine Bewegung, als gieße er etwas über mich aus, und ich
merkte, daß ich auch in eine schimmernde weiße Kleidung gehüllt war. „Nun
komm mit mir“, sagte er, „ich will dir einen der Kunsttempel zeigen.“ [74] Er
führte mich ein Stück weit durch den Hof, und wir kamen zu einem gewaltigen
Gebäude, das aus reinstem weißem Marmor zu sein schien. Baulich war es in
der Art griechischer Tempel. Über breite Stufen kamen. wir zu einem
säulenartigen Porticus und traten durch diesen in eine große Halle. Die Wände
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

waren in Karmin drapiert, aber der Materialstoff, wenn man es so nennen kann,
war wolkenartig. Als ich versuchte, es zu befühlen, fühlte ich nichts. Im Innern
standen zwischen Palmen manche Skulpturen – Einzelfiguren und Gruppen –
alle, wie es schien, aus Marmor. Dazwischen waren Palmen angeordnet. Die
Luft war mit wunderbarem Wohlgeruch angefüllt. Die hervorragende Schönheit
der Bildwerke erfüllte mich mit Bewunderung. Einige der Stücke erkannte ich
wieder als von dem, was ich in Galerien oder durch Abbildungen gesehen hatte.
Alle hatten ein unbestimmbares Etwas, das sie von denen auf der Erde
wesentlich unterschied und schöner erscheinen ließ. Ich fragte meinen Bruder,
was das sei. „Was du hier siehst“, antwortete er, „sind die Verkörperungen der
Ideale einiger der berühmtesten Meister des Altertums, die versuchten, sie
sichtbar und berührbar zu machen. Ihre Werke werden also zu recht auf der
Erde als Meisterwerke bewundert, was sie aber da vollbrachten ist, wie du hier
sehen kannst, noch weit entfernt von dem, was sie im Sinne hatten, wie so eben
immer bei Werken der Menschenhand.“ – „Und woher kommen diese
herrlichen Kunstwerke?“ fragte ich. – „Nur auf Geheiß des Allerhöchsten, wie
alles, was du hier siehst“, antwortete er. „Nur die Werke des Schöpfers sind
vollkommen. Während vieler Generationen gab es in der Bildhauerei auf der
Erde keinen Fortschritt. Die Kunst der alten griechischen Meister wurde nie
übertroffen. Als ich auf der Erde war, war der Erwerb solcher Werke mein
höchstes Verlangen. Ich war von ihrer Schönheit entzückt. Aber seit langem
lernte ich, daß dieses Vergnügen weit hinter der Freude zurückbleibt, wenn man
sucht, im geistigen Leib zu wachsen, einen bleibenden Glauben an Liebe und
Vertrauen in Gott zu erwerben und anderen zu helfen, sich geistig zu
entwickeln.“ [75] Ich erzählte ihm, daß ich oft heiß gewünscht hätte, die Gabe
zu besitzen, mittels Malen oder Modellieren etwas von den Visionen
darzustellen, die gelegentlich vor meinem Denken entstanden. „Dir ist doch eine
viel höhere Gabe geschenkt worden“, sagte er, „dir wurde der erhabene
Vorzug, diese Himmelssphären besuchen zu dürfen und da Einblick in das
Wesen der unendlichen Liebe Gottes und in den Dienst seiner Engel zu
erhalten, um anderen davon zu berichten und so Samen auszubreiten, der für
viele Herzen gute Früchte bringen wird. Ein großes Kunstwerk mag die
Bewunderung Tausender und Ruhm für den Künstler gewinnen, wichtiger ist
aber, auch nur eine Seele für Gott zu gewinnen.“ Als wir nach Verlassen des
Tempels einige Schritte gingen, machte der Mentor plötzlich eine Bewegung
und rief aus: „Sieh da!“ Die herrlichen Gebäude verschwanden vor meiner
Sicht, und ich sah weithin eine Menge Engel, die Lob- und Danklieder sangen,
in die ich unwiderstehlich einstimmen mußte. Es war ein solch erhabenes und
glorreiches Bild von Freude und Glückseligkeit, wie man es sich auf Erden nur
dunkel vorstellen kann. Als ich mein Staunen über die ungeheure Menge dieser
vorbeiziehenden Engel ausdrückte, sagte der Mentor: „Engel Gottes gibt es wie
Sand am Meeresstrande. Unzählige. Und du sollst davon erzählen, damit
Menschenherzen sich dem Dienst dieser Engel öffnen. Erfreue dich und sei
Freude!“ Ich war schon mehrmals in den Lichthöfen gewesen, bevor ich jenseits
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

deren Grenzen mitgenommen wurde, was ich erst merkte, als ich schon da war.
Wie früher hatte mir auch diesmal der Mentor eine Schale Wasser aus dem
Springbrunnen zu trinken gegeben, was bewirkte, daß ich wieder mit einem
strahlenden weißen Gewand bekleidet war. Der Mentor führte mich durch den
Hof zu einem hohen Torweg mit einem herrlich verzierten bronzeartigen Tor.
Er hob seine Hand, und es ging auf. Dann bot sich mir eine Szene von
bezaubernder Schönheit, die ich nur andeuten kann. Ich möchte es vergleichen
mit einem Park von unbeschreiblicher Schönheit und Duft. Allerlei Bäume
waren in Blüte, so wie beispielsweise unsere Kastanienbäume im Frühsommer.
Aber vielfältig waren Formen, Farben und Gerüche der Blüten. Zahlreiche
Vögel mit allerlei buntem Gefieder sangen wie mit überschäumender Freude.
[76] Der Boden war wellig, und in der Ferne sah man silberfarbige Flüsse, Seen
und Berge mit sprühenden Kaskaden und Wasserfällen. Ich stand wie gebannt
bei dem Anblick all dieser Schönheit. Der Mentor fragte mich, was ich auf der
Erde am meisten bewundere. „Naturschönheiten“, erzählte ich ihm. „Vögel,
Bäume, Blumen haben mir mehr Freude bereitet als, mit seltenen Ausnahmen,
die Gesellschaft von Menschen. Sie sprachen oft zu mir, aber ich könnte nicht
in Worten ausdrücken, was sie meiner Seele vermittelten.“ – „Nun, dann sollst
du von diesen Blumen mitnehmen, Joy“, sagte der Mentor. Ich versuchte, einige
von den Zweigen zu brechen, konnte aber zu meiner Überraschung auch nicht
eine pflücken. Der Mentor pflückte dann einige für mich und, wie mir schien,
mit der größten Leichtigkeit. Als ich im Geistkörper heimkehrte, stellte ich sie
in eine Vase. Ich mußte feststellen, daß ich sie zwar genauso sah und roch, wie
sie der Mentor mir überreichte, aber sie nicht berühren konnte. Meine Hände
gingen durch sie hindurch wie durch einen Lichtstrahl, sie aber blieben
unbeschädigt, und kein Staubfaden war geknickt. Außer mir konnte niemand im
Haushalt sie sehen oder riechen. Die Engel aber, die mich besuchten, konnten
sie in die Hand nehmen genau wie wir irdische Blumen. Andererseits konnten
sie unsere Blumen, von denen ich immer welche zu Hause habe, nicht fassen.
Sie sehen sie, aber sie bieten ihrer Berührung keinen Widerstand. Ihre Hände
dringen durch die irdischen Blumen hindurch wie meine durch die
himmlischen. Eine Erklärung dafür weiß ich nicht. Es bleibt also die Frage:
Welche Welt ist nun die von dauerndem Bestand, die unsrige oder die andere?
Eines aber weiß ich bestimmt. Wo auch die Himmelssphären sein mögen, ein
menschliches Wesen, nur im Besitz der von der Wissenschaft anerkannten fünf
Sinne, würde, wenn es dahin gebracht würde, nichts als Leere und Schweigen
feststellen. Für mich aber, versehen mit dem Geistkörper und dessen Sinnen,
erscheinen sie wirklicher, beständiger und weit lieblicher als irgendein Teil
dieser anscheinend festen Erde. Verschiedentlich nahm mich der Mentor zu
einem schönen Tempel im Himmelspark mit. Auch dieser war im griechischen
Stil, wie alle, die ich in den Höfen des Lichts sah. [77] Er enthielt keine
Bildwerke, auch keine Tribüne oder Rednerpult, aber jedesmal, wenn ich da
war, waren viele Engel darin abgesessen, die alle mit dem Ausdruck des
Entzückens in der gleichen Richtung nach oben schauten, als ob sie jemandem
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

zuhörten, der ihre Seelen erfreute. Der Mentor erklärte mir, der Tempel diene
der Meditation – der Meditation über den Ewigen und seine wundervolle Liebe,
Erbarmen, Güte und Kraft, und sie bekämen vom Allerhöchsten wegen ihrer
hohen geistigen Entwicklung das, was ihre Seelen bereichere. Als ich einmal in
diesem Tempel war, verschwand plötzlich, ohne daß man eine mechanische
Einwirkung gesehen hatte, eine ganze Wand, die wie solider Marmor
anzusehen war, etwa so, wie im Theater ein Vorhang aufgezogen wird und im
Dachboden verschwindet. Der Blick wurde frei auf transzendente Schönheit,
eine Prozession von weißgekleideten Geistern, die fröhliche Loblieder sangen,
und wie herrlich sie sangen! Es machte auf mich den Eindruck, als gaben sie der
heiligen Freude Ausdruck, die den Tempel erfüllte. Es kam immer in dem
Tempel ein Engel zu uns, der offenbar in sehr hohem Alter sein Erdenleben
beendigt hatte, denn der Schnee vieler Winter lag auf seinem Haupt, und er
hatte einen langen, wallenden Bart. Sein Äußeres wirkte als sehr
verehrungsdürftig, weiß und heilig. Aber er war nur dem Erscheinen nach alt, in
Wirklichkeit war er, was wir uns unter dem Ideal eines Athleten mit ewiger
Jugend vorstellen. Dort wirkt diese Erscheinungsform als wunderbarer Zauber.
Der „Ehrwürdige“, wie ich ihn nennen will, begleitete uns in den Park. Er hatte
wie der Mentor dieses Strahlende, das über die Alltäglichkeiten des Lebens
erhebt. „Es ist gut“, sagte er bei einem unserer gemeinsamen Spaziergange,
„wenn die hier und die auf eurem Zustandsplan oft und tief über die Liebe, das
Erbarmen und die Größe Gottes des Allvaters, meditieren, denn damit wird ein
geistiges Wissen erworben – nicht als das Wissen über materielle Dinge, wie es
mit den beschränkten mentalen Fähigkeiten in mühevollem Studium erworben
wird, sondern durch einfache Aufnahme der Gedanken, die in die Seele
fließen.“ Ich machte noch einige Bemerkungen bezüglich des freudvollen
Versunkenseins, das ich auf den Gesichtern derer im Tempel beobachtet hatte.
[78] „Was du gesehen hast“, sagte der Verehrungswürdige, „ist nur bei denen zu
sehen, welche das erreicht haben, was Gott von seinen Kindern verlangt.“ –
„Und das wäre?“ fragte ich. – „Wahrhaftigkeit“, antwortete er, „Aufrichtigkeit
im Denken, in der Gesinnung, die von den Menschen verborgen wird, deren
Werke aber Gott kennt, Einfachheit im Entschließen und entschlossenes
Sichhingeben an den Dienst für Gott – dem höchsten Gut, in welchem Maße
immer es bewußt werden möge. Das ist selten in eurer Welt. Unter dem
Vorwand, Gott zu dienen – Gottes Willen zu tun – suchen die Menschen oft ihre
Wünsche zu erfüllen. Mit einer Hand möchten sie gleichsam sich an Gott
festhalten, während sie mit der anderen Hand an den wertlosen Dingen der Welt
hängen. Ihr Sinnen ist geteilt. Treue kann nicht in ihnen wohnen. Sie können
vielleicht andere täuschen, sie betrügen vielleicht sich selbst – und das ist fatal
für ihre geistige Entwicklung – aber Gott können sie nicht täuschen. Versucht
doch“, fuhr er fort, „eine vollständige Hingabe zu schaffen an Treue in
Gedanken, Worten und Werken. Dann erheben sich eure Seelen über die Dinge,
welche sie hinabziehen, den Blick verdunkeln und sie des Lichtes göttlicher
Liebe berauben wollen. Dann wird dir und jedem, der es von Gott lernen will,
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Unterweisung in geistigen Dingen. Entwickelt die Gewohnheit, auf diese feine,


verborgene Stimme zu horchen, die dann zu eurer Seele spricht und fraglosen
Gehorsam in die euch dann gegebene Führung bewirkt. Dann werdet ihr auch
Glauben in dem für euch erreichbaren Maße empfangen.“ Bei einer anderen
Gelegenheit sagte der Verehrungswürdige: „Du hast nun gesehen, was du noch
erreichen kannst, aber hüte dich, bei dem Streben nach dem Ideal die
Lebensaufgaben auf der Erde zu übersehen und zu vernachlässigen, sonst
würdest du die wichtigsten Lektionen des Lebens nicht richtig lernen. Das
Erdenleben ist nicht dazu da, um verträumt zu werden. In der treuen täglichen
Erledigung ihrer Pflichten erwirbt die Seele Geduld, Stärke und Standhaftigkeit.
Für suchende Seelen ist vieles, was oft auf dem Wege der Pflicht liegt, eine
schwere Belastung. Oft ist es enge, besonders für die, welche für ihren und ihrer
Familie Lebensunterhalt streng arbeiten müssen, und das oft auch noch unter
wenig entsprechenden Verhältnissen. [79] Aber glaube mir, gerade in der
Erfüllung der Pflicht beweisen sie am besten ihren Glauben und ihr Vertrauen in
den großen All-Vater und kommen näher zu dem Herzen der All-Liebe.“
Bei einem der Spaziergänge mit dem Mentor und dem Ehrwürdigen machte
ich, wie damals im Himmelsgarten, die Bemerkung, daß es da ja keinen See
gäbe. Der Ehrwürdige lachte und erhob seine Hand. „Schau!“ sagte er. Bevor er
das sagte, gingen wir zwischen den blühenden Bäumen, in der Ferne die sich
türmenden Berge. Bei seinem einzigen Wort: „Schau!“ verschwanden die Berge
aus meiner Sicht, und ich hatte den Eindruck, wir ständen auf der Spitze eines
Riffs und tief unter uns dehne sich weites, glitzerndes Meer aus mit vielen
Dampfern und Segelschiffen. Es war ein erhebendes Schauspiel. Der Mentor
bemerkte dazu: „Erde, See, Himmel, Menschheit, ja, das ganze Universum
verkündet die Allmacht des Schöpfers, des großen All-Vaters. Nimm die Fülle
der Schönheiten der Schöpfung in dich auf und fühle, daß auch du deinen Platz
hast in Gottes Schöpfung.“ Es schien mir, daß wir sehr hoch über dem Meer
ständen, aber es war nicht so, wie man sonst eine solche Szene aus großer Höhe
sieht. Ich sah es wie mir einem Fernrohr, ja, noch besser, denn die
Winkelbeschränkung im Fernrohr bestand für mich nicht mehr. Ich mußte
meinen Blick nur auf einen Punkt richten, und ich sah da alles – die Gesichter
der Leute, alle Einrichtungen der Schiffe und zwar so genau, als stände ich auf
dem Deck. Nein, mehr noch, ich sah durch das Deck eines großen Schiffes
hindurch, die Ladung, die wunderbaren Maschinen und die Bunker, aus denen
man die unersättlichen Kessel heizte. Der Mentor hatte mir erzählt, daß die
Engel ihre Gedanken nur auf einen Punkt der Erde einzustellen brauchen, um
alles dort zu sehen, als ständen sie dabei. Sie hören auch, was die Leute reden,
die sich da befinden, auch lesen sie die Gedanken, die manchmal sehr
verschieden sind von dem, was geredet wird.

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

Was mich sowohl im Himmelsgarten wie im Himmelspark neben ihrer


beglückenden Schönheit beeindruckte, war das völlige Fehlen auch nur einer
Andeutung von Verfall. Keine gefallenen Blätter und verwelkten Blumen, kein
verwelktes Gras war da zu sehen. [80] Gerade die Vegetation dieser gesegneten
Gefilde ließ erkennen, daß Tod da unbekannt war. Es gibt dort auch keinen
Schatten. Bäume, Gebäude, Engel, nichts wirft Schatten. Was auch immer die
Quelle des Lichtes dort ist, mir will scheinen, daß es nicht von einem zentralen
Himmelskörper stammt, wie zum Beispiel die Sonne die Erde bescheint.
Finsternis ist dort auch unbekannt. Engel haben mir erzählt, daß für sie auch auf
der Erde Finsternis nicht besteht. Sie können hier bei Tag und Nacht gleich gut
sehen. Das Geistsehen benötigt keine künstliche Beleuchtung. Über die
Ausdehnung der Sphären, welche ich besuchen durfte, habe ich keine Ahnung.
Ich kann nicht beanspruchen, mehr gesehen zu haben, als es Bewohner eines
anderen Planeten könnten, die gelegentlich den unseren besuchen.
Der Mentor hat mich oft belehrt über geistige Dinge. So sagte er: „Das große
Geheimnis für Seelenfrieden und fröhliches, reicheres Leben ist das Vertrauen
in Gott. Das ist die große Lektion, welche die Bibel lehrt. Das ist richtig
verstanden in dem Buch der Sprüche ,Wer auf mich horcht, soll sicher wohnen
und kein Übel fürchten’. Das kann dem Menschen im Leben mehr helfen, als
alle philosophischen Systeme, die je geschrieben wurden. Die getreuliche
Befolgung des Rates des Psalmisten: ,Auf allen deinen Wegen erkenne Ihn und
Er wird deine Schritte lenken’, kann weit größeres Glücksgefühl bringen als die
sklavischste Befolgung eines menschlichen Lehrers, dessen Weisheit ja nur
Produkt seines eigenen Verstandes ist. Die Liebe Gottes ist nicht nur eine leere
Annahme, sie ist wirklich und die wirkungsvollste Kraft in der Welt. Für die
Seele des Menschen ist sie, was die Sonne für die Erde ist, die ohne der Sonne
Licht und Wärme nichts hervorbringen würde, das des Menschen Hunger stillen
kann. Er mag dann graben, pflügen und säen, nichts wird für ihn reifen. Um den
Seelenzustand zu erreichen, der die Betreuung durch Engel zuläßt, muß der
Mensch zunächst mit seinen Gedankenquälereien aufhören. Er muß seine
Unfähigkeit einsehen, selber das zu finden, was seine Seele benötigt. Er muß
sich dem Gebetsinstinkt überlassen, der in allen Herzen wohnt. Er muß um
Hilfe bitten. [81] Mit oder ohne Worte, das ist gleich, wenn es nur aufrichtig ist.
„Furcht“, sagte der Mentor bei einer anderen Gelegenheit, „ist der größte Feind
der Menschheit. Unzählige Millionen verbringen den größten Teil ihres Lebens
in der Knechtschaft irgendeiner Furcht: Furcht vor Krankheit, Fehlschlägen,
Furcht vor Armut, vordem Alter, Furcht vor dem Tode.
Die Menschen, deren Gemüt dauernd ein Raub dunkler Vorboten von
Störungen ist, leben nur halb. Furcht schaltet die Denkkräfte aus und macht aus
der Einbildungskraft, die eine Quelle dauernder Freude sein sollte, ein
Marterwerkzeug. Nur Vertrauen in Gott kann den Menschen von dieser Geißel
befreien. Es gibt aber auch noch viele Leute, die sich fernhalten von allem, was
ihr geistiges Verstehen wecken könnte, aus dem irrigen Glauben heraus, daß

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Joy Snell – Der Dienst der Engel

eine Einfügung in ihr Denken eine Beschränkung ihres Denkvermögens


bedeuten würde und als dunkel und erniedrigend anzusehen sei, kurz, daß das
geistige Leben ein großes Opfer an Glücksempfinden erfordere. Sobald sie das
Gegenteil erfahren, können sie daran gehen, ihre Herzen dem Dienst der Engel
zu öffnen.“

Die Kenntnis von der Tätigkeit der Engel diesseits und jenseits hätte ich nicht
erlangen können, wäre ich nicht mit besonderen Gaben versehen worden. Aber
glücklicherweise kann auch, wer sie nicht hat, die gesegnete Hilfe der Engel
empfangen und erkennen. So empfing einer meiner Freunde ohne besondere
psychische Gabe den völlig überzeugenden Beweis für den Dienst der Engel
und wurde obendrein befähigt, eine Sorge zu überwinden, die ihn sonst erdrückt
haben würde. Damit anderen in gleicher Lage damit geholfen werde, erlaube ich
mir, mitzuteilen, was er für mich niedergeschrieben hat. „Nach langer,
schmerzvoller, aber mit großer Geduld ertragener Krankheit starb meine Frau,
und ich stand allein. Sie war befähigt gewesen, oft Geister, die ihr Hilfe
brachten, zu sehen und mit ihnen zu reden. [82] Von den Berichten über das,
was sie ihr verkündet hatten, war auch ich voll überzeugt worden, daß der Tod
nur der Beginn ist zu einem anderen Zustand des Lebens, der für die, welche
sich bemühen, ein gutes Leben zu führen, viel glücklicher ist als das Leben auf
dem Erdenplan. Als meine liebe Frau von mir genommen wurde, schien es mir
unmöglich, daß ich, der ich nicht ihre Gaben hatte, sie sehen und mit ihr
sprechen könne, so wie sie es zu Lebzeiten mit ihrer Mutter und anderen
Verwandten vermocht hatte. Aber ich sehnte mich sehr nach ihrer Anwesenheit
und daß auch ich in irgendeiner Form von den Geistern Hilfe erhalten könnte.
Es war mir bewußt, daß ich, wenn ich Kummer und Niedergeschlagenheit
Raum gäbe, eine Schranke zwischen mir und den Geistern aufrichten und damit
jeden Einfluß ihrerseits verhindern würde. Ich fühlte deshalb auch, daß ich zur
Erfüllung meines heißen Verlangens mich selbst von allen dunklen und
traurigen Gedanken freihalten müsse. Anstatt an mich, meinem großen Verlust
und meine Verlassenheit zu denken, begann ich darüber zu denken, was sie
gewonnen habe. So gut ich es konnte, malte ich mir aus, in wie herrlicher
Weise sich ihr Zustand verändert hatte. Es wurde mir auch klar, daß ihr alles,
was ich für sie erbeten hatte, zugekommen war. Ihre Gesundheit war
wiederhergestellt, die Kräfte waren erneuert, und sie war ledig aller Pein. Ja,
noch mehr als ich für sie erbeten hatte, fiel ihr zu, sie wurde in den Himmel
aufgenommen. Würdest du, fragte ich mich, um selbst glücklicher zu sein, von
ihr verlangen, daß sie in den entkräfteten, schmerzgequälten Körper
zurückkäme? Nein, gewiß nicht, antwortete ich mir selbst. Dann empfing ich,
wie es mir schien, eine Botschaft von oben, die mich aufforderte, Gott für die
reiche Erhörung meiner Bitten zu danken und mich zu freuen über, den Beweis,
der mir gegeben worden war von seiner Güte und Erbarmen. Es kam Friede in
mich und meine Seele fand Ruhe. Dann aber, dieses Wunder. Ich stellte fest,
daß meine Frau zu mir sprach – zu meiner Seele sprach. Es war nicht ein
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

unbestimmtes Fühlen, es war volle Gewißheit. Der Sinn ihrer Gedanken wurde
klarer von mir erfaßt, und drang tiefer in mich ein, als wenn ich es mit Worten
und mittels der körperlichen Organe empfangen hätte. Auf ihrem geistigen
Wege konnte mich mein Weib an der Freude teilhaben lassen, die über sie
gekommen war. Diese Erfahrung wiederholte sich oft. [83] Aber es schien mir,
daß ich um die gesegnete und volle Gewißheit ihrer Anwesenheit zu
bekommen, einen Seelenzustand haben müsse, der mich dazu drängt, Gott ein
Dankgebet darzubringen. Das war keineswegs immer leicht, denn
Unduldsamkeit aus Selbstfrömmigkeit, Gedanken an wirkliches oder
eingebildetes Unrecht, falsche Reue oder ähnliche Schwächeanfälle können es
verhindern. Und da fehlte auch ich oft. Ich nahm die Gewohnheit an, eine
Stunde oder auch mehr vor dem Schlafengehen für die rechte Einstellung zu
widmen. Ich bereitete mich dafür vor – oder versuchte es – indem ich mir
vorstellte, wieviele Beweise von Gottes gütiger Liebe ich während des Tages
erfahren hatte, weiter, ob ich mit Erfolg mich vor selbstsüchtigen und
mißstimmigen Gedanken gehütet hatte. Dann folgte das Gebet und anschließend
die Verbindung mit der Geliebten. Mit der Anwendung wuchs die
Empfänglichkeit für ihren fördernden Einfluß. Bald danach merkte ich, daß
auch die Geister anderer Menschen, die ich zu ihren Lebzeiten gekannt hatte,
bei mir waren. Ich war oft fähig, klar festzustellen, woher die Gedanken kamen,
die mir eingegeben wurden. Ich fand, daß mir das sehr half, unterscheiden zu
können zwischen meinen eigenen Gedanken, die mir gegeben wurden, um sie
später in Wort oder Schrift wiederzugeben. Ich hatte noch nicht lange von
diesem segensreichen Troste Nutzen gezogen, als ich spürte, daß ein Geist mir
zu Hilfe kam, den ich auf Erden nicht gekannt hatte. Ich hatte von ihm den
Eindruck, daß er höhere Kräfte besaß als die anderen, die zu mir kamen. Die
Gedanken, die mir von ihm eingegeben wurden, waren stärker und bestimmter.
Sie waren immer das Erhabenste, was ich aufnehmen und verstehen konnte. Ihr
Ziel war mein Wissen von Gott zu erweitern und mich seine Liebe besser
verstehen zu lassen, als bis dahin. Ich glaube, daß das Vermögen der Geister
viel höher ist, uns geistige Belehrung zu bringen, als das der begabtesten
menschlichen geistigen Lehrer. Keiner von den Predigern, die ich hörte, und es
waren bedeutende Geistliche darunter, konnte mir auch nur annähernd zum
Verständnis der Liebe Gottes helfen. Aber mit Hilfe von Geistern und besonders
des erwähnten, konnte ich bis zu einem gewissen Grade dieses Verständnis
erlangen.“ [84]
Der Mentor nahm mich einmal über weite Entfernung hin, wie es mir schien,
mit zu einem hohen Gebirge, dessen Gipfel mit Schnee bedeckt waren.
„Betrachte“, sagte er mit einer entsprechenden majestätischen Bewegung, „die
wundervolle Dämmerung.“ Die Dämmerung brach gerade an. Es wäre Sache
einer, inspirierten Feder, sie zu schildern. Die Beleuchtung der Berge wechselte
von grau zu blaßrot, dann zum Rosarot. Im Osten war das Panorama
farbenreicher. Es war, als wenn ein titanischer Künstler mit Riesenpinseln den
Himmel in allen Regenbogenfarben bemale. Und dann stieg die Sonne auf und
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Joy Snell – Der Dienst der Engel

überflutete die Erde mit Licht und Wärme. Es war mir, als sei es eine
Darstellung der Weltschöpfung. „Es wird dann noch eine weit herrlichere
Dämmerung für die ganze Menschheit anbrechen“, und wieder rief er aus:
„Schau hin!“ Als ich niederschaute, sah ich weit unter mir Millionen in allen
Völkern und Rassen, Städten, Feldern und Ebenen, die sich abquälten. „Alle
diese“, sagte er, mühen sich um das tägliche Brot, aber sie haben auch noch
einen tieferen Hunger in ihrer Seele, und den kann nur der Unendliche Gott
stillen. Aber so wie die aufsteigende Sonne die Dunkelheit der Nacht
verscheucht, so wird eine geistige Dämmerung für sie anbrechen, welche die
dunklen Schatten der Unwissenheit, des Zweifels und der Furcht durch den
Dienst der Engel verscheucht, und Gottes Liebe wird ihre Seelen erhellen. [85]

AUSZUG aus Rudolf Passian: „Abschied ohne Wiederkehr? – 2. Aufl. 1976,


G. E. Schroeder-Verlag, D-2391 Kleinjörl bei Flensburg, Seite 64: „... Prof.
Haraldur Nielsson erwähnt eine Engländerin namens Joe Snell, die seit ihrer
Kindheit hellsehend gewesen sei, aber nie als Medium gewirkt habe. – Während
einer 20jährigen Tätigkeit als Krankenschwester habe sie häufig Gelegenheit
gehabt, Sterbende zu beobachten. Sie sei hierbei zu den gleichen Resultaten
gekommen, wie A. J. Davis, ohne jedoch dessen Bücher zu kennen. Joe Snells
Buch „Ministry of Angels“ (deutsche Ausgabe: vorliegende Broschüre) sei das
schönste Buch, das Nielsson kenne: „Ich begnügte mich nicht damit, ihr Buch
zu lesen, ich suchte sie schon im Jahre 1919 in London auf.“ Von Joe Snell und
ihrem Ehemann schreibt er: „Wenn ich zwei Menschen nennen sollte, die ich
für würdig halten würde, in unseren Tagen Jünger Jesu genannt zu werden,
dann würde ich diese beiden nennen: Ihre Freundschaft ist etwas vom
herrlichsten, was mir das Leben geschenkt hat.“ ...

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