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DAS DEUTSCHE NACHRICHTEN-MAGAZIN

Hausmitteilung
2. Februar 2008 Betr.: Kenia, Titel, SPIEGEL-Gespräch

B ei den Unruhen nach den manipulierten Präsidentenwahlen vom 27. Dezember


kamen in Kenia schon mehr als tausend Menschen um, Hunderttausende sind auf
der Flucht. Längst aber haben sich die Rivalitäten verfeindeter Volksgruppen Bahn
gebrochen, die, so Thilo Thielke, 40, Afrika-Korrespondent des SPIEGEL mit Sitz
in Nairobi, „noch aus der Kolonialzeit der Briten herrühren“. Auch für Journalisten
ist die Lage kaum berechenbar. Als Thielke sich vorigen Dienstag im Rift Valley
auf den Weg nach Eldoret, gut 250 Kilometer nord-
westlich von Nairobi, machte, geriet er an eine
Straßensperre, die bewaffnete Männer errichtet
hatten. Ein Fahrzeug, dessen Fahrer kurz zuvor er-
mordet worden war, brannte noch, zwei Militär-
hubschrauber näherten sich im Tiefflug. Soldaten
feuerten mit einem Maschinengewehr auf die Menge,
Thielke rettete sich mit anderen unter einen Last-
Thielke (im Rift Valley) wagen. „Die Spirale der Gewalt“, sagt der SPIEGEL-
Mann, „dreht sich immer weiter.“ Sollten die Armen
in Nairobi, was manche fürchten, die Häuser der Reichen plündern, drohe das Land
„vollends in einen Bürgerkrieg abzugleiten“ (Seite 100).

D ie teuersten Hotels, das höchste Gebäude: Die Herrscher der Emirate am Ara-
bisch-Persischen Golf schmücken sich gern mit Superlativen. Aber sie wollen ihre
Staaten, wie die Titelautoren Erich Follath, 58, und Bernhard Zand, 40, beschreiben,
auch Vorbild eines modernen Arabien werden lassen, zum Mittler zwischen Ost und
West. Scheich Mohammed Ibn Raschid Al Maktum, 58, der pressescheue Herrscher
von Dubai, empfing Arabien-Korrespondent Zand kurz vor seinem für die erste
Februarwoche geplanten Deutschland-Besuch. Auf einem Gestüt vor den Toren der
Stadt gab er preis, wie sehr ihn ein Erlebnis vom
MATILDE GATTONI/ A. EYE / AGENTUR FOCUS

Oktober 1977 prägte. Die von Terroristen gekaperte


Lufthansa-Boeing „Landshut“ war in Dubai zwischen-
gelandet, Scheich Mohammed, damals Verteidigungs-
minister, verhandelte mit den Entführern. „Was spielt
ihr euch hier als Soldaten auf und entführt Frauen und
Kinder?“, habe er den Terroristen zugebrüllt. Der Aus-
gang des Dramas ist bekannt: Die Entführer gaben
nicht nach, sie flogen ins somalische Mogadischu, wo
die deutsche GSG 9 die Geiseln befreite (Seite 80). Zand, Scheich Mohammed

G ern lassen bedeutende Zeitgenossen Legenden um sich stricken, und zu jener des
US-Schriftstellers Philip Roth, 74, zählt, dass er sich abschotte von der Welt, auf
moderne Kommunikationsmittel verzichte und sich vorzugsweise über Rauchzeichen
verständige. „Ich bin in Wahrheit ein einziger Schwindel. Ich bin in Wahrheit der größ-
te Hightech-Typ, dem Sie je begegnet sind“, feixte Roth, als er die Redakteure Klaus
Brinkbäumer, 40, und Volker Hage, 58, emp-
fing. Nur manchmal wolle der Erfolgsautor,
so Brinkbäumer, ungestört sein, beim Schrei-
ben und beim Leben. Roth sprach über die
Schriftstellerei und seine Angst davor, über
das Leben in New York und auf dem Land.
JÜRGEN FRANK

Hage, der ihn zum sechsten Mal traf, veröf-


fentlicht zu Roths 75. Geburtstag im März im
Hanser Verlag ein Buch mit Kritiken, Porträts
Brinkbäumer, Roth, Hage und Interviews aus 25 Jahren (Seite 130).

Im Internet: www.spiegel.de d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 3
In diesem Heft
Titel

SPD: Wie hält sie’s mit der Linkspartei?


Dubais Aufstieg – die Sieger der Globalisierung
am Persischen Golf ............................................... 80
Wirtschaftsministerin Scheicha Lubna al-Kassimi
Seite 16
über den Erfolg der Arabischen Emirate Der Wahlerfolg der Linken
und die Risiken des Turbowachstums .................... 90 in Hessen und Niedersachsen
bringt die politische Arithme-
Deutschland tik durcheinander, ein Fünf-
Panorama: Köhler kritisiert Abstriche an der Parteien-System mit schwieri-
Agenda 2010 / Grüne sollen über Spitzenkandidat gen Dreierkoalitionen könnte
abstimmen / Zahl der illegal in Deutschland sich etablieren. Noch grenzen
lebenden Iraker stark gestiegen ............................. 12

LIESA JOHANNSSEN / PHOTOTHEK.NET


Parteien: Wie die Landtagswahlen in Hessen
sich SPD-Chef Kurt Beck und
und Niedersachsen die politische Landschaft die Wiesbadener Wahlsiege-
in Deutschland verändert haben ............................ 16 rin Andrea Ypsilanti von den
Persönliche Abneigungen hemmen in Hessen Linken ab. Doch schon 2009,
die Koalitionsgespräche ......................................... 18 bei der Bundespräsidenten-
Die Linkspartei schickt Aufbauhelfer wahl, könnte sich das ändern –
in ihre westdeutschen Fraktionen .......................... 20 wenn die Sozialdemokraten
Demoskopie: Große Koalition im Umfragetief .... 22 einen eigenen Kandidaten
Regierung: SPIEGEL-Gespräch mit Ypsilanti, Beck durchbringen wollten.
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück über
das Verhältnis von SPD und Linkspartei
und die Folgen der Bankenkrise ............................ 24
Bundeswehr: Die Nato fordert deutsche

Gewerkschaften trumpfen auf


Kampftruppen für Afghanistan ............................. 27
Bundestag: Die exotischen Dienstreisen
deutscher Parlamentarier ...................................... 28
Seite 56
CSU: Mit dem neuen Parteichef In die Tarifrunde 2008 gehen die Gewerkschaften mit hohen Forderungen. Sie
Erwin Huber verlieren fühlen sich stark wie lange nicht mehr und wollen erreichen, dass der Aufschwung
die Christsozialen an politischem Einfluss ............. 30 auch bei den Beschäftigten ankommt. Doch der könnte schon bald zu Ende sein.
Arbeitsmarkt: EU-Hilfe für
Globalisierungsverlierer ........................................ 32
Islamisten: Der Tod eines Mudschahidin
aus Hessen ............................................................ 34

Ein Tag für Boys


Rechtsextremismus: Ein brauner Verein
genießt Gemeinnützigkeit ..................................... 36
Bildung: Mit dem „Boys’ Day“ will Baden-
Seite 38
Württemberg für Männer Der traditionelle „Girls’ Day“ soll in
MARCUS FÜHRER / PICTURE-ALLIANCE/ DPA

in Erziehungsberufen werben ............................... 38 Baden-Württemberg durch einen „Boys’


Religion: Die russisch-orthodoxe Kirche Day“ ergänzt werden, bei dem Jungs in
gründet in der Uckermark ein Kloster ................... 41
klassische Frauenberufe hineinschnup-
pern können. Unter anderem sollen sie
Gesellschaft dazu motiviert werden, auch Erziehungs-
Szene: Ausstellung über deutsche Comics / berufe zu ergreifen. Denn der Männer-
Kulturgeschichte des Handwerks ........................... 42
Eine Meldung und ihre Geschichte –
mangel in Kindergärten und Grund-
warum ein Segler auf hoher See schulkollegien gilt als eine der Ursachen
seine Stammkneipe anrief ..................................... 43 für das Schulversagen von Jungen.
Unternehmer: Die bizarren Erfahrungen eines
deutschen Investors in Turkmenistan .................... 44 Jungen beim „Girls’ Day“
Ortstermin: Wolfgang Clement als
Gastprofessor in Duisburg ..................................... 50

Wirtschaft
Trends: Hängepartie um WestLB /
Bahneinigung lässt Fragen offen / Neuer Massenblätter verlieren Masse Seite 72
Billigflieger mit Altlasten ...................................... 53 Die Boulevardisierung des
Geld: Tote hübschen Postbank-Bilanz auf / Journalismus breitet sich
Ermittlungen gegen Börsenguru ............................ 55 aus. Doch ausgerechnet
Tarifpolitik: Trotz schwächelnder
Wirtschaft wollen die Gewerkschaften hohe den Sensationsblättern
Lohnforderungen durchsetzen .............................. 56 nutzt das gar nichts. Im
Sponsoring: Eine Großspende der Deutschen Gegenteil. Die Auflagen
Telekom verärgert die Mitarbeiter ........................ 59 von „Bild“, „Express“ und
Konjunktur: Das Comeback des „AZ“ sinken seit Jahren.
Ökonomen Keynes ................................................ 60 Die Massenblätter schaffen
RETO ZIMPEL / IMAGO

Unternehmen: Die Dresdner Chipindustrie es nicht mehr, die Masse


steckt in der Krise ................................................. 62 zu elektrisieren.
Energie: PR-Offensive der Stromkonzerne für
neue Kohlekraftwerke ........................................... 66
Fotoagenturen: Billigkonkurrenten bedrängen Zeitungsautomaten
die Marktführer ..................................................... 68
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Medien
Trends: ProSiebenSat.1 prüft weiteren Verkauf /
Nachfolger für „Bravos“ Dr. Sommer gesucht ...... 70
Fernsehen: Vorschau / Rückblick ......................... 71
Presse: Der Sensationsjournalismus breitet sich

CARLOS BARRIA / REUTERS (L.); JASON DECROW / AP (R.)


aus – und bedroht die Boulevardblätter ................ 72
TV-Shows: ARD-Neuzugang Bruce Darnell soll
die Vorabendquoten retten .................................... 75

Ausland
Panorama: Ministerpräsidentin Timoschenko
will die Ukraine in den Westen führen / In
Schweden können Fluggäste per Fingerabdruck
einchecken / Schriftsteller Marco Travaglio
über die verrottete politische Kultur in Italien ...... 77
Nahost: Befreit sich die Hamas
aus der Isolation? ................................................. 98
Kenia: Absturz ins Chaos der Gewalt ................. 100
USA: Abrechnung am Super Tuesday .................. 102
McCain Clinton Obamas afrikanische Verwandtschaft .................. 104
Global Village: Londons sanfte Öko-Aktivisten 107

Showdown im US-Vorwahlkampf Seite 102 Sport


Szene: Deutscher Kitesurfer segelt schneller
Beim Kampf ums Weiße Haus bringt der Super Tuesday ein richtiges Halbfinale: als 100 Stundenkilometer / DFB-Trainer murren
Clinton gegen Obama, McCain gegen Romney. Die Parteien jedoch schwelgen in über knappe Vorbereitungszeit auf die EM .......... 109
Erinnerungen, die Republikaner beschwören Reagan, die Demokraten Kennedy. Biathlon: Die heile Welt der Weltmeisterin
Magdalena Neuner .............................................. 110
Skirennen: Slalomspezialist Felix Neureuther
über seinen Weg an die Weltspitze ...................... 113

Abenteuer eines Investors


HAUKE GOOS / DER SPIEGEL

Wissenschaft · Technik
S. 44 Prisma: Epileptische Anfälle
Ein Gebrauchtwagenhändler aus Leverkusen bricht durch HipHop / Norwegen will Europas
CO2-Emissionen einlagern ................................... 114
auf nach Turkmenistan, um dort Hühnereier zu pro- Hirnforschung: Die Selbstverstümmler – Mediziner
duzieren – und hat Erfolg. Mit allen Mitteln will die auf den Spuren einer rätselhaften Erbkrankheit ... 116
dortige Regierung ihn aus dem Geschäft drängen. Akustik: Die Glockendetektive aus dem Allgäu .... 120
Umwelt: Wie Plastikmüll in den Ozeanen
Unternehmer Dogan die Meerestiere bedroht ....................................... 122
Automobile: Der neue Mercedes SL –
nur Schönheitskosmetik? ..................................... 124

Kultur

Die schnelle Magdalena Seite 110


Szene: Sensationsfund aus der Hinterlassenschaft
des Kriegsfotografen Robert Capa /
Julia Franck über Stendhals „Rot und Schwarz“
Weltmeisterin Magdalena als Buch ihres Lebens .......................................... 127
Neuner, Sportlerin des Jah- Autoren: SPIEGEL-Gespräch mit US-Schriftsteller
res, ist die Königin des in Philip Roth über seine Abkehr vom Landleben
Deutschland so beliebten und seinen neuen Roman „Exit Ghost“ ................. 130
Biathlon und begehrt bei Bestseller .......................................................... 134
Sponsoren. Doch weil ihre Ausstellungen: Frankfurts Schirn Kunsthalle
SAMMY MINKOFF

Sportart als dopinggefährdet feiert den „weiblichen“ Impressionismus ............. 135


Festivals: Rund 400 neue Filme
gilt, muss auch sie sich des auf der 58. Berlinale – Auftakt mit den
Generalverdachts erwehren. echten Rolling Stones .......................................... 136
Regisseurin Doris Dörrie über ihren Berlinale-
Neuner Beitrag „Kirschblüten – Hanami“ ........................ 137
Debatte: Salomon Korn über Martin Walsers
Umgang mit der deutschen Schuld ...................... 138
Lyriker: Rocksongs und ein Gedichtband belegen
das große Talent von Lydia Daher ....................... 140

Glamour in Berlin Seite 136


Nahaufnahme: Wie Hans Magnus Enzensberger
die Großfamilie Hammerstein empfängt .............. 142

Die Berliner Filmfestspiele setzen in diesem Jahr


auf eine Mischung aus Popkultur und Polit-Kino. Briefe ..................................................................... 6
Erwartet werden Stars wie Madonna, Mick Jagger, Impressum, Leserservice ................................ 144
Scarlett Johansson und Daniel Day-Lewis. Chronik ............................................................... 145
UIP

Register ............................................................. 146


Personalien ........................................................ 148
Johansson in „Die Schwester der Königin“ Hohlspiegel /Rückspiegel ................................ 150
Titelbild: Fotos Reuters, Mauritius, Karim Sahib / AFP, Bialobrzeski / Laif

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Briefe

Die anrüchigen Hinterzimmerzockereien


„Das Gute daran ist, dass sehr viele cooler Finanzhasardeure an versenkbaren
Spieltischen scheinen doch auf eine an-
Banken ihren eigenen, naiven Visionen sonsten auf Seriosität so bedachte Ban-
kenwelt eine magische Anziehungskraft
aufgesessen sind. Das Ungute, dass auszuüben. Dieses leicht verruchte, unter-
sie es mit ihrer Allmacht gut verstehen, weltlerische Milieu verleiht wohl den ge-
wissen Kick, der nötig ist, alle Hemmungen
nur die Verluste zu sozialisieren und fallen zu lassen und volles Risiko zu gehen,
mit ihrer Kurzsichtigkeit und Rendite- alles auf Zero zu setzen. Für viele Be-
teiligte hat dies sicher fast schon etwas
gier Wirtschaftskrisen loszutreten.“ Hocherotisches an sich. Deshalb dürfte es
auch so schwierig sein, wirksame Kon-
Gerhard Birkhahn aus Koblenz zum Titel „Casino Global – Was ist trollmechanismen einzuführen.
SPIEGEL-Titel 5/2008 der Einbruch in eine Bank gegen das Verspielen einer Bank?“ Berlin Wolfgang Gerhards

Leider muss man erst am Rande einer


vielen Banken ablief: mit virtuellem Geld Weltwirtschaftskrise stehen, um die Ver-
Virtualität trifft auf Realität gezockt. Leider nützt auch der beste Zau-
bertrank nix, wenn irgendwann die Vir-
antwortungslosigkeit etlicher Banker öf-
Nr. 5/2008, Titel: Casino Global – Was ist der Einbruch fentlich beim Namen nennen zu können.
in eine Bank gegen das Verspielen einer Bank? tualität auf die Realität trifft. Ob ihm nicht Es war beispielsweise nach der Wende,
doch noch bei seinen Abenteuern ein dass eine Berliner Bank durch eine vorhe-
Laut Grundgesetz verpflichtet Eigentum. Obelix zur Seite stand, wäre naheliegend – rige Finanzierungszusage in erster Linie
„Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle im Team zockt sich’s schließlich besser. Selbständige verleitete, sich an einem To-
der Allgemeinheit dienen.“ Wie weit sind Bad Camberg (Hessen) Wolfgang Fladung talausfall eines Gewerbeobjekts zu enga-
wir davon abgedriftet? Nicht einmal das gieren, damit die Anleger erhebliche Ver-
Bundesverfassungsgericht schreitet dage- bindlichkeiten übernehmen. Es ist für den
gen ein, dass der Steuerzahler für das Ver- über 35 Jahre im Beruf eines Rechtsan-
sagen der Banker einstehen muss. walts stehenden Unterzeichner schon er-
Wellendingen (Bad.-Württ.) Georg Graf schreckend, wie sehr beispielsweise auch
durch die Rechtsprechung – und dies durch

BRENDAN MCDERMID / REUTERS


Bertolt Brechts unnachahmlich zutreffende alle Instanzen – ein Freiraum für die
Feststellung „Was ist der Einbruch in eine Verantwortungslosigkeit von Bankern ge-
Bank gegen die Gründung einer Bank?“ schaffen wird, und das zum Preis des Ver-
kommt mir insbesondere dann in den Sinn, lusts nicht nur der Glaubwürdigkeit von
wenn zum Beispiel der Habitus und die Banken, sondern auch der Gerichte.
Verlautbarungen des Deutsche-Bank-Vor- Berlin Helge Lode
stands Josef Ackermann sich wieder ein-
mal nur unter dem Begriff „legalisierte Broker an der New Yorker Wall Street
Kriminalität“ subsumieren lassen. Die Rechnung begleicht der Steuerzahler Verzweifelt wütend
Tiefenbach Kr. Passau Siegfried Bauer Nr. 4/2008, Standorte: Der Nokia-Abschied folgt
Mir ist total schleierhaft, wie eine Börse kalter Globalisierungslogik; Nr. 5/2008,
Während seriöse Klein- und Mittelbetriebe bei so enormen Summen, die Kerviel ein- Standorte: Weshalb Boykottaufrufe gegen den Handy-
Hersteller verständlich sind – aber auch absurd
immer mehr Sicherheiten und Bonitäts- setzte, nicht unabhängig von anderen Kon-
nachweise den Bankbeamten vorlegen trollmechanismen bei der Société Générale
müssen, um ein oder drei Millionen Euro nachgefragt hat. Ich teile die Vermutung, Haben die Handy-Zertrümmerer, Nokia-
Kredite zum weiteren Ausbau der Unter- dass die Bank ihre Verluste mit den US- Beschimpfer und Boykottaufrufer eigent-
nehmen zu erhalten, verzockt ein Mitar- Hypotheken verstecken wollte. Ich gehe lich mal an die Spätfolgen ihres Tuns ge-
beiter der mittleren Ebene circa fünf Mil- sogar noch weiter: Abgebrühte Zocker ver- dacht? Nach der letzten Umfrage hat die
liarden Euro. Recht geschieht ihnen, diesen doppeln bei jedem Verlust ihren Einsatz. Mehrheit der Deutschen, nicht zuletzt an-
Aasgeiern des Manchester-Kapitalismus. Dieser Skandal zeigt einmal mehr die Men- gefeuert durch einen unerträglichen Popu-
Schade nur, dass auch normale Anleger schenverachtung, die hinter diesem System lismus von Kommunal- bis hin zu bekann-
und seriöse Aktiengesellschaften in Mitlei- steckt. Mit den 4,9 Milliarden Euro könnten ten Bundespolitikern, erklärt, sich kein No-
denschaft gezogen werden. 2000 Angestellte 50 Jahre lang mit 4083 kia-Handy mehr anschaffen zu wollen. Das
Zechlinerhütte (Brandenb.) Helmuth Kellner Euro Monatsgehalt entlohnt werden. wird die Konkurrenz von Nokia freuen,
München Werner Hausner die schon länger nicht mehr in Deutsch-
Die Rechnung begleicht der Steuerzahler,
alles wie gehabt! Mein zugegeben etwas
naiver Wunsch: Finanzjongleure und Poli-
tiker, die in solchem Ausmaß versagen, haf-
Vor 50 Jahren der spiegel vom 5. Februar 1958
Kommentar von Jens Daniel Kanzler Adenauers Sowjetpolitik. Ruhr-
ten in Zukunft mit ihrem Privatvermögen. kohle Preiserhöhung findet nicht statt. Ostblock DDR sabotiert Rapacki-
Berlin Jürgen Herzog Plan zur atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa. Rechtsproblematik
Ehebruch durch künstliche Befruchtung? Deutschland ohne Arzneimittel-
Der Name Kerviel könnte vermuten lassen, gesetzgebung Der Laie muss nichts wissen. Soziologie Erkenntnisse
über Begrüßungsriten. Biographien „Olympio“ enthüllt Details aus dem
dass hier ein schlitzohriger Asterix-Nach- Leben von Victor Hugo.
fahre des kleinen keltischen Dorfes an der Diese Artikel sind im Internet abzurufen unter www.spiegel.de
französischen Normandie-Küste so segens- oder im Original-Heft unter Tel. 08106-6604 zu erwerben.
reich bei der Société Générale gewirkt hat. Titel: Oppositionspolitiker Gustav Heinemann
Eigentlich hat er doch nur das getan, was in
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Briefe

land produziert beziehungsweise hier noch die Ruhr zu schmeißen und auf Nokia ein-
nie produziert hat. Und wie wirkt das wohl zudreschen, sollten die Politiker lieber ihren
auf ausländische Firmen, die eine Produk- eigenen Laden auf Trab bringen.
tion in Deutschland in Betracht ziehen? Reinbek (Schlesw.-Holst.) Klaus Herder
Als potentieller Investor würde ich einen
großen Bogen um Deutschland machen,
denn dann kann ich mich – Ironie der Ge- Fatale Umweltfolgen
schichte – auch gar nicht erst unbeliebt Nr. 4/2008, Landwirtschaft: Grüner als
machen. die Grünen – Horst Seehofers
Darmstadt Roland Rock 180-Grad-Wende bei der Gentechnik auf dem Acker

Gentechnikgegner sind also emotional fehl-


geleitete Dumpfbacken, allenfalls „verson-
nen lächelnde“ Mönche, Sicherheitsbeden-
ken wissenschaftlich irrational. Die Argu-
mente der Kritiker hätten Sie wenigstens
nennen können: Studien, die derzeit – nach
Ungarn, Polen oder Österreich – Frankreich
dazu bewogen haben, den Anbau von
Monsantos Gentech-Mais zu verbieten;

FRANK AUGSTEIN / AP
konventionelle Züchtungserfolge, die nach-
haltiger die Züchtungsziele der Gentech-
nik erreichen; fatale Umweltfolgen der
durch diese Technologie erst möglich ge-
Nokia-Protestaktion in Bochum machten Anbausysteme wie die Soja-Wüs-
Revolution statt Demonstration ten Argentiniens; und die Tatsache, dass
von all den Versprechungen der Gentech-
Die deutschen Verbraucher haben es in Züchter noch keines wahr geworden ist. Es
der Hand, den Umsatz von Nokia um zwei gibt sehr viele Vernunftsgründe, sich ge-
Milliarden Euro zu kürzen. Das tut nicht gen eine unumkehrbare Zwangsbeglückung
nur Nokia weh, sondern bewirkt auch in mit dieser Technologie zu wenden!
den Chefetagen gleichartiger Firmen das Otzberg (Hessen) Dr. Felix Prinz zu Löwenstein
Einschalten von Gehirnmasse, um sich Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft
wirtschaftlichem Denken aus einer ande-
ren Richtung zu nähern.
Dürrholz (Rhld.-Pf.) Günter K. Langenfeld In diametralem Widerspruch?
Nr. 3/2008, Verfassungsgericht: SPIEGEL-Gespräch
Schlimm genug, was Politiker mit ihren mit Präsident Hans-Jürgen Papier über die
populistischen Äußerungen für Ängste ge- Herausforderungen des internationalen Terrorismus
genüber der Globalisierung schüren, trägt
ihre Berichterstattung auch noch dazu bei, Nach dieser Lektüre kann ich Menschen
dass sich der Großteil der Deutschen zu verstehen, die an der heutigen Rechtspre-
den Verlierern der Globalisierung zählt. chung verzweifeln. „Die Würde des Men-
Ihre Aufgabe wäre es, den Menschen klar- schen ist unantastbar“ – daher dürfen also
zumachen, dass kein anderes Land mehr von Terroristen gekaperte Flugzeuge auch
von der Globalisierung profitiert als der im Fall eines in Menschenmengen gelenk-
Exportweltmeister Deutschland. Was kön- ten Sturzes nicht abgeschossen werden.
nen weltweit agierende Unternehmen wie Opfer des 11. September 2001 wurden mit
Nokia dafür, dass in Deutschland subven- keinem Wort erwähnt. Gilt Artikel 1 des
tioniert statt investiert wird? Grundgesetzes nicht auch für sie?
Badenweiler (Bad.-Württ.) Moritz Grötzner Landau in der Pfalz Jürgen Zapf

Die Nachrichten über Nokia empören mich Der nominierte Vizepräsident Horst Drei-
nicht nur, sie machen mich in einer ver- er sieht die Garantie auf Menschenwürde
zweifelten Weise wütend, die ich bislang nicht nur pragmatischer, sondern auch kor-
nicht kannte. Wenn ich sehe, wie die Schlaf- rekter als Präsident Papier. Dessen Ver-
Schlümpfe der Regierung sich im Kreise rechnungsverbot von Menschenleben ge-
der Belanglosigkeiten drehen, während um gen andere Menschenleben im Urteil zum
sie herum ein ganzes Land zugrunde geht, Luftsicherheitsgesetz steht in diametralem
dann wünsche ich mir keine jammervollen Widerspruch zu vorhergehenden Urteilen
Demonstrationen mehr, nein, ich wünsche des Bundesverfassungsgerichts, beispiels-
mir, ganz gemäß der deutschen Geschichte weise zum Schwangerschaftsabbruch.
Folgendes: eine Revolution! Braunschweig Prof. Dr. Dr. Hans Müller
Rapperswil-Jona (Schweiz) Jens W. Hafner
Wenn der Flieger nach Hamburg mal eben
Nun wird auch en passant das fatale Miss- nach Berlin umgeleitet wird, weil ein durch-
management bei der Vergabe und Kontrol- geknallter Student auf seinen Bafög-Satz
le von Subventionsgeldern zutage gefördert. aufmerksam machen möchte, dann bleiben
Anstatt voller Betroffenheit ihre Handys in Herrn Schäuble nur wenige Minuten, um
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Briefe

anhand von unzureichenden Informationen


über den Abschuss zu entscheiden. Ob er
diesen dann anordnet, weil er die Hosen
voll hat oder den starken Mann markieren
will, bleibt gleich – meine Einwilligung wird
er nie bekommen. Im selben Sinne steht es
dem Einzelnen selbstverständlich frei, sein
Leben für den Staat zu opfern, es steht aber
keinesfalls dem Volksvertreter Schäuble
oder dem Staatsdiener Papier zu, mein Le-
ben zu opfern beziehungsweise mein Recht
auf Leben und Unversehrtheit auch nur in
Frage zu stellen.
Mönchengladbach Dr. Richard Aust

Es schreit nach einem Vergleich


Nr. 4/2008, Medizin:
Klagewelle gegen Münchner Promi-Chirurg

Auch meine Mutter ließ sich von Herrn


Dekkers mit dem minimalinvasiven Ver-
fahren an der Bandscheibe operieren. Noch
heute, über ein Jahr nach der OP, sind ihre
Schmerzen schlimmer als je zuvor. Hinzu
kommt, dass die Alpha-Klinik viel zu viel
Geld abgerechnet hat. Erst nach unserer
Intervention gestand man einen „Fehler“
ein und überwies das Geld zurück.
Erlangen (Bayern) Martin Hähnlein

ACTION PRESS
Rückenoperation in der Alpha-Klinik
Überaus kompliziertes Gebiet

Wenn es möglich wäre, alle 6000 von Herrn


Dekkers operierten Patienten zu befragen,
so ergäbe sich sicherlich ein ganz anderes
Bild. Dabei liegt es nahe, dass es auf dem
überaus komplizierten Gebiet der Wirbel-
säulenchirurgie schmerzgeplagte Menschen
gibt, die nach einer Operation ihre viel-
leicht zu hohen Erwartungen enttäuscht se-
hen und sich dann beschweren oder klagen.
Stuttgart Dr. Manfred König

Herr Dekkers versuchte weder, mich nach


monatelangen schlimmen Bandscheiben-
beschwerden zu einer Operation zu über-
reden noch mir eine Stenose unterzuju-
beln. Nach der nahezu schmerzfreien OP
war ich ein neuer Mensch. Der Artikel
schreit geradezu nach einem Vergleich.
Wie viele Patienten in anderen Kliniken
sind unzufrieden? Werden die Kläger auch
bezahlt? Machen die anderen Chirurgen
keinem Patienten Hoffnung, indem sie bal-
dige Genesung versprechen?
Crailsheim (Bad.-Württ.) Monika Rehberger

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Kultiviert süffisant
Nr. 4/2008, Trash-TV: Das RTL-Dschungelcamp
ist raffinierter als sein Ruf

Dieses Dschungelcamp ist eine Farce!


Zieht bitte den Stecker vor Ort, baut die
Kameras ab, packt alles ein und kommt
wieder nach Deutschland! Ich dachte,
Deutschland möchte Botschafter der Welt
sein. Wer nimmt uns denn noch ernst? Wir
schneiden uns damit tief ins eigene Fleisch,
totale Volksverdummung nicht ausge-
schlossen. Wenn schon so eine Schwach-
matentruppe live sein muss, dann bitte das
Format europaweit ausstrahlen. Somit wür-
de verhindert, dass Deutschland allein in
die Pisa-Falle tappt.
München Thomas Kracker
RTL / OBS

Dschungelcamp-Moderatoren Bach, Zietlow


Zeitrafferspiegel unserer Gesellschaft?

Selten einen derart kultiviert süffisanten


Bericht über solch ein idiotisches Thema
gelesen.
Brüssel Anton Krah

Besser kann man es nicht mehr schildern.


Ob allerdings RTL oder vielmehr unsere
Gesellschaft, auf die RTL reagiert, schuld
sind – wer also hier die Henne und wer das
Ei ist –, wird schwer festzustellen sein.
Frankfurt am Main Hermjo Klein

Das Privatfernsehen ist ein Zeitrafferspiegel


unserer Gesellschaft. Ein wunderbares Ex-
periment, welches uns in nur 30 Jahren vor
Augen geführt hat, wohin Profitgier als ein-
ziger Antrieb uns führt: in den Kampf um
nichtige Ziele unter Missachtung der Men-
schenwürde und in die Vernichtung unserer
Kultur. Schade ist, dass in allen Ihren bis-
herigen Artikeln zu diesem Thema nie auch
nur ein Ansatz zu einer Behebung dieses
gefährlichen Missstands auftaucht. Warum?
Im Zeitraffer lässt es sich gut üben, und
viel kaputtzumachen gibt es beim Privat-
fernsehen auch nicht mehr.
Pforzheim (Bad.-Württ.) Benjamin Eichel

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit An-


schrift und Telefonnummer – gekürzt zu veröffentlichen.
Die E-Mail-Anschrift lautet: leserbriefe@spiegel.de

In einer Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe befinden


sich Beilagen der Firmen 1&1 Internet, Montabaur, sowie
SPIEGEL-Verlag / Studiosus Leserreisen, Hamburg.

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Panorama

GRÜNE

Kuhn prescht vor


T rotz aller Mahnungen zur Geschlos-
senheit ist bei den Grünen der Wett-
streit um die Spitzenkandidatur für die
Bundestagswahl 2009 voll entbrannt.
In der Sitzung des Parteirats am vergan-
genen Montag machte Fraktionschef
Fritz Kuhn überraschend den Vorschlag,
die Parteimitglieder über diese Frage
entscheiden zu lassen. Ein Wettbewerb
um Personen sei auch ein Marketing-
instrument für die Partei, sagte Kuhn

GERO BRELOER / DPA


zur Begründung. Er nannte zwar keine
Namen, in der Grünen-Führung wurde
der Vorstoß aber als Parteinahme für Köhler
Renate Künast gewertet, die Co-Vorsit-
zende der Bundestagsfraktion. Künast
ist in Umfragen die populärste Politi- BUNDESPRÄSIDENT

Kontroverse im Schloss
kerin der Grünen, ihr werden gute
Chancen eingeräumt, eine Mitglieder-
befragung für sich zu entscheiden.
Als wahrscheinlichste Variante galt un-
ter führenden Grünen zuletzt ein Spit-
zenduo aus Künast und Fraktionsvize
Jürgen Trittin. Künast hatte intern aber
B ei einem vertraulichen Treffen von
Bundespräsident Horst Köhler mit
den Mitgliedern des Ältestenrats des
gerechtigkeitserfahrungen, auf die die
Politik reagieren müsse. Ein anderer
Sozialdemokrat verwies auf die Union;
Bundestags ist es zu einer heftigen Ministerpräsident Jürgen Rüttgers habe
Auseinandersetzung über die Verlänge- schließlich zuvor die Korrektur verlangt.
rung des Arbeitslosengelds gekommen. Auch der CDU-Abgeordnete Norbert
Bei der Begegnung am vorvergan- Röttgen verteidigte die Änderungen
genen Mittwoch im Schloss Bellevue beim Arbeitslosengeld, erst sie hätten
wollte Köhler sich mit den Parlamenta- für die Akzeptanz der Arbeitsmarktre-
riern zum Thema Demokratieverdros- form gesorgt. Köhler fühlte sich offenbar
senheit austauschen. In seinem State- bedrängt und verwehrte sich gegen den
ment attackierte das Staatsoberhaupt Vorwurf, er trage zur Politikverdrossen-
massiv die beschlossenen Änderungen heit bei. Teilnehmer beschreiben die
an der Agenda 2010. Unter Bezug auf Stimmung des Treffens als eisig. Es gebe
Politikwissenschaftler hielt er der SPD deutliche Zeichen der Entfremdung zwi-
vor, in erster Linie machtpolitisch agiert schen Präsident und Parlament. Köhler
zu haben – um die Linke einzudämmen. argumentiere „unpolitisch“, so ein Ab-
Sachpolitisch sei die längere Auszahlung geordneter. Besonders verärgert zeigten
des Arbeitslosengelds I an Ältere aber sich die Sozialdemokraten. Köhler habe
falsch. Dies wies Bundestagsvizepräsi- mit diesem Abend seine Chancen auf
dent Wolfgang Thierse (SPD) mit schar- eine zweite Amtszeit nicht gerade ver-
fen Worten zurück: Es gebe massive Un- größert, hieß es.
BODO MARKS / DPA

Kuhn, Künast ILLEGALE litätsbekämpfung nur noch mit Irakern

Zunahme bei Irakern


beschäftigt, die in der Regel aus Süd-
deutlich gemacht, dass sie ein Tandem europa kommen und dann nach Skan-
im Wahlkampf eher für hinderlich dinavien weiterreisen wollen. Die Aus-
halte. Dagegen haben Trittin und Partei-
chefin Claudia Roth schon verabredet,
dass sie auf einem Tandem bestehen.
D ie Zahl der Iraker, die nach
Deutschland geschleust werden, ist
im vergangenen Jahr drastisch ange-
wertung von mehr als 200 laufenden
Telefonüberwachungen ließen zudem
auf eine sehr hohe Dunkelziffer bei
In den vergangenen Bundestagswahl- stiegen. Wie nun aus einer Auswertung der Schleusung von Irakern schließen,
kämpfen war Joschka Fischer alleiniger der Bundespolizeidirektion Koblenz heißt es in einem Papier der Koblenzer
Spitzenmann der Ökopartei. Im Partei- hervorgeht, griffen Beamte allein bis Behörde. Josef Scheuring, Chef der
rat wurde die Initiative Kuhns auch des- Ende September 1162 Iraker bei der Gewerkschaft der Polizei bei der Bun-
halb mit Verärgerung zur Kenntnis ge- Schleusung durch Deutschland auf – despolizei, forderte zusätzliche Kräfte
nommen, weil sich die Parteiführung das sind mehr als doppelt so viele wie für die Ermittlungsgruppen. Schließ-
darauf verständigt hatte, die Personal- im ganzen Vorjahr. Mittlerweile seien lich könnten auch islamistische Terro-
debatte erst nach der Wahl in Hamburg deshalb bei der Bundespolizei 80 Pro- risten die Schleusernetzwerke für
Ende Februar zu eröffnen. zent der Ermittler im Bereich Krimina- die Einreise nach Deutschland nutzen.
12 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Deutschland
FORSCHUNG SICHERHEIT

Teufel in den Ethikrat Schützenhilfe


D er frühere baden-würt-
tembergische Ministerprä-
der Kandidatenliste der Regie-
rung zu den wenigen neuen
für Zypries
sident Erwin Teufel soll dem
neuen Deutschen Ethikrat an-
Gesichtern, die nicht bereits
dem aufgelösten Nationalen M assiven Widerstand kündigt die
FDP gegen die geplanten EU-Rege-

IMUETIYAN IDEHEN / FACE TO FACE


gehören. Teufel wurde von Ethikrat angehört haben. Der lungen zur Speicherung der Daten von
Bundesforschungsministerin Bundestag soll nach dem der- Flugpassagieren an. „Erst die Vorrats-
Annette Schavan (CDU) für zeitigen Zeitplan der Koalition datenspeicherung und nun die Fluggast-
den Posten vorgeschlagen und seine 13 Kandidaten einen daten – es ist an der Zeit, den Irrweg
soll am 13. Februar mit zwölf Tag nach dem Kabinett be- der EU-Kommission zu stoppen“, sagt
weiteren Kandidaten der Re- nennen, also am selben Tag, die innenpolitische Sprecherin der FDP-
gierung vom Bundeskabinett an dem die Abgeordneten Bundestagsfraktion Gisela Piltz. Der
offiziell nominiert werden. Teufel auch über neue Regeln für die Vorschlag von Kommissionsvizepräsident
Der Christdemokrat zählt zu Stammzellforschung debattie- Franco Frattini, der vorsieht, vom Reise-
den Kritikern der Forschung an mensch- ren. Vom früheren Gremium unterschei- ziel bis zur Sitzplatznummer künftig
lichen embryonalen Stammzellen, hatte det sich der neue Rat dadurch, dass 19 Informationen pro Passagier mit Zie-
sich aber in seinem Bundesland für die er nicht allein der Regierung unterstellt len außerhalb der EU zu speichern und
Wissenschaftsförderung eingesetzt. Nach ist, sondern auch dem Parlament. Die 13 Jahre lang vorzuhalten, sei „ein weite-
seinem Ausscheiden aus dem Amt hat Nominierung der 26 Mitglieder hatte rer Schritt zur flächendeckenden Über-
Teufel 2005 in München ein Philoso- sich wegen Querelen zwischen Union wachung der Menschen in der EU und
phiestudium aufgenommen. Er zählt auf und SPD um ein halbes Jahr verzögert. ein Abschied vom Datenschutz“, so Piltz.

KIRCHE

Katholiken contra Schäuble


E in Ende des Beichtgeheimnisses und
der Vertraulichkeit von Seelsorge-
gesprächen befürchtet die katholische
den?“ Die Politik müsse mit erhebli-
chem Widerstand der Kirche rechnen,
sollte dem Bundeskriminalamt – wie
BLICKWINKEL / MCPHOTO

Kirche, wenn die neuesten Abhörpläne vorgesehen – im Einzelfall erlaubt wer-


aus dem Hause von Innenminister den, auch Abgeordnete, Anwälte und
Wolfgang Schäuble (CDU) weiterver- Geistliche abzuhören. „Das vertrauens-
folgt werden. Der für die Verbindung volle Gespräch mit dem Seelsorger, oft
von Parlament und Kirche zuständige die letzte Anlaufstelle für Menschen Flughafen-Terminal (in Hamburg)
Prälat Karl Jüsten kritisierte die geplan- mit Sorgen, darf nicht in Frage gestellt
te Reform des BKA-Gesetzes diese werden“, warnt Jüsten. Der Entwurf Der ehemalige Bundestagsvizepräsident
Woche äußerst scharf: „Wo kommen müsse ganz vom Tisch, sagt der Prälat: Burkhard Hirsch spricht angesichts der
wir hin, wenn die Menschen gar keine „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frattini-Pläne von „einem Akt der legis-
Person mehr haben, an die sie sich ver- ausgerechnet eine der ‚C‘-Parteien, die lativen Hysterie“. Alexander Alvaro, in-
trauensvoll wenden können, ohne die sich den Kirchen besonders verpflichtet nenpolitischer Sprecher der liberalen
Angst zu haben, dass sie belauscht wer- sehen, am Beichtgeheimnis rüttelt.“ Fraktion im EU-Parlament, kündigt gar
„Schützenhilfe“ für Bundesjustizministe-
rin Brigitte Zypries (SPD) an. Sie hatte
beim Europäischen Polizeikongress zum
Ärger des ebenfalls anwesenden Bun-
desinnenministers Wolfgang Schäuble er-
klärt, die EU-Pläne seien in ihrer jetzigen
Form „nicht mit deutschem Verfassungs-
recht vereinbar“. Im Innenministerium
wertet man die Äußerung als weitere
Provokation im Dauerkonflikt der beiden
Häuser: Zuvor hatten die Staatssekretäre
Lutz Diwell (Justiz) und Peter Altmaier
(Inneres) versucht, für den neuen Kon-
fliktstoff gütliche Sprachregelungen zu
finden. Daran, so zürnt man nun im
JOCHEN ECKEL / ACTION PRESS

Schäuble-Ressort, habe sich die Ministe-


rin nicht gehalten; das internationale Pu-
blikum des Polizeikongresses müsse den
Eindruck gewonnen haben, die deutsche
Beichte (beim Weltjugendtag) Regierung spreche nicht mit einer Stim-
me, heißt es im Umfeld des Ministers.
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 13
Deutschland Panorama
SPD

Wirbel um Clement
E x-Wirtschaftsminister Wolfgang Cle-
ment sorgt weiter für Verdruss bei
seinen SPD-Parteifreunden. Am kom-
menden Donnerstag will Clement als ei-
ner der Hauptredner bei der Winter-
tagung des Deutschen Atomforums in
Berlin auftreten. In der SPD wird be-
fürchtet, Clement könne wenige Tage
vor der Hamburg-Wahl gegen den
Anti-Atomkraft-Kurs seiner Partei pole-
misieren. Im SPD-Präsidium machte
Parteichef Kurt Beck am vorigen Mon-
tag deutlich, dass er auch persönlich
von Clements wiederholten Attacken
enttäuscht ist. Beck hatte Clement
während des Hessen-Wahlkampfs in

MICHAEL GOTTSCHALK / DDP


einem längeren Telefonat gebeten,
sich mit seiner Kritik an der SPD
zurückzuhalten. Ohne
Erfolg. „Wenn ich ihn
Cannabis-Blatt heute anrufen würde,
könnte ich mich nicht
mehr beherrschen.

MICHAEL KAPPELER / DDP


DRO GE N - A N BAU Deshalb lasse ich es lie-

Richter erwischt
ber“, sagte Beck.
Von den Bochumer
Genossen bekam
Clement indes einen

N ach einer bundesweiten Razzia gegen illegalen Cannabis-Anbau in der vergan-


genen Woche gerät nun ausgerechnet ein Vorsitzender Richter des Verwal-
tungsgerichts Minden in Erklärungsnot. Wie aus einem internen Bericht der Staats-
Beschwerdebrief.
Ihm fehle offensicht-
Clement

lich „der Zugang zu den Anliegen der


anwaltschaft Aachen hervorgeht, trafen Polizisten den Mann im ausgebauten Dach- kleinen Leute, zu ihren Gedanken und
geschoss seines Hauses nebst elf mit Cannabis-Blüten und -Pflanzenteilen gefüllten Lebenslagen“, schrieb Rudolf Malzahn,
Marmeladengläsern an. Ein zwölftes Glas habe auf dem Schreibtisch des Raums ge- Vorsitzender des SPD-Ortsvereins
standen, den die Ermittler aufgrund der gefundenen Unterlagen als Arbeitszimmer Bochum-Hamme. Der frühere NRW-
des 55-Jährigen bezeichneten. Im Keller des Hauses wurden danach 13 Blumen- Ministerpräsident lasse sich an der Par-
töpfe mit Hanf-Hauptstengeln samt Wurzeln gefunden sowie für die Pflanzen- teibasis nicht blicken. Da Clement
zucht nötige starke Licht- und Wärmequellen. Die Staatsanwaltschaft Aachen hat nicht bereit sei, seine Argumente inner-
ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz gegen halb der SPD vorzutragen, empfahl
den Mann und seine Ehefrau eingeleitet. Beide machten laut Bericht zum Tatvorwurf ihm der Ortsvereinschef, sich künftig
keine Angaben. „eine von den neoliberalen Parteien als
neue politische Heimat auszusuchen“.

N IC H T R AU C H E R S C H U T Z in der Begründung zum Passivraucher- parlamentarischen Antwort darauf,

Pfeife im Amt
schutzgesetz gefordert ist. Der rauchen- dass grundsätzlich nur geraucht werde,
de Senator verweist dagegen in einer „wenn sich keine anderen Personen“
in dem Raum aufhielten. Anders als für

D er Hamburger Innensenator Udo


Nagel kommt wegen einer eigen-
willigen Gesetzesauslegung unter
ihn sei es für die anderen 12 000 Mit-
arbeiter der Behörde nicht möglich, ih-
re Büros zu Raucherräumen umzu-
Druck. Um weiterhin Pfeife rauchen zu widmen, teilte Nagel mit: Die jetzt ein-
dürfen, ließ er sein Arbeitszimmer in gerichteten Räume deckten den Bedarf.
der Innenbehörde als offiziellen „Rau- Aufgeschreckt vom Hamburger Son-
cherraum“ deklarieren. Nach Ansicht derfall fordert das Deutsche Krebsfor-
der Grün-Alternativen-Liste in der schungszentrum in Heidelberg nun
Hamburgischen Bürgerschaft wird da- bundesweit ein totales Verbot von Rau-
JOERG SARBACH / AP

durch das „generelle Rauchverbot“ in cherräumen in Behörden und Firmen.


öffentlichen Einrichtungen des Landes Die Schadstoffe erreichten die Beschäf-
ausgehebelt. Zudem fehle es dem In- tigten trotz Lüftungs- und Filteranla-
nensenator an „vorbildhaftem Verhal- gen. Pfeifenraucher hätten dabei einen
ten“ für Kinder und Jugendliche, wie es Nagel „besonders großen Partikelausstoß“.
14 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Deutschland

PA R T E I E N

Zeit des Mörtels


In der Politik werden wieder Mauern gebaut. Nach den Wahlen in Hessen und Niedersachsen
grenzen sich die Parteien scharf voneinander ab. Jeder sagt, mit wem
er nicht regieren kann. Aber der Erstarrung wird bald eine neue Beweglichkeit folgen.

E
ine kleine Küche in Hamburg, die
Küche von Michael Naumann, der
am 24. Februar Erster Bürgermeis-
ter der Hansestadt werden will. Kaffee,
Zigaretten, es geht um seine Mutter. Das
Jahr 1953, Köthen in der DDR, Naumanns
Mutter erfährt, dass sie am nächsten Tag
verhaftet werden soll, das Regime räumt
auf.
Sie flieht noch in der Nacht, die Familie
landet schließlich in West-Berlin. Michael
Naumann ist elf, plötzlich arm, aus allem
herausgerissen. Heute, sagt er, sei das
schlimmer für ihn als damals. Die Erinne-
rung nagt, und deshalb ist die Geschichte
seiner Mutter eine politische Geschichte
mit aktuellem Bezug und wird nicht zufäl-
lig am Dienstag nach den Wahlen in Hes-
sen und Niedersachsen erzählt.
Naumann ist der nächste SPD-Politiker,
der womöglich eine Entscheidung darüber
fällen muss, ob er sich von der Partei Die
Linke wählen lassen will. Und er sagt jetzt
schon nein, auf keinen Fall, niemals. Er
hat viele Gründe dafür, aber dieser kommt
aus der Tiefe seines Herzens: Er könne
nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die
Teil eines Systems waren, das das erste Le-
ben seiner Mutter zerstört hat. Oder die
aus dem Westen heraus, als ehemalige Mit-
glieder der DKP, mit diesem System sym-
pathisiert hätten.
Es war ein typisches Gespräch für die
zurückliegende Woche. Da die Landtags-
wahl in Hessen etliche Koalitionsvaria-
tionen zulässt, sahen sich viele Politiker
bemüßigt, erst einmal zu sagen, mit wem
sie auf keinen Fall eine Koalition bilden
wollen. So war es in Hessen (siehe Seite
18), in Hamburg und in Berlin, wo die
Bundespolitiker die Weichen für eine neue
Zeit stellen wollen.
Die Linke hat es nach Bremen nun auch
in Hessen und Niedersachsen in den Land-
tag geschafft und ist endgültig keine ost-
deutsche Partei mehr. Sie wird auch nicht
verschwinden, wenn die Erinnerung an die
DDR verblasst. Sie ist da, um zu bleiben,
LANGBEHN / ACTION PRESS

als fünfte Partei in der bundesdeutschen


Demokratie.
Das ändert eine Menge, wie sich in
Hessen zeigt. Es wird komplizierter, eine
Koalition zu bilden und Regierungs-
fähigkeit herzustellen. Zwar besagt das
Ergebnis von Niedersachsen, wo CDU CDU-Chefin Merkel: Von der Frau mit der Reformknute zur schwarzen Sozialdemokratin

16 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
und FDP eine klare Mehrheit haben, Man will nicht rüber zum anderen Ge- aus – zumindest bis zur Bundestagswahl
das Gegenteil. Aber das hessische Patt schlecht, und doch drängt es einen schon. 2009. Sein Ziel ist, 2009 eine Ampelkoali-
gilt als wahrscheinlicheres Modell für Die Gesten passen nicht zu den Gedan- tion aus SPD, FDP und Grünen zu schmie-
den Bund. Alles, was dort passiert, wird ken, äußere und innere Wahrheit liegen den. Auf keinen Fall will Beck in den Ver-
nun von Berlin aus argwöhnisch beäugt weit auseinander. dacht geraten, er werde mit der Linken
und gesteuert. Es geht darum, sich Chan- Das gilt vor allem für die SPD. Präsi- paktieren.
cen für die Bundestagswahl 2009 zu si- diumssitzung am Montag im Willy-Brandt- Aber es gibt schon die Mauerspechte,
chern. Haus, es erzählt die Fast-Siegerin von die mit ihren Hämmerchen an den Stei-
Selten wirkte Deutschland politisch so Hessen, Ypsilanti. Die Hälfte der neuge- nen klopfen. Einer ist Martin Schulz, Frak-
erstarrt wie in diesen Tagen. Es ist eine wählten Abgeordneten der Linken sei tionschef der Sozialdemokratischen Partei
Zeit des Mörtels, weil so viele Mauern ge- politisch verrückt, sagt sie. Sie könne sich Europas und Mitglied im Präsidium der
baut werden. Abgrenzung spricht jetzt aus nicht vorstellen, mit denen zusammenzu- SPD. Er rät dazu, sich mit den neuen Ge-
den Sätzen der Akteure. arbeiten. gebenheiten abzufinden: „Ein Fünf-Par-

R. KREIN (L.); PATRIK STOLLARZ / GETTY IMAGES (R.)

Konkurrenten Koch, Ypsilanti, SPD-Vorsitzender Beck: Das hessische Patt gilt als wahrscheinliches Modell für den Bund

„Derzeit sehe ich überhaupt keine Beck mahnt die Seinen, sich „nicht Ban- teien-System ist in Europa völlig normal.
Chance für eine Große Koalition“, sagte ge“ machen zu lassen. Der Einzug der Lin- Wer künftig in Deutschland am besten in
Kurt Beck mit Blick auf Hessen. ken in die Parlamente in Hessen und Nie- der Lage ist, Dreierbündnisse zu schließen,
„Das ewige Anschleimen der Sozialde- dersachsen bedeute nicht automatisch, hat mehr Chancen zu regieren.“
mokraten geht mir langsam wirklich auf dass sie auch in anderen Ländern oder im Koalitionen mit den Linken könnten
den Zeiger“, sagte Dirk Niebel, General- Bund Erfolg haben würden. „Wir können zwar „so lange nicht klappen, wie Leute
sekretär der FDP. die kleinkriegen.“ wie Oskar Lafontaine bei den Linken das
„Ich möchte zur Wahl der Ministerprä- Die SPD solle sich als einzige wahre Par- Sagen haben“. Im Umgang mit einer „per-
sidentin eine eigene Mehrheit ohne die tei der sozialen Gerechtigkeit profilieren. sonell und inhaltlich erneuerten Links-
Linkspartei haben“, sagte die hessische Mit Themen wie dem Mindestlohn wollen partei“ sehe das aber „möglicherweise an-
Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti. Beck und sein Generalsekretär Hubertus ders aus“.
Die Pointe zu alldem lieferte am Montag Heil die Sozialdemokraten in den kom- Die Linken wären in diesem Szenario
Lothar Bisky, der Parteivorsitzende der menden Monaten auf Linkskurs halten und nur eine Art ausgegliederter Arbeiter- und
Linken: „Die Mauer zur Linken muss fal- Oskar Lafontaines Partei überflüssig ma- Arbeitslosenflügel, der aber jederzeit zur
len“, rief er der SPD zu, ein komischer chen. Regierungsbildung bereitstünde.
Satz für einen Mann, der mal in der Mau- Als Beck nach der Sitzung im Willy- Ähnlich sieht das so mancher Landes-
erpartei SED war. Brandt-Haus von den Journalisten auf das vorsitzende der SPD. In Thüringen, wo im
Sie bröckelt ja schon, diese Mauer zwi- gute Abschneiden der Konkurrenz ange- Herbst 2009 gewählt wird, hält Landeschef
schen Sozialdemokraten und Linken. Er- sprochen wird, verfinstert sich sein Ge- Christoph Matschie eine Koalition mit den
starrung ist nur vordergründig die Folge sicht. Mit beiden Händen krallt er sich am Dunkelroten für denkbar, im Land Berlin
der Wahl in Hessen. In Wahrheit ist sie eine Rednerpult fest. Es sieht so aus, als wollte regieren sie längst.
Ermunterung für eine neue Beweglich- er es auseinanderbrechen. Die SPD-Vorsitzenden von Nordrhein-
keit. Im Fünf-Parteien-System kann der „Die sogenannte Linke ist eine Protest- Westfalen und dem Saarland, Hannelore
Wunschpartner nur der erste auf einer Liste sammelpartei im Westen geworden“, sagt Kraft und Heiko Maas, sprechen sich zwar
möglicher Verbündeter sein. Sonst wird es er. „80 Prozent der Leute, die die wählen, bislang nicht offen für Rot-Rot-Grün oder
fast unmöglich, eine Regierung zu bilden. erwarten gar keine Lösungen. Die wollen Rot-Rot aus. Doch verteufeln wollen sie
Deshalb herrscht in Berlin gerade die nur ihren Unmut ausdrücken.“ Koalitio- Die Linke nicht. „Wir brauchen eine
verklemmte Stimmung einer Schülerparty. nen mit der Linken schließt der Parteichef Machtoption. Das macht uns für die
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 17
Deutschland

Verhärtete Fronten
Berater. Die Wähler wollten Koch
„nicht mehr als Ministerpräsidenten
haben“, bekräftigt die SPD-Chefin.
Nicht minder strikt lehnt die Sozial-
demokratin auch eine Zusammenarbeit
Die Regierungsbildung in Hessen wird auch durch eine lange mit der Linken ab. Die Partei Oskar
Lafontaines könne die Hessen-SPD mit
Tradition persönlicher Abneigungen blockiert. immer höheren Forderungen nach so-
zialen Wohltaten vor sich hertreiben

M
it seiner Geschichte des Flugs und spalten, fürchtet Ypsilanti.
LH 172 von Frankfurt nach Damit bleibt ihr nur die Ampel. Bis-
Berlin schaffte es Jörg-Uwe lang weist die FDP alle Avancen der
Hahn bis in die „Tagesthemen“. Der Sozialdemokraten zurück – weil Partei-
hessische FDP-Landeschef saß am chef Hahn Ypsilanti für eine linke Ideo-
Morgen nach der Wahl in Reihe 19, login hält. Und weil man nicht wieder
Platz G; Andrea Ypsilanti genoss etwas als Umfaller-Partei dastehen will.
weiter links, auf dem Fensterplatz 19 A, Schwung in die Verhandlungen wird
den Blick aus dem Airbus auf den röt- wohl erst nach der Hamburg-Wahl am

UWE ZUCCHI / DPA


lich schimmernden Morgenhimmel. 24. Februar kommen. Die Linken tüf-
Nur ein paar Meter trennten die bei- teln, unterstützt von Gewerkschaften,
den also am vergangenen Montag schon an einer Kampagne – um die
während des Fluges zu ihren Partei- SPD zu drängen, „die vom Wähler her-
zentralen. Aber die hessische SPD-Vor- FDP-Politiker Westerwelle, Hahn beigeführte Mehrheit links von der
sitzende habe es „nicht für notwendig „Kleiner Koch“ CDU im Landtag auch zu nutzen“.
erachtet, mit mir zu reden“, beklagte Die Strategie: Wenn das neue Parla-
sich Hahn, 51, danach vor laufender UMFRAGE: KOALITION HESSEN ment im April zusammentritt, könnten
Fernsehkamera. Und Ypsilanti, 50, die die Linken viele Anträge aus den Wahl-
Überraschungs-Fast-Gewinnerin der „Welches Bündnis sollte in programmen von SPD und Grünen
Wahl, reagierte kühl. Sie habe den stellen – die Abschaffung der Studien-
FDP-Mann nur „von weitem gesehen“.
Hessen zukünftig regieren?“ gebühren etwa. Oder sie könnten Ypsi-
Eine banale Geschichte eigentlich, Große Koalition (CDU/SPD) lantis Wahl zur Regierungschefin vor-
die aber viel darüber erzählt, warum es schlagen. SPD und Grüne müssten sich
in Hessen so schwierig ist, eine neue
31 % originelle Begründungen einfallen las-
Regierung zu bilden. Es sind nicht nur Jamaika-Koalition (CDU/Grüne/FDP) sen, warum sie all das ablehnen.
komplizierte Kräfteverhältnisse im 21 % Ein solches Szenario, so Ypsilantis
künftigen Fünf-Parteien-Parlament, in Hoffnung, könnte nun aber auch die
dem es weder für Rot-Grün noch für Ampel-Koalition (SPD/FDP/Grüne) FDP in Zugzwang versetzen. Hahns
Schwarz-Gelb reicht, nicht nur tak- Leute müssten sich sonst vorhalten las-
tische Überlegungen der Parteien, de-
21 % sen, ihre Hartleibigkeit habe die Rolle
nen Bündnisse mit erklärten Gegnern Koalition aus SPD/Linke/Grüne der Linken im Landtag gestärkt.
die Positionierung für die Landtags- 19 % Regierungschef Koch hingegen zockt
wahl in Hamburg verhageln würden. weiter um seinen Machterhalt. Mög-
Die Fronten im hessischen Landtag TNS Forschung für den SPIEGEL vom 28. und licherweise, mutmaßt die Konkurrenz,
sind auch deshalb so verhärtet, weil 29. Januar; 1000 Befragte; an 100 fehlende
Prozent: „weiß nicht“/ keine Angabe hofft er auf eine zweite Chance bei Neu-
die maßgeblichen Politiker sich in wahlen. Doch dazu brauchte er eine
jahrelangen beinharten Auseinander- Landtagsmehrheit – und die Stimmen
setzungen angewöhnt haben, weni- „Ich würde es nicht gern ausprobie- von SPD, Grünen und Linken würde er
ger mit- als übereinander zu reden – ren müssen“, sagt der Grünen-Frak- dafür kaum bekommen, meint ein Ypsi-
und das am liebsten schlecht und öf- tionschef Tarek Al-Wazir zu einer lanti-Sprecher. Vielleicht setze Koch
fentlich. Ampel-Koalition. Im Wahlkampf hatte auch darauf, als „geschäftsführender“
Jörg-Uwe Hahn, mit dessen FDP Hahn den Al-Wazir-Ausspruch „An- Regierungschef überwintern zu können.
Andrea Ypsilanti eine rot-grün-gelbe ständige Hessen sollten Koch ab- Den Job darf er nach der hessischen Ver-
Ampel bilden will, ist ein alter Freund wählen“ in die Nähe des NS-Propa- fassung so lange behalten, bis ein Nach-
von CDU-Chef Roland Koch. Viele Ab- gandisten Joseph Goebbels gerückt. folger gewählt ist. Einer seiner Amts-
geordnete von SPD und Grünen haben Komplett zerrüttet ist das Verhältnis vorgänger, der Sozialdemokrat Holger
Hahn bis heute nicht verziehen, dass er der Roten und Grünen zum Original- Börner, hielt sich damit nach einem
Koch selbst dann unverbrüchliche Koch. Der hatte am Ende seines Wahl-Patt gut eineinhalb Jahre im Amt,
Treue hielt, als der Ministerpräsident es Krawall-Wahlkampfs ein Plakat mit bis er sich 1984 mit den Grünen einigte.
in der CDU-Schwarzgeldaffäre vor acht dem Text „Ypsilanti, Al-Wazir und die Für den CDU-Chef hätte dieses
Jahren mit der Wahrheit mehrfach Kommunisten stoppen!“ kleben lassen. Szenario allerdings einen hohen Preis.
nicht genau nahm. Der FDP-Chef, ein Gleichzeitig führten SPD und Grüne Koch müsste dann zähneknirschend
oft etwas steif daherkommender Jurist einen klaren Anti-Koch-Wahlkampf – auch all jene Gesetzesinitiativen aus-
mit Neigung zu belehrendem Tonfall, schon deshalb könne sich die SPD-Che- führen und vertreten, die eine rot-rot-
wird in rot-grünen Kreisen seither gern fin jetzt nicht einfach mit ihm an einen grüne Parlamentsmehrheit beschließt.
als „kleiner Koch“ verspottet. Kabinettstisch setzen, sagen Ypsilantis Matthias Bartsch

18 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Wähler interessant“, sagt ein SPD-Stratege
an der Saar.
Kurt Beck muss sich nun die Frage stel-
len, ob die SPD die Macht, die sie haben
könnte, liegenlassen will? Zum Beispiel bei
der Wahl zum Bundespräsidenten. Die
Mehrheit von Union und FDP in der Bun-
desversammlung ist nach Hessen und Nie-
dersachsen auf ganz wenige Stimmen ge-
schrumpft und wird wahrscheinlich in
Hamburg oder im Herbst in Bayern ganz
verlorengehen.
Die SPD könnte 2009 den Bundespräsi-

ROLAND MAGUNIA / DDP


denten stellen, wenn sie ihn von der Lin-
ken mitwählen ließe.
Die SPD könnte Angela Merkel jetzt
schon stürzen, wenn sich Kurt Beck von
der Linken zum Kanzler wählen ließe.
Die SPD könnte in Hessen regieren. Hamburger SPD-Bürgermeisterkandidat Naumann*: Von der Linken nicht wählen lassen
Die SPD könnte so viel, wenn sie denn
wollen könnte. Sie könnte allerdings auch Die Linke hat kaum arbeitsfähige Struktu-
sich die Verdrossenheit versammeln soll.
die bürgerliche Mitte verlieren und als ren an der Basis im Westen, die Mitglie-Aber in Wahrheit sind die Radikaloppo-
Volkspartei verschwinden, wenn sie all dies derentwicklung verläuft nicht wie erhofft.
nenten stets die beweglichsten Politiker,
täte. Das ist auch im Kopf von Kurt Beck. In einer internen Wahlanalyse der Parteiwie auch die Grünen an sich selbst erfah-
Er kann sehr viel Macht haben oder alles heißt es warnend: Bei den Wählern „über-ren konnten. Regieren sie erst, ist ihre
verspielen. steigt die Nachfrage das Angebot“. Über-Hauptbeschäftigung die Anpassung an die
Beck ist vorsichtig. Er wird sich jetzt setzt heißt das: Die Republik rücke nachVerhältnisse.
nicht zum Bundeskanzler wählen lassen. links, aber Die Linke sei personell und pro-
Aber eine Partei fällt auf keinen Fall um,
Er wird hoffen, dass Ypsilanti dauerhaft grammatisch noch nicht in der Lage, dieses
die steht todsicher, und man kann sich to-
sagt: nicht mit der Linken, nicht mit der Potential auszuschöpfen. tal auf sie verlassen. Das ist die FDP. Noch
Linken. Und er hat es noch leicht mit all- Gleichwohl hat man Großes vor, nicht in der Wahlnacht telefonierte der Partei-
dem, weil es Oskar Lafontaine gibt, den nur linke Partei sein, sondern Partei für
vorsitzende Guido Westerwelle mit Ange-
ehemaligen Chef der SPD, jetzt Chef der den deutschen General- und Gesamtpro- la Merkel, und er hat ihr gesagt, dass seine
Linken. test. In der Wahlanalyse liest sich der Partei in Hessen keine rot-gelb-grüne Ko-
Am Montag sitzt Lafontaine im Partei- Schlachtplan bis zur Bundestagswahl 2009alition eingehen werde, keine Ampel also.
vorstand und dröhnt: „Ohne uns geht Auf diesen Kurs legte Westerwelle im Bun-
so: Erfolgversprechend sei es, „sich jen-
nichts mehr.“ Das Glas Sekt auf seinem desvorstand die gesamte Partei fest.
seits aller politischen Lager zu positionie-
Platz rührt er nicht an. Während seine Ge- ren, nicht als apriorischer Teil eines ver-Vor der Wahl hatte sich die FDP wie-
nossen am liebsten nur feiern würden, ist meintlich rot-rot-grünen Lagers daherzu-derholt für eine schwarz-gelbe Koalition
Lafontaine seltsam ernst und rügt verärgert ausgesprochen. Jetzt in Hessen umzufal-
kommen, sondern als die Partei, der es zu
die Funktionäre: „Geht endlich in den verdanken ist, dass die bekannten Macht-len wäre mit Blick auf die Bundestagswahl
Westen, und tut mehr für die Mitglieder- 2009 riskant.
spiele der politischen Klasse so nicht mehr
werbung.“ funktionieren“. Denn das Image der Umfallerpartei haf-
Der Mann hat Appetit auf mehr: „Klare Auch das ist Abschottung. Die Linke tet wie Kaugummi, seitdem Otto Graf
Kante gegen die SPD, wir müssen sie wei- baut sich ein Mäuerchen um das gute Ge- Lambsdorff und Hans-Dietrich Genscher
ter stellen.“ In kleiner Runde lästert er 1982 von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl
wissen, für das es keinen Grund gibt. Es ist
über Kurt Beck, den er gern einen „Dorf- gewechselt sind. „Es ist noch lange nicht
der antipolitische Schutzwall, hinter dem
bürgermeister“ nennt. Wie wolle der denn hundertprozentig angekommen, dass die
mit der FDP den Mindestlohn durchset- UMFRAGE: HESSEN-WAHL FDP eine verlässliche Partei ist“, warnte
zen? „Lächerlich“ sei diese Idee. der niedersächsische Partei- und Fraktions-
Lafontaine glaubt, dass seine Partei nur „Ist Angela Merkel durch den vorsitzende Philipp Rösler am Montag im
weiter wächst, wenn sie unbefleckt bleibt Präsidium.
von politischen Kompromissen. Als radi-
Wahlausgang in Hessen eher Deshalb wollen die Liberalen dem wach-
kale Oppositionspartei, die sich allem ver- gestärkt oder eher geschwächt senden Druck standhalten. Sie wollen nicht
weigert, was nach Agenda 2010 oder Ren- worden?“ umfallen, um noch einmal umfallen zu
te mit 67 riecht. eher geschwächt können – das ist ihre vertrackte Strate-
„Wir haben nur eine Chance, wenn wir gie. Westerwelle weiß, dass er glaub-
in einem ganz stur bleiben: Wir sind die 68 % würdig wirken muss, um 2009 eine
friedenspolitische und antineoliberale Par- Chance auf ein Ministeramt zu haben.
tei“, sagt Mit-Fraktionschef Gregor Gysi. eher gestärkt Fällt er in Hessen um, wird die FDP bei der
Aber im Unterschied zu Lafontaine will er Bundestagswahl nicht aus dem Reservoir
die SPD nicht um jeden Preis reizen. 13 % schöpfen können, auf das sie am meisten
„Wenn die sich deutlich korrigieren, dann hofft: enttäuschte Konservative.
können wir die BRD verändern“, sagt er.
spontane Antwort: keine Auswirkung Also tut er so, als käme für seine Partei
Lafontaine lästert, Gysi lockt, das ist die 15 % nur ein schwarz-gelbes Bündnis in Frage.
Arbeitsteilung. Die Hessen müssen sich dran halten,
Doch die Größe des Mundwerks der Westerwelle selbst aber nicht. Sollte die
TNS Forschung für den SPIEGEL vom 28. und 29. Januar;
Spitzengenossen steht in keinem Verhältnis 1000 Befragte; an 100 fehlende Prozent: „weiß nicht“
zur organisatorischen Stärke der Partei. * Mit der Spitzenkandidatin der Grünen Christa Goetsch.

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 19
Deutschland

Trainer aus dem Osten


Die Linke schickt Aufbauhelfer, um die Westdeutschen in Parlamentsarbeit zu schulen.

N
atürlich ist er stolz, der Aufbau- führt einen Musterkoffer mit – Aus- wieder. „Wir brauchen“, beschloss er,
helfer aus Magdeburg. „Wer hät- schreibungstexte und Satzung inklusive. „erst mal einen Lageplan.“
te das gedacht“, sagt Rüdiger Et- Es ist ein bisschen verkehrte Welt in Den Berliner Obergenossen ist mehr
tingshausen, „dass man als Ossi den Wes- Hessen und Niedersachsen. Ossi trainiert an politischer Orientierung gelegen, vor
sis etwas beibringen soll.“ Wessis, Hans Meyer den 1. FC Nürnberg, allem daran, der Konkurrenz ja keine
1990 sah es so aus, als hätte die verein- das war bislang eher die Ausnahme. Und Vorlage zu geben. „Die Welt blickt auf
te Republik keine rechte Verwendung deshalb ist etwas dran an der Behaup- euch“, schärfte Gysi den Westgenossen
mehr für den Lehrer der Geschichte und tung von Gregor Gysi, die Fusion von ein. Natürlich hat Wahlkämpfer Roland
Staatsbürgerkunde, noch dazu Mitglied PDS und WASG sei der letzte Teil der Koch (CDU) mit der Angst vor den
der SED. Wenn da nicht die Partei gewe- Wiedervereinigung. „Kommunisten“ einen Popanz aufgebaut,
sen wäre, wer weiß, was aus ihm gewor- In der Parteizentrale, bis heute fest in die Mehrzahl der neuen Abgeordneten
den wäre. So aber wurde der Mann mit Osthand, wird jeder Schritt der New- taugt zum Feindbild nicht – unter ihnen
dem kantigen Gesicht Fraktionsge- comer in den Landtagen von Hannover sind frühere Sozialdemokraten, Be-
schäftsführer, erst der PDS, und Wiesbaden mit Bangen triebsräte, Gewerkschafter. Aber die Neu-
dann der Linken im Land- verfolgt. Ein wenig trau- en sind alles andere als eine homogene
tag von Sachsen-Anhalt. matisiert sind die Kader Truppe, weshalb Hessens parteiloser Spit-
Seit vergangenem Sonn- um den Bundesgeschäfts- zenmann Willi van Ooyen erleichtert er-
tag kann er nun seiner Par- führer Dietmar Bartsch. klärt: „Ich bin froh, dass der Landtag sich
tei ein wenig zurückzahlen. Schon viele Westexperi- erst im April konstituiert.“
Gleich am Wahlabend hat mente der Partei sind fehl- Bis dahin soll auch der Umgang mit
WOLFGANG HÖRNLEIN / PDH

er sich in den Zug gesetzt geschlagen, zuletzt hatten der Presse geübt werden. Schon jetzt sind
und ist in „die ehemalige Querulanten sogar den zu viele peinliche Zitate im Umlauf: vom
BRD“ gefahren, nach Wies- Imagegewinn aus dem Marburger Kommunisten Pit Metz etwa,
baden, das war der Partei- Wahlerfolg in Bremen im der den Schießbefehl an der Mauer auf
auftrag. Ettingshausen, 53, Nu verspielt. eine Stufe mit den Einsatzkommandos
hat seinen Jahresurlaub In Hessen und Nieder- der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan
genommen, um in West- Wissler sachsen müssen nun 17 Par- gestellt hatte – und nur mit Müh und Not
deutschland eine Art Staats- lamentarier geschult wer- von der Spitzenkandidatur in Hessen ab-
bürgerkundeunterricht zu den, dazu zahlreiche Mit- gehalten werden konnte. Und von Janine
geben. arbeiter. „Die sind hier Wissler, 26, Trotzkistin und nun Ab-
Er gehört zu den Leihar- noch sehr unerfahren“, hat geordnete. Noch 2005 hatte sie mit ande-
beitern, die die Zentrale aus Ettingshausen schon nach ren in einem Aufsatz ein klares „Nein
Berlin den siegreichen Ge- wenigen Tagen registriert, zur Regierungsverantwortung“ gefordert.
nossen in Hessen und Nie- aber nach den furiosen „Wo linke Parteien Regierungsverant-
dersachsen zur Seite stellt, Wahlerfolgen ist Optimis- wortung übernahmen oder eine Tolerie-
damit die möglichst schnell mus Parteiauftrag. Und so rungspolitik betrieben, wurden sie zu
CLAUDIA MICHAELIS

„das politische Handwerk hofft er, „dass unsere Dia- linken Feigenblättern von Kürzungsre-
in einer Fraktion lernen“, lekte das größte Verständi- gierungen oder zu Krisenverwaltern
wie Ettingshausen erklärt. gungsproblem bleiben“. maroder Kassen.“
Auch Gernot Klemm, 43, Die Wessis zeigen sich Sorgenvoller als nach Hessen blicken
Koordinator der Fraktions- Wegner bislang ja auch einsich- die Berliner Genossen jedoch nach Nie-
vorsitzendenkonferenz in tig: „Wir wollen keine han- dersachsen, wo Landeschef Diether
der Partei, und Leo Stefan seatischen Verhältnisse“, Dehm, Ex-Sozialdemokrat und Musik-
Schmitt, 55, zur Linken meint Hessens Landeschef manager, ein äußerst fragiles Bündnis
HOLGER HOLLEMANN / PICTURE-ALLIANCE / DPA

übergelaufener Fraktions- Ulrich Wilken, 49. Der Mo- schmiedete. Unter den elf Abgeordneten
geschäftsführer der Sach- torradfreak mit Lederjacke sind gleich mehrere Weltrevolutionäre.
sen-SPD, sind an der West- und Ohrring zählt zu den Manfred Sohn etwa, ein Versiche-
front im Einsatz. frisch gewählten Abgeord- rungsangestellter aus Peine, ist „beken-
Alle drei sind keine Welt- neten und räumt freimütig nender Marxist“. Der 52-Jährige verfügt
revolutionäre, eher Prag- Orientierungsprobleme ein. über reichlich Parteierfahrung: Er war
matiker, weshalb sie nun Als er erstmals das Land- schon bei den Jungdemokraten, der SPD
ganz praktische Fragen lö- tagsgebäude inspizierte, und der DKP, bevor er über die WASG in
sen wollen. „Es geht um verlief er sich im Wirrwarr der Linken landete. Sohn sagt, dass „die
profane Dinge, vom Toilet- der Gänge, erwischte einen Reichen“ geschröpft werden sollten. Am
tenpapier bis zu Gehalts- Sohn Nebenausgang und fand liebsten wäre ihm eine Swimmingpool-
zahlungen“, erklärt Ettings- Gewählte Linkspolitiker sich – außerparlamenta- Steuer. Etliche Aufsätze hat er verfasst, es
hausen. Schmitt wiederum Späte Wiedervereinigung risch – in einer Seitenstraße sei die „schlichte Wahrheit“, behauptete

20 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Grünen sind als potentieller Koalitions-
partner allenfalls eine vage Hoffnung. Da-
her guckt die gesamte Unionsspitze ge-
spannt auf die Wahl in Hamburg.
Sicherheitshalber ist der dort regierende
Erste Bürgermeister Ole von Beust schon
mal auf klare Distanz zum Radau-Wahl-
kämpfer Koch gegangen, der mit seinem
Feldzug gegen Kriminalität jugendlicher
Ausländer krachend gescheitert ist. „Inte-
grationspolitik ist so fundamental für die
Zukunft unseres Landes, dass sie nicht
zum Wahlkampfthema degradiert werden
darf“, schreibt Beust gemeinsam mit 16
anderen prominenten Unionspolitikern in
einem von der „Zeit“ gedruckten öffent-
lichen Brief.
Schon vom Naturell her pflegt der CDU-
Mann einen anderen Wahlkampfstil als
sein hessischer Parteifreund, und vielleicht
gelingt es Beust, die erste schwarz-grüne
Koalition auf Landesebene zu schmieden.
Eine für beide Seiten psychologisch wich-

IMAGO
tige Barriere wäre gefallen. Aber Merkel
Linke-Fraktionschef Lafontaine (l.), Genossen*: „Ohne uns geht nichts mehr“ weiß auch, dass ein rot-gelb-grünes Bünd-
nis auf Bundesebene wahrscheinlicher ist
er in einem Text, dass die „DDR 40 Jah- Strategie nicht aufgehen und die FDP 2009 als ein schwarz-gelb-grünes, weil die Frei-
re lang der friedlichere und sozial ge- nur gemeinsam mit SPD und Grünen demokraten leichter nach links fallen als
rechtere Teil Deutschlands war“. Heute regieren können, wird Westerwelle mit die Grünen nach rechts.
freilich schränkt er ein, er weine der DDR SPD und Grünen regieren. Denn er hat Ein Trost für die Union ist immerhin,
„keine Träne nach“. nur noch einen Auftrag von seiner Partei: dass sie ganz gut versorgt ist mit dem
Dehms eigenwilliger Bündnispolitik ist Er soll sie in die Bundesregierung führen. Politikertypus für die neue Zeit, für die
geschuldet, dass der Landtag in Hanno- Schafft er das nicht, kann er gehen. Des- Dreierkoalitionen mit den vielen Bruch-
ver nicht nur zum Fünf-, sondern gleich halb baut er jetzt eine Mauer, für die er stellen und dem noch größeren Zwang zum
zum Sechs-Parteien-Parlament wurde. selbst die Abrissbirne sein Konsens, zur Schwammig-
Mit Christel Wegner, 60, zog erstmals ein wird. keit. Roland Koch ist es
aktives DKP-Mitglied in ein Landespar- Zu alldem passt eigent- nicht. Er spaltet, wie er im
lament. Ihre Partei hatte sich für die Wahl lich, dass gerade Karneval hessischen Wahlkampf wie-
der Linken ausgesprochen, im Gegenzug ist, das Fest der Masken und der bewiesen hat. Der idea-
hatte Wegner einen Listenplatz erhalten. Verkleidungen. Angela Mer- le Politiker für das Fünf-
Im Parlament wolle sie nun aus ihrer kel bekam am Dienstag der Parteien-System ist eher
Überzeugung kein Geheimnis machen: zurückliegenden Woche ei- einer wie der niedersäch-
„Ich verstecke nicht, dass ich Kommunis- nen Orden vom Bund Deut- sische Ministerpräsident
tin bin!“ Ihre Partei ruft gerade zur Ent- scher Karneval überreicht, Christian Wulff, einer, der
eignung von Nokia auf. ein goldenes Füllhorn. Sie anderen nicht richtig weh-
Doch auch in Niedersachsen übt man war nicht fröhlich. „Oh tut, der gar nicht erst groß
sich erst einmal in Parteidisziplin. Seine Mann, lachen, es ist Karne- im Mörtel rührt, weil er
„guten Ratschläge“, freut sich Aufbau- val!“, knurrte ein Fotograf. nicht die Absicht hat, Mau-
helfer Schmitt, würden „in aller Regel“ Merkels Problem ist die ern zu bauen. Mit Liebsein
WERNER SCHUERING

angenommen. Der Genosse, der einst vermutete Beweglichkeit hat Wulff die Wahl in Nie-
vom Saarland nach Sachsen rübermach- der anderen. Sie weiß ja, dersachsen gewonnen.
te und nun wieder im Westen unterwegs dass viele Mauern fallen Genau dieser Typus
ist, hat den Neuen erklärt, wie aus dem werden, aber eine be- könnte im Fünf-Parteien-
linken Sammelsurium eine rechtsfähige stimmt nicht: die zwischen Bundespräsident Köhler System erfolgreich sein. Ei-
Fraktion wird. der Union und der Linken. Wiederwahl fraglich ner, der sich keine Feinde
Auch Staatsbürgerkundelehrer a. D. So dehnbar kann nicht ein- macht, sich durch schwie-
Ettingshausen glaubt an den Erfolg mal Angela Merkel sein, und die hat sich in rige Koalitionsverhandlungen schlängelt
seiner Mission. Für den Umgang mit den vergangenen zwei Jahren als Welt- und das eigene Profil so unscharf hält, dass
manch schillernder Biografie hat Par- meisterin der Dehnbarkeit erwiesen, wan- es eine empfindliche Koalition nicht zer-
teimanager Bartsch die Richtung vor- delte sich von der Frau mit der Reform- schneidet, einer, der das große Spiel mit
gegeben: „Harald Wolf war einmal Trotz- knute zur schwarzen Sozialdemokratin. Masken und Verkleidungen perfekt be-
kist, Heidi Knacke-Werner DKP-Mit- Aber noch weiter nach links würde selbst herrscht.
glied. Beide sind jetzt Senatoren in Ber- Merkels Elastizität überfordern. Und wer kann das mindestens so gut
lin – und keiner stört sich mehr an Damit hat sie im Fünf-Parteien-System wie Christian Wulff? Die Frau mit dem
ihrer Vergangenheit.“ eine Option weniger als die SPD. Auch die Karnevalsorden, Angela Merkel.
Matthias Bartsch, Markus Deggerich, Ralf Beste, Petra Bornhöft,
Michael Fröhlingsdorf Markus Deggerich, Corinna Kreiler,
* Mit der niedersächsischen Spitzenkandidatin Kreszentia Dirk Kurbjuweit, Roland Nelles,
Flauger, dem hessischen Spitzenkandidaten Willi van Ralf Neukirch
Ooyen und dem Bundesvorsitzenden Lothar Bisky.

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 21
Umfrage

Unzufrieden mit
Horst Köhler
Angela Merkel

Schwarz-Rot
Frank-Walter Christian
Steinmeier Wulff
Ursula von Franz
der Leyen Müntefering Peer Klaus
Steinbrück Wowereit

D
ie Große Koalition hat schon
bessere Zeiten erlebt: Nur noch
30 Prozent der Deutschen sind
mit der Arbeit des Regierungsbündnisses
zufrieden, wie die aktuelle Quartals-
umfrage von TNS Forschung für den 76
SPIEGEL zeigt. Einen ähnlich niedrigen 74
Wert erreichte Schwarz-Rot zuletzt vor
einem Jahr.
In vielen Politikfeldern wird die Koa- 62 62
lition nun kritischer beurteilt, in auffal-
lend hohem Maß bei der Verbrechens- 57
bekämpfung. Unzufrieden sind besonders 54
die Ostdeutschen: Im Westen findet die
52 51
Hälfte der Befragten, dass die Bundes-
regierung gegen Kriminelle mehr tun
sollte – im Osten sind volle zwei Drittel
dieser Ansicht.
Das Thema treibt die Bürger also um, „Wichtige Rolle“ „Wichtige Rolle“
seltener gewünscht als häufiger gewünscht als
doch in der Art, wie Hessens CDU-Minis- in der Oktober-Umfrage in der Oktober-Umfrage
terpräsident im Landtagswahlkampf da-
mit auf Stimmenfang ging, gewinnt man
die Wähler offensichtlich nicht. Roland –4 +7 +12 –4
Koch ist durch seine populistischen For-
derungen nach einem verschärften Ju-
gendstrafrecht auch auf der Beliebtheits-
skala deutlich abgerutscht. Unter den 5 10 16 5 14 8
CDU/CSU-Anhängern verlor er im Ver-
gleich zum Oktober acht Prozentpunk- Veränderungen bis zu 3 Prozent liegen im Zufallsbereich, sie werden deshalb nicht ausgewiesen.
te, einiges mehr als im deutschen Durch-
schnitt.
Ebenfalls geschwächt wirkt die Kanz-
lerin. Zwar genießt Angela Merkel wei-
Sonntagsfrage
„Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag
terhin hohe persönliche Sympathie, doch
Bundestagswahl wäre?“
die Bewertung ihrer Arbeit fällt deutlich
negativer aus als noch vor drei Monaten. 45 45
Umfrage
Vor allem die FDP-Anhänger zeigen sich vom Januar
enttäuscht von Merkels politischem Kurs: 2008
Während im Oktober drei Viertel des li- 40
Wahlergebnis
beralen Lagers hinter der Regierungs-
vom September 2005
39
chefin standen, sind jetzt lediglich 60 Pro-
zent der FDP-Parteigänger mit Merkels
35,2
Arbeit zufrieden. 34,2
Vom Unmut über die Regierung profi-
tieren die Oppositionsparteien und ihre
führenden Köpfe, hauptsächlich FDP- 30 30
Chef Guido Westerwelle und die Linke-
Vorsitzenden Gregor Gysi und Oskar 29
Lafontaine. Bei der SPD poliert nur der
neue Vizekanzler Frank-Walter Stein- 25 25
Quellen: TNS Forschung und Infratest dimap für ARD-Deutschlandtrend
meier die Bilanz auf. 48 Prozent der Be- 15 15
fragten sind mit seiner Arbeit zufrieden –
Vorgänger Franz Müntefering kam zuletzt
nur auf 38 Prozent Zustimmung. Den 11
überragenden Aufsteiger stellt allerdings 9,8
8,7 9
die CDU: Niedersachsens wiedergewähl- 8,1
ter Ministerpräsident Christian Wulff er- 8
reicht auf der Beliebtheitsskala mit 62 Pro- 5 5
zentpunkten den höchsten je für ihn ge- 2005 2006 2007 2008
messenen Wert. Merlind Theile

22 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Deutschland

Wulff prescht vor


TNS Forschung nannte die Namen von 20 Spitzenpolitikern.
Der Anteil der Befragten, die es gern sähen, wenn der jeweilige
Politiker künftig „eine wichtige Rolle spielen“ würde,
und die Veränderungen zur letzten Umfrage im Oktober
Guido
Westerwelle Kurt Horst Alle Angaben in Prozent
Beck Seehofer
Renate Wolfgang Günther
Künast Schäuble Beckstein Sigmar
Gabriel Gregor
Gysi
Ulla
Schmidt Roland Oskar
Koch Lafontaine Franz Josef
Jung

49
46 46
44
41 40 39
36
31
28 28 27
„Dieser Politiker
+7 ist mir unbekannt“ –6 +5 –5 +5

5 5 6 14 21 6 8 7 37

TNS Forschung für den SPIEGEL vom 28. und 29. Januar; 1000 Befragte

Schwächelnde Spitzen Handlungsbedarf 14


die Renten sichern
83
„Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit ... „Sind Sie mit der –4 Veränderung gegenüber Oktober 2007 +2
Arbeit der Bundes- die Steuern senken
sehr zufrieden/zufrieden
regierung in fol- 26 72
... von genden Bereichen +3 –1
Bundeskanzlerin 60 zufrieden?“ für soziale Gerechtigkeit sorgen*
H RI ST I AN P LA M BECK K / LA I F

Angela Merkel?“ Veränderung gegenüber –7 28 70


Oktober 2007

... des SPD- JA die Gesundheitsvorsorge sichern


Parteivorsitzenden 34 sehr zufrieden/ 32 67
Kurt Beck?“ –3 zufrieden +3 –3
die Integration von Ausländern verbessern*
36 61
Opposition ist gut * imOktober 2007
nicht erfragt
„Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit ... die Arbeitslosigkeit bekämpfen
An 100 fehlende
... der Prozent: „weiß nicht“/ 41 58
sehr zufrieden/zufrieden Veränderung keine Angabe –1 +1
Bundesregierung gegenüber
aus CDU/CSU die Bürger wirksam vor Verbrechen schützen
30 –11 Oktober 2007
46 53
und SPD?“
–8 +9
... der FDP?“ 40 + 6 die Umwelt schützen

... der Grünen?“ 42 +7


59
+1
40
–1
NEIN
weniger/gar nicht
die Wirtschaft ankurbeln zufrieden
... der Linken?“ 25 + 7 60 38
–2 +2

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 23
Deutschland

SPI EGEL-GESPRÄCH

„Nicht nach links


schielen“
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), 61, über die Folgen
der Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen für die
Sozialdemokraten, seine Lehren aus der internationalen Finanzkrise
und das Versagen der öffentlich-rechtlichen Banken
SPIEGEL: Herr Steinbrück, der vergangene Steinbrück: Andrea Ypsilanti hat einen her-
Sonntag hat zwei Wahlverlierer hervorge- vorragenden Wahlkampf geführt und auch
bracht: Roland Koch und Wolfgang Jüttner. bei wirtschaftspolitischen Kompetenzdaten
Sind Sie der dritte? gut abgeschnitten. Doch am Ende ist der
Steinbrück: Kommt jetzt die Litanei, dass Wahlkampf maßgeblich entschieden wor-
die SPD nach links rückt und die Stein- den, weil Roland Koch eine völlig abwegi- Bankenzentrum (in Frankfurt am Main): „Die
meiers und Steinbrücks alle im Abwind ge Konfrontation lostrat, die er verloren
sind? Hören Sie auf! Wenn die SPD als lin- hat. Mit der Debatte um kriminelle Aus- die, die das als sozial Benachteiligte nicht
ke Volkspartei Mehrheiten gewinnen will, länder hat er einen Geist aus der Flasche haben, oder in Einheimische und Zuwan-
wird sie inhaltliche und personelle Kom- gelassen, der sich gegen ihn richtete. derer. Das sind die Schnittstellen in dieser
petenz auf zwei Feldern verbinden müs- SPIEGEL: Den Ausschlag gab also nicht das Gesellschaft, und da spielt das Thema Ge-
sen: soziale Gerechtigkeit oder die Frage Thema soziale Gerechtigkeit? rechtigkeit eine eminent wichtige Rolle.
des gesellschaftlichen Zusammenhalts auf Steinbrück: Das ist ein notwendiges Thema, SPIEGEL: Kurt Beck ist mit seinem Ziel ge-
der einen und die Leistungsfähigkeit der aber nicht hinreichend für Wahlsiege – scheitert, Die Linke aus westdeutschen
Wirtschaft auf der anderen Seite. Und sie sonst hätte die SPD in Niedersachsen mehr Flächenländern fernzuhalten. Wie soll sich
braucht unterschiedliche politische Cha- Erfolg haben müssen. Die Gesellschaft die SPD jetzt verhalten?
raktere, die Wirkungskraft über die Gren- gerät erkennbar auseinander und spaltet Steinbrück: Man kann sagen: Europa ist in
zen der SPD hinaus entwickeln können. sich in Arm und Reich, Alt und Jung, sozial Deutschland angekommen, denn in fast
SPIEGEL: Die Agenda-Kritiker um Andrea gefährdete und bessere Stadtviertel, Men- allen anderen Demokratien um uns her-
Ypsilanti sehen sich enorm im Aufwind. schen, die Zugang zu Bildung haben, und um gibt es bereits eine Partei links von der
Sozialdemokratie. Das wird die SPD als
dauerhaftes Phänomen annehmen und sich
damit auseinandersetzen müssen.
SPIEGEL: Was schlagen Sie vor? Anpassung
oder Abgrenzung?
Steinbrück: Mit einem Anpassungskurs
nach links gewinnt man deutlich weniger
Stimmen, als man in der Mitte der Gesell-
schaft verliert. Die SPD hat in Hessen
nachweislich in der Mitte hinzugewonnen.
Und dann kommt es natürlich sehr darauf
an, durch wen Die Linke personell vertre-
ten wird und was außer populistischer
Phrasendrescherei ihre Substanz ist.
SPIEGEL: Sich inhaltlich abzugrenzen
schließt nicht aus, notfalls miteinander zu
koalieren?
Steinbrück: Ich werde mir diese Frage jetzt
nicht aufdrängen lassen. Ich weiß nicht, wie
Die Linke in 10, 15 Jahren aufgestellt ist, ob
sie dann Realitäten an- und Verantwortung
übernehmen will, statt bloße Gesinnung zu
deklamieren. Ich weiß nur, dass sie heute
und absehbar in den westdeutschen Län-
dern definitiv nicht regierungsfähig ist.
SPIEGEL: Bleibt dennoch die Frage, wo sich
die Sozialdemokraten positionieren soll-
AMIN AKHTAR

ten, wenn sie nun von links und von der


Mitte her in die Zange genommen werden.
Steinbrück: Die SPD darf nicht nach links
Minister Steinbrück: „Das Thema Gerechtigkeit spielt eine eminent wichtige Rolle“ unten schielen oder nach rechts, auf die
24 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
PAUL LANGROCK / AGENTUR ZENIT
Finanzdienstleistungsindustrie wird sich fragen müssen, ob das nicht ihr eigener Untergang ist“

CDU oder die FDP. Sie muss ihren eigenen Steinbrück: Die SPD hat über die Agenda sen in diesem ersten Quartal so schnell wie
Kurs bestimmen. Sie muss sich überlegen, 2010 deutlich an wirtschafts- und finanz- möglich – am besten in einem Schwung –
wo sie hin will, wohin sich diese Republik politischer Kompetenz gewonnen. Seit vorgenommen werden. Sonst werden wir
entwickeln soll und wie sie für sich Allein- zwei Jahren stellen wir auch unsere sozia- wie in einem Fortsetzungsroman alle
stellungsmerkmale entwickeln kann. Das le Kompetenz wieder deutlicher heraus. 14 Tage schlechte Nachrichten haben. Das
gilt auch für die Personen, die sie in ihr Beides ist die Voraussetzung dafür, dass würde das Vertrauen weiter zerstören.
Schaufenster stellt – nicht für ihre Dele- auch künftig gegen die SPD im Bund keine SPIEGEL: Lassen sich zu diesem Zeitpunkt
giertenkonferenzen, sondern für die Wäh- Regierung gebildet werden kann. schon Lehren aus der Finanzkrise ziehen?
ler. Es geht darum, dieses Land ökono- SPIEGEL: Die SPD hat vor allem in der Steinbrück: Wir wissen jetzt, wo das Fi-
misch in der Champions League zu hal- Finanzpolitik gewonnen, seit ein ausge- nanzsystem Schwächen hat, die dringend
ten, weil nur so viele unserer Probleme glichener Bundeshaushalt näherrückt. Jetzt beseitigt werden müssen. Was ist denn
gelöst werden können bis hin zur Finan- aber droht Ihnen die internationale Finanz- passiert? Die Banken in den USA haben
zierung des Sozialstaats. Auf der anderen krise den Erfolg zu vermasseln. leichtsinnig schlechtbesicherte Kredite
Seite müssen wir die Gesellschaft zusam- Steinbrück: Die Turbulenzen an den Fi- vergeben – vor allem an Eigenheimkäu-
menhalten. Nur die SPD hat die Kompe- nanzmärkten sind sehr ernst zu nehmen. fer. Diese Darlehen haben sie dann ge-
tenz, auf diese beiden Herausforderungen Ich habe auch keine Mühe, von einer Krise bündelt und an renditehungrige Investo-
zukunftsweisende Antworten zu geben. So zu sprechen, damit das Wort mal gefallen ren in aller Welt verkauft. Sie fanden rei-
kann sie mehrheitsfähig werden und nicht, ist. Sie wird uns über weite Teile des Jah- ßenden Absatz, weil die Rating-Agentu-
indem wir uns an Die Linke anpassen. res 2008 beschäftigen. Aber es gibt große ren diese Papiere oft mit der höchsten
SPIEGEL: Die Anpassung ist doch längst in Unterschiede zwischen uns und den USA. Bonität bewertet haben. Als die Immobi-
vollem Gange. In Deutschland sind viele ökonomische lienpreise verfielen und die Zinsen stie-
Steinbrück: Weil Sie den Eindruck haben, Fundamentaldaten nach wie vor gut. gen, wurden viele dieser Kredite notlei-
dass wir an zwei Justierschrauben der SPIEGEL: Dennoch hat die Regierung ihre dend, und die Banken, die diese Risiken
Agenda 2010 herumgedreht haben, soll das Wachstumsprognose von 2,0 auf 1,7 Pro- gekauft hatten, mussten Milliardenbeträge
schon eine Anpassung an die Linken sein? zent gesenkt. abschreiben.
SPIEGEL: Dass es die Agenda-SPD von Ger- Steinbrück: Die Zahl scheint mir realistisch, SPIEGEL: So weit, so bekannt. Wo aber
hard Schröder in dieser Form nicht mehr selbst wenn viele zum Schwarzsehen nei- stecken die Fehler im System?
gibt, stellen Sie doch nicht in Frage? gen. Aber Sie können mir glauben, dass ich Steinbrück: Die Banken konnten wegen
Steinbrück: Natürlich stelle ich das in Frage. ein hohes Interesse daran habe, nichts der geltenden Buchführungsbestimmun-
Wir haben doch nicht der Agenda ab- schönzureden. Das weckt nur Begehrlich- gen diese Risiken außerhalb ihrer Bilan-
geschworen, nur weil wir die Bezugsdauer keiten bei meinen Kabinettskollegen. zen auftürmen. Diese Lücke müssen wir
des Arbeitslosengeldes I verlängert haben. SPIEGEL: Haben wir bei der Finanzkrise das schließen und die Bilanzierungsregeln
Politik besteht nicht aus „Hier stehe ich und Schlimmste bereits hinter uns? ändern. Und wir müssen erreichen, dass
kann nicht anders“, Politik besteht aus Ska- Steinbrück: Ich operiere lieber auf der vor- Finanzkonzerne nicht mehr so leichtfüßig
len, aus Schattierungen, auch aus Verände- sichtigen Seite. Ich glaube nicht, dass wir in riskante Anlageformen hineinspringen
rungen. Sie ist nicht digital „null oder eins“ schon durch sind. können.
– sie ist ein Prozess. Es kann sein, dass man SPIEGEL: Auch nicht annähernd? SPIEGEL: Haben Sie eine Idee?
im Lichte von Veränderungen auch nachjus- Steinbrück: Nein, die Risiken, die die Fi- Steinbrück: Vor allem müssen die Anreiz-
tieren muss. Natürlich. In komplexen Sys- nanzindustrie bisher offengelegt hat, sind systeme innerhalb der Banken verändert
temen ist das der einzige Weg, wenn man noch der geringere Teil. werden, durch Eigenkapitalunterlegungen,
Brüche und Verwerfungen vermeiden will. SPIEGEL: Was folgern Sie daraus? Liquiditätsregeln, eventuell Kriterien für
SPIEGEL: Hat sich die SPD in den letzten Steinbrück: Dass die notwendigen Wert- Verbriefungen. Momentan werden die
zwei Jahren, um in Ihrem Bild zu bleiben, berichtigungen, auf Basis der aktuellen Bankmanager auch belohnt, wenn sie viel
auf der Skala nach links bewegt oder nicht? Marktentwicklung, mit den Jahresabschlüs- Geschäft heranschleppen. Selbst wenn es
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 25
Bankensektor getroffen – und seine Schwä-
che bloßgelegt. Kann dieses System auf
Dauer überleben?
Steinbrück: Vor allem einigen Landesban-
ken fehlen funktionierende Geschäftsmo-
delle. Gerade sie haben sich massiv in den
riskanten Geschäften mit strukturierten
Verbriefungen engagiert – ohne damit rich-
tig vertraut gewesen zu sein. Ich bin ziem-
lich enttäuscht, dass es in den vergangenen
sechs Monaten keine Zusammenschlüsse
zwischen den Instituten gegeben hat. Das

RICHARD DREW / AP
ist ein Versäumnis vor allem der verant-
wortlichen Landesregierungen. Sie hätten
viel weiter sein können. Die Konsolidie-
rung wird es so oder so geben, aber jetzt
Aktienhändler (an der Wall Street): „Rattenrennen nach immer höheren Gewinnen“ bedauerlicherweise eher aus einer Position
der Schwäche und der Krise heraus.
sich um hochriskante Anlagen handelt, Wertpapier-Engagements im Schnitt mit SPIEGEL: Welche Rolle kann der Bundes-
steigt ihre Gratifikation. Das ist absurd. acht Prozent Eigenkapital unterlegen. finanzminister dabei spielen?
SPIEGEL: Wir wollen die Banker nicht ent- Steinbrück: Der Prozentsatz sollte davon Steinbrück: Im Englischen heißt das „moral
schuldigen, aber viele haben sich auf die abhängen, wie riskant die Positionen sind. persuasion“, im Deutschen: Überredungs-
erstklassige Bewertung dieser Geschäfte Angenommen, eine Bank muss für ein kunst.
durch die Rating-Agenturen verlassen. bestimmtes Finanzprodukt auf die gelten- SPIEGEL: Und? Haben Sie damit bereits
Steinbrück: Das ist ein weiteres Problem. den Basler Regeln ein oder zwei Prozent begonnen?
Die Rating-Agenturen wären gut beraten, drauflegen – dann würden sich die Mana- Steinbrück: Der Bund hat keine Zustän-
sich selbst besser zu organisieren und ger sehr viel genauer als jetzt überlegen, ob digkeit, er hat auch keine Anteile …
zu kontrollieren. Wir haben da leider sie das Geschäft machen oder nicht. SPIEGEL: … aber Einfluss. Der frühere SPD-
keine direkten Einwirkungsmöglichkei- SPIEGEL: Diese Vorschläge machen nur Wirtschaftsminister Karl Schiller hätte die
ten, weil es sich bisher ausschließlich um Sinn, wenn sie auf internationaler Ebene Ministerpräsidenten einbestellt und ihnen
amerikanische Unternehmen handelt. umgesetzt werden. gesagt, was jetzt passieren soll.
Aber es kann nicht sein, dass sie die Steinbrück: Das werde ich versuchen, doch Steinbrück: Wissen Sie, was der Effekt da-
Banken beraten, die ihre Kredite in derar- wenn es schwierig wird, muss man sich von wäre? Dass ich das Problem sofort an
tigen Konstrukten bündeln, und am Ende überlegen, ob man nicht zumindest auf der Backe hätte und die Banken mit Bun-
dann die Bonität dieser Papiere bewerten. deutscher Ebene handeln sollte. Das darf desgarantien absichern müsste. Na wun-
Da sehe ich einen eindeutigen Interessen- aber den heimischen Finanzplatz im inter- derbar. Das wird es nicht geben. Der Bund
konflikt. nationalen Wettbewerb nicht schwächen. geht nicht ins Obligo für Versäumnisse, die
SPIEGEL: Seit Beginn der Krise trauen sich SPIEGEL: Wie konkret sind Ihre Pläne? er nicht zu verantworten hat. Von beihilfe-
die Banken untereinander nicht mehr über Steinbrück: So konkret, dass ich sie in rechtlichen Restriktionen ganz abgesehen.
den Weg und leihen sich kein Geld. Wie Tokio in einer ersten Runde mit meinen Hier muss man Ursache und Wirkung ge-
lässt sich das verhindern? Amtskollegen aus den G-7-Staaten disku- nau im Auge behalten. Die Verantwortung
Steinbrück: Die Banken müssen dazu ver- tieren und im Februar in einer Regie- liegt in den Ländern – und da müssen nun
anlasst werden, ihren Liquiditätsbedarf mit rungserklärung darstellen werde. auch die Lösungen erarbeitet werden.
eigenem Kapital zu unterlegen. Das hat SPIEGEL: Die gebündelten Kredite, die im SPIEGEL: Wenn Sie nicht helfen wollen,
zwei Effekte. Zum einen müssen sie dann Zentrum der Finanzkrise stehen, sind als wer soll dann einspringen? Private Kapital-
besser planen, wann sie sich wie viel Geld defensive Instrumente erfunden worden. geber?
von anderen Banken leihen. Zum anderen Richtig eingesetzt, können sie die Risiken Steinbrück: Das kann ich nicht entschei-
ist es dann längst nicht mehr so attraktiv, der Banken erheblich reduzieren. den, weil ich nicht derjenige bin, der Ge-
hochriskante Papiere aufzuhäufen. Und Steinbrück: Richtig, aber dann wurden sie schäftsmodelle konzipiert. Wichtig ist, dass
schließlich können die Banken stürmische zu rein spekulativen Zwecken gekauft. Das endlich politische Weichenstellungen auf
Zeiten mit einem derartigen Kapitalpuffer liegt an dem kapitalistischen Urinstinkt, im- der Ebene der Länder erfolgen.
wesentlich besser überstehen. mer mehr Profit zu generieren. Die Finanz- SPIEGEL: Als Sie noch Ministerpräsident in
SPIEGEL: Wie groß sollte dieser Puffer sein? dienstleistungsindustrie wird sich fragen Nordrhein-Westfalen waren, hätten Sie zu-
Heute müssen die Banken alle Kredite und müssen, ob das nicht ihr eigener Untergang mindest bei der WestLB aufräumen kön-
ist. Dieses Rattenrennen nach immer höhe- nen. Warum haben Sie das nicht getan?
ren Gewinnen kann das System buchstäblich Steinbrück: Immerhin habe ich dafür ge-
erschüttern. Es sind weniger linke antikapi- sorgt, dass es Übergangsfristen bis zum
talistische Reflexe, welche die Legitimations- Wegfall der Staatsgarantien gab, dass die
grundlagen unseres Wirtschaftssystems in WestLB in eine Aktiengesellschaft umge-
Frage stellen. Vielleicht ist es die Maßlosig- wandelt wurde und dass daneben eine
keit, der Exzess gerade von Protagonisten Förder- und Strukturbank etabliert wurde.
unseres Wirtschaftssystems. Ihre Unfähig- Es ist nicht so, dass da nichts passiert wäre.
keit zur sozialen Balance, ihr Unverständnis Zugegeben: Dass die Konsolidierung der
für die integrativen Aufgaben von Politik. Landesbanken nicht massiver vorangetrie-
AMIN AKHTAR

SPIEGEL: In Deutschland hat die Finanz- ben worden ist, den Schuh zieh ich mir an.
krise vor allem den öffentlich-rechtlichen Das hätte man früher betreiben müssen,
sehr viel früher.
Steinbrück, SPIEGEL-Redakteure* * Wolfgang Reuter und Konstantin von Hammerstein im SPIEGEL: Herr Steinbrück, wir danken Ih-
„Den Schuh zieh ich mir an“ Berliner Finanzministerium. nen für dieses Gespräch.
26 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Deutschland

Jahr seine rund 2500 Soldaten komplett ne Kampf, wie im Herbst 2007, als die Spe-
BUNDESWEHR
aus Afghanistan ab. zialtruppe an der Seite afghanischer Sol-

Gezieltes Töten In Vilnius, so kündigten die Kanadier


an, werde man „gezielte Gespräche mit
einzelnen Nationen“ führen. Auch dieser
Vorstoß zielt vor allem auf Deutschland.
daten gegen die Taliban vorging. Mindes-
tens 14 Gegner wurden getötet.
Als Ersatz für die Norweger will Jung im
Sommer rund 250 Fallschirmjäger und Pan-
Berlin unter Druck: US-Verteidi-
Aktuell setzt die Bundeswehr rund 3340 zergrenadiere schicken, samt Schützenpan-
gungsminister Robert Gates fordert ihrer gut 250 000 Soldaten am Hindukusch zern „Marder“ und Mörsern. „Gut aus-
deutsche Kampftruppen für ein. Was in Deutschland schon in der jetzi- gebildet und ausgerüstet“ werde die Ein-
Süd-Afghanistan. Der Feldzug gen Form zu heftigen Diskussionen führt, greiftruppe, versprach der Minister vorige
gegen die Taliban wird härter. halten die angelsächsischen Partner für Woche bei einem Besuch am Hindukusch.
einen unzureichenden Beitrag. Doch das größte Problem beim bevor-

D
er deutsche Verteidigungsminister Bislang war es der Bundesregierung ge- stehenden Einsatz wird nicht die Ausrüs-
kämpft dieser Tage an den ver- lungen, alle Aufforderungen, sich auch im tung sein. Aus Sicht der Nato-Militärs ist
schiedensten Fronten. Bis zum hes- kriegerischen Süden zu engagieren, zu- die deutsche QRF-Einheit für Offensiv-
sischen Wahl-Sonntag warf sich Franz Jo- rückzuweisen. Diesmal möchte Jung die Operationen gegen Aufständische, wie die
sef Jung für seinen Freund Roland Koch Alliierten mit Verweisen auf verstärktes Norweger sie gegen die Taliban führten,
gegen die SPD in die Schlacht. Nächste Engagement im Norden abwimmeln. nicht einsetzbar. Denn die Bundesregierung
Woche zieht er schon wieder habe bei der Nato einen ver-
in ein Gefecht, diesmal gegen traulichen „Vorbehalt“ hinter-
Verbündete in der Nato. legt, der den Nato-Befehlsha-
Wenn kommenden Don- bern für den Einsatz deutscher
nerstag im litauischen Vilnius Truppen enge Grenzen setze.
die Nato-Wehrminister zu- Demnach ist deutschen Sol-
sammentreffen, steht Afghani- daten „der Gebrauch von töd-
stan ganz oben auf der Tages- licher Gewalt verboten, solan-
ordnung. Konkret: die Forde- ge kein Angriff stattfindet
rungen der USA und Kanadas oder unmittelbar bevorsteht“.
nach deutschen Kampftrup- Das heißt: Sie dürfen nur zur
pen im Süden des Landes. Selbstverteidigung schießen.
Jung ahnt, was auf ihn zu- Strenggenommen müssten sie

MASSOUD HOSSAINI / AFP


kommt: Bereits vergangene Taliban-Einheiten demnach
Woche erreichte ihn ein ver- unbehelligt lassen, wenn die
traulicher Brief des US-Kolle- sich lediglich formieren, aber
gen Robert Gates. Auf acht noch kein Gefecht eröffnen.
Seiten macht der Amerikaner Diese Art der Selbstbe-
dem Deutschen klar, wie sich Afghanistan-Besucher Jung*: Die Alliierten abwimmeln schränkung widerspricht nicht
die Nato-Vormacht die künf- nur den Forderungen von US-
tige Strategie am Hindukusch Minister Gates, sondern auch
vorstellt. der Nato-Praxis. Längst wer-
Anders als Jung, der im ver- den Taliban-Führer von der
gangenen Jahr ein Papier über Nato-geführten Isaf-Truppe
„vernetzte Sicherheit“ und gezielt aufgespürt und getötet.
zivil-militärische Aufbauarbeit Ebenso werden Taliban-Ein-
vorgelegt hatte, setzt Gates heiten bombardiert, selbst
in erster Linie auf militärische wenn sie Isaf-Soldaten gar
Gewalt: „Counter Insurgen- nicht konkret angreifen.
cy“, der bewaffnete Kampf In Vilnius wollen Verbünde-
gegen Aufständische, habe te und Nato-Militärs den deut-
FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Vorrang. schen Wehrminister bedrän-


Für diesen Zweck schicke gen, den Vorbehalt aufzugeben
Washington jetzt gut 3200 Ma- und so auf die dramatische
rine-Infanteristen nach Afgha- Lage in Afghanistan zu reagie-
nistan, schreibt Gates, zu- ren: Die anfangs eher fried-
sätzlich zu den 26 000 US- fertige Isaf-Stabilisierungsmis-
Soldaten, die bereits im Land Bundeswehrsoldat (in Masar-i-Scharif): Vertraulicher „Vorbehalt“ sion ist in weiten Teilen des
stationiert seien. Die Marines Landes mehr und mehr zum
blieben allerdings höchstens sieben Mona- So will der Minister zusagen, im Norden Kriegseinsatz geworden, in dem der Nato-
te, dann müssten die Verbündeten Ersatz eine schnelle Eingreiftruppe (Quick Reac- Partner Deutschland künftig gefälligst vor-
stellen. Wen Gates damit vor allem meint, tion Force – QRF) zu übernehmen, die bis- behaltlos mitkämpfen soll.
ist klar: die Deutschen. lang aus 250 norwegischen Soldaten be- Wie weit Jungs Ressort tatsächlich die
Anfang der Woche erhöhten auch die steht. Das Nato-Hauptquartier hatte am Wirklichkeit verdrängt, belegt ein Blick auf
Kanadier den Druck. Sie haben bisher 78 Montag schriftlich darum gebeten. die Internet-Seite der Bundeswehr. Ver-
tote Soldaten in Afghanistan zu beklagen Die Norweger verstärken bislang Pa- harmlosend heißt es dort noch immer, die
und reichten in der Brüsseler Nato-Zen- trouillen, sie schützen Hilfskonvois und ei- Bekämpfung der Taliban sei „Aufgabe der
trale eine handfeste Drohung ein: Entwe- len bedrängten Kameraden zu Hilfe. Zu (US-geführten) Operation Enduring Free-
der die Europäer schicken 1000 Mann ihren Aufgaben zählte aber auch der offe- dom“ und somit von der Nato-Mission Isaf
Kampftruppen nebst Hubschraubern nach „strikt getrennt“. Susanne Koelbl,
Kandahar, oder Kanada zieht im nächsten * Am Dienstag mit Präsident Hamid Karzai in Kabul. Alexander Szandar

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 27
JTB / INCOLOR / SUPERBILD

JOSEF BECK / TOPICMEDIA


TOPHOVEN / LAIF
Abgeordneten-Reiseziele (Waikiki, Madrid, Angkor): „Wir müssen uns auch um den Ferntourismus kümmern“

voll ist. In einem internen Schreiben bat er Ob eine Reise sinnvoll war, welchen Er-
B U N D E S TA G
vorige Woche die Ausschussvorsitzenden, trag sie erbracht hat, erfährt die Öffent-

Tapa-Tour und „die Anzahl und die Dauer der beantrag-


ten Reisen auf das notwendige Maß zu be-
schränken“. Zudem drängte er, „im Sinne
lichkeit nicht. Zwar müssen die Abgeord-
neten am Ende einen Reisebericht einrei-
chen, doch den behält die Verwaltung fast

Triathlon einer größeren Transparenz“ vor Reisean-


tritt eine Pressemitteilung zu erstellen.
1574 Auslandsreisen unternahmen die
Abgeordneten allein in den vergangenen
immer für sich.
Vielleicht fürchtet man, dass ähnlich
peinliche Fälle an die Öffentlichkeit drin-
gen wie der des SPD-Abgeordneten Rein-
Parlamentarier zieht es häufig ins
zwei Jahren. Der parlamentarische Reise- hold Hemker, der 2001 auf Kosten der
Ausland. Kaum jemand katalog hat für jeden etwas im Angebot: Es Steuerzahler zum Triathlon nach Hawaii
kontrolliert, ob die Reisen politisch gibt Ausschussreisen, deutsch-ausländische flog. Immerhin kam er mit ordentlicher
sinnvoll sind oder eher Parlamentariergruppenreisen, Kommis- Zeit ins Ziel. Und „politische Gespräche“
privates Bildungsprogramm. sionsreisen und Unterausschussreisen. Be- will er auch geführt haben.
liebt ist auch die parlamentarische Einzel- Das private Interesse kommt auch bei an-

L
etztes Jahr lief es nicht so gut für reise. Vier Millionen Euro hält die Kasse deren Reisen nie zu kurz. Touristische High-
Ernst Burgbacher. Da saß er schon des Bundestags 2008 dafür bereit. Den lights stehen fast immer auf dem Programm:
für die FDP im Tourismusausschuss Fraktionen stehen zusätzlich 1,3 Millionen mal ein Ausflug zur idyllischen Insel Gorée
des Deutschen Bundestags und kam trotz- Euro zur Verfügung. am Kap Verde (Haushaltsausschuss), mal
dem kaum rum. Gerade mal zwei Dienst- Weltweite Aktivitäten der Abgeordne- eine „Bootstour auf dem Nil“ (Menschen-
reisen trat er für seinen Ausschuss an. Die ten seien mit Blick auf die internationale rechtsausschuss), mal eine „Tapa-Tour durch
spannendere ging an die Nordsee. Die an- Verantwortung des Bundestags „zwingend die Madrider Altstadt“ (Einzelreise des Ab-
dere nach Pforzheim. Mehr war zeitlich erforderlich“, schreibt Lammert in einer geordneten Lothar Mark, SPD).
leider nicht drin. Übersicht und hat damit gewiss nicht un- Auch Norbert Barthle packt gern den
In diesem Jahr wird alles besser. Ver- recht. Trotzdem erschließt sich die Not- Dienstkoffer. Barthle ist Präsident des
gangenen Montag landete Ernst Burgba- wendigkeit mancher Reisen nicht auf den deutschen Skilehrerverbandes und des In-
cher mit fünf Ausschusskollegen in Kuala ersten Blick. Und auf den zweiten auch ternationalen Verbandes der Schneesport-
Lumpur, der Hauptstadt Malaysias. Von nicht. Weshalb sich zum Beispiel der Peti- instrukteure. Zusätzlich sitzt er für die
dort ging es weiter zur Insel Penang, die in tionsausschuss des Deutschen Bundestags CDU/CSU im Haushaltsausschuss. Barth-
Reiseführern nicht zu Unrecht als „Perle ausgerechnet an der schönen Küste Ma- le war im vergangenen Jahr schon in Oua-
des Orients“ gepriesen wird. Es folgt rokkos umsehen musste, bleibt bis heute gadougou und Dakar, er besuchte den Ski-
Phnom Penh, die Hauptstadt Kambo- ein Rätsel. Kongress in Südkorea und die Universiade
dschas. Als Höhepunkt der Reise sollen Komisch auch, dass sich einige Haus- in Bangkok. Finanziert wurde alles vom
Burgbacher und Kollegen am Dienstag in haltsexperten persönlich bei deutschen Bundestag. Als Gegenleistung schrieb
Angkor eintreffen, wo die Tempelanlage Botschaften in aller Welt über deren Re- Barthle Reiseberichte: „Die ältesten korea-
besichtigt werden will. Zurückerwartet novierungsbedarf informieren mussten. In nischen Skier heißen Ssulmae.“ Das weiß
wird die Parlamentariergruppe erst kom- Dakar studierten die Berichterstatter für man jetzt also auch.
menden Donnerstag. den deutschen Gesundheitsetat derweil Andere könnten ihre Reiseeindrücke
„Wir müssen uns auch um den Fern- den „pyramidalen Aufbau“ des senegale- gleich für sich behalten. Lothar Mark, La-
tourismus kümmern“, erklärt Oberstudien- sischen Gesundheitswesens. teinamerikabeauftragter der SPD-Fraktion,
rat Burgbacher, warum er jetzt nach kann auf eine beeindruckende Liste
Asien statt nach Pforzheim reist. „Es von Gesprächen mit den Staats- und
geht selbstverständlich auch um die Regierungschefs Südamerikas ver-
negativen Folgen des Ferntouris- weisen. Er hat sie fast alle getroffen,
mus“, schiebt er noch hinterher. manche, wie Hugo Chávez aus Ve-
Burgbacher fühlt sich plötzlich un- nezuela, sogar mehrmals, wie er
ter Rechtfertigungsdruck. Bislang stolz berichtet („insgesamt mindes-
waren zehntägige Fernreisen nichts tens sieben Stunden“).
Ungewöhnliches für Volksvertreter Dumm ist nur, dass der Ertrag für
aus Deutschland. Doch inzwischen die deutsche Außenpolitik höchst ge-
MARCO-URBAN.DE

ist Bundestagspräsident Norbert ring ist. Das meiste muss Mark seiner
Lammert aufgefallen, dass nicht je- Frau erzählen. „Der hat keinen Auf-
de Reise seiner Abgeordneten sinn- trag von uns“, sagt ein hoher Beam-
ter aus dem Auswärtigen Amt.
* Sitzung des Haushaltsausschusses. Bundestagsausschuss*: Weltweite Aktivitäten Petra Bornhöft

28 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Deutschland

CSU

Streifzüge durch die Region


Seit Erwin Huber Chef der bayerischen Christsozialen ist,
hört man von der Partei nicht mehr viel. Seine Gegner hoffen,
dass er sich am Aschermittwoch in Passau blamiert.

E
rwin Huber steigt aus seinem weißen nen rechnerisch zustand. Die CSU hat fast
BMW, er geht an den Tabletts mit ebenso viele Vertreter im Koalitionsaus-
Sektgläsern vorbei in die Mehr- schuss wie CDU und SPD. In der Unions-
zweckhalle und bleibt verwundert stehen. fraktion kann sie jeden Beschluss blockie-
Vor ihm erhebt sich eine Bühne, auf der ren, das erlaubt der Fraktionsvertrag.
das komplette Parteipräsidium Platz hätte. Bislang ist offen, welche Folgen das Ex-
Es ist alles ziemlich mächtig geraten beim periment haben wird. Aber im März ist
Neujahrsempfang des CSU-Kreisverbands Kommunalwahl in Bayern, im September
in Rottenburg an der Laaber. Es ist eine die Landtagswahl. Dann wird sich zeigen,
Inszenierung, die noch den Geist der ob die CSU die neue Bescheidenheit ver-
Stoiber-Ära atmet. kraftet. In Bayern messen sie ihre Führer
Einige Minuten später steht Huber am noch gnadenloser als anderswo an den
Rednerpult. Edmund Stoiber hätte den Wahlergebnissen.
Zuhörern jetzt die große Politik erklärt, Huber kommt pünktlich zum Gespräch
Huber streift mit ihnen durch ihre Region. in den VIP-Raum des Münchner Flugha-
Die Zukunft der ehemaligen Bundeswehr- fens. Er bestellt sich einen Cappuccino und
kaserne in Rottenburg ist ihm wichtig, und beginnt, seine Erfolge aufzuzählen: Der
natürlich die Wahl des neuen Bürgermeis- schwierige Übergang nach Stoiber ist ohne
ters. Irgendwann kommt auch Berlin an Friktionen bewältigt; erstmals ist eine Frau
die Reihe, Huber lässt die Themen der Generalsekretärin der CSU; es gibt mehr
Großen Koalition pflichtschuldig vorbei- junge Leute in führenden Positionen. „Wir
ziehen. Die Bundespolitik ist nur noch haben uns intern schnell sortiert“, sagt Hu-
Hintergrundrauschen. ber und faltet ein Zuckerpapier zusammen.
Die Welt der CSU ist geschrumpft. Seit Wenn er seinen neuen Stil erklärt, klingt
Erwin Huber vergangenen Oktober Par- es einleuchtend. Die CSU sei der Groß-
teivorsitzender wurde, lässt sich in Bayern mannssucht vergangener Zeiten überdrüs-
ein interessantes Experiment beobachten. sig. Statt Krach mit der Schwesterpartei wol-
Zum ersten Mal seit Menschengedenken le sie Harmonie. Sein Teilrückzug nach
führt ein Mann die Christsozialen, der Bayern sei die logische Antwort auf das Lie-
nicht zu verstehen gibt, dass ihm Bayern zu besbedürfnis einer vernachlässigten Basis.
wenig ist. Huber gibt sich als das, was er ist: Nur ist die alte CSU ja nicht spurlos ver-
WOLFGANG MARIA WEBER / INTERFOTO

der Vorsitzende einer Regionalpartei, die schwunden. Die Partei wollte Stoiber am
im Bund als kleiner Partner mitregiert. Ende loswerden, aber lange Zeit hat sie ihn
Gewiss, Erwin Huber war schon oft in bewundert. Die Abgeordneten rollten mit
Berlin, aber aufgefallen ist das bislang nicht. den Augen, wenn er von seinen Treffen mit
Er hat keine Fehler gemacht, er hat auch Wladimir Putin erzählte oder darüber, wie
niemanden gestört. Es gibt keine politische man Deutschland retten muss. Aber er im-
Rüpelei, die sich mit seinem Namen ver- ponierte ihnen auch. „Wollen die Leute
bindet. Dass die CSU einen neuen Vorsit- wirklich diese neue Selbstbescheidung?“,
zenden hat, merkt man vor allem daran, hat Stoiber neulich ungläubig einen Ver- CSU-Politiker Strauß, Huber (1987), Stoiber: Zum
dass man von der CSU nichts mehr hört. trauten gefragt. Es war eine rhetorische Fra-
Das ist zum Teil der besonderen Kon- ge. Der Alte kann es sich nicht vorstellen. nachdenklicher Gesprächspartner, wirkt
stellation geschuldet, die die bayerische Huber muss es glauben, weil seine Le- auf einmal hölzern und fad. Die öffentliche
Union nach Stoiber prägt. Huber ist näm- gitimation darauf gründet. Es darf nicht Rede ist nicht seine Stärke.
lich nicht nur Parteichef, sondern gleich- der Eindruck entstehen, er habe Stoiber Im Dezember hatte er auf dem CDU-
zeitig auch Finanzminister unter Günther aus Machtgier aus dem Amt gedrängt. Hu- Parteitag in Hannover seinen ersten
Beckstein. Einen CSU-Chef in der Kabi- ber lässt im Parteipräsidium jetzt offen dis- großen Auftritt als CSU-Chef. Merkel hat-
nettsdisziplin eines bayerischen Minister- kutieren, er arbeitet eng mit Angela Mer- te am Vortag eine uninspirierte Rede ge-
präsidenten hat es zuletzt Ende der vierzi- kel zusammen. Er macht es anders als Stoi- halten, in der sie die politische Mitte zwar
ger Jahre gegeben. ber. Nur so kann er begründen, warum die reklamierte, aber nicht ausfüllte. Huber
Das erklärt das Problem, aber es löst es CSU einen neuen Vorsitzenden brauchte. hätte die Delegierten aus ihrer Lethargie
nicht. Zum Selbstverständnis der CSU Ein Fernsehteam steht im VIP-Raum reißen können. Aber er hat es gelassen, er
gehörte, oberhalb der eigenen Gewichts- und will einen O-Ton vom Parteichef zur hat es nicht mal versucht. Er leierte eine
klasse zu boxen. Die Vorsitzenden von Bankenkrise. Der Vorsitzende steht auf Rede herunter, die die Leute scharenweise
Franz Josef Strauß bis Edmund Stoiber ha- und spricht nichtssagende Sätze in die Ka- aus dem Saal trieb. In der CDU hieß es
ben immer wichtiger getan, als sie waren. mera. Es ist eine erstaunliche Verwand- hinterher erleichtert, Merkels Auftritt er-
Dafür bekamen sie mehr Einfluss, als ih- lung: Huber, gerade noch ein kluger und scheine nun in einem milderen Licht.
30 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
CSU-Chef Huber*
Der Großmannssucht überdrüssig

will keinen Streit, aber sie will auch nicht


wie ein Juniorpartner dastehen. Die CSU
will keinen Vorsitzenden, der sich klein-
macht. Huber weiß das. Aber es ist nicht
klar, ob er sich groß genug machen kann.
Vor ein paar Wochen war er in Afgha-
nistan. Ein Besuch dort signalisiert, dass
man überall mitreden will, auch in der
Weltpolitik. Huber erweckte nicht den Ein-
druck, er fühle sich in dieser Rolle beson-
ders wohl. Bei einem Treffen mit Soldaten
wollten ihm keine guten Fragen einfallen.
Am Ende fragte er: „Wie fühlen Sie sich
denn so, hier in Afghanistan?“ Die Ge-
schichte von der missglückten Reise mach-
te in der CSU schnell die Runde.
Horst Seehofer sitzt in seinem Minister-
büro vor einem Messingkreuz. Der Bun-
deslandwirtschaftsminister hat im vergan-
genen September auf dem CSU-Parteitag in
München den Kampf um den Parteivorsitz
gegen Huber verloren. Unter Huber, das
war Seehofers Argument, werde die CSU

JOHANNES SIMON / GETTY IMAGES


zur Bayernpartei schrumpfen. Man hat
nicht den Eindruck, dass er diese Einschät-
zung inzwischen korrigieren möchte.
Seehofer spricht nicht schlecht über Hu-
ber. Er hat elegantere Wege, seine Mei-
nung rüberzubringen. Warum darf sich die
CSU bei den Landtagswahlen nicht 60 Pro-
zent als Ziel setzen? Er selbst würde sich
das im Tandem mit Beckstein zutrauen.
Fehlt Huber der Mut zu großen Zielen?
Das ist eine nett verpackte Bosheit. 60
Prozent hat die CSU in ihrer erfolgreichen
Landtagswahl-Geschichte erst zweimal er-
zielt, das letzte Mal im Fernduell gegen eine
abgewirtschaftete rot-grüne Bundesregie-
rung. Huber hat seine Partei davor gewarnt,
sich unrealistische Ziele zu setzen. Er kann
nur hoffen, dass nicht die Seehofers be-
stimmen dürfen, was als realistisch gilt.
Seehofer will Aschermittwoch nach Pas-
sau fahren. Normalerweise meidet er die
JOERG KOCH / DDP

Veranstaltung, er war erst einmal in seinem


Leben dort. Aber diesmal hält Huber die
berühmte Aschermittwochsrede. Es ist die
Königsdisziplin für CSU-Vorsitzende. Wer
Selbstverständnis gehörte, oberhalb der eigenen Gewichtsklasse zu boxen Respekt von der Partei verlangt, muss hier
vor den Massen in der Dreiländerhalle be-
Dabei ist es nicht die fehlende rhetorische will. Danach herrschte Schweigen. Schließ- stehen. Vielleicht blamiert Huber sich ja.
Begabung, die Huber zu schaffen macht. lich fragte ein Abgeordneter, wie es um Die Leute müssen in Stimmung gebracht
Stoiber konnte ja auch nicht reden. Huber die geplante Schnellstraße in seinem Wahl- werden, aber man darf draußen nicht
fehlt die Botschaft, oder seiner Botschaft kreis stehe. wie ein bayerischer Gimpel rüberkommen.
fehlt das CSU-Spezifische. Er hat keine Ant- Das ist Hubers Problem. Er wirkt wie der Eine Rede wie auf dem CDU-Parteitag
wort auf die Frage, was eigentlich der Platz Mann, der für die Schnellstraßen zuständig kann sich Huber in Passau nicht leisten.
der Bayern in einer Großen Koalition sein ist. Oder Umgehungsstraßen. Dabei hat er Seehofer ist nicht der Einzige, der dem
soll, in der SPD und CDU alle Themen von den Anspruch, in der Bundespolitik mitzu- Erwin die Sache ein wenig schwerer ma-
innerer Sicherheit bis sozialer Gerechtig- spielen. Er will nur keinen Streit um des chen möchte. Am Abend hält auch Ed-
keit allein besetzen. Es ist eine der zentra- Streites Willen. Er wolle konstruktiv sein, mund Stoiber eine Aschermittwochsrede,
len Fragen für jeden CSU-Vorsitzenden. sagt er, „sonst verspielt man Vertrauen“. in Geretsried in seinem Wahlkreis. Er ist
Kurz nach seiner Wahl ist Huber zu- Die CSU hat ihre Vorsitzenden nie dafür von Freunden gebeten worden, ein paar
sammen mit Beckstein nach Berlin gefah- geliebt, dass sie konstruktiv sind. Die Partei Worte im Kommunalwahlkampf zu sagen.
ren, um sich der CSU-Landesgruppe vor- Dass er nun ausgerechnet am selben Tag
zustellen. Er hat seine Ziele erläutert, hat * Mit seiner Frau Helma beim fränkischen Karneval in wie Huber redet, ist natürlich nur blöder
skizziert, welche Rolle er im Bund spielen Veitshöchheim im Januar. Zufall. Ralf Neukirch

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 31
Deutschland

ARBEITSMARKT darität“ setzen und warb deshalb für sei- einer „modernen und integrierten Vision“

Anerkannte
nen „Fonds, der Menschen helfen soll“. für ihren Part in einer globalisierten Welt.
Deutschland und andere Staaten waren „Sinn und Zweck“ der Union im 21. Jahr-
skeptisch, im Bundestag missbilligten spä- hundert, betont Barroso, könne nur sein,

Opfer
ter mehrere wichtige Ausschüsse den Plan. „Europa fit zu machen für die Globalisie-
Auf Druck Großbritanniens und Frank- rung“. Bis 2010 soll Europa der führende
reichs beschlossen die Staats- und Regie- Wirtschaftsraum sein, haben die Staats-
rungschefs schließlich im Dezember 2005, und Regierungschefs in ihrer Lissabon-
Die EU will menschlicher wirken: sieben Jahre lang bis zu 500 Millionen Euro Strategie vom März 2000 festgelegt. Der
Ein neuer Fördertopf für pro Jahr bereitzustellen. große Erfolg ist nicht unbedingt zum Grei-
Der Fonds soll nicht nur Menschen hel- fen nah – da kann der Fonds wenigstens im
Verlierer der Globalisierung schafft fen, sondern auch Barroso und seinen Kleinen ein wenig helfen.
unter Arbeitslosen indes vielgeschmähten Beamten: Die EU will Kritiker bemängelten freilich von Anfang
eine Zweiklassengesellschaft. menschlicher wirken und nicht so markt- an: Statt Strukturen zu verbessern, würden
nur Symbole geschaffen. „Mit einer

D
ie junge Frau mit den sorg- halben Milliarde Euro kann man
fältig gezupften Augenbrau- auf EU-Ebene nicht viel machen“,
en hätte nie gedacht, dass sie sagte etwa Daniel Gros, Direktor des
einmal in einen Gabelstapler stei- Centre for European Policy Studies.
gen und ihre hochhackigen Stiefel Zumal im ersten Jahr nur ein Bruch-
gegen solche Schuhe tauschen wür- teil dieser Summe ausgezahlt wurde.
de: Stahlkappenschuhe. Die Kommission erhielt zehn Förder-
Aber nun stampft Nuray Dagasan, anträge von EU-Staaten und beschied
33, Mutter dreier Kinder, schweren bisher sechs davon positiv. Insgesamt
Schrittes auf das Fahrzeug zu. Sie will wurden Anträge für knapp 22 Millio-
so ein Ding fahren lernen, sie will nen Euro – weniger als fünf Prozent
wieder einen Job. Vor einem Jahr hat der Maximalsumme – genehmigt.

HORST SCHNASE
sie ihre Stelle verloren, als der Han- Der Fall Nokia zeigt insofern nicht
dy-Hersteller BenQ die Produktion nur die „kalte Logik der Globalisie-
im niederrheinischen Kamp-Lintfort rung“ (SPIEGEL 4/2008). Werden
einstellte. Jetzt hat sie wieder Hoff- BenQ-Proteste (2006): Brutale Mechanik tatsächlich Gelder aus dem Globali-
nung. „Wird schon“, lacht die Frau sierungsfonds gezahlt, zeigt der Fall
mit der abgebrochenen Visagisten- Nokia auch die fragwürdige Logik
lehre und tätschelt das gelbe Blech mancher Millionenförderung, die auf
des Staplers. publikumswirksame Einzelfallmaß-
Als BenQ dichtmachte, hat Nuray nahmen baut. Wer soll schon etwas
Dagasan viel gelernt über die brutale dagegen haben, dass eine dreifache
Mechanik des Welthandels. Was ihr Mutter, die wieder arbeiten will, bes-
damals den Arbeitsplatz raubte, ge- tens unterstützt wird? Eine Politik,
reicht ihr nun zum Vorteil: Sie zählt die gut ist für Einzelne, ist aber noch
zu den ersten amtlich anerkannten nicht zwingend gute und gerechte
Globalisierungsopfern in Deutsch- Politik.
land. Die Europäische Union spen- In Kamp-Lintfort jedenfalls gibt es
diert reichlich Geld aus einem spe- seit kurzem eine neue Zweiklassen-
ziellen Fonds und finanziert ehemali- gesellschaft: die einfachen Arbeits-
gen BenQ-Mitarbeitern eine intensive losen und die anerkannten Globali-
Betreuung und maßgeschneiderte sierungsopfer. Ihre hochsubventio-
Weiterbildung, von denen andere nierte Förderung durch die private
Arbeitslose nur träumen können. „Personalentwicklungs- und Arbeits-
Der milliardenschwere „Europäi- marktagentur“ sei „zehnmal besser
sche Fonds für die Anpassung an die als die beim Arbeitsamt“, freut sich
Globalisierung“ könnte bald auch Nuray Dagasan. Sie muss sich ihren
wenige Kilometer entfernt zum Ein- Berater nur mit 39 anderen Arbeits-
satz kommen. Das Geld stehe unter losen teilen. Ein „echter Vertrauter“
ANDREAS JUNG

Umständen gleichfalls den Nokia- sei ihr Betreuer, sagt Dagasan. Einer,
Mitarbeitern in Bochum zur Verfü- der nicht nur Bewerbungsschreiben
gung, ließ EU-Kommissionspräsident mit ihr zusammen aufsetzt. Sondern
José Manuel Barroso verlauten, auch Globalisierungsverliererin Dagasan: „Wird schon“ sie bei Weinkrämpfen und Frust-
wenn die Firma nur nach Rumänien anfällen tröstet und auch mal sams-
weiterziehen und die Union gar nicht ver- liberal. Die Auszahlung der Gelder ist dem- tags anruft, um sich nach dem kranken
lassen will. Die Nokia-Mitarbeiter würden entsprechend auch daran geknüpft, dass Ehemann und den Kindern zu erkundigen.
dann ausgerechnet von einem Fördertopf die Empfänger für die europäische Idee Durch die Unterstützung aus Brüssel
profitieren, den deutsche Politiker gar werben. Die Staaten „sollen die Rolle der kann sie sich auch fünf Monate länger
nicht erst schaffen wollten – weil sie den Gemeinschaft betonen und gewährleisten, weiterbilden. Nimmt sie in diesem Zeit-
Topf für überflüssig und die EU für nicht dass der Beitrag des Globalisierungsfonds raum einen Job an, bekommt sie als Globa-
zuständig hielten. in Erscheinung tritt“, heißt es in der ent- lisierungsopfer sogar noch eine Prämie
Kommissionschef Barroso aber setzte sprechenden Verordnung. obendrauf: 700 Euro pro Monat zusätzlich
sein Prestigeprojekt vor gut zwei Jahren Globalisierungsverlierer umzuschulen zum neuen Gehalt, als kleine Motivations-
durch. Er wollte ein „Zeichen der Soli- passt trefflich in die Suche der EU nach hilfe. Andrea Brandt, Markus Verbeet

32 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
zählte Sadullah deshalb zu den
„engsten Kontaktpersonen“ von
Yilmaz.
Wie eng der Kontakt war
zwischen dem mutmaßlichen
Bombenbauer Yilmaz und sei-
nem Freund Sadullah, ließ sich
regelmäßig freitagmorgens be-
obachten. Dann stiegen die jun-
gen Männer zwischen drei und
vier Uhr früh in Langen ins
Auto, in der Bahnstraße, wo Sa-
dullah in einem weißen, ein-
stöckigen Altbau lebte. Sie fuh-
ren die zwölf Kilometer nach
Dietzenbach in ein herunterge-
kommenes Gewerbegebiet mit
Gebrauchtwagenhändlern und
Werkstätten.
In der Justus-von-Liebig-

ABDULLAH NOOR / AP
Straße, hinter mit Folie bekleb-
ten Fenstern, liegt die „Tawhid-
Moschee“, in der noch vor Son-
nenaufgang zum Morgengebet
Bombenziel Mir Ali in Pakistan (2007): Perfekter Nährboden für die Anhänger Bin Ladens gerufen wird. Dort beteten die
Langener Islamisten zu Allah.
Sadullah veränderte sich im ersten Halb-
ISLAMISTEN
jahr 2007 auch äußerlich. Er ließ sich den

„Wirst du Taliban, oder was?“


Bart wachsen und trug traditionelle Bein-
kleider. Jeden Sonntag kaufte er im „Kiosk
Melisa“ in Langen ein Exemplar der „Hür-
riyet“, und als der Bart länger wurde und
Ein junger Deutsch-Türke aus Hessen hat in Pakistan auf Seiten der die Kleidung orthodoxer, da fragte ihn der
Kioskbetreiber einmal im Scherz: „Wirst
Mudschahidin gekämpft. Laut CIA ist er nun vom Militär du Taliban, oder was?“
getötet worden. Er galt als Unterstützer der Sauerländer Terrorzelle. Sadullah lächelte nur schüchtern.
Taliban, das traf es schon ganz gut.

A
us dem hessischen Städtchen Lan- Hanning, mit einer geradezu magnetischen Wenn sich die Gruppe um Sadullah und
gen war er nach Pakistan gezogen. Anziehungskraft für Islamisten. Yilmaz am Wochenende zum Grillen im
Der Dschihad hatte gerufen, aber Für al-Qaida ist das Land von Staatschef Leukertsweg traf, in Yilmaz’ Gartenlaube
der Tod ereilte Sadullah K., 28, offenbar Pervez Musharraf ein zweites Afghanistan in Langen, manchmal auch zum Fußball-
weit vor der Zeit, an einem Sonntag im geworden, vor allem die Stammesgebiete spielen, ging es immer auch um Religion
Oktober. Mehrere Tage lang fielen die im Nordwesten wie Mir Ali, die die Ar- und ihre Auslegung. Das einzige Gesetz,
Bomben der pakistanischen Luftwaffe vom mee kaum kontrollieren kann. Die Region das die Deutsch-Türken aus Hessen ak-
Himmel, die Region um den Ort Mir Ali gilt als perfekter Nährboden für die Re- zeptierten, ist die Scharia. Ungläubige
bebte – dort, wo die Islamische Dschihad krutierung und Ausbildung junger Anhän-
Union (IJU) ihre Zelte aufgeschlagen hat ger von Osama Bin Laden, auch aus der
und Freiwillige in Terrortaktiken schult. Bundesrepublik.
Nachdem die Flieger die Berge von Wa- Die Sicherheitsbehörden gehen mittler-
ziristan wieder verlassen hatten, war das weile von etwa 60 Islamisten aus, die im
Ausmaß der Verwüstung sichtbar. Allein vergangenen Jahr zwischen Deutschland
50 tote Kämpfer aus dem Ausland sollen und Pakistan pendelten. Doch dass ein
die Stammesältesten gezählt haben. Dar- junger Mann aus Deutschland im Kampf
unter laut pakistanischen und amerikani- gegen Amerikaner und pakistanisches
schen Behörden: Sadullah K. aus Langen. Militär fiel, das hat es bislang noch nicht
Er sei „am 14. Oktober 2007 bei Kämp- gegeben.
fen in Pakistan getötet worden“, teilte die Der junge Deutsch-Türke, der 1994 als
CIA den deutschen Sicherheitsbehörden 13-Jähriger mit seinen Eltern aus Südwest-
in einem geheimen Fernschreiben mit. anatolien nach Deutschland gezogen war,
Eine DNA-Probe soll nun den Beweis er- galt als Unterstützer jener mutmaßlichen
bringen, danach will die Polizei ihn offi- Terrorzelle um Fritz Gelowicz und Adem
ziell für tot erklären. Yilmaz, die Anfang September vergange-
Sadullah ist das bislang letzte Beispiel nen Jahres im Sauerland aufflog und welt-
für eine Tendenz, vor der Bundesinnen- weit Schlagzeilen machte. Sadullah leitete
ULI DECK / DPA

minister Wolfgang Schäuble (CDU) seit Geld von den Brüdern in Deutschland
Monaten warnt. „In Pakistan sehen wir die weiter an die IJU in Pakistan, und einmal
Dimension einer neuen, gefährlichen Ent- auch zwei Fotos von Gelowicz an Yilmaz,
wicklung“, sagt Schäuble. Von einem „Ter- die wahrscheinlich für gefälschte Papiere Terrorverdächtiger Yilmaz
rorhort“ spricht sein Staatssekretär August gedacht waren. Das Bundeskriminalamt „Engste Kontaktpersonen“
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Deutschland

müssten bekämpft werden, auch mit Ge-


walt.
Wie fanatisch die Gruppe war, zeigt ein
Zwischenfall aus dem vergangenen Früh-
sommer. Sadullah und drei seiner Freunde
waren unterwegs in Mainz, in einer Frei-
tagnacht im Mai, auf der Suche nach ame-
rikanischen Soldaten. In der Nähe der Dis-
cothek „Euro Palace“ parkten einige Autos
mit US-Nummernschildern, das Quartett
stoppte. Die Polizei aber hatte den Wagen
verwanzt, sie hörte mit, was die Männer
besprachen.
Es fiel das Wort „abstechen“.
Die Beamten, denen nicht klar war,
wem das „Abstechen“ gelten sollte, berei-
teten sich schon auf den „finalen Ret-
tungsschuss“ vor. Am Ende waren die Au-
tos gemeint, Sadullah und seine Freunde
zerstachen ein paar Reifen und demolier-
ten den Fuhrpark der GIs, dann wurden sie
festgenommen.
Ein Foto von diesem Abend zeigt Sadul-
lah mit Bürstenhaarschnitt und Holzfäller-
hemd. Er schaut nicht unfreundlich in die
Kamera, aber er kooperierte auch nicht. Die
Polizisten erreichten den jungen Deutsch-
Türken in dieser Nacht im Mai nicht mehr
mit ihren Fragen und Ermahnungen, die Ge-
sellschaft hatte ihn verloren. Vielleicht war
er hier auch nie angekommen.
In der Statistik zählte Sadullah zu jenen
Jugendlichen mit Migrationshintergrund
und geringer Bildung, die es schwer ha-
ben, in Deutschland eine Perspektive zu
finden. Als die Familie 1994 nach Hessen
zog, erinnert sich sein damaliger Schul-
leiter, habe Sadullah fast kein Deutsch ge-
sprochen. Zuletzt ist eine Beschäftigung
als Fliesenleger bekannt, früher hat er Est-
riche gegossen und Wände verputzt.
Als ein ehemaliger Mitschüler ihn vor
drei Jahren in Langen auf der Straße traf,
trug Sadullah noch Jeans und Polohemd, er
erzählte von Zwölf-Stunden-Schichten auf
einer Frankfurter Baustelle und klagte, er
habe kaum noch Zeit für Freunde.
In jener Nacht im Mai, in der ihn die
Polizei nach der Reifenstecherei mitnahm,
wusste Sadullah wahrscheinlich schon, dass
er Deutschland bald den Rücken kehren
würde. Er hatte sich rasiert, so, wie Isla-
misten es machen, wenn sie verreisen und
an der Grenze nicht auffallen wollen.
Es ist ein langer Weg, der von Deutsch-
land nach Mir Ali führt, in eine der Hoch-
burgen des Dschihad; er führt über die
Türkei in die iranische Großstadt Sahedan
nahe der pakistanischen Grenze, zu einem
Mann mit dem Pseudonym „Jaf“, gegen
den auch die Bundesanwaltschaft ermittelt
und den die Sicherheitsbehörden für eine
Art Dschihadisten-Schleuser halten.
Am 5. Juni vergangenen Jahres machte
sich Sadullah auf diesen Weg, gleich mit
der ersten Maschine von Frankfurt um 5.10
Uhr, ein Ferienflieger von Condor nach
Antalya. Er hatte einen Schlafsack im
Gepäck, einen MP3-Player, Laptop und
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Deutschland

Der Fall ist ein Paradebeispiel für den la-


RECHTSEXTREMISMUS
xen Umgang mancher Behörde mit dem

Laxer Umgang Stempel „gemeinnützig“. Die Anträge der


Vereine werden kaum geprüft – sei es aus
Gutgläubigkeit, sei es aus Zeitnot. Meist
reicht den Finanzämtern schon der Ver-
In Westfalen profitiert ein Verein,
weis auf „wissenschaftliche Arbeit“, um
der den Holocaust relativiert, die steuerlichen Vorteile einzuräumen.
vom Status der Gemeinnützigkeit. Den begehrten Status erhielten so unter
Der Fall zeigt, wie fahrlässig der anderem: die „Ordensgemeinschaft der
Fiskus mit dem Prädikat umgeht. Ritterkreuzträger“, deren Mitglieder re-
gelmäßig in Erinnerungen an die Wehr-

E
s ist ein schönes Fleckchen Erde, macht und die Waffen-SS schwelgen; der
das sich das „Collegium Humanum“ Verein „Rotfuchs e. V.“, der den Sozialis-
für seine Vereinsarbeit ausgesucht mus zurückhaben will und die DDR für
hat. Vom zweigeschossigen Hauptquartier „das gute Deutschland“ hält; oder auch
aus reicht der Blick weit bis an die Aus- die „Gesellschaft zur rechtlichen und hu-
Kämpfer der IJU läufer des Wiehengebirges. Unten im Tal manitären Unterstützung“, die mit Verve
Aus Hessen in den heiligen Krieg schlängelt sich die Weser an den uralten die Menschenrechtsverletzungen der DDR-
Fachwerkhäusern der Kleinstadt Vlotho Staatssicherheit relativiert.
Kamera, und weil sein Gepäck zu schwer vorbei. Experten wie der Heidelberger Finanz-
war, verteilte er die Sachen auf die Koffer „Akademie für Umwelt und Lebens- wissenschaftler Lars Feld klagen über die-
von Hüseyin und Bekir Ö., zwei weiteren schutz“ steht auf dem Eingangsschild – ein sen staatlich geförderten „Wildwuchs“ seit
Islamisten aus Langen, die ihn begleiten etwas vernebelnder Begriff angesichts des Jahren: „Wir brauchen endlich strenge-
wollten in die pakistanischen Berge. Publikums, das sich hier gern trifft, und re Regelungen und bessere Kontrollen.“
Von Antalya aus ging es mit dem Bus der Themen, die dann verhandelt werden. Nahezu die Hälfte der insgesamt rund
nach Istanbul, Teheran und, schließlich, Die Chefin des „Collegium Humanum“ 535 000 deutschen Vereine gilt als ge-
Sahedan. Zu „Jaf“. heißt Ursula Haverbeck, ist 79 Jahre alt meinnützig. Und erst vor wenigen Wochen
In Langen hatte man den drei Freiwilli- und wegen Volksverhetzung vorbestraft. rief der Berliner Innensenator Ehrhardt
gen die dortige Mekki-Moschee empfoh- Zu ihren liebsten Gästen und Vertrauten Körting (SPD) seine Kollegen bei der In-
len, einen Ort für Koranstudien und viel- nenministerkonferenz auf, zu-
leicht auch etwas mehr, aber der Imam künftig genauer hinzuschauen:
wies sie ab; angeblich waren alle Plätze „Es ist unerträglich, wenn ver-
belegt. fassungsfeindliche Vereine vom
„Jaf“ verschaffte ihnen gefälschte af- Staat unterstützt werden.“
ghanische Ausweise, und per Taxi ging es Das Finanzamt in Herford
an die iranisch-pakistanische Grenze. Die fühlte sich beim „Collegium
beiden Brüder Hüseyin und Bekir Ö. wur- Humanum“ zur Skepsis nicht
den am Übergang festgenommen – sonst veranlasst – obwohl es neben
wären die beiden heute vielleicht auch tot. den Warnungen des Verfas-
MARK MÜHLHAUS / ATTENZIONE

Sadullah aber kam durch, offenbar bis in sungsschutzes auch etliche


eines der Lager der IJU, wahrscheinlich Gerichtsurteile gab. Allein die
brachten ihm die Mudschahidin das Kämp- Vereinsvorsitzende Haverbeck
fen bei – ehe sie ihn zurückschickten in wurde zweimal wegen Volks-
die Türkei. Er sollte eine Videokamera und verhetzung zu Geldstrafen ver-
ein Nachtsichtgerät beschaffen. Zweimal urteilt: Im November 2005 hat-
noch schnitten die deutschen Sicherheits- te sie Adolf Hitler als einen
behörden mit, wie Sadullah mit Adem Vereinschefin Haverbeck: „Göttlicher Auftrag“ Friedenspolitiker umschrieben,
Yilmaz in Langen telefonierte und aus dem der „einen göttlichen Auftrag“
Lager berichtete. zählen der rechtsextreme Anwalt Horst erhalten habe. Warum die Behörde darob
Dann war er verschwunden. Mahler und der notorische Holocaust- die Gemeinnützigkeit nicht entzog, will
Bis sich die CIA meldete. Leugner Ernst Zündel. Bei Treffen und Se- das von Helmut Linssen (CDU) geführte
„Er war ein Mitläufer“, sagt ein deut- minaren in der Vereinszentrale wird der nordrhein-westfälische Finanzministerium
scher Sicherheitsbeamter, Täter und Op- Massenmord an Juden relativiert, Adolf nicht kommentieren: „Es gilt das Steuer-
fer zugleich. Aber sein Schicksal zeigt, was Hitler gehuldigt oder, im Geiste, die na- geheimnis“, heißt es.
geschehen kann, wenn der Dschihad keine tionale Revolution vorbereitet. So werden die braunen Zusammen-
Schwärmerei bleibt, sondern tödlicher Staatlichen Stellen sind die Umtriebe künfte vom Fiskus weiter munter geför-
Ernst wird. Und er steht für ein fortdau- im Ostwestfälischen wohlbekannt – jedoch dert. Neuerdings kümmert sich der Verein
erndes Phänomen, denn die nächsten Frei- mit sehr unterschiedlichen Konsequenzen. dabei verstärkt um den Nachwuchs – etwa
willigen aus Deutschland haben den Weg Während der Verfassungsschutz die Aka- indem er sein Haus in Vlotho für Konzer-
gen Pakistan schon angetreten. Die Si- demie als rechtsextrem einstuft, gilt sie te rechtsextremer Liedermacher zur Ver-
cherheitsbehörden kennen mindestens vier den Finanzbehörden seit Jahren als ge- fügung stellt. Oder indem er sich, wie Bür-
von ihnen. meinnützig – ein Status, der laut Gesetz ei- germeister Bernd Stute (SPD) zu berichten
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Tod gentlich all jenen Vereinen vorbehalten ist, weiß, an die Schüler des örtlichen Weser-
von Sadullah andere junge Heißsporne ab- die eine dem Allgemeinwohl dienende Gymnasiums heranrobbt: In einem Brief
hält, ist nicht sonderlich hoch. In der Sze- oder mildtätige Arbeit leisten. So kommt des „Collegium Humanum“ an die Schü-
ne gilt er als Märtyrer, der jetzt im Paradies es, dass der braune Club von der Steuer- lervertreter wurde das Angebot unterbrei-
weilt. Simone Kaiser, Marcel Rosenbach, pflicht befreit ist und seinen Spendern Quit- tet, einmal über die deutsche Geschichte
Holger Stark tungen fürs Finanzamt ausstellen darf. zu reden. Guido Kleinhubbert

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MARCUS FÜHRER / PICTURE-ALLIANCE/ DPA
Schüler, Schülerinnen beim „Girls’ Day“*: Hilfe bei der Zukunftsorientierung oder „Gehirnwäsche-Aktion“ zu Lasten der Jungs?

BILDUNG

„Hääääää? Nähen lernen??????“


Erstmals will Baden-Württemberg den jährlichen „Girls’ Day“ durch einen „Boys’ Day“ ergänzen –
auch um Schuljungs in Erziehungsberufe zu lenken. Der Männermangel in Kitas und
Lehrerkollegien steht mit im Verdacht, die Jungen zu Verlierern im Bildungssystem gemacht zu haben.

D
as Lieblingsgericht der baden-würt- sen Tag zugleich als „Boys’ Day“ begehen gon des Geschlechterkampfs, werde „Frau-
tembergischen Sozialministerin Mo- lassen. en und Mädchen erobertes Terrain streitig
nika Stolz, 56, schmeckt nicht je- Denn die Sozialministerin, zuvor Kultus- gemacht“: „Es gibt keinen Grund dafür,
dermann: „Zwiebelnudeln mit Maggi“. staatssekretärin in Stuttgart, ist überzeugt: dass Mädchen den Zukunftstag in den Be-
Auch die Politik der Christdemokratin mu- Mehr denn je verdienen heute gerade Jungs trieben mit Jungen teilen sollen.“
tet immer mal wieder eigenwillig an. spezielle Hilfe zur Zukunftsorientierung – Ebenso vehement wie einige Feminis-
Einem Vorstoß der promovierten Ärztin und das nicht nur in Verlegenheitsveran- tinnen widersetzten sich allerdings auch
und Volkswirtin für eine kontrollierte staltungen, wie sie seit einiger Zeit hier Mitglieder von Männerrechtsorganisatio-
Heroinabgabe an Schwerstabhängige er- und da als Ergänzungstermine am Rande nen ersten Ansätzen, am Girls’ Day zu-
teilte ein CDU-Landesparteitag 2006 die und im Rahmen des Mädchentags angebo- gleich auch Jungs aus ihrer traditionellen
brutalstmögliche Abfuhr. Die Ministerin, ten werden. Geschlechterrolle zu lösen und damit de-
laut Landespresse „einem Häuflein Elend Ähnlich wie Niedersachsen und Bran- ren Berufswahlspektrum zu erweitern.
gleich“, brach in „bittere Tränen“ aus. denburg hat etwa Hamburg einige „Aktio- In Veranstaltungen, in denen pubertie-
Doch die couragierte Politikerin mag nen für Jungen am Girls’ Day“ offeriert, rende Knaben unter anderem Bettlaken
sich nicht unterkriegen lassen. Derzeit bei denen Knaben eine Tätigkeit in der bügeln, Babypuppen windeln und Kinder-
plant sie eine Pioniertat, die allerdings bei Krankenpflege oder der Altenhilfe als wagen über den Schulhof schieben müssen,
radikalen Feministinnen auf ebenso zor- „cool“ verkauft werden sollte. Vereinzelt sehen engagierte Maskulisten Akte einer
nige Ablehnung stößt wie bei manchem gab es sogar schon einen „inoffiziellen von „Kampf-Emanzen in Reinkultur“ be-
Männerrechtler. Als erstes Bundesland soll Boys’ Day“, wobei diese Bezeichnung, wie triebenen „Umerziehung“ des männlichen
Baden-Württemberg mit der Tradition bre- das Stadtjugendamt München betonte, Nachwuchses. Diese „Gehirnwäsche-Aktion,
chen, den vierten Donnerstag im April le- „nur ein Arbeitstitel“ war. die auch noch als Jungenförderung verkauft
diglich als „Girls’ Day“ zu begehen, an Doch bereits derlei zaghafte Ansätze, die wird“, schäumt es etwa aus dem Männer-
dem Schülerinnen in sogenannte typische Jungen mit einem „Mädchenzukunftstag“ forum pappa.com, sei „eine einzige Unver-
Männerberufe wie Mechatroniker oder nicht länger völlig auszugrenzen, haben in schämtheit“. Von solchen Stimmen aller-
Software-Systemtechniker hineinschnup- der feministischen Szene Proteste hervor- dings will sich die Stuttgarter Sozialministe-
pern können. Landesweit will Stolz, Mut- gerufen. „Der Girls’ Day soll Girls’ Day rin bei ihrem Einsatz für die Einführung des
ter von drei Söhnen und einer Tochter, die- bleiben“, forderte der Hauptvorstand der Boys’ Day am 24. April nicht bremsen las-
hochgradig feminisierten LehrerInnen-Ge- sen. Das Projekt, so Stolz, komme allen zu-
* Links: im April 2007 in einer Behindertenwerkstatt in
werkschaft GEW. Mit jedem Versuch, „den gute – es schaffe „eine Win-win-Situation“.
Ahorn, Bayern; rechts: in einer Kaserne im bayerischen Girls’ Day für Jungen zu öffnen“, so GEW- Ohnehin kaum umstritten ist der Nutzen
Münchsmünster. Frauenreferentin Frauke Gützkow im Jar- des 2001 in Deutschland (nach US-Vorbild)
38 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Deutschland

In der Bundesrepublik, die auf der Welt- Der Wissenschaftler sieht sogar Zusam-
rangliste der Frauenfreundlichkeit, dem menhänge zwischen dem Männerdefizit
„Global Gender Gap Report“, unter 128 im Erziehungswesen und der Gewaltbe-
Staaten den siebten Platz belegt, haben die reitschaft männlicher Jugendlicher: Jungs
Frauen ihre Bildungsdefizite in den ver- müssten sich, so Dammasch, „mit Män-
gangenen Jahrzehnten nicht nur verrin- nern liebevoll identifizieren, aber auch mit
gert, sondern laut Institut für Arbeits- ihnen kämpfen können“, um Anerkennung
markt- und Berufsforschung „die Männer ihrer Männlichkeit zu erfahren, „damit sie
in weiten Bereichen der allgemeinen wie sich nicht später in diffuser Unruhe, in de-
beruflichen Bildung bereits überholt“. struktiver Gewalt oder in selbstdestrukti-
Die Kehrseite des Sieges: Während der ver Passivität verlieren“.
Unterricht, so der Frankfurter Bildungsfor- Wenn dem so ist, müssen die aktuellen
scher Frank Dammasch, in den vergange- Defizitdaten in hohem Maße beunruhigen:
nen Jahrzehnten „eher an weibliche For- Bei Krippengruppen ist nicht einmal jeder
men des Lernens und Gestaltens angepasst“ hundertste Beschäftigte männlich. In Kin-
ARMIN WEIGEL / PICTURE-ALLIANCE/ DPA
worden ist, haben „die Jungen seit den dergärten liegt der Männeranteil gerade
achtziger Jahren in den Schulleistungen mal bei zwei Prozent, in Schulkindergärten
kontinuierlich nachgelassen“. So sind sie bei knapp fünf Prozent. In Grundschulen
überproportional stark vertreten unter Sit- ist jede siebte Lehrkraft ein Mann.
zenbleibern und Sonderschülern, Schul- Exakt hier will die CDU-Politikerin Stolz
verweigerern und Pisa-Versagern. Zugleich mit ihrem Boys’ Day ansetzen. Der Tag
ist die Zahl der Verhaltensstörungen bei soll in Baden-Württemberg gezielt auch
Jungs emporgeschnellt. Es sei „kein Wun- dafür genutzt werden, Jungen für solche
der“, so Dammasch, „dass etwa 85 Prozent Erziehungsberufe zu animieren, die zur
des Psychopharmakons Ritalin männlichen Domäne der Frauen geworden sind. Auch
eingeführten Mädchentags. Weit über eine Kindern gegeben“ werden. Stolz weiß: „Wir brauchen mehr Männer in
halbe Million Schülerinnen sind seither Mädchen wiederum machen 56 Prozent Kindergärten und Grundschulen.“
durch Betriebsbesuche darauf aufmerksam der deutschen Abiturienten aus. Die Gene- Wie sehr Jungs mittlerweile durch die
gemacht worden, dass die zukunftsträchti- ration der „Alpha-Girls“, wie der Harvard- Mädchenorientierung des Schulwesens be-
gen technischen Berufe nicht den Männern Kinderpsychologe Dan Kindlon die Töchter nachteiligt, wenn nicht gar diskriminiert
vorbehalten sind. Nach wie vor allerdings der feministischen Revolution nennt, stellt werden, zeigt eine jüngst vorgelegte be-
wählt mehr als die Hälfte der Schulabgän- in der Bundesrepublik zwei Drittel der Teil- merkenswerte Untersuchung des Bundes-
gerinnen ihren Ausbildungsplatz unter nur nehmer von internationalen Austausch- bildungsministeriums. Kernsatz: „In allen
zehn verschiedenen Berufen aus – darun- programmen. Bildungsstudien lassen kaum Fächern erhalten Jungen auch bei gleichen
ter kein einziger mit technischer Ausrich- Zweifel daran, dass der zunehmende Män- Kompetenzen schlechtere Noten.“ Vor
tung (siehe Grafik). nermangel in den Erziehungsberufen den dem Übergang in weiterführende Schulen
An mangelnder Qualifikation der Mäd- Leistungsverfall der Knaben und damit den bekommen sie zudem „generell seltener
chen kann es nicht liegen, dass so viele Trend zum „Beta-Boy“ noch beschleunigt eine Gymnasialempfehlung“, und „auch
eher Friseurin als Mechanikerin werden. hat. Manch ein Sohn einer alleinerziehen- bei gleichen Noten werden sie seltener von
Im Gegenteil: Jahrzehntelange erfolgrei- den Mutter begegnet in seinem ersten Le- den Lehrkräften für gymnasialgeeignet an-
che Bemühungen um mädchengerechten bensjahrzehnt im Bildungssystem keiner- gesehen als Mädchen“.
Unterricht haben dazu beigetragen, dass lei Männern, obwohl die als Bezugsperso- Vor allem im Fach Deutsch schwächeln
heute, so auch die GEW, „Mädchen die nen, so Dammasch, „essentiell wichtig“ für die Knaben – wobei die Untersuchung
Gewinnerinnen im Bildungssystem sind“. die Entwicklung von Jungen seien. über die „Bildungs(Miss)erfolge von Jun-
gen“ auf Forschungsergebnisse hinweist,
MÄNNER FRAUEN nach denen die „Rechtschreibekompe-
73 613 42 570 tenz“ der Jungs nicht zuletzt „vom sozia-
Kfz-Mechatroniker Bürokauffrau len Bezug der Wörter“ abhängt.
49 397 40 933 Bei Texten, in denen Begriffe aus einem
Industriemechaniker Einzelhandelskauffrau „männlich konnotierten Bereich“ wie Ben-
34 027 40 742 zintank, Aktentasche oder Torwart vor-
Einzelhandelskaufmann Arzthelferin
kommen, zeigten die Schüler sogar besse-
33 694 35 642
Heizungs-, Klimatechnik-, Sanitäranlagenmechaniker Friseurin re Rechtschreibleistungen als Schülerin-
33 096 32 972 nen. Die wiederum schnitten bei Texten
Koch Zahnarzthelferin mit „Mädchenwörtern“ wie Familie oder
32 207 31 548 Eichhörnchen besser ab.
Energie-Gebäudetechnik-Elektroniker Industriekauffrau Auch die Vergabe von Kopfnoten deute,
26 108 30 079 so das Ministerialpapier, darauf hin, dass
Metallbauer Fachverkäuferin Nahrungsmittel „,klassisches‘ Jungenverhalten in der Schu-
22 843 28 214 le kritischer gesehen“ werde als „,klassi-
Groß- u. Außenhandelskaufmann Kauffrau Bürokommunikation sches‘ Mädchenverhalten“: „Dies gilt – so
Verteilte Rollen
22 450 25 040 kann vermutet werden – nicht nur für die
Maler u. Lackierer Verkäuferin
Kopfnote, sondern als allgemeine Tendenz
22 366 23 609 für die Schule.“ So würden „Jungen häu-
Die häufigsten Ausbildungs- Mechatroniker Hotelfachfrau
berufe bei jungen Männern figer zurechtgewiesen und diszipliniert“,
21 421 19 620
und Frauen 2006 Tischler Bankkauffrau Mädchen hingegen „erhalten Unterstüt-
20 101 16 348 zung durch Lehrerinnen“.
Quelle: Statistisches Bundesamt Industriekaufmann Groß- u. Außenhandelskauffrau Die Bildungssoziologen Heike Diefen-
bach und Michael Klein meinen entdeckt
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 39
Deutschland

schlichten geht“, notierte das Bad Cann-


statter Kinderhaus „(B)engelbande“. An-
derswo umklammerten aufgekratzte Stepp-
kes die Beine der Hospitanten, um sie am
Weggehen zu hindern, schenkten ihnen
Selbstgemaltes und Schokolinsen.
„Die Kinder sind offen und haben Ver-
trauen zu uns“, freute sich der 14-jährige
Abel über die drei Schnuppertage, die er
und seine gleichaltrigen Mitschüler David,
Murat und Ibrahim in einer Kita bei Stutt-
gart verbrachten. Die Frage eines Lokal-
reporters, ob er nun Erzieher werden wol-
le, verneinte Abel dennoch. Sein Berufs-
wunsch? „Ganz klar, Kfz-Mechaniker.“
Was Jungs davon abhält, trotz individu-
eller Eignung und gesellschaftlichen Be-
darfs den Beruf des Erziehers zu ergreifen,
liegt auf der Hand. Eine wichtige Ursache

HEDDERGOTT / SÜDD. VERLAG


scheint – neben der Angst vor mütterli-
cher Missbrauchshysterie und weiblichen
Mobbing-Attacken – die niedrige Besol-
dung zu sein. Die jüngste Untersuchung
aus dem Bildungsministerium hält dazu
fest: „Je jünger die Kinder, je geringer das
Grundschulunterricht (in München): „Wir brauchen mehr Männer“ Prestige der Institution und je niedriger
die Bezahlung, desto mehr Frauen.“
zu haben, dass der Anteil von Jungen ohne traten bei dem Regensburger Projekt Die Sozialministerin Stolz denkt denn
Schulabschluss in jenen Bundesländern „Boys wanted“ Grundschüler als Vorleser auch über eine Aufwertung des Erzieher-
geringer ausfällt, in denen ein hoher Pro- in Kindergärten auf, wo sie von den Kids berufs nach, der „wieder attraktiv für die
zentsatz von Männern unterrichtet. Zu- freudig aufgenommen wurden und ihre Le- Besten“ werden müsse, wie auch die Prä-
gleich ist die Quote männlicher Abiturien- sefähigkeit wie auch ihre Sozialkompetenz sidentin der Kultusministerkonferenz, die
ten besonders hoch, wo es besonders vie- erweitern konnten. Saarbrückerin Annegret Kramp-Karren-
le männliche Lehrkräfte gibt. Positive Erfahrungen stellten sich auch bauer (CDU), fordert; so sollten Kitas
Solche und ähnliche Beobachtungen ein, als Ministerin Stolz voriges Jahr in vier künftig von Akademikern geleitet werden.
veranlassen Experten wie den Bielefelder baden-württembergischen Modellregionen Zugleich sondiert das Stuttgarter Lan-
Professor Klaus Hurrelmann, eine Män- eine Art Probelauf für den Boys’ Day 2008 desinstitut für Schulentwicklung neue For-
nerquote für die Schulen zu befürworten – veranstalten ließ. Wo immer Schüler in Ki- men jungengerechten Unterrichts, wie sie
eine Forderung, der zwar nur 37 Prozent tas gastierten, kamen sie gut an – kein etwa Deutschlands Pädagogikpapst Hart-
der männlichen, aber 52 Prozent der weib- Wunder: „Insbesondere der Umgang mit mut von Hentig, 82, für Siebt- und Acht-
lichen Befragten zustimmen (siehe Grafik). kleinen Kindern ist bei Männern nach- klässler in Erlebnisjahren außerhalb der
Zwar warnt die neue Ministerialunter- weislich weitaus mehr von Intuition und Schulmauern sieht, etwa gemeinsam mit
suchung vor einer monokausalen Betrach- spontan richtigem Verhalten geprägt, das einem Lehrer und einem Zimmermann auf
tung der Thematik. So sei nicht zu erwar- den Kindern mehr zumutet“, urteilt die einem verlassenen Gehöft.
ten, „dass jeder männliche Kollege ,auto- Stuttgarter Fraunhofer-Gesellschaft. Nur bessere Dotierung von Erziehungs-
matisch‘ positive Effekte auf die schulische Nicht nur die kleinen Kinder waren von berufen könne den Boys’ Day vor dem
Geschlechtergerechtigkeit hat“. Und man- dem Besuch begeistert. „Die Kids und Kol- Verdacht bewahren, er diene in Wahrheit
che Aussagen auf diesem noch wenig er- leginnen sind absolut happy, dass auch mal dem Zweck, „Jungen nur in schlechtbe-
forschten Feld seien „spekulativ“. ein Mann da ist, wenn es ums Hausaufga- zahlte Berufe abschieben zu wollen“,
Relativ gut belegt ist immerhin, dass sich benmachen, Fußballspielen, Toben, Streit- mahnt Bruno Köhler von der Männer-Lob-
Lernerfolge einstellen, wenn Pädagogen by Manndat e. V. – ein Verdacht, der frei-
jungengerechten Unterricht offerieren – UMFRAGE: ERZIEHER lich längst in der Welt ist. Während Mann-
wie bei dem baden-württembergischen dat den Boys’ Day grundsätzlich begrüßt,
Projekt „Kicken & Lesen“, das dem ge- „Sollte die Politik einen Mindest- heißt es in Männerforen, Jungs sollten in
schlechtsspezifischen Bewegungsdrang pu- miese Jobs abgeschoben werden, „aus de-
anteil männlichen Personals in
bertierender Schüler Rechnung trägt. nen die Macherinnen des Boys’ Day die
Nach einem wilden Fußballvormittag Kindergärten und Grundschulen Mädchen tunlichst abziehen wollen“.
ließen sich notorische Lesemuffel für die vorsehen, eine sogenannte Dass indes auch Frauen Vorbehalte ge-
gemeinsame Kettenlektüre eines 160 Sei- Männerquote?“ gen Männer in klassischen Frauenberufen
ten langen Kicker-Romans begeistern. Hin- MÄNNER FRAUEN pflegen, zeigt der Web-Eintrag der Mutter
terher klatschten die Vorleser einander eines siebenjährigen Jungen: „Machos will
stolz wie Weltmeister ab – darunter Jungs, JA 45 % 37 52 keiner, aber Weicheier wollen die Frauen
die sonst „freiwillig nicht eine Zeile gelesen von morgen sicherlich auch nicht.“
hätten“, wie Margrit Wienholz, Expertin Auch ein Mädchen, das sich „kiwi-2“
für Jungenförderung im Stuttgarter Lan- NEIN 51 % nennt, findet einen Girls’ Day mit handar-
desinstitut für Schulentwicklung, resümiert. beitenden und windelnden Boys ziemlich
Bei einem Kölner Lehrerkongress zum TNS Forschung für den SPIEGEL vom 22. und 23. Januar; „seltsam“: „Hääääää? Wollen echte Kerle
Thema Geschlechtergerechtigkeit kamen 1000 Befragte; an 100 fehlende Prozent: wirklich nähen lernen?????? Hat dann das
„weiß nicht“/keine Angabe
andere positive Beispiele zur Sprache. So Leben einen Sinn?“ Jochen Bölsche

40 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Künftiges Kloster St. Georg (Entwurf)

Der Bau eines Klosters sollte eigentlich Das geräumige Schloss, auf einer An-
RELIGION
nur Gottesmänner und ein paar Architek- höhe mit Seeblick, hat eine wechselvolle

Zwiebelturm ten beschäftigen. Doch in der Ära Wladi-


mir Putins ist auch dies ein Politikum.
Schließlich hat der Kreml-Chef klare Er-
Geschichte hinter sich. Es diente Hitlers
Paladin Hermann Göring als Gästehaus,
dann der Nationalen Volksarmee und

statt Minarett wartungen an der Gottesfront: „Jede or-


thodoxe Pfarrei im Ausland mit russischen
Wurzeln muss eine Repräsentanz der Rus-
sischen Föderation werden.“
schließlich der Stasi als Urlaubsrefugium.
Bald sollen in seinen Sälen deutsch-russi-
sche Kulturveranstaltungen stattfinden,
später wird vielleicht noch eine Brauerei
Moskauer Mönche wollen ein
Und so geriet der Klosterbau zur Chef- entstehen. Gäste aus Politik und Wirtschaft
Kloster in der Uckermark sache. Prior Irbits’ oberster Dienstherr, der sollen sich hier diskret treffen können.
gründen – mit Putins Segen und in Moskauer Patriarch Alexij II., hat sich we- Doch die Orthodoxie will fernab von
freundlicher Nachbarschaft gen der deutschen Außenstelle mit Staats- Moskau auch ein sichtbares Zeichen set-
zur Datsche von Angela Merkel. präsident Putin in Verbindung gesetzt – zen. Damit das Kloster in der hügeligen
Uckermark auch weithin zu sehen ist, soll

D
ie letzten Russen, die mit den Be- direkt neben dem Schloss noch ein Kir-
wohnern von Götschendorf spra- chenneubau mit einem knapp 30 Meter
chen, sollen im April 1945 als Vor- hohen Turm entstehen. Mit Protesten
austrupp zur Befreiung Templins durchs der Bevölkerung ist nicht zu rechnen. „Wir
Dorf gekommen sein. Später, zu DDR- sehen hier lieber einen Zwiebelturm als
Zeiten, blieben die Soldaten der Sowjet- ein Minarett“, sagt eine ältere Bewohnerin
FOTOS: CARSTEN KOALL

armee nahezu unsichtbar, „rollten nur auf der Dorfstraße und fügt hinzu: „Weih-
noch in ihren Panzern durch unsere nachten gehen wir dann auch wieder bei
Hauptstraße“, erinnert sich eine 82-jäh- denen beten.“
rige Bewohnerin, „unterwegs zu ihren Gegenwind war allenfalls von den pro-
Truppenübungsplätzen“. testantischen Pfarrern zu befürchten;
In diesem Frühjahr nun kommen wieder Mönch Irbits, Schloss Götschendorf schließlich sind die Evangelischen eher
Russen in das verschlafene 200-Seelen- Pilgerziel für 200 000 Orthodoxe skeptisch in Sachen Orthodoxie. Der EKD-
Nest, doch ihr Einzug wird wesentlich Ratsvorsitzende Wolfgang Huber betrach-
geräuschloser vonstattengehen. Der erste protokollarisch korrekt in einem Brief. Pu- tet die Annäherung zwischen Katholizis-
Vortrupp ist schon da. tin, der sich oft als betender Besucher or- mus und Orthodoxie mit Unbehagen. Er
Russisch-orthodoxe Mönche des Mos- thodoxer Gottesdienste zeigt, soll begeis- sieht in beiden Kirchen eine Tendenz, „die
kauer Patriarchats wollen in dem Flecken, tert gewesen sein und hat angeblich auch mit der Aufklärung nichts zu tun hat“.
etwa eine Autostunde nördlich von Ber- die deutsche Bundeskanzlerin Angela Mer- Doch die Bedenken des obersten Protes-
lin, ihr erstes Kloster im westlichen Euro- kel über die Baupläne informiert. Das her- tanten scheinen in der Uckermark wenig
pa gründen. 30 Mönche sollen noch im untergekommene Schloss wurde von der zu verfangen. Der Berliner Norbert Ku-
Laufe des Jahres ins Schloss Götschen- Berliner Diözese der russisch-orthodoxen chinke, 67, der lange als Journalist in Mos-
dorf am Kölpinsee einziehen – sofern Kirche des Moskauer Patriarchats für einen kau lebte, hat das Projekt „St. Georg“ von
die gründliche Renovierung des alten Euro vom Land Brandenburg erworben – deutscher Seite begleitet – und vorsorglich
Gemäuers und seiner Nebengebäude ter- mit der Verpflichtung, es im Gegenzug bei den Pfarrern in der Region geworben.
mingerecht vorankommt. vollständig zu renovieren. Schnell fand er einen Verbündeten mit
„Trotz seiner ländlichen Lage könnte Seitdem werden Spenden für die ge- Draht nach ganz oben: Horst Kasner, der
unser Klosterbetrieb ein Anziehungspunkt schätzten sieben Millionen Euro Gesamt- Vater von Angela Merkel. Er hatte – wie
mit erheblicher Bedeutung für ein neues kosten gesammelt. Und so wie sich für seine ehemaligen Pfarrkollegen rund um
deutsch-russisches Miteinander in Europa Schalke 04 mit Gasprom ein russischer Templin – keine Einwände.
werden“, erklärt der künftige Vorsteher Sponsor fand, so wurde auch ein Haupt- Mehr noch: Da Kasners Tochter ihre
des Klosters St. Georg, Prior Daniil Irbits, finanzier für das Kloster aufgetan – mit ei- Wochenenddatsche ganz in der Nähe des
etwas gestelzt. Der 31-Jährige stammt aus nem Unterschied allerdings: Er will noch künftigen Russen-Klosters hat, glauben
Riga und möchte mit seinen jungen Mön- nicht genannt werden. Der Putin-Freund, manche Götschendorfer, dass ihr verges-
chen durch „ora et labora“ (bete und ar- ein Stahlwerksbesitzer, der auch mit Thys- senes Kaff irgendwann doch noch in den
beite) Schloss, See und Park wieder zum senKrupp kooperiert, soll gleich mehrere Mittelpunkt der Weltpolitik geraten könn-
Leben erwecken. Allein für die rund Millionen bereitgestellt haben. Bei einem te. „Wer weiß“, meint eine alteingesessene
200 000 in Deutschland lebenden orthodo- Besuch vor Ort zeigte sich der fromme Rus- Landfrau des Ortes, „vielleicht trifft Merkel
xen Russen, sagt er, wäre eine Pilgerreise se begeistert von der Schorfheide-Land- sich ja noch eines Tages mit Putin hier bei
zum neuen Kloster beinahe Pflicht. schaft, die ihn an seine Heimat erinnere. uns im Schloss.“ Peter Wensierski

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 41
Szene

Was war da los,


Herr Etienne?
Der französische Forscher Jean-Louis
Etienne, 61, über eine geplatzte Expe-
dition

„Was Sie hinter mir sehen, das sind


die traurigen Reste meines Traums: ein
Propeller und die zerstörte Pilotenkan-
zel eines Luftschiffs. Im April wollte ich
mit dem ,Total Pole Airship‘ zu einer
Reise aufbrechen: einer Fahrt über den
Nordpol, um zusammen mit deutschen
Wissenschaftlern die Dicke des Eises zu
messen. In den vergangenen Wochen
hatten wir in Südfrankreich Übungs-
fahrten absolviert; nachts wurde das
Luftschiff an einem Pfahl festgemacht.
Doch jetzt riss frühmorgens ein Sturm
das Schiff aus der Verankerung, es trieb
gegen eine Lagerhalle und krachte ge-

LIONEL CIRONNEAU / AP
gen das Haus hier. Ob die Mission doch
noch irgendwie stattfinden kann, weiß
ich nicht: Das Luftschiff war eine Spe-
zialanfertigung.“ Etienne

U N T E R H A LT U N G sich mit F. K. Waechter, Marie Marcks, ARBEIT

Zack, bumm, boing Hände und Gefühle


Franziska Becker, Gerhard Seyfried
und Robert Gernhardt endlich eman-
zipierte von den übermächtigen ameri-

G erd ist ein prima Bursche, Typ ju-


gendlicher Detektiv, und mit seiner
heldenhaften Hilfe vermag die Polizei
kanischen Vorbildern – um schließlich
anzukommen (und sich zu verlieren)
in den mit rauschhaftem Strich gezeich-
M aterialbewußtsein“ heißt das Ka-
pitel, in dem Richard Sennett
eine der schönsten Geschichten seines
die Bösen zu schnappen: Schwarzhänd- neten Manga- und Fantasy-Welten der neuen Buchs erzählt: „Die Erzählung
ler, Fälscher von Lebensmittelkarten, Gegenwart. des Töpfers“, eine Kulturhistorie des
derlei Unholde eben. „Bumm macht Keramikerhandwerks, 4000 vor Chris-
das Rennen“, so hieß das erste kom- tus beginnend und so packend und
plette Comic-Heft eines deutschen bildhaft, wie man es nie zuvor gelesen
Autors, erschienen 1947, es kostete hat. Die Passage ist Teil der überaus le-
zwei Reichsmark und verkaufte sich für senswerten Abhandlung „Handwerk“,
damalige Verhältnisse sogar ziemlich dem ersten Band einer dreiteilig ge-
gut; man hatte Helden zu jener Zeit planten Reihe zu der Frage: Was macht
bitter nötig. Gerd und, etwas später, den Menschen aus? Wo findet er sein
der schräge Detektiv Nick Knatterton, Glück? Die Bände „Krieger und Pries-
Sigurd der Ritter, dann Lupo & Co. ter“ und „Der Fremde“ sollen folgen.
sowie die amüsanten Schwuletten des In „Handwerk“ gibt der in London
Ralf König – sie sind Thema einer jetzt und New York lehrende Soziologe ei-
eröffneten Ausstellung in der Deut- ne erste Antwort: die Verbindung von
schen Nationalbibliothek in Frankfurt Kopf und Hand, von Denken und sinn-
am Main: „Comics made in Germany“, licher Erfahrung. So entsteht eine
ein Rückblick auf 60 Jahre. Mehr als Welthaltung, die Sennett für erfüllend
KAUKA PROMEDIA, THOMASVILLE, GA

200 Exponate zeigt die Ausstellung, die hält, die Ethik, eine Arbeit „um ihrer
noch bis zum 24. Mai zu sehen ist, ein selbst willen gut zu machen“. In der
Zug durch die deutsche Geschichte, mit Tradition des Handwerklichen sei dies
zack, bumm, boing, mit Helden, Hun- menschheitsgeschichtlich begründet;
den und Knollennasen: der Aufbruch in der New Economy würde es abge-
aus Ruinen, die muffigen fünfziger schafft – wovor Sennett warnt.
und uninteressanten frühen sechziger
Jahre, dann die Befreiung, als die Richard Sennett: „Handwerk“. Berlin Verlag, Berlin;
deutsche Comic- und Zeichenkunst Deutscher Comic (1967) 432 Seiten; 22 Euro.

42 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Gesellschaft
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE zur Lasagne gibt es hier Pommes. In
England ist es Abend, halb neun.

Hilfe!
Thompson auf seinem Segler ist wie-
der bei Sinnen, er will sich bewegen,
aber ein schriller Schmerz dröhnt durch
seine Hüfte. Sein Becken fühlt sich ge-
Warum ein Hochseesegler seine Stammkneipe anrief brochen an. Rechts und links, vorn und
hinten ist nichts als Wasser. Bis zur

I
m Bull’s Head war alles wie üblich, versagte der Autopilot. Thompson nächsten Küste, den Bermuda-Inseln,
als Alan Thompson es hinter sich konnte nur noch für ein paar Momente sind es 690 Seemeilen. Der Autopilot ist
zurückließ, eigentlich sind die Aben- auf der Bank hinterm Steuerrad ein- kaputt. „Ich war irgendwie ein bisschen
de dort sowieso immer gleich. Roger Po- nicken. Aber jetzt, endlich, ist das Wet- beunruhigt“, wird er später sagen.
cock, der Wirt, pfeift vor sich hin. David ter bestens. Es ist halb fünf am Nach- SOS zu funken wäre übertrieben, fin-
von gegenüber, den sie hier aus nahelie- mittag. Die Segel sind gesetzt. Die „Pa- det Thompson. Er mag kein Tamtam.
genden Gründen Guinness-Dave nen- dolu“ liegt gut im Wind. Aber wer könnte ihm helfen? Sein einer
nen, hockt an der Bar und schlürft den Thompson zählt die Meilen bis nach Sohn ist blind, der andere wohl unter-
Schaum vom Glas. Thompson trinkt Hause, nach Chichester. Er liebt diesen wegs. Von seiner Frau ist Thompson ge-
London Pride. Sie sagen nicht viel. Sie kleinen Ort am Meer, in dem er seit 30 schieden. Er versucht sich zu konzen-
könnten über das Wetter reden oder Jahren wohnt. Hier hat er als Statistiker trieren, der Schmerz dröhnt, der Kopf
Fußball oder Frauen. Aber wenn die für die Verwaltung gearbeitet und jede funktioniert auf Autopilot. Er mag Män-
Männer im Bull’s Head keine ner, die nicht viel reden, son-
gute Geschichte zu erzählen dern wissen, was sie tun. Er
haben, dann halten sie lieber greift zu seinem Satelliten-
den Mund. telefon und wählt: Groß-
Thompson hatte damals, britannien, Chichester, dann
bevor er aufbrach, noch einen 83989 … Etwa 65 Grad weiter
Traum und 50 000 britische östlich klingelt ein Telefon.
Pfund mehr auf dem Konto, Am anderen Ende ist Ro-
und vom Bull’s Head hatte ger Pocock, der Wirt vom
außerhalb von Chichester Bull’s Head. Thompson sagt,
kaum jemand was gehört. er habe ein Problem. Roger
Der Tag, an dem das Bull’s fragt nicht, warum Alan nicht
Head berühmt wurde, be- SOS funkt. Alan braucht
gann mit Sonnenschein. Hilfe. Roger telefoniert. „Da
Der 12. Januar, ein Sams- war ich wirklich ein biss-
tag. Neujahr war Thompson chen beunruhigt“, wird er
zum letzten Mal über festen später sagen.
KATE SHEMILT

Boden gelaufen, in George- Sechs Stunden später sieht


town, South Carolina. Er hat- Alan Thompson die „Ac-
te die „Padolu“, sein neues tion“ am Horizont, einen tür-
Segelschiff, startklar gemacht. Thompson, Pocock im Bull’s Head kischen Tanker, der ihn auf-
50 000 Pfund, 67 000 Euro, nehmen soll. Es ist stock-
hatte ihn das Boot gekostet. Ein guter dunkel, die Wellen sind über zwei Me-
Preis, um einiges billiger als in Europa. ter hoch. Dann knallt es, die „Action“
Er hatte Salat, Konservenbüchsen rumst gegen die Segelyacht, reißt an den
und Trockennahrung gekauft. Genug für Tauen. Der Mast droht auf Thompson
vier bis fünf Wochen. So lange würde zu stürzen.
er brauchen, um die „Padolu“ von den Die „Action“ nimmt Thompson mit
USA nach Hause, nach Chichester im in die USA. Er kommt ins Krankenhaus.
Süden Englands, zu bringen. Thompson Aus der „Hannoverschen Allgemeinen“ Sein Becken ist nicht gebrochen, ein
ist ein guter Segler, zehn Jahre lang Nerv ist unglücklich eingeklemmt.
hatte er eine Segelschule, zweimal hat er freie Minute auf dem Wasser verbracht. Drei Tage später sitzt Thompson wie-
den Atlantik überquert. Jetzt will er sich Er hat gern seine Nase im Wind. der im Pub und trinkt London Pride.
noch einmal einen Traum erfüllen: eine Thompson geht jetzt die Stufen zum Er und das Bull’s Head stehen in allen
eigene Yacht, auf der er den Leuten das Cockpit hoch. Da knallt es dumpf. Er Zeitungen. Thompson ist das egal.
Segeln beibringen kann. Alan Thomp- bekommt einen Schlag. Irgendetwas hat Er vermisst seine „Padolu“, die ir-
son ist 61 Jahre alt. Die Reise sollte sein das Boot gerammt. Rückwärts kracht gendwo auf dem Atlantik zwischen den
letzter großer Törn werden. er die Treppe runter, schlägt mit dem Wellen schippert. Sie ist nicht versi-
Nun, elf Tage nach Neujahr, sitzt Becken auf die Tischkante. Dann ist al- chert. Sie schwamm noch, als er sie ver-
Thompson unter Deck und isst die letz- les ruhig, mitten auf dem Atlantik. ließ. Aber man kann sie nicht orten.
ten Reste des Salats. Seit er losgesegelt Die „Padolu“ schippert vor sich hin. Vielleicht wird sie von einem Fischer-
ist, hat er kaum geschlafen. Erst war er 2190 Seemeilen weiter nordöstlich ist boot entdeckt. Falls sie in den Golf-
in einen Sturm geraten. Sechs Meter das Bull’s Head nun proppenvoll. Es ist strom gerät, könnte sie vielleicht sogar
hohe Wellen klatschten gegen das Pla- das Pub der Einheimischen. Sie mögen nach England driften. Ganz vielleicht.
nendach über seinem Cockpit. Dann das Bier und das frittierte Essen. Selbst Irgendwann. Nicole Basel

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 43
Gesellschaft

UNTERNEHMER

Der Eierkrieg
Ein deutscher Gebrauchtwagenhändler zog als erster europäischer Privatinvestor in die frühere
Sowjetrepublik Turkmenistan, um eine Hühnerfarm zu bauen. Seit er Erfolg hat, will die
Regierung ihn zwingen, sie am Geschäft zu beteiligen – mit bizarren Methoden. Von Hauke Goos

D
ie Maschine, die zu Adem Dogans
wichtigster Waffe geworden ist,
steht in einem Flachbau, am Rand
von Aschgabad, der Hauptstadt Turkme-
nistans. Es ist eine Eiersortiermaschine,
eine deutsche „Mopack 55“. „Nicht in die
laufende Maschine greifen“, warnt ein Auf-
kleber, „Quetschgefahr“.
Dogan, schwarzes Haar, dichter schwar-
zer Schnurrbart, läuft über das Gelände
seiner Farm, er will seinen Plan erläutern.
Der 46-Jährige ist Hühnerzüchter, gemein-
sam mit einem Partner gehört ihm die
größte Geflügelfarm Turkmenistans. Sie
liegt in einer Ebene, ein paar hundert Me-
ter von der Straße entfernt, die Aschgabad
mit dem Kaspischen Meer verbindet. Im
Osten schimmern die marmorweißen Neu-
bauten der Hauptstadt, im Süden beginnt,
hinter kahlen Bergen, Iran.
1998 kam Dogan aus Deutschland nach
Turkmenistan, er war damals der erste
europäische Privatinvestor in dem zentral-
asiatischen Land. Es ist gut möglich, dass er
auf lange Zeit der einzige bleibt.
Dogan hasst es zu scheitern. Irgendwann
kam er deshalb auf die Idee mit der Eier-
sortiermaschine. Normalerweise ist es ihr
Job, Eier so in Eierpappen abzusetzen,
dass keines zu Bruch geht. Jetzt soll ihm
die Maschine helfen, die Regierung Turk-
menistans in die Krise zu stürzen.
Er ist nun vor der Halle angekommen,
in der die Eiersortiermaschine arbeitet.
Dogan öffnet die Tür, schlüpft hinein und
sieht zu, wie die Eier auf einem Förder-
band aus den angrenzenden Hallen her-
anruckeln: ein dichter, nie abreißender
weißer Strom.
Im Innern der Maschine werden die Eier
von kleinen Greifern gepackt, auf die an-
dere Seite getragen und dort behutsam in
graue Eierpappen abgelegt: sechs Stück in
jede Reihe, fünf Reihen pro Pappe, 20 000
Eier pro Stunde.
Normalerweise werden die gefüllten
Pappen gesammelt, auf Lastwagen geladen
und so schnell wie möglich im ganzen
HAUKE GOOS / DER SPIEGEL

Land verkauft, an Kleinhändler, Super-


märkte oder Hotels. Seit ein paar Tagen,
sagt Dogan, lasse er die Pappen nicht mehr
ausliefern, sondern in diesem Lagerraum
stapeln. 30 Eier pro Pappe, 20 Pappen pro
Stapel, 15 Stapel pro Reihe, 20 Reihen auf
jeder Seite des schmalen Gangs. Hühnerzüchter Dogan, Eiersortiermaschine: „Bruder, wir müssen was machen“

44 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Dogan lächelt. Vier, fünf, vielleicht Der Präsident reist nach Brüssel, und Wenn die Regierung Turkmenistans
sechs Tage lang werde er keine Eier mehr sein Volk hat keine Eier. auch durch einen Eierboykott nicht zu
verkaufen. Nicht in Aschgabad, nicht in Etwa 350 000 Eier stapeln sich bereits in beeindrucken ist, dann war alles umsonst:
den umliegenden Städten und Dörfern. diesem Raum, weitere 300 000 in einem die Millionen, die Dogan in den vergan-
Nicht ein einziges Ei. zweiten. Und jeden Tag, sagt Dogan, kä- genen zehn Jahren in die Farm investiert
Der Präsident Turkmenistans, so hatte men 150 000 dazu. Es ist ein Versuch. „Da- hat, die endlosen Wochen fern von der
Hühnerzüchter Dogan erfahren, würde mit die Idioten begreifen, wie wichtig un- Familie, die ganze Arbeit. Und der per-
nach Brüssel reisen. Es sollte um irgend- ser Unternehmen für Turkmenistan ist.“ sönliche Einsatz all derer, die Dogan im
welche Projekte gehen, offenbar hatte sich Es kann sein, dass es Dogans letzter Ver- Lauf der Jahre in seinen Kampf hinein-
der Präsident mit beinahe jedem ver- such ist. Die Regierung will seine Existenz gezogen hat: Bundestagsabgeordnete, Di-
abredet, der in der EU etwas zu sagen vernichten, so sieht es jedenfalls aus. Wenn plomaten, Staatssekretäre, Minister.
hat. Dogan beschloss, etwas Druck zu er scheitere, sagt Dogan, dann sei das auch Dann wäre endgültig bewiesen, dass die
machen. ein europäisches Scheitern. Idee, ausgerechnet in Turkmenistan den
westlichen Kapitalismus einzuführen, ein
Fehler war.
Es gibt Menschen, die halten Adem
Dogan für einen Träumer. Wie konnte er
glauben, ausgerechnet in Zentralasien eine
private Hühnerfarm errichten zu können –
in einer ehemaligen Sowjetrepublik, abge-
stumpft durch mehr als 70 Jahre Kommu-
nismus, zermürbt durch Klüngelei, Miss-
wirtschaft und Korruption?
Dogan ruft seinen Fahrer herbei, mit
dem Mercedes geht es zu seinem Büro im
Zentrum Aschgabads. Er schiebt eine CD
in den Player und lässt sich aufs Sofa fallen.
1998, als er nach Aschgabad kam, hat Do-
gan einen Film drehen lassen. Er will jetzt
zeigen, was in einem Land wie Turkme-
nistan möglich ist.
Die Idee mit den Eiern sei ihm bei einer
Hochzeit gekommen, sagt Dogan. Ein
Geschäftsfreund hatte ihn nach Aschgabad
eingeladen, drei Tage lang feierten sie bei
Schaschlik, Wodka und Musik.
„Bruder, wir müssen was machen“, rief
ihm der turkmenische Freund irgendwann
zu. Dogan, deutscher Staatsbürger mit tür-
kischem Geburtsort, besitzt in Leverkusen
ein Autohaus, die Geschäfte liefen gut.
„Was kann man hier machen?“, fragte er.
Hör zu, sagte der Geschäftsfreund. Es
geht um Eier. Turkmenistan braucht Eier.
Viele Eier. Die Leute hier essen Eier zum
Frühstück, zu Mittag, am Abend. Bisher
wurden die Eier für Turkmenistan aus Iran
importiert. Was hältst du davon, wenn wir
in den Eierhandel einsteigen?
Am folgenden Tag zogen Dogan und
sein Freund über die Märkte von Asch-
gabad. Sie erfragten Angebot und Bedarf,
prüften Frische und Qualität, verglichen
Preise.
Dogan hatte keine Ahnung von Eiern, er
hatte noch nie zuvor etwas mit Hühnern zu
tun gehabt. Er wusste auch nicht viel über
Turkmenistan. Das Land wurde damals von
Saparmurad Nijasow regiert, Dogan hatte
sein Porträt überall in der Stadt gesehen.
Nijasow war lange Chef der kommunis-
tischen Partei gewesen, 1991 hatte er Turk-
menistan in die Unabhängigkeit geführt.
Nijasow hatte viele Einfälle, die ihn weit
über Turkmenistan hinaus bekannt mach-
DER SPIEGEL

ten. Er ließ sich von seinen Untertanen


„Turkmenbaschi“ nennen, „Vater aller
Turkmenen“, und benannte unter ande-
Nijasow-Denkmal (in Aschgabad): „Diamantenkranz des Volkes“ rem einen Meteoriten, eine Meeresbucht
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 45
DER SPIEGEL
Turkmenische Hauptstadt Aschgabad: Zermürbt durch Klüngelei, Misswirtschaft und Korruption

und eine Melonensorte nach sich. Er ver- träumte von einer Zukunft in Deutschland. zu sprechen, die es noch gar nicht gab,
bot Oper, Ballett und Zirkus, dazu Bärte, Für ein paar Mark mehr am Tag wechsel- sagt er heute, wäre ihm peinlich gewesen.
lange Haare, ausländische Zeitungen und te er zu einem Automobilzulieferer nach Dogan wollte durch Leistung überzeugen.
das Rauchen in der Öffentlichkeit. Leverkusen, und irgendwann fing er an, Möglich, dass dies sein erster Fehler war.
Andererseits brachte Dogan in Erfah- mit gebrauchten Autos zu handeln. Eines Im Frühjahr 2000 begannen sie auf der
rung, dass Turkmenistan und Deutschland Tages besaß er sein eigenes Autohaus. Farm mit der Produktion, zunächst mit
kurz zuvor einen Vertrag unterzeichnet Dogan war deutsch geworden, eine Art 100 000 Hühnern. Sie kauften die Hennen
hatten, der Investitionen in der ehemaligen Musterdeutscher, fleißig, sparsam, der sein in Iran, transportierten sie über die Gren-
Sowjetrepublik schützen sollte. eigenes kleines Wirtschaftswunder erlebte. ze und setzten sie in die Legebatterien. Ein
„Einverstanden“, sagte er. „Wir ma- In Turkmenistan wollte Dogan vor al- Käfighuhn legt im Jahr rund 300 Eier, mit
chen’s.“ Dogan und sein Partner handelten lem ein guter Investor sein, ein zuverlässi- jedem Ei machten sie etwa vier Cent Ge-
mit dem Landwirtschaftsmi- ger und korrekter Botschaf- winn. Bald besaßen sie 200 000 Hühner.
nisterium einen Pachtver- ter seiner neuen Heimat. Der Eierhandel schien ein verdammt lu-
trag für eine ehemalige Eier- Lange Zeit glaubte er, dass kratives Geschäft zu sein.
kolchose aus Sowjetzeiten „Was haben es reiche, dabei keine Feh- Dogan begann zu träumen. Brauchten
aus, halb zerfallen, insge- ler zu machen. Es kann sein, nicht auch die Kasachen Eier? Und die
samt neun Baracken auf Ihre Hände in dass das in einem Land wie Usbeken? Und die Tadschiken? Adem
20 Hektar. Sie beseitigten meinen Taschen Turkmenistan der falsche Dogan, Eierkönig von Zentralasien. Alles
das Unkraut, renovierten die Ansatz war. sah plötzlich ganz einfach aus.
Ställe, legten Wasserleitun- zu suchen?“ Vielleicht, sagte man ihm Mitte 2002 wurden die Nutzungsrechte
gen und bauten Straßen, sie später, hätten sie gleich am für das Gelände, auf dem Dogans Farm
pflanzten Bäume und, ganz Anfang mit ihren Plänen steht, an das Militär übertragen. Kurz dar-
zum Schluss, Blumen. Es zum Präsidenten gehen sol- auf meldete sich der damalige Parlaments-
war, jedenfalls aus Dogans Sicht, eine Art len. Ihn um Rat bitten, wenigstens seine präsident bei Dogans Partner: Er wolle ei-
Paradies. Meinung einholen. Nijasow trug den Eh- nen Vorschlag machen. Wie wäre es, wenn
Dogan nahm Kredite auf und kaufte die rentitel „Diamantenkranz des Volkes“. In die beiden das Verteidigungsministerium
notwendigen Geräte und Maschinen, für Aschgabad steht noch immer seine vergol- an ihrer Hühnerfarm beteiligten? Zunächst
insgesamt rund 4,8 Millionen Dollar. dete, zwölf Meter hohe Statue auf einer zur Hälfte; nach zwei Jahren solle die
„Hochtechnologie, alles nach deutscher riesigen Säule; die Statue dreht sich mit Farm dann zu 100 Prozent dem Militär
Norm“, sagt er stolz. der Sonne, damit nie ein Schatten auf das gehören.
Adem Dogan war 15, als ihn sein Vater Gesicht fällt. Vielleicht hätte es Nijasow Dogan war gerade in Deutschland, er
nach Deutschland holte, aus einem Dorf in gefallen, in Dogans Pläne eingeweiht zu flog sofort nach Aschgabad. „Ich gebe
der Zentraltürkei. Er arbeitete in einer werden. nicht einmal ein Prozent unserer Firma
Bananenreiferei und später in einer Dosen- Aber Dogan ging nicht zu Nijasow. Mit weg“, sagte er seinem Partner. „Warum
fabrik, er schleppte Zementsäcke und dem Präsidenten über eine Hühnerfarm sollen wir andere Leute beteiligen?“
46 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Gesellschaft

Wenn sie seinem Vorschlag bis zum bot, das sie urbar machen sollten, weitere menistan einzuführen, die er dann aus-
21. Dezember 2002 nicht Folge leisteten, 560 Hektar. Vier Unterschriften waren für brüten ließ. Dafür allerdings brauchte er
ließ der Parlamentspräsident ausrichten, einen Pachtvertrag erforderlich, drei hatten Platz; bevor die jungen Hühner selber Eier
werde er die Farm von Soldaten umstellen sie schnell zusammen: Kreis, Distrikt und legen, müssen sie dreieinhalb Monate lang
und ihre Besitzer enteignen lassen. Provinz stimmten zu. gefüttert werden.
Dogan begann, nach Verbündeten Aus- Die vierte Unterschrift fehlte. Es han- 2005 hatte Dogan deshalb mit dem
schau zu halten. Er kannte einen Bundes- delte sich um die Zustimmung des Minis- Verteidigungsministerium einen weiteren
tagsabgeordneten aus Leverkusen, der je- terkabinetts, aber da die Erntezeit nahte, Pachtvertrag abgeschlossen, über elf zu-
manden im Berliner Wirtschaftsministerium drängte man sie zur Eile: Sie sollten schon sätzliche Gebäude auf einem Gelände, das
kannte, jemanden an wichtiger Stelle. mal anfangen, die Unterschrift sei reine unmittelbar an seine Eierfarm grenzte. Er
Neun Tage vor Ablauf des Ultimatums Formsache. erneuerte die Gebäude und ließ Heizungen
wandte sich der damalige Wirtschaftsminis- Dogan und sein Partner machten sich und Wasserspender für die Küken einbau-
ter Wolfgang Clement mit einem Brief an an die Arbeit. Auf dem Film ist jetzt ein en. Irgendwann, hoffte er, würde er nicht
den Präsidenten. Mähdrescher zu sehen, der sich durch nur Eier, sondern auch Hühnerfleisch ver-
Der turkmenische Vorschlag laufe „auf ein dichtes Weizenfeld frisst, an seinem kaufen können.
eine Enteignung des deutschen Investors Führerhaus flattert die turkmenische Jetzt, nach dem Urteil gegen seinen
hinaus“, schrieb der deutsche Minister. Flagge. Sie erkannten nicht, dass das Partner, kündigte das Ministerium den
Gleichzeitig warnte er vor den Folgen: Eine Ackerland ein Köder war, dass die Re- Vertrag wieder. Das Militär brauche die
Enteignung würde „in der deutschen und gierung mit diesem Angebot eine Falle Gebäude selbst, hieß es. Dogan bat noch
der internationalen Wirtschaftsöffentlich- aufstellte. einmal die Bundesregierung um Hilfe.
keit erhebliche Beunruhigung auslösen“ Im Sommer 2006 wurde Dogans Partner Anfang November 2006 reiste Außen-
und potentielle Investoren von einem En- verhaftet. Die Anklage lautete auf „illega- minister Frank-Walter Steinmeier nach
gagement in Turkmenistan abhalten. len Landerwerb“, vermutlich die Rache für Aschgabad, es ging um eine neue Zen-
Am 21. Dezember 2002 fuhr Dogan mor-
gens zu seiner Farm hinaus. Er wartete ein
paar Stunden. Nichts passierte. Adem Do-
gan hatte einen Kampf gegen die Regie-
rung gewonnen. Aber er ahnte, dass er sich
mächtige Feinde gemacht hatte.
Zwei Jahre arbeiteten sie nahezu unge-
stört. Dann kündigte das Verteidigungs-
ministerium an, den Pachtvertrag aufzu-
heben. Außerdem wolle man sich erneut
an der Farm beteiligen. Wieder lehnte Do-
gan ab: „Was haben Ihre Hände in meinen
Taschen zu suchen?“
Noch einmal schaltete sich das deutsche
Wirtschaftsministerium ein. Die Bundes-
regierung drohte damit, die Wirtschaftsbe-
ziehungen zu Turkmenistan einzufrieren,
die EU-Kommission erwog Sanktionen.
Ein Gebrauchtwagenhändler aus Lever-
kusen-Opladen, dessen Hühnerfarm eine

DER SPIEGEL
diplomatische Krise zu verursachen droh-
te, der das halbe Kabinett Turkmenistans
beschäftigte, um den sich der deutsche Au-
ßenminister persönlich kümmerte und nun Markt in Aschgabad: Brauchten nicht auch die Kasachen Eier und die Tadschiken?
auch die EU – der Westen hielt zu Dogan.
Es ging ums Prinzip. die Demütigung, die die Regierung zwei- tralasien-Strategie für die Europäische
Ein zweites Mal gab die turkmenische mal hatte hinnehmen müssen. Union, aber es ging auch um Adem Do-
Regierung nach, aber es war nur ein Auf- Dogan blieb verschont; wahrscheinlich gan. Weil der für Handelsfragen bis da-
schub, keine Lösung. schützte ihn sein deutscher Pass. Sein Part- hin zuständige Vizepremier mittlerweile
„Eine Hühnerfarm, die expandieren ner aber, dessen Bruder und der Vater der in Untersuchungshaft saß, sprach Stein-
will, muss ihr eigenes Futter produzieren“, beiden wurden zu jeweils vier Jahren Ge- meier den Fall Dogan direkt beim Prä-
sagt Dogan. Auf dem Bildschirm erscheint fängnis verurteilt, weit über den Straf- sidenten an.
ein Feld, eine weite Brache, bestanden rahmen hinaus. Sie sollten umgerechnet Auch Clements Nachfolger im Wirt-
von mannshohem Unkraut, überall liegen 110 000 Dollar Strafe zahlen, die gesamte schaftsministerium, Michael Glos, schrieb
Steine. Ernte, etwa 1800 Tonnen Weizen, wurde noch einmal einen Brief an den Präsiden-
Das turkmenische Landwirtschaftsminis- beschlagnahmt. Außerdem sollten sie alle ten. Er bat ihn, seinen Einfluss geltend zu
terium hatte Dogan und seinem Partner landwirtschaftlichen Geräte der Hühner- machen, er warnte und warb zugleich für
2004 Ackerland angeboten, insgesamt 550 futterfarm abgeben, geschätzter Wert: eine „tragfähige Lösung“.
Hektar. Der Boden war schlecht: viel zu 700 000 Dollar. Drei Tage vor Heiligabend 2006 starb
viel Salz, viel zu wenige Mineralien. Dogan Die Falle war zugeschnappt. Präsident Nijasow. Dogan war gerade bei
und sein Partner kauften gebrauchte Bag- Und dieses Mal machte die turkmeni- Gericht; gegen Mitternacht rief ihn ein
ger und Traktoren, stellten 50 Leute ein, sche Regierung offenbar Ernst. Im Jahr Freund aus Deutschland an: „Herzlichen
dann ließen sie Gräben ziehen, um die 2004 hatte sie bereits ein Importverbot Glückwunsch“, sagte er. „Der Präsident
Erde zu entsalzen, insgesamt 48 Kilometer. für Lebendgeflügel erlassen. Weil Dogan ist tot.“
Sie waren so erfolgreich, dass ihnen der keine Hühner mehr in Iran kaufen konnte, Zum Nachfolger wurde Nijasows lang-
Gouverneur ein zweites Stück Land an- verlegte er sich darauf, Eier nach Turk- jähriger Leibarzt bestimmt. Dogan schöpf-
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 47
Gesellschaft

mor, an kleinen Parks und Springbrunnen


und am Stadion, das aus irgendwelchen
Gründen Olympiastadion heißt. Vor den
Regierungsgebäuden knien Frauen auf der
Straße und säubern die Rinnsteine mit nas-
sen Tüchern.
Nach ungefähr einer Stunde Autofahrt
lässt Dogan auf einem Feldweg anhalten,
an einem sandigen Platz, der einmal das
Depot seiner Arbeiter war. In der Mitte
eine Baracke, sie ist umgeben von ein paar
Schleppern und Traktoren, die einmal Do-
gan gehört haben. Überall liegen Teile her-
um, Schrauben, Federn, Zahnräder, Schläu-
che, auf einem Reifen lagert ein komplet-
ter Motor. Es riecht nach Öl und trocke-

LANGBEHN / ACTION PRESS


nem Gummi.
Nachdem das Gericht sein Urteil gespro-
chen hatte, tauchten eines Tages Abge-
sandte der verschiedenen Ministerien hier
draußen auf und verteilten untereinander,
was sie gebrauchen konnten.
Präsident Nijasow, Minister Steinmeier: Kann man mit Deutschland alles machen? Auf der Fahrt zurück nach Aschgabad
entdeckt Dogan plötzlich auf einer Ne-
te wieder Hoffnung. Vielleicht, dachte er, soll. Kann man mit Deutschland alles benstraße einen gelben Traktor.
sei das Rachebedürfnis der Regierung machen?“ „Sehen Sie“, ruft er, „eine unserer Ma-
durch das harte Urteil gegen seinen Partner Dogan klettert gerade über die Trüm- schinen!“
gestillt. Vielleicht zeigten die wiederhol- mer seiner Hühnerställe, als plötzlich zwei Dogan kämpft, aber es sind Rückzugs-
ten Proteste der deutschen Regierung end- Soldaten auftauchen. Sie nähern sich bis gefechte. Sein Plan, die Regierung mit sei-
lich Wirkung. Vielleicht kam der neue Prä- auf 50 Meter, dann bleiben sie stehen. Do- nem Lieferboykott unter Druck zu setzen,
sident auch zu der Einsicht, dass es Wich- gan geht auf die beiden zu. ist ins Leere gelaufen. Der turkmenische
tigeres gebe, als ihn und seine Hühnerfarm „Was habt ihr hier gemacht?“, fragt er Präsident war in Brüssel und hat seinen
zu schikanieren. den einen, im Rang eines Majors, und EU-Gesprächspartnern versichert, das Pro-
Im Juni kaufte Dogan in Deutschland zeigt auf das abgedeckte Dach seines Ge- blem Dogan sei gelöst. In Aschgabad ging
eine gebrauchte Brutanlage, die neuen bäudes. unterdessen die Zerstörung der Stallge-
Stallgebäude für die Nachzucht waren fer- „Wir haben nur unseren Befehl ausge- bäude zügig voran. Dogan hielt noch ein
tig. Im August begannen Soldaten, die führt.“ paar Tage seine Eier zurück, dann fing er
Mauer, die Dogan zur benachbarten Ka- „Wessen Befehl?“, will Dogan wissen. wieder an zu liefern. Es machte keinen Un-
serne hin hatte errichten lassen, wieder „Das muss ein Hurensohn sein, der solche terschied.
einzureißen. Befehle gibt.“ Als kurz vor Weihnachten ein Staatsse-
Dogan will zeigen, wie „Ich bin nur Soldat“, ant- kretär vom Auswärtigen Amt Aschgabad
weit die Soldaten inzwi- wortet der Major. besuchte und Dogans Probleme beim Prä-
schen mit der Zerstörung „Und warum werden die sidenten vortrug, bekam der einen Wut-
vorangeschritten sind. Er „Herzlichen Ställe abgerissen?“ anfall. Er wolle von der Hühnerfarm nichts
fährt zur Hühnerfarm hin- „Es gibt einen Präsiden- mehr hören, rief er, die Deutschen sollten
aus. Glückwunsch! tenbeschluss“, sagt der Ma- ihn nie wieder darauf ansprechen.
Er geht hinüber zu den Der Präsident jor. „Als Soldat muss ich Vor acht Wochen hat die Regierung Do-
elf Gebäuden, die er für die tun, was man mir sagt.“ gan das Gas abgedreht. Er ist auf Gas an-
Erweiterung gepachtet hat- ist tot.“ Dogans Zukunft in Turk- gewiesen, seine Hühner brauchen kon-
te. Vier Ställe, jeder 98 Me- menistan war nach dem stante Temperaturen von etwa 20 Grad
ter lang, sind inzwischen Amtsantritt des neuen Präsi- Celsius. Der Strom immerhin fließt noch.
fast vollständig abgerissen, denten ungewisser als je zu- Noch legen die Hühner.
beim fünften haben Soldaten gerade da- vor geworden; fast sah es so aus, als spiele Immer häufiger fliegt Dogan jetzt ins
mit begonnen, das Dach abzudecken. die Regierung ein Spiel mit ihm. benachbarte Usbekistan, wie Turkmeni-
Er steht im weichen Spätnachmittagslicht, Als Javier Solana, der Außenbeauftrag- stan eine frühere Sowjetrepublik. Vor ein
die Hände vor dem Bauch verschränkt, hin- te der EU, im Oktober 2007 nach Turkme- paar Monaten hat er dort gemeinsam mit
ter ihm, etwa 150 Meter entfernt, hocken nistan reiste, erklärte auch er sich bereit, einem usbekischen Partner eine ehemali-
die Soldaten auf dem Dachstuhl und ma- Dogans Sache beim neuen Präsidenten ge sowjetische Eierfarm gekauft, sie ist
chen Pause. vorzutragen. noch größer als die in Aschgabad. Sie ha-
„Sie haben mit einem kleinen Stück an- „Everything is okay“, sagte Solana hin- ben investiert, sie renovieren, alles läuft
gefangen. Dann haben sie gewartet. Wel- terher zu Dogan. Am nächsten Tag wurde nach Plan.
che Reaktion kommt jetzt? Wie reagiert Dogans Partner aus dem Gefängnis frei- Auch von diesem Besuch gibt es einen
die deutsche Bundesregierung? Als keine gelassen. Film, Dogans Frau hat ihn gedreht. Man
Reaktion kam, haben sie weitergemacht. Als Solana abgereist war, machten die sieht darauf, wie Dogan die Kolchose be-
Jetzt gehen sie an das erste Haus, in dem Soldaten mit dem Abriss weiter. sichtigt, er geht durch zerfallene Ställe,
Geräte sind. Sie haben das Dach entfernt. Das Ackerland, das seinem Partner zum über leere Flure, über einen Hof, auf dem
Ich bin deutscher Staatsbürger, ich zahle Verhängnis wurde, liegt brach. Die Fahrt sich der Müll stapelt.
meine Steuern in Deutschland. Es gibt dorthin durch Aschgabad geht vorbei an Ende März, sagt er, wollen sie mit der
einen Vertrag, der Investitionen schützen riesigen Hotels und Wohnhäusern aus Mar- Produktion beginnen. ™
48 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Gesellschaft

Clements Mini-Jobs
Ortstermin: Als Gastprofessor in Duisburg zeigt der ehemalige
Superminister, wie weit er sich von der SPD entfernt hat.

P
rofessor Korte nimmt Haltung an. „Ich habe Schwierigkeiten, mich selbst Aufsichtsräten. Unter anderem beim Ge-
„Hiermit, lieber Wolfgang Clement, und das, was ich in der Vergangenheit ge- bäudedienstleister Dussmann, der Landau
verleihe ich Ihnen die Gastprofes- macht habe, zu analysieren. Ich schaue sel- Media, dem DuMont Verlag. Außerdem ist
sur für Politikmanagement an der NRW ten zurück.“ Wolfgang Clement hat gerade er Vorsitzender des Adecco Instituts, das
School of Governance der Universität angefangen zu sprechen. Der Vortrag, den vom weltgrößten Zeitarbeitskonzern finan-
Duisburg-Essen.“ Der Professor versucht er halten soll, heißt: „Regieren in Düssel- ziert wird. Zudem Senior Adviser bei der
ein bisschen feierlich zu klingen, das ist dorf und Berlin – am Beispiel der Be- Citigroup Deutschland. Das sind viele Pos-
nicht leicht in Hörsaal MD 162. Linoleum, schäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik“. Er ten. Viele Ämter. Viele Überweisungen.
helle Holzverkleidung rechts, Hallenbad- hat eine Stunde. Als Clement beginnt, Man kommt leicht durcheinander.
Fensterfront links, steil abfallende Sitzrei- klopfen ein paar Jugendliche von außen Clement wird in der Stunde vieles an-
hen, bekritzelte Klapptische, darauf Kör- an die Fensterfront. Sie halten Zettel nach sprechen. Er wird Margaret Thatcher lo-
peröffnungslyrik. innen: „Atomlobbyisten sind Mörder“. ben, eine größere Verquickung von Wirt-
Außerdem klingt Gastprofessor nicht Clement ist unter anderem im Aufsichtsrat schaft und Schule fordern sowie mehr
besonders beeindruckend. Ein wenig nach der RWE Power, einer Tochter des Ener- Atomkraftwerke. Er wird den Mindestlohn
Aushilfe, nach Mini-Job, nur ein bisschen giekonzerns RWE. Kurz vor der Landtags- ablehnen, das längere Arbeitslosengeld I
schlau. Genaugenommen könnte die Uni wahl hatte er die Hessen aufgerufen, sich kritisieren und gegen die generelle Fest-
jeden zum Gastprofessor er- legung auf irgendein Ren-
nennen. Der Titel ist flexibel. teneintrittsalter eintreten.
Er ist wie Meister der Her- Westerwelle, Hundt, Acker-
zen. Oder King of Love. Pro- mann, sie könnten jetzt das
fessor Korte gibt sich Mühe. Mikrofon übernehmen, und
Er hat eine Urkunde vor- bis auf die Stimme bliebe al-
bereitet – und einen kleinen les gleich.
Präsentkorb: Wildblütenho- Im Publikum sitzen nicht
nig, Tee, eine Krawatte mit nur Studenten. Ein paar äl-
der Aufschrift „Universität tere Damen mit Hut sind
Duisburg-Essen“ und ein auch gekommen. Sie schauen
Beutel, auf dem steht: „Duis- sich an. Vielleicht ist es nicht
burger Ruhrkohle, die Spe- verwunderlich, dass manche
zialität Ihrer Konditorei Dob- Menschen das Gefühl haben,
FOTOS: PASCAL AMOS REST

belstein“. Der Professor nicht mehr mitzukommen


nickt Clement zu, der nach bei der SPD. Clement klingt
vorn kommt, die Urkunde wie Westerwelle. Beck wie
anschaut, dann den Korb Gysi. Gabriel wie Trittin.
und sagt: „Hätt’ ich mir ja Vielleicht wollen sich die
nicht träumen lassen. Eine Menschen ja festlegen, nur
Gastprofessur. Und eine Kra- Dozent Clement: „Ich habe Schwierigkeiten, mich selbst zu analysieren“ scheint ihnen niemand zu sa-
watte!“ gen, worauf.
Wolfgang Clement ist jetzt also Dozent gut zu überlegen, ob sie die SPD-Kandi- „Herr Clement, ich hätte da mal eine
und soll auch Seminare halten. Früher war datin Ypsilanti wählen wollen. Die Frau Frage“, sagt eine der älteren Damen. Sie
Clement schon mal Chefredakteur der gefährde mit ihrer Energiepolitik die in- klingt etwas unsicher. „Das, was da gerade
„Hamburger Morgenpost“, sozialdemokra- dustrielle Substanz Deutschlands. bei Nokia passiert, ist doch unanständig.“
tischer Ministerpräsident in Nordrhein- Es ist der Tag nach der Hessen-Wahl, Clement wartet einen Augenblick, bevor
Westfalen, stellvertretender Parteivorsit- bei der der SPD nur 3595 Stimmen fehlten, er antwortet. „Wissen Sie, ich mache mir
zender, Superminister in Berlin. Dann gab um stärkste Partei zu sein. Die CDU dürf- nichts vor, ich mache Ihnen nichts vor. Ich
es in Deutschland 5,2 Millionen Arbeitslose, te Wolfgang Clement gerade sehr dank- muss das nicht mehr.“ Es habe keinen
Hartz IV, Montagsdemos, Mini-Jobs und die bar sein. Sinn, den schlechtqualifizierten Arbeitern
Frage, ob das Super nicht vielleicht ironisch „Ich bin kein Atomlobbyist“, sagt Cle- bei Nokia Hoffnung zu machen.
gemeint war. Für viele in der SPD war ment. Er bekomme 30 000 Euro als Auf- Es ist keine Antwort, es ist ein Urteil.
Clement rechts, das, was Oskar Lafontaine sichtsratsmitglied, in diesem Mitbestim- Etwas später steht Clement neben ein
links war. Ein ehrgeiziger Sturkopf, der es mungsgremium seien Arbeitnehmer- und paar Journalisten. Sein neues iPhone hat
in der falschen Partei viel zu weit gebracht Arbeitgebervertreter, das sei ein ganz nor- er in der Hand. Er hat noch immer viele
hatte. Clement war zu liberal, zu wirt- maler … Termine; Aufsichtsratssitzungen, Konfe-
schaftsfreundlich, zu sehr Friedrich Merz. „20 000“, unterbricht ihn jemand in der renzen, Tagungen. Bonn, Berlin, London,
2005 verlor Rot-Grün die Wahl, Clement ersten Reihe. Brüssel. Er kommt viel rum. Vielleicht ist
sein Amt und die SPD ein Problem. Nun „20 000?“ es das, es wäre eine Erklärung. Wolfgang
fragt man sich, ob Nostalgie so einen in der „Ja.“ Es ist seine Frau. Sie macht das mit Clement hat einfach keine Zeit, um aus
Partei halten kann. dem Geld zu Hause. Clement ist in vielen der SPD auszutreten. Juan Moreno

50 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Trends Wirtschaft
WESTLB

Hängepartie in
Düsseldorf
D ie Verhandlungen über den zusätz-
lichen Kapitalbedarf der WestLB sind
festgefahren – obwohl der Präsident der
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-
aufsicht (BaFin), Jochen Sanio, mittler-
weile vehement auf eine Einigung drängt.
Neben der bereits beschlossenen Kapital-
spritze von zwei Milliarden Euro verlan-
gen vor allem die Rating-Agenturen, dass
die Eigner der Bank weitere Risiken ab-
sichern, laut Insidern handelt es sich um
bis zu drei Milliarden Euro. Ansonsten
drohen sie mit einer massiven Abwertung
der Bonität, die vermutlich das Ende der
Bank bedeuten würde. Doch die beiden
ULRICH BAATZ / LAIF

Sparkassen-Verbände, ihnen gehören je


25,2 Prozent der Anteile, können kein
weiteres Geld zur Verfügung stellen. Und
das Land, mit knapp 38 Prozent größter
Anteilseigner, weigert sich, die anteilig auf WestLB-Zentrale in Düsseldorf
die Sparkassen entfallenden Belastungen
zu übernehmen. „Wir haben nichts zu verschenken“, sagte der Dadurch könnte sich der Anteil der Sparkassen an der Bank auf
Ministerpräsident des Landes, Jürgen Rüttgers, am Montag in bis zu neun Prozent verringern. Sollten die zur Abschirmung
kleiner Runde, „und überhaupt: Warum soll ich für die Fehler bereitgestellten Mittel abgerufen werden, werde das Land die
meiner Vorgänger bezahlen?“ Den Großteil der riskanten Anteile der Sparkassen sofort verwerten – und an einen pri-
Positionen sind die Manager der WestLB vor Juli 2005 einge- vaten Investor verkaufen, berichten Insider. Insgesamt hat die
gangen, also vor Ablauf der Staatsgarantien. Inzwischen hat Bank 20 Milliarden an strukturierten, verbrieften Papieren in
das Land den Sparkassen-Verbänden angeboten, deren Risiko- ihrem Portfolio. Davon sind aber 17 Milliarden Euro nicht nur
abschirmung zu übernehmen – allerdings nur, wenn sie dem von erstklassiger Bonität, sondern auch an den Finanzmärkten
Land dagegen ihre WestLB-Anteile als Sicherheit übertragen. abgesichert.

BAH N

Tarifvertrag mit
offenen Fragen
FRANKA BRUNS / AP

FRANKA BRUNS / AP

B ahn-Personalchefin Margret Suckale


zieht trotz der hohen zusätzlichen
Lohnbelastung für den Konzern eine
positive Bilanz der Tarifauseinander-
setzung mit der Lokführergewerkschaft Suckale Schell
GDL: „Wir haben damit endgültig
Strukturen geschaffen, die langfristig schaften GDL auf der einen sowie der führer gelten soll. Ebenfalls ungeklärt
den Betriebsfrieden bei der Bahn Transnet und der GDBA auf der ande- ist das Procedere, wie die Gewerkschaf-
sichern.“ Der mehr als zehnmonatige ren Seite. Die von der Bahnführung im- ten künftig zu einer gemeinsamen Tarif-
Tarifstreit wurde am vergangenen Mitt- mer wieder geforderte Konflikt- und forderung kommen wollen. Am kom-
woch offiziell beigelegt, dennoch blei- Widerspruchsfreiheit des künftigen Ta- menden Mittwoch soll ein Treffen der
ben weiterhin wichtige Fragen offen. rifwerks ist bislang nicht geregelt. Da- drei Gewerkschaftsbosse Manfred
Ungeklärt ist beispielsweise, ob der nach sollen die Arbeitnehmerorganisa- Schell (GDL), Norbert Hansen (Trans-
Kontrakt auch für Tochterfirmen der tionen sich künftig gegenseitig die Tarif- net) und Klaus-Dieter Hommel (GDBA)
Bahn gelten soll, die bislang einen verträge anerkennen. Das Gewerk- den Durchbruch bringen. Personalche-
Haustarifvertrag hatten. Abstimmungs- schaftstrio konnte sich bislang auch fin Suckale hofft, dass bis zum 1. März,
bedarf gibt es aber vor allem zwischen nicht einigen, welcher Tarifvertrag wenn das Tarifwerk in Kraft treten soll,
den bislang rivalisierenden Gewerk- künftig für die rund 2900 Lokrangier- „alle strittigen Fragen geklärt sind“.
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 53
Wirtschaft
RENTE

Milliardenausfälle durch
Systemflüchtlinge
D er Beitragssatz zur Gesetzlichen
Rentenversicherung (GRV) könnte
nach Rechnung des Vechtaer Ökono-

HENNING KAISER / DDP


men Uwe Fachinger 1,7 Prozentpunkte
niedriger liegen, hätten nicht so viele
Erwerbstätige das System verlassen.
Zwischen 1992 und 2006 ist die Zahl der
sozialversicherungspflichtig Beschäftig-
ten um fast drei Millionen auf 26,4 Mil- Flugzeuge von Germanwings und TUIfly
lionen Personen gesunken, unter ande-
rem wegen der Zunahme an Solo- L U F T FA H R T

Altlasten bremsen Billigflieger


Selbständigen oder Mini-Jobbern. Die
Beitragsausfälle infolge solcher neuen
Erwerbsformen summieren sich über
den Zeitraum auf gut 166 Milliarden
Euro; allein 2006 fehlten deshalb 15 Mil-
liarden Euro. Ein Beitragspunkt macht
rund 8,8 Milliarden Euro Mehr- oder
B eim geplanten Zusammenschluss der Lufthansa-Ableger Germanwings und
Eurowings mit TUIfly zum zweitgrößten deutschen Billiganbieter könnte es ein
kniffliges Problem geben: die Flottenpolitik der Partner. Um rentabel zu fliegen, be-
Mindereinnahmen in der GRV aus. Fa- grenzen Konkurrenten wie Ryanair oder Easyjet ihren Flugzeugpark auf wenige Mo-
chinger hält die „erodierende Finanzie- delle von nur ein oder zwei Produzenten. Davon ist der neue Verbund meilenweit
rungsbasis der sozialen Sicherung“ für entfernt. Allein Germanwings und TUIfly betreiben zusammen rund ein halbes Dut-
eine „verkannte Gefahr“. zend Airbus- oder Boeing-Varianten. Als Bremsklotz bei den Verhandlungen könn-
te sich auch der bisherige Lufthansa-Zubringer Eurowings entpuppen. Er besitzt
schon jetzt drei verschiedene Flugzeugmuster – und soll noch Zuwachs bekommen.
Die Lufthansa hat in Kanada und Brasilien 45 neue Jets mit 90 und mehr Sitzplät-
zen geordert, um ihre Regionalflotte zu verjüngen. Das Gros der Maschinen vom
Typ Canadair und Embraer sollte bei ihrer Tochter Cityline landen, deren Altgerät
PAUL LANGROCK / ZENIT

sollte zur Schwester Eurowings abwandern. Doch dazu dürfte der Partner TUI kaum
seine Zustimmung geben. Erhält Eurowings auch noch die ausrangierten Cityline-
Jets, würde der neue Air-Berlin-Konkurrent 2009 mit einem wahren Sammelsurium
unterschiedlichster Flugzeugtypen von knapp einem halben Dutzend Lieferanten
starten – und sich damit gewaltige Betriebskosten aufbürden.
Rentenversicherung (in Berlin)

HARTZ IV T V- I N D U S T R I E sollte der Aufstand schon vergangenen

Krach um Amtsreform Organisierter Protest


Mittwoch stattfinden. Doch da es in-
zwischen unter den öffentlich-recht-
lichen Sendern Gespräche über die Um-

I n der Großen Koalition droht Krach


um die notwendige Reform der Hartz-
IV-Behörden. Während die Union die
U nter den TV-Geräteherstellern
wächst der Unmut über das lang-
same Tempo bei der Einführung des
stellung der Programme auf HDTV
gibt, wurde die Aktion vorerst gestoppt.
Endgültig abgeblasen werden soll der
Verwaltung der Langzeitarbeitslosen hochauflösenden Fernsehens, des soge- Protesttag aber erst, so ein Sprecher der
stärker den Kommunen übertragen nannten HDTV. Zwar können fast 90 Hersteller, „wenn sich die Sender end-
möchte, will die SPD weitgehend an der Prozent der 4,4 Millionen Flachfernse- lich auf einen konkreten Fahrplan zur
Mischverwaltung festhalten. „Eine Kom- her, die im vergangenen Jahr in Deutsch- Umstellung auf HDTV verpflichten“.
munalisierung des Risikos Arbeitslosig- land verkauft wurden, das superscharfe
keit kommt nicht in Frage“, heißt es in Fernsehen empfangen. Doch viele Käu-
einem Brief der stellvertretenden SPD- fer sind enttäuscht, denn außer bei eini-
Vorsitzenden Andrea Nahles an die Bun- gen wenigen Kanälen von Premiere und
destagsfraktion. Die Nürnberger Bundes- ProSiebenSat.1 können sie von der an-
agentur für Arbeit solle die Vermittlung geblich superben Bildqualität der teuren
der Jobsuchenden übernehmen, die Geräte oft nichts erkennen. Um die Sen-
Kommunen sollten sich auf die Unter- der zu einer zügigeren Umschaltung
STEFAN BONESS / IPON

kunftskosten konzentrieren. Anschlie- der Programme zu drängen, planen die


ßend könnten die Behörden auf freiwilli- Konzerne Philips, Sony, Sharp und Pana-
ger Basis kooperieren. Dagegen hatte sonic einen bundesweiten Aktionstag in
der nordrhein-westfälische Ministerpräsi- großen Elektronikläden. Dort sollen die
dent Jürgen Rüttgers gefordert, alle Auf- Kunden unter anderem Protestbriefe an
gaben den Kommunen zu übertragen. die TV-Anstalten schicken. Ursprünglich Messepräsentation von Flachfernsehern
54 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Geld
S PA R E N mehr bewegt haben und einen Konto-

Vergessene Guthaben
stand von unter 60 Euro haben. Man
wolle mit ihnen „gerne intensiver zu-

bei Postbank
sammenarbeiten“, hieß es im Brief der
Kundenbetreuung, die gleichzeitig dar-
auf hinwies, dass man bei Sparkonten

G ern verkauft sich die Postbank als


Deutschlands Finanzinstitut mit
den meisten Kunden. Offiziell besitzen
mit geringem Guthaben, die mehrere
Jahre unbewegt sind, „ein Entgelt
erheben“ müsse. Nicht selten landeten
beinahe 15 Millionen Menschen eine diese Schreiben auch bei staunenden
Bankverbindung mit der Posttochter. Familienmitgliedern von Kunden, die
Doch das haben offenbar viele schon schon seit Jahrzehnten verstorben sind.
lange vergessen – oder sie sind längst Hübschte die Postbank also ihre Kun-
tot, und ihre Erben wissen von nichts. denzahl jahrelang mit Toten auf? Hor-
Vergangenen Dezember schrieb die ten die Banker von Postchef Klaus
Postbank alle Kunden an, die ihre Kon- Zumwinkel seit Jahren heimlich einen
ten seit mindestens drei Jahren nicht Millionenschatz, von dem keiner mehr
weiß? Und auf wie vielen
unbewegten Konten liegen
mehr als 60 Euro? „Bei
rund 15 Millionen Kunden
sind natürlich auch viele
Schläfer-Kunden dabei“,
bestätigt ein Postbank-Spre-
cher, zu den genauen Zah-
len wolle man sich erst
äußern, wenn man die Ant-
worten auf die Schreiben
ausgewertet habe. „Dass
ULRICH BAUMGARTEN / VARIO-PRESS

dabei auch Verstorbene an-


geschrieben wurden, war
nicht zu vermeiden“, heißt
es in der Bonner Zentrale,
„wenn uns von den Erben
die Sterbeurkunde nicht zu-
geschickt wird, führen wir
die Konten ganz normal
Postbank-Filiale (in Bonn) weiter.“

K A P I TA L A N L A G E N

Börsenguru im Visier der Staatsanwaltschaft


A nlageexperten warnten bereits 2005
vor der Schweizer Aktienpower
AG. Der selbsternannte Börsenexperte
wegen des Verdachts auf unbewilligten
Aktienverkauf. Vom einbezahlten
Emissionserlös in Höhe von mindestens
Alfredo Cuti hatte mit Ex-Mitarbeitern 18 Millionen Euro konnte die EBK
des klammen Motivationsgurus Jürgen bislang nur 2,5 Millionen wiederfinden.
Höller ein neues Geschäftsmo- In Deutschland ermittelt der-
dell aufgebaut. Kleinanlegern weil die Staatsanwaltschaft
verkaufte er teure Börsensemi- Mannheim gegen Cuti „wegen
nare – und dann auch Aktien des Verdachts auf Betrug,
der eigenen Firma zum stolzen Kapitalanlagebetrug und Ver-
Preis von 125 Schweizer Fran- stoß gegen das Kreditwesen-
ken pro Stück. Daraus ergab gesetz“, bestätigt ein Sprecher.
sich für die Seminarklitsche ein Aufgrund dieses Verfahrens
absurder Unternehmenswert saß Cuti in der Schweiz in
von vier Milliarden Franken. Haft. Laut Cuti wurde kein
Trotzdem gingen über 3500 Kapital veruntreut, sondern
Anleger Cutis Truppe auf den Cuti nur für die „Forschung und
Leim und zeichneten die die europaweite Expansion“
Ramschpapiere. Die Eidgenössische eingesetzt. Die Vorwürfe der Staats-
Bankenkommission (EBK) leitete anwälte weist Cuti zurück. Mangels
bereits Anfang Dezember 2007 gegen Beweisen erwartet er bald eine „Einstel-
Aktienpower eine Untersuchung ein – lung“ des Verfahrens.
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 55
Gewerkschaftsvorsitzende im Berliner Kanzleramt*: Sie fühlen sich so stark wie lange nicht mehr

TA R I F P O L I T I K

„Mehr muss her“


Mit hohen Forderungen gehen die Gewerkschaften in die diesjährige Lohnrunde: Die Beschäftigten
sollen endlich am Aufschwung teilhaben. Bisher bekommen sie dafür viel Beifall,
auch aus der Politik. Doch die Stimmung wird sich ändern, wenn die Konjunktur kippt.

B
ei Daniel Dieling schlagen die Wo- Chemieeinsatz haben und da irgendwel- seit Jahren kaum etwas getan hat. Im
gen oft sehr hoch, im wahrsten Sin- che Gase ausströmen, ist das nicht lustig“, Laufe von drei Jahren sind gerade einmal
ne des Wortes. Zwischen sieben und sagt der 31-Jährige. Angesichts der Gefah- 52 Euro brutto dazugekommen.
neun Meter, um genau zu sein. So hoch ren, die in seinem Job lauern, empfindet Das soll sich jetzt ändern. Allein durch
sind die Wellen bei Windstärke 12 vor Hel- Dieling seine Bezahlung als ganz schön die aktuelle Tarifrunde will Dielings Ge-
goland. Nicht selten schaukelt das Gewäs- lausig. 2240 Euro brutto Grundlohn bekam werkschaft Ver.di das Einkommen der 1,3
serschutzschiff „Mellum“ unter solchen er vergangenen Monat. Dafür muss er 39 Millionen Beschäftigten des Öffentlichen
Bedingungen auf der Nordsee umher, es Stunden pro Woche arbeiten. Dienstes bei Kommunen und Bund auf ei-
schleppt dann liegengebliebene Schiffe ab, Kämen nicht noch ein paar Zuschläge nen Schlag um acht Prozent nach oben
befestigt losgerissene Markierungstonnen für Wochenend- oder Feiertagsarbeit hin- schrauben, mindestens aber um 200 Euro
oder bekämpft Chemieunfälle auf vorbei- zu, „könnte ich von meinem Nettoein- monatlich. Und weil dafür jedes Jahr ein
fahrenden Tankern. kommen kaum überleben“, sagt Dieling. neuer Slogan her muss, der besonders kraft-
Seit September 2004 gehört Dieling zur Und das Schlimme ist, so der Seemann, strotzend klingt, nehmen die Tarifkämpfer
Besatzung des Schiffes, das im Auftrag des dass sich an seiner Einkommenssituation auch leicht verunglückte Wortungetüme in
Bundes entlang der Nordseeküste patrouil- Kauf – Hauptsache, es hört sich markig an.
liert. Er arbeitet dort als Schiffselektriker * Klaus Wiesehügel (IG Bau, verdeckt), Berthold Huber In diesem Jahr versucht es Ver.di-Chef
und findet, dass er einen der spannendsten (IG Metall), Michael Sommer (DGB), Hubertus Schmoldt Frank Bsirske mit „Cash in the Täsch“.
(IG BCE), Frank Bsirske (Ver.di), Norbert Hansen (Trans-
Jobs im Öffentlichen Dienst hat. Aber auch net, verdeckt) und ganz rechts Franz-Josef Möllenberg Auch die IG Metall will den Arbeitge-
einen der gefährlichsten. „Wenn wir einen (NGG) am 20. Dezember 2007. bern in der laufenden Stahl-Tarifrunde acht
56 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Wirtschaft

Prozent mehr Lohn für die rund 93 000 in den USA droht als Folge der Kreditkrise Situation Lohnerhöhungen von fünf, acht
Stahlarbeiter in Deutschland entlocken. eine Rezession, deren Auswirkungen die oder gar zehn Prozent verkraften kann.
Bei ihr heißt es dann nicht minder kreativ: ganze Weltwirtschaft und damit besonders Die Gewerkschaften wollen sich nicht
„Mehr muss her“. die exportabhängige deutsche Wirtschaft beirren lassen. Sowohl Ver.di als auch die
Das Ritual gleicht sich Jahr um Jahr: Die zu spüren bekäme. Die Wachstumsprogno- IG Metall wollen acht Prozent, beide sehen
Forderungen der Gewerkschaften sind mal sen für dieses Jahr, die noch vor kurzem die Zeit für üppige Gehaltszuwächse ge-
mehr, mal weniger hoch. Die Arbeitgeber außergewöhnlich optimistisch ausfielen, kommen.
weisen sie stets als unfinanzierbar und Ge- werden nun immer mehr zurückgeschraubt. Dabei war der Lohnanstieg in der Ver-
fahr für die Arbeitsplätze zurück. Nach ewi- Selbst Horrorszenarien werden inzwi- gangenheit in einigen Branchen zum Teil
gem Hin und Her steht ein Kompromiss, schen nicht mehr ausgeschlossen. Sie han- gar nicht so gering – der Öffentliche Dienst
den beide Seiten als Sieg verkaufen. deln von Börsen, die crashen, Banken, die zählte allerdings nie zu einem besonders
Doch dieses Jahr ist alles anders, bisher keine Kredite mehr geben, und einer be- bevorzugten Zweig. Während es für ihn
jedenfalls. Die Gewerkschaften fühlen sich drohlichen Dollarschwäche. seit dem Jahr 2000 ein Plus von elf Prozent
stark wie lange nicht mehr, und das liegt Selten hat sich die Stimmungslage in so gab, stiegen die Löhne der Metaller im
nicht nur am Aufschwung, der die Unter- kurzer Zeit so sehr geändert wie zwischen gleichen Zeitraum fast um das Doppelte.
nehmensgewinne in die Höhe getrieben hat. dem Zeitpunkt, als die Gewerkschaften Neben den Metallern gehört auch die
Der Zeitgeist hat sich gedreht, viele Jah- ihre Forderungen beschlossen, und jetzt, chemische Industrie zu den Privilegierten.
re war er gegen die Gewerkschaften, jetzt da sie beginnen, diese Forderungen durch- Kaum eine Gewerkschaft verbuchte in der
gibt er ihnen Rückenwind. zusetzen. Nun müssen sie sich fragen las- Vergangenheit höhere Gehaltszuwächse als
Hohe Lohnforderungen galten in den sen, ob die Wirtschaft in dieser kippeligen die IG Bergbau, Chemie, Energie. Werner
vergangenen Jahren als Gift für die Wirt-
schaft, weil die deutschen Unternehmen an
Wettbewerbsfähigkeit verloren hatten und Wunsch ... . . . und Wirklichkeit
immer mehr Arbeitsplätze abwanderten. In Tarifforderungen 2008, in Prozent Tarifentwicklung 2000 bis 2007,
vielen Fällen nahmen Arbeitnehmer sogar Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent
Lohneinbußen in Kauf, sie verzichteten auf Marburger 10,2
Weihnachtsgeld und Sonderzahlungen, oft Bund (Ärzte) Lohnforderung
Verteilungsspielraum:
arbeiteten sie länger fürs gleiche Geld. Öffentlicher mind. 200¤ 8,0 Preissteigerung 1
4,0 plus Produktivitätszuwachs 2
Dann kam der Aufschwung. Die Schlag- Dienst
zeilen bestimmen jetzt nicht mehr kriseln- Eisen- und 8,0 Tariflöhne
de Konzerne, sondern Unternehmen wie Stahlindustrie
3,0 2
Nokia. Der Handy-Hersteller verlagert Chemische + 2,7
trotz Rekordgewinnen Arbeitsplätze von 6,5 –7,0 + 2,5
Industrie + 2,4 +2,3
Bochum nach Rumänien. Nicht mehr zu Nahrung, Genuss, 4,5 –6,0
hohe Lohnkosten sind das Thema, sondern Gaststätten 2,0
Mindestlöhne – und Managergehälter, die + 2,1 + 2,0
völlig abgehoben haben. Die soziale Ge- Landwirtschaft 5,5
+ 1,6 +1,5
rechtigkeit, nicht die Wettbewerbsfähigkeit 1,0
beherrscht die Debatte. Textil, 5,5
Bekleidung 1
Und deshalb ist das Tarifjahr 2008 ein
ganz besonderes. Nahezu hundert Tarif- Kfz-Gewerbe NRW 5,0 Quelle: WSI-Tarifarchiv
verträge werden für fast acht Millionen
Quelle: WSI-Tarifarchiv 2000 01 02 03 04 05 06 07
Beschäftigte verhandelt. Ob Orchestermu-
siker, Kfz-Mechaniker, Köche oder Land-
wirte – sie alle erwarten in diesem Jahr
kräftige Lohnsteigerungen.
Unterstützung bekommen sie dafür
selbst von höchster staatlicher Stelle. Dass
die deutschen Gewerkschaften jetzt höhe-
re Löhne fordern, „sollte niemanden über-
raschen“, sagt Bundespräsident Horst
Köhler, „denn die Arbeitnehmer wollen
ihren Anteil am Aufschwung haben“.
Derart angespornt tragen die Gewerk-
schaften ihre Ansprüche von zum Teil mehr
als 10 Prozent vor, wie der Marburger Bund,
der für die Ärzte 10,2 Prozent mehr Ein-
GETTY IMAGES (L.O.); GREGORSCHLAEGER.DE (L.U.)

kommen erzielen will. Selten schien die


Stimmung für einen Erfolg günstiger als vor
Jahresbeginn. Der Aufschwung galt als ro-
bust, die Unternehmensgewinne sprudel- Daniel Dieling, 31 Werner Grummt, 47
ten, die Arbeitslosenzahlen sanken von Mo- ÖFFENTLICHER DIENST CHEMISCHE INDUSTRIE
nat zu Monat. Etwas weniger lyrisch als in
der Stahl-Kampagne formulierte der neue
Grundlohn,
Dezember 2007 2240 ¤ Grundlohn,
Dezember 2007 2873 ¤
IG-Metall-Chef Berthold Huber noch vor
vier Wochen: „Ganz offensichtlich ist das
Reale
Veränderung
– 3,4 % Reale
Veränderung
+ 6,2 %
TIM WEGNER

Jahr 2008 ein Mega-Tarifjahr.“ gegenüber Januar 2005 gegenüber Januar 2005
Doch ganz so offensichtlich ist jetzt nichts
mehr. Die Stimmung hat sich eingetrübt, Erwerbstätige Dieling, Grummt: Der Zeitgeist hat sich gedreht

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 57
Stahlarbeiter Sahin
„Die Löhne wachsen nicht mit“

wirtschaftliche Verteilungsspielraum – also


die Summe aus Produktivitätszuwachs und
Preissteigerungsrate – nur ein einziges Mal
ausgeschöpft (siehe Grafik).
Was von den Lohnsteigerungen übrig
blieb, fraßen meist die massiven Preisstei-
gerungen bei Lebensmitteln, Energie und
Kraftstoff auf. Die Inflationsrate stieg im
Mustafa Sahin, 51 Jahresdurchschnitt 2007 auf 2,2 Prozent,
STAHLINDUSTRIE den höchsten Wert seit 1994.
Grundlohn, Weil das so ist, kämpft auch Mustafa Sa-
Dezember 2007 3692 ¤ hin für ein Ende der Bescheidenheit. Sahin

ANDREAS ENDEMANN
Reale
Veränderung
+1,6% arbeitet seit fast 30 Jahren bei Thyssen-
Krupp Nirosta in Düsseldorf-Benrath als
gegenüber Januar 2005 ausgebildeter Hüttenmeister. Zieht man
die Preissteigerungsrate von seinen Ge-
haltserhöhungen seit 2005 ab, bleibt ihm
Grummt zum Beispiel, der bei einem aus- terhin unbekümmert vorgetragen“, sagt ein mickriges Plus von 1,6 Prozent. Ihm
gegliederten BASF-Betrieb Textilfarben Thorsten Schulten vom Wirtschafts- und will nicht einleuchten, warum er und seine
herstellt, erhielt innerhalb der vergange- Sozialwissenschaftlichen Institut der ge- Stahl-Kollegen dieses Jahr nicht von der
nen drei Jahre fast 300 Euro zusätzlich. werkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung, guten Entwicklung der Branche profitie-
Von solchen Summen können öffentlich obwohl „es merklich an Überzeugungs- ren sollen. Laut IG Metall stieg der Umsatz
Bedienstete nur träumen. Bezieht man die kraft verloren hat“. allein in den vergangenen drei Jahren um
Preissteigerungen der vergangenen Jahre Mehr als die Hälfte der Bundesbürger fast 90 Prozent, die Produktion wurde
ein, stehe unterm Strich ein Minus, bilan- sind überzeugt, dass die Löhne in Deutsch- dank der Nachfrage aus Fernost um fast
ziert Ver.di-Mann Bsirske. Jetzt, nach meh- land zu niedrig sind. Im Osten denken das 10 Prozent ausgeweitet, die Produktivität
reren Jahren des Darbens, seien sie endlich sogar fast zwei Drittel. Für sie findet der kletterte im selben Zeitraum um mehr als
wieder dran mit Lohnerhöhungen, fordert Aufschwung irgendwo statt, nur nicht in 15 Prozent. „Nur die Löhne wachsen nicht
Ver.di. ihrer unmittelbaren Umgebung. Ganz so im selben Ausmaß mit“, klagt Sahin.
Für den Verhandlungsführer der öffent- falsch liegen sie damit nicht. Laut einer Stu- Was ist sozial gerecht? Das ist die eine
lichen Arbeitgeber, Bundesinnenminister die des Instituts für Wirtschaftsforschung wichtige Frage der diesjährigen Tarifrunde.
Wolfgang Schäuble (CDU), ist die Ver.di- Halle verdienen 20 Prozent der ostdeut- Was ist ökonomisch vernünftig? Das ist die
Forderung schlicht „nicht verhandlungs- schen Beschäftigten weniger als 7,50 Euro andere. Kann es dazwischen einen Kom-
fähig“. Dabei sprudeln die Steuereinnah- pro Stunde – und damit weniger als den promiss geben, der beidem gerecht wird?
men wie selten zuvor, erstmals seit fast 20 vom DGB angestrebten Mindestlohn. Die Forderungen der Gewerkschaft fußen
Jahren ist der Staatshaushalt ausgeglichen. Bundesweit hatten die Arbeitnehmer in auf den Daten der Vergangenheit – und
Bsirske rechnet vor, eine achtprozentige der Vergangenheit eher Einbußen zu be- sie prägen die Daten der Zukunft.
Lohnerhöhung koste rund 4,1 Milliarden klagen als üppige Lohnerhöhungen. So Noch ist die wirtschaftliche Lage gar nicht
Euro – relativ wenig im Vergleich zu dem, sind im Schnitt und über alle Branchen so schlecht und die tatsächliche Stimmung
was der Staat künftig an Einnahmen zu er- hinweg die Einkommen im vergangenen wesentlich besser als die gefühlte. Trotz des
warten hat. So ergab die Steuerschätzung Jahr um 2 Prozent für die Angestellten und eher negativen Umfelds von Bankenkrise
vom Mai 2007 allein für den Zeitraum 2008 um 2,5 Prozent für die Arbeiter gestiegen. und Börsengewitter – und somit gegen alle
bis 2010 Mehreinnahmen von 159 Milliarden In den vergangenen sieben Jahren wurde Erwartungen – stieg der Ifo-Geschäftsklima-
Euro gegenüber der Schätzung von 2006. der sogenannte kostenneutrale gesamt- index im Januar von 103 auf 103,4 Punkte.
Auch der Vorsitzende des Arbeitgeber- Industrie, Baugewerbe und Handel seien
verbandes Stahl, Helmut Koch, weist die „in einer robusten Verfassung“, sagt Hans-
Forderung der IG Metall barsch zurück. Nachholbedarf Werner Sinn, der Chef des Instituts.
Eine Entgeltforderung in dieser Höhe ge- Veränderung der Reallöhne Auch die Regierung rechnet nicht mit
fährde die Wettbewerbsfähigkeit und sei zwischen 2000 und 2006, in Prozent einer Rezession, sie reduzierte zwar die
„nicht akzeptabel“. Zwar verdiene die Prognose fürs laufende Jahr,
Branche gutes Geld, das jedoch werde für Irland + 17,1 erwartet aber immerhin noch
Investitionen oder Forschung gebraucht. Großbritannien +14,6 ein Wachstum von 1,7 Pro-
Geleitschutz erfährt das Arbeitgeber- Dänemark +11,2 zent. Vorsichtshalber lässt
lager aus der Wissenschaft. „Maßlose Schweden +10,6 Bundeswirtschaftsminister Michael Glos
Lohnforderungen sind gerade jetzt Gift für (CSU) bereits ein Konjunkturprogramm
USA + 9,0
Wachstum und Arbeitsplätze“, sagt der erarbeiten, falls die Konjunktur einbrechen
Wirtschaftsweise Wolfgang Franz. Wenn Frankreich + 7,7 sollte (siehe Seite 60). Glos tritt auch
die Gewerkschaften den Pfad der in den Niederlande + 7,0 weiterhin für höhere Löhne ein. „Die Ar-
vergangenen Jahren gemäßigten Tarifab- EU + 6,2 beitnehmer brauchen mehr netto in der
schlüsse verlassen, drohe Schaden bei der Belgien + 3,4 Tasche.“
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. „Der Dass die Arbeitnehmer jedoch netto so
Aufschwung darf nicht verfrühstückt wer- Italien + 2,5 wenig in der Tasche haben, liegt nicht nur
den“, warnt Franz. Österreich + 1,5 an den Tarifparteien, sondern auch an den
„Das jahrelang vorgebetete ,Lohnzu- Deutschland + 1,1 hohen Steuern und Abgaben. Und für die
rückhaltungsmantra‘ wird von den meis- Spanien –0,3 Quelle: WSI-Tarifarchiv
ist die Regierung verantwortlich.
ten Wirtschaftsforschungsinstituten wei- Janko Tietz

58 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Wirtschaft

Im Zuge der Diskussion könnten auch Folge, heißt es in dem Memorandum, sei
SPONSORING
peinliche Fragen auf den Telekom-Vor- ein so kostspieliges Engagement „nicht un-

Millionen stand zukommen. Denn das Zustande-


kommen des ehrgeizigen Projekts war
ziemlich dubios – zumindest aus Sicht der
problematisch“. Zudem stehe das Beet-
hoven-Festspielhaus – offenbar im Gegen-
satz zu anderen Aktivitäten im Kultur- und

für Beethoven Deutschen Telekom und ihrer Aktionäre.


Der Plan für das Millionengeschenk
wurde nämlich keineswegs im Telekom-
Vorstand oder in der Marketingabteilung
Sportsponsoring – „in keinem Bezug zum
Unternehmensgegenstand und zum Kun-
denstamm“. Angesichts der heiklen Kon-
stellation, warnten die Juristen, seien selbst
Eine Großspende der Telekom
geboren. Die teure Idee kam von Telekom- „Aktionärsklagen und Strafanzeigen nicht
zum Bau eines Festspielhauses Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel, im auszuschließen“.
in Bonn sorgt für Hauptberuf Chef der Deutschen Post AG. Fast wäre das Gemeinschaftsprojekt,
Unruhe im Konzern und erregt Bereits Anfang vergangenen Jahres hat- über das die Kommunalpolitiker bereits
die Gewerkschaften. te der Post-Chef führenden SPD-Vertre- laut jubelten, an den Bedenken geschei-
tern der früheren Bundeshauptstadt Hilfe tert. Sogar eine Pressekonferenz, bei der

E
s war reiner Zufall, dass Lothar angeboten. Die kulturbeflissenen Kommu- im April der offizielle Startschuss gegeben
Schröder vor wenigen Wochen im nalpolitiker sind seit langem unzufrieden werden sollte, musste eilig abgesagt werden
Zugabteil eine bunte Werbebroschü- mit der fast 50 Jahre alten Beethoven-Hal- – „rechtliche Einzelfragen“ seien noch zu
re der Stadt Bonn in die Hände fiel. Doch le und träumen davon, ihre Stadt als „nach klären, hieß es.
eine kleine Meldung auf der ersten Seite internationalem Ansehen strebenden Kul- Und so setzte der Telekom-Vorstand al-
elektrisierte den stellvertretenden Auf- turort“ zu etablieren – quasi auf Augen- les daran, die Millionenspende „sachlich
sichtsratschef der Telekom sofort. höhe mit der Musikmetropole Wien. Nur und rechtlich“ zu prüfen. Wohl auch, glau-
Ein neues „Festspielhaus Beethoven“ leider hat die hochverschuldete Stadt am ben Manager, um einen Streit mit dem
werde demnächst in der Heimat des Rhein dafür überhaupt kein Geld. starken Post-Chef zu vermeiden. So hat
berühmten Komponisten errichtet, war So sprang Zumwinkel mit seiner Post der Telefonriese inzwischen Gutachten er-
dort zu lesen. Ein architektonisch und in die Bresche. Denn der Polit-Profi weiß stellen lassen, die belegen sollen, dass der
ULRICH BAUMGARTEN / VARIO IMAGES

HERMANN J. KNIPPERTZ / AP
Beethoven-Haus in Bonn: „In keinem Bezug zum Kundenstamm“ Geldgeber Zumwinkel, Obermann: Rühriges Mäzenatentum

akustisch hochkarätiges Konzerthaus mit wohl, dass sich ein solches Engagement Einsatz für das Bonner Konzerthaus selbst
Rheinblick und rund 1500 Sitzplätzen sei in politischen Auseinandersetzungen sehr für einen Weltkonzern vom Format der
geplant. Bezahlt werden soll der 60 bis 80 wohl auszahlen kann. Und dass der in Telekom vorteilhaft sei.
Millionen Euro teure Bau von den drei in Bonn lebende Bundesfinanzminister Peer So könne man für gute Kunden Kultur-
Bonn ansässigen Unternehmen: Deutsche Steinbrück (SPD) zu den Befürwortern des reisen an den Rhein ausloben oder beson-
Post, Postbank und Deutsche Telekom. umstrittenen Festspielhaus-Neubaus ge- ders fleißige Mitarbeiter mit Freikarten
Schröder, der als Vorstandsmitglied der hört, dürfte die Großzügigkeit zumindest belohnen, heißt es. Dass sich die Telekom-
Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di in Ber- nicht gebremst haben. Belegschaft aber mit solchen Aussichten
lin arbeitet, hielt die Meldung zunächst für Problematisch nur: Der Post-Chef mach- abspeisen lässt, gilt in Gewerkschaftskrei-
einen Scherz. Ein Konzern, der eine Spar- te sich für das Investment nicht nur in sei- sen als unwahrscheinlich.
runde nach der anderen verkündet, könne nem eigenen Unternehmen stark, sondern Denn in der anlaufenden Tarifrunde gibt
sich das gar nicht leisten, glaubte er. auch bei der Postbank und der Telekom, sich der Konzern ausgesprochen knauserig.
Inzwischen weiß der Ver.di-Mann es wo er die Aufsichtsräte leitet. „Ein Liebes- So will Obermann bisher nicht einmal den
besser. Und das könnte für Telekom-Chef dienst an die Politik“, betont ein Post-Spre- Geringverdienern im Unternehmen einen
René Obermann unangenehme Folgen ha- cher, sei das nicht gewesen. Zumwinkel angemessenen Lohnaufschlag zahlen. Call-
ben. Denn Schröder will das aus seiner habe lediglich eine „koordinierende Funk- center-Mitarbeiter, die in andere Firmen
Sicht „absolut unangemessene Millionen- tion“ im Trio übernommen. ausgelagert wurden, müssen ab 2009 so-
geschenk“ an die Beethoven-Stadt zu ei- Dennoch traf das Mäzenatentum des gar auf einige hundert Euro Monatsgehalt
nem Thema in den kommenden Ausein- rührigen Post-Chefs nicht nur auf Zustim- verzichten. Das alles, schimpft Gewerk-
andersetzungen um Löhne und Stellen- mung. Im Gegenteil: In einem vertrau- schafter Schröder, sei „völlig inakzeptabel
streichungen machen. Und damit dürfte er lichen Papier vom April vergangenen Jah- angesichts einer Millionenspende für
nicht nur bei der Belegschaft Pluspunkte res äußerten Telekom-Juristen schwere Be- Beethoven“. Frank Dohmen,
sammeln. denken. Nach zwei Gewinnwarnungen in Klaus-Peter Kerbusk

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 59
Wirtschaft

sie mit milliardenschweren Konjunktur-


programmen dagegen. Bereitwillig öffne-
KON J U N KT UR
ten die Notenbanken auch damals die

Unruhige Hände
Geldschleusen.
Die Wirkung war bestenfalls durch-
wachsen, zumindest in Deutschland. Das
erste Konjunkturprogramm der Nach-
Wirtschaftswissenschaftler fordern für den Fall einer Rezession kriegszeit, 1967 von der Großen Koalition
unter Regie von Wirtschaftsminister Karl
ein Konjunkturprogramm nach dem Vorbild der USA. Ideen Schiller auf den Weg gebracht, zeigte noch
und Ratschläge des Ökonomen Keynes erleben eine Neuauflage. eindrucksvolle Erfolge.

V
on entscheidender Bedeutung für
die deutsche Wirtschaftspolitik dürf-
te in den kommenden Wochen der
Inhalt einer Schublade werden. Das Be-
sondere daran: Der Schreibtisch, zu dem
sie gehören müsste, hat gar keine Schub-
laden. Er steht in Raum A1.051 im Bun-
deswirtschaftsministerium in Berlin-Mitte.
Es ist der Schreibtisch von Ressortchef
Michael Glos.
Bei seinen Beamten hat der Wirtschafts-
minister einen Notfallplan in Auftrag ge-
geben. „Für die Schublade“, wie er sagt.
Den will er hervorholen, für den Fall, dass
die Konjunktur einbricht. Er soll ein Maß-
nahmenpaket beschreiben, das Deutsch-
land vor einer Rezession bewahren soll.
Noch ist der Ernstfall nicht in Sicht, aber
Glos will vorbereitet sein.
Erste Teile des Programms dafür finden
sich bereits in den Schubladen seiner Zu-
arbeiter. Der Staat soll, so wollen es die
Beamten ihrem Minister vorschlagen, durch
Investitionsprogramme und Steuernachlass
die Kauflust der Bürger und die Investi-
tionsbereitschaft der Unternehmen fördern.
Die Amerikaner sind schon weiter, beim
Absturz der Konjunktur genauso wie bei
den Hilfsmaßnahmen. Mit einem Kon-
junkturprogramm im Umfang von 150 Mil-
liarden Dollar wollen sich US-Präsident
George W. Bush und der Kongress dem
drohenden Abschwung entgegenstemmen.
Die Notenbank Fed eilt der Politik zu Hil-
fe und senkt entschlossen die Leitzinsen.
Die Überlegungen in Berlin und der Ak-
tionismus in Washington markieren einen
Richtungswechsel. Der Staat soll nicht
tatenlos zusehen, wenn die Wirtschaft
schwächelt. Er soll wieder aktiv einschrei-
ten, um den Niedergang zu stoppen.
Selbst der Internationale Währungs-
REUTERS

fonds (IWF), der Krisenländern stets gern


empfahl, erst einmal die Staatsfinanzen zu
sanieren, schwenkt unter seinem neuen US-Präsident Bush: Dem drohenden Abschwung entgegenstemmen
Chef, dem Franzosen Dominique Strauss-
Kahn, um. „Eine neue Finanzpolitik ist wenn das freie Spiel von Angebot und Doch die späteren Programme in den
wahrscheinlich der beste Weg, um auf die Nachfrage ins Ungleichgewicht gerät, weil siebziger Jahren verpufften schnell. Die
Krise zu antworten“, sagt der IWF-Chef. sich Unsicherheit breitmacht. Damit erle- Arbeitslosigkeit nahm zu, das Wachstum
Im Angesicht der Krise wollen sich die ben jene Ideen des britischen Ökonomen blieb schwach, gleichzeitig stieg die In-
Politiker nicht allein auf die Selbsthei- John Maynard Keynes eine Neuauflage, flation, weil der Staat schuldenfinan-
lungskräfte der Wirtschaft verlassen. Beim die viele für immer im Archiv entsorgt ziert Geld unter die Leute brachte. Eine
letzten Abschwung setzte der damalige glaubten. Politik, die gestartet war, die Wirtschaft
Kanzler Gerhard Schröder noch ganz auf Bis in die siebziger Jahre hinein ver- zu stabilisieren, wurde selbst Ursache für
seine „Politik der ruhigen Hand“. suchten die Regierungen der Industrie- Krisen.
Jetzt fuchteln die Hände plötzlich. Der staaten, die Konjunktur zu steuern. Zeig- „Die damaligen Versuche der Konjunk-
Staat soll wieder stabilisierend eingreifen, ten sich Anzeichen von Schwäche, hielten tursteuerung sind zu Recht diskreditiert“,
60 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
meint Bert Rürup, Vorsitzender des Sach- schließlich habe Deutschland 2007 einen werde die Binnennachfrage am besten ge-
verständigenrats. Die Regierung habe in ausgeglichenen Staatshaushalt vorgelegt. stützt. Aber auch über mehr staatliche In-
den Siebzigern die Instrumente völlig Sinn: „Das Pulver ist trocken.“ vestitionen in die Infrastruktur und ein
falsch eingesetzt. Sie weitete die Nachfrage Rürup findet es sinnvoller, statt der Steu- Förderprogramm für Hausbesitzer denken
aus, obwohl die Krisen nicht durch einen ern die Lohnnebenkosten zu senken. Mehr die Wirtschaftsministerialen nach.
schwachen Konsum verursacht waren. als ein Drittel aller Arbeitnehmer zahlten Finanzminister Peer Steinbrück beob-
Der Grund für die Konjunkturschwäche überhaupt keine Steuern mehr, an ihnen achtet das Treiben im Wirtschaftsressort
war der rapide steigende Ölpreis. Ökono- ginge die Entlastung spurlos vorüber. „Bes- mit Argwohn. In kleinem Kreis schloss er
men sprechen in diesem Zusammenhang ser wäre es deshalb, wenn man die Beiträ- neue Maßnahmen aus. Auch von Steuer-
von einem „Angebotsschock“. Heute wis- ge zur Sozialversicherung weiter senken senkungen will er nichts wissen. Er sorgt
sen sie, dass eine Ausweitung der Nach- würde. Dadurch würden besonders die sich um die Etatsanierung, außerdem hält
frage in so einem Fall schädlich ist. er die Wirkung antizyklischer Maß-
„Das musste scheitern“, sagt Rürup. nahmen für begrenzt. „Wir haben
Danach hatte Keynes Pause – zu- nicht einmal eine Schublade“, ätzt
mindest in Deutschland. Nicht aber ein Steinbrück-Mitarbeiter.
in angelsächsischen Ländern. Noch Sollte der Aufschwung in Deutsch-
immer greifen amerikanische Politi- land tatsächlich abbrechen, dürfte
ker gern in die Staatskasse und helfen Steinbrück aus den eigenen Reihen
der Konjunktur auf die Sprünge. Druck bekommen. Mancher Genosse
Dort wirken die Maßnahmen. sympathisiert unverhohlen mit CSU-

HENNING SCHACHT / ACTION PRESS


Der Grund dafür ist der fehlende Mann Glos. „Wenn auf dem Meer der
Sozialstaat. In Deutschland verhin- Orkan wütet, muss man an der Küs-
dert zum Beispiel die Arbeitslosen- te Vorkehrungen treffen“, sagt etwa
versicherung, dass die Nachfrage in SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler.
einer Krise stark wegbricht. Ein sol- Ihm selbst schwebt ein „Maßnah-
cher Mechanismus fehlt in den USA menmix“ vor, mit dem die Konjunk-
fast ganz. „Dort ist die Notwendig- tur gestützt werden soll. Viele seiner
keit, antizyklisch zu reagieren, größer Minister Steinbrück, Glos: Sorge um Etatsanierung Ideen decken sich mit denen der
als bei uns“, sagt Rürup. Deswegen Glos-Leute. Derzeit lässt Stiegler prü-
kann der Staat in den USA viel effek- fen, welche Infrastrukturmaßnahmen
tiver Nachfrage schaffen. vorgezogen werden könnten.
Immer wieder kurbelten die Ame- Auch ein Förderprogramm der
rikaner ihre Wirtschaft in den ver- staatlichen KfW für die „energetische
gangenen Jahren an. Ihr Erfolg ließ Gebäudesanierung“ soll dazu gehö-
deutsche Wissenschaftler umdenken. ren. Dabei subventioniert der Bund
„In den letzten Jahren hat sich eine Darlehenszinsen, um private Investi-
pragmatischere Sichtweise nachfrage- tionen auszulösen.
stimulierender Maßnahmen durch- Bei Aufstellung des Bundesetats
gesetzt“, stellt Rürup fest. Mehr- 2009 könnte die Regierung nach
heitsmeinung sei heute, nicht bei Stieglers Vorstellungen zudem einen
jeder Abschwächung einzuschreiten, sogenannten Eventualhaushalt be-
aber auch nicht immer stillzuhalten. schließen. Er erlaubt Steinbrück so-
„Nur wenn eine Rezession droht, zusagen auf Vorrat, bei Bedarf die
sollte man handeln.“ Neuverschuldung auszuweiten.
Auch Hans-Werner Sinn, Chef des Auch mit niedrigen Steuern, wie
Münchner Ifo-Instituts für Wirtschafts- von Glos vorgeschlagen, kann sich
forschung, hält die Intervention der Stiegler anfreunden. „Das würde mit
Amerikaner für beispielhaft. „Das wird Sicherheit zu einem Maßnahmenmix
sehr wirkungsvoll sein“, glaubt er. gehören“, sagt er. Der SPD-Mann hat
Steuererleichterungen, kombiniert mit sich bereits überlegt, wie die Steuer-
niedrigen Zinsen, könnten die USA senkungen unkompliziert umzusetzen
vor einer tiefen Rezession bewahren. wären. Karl Schillers Stabilitäts- und
Der Bundesregierung empfiehlt er ein Wachstumsgesetz aus dem Jahr 1967
GETTY IMAGES

ähnliches Vorgehen, sollten sich die erlaubt es der Bundesregierung, Bür-


Wachstumsaussichten eintrüben. „Sie gern und Unternehmern vorüberge-
sollte mit aller Macht gegenhalten und hend einen Steuerrabatt zu gewähren.
die Steuern senken“, fordert Sinn. Ökonom Keynes (1940): Zurück aus dem Archiv Glos und seine Leute wollen den
Niedrigere Steuern hätten den Vorteil, Rückgriff auf das alte Gesetz vermei-
dass sie „auf breiter Front wirken“. Ver- niedrigen und mittleren Arbeitseinkom- den. Er will sich zumindest nicht offiziell
braucher hätten mehr Geld zu Verfügung men entlastet.“ dem Vorwurf aussetzen, Keynes wieder
und könnten so den Konsum stützen. Den Beamten im Bundeswirtschaftsmi- aus der Kiste geholt zu haben. Noch bis vor
Zusätzlich sollten die Abschreibungs- nisterium kommt der Zuspruch aus der Wis- ein paar Wochen wollte Glos das Gesetz
möglichkeiten für Unternehmen verbes- senschaft gelegen. Sie würden die Steuer- sogar abschaffen, das 40-jährige Jubiläum
sert werden. Solche Maßnahmen zahlten zahler gern um rund vier Milliarden Euro ließ er 2007 achtlos verstreichen.
sich eher aus als staatliche Investitions- entlasten, vor allem kleine und untere Ein- Vom Wegfall des betagten Paragrafen-
programme, wie sie früher üblich waren. kommen sollen profitieren. Die Begrün- werks ist jetzt keine Rede mehr. „Das“,
„Die Entlastung sollte über Kredite finan- dung für die Vorzugsbehandlung klingt bekennt ein Glos-Mitarbeiter, „würde jetzt
ziert werden“, meint Sinn. Spielraum für keynesianisch: Diese Gehaltsklassen geben nicht mehr in die Zeit passen.“
neue Schulden sei vorhanden, sagt er, das zusätzliche Geld sofort wieder aus, so Christian Reiermann

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 61
Wirtschaft

später in VEB Forschungszentrum Mikro-


elektronik Dresden (ZMD) umfirmierte
UNTERNEHMEN
Unternehmen zu einem der wichtigsten

Beispielloser Ausverkauf
Vorzeigeobjekte der DDR-Regierung. Kurz
vor dem Mauerfall, im September 1988,
wurde hier der erste Ein-Megabit-Chip des
Ostblocks vorgestellt, eine prestigeträchti-
Die Chipindustrie um Dresden galt viele Jahre als einer der wenigen ge Entwicklung, die zwar drei Jahre nach
der japanischen Konkurrenz von Toshiba
Leuchttürme der ostdeutschen Wirtschaft. Jetzt steckt sie auf den Markt kam, den sächsischen For-
in der Krise – inklusive Investitionsstopp und Arbeitsplatzabbau. schern aber dennoch viel Anerkennung
einbrachte. ZMD, das zu Hochzeiten mehr
als 3000 Mitarbeiter beschäftigte, galt auch
nach der Wende als die Herzkammer des
Silicon Saxony.
Heute ist davon nicht viel mehr als der
klangvolle Name übrig. Jahrelang bemüh-
te sich Selchow, Anschluss an Spitzenun-
ternehmen wie Intel, AMD oder Siemens
zu finden, irgendwann wollte er sogar an
ihnen vorbeiziehen. Doch nicht einmal in
Boomphasen, in denen Wettbewerber wie
AMD oder die Infineon-Tochter Qimonda
Gewinne verbuchten, schrieb ZMD schwar-
ze Zahlen. Auch der für Herbst 2001 avi-
sierte Börsengang floppte. Vor der Insol-
venz rettete Selchow das Unternehmen
schließlich nur, indem er eine Sparte nach
der anderen verkaufte.
Den Anfang machte der Schwiegersohn
des BDI-Chefs Jürgen Thumann mit der
für einen Chiphersteller wichtigen Analy-

BONSS / MOMENTPHOTO / IMAGO


tiksparte, die er an SGS Fresenius abgab.
Im Jahr 2005 folgte die Trennung der Toch-
ter Microelectronic Packaging Dresden, die
für geschätzte 15 Millionen Euro an den
Berliner Sensorenhersteller Silicon Sen-
sors ging. Schließlich lagerte Selchow im
März 2007 auch noch den gesamten Ferti-
Halbleiterproduktion bei ZMD (2005): Herzkammer des Silicon Saxony gungsprozess ZFoundry aus und überließ
ihn dem Erfurter Unternehmen X-Fab,

E Dresdner Halbleiterindustrie
ine „beispiellose Erfolgsgeschichte“ nach eigenem Bekunden der weltweit
hat Thilo von Selchow im Vorwort führende Auftragsfertiger für analoge und
des Buches „Silicon Saxony – Die gemischte Halbleiteranwendungen.
Story“ beschrieben. Die Region um die „Wir wollen uns auf unsere Kernkom-
sächsische Landeshauptstadt Dresden habe petenzen konzentrieren und unser Ge-
sich „zu einer der modernsten und inno- seit 1998 seit 1993 schäft fokussieren“, begründet Selchow die
vativsten Industrieansiedlungen der Neu- Mitarbeiter: 3000 Mitarbeiter: 200 Amputation. „Und das bedeutet Forschen
zeit“ entwickelt, heißt es da. Herstellung von Fertigung analog-
und Entwickeln, vor allem für die Auto-
„Silicon Saxony“ soll nachzeichnen, wie Prozessoren digitaler Schaltkreise mobilindustrie und die Medizintechnik.“
sich das Elbtal ein Beispiel am amerikani- Die Argumentation gleicht der eines
schen Silicon Valley nahm und zum High- Restaurantbetreibers, der erst die Bar
tech-Standort Nummer eins in Europa verkauft, dann das Interieur und zum
mauserte. Der Autor ist vom Fach: Selchow Schluss die gesamte Küchenein-
führt seit acht Jahren ZMD, einen der äl- richtung – mit der Begründung,
testen Halbleiterhersteller der Region. seit 1994 er wolle sich aufs Wesentli-
10 km
Sein eigenes Unternehmen kann er mit Mitarbeiter: 2300 che konzentrieren: das Entwi-
dem Lob kaum gemeint haben, es ist alles ckeln von Rezepten. Doch
andere als eine Erfolgsgeschichte. Nur ei- Fabrikation von für wen? „Wenn man keine
Logikbausteinen
nem beispiellosen Ausverkauf verschiede- Kunden mehr hat, nützen
ner Sparten ist zu verdanken, dass ZMD Dresden auch die besten Forschungs-
überhaupt noch existiert – und das, ob- ergebnisse nichts“, sagt der
wohl das Traditionsunternehmen zwischen ehemalige Betriebsratsvor-
1991 und 2001 unter den Ministerpräsiden- sitzende Rainer Kolbe.
ten Kurt Biedenkopf und Georg Milbradt seit 2006 SACHSEN Auch der Verweis auf die
rund 175 Millionen Euro öffentliche För- Mitarbeiter: 3400 Kernkompetenz hinkt. Denn
dergelder einstrich. Produktion von ZMD entwickelt erst seit gut vier
1961 als Arbeitsstelle für Molekularelek- Ram-Bausteinen Jahren anwenderbezogene Schalt-
tronik (AME) gegründet, avancierte das kreise für die Automobilindustrie und
62 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Wirtschaft

die Medizintechnik. Andere Chiphersteller Auch der größte Arbeitgeber der Bran-
sind ZMD auf diesem Gebiet weit überle- che in Dresden, Infineon nebst Tochter Qi-
gen. Inzwischen ist die traditionsreiche monda, ist in eine Schieflage geraten. Ende
Hightech-Schmiede auf rund 250 Mitar- 2007 kündigte das Management an, rund
beiter zusammengeschrumpft. 600 Stellen streichen zu wollen. Das Un-
Selchow, 45, ist indirekt an ZMD betei- ternehmen ist wie AMD Opfer des schnel-
ligt. Im Dezember 2000 verkaufte die in- len technischen Wandels der Branche.
zwischen insolvente Sachsenring AG unter Noch fertigt Infineon im Auftrag seiner
der Führung der Unternehmerbrüder Ulf Tochter Qimonda 200-Millimeter-Wafer.
und Ernst Wilhelm Rittinghaus ZMD für Doch die Preise für die veraltete Techno-
knapp hundert Millionen Euro an die Be- logie sind um etwa 80 Prozent abgestürzt.
teiligungsgesellschaft Global Asic GmbH, „Die Fertigung auf 200-Millimeter-Schei-
zu deren Investoren auch Selchow zählt. ben lohnt sich nicht mehr“, sagt Qimonda-
Der Niedergang von ZMD wäre für die Geschäftsführer Wolfgang Schmid. Zum
Dresdner Region weniger dramatisch, März hat er das Lieferabkommen mit
wenn wenigstens die übrigen Platzhirsche, seinem Mutterkonzern gekündigt. Rund
Infineon, die Infineon-Tochter Qimonda 250 Millionen Euro Verlust hatte das Un-
oder AMD, glänzend aufgestellt wären. ternehmen im Geschäftsjahr 2006/2007 an-
Doch auch hier stockt es erstmals, seitdem gehäuft.
so kräftig in das ostdeutsche Halbleiter- Zwar sind von der Stellenstreichung
Cluster investiert wurde. bislang nur Leiharbeiter betroffen, die nun
So verbuchte der amerikanische Chip- an die jeweiligen Unternehmen zurückge-
gigant und Hauptkonkurrent von Markt- geben werden, doch sei die Kürzung „eine
führer Intel, AMD, gleich fünf verlustrei- härtere Landung als erwünscht“, so Dres-
che Quartale in Folge. Mehr als 3,3 Mil- dens Infineon-Chef Helmut Warnecke.
Die Krise trifft einen besonders
sensiblen Wirtschaftszweig. Nirgend-
wo sonst in Deutschland haben sich
derart massiv Firmen einer Branche
niedergelassen wie in Dresden. Strau-
chelt die sächsische Metropole, wankt
gleich der gesamte Wirtschaftszweig
in Deutschland. 1994 wurden hier-
GEORG NOWOTNY / STAR-MEDIA

zulande noch 5,57 Milliarden Dollar


in der Chipindustrie umgesetzt, der
Marktanteil am europäischen Halblei-
termarkt betrug 28,1 Prozent. Zehn
Jahre später ist dieser Anteil bereits
auf mehr als 35 Prozent angewach-
Regierungschef Milbradt sen. Allein in der Mikroelektronik
Millionen öffentlicher Gelder verteilt existieren rund um Dresden etwa 200
Unternehmen mit 22000 Mitarbeitern.
liarden Dollar stand AMD im Gesamtjahr Auslöser der Krise ist ein enormer Wett-
2007 im Minus. Der Konzern betreibt in bewerbsdruck und damit ein fast ruinöser
Dresden zwei Fabriken mit rund 3000 Mit- Kampf um die niedrigsten Kosten. Mit sei-
arbeitern, eine dritte Fabrik ist zwischen ner immensen Marktmacht versucht Bran-
Mai 2006 und Juli 2007 errichtet worden chenprimus Intel, mit allen Mitteln die
und sollte eigentlich längst in Betrieb und Preise zu diktieren und die Konkurrenz
ausgelastet sein. Doch nun kommt es zu kleinzuhalten. Gut 60 Prozent des Umsat-
Verzögerungen. „Es hat keinen Sinn, die zes verdient Intel mit Prozessoren, dem
wirtschaftliche Situation zu verschweigen“, Herzstück jedes Computers.
sagt Hans Deppe, AMD-Vice-President Allein im dritten Quartal 2007 machte
und Dresdner Niederlassungsleiter. Intel so viel Gewinn, wie AMD insgesamt
Ursprünglich wollte AMD in Dresden 2,5 Umsatz hatte.
Milliarden Dollar investieren. Damit sollte Doch auch die Chinesen setzen die deut-
die erste Fabrik, der sogenannte Fab-30- sche Halbleiterindustrie zunehmend unter
Standort, neu ausgerüstet werden. Dort pro- Druck. Experten schätzen, dass die Asiaten
duziert AMD bislang 200 Millimeter große bereits in sieben Jahren die Amerikaner
Siliziumscheiben, sogenannte Wafer, aus de- von ihrem Spitzenplatz verdrängt haben
nen später fertige Chips entstehen. Doch in- werden. Doch nicht nur sie müssten Markt-
zwischen ist die 300-Millimeter-Technik welt- anteile abgeben, vor allem die Europäer
weit der Standard. In der AMD-Nachbar- hätten unter der chinesischen Aufholjagd
fabrik, der Fab-36, wird diese Technik bereits zu leiden. Allein in den vergangenen fünf
angewandt. Spätestens in diesem Jahr soll- Jahren hat Europa zwei Prozent am Welt-
ten dank des milliardenschweren Ausbau- markt zugunsten der Chinesen eingebüßt.
programms alle drei Dresdner AMD-Ferti- „Silicon Saxony – die Story“ muss wohl
gungsstätten auf dem neuesten Stand sein. noch um ein entscheidendes, aber nicht
Nun tritt AMD erst einmal auf die Bremse ganz so schönes Kapitel ergänzt werden.
und verschiebt die Pläne in das Jahr 2009. Janko Tietz

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 65
Pfarrer Overkämping*
Segen auf Bitte des Betreibers

in deren Namen Behrendt-Müller die


Schüler dann im Umweltschutz unterweist
– meist verbunden mit einem PR-Termin in
der Schule, bei dem Konzernsprecher der
einbestellten Lokalpresse etwas über ge-
sellschaftliche Verantwortung erzählen.
Für die Energiekonzerne ist diese Art un-
ternehmerischer Schulspeisung ein idealer
Erstkontakt zu den Kunden von morgen.
Inzwischen geht Behrendt-Müller sogar in
Kindergärten und verteilt Eisbären-Auf-

TORSTEN JANFELD / MEDIENHAUS BAUER


kleber.
Je schärfer die Diskussion um den Klima-
wandel, desto größer scheint der grüne
Inszenierungsbedarf der Konzerne.
Dabei liegt das Schwierigste noch vor
ihnen: Sie müssen ihre geplanten Kohle-
kraftwerke als Energiewende verkaufen.
In Deutschland steht eine Renaissance des
Rußes bevor. 31 neue Stein- und Braun-
kohlenmeiler sollen hier nach den Plänen
ENERGIE
der Konzerne in den kommenden Jahren

Renaissance des Rußes


ans Netz gehen, so viel wie nirgends sonst
in Europa.
Zwar hat jedes einzelne einen etwas
höheren Wirkungsgrad als die Steinzeit-
Die Stromkonzerne wollen in Deutschland 31 neue Kohlenmeiler Ausstoß meiler aus den siebziger Jahren, der CO2-
insgesamt wird sich aber – selbst
bauen. Um Protesten vorzubeugen, beschäftigt die Branche wenn alte Blöcke abgeschaltet werden –
Soziologen, und die Manager inszenieren sich als gute Kumpel. um rund 120 Millionen Tonnen im Jahr er-
höhen, schätzt der Bund für Umwelt und

W
as da wohl für ein Ding vor ihnen den die Kinder begrüßt: „Eure Stadtwerke, Naturschutz BUND.
auf dem Pult steht? Die Klasse euer Energieversorger, die Stadtwerke Der Bau eines Kohlekraftwerks, früher
4b der Herner Grundschule an Herne haben mich zu euch geschickt. Die eine quasi obrigkeitliche Aufgabe, die eine
der Königstraße ist ratlos. „Ein Kopierer?“, wollen, dass ihr lernt, wie man Umwelt Stadt mit Stolz und Arbeitsplätzen erfüllte,
vermutet ein Junge, doch der Kopierer und Natur besser schützen kann.“ ist zum Problem geworden. Industrielle Re-
entpuppt sich als Dampfmaschine. Was er In letzter Zeit häufen sich die Anfragen vier-Romantik kommt bei vollautomatischer
einatme? „Wasserstoff“, sagt ein anderer von DUA-Sponsoren wie E.on oder RWE, Produktion und Importkohle aus Polen
Junge. Und wieder aus? „Dreck.“ nicht mehr so richtig auf. Wofür soll eine
Ute Behrendt-Müller von der Deutschen je 800 800 bis 1100 Region leiden, wenn die Arbeit fehlt
Umwelt-Aktion (DUA) hat die Maschine Brunsbüttel Kiel 1600 und nur der Dreck bleibt?
mitgebracht. Zwei Stunden lang werden Lubmin Die erste Schlappe erlitt RWE im
500
die Schüler von ihr lernen, wie ein Kraft- Wilhelmshaven 1640 November in der saarländischen
werk funktioniert, was regenerative Ener- Hamburg Gemeinde Ensdorf. Weil den Bür-
gien sind und wie man Strom sparen kann 900 gern dort das geplante Stein-
(nicht so viel Playstation spielen, öfter mal Dörpen 800/800/1000 Stade kohlekraftwerk (neun Millionen
900
rausgehen). „Kinder sind ein ganz dank- 800 Tonnen CO2-Emissionen pro
bares Publikum“, sagt Behrendt-Müller, 750 1100 Nordenham Berlin Jahr, das entspricht dem Aus-
Duisburg Datteln je 820
die mit ihren Mitarbeitern etwa 11000 Klas- Hamm
stoß von 4,4 Millionen Autos)
sen pro Jahr besucht. 750/950 nicht so modern vorkam wie
Seit nunmehr 50 Jahren tingeln die selbst- Lünen dem Betreiber, entschieden sie
ernannten Umweltschützer der DUA durch 700 sich dagegen.
660 670
deutsche Schulen. Dabei sei von Anfang an Herne
Profen Boxberg Inzwischen herrscht bei
klar gewesen, dass „unsinnige, radikale For- 750 400 Düsseldorf den Energieriesen Alarm-
derungen wie etwa von Greenpeace nicht Krefeld 2200 stimmung. Eventuell, so die
1100
unsere Sache waren“, sagt Eberhard Weise. 800 Neurath
Staudinger These von Marktforschern in einem
Der frühere DUA-Vorstand war hauptbe- Köln Leitfaden zur Standortsuche für den
ruflich Arbeitsdirektor der Bayer AG. E.on-Konzern, werde die Kohle nach dem
2200 750
Die Industrienähe der Organisation ist Niederaußem Mainz Abklingen der AKW-
heute ihr Markenzeichen. Sie werde im Diskussion „Bösewicht
Auftrag von Unternehmen tätig, so Beh- 900 Neue und Umweltverschmut-
rendt-Müller – und dementsprechend wer-
Quelle: BUND
Mannheim
800
Kohlekraftwerke zer Nr. 1“.
Mögliche Skepsis muss
* Bei der Grundsteinlegung im Dattelner E.on-Kraftwerk
am 12. November 2007; hinten: Ministerpräsident Jürgen
Karlsruhe Diskutierte Standorte, so früh wie möglich
Rüttgers, E.on-Chef Wulf Bernotat und Energievorstand Leistung in Megawatt neutralisiert werden. Die
Bernhard Fischer.
Stein-
Konzerne lassen die Bür-
Braun-
kohle kohle
66
Wirtschaft

ger daher bei der Gestaltung der Kühltürme mit über hundert Kommunalpolitikern) die Das Forum sei ein „gutes Beispiel, wie
mitreden, bauen Nistmöglichkeiten für Wan- lokale Politik relativ leicht auf ihre Seite man Teilhabe möglich macht“, sagt ein
derfalken und rufen runde Tische ins Leben. bringen, formieren sich immer mehr Bür- E.on-Sprecher – und Overkämping ist sich
Durch psychologische Tiefeninterviews le- gerinitiativen gegen sie. sicher, „manches erreicht“ zu haben. Auf
gen Marktforscher für sie Unterbewusstes Auch in Datteln, der einstigen Zechen- Nachfrage fallen ihm neue Messmasten ein,
bei den Menschen in der Region frei, das stadt, die noch immer von einem Dutzend mit denen E.on die Schadstoffbelastung in
sie dann therapieren können: Welche Ängs- Schloten umstellt ist, regt sich Widerstand. Kraftwerksnähe dokumentieren will – ei-
te sind mit dem Kraftwerk verbunden? Hier hat E.on mit dem Bau eines riesigen gentlich eine Aufgabe der örtlichen Behör-
Inwieweit löst sich Unheimlichkeit auf, Steinkohleblocks mit 1100 Megawatt Leis- den. Die Reduzierung des Kohlenstaubs
wenn Gespräche oder Besichtigungen ange- tung begonnen. durch eine Überdachung des Kohlenlagers
boten werden? Was für einen Namen, eine Wie beim baugleichen Projekt Stau- ist E.on in Datteln zu teuer.
Farbe, eine Form sollten die Schlote haben? dinger bei Hanau beauftragte E.on in Dat- Seit der Konzern Pläne zur verbesserten
Um sich gleich als gute Kumpel einzu- teln die PR-Spezialisten der Firma IFOK, Entladung der Kohle präsentiert und sorg-
führen, lassen die Manager der Energie- als vermeintlich neutrale Moderatoren ein fältig verbreitet hat, ist die Kritik leiser
riesen auch Traditionen am Standort er- Kraftwerksforum zu organisieren. Darin geworden. „Anfangs gab es eine große
forschen: Auf was sind die Menschen stolz? sitzt neben Gewerkschaftern, Heimat- Sorge um Feinstaub“, so IFOK-Moderator
Wie grenzen sie sich vom Nach- Ralf Eggert. Die Aufklärung im
barort ab? Welchen Quellen Forum trage jedoch dazu bei,
und Personen trauen sie? „den Menschen die Angst zu
Der Kölner Regionalversor- nehmen“.
ger RheinEnergie wollte im Der Umwelttechniker Peter
April 2007 wissen, wie seine Gebhardt, Gutachter beim ers-
Kunden über den Klimawandel ten Forum im Sommer 2007,
denken. Dabei kam heraus, sieht das etwas anders. Die
dass ein bisschen Klimawandel Diskussion sei auf Kohlen-
den rheinischen Frohsinn („et staub reduziert gewesen, so
hätt noch immer jot jejange“) Gebhardt, weil E.on dafür
nicht aus der Bahn werfen eine vermeintliche Lösung hat-
kann. Die Ergebnisse zeigten te und so von der Belastung
sogar, dass regionale Energie- mit Schwermetallen ablenken
versorger „nicht als Klimasün- konnte. Durch die Zinkindustrie

MARTIN LEISSL
der wahrgenommen werden“. in Datteln sei dies aber ein
Im Fachblatt „Energiewirt- großes Problem: 600 Prozent
schaft“ veröffentlichte Rhein- über dem Grenzwert der ein-
Energie einen Artikel zu der Kraftwerk Staudinger: Vermeintlich neutrale Moderatoren schlägigen Verordnung liege et-
Untersuchung. Allerdings fehl- wa die Belastung durch Arsen
te ein wichtiges Detail: Auch auf den landwirtschaftlichen
das von RheinEnergie in Köln- Flächen in Kraftwerksnähe, so
Niehl geplante Kohlekraftwerk sein Gutachten. Durch E.on
war thematisiert worden – und kämen Tausende Kilogramm
da hörte selbst für die größ- Schwermetalle dazu.
ten Jecken der Spaß auf. Der Als sogar die „Bild“-Zeitung
Plan erwies sich als kommuni- über die Arsenbelastung in
kative Bombe. Ein Imageruin Datteln berichtete, habe sich
wäre sicher gewesen: Durch E.on „furchtbar geärgert“. Das
den Bau drohte RheinEnergie, Thema drohte aus dem Ruder
der „gutgelaunte, harmlose köl- zu laufen. „Protokolle und Er-
sche Freund“, plötzlich auf die klärungen werden im Forum
„Anklagebank“ der Umwelt- ja sonst immer im Vorfeld mit
sünder abzurutschen, stellten allen abgeklärt, um Einheit zu
UDO GEISLER

die Marktforscher fest. suggerieren.“


Kurz darauf stellte das Un- Der Dattelner Rechtsanwalt
ternehmen die Pläne zurück. Norbert Hiedl ging deshalb lie-
Als Grund führt Unterneh- Umweltpädagogin Behrendt-Müller: „Dankbares Publikum“ ber nicht zum Forum. Der Lo-
menssprecher Christoph Preuß kalpolitiker der Grünen wollte
den „überhitzten Kraftwerksmarkt“ an, vereinsfunktionären und Lokalpolitikern das Greenwashing von E.on „nicht auch
gibt aber zu, dass ein solcher Bau „weniger auch Pfarrer Hans Overkämping. Zur noch garnieren“. Hiedl und auch der
eine technische als eine kommunikative Grundsteinlegung vor wenigen Wochen BUND vermuten, der eine Block werde
Herausforderung“ sei. Auch die knapper kam er mit Stola und Weihwasser und noch nicht alles sein. Wo sonst 20 Hektar
werdenden Verschmutzungszertifikate trei- spendete auf Bitte des Betreibers seinen für ein Kraftwerk ausreichen, habe E.on in
ben den Preis der Anlagen. Vergangenen Segen. Datteln etwa 70 gekauft. Der Anlande-
Mittwoch verschob Evonik in Herne des- Erst sei er sehr skeptisch gewesen, so hafen sei doppelt so groß wie erforderlich.
halb den Bau eines Kohlekraftwerks. der Kirchenmann, „aber ich sehe manche Zudem gibt es eine E.on-Simulation, auf
Für die Neubauten setzen die großen Dinge jetzt anders“. Dafür habe das Forum der schon ein zweiter Block zu sehen ist –
Energieversorger auf bereits bestehende gesorgt. Es sei auf Druck der Bürger zu- ein altes Papier, sagt E.on.
Standorte und leidensfähige Menschen. stande gekommen, glaubt Overkämping. Es seien alles nur schwache Indizien,
Nur: Davon sind nicht mehr viele übrig. Tatsächlich hatte die IFOK die Möglich- „aber es gibt eine Kette davon“, so Hiedl.
Während die bestens vernetzten Konzerne keit eines runden Tischs schon im Vorfeld „Da verflüchtigt sich der Glaube an Zu-
(RWE etwa unterhält verschiedene Beiräte in Interviews abgefragt. fall.“ Nils Klawitter

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 67
Agenturgründer Getty
„Die Welt des Fotojournalismus zerstört“

Freiberufler haben es schwer, ihr Material


am Marktführer vorbei in die Medien zu
bringen.
Die Folge, so Kaufman: „Die Optik wird
homogener, und Motive etwa von Schläge-
reien auf dem Basketballfeld erscheinen
erst gar nicht, weil Getty den Zugang zur
Liga kontrolliert.“
Das Geschäftsmodell dahinter hat Petro-
Erbe Mark Getty schon vor Jahren zusam-
mengefasst. „Geistiges Eigentum ist das Öl
des 21. Jahrhunderts“, sagte er.
Sein Problem ist nun, dass er zu große
und zu teuer produzierte Mengen dieses
Rohstoffs besitzt, während die Nachfrage
sinkt: Die Fotoetats von Zeitungen und
Zeitschriften schrumpfen im Zuge der

MARTIN SALTER
Pressekrise deutlich zusammen, weniger
Anzeigenkampagnen bedeuten zugleich
ein vermindertes Werbebusiness.
Unterdessen explodiert die Konkurrenz
Jetzt sind die beiden vermögenden Fo- im Internet. Junge Firmen wie Shutter-
FOTOAGE N T U R E N
tofans selbst in Not: Über ein Jahrzehnt stock oder Fotolia wildern mit Erfolg im

Akt der nachdem Gates und Getty unabhängig Geschäft von Corbis und Getty und bauen
voneinander ihren Eroberungszug durch mit einem großen Heer von vorwiegend
die Fotowelt begannen, fällt ihre Strategie Hobby-Fotografen riesige Online-Fotoar-

Rebellion in sich zusammen.


Corbis hat offenkundig bis heute nicht die
chive auf – zu einem Bruchteil der Kosten.
Fotolia-Chef Oleg Tscheltzoff etwa ver-
Gewinnschwelle erreicht. Das Unternehmen langt in der Regel bloß zwei oder drei Dol-
mit dem wohl bedeutendsten Bildarchiv der lar pro Bild. Der Spottpreis ist möglich, weil
Bill Gates und Öl-Erbe Mark Getty
Welt wäre wahrscheinlich längst ein Fall für seine 80 000 Fotografen den Großteil der
wollten den Weltmarkt für die Firmenjäger und -zerschlager der Wall Arbeit – Bilder hochladen und beschriften
Bildrechte beherrschen – jetzt Street, gehörte es nicht zu 100 Prozent dem – selbst übernehmen.
werden sie massiv von Billig- reichsten Mann der USA – für Gates ist die „Kleine Unternehmen, Internet-Porta-
konkurrenz aus dem Netz bedrängt. Fotografiererei ein liebes Hobby. le, Blogger, sie alle lieben unser Ange-
Marktführer Getty Images dagegen bot“, schwärmt Tscheltzoff. Über drei Mil-

I
n der New Yorker Agentur Polaris Ima- spürt als börsennotiertes Unternehmen lionen Motive hat er schon in seiner schnell
ges geht es zu wie in den besten Zeiten den Druck der Anleger. Nach wachsenden Datenbank, pro
des Fotojournalismus. An den Tischen massiven Kursverlusten steht Woche würden, sagt er, bereits
schaffen junge Leute mit Telefon und Com- es seit knapp zwei Wochen für 20 000 Stück verkauft.
puter neue Aufträge ran. Die Wände sind geschätzt 1,5 Milliarden Dollar Besonders begehrt: Sym-
mit Titelbildern von Agenturfotografen ge- zum Verkauf. Vor Ablauf der bolfotos zum Beispiel von at-
schmückt. Angebotsfrist am 31. Januar traktiven Geschäftsleuten mit
Und mittendrin in diesem Loft im galten Private-Equity-Unter- Handy und Laptop – Artdi-
13. Stock in Manhattan sitzt ein schon äl- nehmen als potentielle Inves- rectors von Hochglanzmaga-
terer Herr in blauem Pullover, mit grauem toren. zinen mögen über die Qualität
Bart und gütigem Gesicht. Das ist Jean- Dabei war Getty Images der Zwei-Dollar-Bildchen la-
POLARIS / LAIF

Pierre Pappis, fast selbst schon ein Mu- noch bis vor kurzem zu- chen, doch kleine und mittle-
seumsstück: Seit 40 Jahren ist er im Ge- mindest finanziell erfolgreich. re Unternehmen schätzen sie
schäft, bei zwei der berühmtesten Agen- Konsequent hatte Mark Getty zur Illustration ihrer Newslet-
turen – Sygma und Gamma – war er im den zersplitterten Fotomarkt Milliardär Gates ter und Geschäftsberichte.
Topmanagement, solange sie noch unab- konsolidiert, für hohe Millio- „Wo liegt die Zukunft?“ Microstock heißen solche
hängig waren. nensummen kaufte er re- Unternehmen im Branchen-
Als sie verkauft wurden, machte er 2002 nommierte Agenturen auf, die Digitalisie- slang. Wegen ihres Erfolgs experimentiert
mit Polaris seine eigene Firma auf. Es war rung der Branche trieb er energisch voran. Getty bereits mit ähnlichen Geschäftsmo-
ein Rückzug. Und ein Akt der Rebellion Für Presse, Werbeagenturen und Buch- dellen.
gegen die beiden alles beherrschenden verlage wurde Getty so oft zur ersten An- Dass es wie bisher nicht weitergehen
Player im internationalen Fotobusiness: laufstelle. kann, hat auch Bill Gates seinen Mana-
Microsoft-Milliardär Bill Gates (Corbis) Zum Ärger vieler Fotografen: „Vorbei gern durchaus selbstkritisch eingebläut.
und Öl-Erbe Mark Getty (Getty Images). sind die Tage, da unabhängige Agenturen „Warum sollte jemand 200 Dollar für ein
„Die beiden haben die Welt des Foto- junge Talente pflegten und deren Karriere Bären-Foto zahlen, wenn er es auch für ei-
journalismus zerstört“, sagt Pappis. „Sie förderten“, sagt einer von ihnen, Andrew nen Dollar kriegen kann?“, fragte er vor ei-
haben den Markt aufgekauft, bis sie ihn Kaufman aus Miami. Bei wichtigen Er- niger Zeit bei einem Führungskräfte-Mee-
dominierten, dann die Preise kaputtge- eignissen, zum Beispiel im Sport, liefern ting.
macht und die Karrieren vieler Bildredak- mittlerweile einige festangestellte Getty- „Wo also“, so Gates, „liegt unsere Zu-
teure und Fotografen vernichtet.“ Fotografen einen Großteil der Bilder; kunft?“ Frank Hornig

68 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Medien
G O L F S TA AT E N

Geld oder Wahrheit


M it Milliarden Petrodollar und
großen Ambitionen steigt das Emi-
rat Abu Dhabi in die Medienszene am
Golf ein, in der bisher die Herrscher
von Katar und Dubai mit den Nachrich-
tensendern al-Dschasira und al-Arabija
dominieren. Prestigeprojekt der Abu
Dhabi Media Company ist eine eng-

ALEXANDRA WINKLER / REUTERS


lischsprachige Tageszeitung, die es –
so der britische Chefredakteur Martin
Newland, 46 – gar mit „New York
Times“ und „Washington Post“ aufneh-
men will. Die erste Ausgabe soll im
März erscheinen, über den Namen der
Zeitung wird bisher nur spekuliert. Für
das Projekt haben die Scheichs Journa-
T V- S E N D E R listen von „Wall Street Journal“, „New

ProSiebenSat.1 weiter auf


Yorker“ und mehreren britischen Zei-
tungen abgeworben. „Das Budget ist
großzügig“, so Newland. Es gibt aller-

Verkaufstour
dings Zweifel, ob der staatliche Eigen-
tümer bei der Pressefreiheit ebenso
großzügig sein wird wie bei den Gehäl-
tern: „Wir haben noch keine freie Pres-

D ie Sendergruppe ProSiebenSat.1 er-


wägt, sich von einem weiteren Un-
ternehmensteil zu trennen. Derzeit prüft
schweren SBS-Deal arbeitet der Kon-
zern aber mit Nachdruck daran, die
Finanzlast zu mindern. Zur Diskussion
se“, so die Kommunikationsforscherin
Aischa Abdullah al-Nuaimi von der
Universität Schardscha. Er sei fest ent-
der Konzern nicht nur den Verkauf steht derzeit auch ein Verkauf der Pro- schlossen, die Grenzen des Machbaren
seiner Produktionssparte – auch das duktionssparte mit tausend Mitarbeitern, auszutesten, kontert Newland. Regie-
Bezahlfernsehen in Skandinavien soll über den in den kommenden Wochen rungsleute in Abu Dhabi hätten ihn
veräußert werden, um die 3,5 Milliarden entschieden werden soll. C More, der ermuntert: „Stell uns auf die Probe!
Euro hohe Verschuldung des Münchner größte Pay-TV-Anbieter Skandinaviens, Wir haben dir einen Dolch in die Hand
TV-Konzerns zu senken. Rund 300 Mil- erfüllt mit einer Rendite von unter zehn gedrückt, jetzt gebrauche ihn.“
lionen erhoffe sich ProSiebenSat.1 als Prozent die Erwartungen der ProSie-
Kaufpreis für die Tochter mit dem benSat.1-Eigentümer KKR und Permira
Namen C More, heißt es im Sender- nicht. Ein erster Anlauf, die Firma los-
verbund. Die Investmentbank Lehman zuschlagen, scheiterte vor einem Jahr.
Brothers wurde bereits beauftragt, bis Schon damals wurde mit dem skandi-
ULRICH BAUMGARTEN / VARIO IMAGES

Ende Februar die Verkaufsunterlagen navischen Telekommunikationskonzern


zusammenzustellen, bis zum Sommer Telenor verhandelt, der auch diesmal
könnte das Geschäft über die Bühne ge- als heißer Interessent gilt. Ebenfalls als
hen, so Insider. ProSiebenSat.1 hatte die Kandidat gehandelt wird der US-Me-
Pay-TV-Firma, die rund eine Million dienkonzern Time Warner. Bei ProSie-
Fernsehabonnenten hat, beim Kauf der benSat.1 heißt es: „Der Verkauf ist eine
Sendergruppe SBS im vergangenen Jahr Option, die wir prüfen. Aber eine Ent-
mit übernommen. Seit dem milliarden- scheidung ist noch nicht gefallen.“
Abu Dhabi

JUGENDZEITSCHRIFTEN kant werdende Stelle der Leitung des wenig: Ein Studium ist nicht Vorausset-

Der nächste Sommer


Dr.-Sommer-Teams will der Bauer-Ver- zung, um Dr. Sommer zu werden. Job-
lag jedoch auf sehr traditionellem Weg Vorgängerin Dr. Eveline von Arx denkt

kommt bestimmt
besetzen, per Stellenanzeige in der derweil über weitere akademische Wei-
„Frankfurter Allgemeinen“ (Durch- hen nach, etwa eine Habilitation. Zur-
schnittsalter der Leser: 48 Jahre). Das zeit klärt die 32-Jährige als Lehrbeauf-

B isweilen beschäftigt sich das Dr.-


Sommer-Team des Jugendmagazins
Eignungsprofil entzaubert den Job ein tragte an der Universität Basel Studen-
ten über „Liebe, Sex und Zärtlichkeit“
ROLAND MAGUNIA / DDP

„Bravo“ mit bizarr unschuldigen Fragen – so der Untertitel der „Bravo“-Rubrik


pubertärer Jugendlicher. „Kann mich – auf. Titel ihres Seminars: „Freund-
ein Tampon entjungfern?“ – „Merkt ein schaftsbeziehungen im Jugendalter“.
Junge am Zungenkuss, dass ich noch
nie einen Freund hatte?“ Die bald va- Arx
70
Fernsehen

TV-Vorschau Bella Block –


Reise nach China
Das Wunder von Loch Ness Samstag, 20.15 Uhr, ZDF
Dienstag, 20.15 Uhr, Sat.1 Die Welt ist so schlecht,
Eine hauptabendliche Kinderstunde – dass den Guten nur noch
warum eigentlich nicht? Wo die Neu- die Feier der Verzweif-
bauers und andere Diven wogen, lung bleibt. Regisseur
könnte ja ein pfiffiger Fantasy-Film und Drehbuchautor
mit einem kindlichen Helden ab- Chris Kraus („Vier Minu-
räumen. Die Idee zu diesem Film ist ten“) hüllt seine Ge-

KRAUSE-BURBERG / SWR
nicht schlecht, ganz im Geist eines schichte von den Beelze-
gewitzten Privatfernsehens, das die buben eines moralischen
Öffentlich-Rechtlichen an deren Weltbildes, der Pharma-
Schmonzettenferse treffen könnte. industrie und der chine-
sischen Diktatur in die
erlesene Schwärze ab- „Tatort“-Kommissarin Folkerts in „Schatten der Angst“
soluter Depression ein.
Kommissarin Bella Block (Hannelore sind die unberechenbare Lebendig-
Hoger), noch nie eine Botschafterin keit und die jugendliche Wut dieser
heiterer Verbindlichkeit, verstummt im- wunderbaren Krimi-Frau geblieben?
mer mehr, je länger die Geschichte von
Profitgier, skrupellosen Tierversuchen
und globaler Schurkerei ihrem bitteren
Tatort: Schatten der Angst
MARTIN MENKE / SAT.1

Ende entgegentreibt. Ihr Assistent Devid Sonntag, 20.15 Uhr, ARD


Striesow, eigentlich als Bellas vitaler Moderne Deutschtürken werden über
Unterstützer vorgesehen, verirrt sich in diesen „Tatort“ wenig erfreut sein,
eine ziemlich gestörte Liebesgeschichte denn er dreht sich um die Themen
mit der Schwester (Jeanette Hain) der Zwangsverheiratung und Ehrenmord.
Schust in „Das Wunder …“ Ermordeten. Das Opfer hatte für seine Ein vorbestrafter Türke versucht
Erweckung von der gewissenlosen For- Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike
Leider aber misslingt dieser Druiden- scherin zur gewaltbereiten Tierschütze- Folkerts) mit der Berufung auf den
angriff auf das Dröge. Dünn ist die rin mit dem Leben bezahlt. Die aufs Ehrenkodex zu stoppen. Eine junge
Story (Buch: Daniel Maximilian, Morbide versessene Kamera von Judith Frau fügt sich sklavisch der patriar-
Thomas Pauli), schwach die Regie Kaufmann liebt alles, was da fault und chalischen Ordnung: „Ich bin schuld,
(Michael Rowitz), die den Schauspie- verwest. Beim Festival in Hof, wo die dass mein Vater leidet.“ Spannend
lern, Hans-Werner Meyer, Lisa Mar- kunstvolle Schwermut bekanntlich gern und herzerweichend erzählt Martin
tinek und Lukas Schust als dem Kna- absteigt, war man über Hogers erstar- Eigler (Regie) eine moderne Romeo-
benhelden, zu wenig abverlangt. rende Bella dolorosa begeistert. Wo aber und-Julia-Tragödie.

Der Kaiser von Schexing


Freitag, 21.35 Uhr, BR
TV-Rückblick Protagonisten entscheiden würden. Die
Bayern, die versuchen Englisch simul- Kamera hatte ein Auge für ihre Zwänge
tan zu dolmetschen; Bauern, die aus
Protest eine Fuhre Mist vorm Rathaus
Die Entscheidung und ihre Möglichkeiten. Es kann also
durchaus mal spannend werden, wenn
abladen; Standesbeamtinnen, die sich 7., 14., 21. und 28. Januar, ARD sich die ARD auf die Lebensrealität im
in Schottenröcke verlieben – das hat Ein Unternehmer, der seinen ahnungs- Lande einlässt. Große ethische Fragen
dann eine gewisse Komik, wenn man losen Betriebsleiter entlässt. Vor lau- wie Abtreibung und der Umgang mit
mit penetrant blau-weißem Lokalko- fender Kamera. Die Schwangere, die Koma-Patienten wurden so auf eine
lorit klarkommt. Franz Xaver Bogner, sich entscheiden muss, ob sie sich das sehr persönliche Weise behandelt. Das
Regie-Urgestein des Bayerischen Leben mit einem schwerbehinderten hätte man zur Primetime nicht unbe-
Rundfunks, setzt sein Heimatserien- Kind zutraut oder abtreibt. Der Ehe- dingt erwartet. Zu Recht nominiert für
Sammelsurium fort, diesmal mit skur- partner im Koma und der Skrupel oder den Grimme-Preis.
rilen Begebenheiten aus dem Alltag Wunsch, ihn sterben zu lassen. Fragen
eines frischgebackenen Bürgermeis- um Leben und Tod, eigentlich schon
ters: Dieter Fischer trällert als über- hochemotionale Spielfilmplots, aber es
motivierter Gemeindevorsteher „I’m waren vier 45-Minuten-Dokumenta-
Singin’ in the Rain“ durch den Rats- tionen aus dem echten Leben, die im
saal. Schmunzeln kann man trotz- Januar in der ARD-Doku-Reihe „Die
dem, zumal sich Nick McCarthy, Entscheidung“ gezeigt wurden. Die Au-
Gitarrist der Popgruppe Franz Ferdi- toren haben Menschen in existentiellen
nand, in zwei Folgen als Kilt tragen- Situationen begleitet, sehr nah und mit
WDR

der Liebhaber versucht. viel Respekt. Sie wussten am Anfang so


wenig wie die Zuschauer, wie sich ihre Szene aus „Die Entscheidung“
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 71
Medien

PRESSE

Noch einmal
mit Gefühl
Die Auflagen der Boulevardzeitungen sind seit Jahren im
Sinkflug. Ihre Macher kämpfen gegen Fernsehen und Internet und
finden sich in einer absurden Abwehrschlacht: Je mehr sich der
Sensationsjournalismus ausbreitet, desto schlechter geht es ihnen.

D
as beste Boulevardstück der ver- tung“, will in seinem Blatt vor allem „das
gangenen Jahre, folgt man dem Gefühl München“ spürbar machen, „das
„Bild“-Kolumnisten Franz Josef Gefühl Englischer Garten“ und „das Ge-
Wagner, war ein Buch – Hape Kerkelings fühl Premierenfeier“.
Jakobsweg-Beschreibung „Ich bin dann Zurzeit allerdings herrscht auf dem
mal weg“. Markt der Sensationsblätter nur eins vor:
Der Bestseller sei inhaltlich ja eher das Gefühl Krise. Die Auflagen der Boule-
schlicht und auch nicht wahnsinnig toll vardzeitungen sind seit Jahren im Sink-
geschrieben, sagt Wagner und blickt kurz flug. Und während Premiumblätter wie
auf, um Zustimmung zu erheischen, und die „Zeit“ oder die „Süddeutsche Zei-
aus dem Buch allein sei der Erfolg ja auch tung“ zulegen und mittlerweile auch die
nicht zu erklären. Dennoch haben es die „Frankfurter Allgemeine“ den Verfall der
Deutschen fast drei Millionen Mal gekauft. Auflage abbremsen und wieder steigende
Wagner ist der bekannteste Kolumnist Verkaufszahlen verbuchen konnte, rau-
des Landes und hat schon Boulevard ge- schen die Boulevardblätter immer tiefer
macht, als dort noch alles erlaubt und alles in den Keller.
möglich war. Wagner ist 64 und zugleich Allein „Bild“ verkauft Jahr für Jahr pro
Enfant terrible und Elder Statesman der Ausgabe gut 100 000 Exemplare weniger.
Branche. Ende 2000 lag die verkaufte Auflage noch
„Kerkeling ist geglückt, was gutem bei knapp 4,3 Millionen. Jetzt beträgt sie
Boulevardjournalismus jeden Tag gelingen etwa 3,3 Millionen. „Bild am Sonntag“
muss“, sagt Wagner und schnippt Asche („BamS“) rutschte im selben Zeitraum von
von der Zigarette. „Er hat genau das Le- 2,4 Millionen auf 1,7 Millionen. Dem Köl-
bensgefühl getroffen.“ Niemand wisse so ner „Express“, den Münchner Blättern
richtig, warum alle auf einmal dieses Buch „Abendzeitung“ und „tz“, den Hauptstadt-
gekauft hätten, aber jeder spüre, dass es in Postillen „B.Z.“ und „Berliner Kurier“ geht
die Zeit gepasst habe. es insgesamt kaum besser.
Genauso sei es auch mit gelungenen „Armer Boulevard – wird er nie wieder Auflagenrückgang bei
Schlagzeilen. In fünf, sechs Wörtern werde lachen können?“, würde der Boulevard in Boulevard-Zeitungen
da das Lebensgefühl des Tages zusammen- solchen Fällen fragen.
gepresst. Manchmal in dreien. Die „Bild“- Es wäre schön, könnte man darin einen
Schlagzeile „Wir sind Papst“ sei so ein Tref- Sieg des guten, des aufklärerischen Journa-
fer gewesen. „Genial!“, seufzt Wagner. lismus über den dumpfen Sensationalismus
Es ist schon ein bisschen komisch, dass sehen, einen Triumph etwa der dauernden Auflagen Berlin Köln
ausgerechnet die ausgebufften Kerle vom intellektuellen Kritik beispielsweise an 4/2000: 267 313* 297 587
Boulevard, die eher den Ruf von Killer- „Bild“, die der Schriftsteller Gerhard Hen-
haien im Blutrausch haben, wieder so viel schel in „Gossenreport“ (2006) als „Euro- 4/2007: 183 640 206 781
von Gefühl reden. Wagner kommt fast pas größte und übelste Sexualklatschkloa-
nicht mehr davon los. Er sinniert über den ke“ beschimpfte und der Literat Max Goldt
„wegweiserlosen Menschen“ von heute, als „Organ der Niedertracht“ bekübelte.
den er als Kerkeling-Leser vor sich hat und Doch das wäre mehr als naiv.
auch als Leser der „Bild“. In Wahrheit ist der Befund doppeldeu-
„Express“-Chefredakteur Rudolf Kreitz tiger. Trotz der Krise der Boulevardblät-
sieht im Erregen von Emotionen quasi die ter war der Boulevardjournalismus noch
letzte Zuflucht fürs Genre. Auf der Suche nie so allgegenwärtig wie zurzeit. Seine
nach Informationen sei man im Internet Themen breiten sich im öffentlich-recht- Auflagen-
schließlich besser aufgehoben, meint er. lichen Fernsehen und Privat-TV genau- rückgang
Arno Makowsky, seit wenigen Tagen so aus wie in der „Süddeutschen Zeitung“, in Prozent – 31,3 % – 30,5 %
Chefredakteur der Münchner „Abendzei- in „Stern“, „Zeit“ und SPIEGEL. Von den *montags
bis freitags
72 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
„Bild“-Chef Diekmann*
Kleinster gemeinsamer Nenner

Regionalzeitungen und den Nachrichten-


portalen im Internet ganz zu schweigen.
Die Boulevardisierung des Journalismus
hat auf breiter Front so sehr zugenommen,
dass es eines nicht mehr fernen Tages
eine eigene Unterabteilung Boulevard
womöglich gar nicht mehr braucht. Es wer-
de immer schwerer, noch als Boulevard-
blatt Profil zu zeigen, wenn jede brave
Lokalzeitung mittlerweile aussehe, als
wäre sie auch eins, sagt der Chefredakteur
des „Berliner Kuriers“, Hans-Peter Busch-
heuer.
„Das Ghetto Boulevard ist längst auf-
gebrochen“, meint Buschheuer. „Und
ausgerechnet wir Ghettobewohner haben
am wenigsten davon.“ Vom mickrigsten
Provinzblatt bis zur nationalen Premium-
zeitung hätten alle begriffen, wie sie mit
Promi-Bildern auf Seite eins und süffigen
Schlagzeilen die Neugier der Leser wecken.
Außerdem gibt es kaum noch Sensa-
tionen und Personen, die gleich die ganze
Nation erregen. Ähnlich wie die Parteien
leiden auch die Boulevardblätter unter der
Zersplitterung der Gesellschaft. Die Masse
mit einem einzigen Thema zu elektrisieren,
in einem einzigen Medium, mit einem
einzigen passenden Gefühl zum Tag wird
immer schwieriger. Man sieht das daran,
wie verzweifelt etwa „Bild“ oft auf dem
kleinsten gemeinsamen Nenner herumrei-
tet – etwa dem wohligen kollektiven Gru-
sel über das RTL-Dschungelcamp, Massen
von Kakerlaken und einen Ex-Torhüter,
der sich von Ratten blutig beißen lässt.
Vielleicht ist der Verlust der großen
Einheit auch der Grund, warum die Ma-
cher der „Bild“-Zeitung rund um Chefre-
KAY NIETFELD / DDP

dakteur Kai Diekmann weiter verbissen


versuchen, für das ganze Volk zu sprechen,
und nicht bemerken, dass sie dabei noch
mehr ins Abseits geraten.
Das bekam der Deutsch-Libanese Kha-
vom 4. Quartal 2000 bis zum 4. Quartal 2007 led el-Masri zu spüren, der von der CIA
nach Afghanistan verschleppt und dort ver-
mutlich auch misshandelt worden war. Als
„irre“, „durchgeknallten Schläger“ und
„Querulanten“ titulierte ihn „Bild“, nach-
dem er, offenkundig psychisch angeschla-
München München gen, einen Großmarkt angezündet hatte.
2 419 329 176 043** 4 264 836 184 697 151 279 Auf die anschließende Rüge des Presserats
reagierte das Blatt bockig: „Wir werden un-
1 703 553 134 473 3 328 279 147 650 150 118 sere Berichterstattung nicht weichspülen –
so wenig wie bei Hasspredigern, Nazis oder
sonstigem durchgeknallten Gesindel.“
– 0,8 % Doch es ist kein Zeichen von Stärke,
sondern ein Symptom der Krise, dass
„Bild“ hier völlig neben der Spur Emotio-
nen schüren wollte. Denn die Volksseele
– 20,1 % Quelle: IVW kochte nirgends.
– 23,6 % – 22,0 % Ganz so einfach wie noch vor ein
paar Jahren lief es auch mit der Kampagne

– 29,6 % **„Berliner Kurier“ und * Mit Bob Geldof in der Redaktionskonferenz in Hamburg
„Berliner Kurier am Sonntag“ am 31. Mai 2007.

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 73
Medien

nicht, die das Blatt in den ersten Wochen Der Kölner „Express“ wirbt dennoch „Damals fand ich das heiß“, sagt Wag-
des Jahres fuhr und mit der es die Debat- unverdrossen mit dem Dreiklang: „Schnell, ner, „aber heute würde ich es nicht mehr
te um Kriminalität von jungen Ausländern schneller, Express“. Das klingt zwar nicht machen.“
immer weiter anheizte und dem Wahl- mehr selbstironisch, sondern nur noch hilf- Doch sind diese Exzesse ja nicht ver-
kämpfer Roland Koch viel Raum bot. Koch los, aber es illustriert die verlorenen Ver- schwunden. Krawalljournalismus, Sensa-
liefen die Wähler in Scharen davon, trotz sprechungen des Boulevard. tionsgier, Schaulust, Prominentenhatz und
freundlicher Flankierung durch das Boule- Vor einigen Jahren war der „Express“ Aufwiegelei haben immer noch ihren Platz
vardblatt. noch martialischer, härter, blutiger. Es galt in den Boulevardblättern, sie nehmen brei-
Es wäre zu viel behauptet, Kochs Nie- die Devise: „Jeden Tag ein Exzess im ten Raum ein im Boulevardfernsehen, und
derlage sei auch die von „Bild“. Aber auch Express“. Doch auch dieses Versprechen sie breiten sich im Internet aus wie ein
die Leserschaft der „Bild“ ist nicht mehr so ist schon lange nicht mehr haltbar. Nicht stinkender Pilz.
homogen, dass sie sich politisch über einen einmal im Negativen. Auch hier hat die Boulevardzeitung ihr
Kamm scheren ließe. „Express“-Chef Kreitz zuckt mit den Monopol lange verloren. Wer Schmuddel-
Da ist es auch kein Trost, dass die Ero- Schultern und sagt: „Immer noch eine kram, Sexklatsch, üble Nachrede und Ge-
sion der Auflage wenigstens finanziell nicht Schippe drauflegen, um noch knalliger, walt wirklich sucht, der ist bei Google bes-
schadet. Denn bei Springer gilt seit ein noch krawalliger zu sein, das funktioniert ser bedient als bei „Bild“.
paar Jahren das Dogma der sogenannten einfach nicht mehr. Der Auflage nutzt das Andererseits könnte gerade der Unter-
rentablen Auflage: Nicht die Zahl der ver- jedenfalls nichts.“ Kreitz, der ein gelernter bietungswettbewerb mit dem Internet neue
kauften Zeitungen zählt, sondern das Geld, Lokaljournalist und kein geborener Bou- Möglichkeiten eröffnen. Es schreit gerade-
das dabei herausspringt. Mit Preiserhö- levardmann ist, scheint das eher beruhi- zu nach Niveau. „Ein Thema zu befeuern,
hungen wurde in den vergangenen Jahren gend zu finden. um eine Schlagzeile à la ,Deutschlands ge-
meinste Mutter‘ zu haben, reicht nicht
mehr“, sagt Ex-„Bild“-Chef Claus Larass.
Lesen wolle man doch die Geschichte da-
hinter, in die sich mal jemand tagelang
hineingekniet habe. Wenn der Boulevard
so sehr an der Oberfläche bleibe, dass man
ein Blatt „zwischen zwei roten Ampeln
lesen kann“, so Larass, dann konkurriere
er eben mit den Nachrichtenagenturen.
Ein Hoffnungsträger besonderer Art ist
da der neue „AZ“-Chef Makowsky, der
von der „Süddeutschen Zeitung“ kommt.
Er will seinem Blatt mehr Ironie verord-
nen, mehr Witz. Viel wichtiger als die
Themen, sagt er, sei, dass sie originell um-
gesetzt werden. Da der Boulevard in der
Mitte der Gesellschaft angekommen sei,
sei auch das Bedürfnis gestiegen, sich mit
einer Boulevardzeitung intelligent zu amü-
sieren.
Einen anderen Weg geht „BamS“-Chef
QUIRIN LEPPERT
SUSE WALCZAK

Strunz. Er will die Zeitungskäufer zurück-


erobern. „Das Qualitätsversprechen des
Boulevard ist hochgegangen und hat dabei
Chefredakteure Strunz, Makowsky: Die Zeitungskäufer zurückerobern vielleicht auch Leser abgehängt“, sagt er.
Er hat sich eigens an einem Sonntag-
auf diese Weise der Auflagenschwund Franz Josef Wagner kommt noch aus der morgen in roter „BamS“-Verkäuferkluft
wettgemacht. Führte das zu weiteren Ein- Zeit, als alles möglich war, selbst wenn aufgemacht, um Leser zu finden. „Dabei
brüchen, ging der Preis noch weiter rauf. es mal unmöglich war. Er hat in dem in- habe ich Menschen getroffen, die sich eine
Ein Sog entstand, gegen den schwer anzu- zwischen eingestellten Ostboulevardblatt Sonntagszeitung für 1,40 nicht leisten kön-
steuern ist. „Super“ über den Tod eines Menschen die nen“, sagt er. Strunz hat sich das Projekt
Der größte Feind der Boulevardzeitun- jubelnde Schlagzeile drucken lassen: „An- einer Parallelausgabe ausgedacht. „BamS
gen ist jedoch, wie bei allen Zeitungen, geber-Wessi mit Bierflasche erschlagen. kompakt“, die deutlich billiger sein wird
bei allen Printprodukten, das Internet. Ganz Bernau ist glücklich, dass er tot ist.“ als das Original, soll die Auflage wieder
„Bei einem prominenten Entführungsfall“, Heute spricht er von den „dunklen nach oben schrauben. Seine Zuversicht be-
seufzt etwa Claus Strunz, Chefredakteur Schatten“ des Boulevard, von den „Ab- zieht er auch daher, dass zwar die Zahl
der „Bild am Sonntag“, „ist heute nicht wegen, auf die auch ich geraten bin“. der verkauften „BamS“-Blätter sinkt, die
nur die Nachricht sofort im Internet, son- Einmal, nachdem deutsche Hooligans Zahl der Leser jedoch hoch bleibt.
dern die Ehefrau spricht auch gleich trä- den französischen Polizisten Daniel Nivel Die erfolgreichste „Bild“-Titelschlag-
nenreich live im Fernsehen.“ ins Koma geschlagen hatten, brachte Wag- zeile des vergangenen Jahres war übrigens
Schon das Aufkommen des Privatfern- ner in der „B.Z.“ das Foto des mutmaß- nicht die Eisbär-Story „Knut darf leben!“,
sehens hat den Boulevardblättern schwer lichen Haupttäters unter der Schlagzeile: es war nicht „Das ist der brutale U-Bahn-
geschadet. Doch erst das Internet trieb „Der brutalste Mensch Berlins“. Striche Schläger“, nicht „Boris kämpft um sei-
wiederum das Fernsehen so sehr zur Eile zeigten auf sein Gesicht. Daneben stan- ne Anna“ und nicht „Maybrit Illner liebt
an, dass es immer schneller, immer häufi- den Fragen: „Seine Augen. Wie sieht er Telekom-Chef!“
ger seine Schlagzeilen und Filme heraus- uns?“ – „Seine Lippen. Wie gemein spricht Sie lautete: „100 Medikamente, die wirk-
haut. Dieses Rattenrennen kann die Zei- er über uns?“ – „Sein Gehirn: Warum haßt lich helfen!“
tung nicht gewinnen. er uns?“ Markus Brauck, Isabell Hülsen

74 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
In München und dann in Köln arbeitete
er in Discotheken und als Model. Die Jobs
T V- S H OW S
wurden internationaler, bis er vor zwei

Bruce ohnmächtig
Jahren in Heidi Klums Castingshow lan-
dete. Klum war die Domina, Bruce bald
die Königin der Herzen. Frauen mögen ihn
wie einen schwulen besten Freund, Män-
Viele halten den ARD-Neuzugang Bruce Darnell für eine ner finden ihn lustig und ungefährlich.
Es treibt ihm noch immer Tränen in die
Witzfigur. Sie kennen seine Lebensgeschichte nicht. Augen, dass er im Herbst aus der Presse
erfahren musste, in der dritten Staffel gar
nicht mehr dabei sein zu dürfen. Woher
so jemand sein Selbstvertrauen nimmt?
Hat er denn eins?
Klar. Und er hat es sich verdient. Es gibt
im deutschen Fernsehen wohl niemanden,
der in all seiner bisweilen anstrengend-
überbordend-gefühlig-affektierten Künst-
lichkeit zugleich so viel verletzliche Wahr-
haftigkeit und oft verletzte Ehrlichkeit aus-
strahlt wie er. Dabei ist er ein erstaunlich
feiner Mensch geworden – oder geblieben.
Bruce’ Manager-Ehepaar, das sind die An-
gelika und der Wolfgang aus Stommeln bei
Köln. Sie haben eine Modelagentur, aber
keine eigenen Kinder. Sie haben Bruce.
Seit rund 20 Jahren kümmern sie sich
um ihn. Sie sind nicht seine Aufpasser,

BERND LAUTER / SVEN SIMON


sondern seine Familie, wenn sie – wie an
diesem Januarabend – in Reichweite sitzen
und ihm zuhören, wie er von die Dunkel-
heit sprischt, in die er gebore und auf-
gewachse is mit die Hoffnung auf Licht an
die Ende von de Tunnel.
Lifestyle-Berater Darnell: Er weiß, was Härte und Einsamkeit sind Sie haben jetzt ein bisschen Angst um
ihn. Er hat wieder den ganzen Tag geackert

D
er Wahrheit is: Auf die erste Blick, This guy strahlt aus die Naivität von ein in diesem Studioloft im Industrieviertel-
Bruce Darnell ist like a fuckin’ Zehnjährige und die Dynamik von ein Elend von Köln-Deutz. Manchmal kann er
Puzzle. Nix passt susamme bei Twen. Er hat die durchtrainierte Body ei- einfach nicht mehr. Auch weil ihn die
disse verruckte Typ. Dass er sou erbro- nes 30-Jährigen, was jedem Normal-Mitt- Storys der Kandidaten treffen wie radio-
chene Deutsch sprischt – nach über 20 Jah- vierziger Feeling gibt von ein Müllsack. aktive Strahlung.
re in Deutscheland! Dass er sou nahe ge- Dabei ist er schon 50 und hat genug er- Seine Shows werden seit November auf-
baut an die Wasser und bei jede Pups los- und überlebt für einen 100-Jährigen. gezeichnet. Sie veränderten sich und ihn.
heult, obwohl er fruher fightete sechs Jahr Dieser Darnell weiß, was Einsamkeit ist, Alle bei der Produktion haben ein gutes
lang for die U. S. Army wie eine Robot. denn er wuchs als einziges uneheliches von Gefühl, aber das Ergebnis wird man erst
Auf die zweite Blick passt immer noch zehn Kindern in Colorado auf. Sie haben im Fernsehen beurteilen können. „Bruce“
nothing, erst recht nicht, dass die Bruce es ihn spüren lassen. Alle. Den Kontakt zu könnte ein absurdes Tränenreich werden
jetzt soll werde ausgeräschnet die brand- seiner Familie hat er abgebrochen. Seinen zwischen Kitsch und Klischee. Oder ein
new Stilikone of the ARD. Vorher er war leiblichen Vater kennt er bis heute nicht. TV-Ereignis. Man muss keine Angst ha-
ein bisse die Witzfigur bei „Germany’s Next Er weiß auch, was Härte ist, denn nach ben, dass es zu seicht wird, eher zu schwer,
Topmodel“ auf ProSieben, wo er su die der Schule und einem Intermezzo als So- wenn Bruce zum Beispiel erzählt von der
Laufsteg-Tussis sagte: „Mehr Drama, ziologiestudent landete er bei der 82. Luft- Kandidatin mit den missglückten Kiefer-
Baby!“ oder „Die Handetasche musse landedivision, ausgerechnet im Südstaat operationen. Er bat sie, ein Bild von sich
lebe!“ Ab 12. Februar er darf abends durch North Carolina. Es gibt ruhigere Lebens- zu malen. Und sie malte Frankenstein.
sein eigene „Styling-Show“ führen. Bruce läufe. Selbst wenn er nur davon erzählt, weint
als Bruce in „Bruce“. Dienstags to friday, Deshalb weiß er auch, was Rassismus er wieder. Dieser Bruce glaubt sich auf
ab 18.55 Uhr, 20 Folge lang. ist, wenn er erzählt, wie er mal nachts einer Mission. Natürlich sei er weder Pre-
Sogar die öffer-rechti… öffelisch-rek… mit dem Fahrrad unterwegs war und von diger noch Heiliger. Aber er müsse diesen
also the Gebühren-TV klingt mondäner, einem Pick-up geschnitten wurde. Wie er armen Menschen doch helfen, sich wieder
wenn Bruce es sprischt: „Äi Ar Di“. schimpfte, bis einer der vier Typen ihm aufzurichten. Nicht mit Schminktipps, son-
Aber solle wir ährlisch sein, der Wahr- eine Pistole ins Gesicht hielt und sagte, dern Lebenshilfe! Nur: Er muss jetzt ein
heit sage wie är? Bruce als eine Typberater noch einen Ton, und er drücke ab, und bisschen viel retten: die Quoten des ARD-
in die Äi Ar Di … es ist, als ob Elton John wie sie dann lachten, und er schwieg. Vorabends, 20 Kandidaten und sich selbst
gibt Jodelkurs in die VHS Dinslaken. Darnell überlebte diese Jugend und diese gleich mit.
Und genau deshalb – wenn auch viel- Familie und dieses Militär und die eigene Die Show seines Lebens hat noch keinen
leicht erst auf die dritte Blick – er ist wahr- Angst, bevor er Mitte der achtziger Jahre Soundtrack. Es könnte „Brokeback Moun-
scheinlich die riskanteste, aber auch inter- ohne Plan nach Deutschland flog, einfach tain“ werden oder „Ein Käfig voller Nar-
essanteste Neubesetzung, was de ganze weil sein Stiefvater früher von seiner eige- ren“. Beides wäre übrigens nicht er. Das ist
deutsche TiVi derzeit zu biete hat. nen Armeezeit in Augsburg erzählt hatte. der Wahrheit. Thomas Tuma

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 75
Panorama Ausland
UKRAINE
J ulija Timoschenko ist eine ehrgeizige

Riskanter Reformkurs
Frau, der Posten als Premierministerin
reicht ihr offenbar nicht. Deshalb versucht
sie bereits sechs Wochen nach Amtsantritt,
sich als Kandidatin für das Präsidentenamt
zu empfehlen – indem sie ihr Land nach
Timoschenko, Westen führt. Am Dienstag will die Welt-
Solana handelsorganisation die Aufnahme der
Ukraine beschließen. Bei einem Besuch in
Brüssel hatte Timoschenko zudem EU-Chef-
diplomat Javier Solana versichert, ihr Land
entwickle sich „in Richtung Europäische
Union“. In den kommenden Wochen ver-
handelt die frühere Sowjetrepublik mit Brüs-
sel über eine Freihandelszone. Langfristig,
so sagen ukrainische Diplomaten, strebe ihr
Land eine Nähe zur EU nach dem Beispiel
der Schweiz und Norwegens an. Auch im
Inneren drückt Timoschenko aufs Tempo.
In den nächsten Monaten will die Regierung
mit der Privatisierung von 19 Staatsunter-
nehmen im Wert von 3,4 Milliarden Euro
beginnen. In ihrem Wahlprogramm hatte Ti-
moschenko versprochen, durch Entbüro-
kratisierung und Steuererleichterungen ein
„Investitionsparadies“ zu schaffen. Mit der
Parole vom „ukrainischen Durchbruch“ er-
hielt die flamboyante Volksrednerin bei der
Parlamentswahl im September 30,7 Prozent
der Stimmen, mehr als doppelt so viel wie
die Partei ihres Koalitionspartners, des Prä-
sidenten Wiktor Juschtschenko. Als kleines
Dankeschön lässt sie jetzt an die Bürger Ent-
schädigungen für jene Sparguthaben aus-
zahlen, die zum Ende der Sowjetzeit ent-
wertet worden waren. Die Wohltat kostet
2,74 Milliarden Euro, das sind 8,5 Prozent
der diesjährigen Staatsausgaben – weswe-
gen nun eine steigende Inflationsrate droht.
Gewagt ist auch der Wunsch Timoschenkos
und Juschtschenkos, die Nato solle der
Ukraine den Anwärterstatus auf Mitglied-
schaft anbieten. Lediglich ein Viertel der
Ukrainer befürwortet derzeit einen Beitritt
YVES LOGGHE / AP

zum Nordatlantikpakt. Vor allem russisch-


sprachige Bewohner im Osten und Süden
des Landes fürchten für den Fall einer Nato-
Annäherung Konflikte mit Moskau.

B H U TA N beobachtet die Lage derweil mit Sorge.


0 km 500

Umstrittene Grenzen
Neu-Delhi hat Gebirgsjäger in die Re-
gion verlegt. Die Inder verdächtigen Pe-
king, die Machtbalance im Dreiländer- CHINA
Tibet
D er winzige buddhistische Himalaja-
Staat wird zum Zankapfel zwischen
den Nachbarn Indien und China. In den
eck auf dem Dach der Welt verschieben
zu wollen. Denn auch der Grenzverlauf
zwischen China und Indien ist in dieser
vergangenen Monaten sind Pekings Sol- Region nicht klar. Im November 2007 BHUTAN
NEPAL
daten immer wieder in Bhutan einge- hatten chinesische Soldaten verlassene
drungen. Der Verlauf der 470 Kilometer indische Posten zerstört. Das kleine INDIEN
langen Grenze in dem unwegsamen Ge- Bhutan ist die jüngste Demokratie der INDIEN BANGLA-
biet ist umstritten. Indien, das Bhutan Welt, vor kurzem erst hat das Königs- DESCH
außenpolitisch berät und rund 60 Pro- haus allgemeine Parlamentswahlen aus- BURMA
zent seines Staatshaushalts finanziert, geschrieben.
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 77
Panorama
LUFTVERKEHR

Einfach praktischer
D ie skandinavische Fluggesellschaft
SAS hat jetzt begonnen, auf den
beiden größten Flughäfen des Landes in
Stockholm-Arlanda und Göteborg-
Landvetter Passagiere per Finger-

TONY GENTILE / REUTERS


abdruck einzuchecken. Das neue Ver-
fahren ist zunächst einmal für Inlands-
flüge installiert. Passagiere können beim
Aufgeben ihres Reisegepäcks freiwillig Rom Mexiko City
ihren Fingerabdruck registrieren lassen
und sich dann, vor dem Einsteigen in Parlamentsprügeleien
die Maschine, mittels Zeigefinger auf ei-
nem Lesegerät identifizieren. Den Pass I TA L I E N

„Erhöhte Vulgarität“
müssen sie nicht mehr vorzeigen. Der
biometrische Check-in ist weltweit ein-
malig und soll so schnell wie möglich
auf die innerskandinavischen Routen
nach Dänemark und Norwegen ausge- Der Turiner Kulturkritiker Mar- wird, ist allerdings neu, und es be-
weitet werden. Das neue Verfahren sei co Travaglio, 43, über die politi- weist, dass das Unpolitische längst
„einfach praktischer“, behauptet die schen Rituale in seiner Heimat ins Parlament eingezogen ist. Ge-
SAS. Es beschleunige das Einsteigen und Auswege aus der Krise nau wie in Mexiko, der Ukraine
und in der Türkei oder wo sonst

CONTRASTO / LAIF
SPIEGEL: Irritiert es Sie, wenn in der Volksvertreter übereinander her-
höchsten Parlamentskammer ein fallen.
Senator vom eigenen Fraktions- SPIEGEL: Was sagen die Rangeleien
INGVAR KARMHED / SCANPIX / PICTURE-ALLIANCE / DPA

vorsitzenden bespuckt und bedroht im Senat über die politische Kultur


wird? Italiens aus?
Travaglio: Nein. Das italienische Parlament Travaglio: Der eigentliche Skandal liegt dar-
hat immer schon über einen erhöhten Grad in, dass ebenjener Senator, der gerade noch
an Vulgarität verfügt. Dass jetzt auch ge- einen Kollegen angespuckt hat, am nächs-
spuckt und mit Champagner gespritzt ten Tag vom Staatspräsidenten empfangen

ARGENTINIEN Wohnungen. Vor allem in der Stadt El

Krösus Kirchner
Calafate am Touristenziel Lago Argen-
Fingerabdruck-Kontrolle in Stockholm tino haben die Kirchners Ländereien
gekauft und einen Hotelkomplex errich-
und erhöhe die Sicherheit bei der Zu-
ordnung des Gepäcks. Nach dem Flug
sollen die Daten wieder gelöscht wer-
R egieren lohnt sich offenbar am Río
de la Plata: Ex-Präsident Néstor
Kirchner hat sein Vermögen während
tet. Die Opposition bezweifelt jedoch,
dass der ungewöhnliche Vermögens-
zuwachs allein mit Mietsteigerungen zu
den. Bei einer Kundenumfrage unter seiner vierjährigen Amtszeit um 160 erklären ist; sie verlangt die Einsetzung
Vielfliegern hatten 53 Prozent das neue Prozent auf 17,8 Millionen Pesos gestei- eines Untersuchungsausschusses. Nicht
System akzeptiert. In Griechenland da- gert, rund 3,8 Millionen Euro. Das geht einmal Staatschef Carlos Menem, der in
gegen war ein ähnlicher Versuch verbo- aus der Besitzstandserklärung hervor, mehrere Korruptionsskandale ver-
ten worden. Bislang haben erst einige die der frühere Präsident vor der Anti- wickelt war, hat sich in seiner Amtszeit
amerikanische Flughäfen Ähnliches ver- Korruptions-Behörde abgeben musste. so bereichert wie der Linkspopulist
sucht: Fluggäste sollen mit sogenannten Der enorme Wertzuwachs hat in Buenos Kirchner: Menem gab sein Vermögen
Clear-Cards, biometrischen Karten mit Aires einen Skandal verursacht. Kirch- mit rund 1,2 Millionen Euro an.
Fingerabdruck, am Automaten ein- ner gibt an, seinen Reichtum
checken können. Einen anderen Weg aus den Mieteinnahmen für
gehen die Sicherheitsmanager der Flug- seine Immobilien erwirtschaf-
häfen Charles de Gaulle in Paris oder tet zu haben. Den Kirchners
NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF

Frankfurt am Main, wo erste Versuche gehören insgesamt 19 Häuser,


mit Iris-Scannern zur Identifikation er- 14 Apartments, 2 gewerbliche
probt werden. Experten wie der deut- Immobilien und 6 Grund-
sche Datenschutzbeauftragte Peter stücke in ihrer Heimatprovinz
Schaar sehen das schwedische Verfah- Santa Cruz in Patagonien;
ren „mit Skepsis“. Es entwerte die Ver- in Buenos Aires besitzt das
wendung für Sicherheitszwecke, da Präsidentenehepaar zwei
Fingerprints inzwischen „sehr leicht
zu fälschen“ seien. Kirchner (im Auto)
78 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Ausland
G R O S S B R I TA N N I E N

Billiges für Schotten

PICTURE-ALLIANCE / DPA (L.); BURHAN OZBILICI / AP (R.)


D ie Highlands gelten als hartgängiges
Gelände, in dem sich Eroberer tra-
ditionell schwertaten. Die deutsche Su-
permarkt-Kette Lidl aber hat die schotti-
schen Hochebenen jetzt mit Dumping-
Preisen eingenommen. Der Discounter
bot unlängst eine Variante der National-
tracht an – einen Kilt für 24,99 Pfund,
Ankara dazu Jakobiten-Hemd und passende
Felltasche. Die Kunden haben die Wahl
zwischen den Farben des Mackenzie-
wird. Wer am lautesten brüllt und droht, sche, und plötzlich hatten wir eine Regie- und Douglas-Clans oder jener des Elite-
findet offenbar Gehör. Präsident Giorgio rung mit 103 Ministern und Staatssekretären. regiments Black Watch. In wenigen
Napolitano hätte erklären müssen: Der SPIEGEL: Staatspräsident Napolitano hat Se- Stunden waren die Bestände ausver-
bleibt draußen. Die politische Kultur ist ein natspräsident Franco Marini mit der Bil- kauft. Stolze Highlander, wie der Pries-
weiteres Stück heruntergekommen. dung einer Übergangsregierung beauftragt. ter und Dudelsackspieler Donald
SPIEGEL: Silvio Berlusconi droht mit einem Kann er so das Chaos beenden? Michael MacInnes, betrachten das
„Marsch auf Rom“, falls es nicht zu schnel- Travaglio: Abwarten. Die Parteiführer auf Angebot jedoch mit Herablassung. Ein
len Neuwahlen kommt. Muss sich Europa der Rechten wie Gianfranco Fini sind wie- guter Kilt, so MacInnes, besteche durch
Sorgen um Italien machen? der brav zu ihrem Padrone Berlusconi zu- zahlreiche messerscharf gebügelte
Travaglio: Natürlich, seit 15 Jahren, seit Sil- rückgekehrt. Sie können jetzt keine Über- Falten, in denen das Muster des Clans
vio Berlusconi Politik macht. Es sind zwar gangsregierung stützen, weil Berlusconi die
nur verbale Drohungen. Aber diese ständi- nicht will. Die einzige Möglichkeit, dessen
gen Attacken vergiften das Klima. Rückkehr noch zu verhindern, ist, wenn je-
SPIEGEL: Welchen Fehler haben Prodi und mand von außen die Karten neu mischt.
die Linke Italiens gemacht? SPIEGEL: Wer könnte das sein?
Travaglio: Prodi wurde Opfer der Umstände. Travaglio: Ich mag ihn nicht besonders, aber
Ohne stabile Mehrheit konnte er seine Re- wenn Luca Cordero di Montezemolo, der
formen nicht durchbringen, etwa die Be- Chef des Unternehmerverbandes, sich ent-
grenzung der Macht in den Medien. Seine schließen würde, in die Politik zu gehen,
Koalitionspartner diktierten ihm ihre Wün- könnte das vieles ändern.

BÜCHER gime in Damaskus beschuldigt, hinter

Unbeugsamer Wille
der Ermordung des libanesischen Ex-
Premiers Rafik al-Hariri zu stehen. Dass
sich Chidiac nicht hat einschüchtern las-

I hr Schicksal symbolisiert die schöne


Seite des Libanon ebenso wie die
hässliche: Blond, attraktiv und erfolg-
sen, zeigt ihr anrührendes wie erhellen-
des Buch „Ich werde nicht schweigen“,
das sie demnächst in Deutschland vor-
reich, zählte May Chidiac zu den be- stellen will*. In einer Art Tagebuch
liebtesten Fernsehstars der Le- schildert die Journalistin nicht Discount-Kilts
vante. Ihre Offenheit und Mei- nur ihr Schicksal als Terror-
nungsstärke, die sie auch vor opfer, den qualvollen Weg zu- bruchlos zu sehen sei – weshalb am Ma-
Kritik am mächtigen Nachbarn rück auf den Bildschirm einge- terial nicht gespart werden dürfe. Acht
Syrien nicht zurückschrecken schlossen; Chidiac gibt auch bis zwölf Yards beste, von glücklichen
ließen, machten ihre Polit-Talk- Einblick in das verwirrende Hochmoorschafen geschorene Wolle
show „Guten Morgen“ zum Interessengeflecht der libane- benötige man dafür. Die Lidl-Variante
Aushängeschild des Beiruter sischen Hauptstadt, in der die kommt mit nur fünf Yards aus, und der
Senders LBC – bis am 25. Sep- schiitische Hisbollah, sunniti- Stoff ist lediglich aus schlichter Polyvis-
tember 2005 eine Bombe den sche und christliche Parteien kose. „Mit diesem Material bei unserem
Geländewagen der TV-Modera- sowie die Statthalter Syriens feuchten Wetter – das kann durchaus un-
torin zerriss. Chidiac überlebte, um die Macht ringen. Die sehr angenehm enden“, argwöhnt Kilt-Träger
doch die Chirurgen mussten persönlichen Schilderungen MacInnes. Auch vor dem Traualtar, vor
ihr den linken Arm und das der unbeugsamen Kämpferin dem sich die national wiedererweckten
linke Bein amputieren. Der damalige lassen erahnen, was die Christin Chi- Schotten neuerdings gern in Tracht
Uno-Generalsekretär Kofi Annan verur- diac zu einer der couragiertesten Frau- präsentieren, habe der Lidl-Kilt laut
teilte den Anschlag, der syrischen Ge- en des Nahen Ostens macht. MacInnes nichts verloren. Höchstens im
heimdienstkreisen zugeschrieben wird, Fußballstadion könne man ihn benutzen,
als „abscheuliche Tat“. Noch kurz vor * May Chidiac: „Ich werde nicht schweigen“. Blanvalet so der Priester der Hochland-Kirche.
dem Mordversuch hatte Chidiac das Re- Verlag, München; 256 Seiten; 16,95 Euro. Da gehe schließlich einiges zu Bruch.
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 79
Titel

Tausendundeine Pracht
Das höchste Gebäude, der größte Flughafen, das teuerste Hotel: Die Herrscher der Emirate am Golf
sind süchtig nach Superlativen – und können sich dank Rekord-Ölpreisen fast alles leisten. Aber
sie wollen mehr als ihren Goldrausch genießen: Vorbild sein für ein zukunftsorientiertes Arabien, die
Drehscheibe der Globalisierung zwischen Ost und West. Von Erich Follath und Bernhard Zand

80 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Dubai-Luxuswohnanlage „The Palm“

SORGE / CARO
Dubais Luxushotel Burj al-Arab

SALAH MALKAWI / GETTY IMAGES


Opec-Gipfeltreffen in Riad

GEORGE STEINMETZ / CORBIS


Kostbares Erdgas, teure Juwelierläden
KAMIL / ARABIAN EYE / AGENTUR FOCUS

MARK HENLEY / PANOS PICTURES

Künstliche Ideallandschaften zwischen Tradition und Moderne am Golf: „Wir wollen Nummer eins sein, jetzt“

W
enn es denn einen Gott gibt, Al- Boxen ausgebildet, verteilt Geschäftskar- dern nur das Recht, einen Sandhaufen von
lah, Jahwe, Brahma oder wie im- ten mit der Aufschrift „General Manager, ein paar tausend Quadratmetern bebauen
mer geheißen: Er ist derzeit wohl The World“. zu dürfen. Aber was für ein exklusiver
wenig amüsiert. Denn Er hat Konkurrenz Mustafa und seine Männer werben nicht Sandhaufen! Eine künstliche Insel vor der
bekommen, sehr selbstbewusste Konkur- für eine Sekte; die Seelen ihrer Kunden, Skyline von Dubai, mit Millionen Tonnen
renz, und die verbreitet ihre Botschaft deren Glaubensrichtung, Hautfarbe oder Schotter dem Arabisch-Persischen Golf ab-
ebenso marktschreierisch wie aggressiv. Nationalität sind ihnen gleichgültig, es geht gerungen, in Sichtweite der am schnellsten
„Besuchen Sie uns, die Schöpfer der Welt“ um die Brieftaschen. Und die sollten prall wachsenden Stadt der Welt.
steht auf ihren Plakaten in den Shopping- gefüllt sein. Denn wer sich in das giganti- 300 solcher aufgeschütteten Eilande um-
Malls von Dubai. Und ein Herr Hamza sche Projekt „The World“ einkauft, muss fasst das Wahnsinnsunternehmen, die teu-
Mustafa, durchtrainierter Mittdreißiger mindestens 15 Millionen Dollar für ein reren kosten über 50 Millionen Dollar.
im Maßanzug, in den Emiraten geboren Stück Land ausgeben können – dafür be- Das Besondere an dieser Genesis von
und in Großbritannien im Business wie im kommt er keine Villa, keinen Park, son- Menschenhand ist die Anordnung der In-
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 81
seln. Aus der Luft betrachtet, ergeben sie
eine Karte der Kontinente, eine zweite
Welt; zum Verkauf steht also nichts weni-
ger als die gesamte Erde mit ihren nach-
gebildeten Staaten, von Chile bis China.
Auch der Irak und Iran sollen ihre Lieb-
haber finden. Kein Israel, kein Palästina
allerdings – in solche politischen Verwick-
lungen begibt man sich ungern.
Äthiopien ist an den Mann gebracht:
Brad Pitt und Angelina Jolie, Hollywoods
engagiertes Traumpaar, wollen da „irgend-
etwas Soziales“ gestalten. Auch Irland ist
verkauft, „Irelands in the Sun“ sollen dar-
auf gebaut werden, luxuriöse Hotelbunga-
lows. Zu sehen ist noch nichts, nur Sand
und blaues Meer, so weit das Auge reicht.
Und Deutschland?
Gerade abgestoßen, sagt der PR-Mana-
ger des Bauherrn Nakheel, ein Brite, wäh-
rend das Speedboat der Firma zwischen Indische und pakistanische Bauarbeiter in einem Neubauviertel von Dubai (beim Warten auf den
den aufgeschütteten Inseln kurvt. Das
Baurecht hat der österreichische Immobi- hört der herrschenden Familie“, sagt der der denken, der Dubai nicht kennt. Aber
lien-Tycoon Josef Kleindienst erworben. Verkäufer ehrfürchtig. Die Maktums kön- hier gelten keine normalen Maßstäbe. Sie
Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik nen sich alles leisten, sie besitzen nicht nur sind süchtig nach Superlativen, die neuen
wird auf der Insel Deutschland demon- den Mehrheitsanteil an Nakheel, sie sind Herrscher am Golf. In Dubai schraubt sich
strieren, wie man ökologisch baut – deut- auch an den konkurrierenden Baukonzer- derzeit der Burj (Turm) Dubai in die Höhe,
sche Umwelttechnik für die Energieriesen nen Emaar und Dubai Holding beteiligt. eine wolkenkitzelnde Nadel, schon heute
am Golf. Wie fast an allen wichtigen Firmen in das höchste Gebäude der Welt. Über 800
Russische Oligarchen wollen Russland ha- ihrem Fürstentum, das weitgehend selb- Meter wird es nach seiner Fertigstellung
ben. Für Großbritannien soll sich der Schot- ständig wirtschaftet, aber außenpolitisch Ende 2008 sein und damit gut doppelt
te Sean Connery interessieren. Man lebt Teil ist der Vereinigten Arabischen Emira- so hoch wie das Empire State Building –
nur zweimal, mag sich James Bond den- te (VAE) mit der Hauptstadt Abu Dhabi. für den Entwurf gaben die Scheichs den
ken. Und: Die Welt ist nicht genug. In drei oder vier Jahren soll „The von ihnen ausgeguckten Architekten der
Grönland ist fertig. Eine Villa, Palmen, World“ schon fertig sein, ein Zeitplan von Chicagoer Firma Skidmore, Owings &
besprengter Rasen, mehrere Pools. „Ge- Phantasten, völlig unrealistisch – würde je- Merrill zwei Wochen Zeit; sie zeichneten

11 5
Der Golfclub Die Anrainer des Arabisch-Persischen Golfs AFGHANISTAN

IRAK Erdgasreserven Erdölreserven


in Billionen Kubikmeter in Mrd. Barrel
K UWEI T
A 138 IRAN
ra
bi 28 PAKISTAN
10 2 sc
h- Bandar Abbas
2 Pe
rsi
sch
er Karachi
Gol
f
SAUDI- Einwohner Bruttoinlandsprodukt
BAHREIN in Mio. 2006, pro Kopf in Dollar
ARABIEN Manama
Schardscha G o lf v o n Katar 0,8 62 914
Dubai Oman Vereinigte
Doha Arab. Emirate 4,6 38 613
KATAR 15 25 Abu Dhabi Kuweit 2,6 30 984
Maskat Bahrein 0,7 20 496
Saudi-Arabien 23,7 14 733
Riad VER EINIGTE 6 1 Oman 2,6 13 846
264 22 % ARABISCHE 98 Iran 69,2 3187
der Welt- EMIRATE O M A N Irak 25,3 k. A. Quelle: IWF
6
7 reserven (VAE) zum Vergleich:
0 km 300 Pakistan 159,0 817
Deutschland 82,3 35 432

82 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Titel

BIALOBRZESKI / LAIF
Bus nach Feierabend): Nur jeder achte im Emirat ist ein Einheimischer

die Nächte durch, und dann wurde schnell Wenn der Aufbruch in der Region auch Nun aber scheinen neue Pharaonen an
mit dem Bau angefangen, nonstop gehäm- am dramatischsten in den VAE zu spüren der Macht – zu Hause am Golf und unter-
mert, geschweißt. ist – er beschränkt sich nicht auf sie. Das wegs in aller Herren Länder. Sie bilden
Aber nicht nur die Prestigeprojekte am Königreich Katar, halb so groß wie Hessen, eine Art arabische Hanse, fördern den Wa-
Golf lehren das Staunen. In Dubai ent- sitzt auf einer riesigen Blase von Erdgas, renaustausch mit der westlichen wie auch
standen neben erstklassigen Immobilien investiert in revolutionäre Verflüssigungs- mit der fernöstlichen Welt, schon ist von
und Touristeneinrichtungen – angeführt techniken und ist bereits Weltmarktführer einer Neuauflage der „Seidenstraße“ Rich-
vom Burj al-Arab, das als teuerstes Hotel dieser Zukunftsenergie. Schon heute dürf- tung China die Rede.
der Welt gilt, und mehr als 50 anderen ten Katars knapp 200000 Staatsbürger über Die Scheichs mit Visionen schaffen
Fünfsternehäusern, bis 2012 sollen es 300 das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Wachstum und Jobs und üben sich – auch
sein – auch zukunftsweisende Institutionen Welt verfügen. ohne Wahlen und Opposition nach west-
in den Bereichen Banken, Finanzen und Im winzigen Bahrein, mit Saudi-Arabien lichem Muster – in „good governance“;
Telekommunikation. Großzügig angelegte durch eine Brücke verbunden, setzt man eine Untersuchung der Swiss IMD Busi-
Technologieparks versprechen ausländi- auf die neue Formel-1-Strecke und gibt sich ness School stellt Dubai in Sachen Regie-
schen Interessenten Steuerfreiheit. in Sachen Alkohol und Prostitution sehr rungseffizienz und Wettbewerbsfähigkeit
Die Staatseinnahmen sprudeln durch die locker – als Erholungsparadies für die Ent- sogar über Tokio, London und Berlin. US-
Rekordpreise beim Erdöl. Fast zehn Pro- wöhnten „von drüben“, auch als Nahost- Präsident George W. Bush sprach bei sei-
zent der weltweiten Reserven liegen unter basis der US-Flotte. Im Emirat Kuweit nem Staatsbesuch in Abu Dhabi Mitte Ja-
dem Wüstensand oder in den Gewässern sorgt man dafür, dass die Ölmilliarden im nuar davon, die VAE hätten der Welt das
der VAE, fast alles im Emirat Abu Dhabi. Ausland gut angelegt werden, und man übt „Modell eines islamischen Staates, tolerant
Die Scheichs haben allerdings erkannt, sich in einer begrenzten parlamentarischen gegenüber Menschen aller Glaubensrich-
dass ihr Ressourcenreichtum nur noch Demokratie. Selbst im traditionsbewussten tungen“ gezeigt – er stoppte knapp davor,
wenige Jahrzehnte halten wird, und ihre Weihrauch-Sultanat Oman weht die nahöstliche Musterdemokra-
Schlüsse daraus gezogen: Sie arbeiten an – dank steigender Touristenzah- Die Scheichs tie auszurufen.
einem selbsttragenden Aufschwung durch len und eines neuen Container- gehen auf Dass es bis zur vollen Presse-
Handel, finanzielle Dienstleistungen und hafens – ein frischer Wind. weltweite freiheit noch ein weiter Weg ist,
Tourismus. Sie schaffen, clever beraten von Jahrzehntelang war die arabi- Shopping- dass Gewerkschaften so gut wie
westlichen Investmentbankern, alle Vor- sche Welt vor allem für schlechte unbekannt sind, dass für kleinste
aussetzungen dafür, die Emirate zu einem Nachrichten gut, der Nahe Osten Tour: Sie Vergehen wie den Besitz von
neuen Drehkreuz der Globalisierung zu galt als Synonym für Krieg, Ter- kaufen Haschisch in Viertelgramm-Dosis
machen. Eine Infrastruktur der Zukunft, ror und Rückschritt. Auch heute Banken, jahrelange Haftstrafen ausgespro-
angelegt für weit mehr als Tausendund- noch leiden die Menschen in Sy- Börsen und chen werden: Es fällt für die Zu-
eine Nacht. rien, Palästina und im Libanon Casinos. kunftstrunkenen, die den wirt-
Sie ziehen Investitionen an – und bege- unter Bürgerkriegsfolgen und den schaftlichen Fortschritt für den al-
ben sich ihrerseits auf Shopping-Tour in kaum lösbaren Konflikten mit Israel. Im lein seligmachenden halten, offensichtlich
die große Welt. Mit ADIA, dem weltgröß- Irak herrscht Terror. Und im bevölkerungs- nicht weiter ins Gewicht. Ebenso wenig
ten Staatsfonds in Höhe von 875 Milliarden reichsten arabischen Staat Ägypten, das wie der Umstand, dass die eigentlichen
Dollar, stellen die Vereinigten Arabischen einst die Führungsrolle in der Region ein- Macher des Wunders, die Gastarbeiter aus
Emirate selbst die neureichen Chinesen nahm, ist der Fortschritt eine Schnecke. Pakistan, Indien, Sri Lanka und Nepal,
(200 Milliarden) und Russen (100 Milliar- Anfang der sechziger Jahre war Kairo noch wenig teilhaben an den Segnungen ihres
den) weit in den Schatten. Ob Anteile an auf einer ökonomischen Stufe mit Seoul, Gastlandes: Nur 20 Prozent der Gesamt-
der Deutschen Bank, dem EADS-Konzern, heute haben die Südkoreaner eine elfmal bevölkerung haben die Staatsbürgerschaft
Sony oder der amerikanischen Börse Nas- größere Wirtschaftskraft. Kaum jemand der VAE und genießen die Privilegien der
daq, an Tussaud-Freizeitparks oder Trave- zweifelt daran, dass in dem herunterge- Einheimischen.
lodge-Hotels, sogar an Spielcasinos in den wirtschafteten und von Washington ali- Die Emirate & Co. – sie sind für viele
USA: Die Einkäufer vom Golf sind neuer- mentierten Ägypten bei wirklich freien ein Gegenentwurf zur Terrororganisation
dings überall dabei. Wahlen Islamisten an die Macht kämen. al-Qaida. Nicht Gaza und die Slums von
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 83
größere Indoor-Skipiste: Dubai, ein Win-
termärchen.
Bei so vielen schwindelerregenden und
manchmal zum Kopfschütteln verführen-
den Superlativen, bei so vielen in den Wüs-
tensand gesetzten Ausrufezeichen ist es
nur logisch, dass die Vereinigten Arabi-
schen Emirate der Staat mit den meisten
Eintragungen im Guinness-Buch der Re-
korde sind.
Im Frühjahr 2007 wurde in Dubai ein
Zehn-Milliarden-Dollar-Fonds für eine
neue Wissensstadt aufgelegt, die ange-
schlossene Spitzenuniversität soll die his-
torischen Glanzzeiten des Islam wiederbe-
Stadtviertel in Dubai (Modell): In jedem Monat wird ein neues Wunder eingeweiht leben, Bagdads „Beit al-Hikma“, das
„Haus der Weisheit“. Man konkurriert und
Kairo, sondern die aufstrebenden Städte das Mutterprojekt und damit auch leicht ergänzt sich innerhalb der VAE: In Abu
Dubai und Doha, Manama und Maskat aus dem Weltraum zu erkennen. Exklusi- Dhabi haben sich die Herrscher der Welt-
würden dann die Region prägen. Zukunfts- vität wird neu definiert: Eine Viertelmillion klasse-Kultur verschrieben. Das Pariser
chancen statt Rückwärtsgewandtheit, Lern- Menschen sollen dort im nächsten Jahr- Louvre und das New Yorker Guggenheim
begierde statt Gewaltanfälligkeit wären das zehnt leben. Zwergenhaft dürfte dann Pal- werden hier demnächst Zweigstellen auf-
Motto. Der Golf, das Über-Morgenland: me Nummer eins erscheinen, die heutige machen, Weltklasse-Architekten gestalten
Osama Bin Ladens Alptraum. Und Dubai größte Insel von Menschenhand – ganz zu die neuen Weltklasse-Museen.
die Vorzeigestadt. schweigen vom Projekt „Universum“, das
Der PR-Mann von Nakheel lässt das eines Tages Sonne, Mond und Sterne als
Speedboat auf dem Rückweg von „The Inseln abbilden soll.
World“ zu einem anderen gigantischen 2009 sollen die ersten Flugzeuge auf
Projekt lenken, an das auch nicht viele ge- dem neuen Flughafen landen, er wird eine
glaubt haben: Palm Jumeirah heißt es, eine Kapazität von bis zu 150 Millionen Passa-
riesige, künstliche Insel in Palmenform, die gieren pro Jahr haben, damit umschlag-
fünf Kilometer in den Golf hinausragt. Auf kräftiger sein als Frankfurt und London-
dem Stamm türmen sich Apartmentblocks Heathrow zusammen (und das, obwohl im
und Geschäfte sowie ein riesiger Trump- Umkreis von 200 Kilometern noch vier
Tower und auf den 17 Palmwedeln pastell- weitere große VAE-Flughäfen liegen). Die
farbene Villen im indischen, italienischen Anlage wird – wie auch sonst! – „World
oder arabischen Stil. Eine gehört David Central International“ heißen.
Beckham, 13 seiner Nationalspielerkolle- Emirates hat im November elf Super-
gen haben sich ebenfalls eingekauft. Bald Airbus 380 bestellt, nebst 70 Exemplaren
wird hier auch der legendäre des Großraumfliegers A350, Ge-
Luxusliner „Queen Elizabeth 2“ „Ich liebe die samtauftragswert über 30 Milliar-
permanent vor Anker gehen, als Vereinigten den Dollar, und, damit die ameri-
Hotelschiff dem neuen „Atlantis“ Staaten“, kanischen Freunde nicht beleidigt
mit seinen mehr als 1000 Zim- sagt der Herr- sind, noch ein Paar Boeings dazu:
mern Konkurrenz machen, und die größte Bestellung der Ge-
zwischen beiden sollen in einem scher von Du- schichte. In wenigen Jahren will
riesigen Aquarium Dutzende bai freimütig. Emirates die Airline mit den meis-
weiße Delphine die Touristen „Nur ihre ten internationalen Verbindungen
erfreuen, schon eingefangen vor Außenpolitik sein; als die mit den meisten Aus-
den Salomoninseln und aus dem nicht.“ zeichnungen gilt sie heute schon,
Südpazifik herübertransportiert. in scharfem Wettbewerb mit den
Die Palm-Investoren rekrutieren sich aus anderen „Five Star“-Gesellschaften der
mehr als 50 Nationen, eine Art Uno der Region, Qatar Airways und Etihaad.
Superreichen. Entstanden ist diese Welt- Dubai ist die Heimat des höchstdotierten
Liga an einem Ort, wo vor gerade mal Pferderennens, des großzügig mit Preis-
sechs Jahren die ersten Schwimmbagger geldern ausgestatteten Golfturniers „De-
aus ihren Kanonen Schotter und Sand ins sert Classics“ – und sogar einer tropischen
Wasser pumpten. 560 Hektar Prestige, da- Skipiste. Das unterkühlte Paradies mit ei-
bei sein ist alles. ner respektablen Abfahrtsstrecke liegt im
Allerdings ist es mit der Exklusivität so Einkaufszentrum Mall of the Emirates. Die
eine Sache: Es wird nicht bei der einen Shopping-Mall ist nur eine der größten der
Palme bleiben. Schon ist die zweite, „Jebel Welt, weshalb jetzt in Dubai dringend die
Ali“, weitgehend aufgeschüttet, noch ein- weltgrößte entstehen muss. Sie ist schon im
mal um die Hälfte mehr Land. Auch mit Bau und wird auch all diejenigen kauf-
der Arbeit an der Kunst-Palme Nummer lustigen Gäste bedienen, die im neuen,
drei im Wasser vor dem alten Stadtteil Dei- selbstverständlich alles übertreffenden
ra wurde bereits begonnen, statt 17 sollen Vergnügungspark den XXL-Eiffeltum be-
dort 41 Wedel entstehen, 226 Kilometer sichtigen werden, originalgetreu nach-
zusätzliche Küste; siebenmal so groß wie gebaut, nur höher. Und dann noch eine Gäste beim Formel-1-Rennen im Königreich Bahrein:

84 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Titel

Aber was lässt sich in Rest-Arabien von deren Regionen des Nahen Ostens würde ben die Briten kurz zuvor für die Mann-
diesen atemberaubenden Veränderungen ein solcher Entschluss womöglich als Zei- schaften der Royal Air Force in der Küs-
lernen, in Staaten jenseits sprudelnder Erd- chen der Radikalisierung gedeutet. Nicht tenstadt Schardscha gebaut, mehr als 100 Ki-
ölquellen? Ist der Fortschritt nicht doch weit- so hier, bei den modernen, wohlhabenden lometer von den dichter besiedelten Oasen
gehend von wenig legitimierten und kaum Arabern vom Golf. Der Vollbart bedeutet, entfernt. Der Scheich von al-Ain immerhin
nachhaltig wirkenden Einzelpersonen ab- dass er sich mit bald 60 allmählich aus dem besitzt einen Landrover, den er der Familie
hängig? Basiert die Entwicklung in Dubai & Geschäftsleben zurückzieht. Noch jettet er zur Verfügung stellt. Zwei Tage lang quälen
Co. nicht vorwiegend auf dem Heer der Ar- in Diensten seiner Holding, der al-Fahim sich der Vater des Mädchens, seine Mutter
beitsmigranten, die Menschenrechtsgruppen Group, von Abu Dhabi nach London und und seine drei geschockten Geschwister auf
wie Human Rights Watch „moderne Skla- New York. einem alten Kamelpfad durch die Wüste,
ven“ nennen – und ist sie damit nicht ge- Doch die Dinge, die ihn beschäftigen, Teerstraßen gibt es nicht. Sie kommen zu
bunden an eine bestimmte, für die Emirate gehen inzwischen über den Tag hinaus. spät. In Schardscha ist das Mädchen tot.
gerade glückliche Stunde der Globalisierung? Sein Alptraum ist der historische Alptraum Drei Zeugen der Tragödie sollten bald
Ex oriente lux. Ob Licht am Ende des dieser Region. Vor 50 Jahren, an einem zu prominenten Männern werden: Der
nahöstlichen Tunnels zu sehen ist oder nur Junitag des Jahres 1957 in der Oase al-Ain, Vater des Mädchens, Abd al-Dschalil al-
die Fata Morgana eines vorübergehenden passiert etwas, das ihn bis heute verbittert, Fahim, legte Anfang der sechziger Jahre als
Luxus: Allein die Menschen am Golf können das sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt Händler mit Autoteilen in den Emiraten
darauf Antworten geben, ihre Historiker und hat. Sein sechsjähriger Bruder Abdullah den Grundstein für ein inzwischen milliar-
Wirtschaftsführer, ihre Künstler und Malo- spielt mit Streichhölzern. Seine dreiein- denschweres Unternehmen, das heute nach
cher. Und ihre wichtigsten politischen Führer. halbjährige Schwester Iljasaja kommt dazu. Öl bohrt, Hotels baut, Immobilien, Flug-
Ihr Kleid fängt Feuer, das Mädchen brüllt zeugmotoren und Fernreisen verkauft.

M ohammed al-Fahim ist der Chronist


der Emirate, ihr „Mister History“. Er
hat sich einen Vollbart stehenlassen. In an-
vor Schmerzen.
Es gibt damals keinen Arzt in al-Ain. Das
einzige Krankenhaus am östlichen Golf ha-
Sein Sohn Mohammed, damals neun Jah-
re alt, führte nach seinem Vater die Firma
und ist heute einer der reichsten Männer
am Golf. Vor einigen Jahren schrieb er die
Geschichte seiner Familie und seines Lan-
des auf, Titel: „Vom Wüstensand zum
Wohlstand“.
Und der Scheich, der den Fahims da-
mals seinen Landrover geliehen hatte, ein
gewisser Sajid Al Nahjan, sollte zum Grün-
dervater und ersten Präsidenten der Ver-
einigten Arabischen Emirate aufsteigen: Er
war es, der 1966 seinen starrsinnigen und
reformunwilligen Bruder als Herrscher von
Abu Dhabi ablöste, die seit Generationen
am Golf herrschenden Briten hinauskom-
plimentierte und 1971 mit seiner Unter-
schrift einen ungewöhnlichen Vertrag be-
siegelte – den Zusammenschluss von zwei
reichen und fünf bettelarmen Emiraten,
deren Einwohner heute in einem der mo-
dernsten Staaten der Welt leben.
Wenn Mohammed al-Fahim ins Erzäh-
len kommt, dann sprudelt es nur so aus
ihm heraus. Von barfüßigen, durch Skorbut
ausgezehrten Perlenfischern, die Anfang
der fünfziger Jahre noch genauso trostlos
dahinvegetierten „wie Anfang des 19. Jahr-
hunderts“, berichtet er. Vom weitverbrei-
teten Analphabetentum. Von seinem ers-
ten Fahrrad, das er 1962 bekam: Er muss-
te es erst kilometerweit durch den Sand
schieben, um auf dem ersten Rollfeld von
Abu Dhabi ein paar Runden zu drehen; es
gab nur Schotterwege.
Jahrhundertelang hatten sich die Bedui-
nenstämme in fruchtlosen Kämpfen um die
kargen Oasen am Fuße der Hadschar-Ber-
ALEXANDER HASSENSTEIN / GETTY IMAGES

ge aufgerieben, und die Briten, wenn sie


ihre Handelsstützpunkte am Golf in Ge-
fahr sahen, spielten die Stämme geschickt
gegeneinander aus. Wenn den Kolonial-
herren danach war, schickten sie ein Ka-
nonenboot und bombardierten die Bedui-
nen an der „Piratenküste“, worauf aller
Erfahrung nach wieder Ruhe einkehrte.
Die Briten gingen, die Stämme blieben –
„Hier beginnt der Spaß“ und seit es nach den ersten Ölexporten in
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 85
Titel

den sechziger Jahren nicht mehr ums blan- Die beiden stärksten Persönlichkeiten ha- Damals sei ihm schlagartig klargewor-
ke Überleben, sondern um die Verteilung ben die Herrscherfamilien von Abu Dhabi den, welche Entwicklungsmöglichkeiten
eines rapide wachsenden Wohlstands geht, und Dubai selbst hervorgebracht: Scheich Dubai als Touristenziel habe. „Viele Leute
bewährt sich am Golf eine tribalistische Mohammed Ibn Raschid Al Maktum, 58, hier glaubten, ich sei verrückt, und hielten
Sitte, die man anderswo in der arabischen Emir von Dubai und Premierminister – mir ein arabisches Sprichwort vor: ,Das
Welt gar nicht schnell genug loswerden sowie General Mohammed Ibn Sajid Al Meer kannst du nicht pflügen‘, sagten sie.
konnte: der Madschlis, das nächte-, wo- Nahjan, 46, Kronprinz von Abu Dhabi. Die Unsinn. Seht euch heute unsere Häfen an,
chen-, monatelange Palaver, das am Ende Londoner Tageszeitung „The Times“ hat die Palmen-Inseln, ‚The World‘ und bald
alle ihr Gesicht wahren lässt. Auch wenn den Mann aus Dubai gerade zum „einfluss- auch ‚The Universe‘: Natürlich kannst du
letztlich nur der Scheich Nummer eins et- reichsten Business-Leader der arabischen das Meer pflügen, und wie!“
was zu sagen hat. Welt“ gekürt. Die Ernte musste nur noch eingefahren
Unübertroffene Meister dieser Disziplin werden: Seinen Onkel Ahmed betraute
waren die beiden VAE-Gründer-Scheichs
von Abu Dhabi und Dubai, Sajid Al Nah-
jan und Raschid Al Maktum. Gemeinsam
E r verkörpert alles, was das Potential Scheich Mohammed mit der Gründung
dieser Region ausmacht: „Scheich der Fluggesellschaft Emirates, den Iren
Mo“, wie ihn seine Bewunderer nur lässig Colm McLoughlin mit dem Aufbau eines
verhandelten sie, um nach dem Abzug der nennen, ist tiefverwurzelt in der Ge- gigantischen Duty-free-Shops, es folgten
Briten 1971 einen Arabischen Küstenbund schichte und gleichzeitig weltoffen. die Hotels und die Einkaufszentren, das
am Golf zu schmieden, ein fortschrittliches Ein paar Autominuten vor den letzten Dubai Shopping Festival und die erste
Gegengewicht zum dominanten, erzkon- Ausläufern der Stadt liegt das Gestüt von komplette E-Regierung der Welt, die
servativen Saudi-Arabien. Marmum, das private Refugium des Herr- Bürgern wie Unternehmern Behördengän-
Die Siebener-Föderation funktioniert schers. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ge erspart. Ein eher ziviles Aufbaupro-
ähnlich wie ein europäischer Bundesstaat die Bagger und Kräne von Dubai sich auch gramm für einen Mann, der gelernter
– allerdings ohne Parlamente, Parteien an dieses Wüstenreservat herangefressen Kampfpilot ist und seine politische Lauf-
oder Gewerkschaften. Dafür mit einem haben werden, noch aber steht bahn als Verteidigungsminister
erstaunlich effektiven Länderfinanzaus- ein abgeschiedener Pavillon auf Das Wunder begann.
gleich: Milliarden sind inzwischen aus der Anhöhe, Männer in weißen wird nur durch Nach dem Tod seines Bruders
den überquellenden Schatullen von Abu Dischdaschas und mit großen die Ausbeu- Maktum übernahm Mohammed
Dhabi und Dubai in die der weniger be- Sonnenbrillen regulieren die Zu- tung der Ar- 2006 auch offiziell die Führung in
mittelten Emirate geflossen. Auch die Emi- fahrt. Es gibt Suppe, Lamm- und Dubai, gleichzeitig das Amt des
re von Schardscha, Ras al-Cheima und Geflügelreis für die Mannschaft; beitsmigran- Premierministers der Vereinig-
Fudscheira haben inzwischen ihre eigenen Scheich Mohammed, barfuß, im ten ermöglicht ten Arabischen Emirate. „CEO
Airlines gegründet und bauen 50-stöckige Schneidersitz inmitten seiner Ver- – wie lange Scheich“ nannte ihn das US-Nach-
Wolkenkratzer. wandten und Getreuen, knabbert halten sie richtenmagazin „Newsweek“, weil
Ohne Zwischenfälle vollzog sich gleich- nur Radieschen und erzählt vom noch still? er Dubai nicht wie ein Politiker,
zeitig der Wechsel von den Gründern zur Wunder Dubai. sondern eher wie ein Vorstands-
nächsten Generation. Was die heutigen „Vor gut 20 Jahren fuhr ich mitten im vorsitzender mit sehr ehrgeizigen Unter-
Golf-Monarchen verbindet, ist ihre unifor- Sommer den Strand hinunter. Heute steht nehmenszielen führt: „Wir wollen Nummer
me Bildungskarriere: Kindheit im Palast, dort ein Hotel neben dem anderen, da- eins sein, möglichst in jeder Beziehung, und
die Jugend unter dem Einfluss westlicher mals war bis zum Horizont nichts zu sehen zwar nicht irgendwann, sondern jetzt.“
Erzieher – und die prägenden Jahre an den – außer einem Mann, seiner Frau und ein In seinem Büro im 49. Stock des Wol-
britischen Kadettenschmieden. Diesen Weg paar Kindern, die im Wasser plantschten. kenkratzers Emirates Tower klingeln die
sind sie alle gegangen, ohne Ausnahme: Ich hielt an und fragte sie, wie sie es Blackberries, und auf den Fernsehschir-
der König von Bahrein, der Emir von bei dieser Hitze im Freien aushielten. ,Oh‘, men laufen CNN und al-Arabija – der
Katar, die Herrscher von Dubai und Abu sagten sie, ,uns kann es gar nicht heiß Weltbürger Mohammed allerdings fühlt
Dhabi sowie, ein paar Jahre vor ihnen, der genug sein. Wir kommen aus Deutsch- sich draußen in Marmum sichtlich wohler.
Sultan von Oman. land.‘“ Dort rauscht er in einem Geländewagen
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88 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
MATILDE GATTONI / ARABIAN EYE / AGENTUR FOCUS
Dubai-Herrscher und Pferdezüchter Mohammed Ibn Raschid Al Maktum: „Immer volle Kraft voraus“

seinen jagenden Falken und den Adlern an von Gescheiten / Lass wahre Jockeys mich zu ihm. ,Kennst du mich?‘, fragte ich.
hinterher. „Wie?“, fragt er seine Gäste aus reiten / Visionäre können auf dem Was- Er schaute mich lange und forschend an:
der Stadt, „ihr könnt auf die Entfernung ser schreiben / Große sich an Problemen ,Bist du nicht Mohammed, der Sohn von
eine Taube nicht von einer Wachtel unter- reiben.“ Raschid?‘ Nicht einmal ,Scheich‘ hat er zu
scheiden?“ Pompöse Auftritte sind sonst seine Sache mir gesagt!“
In der Wüste geht der Scheich auch sei- nicht, arabische Gipfeltreffen sind ihm ein Nicht überall ist sein Erscheinen gleich
nen beiden größten Leidenschaften nach, Greuel. Und manchmal macht Scheich Mo beliebt, sein weißer Mercedes G 55 taucht
der Pferdezucht und der Poesie. Von Lie- auch auf inkognito. Amüsiert hat ihn da- häufig ohne Ankündigung auf, vor Minis-
be und Leid handeln seine Gedichte, von bei, was ihm vor zwei Wochen widerfuhr: terien und Behörden, an Schulen oder an
der Reitkunst und von politischer Führung. Mitte Januar hatte es wie aus Eimern ge- Baustellen. „Er lobt gern“, sagt ein deut-
Eine seiner Maximen wird gerade im Wort- schüttet, die schwersten Niederschläge scher Ingenieur, der ihn mehrfach schon
sinn aus dem Meer gestampft: Auf der Pal- seit Menschengedenken. Der Scheich fuhr unerwartet empfing, „aber wenn ihm et-
men-Insel Jebel Ali schütten die Arbeiter hinaus, um nachzusehen, wie seine Unter- was nicht passt, kann er sehr deutlich
das Land so auf, dass es sich, aus 3000 Me- tanen die Flut überstanden hatten. „Da werden.“
ter Höhe betrachtet, zu einem riesigen sitzt ein alter Mann am Straßenrand, neben Wenn er erkannt wird, lässt sich der
Schriftzug fügen soll: „Nimm Rat nur ihm seine Frau. Ich stieg aus und hockte Scheich bereitwillig fotografieren, vor al-
lem junge Damen himmeln ihn an wie ei-

Welten im Sand,
nen Popstar. Als „kompliziert“ wird sein
ehelicher Status beschrieben. Scheich Mo-
hammed ist zweifach verheiratet, mit einer
Welten im Meer entfernten Verwandten aus der Herrscher-
familie und mit der Tochter des verstorbe-
Städtebauliche Großprojekte nen jordanischen Königs Hussein. Die
an der Küste Dubais Nummer eins hat neun Töchter und sieben
Söhne. Als wahrscheinlichster Nachfolger
fertiggestellt in Bau geplant gilt der Auto- und Rennsportfan Hamdan,
vorgelagerte künstliche Inseln: aber auch dessen 15 Geschwister müssen
Satellitenbild sich um ihre Zukunft wohl keine Gedan-
und Simulation:
1 The Palm Jumeirah (Baubeginn 2001) ken machen: Scheich Mohammeds Privat-
Nakheel 2 The Palm Jebel Ali (Baubeginn 2002) vermögen wird auf 14 Milliarden Dollar
3 The Palm Deira (Baubeginn 2004) geschätzt.
4 The World (Baubeginn 2003) Was der Scheich beschließt, wird umge-
setzt. Konsultationen finden statt in der
5 The Universe (vorgestellt im Januar 2008) Ratsversammlung des Maktum-Clans und
6 Dubai Waterfront (Entwicklungsplan bis 2020) der lokalen Fachleute. In den Madschlis-
Versammlungen haben auch einfache Bür-
7 Einkaufszentrum Ibn Battuta (eröffnet 2005) ger die Chance, Vorschläge einzubringen
8 künstliche Hafenbecken und Kritik zu üben. Die lokale Presse greift
Missstände auf, würde aber nie Funda-
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 89
Titel

„Ich bin nicht zur Zierde da“


Ministerin Scheicha Lubna al-Kassimi über den Erfolg der Vereinigten Arabischen Emirate,
über Fehler und Risiken – und ihren ehemaligen Chef, einen Inder
Scheicha Lubna al-Kassimi ist die Nich- te Gesetzgebung, unsere Zuverlässigkeit, und sagte: „Gratuliere, ich habe noch
te des Herrschers von Schardscha, unsere Wettbewerbsfähigkeit. Wenn Ir- mehr Arbeit für dich.“
Dubais Nachbar-Emirat. Die Informati- land ohne Erdölreserven eine Erfolgsge- SPIEGEL: Seither sind Sie als Handelsrei-
kerin erhielt 2004 als erste Frau in der schichte schreiben konnte, warum sollen sende für die Wirtschaft der Emirate un-
arabischen Welt einen zentralen Kabi- wir das dann nicht schaffen? terwegs. Welcher Trip war der erfolg-
nettsposten: Wirtschaftsministerin der SPIEGEL: Was hat der Boom am Golf der reichste?
Vereinigten Arabischen Emirate. arabischen Welt bislang gebracht? Lubna: Das waren wohl meine USA-Rei-
Lubna: Frauen als Wirtschaftsminister zum sen, nachdem Dubais Übernahme von
SPIEGEL: Scheicha Lubna, der Ölpreis Beispiel! Ich bin nicht zur Zierde da. Ich sechs großen amerikanischen Häfen ge-
steht bei 90 Dollar, Geld fließt in Strömen stehe für etwas: für Wachstum, für eine scheitert war. Ich fuhr hin, um Stereo-
in die Kassen der Golfstaaten, gerade erst solide Marktwirtschaft, dafür, wie man typen aus dem Weg zu räumen – und um
hat Ihr Land die Beamtengehälter um 70 Dinge richtig macht. Das haben wir der aus Fehlern zu lernen, was uns gelungen
Prozent erhöht – stehen Sie eigentlich Region gegeben: Know-how. ist. Wir haben unser Image in den USA
noch auf dem Boden der Wirklichkeit, SPIEGEL: Und davon haben Frauen mehr gründlich revidiert: Die wissen jetzt, dass
oder haben Sie schon abgehoben? als Männer? wir, Öl ausgenommen, ihr wichtigster
Lubna: Keine Sorge, wir stehen auf festem Lubna: Sie werden jedenfalls nach ihren Handelspartner in der arabischen Welt
Grund. Was die 70 Prozent Gehalts- Fähigkeiten beurteilt, nicht nach ihrem sind.
erhöhung für unsere Bundesbeamten an- Geschlecht. Unsere Führung hat einen SPIEGEL: Welche Rolle spielt Europa?
geht, mussten wir einfach der Inflation sehr entspannten, sehr selbstbewussten Lubna: Die Europäer sind unsere ältesten
nachkommen … Umgang mit Frauen. und als Block unsere größten Partner.
SPIEGEL: … die 9 Prozent beträgt. SPIEGEL: „Ändert euch, oder man wird SPIEGEL: Bundeskanzlerin Angela Merkel
Lubna: Ja, aber die Gehälter in der Pri- euch ändern“, hat Scheich Mohammed macht sich Sorgen, dass ausländische
vatwirtschaft sind so rapide gestiegen, von Dubai die arabische Welt gewarnt. Staatsfonds nach Mehrheiten in Schlüs-
dass wir Gefahr laufen, unsere besten Was meinte er damit? selindustrien schielen. Abu Dhabi hat
Leute zu verlieren. Lubna: Er wollte Führung in Zeiten der den größten dieser Fonds: 875 Milliarden
SPIEGEL: Solche Sorgen hätten andere ara- Globalisierung fordern: Risiken eingehen, Dollar.
bische Regierungen gern. Vorbild sein, Einfluss an die Jüngeren ab- Lubna: Die Staatsfonds der Golfstaaten
Lubna: Zurzeit geht es uns gut, das ist geben. Wer das nicht macht, den spült zählen zu den etabliertesten, die es gibt.
wahr. Unsere Wirtschaft wuchs vergan- der Fortschritt weg wie ein Tsunami. Ich Sie haben in den USA, in Europa und im
genes Jahr um neun Prozent, und was zum Beispiel war Scheich Mohammed Fernen Osten dazu beigetragen, die Wirt-
besonders schön ist: 62,5 Prozent unseres aufgefallen, weil ich unseren Hafen und schaft zu stabilisieren, Defizite abzubau-
Bruttosozialprodukts erzielen wir inzwi- eine Internet-Plattform gut gemanagt en, Arbeitsplätze zu schaffen. Wir sind
schen nicht aus der Ölproduktion. Wir habe. Als ich Ministerin wurde, rief er an als Investoren sehr gefragt. Und ohne
haben schwer gelitten, als die Ölpreise in Deutschland im Besonderen anzuspre-
den Achtzigern so niedrig waren. Also chen: Wer sich dem Wettbewerb um die-
haben wir eigenes Know-how entwickelt, se Investments nicht stellen mag, der wird
das wir heute exportieren: Tourismus, Lo- am Ende leer ausgehen. Dann geht dieses
gistik, Luftfahrt- und Flughafen-Manage- Geld eben woanders hin.
ment. Das alles wiederum bringt auslän- SPIEGEL: Es halten sich hartnäckig Ge-
disches Investment zurück – zwölfeinhalb rüchte, dass die Golfstaaten gern wirt-
Milliarden Dollar im vorigen Jahr. Glau- schaftlich mit Israel zusammenarbeiten
ben Sie mir, dieses Kapital käme nicht, würden.
wenn wir die letzten 20 Jahre nicht sehr Lubna: Dazu müsste erst das Nahostpro-
diszipliniert gearbeitet hätten. blem gelöst sein, und es müsste zwei sou-
SPIEGEL: Woher nehmen Sie die Gewiss- veräne, gleichberechtigte Staaten geben.
heit, dass der Aufschwung anhält? Hier hat die Politik den Vorrang, die
Lubna: Wir haben sehr schnell gelernt. Wirtschaft kommt danach.
Schauen Sie sich unsere jungen Leute an: SPIEGEL: Sie haben einmal für eine Soft-
Die sprechen Arabisch und Englisch, sind ware-Firma gearbeitet, deren Chef ein
fix im Internet, haben Selbstbewusstsein; Inder war …
wir nennen sie Wissensarbeiter. Dann Lubna: Stimmt, und wenn ich ihn heute
unsere Infrastruktur: Autobahnen, Hä- treffe, sage ich immer noch „Boss“ zu
DAVID BRABYN

fen, Flughäfen, unsere Freihandelszonen, ihm, was ihn sehr freut. Ich war die ein-
wo 50 Prozent der Importe wieder re- zige Frau, die einzige Araberin und die
exportiert werden – da ist binnen kurzem einzige Prinzessin in seiner Firma. Ich
viel geschaffen worden. Und schließlich Wirtschaftsministerin Scheicha Lubna habe im Monat tausend Dollar verdient –
das Wirtschaftsklima, unsere transparen- „Sehr schnell gelernt“ und von ihm gelernt, was Disziplin ist:

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K. THOMAS / BLICKWINKEL
Shopping-Mall mit „Schneeparadies“ in der Wüstenstadt: Bewirbt sich Dubai bald für die Olympischen Winterspiele?

Einmal gab es ein Problem mit der Buch- mentalkritik an der Herrscherfamilie üben gezeigt. Er wurde von drei Arabern ver-
haltungssoftware. „Ich kümmere mich – wozu auch, alles läuft gut, die Menschen gewaltigt.
morgen darum“, sagte ich zu meinem sind stolz auf die Fortschritte ihres Lan- Als der Sohn französischer Geschäfts-
Boss. „Nichts da“, antwortete er, „das des, begeistert, wenn Scheich Mo verkün- leute die Tat anzeigen wollte, drohten die
machst du heute noch. Da warten 2000 det, bis jetzt seien „gerade mal zehn Pro- Behörden ihm mit einer Gegenklage wegen
Leute auf ihr Gehalt.“ zent“ seiner Visionen verwirklicht. Es ist „Provokation verbotener sexueller Prakti-
SPIEGEL: So geht es heute vielen auslän- ein paternalistisches System, das davon ken“. Die Beamten, die den Fall recher-
dischen Arbeitern in Ihrem Land: Sie lebt, dass für alle VAE-Bürger als Teilhaber chierten, verschwiegen dem Opfer und sei-
schuften hart und warten oft monatelang der Dubai AG eine satte Dividende abfällt: nen Eltern dann auch noch, dass einer sei-
auf ihren Lohn. kostenlose medizinische Versorgung und ner Peiniger HIV-positiv war: Aids gilt in
Lubna: Die ausländischen Buchhalter, In- Schulbildung, bei Familiengründung ein Dubai als Tabu, trotz stadtbekannter
genieure und Dienstleister in den Emira- Stück Land. Schwulentreffs und Hunderter afrikani-
ten verdienen gut – sonst wären sie längst Das alles gilt freilich nur für die „Ein- scher wie osteuropäischer Prostituierter.
weg. Aber bei den Bauarbeitern, die Sie heimischen“; gerade einmal jeder achte Der französische Botschafter intervenierte.
meinen, hat es eine Weile gedauert, bis der 1,4 Millionen Menschen, die Und Scheich Mo reagierte prompt
wir die Probleme sahen: Sehr viele von im Emirat Dubai leben und ar- „Gerade mal nach dem Bekanntwerden des
ihnen sind innerhalb sehr kurzer Zeit ge- beiten, hat Anspruch auf einen zehn Prozent Skandals. Wenn er etwas hasst,
kommen. Manche Arbeitgeber haben sie VAE-Pass und die damit verbun- meiner Visio- dann negative Publicity – die Täter
unfair behandelt. Zwar hat es von An- denen Privilegien. Der „Rest“ nen sind ver- wurden inzwischen zu langjähri-
fang an Gesetze gegeben, um die Arbei- sind die Expatriates und die gen Haftstrafen verurteilt.
ter zu schützen, aber die Durchsetzung Fremdarbeiter, ohne die das Wirt- wirklicht“, Schwieriger als für die umwor-
dieses Rechts war mangelhaft. schaftswunder in den Emiraten sagt Scheich benen europäischen Fachleute ist
Inzwischen gibt es drakonische Strafen undenkbar wäre. Mohammed die Situation für Hunderttausen-
für ausbeuterische Arbeitgeber, und wir Die ausländischen, meist aus Ibn Raschid de pakistanische und indische Ar-
bauen unser Justizsystem mit Hochdruck Europa und den USA stammen- Al Maktum. beiter auf den Baustellen. Sie ha-
auf. Aber wir wollen nicht darum her- den Architekten, Stadtplaner, ben wenige Rechte, sie hausen in
umreden: Es gibt Missstände, und diese Ärzte, Im- und Exportkaufleute loben ihre Baracken, und sie müssen auch noch bei
Missstände können wir uns nicht leisten. Arbeitsbedingungen, die Steuerfreiheit, die 40 Grad Hitze ran (ab 41 Grad sind die
80 Prozent unserer Bevölkerung sind schnellen Wege, die weitgehende Rechts- Firmen zum Stopp der Außenarbeiten ver-
Ausländer, sie bauen unser Land mit uns sicherheit in Business-Angelegenheiten. pflichtet, weshalb das Thermometer nach
auf. Wir sind auf unsere Arbeiter ange- Wie brüchig diese Rechtssicherheit aller- Ansicht unabhängiger Beobachter auffal-
wiesen. Interview: Bernhard Zand dings in gesellschaftlichen Fragen sein lend häufig 40,9 Grad anzeigt). Manchmal
kann, hat sich gerade erst im Fall des streiken die Malocher, verlangen – wie zu-
15-jährigen Schülers Alexandre Robert letzt im November – mehr Lohn: statt 150
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STADLER / IFA-BILDERTEAM
Dhaus und Wassertaxis im alten Hafen von Dubai: „Identität lässt sich nicht erzeugen, sie entsteht“

Dollar 180 Dollar im Monat. Wer einmal bour camp“ draußen in Jebel Ali ver- Einen Krieg will er nicht führen, auch
fehlt, wird abgemahnt; wer wagt, sich de- bracht: 18 Mann pro Container, verstopfte keinen gegen den Terror. Seine Front heißt
monstrierend mit der Staatsgewalt anzu- Toiletten, ein trostloses Dasein. ökonomischer Fortschritt. Für diese Aus-
legen, muss mit sofortiger Abschiebung Noch sind die Scheichs in einer komfor- einandersetzung spart er sich seine mar-
rechnen. tablen Position. Noch können sie mit einer tialischen Vokabeln: „Unsere Opfer sollen
Einer dieser Malocher ist Salim Golam, ständig nachströmenden Flut von Arbeits- Armut, Rückständigkeit und Ignoranz
35. Um fünf Uhr früh hat er begonnen, da kräften rechnen. Vielleicht bald nicht mehr sein“, sagt der Poet mit Sinn für Pathos.
fuhr er die erste Runde mit seinem Laster. aus dem Boom-Staat Indien, aber in Bang- Berührungsängste kennt der Wanderer
Das ist jetzt 15 Stunden her, und wenn die- ladesch oder Nepal sind die Wohn- und Ar- zwischen den Welten nicht, in dieser Wo-
se Ladung Beton im Fundament einer Neu- beitsbedingungen schlechter, die Löhne nied- che kommt er zum Staatsbesuch nach Ber-
bauvilla an der Jumeirah Beach Road ver- riger, die Möglichkeiten, die Familie zu lin. Von Ost wie West will er das Beste ho-
senkt ist, dann hat er nur mehr zwei oder ernähren, weitaus geringer. Diese Arbeits- len, angepasst an die Landestraditionen.
drei Touren hinaus in eine Schottergrube migranten sehen die Emirate trotz aller Un- Er fühlt sich Singapurs erfolgreichem Au-
vor den Toren der Stadt. „Bin ich müde? Ja. gleichbehandlung als Chance, nicht als Zu- tokraten Lee Kuan Yew näher als ameri-
Kann ich mich hinlegen? Nein. mutung. In ihren Heimatländern kanischen oder europäischen Vorbildern.
Nicht vor Mitternacht.“ Ex oriente lux stehen sie Schlange nach VAE-Visa. Am liebsten mit allen Freund, weiß
Auch wenn es nicht danach aus- – Licht am Ob diese relative Zufriedenheit ein- Scheich Mo allerdings auch, gegenüber
sieht: Der Lkw-Fahrer aus Jaipur Ende des mal in Wut umschlägt, wann das wem er Abstand halten muss. „Ich liebe
im indischen Bundesstaat Rajas- arabischen sein wird – keiner weiß es. die Vereinigten Staaten“, sagte Dubais
than ist ein Glückspilz: Er hat ei- Scheich Mo darf sich derzeit je- Herrscher dem US-Fernsehsender CBS.
nen klimatisierten Arbeitsplatz, er Tunnels oder denfalls als einer der großen Ge- „Nur ihre Außenpolitik nicht.“
verdient knapp 800 Dollar im Mo- nur eine Fata winner der Globalisierung sehen,
nat, und wenn sich die schwitzen- Morgana von

an seinem Lkw zu schaffen ma- kleine Elite?


als ein Mann zur rechten Zeit am
den Männer von der Betonpumpe Luxus für eine rechten Ort. Seine Vertrauten be-
zeichnen ihn als „eher apolitisch“.
D er moderne Prinz sieht sein Emirat in
einer strategisch günstigen Lage. Ein-
einhalb Milliarden Menschen leben im
chen, kann er sich eine Viertel- Für andere Führer im arabischen Dreistunden-Flugradius von Dubai: Das
stunde lang auf den Randstein hocken und Raum hat er selten Zeit, redet aber gern aufstrebende Indien – die Strecke nach
eine Zigarette rauchen: Arbeiterfreuden im Klartext. „Ändert euch, oder man wird Mumbai ist kürzer als die nach Kairo –,
Touristenparadies Dubai, wo es mit dem euch ändern“, rief er ihnen bei einem sei- und auch Ostafrika sind nah sowie die
Arbeiterschutz nicht weit her ist. ner seltenen Auftritte im Jahr 2004 zu. Märkte Irans und der arabischen Halbinsel.
Unten am Strand lässt die Stadtverwal- Im kleinen Kreis macht er klar, dass er „Do buy“, wirbt es wortspielerisch an
tung einen Jogging-Parcours für die fitness- nicht eine Demokratisierung nach West- jeder Ecke Dubais, und selbst von den Kri-
bewussten Ausländer anlegen. Lange bevor minster-Zuschnitt befürwortet, sondern das sen der Region profitiert das Einkaufs-
die aus den Federn steigen, kniet der Inder von oben verordnete Schaffen von Ar- paradies; vor allem die Geschäfte mit Te-
Vijay Chandaran, 28, bereits im Sand und beitsplätzen und Aufstiegschancen. Reli- heran blühen. Zwar haben die Behörden
poliert die Oberfläche eines zentimeter- gion hat in diesem Gedankengebäude des auf Druck von Washington etwa hundert
dicken Gummibelags, der die Gelenke der Scheichs nur einen „privaten“ Platz. „Ich iranische Unternehmen geschlossen, doch
Jogger schonen soll. Chandarans Blau- weiß nicht, wer in meinem Staat Sunnit noch immer gibt es hier mehr iranische
mann ist nach zwei Wochen Knochen- oder Schiit ist, und es interessiert mich Banken als sonst wo auf der Welt.
arbeit an den Knien durchgescheuert, es auch nicht“, sagt der Herrscher. „Wer gut Und clevere Zwischenhändler finden
knackt hörbar, wenn er sich erhebt. Davor zu seinem Nachbarn ist und hart arbeitet, Wege, die Uno-Sanktionen selbst für
hat er eine kurze Nacht in seinem „La- ist in Dubai willkommen.“ hochsensible Waren zu umgehen. Die
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Titel

Emirate sind auch der Hauptumschlag- in Dubai kürzlich die „strategischen Aus- Scheichs nach Osten – dorthin, wo die Öl-
platz für wohlhabende Pakistaner gewor- landsinvestitionen“ zusammen: von der kunden der Zukunft sitzen.
den, für klassisch reiche und dubios reich ägyptischen Zucker-Raffinerie über den Dubai leidet nicht an falscher Beschei-
gewordene. Benazir Bhuttos Ehemann, als chinesischen Container-Terminal bis zum denheit oder zu kleinkarierten Zielen:
„Mister-Zehn-Prozent“ bekannt und wie italienischen Sportwagenhersteller Ferrari. „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der kei-
seine im Dezember ermordete Gattin in Nicht allen ist wohl bei der forcierten ner ein Fremder ist“, wirbt die Zukunfts-
der Heimat früher wegen Korruption an- Einkaufstour der Petro-Milliardäre. Spek- stadt, in der Angehörige von über 150 Na-
geklagt, besitzt hier Villen und takulär scheiterte zum Beispiel tionen leben und arbeiten. Sie will alles
Wolkenkratzer. Abdul Qadir In den Emira- vergangenes Jahr die Übernahme sein: Singapur, St. Tropez und Silicon Val-
Khan, der legendäre pakistani- ten haben vie- von sechs amerikanischen Häfen ley, New York und Neuschwanstein, Hong-
sche „Doktor Seltsam“, der die le ihre Deals durch DP World. Es könne nicht kong und Hollywood.
Atombombe liebte und mit sei- gemacht – Pa- sein, warnte der US-Kongress, Vorwärtstaumelnd, alle Klischees nie-
nem Know-how handelte, hat dass man ein paar Jahre nach dem derreißend, stilsicher in seiner Stillosigkeit
über seine hiesige Firma Teile kistans „Dok- 11. September Amerikas wichtigs- und ohne jeden architektonischen Rhyth-
seiner Millionendeals abgewi- tor Seltsam“ te Häfen an die Araber verscher- mus, sieht man einmal ab vom Nur-weiter-
ckelt, bevor ihn Präsident Pervez wie die Terro- ble. Die Scheichs zeigten sich größer-Schneller, wirkt dieses Dubai wie
Musharraf in Islamabad auf in- risten von sportlich: Sie zogen ihr Angebot auf Speed, und die Grenzen zwischen dem,
ternationalen Druck hin unter Nine-Eleven. zurück, und anstatt – wie die ara- was ist und was sein wird, verschwimmen.
Hausarrest stellte. bische Presse – die Amerikaner Die Gegenwart ist die Ankündigung, die
Und auch die Terroristen von Nine-Ele- der Hysterie und der Xenophobie zu zei- Werbung für die Zukunftsprojekte der
ven – 15 Saudi-Araber, ein Ägypter, ein hen, übten sie Selbstkritik: Offenbar müs- Stadt so real wie die Stadt selbst. Überall
Libanese und zwei VAE-Bürger – nutzten se man das eigene Marketing verbessern. blitzen computergenerierte Animationen
die Liberalität des Handelsplatzes und Gern sieht man die Golf-Investoren un- neuer Projekte auf, zieren Schautafeln und
Treffpunkts Dubai. Etwa die Hälfte der terdessen in Deutschland, wo sie bislang Hochglanzbroschüren, und in den Kauf-
Gelder für die Attentate von New York nicht im Ruf stehen, wie die Heuschrecken häusern nehmen die blinkenden Modelle
und Washington flossen über die Emirate. übers Land zu ziehen oder, wie chinesi- halbe Stockwerke ein. Selbst Ortskundige
Die Regierung versprach bessere Kontrol- sche oder russische Staatsfonds, auf stra- sind unsicher: Ist das schon gebaut, wird es
len. Wie die in einem für sein Laisser- tegische Mehrheiten in europäischen gerade gebaut?

Geplante Konzerthalle in Abu Dhabi (Computersimulation): „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der keiner ein Fremder ist“

faire bekannten Ort aussehen sollen, ver- Schlüsselindustrien abzuzielen. Und den- Dubai wirkt wie ein gigantischer Duty-
riet sie nicht. noch spielen unübersehbar bei ihren jüngs- free-Shop mit einer angeschlossenen Stadt.
In Dubai werden Milliarden investiert. ten Akquisitionen auch strategische Ge- Nichts existiert auf der Erde, was man in
Auch amerikanische Pensionsfonds, deren danken mit. Gezielt kooperieren die Air- den Shopping-Malls nicht kopieren und
Investments reiche Gewinne abwerfen, be- lines am Golf mit Fluggesellschaften in Sri besser aufbauen könnte – eine Idealwelt,
ginnen sich in den Emiraten einzukaufen. Lanka und Singapur, um ihre Dominanz im Zeitraffer erstellt.
Wenn Firmen wie der Hafenbetreiber Du- auf der lukrativen „Känguru-Route“ von Eines dieser Märchenschlösser der Glo-
bai Ports World oder die Emirates Airlines Europa nach Ozeanien auszubauen. Etwa balisierung ist der mittelalterlichen Welt
an die Börse gehen, erwarten sie für die zehn Milliarden Dollar, schätzen die Ex- des Ibn Battuta gewidmet, ein anderes dem
neu ausgegebenen Wertpapiere mehrere perten des Golf-Forschungszentrums in alten Ägypten, ein drittes den Schönheiten
Milliarden Dollar, es muss sich ja lohnen. Dubai, haben die Golfstaaten zuletzt in Italiens. Die Malls sind die wahren Zentren
Die Scheichs kassieren gern, vor allem aber Banken investiert, die entweder selbst in der Dubai-Welt, Kathedralen des Konsums,
investieren sie: Auf sechs kleingedruckten Asien sitzen oder dort eine starke Präsenz Mekkas des Marktes, und jeden Monat fast
Seiten stellte das Golf-Forschungszentrum haben. Zielstrebig geht der Blick der wird ein neuer dieser Illusionstempel ein-
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geweiht, dazu ausersehen, ein neues Mar- und blauen Op-Art-Kompositionen, die ge- galerie, die als eine der progressivsten im
keting-Wahrzeichen der Stadt zu sein. rade in ihrer Galerie aushängen. Zum klei- Nahen Osten gilt. In einer asketisch kühlen
Und überall noch ein Springbrunnen, nen Weißen trägt sie giftgrüne Slipper und Halle stellt sie subversive Miniaturen aus
noch ein dauerbesprengter Rasen, vom gi- einen breiten Gürtel. Je nachdem, wer ge- Pakistan und provokative iranische Foto-
gantischen künstlichen Kanal, der bald rade reinkommt, streut sie französische, grafie aus. Auf der Gulf Art Fair, der ersten
mehrere Stadtteile verbinden soll, einmal englische oder persische Komplimente. internationalen Kunstmesse am Golf, bot
ganz abgesehen. Nirgendwo geht man so „Ich bin ein Dubai Kid“, sagt sie. „Wir tun sie im vergangenen März unter anderem
verschwenderisch mit Energie um wie in uns hier nicht schwer mit Sprachen.“ eine Plastik des pakistanischen Künstlers
den Emiraten, der hiesige „ökologische Als sie 1977 zur Welt kam, regierte noch Shezad Dawood feil: einen weißen Snoopy
Fußabdruck“ schlägt achtmal mehr ins Ge- der Schah in Iran. Ihr Vater, ein Kaufmann mit Terroristenbart und einer Kalasch-
wicht als der des Welt-Durchschnittsmen- aus Teheran, trieb seit langem Handel am nikow um die Schulter. „Ging genauso
schen. Aber das scheint hier keinen zu Golf, nach der Revolution ließ er sich in schnell weg wie der goldene Schlagring mit
kümmern – Zweifel, das ist etwas für die Dubai nieder. Als Sunny Mitte der neun- dem Schriftzug ,Allahu akbar‘ vorn drauf“,
Vorgestrigen. ziger Jahre ihren Highschool-Abschluss sagt die Galeristin. „An einen amerikani-
Auf dem Emirates Golf Course lockt der machte, gab es eine einzige Universität in schen Sammler natürlich.“
„Ball der Ölbarone“, französischer Cham- den Emiraten. Sie ging nach London, um Im Ramadan war das Haus voll bis un-
pagner, russischer Kaviar, italienische Trüf- Kunstmanagement zu studieren, und zwei ters Dach, als über „Die Girls von Riad“
fel – wieder so ein Dubai-typisches „Best Jahre später nach New York, wo sie sofort diskutiert wurde, einen kontroversen Ro-
of“-Zitat aus aller Welt. Bleibt die Frage einen Job im Guggenheim Museum fand. man aus Saudi-Arabien; dann kam ein Film
nach der Identität dieser Stadt, die wirkt „Kurz nach dem 11. September 2001 lief über die Bombennächte von Beirut im Li-
wie eine Designerdroge ohne erkennbare mein Vertrag aus. Reiner Zufall – doch ein banon-Krieg 2006. Afghanische Frauen,
Nebenwirkungen, flüchtig, nicht nachhaltig. guter Zeitpunkt für mich zu überlegen, wo marokkanische Kunst, Terror, Liebe und
„Identität lässt sich nicht erzeugen, sie ich nun eigentlich hin wollte.“ der Medien-Tornado, der den Nahen Osten
entsteht“, meint der Architekturdozent Ihre Wahl fiel auf Dubai. Dorthin waren erfasst hat – es gibt nichts, was in ihrer Ga-
George Katodrytis in einem Aufsatz und inzwischen auch die meisten ihrer alten lerie nicht wenigstens eine überfüllte
zieht eine große Parallele. „Als eine Me- Schulfreunde nach Hochschuljahren in Eu- Abendvorstellung wert wäre.
tropole, die aus dem Nichts kommt und ropa und Amerika zurückgekehrt: Saadia, Und doch blickt das Dubai Kid in diesen
nach einer kommerziellen Logik entwickelt die pakistanische Designerin, die gerade Tagen nicht nur auf seine eigene Stadt – in
den benachbarten Emiraten tut sich Sen-
sationelles. Die Herrscher des Königreichs
Katar, eine Flugstunde entfernt, haben die
„Fab Four der internationalen Architek-
tenszene“ („New York Times“) zur Ge-
staltung von Tempeln für die Kunst ge-
ZAHA HADID ARCHITECTS (L.); NOUSHA SALIMI / ARABIANEYE / FOC / AGENTUR FOCUS (R.)

wonnen, die Touristen anziehen sollen.


Der Chinese I.M. Pei hat sein Museum der
Islamischen Künste schon fertiggestellt,
weiße Quader, zu einer eindrucksvollen
Burg getürmt, schimmern an der Corniche
von Doha. Der Spanier Santiago Calatrava
hat ein Fotomuseum entworfen, das eine
von der Regierung zusammengekaufte
spektakuläre Sammlung beherbergen wird.
Der Franzose Jean Nouvel konstruiert ei-
nen Anbau für das Nationalmuseum. Und
der Japaner Arata Isozaki gestaltet die Na-
tionalbibliothek – in Form eines schwe-
benden Raumschiffs, von drei fast unsicht-
baren Säulen getragen.
Doch all das wird noch in den Schatten
gestellt von dem, was in Abu Dhabi pas-
siert, eine gute Autostunde von Sunnys Ga-
lerie entfernt. Ein aberwitziges Kulturzen-
Galeristin Sunny in ihrem Ausstellungsraum in Dubai: „Wenn nicht hier, wo dann?“ trum wird hier aus dem Meeresboden ge-
stampft, Saadiyat Island, „Insel der Glück-
und von Immigranten geprägt wird, erin- eine regelmäßige Fashion-Show auf die seligkeit“, genannt, 27 Quadratkilometer
nert mich dieses Dubai frappierend an das Beine stellte; Schihab, der ägyptische Mu- kulturbeflissener Ehrgeiz, zugepflastert von
New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“ siker, der im alten Flughafenhotel einen den teuersten Architekten und beflaggt mit
Doch eine Weltstadt des 21. Jahrhun- Club aufmachte und DJs aus New York, den exklusivsten Namen, die Kunst und
derts braucht mehr als nur bauliche Super- London und Kairo nach Dubai brachte; Wissenschaft zu bieten haben. Kosten-
lative, technische Innovationen, mehr als Rishi, der Inder, der hippe Modelabels im- voranschlag: 27 Milliarden Dollar.
Kommerz. Manche Scheichs haben es portierte und inzwischen Shops in allen Frank Gehry, der König der Postmoder-
schon erkannt. Man braucht auch: Kultur. großen Städten am Golf betreibt. „Was uns ne, baut eine Filiale des New Yorker Gug-
von Anfang an verband“, sagt Sunny: „Wir genheim Museums – einen wilden Trüm-

S ie heißt Sanaz Rahbar, doch sie wird


Sunny genannt – was gut zu ihrem Tem-
perament passt und zum Gründergeist, mit
wollten hier was Cooles auf die Beine stel-
len. So viele Kulturen sind sonst nicht
leicht an einem Ort anzutreffen.“
merhaufen aus Kegeln und Zylindern, der
selbst Frank Lloyd Wrights berühmten Spi-
ralbau an der Fifth Avenue übertreffen soll.
dem sie die Kunstszene von Dubai auf- Sunny, heute 30, gründete 2005 unter Verglichen mit der neuen Zweigstelle des
mischt: Sie strahlt wie die roten, gelben dem Namen The Third Line eine Kunst- Louvre dürfte die moderne Glaspyramide
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Titel

vor dem Mutterhaus an den Tuilerien bald die Anthropologin Jane Bristol-Rhys an
eher rührend wirken: Eine überdimen- der Sajid-Universität Abu Dhabi. „Wenn
sionale umgedrehte Schüssel, 300 Meter sich Ost und West in den Emiraten nicht
im Durchmesser, wird die Exponate aus mischen können, wo denn dann?“
Frankreich vor der heißen Wüstensonne Die Scheichs vom Golf als die Fugger
schützen. Die Sorbonne hat bereits Pro- und Medici des 21. Jahrhunderts – so sieht
fessoren geschickt, die in provisorischen es die Galeristin Sunny Rahbar. Das Dubai
Containern lehren. Die Yale University International Finance Center, das die Ka-
überlegt, dort Vorlesungen anzubieten: pitalmärkte der Welt aufmischt, habe Am-
Nouvelle culture ins Reich der Nouveaux bitionen, neben UBS und Deutscher Bank
riches, und zwar nicht scheibchen-, son- zu den großen institutionellen Kunstanle-
dern kilo-, zentner-, tonnenweise. gern aufzusteigen. „Das wird eine Zeit
Wer aber soll seine Kinder auf diese Uni- dauern“, sagt die Galeristin Sunny. „Doch
versitäten schicken? Wo sind die kunst- und ich bin zuversichtlich. Ich sitze schließlich
bildungshungrigen Araber, die auf eine so im Beirat.“
geballte Ladung westlicher Kultur warten?
Als der Herrscher von Katar das zehn-
jährige Bestehen seines Nachrichtenkanals A lso: alles Gold am Golf? Ungetrübte
Zukunftsaussichten für das neue
al-Dschasira feiern ließ, dauerte es genau 15 Übermorgenland?
Minuten, bis die meisten Katarer das Wei- Hört man Michael Wette, 36, zu, dann
te gesucht hatten und das diplomatische reiht sich Bahrein nahtlos ein in die Perlen
Corps unter sich war: Eine Live-Übertra- der Region, ein Mini-Staat mehr, der auf
gung aus der Opern-Arena in Verona hatte einem richtigen, auf einem eindrucksvollen
die Männer in ihren weißen Dischdaschas Weg ist. Wette muss wohl Optimismus zur
abgeschreckt. „Es war ihnen einfach zu laut Schau tragen – er berät im Auftrag der deut-
und zu langweilig“, erzählt ein Redakteur, schen Unternehmensberatung Roland Ber-
der dabei war. ger die königliche Herrscherfamilie von
Grundsätzlich – und nicht ohne Herab- Manama. „Man muss viel improvisieren“,
lassung auf die Parvenüs vom Golf – war sagt der dynamische Mann aus Westfalen,
deshalb die Kritik, die aus Frankreich kam. mit Business-School-Studiengängen in Ko-
Von „Kameltreibern“ und „Teppichhänd- blenz, Grenoble und Texas. „Aber mit sei-
lern“ war die Rede. „Mein erster Eindruck nen Banken- und Tourismusprojekten wird
war, denen ging es nur ums Prestige“, zi- Bahrein fit gemacht für eine Zukunft nach
tiert das US-Magazin „Newsweek“ den dem Öl.“
Sorbonne-Präsidenten Jean-Robert Pitte: Bahrein ist der ärmste Staat am Golf, oder
„Sie wollen den Louvre, das Guggenheim besser gesagt: der am wenigsten reiche, denn
und die Sorbonne – so wie ihre Frauen auch sein Pro-Kopf-Einkommen würde
Handtaschen von Dior wollen.“ manchen EU-Staat noch neidisch machen.
Bitter stößt den Europäern eine Erfah- Seine Ressourcen schwinden allerdings. Und
rung auf, die ihnen nach Jahrhunderten doch haben Bahreins große Probleme
der ökonomischen und kulturellen Welt- primär mit etwas anderem zu tun: Das Kö-
dominanz nicht mehr geläufig ist: Es gibt nigreich hat eine unterprivilegierte schiiti- Innenstadt des neuen Dubai mit dem höchsten
inzwischen Reichere als uns – sche Bevölkerungsmehrheit, die
und das nicht nur in Amerika. Ein Schlagring von der sunnitischen Herrscher- schon getan haben. Mögliche Ziele: das
Kann und soll sich der Westen mit religiösem familie ihre Rechte einzufordern sunnitische Königshaus der Familie Chali-
den Snobismus leisten, diesen Schriftzug, beginnt; und es hat einen mächti- fa, die amerikanische Flottenbasis, das
Leuten kulturelle Errungenschaf- „Sex-Szenen“ gen, allzu mächtigen Nachbarn, der äußerst lebhafte, aber in verfeindete Frak-
ten zu verweigern – wenn die misstrauisch alles beäugt, was in tionen zersplitterte Parlament. Bei den
gleichzeitig unsere Airbusse im zwischen Bin Manama passiert: Saudi-Arabien. letzten, erstaunlich freien Wahlen im No-
Dutzend kaufen? Laden und Wenn es denn einen Schwach- vember 2006 haben die Schiiten die Mehr-
Vielleicht ist es auch nur eine Bush: Emirate- punkt in der Region gibt, einen heit der Abgeordnetenmandate nur knapp
Sache der Dimensionen. Höchst Kunst traut Unsicherheitsfaktor, dann liegt er verfehlt, ein Ableger der sunnitischen Mus-
beeindruckt pilgern westliche sich fast alles. hier. Mit Saudi-Arabien ist Bah- limbrüder wurde zweitstärkste Fraktion;
Künstler, Kritiker und Kuratoren rein – wie mit den VAE, Katar, Verlierer waren die Liberalen.
alle zwei Jahre zur Biennale in Dubais Kuweit und Oman – im Golf-Koopera- Seitdem fragen sich Landeskenner, ob
Nachbarstadt Schardscha, die Scheicha tionsrat verbunden. Über den König-Fahd- die überwiegend zur Unterklasse gehören-
Hoor al-Kassimi, Tochter des Herrschers, Damm strömen Tausende Touristen aus den Schiiten ihre Loyalität nicht bald dem
dort seit einigen Jahren verantwortet. Was dem rigiden Wahhabiten-Reich jeden Tag Mullah-Reich auf der anderen Seite des
in Schardscha zu sehen ist, wird nirgendwo auf die Insel mit den viel lockereren Sitten. Golfs schenken könnten. Schon einmal, in
sonst in der arabischen Welt gezeigt: „Hier beginnt der Spaß“, begrüßt ein Ajatollah Chomeinis Zeiten, hat Teheran
Schwüle Haremsszenen aus dem 18. Jahr- Schild auf der bahreinischen Seite die versucht, seine Revolution gewaltsam hier-
hundert, selbst eine Fotomontage mit Gäste, von denen Manamas Hotels, Bars her zu exportieren.
George W. Bush beim Geschlechtsverkehr und Discotheken erheblich profitieren. Der kleine Staat Bahrein, an dem große
mit Osama Bin Laden ließ die junge Hier könnte der Spaß allerdings auch bald Mächte zerren, steht auch im Zentrum eines
Scheicha auf der Gulf Art Fair im März enden – sollten die mächtigen Saudis den höchst interessanten und beunruhigenden
über die Bildschirme laufen. Zwerg an ihrer Flanke ganz an die Kanda- Buches. „The Scorpion’s Gate“ heißt der
„Die Emirate sind von Ländern umge- re nehmen. Thriller, sein Autor: Richard A. Clarke,
ben, die ein Guggenheim lieber in die Luft Oder wenn die Terroristen zuschlagen, führender Anti-Terrorismus-Experte im
jagen würden, anstatt eines zu bauen“, so wie sie es, freilich bis jetzt eher punktuell, Weißen Haus bis Anfang 2003. Der ehema-
96 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
NOUSHA SALIMI / AP
Gebäude der Welt: „Wenn unsere Söhne so fleißig sind wie unsere Väter, dann ist mir nicht bange“

lige Clinton-Vertraute entwirft ein Alp- Karawanen ziehen. Am Flughafen, der Dubai blüht inmitten einer aus den Fu-
traumszenario, von dem er sagt, es sei Keimzelle des modernen Dubai, sind die gen geratenen Weltgegend, und der Auf-
„höchst realistisch“: Terroristen überziehen Ankömmlinge zu sehen – nicht am raum- schwung hat das Elend von Palästina, den
Bahrein mit einer Welle von Bombenan- schiffgleichen Raschid-Terminal, an dem libanesischen Bürgerkrieg, Saddam und
schlägen, in Saudi-Arabien haben Islamisten die Jets aus Europa und Übersee an- Chomeini, den 11. September und den
das Königshaus gestürzt und die Ölquellen docken, sondern gegenüber, am Krisen- jüngsten Golfkrieg überdauert. „Wir sind
besetzt. Im Pentagon schlägt die Stunde der Airport, am Terminal Two. Hier landen ungefähr das, was die Schweiz im Zweiten
Falken – ein alles zerstörender Weltkrieg die Maschinen aus Bagdad und Kabul, aus Weltkrieg war“, sagt Scheich Haschir Al
droht. Der Golf versinkt im Chaos. Kurdistan und aus Äthiopien. Maktum, der Schwager von Scheich Mo.
Würde nicht schon ein weit weniger mar- Müde Männer in Badelatschen stehen „Wenn unsere Söhne so fleißig sind wie
tialisches Szenario in Dubai alle Türme an den Gepäckbändern, Mütter mit schrei- unsere Väter und es so klug anstellen wie
einreißen, alle Träume zerplatzen lassen? enden Kindern im Arm, Menschen, denen wir, dann ist mir nicht bange.“
Wären die Emirate nicht bereits bei einer mehr ins Gesicht geschrieben steht als ein Jahrzehntelang sind die Massen nach
Serie kurz hintereinander folgender An- 15-Stunden-Flug aus New York. Draußen Saudi-Arabien, in den Irak und nach Iran
schläge in den großen Hotels, Malls und in der schwülen Hitze warten keine li- gepilgert, haben fanatische Ideologien und
Vergnügungsstätten dem Untergang ge- vrierten Hotelfahrer auf sie, sondern ihren Frauen schwarze Umhänge mit-
weiht, mit fliehenden europäischen Fach- Autobusse, die offene Fenster haben statt gebracht. „Heute pilgern sie an den Golf“,
kräften, ausbleibenden Touristen, verbitter- Klimaanlagen. Daneben stehen die Abrei- sagt der ägyptische Autor Jussuf Ibra-
ten und nach einem Ölpreissturz verarmt senden und teilen untereinander ihre Kar- him, „und was bringen sie von hier mit?
zurückbleibenden Einheimischen? Das tons und Taschen auf, um kein Über- Jeans und Tanktops für ihre Frauen und
„neue New York“ auf dem Weg zu einer gepäck zu zahlen. Es sind Fernseher und Ideen, wie man ein Geschäft machen
verlassenen, gespenstischen Mad-Max- Wolldecken darunter, gebrauchte Compu- könnte. Der ägyptische Nasserismus ist
Steinwüste statt vorausschreitend zur pros- ter und Motorradreifen. „Mohammed, tot, der irakische Baathismus ist geschei-
perierenden Zukunftsmetropole? Quetta, Pakistan“ steht auf einer Kiste, tert, der militante Islam geht seinem
Noch sind die Wüsten weit, und der „Ali Ibrahim, Nadschaf, Irak“ auf einer blutigen Ende zu. Es lebe der arabische
neue Golf ist die Wasserstelle, zu der die anderen. Kapitalismus!“ ™
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 97
Der israelischen Regierung führt der
Mauerfall von Rafah vor Augen, dass sie
die Hamas nicht länger einfach ignorieren
kann. Die Politik der Kollektivstrafe für die
Unterstützung der Radikalen ist geschei-
tert, auch wenn am vergangenen Mittwoch
der Oberste Gerichtshof in Jerusalem Kür-
zungen von Treibstoff- und Stromlieferun-
gen in den Gaza-Streifen genehmigte.
Premierminister Ehud Olmert scheut vor
einer großangelegten Militäroperation in
Gaza zurück, erst recht nachdem ihm der

ASHRAF AMRA / APAIMAGES / ATLASPRESS


Abschlussbericht einer parlamentarischen
Untersuchungskommission am vergange-
nen Mittwoch schwere Versäumnisse im
Libanon-Krieg von 2006 attestierte. Olmert
ist einstweilen damit beschäftigt, seine
Koalition zu retten. Er muss verhindern,
dass ihn seine Gegner in der eigenen
Kadima-Partei gemeinsam mit Verteidi-
gungsminister Ehud Barak von der Ar-
Eingerissener Grenzwall bei Rafah: „Der Preis für eine Tonne TNT ist gesunken“ beitspartei aus dem Amt jagen. Für Gaza
bleibt da kaum Zeit.
Welt findet wenig Beachtung. Eingebrannt Der Durchbruch von Rafah sei der größ-
NAHOST
in die Köpfe von Fernsehzuschauern haben te Erfolg der Hamas seit dem Sieg bei

Marsch auf Erez sich die Bilder Zehntausender Palästinen-


ser, die ihren Ausbruch aus Gaza zum Kauf
von Nahrungsmitteln wie Mehl oder Milch
nutzten. Damit ist den regierenden Islamis-
den Parlamentswahlen vor zwei Jahren,
schwärmt dagegen Ahmed Jussuf, Chef-
berater von Hamas-Premier Ismail Hanija.
Anrufer aus der ganzen Welt hätten ihn
Raketenangst in Jerusalem,
ten ein PR-Erfolg gelungen, der die Politik zu der Aktion beglückwünscht, erzählt
Hamas-Begeisterung in Kairo – der wichtigsten Akteure in der Region zu Jussuf in seinem Büro in Gaza-Stadt, selbst
das Niederreißen der Grenze Kursänderungen zwingt. Abgesandte europäischer Regierungen hät-
im Gaza-Streifen erwies sich als Israel, dessen Regierung nach anhalten- ten sich gemeldet. „Die Hamas ist zurück
großer Erfolg für die Islamisten. dem Raketenbeschuss die Grenze zum im Spiel“, freut sich Jussuf.
Gaza-Streifen abgeriegelt hatte, sieht sich Doch auf Dauer ist die offene Grenze

E
s regnet schon seit dem Morgen, der nun angeprangert als verantwortlich für auch für die Hamas gefährlich. Es mehren
nasse Wüstensand hat die Haupt- die humanitäre Notlage der Palästinenser –
straße des ägyptischen Teils von Ra- auch wenn unklar ist, wie sehr die Be-
fah in eine Schlammbahn verwandelt, auf wohner von Gaza tatsächlich unter den
der die Karawane aus chinesischen Mo- Sanktionen gelitten haben. Die palästi-
torrädern, Ziegenherden und Pick-ups mit nensische Autonomieregierung der mode-
Benzinkanistern in Richtung Gaza-Strei- raten Fatah-Partei fühlt sich gezwungen,
fen schlittert. Hamad Kischta steht am die eigene Kontaktsperre gegenüber den

GETTY IMAGES EDITORIAL


Straßenrand, zündet sich eine Zigarette an Gaza-Machthabern aufzuheben, ebenso
und verrät die aktuellen Preise. Ägypten, das seit der gewaltsamen Macht-
„Alles ist sehr billig geworden“, sagt der übernahme der Hamas im vergangenen
Palästinenser. Bis vor einer Woche war Sommer die Islamisten boykottierte.
sein Clan im Schmuggelgeschäft aktiv, Widerwillig empfing die Regierung von
doch mit dem Niederreißen des Grenz- Präsident Husni Mubarak in Kairo am ver- Hamas-Sprecher Jussuf
walls haben die Tunnel unter den Dünen gangenen Mittwoch die Hamas-Führer, um „Zurück im Spiel“
ihren Wert verloren. „Kalaschnikows kos- einen Kompromiss mit dem gemäßigten
ten nur noch 300 Dollar“, erzählt Kischta, Autonomiepräsidenten Mahmud Abbas zu
„der Preis für eine Tonne TNT ist von vermitteln. Der ägyptische Staatschef, der Gaza-Streifen Erez
15 000 auf 5000 Dollar gesunken.“ sonst im Umgang mit radikalen Islamisten
Grenzübergänge
Eine Woche nach der Öffnung der wenig zimperlich ist, musste dem Exodus
Grenze hat sich die im Gaza-Streifen re- der Palästinenser auf die Sinai-Halbinsel Gaza-Stadt Sderot
gierende islamistische Hamas mit billigem zunächst tatenlos zusehen; Gewalt gegen
Kriegszeug eingedeckt und ein riesiges die Grenzstürmer hätte seine eigenen ISRAEL
Waffenlager angelegt. Nun bedrohen nicht Landsleute empört. Bei jeder Gelegenheit
LIBANON
mehr nur Kassam-Raketen der Marke bekunden die Ägypter derzeit ihre Solida- Philadelphi-
Eigenbau grenznahe israelische Orte wie rität mit den palästinensischen Brüdern. Korridor Mittel-
Sderot, sondern Geschosse aus ausländi- „Sympathisiert mit Gaza“, ermunterte meer
scher Produktion, die israelische Groß- etwa der Star-Fußballer Mohammed Abu
städte wie Aschkelon erreichen können. Tureika die Zuschauer des Länderspiels Aschkelon
„Gestern sind mehrere russische Grad- gegen den Sudan. Selbst unangemeldete Jerusalem
ÄGYPTE N

JORDANIEN

Raketen nach Gaza gekommen“, berichtet Solidaritätskundgebungen für die Hamas Rafah
ISRAEL
Hamad Kischta. wie auf der internationalen Buchmesse von
ÄGYPTEN

Doch die gefährliche Zuspitzung der Kairo muss das Mubarak-Regime derzeit 10 km
Lage an einer der heikelsten Grenzen der hinnehmen.
50 km
98 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Ausland

sich Hinweise auf die Gründung von Qai-


da-Zellen im Gaza-Streifen – eine Kon-
kurrenz, die auch die Hamas fürchtet.
Eine Rückkehr zum Abkommen von
2005, nach dem die Israelis jederzeit den
Übergang zum ägyptischen Rafah schlie-
ßen können, lehnen die islamistischen
Machthaber ab. Internationale Beobachter
hingegen halten sie für denkbar – die
Grenzschützer standen schon bisher aller-
höchstens sich selbst im Weg. „Die EU-
Grenzpolizisten können zurückkehren“,
sagt Jussuf. Die Hamas werde die Kon-
trolle der Grenze aber nicht vollstän-
dig abgeben. Es sei zwar möglich, dass
Polizisten der Autonomieregierung von
Präsident Abbas die Übergänge bewach-
ten. Auf jeden Fall aber müsse die Grenze
für Waren offen bleiben. Auch Diesel und
Strom sollen in Zukunft aus Ägypten
fließen, um die Sanktionen der Israelis ins
Leere laufen zu lassen, fordert der Hamas-
Vordenker.
Die Regierung in Jerusalem sei, verraten
israelische Diplomaten, wenn ihnen An-
onymität zugesichert werde, sogar bereit
zur Aufgabe der Kontrolle über den so-
genannten Philadelphi-Korridor, die gut
zehn Kilometer lange Grenze zwischen
dem Gaza-Streifen und dem ägyptischen
Sinai. Israel könnte sich dadurch, so die
Hoffnung, seiner Verantwortung für den
Gaza-Streifen vollständig entledigen. Die
langfristige Schließung aller Grenzüber-
gänge zum jüdischen Staat würde auch das
Risiko palästinensischer Kommandoaktio-
nen verringern und wäre der Abschluss
jener Strategie der „Loslösung“, die den
damaligen Premier Ariel Scharon vor zwei-
einhalb Jahren zum Abzug der jüdischen
Siedler aus dem Gaza-Streifen bewog.
Das allerdings will die Hamas mit allen
Mitteln verhindern. Die Islamisten-Führer
schmieden einen Plan, wie sie Israel wei-
terhin als Hauptschuldigen an der Notlage
brandmarken können. Ahmed Jussuf will
den Coup von Rafah wiederholen, nur in
anderer Richtung – diesmal gegen den is-
raelischen Feind. Er plant einen Massen-
marsch auf den Grenzübergang Erez im
Norden des Gaza-Streifens. „Wir schicken
eine halbe Million Menschen dorthin,
Frauen und Kinder voran. Dann werden
wir ja sehen, wie die Israelis reagieren.“
Ein abgefeimter Plan, denn Israels Streit-
kräfte würden einem Sturm auf ihre Gren-
ze nicht so tatenlos zusehen wie die Ägyp-
ter. Solche Einwände lassen Jussuf al-
lerdings ziemlich kalt. „Wenn die Israelis
unser Blut sehen wollen, bin ich bereit,
meine Kinder zu opfern.“
Der Hamas-Mann hat bereits interna-
tionale Beobachter kontaktiert, um sie für
eine Teilnahme am „Marsch auf Erez“ zu
gewinnen. Die ersten Freiwilligen haben
sich bereits gemeldet, und Jussuf ist zu-
frieden. Er sagt: „Das ist der Beginn der
dritten Intifada.“ Amira El Ahl,
Christoph Schult

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 99
Ausland

BEN CURTIS / AP
Aufgebrachte Jugendliche an einer Straßenblockade: Eine Stadt nach der anderen wird in einen Strudel der Gewalt gerissen

der jeweiligen Killertrupps hauptsächlich


KENIA
daran zu erkennen, wie sie ihre Gegner

„Wir werden alle töten!“


töten: Die Kikuyu schlagen meist mit Pan-
gas auf ihre Opfer ein; die Kalenjin, die
wie die Luo größtenteils für Oppositions-
führer Raila Odinga gestimmt haben,
Fünf Wochen nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen steht kämpfen mit Pfeil und Bogen.
Eine kenianische Stadt nach der ande-
das einstige Urlaubsparadies an der Schwelle zum Bürger- ren wird derzeit in den Strudel der Gewalt
krieg. Besonders heftig kämpfen die Volksgruppen im Rift Valley. gerissen: Die Zahl der Toten hat mitt-
lerweile 1000 weit überschritten. In Nai-

W
ieder einmal ist die Nacht mör- zeichen und Tierfellen. Aus geröteten Au- robi ermordeten unbekannte Täter Anfang
derisch gewesen in Nakuru, der gen stiert er in jedes Auto. Befinden sich der Woche den Oppositionsabgeordneten
Hauptstadt der Provinz Rift Val- Kikuyu an Bord? Er will Rache nehmen an Mugabe Were. 300 000 Menschen befin-
ley. Die Leichen von zwölf Menschen, ent- denen, die er für Unterdrücker hält, weil den sich auf der Flucht. Längst sind die
setzlich zugerichtet, zählte die Polizei am sie zur größten Ethnie in Kenia gehören. wirtschaftlichen Schäden unüberschaubar.
Morgen, fast alle waren mit Pangas, wie Nur wenn keiner von ihnen im Wagen ist, Der kenianische Gewerkschaftsdachver-
die Kenianer ihre Macheten nennen, zu kann die Fahrt weitergehen. band sieht eine halbe Million Arbeitsplät-
Tode gehackt worden. Nun steht noch im- Zwei Busfahrer der Firma Mololine ha- ze verloren. In den Tourismushochburgen
mer Rauch über Githima, einem Armen- ben weniger Glück. In einem Waldstück, an der Küste und in den Nationalparks
viertel am Stadtrand. Mit Pfeil und Bogen, etwa 20 Kilometer außerhalb Nakurus, bleiben die Besucher aus.
Buschmessern und Knüppeln bewaffnete werden sie plötzlich von 20 bis 30 jugend- Auslöser der gegenwärtigen Kämpfe sind
Jugendliche tanzen um eine Straßensperre lichen Kriegern der Kalenjin angegriffen. die manipulierten Präsidentschaftswahlen
herum, singen Kriegslieder und schwen- Sie werfen Steine und schießen mit Pfeilen vom 27. Dezember. Doch der Konflikt im
ken ein Plakat, das den kenianischen Prä- auf die Wagen. Nur mit Mühe entkommen Rift Valley reicht weitaus länger zurück.
sidenten Mwai Kibaki zur Hölle wünscht. die Fahrer; mit Vollgas rasen sie über Stein- Zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft
Weiter oben, die Straße hinauf in der barrieren und an brennenden Reifen vor- nahmen die weißen Siedler das fruchtbare
Gebirgsstadt Eldoret, 130 Kilometer ent- bei. Hochland Kenias in Besitz, legten hier ihre
fernt, sieht es nicht besser aus. Für die we- Im Rift Valley, dem Ostafrikanischen Teeplantagen an und verdrängten auch die
nigen Fahrer, die sich hier noch entlang- Graben, tobt ein Krieg der Volksgruppen. ansässigen Kalenjin. Nach der Unabhängig-
wagen, ist die Route eine lebensgefährliche In Nakuru jagen Angehörige der Kikuyu, keit 1963 verließen die Weißen das Land,
Hindernisfahrt. Kurz hinter Nakuru stop- die mehrheitlich Präsident Mwai Kibaki das an Afrikaner verteilt wurde.
pen brennende Autoreifen den Verkehr. gewählt haben, Mitglieder der Kalenjin Die wohlhabendsten Kenianer waren
Ein junger Mann springt aus dem Gebüsch, und der Luo. Im Hinterland ist es umge- damals bereits Kikuyu, die gut 20 Prozent
er trägt einen Motorradhelm und eine kehrt. Dort werden Zehntausende Kikuyu der Bevölkerung stellen. Für ihr Wohl-
Rockerweste mit allerlei aufgenähten Ab- vertrieben. Derzeit sind die Angehörigen ergehen hatte schon Jomo Kenyatta ge-
100 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
sorgt, der erste Präsident Kenias. Seitdem dem sich die Rivalen die Hände geschüttelt zisten oder Milizionären. Jeder Kikuyu ist
haben die Kikuyu die Vorherrschaft in hatten, erklärte Kibaki ungerührt, er sei jetzt unser Feind.“
Wirtschaft und Politik inne, und seit den der „ordnungsgemäß gewählte Präsident“ Cheptiret, 25 Kilometer vor Eldoret.
sechziger Jahren besiedeln sie auch das des Landes. Auf der Straße brennt ein Lastwagen. Der
Rift Valley. Sehr zum Verdruss der Ka- Noch 63 Kilometer bis Eldoret. Vor dem Fahrer liegt tot am Straßenrand, etwa hun-
lenjin, die sich nun zum zweiten Mal um Städtchen Burnt Forest stauen sich die Lkw dert Meter von seinem Wagen entfernt.
ihr Land betrogen fühlen. kilometerweit. „Sie haben drei Fahrer tot- Er hatte noch versucht zu flüchten. Ne-
Kaum wurde der Wahlbetrug ruchbar, geschlagen“, sagt ein Trucker. Nicht weit ben ihm liegen die Felsbrocken, mit denen
begann in der Region um Eldoret zunächst entfernt liegen zwei tote Dörfler. Sie wur- er erschlagen wurde.
die Jagd auf Kikuyu. Rund 30 Frauen und den nicht von Milizen ermordet, sondern Die Kalenjin, die sich bei der Leiche
Kinder, die in einer Kirche Schutz gesucht von der Polizei. Am Morgen war ein Spe- eingefunden haben, singen ein Kriegslied.
hatten, wurden bei lebendigem Leib ver- zialkommando in die Ortschaft gestürmt. „Wir schützen nur uns selbst“, sagt Re-
brannt. Das Massaker ließ viele Kikuyu Ra- John Ekai und sein Sohn Daniel Longora verend Daniel Rugut, „wir haben gehört,
che schwören. Bewaffnete Milizen machten konnten nicht schnell genug entkommen. dass Kikuyu-Banden auf dem Weg hierher
sich auf ins Rift Valley. Es war der Beginn Vier Polizisten befahlen den beiden nie- sind, um uns umzubringen.“
einer mörderischen Auseinandersetzung, derzuknien, dann schossen sie ihnen aus Dann kann er nicht mehr weiterreden.
die in diesen Tagen auf ganz Kenia über- Zwei Kampfhubschrauber der Armee nä-
greift. Weite Teile des Landes sind bereits hern sich im Tiefflug; aus Maschinen-
ÄTHIOPIEN
außer Kontrolle geraten: Überall errichten KENIA gewehren wird das Feuer eröffnet.
Banden Straßensperren, zerren Angehö- Schüsse peitschen über den Platz. Der

O s t a fr ik
rige rivalisierender Volksgruppen aus den UGANDA Pastor kann sich noch rechtzeitig in Si-
Autos und bringen sie um. K E N I A cherheit bringen. Er hockt unter einem
Nördlich von Nakuru, in Timboroa, Lkw und betet.
schwelen noch die Feuer. Durch die glühen- a n is c h e r TANSANIA Auch Eldoret selbst ist in Aufruhr. Die
de Asche tastet sich Sarah Waithera Wa- Eldoret Menschen stürzen aus der Stadt, hek-
muli. Bis gestern stand hier noch ihr Haus. Nakuru tisch hupend in vollbeladenen Autos oder
Victoria-
G ra b e n

Morgens früh, um zwei Uhr, kamen 200 An- zu Fuß, die Habe zusammengerafft. Wie
see Naivasha
greifer. Sie belagerten das Haus und riefen: Provinz ein Feuer in der Savanne ist eine schlimme
„Verschwindet! Wir bringen euch jetzt um!“ Rift Valley Nairobi Nachricht durch die Stadt gerast: David
Sarah Wamuli schnappte ihre sechs Kinder 100 km Too, ein Oppositionsabgeordneter aus
und rannte ins Freie. Kurze Zeit später ging TA N S A N I A Eldoret, ist erschossen worden, angeblich
das Gebäude in Flammen auf. Vier Nach- von einem Verkehrspolizisten. Seine Lei-
barn überlebten die Attacke nicht. nächster Nähe in den Kopf. Die Kugeln che liegt von Kugeln durchsiebt im Kel-
Alle Vermittlungsbemühungen scheinen lassen sich noch im Sand neben den Lei- ler des Mao University Hospital. Blutver-
derzeit zu scheitern. Erzbischof Desmond chen finden. „Dafür werden wir uns schmiert sind Toos grauer Anzug und sein
Tutu aus Südafrika reiste als Erster wie- rächen“, schwört Fred Yego, ein Nachbar, roter Schlips.
der mit leeren Händen aus Kenia ab, ihm „wir werden jetzt das Flüchtlingslager der Rund um die Polizeistation in der In-
folgte Ghanas Präsident John Kufuor, der Kikuyu angreifen und alle töten.“ nenstadt campieren seit Wochen schon ei-
auch den Vorsitz der Afrikanischen Union Dass die Geflohenen, die ein paar hun- nige hundert Kikuyu-Flüchtlinge aus der
innehat, nun kommt Kofi Annan, der ehe- dert Meter entfernt unter Zeltplanen le- Umgebung. Jetzt bringen Uniformierte zu-
malige Uno-Generalsekretär, nicht recht ben, überwiegend Frauen und Kinder sind, sätzlich Maschinengewehre in Stellung und
voran. Zwar schaffte er es, Kibaki und sei- stört die wütende Menge wenig. Yego: errichten Straßensperren. Sie rechnen mit
nen Herausforderer Odinga zu einem Tref- „Das ist uns egal. Wir machen keinen Un- einem Vergeltungsangriff der aufgebrach-
fen zu bewegen. Doch unmittelbar nach- terschied mehr zwischen Zivilisten, Poli- ten Menge. Thilo Thielke
FOTOS: THILO THIELKE / DER SPIEGEL

Kämpfer der Kalenjin (südlich von Eldoret), Flüchtlinge im Rift Valley: Stammestypische Mordwaffen

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Ausland

FABIANO / SIPA PRESS


Präsidentschaftsbewerber Obama, Unterstützer Caroline, Edward Kennedy (in Washington): Maximales Gefühl, maximaler Patriotismus

USA

Geister von gestern


Der Wahlkampf wird hitziger, schärfer, grotesk: Auf den letzten Metern vor dem vorentscheidenden
Super-Dienstag erinnern sich die Bewerber an die Legenden ihrer Parteien,
an Ronald Reagan und John F. Kennedy – nur die Clintons erinnern sich lieber an die Clintons.

E
s war ein klarer, kalter Wintermor- Barack Obama sah aus, als hätte er in die- Nichts ist geklärt, nichts entschieden,
gen in Washington, als die Kennedys sem Moment alles erreicht, was er jemals der große Preis, das Weiße Haus, wird erst
in die Räder der Weltpolitik griffen, erreichen wollte. Angekommen und ge- im November vergeben. Aber die Vor-
endlich wieder. Ihr halbes Leben lang adelt sah er aus, er rieb sich das rechte wahlen erleben ihren ersten Höhepunkt
habe sie auf einen Politiker gewartet, der Auge, schluckte, lächelte betört. am kommenden Dienstag, dem Super
so sei wie ihr Vater, sagte Caroline Ken- Es war gekommen, wie es hatte kom- Tuesday, an dem 22 Staaten über die Kan-
nedy, aber nun sei dieser Mann da. Caro- men sollen, auch choreographierte Emo- didaten abstimmen.
line stand auf einer kleinen Bühne in der tionen können echt sein, das hier war ma- Offen ist der Ausgang bei den Demo-
Turnhalle der American University, im ximales Gefühl, maximales Pathos und kraten, aber die lieben immerhin ihre zwei
grauen Blazer, sie lächelte ziemlich verle- maximaler Patriotismus. Es war jene Ver- im Rennen verbliebenen Favoriten; etwas
gen, strich die braunen Haare hinter die knüpfung von Vergangenheit und Gegen- weiter mit ihrer Entscheidung sind die Re-
Ohren. „Barack Obama ist der Präsident, wart, nach der alle Bewerber in diesem publikaner, aber die hadern mit dem An-
den wir brauchen“, sagte sie, die Studen- seltsamen, schon so früh auf einen Höhe- gebot.
ten kreischten, und dann sah Caroline punkt zusteuernden Wahlkampf streben. Deshalb geht es in diesen Tagen vor al-
ihrem Onkel zu. Obama gleich Kennedy gleich glorreiche lem um eine schmerzhafte Turnübung, den
„Er wird ein Präsident sein, der sich wei- Vergangenheit gleich glorreiche Zukunft, Spagat. Beide Parteien haben entdeckt,
gert, in die Machenschaften der Vergan- das waren die Rechnung und die Botschaft dass ihre Kandidaten einerseits unver-
genheit verstrickt zu werden“, rief Edward des Dienstags von Washington. braucht sein müssen, also auf gar keinen
„Teddy“ Kennedy, der alte Senator, der Gekostet hat der Wahlkampf die zwölf Fall „Washington“ – was in den USA so
Bruder der beiden Ermordeten, der Jüngs- ernsthaften Bewerber, die angetreten wa- viel heißt wie „verrottet, korrupt, ganz und
te nach JFK und Robert. „Er hat die Kraft, ren, schon jetzt grob geschätzte 600 Mil- gar verkommen“. Zugleich sollen die Kan-
Amerika wieder gut zu machen“, brüllte lionen Dollar. Alles ist inzwischen gesagt, didaten aber doch auch wie die großen
Teddy. Er bebte, und es gab viele Leute, dutzendfach wiederholt, in Nuancen ver- Führer der Vergangenheit sein. Inspirie-
die sagten, so viel Wucht hätten sie dem ändert, alles interpretiert, jeder Gesichts- rend. Geschichte machend.
weißen Löwen gar nicht mehr zugetraut. ausdruck, jede Träne, jedes Lachen tau- Für die Demokraten also: wie John F.
Es war der bewegendste Moment in die- sendfach beschrieben und gefilmt. Kennedy. Für die Republikaner: wie Ro-
sem ja eher hysterischen Wahlkampf, und Und? nald Reagan.
102 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Für Barack Obama geht das alles gerade sich zu gewinnen, all jene also, die noch York getan habe und wie Ronald Reagan
ziemlich gut auf. Obama verzaubert Ame- immer zu Hillary Clinton tendieren. es als Präsident getan hat“, sagte Rudy
rika mit den Reden von seinen Träumen. Und später dann brauchte er sie sowie- Giuliani. „Ich bin stolz darauf, ein Teil
Er sagt, dass er Amerika verändern wolle, so – falls er nominiert werden sollte und der Reagan-Revolution gewesen zu sein,
diese „Besitzergesellschaft, in der Sieger gegen das weiße, das republikanische Ame- als einfacher Parteisoldat“, sagte John
alles kriegen und Verlierer nichts“, und rika eine Chance haben will. McCain. Und Mike Huckabee wollte schon
seine Zuhörer glauben ihm, weil er ja im- Vor zwei Wochen wollten die republi- auch dabei gewesen sein, damals, als Re-
mer auch davon erzählen kann, wie er von kanischen Bewerber im Fernsehen darüber publikaner noch etwas hermachten: „Ich
ganz unten kam, sich frei fühlte und immer diskutieren, wie sie die Supermacht USA war Teil der Reagan-Koalition, 1979, wie so
auch allein in diesem weiten, kalten Land. in die Zukunft führen würden, aber weil viele andere evangelikale Christen.“
„Wir wollen wieder großartig sein“, ruft die Debatte im Südstaat South Carolina Besonders eifrig, wie immer, versuchte
er, und seine Frau, Michelle, so klug wie stattfand, präsentiert vom konservativen es Mitt Romney. „Mit den Prinzipien Ro-
schön wie störrisch, verzaubert diesen Sender Fox, wurde erst einmal Patriotis- nald Reagans werden wir nicht nur das
Wahlkampf an seiner Seite, wenn sie denn mus zelebriert. Ein Country-Sänger stimm- Weiße Haus gewinnen können, sondern
Lust auf diesen Wahlkampf hat. te die Nationalhymne an, ein paar Sou- auch Amerika wieder stark machen“, sag-
Ein neuer Kennedy? Natürlich nicht. thern Belles, Frauen in weißen, schulter- te der einstige Gouverneur von Massachu-
Aber Obama braucht dieses Image, ohne freien Kleidern, sangen mit. setts. Und er schwärmte davon, dass Rea-
das Kennedy-Image wird es nicht reichen Das Problem der Republikaner ist: Es gan einst „sagte, wir werden die Sowjets
für ihn. Auf Schwarze an der Macht haben ging dann einfach weiter mit dem Nostal- totrüsten – und das tat er“. Das Übel der
Fernsehserien wie „24“ Amerika vorbe- gie-Programm. Regierung in Washington sei, so Mitt Rom-
reitet, da regierte ein gerechter und sehr Denn auf dem Podium saßen sechs Her- ney, dass sie sich viel zu weit von den Rea-
schlauer Afroamerikaner das gefährdete ren, und sie versprachen, an die angeblich gan-Prinzipien entfernt habe.
Land. Im wahren Leben aber darf Obama glorreichen achtziger Jahre anknüpfen zu Barack Obama, der Demokrat, hat die
nicht einfach wie jener David Palmer sein, wollen. Ihr Rezept für die Zukunft ist allein Wahl von 2008 zu einem Duell zwischen
er muss zu einem neuen Kennedy werden, die Rückkehr zu Reagan. Vergangenheit und Zukunft ausgerufen.
um am kommenden Dienstag die weißen „Ich werde die Staatsausgaben senken, Die Vergangenheit, die er meint, das sind
Frauen, die Hispano-Männer, die Alten für wie ich das als Bürgermeister von New der Bush-Clan und natürlich auch der Clin-
ton-Clan, die Vergangenheit, das sind Zy-
nismus und Lügen, ewiges Parteiengezänk
und Intrigen. Obamas Vergangenheit meint
natürlich auch Ronald Reagan.
Die Zukunft, wie Obama sie sieht und
mit ihm diese Armee von Studenten und
sonstigen unter 50-Jährigen, die längst zu
einer Massenbewegung namens „Obama
Nation“ geworden ist, die Zukunft also ist
konstruktiv. Solidarisch. Kommunikativ.
Multilateral ist sie auch, tolerant, diese Zu-
kunft ist jung, ehrlich und enorm modern.
Und Kennedy ist nach diesem Denksche-
ma eben nicht Vergangenheit, denn Obama
ist ja Kennedy 08.
HANS DERYK / REUTERS

Es ist eine Welle, die da durchs Land


rollt. Ein bisschen Pop, ein bisschen Reli-
gion, sehr nationalbewusst und schwer ver-
träumt: Jede Rede Obamas klingt wie ein
Song, so rhythmisch wie er redet keiner
Präsidentschaftsbewerber McCain (2. v. l.)*: „Einfacher Parteisoldat“ sonst in diesem Wahlkampf, und immer
gibt es diesen Refrain: „Yes, we can.“
Es ist ganz schön befremdlich, dass den
Republikanern, einst die wahren Meister
politischer Slogans, auf diese Herausfor-
derung bislang nur Ronald Reagan einfällt.
Die Republikaner, das zeigen ihre so lang-
weiligen wie unpopulären Vorwahlen, ha-
ben noch immer keine Ahnung, wie der
künftige Präsident denken und handeln
muss. Sie mögen keinen ihrer Bewerber
so recht, darum werden ihre Debatten ja
dominiert von dem Toten, den sie lieben:
vom 2004 verstorbenen Ronald Reagan, ei-
nem charismatischen, intellektuell eher
einfach gestrickten Kalten Krieger, der sei-
nen Hinterbliebenen heute als eine Art
ELISE AMENDOLA / AP

Heiland gilt. Vom amtierenden George W.


Bush mag in dieser Partei niemand mehr

* Mit Ehefrau Cindy nach dem Vorwahlsieg von Florida


Präsidentschaftsbewerberin Clinton: Mal Feldherrin, mal Mutter der Nation am Dienstag in Miami.

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 103
Ausland

Alles Obama
eingepackt in die bunten Sonntagsklei-
der des stolzen Volkes der Luo. Und sie
war seine Gastgeberin. Sie hatte Hühner
geschlachtet und Griesbrei für alle ge-
kocht. 40 Minuten lang blieb er bei ihr
Die afrikanische Verwandtschaft des demokratischen zu Hause. Das schuf Eindruck im Dorf.
Vorwahl-Stars ist größer, als er ahnt. Unterhalten haben sich die beiden al-
lerdings mit Hilfe seiner Halb-

E
r nennt sie Granny, Großmütter- schwester. Der Senator spricht
chen, obwohl sie – die dritte Frau kaum ein Wort Luo, Oma Sa-
seines Großvaters – nicht wirklich rah kein Englisch.
seine Großmutter ist. Ihr Haus nennt er Obama wurde zum Rausch.
home squared, Heimat hoch zwei, ob- Es hat ein Theaterstück gege-
wohl er dort niemals zu Hause war. ben mit dem Titel „The Obama
Aber sie hat seinen Vater großgezogen, Dream“, und in den Kneipen
und nun, findet er, darf sie auch offiziell der Gegend gibt es inzwischen
seine Großmutter sein: Sarah Hussein Senator Bier. Raila Odinga, der
Obama. Oma Obama. Oppositionsführer in Nairobi,
Nyangoma Kogelo ist ein kleines ke- behauptet, er sei ein entfern-
nianisches Dorf in den grünen Hügeln ter Verwandter Obamas. Jeder
Afrikas, zwei Autostunden vom Vikto- will dazugehören.
riasee entfernt. Es ist ein Dorf mit einem Oma Sarah hat jetzt ein
Marktplatz, einer Kirche, einer Schule Handy. Nokia. Ein Handy ist
und einem Geschäft, in dem man Han- hier ein Statussymbol. Kosten
dys an einer alten Autobatterie aufladen hat sie wenig, die Leute rufen
kann. Die Menschen leben hier von sie an. Und wenn jemand an-
Hühnern, Mais und weniger als einem ruft, spielt ihr Handy eine Me-
Dollar pro Tag. lodie aus Tschaikowskis „Nuss-
Oma Obama wohnt gleich neben der knacker“.
Dorfschule, die inzwischen Senator Oba- Sie sitzt auf dem Sofa in
ma Kogelo Secondary School heißt. Sie ihrem Wohnzimmer. Über ihr
hat ein gemauertes Haus mit farbigen, hängen Devotionalien und Fa-
frischgestrichenen Fensterläden, einem milienporträts, Baracks Vater,
TOBY SELANDER
Sonnenkollektor auf dem Dach und Barack mit seiner Familie, Ba-
Energiesparlampen in der Stube. Sie lebt rack als Wahlkämpfer und ein
von Hühnern, Mais und ihrem Namen. Wahlplakat aus dem Senats-
Sie trägt ein Kopftuch und ein farbi- Obama-Großmutter Sarah wahlkampf. „Hello Grandma
ges Baumwollkleid, sie hat noch alle Sie bestimmt, wer zu ihr gehört Sarah!“, steht darauf, „I love
Zähne, aber ihre Haare sind grau. In you! Barack“.
den Zeitungen steht, dass sie 86 Jahre Sie ist die mächtigste Frau im Dorf, In Kogelo gibt es jetzt so viele Oba-
alt sei, aber wie alt sie wirklich ist, weiß die Oma von US-Präsidentschaftsbe- mas wie nie, richtige und selbsternann-
niemand genau, es gibt kein amtlich be- werber Barack Obama, vielleicht Afri- te Obamas, die früher Omondi hießen;
glaubigtes Geburtsdatum, nur ihre Er- kas erste First Granny, und alle hier sind Teenager, die lachend behaupten, Kin-
innerung. Und die sagt ihr, dass sie noch verrückt nach ihr, spätestens seit Au- der von Oma Obama zu sein. Das ganze
viel älter als 86 Jahre ist, weil sie sich gust 2006, als ihr berühmter Enkel zu Dorf steckt voller Jugendfreunde, Nef-
an den Ersten Weltkrieg erinnert, den Besuch nach Kenia kam. fen, Onkel, Cousins. Es gibt Leute, die
Kampf der britischen und deutschen Er wurde gefeiert im ganzen Land. Oma Obamas offizieller Fahrradmecha-
Kolonialherren in Ostafrika, und des- Seine Fans drängten sich in den Straßen niker sein wollen, obwohl sie kein Fahr-
halb müsste sie jetzt mindestens 95 Jah- vor dem Jomo Kenyatta Airport in rad fährt, es gibt Leute, die sie angeblich
re alt sein. Was sie sagt, bezweifelt hier Nairobi, und eine Folkloregruppe sang: mit Eiern beliefern, obwohl sie eigene
niemand mehr. „Wenn wir Obama nach Kenia kom- Hühner hat. Jeder will ihr Hoflieferant
Ihr Enkel ist Afrikas neue Hoffnung, men sehen, dann ist dieser Tag ge- sein, jeder irgendwie Obama, aber am
auf gute Straßen, auf fließendes Wasser, segnet.“ Ende entscheidet sie.
auf einen neuen internationalen Flug- Handwerker waren gekommen und Sie bestimmt, wer ein richtiger Oba-
hafen, auf dem die Air Force One lan- hatten für diesen Tag ihr Haus gestri- ma ist, wer die Führung durchs Dorf
den kann. Ein Erlöser, der Reichtum chen, die Fensterläden, den Dachsims. machen darf, wer Fremden die Schule
und Frieden nach Afrika bringen kann. Und sie haben das Grabmal von Oba- zeigt, wer zu ihr gehört, wer authen-
„Wenn die Amerikaner jemanden wie mas Vater weiß gekachelt, einen Be- tisch Auskunft geben darf. Wer Groß-
Senator Obama wählen, bedeutet das, tonklotz, den sie nach seinem Tod 1982 cousin ist und wer nur ein Freund. Der
dass sie die ganze Welt umarmen“, sagt in den Boden ihres Vorgartens gießen Name ist ihre Währung, ihr Copyright.
der Obama-Anhänger John Nyambalo, ließ. Obamas Besuch damals war wie Abseits des Dorfs, an der Haupt-
50, „dann gibt es keinen Rassismus eine Roadshow seiner eigenen Biogra- straße, steht jetzt ein Schild, frisch in
mehr.“ Viele kommen jetzt hierher. fie, begleitet von der Weltpresse, der den Staub der Straße betoniert, weißer
Sarahs Haus ist zu einem Wallfahrtsort „New York Times“, der „Chicago Tri- Grund, blaue Schrift, roter Pfeil: Obama
geworden. bune“. Die Obamas warteten auf ihn, 5 km. Marc Hujer

104 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
reden, Bush hat Versager-Lepra, bei Er- neokonservativen „Weekly Standard“, bit-
wähnung ansteckend. tet seine Leser schon, die Ansprüche her-
Und es stimmt ja: Vor fast 30 Jahren unterzuschrauben. „Die konservative De-
schaffte Reagan es, die drei konservativen batte ist durch die Reagan-Nostalgie ver-
Flügel der Gesellschaft zu einem Bündnis zerrt“, so Kristol. Aber so einfach ist es ja
zusammenzuschweißen – die Verfechter nicht, ans bedrohliche Morgen zu denken,
eines starken Militärs, die Wirtschaftsleute, kuscheliger ist doch die Historie.
die von einer Regierung nicht mehr wollen Wenn es Mittag wird in Amerika, schal-
als niedrige Steuern, und die Christen, die ten noch immer Millionen Zuhörer beim
sich vor Schwulen fürchteten. rechten Radio-Guru Rush Limbaugh ein,
Die Reagan-Koalition von damals ist al- auf ihrem Traktor in Kansas oder in der
lerdings längst zerbrochen. Jeder der heu- Autowerkstatt in Michigan. Limbaugh ist
tigen Aspiranten kann nur einen Flügel ein dicker Mann, dem Überzeugungen
hinter sich bringen. Vielleicht, mit der Elas- wichtiger sind als Fakten. Er nennt McCain
tizität eines Mitt Romney, anderthalb. diesen „Befürworter der Erderwärmungs-
Der Mormone Romney hat als Hedge- hysterie“; sollte McCain nominiert wer-
fonds-Manager ein Vermögen gemacht, das den, sei das „das Ende der Partei“.
er nun in den eigenen Wahlkampf inves- Dass nun ausgerechnet John McCain,
tiert, so etwas kommt beim Wirtschaftsflü- 71, jene 57 Delegierten von Florida ein-
gel an. Er schafft es, seine Positionen sämt- sammeln konnte, die zum Nominierungs-
lichen Parteikursen anzupassen. Romney parteitag Anfang September in St. Paul ge-

WALLY MCNAMEE / CORBIS


hat jedenfalls die Unterstützung des Partei- schickt werden, hat wohl vor allem mit den
Establishments, weil sie dort sicher sind, Zweifeln, der Unzufriedenheit, dieser kol-
dass er sich formen lässt. lektiven Starre der Partei nach sieben
Es gibt nur ein Problem: die Wähler. Die Bush-Jahren zu tun.
Wähler lachen über Mitt Romney. Im vergangenen Sommer war auch John
Die Wähler finden es komisch, wenn McCain schon ein verblichener Republi- Republikaner-Idol Reagan (1984)
über Romney geschrieben wird, dass er sich kaner, finanziell wie politisch. Er konnte Zurück in die Zukunft
als leidenschaftlicher Jäger beschreibt, in nicht einmal mehr den Sprit für seinen
Wahrheit aber erst zweimal ein Gewehr in Wahlkampfbus bezahlen. Die paar Jour- ner in jenes Gefängnis, das mit dem ge-
den Wald geschleppt hat. „Die schmerz- nalisten, die ihn noch begleiteten, be- ballten Sarkasmus der GIs „Hanoi Hilton“
hafte Wahrheit seiner Kandidatur: Republi- zeichneten ihren Job als „Totenwache“. genannt wurde.
kaner und Konservative können ihn nicht John McCain ist jedoch zäh, zweifellos. Als bekannt wurde, dass er der Sohn ei-
leiden“, schreibt der „Weekly Standard“. Als er noch Marinepilot war, stürzte er nes Admirals ist, wollten die Vietnamesen
Bei den Republikanern weiß jeder, dass zweimal ab, dann ging seine Maschine auf ihn zwecks Propaganda freilassen. Doch
Clinton und Obama sich Romney als Geg- einem Flugzeugträger vor Vietnam in McCain verweigerte die Vorzugsbehand-
ner wünschen, und selbst Huckabees Wahl- Flammen auf, 134 Kameraden starben. Am lung, er wollte nicht Reklame laufen für
kampfmanager sagt, es falle ihm schwer, 26. Oktober 1967 wurde er vom Himmel den Feind. Er blieb über fünf Jahre lang im
eine Strategie gegen Romney zu entwickeln, über Hanoi geschossen. Er landete in ei- Hanoi Hilton, bis zur Bewusstlosigkeit ge-
weil er ständig daran denken müsse, dem nem See, mit gebrochenen Armen, gebro- foltert, immer wieder.
Typen die Zähne auszuschlagen. chenem Bein. Ein Vietnamese zertrüm- Ein harter Knochen und stolz darauf: So
Es sind ganz schön harte Zeiten für Kon- merte ihm mit einem Gewehrkolben die einen müsste die Partei eigentlich vereh-
servative. William Kristol, Herausgeber des Schulter, McCain kam als Kriegsgefange- ren. Sie tut es nicht, weil McCain ganz
schön aufmüpfig ist, eher bedingt religiös,
Gewählte und Etablierte Wer die US-Präsidentschaftskandidaten kürt
und außerdem stimmte er gegen Bushs
Steuersenkungen für das reiche Amerika.
Und als Bush im Januar 2007 ankündigte,
die Truppen im Irak aufzustocken, sagte
DEMOKRATEN REPUBLIKANER McCain, er freue sich, dass der Präsident
endlich mache, was er schon lange vor-
Gewählte Delegierte schlage. Wenn schon Krieg, dann mit einer
werden über die Vorwahlen in den Bundesstaaten nominiert. Armee, die groß genug ist, um zu siegen,
Sie sind verpflichtet, auf dem nationalen Parteitag für den
das ist McCains Lehre aus Vietnam.
3253 Bewerber zu stimmen, in dessen 1917 John McCain hat viele Feinde in Wa-
Namen sie antreten.
shington. Er kämpfte für sauberere Wahl-
Superdelegierte kampffinanzierung und eine Reform der
oder unverpflichtete Delegierte sind als Funktionsträger in Einwanderungsgesetze, er spricht über die
der Partei automatisch nominiert. Da sie nicht gewählt Gefahren der Erderwärmung, er nannte
796 sind, können sie sich frei für einen Bewerber entscheiden. 463 den Tele-Evangelisten Pat Robertson ei-
nen „Agenten der Intoleranz“.
notwendige Stimmen: 2025 notwendige Stimmen: 1191 Masochismus? John McCain macht stän-
bislang bislang dig Sachen, die für den Rest der Partei
erreichte gewählte Super- erreichte gewählte unverpflichtete gleichsam obamaesk oder clintonial sind,
Stimmen Delegierte delegierte GESAMT Stimmen Delegierte Delegierte GESAMT Teufelszeug eben.
Er redet wie das Volk, und er redet vor
Hillary Clinton 48 184 232 John McCain 95 2 97 allem mit dem Volk: Seine Wahlkampf-Ter-
Barack Obama 63 95 158 Mitt Romney 67 7 74 mine, Town Hall Meetings, dauern Stun-
Mike Huckabee 26 3 29 den. Die Leute sitzen im Kreis um ihn her-
Stand: 30. Januar; Quelle: CNN
um, und manchmal gibt es selbstmörde-
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 105
BEATRICE DE GEA / POLARIS / STUDIO X
Präsidentschaftsbewerber Romney: „Die schmerzhafte Wahrheit – Republikaner und Konservative können ihn nicht leiden“

risch große Dosen Wahrheit. Gefeuerte ventilierenden Wahlkampf. Hillary liegt in Ein Kommentar jedenfalls war weit jen-
Auto-Arbeiter in Michigan wollten wissen, den großen Staaten noch in Führung, aber seits von allem, was im politischen Ameri-
wie er ihre zerfallende Welt wieder flicken bisher hat Obama mehr gewählte Dele- ka noch als zulässig gilt. Als Obama die
würde, und McCain sagte: gar nicht. Die gierte gesammelt, und sie scheint ihn in- Vorwahl von South Carolina gewonnen
Jobs seien weg, die kämen nicht zurück, zwischen ganz schön zu fürchten. Obama hatte, sagte Bill Clinton, das sei nicht
also ab mit euch zur Volkshochschule! steht einfach nur da und verkündet seine schlimm, das habe der schwarze Bürger-
Gut einordnen konnte sich dieser Mann Botschaft, Team Hillary tauscht Tag für rechtler Jesse Jackson 1988 auch geschafft.
nie. Seine Mutter erzählte, dass Little John Tag die Strategie. Mal ist Hillary die Staats- Perfide? Das war mehr: Es ging um Haut-
schon als Zweijähriger Trotzanfälle hatte, bis frau, dann die Feldherrin, dann wird sie farbe in diesem Satz. Obama ist eben nicht
er bewusstlos umkippte. Sie fürchtete eine zur Mutter der Nation. Hillary wechselt Kennedy, sondern bloß Jackson, das sagte
Krankheit, doch der Junge hielt einfach nur innerhalb einer 20-Minuten-Rede mehr- dieser Satz, und er sagte, dass Schwarze
die Luft an, bis er seine Bonbons bekam. mals von schrill zu weich zu laut zu rasier- durchaus eine Vorwahl gewinnen können,
Der Arzt empfahl, ihn bei nächster Gele- klingenscharf und wieder zurück. Und mal aber doch nicht die Nominierung.
genheit in eine eiskalte Badewanne zu ist Bill Clinton an ihrer Seite, dann ist er Es gibt einige in ihrer Partei, die sagen,
stecken. Die Mutter tat’s, und heute scherzt mit Sätzen wie diesem würden die Clintons
John McCain schon mal, dass er gar nicht alles kaputtmachen. Die ganze Euphorie
wegen der Vietnam-Erfahrungen der einzige Einige Demokraten dieses Wahlkampfs. Diese Frische. Mit
republikanische Bewerber sei, der sich gegen sagen, die Clintons würden Sätzen wie diesem könnten sie vielleicht
jede Folter im Namen der USA ausspreche. alles kaputtmachen. Barack Obama schlagen, aber am Ende
John McCain sagt aber auch, dass er würde ihnen jene Unterstützung entzogen,
Bushs Steuergesetze nun doch stütze; das wieder verschwunden, dann fällt er über die sie brauchten, um einen souveränen
verübeln ihm die liberalen Kommentato- Obama her, dann lobt er Obama. McCain zu besiegen.
ren. „Flip-flop“, Wendehals, ist ja der hef- Es wirkt, als würde jede Umfrage neue „Danke, aus der Tiefe meines Herzens“,
tigste Vorwurf, den man einem Wahl- Clintons nach sich ziehen. Welche sind die sagte John McCain am späten Dienstag in
kämpfer in den Vereinigten Staaten ma- echten? Miami, und langsam senkte er den Kopf;
chen kann. Es wissen natürlich alle, dass er Es wirkt auch, als stimme Obamas Be- vielleicht sah er in diesem Moment die
ohne diese eine Wendung auch gleich hät- hauptung, gegen zwei Clintons anzutreten, hässlichste Krawatte der Welt, blau mit gel-
te aufgeben können in dieser Partei. schon deshalb nicht mehr, weil Hillary – ben Signalstreifen. Dann blickte er wieder
Und vor allem kann er ein Argument sehr präsent nach ihrem Sieg von New hoch und sprach erstaunlich nachdenklich
für sich anführen, das niemand ignorieren Hampshire – sich wieder verflüchtigt hat in vor sich hin. „Das ist eine hartumkämpfte
kann: Es waren ja bisher demokratische Bills Schatten. Für Hillarys Wahlkampf und Wahl, und ich habe auch schon auf der an-
Festwochen, so schillernd war der Kampf den Ruhm der eigenen Dynastie hat Bill deren Seite gestanden“, sagte der Senator
zwischen Clinton und Obama, dass ein de- Clinton die Rolle des Weltstaatsmanns, der aus Arizona, der weiß, wie sich Niederla-
mokratischer Erfolg im November zwin- den Planeten retten wollte, längst einge- gen anfühlen. Dann hatte er nur noch mil-
gend schien – bis McCain auf der Bild- tauscht gegen die eines Generalsekretärs de Worte zu verteilen. Für Mitt Romney,
fläche erschien. Unter den republikani- nach bayerischem Vorbild. der alles gegeben habe. Für Rudy Giuliani,
schen Aspiranten ist er der Einzige, der Natürlich sind die Clintons noch immer geschlagener Dritter in jenem Staat, auf
laut Umfragen sowohl Clinton als auch populär, natürlich haben sie Massenwir- den er seinen Wahlkampf gebaut hatte –
Obama schlagen kann. kung und ein eingespieltes Wahlkampf- und der am Mittwoch die Konsequenzen
Clinton gegen McCain, das wäre nach team. Aber das alles hat auch etwas Mani- zog. Er schied aus dem Rennen aus, er
diesen Umfragen im Augenblick das wahr- sches, ganz so, als dächten sie, das Weiße wird nun McCain unterstützen.
scheinliche Duell. Aber es ist knapp, und Haus stehe ihnen zu, als könnte Bill den So sind für den Dienstag zwei Duelle
wenn es anders kommt, hätten die Clintons Gedanken nicht ertragen, ein Schwarzer übriggeblieben, es ist ein richtiges Halb-
es sich vor allem selbst vermasselt. mit merkwürdigem Namen könnte ihm finale geworden: McCain gegen Romney,
Wer dem Clinton-Clan in diesen Tagen das Finale seiner einzigartigen Biografie Clinton gegen Obama. Klaus Brinkbäumer,
durch Amerika folgt, erlebt einen hyper- stehlen. Cordula Meyer

106 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Ausland

LON DON Schnabel hoch


Global Village: Wie ein britischer Aktivistentrupp das Billigfliegen bekämpft

E
s ist ein hübscher Wintermorgen abschied in Prag, eine Shoppingtour in Bar- Auf einem Flachbildschirm in der Eis-
in der Großstadt, gesponsert von celona, ein Champions-League-Spiel in Rom laufbahn läuft ein Werbetrailer, in dem
British Airways. Die Fluglinie, so – Ryanair, Easyjet und die anderen sorgen sich echte Blauwale, Pinguine und Eisbä-
verheißt es die Bande einer Eislauffläche dafür, dass ein Trip dorthin oft weniger ren vergnügen. „Scheinheiliger geht’s doch
vor dem Londoner Naturkundemuseum, kostet als ein Abend zu Hause im Pub um nicht mehr“, murmelt Murray, „wir müs-
mag die Menschen und die Natur. die Ecke. sen dafür sorgen, dass Fliegen als unsozial
Das Kratzen der Schlittschuhkufen „Bingeflying“ heißt diese neue Art und uncool gilt.“ Er spürt die Unruhe un-
mischt sich mit dem Gelächter von Kin- des Reisens, ähnlich wie „Bingedrinking“, ten, die meisten Eislaufeltern haben genug
dern. Aus den Boxen swingt sanft Disco- Kampftrinken, jene urenglische Angewohn- vom Protest, sie wollen ihre Kinder Schlitt-
Musik aus jener Zeit, als die Zukunft noch heit, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel schuh laufen sehen. Er scheucht die Pingui-
eine funkelnde Rakete war, die zum Mond Alkohol in sich hineinzuschütten. ne vom Eis. „Wir wollen den Kindern nicht
flog, und kein traurig dreinblickender Eis- Fliegen bis zum Umfallen – „das hat den Vormittag verderben.“
bär, dem seine Lebensgrundlage unter den England verändert“, sagt Murray. „Es gibt Sie sind freundliche Protestierer, mit Au-
Füßen wegschmilzt. Leute, die finden es normal, ein Ferien- genmaß, das verschafft ihnen Sympathien.
Sorglos gleiten die Wintersportler, und haus in Bulgarien zu kaufen und dort Sie haben jeder eine Eintrittskarte im Wert
dann verdunkelt sich das Bild, schwarz- sechs-, siebenmal im Jahr hinzudüsen.“ von 16 Euro gekauft für ihre Demonstra-
gekleidete Gestalten mischen sich unter Anstatt nach Clacton-on-Sea. tion auf dem Eis. Sie stoßen auf viel Zu-
die Menge, auf Schlittschu- stimmung, wenn sie höflich
hen auch sie. Vor das Ge- Reisebüros blockieren und
sicht haben sie einen Pin- Aufkleber verteilen mit der
guinschnabel aus Pappe ge- Aufschrift „Geschlossen we-
bunden, in der Hand halten gen Nachdenkens“. Oder,
sie Transparente mit Auf- wie neulich bei einem Ga-
schriften wie: „BA will fly ladinner für Manager der
– we die“. BA wird fliegen – Luftfahrtindustrie, im Busi-
wir sterben. nessanzug auftauchen und
Die Disco-Musik weicht ein Verwirrspiel anzetteln,
einer Durchsage. „Aus Si- bei dem nicht einmal mehr
cherheitsgründen werden die Polizei begreift, was ge-
wir das Eislaufen für eini- schieht.
ge Minuten unterbrechen.“ Als einer von Murrays
Männer in dicken Jacken Mitstreitern kürzlich in der
grapschen nach den Trans- renommierten Nachrich-
parenten, zerstören sie leise. tensendung „Newsnight“
Auf einem Balkon über auftrat, brach eine Begeis-
der Eisfläche steht ein Pin- terung aus, wie sie sonst
guin und entrollt ein gro- Demonstranten in London: Fliegen bis zum Umfallen für Popstars reserviert ist.
ßes orangefarbenes Banner: Die Sender mochten die
www.planestupid.com. Ein paar Eltern Großbritannien ist nicht nur das Mutter- Phantasie der Aktivisten. Sie mochten die
klatschen Applaus. Sie kennen das Wort- land des Billigfliegens, die Bewohner zäh- Show. Ob er nicht Lifestyle-Sendungen
spiel. Plane heißt Flugzeug, und plain stu- len auch statistisch zu den eifrigsten Flug- präsentieren wolle, fragten sie den Mit-
pid heißt superdoof. zeugbenutzern weltweit. Drei Prozent be- streiter. Der lehnte ab und änderte seine
„Wäre es nicht schön“, sagt der Pinguin trägt durchschnittlich der Anteil des Flug- Handy-Nummer.
auf dem Balkon, er hat den Schnabel ab- verkehrs am CO2-Ausstoß global, auf der Murray hat beschlossen, solche Anträge
genommen und heißt Leo Murray, „wenn Insel sind es 6,3 Prozent, Tendenz steigend. als Kompliment zu werten. Klimawandel,
wir die Kurzstreckenflüge reduzieren könn- In Heathrow, einem der weltweit größten das ist seine tiefe Überzeugung, „ist das
ten?“ Murray, 31, trägt ein dunkelblaues Flughäfen, werden allein jährlich 31 Millio- wichtigste Problem unserer Generation“.
Samtjackett mit einer Smokingfliege, er ist nen Tonnen Kohlendioxid in die Luft ge- Aber der Mensch braucht Bilder und Ge-
einer der Anführer von „Plane Stupid“ und blasen. Die britische Regierung hat verkün- schichten, um das zu begreifen. Murray
zittert in der Morgenkälte. det, bis zum Jahr 2030 dreißig große Flug- weiß das, er selbst studiert Zeichentrick-
„Plane Stupid“ will die Luftfahrtindu- häfen ausbauen zu wollen. Die Zahl der film am legendär elitären Royal College of
strie ärgern, den Ausbau von Flughäfen Passagiere, die jährlich im Vereinigten Kö- Art. Seine Karriere war programmiert, ein
verhindern und, auf vorsichtige Weise, die nigreich abgefertigt werden, soll auf 465 Job mit sechsstelligem Anfangsgehalt in
Bevölkerung erziehen. Murrays Initiative Millionen steigen. Gleichzeitig ist die Re- der boomenden britischen Werbeindustrie
ist eine sehr britische Reaktion auf jenes gierung aber stolz auf ihren Plan, den CO2- sicher. Da überfiel ihn die Sache mit der
Viel- und Billigfliegerphänomen, das auf Ausstoß bis zum Jahr 2050 um 60 Prozent Erderwärmung. Der Plan mit dem schnel-
der Insel in den vergangenen Jahren ex- zu verringern. len Geld in der Werbung liegt auf Eis,
zessive Züge angenommen hat. Die Pinguine auf dem gesponserten Eis erst mal, sagt Murray. Es sei denn, er darf
Eine Partynacht auf Ibiza, ein Skiwochen- geben jetzt klägliche Laute von sich, so als Filme über das Fliegen drehen.
ende in der Schweiz, ein Junggesellen- würden sie sterben. Thomas Hüetlin

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 107
Szene Sport
BOBRENNEN

Privater Nachwuchs
D er Berchtesgadener Christoph Lan-
gen, siebenmal Weltmeister und
zweimal Olympiasieger im Bobfahren,
gilt als Querdenker und Mann der Tat:
„Wer jemanden überholen will, muss
erst mal ausscheren“, lautet seine Devi-
se. Und weil seiner Meinung nach „die

FOTOS: B. PETERS / REKORD.TV


Nachwuchsarbeit in Deutschland am
Boden liegt“, hat der Oberstabsfeld-
webel der Bundeswehr ein privates Ju-
gendteam gegründet, es ist „das erste
in der über 100-jährigen Geschichte Kiter Heinig vor Westerhever
dieses Sports“. Zwei Piloten gehören
zur Mannschaft, die Anschieber hat
Langen beim American Football und in WA S S E R S P O R T

„In Böen Stärke neun“


der Leichtathletik rekrutiert, der Etat
liegt bei rund 100 000 Euro im Jahr.
„Der Verband lässt die wenigen Talente
versauern, die Entscheidungsprozesse
dauern zu lange“, sagt Langen, dessen Vergangenes Wochenende glitt der Kieler SPIEGEL: Wie haben Sie die Geschwindig-
Truppe bei den Olympischen Winter- Kitesurfer Tilmann Heinig, 47, auf sei- keit gemessen?
spielen 2018 im Leistungszenit stehen nem Board mit einer Durchschnittsge- Heinig: Ich hatte ein GPS-Gerät am Arm.
soll. Aber zunächst rast der 23-jährige schwindigkeit von 94,3 Stundenkilome- Die Daten werden in ein Programm ge-
Manuel Machata am Montag bei der tern über die Nordsee; ein neuer Rekord speist, das die Geschwindigkeit berech-
Junioren-Weltmeisterschaft in Igls, für segelbetriebene Wasserfahrzeuge. net. Es ist eine anerkannte Messmetho-
Österreich, durch den Eiskanal. Zwei de und auf den Zehntelknoten genau.
Medaillen soll er holen, sagt Christoph SPIEGEL: Sie haben bei Ihrer Fahrt ein SPIEGEL: Kitesurfer lassen sich auf ihren
Langen, davon möglichst einmal Gold, Spitzentempo von 102 Stundenkilome- Brettern von einem Drachen über das
denn ein Titelgewinn berechtigt zum tern erreicht. Wie geht das auf einem Wasser ziehen. Kann man da überhaupt
Start bei der Senioren-WM eine Woche Board, das kleiner ist als ein Bügelbrett? von einem Segelfahrzeug sprechen?
später in Altenberg. „Bei mir kann sich Heinig: Die Grundvoraussetzung ist glat- Heinig: Warum nicht? Wir nutzen auch
keiner durchwurschteln“, sagt der tes Wasser. Ich fahre zum Speedkiten nur die Kraft des Windes.
Teamchef, „wer nicht mitzieht, ist ganz nach Westerhever an die Nordsee. Es SPIEGEL: Wird der World Sailing Speed
schnell wieder draußen.“ gibt dort ein Stelle vor der Sandbank, Record Council (WSSRC), der den iri-
wo das Wasser nur wenige Zentimeter schen Windsurfer Finian Maynard mit
tief ist und sich auch bei starkem Wind 90,2 Stundenkilometern als Spitzenrei-
keine Wellen bilden. ter führt, Ihren Rekord anerkennen?
SPIEGEL: Hobby-Kiter sind auf ihren Heinig: Nö. Aber der WSSRC interes-
Brettern nicht halb so schnell wie Sie. siert mich nicht. Man arbeitet dort mit
Heinig: Ich hatte kräftigen Wind, in Böen veralteten Messmethoden. Speedkiter
wehte es mit Stärke neun. Mein Board akzeptieren meine Leistung. Und ich
ist ein speziell geformter Eigenbau. Und kann noch schneller. Allerdings muss
HENTSCHEL / IMAGO

die Finne, ein kleines Schwert zur Sta- ich mich erst erholen – am Ende bin ich
bilisation im Heckbereich, ist bei mir gestürzt und habe mich überschlagen.
nicht wie üblich aus Kunststoff, sondern Helm und Nackenstütze haben mir das
aus Stahl. Leben gerettet.
Bobpilot Machata

N AT I O N A L M A N N S C H A F T Bierhoff. So wird, anders als bei der unterzubringen. Vor der Abreise zur

Werbung statt Training


akribischen WM-Vorbereitung, aus Zeit- Partie gegen Österreich in Wien, das an
mangel auf einen Fitnesstest für die Na- diesem Mittwoch stattfindet, kann die
tionalspieler verzichtet, stattdessen wer- Mannschaft Rosenmontag in Frankfurt

K nappe Probezeiten mit Blick auf die


Europameisterschaft im Juni be-
klagt das Betreuerteam der deutschen
den nur die bei den Vereinen erhobe-
nen Daten eingesammelt. Auch für
taktische Übungen bleibt wenig Raum.
nun zum Beispiel nur einmal trainie-
ren. Nachmittags stehen die Spieler
dem Hauptsponsor Mercedes-Benz
LANGBEHN / ACTION PRESS

Fußball-Nationalmannschaft um Um Zeit zu gewinnen, war im WM- für einen Kino-Werbespot zur


Bundestrainer Joachim Löw. Die unmit- Jahr ein Treffen der Nationalspie- Verfügung. Im Studio in Groß-
telbare Vorbereitung auf das Turnier in ler allein für Sponsorentermine Gerau sind für Dreharbeiten
der Schweiz und Österreich sei fünf anberaumt worden. Diesmal sind etwa fünf Stunden anberaumt.
Tage kürzer als das Trainingslager vor derlei Verpflichtungen während Die Trainer, heißt es in der
der WM 2006, so Teammanager Oliver der Treffen zu Länderspielreisen DFB-Zentrale, „murren schon“.

Fußball-Bundestrainer Löw 109


Lenas
B I AT H L O N

heile Welt
Ihr Hobby ist Stricken, ihr Vater
arbeitet bei der örtlichen
Raiffeisenbank: Magdalena Neuner,
Deutschlands Sportlerin des
Jahres, kommt aus dem beschau-
lichen Oberbayern. Nächste
Woche verteidigt sie ihre WM-Titel.
Aber wie alle Biathleten
muss sie sich gegen den Doping-
Generalverdacht wehren.
KOSECKI / IMAGO

Biathletin Neuner (beim Weltcup in Antholz)

110 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8
Sport

D
ie anderen Biathletinnen sind noch Rennen, Fernsehinterview, Siegerehrung schluss geht sie von der Schule ab, zum
irgendwo im Wald unterwegs, als und Pressekonferenz. Einen Moment lang Zoll, um sich ganz aufs Biathlon zu kon-
Startnummer vier bereits das Sta- wirkt sie etwas erschöpft, dann drückt sie zentrieren. Zu der Zeit gewinnt sie die
dion erreicht. Steil ragen die Stehränge den ihren Rücken durch, schlägt die Beine ersten ihrer sieben Junioren-Weltmeister-
Hang hinauf, die Menschenmenge hier in übereinander und schaut neugierig. titel, 2004 war das.
Oberhof überragt Magdalena Neuner, als Sie laufen Ihre Rennen immer mit Oh- Sie scheint aus einer heilen Welt zu kom-
liefe sie an einer wabernden Bergwand ent- renstöpseln, warum? „Das ist eine wahn- men, in der Brüche nicht vorgesehen sind.
lang. Die Leute hüpfen und schreien, ihr sinnige Geräuschkulisse da draußen. So Vater Paul arbeitet bei der Raiffeisenbank
Gejohle eskortiert sie zum Schießstand. fühlt es sich an, als hätte ich eine Schutz- von Wallgau und leitet in seiner Freizeit
Neuner bremst, zupft mit den Zähnen hülle um mich herum, das gibt einem die örtliche Musikkapelle. Magdalena Neu-
den Handschuh vom Abzugfinger, legt die schon so ein bisschen nervlichen Halt.“ ner hat drei Geschwister, alle in der Fami-
Skistöcke ab, nimmt ihr Gewehr vom Sie brauchen eine Schutzhülle? „Ich habe lie musizieren, sie selbst spielt Harfe und
Rücken, öffnet dabei Visier und Lauf, ent- gern meine Familie um mich herum, Leu- strickt, am liebsten Mützen. Sie besitzt den
sichert, steckt das Magazin rein, alles sieht te, die etwas auf mich schauen.“ Kurz Motorradführerschein und schnappt sich
eilig aus, aber nicht hektisch. Einmal muss blickt sie hinüber zum Pressesprecher des gelegentlich Papas alte Geländemaschine.
sie jetzt noch schießen, Stehendanschlag, Biathlon-Teams, der in einer Ecke lehnt. Sie wohnt nicht mehr bei den Eltern, dafür
fünf Schuss in schneller Folge, nicht zu zö- aber im Haus der Großmut-
gerlich, sonst beginnen die Muskeln zu zit- ter, wo sie eine Etage für sich
tern und der Puls zu hämmern. hat. Für die Oma ist nahezu
Sie steht. Die Leute schreien. Neuner alles im Leben Gottes Wille,
stößt ein paar Atemwölkchen in die Luft, die Enkelin sieht das ähn-
um ihren Puls zu zähmen. Langsam senkt lich: „Ich mach mir keinen
sie ihre Waffe auf Schusshöhe. Stress“, sagt sie und lässt die
Dann ist es still. 22 000 Menschen und Beine von der Metallkiste
kein Laut. baumeln. „Mit der Einstel-
Ein Knall, ein metallisches Klacken, eine lung kann ich locker blei-
weiße Klappe fällt vor das schwarze Loch, ben.“
„hey!“, rufen die Leute, viermal geht das so, Im Dezember erkoren die
nur auf den vorletzten Schuss folgt ein har- deutschen Sportjournalisten
tes Pling, das Loch bleibt schwarz – „ooh!“ sie zur Sportlerin des Jah-
Das reicht für den Sieg. Auf der Video- res, als dritte Biathletin in
wand sieht man sie auf der Schlussrunde Folge. Was vor allem dafür
durch den Wald gleiten, allein und mit spricht, dass Neuner eine
raumgreifenden Schritten, und als sie ins eigene Note ins Spiel bringt:
Ziel kommt, umtost vom Jubel, lächelt sie der Darling zu sein. Uschi
und winkt mit einem schwarz-rot-golde- Disl, 2005 gewählt, hatte
nen Fähnchen, während die ersten Verfol- nach ihrem WM-Sieg gesagt,
gerinnen eine Minute später keuchend in „now can come what want“,
den Schnee sinken. und mehr lohnt es sich über
Neuner ist das neue Gesicht des Biath- sie kaum zu erwähnen. Und
lon. Erst vor einem Jahr gewann sie, auch Kati Wilhelm, Jahrgangs-
das in Oberhof, das erste Weltcuprennen beste 2006, ist klug und
ihrer Karriere. Einen Monat danach war sie schlagfertig, aber zu kantig
dreifache Weltmeisterin, und wenn am für einen Liebling.
kommenden Samstag im schwedischen Kati Wilhelm führt derzeit
Östersund die Titelkämpfe dieses Winters im Weltcup, nicht Neuner.
beginnen, wird sie erst 21 Jahre alt. Wilhelm trägt knallrot ge-
Sie betreibt eine Sportart, in der es in färbte Haare und Augen-
Deutschland vor Olympiasiegern, Welt- brauen, und dass sich der
meistern und Weltcupgewinnern wimmelt Ton mit dem Rot ihrer Müt-
– und die Einschaltquoten erreicht, dass Werbefigur Neuner: Außerdem spielt sie Harfe ze beißt, ist ihr offensicht-
die ARD nicht nur echte Wettkämpfe über- lich egal. 31 Jahre ist sie alt,
trägt, sondern auch samstagabends das Man braucht sie nur anzutippen, und sie und als sie einmal mit Magdalena Neuner
„Star-Biathlon“, eine Unterhaltungsshow redet. Sie mag es, etwas preiszugeben, und und deren Freund ins Kino ging, „ist mir
mit Jörg Pilawa. So groß ist der Unterhal- seien es ein paar Auskünfte über Leben aufgefallen, dass ich von uns die Oma
tungswert des Biathlon geworden, dass und Laufbahn, beides fest verbunden mit war“, sagt sie. 2001 wurde sie erstmals
Leute wie Schauspielerin Caroline Beil ihrem oberbayerischen Heimatort Wallgau. Weltmeisterin, im Jahr darauf Olympia-
oder Fernsehkoch Johann Lafer, die man Mit vier stellten die Eltern sie erstmals siegerin, lange ist das nicht her. „Mittler-
eher im Dschungelcamp vermutet hätte, auf Bretter, mit sechs kam sie in die Lang- weile wird man mit einem Sieg ganz anders
zur besten Sendezeit in der Loipe herum- laufgruppe des Wallgauer Skiclubs. Mit wahrgenommen. Wir Alten sind schon
rutschen und drauflosballern. neun sagte ihr ein Freund, er gehe mal lange dabei, und wenn dann so ’n junges
Magdalena Neuner sitzt in einem Flach- beim Biathlon-Training vorbei, „ich wusste Mädel kommt, stürzen sich alle drauf.
bau der Oberhofer Biathlon-Arena, „Tech- gar nicht, was das ist“, erzählt sie. „Ich Magdalena hat mehr auszuhalten als ich
nikraum“ steht an der Tür, um sie herum fand das sehr aufregend und hatte einen damals.“
verschrammte Metallkisten, Kartons, Rech- Riesenspaß, das macht es mir nach wie vor, Als die Weltmeisterin Neuner zurück-
ner summen leise im Schrank. Sie legt ihre nur Langlaufen wäre mir zu langweilig.“ kam ins beschauliche Wallgau, war ein
Jacke zur Seite und nimmt die Strickmüt- Es kommt der Zeitpunkt, an dem sie Stück dieser Beschaulichkeit verschwun-
ze ab, das brünett gefärbte Blondhaar ist sich zwischen Schule und Leistungssport den. Fremde schauten bei der Familie
plattgedrückt, es ist ihre erste Pause nach entscheiden muss. Nach dem Realschulab- durchs Fenster. Die Tochter hatte einen
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 8 111
Sport

Termin nach dem anderen, Auftritte und verdacht ziehen. Sie kann sich nur immer gigen Instanz, die gar nicht erst in Versu-
Interviews, bis der Vater ihr eine Pause wieder testen lassen. chung käme, etwas zu vertuschen, wenn
verordnete. „Für mich war es das Wich- Vor kurzem klagte Magdalena Neuner der Sportler vielleicht doch zu prominent
tigste: zu lernen, nein zu sagen“, sagt sie. darüber, dass sie im Sommer kein einziges gerät, um angeprangert zu werden.
Wenn jetzt jemand nach Wallgau reise und Mal kontrolliert worden sei. Sie weiß, dass Stephan Peplies betritt die Lobby eines
dort die Einwohner nach ihrer Adresse fra- Doping gerade außerhalb der Wettkampf- Frankfurter Flughafenhotels, ein etwas un-
ge, „dann halten alle dicht“. Nachdem sie zeit nützt, weil dann im Training die tersetzter Mann mittleren Alters, er trägt
sich von ihrem Freund, einem ehemaligen Grundlagen für die Rennen geschaffen einen dunkelgrauen Anzug und zwei Ta-
Biathleten aus Österreich, getrennt hatte, werden. Also sind unangekündigte Tests schen in den Händen. Er setzt sich in einen
verkündete „Bild“ das mit der Schlagzeile: sinnvoll. Doch erst im Oktober seien end- der Ledersessel, zieht eine Klarsichthülle
„Gold-Lena – Liebes-Aus“. Illustriert mit lich wieder Kontrolleure bei ihr aufge- heraus und legt ein Papier auf den Tisch.
vier Fotos, auf dem größten läuft sie am taucht, erzählt Neuner. „Pressemitteilung“ steht da. Und, fett ge-
Strand von Fuerteventura fröhlich durch „Bei den Radsportlern war im Sommer druckt: „Vermarktung der dreifachen Bi-
die Meeresbrandung. Ihre Gemütsverfas- viel los, und dann hört man oft: Im Winter athlon-Weltmeisterin Magdalena Neuner“.
sung dürfte eine andere gewesen sein. sind es dann die Skilangläufer und Biath- Er ist ihr Manager, und er ist sichtbar
Dabei war das für die junge Athletin leten“, sagt Neuner. „Wie sollen wir denn stolz auf das Papier, auf dem zehn Namen
womöglich gar nicht einmal die unan- zeigen, dass bei uns nichts läuft, wenn nie- aufgelistet sind. Zehn Sponsoren, das ist
genehmste Nachricht der letzten Zeit. mand kommt?“ viel für eine junge Biathletin.
Vergangene Woche meldeten Doping- Tests sind vor allem eine Frage des „Nach ihren WM-Siegen“, sagt Peplies,
Kontrolleure der Internationalen Biathlon Geldes, im Vorjahr reichte der Etat der „hatten wir rund 80 ernstzunehmende
Union, dass sie eine finnische Athletin Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) Anfragen aus der Wirtschaft, ich betone:
positiv getestet hatten. Kaisa Varis war von gerade für 200 Kontrollen bei 380 Skisport- ernstzunehmende Anfragen. Von Unter-
den Fahndern durch eine Probe nach dem lern aus. Dieses Jahr kann die Nada häufi- nehmen mit Marktbedeutung in ihrer
Massenstart-Wettbewerb von Oberhof er- ger testen, und sie wird sich auf Spitzen- Branche, mit Reputation, mit bedeuten-
wischt worden – nach jenem Rennen, das sportler konzentrieren. Für die Athleten des den Marketingbudgets.“ Er faltet seine
Magdalena Neuner klar gewonnen hatte. Deutschen Skiverbands (DSV) sind mehr Hände und lehnt sich zurück.
Tage zuvor wurde in den Medien speku- als 500 Kontrollen eingeplant. Außerdem Peplies betreut mit seiner Beratungsfir-
liert, dass auch deutsche Biathleten hat der DSV eine Blutdatenbank angelegt, ma insgesamt neun deutsche Biathletin-
Kunden eines Wiener Blutlabors gewesen in der medizinische Werte gespeichert wer- nen, Magdalena Neuner ist sein Juwel,
sein sollen. den, die Sportler müssen einen Athleten- aber er gehört nicht zu den Managern, die
Sie selbst kann vieles in ihrem Dasein pass führen, in dem sie alles Relevante ihre Klienten mit Haut und Haar an die
beeinflussen, sie kann sich von ihrem abheften, von den Durchschlägen der Do- Sponsoren verkaufen. Neuner beansprucht
Freund trennen oder nicht, sie kann viel ping-Kontrollen bis hin zu Notizen über für sich, ihren Namen nur für Produkte
trainieren oder wenig, im Verborgenen le- eingenommene Nahrungsergänzungsmittel. herzugeben, die sie mag. Also hat sie dar-
ben oder öffentlich – aber sie kann kaum Die Athleten wissen nun, dass ihr Blut- auf verzichtet, für viel Geld beim Energy-
etwas dagegen tun, wenn andere Athletin- bild detailliert analysiert werden kann. drink-Hersteller Red Bull zu unterschrei-
nen dopen und einen betrugsanfälligen Aber es ist nur ein Schritt. Denn die Daten ben, weil ihr das Getränk nicht schmeckt.
Ausdauersport wie Biathlon in General- liegen beim DSV statt bei einer unabhän- Stattdessen wirbt sie für Strickgarne, ein
Bankhaus, einen Schuhversandhandel, ein
Pflanzentonikum, Heizgeräte, solche soli-
den Sachen. Wenn alles gut läuft und sie
wirklich zu einem Liebling der Deutschen
wird, so wie Steffi Graf das geschafft hat,
kann Neuner ihr Leben lang werben.
Reklame braucht Vertrauen, Reklame
braucht Authentizität und Glaubwürdig-
keit. Doping zerstört all das. Ein Doper ist
werbetechnisch tot.
Das ist das Spannungsfeld, in dem Mag-
dalena Neuner lebt. Kein deutscher Sport-
ler verströmt derzeit so viel heile Welt wie
Magdalena Neuner, eine unbeschwert und
unverfälscht wirkende junge Frau. Ande-
rerseits dopen Biathleten, zumindest eini-
ge, das beweisen die Kontrollen, und Neu-
ner ist nicht deshalb so erfolgreich, weil
sie eine zielsichere Schützin ist, sondern
weil sie schneller läuft als alle anderen. Ein
GÜNTER SCHIFFMANN / PICTURE-ALLIANCE / DPA

reines Image zu bewahren ist schwer in


Zeiten der Betrugsskandale.
Magdalena Neuner hat das neulich zu
spüren bekommen, als sie im Gästebuch ih-
rer Fanseite einen Eintrag las: Er sei ja nur
Realist, schrieb dort jemand, normal sei
ihre Leistung ja nicht. „So was tut richtig
weh“, sagt sie trotzig. „Da denke ich mir:
Für was trainiere ich das ganze Jahr, wenn
mir eh keiner glaubt, dass ich sauber
Publikumsmagnet Biathlon (in Ruhpolding): 22 000 Menschen und kein Laut bin?“ Detlef Hacke

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Rennläufer Neureuther
„Wie in Trance“

kraft, Gleichgewicht, Koor-


dination. Man kann also
viel trainieren. Seit vergan-
genem Sommer arbeite ich
zum Beispiel mit dem Kine-
tiker Horst Lutz zusammen,
der mit speziellen Übungen
meine visuelle Wahrneh-
mung schult. Ich habe seither
tatsächlich ein erweitertes
Blickfeld. Ein großer Vorteil,
wenn man mit Maximaltem-
po durch einen engen Stan-
HANS KLAUS TECHT / DPA

genwald rast.
SPIEGEL: Sind Slalomläufer
spezielle Typen?
Neureuther: Ganz bestimmt.
Wir sind eher aufgedreht
und extrovertiert. Man kann
uns mit 100-Meter-Läufern vergleichen.
SKIRENNEN Die mögen ja auch die Show und können

„Es geht um Perfektion“


kaum ruhig stehen. Abfahrer sind da mehr
in sich gekehrt. Ist ja auch klar: wenn man
mit 140 Stundenkilometern durch die
Landschaft brettert, 80 Meter weit springt,
also sein Leben riskiert.
Der deutsche Slalomspezialist Felix Neureuther über seinen Durch- SPIEGEL: Bewundern Sie die Kollegen?
bruch an die Weltspitze und den Respekt seiner Kollegen Neureuther: Skiprofis sind alle irgendwie
verrückt. Aber Abfahrer sind die härtesten
Neureuther, 23, fährt seit fünf vor dem Ziel Ihren ersten Sieg. Typen. Die Läufer, die in Kitzbühel die
Jahren im Weltcup. Der Sohn von Was fehlt Ihnen? Streif gewinnen, das sind Helden. Auch ich
Rosi Mittermaier und Christian Neureuther: Es ist sehr schwer, ei- wollte als Kind immer Abfahrer werden.
Neureuther belegt derzeit im nen Slalom zu gewinnen. So ein Und der Traum ist immer noch da.
KERSTIN JOENSSON / AP

Slalomklassement den vierten Niveau wie diese Saison hat es SPIEGEL: Sind Sie dafür vielleicht nicht et-
Platz und startet am kommen- noch nicht gegeben, nie zuvor gab was zu schmächtig?
den Wochenende in seiner Hei- es so viele junge Spitzenläufer Neureuther: Ein paar Muskeln mehr könn-
mat Garmisch-Partenkirchen. im Weltcup. Es wird unheimlich te ich schon vertragen. Deshalb muss ich
attackiert. Das Wichtigste für mich mir Zeit lassen. Im Slalom gehöre ich nun
ist, nicht ungeduldig zu werden. zu den Besten, das will ich auch im Rie-
SPIEGEL: Sie gelten seit Jahren als großes Sonst verliere ich die Lockerheit und kann senslalom schaffen. Bei der Weltmeister-
Slalomtalent, sind aber bei wichtigen Ren- wieder von vorn anfangen. schaft in Garmisch-Partenkirchen 2011
nen oft ausgeschieden. In dieser Saison er- SPIEGEL: Slalomfahrten sind heute eine Mi- könnte ich mir vorstellen, im Super-G an-
zielen Sie nun konstant gute Ergebnisse. schung aus Kamikaze und Artistik. Wo zutreten. Die Abfahrt kann ich auch mit
Was hat sich verändert? früher gebremst wurde, wird nun be- 28 Jahren noch in Angriff nehmen.
Neureuther: Ich habe diesmal ganz gezielt schleunigt. Sind die Grenzen des Mach- SPIEGEL: Wird man als Profi nur ernst ge-
eine gewisse Selbstsicherheit aufgebaut. In baren bald erreicht? nommen, wenn man sich auch die Abfahrt
den ersten beiden Rennen wollte ich nur Neureuther: Im Slalom geht es darum, für zutraut?
im Ziel ankommen, ich wurde jeweils 50 Sekunden, so lange dauert ein Lauf im Neureuther: Nein. Mich reizt die Ge-
Elfter. Beim nächsten habe ich ein wenig Schnitt, Perfektion zu erreichen. Das zu schwindigkeit. Der Kick. Ich brauche das.
mehr riskiert und landete prompt auf Rang schaffen macht den Reiz aus. Ich denke, SPIEGEL: Und was geht Ihnen durch den
zwei. Danach war das Selbstbewusstsein dass es den perfekten Lauf noch nicht gab. Kopf, wenn Sie einen Sturz wie den des
da. Mittlerweile kommt mir die Möglich- Es geht noch schneller. Amerikaners Scott Macartney in Kitzbühel
keit des Ausscheidens gar nicht mehr in SPIEGEL: Wie nahe sind Sie der Perfektion sehen?
den Kopf. Ich weiß einfach, dass ich durch- schon gekommen? Neureuther: Dass ich lieber doch nicht
komme. Neureuther: Ich weiß nur, dass mir manch- Abfahrer werden will. Ich kenne Scott
SPIEGEL: Waren Sie früher zu ver- mal etwas Besonderes gelingt. Voriges sehr gut. Ich habe seinen Sturz im Hotel-
krampft? Jahr, als ich in Garmisch-Partenkirchen zimmer am Fernseher gesehen. Ich hab
Neureuther: Eigentlich nicht. Ich hatte nur Zweiter wurde, stand ich danach im Ziel- mir die Bettdecke über den Kopf gezogen.
nicht so viel Spaß wie heute. Ich spüre raum und dachte: Wow, was war das? Aber Es war so grausam. Aber ein echter Renn-
jetzt den Respekt der Kollegen. Ich gehe ich konnte mich an nichts erinnern, ich läufer kann auch mit Unfällen umgehen.
aggressiver an den Start, sage mir: Okay, wusste nicht, wie ich das gemacht hatte. Wissen Sie, was Scott als Erstes gesagt
Jungs, seid ihr bereit? Ich bin es näm- Ich war wie in Trance. hat, als er aus dem künstlichen Koma er-
lich. Mit so einer Einstellung geht vieles SPIEGEL: Wie können Sie sich noch ver- wacht ist?
leichter. bessern? SPIEGEL: Nein.
SPIEGEL: Beim Rennen Anfang Januar in Neureuther: Einem Slalomläufer werden Neureuther: Er fragte: „Wievielter bin ich
Adelboden verhinderte ein Fahrfehler kurz viele Fähigkeiten abverlangt: Kraft, Schnell- geworden?“ Interview: Gerhard Pfeil

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