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Ruhr-Universität Bochum

Fakultät für Philosophie und Erziehungswissenschaft

Hegels Bewegung des Begris


Zur formallogischen und analytischen
Unverträglichkeit ihrer Darstellungssätze

Inaugural-Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades

eines Doktors der Philosophie der Fakultät für Philosophie und

Erziehungswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum

vorgelegt von

KLAUS ENGELHARD


aus HEINSBERG RHLD.

Dekan: Prof. Dr. Joachim Wirth

Referent: Prof. Dr. Walter Jaeschke

Korreferent: Prof. Dr. Christian Thiel

Tag der mündlichen Prüfung: 7. Dezember 2011

Bochum im Dezember 2012


Einleitende Literaturübersicht

Wenn wir einmal, wie es durchaus häug geschieht, die Rede von der Hegel-
schen Dialektik als eine Chire für etwas der Hegelschen Philosophie Eigen-
tümliches verwenden, durch das diese sich von anderen philosophischen oder wis-
senschaftlichen Bemühungen abhebt eine präzisere Bestimmung der Hegelschen

Dialektik soll im Verlaufe der Ausführungen noch gegeben werden , und wenn
wir uns ferner einmal bis auf Weiteres auch dies ist in unserem Kontext durch-
aus üblich der unspezischen Rede von d e r formalen Logik zu bedienen
erlauben, dann lässt sich das Arbeitsfeld, auf dem sich die folgenden Untersu-
chungen bewegen, durch die Angabe zweier Pole charakterisieren: durch den Pol
der Hegelschen Dialektik einerseits und durch den Pol der formalen Logik an-
dererseits.
Dass zwischen diesen beiden Polen, der Hegelschen Dialektik und der forma-
len Logik, ein S p a n n u n g s verhältnis bestehe; dass insbesondere die Hegelsche
Dialektik den von der formalen Logik aufgestellten Satz vom Widerspruch miss-
achte, das glaubte man oenbar stets ausmachen zu können. So schreibt bereits

knapp vier Jahrzehnte nach Hegels Tod Eduard von Hartmann 1868 rück-
blickend, dass Hegel von jeher ... wegen dieses Punktes, der ihm jedenfalls

unterstellten Aufhebung des Satzes vom Widerspruch, angegrien worden

sei E. v. Hartmann 1868, 40 .

Ohne an dieser Stelle detaillierter darauf einzugehen, was in der traditionel-


len Logik unter dem Titel Satz vom Widerspruch gefasst werden kann zu einer
Einführung in die Thematik vgl. etwa Günther Patzig 1974 sowie Nicola
Abbagnano 1964 , lässt sich doch, denke ich, festhalten, dass Hegel selbst dazu
einlädt oder es gar provoziert, ihn in Gegnerschaft zu eben diesem Satz zu sehen.
Es wäre eher verwunderlich, wenn Hegel n i c h t den Verdacht einer solchen Geg-
nerschaft erregte. Ich führe hier nur an: 
1. Die erste der Hegelschen Habilitationsthesen 1801 lautet: Contradictio
est regula veri, non contradictio falsi Rosenkranz 1844, 156 .
In den elliptischen
 zweiten Teil der These, im Anschluss an Hans Friedrich
Fulda 1973 , 37, die Worte est und regula einfügend, lese ich: Contra-
dictio est regula veri, non est contradictio regula falsi Der Widerspruch ist
die Richtschnur

des Wahren, nicht ist der Widerspruch die Richtschnur des Fal-
schen .
Der zweite Teil der These lieÿe sich dann als direkte Opposition dagegen wer-
ten, dass, um mit Kant 
zu reden, der Widerspruch Erkenntnisse ... gänzlich
vernichte  KdrV B190 , ein Erkenntnis, welches sich widerspricht, ... falsch ist
Logik 478 .
Der erste Teil der These formulierte das positive Gegenbild.
Die oppositionelle Stoÿrichtung des zweiten Thesenteils bliebe erhalten, wenn
man wie Karl Rosenkranz 1844, 157, und ihm folgend etwa Klaus Düsing
1976, 97, statt der Worte est und regula die Worte contradictio und est
einfügt und für den zweiten Thesenteil erhält: contradictio non est contradictio
falsi der Widerspruch ist nicht der Widerspruch des Falschen, zu verstehen
als: was sich widerspricht, widerspricht sich nicht als etwas, das so  falsch ist.
Eine deutliche Verschärfung erfährt der zweite Thesenteil, wenn Pirmin
Stekeler-Weithofer 1992a , 27, die Worte non und contradictio zu
noncontradictio kontrahiert und bei wohl zu unterstellender Wiederaufnahme
-3-

 
des Wortes regula aus dem ersten 
Thesenteil noncontradictio, regula falsi
erhält der Nichtwiderspruch, die Richtschnur des Falschen.
Nicht nur wäre der Widerspruch als die Richtschnur des Falschen abge-
schat und als die Richtschnur des Wahren inthronisiert , es wäre auch
mit dem Nichtwiderspruch ein Nachfolger des Widerspruchs in der Rolle der
Richtschnur des Falschen eingesetzt.
Gründe für die gegenüber Rosenkranz vorgenommene Kontraktion nennt
Stekeler-Weithofer jedoch nicht. Vgl. auch Stekeler-Weithofer 1992b ,

168, und 1992c , Sp. 1205.
Möglicherweise hat Stekeler-Weithofer sich, ohne ihn zu erwähnen, von
Georg Lasson leiten lassen, der in der von ihm besorgten Ausgabe Georg Wil-
helm Friedrich Hegel. Erste Druckschriften, 405, die erste Habilitationsthese wie
folgt übersetzt: Der Widerspruch ist die Regel für das Wahre, der Nichtwider-
spruch für das Falsche. Die von Lasson gebotene lateinische Fassung der The-
se kontrahiert dennoch die Worte non und contradictio n i c h t . Gegenüber
Rosenkranz ist lediglich zwischen die beiden letzten Worte ein Komma einge-

fügt: Contradictio est regula veri, non contradictio, falsi, vgl. ebd. 404.
Der erste Teil der Habilitationsthese fasst nur konzis, was die kurz 
zuvor fer-
tiggestellte Dierenzschrift vgl. Heinz Kimmerle 1967, 139, 148 so entfaltet
hatte: Wenn man bloÿ auf das Formelle der Spekulation reektiert ... , so ist die
Antinomie, der sich selbst aufhebende Widerspruch, 
der höchste formelle Aus-
druck des Wissens und der Wahrheit D28 . Die Dierenzschrift weist auch ebd. 
tatsächlich die für Hegel ungewöhnliche 
Rede vom Nichtwiderspruch auf.
Der Skeptizismusaufsatz 1802 führt dann aus, dass ein Vernunftsatz sich
in zwei sich schlechthin widerstreitende auflösen lässt, in sich selbst nämlich
und den ihm kontradiktorisch entgegengesetzten, so dass etwa mit dem Satz
Gott ist Ursache auch der Satz Gott ist nicht Ursache behauptet werden kann
Sk49 . Der sogenannte Satz des Widerspruchs sei daher so wenig auch nur von
formeller Wahrheit für die Vernunft, dass im Gegenteil jeder Vernunftsatz ... einen
Verstoÿ gegen denselben enthalten muÿ. Es gelte für jede 
echte Philosophie,
dass sie den Satz des Widerspruchs ewig aufhebt ebd. .
2. Im zweiten Buch 
des ersten Bandes der Wissenschaft der Logik , der Lehre
vom Wesen 1813 , heiÿt es über den Satz der Identität oder des Widerspruchs
der Satz des Widerspruchs 
 ist 
für Hegel nur der andere Ausdruck des
Satzes der Identität W32 II31 
, dass 
er kein Denkgesetz, sondern viel-
mehr das Gegenteil davon sei W33 II32 
. Entsprechend äuÿert sich noch die
dritte Ausgabe der Enzyklopädie 1830 , vgl. ebd. Ÿ115 Anm.
Überhaupt seien die m e h r e r e n S ä t z e, die als a b s o l u t e D e n k g e s e t-
z e aufgestellt werden, ... näher betrachtet, e i n a n d e r e n t g eg e n g e s e t z t,
sie widersprechen einander und heben sich gegenseitig auf W26 II25; Sperrun-
gen im Original . Auch 
dieser Gedanke ndet noch seine Entsprechung in der
Enzyklopädie 1830 vgl. ebd. . 
3. Ebenfalls der Lehre vom Wesen 1813 zu entnehmen ist, dass so, wie etwa
die wesentliche Bestimmung der I d e n t i t ä t in dem Satz A l l e s i s t s i c h
s e l b s t g l e i c h ausgesprochen wird W25 II24 , noch vielmehr ... d e r W i -
d e r s p r u c h in einen Satz gefasst und gesagt werden 
 solle: A l l e D i n g e
s i n d a n s i c h  s e l b s t w i d e r s p r e c h e n d 1 W59 II58; sämtliche Sperrun-
gen im Original .
Es sei eines der Grundvorurteile der bisherigen Logik und des gewöhnlichen
Vorstellens, als ob der Widerspruch nicht 
eine

so wesenhafte und immanente
Bestimmung sei als die Identität W60 II58 . Es sei sogar der Widerspruch
gegenüber der Identität für das Tiefere und Wesenhaftere zu 
nehmen ebd. .
Auch in diesem Punkt führt noch die Enzyklopädie 1830 die Wissenschaft
der Logik fort: In allen Gegenständen aller Gattungen, in allen Vorstellungen,

1 Bei diesem Satz handelt es sich n i c h t um den von Hegel zuvor in W32 II31
als Satz des Widerspruchs geführten Satz! Vgl. weiter unten S. 77f.
-4-


Begrien und Ideen bende sich die Antinomie, heiÿt es dort Ÿ48 Anm. , es
sei überall gar nichts, worin nicht der Widerspruch, d. i. entgegengesetzte Be-
stimmungen aufgezeigt

werden können und müssen Ÿ89 Anm.; Kursivsetzungen
jeweils im Original .

Ob nun tatsächlich die Hegelsche Dialektik dem formallogischen Satz vom


Widerspruch die Anerkennung verweigere; ob insbesondere die Hegelsche Dia-
lektik formallogische Widersprüche in Anspruch nehme, dies sei, in einer ersten,
groben Fassung formuliert, die Fragestellung der Arbeit.
Dass diese Fragestellung auch heute kaum als beantwortet gelten kann und

der Dissens, was eine Beantwortung anbelangt, groÿ ist, zeigt a bereits ein üch-
tiger Blick in die entsprechenden Artikel zeitgenössischer philosophischer Nach-

schlagewerke sowie b ein Überblick über die entsprechende, Hegel rezipierende
Literatur.

Zu a :

Die Encyclopedia of Philosophy stellt in ihrem Artikel Dialectic



II 385--389, Autor: Roland Hall mit Bezug auf Hegels contradictions in
thought, nature and society fest: They are not contradictions in formal logic

but conceptional inadequacies ebd. 388 .
Dieselbe Encyclopedia of Philosophy ist sich in ihrem Artikel Hegel

III 435--451, Autor: H. B. Acton da nicht so sicher. Dass man vielleicht doch
sagen muss, dass Hegel das Widerspruchsprinzip abgelehnt hat, möchte sie hier

nicht ganz ausschlieÿen vgl. ebd. 443f . Sie gibt dann zu bedenken: If Hegel
had rejected the principle of contradiction in the sense that that principle is

understood by formal logicians, his case would indeed be serious ebd. 444 .
Der Grund: It follows from the rejection of this principle that any proposition

can be true and false ebd. . Eine abschlieÿende Beurteilung wird nicht gegeben

vgl. ebd. 443f .
Die Enciclopedia losoca hält es in ihrem Artikel Contraddizione, principio

di II Sp. 33--36, Autor: Ugo Viglino für verfehlt, bei Hegel una vera e propria
negazione del principio di contraddizione zu sehen: Nella dialettica hegeliana
i contrari non s t a n n o veramente insieme ... : il reale non è nella contraddizio-

ne ma p a s s a attraverso di essa ebd. Sp. 35 . Es wird ausdrücklich erklärt,
dass Hegels Widerspruch nicht zu verstehen sei als l'attribuzione a un identico

permanente soggetto di predicati incompatibili l'un l'altro ebd. .
Eben diese Enciclopedia losoca unterscheidet dagegen in ihrem Artikel

Dialettica II Sp. 418--438, Autor: Gaetano Capone Braga : Se per dialetti-
ca s'intende la logica formale astratta, Hegel, come Aristotele, ammette che per
essa valga il principio di non-contraddizione; ma se si intende la dialettica concre-
ta o dello spirito, implicante l'identicazione degli opposti, la dialettica hegeliana

è del tutto contraposta a quella aristotelica ebd. Sp. 430 .
Das Historische Wörterbuch der Philosophie urteilt in seinem Artikel
 
Logik, spekulativ- dialektische I  V Sp. 389--398, Autor: Walter Jaeschke ,
dass Hegels spekulativ-dialektische Logik den Widerspruch ... nicht im Sin-
-5-

ne einer allgemeinen Aufhebung des Widerspruchsverbots verstehe, räumt aber


ein, dass Hegels Polemik gegen die Denkgesetze der formalen Logik dieses Miÿ-

verständnis begünstigt ebd. Sp. 391 .
Diesem Miÿverständnis erlegen wäre die Enzyklopädie Philosophie und
Wissenschaftstheorie, wenn sie  in ihrem Artikel Logik, dialektische II 642f,
Autor: Peter Heister-Schroeder von dem in der Hegelschen Logik abgelehnten

Widerspruchsprinzip spricht vgl. ebd., 642 .
Für die Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften,

Artikel Widerspruch, dialektischer IV 855--866, Autor: Jind°ich Zelený , ver-
tritt Hegel die Ansicht, dass jedem Dinge, insofern es als Glied des selbstbe-
wegenden Gesamtzusammenhangs aufgefaÿt wird, ... entgegengesetzte, d. i. wi-
 
dersprechende Prädikate Bestimmungen  zukommen ebd. 858 . Hegel melde
damit Protest gegen den Kantschen Satz des Widerspruchs an Keinem

Dinge kommt ein Prädikat zu, welches ihm widerspricht KdrV B190 , der
die Unmöglichkeit des Zusammenbestehens einer und der entgegengesetzten Be-

stimmung an ein und demselben Gegenstande formuliere Europ. Enz., ebd. .

Hegels Dinge gerieten dennoch nicht zum nihil negativum vgl. ebd. ,
d. h., mit Kant zu reden, zum Unding oder zum Unmöglichen KdrV
 
B348 . Es sei durchaus ein positiver Inhalt vorhanden Europ. Enz. ebd., 859 .
Das Handbook of Metaphysics and Ontology, Artikel Dialectics. II: Dialectics

and Inconsistency I 216--218, Autor: Lorenzo Peña , attestiert Hegel the ...

thesis of the contradictoriness of the world ebd. 217 bzw. the ... view that

there are contradictory truths ebd. 218 .
Das uneinheitliche Bild, das die angeführten Nachschlagewerke zum Thema
bieten und durch das sie weniger eine erste Orientierung verschaen als Verwir-
rung auslösen , ndet sich ebenso in der sich zum Thema äuÿernden Literatur.

Zu b :

Der folgende Überblick über eben diese Literatur beansprucht angesichts von
deren Fülle nicht im Geringsten Vollständigkeit. Auf Vollständigkeit kann aber
wohl auch verzichtet werden. Es kommt eher darauf an zu demonstrieren, dass im
Wesentlichen auf eine dreifache Weise zur Frage der Arbeit Stellung genommen
wird. Die Stellungnahmen von denen wir wenigstens die erste und die dritte bei

der Vorstellung der Nachschlagewerke bereits kennengelernt haben sind:
1. eine Ja-Stellungnahme die Hegelsche Dialektik verweigere dem formal-
logischen Satz vom Widerspruch die Anerkennung und nehme formallogische
Widersprüche in Anspruch;
2. eine eingeschränkte Nein-Stellungnahme die Hegelsche Dialektik ver-
weigere keineswegs dem formallogischen Satz des Widerspruchs die Anerkennung,
nehme aber v o r ü b e r g e h e n d formallogische Widersprüche bis zu ihrer Auf-

lösung in Anspruch;

3. eine reine Nein-Stellungnahme die Hegelsche Dialektik verweigere kei-
neswegs dem formallogischen Satz vom Widerspruch die Anerkennung und nehme
auch keine formallogischen Widersprüche in Anspruch.
-6-

Die unsererseits vorgetragene Dreiteilung der Stellungnahmen unterscheidet



sich von der vergleichbaren Einteilung Andries Sarlemijns 1971 , 81--95,
hauptsächlich durch die Prolierung der mittleren Stellungnahme, der einge-
schränkten Nein-Stellungnahme. Die Ja- und die Nein-Stellungnahme dürften 
grosso modo Sarlemijns Erster und Dritter Deutung entsprechen vgl. ebd. .
Auch Sarlemijn gibt seine Übersicht als unvollständig an vgl. ebd., 82 .
Er berücksichtigt allerdings ausführlicher, als wir es tun werden, die Litera-
tur des

19. Jahrhunderts vgl. auch seine historisch orientierte Einleitung, ebd.
6--12 . Dafür lässt er eine Galionsgur wie Karl Popper, aber auch etwa Ernst
Bloch auÿer Acht.

Es muss nicht eigens betont werden, dass eine Einteilung wie die anvisierte
vielleicht nicht immer ganz aufgeht, sei es, dass die Position eines Autors zu we-
nig fassbar oder inkohärent ist, sei es, dass die Einteilung an ihre Grenzen stöÿt.
Auch mag eine unbemerkt fehlerhafte Einordnung der Grund sein.

1. Die Ja-Stellungnahme

Dass die Ansicht, Hegel stehe nicht hinter dem Satz vom Widerspruch der
formalen Logik und habe keine Scheu vor formallogischen Widersprüchen, nicht
aus der Luft gegrien ist, sondern auf deutliche Anzeichen verweisen kann, ha-

ben wir gesehen vgl. oben S. 2f . Das Odium logischen Widersinns um diese

Wendung Dieter Henrichs einmal aufzugreifen Henrich 1976, 230 dürfte
Hegel nicht zu Unrecht anhaften.
Die Autoren der Ja-Stellungnahme b e h a u p t e n nun bei Hegel den lo-
gischen Widersinn. Sie tun dies entweder

a
, ohne sich um mögliche negative
Konsequenzen für Hegel zu bekümmern, oder

b
, indem sie desaströse Konse-
quenzen für Hegel abweisen, oder

g
, indem sie gerade im Gegenteil desaströse
Konsequenzen für Hegel ins Feld führen.

a 
Mögliche negative Konsequenzen für Hegel werden ausgeblendet


Jan Šukasiewicz legt in seinem Aufsatz Aristotle and the Law of Contra-
diction, in dem er sich, wenn auch nur beiläug, zu Hegel äuÿert, Folgendes
zugrunde: Aristotle formulates the Law of Contradiction in three ways, as an

ontological, a logical and a psychological law Šukasiewicz 1979, 50f . Die psy-
chologische Formulierung des Law of Contradiction sieht Šukasiewicz
in Aristoteles, Metaphysik IV 3, 1005 b 23f: ‚dÔnaton ... åntinoÜn taÎtän
Ípolambˆnein eÚnai kaÈ m˜ eÚnai

Es ist unmöglich, dass jemand annehme, das-

selbe sei und sei nicht vgl. ebd., 51 . Šukasiewicz versteht die psychologische
Formulierung so, dass sie besagt: Two beliefs which answer to two contradictory
sentences cannot exist at the same time in a single consciousness Šukasiewicz

ebd. .
Šukasiewicz bezweifelt nun, dass dieses psychological Law of Contradic-
tion überhaupt veriziert werden kann. Er macht geltend: There have been
enough cases in the history of philosophy where people have consciously and

deliberately asserted contradictory sentences at the same time ebd. 53 . Neben
-7-

den eristic thinkers of the old Megarian school 2 führt er als Beleg Hegel an

vgl. ebd., 53, 60 . Die folgende Stelle der Wesenslogik, die der dritten Anmerkung
zu den Ausführungen über den Widerspruch entstammt und die einen Konnex

zwischen raum-zeitlicher Bewegung und Widerspruch herstellt, sei, so Šuka-
siewicz, ein gutes Beispiel für das, was er meine:

Es bewegt sich etwas nur, nicht indem es in diesem Itzt hier ist und
in einem anderen Itzt dort, sondern indem es in einem und demselben
Itzt hier und nicht hier, indem es in diesem Hier zugleich ist und nicht
ist. Man muÿ den alten Dialektikern die Widersprüche zugeben, die
sie in der Bewegung aufzeigen, aber daraus folgt nicht, daÿ darum die
Bewegung nicht ist, sondern vielmehr 
daÿ
die Bewegung der d a s e i -
e n d e Widerspruch selbst ist. W61 II59
Šukasiewicz fasst Hegel hier also oenbar so auf, dass dieser, um anzu-
geben, dass ein Gegenstand g sich zu einem bestimmten Zeitpunkt bewegt, zu
eben diesem Zeitpunkt auf kontradiktorisch entgegengesetzte Sätze zurückgreift,
auf die Sätze
Der Gegenstand g ist hier
und
Der Gegenstand g ist nicht hier

wobei das indexikalische hier ein und dieselbe Raumstelle bezeichnet .
Dass Hegel wissentlich und mit Bedacht zu ein und demselben Zeit-
punkt auf kontradiktiorisch entgegengesetzte Sätze zurückgreift, ergäbe sich aus
seiner gegen die alten Dialektiker vorgebrachten Kritik, dass sie die Bewegung
wegen der mit ihr verbundenen Widersprüche leugnen, statt die Bewegung zu-
zugeben und sie als widersprüchlich mit Hegels Worten: als der d a s e i -
e n d e Widerspruch zu akzeptieren.

Dass ein sich bewegender Körper in demselben Orte zugleich ist und nicht ...
ist, lehrt auch die Naturphilosophie der Enzyklopädie ebd. Ÿ298 . Und:
Bewegung heiÿt aber: an diesem Orte sein und zugleich nicht führen des Wei-
teren ebenso die Vorlesungen über die Geschichte 
der Philosophie in ihrem Ab-
schnitt über Zenon von Elea aus GPhI314 .
Mit den alten Dialektikern dürften denn auch die Eleaten, insbesondere
der genannte Zenon gemeint sein. Für die Vorlesungen über die Geschichte der 
Philosophie markieren die Eleaten den Anfang der Dialektik ebd. 275 .
Zenon wird eigens noch einmal als der Anfänger bzw. als der Urheber der

Dialektik hervorgehoben ebd. 295, 301 . Vgl. auch die in der vorausliegenden
Seinslogik anzutreende Rede von den dialektischen Beispielen der alten 
elea-
t i s c h e n Sc h u l e, besonders die B e w e g u n g betreend S207 I191, auch
schon S1140 sowie das Statement der nachfolgenden Begrislogik, es habe die
ältere eleatische Schule ... vornehmlich ihre Dialektik gegen die Bewegung ange-
 
wendet B292 II492 .

2 Diese traditionelle, an Diogenes Laertios und an die Suda anknüpfende Auf-


fassung, es seien die Eristiker der Megarischen Schule zuzuschlagen bzw. mit ihr
zu identizieren, ist seit

David Sedley 1977 in Zweifel gezogen. Vgl aber dazu
Klaus Döring 1989 .
-8-

 
Für Richard Kroner 1924 gilt, dass das Hegelsche spekulative Den-

ken sich widerspricht Kroner ebd., 320f , dass es ein gegen die Wider-

spruchslosigkeit protestierendes Denken ist ebd. 321 . Der spekulative
Widerspruch ist der laute Protest ... gegen den Richterspruch der formalen

Logik ebd. .

Wenn Kroner an die Adresse der formalen Logik gerichtet davon spricht,
dass der spekulative Widerspruch

... , die Wahrheit der formalen Widerspruchslo-
sigkeit verneine ebd.
oder dass die bloÿe Widerspruchslosigkeit ... keine Wahr-
heit sei ebd. 320 , dann könnte man die Ansicht heraushören, dass die formale
Logik mit der Widerspruchslosigkeit eines Urteils auch dessen Wahrheit für gege-
ben halte. Dieser Ansicht gegenüber, bei der es sich um ein grobes Missverständnis
handelte, wäre etwa mit Kant darauf hinzuweisen, dass es die ... nur negative
Bedingung aller unserer Urteile überhaupt 
 ist, daÿ sie sich nicht selbst wider-
sprechen KdrV B189, Herv. von mir . Urteile, 
die sich selbst widersprechen,
sind an sich selbst ... nichts ebd. B190 . Es kann aber ein Urteil bei allem
dem, daÿ es von allem 
inneren Widerspruche frei ist, doch entweder falsch oder
grundlos sein ebd. . Dass in diesem Punkt der Bedeutung der Widerspruchs-
losigkeit von Urteilen für die formale Logik 
tatsächlich Unsicherheit anzutreen
ist, belegt Ludwig Feuerbach 1829 30, 139. Seine Ausführung zum Satz der
Identität oder des Widerspruchs resümierend, beginnt er: Was sich widerspricht
ist ... falsch, was sich nicht widerspricht, wahr, fährt dann aber korrigierend fort:
oder wenigstens, wie die Logiker es theilweise modicieren: was wahr ist und sein
soll, darf sich nicht widersprechen, wenn auch nicht umgekehrt Das, was sich nicht
widerspricht, deÿwegen schon wahr ist.
Kroner kann nun, denke ich, so verstanden werden, dass der spekulative
Widerspruch, der die Wahrheit der formalen Widerspruchlosigkeit verneint, die
Wahrheit des Satzes vom Widerspruch der formalen Logik verneint so dass mit
der Widerspruchslosigkeit der eben sie formulierende Satz vom Widerspruch ge-
meint wäre. Dass die bloÿe Widerspruchslosigkeit ... keine Wahrheit ist, wäre
dann so zu lesen, dass der Satz vom Widerspruch kein wahrer Satz ist. Und dass
das spekulative Denken 
 ein gegen die Widerspruchslosigkeit protestierendes
Denken ist vgl. oben , hätte man so zu nehmen, dass es ein gegen den Satz vom
Widerspruch protestierendes Denken ist.
Im Übrigen scheint Kroner zufolge der laute Protest des spekulativen
Widerspruchs weniger der Widerspruchslosigkeit bzw. dem Satz vom Wider-
spruch zu gelten dem Richterspruch der formalen 
Logik als vielmehr der
Formalität des Denkens Kroner ebd., 321 , das die formale Logik betreibt, der

formalen Logik also als einem formalen 
Denken ebd. oder als einer formalen
Disziplin überhaupt vgl. ebd., 320f .

Kroner verwahrt sich im Anschluss an Adolf Phalén 1912 , 173 ,
dagegen, so, wie Rosenkranz und andere Hegelianer es versucht hätten,
das Paradoxe der dialektischen Methode dadurch zu mildern, dass man erklärt,
der Widerspruch, den Hegel zum Mittel der Erkenntnis mache, behaupte nicht
das Zusammengelten zweier Sätze wie A ist B und A ist nicht B, sondern die
Geltung des Satzes A ist non-B neben derjenigen des Satzes A ist B Kroner

ebd., 351 . Kroner bringt vor und auch hier orientiert er sich an Phalén

vgl. Phalén ebd. , dass das limitative Urteil A ist non-B ... das negative

A ist nicht B in sich enthalte ebd. 352 . Mit dem Sätzepaar
-9-

A ist B, A ist non-B


würde also auch das Sätzepaar

* A ist B, A ist nicht B
behauptet. Und diese Sätze, die Sätze A ist B und A ist nicht B, die
Kroner als A ist alles, was das B ist respektive als A ist alles, was das B
 
nicht ist versteht vgl. ebd., 351f , widersprechen sich allerdings ebd. 352 3.
Kroner sieht das spekulative Denken noch ein weiteres Paar sich wider-
sprechender Sätze präsentieren: die Sätze A ist A und A ist non-A vgl. ebd.,

353 .

Der Widerspruch der Sätze



A ist A und A ist non-A ergäbe sich aus dem
Widerspruch der unter * genannten Sätze, wenn man 1. B als non-A auffasste
so Kroner selbst, vgl. Kroner ebd., 350, 354f , 2. in den Sätzen unter *
dann B durch non-A ersetzte so dass man das Sätzepaar
A ist non-A, A ist nicht non-A
erhielte , und 3. ansetzte, dass von A ist nicht non-A auf A ist A geschlossen
werden darf, so dass man das Sätzepaar
A ist non-A, A ist A
bzw.
A ist A, A ist non-A
erhielte. Wenn man ohnehin A ist A vorgibt, genügte es,
auf A ist B zurück-
zugreifen und der Rekurs auf A ist B könnte entfallen.

Es ist das im A gesetzte oder begrenzte Selbst, das wie es in den Sätzen
A ist A und A ist non-A zum Ausdruck kommt zugleich A und non-A

ist Kroner ebd., 353 . Das Selbst kann sich nur erhalten, indem es die-
sen Widerspruch zugleich bejaht und verneint, so dass der Widerspruch

als bejahter unabtrennlich zum Selbst gehört ebd. 324 . Dass das Selbst
auf der einen Seite sich nur im Denken erhält, wenn es widerspruchslos denkt
und den Widerspruch verneint, nur auf A ist A rekurriert und A ist
non-A fallen lässt , auf der anderen Seite aber nur durch Verletzung des
Satzes des Widerspruchs ... sich selbst denken kann und den Widerspruch
bejaht, neben A ist A auch A ist non-A beansprucht , ist die gröÿte Para-

doxie, die je ausgesprochen worden ist ebd. 4.
Was nun die Auflösung des Widerspruchs anbelangt vgl. Kroner ebd.,

320 , so scheint Kroner eine Auflösung des zuerst vorgeführten Widerspruchs
der Sätze A ist B und A ist nicht B nicht ins Auge zu fassen. Und von ei-
ner Auflösung des Widerspruchs der Sätze A ist A und A ist non-A kann

3 Während Kroner vom Widerspruch zunächst so zu sprechen schien, dass er


der Widerspruch eines einzigen Satzes ist, der sich selbst widerspricht, arbeitet
er nun unzweideutig mit einem Widerspruch, der derjenige zweier, sich einander
widersprechender Sätze ist.
4Ich kann Kroner nur so verstehen, dass er das Denken des Selbsts unmerklich
die Rolle des Hegelschen spekulativen Denkens hat einnehmen lassen. Vgl.
dazu Kroner ebd., 319--324, im Zusammenhang.
- 10 -

in summa n i c h t die Rede sein. Zwar wird dieser Widerspruch, sofern das
Selbst sich erhält, verneint, er wird aber ebensogut, sofern das Selbst
sich erhält, bejaht. Dieser Widerspruch, der vom Selbst unabtrennlich
ist, erhält sich solange, wie sich das Selbst erhält. Der laute Protest des
spekulativen Widerspruchs nun als der Widerspruch der Sätze A ist A
und A ist non-A gefasst , der dem Richterspruch der formalen Logik bzw.
dem Satz vom Widerspruch gilt, ist so wenig vorübergehend, wie es das Selbst
ist, und so dauerhaft, wie es dieses ist.

Wenn es bei Kroner heiÿt, dass das Selbst den Widerspruch aufhebt,
indem es A und non-A vereinigt oder das Ganze setzt, das A und non-A zu

Momenten seiner selbst hat Kroner ebd., 359 wobei das Selbst s i c h als
das Ganze setzen dürfte, das A und non-A zu Momenten seiner selbst hat ,
so ist dies im Rahmen dessen, was wir bei Kroner ausgemacht und vorgestellt
haben, nicht einsichtig:
1. Der Widerspruch der Sätze A ist A und A ist non-A wird verneint
oder aufgehoben, indem der Satz A ist A zurückbehalten, der Satz A ist
non-A aufgegeben wird s. o. . Non-A ist daher nicht mehr im Spiel und kann
nicht mit A vereinigt werden oder Moment eines Ganzen sein.
2. Angenommen, es sei 
damit, dass A und non-A vereinigt werden oder
dass das Selbst qua A das Ganze mit den Momenten 
 A und non-A ist,
nichts anderes gemeint, als dass das Selbst qua A zugleich A und non-A ist
Kroner legt das sicher nahe, wenn er vom Selbst schreibt, es sei zugleich

A und non-A, und nur in der Vereinigung beider es selbst ebd. 353 . Dann
wird der Widerspruch der Sätze A ist A und A ist non-A, die eben zum 
Ausdruck bringen, dass das Selbst qua A zugleich A und non-A ist s. o. ,
durch die
Vereinigung von A und non-A oder dadurch, dass das Selbst
qua A das Ganze der Momente A und non-A ist, g e r a d e b e j a h t und
n i c h t verneint oder aufgehoben.
Ein anderes Verständnis der Vereinigung von A und non-A oder der Ganz-
heit des Selbsts nun, demzufolge es überdies verneint oder aufgehoben wäre,
dass die Sätze A ist A und A ist non-A in Geltung sind bzw. dass das Selbst
qua A zugleich A und non-A ist, wurde, wenn ich recht sehe, nicht geboten.
Fasst man den Widerspruch zwischen dem Sein und dem Nichts Kro-
ner ebd., 443 als den Widerspruch der Sätze Sein ist Sein und Sein ist
nicht-Sein auf Nichts wäre als non-Sein bzw. nicht-Sein behandelt ,
dann würde der Widerspruch zwischen dem Sein und dem Nichts auf die Weise
gelöst, dass der Satz Sein ist Sein beibehalten, der Satz Sein ist
nicht-Sein zurückgezogen würde. Inwiefern es nun das Werden sein 
soll, das
den Widerspruch zwischen dem Sein und dem Nichts ... löst ebd. , ist, soweit
ich sehen kann, nach Maÿgabe des von Kroner Vorgebrachten nicht nachvoll-
ziehbar.
Entsprechend ungeklärt bliebe auch, inwiefern das Sein, wenn es oenbar
im Hinblick auf den Widerspruch zwischen Sein und 
Wesen als der sich auf-
hebende Widerspruch zu begreifen ist vgl. ebd., 447 , nicht einfach gemäÿ dem 
Satz Sein ist Sein als Sein, sondern als Begri zu begreifen ist vgl. ebd. .

Kroners Rede davon, dass die Dialektik d e r z u r M e t h o d e g e m a c h t e



I r r a t i o n a l i s m u s selbst sei Kroner ebd., 272, Sperrung im Original
Kroner spricht auch vom dialektischen Irrationalismus ebd. 312, vgl. a.

ebd. 282 oder sein berühmt gewordenes Diktum, es sei Hegel o h n e Z w e i -
f e l d e r g r ö ÿ t e I r r a t i o n a l i s t, den die Geschichte der Philosophie kennt

ebd. 271, Sperrung im Original sind wohl anders, als man denken könnte, nicht
- 11 -

oder jedenfalls nicht in erster Linie auf den oben ausgeführten Umstand gemünzt,
dass der spekulative Widerspruch ein Widerspruch der Sätze A ist B und
A ist nicht B bzw. der Sätze A ist A und A ist non-A ist und zumindest im
zweitgenannten Falle, im lauten Protest ... gegen den Richterspruch der forma-
len Logik, den Satz vom Widerspruch, solange aufrechterhalten wird, wie es das

Selbst wird vgl. Kroner ebd., 267--272, 282, 285f, 311--313 .


Nicolai Hartmann 1929 zufolge lehrt die formale Logik ... , daÿ der Wi-
derspruch im Reich des Gedankens und seines Gegenstandes nicht Raum hat,
dass das Denken ... unfähig ist, Widersprechendes von einem Identischen gelten

zu lassen N. Hartmann ebd., 393 . Der Gesetzesausdruck für diese Unfähig-
keit sei der sogenannte Satz des Widerspruchs, der seit Aristoteles ... als
Grundgesetz der Logik gelte und dessen kürzeste Formel lauten dürfte: A ist

nicht non-A ebd. .

Wenn N. Hartmann den Satz des Widerspruchs, der die Unfähigkeit


ausdrücke, Widersprechendes von einem Identischen gelten zu lassen, mit Ari-
stoteles in Verbindung bringt, dann wird er an Aristoteles Metaphysik,

aÎtÄ kaÈ kat€ tä aÎtätä ... aÎtä ‰ma Ípˆrqein te kaÈ m˜ Ípˆrqein ‚dÔnaton tÄ
1005 b 19f, denken:
Es ist unmöglich, dass dasselbe demselben und in der-


tÄ aÎtÄ
selben Beziehung zugleich

zukommt und nicht zukommt . Die Dativwendung
demselben wäre von N. Hartmann mit dem Identischen übersetzt
worden. Nicht zu sehen ist allerdings, was N. Hartmann doch zu insinuieren
scheint, dass die Formel A ist nicht non-A sei es die angegebene oder eine der
anderen von Aristoteles vorgelegten Fassungen des Satzes des Widerspruchs
formuliert vgl. neben Metaphysik 1005 b 19f etwa 
ebd. 996 b 29f, 1011 b 13,
Anal. pr. 51 b 20, 53 b 15f, Anal. post. 77 a 10 .
Die Formel A ist nicht non-A verweist sicherlich auf G. W. Leibniz 
und
Christian Wolff zurück vgl. Leibniz, Nouv. Ess., I, 1, Ÿ18 S. 36 , ebd. IV,
 
2, Ÿ1 S. 240 ; Cl. 355; C 518; Wolff, Log. Ÿ271 . Aber auch bei Leibniz und
Wolff formuliert diese Formel n i c h t den Satz des Widerspruchs bzw. das
principe de contradiction oder das Principium Contradictionis vgl. Leibniz,
 
Nouv. Ess. IV, 2, Ÿ1 S. 240 , Cl ebd.; Wolff, Ont. Ÿ29 .
Die Fassungen des Satzes des Widerspruchs bei Aristoteles rekurrieren in
der Formulierung dessen, was sie für unmöglich erklären, letztlich auf z w e i
Sätze tä aÎtä ... Ípˆrqein te kaÈ m˜ Ípˆrqeinkatafˆnai kaÈ ‚pofˆnai
, Metaphysik 1005 b 19f dass et-
was zukommt und dass es nicht zukommt;

oÎk eÚnai
20f dass man etwas zuspricht und dass man es abspricht; tä aÎtä ... eÚnai te kaÈ
, ebd. 1011 b

, Anal. pr. 53 b 15 dass etwas ist und dass es nicht ist; etc. . Ebenso
verhält es sich mit den Fassungen des Satzes des Widerspruchs bei Leibniz und
Wolff qu'une Enontiation ne sauroit etre vraye et fausse ... , Leibniz, Cl.
ebd., vgl. Nouv. Ess. ebd. dass ein Satz wahr ist und dass er falsch ist; il
est impossible, qu'une chose soit et ne soit pas ... , ders., Nouv. Ess. I, ŸŸ4, 18
dass etwas ist und dass es nicht ist; eri non potest, ut idem ... sit & non sit,
Wolff, Ont. ebd. dass etwas ist und dass es nicht ist;  ... eri non possit,
ut idem praedicatum ... conveniat & non conveniat , ders., Log. Ÿ529 dass ein

Prädikat zukommt und dass es nicht zukommt .
In der Formel A ist nicht non-A dagegen ist es e i n Satz der Satz A ist
non-A , der negiert wird.
Als Principium contradictionis

 wird die Formel A ist nicht non-A bei

Christoph Sigwart 1924 , 188, 192f Ÿ23 bezeichnet. Sigwart hat genau-

er: A ist nicht nonA. Anders als N. Hartmann unterscheidet Sigwart je-
doch diese Formel bzw. das in ihr gefasste Principium contradictionis

 deutlich
vom Satz des Widerspruchs bei Aristoteles vgl. ebd. . Der aristotelische
- 12 -


Satz sage etwas wesentlich anderes vgl. dazu ebd. 188, 193 . Sigwart 
han-
delt sich so die Merkwürdigkeit ein, dass er neben dem aristotelischen Satz
des Widerspruchs ein Principium contradictionis

 erhält, das von diesem Satz
durchaus verschieden ist ebd. 193 . Dass bei Leibniz die Formel A ist nicht
non-A als Principium contradictionis vorgelegt werde, wie Sigwart 
ebd.,
192f, ohne Beleg unterstellt, wird man nicht zugeben können, vgl. oben.

In der Dialektik werde nun gerade von Schritt zu Schritt ... Widerspre-

chendes von einem und demselben ausgesagt N. Hartmann ebd., 393 . Der

Satz des Widerspruchs ist allgemein ebd. . Die Aufhebung dieses Satzes bzw.
die Position oder die Realität des Widerspruchs müsste in der Formel A ist

non-A ausgesprochen werden ebd. .
Charakteristisch für N. Hartmann ist der Gedanke, dass eine Antinomie,
die sich löst, ... gar keine echte Antinomie ist ebd. 398; vgl. a. ders. 1923, 226,

243 . Antinomien seien Problemgehalte, die schon in ihrer Form den Stempel

der Unlösbarkeit an der Stirn tragen ders. 1923, 243 . Ein Widerstreit, der sich

als auflösbar erweist, war ... eben irreal, Täuschung ebd. . Von Antinomie,

Widerspruch und Widerstreit spricht N. Hartmann in gleicher Bedeutung.
Hegels Antinomien, wenn sie auch keineswegs durchgehend echt seien,
vielmehr in der Phänomenologie oder den späteren Teilen des Systems, weni-

ger in der Logik, lösbar, also unecht sein können vgl. ders. 1929, 401 , seien
doch stets als echte gemeint, der Widerspruch von These und Antithese gilt als

real und durchaus unvernichtbar ebd. 398 . Der Hegelsche Widerspruch ist

als einer konzipiert, der sich erhält ebd. 393 .

N. Hartmann 1923 hatte noch ganz entgegengesetzt dahingehend geurteilt,
dass Hegel es wie ein Dogma
 hinnehme, daÿ alle Antinomien lösbar sind
N. Hartmann 1923, 225 . Hegel sei dem alten Vorurteil wieder verfallen,

Probleme nur soweit gelten zu lassen, als man sie lösbar ndet ebd. 243 .
Bereits die Aporetik des Aristoteles habe dieses Vorurteil radikal durch-
brochen, indem sie auch solche 
Probleme als zu Recht bestehend erkannt
habe, die unlösbar waren, ebd.
Hegel postuliert die Lösung, ... auch wo sie in der Sache nicht liegt ebd.

244 . Entsprechend ist der Hegelschen 
Dialektik zu attestieren, dass sie so oft
Lösungen nur vortäuscht ebd. 223 .
Fazit: Hegel lässt den Widerspruch, wo er ihm realiter begegnet, ... nicht
als solchen

gelten, er fügt sich ... immer wieder dem Satz des Widerspruchs
ebd. .

Der Widerspruch erhält sich, weil die Synthese eine eigentliche, wört-
lich verstandene Synthesis ist, in der nichts vernichtet wird, sondern alles so
zueinander und gegeneinander gefügt wird, daÿ es zusammen bestehen kann

N. Hartmann 1929, 398 . Die Synthese nimmt in aller Form das Wider-
sprechende in sich auf, A und non-A koexistieren in ihr, sie ist überhaupt
nichts anderes als die logische Festnagelung dieser Koexistenz von A und

non-A ebd. . Die Synthese fügt formal zur Antinomie als solcher nichts
hinzu als die Behauptung, d a ÿ A und non-A in einem Dritten zusammen be-

stehen und zurecht bestehen ebd. 398f . Die Antinomien werden von der
Dialektik aufgedeckt. Die Dialektik leistet dies, indem sie die Statik der
Begrie aufhebt, unter der die Antinomien verborgen liegen vgl. N. Hart-
- 13 -


mann 1923, 226 . Und sie hebt die Statik der Begrie auf, indem sie den Satz
des Widerspruchs aufhebt, an dem diese Statik hängt: durch das Auÿerkraft-
setzen des Satzes des Widerspruchs löst sich die Starrheit der Begrie, sie

involvieren einander, gehen über vgl. ebd., 224 , schlagen ineinander um
 
ders. 1935 36, 332; vgl. a. ders. 1929, 386 . Der statischen Logik ders. 1923,
  
223f bzw. der Logik der festen Begrie ders. 1935 36, 332 , deren Grundlage

der Satz des Widerspruchs ist vgl. ders. 1923, 224 , steht die Dialektik als
eine dynamische Logik mit beweglichen, aufgelösten Begrien gegenüber, die

eben diesen Satz des Widerspruchs aufhebt vgl. ebd. . Die erstere Logik ist die
 
alte, hergebrachte Logik ebd.; ders. 1929, ebd.; ders. 1935 36, ebd. , bei der

letzteren Logik handelt es sich um eine neue Logik ders. 1929, ebd. .
N. Hartmann lässt die Lesenden im Unklaren darüber, ob die Aufhebung
des Satzes des Widerspruchs, die sich mit dem Auftreten der Antinomien ver-
bindet, auch diejenige Aufhebung des Satzes des Widerspruchs ist, die die
Bewegung der Begrie in Gang setzt. Ferner entsteht der Eindruck, dass es auf
einem bloÿen Willkürakt beruhe, ob man sich auf die Seite der alten oder der
neuen Logik schlägt; ob der Satz des Widerspruchs und damit die Starrheit
der Begrie beibehalten oder der Satz des Widerspruchs aufgegeben, die Starr-
heit der Begrie gelöst und ihre Bewegung initiiert wird.
 
Tatsächlich stellt N. Hartmann 1935 36 die Frage nach der Berechtigung
des Vorgehens der Dialektik : ob ihr Vorgehen berechtigt ist, sei einzig danach
zu beurteilen, ob es von ihrem Gegenstand verlangt werde oder nicht vgl.

N. Hartmann ebd., 332 .
Die Dialektik ist im Recht, wenn ihr Gegenstand ein üssiger ist

N. Hartmann greift hier einen Hegelschen Terminus auf, vgl. Ph27
30f , wenn die Begrisbewegung das Gegenbild einer Realbewegung ist vgl.
 
N. Hartmann ebd., 332f . Die Dialektik ist dann reell vgl. ebd., 338 .
Die Dialektik ist im Unrecht, wenn ihr Gegenstand ein stabiler ist

ebd. 332 , die Begrisbewegung kein Gegenbild einer Realbewegung ist.

Die Dialektik ist dann unreell vgl. ebd., 338 .
N. Hartmann sieht nun die Hegelsche Logik dem allerschwersten Ver-
dacht ausgesetzt, in ihren breitesten Teilen aus unreeller Dialektik zu bestehen

ebd. 339 . Überhaupt könne eine auf dem Widerspruchsverhältnis aufgebaute
Begrisdialektik ... niemals adäquater Ausdruck einer Realdialektik sein ebd.

345 .
 
Inwieweit es von dieser Position N. Hartmanns 1935 36 aus noch möglich

ist, so, wie N. Hartmann 1929 es tat, Hegel die Aufdeckung echter Antino-
mien zuzugestehen, also tatsächlich unlösbarer Antinomien, die kein Schein

sind ders. 1923, 243 , und dies doch wohl gerade mit Bezug auf die Logik

vgl. oben S. 11 sowie N. Hartmann 1929, 401 , das muss hier dahingestellt
bleiben.

Willy Hochkeppel 1970 glaubt, dass Hegel sich nie klar darüber war,
ob er das Prinzip des ausschlieÿenden Widerspruchs auÿer Kraft setzen sollte

oder nicht Hochkeppel ebd., 83 . Unter Verweis auf die bereits von Šuka-
 
siewicz 1979 herangezogene Hegel-Passage über die Bewegung W61 Z 2--9
- 14 -


II59 Z 15--23, vgl. oben S. 7 sie möge künftig Hegels Bewegungs-Passage
heiÿen kommt Hochkeppel jedoch zu dem Ergebnis, dass Hegel es um des
Beweises der Bewegung zuliebe in Kauf nehme, sich in Selbstwidersprüche zu
verwickeln und etwas zu begehen, was er allen Indizien zufolge doch vermeiden

wollte: die Auÿerkraftsetzung des Widerspruchsprinzips ebd. 85 .

Für Enrico Berti 1981 ist der eigentliche Gegenstand der Hegelschen
Kritik nicht der von Aristoteles formulierte Satz vom zu vermeidenden Wider-
spruch, sondern der Satz der Identität oder des Widerspruchs, wie er durch

die neuzeitliche Philosophie formuliert wurde Berti ebd., 375 . Hegel wen-
de sich gegen die logica formale prekantiana e kantiana, che assumeva come suo
principio fondamentale il principio di non contraddizione inteso come principio

d'identità ders. 1977a, 18 . È ... nei confronti di questa logica, non di quella

aristotelica, che Hegel aerma l'esistenza reale della contraddizione ebd. 19 .

Dass Hegel nicht den aristotelischen Satz vom zu vermeidenden Wider-


spruch, sondern den neuzeitlichen Satz der Identität oder des Widerspruchs
kritisiere Berti spricht vom Letzteren auch einfach als vom Satz der Identi- 
tät bzw. als vom principio d'identità vgl. etwa ders. 1981, 374; 1977a, 18f
macht Berti u. a. an Folgendem fest: An den beiden Stellen der Vorlesungen
über die Geschichte der Philosophie, an denen Hegel sich im Zusammenhang
mit den Ausführungen zu Aristoteles zu dessen Satz vom zu vermeiden-
den Widerspruch äuÿere, heiÿe er diesen Satz das eine Mal gut an der Stelle
GPhII153 , das andere Mal kritisiere er ihn ebd. 239f. Es bestehe aber kein
Zweifel, dass Hegel an der letztgenannten Stelle den von Aristoteles formu-
lierten Satz vom zu vermeidenden Widerspruch ... mit dem Satz der Identität,
der von

der späteren Logik formuliert ... wird, identiziert vgl. Berti 1981,
375f .

Der neuzeitliche Satz der Identität oder des Widerspruchs sei tatsächlich
völligvom aristotelischen Satz vom zu vermeidenden Widerspruch unterschie-

den vgl. Berti 1981, 373 , der erstere ha nulla a vedere con l'aristotelico prin-

cipio di non contraddizione ders. 1977a, 19 . Der neuzeitliche Satz stelle allein
auf die Identität der Dinge mit sich selbst ab, er ignoriere jegliche Verschieden-
heit bzw. jegliche Beziehung auf die anderen Dinge, ja schlieÿe diese sogar aus

vgl. ders. 1977a, 18f; 1981, 377 . Der aristotelische Satz dagegen lasse auch die
Beziehung auf die anderen Dinge zu, er erkläre allerdings, dass Dinge eine Bezie-
hung auf andere Dinge nicht zugleich und in derselben Hinsicht haben und nicht

haben können vgl. ders. 1977a, 19; 1981, ebd. .
Wer nun wie Hegel neben der Identität der Dinge mit sich auch ihre Be-
ziehung auf andere Dinge geltend mache, behaupte gemessen am neuzeitlichen
Satz der Identität oder des Widerspruchs die reale Existenz von Wider-

sprüchen vgl. ders. 1977a, 19, 21; 1981, ebd. .

Berti gibt, abgesehen von Kant, nicht an, auf welche Autoren der neuzeit-
lichen Philosophie oder Logik er sich bezieht. Prol und Verortung des neuzeitli-
chen Satzes der Identität oder des Widerspruchs bleiben entsprechend unklar.
Von dem, was in der neuzeitlichen Philosophie und Logik jedenfalls unter dem
Titel Satz des Widerspruchs rmiert, wird man schwerlich sagen können, dass
es nichts mit dem aristotelischen Satz vom zu vermeidenden Widerspruch
- 15 -

zu tun habe. Man wird im Gegenteil eher sagen müssen, dass die neuzeitlichen
Fassungen des Satzes des Widerspruchs, mindestens bis inklusive die Fassungen
des vorkritischen Kant, an Aristoteles angelehnt sind. Ohne an dieser Stelle
systematischer darauf einzugehen vgl. dazu weiter unten S. 79  , sei nur ein
Blick auf Wolff und eben auf Kant geworfen.
Die Formulierung Wolffs: eri non possit, ut idem praedicatum eidem sub-
jecto sub eadem determinatione una conveniat & non conveniat Log. Ÿ529
Es ist nicht möglich, dass dasselbe Prädikat demselben Subjekt in derselben


tÄtä aÎtÄ
aÎtì
Hinsicht zugleich zukommt und nicht zukommt stellt  eine Wiedergabe von
Aristoteles Metaphysik, 1005 b 19f, dar vgl. oben S. 11 , bei der das  
 
dasselbe als idem praedicatum dasselbe Prädikat und das  
 
demselben als eidem subjecto demselben Subjekt aufgenommen ist.
Die weitere Formulierung Wolffs: eri non potest, ut idem simul sit & non
sit Ont. Ÿ29 Es ist nicht möglich, dass dasselbe zugleich ist und nicht ist
rezipiert Aristoteles Anal. pr., 53 b 15f: 
toÜto d ‚dÔnaton ... tä aÎtä ‰ma eÚnai te kaÈ oÎk eÚnai;
  ... dass dasselbe zugleich ist und nicht ist: dies aber ist

unmöglich bzw. die gleichwertige Stelle Metaphysik 996 b 29f. Friedrich Ue-
berweg spricht zu Recht von der Aristotelisch-Wolschen Formel: es ist un-

möglich, dass etwas zugleich sei und nicht sei, vgl. ders. 1874 , 207.
Wolff ebd. sieht sich selbst in der Folge des Aristoteles, wenn er schreibt
nachdem er zuvor den Satz des Widerspruchs in der gerade angeführten Ver-
sion vorgestellt hat : Principium autem Contradictionis jam olim adhibuit
Aristoteles  Des Prinzips des Widerspruchs aber bediente sich schon ehedem
Aristoteles .
Der von Ueberweg so genannten Aristotelisch-Wolschen Formel schlieÿt
sich noch der vorkritische Kant der Dilucidatio an: Principium contradictio-
nis ... eertur propositione:

impossibile est, idem simul esse ac non esse ebd.,
Sect. I, Prop. III Der Satz des Widerspruchs ... wird in dem Satz ausgedrückt:
es ist unmöglich, dass dasselbe zugleich ist und nicht ist .
In mindestens dreifacher Hinsicht n i c h t -aristotelisch ist dann sicher der
Satz des Widerspruchs der Kritik der reinen Vernunft : Keinem Dinge kommt
ein Prädikat zu, welches ihm widerspricht. Er verzichtet auf die Modalität un-
möglich sowie auf die Zeitbestimmung zugleich und zwar beides bewusst, vgl.
B191f und weist auch den Rekurs auf einen Satz und seine Negation nicht mehr
auf. Ob man aber sagen muss, dass er mit dem aristotelischen Widerspruchssatz
nichts zu tun habe, kann zumindest hinterfragt, wenn auch hier nicht entschie-
den werden.

Wenn Berti den Satz des Widerspruchs der Kantschen Kritik der rei-
nen Vernunft, Keinem Dinge kommt ein Prädikat zu, welches ihm widerspricht,
oenbar als eine Präsentation des neuzeitlichen Satzes der Identität oder des Wi-

derspruchs versteht vgl. Berti 1981, 375 , dann lässt er Hegel wie es bereits
die Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften tat

vgl. oben S. 5 eben diesen Kantschen Satz des Widerspruchs kritisieren.
Hegel würde so anerkennen, dass es Dinge gibt, denen Prädikate zukommen,
die ihnen widersprechen, und das hieÿe, wenn wir uns an Kants Beispielmaterial
orientieren, dass Hegel Dinge einräumen würde, die von der Art des Kör-
pers sind, der ausgedehnt und doch unausgedehnt ist, oder des Zirkels, der
rund und doch eckig ist, oder des ungelehrten Menschen, der gelehrt ist

vgl. Prol., ŸŸ2b, 52b; B192 .
- 16 -

b 
Desaströse Konsequenzen für Hegel werden abgewiesen



Für Emerich Coreth 1952 wird man, vor allem mit Blick auf Hegels
Ausführungen zu den Reexionsbestimmungen Identität, Unterschied und
 
Widerspruch in der Wissenschaft der Logik W24--64 II23--62 , zur Anerken-
nung gezwungen sein, daÿ Hegel in Formulierungen, die an Schärfe kaum zu über-
bieten sind, klar und grundsätzlich den Widerspruch im Sinne der formalen
Logik setzt und jede andere Deutung seines eigenen Widerspruchs ,
die formal-logisch annehmbar wäre, ebenso klar und ausdrücklich ablehnt

Coreth ebd., 50, vgl. a. ebd. 45 .
Zwar bedeute der Hegelsche Widerspruch bzw. Hegels negative Bezie-

hung keine reine Kontradiktion ebd. 41 . Das Verhältnis, das sich hier zeigt,
ist nicht unbestimmte Negation ... , sondern ein bestimmter Gegensatz k o r -
 
r e l a t i v e r Art ders. 1951, 71 , ein korrelativer Gegensatz ders. 1952, 42 5.
Die allgemeine Negation des A im Non-A ist verschärft durch Setzung eines
bestimmten Non-A = B ebd.. Für Coreth besteht der Hegelsche Wider-
spruch darin, dass A ... Non-B und B ... Non-A ist, bzw. dass das eine ...

nicht das andere ist; so ders. 1952, 29; ders. 1951, 61.
Dennoch bleibe das B auch als B ... Negation des A, also Non-A. Ein
korrelativer Gegensatz bedeutet ... m e h r , nicht weniger als Kontradiktion und

schlieÿt diese in sich ders. 1952, 42; Herv. von mir . Hegel handele sich
ebenso einen Bruch mit dem Kontradiktionsprinzip ein wie im Falle reiner
Kontradiktion ebd..
Erstaunlicherweise und wohl in Unvereinbarkeit mit dem bisher Gesagten
heiÿt es nun bei Coreth, dass ein korrelativer Gegensatz, wenn er auch den kon-

tradiktorischen einschlieÿt, diesen doch wesentlich einschränkt ebd. 51 . Gerade

durch die Setzung eines b e s t i m m t e n Non-A = B Herv. von mir werde
das Widerspruchsprinzip ... nicht negiert in der ganzen Breite seiner Geltung

ebd. 42 .
Ein Hauptargument all jener, die sich bemühen, Hegel freizusprechen von ei-
ner Negation des Widerspruchsgesetzes, brauche daher erst gar nicht angeführt
 
zu werden: Mit dem Widerspruch dem formallogischen, K. E. hebt das Denken
sich selbst auf, Philosophie wird unmöglich; das muÿ auch Hegel gesehen und

darum seinen Widerspruch anders verstanden haben vgl. ebd., 50 .
Mit einem nun oenbar doch formal-logisch annehmbar gedeuteten Hegel-
schen Widerspruch verschiebt sich die Sachlage ... wesentlich. Von grund-
sätzlicher Unmöglichkeit des Denkens evoziert durch den Hegelschen Wi-

derspruch  wird kaum noch die Rede sein können ebd. 51 .

 
5 Coreth greift hier Franz Grégoire 1946 und ders. 1947 auf, vgl. Co-

reth 1952 , 24, 41 und 50.
- 17 -


Klaus Düsing 1976 formuliert die Ansicht gestützt auf das Schluss-
kapitel der Wissenschaft der Logik sowie auf deren Kapitel über die Reexions-
bestimmungen , dass Hegels dialektisches Denken ... gegen den obersten
Grundsatz der klassischen Logik, den Satz vom zu vermeidenden Widerspruch,
verstoÿen muss Düsing ebd., 317; vgl. a. ebd., 225 , 319, und ders. 1984,

355  . Düsing spricht von dem durch die Hegelsche Dialektik ... gebotenen

Verstoÿ gegen den Satz vom Widerspruch ders. 1976, 321 . Er moniert bei
den nachhegelschen Theorien der Dialektik, dass ihnen das klare Bewuÿtsein
abhanden gekommen sei, dass die Dialektik einen rein logischen Widerspruch

impliziert ebd. 324 .

Einen Verstoÿ gegen den Satz vom Widerspruch konstatiert Düsing nicht
erst in der Wissenschaft der Logik , sondern bereits in Hegels Arbeiten der er-
sten Jenaer Jahre. Er verweist auf die auch oben S. 3 angegebenen Stellen D28
und Sk49 der Dierenzschrift und des Skeptizismusaufsatzes sowie 
auf Hegels
erste Habilitationsthese vgl. Düsing ebd., 97; ders. 1984, 325f . Sogar in ei-
nem der Frankfurter Fragmente Hegels, die Herman Nohl unter dem Titel
Der Geist des Christentums und sein Schicksal zusammenstellte ThJ 241--342
FS 274--297, 317--418; vgl. dazu Gisela Schüler 1963, 125f, 149 6, ndet
Düsing einen in seinem Geltungsbereich auf Aussagen des Verstandes einge-

schränkten Satz vom Widerspruch Düsing 1984, 321 . An der Stelle Was im
Reich der

Toten Widerspruch ist, ist es nicht im Reich des Lebens ThJ 308f
FS 376 sei mit dem Reich des Toten das Reich der xierten, unlebendigen,
endlichen Verstandesbestimmungen gemeint. Der Satz vom Widerspruch gelte
damit ontologisch nicht mehr universal; im Reich des Lebens gibt es Seiendes,

das der Verstand nur in Widersprüchen zu denken vermag Düsing ebd. .
Düsing nimmt hier auf eine weiter vorausliegende Passage desselben Frag-
ments Bezug, in der Hegel auf den Beginn des Johannesevangeliums

zu sprechen
kommt vgl. a. Düsing ebd., 320; ders. 1976, 66f .
Die Sätze Im Anfang war der Logos, der Logos war bei Gott, und Gott
war der Logos; in ihm war Leben es handelt sich um Hegels Übersetzung
der Verse Joh 1, 1. 4a hätten nur den täuschenden Schein von Urteilen, heiÿt
es dort, denn die Prädikate sind nicht Begrie, Allgemeines, wie der Ausdruck
einer Reexion in Urteilen notwendig enthält;

sondern

die Prädikate sind selbst
wieder Seiendes, Lebendiges ThJ 306 FS 373 .
Nirgend mehr als in Mitteilung des Göttlichen sei es nun für den Emp-
fangenden notwendig, mit eigenem tiefen Geiste zu fassen bzw. das Geistige
auch mit Geist auszudrücken ebd . Hingegen sei unmittelbar jedes über Gött-
liches in Form der Reexion Ausgedrückte widersinnig, und sei das Göttliche
dem Verstand, der es aufnimmt, Widerspruch ebd. . In welchem Sinne für
Hegel die Anfangssätze des Johannesevangeliums, wenn sie als in Form der
Reexion Ausgedrücktes gefasst werden, widersinnig sind, bzw. inwiefern sie
Hegel zufolge für den Verstand Widerspruch sind, gilt es hier nicht weiter

zu verfolgen.

6 Der Text von Fs 274--297, 317--418 folgt im Haupttext dem Text von
ThJ 241--342, übernimmt aber nur zum Teil dessen Fuÿnoten, die in der Mehrzahl
einen in Hegels Endfassungen gegenüber den Erstfassungen 
ausgeschiedenen
Textbestand bieten vgl. dazu Schüler ebd., 149 . FS 297--316 prä-
sentiert die bei Nohl im Anhang bendlichen Entwürfe Nr. 12 und 13
ThJ 385--398, 398--402 , davon der Entwurf Nr. 12 von Nohl als Grundkon-
zept zu Der Geist

des Christentums und sein Schicksal angesprochen vgl. ThJ
XI bzw. ebd. 385 .
- 18 -

Durch den Verstoÿ gegen den Satz vom Widerspruch werden Hegels Sätze
und Argumente freilich nicht willkürlich und unbestimmt in ihrer Bedeutung
derart, dass zu allem mit gleichem Recht das Gegenteil behauptet werden

könnte Düsing 1976, 227; ders. 1980, 146 . Hegel verhindert dies Düsing

1983, 94 , und zwar dadurch, dass er die Regel der Verwandlung kontradiktori-

scher in konträre Gegensätze von Begrien befolgt ders. 1980, ebd. . Aus dem
Nichtallgemeinen wird das Besondere, aus dem Nichtgleichen das Unglei-

che, aus dem Nichtpositiven das Negative ders. 1976, 180, 223 ; das Nicht-

Etwas wird als Anderes gedacht ders. 1980, 145 .
Diese Verwandlung kontradiktorischer in konträre Gegensätze von Begrien,

die seit Adolf Trendelenburg 1870 , Bd. 1, 43, immer wieder kritisiert
werde, erfahre bei Hegel keine Rechtfertigung Düsing ebd., 144; vgl. a. ders.

1983, 94 . Überhaupt habe sich Hegel über dieses Verfahren und seine Berech-

tigung theoretisch nicht geäuÿert Düsing 1976, 180 .
Düsing folgt im Wesentlichen der gleichen Argumentationslinie wie Coreth:
Wenn kein kontradiktorischer, sondern nur ein korrelativer bzw. ein konträ-
rer Gegensatz vorliegt, dann kann die Integrität des Denkens gewahrt werden.
Weder Coreth noch Düsing können jedoch überzeugen. Während Coreth
den Bruch mit dem Kontradiktionsprinzip, den er Hegel attestiert hatte,
schlicht wieder zurückzunehmen scheint, wird bei Düsing nicht hinreichend deut-
lich: 1. wie der Satz vom Widerspruch überhaupt verstanden wird dieser Ein-

wand wäre auch schon gegen Coreth zu richten ; 2. wie der Verstoÿ gegen den
Satz vom Widerspruch sich genau ausnimmt; 3. inwiefern der Verstoÿ gegen
den Satz vom Widerspruch trotz der Verwandlung kontradiktorischer in kon-
träre Gegensätze erhalten bleibt Düsing sagt nirgends, dass dieser Verstoÿ

revoziert würde und 4. inwiefern tatsächlich trotz des Verstoÿes gegen den Satz
vom Widerspruch die Unbestimmtheit des Denkens vermieden wird.
Dass diese Position, die wir in der Ja-Stellungnahme unter b

abgeteilt
haben und die schlagwortartig so formulierbar wäre: Missachtung des Satzes
vom Widerspruch und formallogische Widersprüche ja, Destruktion des Denkens
nein , dass diese Position, ausdrücklich jedenfalls, von vergleichsweise wenigen
Autoren eingenommen wird, und dass sie von den Autoren, die wir vorgestellt ha-
ben, nur auf unbefriedigende Weise eingenommen wird, dies mag als Indiz dafür
gelten, dass sie überhaupt nur mit vergleichsweise groÿen Schwierigkeiten bezo-
gen werden kann.

g 
Es werden desaströse Konsequenzen für Hegel ins Feld geführt


Ein entschiedener Protagonist dieser Position und vielleicht ihr wichtigster


Vertreter im 19. Jahrhundert ist der bereits eingangs herangezogene Eduard

von Hartmann 1868 .
E. v. Hartmann zufolge ist Hegel nicht nur, was eine Aufhebung des Sat-
zes vom Widerspruch anbelangt, von jeher ... angegrien worden vgl. oben

S. 2 , Hegel ist auch in diesem Punkt von jeher z u R e c h t angegrien wor-
den: Die Aufhebung des Satzes vom Widerspruch sei conditio sine qua non
für die Existenz der Dialektik, durch welche sie sich erst von der gemeinen Lo-

gik unterscheidet E. v. Hartmann 1868, 41 . Es sei eine ganz irrthümliche
- 19 -

Annahme, dass d e r Widerspruch, welcher in der gemeinen Logik das Kriterion


des Unsinns ist, und d e r Widerspruch, auf dem die Dialektik fuÿt, z w e i e r -

l e i Dinge seien ders. ebd., 45; Sperrungen im Original .

E. v. Hartmann stützt seine Ansicht auf den bereits oben S. 3 erwähnten
Hegelschen Satz Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend vgl. E. v.

Hartmann ebd., 40
7 sowie auf den oben ebd. erwähnten  Ÿ48 der Enzyklopä-

die, dem zufolge sich die Antinomie nicht nur, wie Kant lehre, in den vier
besonderen, aus der Kosmologie genommenen Gegenständen bendet und ih-
nen wesentlich und notwendig ist , sondern in allen Gegenständen aller
Gattungen, in allen Vorstellungen, Begrien und Ideen vgl. E. v. Hartmann

ebd. .
E. v. Hartmann führt darüber hinaus an, dass für Hegel das Aussprechen
einer Wahrheit mittels zweier Sätze erfolge, die sich widersprechen, indem
der eine die I d e n t i t ä t, der andere die V e r s c h i e d e n h e i t ... der Gegen-

sätze ausspricht vgl. ders. ebd., 41 . E. v. Hartmann dürfte hier die Hegelsche
Lehrmeinung im Auge haben, dass der Satz, in F o r m e i n e s U r t e i l s, nicht
  
geschickt ist, spekulative Wahrheiten auszudrücken S83 I76 : Das positve
Urteil, eine  i d e n t i s c h e Beziehung zwischen Subjekt und Prädikat, drückt
nicht mehr das N i c h t i d e n t i s c h e des Subjektes und Prädikates aus, das,

wenn der Inhalt spekulativ ist, allerdings wesentliches Moment ist ebd. . Um

diesen Mangel ebd. zu beheben, müsste die nächste Ergänzung des positi-

ven Urteils, das negative Urteil, wenigstens ebensosehr beigefügt werden
 
B295 II495 .
E. v. Hartmann resümiert:

Das Resultat ist demnach dies: der Widerspruch ist in allen D i n g e n


und in allen B e g r i f f e n wesentlich und notwendig, oder: jedes E x i -
s t i e r e n d e ist ein sich Widersprechendes, und jede Wahrheit kann nur
in sich Widersprechendem ihren Ausdruck nden.
Dem gegenüber laute der Satz vom Widerspruch: Das sich Widersprechende kann
nicht s e i n, und das sich Widersprechende kann nicht w a h r sein ebd.. Wenn
letzterer Satz nicht durch ersteren aufgehoben werde E. v. Hartmann
sieht durch die Konjunktion oder wohl zwei Versionen ein und desselben Satzes
verknüpft , so wisse er nicht, was man unter Aufheben eines Satzes verstehen

soll ebd. .

Was nun die Consequenzen ebd. 45 der Aufhebung des Satzes vom
Widerspruch angeht, so entfällt mit dieser Aufhebung das Minimum von
gemeinschaftlicher Basis, ohne welche überhaupt kein Streiten denkbar ist,

wenigstens keine Ueberführung der Unrichtigkeit ebd. 39 . Denn  a l l e negati-
ve Kritik so E. v. Hartmanns grundlegende Annahme beruhe letztlich auf
dem N a c h w e i s v o n W i d e r s p r ü c h e n, seien es nun Widersprüche in sich

apriorische Unmöglichkeit , oder Widersprüche gegen unanfechtbare Tatsachen

7 E. v. Hartmann zitiert diesen Satz unexakt unter Auslassung des Wörtchens


an so: Alle Dinge sind sich selbst widersprechend.
- 20 -

 
empirische Unmöglichkeit  ebd. 38 . Speziell lasse sich der echte Dialektiker
für sein eigenes Bewuÿtsein a u f k e i n e W e i s e a d a b s u r d u m f ü h r e n 

ebd. 43 8.

Es schwindet die Möglichkeit alles Denkens überhaupt ebd. 45 sowie alle
Möglichkeit von Wissenschaft, insbesondere die Methode der Mathematik, die
E. v. Hartmann als nur auf dem Satz des Widerspruchs beruhend ansieht
 
ebd. 92 . Die Möglichkeit der Mittheilung ebd. 45 und des menschlichen

Verkehrs überhaupt ebd. 92 ist dahin.
Der Dialektiker, der das Durchdrungensein alles Existierenden vom

Widerspruch ebd. 94 behauptet, sieht anders als allgemein üblich keinen An-
lass, beim Auftreten eines Widerspruchs nach einem Fehler zu suchen und den

Widerspruch allmählig zu z e r s e t z e n vgl. ebd., 38, 91 . Wenn bei Hegel von
einer A u f l ö s u n g des Widerspruchs die Rede sei, dann sei keineswegs eine
w i r k l i c h e A u f l ö s u n g gemeint, d. h. eine Z e r s t ö r u n g des den Wi-

derspruch erzeugenden S c h e i n s  vgl. ebd., 90 . Eine Sanktionirung und ein

Fortbestehen des Widerspruchs sei durchaus eingeschlossen vgl. ebd. . E. v.
Hartmann spricht von einem am Widerspruch sich labenden dialektischen Stand-

punkt ebd. 54 und diagnostiziert die Dialektik als eine krankhafte

Geistesverirrung ebd. 124; vgl. a. ebd., 94f .
Die Behauptung des Durchdrungensein alles Existierenden vom Widerspruch

ist aber in sich unwahr ebd. 94 . Wäre sie in sich wahr, würde sie im Übrigen
nur zum Skepticismus und der Verzweiung des Denkens an sich selbst führen,

ebd. 123. Die Existenz der Widersprüche erhält der Dialektiker durch gewisse

Arten von Sophismen vgl. ebd., 90, 94 , die E. v. Hartmann im Einzelnen

ausführt vgl. ebd., 75--90 . Fazit: Der Widerspruch wird nur da g e f u n d e n,

wo er zuvor b e g a n g e n wurde ebd. 94f .

Adolf Phalén 1912 gelangt in Betrachtung der Ausführungen, die die
Wissenschaft der Logik den Reexionsbestimmungen widmet, zu der Feststel-
lung, dass das Gesetz des Widerspruchs von Hegel verneint werde jeden-
falls wenn man dieses Gesetz dahingehend verstehe, dass es besagt, dass das
Urteil: A ist B und das Urteil: A ist nicht B nicht beide zugleich wahr sind

Phalén ebd., 183 . Es tut dem Gedanken keinen Abbruch, dass das Gesetz
des Widerspruchs genauer, so Phalén ebd.,  s o w o h l verneint a l s bejaht

werde; Herv. von mir . Wer bestreite, dass mit Hegels Widerspruch der lo-
gische Widerspruch gemeint sei d. i. Bejahung und Verneinung ein und des-
selben Begris von ein und demselben , der hebe so gut wie jeden Gedan-
kengang bei Hegel auf und gebe die ganze Hegelsche Methode preis vgl.

Phalén ebd., 174, 180f . In der Verwerfung des Gesetzes des Widerspruchs

8 Der Text E. v. Hartmanns gibt, wenn ich recht sehe, keine Anhaltspunkte
dafür her, dass mit dem Dialektiker nicht stets auch Hegel selbst gemeint
ist. Es ist so nicht auszuschlieÿen inwieweit es zutrit, kann hier nicht weiter
verfolgt werden , dass E. v. Hartmann d e m Dialektiker Dinge imputiert,
die sich vielleicht bei den Hegelianern oder dem einen oder anderen von ihnen
nden etwa bei dem von E. v. Hartmann ebd., 39f, erwähnten Carl Ludwig
Michelet , bei Hegel selbst aber gar nicht anzutreen sind.
- 21 -


liege das eigentümlich Neue und Kühne der Hegelschen Konstruktion ebd. 183 .
Jede spekulative Begrisverbindung darauf verweist Phalén mit Be-

zug auf die wohl auch von E. v. Hartmann angezielten Stellen S82 I76 und
 
B295 II495 vgl. oben S. 19 müsse sowohl durch das positive als durch das

negative Urteil ausgedrückt werden Phalén ebd., 180 . Es seien Urteile: A

ist B und: A ist nicht B ... beide wahr ebd. 152; vgl. a. ebd. 174 bzw. beide

sowohl wahr als falsch ebd. 179; vgl. a. ebd. 181 .

Phalén

kritisiert an Karl Rosenkranz

1858 , Carl Ludwig Michelet
1876 und Johann Jakob Borelius 1881 , dass sie sich weigerten, Hegels
Widerspruch als logischen Widerspruch anzuerkennen, und Hegel vom
logischen Widerspruch dadurch zu entlasten suchten, dass sie ihn statt des
Urteilspaars
A ist B, A ist nicht B
das Urteilspaar
A ist B, A ist Nicht-B

behaupten lieÿen vgl. Phalén ebd., 173--178 . Das Urteil A ist Nicht-B wäre
an die Stelle des Urteils A ist nicht B getreten.
Der Entlastungsversuch tauge ohnehin nicht, da das Urteil
A ist Nicht-B
das Urteil
A ist nicht B
nach sich ziehe, der logische Widerspruch sich also wieder einstelle vgl. ebd.,
178 . Wir hatten gesehen, dass Richard Kroner 1924 der 
Phalénschen
Stellungnahme zu den genannten Autoren folgt. Vgl. oben S. 8.

Wenn positives wie entsprechendes negatives Urteil zugleich gelten sollen,


Urteile A ist B und A ist nicht B jeweils gleichzeitig wahr und falsch sein
 
sollen ebd. 181 , dann werde das Wahre falsch und das Falsche wahr ebd. 171 .

Dies aber sei  widersinnig ebd. 167 , hebe die Möglichkeit jeglicher Erkenntnis
 
auf vgl. ebd., 171 und ebne dem reinen Skeptizismus den Weg vgl. ebd., 152 .
Hegel fordere zwar, dass der Widerspruch gelöst werden soll Phalén

ebd., 169 . Dass aber ein Begri in einem Anderen aufgehoben ist, bedeute,

dass er darin sowohl bejaht als verneint ist ebd. . Der im Begri B aufge-
hobene Begri A ist zum einen identisch mit dem Begri B es gilt das Ur-

teil A ist B vgl. ebd., 162 , zum anderen ist er unterschieden vom Begri B

es gilt das Urteil A ist nicht B vgl. ebd., 166; vgl. a. ebd., 174, 180 . In der
Lösung bleibt der Widerspruch die gleichzeitige Geltung der Urteile A ist B

und A ist nicht B ungelöst bestehen ebd. 169 9. Von der Verwerfung des
Gesetzes des Widerspruchs, des äussersten und notwendigsten Fundamentes al-

les Denkens ebd. 173 , gibt es kein Zurück mehr.

9 Weil der Widerspruch für Phalén ungelöst bleibt, es eine eigentliche


Lösung für ihn also nicht gibt, dürfte das Wort Lösung in dem zitierten Satz
so zu nehmen sein, als wenn es in Anführungszeichen gesetzt wäre.
- 22 -


Heinrich Scholz 1931 zufolge verlangt die Hegelsche Logik die Aufhe-
bung des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch für das ganze spekulative
 

Denken Scholz ebd., 75 Fn. .

Die Hegelsche Logik beginne nicht nur mit der Aufhebung des Satzes
vom ausgeschlossenen Widerspruch, sondern weiterhin mit der Aufhebung

 des
Satzes vom ausgeschlossenen Dritten vgl. Scholz ebd., 18 . Sie behaupte

für jede Aussage das weder Wahr- noch Falschsein ebd. 34 . Im Gegensatz zu
Phalén, der bei Hegel Urteile ausmacht, die ebensogut wahr wie falsch sind

vgl. die vorige Seite , sieht Scholz also bei Hegel die Urteile generell ihrer
Wahrheitswerte beraubt.

Die formale Aristotelische Logik die eine Einschränkung des Satzes


vom ausgeschlossenen Widerspruch nicht kenne, dieser Satz bilde ihr Noli me
tangere werde von Hegel in Grund und Boden kritisiert Scholz ebd., 75

Fn.; ders. ebd., 11 . Hegel belaste dadurch sein ungeheures Lebenswerk mit
einem Unheil ... , das kaum zu überschätzen ist und das bei seiner kosmischen
Ausbreitung die ernste Arbeit an der Logik im Aristotelischen Sinne ... noch
heute d. i. zu Beginn der dreiÿiger Jahre des 20. Jahrhunderts sehr emp-

ndlich drückt Scholz ebd., 11f .

Scholz gesellt Hegel den frühscholastischen Theologen Petrus Damiani



bei vgl. Scholz ebd., 75 Fn. , der mit seiner Kriegserklärung gegen den Satz
vom ausgeschlossenen Widerspruch wohl den ersten unzweideutigen Versuch
unternehme, die 
Aristotelische Logik für die Theologie explizit auÿer Kraft zu
setzen ebd. 38 10.
In Petrus Damianis De divina omnipotentia heiÿt es: Quae ... contraria
sunt, in uno eodemque subiecto congruere nequeunt. Haec impossibilitas recte
quidem dicitur si ad naturae referatur inopiam. Absit autem ut ad 
maiestatem
sit applicanda divinam ...  De divina omnipotentia, Cap. XII, 118 Was ... ent-
gegengesetzt ist, kann nicht in ein und demselben Subjekt zusammentreen. Diese
Unmöglichkeit wird ... sicherlich zu Recht behauptet, wenn sie auf die Ohnmacht
der Natur bezogen wird. Es liege aber fern, sie an die Gröÿe Gottes heranzu-
tragen ...  .  
Die Macht Gottes divina virtus 
 würde sonst als unvermögend impotens
vorgeführt vgl. ebd., Cap. VI, 80 . Denn: Iuxta frivolae quaestionis obloquium,
non praevalet Deus agere, ut vel quae dudum facta sunt, facta 
non fuerint, vel
e diverso quae facta non sunt, facta fuerint usw. ebd. 80 Gemäÿ dem Ein-
spruch der albernen Untersuchung welche unbedingt den angeführten Satz
Quae contraria sunt ...  zugrundelegt vermag Gott nicht ins Werk zu setzen,
dass entweder, was längst geschehen ist, nicht 
geschehen ist, oder im Gegenteil,
was nicht geschehen ist, geschehen ist usw. .
Es habe zu gelten:  ... artis humanae peritia, si quando tractandis sacris

elo-
quiis adhibetur, non debet ius magisterii sibimet arroganter arripere, sed debet 
v e l u t a n c i l l a dominae quodam famulatus obsequio subservire ebd. 78 80;
Herv. von mir  ... die Kenntnis der menschlichen Fertigkeit gemeint ist,
wie der Kontext erkennen lässt, die Kenntnis der Logik , wenn sie jemals zur
Behandlung der heiligen Reden herangezogen wird, darf nicht anmaÿender Weise


10 Theodor G. Bucher 1989 wehrt seit der Mitte des 20. Jahrhunderts auf-
tretende Bestrebungen ab, Petrus Damianis heftige Angrie auf die Logik 

gegen die bis dahin jedenfalls maÿgebliche Studie von J. A. Endres 1910 her-
unterzuspielen vgl. insbesondere Bucher ebd., 267  .
- 23 -

das Recht auf Unterweisung ergreifen, sondern muss sich w i e e i n e M a g d ih-


rer Herrin in dienstbereitem Gehorsam unterwerfen .
Man könnte diese Forderung Petrus Damiani 
s das Prinzip der Logica
ancilla theologiae nennen vgl. Scholz ebd. . Bucher spricht vom 
Damia-
niprinzip der Philosophie als ancilla theologiae ders. ebd., 300 . Das Kom-
positum ancilla theologiae ndet

sich, wenn wir Bucher ebd. Fn. folgen, wohl
bei Petrus Damiani n i c h t .
Ob und inwiefern Hegel in die Geschichte dieses von Petrus
Damiani vorexerzierten, aber auch von anderen christlichen Theologen prakti-

zierten theologischen Antilogismus vgl. Scholz ebd., 38 Fn., 75 Fn. eingereiht
werden muss, das wird im Auge zu behalten sein.
Scholz selbst scheint den Gedanken nicht gehabt zu haben, dass bei Hegel

ein theologischer Antilogismus vorliege vgl. ebd., 75 Fn. . Er stöÿt aber dazu
an, wie ich nde, diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen vgl. ebd. .

Gerhard Stammler 1936 sieht in der hegelschen Logik einen Sonder-
fall der nicht-aristotelischen Logik vor sich, in der der Satz des Widerspruches

nicht gilt Stammler ebd., 50, 103; vgl. a. ebd., 59 . Der Widerspruch im

hegelschen Sinne  meine ein sich denknotwendig Ausschlieÿendes, das doch
kraft seines denknotwendigen Daseins eben notwendig sich Forderndes sei ebd.

102 . Hegel habe sich für berechtigt gehalten, wahrzunehmen ... , daÿ
gedanklich Unvereinbares in der Wirklichkeit zusammen i s t , woraus dann die
Forderung entsprungen sei, gedanklich Unvereinbares d o c h gedanklich zu ver-

einen ebd. .
In einer solchen dialektischen Logik, in der der Satz des Widerspruches

nicht gilt, kann  a l l e s gefolgert werden ebd. 59 , ist alles beweisbar  ebd.

103 . Die dialektische Logik ist insofern die reichste Logik, die überhaupt

möglich ist ebd. 59 . Sie ist aber eben wegen der durchgängigen Beweisbar-

keit von allem nur eine triviale Logik ebd. 118 Fn. 3 . Das Wort beweisen
verliert seinen Sinn, wie überhaupt alle Logik so ihren Sinn verlöre vgl. ebd.,

103 .
Nur einem feinen philosophischen Takt oder der bewuÿten oder unbewuÿ-
ten Abhängigkeit von Autoritäten verdankt es der Dialektiker, wenn seine Arbeit

einsichtige Ergebnisse fördert ebd. 102; im Original durchgehend gesperrt .
 
Die Passagen Stammlers 1936 , aus denen wir zitiert haben 
ebd. 53 , 98  ,
behandeln die beiden Logiker der hegelschen Schule ebd. 49 Johann Eduard
Erdmann und Carl Ludwig Michelet, meinen aber, jedenfalls soweit wir auf
sie zurückgegrien haben, mit dialektischer Logik oder dialektischer Methode
keine spezisch Erdmann

sche oder Micheletsche, sondern  a l l e Dialektik
ebd. 58, vgl. a. 102, und das ist für Stammler augenscheinlich die hegelsche
Dialektik ebd. 101 .
Wenn die dialektische Methode zwar auch in der Neuprägung anerkannter-
maÿen von Fichte stamme, so sei sie doch von Hegel mit derartiger Entschie-
denheit angewendet worden, daÿ 
sie als regelrecht hegelisch von der damaligen
Zeit angesehen wurde ebd. 51 . Stammler entspricht dieser Ansicht, wenn er
die dialektische Methode gemeinsam mit der Anerkennung eines reinen Den-
kens und der Lehre von der Identität von Denken und Sein zu denjenigen
Lehrstücken der hegelschen Logik zählt, die hegel-kennzeichnend sind und
nicht bewuÿt aufgegeben werden dürfen, soll noch Zugehörigkeit

zur hegel-
schen ... Schule angenommen werden können ebd. 50  .
- 24 -


Karl Raimund Popper 1963 knüpft deutlich an den von ihm nicht er-

wähnten E. v. Hartmann 1868 an. So bescheinigt Popper den dialecticians
an attack on the so-called law of contradiction, dialecticians claim that this
law of traditional logic must be discarded Popper ebd., 316; vgl. E. v. Hart-

mann ebd., 41, 45, sowie oben S. 18  . Im Verweis auf die fruitfullness of con-
tradictions contradictions ... are ... indeed the moving forces of any progress
of thought, konzediert Popper lehrten dialecticians, that ... contradictions
need not be avoided ebd. 316, 322; der Gedanke der Fruchtbarkeit der Wider-

sprüche taucht bei E. v. Hartmann allerdings, explizit jedenfalls, nicht auf .
Dialecticians ... even assert that contradictions cannot be avoided, since they
occur everywhere in the world ebd. 316, Herv. von mir; vgl. E. v. Hartmann

ebd., 41, 91, oben S. 19 .
In Konsequenz der Aufhebung des Widerspruchsgesetzes und des Zulas-
sens von Widersprüchen all criticism would lose its force Popper ebd., 317;

vgl. E. v. Hartmann ebd., 39, 43, oben S. 19f . For criticism invariably con-
sists in pointing out some contradiction; either a contradiction within the theory
criticized, or a contradiction between the theory and another theory ... , or a
contradiction between the theory and certain facts Popper ebd.; vgl. E. v.

Hartmann ebd., 38, oben ebd. . Insbesondere wäre Kritik an den Dialektikern

selbst nicht mehr möglich vgl. Popper ebd., 328f . Hegel beispielsweise, by
holding that contradictions do not matter, makes his system secure against any
sort of criticism or attack and thus it is dogmatic in a very peculiar sense
Popper möchte von einem reinforced dogmatism reden Popper ebd., 327;

vgl. E. v. Hartmann ebd., 43, oben S. 20 11.

Überhaupt schlieÿt Popper auch insofern an E. v. Hartmann 1868 an

vgl. oben S. 20 Fn. 8 , als er, im ersten Teil seines Essays, ganz allgemein von
den dialecticians spricht, aber doch wohl so zu verstehen ist, dass er speziell
Hegel mit einbegreift: Nicht nur ist Hegel neben Platon und Friedrich
Engels einer der Autoren, die im ersten Teil des Essays beiläug als einzige
Kandidaten für die dialecticians vorgeführt werden vgl. Popper ebd., 313f,

323 . Es tauchen auch die gerade angeführten, dem ersten Teil des Essays ent-
stammenden Äuÿerungen Poppers über die dialecticians und den criticism
im zweiten, ausdrücklich der Hegelian dialectic gewidmeten Teil des Essays
wieder auf im Wesentlichen unverändert, aber eben auf Hegel appliziert vgl.

Popper ebd., 327  .

Das Vorgehen Poppers in seinem Essay ist kritikwürdig. Der erste Teil, mit
Dialectic explained überschrieben der zweite Teil gilt, wie gesagt, der Hege-
lian dialectic, der dritte der Dialectic after Hegel und behandelt Karl Marx

 
11 Gegen die deutsche Übersetzung von Popper 1963 , ders. 1967 , 279, die
das im vorletzten Zitat auftretende Personalpronomen it auf den Ausdruck
Hegel's method of superseding Kant referieren lässt Popper 1963, 327;
Hegels Methode, Kant zu übertreen, ... ... ist daher dogmatisch in einem ganz

besonderen Sinne , beziehe ich besagtes it auf das Substantiv system. Dafür,
dies zu tun, spricht die Rede von den other dogmatic systems im folgenden, ein-
geklammerten Satz vgl. Popper ebd., 327 , in der eben das Adjektiv dogmatic
klarerweise auf system bzw. systems bezogen wird.
- 25 -

und Friedrich Engels , gibt nur äuÿerst spärliche Hinweise darauf, wer mit
den Dialektikern gemeint sein könnte. Er lässt nicht erkennen, woher das Kon-
zept von Dialektik stammt, das Popper doch erklären möchte. Dieser erste
Teil des Essays hängt philosophiegeschichtlich in der Luft.
Wenn Poppers Dialektik -Konzept aus anderen als den genannten Quellen
Hegel, Marx, Engels gespeist sein sollte, dann wären auch diese zu be-
handeln. Eine solche Behandlung erfolgt aber nicht.
Wenn nun Hegel, Marx und Engels bei der Bildung des Popperschen
Dialektik -Konzepts Pate gestanden haben sollten, dann wäre Poppers Dia-
lektik an diesen Autoren allererst zu entwickeln. Andernfalls stieÿe Popper
bei diesen Autoren auf eine Dialektik, die er doch zuvor nur von ihnen abgezo-
gen hätte. Sollte ein allgemeiner Dialektik-Teil dann noch nötig oder sinnvoll
sein, wäre dieser der Behandlung der genannten Autoren nicht voraus-, sondern
hinterherzuschicken.

Popper geht darin über E. v. Hartmann hinaus, dass er den Gedanken


präzisiert, dass die Aufhebung des Satzes vom Widerspruch bzw. das Zulas-

sen von logischen Widersprüchen alle Möglichkeit von Wissenschaft zerstört

vgl. E. v. Hartmann ebd., 92, oben S. 20 , a complete breakdown of science

Popper ebd., 317 bedeutet. Schon Stammler hatte diesen Gedanken dahin-
gehend enggeführt, dass in der dialektischen Logik alles beweisbar sei; vgl.

oben S. 23. If two contradictory statements are admitted , so heiÿt es bei Pop-

per, any statement whatever must be admitted  ebd. . Die Begründung: From
a couple of contradictory statements any statement whatever can be validly

inferred ebd. .
Dass von einem Paar kontradiktorisch entgegengesetzter Aussagen eine be-
liebige Aussage gültigerweise hergeleitet werden könne, demonstriert Popper
folgendermaÿen:
Es seien p und non-p das Paar der zugelassenen kontradiktorisch entgegen-
gesetzten Aussagen, q sei eine beliebige Aussage.

Über die gültige Schlussregel rule of inference, ebd. 318

 p
1
p∨q
sie besagt: From a premise p ... any conclusion of the form `p ∨ q' ... may be

validly deduced ebd. erhält man im Ausgang von der Prämisse p die Konklu-

sion p ∨ q lies: p ∨ q als p oder q ; das oder ist nicht ausschlieÿend gemeint.
Über die weitere gültige Schlussregel


non-p
2 p∨q
q
sie besagt: From the two premises non-p, and p ∨ q, we obtain the conclu-

sion q ebd. 319 erhält man im Ausgang von der Prämisse non-p und der

über die Schlussregel 1 erhaltenen Prämisse p ∨ q die Konklusion q.
Insgesamt: Nach Vorgabe der kontradiktorisch entgegengesetzten Aussagen p
 
und non-p wird in Anwendung der gültigen Schlussregeln 1 und 2 jede belie-
- 26 -


bige Aussage q erschlieÿbar vgl. ebd., 318f . 12
Den gleichen Eekt erzielt man auch über die einzige, gültige Schlussregel


p
3 non-p
q
 
vgl. ebd., 320f; bei Popper handelt es sich um die Schlussregel 7 . Ihr zufolge
kann nach Vorgabe von p und non-p direkt auf eine beliebige Aussage q geschlos-
sen werden.
 
Popper 1959 auf den Popper 1963 selbst verweist vgl. ebd., 317
Fn. 6; die deutsche Übersetzung gibt diesen Verweis nicht wieder, vgl. ders. 1967,

289 Fn. 6 bietet noch eine weitere Variante: Die Schlussregel


p
4 pq
,
q
die Abtrennungsregel oder der modus ponens sie besagt, dass die Prämis-
sen p und p  q den Schluss auf die Konklusion q erlauben , liefert mit den
Prämissen
p∧p

für p und

p∧p q
 
entsprechend für p  q die Konklusion q vgl. Popper 1959 Abschn. 23 , 91,
Fn. * 2; das Zeichen ist an die Stelle des non getreten; die Zeichen ∧ und 

seien als und bzw. als wenn - dann gelesen, vgl. weiter unten S. 143 .
Hier formuliert die erste Prämisse die Konjunktion der bisher nur einzeln als
Prämissen aufgetretenen Aussagen p und non-p bzw. p. Die zweite Prämisse
gewinnt Popper, indem er auf das im Logiksystem der Principia Mathematica
Alfred Whiteheads und Bertrand Russells herleitbare Theorem

p pq
 
Whitehead Russell 1910, *2.21 und auf das ebenfalls dort über das Impor-

.
tations-Theorem *3 31 herleitbare Theorem
    
p pq  p∧p q

erneut den modus ponens anwendet vgl. Popper ebd. .

1. Ein weiterer Verweis in Popper 1963, 317 Fn. 6 der in der ursprüngli- 
chen Fassung Popper 1940 noch 
keine Entsprechung hat vgl. ebd., 408 Fn. ,
vgl. aber auch schon ders. 1941 , 311  , macht auf Šukasiewicz 1935 auf-
merksam. Dort werde gezeigt, dass bereits Duns Scotus gewusst habe, dass

12 Poppers kleine lateinische Buchstaben p, q, etc. stehen, wie seine Beispiels-


aussagen zeigen, sowohl für Primaussagen,

d. h. logisch nicht zusammengesetzte
Aussagen vgl. weiter unten, ebd. , wie auch für logisch zusammengesetzte Aus- 
sagen, speziell für Negationen, All- und Existenzaussagen vgl. ders. ebd., 319f .
- 27 -

aus einem Paar kontradiktorisch entgegengesetzter Aussagen



jede beliebige Aus-
sage herleitbar sei vgl. Šukasiewicz ebd., 124, 130f . Die von Šukasiewicz
herangezogenen Texte Quaestiones super librum 
I Priorum und Quaestiones
super librum II Priorum vgl. ders. ebd., 130f , als deren Verfasser er mit Carl
Prantl 1855 70, Bd. III, 139 , auf den er sich stützt, Duns Scotus ansieht,
werden mittlerweile n i c h t mehr Duns Scotus zugeschrieben

vgl. dazu etwa
Tullio Gregory 1968, VI; William A. Frank Allan B. Wolter 1995,
  
15 Fn. 31 . Wenn wir Johannes Bendiek 1952 und Benson Mates 1965
folgen, dann entstammen beide Texte einem unbekannten Autor, der mit ei-
nem Hilfsnamen als Pseudo-Scotus bezeichnet wird 
vgl. Bendiek ebd., 205,
Mates ebd., 132; vgl. a. V. Muñoz Delgado 1976 .
Šukasiewicz führt u. a. Quaestiones super librum II Priorum, Q. III, 3,
an. Wir nden dort, dass ad quamlibet propositionem, quae manifeste implicat
contradictionem, sequitur formaliter quaelibet alia aus einer beliebigen Aus-
sage, die oensichtlich einen Widerspruch beinhaltet, formal eine beliebige ande-
re folgt . Ebenso äuÿert sich Pseudo-Scotus bereits in den Quaestiones super

librum I Priorum, Q. X, 14. Pseudo-Scotus gibt das Beispiel: Socrates currit
et Socrates non currit; igitur tu es Romae Q. s. l. II Pr., ebd. Sokrates läuft
und Sokrates läuft nicht; also: du bist in Rom . Er argumentiert:
Ad dictam copulativam sequitur quaelibet ejus pars gratia formae, tunc
reservata ista parte, Socrates non currit, arguatur ex alia sic: Socrates
currit; igitur Socrates currit, vel tu es Romae, quia quaelibet propositio
infert seipsam formaliter cum qualibet alia, in una disjunctiva; et ultra
sequitur, Socrates currit, vel tu es Romae, sed Socrates non currit, ut
reservatum fuit; igitur tu es Romae, quod fuit probatum per illam regu-
lam, Ex disjunctiva cum contradictoria

unius partis ad reliquam partem
est bona consequentia ebd. . Aus der genannten und-Aussage folgt
jeder ihrer Teile der Form wegen. Dann, unter Aufbewahrung des Teils
Sokrates läuft nicht, möge aus dem anderen das Folgende dargetan wer-
den: Sokrates läuft; also: Sokrates läuft oder du bist in Rom, weil eine
beliebige Aussage sich selbst formal mit einer beliebigen anderen in ei-
ner oder-Aussage zur Folge hat. Und des Weiteren folgt, Sokrates läuft,
oder du bist in Rom, aber: Sokrates läuft nicht, wie aufbewahrt wurde;
also: du bist in Rom, was durch jene Regel bewiesen wurde: Aus einer
oder-Aussage erhält man mit der entgegengesetzten

Aussage des einen
Teils eine gute Konsequenz auf den übrigen Teil.
Eine exakte Argumentationsparallele bietet Pseudo-Scotus, Q. s. l. I Pr.,
ebd., für das Beispiel Socrates est, et Socrates non est; igitur homo est asinus 
Sokrates existiert, und Sokrates existiert nicht; also: der Mensch ist ein Esel  .
Wenn wir Pseudo-Scotus so verstehen dürfen, dass er S c h l ü s s e präsen-
tiert dafür spricht die Verwendung des 
igitur, aber auch die ausdrückliche

Bezeichnung regula vgl. a. ders., ebd. , und zwar a die Schlüsse von der
Prämisse Socrates currit et Socrates non currit  auf die Konklusionen

Socrates
non currit  und Socrates currit  gemäÿ den modern notierten Schlussregeln
 p∧q
5a
q
und
 p∧q
5b ,
p

b den Schluss von der Prämisse Socrates currit  auf die Konklusion Socrates
currit, vel tu es Romae  gemäÿ der Schlussregel
 p
6
p∨q
- 28 -


und c den Schluss von den beiden Prämissen Socrates currit, vel tu es Romae
und Socrates non currit  auf die Konklusion tu es Romae gemäÿ der Schluss-
regel
p∨q
 p
7 ,
q
dann werden wir 
sagen

können, dass Popper 
s Gedankengang, der sich der
Schlussregeln 1 und 2 bedient vgl. oben S. 25 
, bei Pseudo-Scotus in der Tat
vorgebildet ist: Die Schlussregeln 5a und 5b benötigt Popper nicht, weil er die
kontradiktorisch entgegengesetzten Aussagen p und p bereits als zugelassen
voraussetzt. Diese Aussagen wären aber in Analogie zum Vorgehen 
des Pseudo

-
Scotus aus der Konjunktion p ∧ p über die Schlussregeln 5a und 5b mit
  
für q leicht herleitbar.  Die Schlussregel 6 stimmt mit der Schlussregel
1
überein. Die Schlussregel 7 unterscheidet sich von der Schlussregel 2 nur durch
die unerhebliche Vertauschung der Prämissen.
Gegen den von Šukasiewicz 1935, 121f, erweckten Eindruck wäre festzu-
halten, dass es sich bei der Schlussregel 7 bzw. 2 n i c h t um das dem Stoiker
 

Chrysipp zugeschriebene fünfte ‚napìdeikton bzw. um den fünften unbeweisba-


ren Syllogismus der Stoiker handelt, vgl. Šukasiewicz ebd. wenn man davon
ausgeht, wie Šukasiewicz selbst es tut, vgl. ders. ebd., 116f, vgl. aber auch
etwa Michael Frede 1974, 94f, dass das oder des Chrysipp ausschlieÿend,
d. h. im Sinne des entweder-oder
, und eben nicht nicht-ausschlieÿend gemeint
  
ist. Die Gültigkeit der unter 5a , 5b , 6 und 7 gefassten Schlussregeln deren
oder das nicht-ausschlieÿende ist konnte Pseudo-Scotus den Summulae
logicales des

Petrus Hispanus entnehmen, vgl. Šukasiewicz ebd., 121f, 130
Anm. 38f.
 
2. Harold Jeffreys 1942 meldet Bedenken

an, ob in Popper 1940
der Vorgängerfassung zu Popper 1963  tatsächlich gezeigt werde, dass
in Anwendung der Schlussregeln 1 und 2 aus einem Paar kontradiktorisch
entgegengesetzter Aussagen jede beliebige Aussage herleitbar sei. Die Fassung
Popper 1940, auf die Jeffreys sich bezieht, führt noch nicht die Schluss-
 
regel 3 an, vgl. oben S. 26, und kennt auch noch nicht den auf Whitehead 
Russell 1910 Bezug nehmenden Gedankengang Poppers 1959, vgl. oben ebd.

Jeffreys schreibt ders. ebd., 90 :
   
The argument

is: 1 p entails p or q ; 2 not-p and p or q entail q;
hence 3 p and not-p entail q. ... The argument considers the situation
if the system contains a particular

pair of contradictory propositions

p
and not-p. But then in 2 we infer q from not-p and p or q by denying
the possibility that p and not-p can both be true. This assumes

that

the system does n o t contain the contradiction p and not-p in 3 . If
we assume p and not-p,

then not-p and p or q are together consistent
with p and not-p ; thus q does not follow.
Der entscheidende Gedanke, den ich glaube aus Jeffreys herauslesen zu
können, lautet: 
Die Gültigkeit der Schlussregel 2 mit der von den Prämissen p und
p ∨ q auf die Konklusion q geschlossen wird vgl. oben S. 25 hängt davon ab,
dass mit der Wahrheit der Prämisse p die Aussage p falsch 
ist the ... premiss
not-p informs us that p is not true, Popper 1940, 409 , mit der Wahrheit der
Prämisse p ∨ q erreicht man dann die Wahrheit der Konklusion q vgl. Popper
1940, ebd.
Sollen Aussagen nun nicht zugleich wahr und falsch sein können, dann wird
die Aussage p, die bei der Anwendung der Schlussregel 
1 als wahr angesetzt
wurde, auch bei der Anwendung der Schlussregel 2 als wahr anzusetzen sein.
- 29 -

Die Wahrheit der Aussage q ist dann aber nicht mehr zwingend: q könnte durch-
aus falsch sein, ohne dass die Wahrheit der Prämisse p ∨ q gefährdet wäre.
Jeffreys bestreitet keineswegs, denke ich, die Gültigkeit der Schlussregeln
 
1 und 2 für sich genommen. Er bestreitet aber, dass die Hintereinanderanwen-
dung dieser Schlussregeln, wie sie von Popper vorgenommen wird, den Schluss
auf eine wahre Konklusion q erlaubt.
Um im Beispiel des Pseudo-Scotus zu bleiben: Wenn die Aussage Socra-
tes currit  als wahr angesetzt wird und diese Aussage nicht auch noch als falsch
ansetzbar sein soll, dann wird unbeschadet der Wahrheit der Aussage Socrates
currit vel tu es Romae die Aussage Tu es Romae falsch sein können: Eine
wahre Konklusion Tu es Romae ist nicht erschlieÿbar.
Natürlich lässt es sich überhaupt ablehnen wenn man zugrundelegt, dass
Aussagen nicht zugleich wahr und falsch sein können, bzw. wenn man, mit
Jeffreys gesprochen, die Möglichkeit verneint, das p und nicht-p beide wahr
sein können , sowohl eine Aussage p wie die ihr kontradiktorisch entgegenge-
setzte Aussage p als wahr anzusetzen.
Popper 1943 nimmt Jeffreys so auf, dass dieser beanstande, Popper

nehme zum Nachweis der Gültigkeit der Schlussregel 2 bereits den Satz des
Widerspruchs in Anspruch, zu dessen Anerkennung er diejenigen, 
die ihn nicht
akzeptieren, doch erst führen möchte vgl. Popper ebd., 47f . Popper besteht
dagegen darauf, dass er n i c h t voraussetze, dass mit der Wahrheit der Aussage
p die Aussage p falsch ist bzw. dass p und p nicht beide wahr sein können, 
dass er sich also vom Satz des Widerspruchs n i c h t abhängig mache  vgl. ebd. .
Die von Jeffreys als Nachweis 
der Gültigkeit  der Schlussregel 2 gewertete

Überlegung in Popper 1940 , 409 letzter Satz , entfaltet 
Popper 1943 , 48,
folgendermaÿen wobei die Version der Schlussregel 2 in ders. 1940, ebd., auf
die er sich bezieht, gegenüber der Version in ders. 1963, vgl. oben S. 25, die Prä-
missen in vertauschter Reihenfolge aufweist :
The rst premise, being a disjunction, maintains that at least one of its
components is true. The second premise, being the negation of one of
the components, maintains that this component cannot be the true one;
therefore, the other must be true.
This argument, so Popper nun weiter, indeed makes use of the intuition

that a sentence and its negation cannot both be true ders. 1943, ebd. . But
it is only an illustration; like the illustrative

diagrams etwa der Geometrie
it cannot prove anything at all ebd. . Erstaunlicherweise nimmt Popper 1963
das Argument, das überhaupt nichts beweisen kann, wieder auf: um zu zei- 
gen, dass the validity of this rule gemeint ist eben die Schlussregel 2
can be established, vgl. ebd. 319! Den wohl in Reminiszenz an die Ausein-
andersetzung mit Jeffreys erwähnten möglichen Einwand, besagtes Argument
greife auf den Satz des Widerspruchs zurück, weist Popper  in einer unklaren
und nicht überzeugenden Begründung erneut ab, vgl. ebd. 13
Popper gesteht so unter der Hand ein, dass er einen Nachweis für die Gül-

tigkeit der Schlussregel 2 nicht geliefert hat.
Dass die Behauptung, aus einem Paar kontradiktorisch entgegengesetzter Aus-
sagen lasse sich jede beliebige Aussage herleiten, jedenfalls ohne Inanspruchnahme
des Satzes des Widerspruchs einlösbar sei, möchte Popper auf folgende Weise

13 Die deutsche Übersetzung lässt Popper irrtümlicherweise z u g e s t e h e n ,


sozusagen implizite  den Satz des Widerspruchs angewendet zu haben vgl.

ders. 1967, 269 . Im Original heiÿt es aber nur: In reasoning that, if non-p is
true, p must be false, we have maid implicit use, i t m a y b e s a i d , of the law
of contradiction ders. 1963, 319; Herv. von mir  ... ... ... , haben wir, s o
k ö n n t e m a n s a g e n  nicht:

sozusagen , vom Satz des Widerspruchs
implizite Gebrauch gemacht .
- 30 -

klarmachen: Er bildet mit den Formeln


 
1' p p∨q
und
 
2' p∨q pq
als Anfängen es handelt sich um die Theoreme *2.2 und *2.53 der Principia 
Mathematica ein rudimentäres aussagenlogisches

System
vgl. ders. 1943, 49 .
Dabei korrespondiert

die Formel

1' der Schlussregel 1 , die Formel 2 ' der
Schlussregel 2 vgl. ebd., 48f . In dreimaliger Anwendung
des modus ponens
erhält man dann nach Vorgabe von p über die Formel 1'
p ∨ q,

damit über die Formel 2 '
p q
und nach Vorgabe von p darüber q. Der Satz des Widerspruchs bzw. die Formel

p∧ p ,
darauf scheint Popper hinaus zu wollen,
 wurde nicht benutzt.
Ferner: Statt der beiden Anfänge 1' und 2 ' genüge auch der einzige Anfang

p pq

vgl. ebd., 49 . Diese Formel unterscheidet sich von dem später in Popper 1959
verwendeten Theorem *2.21 der Principia
 Mathematica, vgl. oben S. 26, durch die
Vertauschung der Vorderglieder. Dieser einzige Anfang lasse sich nun wiederum
durch die Formeln
 
1'' p qp ,
  
2 '' qp  p q
und

3 '' qq
ersetzen das sind die Anfänge I1, V1 und V3 im aussagenlogischen System
der Grundlagen

der Mathematik

David Hilberts und Paul Bernays' vgl.
Hilbert Bernays 1934, 65 : In erneut dreifacher Anwendung liefert der modus

ponens bei vorgegebenem p über die Formel 1''
q  p,

daraus über die Formel 2 ''
p q
und daraus bei vorgegebenem p zwar nicht ein beliebiges q, aber doch mit
q die Negation eines beliebigen

q vgl. Popper 1943, 49 . Ersetzt man in
den Formeln 1'' und 2 '' q durch q, so dass man schlieÿlich q erhält,
dann liefert eine weitere Anwendung des modus ponens unter Heranziehung

der
von Popper angeführten, aber nicht verwendeten

Formel 3 '' tatsächlich q.
Worauf es Popper ankommt: Wie Hilbert Bernays ebd., 77, zeigen, ist in
ihrem aussagenlogischen System die Formel

p∧ p
- 31 -

  
von den Formeln 1'' , 2 '' und 3 '' unabhängig, d. h. aus diesen nichtherleitbar.

In dem

rudimentären aussagenlogischen System, das die Formeln 1'' , 2 '' und
3 '' zu seinen Anfängen hat, sei der Satz des Widerspruchs respektive die Formel

p∧ p

also gar kein Theorem vgl. Popper ebd. . Allgemein ist festzuhalten, dass Pop-
per mit der Rede vom law of contradiction Satz des Widerspruchs of-
fenbar mindestens dreierlei meinen kann: ein V e r b o t, nämlich this logical rule,
which forbids contradictions, thereby inducing us never to accept any contradicti-
on, ders. 1940, 410; the a s s u m p t i o n that a sentence and its negation cannot
both be true, ders. 1943, 48, Herv. von mir, vgl. a. ders. 1963, 316, 319, 329; und
eben die F o r m e l

p∧ p ,

vgl. ders. 1943, 48f.
Popper verweist schlieÿlich auf die positive Logik, d. i. das um die Anfänge

der fünften und letzten Gruppe reduzierte aussagenlogische System in Hilbert
Bernays ebd., 65, in dem nur Formeln verwendet werden, die ohne Negations-

zeichen gebildet sind vgl. dies. ebd., 67 . Selbst in diesem System, in dem zu
einer Formel p die Negation p nicht zur Verfügung steht, der Widerspruch
p∧ p
nicht formulierbar ist und in Sonderheit die Formel

p∧ p
kein Theorem ist, sei nach Vorgabe etwa von
pq
jede beliebige Formel herleitbar. Eine Begründung gibt Popper nicht. Es lieÿe
sich aber an Folgendes denken 14: Sei t ein Theorem der positiven Logik. Mit t
für p hat man dann neben t auch
t  q,
so dass man über den modus ponens ein beliebig wählbares q erreicht. Auf die
gleiche Weise werden allerdings bei vorgegebenem p  q in j e d e m aussa-
genlogischen oder auch quantorenlogischen

System, in dem der modus ponens
gilt, beliebige Formeln herleitbar.

Mit Bezug auf Hegel erhalten wir: Im System des Dialektikers Hegel,
der den Satz des Widerspruchs verwirft vgl. oben S. 24; Popper 1963,

327f und in ebendiesem System kontradiktorisch entgegengesetzte Aussagen

zulässt vgl. oben ebd.; Popper ebd., 327 , wird jede beliebige Aussage herleit-
bar. Hegels System wird nichtssagend if a theory contains a contradiction,
then then it entails everything, and therefore, indeed, nothing Popper ebd.,

319 und somit völlig nutzlos a theory which involves a contradiction is
therefore entirely useless as a theory  Popper ebd., 319 kursiv im Original; es
wird nicht deutlich, woran Popper denkt, wenn er die Vorstellung aufruft, eine

Theorie könne nützlich sein, ohne es doch als eine Theorie zu sein .

14 Darauf machte mich Christian Thiel aufmerksam.


- 32 -

Die Kritik an Poppers Dialektik- und Hegelrezeption wäre eine eigene Be-
trachtung wert, die hier nicht

en passant geleistet werden kann. Daher nur soviel:
Michael Wolff 1981 zufolge vertritt Popper die Meinung, dass Hegel den
Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch ablehne, ohne einen Beleg dafür zu
 
haben Wolff ebd., 22, Fn. 19 . Auch Klaus Düsing 1976 
, der mit Pop-
per immerhin die Ja-Stellungnahme teilt vgl. oben S. 17f , moniert Poppers

Argumente als unzureichend Düsing ebd., 317 Fn. 101 : Popper entwick-
le weder die methodischen Schritte der Dialektik noch die Logik der Reexions-
bestimmungen noch Hegels Theorie des Begris und der Subjektivität als Grund
für die von Hegel beanspruchte

Ungültigkeit des Satzes vom Widerspruch für das
spekulative Denken ebd. . 
Rüdiger Bubner 1973 kritisiert, dass Popper von der irrigen Annah-
me ausgehe, Hegels Dialektik suche Widersprüche sozusagen in einer 
Art
perverser Zuneigung unaufgelöst festzuhalten Bubner ebd., 143f . Es sei
aber etwa aus dem Zusammenhang der hegelschen 
Logik ... kein Widerspruch
bekannt, der xiert und perenniert würde ebd. .
Überhaupt erscheint Bubner Poppers zentrale Überlegung durch und durch
sophistisch, dass ein Paar kontradiktorisch entgegengesetzter Aussagen 
jede be-
liebige Aussage herzuleiten gestatte vgl. Bubner ebd., 143f Fn. 23 . Aus Pop-
pers Beispielsätzen Die Sonne scheint jetzt und Die Sonne scheint jetzt nicht

vgl. ders. 1967, 269f; ders. 1963, 319 würde entgegen Popper kein vernünf-
tiger Mensch zu schlieÿen unternehmen

... , daÿ Caesar ein Verräter oder kein
Verräter war Bubner ebd. . Vielmehr würde er die 
Anweisung daraus ziehen,
Genaueres über den Sonnenschein zu erfahren ebd. . Wir werten hier Bubners
Votum in erster Linie so, dass er zu erkennen gibt, dass er wie Popper den Satz
des Widerspruchs für gültig hält jedenfalls den Satz des Widerspruchs in der
Gestalt, dass kontradiktorisch

entgegengesetzte Aussagen nicht beide wahr sein
können vgl. oben S. 31 , denn sonst entstünde die besagte Anweisung nicht;
dass er aber anders als Popper auch dem vernünftigen Menschen Hegel die
Anerkennung eben diese Satzes 
unterstellt.
Thomas Collmer 1992 ndet, dass der Sinn des Popperschen to be

validly inferred dunkel bleibe Collmer ebd., 207f . Poppers Argumenta- 
tion so Collmer ähnlich wie Bubner vgl. a. Collmer ebd., 208 , dass
from a couple of contradictory statements any statement whatever can be va-

lidly inferred Popper
1963, 317 , habe entsprechend als fragwürdig zu gelten
Collmer ebd., 207 .

Collmer scheint vor dem Hintergrund von William V. O. Quine 1969 ,

62--69 Ÿ7 , zu meinen, das Popper den von Quine ebd., 67 , angemahnten Un-
terschied zwischen einem Konditional und einer Implikation nicht beachtet; dass
Popper miteinander konfundiere, dass das Konditional

p∧ p q
logisch gültig ist und dass dessen Vorderglied
p∧ p

das beliebige q impliziert vgl. Collmer ebd. . Selbst wenn Collmer Recht
hätte, was hier oen bleiben kann, lieÿe sich doch das Dunkel über dem Sinn
des Popperschen to be validly inferred aufhellen: indem man zunächst klar-
stellte, dass, weil das Konditional

p∧ p q
logisch gültig ist, dessen Vorderglied
p∧ p
das beliebige q impliziert, und dann unterstellte, dass Popper eben aufgrund
- 33 -

dieser Implikation sagt, dass aus der Prämisse


p∧ p,
bzw., damit gleichwertig, aus den Prämissen p und p, die beliebige Konklusion
q gültigerweise

hergeleitet werden kann. Popper begründet die Schlussre-
gel 3 , vgl. oben S. 26, allerdings ohnehin anders, vgl. ders. 1963, 320f. Zum
Zusammenhang von aussagen-, quantoren- logischer Gültigkeit, 
logischer Impli-
kation und logischem Schluss vgl. weiter unten, S. 148, 155.
Es hat den Anschein, dass Collmer seinerseits Implikation und Schluss
konfundiert, die bei Quine auseinandergehalten sind, in Quine 1959 als im-
plication ebd.
Ÿ7, passim versus inference vgl. ebd. etwa die Anfangssätze
der ŸŸ7 und 8 .
Tatsächlich ist der Schluss von den Prämissen a und non-b auf die Konklu-
sion c, notiert als
a
non-b
,
c
nicht gültig, wenn a, non-b und c respektive für die Aussagen Alle Menschen
sind sterblich, Einige Athener sind keine Menschen

 und Alle Athener sind
sterblich stehen vgl. Collmer ebd., 389f Fn. 372 . Aber das behauptet Popper
auch nicht. Es heiÿt bei Popper nur: I f
a
non-b
c
is a valid inference, then
a
non-c
b

is a valid inference too Popper 1963, 320, Herv. von mir . Schlüsse wie Die
Sonne scheint, und Caesar ist kein Verräter, also liegt Hamburg am
Nordpol sind,
anders als Collmer suggerieren mag vgl. ders. ebd. , für Popper
n i c h t gültig. 
Für Manfred Wetzel 1986 hat Popper immerhin dankenswerter-
weise den Versuch unternommen ... , das Dialektik-Verständnis

der Formalen
Logik näher zu formulieren Wetzel ebd., 470 . Ein anderes Dialektik-
Verständnis der Formalen Logik 
 als das bei Popper resultierende scheint es
für Wetzel nicht zu geben. Dass die Dialektiker ... Widersprüche zulieÿen
wohl auch einer der haarsträubenden Irrtümer Poppers Wetzel 1971, 9
Fn. 29 sei allerdings unzutreend, wo doch kein Mensch, sofern er nur bei
Sinnen ist und über gewisse minimal entwickelte Verstandeskräfte verfügt, Wi-
dersprüche hinnehmen würde Wetzel 1986, 480 . Wetzel fühlt sich dennoch
nicht gehindert, über die heile Welt der Widerspruchsfreiheit zu spötteln, ebd.
482.
Dass über ein Paar kontradiktorisch entgegengesetzter Aussagen jede belie-
bige Aussage herleitbar

sei und also auch der gröÿte Unsinn sich beweisen lasse
ders. ebd., 595 , scheint Wetzel zu akzeptieren, wenn es für ihn auch oenbar
nicht weiter von Belang ist.

Popper 1963 fragt selbst, whether we can construct a system of logic
in which contradictory statements d o n o t entail every statement ders. ebd.,

321; Herv. von mir ; ob also ein Logiksystem angegeben werden kann, in dem es
- 34 -


n i c h t so ist, dass ein Widerspruch embracing ders. 1943, 47 besser:
all-embracing 15 ist, d. h. dass everysentence can be inferred from it
 
16
ebd. . Popper beantwortet die Frage mit ja. Er verweist auf ein in ders. 1948
angedeutetes System, das allerdings derart schwach sei, dass neben anderen üb-
lichen Schlussregeln nicht einmal der modus ponens in ihm gelte vgl. ders. 1963,

321, inkl. Fn. 8 . Popper nimmt daher keinen Abstand davon, dass contradic-

toriness auf embracingness vgl. ders. 1943, 50 bzw. auf all-embracingness
hinauslaufe.

Wenn Popper seine Ausführungen in ders. 1943 resümiert: There is
little hope

for Hegelian dialectics to nd support in even the weakest logics ... 
ebd. 50 gemeint ist: selbst in den schwächsten aussagenlogischen Systemen
ist aus kontradiktorisch entgegengesetzten Aussagen, wie sie in der Hegelschen
Dialektik

zugelassen sind, jede beliebige Aussage herleitbar vgl. ebd., 48 ; oben
S. 28  , dann muss darin keine Unvereinbarkeit damit liegen, dass in dem
in Popper 1948 angedeuteten System, 
das ausdrücklich als extremely weak
charakterisiert wird ders. 1963, ebd. , trotz zugelassener kontradiktorisch entge-
gengesetzter Aussagen eben nicht jede beliebige Aussage herleitbar ist: Im ersten
Fall meint die Schwäche die vergleichsweise geringe Anzahl der als Anfänge aus-
gezeichneten Formeln, im zweiten Fall die vergleichsweise geringe Anzahl von zur
Verfügung stehenden Schlussregeln.

Ebenfalls im Jahre 1948 aber oenbar ohne Bezugnahme auf Popper



1948 17 legt Stanisªaw Ja±kowski ein logisches System vor, das system D2

of the two-valued discursive sentential calculus Ja±kowski 1969, 150 , in dem
die coexistence of contradictory discursive theses möglich sei, so Ja±kowski,
ohne dass doch diese coexistence die Ableitbarkeit jeder beliebigen im System
korrekt gebildeten Formel nach sich ziehe vgl. ders. ebd., 154, 145; mit kor-
rekt gebildete Formel übersetze ich Ja±kowskis meaningful formula, vgl. ders.

ebd., 145 . Ja±kowski hat durchaus Hegel im Auge, who opposed to classical
logic a new logic, termed by him dialectics, in which co-existence of two contra-

dictory statements is possible Ja±kowski ebd., 143 .
Anders als in der klassischen Formallogik üblich und wohl angeregt durch
 
C. I. Lewis C. H. Langford 1932 , die unter Verwendung der Modalität

möglich M eine strict implication von q durch p als

M p∧ q


15 Spricht man von all-embracing allumfassend , dann ist ausdrücklich auf

eine Totalität abgehoben. Im bloÿen embracing umfassend ist der Totali-
tätsaspekt nicht notwendig mitgegeben.
16 Man wird zwanglos sagen können, dass jedenfalls Popper 1963 , 319 , die
Relation
A entails B
als Konverse zu der Relation
B can be inferred from A

versteht vgl. ders. ebd. .
17 Popper 1948 entspricht einem am 29. 11. 1947 von L. E. J. Brouwer 
gehaltenen Vortrag, vgl.  Popper ebd., 173. Der hier herangezogene Text
Ja±kowskis, ders. 1969 , entspricht einem knapp vier Monate später, am
19. 3. 1948 gehaltenen Vortrag, vgl. ders. ebd., 143.
- 35 -

 
inaugurieren vgl. Lewis Langford ebd., 11. 02 , deniert Ja±kowski in D2
die Verknüpfungen wenn - dann und genau dann - wenn im Rückgri auf die
Modalität möglich wie folgt:
d
pq (
+ Mp  q
und
d  
p q (
+ Mp  q ∧ Mq  Mp
vgl. ders. ebd., 150; Ja±kowski hat auf der Grundlage der von ihm verwendeten
polnischen Notation
Cd pq
statt
d
pq
und
Ed pq
statt
d
p  q,

vgl. ders. ebd.
Eine in D2 korrekt gebildete Formel P ist eine These in D2, wenn die Formel
MP
eine These des two-valued calculus of modal sentences ist vgl. ders. ebd.,
  
148 d. i. des Systems S 5 in Lewis Langford 1932 vgl. Ja±kowski ebd.,

147f . Diego Marconi 1979a nennt Ja±kowskis System D2 un sistema mo-

dale travestito, vgl. Marconi ebd., 281.

Der modus ponens ist in D2 gültig vgl. Ja±kowski ebd., 150 . Die Formel
a 
p
d
pq
d 


ist k e i n e These in D2 vgl. ebd., 154 , aus kontradiktorisch entgegengesetzten
Formeln erhält man n i c h t über

a
in zweifacher Anwendung des modus ponens

jede beliebige Formel des Systems vgl. ebd. .
Auch die Formel
d  d
p  p q

etwa ist keine These in D2 vgl. ebd., 155 .
Thesen in D2 sind dagegen die Formel

p∧ p

der Satz des Widerspruchs und die Formel
b 
p∧
 d
p  q:
die Konjunktion kontradiktorisch entgegengesetzter Formeln führt über den

modus ponens sofort auf jede beliebige Formel des Systems vgl. ebd., 152 .
Da ferner die Formel
g  d
p q p∧q
d 

in D2 verworfen wird und man insbesondere mit kontradiktorisch entgegengesetz-


ten Formeln nicht über g 
auch ihre Konjunktion hat vgl. ebd., 154 , erhält man
- 36 -

aus kontradiktorisch entgegengesetzten Formeln auch über und g 


b
nicht jede


beliebige Formel des Systems.


Wird in D2 neben den Verknüpfungen wenn - dann und genau dann - wenn
ebenfalls die Konjunktion im Rückgri auf die Modalität möglich deniert, und
zwar folgendermaÿen:
d
p∧q ( + p ∧ Mq
vgl. Ja±kowski 1979, 304; Ja±kowski hat
Kd pq
statt
d
p ∧ q,

vgl. ebd. , dann ist die so an die Stelle der Formel b 
tretende Formel
d  d
p∧ p q

ohnehin keine These in D2 mehr vgl. ebd. .
Weitere Vorschläge für sogenannte parakonsistente Logiken Logiksyste-
me eben, in denen aus kontradiktorisch entgegengesetzten Formeln nicht jede

beliebige korrekt gebildete Formel des Systems hergeleitet werden kann vgl.
 
Marconi 1979b, 63; G. Priest R. Routley 1984, 3 nden sich etwa
 
in Newton C. A. da Costa 1974 , Richard Routley Robert Meyer
  
1976 , Richard Routley 1979 und Newton C. A. da Costa Robert

G. Wolf 1980
18.

 
J. F. A. K. van Benthem 1979 moniert hauptsächlich an Routley
Meyer 1976 und Routley 1979 orientiert, vgl. van Benthem ebd., passim ,
dass authors think it a virtue that paradoxes need not always worry usany more.
A theory must be saved in spite of contradictions ...  ders. ebd., 345 .
As a methodological strategy, so van Benthem weiter, this procedure is
highly conservative. Instead of curing the illness at the source i. e., the specic
inconsistent theory gedacht ist beispielsweise an die naive Mengenlehre, vgl.
Routley ebd., 314 one gets rid of the symptoms by silencing the messenger

i. e., classical logic

bringing the bad news ebd. . Durchaus verwandt äuÿert
sich Batens 1990 , 225f.
 
Für Graham Priest Richard Routley 1989 ist klar: Hegel can be pro-

perly understood only from a paraconsistent point of view dies. ebd., 88 .
Aber selbst wenn parakonsistente Logiken auf einen Hegel, der kontradik-
torisch entgegengesetzte Aussagen zulieÿe, wirklich anwendbar sein sollten, so
dass Hegel zwar kontradiktorisch entgegengesetzte Aussagen, aber dennoch,

18Die Einführung der Rede von den parakonsistenten Logiken wird Francisco

Miró Quesada 1976 zugeschrieben

vgl. etwa Marconi ebd., 77 Fn. 47; Ayda
Ignez Arruda 1980, 11 
. Einen Überblick über vorgelegte parakonsistente Logi-
ken gibt Arruda 1980 sowie dies. 1989 . Systematische Überlegungen zu Auf-
bau und

Leistungsfähigkeit

parakonsistenter Logiken stellen Diderik Batens
1980 , ders. 1990 und Igor Urbas 
1990 an. Speziell zur Leistungsfähigkeit
der von N. C. A. da Costa 1974 vorgelegten 
parakonsistenten Systeme vgl.
Miró Quesada 1989 und Urbas 1989 .
- 37 -

entgegen Popper, nicht jede beliebige Aussage zulieÿe, dann bliebe immer
noch die Schwierigkeit, dass Hegel ü b e r h a u p t kontradiktorisch entgegenge-
setzte Aussagen zulieÿe Aussagen, von denen die eine genau dann wahr ist,
wenn die andere falsch ist.

2. Die eingeschränkte Nein-Stellungnahme

Die eingeschränkte Nein-Stellungnahme sie besagte, dass die Hegelsche


Dialektik dem formallogischen Satz des Widerspruchs keineswegs die Anerken-
nung verweigere, allerdings vorübergehend formallogische Widersprüche bis zu
 
ihrer Auflösung in Anspruch nehme vgl. oben S. 5 dürfte ihre klassische Aus-

gestaltung in John McTaggart Ellis McTaggart 1896 erfahren haben.
McTaggart schreibt: It is sometimes supposed that the Hegelian logic rests
on a deance of the law of contradiction. That law says that whatever is A can
never at the same time be not-A. ... ... The dialectic, however, does not reject
that law. An unresolved contradiction is, for Hegel as for every one else, a sign

of error ders. ebd., 9 .
In fact, so streicht McTaggart heraus, so far is the dialectic from denying
the law of contradiction, that it is especially based on it. The contradictions are

the cause of the dialectic process ebd. 10 .

So lehre Hegel zunächst, dass any category der Wissenschaft der Logik ,
if scrutinised with sucient care and attention, is found to lead on to another ...
in such a manner that an attempt to use the rst of any subject while we refuse to
use the second of the same subject results in a contradiction McTaggart ebd.,
 
1 . Die zweite category, die der ersten category, der thesis ebd. 5 folgt, ist
 
ihr logical contrary ebd. 1 , die antithesis ebd. 5 the Antithesis is the direct

contrary of the Thesis, ders. 1910, 11 . Eine absurdity ist erreicht: the pre-
dication of two contrary attributes of the same thing at the same time violates

the law of contradiction ders. 1896, 1 . Diese absurdity die Verletzung

des Satzes des Widerspruchs, die aus der wie immer zu verstehenden Vermei-
dung eines Widerspruchs resultiert wird dann überwunden: On examining
the two contrary predicates further, they are seen to be capable of reconciliati-

on in a higher category ebd. . In einer synthesis, which follows them, the

contradiction ceases to exist as such ebd. 9; vgl. a. ebd., 95 . Die synthesis,
 
eine synthesis of opposites ebd. 2 , transcends ebendiese opposites ebd. 5 :

 It combines the contents of both of them, not merely placed side by side, but
absorbed into a wider idea, as moments or aspects of which ... their opposition is

overcome ebd. 1, 10 . Zumindest die earlier transitions of the logic erfolgten

auf die angegebene Weise, vgl. ebd., 1f; vgl. a. ders. 1910, ebd.
Die third category bzw. synthesis wiederum, when it in its turn is view-
ed as a single unity, similarly discloses that its predication involves that of its

contrary ders. 1896, 2 . The Thesis and Antithesis thus opposed have again

to be resolved in a Synthesis ebd. . Der dialectic process, ausgehend von der
category of Pure Being, schreitet auf dem Wege dieser Alternation von pro-
duction and removal of contradictions fort, bis das Ende der ladder of catego-

ries, die Absolute Idea erreicht ist vgl. ebd., 2f . McTaggarts Auffassung
- 38 -

des dialectic process dürfte Anregungen von Francis Herbert Bradleys


Ausführungen zur Dialectic Method empfangen haben, die sich in ders. 1883,

379--382, nden, vgl. ebd.

McTaggart geht mit Eduard von Hartmann, dessen Ja-Stellungnahme


er nicht teilt und

den er durchaus häuger kritisiert vgl. etwa McTaggart ebd.,
5f, 12 , 94  , doch in der Ansicht d'accord, dass, if the law of contradiction

is
rejected, argument becomes impossible ders. ebd., 9; vgl. oben S. 18f . Es sei
impossible to refute any proposition without the help of this law. The refutati-
on can only take place by the establishment 
of another proposition incompatible
with the rst ders. ebd.; vgl. oben ebd. .
Auch für die Hegelsche Dialektik k a n n daher der Satz des Wider-
spruchs gar nicht anders als unverzichtbar sein: If ... the dialectic rejected the
law of contradiction, it would reduce itself to an absurdity, by rendering all argu-
ment ... unmeaning

 McTaggart ebd. . Einen Widerspruch würde auch die
Hegelsche Dialektik nicht bestehen lassen können: An unreconciled predi-
cation of two contrary categories, for instance Being and not-Being, of the same
thing, would lead in the dialectic, as it would lead elsewhere,

to scepticism, if it
was not for the reconciliation in Becoming ders. ebd. .
Francis Herbert Bradley stimmt im Appendix, der der zweiten Auage
von Appearance and Reality hinzugefügt ist, McTaggart darin zu, dass the
identity of opposites ... far from conicting with the Law of Contradiction sei
Bradley 1930, 507 wir hatten gesehen, dass die synthesis of opposites,
auf die sich Bradley mit der Rede von der identity of opposites nur beziehen
kann, für McTaggart tatsächlich die aufgetretene Verletzung des Satzes des
Widerspruchs wieder beseitigt.
Bradley geht nun verschärfend über McTaggart hinaus, wenn er sagt,
dass the identity of opposites ... may claim to be the one view which satises
its des Law of Contradiction, K. E. demands, the only theory which every-
where refuses to accept a standing contradiction Bradley ebd. .
Die identity of opposites wäre aber nur durch the Whole zu gewährlei-
sten, das die analysis and synthesis of the intellect itself by itself ist mit
einer analysis 
, die self-explication und einer synthesis, die self-completion
ist vgl. ebd. . To verify a solution

of this kind, dazu sieht Bradley sich je-
doch auÿer Stande vgl. ebd. . So muss er schlieÿlich die demands des Law
of Contradiction als nowhere satised in full anerkennen bzw. annehmen,
dass ihnen by a whole beyond the mere intellect entsprochen werde vgl. ebd.,
507f . Schon Bradley 1883 sprach davon, dass the dialectical method, in its
unmodied form, may be untenable, ders. ebd., 117f. Um den mit der identity
of opposites verbundenen Schwierigkeiten zu entgehen, votiert er für a simpler
view, vgl. ebd., 382. Die heresy, die ihm dabei herausspringt, will be found 
,
so glaubt er, to save the real substance of the orthodox doctrine, vgl. ebd.

Geoffrey Reginald Gilchrist Mure 1950 gesteht: I have never seem-
ed to nd inspiration or safe guidance in any work of J. E. McTaggart on
  
Hegel vgl. Mure ebd., vii . In Mure 1965 werden McTaggart 1896 und

ders. 1910 als sometimes penetrating but curiosly wrong in their main lines

of interpretation vorgestellt vgl. Mure ebd., 207 . Dennoch vertritt Mure
eine oenkundig an McTaggart angelehnte eingeschränkte Nein-Stellungnahme,
wenn auch diesem gegenüber mit veränderter Akzentsetzung und gewissen Ab-
weichungen.
To those, so Mure, who complain that Hegel denies the law of contradic-
tion his reply in eect is that the law of contradiction is the law of his whole

system Mure 1950, 104 . Da, wo Hegel in der Logic dem ersten Teil
- 39 -

dieses system 19 den Satz des Widerspruchs in its place ... ... among the ca-

tegories of Essence bespricht, verneine er die Wahrheit truth dieses Satzes

keineswegs vgl. Mure 1948, 139 .
Gegenstand des Hegelschen system ist nun die self-constituting

activity von mind, spirit oder the Absolute vgl. Mure 1950, 296  20.
Diese activity ist self-manifestation auf die Weise eines progressive cycle of
unreserved self-denition by thesis, antithesis, and synthesis vgl. ders. ebd.,

296f . Mit thesis, antithesis und synthesis sind bei Mure, wie schon bei

McTaggart k e i n e Aussagen gemeint.
Der self-denition des Absolute durch eine thesis folgt eine self-de-
nition des Absolute durch eine solche antithesis, die at once the contrary

and contradictory opposite der thesis ist ebd. . Eine thesis A und eine anti-
thesis B are not merely contraries precisely articulating dierence; they are also
contradictories dividing he universe between them: not-A is B, and not-B is A,

vgl. Mure 1948, 140, 124 Fn. 1 . Predicate the minimal positive character of

the Absolute, so heiÿt es in Mure 1948 , and the precisely opposite contrary

and contradictory character is seen at once to be a no less true denition of it

vgl. ebd., 134; Klammereinschub im Original .
The Absolute ist durch die self-denition sowohl mittels der thesis A
wie auch mittels der ihr gegenüber contradictory antithesis B bzw. not-A

in einen self-contradiction ders. 1950, 104 geraten. Eine Überwindung die-

ses self-contradiction, eine self-reconciliation ebd. , erfolgt über eine syn-
thesis, die als coincidence von thesis and antithesis eine fuller denition

wohl: als thesis und antithesis jeweils für sich genommen erlaubt vgl. ders.

ebd., 297 . Betrachtet man die antithesis als a rst negation, dann ist die syn-

thesis negation of negation ders. ebd., 39; vgl. a. ders. 1948, 135
allerdings nicht als a mere cancellation restoring the original armation,

sondern als a fresh and genuinely determinate positive vgl. ebd. .

Die erreichte synthesis ist dennoch incomplete ders. 1950, 297 Fn. 1 : It

has failed fully to reconcile contradiction ders. 1948, 141 . The Absolute ma-
nifests itself as once again characterized equally by an opposite predicate, and

again the contradiction must be ... reconciled in a synthesis ebd. 135f .

19 Mure unterscheidet für seine Zwecke im Wesentlichen n i c h t zwischen der


Wissenschaft der Logik , die mit der Philosophie der Natur

 und der Phi-
losophie des Geistes die drei Teile der Enzyklopädie 1830 ausmacht der
authoritative outline exposition of Hegel's philosophy bzw. system ,und der
selbständig veröentlichten great
Wissenschaft der Logik 1812-16  vgl.
Mure 1950, v; ders. 1948, xviii . Mit Logic meine er in Bezug auf Hegel
 
den ersten Teil der Enzyklopädie 1830 und die mit diesem nicht textidentische

Wissenschaft der Logik taken together vgl. Mure 1948, xix--xx .

20 Zumindest Mure 1950 , 296f, spricht a u c h die a c t i v i t y  von mind,
spirit und the Absolute respektive als mind, spirit und the Absolute an:
es ist da die Rede von der self-constituting activity which i s mind or spirit
 
ebd. 296; Herv. von mir bzw. which may be called the Absolute ebd. 297 .
Wegen der für Mure im Allgemeinen vorliegenden Bedeutungsgleichheit der
drei Ausdrücke mind, spirit und the Absolute können wir uns im Folgenden
darauf beschränken, nur den letzten Ausdruck zu verwenden.
- 40 -

Die self-manifestation des Absolute setzt sich auf die angegebene Weise
fort, bis sie mit einer self-denition durch eine synthesis endet, in welcher der
self-contradiction des Absolute als completely reconciled gelten kann. Diese
abschlieÿende self-denition als Absolute Idea liefert erstmals eine de-

nition des Absolute, which is no longer inadequate vgl. ebd., 136 .
Was den point at issue between Hegel and ordinary logic anbetrit, so
sei Hegel selbst der Ansicht, dass philosophical error consists not simply in
self-contradiction but in p e r s i s t a n c e in self-contradiction vgl. Mure 1950,

104 . Truth, so legt Mure dies aus, is not the avoidance of self-contradiction,
but the passage through it to self-reconciliation ... ; error is the arrest of this
 
activity ders. ebd. 21. Es ist der Verstand Understanding , der für den
Irrtum verantwortlich zeichnet, die zur Selbst-Versöhnung führende Tätig-
keit des Absoluten stillzustellen: The context of arrested movement ... ...
forms the proper object-world of the Understanding so far as it is n o t Reason

ders. ebd., 105 . Genau in diesem Kontext der stillgestellten Bewegung ist
'A is B' ... correct, and 'A is not B' necessarily incorrect because contradicting

it vgl. ebd. bzw. ist der Satz des Widerspruchs im Recht, wenn er lehrt, dass

'A is B' and 'A is not B' cannot both be true ders. 1948, 140 .

Mure lässt der angegebenen Formulierung 'A is B' and 'A is not B' cannot
both be true noch den konditionalen Zusatz folgen: if it is assumed that A, as
subject of either suggested predication, is absolutely self-identical without dier-
ence vgl. ders. 1948, 140 .
Ich kann Mure hier nur so verstehen, dass dieser Zusatz n i c h t mehr zur
eigentlichen Formulierung des Satzes

des Widerspruchs gehört 
obwohl der Text
es meines Erachtens anders will , sondern eine hinreichende Bedingung formu-
liert, unter der der Hauptsatz

'A is B' and 'A is not B' cannot both be true der
Satz des Widerspruchs gültig ist.
Tatsächlich macht Mure gleich im übernächsten Satz klar, dass, where it is 
true that A is both B and also not B, A is identical i n dierence vgl. ebd. .
Mure scheint hier eine Denition von A is identical in dierence über das fol-
gende Deniens aussprechen zu wollen: there is an X such that it is true that A
is both X and not X eine Denition, die formal so zu fassen wäre:

A is identical in dierence ( + ∨X . It is true that A is both X and not X. .
Die assumption, that A is absolutely self-identical without dierence, also
wohl, that A is not identical in dierence, wäre in Anwendung der vorstehen-
den Denition mit der assumption gleichwertig, that there is no X such that
it is true that A is both X and not X. Auf der Grundlage dieser Annahme
kann es insbesondere nicht wahr sein, dass A beides, B und nicht B, ist bzw.
können insbesondere die Aussagen A ist B und A ist nicht B nicht beide
wahr sein.

Das Absolute, das sich über eine These sowie über die ihr kontradikto-
risch entgegengesetzte Antithese selbst deniert und so einen Selbstwider-

21 Ob Mures klare Gegenüberstellung von truth und error überhaupt als


hegelsch angesehen werden kann, ist fraglich. Kritisiert Hegel doch, dass das
W a h r e und F a l s c h e ... zu den bestimmten Gedanken gehört, die bewegungs-
los für eigne Wesen gelten, deren eines drüben, das andre 
hüben ohne Gemein-
samkeit mit dem andern isoliert und fest steht Ph29 33 .
- 41 -

spruch herbeiführt, produziert a violation of the law of contradiction f ü r



d e n V e r s t a n d vgl. Mure 1948, 140 22, der die Bewegung des Abso-
luten mit dem erreichten Selbstwiderspruch stillstellt und einen Weitergang
zu einer Selbstdenition über eine Synthese und eine damit verbundene Selbst-
versöhnung nicht kennt. Mure suggeriert, dass f ü r d i e V e r n u n f t

Reason mit dem nämlichen Selbstwiderspruch des Absoluten k e i n e Ver-
letzung des Satzes des Widerspruchs vorliegt, weil für sie die Bewegung des
Absoluten über den Selbstwiderspruch hinaus zu einer Selbstversöhnung
führt.
Wie sollte aber ein und derselbe Selbstwiderspruch des Absoluten dass
es sich als A wie als nicht-A deniert und seine Denition als nicht-A nicht
weniger wahr ist als die als A bzw. es gleichermaÿen als nicht-A charakterisiert

ist wie als A, vgl. oben S. 39 eine Verletzung des Satzes des Widerspruchs
darstellen oder nicht, je nachdem ob dem Selbstwiderspruch eine Selbstver-

söhnung durch eine Denition über eine wie auch immer geartete Synthese
verwehrt bleibt oder nicht? Und: Wie sollte the law of contradiction the law

von Hegels whole system sein können vgl. oben S. 38 , wenn nicht auch der

wie angegeben sich präsentierende Selbstwiderspruch des Absoluten, dem ei-
ne Selbstversöhnung folgt, als eine Verletzung des Satzes des Widerspruchs
induzierend beurteilt wird welche Verletzung gerade in der Selbstversöhnung
des Absoluten überwunden wird?
Man hat den Eindruck, dass Mure allzusehr presst, um zu überspielen, dass
er letztlich jedenfalls was unsere Fragestellung anbelangt über McTaggart
nicht hinaus gekommen ist.

Auch

ein weiterer Versuch,

von McTaggart abzuweichen, der sich in Mure
1950 wie in ders. 1948 ndet, kann nicht überzeugen.
The contradictory predicates These und Antithese, über die sich das
Absolute selbst deniert are not on the same level für die Vernunft?
Mure 1950, 302 . Die gleichermaÿen gültigen Selbstdenitionen des Abso-
luten über eine These sowie über die ihr kontradiktorisch entgegengesetzte
Antithese führen keine Verletzung des Satzes des Widerspruchs herbei vgl.

ders. 1948, 141 . Eine solche ist allerdings für den Verstand unvermeidlich, der
die at a dierent level bendlichen
These und Antithese at the same level
ansiedelt vgl. ders. 1950, 302, 352 .
Wie sollen aber predicates, die nicht on the same level sind, als contra-
dictory, d. h. als dividing the universe between them, gelten
können bzw. im
Verhältnis von A und nicht-A stehen können vgl. oben S. 38 ? In welchem Sin-
ne sollte ein Selbstwiderspruch des Absoluten vorliegen, wenn Letzteres sich
über eine These und Antithese deniert, die jeweils einem anderen level
angehören? Und: Wieso müsste dieser Selbstwiderspruch überhaupt noch einer
Selbstversöhnung zugeführt werden?

22 Mure scheint zwischen dem Zusprechen einer Antithese nicht-A und dem
Absprechen der entsprechenden These A nicht zu unterscheiden bzw. unaus-
drücklich vorauszusetzen, dass mit Das Absolute ist nicht-A auch Das Abso-
lute ist nicht A gegeben ist. Mit dem Aussagenpaar Das Absolute ist A und
Das Absolute ist nicht-A hätte man dann auch das Aussagenpaar Das Abso-
lute ist A und Das Absolute ist nicht A und mit letzterem eine Verletzung
des Satzes des Widerspruchs.
- 42 -


Bei Ernst Bloch 1962 heiÿt es konzentratartig wobei mit der Dialek-
tik auch und nicht zuletzt, wie der Kontext zeigt, die Dialektik Hegels gemeint


ist : Die formale Schullogik lehrt, daÿ A nicht zugleich Nicht-A sein könne. Die
Dialektik bestreitet diesen Satz nicht völlig, aber sie berichtigt ihn; sie lehrt,
dass A nicht zugleich Nicht-A b l e i b e n könne vgl. Bloch ebd., 126; Herv. im

Original . Wenn auch Bloch zufolge die Dialektik den Satz der formalen
Schullogik den Satz vom Widerspruch, vgl. ebd. , dass A nicht zugleich
Nicht-A sein könne, nur in einer berichtigten Fassung übernehmen kann, so
lässt sie doch mit dieser berichtigten Fassung, dass nämlich A nicht zugleich
Nicht-A b l e i b e n könne, das normative Ideal der Widerspruchslosigkeit, ders.
1951, 424, intakt. Ich rechne daher die Position Blochs nicht unter die Ja-Stel-

lungnahme, sondern unter die eingeschränkte Nein-Stellungnahme.
Für die Dialektik gibt es zugleich seienden Widerspruch durchaus vgl.

ders. 1962, ebd. . Ihr gilt allerdings, dass a ... keineswegs non-a auf die Dauer

ist vgl. ders. 1951, 425 . Ein Mensch, der sich dauernd in Widersprüche ver-
wickelt, ist ... gewiÿ noch kein Dialektiker. Indem er sich aus den Widersprüchen
nicht herausndet, ist er vielmehr ein Fasler, ja schlieÿlich ein vollkommenes Ab-

bild des Chaos ders. 1962, 121; vgl. a. ders. 1951, ebd. .
Mit Bezug auf den Satz vom Widerspruch in seiner berichtigten Fassung,
der feststellt, dass die ... vorhandenen Widersprüche u n h a l t b a r sind und
derart eben zu ihrer Auflösung, Überwindung drängen ders. 1951, 425; Herv. im

Original , ndet Bloch schlieÿlich: Indem es nichts als Widersprüche gibt, aber
kein einziger dieser Widersprüche bleibt, bewährt sich der Satz vom Widerspruch

auf neue Art gerade in der Dialektik, wo er angeblich völlig kassiert ist ebd. .
Für die dialektische Entwicklung ergibt sich: A ist nicht immer A, es muÿ
auch B gesagt werden, gerade die Folgerichtigkeit gibt aber B als Gegensatz

ders. 1962, 121 . Bloch scheint hier auf die ebd., 131, formulierte These zu re-
kurrieren, dass Verschiedenheit als solche ... bereits der Anfang des Gegensatzes,
so wie der Gegensatz die Vollendung der Verschiedenheit ist eine These, die

an Hegel Wissenschaft der Logik , W58 II57, anknüpfen dürfte, wo gelehrt wird,
dass die Verschiedenheit ... in Entgegensetzung übergeht; vgl. a. Hegel ebd.,
 
B39 II246. Und über der gespannten Strecke, die so entsteht, erhebt sich C
durch die Aufhebung des Gegensatzes als Spitze und Einheit. Solange,
bis sich auch C wieder entzweit und eine neue Einheit der Gegensätze aufgeht

Bloch ebd., 121f . Kurz: Es bilden sich Dreiecke und zwar Dreiecke aus Ge-

gensatz, Einheit, neuem Gegensatz, neuer Einheit und so fort ebd. .

1. Die übliche Schullogik, so Bloch ebd., 131, wiederum im Anschluss an


Hegel, verbiete mehr zu sagen als Tautologien, als identische Urteile von der
Art wie: Cajus ist Cajus oder: der Planet ist ein Planet. Im Grunde sei für
sie schon jede Aussage einer Verschiedenheit des Prädikats vom Subjekt illegal;
denn jede Verschiedenheit hebt die abstrakte

Identität auf, die der Satz vom ver-
botenen Widerspruch verteidigt ebd. . Bloch s u g g e r i e r t zumindest,

dass
Aussagen
wie Cajus ist gelehrt um bei Hegels Cajus-Beispiel, B68 II274, zu

bleiben oder der Planet ist ein Himmelskörper den Satz vom verbotenen
Widerspruch der üblichen Schullogik verletzen: derart, dass Cajus, dem Ge-
lehrtheit zugesprochen wird, als Nicht-Cajus bestimmt oder der Planet, dem zu-
gesprochen wird, dass er ein Himmelskörper ist, als Nicht-Planet bestimmt wird.
Wie sollte es aber dann zu verstehen sein, dass gemäÿ der Doktrin der Dialek-
- 43 -


tik vgl. die vorige Seite Cajus nicht gelehrt, nämlich nicht zugleich Nicht-Cajus,
b l e i b e n könne bzw. der Planet kein Himmelskörper, nämlich nicht zugleich
ein Nicht-Planet, b l e i b e n könne?
Und wenn die von Cajus verschiedene Gelehrtheit mit Folgerichtigkeit als
Gegensatz gegeben wird vgl. wiederum die vorige Seite : was sollte in dem
Dreieck, dessen Gegensatz Cajus und die Gelehrtheit bilden, die zugehörige
Spitze und Einheit sein? Welche Spitze und Einheit sollte die Bildung des
Dreiecks abschlieÿen, in dem der Planet und Himmelskörper die Pole des
Gegensatzes abgeben?
2. Bloch schreibt der formalen Schullogik den Satz des Widerspruchs
nicht nur in der Gestalt
A kann nicht zugleich Nicht-A sein
zu. Er spricht auch von einem Satz des Widerspruchs der formalen Schullo-
gik, der die Unvereinbarkeit

entgegengesetzter Prädikate des gleichen Subjekts
behaupte vgl. ebd., 129 . Gegen den Satz des Widerspruchs in dieser Version
macht 
Bloch geltend, dass Bewegung, Veränderung ... in der Tat, wie Hegel
  
sagt W61 II59, K. E. , der daseiende Widerspruch sei vgl. a. oben S. 7 : in-
dem jeder Augenblick der Veränderung

des einen Zustands in den anderen zum
Beispiel der Anfang des Tags in sich die einander 
kontradiktorisch entgegenge-
setzten Prädikate vereinigt vgl. Bloch ebd. . Bereits Trendelenburg 1870,
Bd. 1, 38, hatte, Hegels Werden diskutierend, konzediert: Während ... der Tag
wird, ist er schon und ist auch noch nicht eine Stelle, auf die Blochs Klam-
mereinschub vielleicht anspielt. Trendelenburg ebd. behandelt allerdings
nicht
die Frage, ob der Satz des Widerspruchs verletzt wird oder nicht.
Blochs doppelte Auffüllung des Satzes des Widerspruchs der formalen
Schullogik mag mit der Sigwartschen Ambiguität 
in Zusammenhang stehen,
sowohl die auf Leibniz und Wolff verweisende Formel
A ist nicht non-A
als Principium contradictionis wie auch den aristotelischen Satz, der doch

etwas wesentlich anderes sagt, als Satz des Widerspruchs zu bezeichnen vgl.

oben S. 11f .

George di Giovanni 1973 entwickelt seine Stellungnahme mit Blick auf

Eduard von Hartmann 1868 . Dieser klage über die Hegelianer, dass sie,
since they had abandoned the law of contradiction, ... had removed all limits

from thought di Giovanni ebd., 131 . Di Giovanni bezieht sich vielleicht auf
E. v. Hartmann ebd., 45, wo es zu den Consequenzen der Aufhebung des
Satzes vom Widerspruch gerechnet wird, dass die Möglichkeit alles Denkens

überhaupt aufgehoben wird. Vgl. a. oben S. 19. Hartmann's criticism sei
aber much too facile at least if directed specically against Hegel di Gio-

vanni ebd. .
Zwar tree es zu, dass es Passagen in Hegels Schriften gebe, in denen contra-

diction is said to be the soul of reality vgl. ebd. bzw. to be essential to reality

vgl. ebd., 158 . Di Giovanni mag hier an die von E. v. Hartmann heran-

gezogenen Texte Wissenschaft der Logik , W59  II58 , die Anmerkung 3
zu den Ausführungen über den Widerspruch und Enzyklopädie, Ÿ48, den-

ken. Vgl. oben S. 19. If one were to pay attention to these passages alone, so
Di Giovanni, the conclusion might well be drawn that Hegel denied t o u t

c o u r t as Hartmann would have it the traditional principle of contradiction
di Giovanni ebd., 131 .
Es gebe aber zahlreiche andere Passagen, in which Hegel claims ... that
- 44 -

certain forms that the object of consciousness or consciousness itself assume in


the course of their development collapse because they have incurred contradic-

tion vgl. ebd. . In these passages Hegel is clearly making use of the principle of

contradiction as traditionally understood ebd. . Di Giovanni scheint hier in
erster Linie an die Phänomenologie des Geistes und nicht zuletzt an ihr zweites
Kapitel zu denken, auf das er in der Folge, ebd. 142, näher eingeht. Im Verlauf
der in dem genannten Kapitel dargestellten Entwicklung gibt das Bewuÿtsein,
dem der Gegenstand das Ding der Wahrnehmung ist, eben diesen Gegen-
stand auf: Er ist ihm schlieÿlich  i n e i n e r u n d d e r s e l b e n R ü c k s i c h t
d a s G e g e n t e i l s e i n e r s e l b s t; f ü r s i c h, i n s o f e r n e r f ü r a n d e r e s,
  
und f ü r a n d e r e s, i n s o f e r n e r f ü r s i c h i s t  . Vgl. Ph82 92, 89 99.
Angesichts dieser Lage empehlt Di Giovanni: The rst set of texts on

contradiction should be taken as strongly as possible ders. ebd., 132 . Und er
 
behauptet: It is possible to reconcile them scil. die texts des rst set with
the second set, and also meet the charges levelled against Hegel by critics of

Eduard von Hartmann's type only when they are so taken ebd. .
Um seine Behauptung einzulösen was eigentlich a thorough study of the

Hegelian System erforderte vgl. ebd. , möchte Di Giovanni einen key
text der Wissenschaft der Logik analysieren: die zu Beginn der Lehre vom Wesen
sich ndenden Ausführungen über die Reexion und das daran anschlieÿende
Kapitel über die Wesenheiten oder die Reexions-Bestimmungen vgl. ders.

ebd., 132f; es handelt sich um den Text W13--64 II13--62 der die gerade er-
wähnte, von E. v. Hartmann herangezogene Anmerkung 3 zu den Ausführun-

gen über den Widerspruch einschlieÿt . Di Giovanni schärft das Bewusstsein
dafür, dass die Einnahme einer Ja-Stellungnahme, einer eingeschränkten oder
einen reinen Nein-Stellungnahme von dem text chosen as the critical touchstone

abhängt. Vgl. ders. ebd.
Ohne Di Giovannis Analyse nachzuzeichnen, sei festgehalten, dass der Au-
tor im Ergebnis urteilt: It does not follow ... that Hegel has removed all limits

from thought ebd. 160 . For Hegel contradiction is a situation which s h o u l d
n o t b e . His full claim,

however, is that even though it should not be, i t i s n o n e
t h e l e s s ebd. . To avoid contradiction ... still is a basic rule in Hegel's canon
of thought ebd. .

Die von Hans Friedrich Fulda 1973 in Form von Thesen vorgetragene
Stellungnahme basiert auf einer Ausdeutung des ersten, positiven Teils der ersten
Hegelschen Habilitationsthese Contradictio est regula veri, vgl. oben S. 2;

vgl. Fulda ebd., 63f .
Zunächst: Der Bereich, in dem der dialektische Widerspruch auftritt, kann
kein anderer als der Bereich sein, in dem der formallogische Widerspruch auf-
 
tritt Fulda ebd., 63f . Fulda wendet sich hier gegen Sarlemijn 1971 , für
den der Hegelsche Widerspruch und die logische Widerspruchsfreiheit nicht
dem gleichen Bereich angehören vgl. ders. ebd., 183; vgl. a. ders. ebd., 95: Die
Widerspruchstheorie Hegels hat nur dann einen Sinn, wenn sich die Grenzen zwi-
schen dem widerspruchsvollen und widerspruchsfreien Bereich scharf unterschei-

den lassen. Der dialektische Widerspruch wäre grundsätzlich dagegen gefeit,

das Prinzip der logischen Widerspruchsfreiheit zu verletzen vgl. Fulda ebd. .
- 45 -

Fulda setzt dem markant entgegen: Von Widerspruch ich verstehe: von dia-
lektischem wie von formallogischem, K. E. kann man nur reden als von

etwas, das in einer interpretierten Sprache vorkommt ders. ebd., 64 .
Wie ist aber nun der dialektische Widerspruch, der wie der formallogische
Widerspruch nur in einer interpretierten Sprache vorkommt, zu denken?

Auf einen Gegenstand der Rede ebd. 52 soll mit einem spekulativ-logischen
 
Terminus ebd. 48 Bezug genommen werden. Der Terminus ist vage ebd. ,

die Referenz misslingt vgl. 55f . Es wird versucht, die Referenz mittels eines
weiteren spekulativ-logischen Terminus, der ebenfalls vage ist, zu verbessern.
Diesem Versuch dienen referenzverbessernde Sätze der Form
     
Der die das abstrakter Terminus1 ist der die das abstrakter Terminus2

vgl. ebd., 54f . Eine Unmenge der für die Dialektik Hegelschen Typs cha-
rakteristischen Sätze hat diese Form, ohne dass doch alle Sätze dieser Form

referenzverbessernde Funktion hätten, vgl. ebd. Der als erster verwendete
Terminus heiÿt Ersthinweis , der als zweiter verwendete Terminus heiÿt Zweit-

hinweis oder Interpretament vgl. ebd., 55 .
Die verwendeten Termini können in ihrer Vagheit antonym sein vgl. ebd.,

56 . Wenn man in einem solchen Fall der Antonymie der verwendeten Termini

a zu dem referenzverbessernden Satz denjenigen Satz hinzufügt, der eben-

diese Antonymie der verwendeten Termini formuliert, und b annimmt, dass der
referenzverbessernde Satz und der Satz, der die Antonymie formuliert, formal
 
einander widersprechend ebd. 64 sind weder der Schritt unter a noch die

Annahme unter b nden sich bei Fulda ausdrücklich; sie scheinen mir jedoch
ein besseres Verständnis Fuldas zu ermöglichem , dann erhält man formal
einander widersprechende Sätze, den dialektischen Widerspruch.
Das Auftreten formal einander widersprechender Sätze bzw. des dialekti-
schen Widerspruchs ist als Anweisung zu lesen, die Vagheit durch Bedeutungs-

modikation zu beseitigen ebd. . Fulda führt mehrere seiner Ansicht nach von
 
Hegel praktizierte Weisen von Bedeutungsmodikation an vgl. ebd., 57  .
Der Widerspruch ist Richtschnur des Wahren in dem Sinne, dass er auf
ein Wahres verweist, das frei von ihn auslösender Vagheit ist.
Solange Ersthinweise und ihre Interpretamente vage sind, können sie
immer wieder antonym sein und können formal einander widersprechende

Sätze bzw. dialektische Widersprüche immer wieder auftreten vgl. ebd., 64 .
Unter jedesmaligem Austausch des Gegenstands der Rede kommt es so in ei-
nem dialektischen Fortgang zu einer stets erneuten Einschränkung von Vagheit

durch Bedeutungsmodikation vgl. ebd., 60f . Die ganze Dialektik läÿt sich
als ein Verfahren solcher Einschränkungen von Vagheit charakterisieren, ebd.

60. In eins mit der fortgesetzten Einschränkung der Vagheit der verwendeten
spekulativ-logischen Termini entsteht durch Fixierung ihrer Beziehungen ein

System ebendieser Termini vgl. ebd., 49 .


1. Der Hegelsche dialektische Widerspruch, so wie Fulda ihn versteht,
kann nicht der Widerspruch der ersten Habilitationsthese Hegels sein, der
Richtschnur des Wahren, aber n i c h t Richtschnur des Falschen ist die erste
- 46 -

Habilitationsthese

Hegels in der Komplettierung Fuldas genommen, vgl. oben
S. 2 . Der Hegelsche Widerspruch in Fuldas Verständnis ist gerade und pri-
mär Richtschnur des Falschen Maÿstab dafür, dass Falsches vorliegt ,
sonst wäre sein Auftreten nicht als Anweisung zu lesen, die ihn auslösende
Vagheit durch Bedeutungsmodikation zu beseitigen. Erst sekundär ist der
Hegelsche Widerspruch, so wie Fulda ihn versteht, Richtschnur des Wah-
ren in dem Sinne, dass er auf ein Wahres verweist, das frei von ihn auslösen-
der Vagheit ist. Fuldas Deutung des ersten Teils der ersten Habilitationsthese
Hegels muss daher abgelehnt werden.
2. Fulda möchte zeitgenössische Sprachphilosophie für ein Verständnis der
Hegelschen Dialektik fruchtbar machen zu den Literaturbezügen vgl. die An-

merkungen 58f und 61f in Fulda ebd., 68. Eine Gesamt-Beurteilung, inwieweit
ihm dies

gelungen ist, soll hier nicht vorgenommen werden. Nur so viel:
a Mit der Referenz der spekulativ-logischen Termini auf Gegenstände 
der Rede nimmt Fulda das 
vierte Kapitel von John R. Searle 1970 auf
Reference as a speech act . In Abrückung von Searle jedoch, für den ein Aus-
druck nur dann erfolgreich referieren kann, wenn 
er as part of the utterance
of some sentence or similar stretch of discourse  geäuÿert wird vgl. ders. ebd.,
94 , scheinen zumindest Fuldas Ersthinweise ohne Eingebundenheit in einen
Satz referieren zu sollen. Was für Gegenstände der Rede in Hegels Wis-
senschaft der Logik überhaupt gemeint sein können, bleibt darüberhinaus opak.
Auch um was für eine Art von Sätzen es sich bei den referenzverbessernden
Sätzenhandeln soll, wird nicht genügend deutlich. So sollen die referenzverbes-
sernden Sätze vergleichbar mit Identitätsbehauptungen wie Der Autor von
Waverley ist der Autor von Ivanhoe sein Fulda lässt hier wohl Bertrand
Russells Beispielssatz Scott was the author of Waverley  nachklingen vgl. ders.

1905, passim und einen ähnlichen Zweck wie diese erfüllen. Aber anders als
bei den Identitätsbehauptungen soll man es bei ihnen weder mit einer sym-
metrischen Relation 
 noch mit einer transitiven Relation zu tun haben vgl.
Fulda ebd., 54 : mit
   
Der die das E ist der die das I
müsste nicht auch    
Der die das I ist der die das E
gegeben sein und mit    
Der die das E ist der die das I
und    
Der die das I ist der die das F
müsste nicht auch    
Der die das E ist der die das F
gegeben
sein. 
b Das Konzept 
der Vagheit ist Max Black 1952 und William P.
Alston 1964 entlehnt. Dass ein Wort vage ist, meint: Borderline situati-
ons can arise in which it is impossible to say whether the 
word should or should
not be used Black ebd., 185; vgl. a. ders. ebd., 198 bzw. there are cases in
which

there is no denite answer as to whether the term applies Alston ebd.,
84 . Eine Abhilfe, sollte man sie wünschen, wäre nicht möglich: It is not that
we have not succeeded in nding the answer; there is no answer ders. ebd.,
85 . Vagheit ist von Ambiguität zu unterscheiden, die eine Mehrzahl von Be-
deutungen eines Wortes voraussetzt: A word ... is ambiguous in a certain usage
when in that occurrence the interpreter or hearer is unable to choose between
alternative meanings 
of the word, any of which would seem to t the context
Black ebd., 185 .
Für
das Konzept der Antonymie verweist Fulda auf Jerrold J. Katz
1966 . Die von Katz ebd. gefasste Antonymie setzt einen Begri des reading
eines Wortes voraus. Ein reading represents a sense, Worte 
mit mehreren sen-
ses verfügen über mehrere readings vgl. ders. ebd., 155 . The reading which
represents a sense provides an analysis of the structure of that sense which de-
composes it into conceptual elements and their interrelations ebd. . Das erste
- 47 -

von Katz angeführte reading des Wortes bachelor etwa hat die Gestalt
     
Physical Object , Living , Human , Male , Adult , Never Married

vgl. ebd. . Das bei Katz am Ende eines jeden readings bendliche Symbol
 < SR > , das auf eine selection restriction abhebt, vgl. ebd. 154f, kann hier

unberücksichtigt bleiben. Die eingeklammerten Ausdrücke 
Physical Object,
Living, etc. heiÿen semantic markers vgl. ebd., 154f . Semantic markers
represent

the conceptual elements into which a reading decomposes a sense ebd.
155 .
Zwei Ausdrücke sind nun antonym genau dann, wenn der eine ein reading
mit einem semantic marker M1 aufweist und der andere ein reading mit ei-
nem von M1 verschiedenen semantic marker M2 aufweist, sodass M1 und M2
demselben antonymous n -tuple of semantic markers angehören vgl. ebd., 197
was darauf hinausläuft,

dass sie unter einem Gesichtspunkt wie Geschlecht,
Spezies, Alter, etc. incompatible

semantic markers sind vgl. ebd.; vgl. auch
schon Katz 1964, 532f . Die incompatibility der semantic

markers wird, wenn
ich recht sehe, von Katz unausgewiesen eingeführt.
Beispiele für antonyme Ausdrücke sind bride und groom, aunt und un-
cle, the cow in the barn und the bull in the barn vgl. ders. 1966, 196 . Die
jeweils erstgenannten Ausdrücke verfügen über readings, die sich von readings
der jeweils zweitgenannten Ausdrücke lediglich darin unterscheiden, dass sie dort
den semantical marker Female enthalten, 
wo letztere den dazu
unter dem Gesichtspunkt des Geschlechts incompatible semantic 
marker
Male enthalten vgl. ebd., 196f; vgl. auch schon Katz 1964, 532 . Möglicher-
weise haben Sätze wie The bride is the groom und The bride is not the groom
das Modell für Fuldas formal einander widersprechende Sätze bzw. für den
dialektischen Widerspruch abgegeben wenn man auch nicht sagen wird, dass
ein Satz wie der letztere die Antonymie der Ausdrücke bride und groom for-
muliert: ein dazu wohl unabdingbarer Rekurs auf die semantic markers Male
und Female liegt in diesem Satz, explizit jedenfalls, nicht vor.
Weder zeigt nun Fulda, dass die spekulativ-logischen Termini der Hegel-
schen Wissenschaft der Logik im Sinne von Black und Alston vage sind
dies darzulegen, wäre von Bedeutung gewesen , noch zeigt er, dass spekula-
tiv-logischeTermini der Wissenschaft der Logik im Sinne von Katz antonym
sind. Über welche readings sollten auch etwa die Anfangs-Termini der
Wissenschaft der Logik , Sein und Nichts, verfügen vorausgesetzt einmal,
Sein und Nichts gehörten zu den als antonym qualizierten Termini der
Wissenschaft der Logik ? Könnte es zu Beginn der Wissenschaft der Logik über-
haupt andere conceptual elements als Sein und Nichts selbst geben? Und
wenn ja unter welchem Gesichtspunkt wären ihnen entsprechende semantic
markers incompatible?
Erst recht zeigt Fulda nicht, wie spekulativ-logische Termini der Wissen-
schaft der Logik in den angegebenen Verständnissen vage u n d antonym zu-
gleich sein können. Es mag dies auch angesichts der Dierenz der Bedeutungs-
theorien, die den vorgestellten Konzepten von Vagheit und Antonymie zugrun-
deliegen, nur schwerlich möglich sein. Vgl. dazu etwa Alstons Kritik an einer
mentalistic theory of meaning, wie sie Katz vertritt Alston ebd., 22  , und

Katzs Replik darauf Katz 1966, 177  . Die Bezeichnung mentalistic theory
of meaning ndet sich 
bei Katz ebd., 182, Alston

spricht von einer ideational
theory of meaning , vgl. ders. ebd., 11f, 22 .
Fulda weiÿ um die Mängel seines Essays, den er mit Unzulängliche Bemer-
kungen zur Dialektik überschreibt.
 
Diego Marconi 1980 knüpft kritisch an Fulda 1973 an. Fulda is not
clear about what kind of entities are supposed to be the referents of Hegel's theo-

retical terms Marconi ebd., 45f . Fuldas Vorstellung, dass Hegels spekula-
tiv-logische Termini auf Gegenstände der Rede Bezug nehmen, ist jedenfalls
- 48 -

dann aufzugeben, wenn es sich bei diesen Gegenständen der Rede um non-

conceptual entities handelt vgl. Marconi ebd., 46 . Für Marconi selbst er-
gibt sich, dass Hegels theoretical terms ... refer to ... conceptual determinations

vgl. Marconi ebd., 87 . Marconi 1979b hatte demgegenüber mit Blick auf
Fulda noch zu bedenken gegeben:  ... solo l'Assoluto può essere eventualmente
inteso come il referente delle determinazioni concettuali hegeliane, vgl. Mar-
coni ebd., 23 die determinazioni concettuali hegeliane sind hier wie Hegel's

theoretical terms in Marconi 1980 zu nehmen, vgl. ders. 1979b, ebd.
Ferner: Neben den von Fulda ausschlieÿlich berücksichtigten Hegelschen
Sätzen der Form
the t1 is the t2
sind auch die von Hegel verwendeten Sätze der Form
the t1 is t2
in die Betrachtung mit einzubeziehen vgl. Marconi 1980, 67f; t1 und t2 ste-
hen für Hegels theoretical terms, mit denen Marconi wohl die von Fulda

so genannten spekulativ-logischen Termini Hegels aufnimmt . Marconi un-
terscheidet die Sätze der ersten Form als Sätze der Form A von den Sätzen der

zweiten Form als Sätzen der Form B vgl. ders. ebd., 71f . Die Sätze der Form B

sind nicht auf Sätze der Form A zurückführbar vgl. ebd., 68 .
Die Sätze der Form A sind wie die Sätze der Form B mehrfach paraphrasierbar

vgl. ebd., 74, 76, 80f, 86f, 89 . Die Sätze der Form A mag man beispielsweise so
paraphrasieren:
the t1 is to be thought of as the t2

vgl. ebd., 76, 81 , die Sätze der Form B etwa so:
the t2 is an essential constituent of the t1

vgl. ebd., 81f .
Die in den Sätzen der Form A zum Ausdruck gebrachte Relation über der Men-
ge der Hegelschen theoretical terms erweist sich als eine Ordnungsrelation bzw.

als eine partielle Ordnung partial ordering : sie ist reexiv, antisymmetrisch

und transitiv vgl. ders. ebd., 79 . Sie ist reexiv, weil für beliebiges t1
the t1 is the t1
gilt; sie ist antisymmetrisch, weil für beliebige t1 und t2 mit
the t1 is the t2
und
the t2 is the t1 :

they are one and the same si identicano, ders. 1979b, 44 gilt; sie ist tran-
sitiv, weil für beliebige t1, t2 und t3 mit
the t1 is the t2
und
the t2 is the t3
auch
- 49 -

the t1 is the t3

gilt vgl. ebd., 79f . Marconi bendet sich in Übereinstimmung mit Fulda,
insofern dieser immerhin die Symmetrie der in Frage stehenden Relation bestritt,
vgl. Fulda 1973, 54. Er widerspricht Fulda, insofern dieser meinte, die Transi-
tivität der Relation sollte man nicht allemal unterstellen, vgl. Fulda ebd. Vgl.

auch oben S. 46.
Die in den Sätzen der Form B zum Ausdruck gebrachte Relation über der Men-
ge der Hegelschen theoretical terms erweist sich nur als eine Quasi-Ordnung

quasi-ordering : sie ist reexiv und transitiv, aber nicht antisymmetrisch vgl.

ebd., 83f . Es gilt für beliebiges t1
the t1 is t1
und für beliebige t1, t2 und t3 mit
the t1 is t2
und
the t2 is t3
auch
the t1 is t3

vgl. ebd. . Für beliebige t1 und t2 gilt dagegen nicht mit
the t1 is t2
und
the t2 is t1 :

they are one and the same vgl. ebd. .
Marconi glaubt nun, bei Hegel two basic schemata of contradiction-

generating procedures ausmachen zu können Marconi ebd., 99 . One of them,

by far the most frequent schema a , consists in showing that a term t1 can
be determined in the last analysis through two intuitively antonymous terms,

t2 and t3 ebd. . Terms sind für Marconi antonymous, wenn sie inten-
sionally incompatible sind, vgl. ders. ebd., 43; vgl. a. ders. 1979b, 22. Zu dem von
Fulda herangezogenen, dierenzierterem Verständnis von antonym aus Katz

1966 vgl. oben, S. 46f.
 
Schema a: Es seien t2 und t3  intuitively antonymous terms. Über zwei
Folgen von Sätzen, die entweder sämtlich Sätze von der Form A sind oder sämt-
lich Sätze von der Form B sind, nämlich
  
the t1 is the t'11 , the t'11 is the t'12 , the t'12 is ... is the t2
und
  
the t1 is the t''
11 , the t''
11 is the t''
12 , the t''
12 is ... is the t3 ,

werden unter Ausnutzung der gerade angesprochenen Transitivität die conclu-


sions

the t1 is the t2
und

the t1 is the t3

erreicht. Diese conclusions sind contradictory, weil t2 und t3  intuitively
- 50 -


antonymous sind vgl. Marconi 1980, 99f .
Schema b is even simpler. It consists in showing that a term t1 can be
ultimately determined through a term tn, which is intuitively antonymous

to t1 ders. ebd., 100 .
 
Schema b: Es seien t1 und tn  intuitively antonymous terms. Über eine
Folge von Sätzen, die entweder sämtlich Sätze von der Form A sind oder sämtlich
Sätze von der Form B sind, nämlich
  
the t1 is the t2 , the t2 is the t3 , the t3 is ... is the tn ,
wird unter Ausnutzung der besagten Transitivität die conclusion

the t1 is the tn

erreicht. Diese conclusion ist self-contradictory, weil t1 und tn  intuitively

antonymous sind vgl. ebd. . Marconi ist sich im Klaren darüber, dass die von
ihm präsentierten schemata of contradiction-generating procedures von ihm
auch nur als basic qualiziert, vgl. oben S. 49 a ... simplied version of what

actually goes on in the Hegelian text liefern, vgl. ebd.

Nicht recht deutlich wird, in welchem



Sinne Marconi von contradiction
contradictory, self-contradictory
spricht. Marconi gesteht a sloppy way of

speaking ein vgl. ebd., 99 . 
Weiterhelfen mag Marconi 1983 . Les contradictions dialectiques, wenn 
sie nicht selbst des énoncés formellement contradictoires
 de la forme p & ~p 
sind und das sind sie laut Marconi 1980 
nur in einem vernachlässigbaren
Maÿe vgl. ebd., 99; vgl. a. ders. 1983, 569 , sind doch des énoncés ... qui
impliquent naturellement des énoncés formellement contradictoires: par example,
et typiquement, des énoncés de la forme le t est P et le t est Q où P et Q
sont des prédicats antonymes vgl. ders. 1983, 568 . Diese énoncés de la forme
le t est P et le t est Q implizieren des énoncés formellement contradictoires,
weil jede der beiden Teilaussagen le t est P und le t est Q aufgrund der
antonymie von P und Q die Negation der anderen impliziert das lese ich

wenigstens aus Marconi ebd., 568f, heraus 
.
In Applikation auf Marconi 1980 erhielten wir Sätze der Form A und
Sätze der Form B wie bisher in den schemata a und b jeweils unterschiedslos
behandelt :
1. Die conclusions 
the t1 is the t2
und 
the t1 is the t3
sind contradictory in dem Sinne, dass eine jede von ihnen aufgrund der
antonymy von t2 und t3 die Negation der anderen impliziert, d. h. Mar-

conis contradictory meint: contrary konträr .
Weil die erste der beiden conclusions die Negation der zweiten impliziert
und die zweite von ihnen die Negation der ersten impliziert, 
implizieren die con-
clusions die formal contradictions Marconi 1980, 99
 
the t1 is the t3 ∧ . the t1 is the t3
und  
the t1 is the t2 ∧ . the t1 is the t2 .
2. Die conclusion 
the t1 is the tn
ist self-contradictory in dem Sinne, dass sie aufgrund der antonymy von
t1 und tn ihre eigene Negation impliziert. Sie ist sozusagen self-contrary.
- 51 -

Sie impliziert damit auch the formal contradiction


 
the t1 is the tn ∧ . the t1 is the tn .
Wenig überzeugend wäre nun das Applikationsergebnis für die conclusion

the t1 is the tn :
Inwiefern sollte diese conclusion aufgrund der antonymy von t1 und tn ihre
eigene Negation implizieren? Plausibler wäre es, sie gemeinsam mit der gültigen
Aussage 
the t1 is the t1

vgl. oben S. 48f analog zu den conclusions

the t1 is the t2
und 
the t1 is the t3

zu behandeln vgl. die vorige Seite; t2 würde durch t1, t3 durch tn ersetzt und
sie aufgrund der antonymy von t1 und tn die wohl auch die antonymy von
tn und t1 bedeuten wird die Negation

. the t1 is the t1
bzw. 
the t1 is not the t1
implizieren zu lassen. Oen bliebe dann, in welchem Sinne die conclusion

the t1 is the tn
noch self-contradictory wäre.
Überhaupt stünde zu vermuten, dass für Marconi mit der Negation

. the t1 is the tn
bzw. 
the t1 is not the tn
bereits die antonymy von t1 und tn oder eine Folge von ihr zum Ausdruck ge-
bracht wird.
Nimmt man die self-contradictory conclusion in der Gestalt für Sätze der
Form A, also als
the t1 is the tn ,
und wäre es möglich, die Negation der so gefassten self-contradictory conclusion,

. the t1 is the tn
bzw. 
the t1 is not the tn ,
als eine Formulierung der Antonymie von Fulda und Katz gelten zu lassen
es scheint dies allerdings eher unmöglich zu sein, vgl. dazu oben S. 47 , dann
hätte man in der self-contradictory conclusion Marconis und ihrer Negation
wohl diejenigen formal einander widersprechenden Sätze vor sich, die Fulda
zufolge den dialektischen Widerspruch ausmachen. Vgl. oben S. 45.
Die Rede von den énoncés formellement contradictoires bzw. den formal
contradictions, die Sätze der Form
p∧ p
meint, die misslich ist, weil die involvierten Sätze p nicht formalsprachliche,
sondern dem Text Hegels entstammende Sätze sind dürfte nicht dazu ver-
leiten, die lediglich als contrary bestimmten contradictory conclusions des
schema a dennoch als Sätze aufzufassen, die sich wie p und p zueinander
verhalten.

Contradiction wie er mit den contradictory conclusions



the t1 is the t2
- 52 -

und

the t1 is the t3
bzw. mit der self-contradictory conclusion

the t1 is the tn

vorliegt vgl. oben S. 49f ist gemäÿ einem fundamental principle governing
Hegelian arguments ... untenable as a nal result ... of philosophical discourse

Marconi 1980, 126 . Hegel's logic is characterized not so much by its ac-
ceptance as by its rejection of contradictions ebd. 196; die acceptance dürf-
te lediglich dem generating der contradictions gelten, denen im Anschluss

die rejection gilt . According to Hegel, contradictions should not be rejected
gemeint sein wird: not o n l y be rejected , they should be resolved ebd.

168; Marconi bezieht sich hier auf B65 II271, wo Hegel von dem W i d e r-
s p r u c h, der im Urteil ... vorhanden ist, sagt, dass er sich a u f l ö s e n ...

muÿ, Sperrungen im Original . La contraddizione, perché impone di essere
eliminata, wird von Marconi geradezu als il motore del processo dialettico

bezeichnet ders. 1979b, 43; vgl. a. ebd., 26 .
Die Auflösung der Widersprüche erfolgt in einer procedure called

aufheben, in einer Aufhebung procedure Marconi 1980, 121, 124 . Diese

procedure folgt einem reductio-like pattern vgl. ebd., 134, 161 : Sie verwirft

a hypothesis ... by showing that it involves a contradiction ebd. 134f . Soll die
Aufhebung procedure an die oben erwähnten contradiction-generating proce-
dures rückbindbar sein eine Rückbindung, die, wenn ich recht sehe, Marconi
selbst nicht mehr leistet , dann wird man verstehen müssen: Die Aufhebung
procedure verwirft eine hypothesis, welche den contradiction der contradic-
tory conclusions

the t1 is the t2
und

the t1 is the t3
bzw. den contradiction der self-contradictory conclusion

the t1 is the tn
mit sich bringt. Man könnte denken, dass die zu verwerfende hypothesis eine
der premises
  
the t1 is the t'11 , the t'11 is the t'12 , ... ... , ... is the t2
oder
  
the t1 is the t''
11 , the t''
11 is the t''
12 , ... ... , ... is the t3

bzw. eine der premises


  
the t1 is the t2 , the t2 is the t3 , ... ... , ... is the tn
ist, die eben auf die besagten contradictory conclusions bzw. auf die besag-

te self-contradictory conclusion führen vgl. oben S. 49f . Doch diese Deu-
tung erscheint ausgeschlossen: Als hypothesis zu verwerfen ist entweder
- 53 -

eine assumption der Gestalt


a and b are opposites
wohl zu verstehen als a and b are antonymous, a und b dürften wie t1,

t2, etc. für Hegels theoretical terms stehen, vgl. oben S. 48 oder eine as-
sumption der Gestalt
a is identical with the highest standpoint

Marconi 1980, 134, 124 und assumptions beider Gestalt wären nur schwer-
lich unter die angeführten premises zu rechnen. Wird als hypothesis eine as-
sumption der ersten Art verworfen, liegt die no opposition interpretation der
Aufhebung procedure vor, wird als hypothesis eine assumption der zwei-
ten Art verworfen, liegt die relativizing interpretation der Aufhebung proce-

dure vor vgl. Marconi ebd., 124, 134 . Die no opposition interpretation der
Aufhebung procedure ist für Marconi die von Fulda eingenommene Position,

vgl. Marconi ebd., 147f.
Mit Bezug auf die Aufhebung procedure verstehe ich dann: Die Aufhebung
procedure verwirft eine hypothesis sei es eine assumption der Gestalt
a and b are opposites,
sei es eine assumption der Gestalt
a is identical with the highest standpoint ,
die zur Folge hat, dass die conclusions

the t1 is the t2
und

the t1 is the t3
contradictory sind bzw. dass die conclusion

the t1 is the tn
self-contradictoryist. Nach Verwerfung der fraglichen assumptions sind die
beiden erstgenannten conclusions nicht mehr contradictory und ist die letzt-
genannte conclusion nicht mehr self-contradictory.
In der no opposition interpretation wäre die zu verwerfende hypothesis
die assumption
t2 and t3 are opposites

t2 and t3 are antonymous bzw.
t1 and tn are opposites
 
t1 and tn are antonymous vgl. oben S. 49f .
In der relativizing interpretation wäre wohl als die zu verwerfende hypo-
thesis die assumption
t1 is identical with the highest standpoint
anzunehmen.
- 54 -

Was die no opposition interpretation anbelangt, so bliebe zu zeigen, dass


trotz dem, dass die terms t2 und t3 bzw. t1 und tn nicht länger als antonymous
verstanden werden, die Aussagen

the t1 is the t2
und 
the t1 is the t3
bzw. die Aussage 
the t1 is the tn
weiterhin conclusions bezüglich der oben erwähnten premises sind, d. i. wei-
terhin aus ihnen folgen. Überhaupt verstünde es sich nicht von selbst, dass diese
Aussagen sich nach der Verwerfung der zur Frage stehenden assumptions nun
nicht aus anderen Gründen als contradictory bzw. als self-contradictory er-
weisen.
In der relativizing interpretation wird tatsächlich durch die Zurücknahme
der assumption
t1 is identical with the highest standpoint
ein contradiction zum Verschwinden gebracht: der contradiction zwischen die-
ser assumption und der conclusion

the t1 is the tn ,
die wenigstens wenn 
man sie so versteht, dass sie besagt: t1 leads onto its
opposite nämlich tn eben

t1 als den highest standpoint unmöglich macht
vgl. Marconi 1980, 123f . Aber wie wären die conclusions

the t1 is the t2
und 
the t1 is the t3
berücksichtigt? Und vor allem: Der in der antonymy von t2 und t3 begründete
contradiction dieser conclusions sowie der in der antonymy von t1 und tn
begründete contradiction der conclusion

the t1 is the tn
blieben unangetastet bestehen.

Marconi gibt zu der Vermutung Anlass, dass er zumindest mit der Herlei-
tung der conclusion

the t1 is the tn ,
und zwar in ihrer Version der Form A,
the t1 is the tn

vgl. oben S. 48 , einen Verstoÿ gegen den Satz des Widerspruchs gegeben sieht.

Bei dem hier nicht mehr näher vorgestellten Versuch, die Aufhebung proce-
dure im Rückgri auf certain simple algebraic structures, speziell pseudo-

Boolean semilattices pseudo-Boolesche Halbverbände zu verdeutlichen vgl.

Marconi 1980, 121, 140f, 152  , wird diese conclusion wohl als eine Formel

a−
< --a

erscheinen Marconi bleibt hier unklar : Das Zeichen − < entspricht der Kopula
in den Sätzen der Form A, the a is the b will be made to mean that a −< b vgl.

Marconi ebd., 143 ; mit --a ist gegenüber dem term a its opposite gemeint

ebd. 123, vgl. a. 161 , a entspräche t1, --a entspräche tn. The prohibi-
tion against asserting a −< --a gemeint sein dürften alle Formeln eben dieser
- 55 -

Gestalt macht nun allem Anschein nach für Marconi the law of contra-

diction aus vgl. ders. ebd., 161 . Für ein so verstandenes law of contradiction

gilt dann: the law is certainly violated by Hegel, under the present interpreta-
tion, scil. der Hegelschen opposition ... explicated by the operation -- , vgl.

ebd.
Mit der Verwerfung der assumption
t1 and tn are opposites
als einer hypothesis wäre ein contradiction beseitigt der contradiction der
selfcontradictory conclusion

the t1 is the tn ,
der verboten im Sinne des law of contradiction war.
Da Marconi, soweit ich sehe, eine Begründung für das law of contradiction,
wie er es versteht, nicht gibt, kann nicht ausgeschlossen werden, dass ebensogut
wie das Behaupten einer Formel der Gestalt a − < --a auch das Behaupten eines
Paars von Formeln der Gestalt a − < --b zu verbieten ist und das law
< b und a −
of contradiction entsprechend erweitert zu verstehen ist.
Mit der Verwerfung der assumption
t2 and t3 are opposites
als einer hypothesis wäre dann ebenfalls ein contradiction beseitigt der con-
tradiction der contradictory conclusions
the t1 is the t2
und
the t1 is the t3

Marconi bezeichnet diese conclusions immerhin als contradictory! , der
verboten im Sinne des law of contradiction war.
Die Sätze der Form B, speziell die conclusions
the t1 is t2
und
the t1 is t3
sowie die conclusion
the t1 is tn ,
deren Berücksichtigung Marconi gegenüber Fulda doch geltend gemacht hatte

vgl. oben S. 48 , wären ohnedies aus der Betrachtung wieder herausgefallen.

Jacques d' Hondt 1982 unterstreicht: Ce serait ... une erreur que de croire
à un abandon par Hegel de toutes les règles et de tous les procédés de la logique
classique ... . Hegel ne fait nullement l'apologie d'une sorte de sentimentalisme

anti-intellectualiste Jacques d' Hondt ebd., 108 .

Il ne récuse pas le principe d'identité ebd. . Von einem principe de con-
tradiction oder einem principe de non-contradiction spricht d' Hondt nicht

explizit. Il y a des contradictions, mais elles se résolvent. ... . Il y a des opposi-

tions, mais on les surmonte ebd. 109 . Hegel ne mérite pas d'être appelé le plus
- 56 -


grand irrationaliste de tous les temps Kroner ! Wir hatten gesehen, dass das
von d' Hondt angezielte Diktum Kroners, Hegel sei ohne Zweifel der gröÿ-
te Irrationalist, den die Geschichte der Philosophie kennt, sich nicht oder doch
nicht primär darauf bezieht, dass Hegel, wie Kroner für ausgemacht bendet,

den Richterspruch der formalen Logik verwirft; vgl. oben S. 10f. D' Hondt
verweist auf Hegels admiration sans borne pour Aristote vgl. d' Hondt ebd.,

108f .
Hegels dialectique bedient sich gar der principes logiques traditionelles
und ist auf sie angewiesen: Sans les classiques lois de la pensée, on ne discer-
nerait ni êtres, ni dénitions, ni oppositions, ni contradictions: et alors, pas de

dialectique possible vgl. d' Hondt ebd., 108f .

Jedoch: Es gibt eine critique hégélienne ... de la logique classique ebd. 108 .
Hegel ... tente de situer ... ces lois de la pensée ... dans un processus où ils pren-
 
nent le statut ... de moments ebd. 109 . Il faut se garder de les réier ces lois
 
de la pensée, K. E.  ebd. . Plus on les observe avec sérieux et avec rigeur, mieux
on les voit se dépasser, se surmonter elles-mêmes was dem gleichkommt, dass
tout ce qu'elles permettent heureusement de discerner ... en vient nalement à
se dissoudre, à se uidier, à retourner au mouvement du processus universel

ebd. .
Diese critique, unter dem Blickwinkel der Hegelschen Unterscheidung von
 
Verstand entendement und Vernunft raison gesehen der Verstand
entspricht der forme de pensée, die der bon sens, wohl inklusive der logique
classique, ausmacht; die Vernunft entspricht der forme dialectique de pensée

vgl. ebd., 107f , stellt sich als eine critique der Vernunft am Verstand
dar.
Als critique rationnelle, die se veut-elle même dialectique, et donc non
dogmatique, ist sie nun so zu reformulieren, dass sie statt de traiter l'entende-
ment avec les seuls procédés séparateurs et xateurs de l'entendement lui-même
... montre le caractère relatif, passager, momentané, partiel des opérations de
l'entendement und, was ses ÷uvres anbelangt, absorbe celles-ci, et l'entende-

ment lui-même, dans le processus rationnnel universel ebd. 108 .
Die Frage stellt sich, ob diese critique hégélienne ... de la logique classique
nicht doch die Preisgabe aller Regeln und Verfahren der Letzteren erzwingt.



Thomas Kesselring 1984 strebt eine rationale Rekonstruktion der Art
und Weise an, wie in der Hegelschen Dialektik Begrie auseinander erzeugt

werden ders. ebd., 115 . Er entwickelt dazu ein Dialektikmodell, das die Be-
grisbewegung in Hegels Phänomenologie sowie in dessen Seins- und
... Wesenslogik auf weite Strecken verständlich machen soll vgl. ebd., 20,

115 . Die Ausblendung der Begriffslogik, des dritten und letzten Teils der
Wissenschaft der Logik, ist oenbar Kesselrings Bewertung geschuldet, es falle
Hegel in der Begriffslogik ... hinter das in der Wesenslogik erreichte

Niveau zurück ; vgl. Kesselring ebd., 89; vgl. a. ders. 1992, 297.
Sinn und Gegenstand Hegelscher Dialektik können nur erfolgreich bestimmt
werden, wenn die Aufgabe gelöst wird, Hegels Terminologie in eine andere,
den modernen Wissenschaften näher stehende Sprache zu übersetzen vgl. Kes-

selring ebd., 93 . Als Paradigma einer zu diesem Zweck tauglichen moder-
- 57 -

nen Wissenschaft, deren er sich auch bedient, gilt Kesselring die genetische
  
Erkenntnistheorie Jean Piagets und seiner Genfer Schule vgl. ebd. . Die Be-
schreibung, die Hegel von der dialektischen Bewegung der Erfahrung des Bewuÿt-
seins gibt ... , stimmt in zentralen Punkten mit der Analyse überein, die Piaget

von der Entwicklung der kognitiven Strukturen liefert Kesselring ebd. .
Gemäÿ dem Dialektikmodell läuft die zu erfassende Bewegung über

Stufen vgl. ders. ebd., 115f; zum Dialektikmodell vgl. a. ders. 1992, 274  .
Auf jeder Stufe lassen sich zwei Sphären unterscheiden, eine Obersphäre und

eine Untersphäre vgl. ders. 1984, 116 . Die Obersphäre einer Stufe auch
ihre Formsphäre genannt repräsentiert ... ein einfaches kognitives Schema
bzw. eine Form. Die Untersphäre einer Stufe auch ihre Inhaltssphäre
genannt steht für den Bereich der durch das Schema der 1. Sphäre zu the-

matisierenden ... Inhalte vgl. ebd., 116, 121f . Auf jeder Stufe erfolgt eine
Projektion des Schemas der Obersphäre in die von diesem Schema zu
thematisierenden Inhalte der Untersphäre. Diese Projektion bedeutet eine
Sphärenvermengung 23 und erzeugt einen Widerspruch. Dieser Widerspruch

ist eine strikte Antinomie. Vgl. ebd., 122f.
Eine strikte Antinomie bestimmt Kesselring als Äquivalenz zweier Aus-

sagen, deren eine die Negation der anderen ist vgl. ebd., 98 . Eine strikte
Antinomie weist also immer zwei sich gegenseitig negierende und zugleich impli-

zierende Seiten ... auf ebd. .

Kesselrings Bestimmung der strikten Antinomie ist durch van Heije-



noort 1967 angeregt, ohne dass es bei diesem für Kesselrings Qualizie-
rung strikt eine Entsprechung gäbe. Für van Heijenoort besteht die most
extreme form eines paradox eben in the apparent equivalence of 
two propositi-
ons, one of which is the negation of the other vgl. ders. ebd.,

45 . This extreme
form of a paradox is sometimes called an antinomy ebd. .

Einer strikten Antinomie entspreche mithin nicht nur wie bei einem ein-
fachen Widerspruch die Konjunktion entgegengesetzter Aussagen vgl. Kes-

selring ebd. . Dass strikte Antinomien Merkmale von Tautologien logischen

Äquivalenzen und zugleich von Widersprüchen aufwiesen, vgl. Kesselring

ebd., 98f, wird man nicht stehen lassen können. Vgl. dazu weiter unten S. 161 .
Dialektische Widersprüche von denen Hegel selbst übrigens so gut wie
nie spricht, so Kesselring in Aufnahme eines Hinweises in Michael Wolff

1981 , 17 unterschieden sich von anderen Widersprüchen genau durch ihre

strikt antinomische Natur vgl. Kesselring ebd., 115 .

Dass Kesselring von strikten Antinomien und nicht einfach von Anti-
nomien spricht, mag darin begründet sein, dass er die strikten Antinomien in
dem von ihm festgelegten Sinne und die Antinomien Hegels deutlich von-

23 Die Rede von der Sphärenvermengung  übernimmt Kesselring von Arend


 
Kulenkampff 1970 , 20, der sie seinerseits Rudolf Carnap 1928a , 40, ent-
lehnt haben dürfte. Vgl. Kesselring 1984 , 374 Anm. 6.
- 58 -

einander getrennt wissen möchte. Dass 


Hegel selbst von Antinomien spricht,
hatten wir gesehen, vgl. oben S. 3f.
Kesselring urteilt jedenfalls, dass es eine Illusion sei, zu glauben, was
Hegel unter einer Antinomie verstanden habe, sei dasselbe wie das, was die
moderne Logik als Äquivalenz sich 
gegenseitig negierender Propositionen be-
schreibt Kesselring ebd., 114 . Hegel rekurriere im wesentlichen auf den
Antinomiebegri Kants vgl. Kesselring ebd., 113 . Kesselring unterstellt

hier oenkundig, dass die Antinomie Kants keine strikte Antinomie ist.
Es sei dennoch die These keineswegs gefährdet, in Hegels

Dialektik spielten
strikte Antinomien eine zentrale Rolle vgl. ders. ebd., 114 . Hegel könne zur
Bezeichnung
strikt antinomischer Verhältnisse andere Begrie verwendet haben
vgl. ebd. . Kandidaten für solche Begrie seien der Terminus der doppelten
Negation (Negation der Negation

 ) und der Begri der Negativität  ebd.; vgl.
a. Kesselring ebd., 148 .

Als Beispiele für strikte Antinomien führt Kesselring die Russellsche



Antinomie sowie eine an Alfred Tarski 1935 anknüpfende Fassung der so

genannten Lügner-Antinomie an vgl. Kesselring ebd., 98 .
Die Russellsche Antinomie ergibt sich darüber, dass man den Begri der
Menge aller Mengen  bildet, die sich nicht selbst als Element enthalten :
Diese Menge enthält sich zum Element, wenn sie sich nicht zum Element enthält,
und sie enthält sich nicht zum Element, wenn sie sich zum Element enthält vgl.

ebd. . Bezeichnen wir besagte Menge die Menge aller Mengen, die sich nicht
selbst als Element enthalten mit R und drücken wir die Element-Beziehung
mittels des Zeichens aus, dann wären die beiden sich gegenseitig ... implizie-

renden und somit äquivalenten Seiten die Aussagen
R∈R
und

R∈R .
Von diesen Aussagen wäre insofern die eine die Negation der anderen bzw. diese
Aussagen wären insofern sich gegenseitig negierend, als sie einander kontradik-
torisch entgegengesetzt sind.
Die Lügner-Antinomie wird von Kesselring über die Formulierung

p : Der Satz p ist falsch.

präsentiert vgl. Kesselring ebd.; vgl. Tarski ebd., 271 : Der Satz p, der von
sich selbst Falschheit prädiziert, ist falsch, wenn er wahr ist, und wahr, wenn

er falsch ist Kesselring ebd. . Die beiden sich gegenseitig implizierenden,
äquivalenten Seiten wären die Aussagen

Der Satz p ist wahr


und
Der Satz p ist falsch.
Auch diese Aussagen wären insofern wechselseitig Negation voneinander bzw.
sich gegenseitig negierend, als sie, wenigstens bei einem Verständnis etwa der
letzteren der beiden Aussagen als
- 59 -

Der Satz p ist nicht wahr


respektive
. Der Satz p ist wahr,
einander kontradiktorisch entgegengesetzt sind.

Auf die nach ihm benannte Russellsche Antinomie stieÿ Bertrand
Russell im Jahre 1902. Er erkannte sie als in Gottlob Freges Grundgeset-

ze der Arithmetik. Begrisschriftlich abgeleitet I1893, II1903 herleitbar. Fre-
ge, von Russell in einem Brief vom 16. 6. 1902 über den Befund unterrichtet
vgl.Frege, Nachgelassene Schriften und Wissenschaftlicher Briefwechsel, Bd. 2,
211f , gab diesen in einem Antwortschreiben vom 22. 6. 1902 sogleich zu: Ihre
Entdeckung des Widerspruchs, so Frege, hat mich auf's Höchste überrascht
und, fast möchte ich sagen, bestürzt, weil dadurch der Grund, auf dem 
ich die
Arithmetik sich aufzubauen dachte, in's Wanken geräth vgl. ebd., 213 . Freges
System, das an logischer Strenge und Durchsichtigkeit des Aufbaus alles über-
traf, was bis dahin in der mathematischen

Grundlagenforschung überhaupt auf-
getreten war, so Thiel 1972 , 93, war gerade  d a n k  seiner präzisen 
Aus-
drucksmittel der Inkonsistenz überführt vgl. ebd., 95; Herv. von mir .
Ernst Zermelo entdeckte im Jahre 1902 ebenfalls die Russellsche
Antinomie 
 unabhängig von Russell und etwas früher als dieser vgl. Thiel
1980, 47 . Er publizierte seine Entdeckung jedoch nicht. In Würdigung Zerme-
los spricht man entsprechend von der Zermelo-Russellschen Antinomie vgl.

etwa Thiel 1996 . 
Die Lügner-Antinomie, über die Aussage Ich lüge jetzt  dargeboten, 
da-
tiert aus der Antike und wird auf Eubulides 
von Milet 4. Jh. v. Chr. zurück-
geführt vgl. Diogenes Laertios II, 
108 , einen Schüler des Eukleides von
Megara ca. 450 -- ca. 370 v. Chr. , des Begründers der Megarischen Schule,
der seinerseits ein Schüler des Sokrates war. Die Lügner-Antinomie in ihren
verschiedenen Fassungen ergibt sich jeweils über eine Aussage, die ihre 
eigene
Unwahrheit behauptet, vgl. Peter Schroeder-Heister 1995, 
719.
Die dem Kreter Epimenides Ende des 7. Jh.s v. Chr. in den Mund ge-
legte Aussage Alle Kreter lügen immer 24 führt auf keine strikte Antinomie
im Sinne Kesselrings. Zwar gilt: Wenn alle Kreter immer lügen und wenn der
Kreter Epimenides die Aussage Alle Kreter lügen immer tätigt, dann ist auch
diese vom Kreter Epimenides getätigte Aussage eine Lüge, d. h. dann ist es
n i c h t so, dass alle Kreter immer lügen.
Es gilt aber nicht mehr im Gegenzug: Wenn es n i c h t so ist, dass alle Kreter
immer lügen, und wenn der Kreter Epimenides die Aussage Alle Kreter lügen
immer tätigt, dann lügen alle Kreter immer. Denn es ist nicht zwingend, die
vom Kreter Epimenides getätigte Aussage Alle Kreter lügen immer unter die-
jenigen von Kretern getätigten Aussagen zu rechnen, die keine Lüge sind es sei
denn, diese Aussage ist die einzige, die jemals von einem 
Kreter getätigt wurde so
dass sie fürwahr ihre eigene Unwahrheit behauptet . Vgl. dazu Schroeder-
Heister ebd., 720; vgl. aber auch Thiel 1995, 325f.
Von den einander kontradiktorisch entgegengesetzten Aussagen
Alle Kreter lügen immer
und
Es ist nicht so, dass alle Kreter immer lügen

24 Auf Epimenides dürfte sich auch der neutestamentliche Brief an Titus be-


1,12,
 eÚpen tis âx aÎtw̃n ... ; Krh̃tes ‚eÈ yeũai
ziehen der als Paulus -Brief auftritt, aber pseudepigraphisch ist , wenn es ebd.
heiÿt: 
Es sagte einer von ihnen
sc. ein Kreter, vgl. ebd. 1,5  ... : Kreter sind immer Lügner .
- 60 -

bzw.
. Alle Kreter lügen immer
impliziert also unter der Voraussetzung, dass ein Kreter, etwa Epimenides,
die Aussage Alle Kreter lügen immer tätigt die erste Aussage die zweite; es
impliziert aber nicht mehr nicht unter der genannten Voraussetzung und erst
recht nicht ohne sie die zweite Aussage die erste. Die beiden Aussagen sind
nicht nicht unter der genannten Voraussetzung

und erst recht nicht ohne sie
äquivalent vgl. Kesselring ebd., 112 .

Der Widerspruch, der auf jeder Stufe der vom Dialektikmodell zu erfas-
senden Bewegung als strikte Antinomie erzeugt wird, erlaube nun den for-
mallogischen Schluss auf jede beliebige Aussage vgl. Kesselring ebd., 352

Anm. 19 . Der Beweis hierfür biete keinerlei Schwierigkeiten so Kesselring
 
unter Berufung auf Popper 1963 , 320f vgl. oben S. 25f . Jede Dialektik-
Interpretation sei der gewichtigen Frage ausgesetzt, wieso Hegel ... den An-
spruch aufrechterhält, mit seiner Theorie etwas Bestimmtes aussagen zu können,
wo ja doch aus einem Widerspruch alles Beliebige folgt, vgl. Kesselring ebd.,

27.
Um der formallogischen Erschlieÿbarkeit jeder beliebigen Aussage zu ent-
gehen, bedarf es der Ausschaltung des erzeugten Widerspruchs vgl. Kessel-

ring ebd., 123 . Wie wird diese Ausschaltung erreicht und dem Streben nach

Widerspruchsfreiheit ebd. 127 Genüge getan?
Der erzeugte Widerspruch wird wieder ausgeschaltet und die Wider-
spruchsfreiheit restituiert, indem die erfolgte Projektion des Schemas der
Obersphäre in die von ihm zu thematisierenden Inhalte der Untersphäre

vgl. oben S. 57 zurückgenommen wird somit eine Entmischung von Ober-
und Untersphäre stattndet, die Sphärenvermengung aufgehoben wird und,
ohne dass es zu einem bloÿen Rückfall in den status quo ante käme, Ober-
und Untersphäre dissoziiert Subsphären der Untersphäre einer neu-

en Stufe werden vgl. Kesselring ebd., 124, 127 . Auch der auf dieser neuen
Stufe dadurch erzeugte Widerspruch, dass das Schema ihrer Obersphäre
das bei der Entstehung des Widerspruchs der vorhergehenden Stufe unbe-

wuÿt mitkonstituiert wurde vgl. ebd., 125 in die von ihm zu thematisieren-
den Inhalte der Untersphäre projiziert wird einer Untersphäre, die Ober-
und Untersphäre der vorhergehenden Stufe als Subsphären enthält , wird
auf die angegebene Weise wieder ausgeschaltet.
Die vom Dialektikmodell zu erfassende Bewegung, die von Stufe zu Stufe
fortschreitet, ist bei Piaget oen, d. h. sie hat bei ihm keine letzte Stufe

vgl. Kesselring ebd., 282 . Bei Hegel hat sie eine solche. In ihr gilt ihm die

Bewegung als abgeschlossen vgl. ebd. .

Nicht nur die strikten Antinomien, die in der vom Dialektikmodell zu


erfassenden Bewegung erzeugt werden, kommen durch Sphärenvermengung
zustande. Es kämen überhaupt  strikte Antinomien durch Vermischung ver-
schiedener logischer bzw. semantischer, epistemologischer oder

ontologischer Ebe-
nen oder Sphären zustande vgl. Kesselring ebd., 99 .
So werde in der Russellschen Antinomie die Ebene einer Menge die
Ebene der Menge R aller Mengen, die sich nicht selbst als Element enthalten,
vgl. oben S. 58 mit der Ebene ihrer Elemente vermengt mit der Ebene
- 61 -

der Mengen 
eben, die sich nicht selbst als Element enthalten vgl. Kessel-
ring ebd. . In der Lügner-Antinomie werde

die metasprachliche Ebene mit der
objektsprachlichen vermengt vgl. ebd. .
Und so, wie die in der vom Dialektikmodell zu erfassenden Bewegung
erzeugten strikten Antinomien über die Revokation der Sphärenvermengung
wieder ausgeschaltet

 werden, so werden auch die Russellsche Antinomie in
  
Russell 1908 und Whitehead Russell 1910 13 sowie die Lügner-
Antinomie bei Tarski durch Dierenzierung
 der zuvor vermischten Sphä-
ren überwunden vgl. Kesselring ebd. . 
In der Tat sind gemäÿ

der in Russell ebd. und Whitehead Russell ebd.
entwickelten  ramied theory of logical types Aussagen wie
R∈R
und 
R∈R
nicht mehr bildbar, die formulieren, dass eine Menge Element von sich selbst ist
bzw. nicht Element von sich

selbst ist vgl. Russell ebd., 172, bzw. Whitehead
Russell ebd., 90f, 111 .
Überhaupt ist die Menge R nicht mehr bildbar: Hätte man doch für jede in
ihr als Element enthaltene Menge M gerade


 
M ∈M
vgl. Whitehead Russell ebd. .
Gilt für zwei Mengen M und N die Aussage
M ∈ N,
d. h., ist die Menge M als Element in der Menge N enthalten, dann ist die Funk-
tion, die die Menge N deniert, stets von höherer Ordnung als die Funktion, die
die Menge M deniert vgl. ebd., 112f . Bzw. dann ist nach Aufgabe des Unter-
schieds von Mengen und Funktionen 
die Menge N stets von höherer Ordnung
als die Menge M vgl. ebd., 157  .
Die Lügner-Antinomie tritt in einer semantisch geschlossenen Sprache auf,
d. i. in einer Sprache, die Namen für ihre Ausdrücke, insbesondere für ihre Aus-
sagen, enthält und über semantische Prädikate
wie wahr zur Qualizierung
ihrer Aussagen verfügt vgl. Tarski 1944, 59 . Das Symbol p, das oben S. 58
als Name für die Aussage
Der Satz p ist falsch
fungiert, das Prädikat falsch, das dieser Aussage zugesprochen wird und eben
diese Aussage selbst gehören ein und derselben Sprache an.
Gibt man die Geschlossenheit der Sprache auf und behält man das Spre-
chen über die Ausdrücke der bis dato geschlossenen Sprache einer Metasprache
vor, in der nun die Namen der Ausdrücke der Sprache und die semantischen
Aussagen- Prädikate wie wahr platziert sind die ursprünglich geschlossene,
nun ihrer Geschlossenheit beraubte Sprache verbleibt als Objektsprache ,
dann ist die Lügner-Antinomie augenscheinlich zum Verschwinden gebracht:
Die Aussage
Der Satz p ist falsch,
nun einer Metasprache angehörig, bezieht sich nicht mehr auf sich selbst, son-
dern auf einen mit p benannten Satz der zugehörigen Objektsprache

, dem sie
das Prädikat falsch zuspricht. Vgl. Tarski ebd., 59 . 
Auch Russell 1908 und Whitehead Russell 1910 13 behandeln die
Lügner-Antinomie und zwar in der über die Aussage Ich lüge erreichten Fas-
sung. Die Aussage Ich lüge, verstanden als
Es gibt eine Aussage der Ordnung n, die ich behaupte und die falsch ist,
ist von einer höheren Ordnung als n. Sie bezieht sich also nicht auf sich selbst.

Die
Lügner-Antinomie entfällt. Vgl. Russell ebd., 166, und Whitehead Russell

ebd., 89f.
- 62 -


Pirmin Stekeler-Weithofer 1992a teilt wie Marconi die von

Fulda 1973 eingenommene Perspektive man könnte sie eine semantische
nennen , in der Hegels spekulativ-logische Termini unter dem Aspekt in den
Blick genommen werden, dass sie eine Bedeutung haben. Vgl. zu Marconi über
das oben S. 47  Gesagte hinaus ders. 1980, 89 , 92 . Die Arbeiten Marconis
werden von Stekeler-Weithofer nicht erwähnt wie auch Fulda ebd. uner-
wähnt bleibt. Stekeler-Weithofer 1992b verweist einmal auf eine Stelle in
Fulda 1978 eine in der Zielsetzung gegenüber Fulda 1973 anders gelagerte
Arbeit, die gleichwohl von dieser substruiert zu werden scheint: vgl. ders. 1978,

etwa 142, 148 , 152f, 171 Fn. 38a. Vgl. Stekeler-Weithofer ebd., 146 Fn. 7.
Hegels Logik herangezogen wird nicht die von Hegel als eigenstän-
diges Werk publizierte Wissenschaft der Logik , sondern der unter dem Titel

Die Wissenschaft der Logik geführte erste Teil der Enzyklopädie 1830 vgl.

Stekeler-Weithofer 1992a, XV bediene sich der dialektischen Methode

der Begrisanalyse vgl. ebd., 20 . Unter Begrisanalyse versteht Stekeler-
Weithofer scheinbar weniger eine Analyse von Begrien als vielmehr eine
Analyse desjenigen Begris, von dem Hegel sagt, dass er nur einer ist; vgl.

Hegel S19 I18 sowie dazu weiter unten, S. 139; vgl. Stekeler-Weithofer

1992b, 173f. Die Begrisanalyse sei Bedeutungsanalyse vgl. ders. 1992a,
 
19f; ders. 1992b, 173 , auch: Sinnanalyse so etwa ders. 1992a, 21 . Die Bedeu-
tungsanalyse gelte nicht nur Bedeutungen von Worten, sondern auch und
hier erweitert Stekeler-Weithofer die von ihm geteilte semantische Per-
spektive Fuldas Bedeutungen von Sätzen und konstativen Äuÿerungen

vgl. ebd., 25; ders. 1992b, 166 .
Die dialektische Methode der Begrisanalyse sei ferner im Grunde nichts
anderes ... als eine entwickeltere Form dessen, was Carnap und andere rationale

Nachkonstruktion nennen Stekeler-Weithofer 1992a, 20 .

1. Bereits Marconi 1980 kennt im Zusammenhang mit Hegels Logic den
Gedanken der Bedeutungsanalyse. 
In kritischer Wendung gegen Fulda 1973 heiÿt es in Marconi ebd.:
Hegels method does not consist in eliminating the intensional indeterminacy of
the conceptual words but, rather, in exploring and exploiting it. Und: The Logic
is, in a way, a gigantic exploration of the intertwining meanings of our conceptual
words, which transforms meanings in analyzing them. Vgl. Marconi ebd., 92,
90; Unterstreichungen im Original. Ausdrücklich ist von einer analysis of sense
die Rede ebd. 93; vgl. auch die Rede von den analyses de sense in ders. 1983,
573 . Intension, sense und meaning

 werden von Marconi, wenn ich recht
sehe, ohne Unterschied verwendet. Die besagte analysis wird sogar als Hegel's
conceptual analyis angesprochen

vgl. ebd., 91 .
2. Schon Fulda 1973 bringt Carnap ins Spiel. Es sei die dialektische
Logik k e i n Denitionssystem ... im Sinn eines logischen Aufbaus von Be-
grien auf Ähnlichkeitsklassen

auÿersprachlicher Gegebenheiten, so Fulda mit
Blick auf Carnap 1928a , ŸŸ111  vgl. Fulda ebd., 44, 67 Fn. 46 .
Marconi 1980 sieht hingegen gleich zweimal die Möglicheit, Carnap zu
applizieren.

a Marconi ist davon überzeugt, dass the relationship between Hegel's theo-
ry and metatheory on the one hand, and the modern theories we use to analy-
ze them on the other hand can be claried by making reference to the Carna-
pian concepts of explication and rational reconstruction vgl. Marconi ebd.,
- 63 -

 
62f; Unterstr. im Original . Er hat dabei Carnap 1950 im Auge und zwar
ders. ebd.,

1--18, 576f, vgl. Marconi ebd.; vgl. aber auch etwa Carnap 1959,
12--18 . 
Sein Ziel sei es, so Marconi, to provide a partial explication of some He- 
gelian theoretical concepts such as is, opposition, unity of ... and ... , ... etc. ,
und das heiÿe, to clearly dene simple concepts that would correspond to, or as
Carnap says p. 7 , be similar to the original Hegelian 
concepts vgl. Marconi
ebd.;Unterstr. im Original; vgl. a. ders. ebd., 204 . 
b In Rezeption einer Unterscheidung aus Carnap 1937 , 233 , setzt Mar-
coni gegeneinander ab: zum Einen die Hegelschen Sätze der Form


the t1 is the t2
Form A und der Form
the t1 is t2

Form B , die sentences ... in the 
material mode seien, und zum Anderen ihre
oben S. 48 nicht vorgestellten unter Einsatz des Wortes sense formulierten
Paraphrasierungen
the sense of t1 is to be thought of as the sense of t2
und
the sense of t2 is an essential constituent of the sense of t1 ,
die sentences

in the formal mode seien vgl. Marconi ebd., 89; Unterstr. im
Original .
Die Hegelschen Sätze der Formen A und B seien in the material mode, so-
fern sie etwas über objects, namely, conceptual determinations aussagen. Ihre
angeführten Paraphrasierungen seien in the formal mode, sofern sie etwas über 
die senses der appropriate conceptual words aussagen. Vgl. Marconi ebd.
Stekeler-Weithofer lässt seine These gänzlich unausgeführt, es sei die
dialektische Methode der Begrisanalyse ... im Grunde nichts anderes ... als
eine entwickeltere Form dessen, was Carnap und andere rationale Nachkonstruk-
tion nennen. Es ist dies angesichts des hohen Anspruchs der These bedauerlich.
Nicht zuletzt

bleibt unklar, ob Stekeler-Weithofer

sich etwa auf Carnap
1928a , Ÿ100, oder Carnap 1928b , 18 , beziehen möchte 
und eventuell
das gerade referierte Urteil Fuldas vgl. die vorige Seite zurückgewiesen werden
müsste.
Von Marconi aus böte sich für ein Verständnis vielleicht so viel an: Die
Begrisanalyse, die Bedeutungs- bzw. Sinnanalyse ist, verläuft, wenigstens

soweit sie Bedeutungen von Worten gilt vgl. die vorige Seite , über die angeführ-
ten Paraphrasierungen.
Dass diese Paraphrasierungen eine entwickeltere Form der rationalen Nach-
konstruktion im Sinne von Carnap und anderen leisten, bliebe dann allerdings
darzutun.

Hegels Logik verfolge die Betrachtung dessen, was wirklich geschieht,


wenn wir über etwas sprechen oder nachdenken, etwas beweisen oder begrün-

den vgl. Stekeler-Weithofer 1992b, 172f . Das, was bei einem jeden sol-
chen Tun wirklich geschieht, geschieht gemäÿ dem Dreischritt der Dialektik 
bzw. gemäÿ der dialektischen Triade und das heiÿt, es geschieht im Rhythmus
von These, Antithese und Synthese, vgl. ders. 1992a, 19f, und ders. 1992b,

182f; Herv. im Original.
Durch scheinbar gültige Regeln des Sprachgebrauchs oder der Argumen-
tation mögen wir nun dazu verleitet werden, gewisse Äuÿerungen AS von
 
Sätzen S gleichzeitig als wahr richtig und als falsch unrichtig zu bewerten

ders. 1992a, 26; Herv. im Original bzw. gleichzeitig als irgendwie richtig und

als irgendwie unrichtig zu bewerten ders. 1992b, 167; Herv. im Original . Für
- 64 -

Stekeler-Weithofer 1992a, 25, sind es statt Äuÿerungen AS Aussagen aS


alsbestimmte Bedeutungen solcher Äuÿerungen AS von Sätzen S , die
den Gegenstand einer möglichen Bewertung als wahr oder falsch bilden; in
ders. ebd., 248, etwa können oenbar auch Sätze einer Bewertung als wahr

oder falsch unterliegen.
Die auftretenden Widersprüche zeigen, daÿ etwas nicht stimmt beispiels-
weise mag eine bestimmte Bedeutung von Sätzen S bzw. der vorkommenden
Worte ... nicht ... hinreichend erfaÿt  sein oder mögen die Kriterien des rech-
ten Gebrauchs von Äuÿerungen AS in einem gegebenen Kontext k und einer

konkreten Situation i nicht hinreichend bestimmt  sein vgl. Stekeler-Weit-

hofer 1992a, 27, 25; Herv. im Original .

An diesem Punkt setzt die dialektische Begrisanalyse ein vgl. ebd., 26 .
Ihr Ziel ist die Restitution der auÿer Kraft gesetzten Geltung des Satzes vom

Widerspruch vgl. ders. 1992b, 167; ders. 1992a, ebd. . Sie versucht dieses Ziel
zu erreichen, indem sie eine dierenziertere Bedeutungsbestimmung vornimmt

vgl. ebd. bzw. weitere semantische Dierenzierungen tätigt vgl. ders. 1992b,

ebd. . Stekeler-Weithofers dierenziertere Bedeutungsbestimmung bzw.
seine weiteren semantischen Dierenzierungen entsprechen damit Fuldas Be-

deutungsmodikation, vgl. oben S. 45. Der Satz vom Widerspruch wirkt als
Movens einer semantischen Dierenzierungsarbeit vgl. Stekeler-Weitho-

fer 1992a, ebd.; ders. 1992b, ebd. .
Wenn die Widersprüche ausgeräumt sind und der Satz vom Widerspruch
wieder in Geltung gesetzt ist, sind doch nur gewisse Miÿ- oder Fehlverständ-

nisse behoben worden vgl. ders. 1992a, 27 . Weitere Miÿ- oder Fehlverständ-
nisse sind erwartbar, erneut werden Widersprüche auftreten und die Auf-
hebung von Widersprüchen wird immer unabgeschlossen bleiben vgl. ders.

1992b, 168 .

Stekeler-Weithofer verquickt die Situation, in der ein Widerspruch


aufgetreten ist, mit einem Dissens von Kommunizierenden, deren einer Part
eine Äuÿerung AS eines Satzes S als wahr bewertet, während der andere Part
sie als falsch bewertet kurz: damit, dass wir ... in der Wahrheitsbewertung
einer konkreten Äuÿerung
... anderen ... widersprechen vgl. ders. 1992b, 168,
166; ders. 1992a, 25 . Er verquickt ferner entsprechend die Situation, in der ein
Widerspruch ausgeräumt ist, mit einem Konsens von Kommunizierenden, die
eine Äuÿerung AS eines Satzes S beide als wahr oder beide als falsch
bewerten kurz: damit, dass wir ... in der Wahrheitsbewertung

einer konkreten
Äuÿerung ... mit anderen ... übereinstimmen vgl. ebd.
Die dialektische Methode der Begrisanalyse bzw. die dialektische
Begrisanalyse dürfte ihre Anwendung innerhalb des Dreischritts der Dialek-
tik h i n t e r der durch aufgetretene Widersprüche bestimmten Antithesis und
v o r der Synthesis

 erfahren, zu deren Zustandekommen sie beiträgt vgl. ders.
1992b, 182 .
Sollte Stekeler-Weithofer den Dreischritt als für die Dialektik kon-
stitutiv

erachten vgl. auch seine Rede von Hegels dreigliedriger Dialektik, ebd.
140 , die Methode der Begrisanalyse bzw. die Begrisanalyse aber, wenn-
gleich sie innerhalb des Dreischritts verortbar sein dürfte, doch selbst nicht
als diesem Dreischritt folgend ansehen, dann wäre erklärlich, dass er die Me-
thode der Begrisanalyse bzw. die Begrisanalyse unter Verwendung von
einfachen Anführungszeichen nur als dialektisch, nicht aber als dialektisch
qualiziert. Die Qualizierung als dialektisch mag dann die Zugehörigkeit zu
- 65 -

Hegels Logik zum Ausdruck bringen oder spezieller darauf abheben, dass die
zur Frage stehende Analyse, die Bedeutungsanalyse ist und den Bedeutungen
von Worten, Sätzen und konstativen Äuÿerungen gilt, dies doch zugleich
als Analyse

 des Hegelschen Begris sein soll, der nur einer ist vgl. oben
S. 62 .

So wie Hegel also den Satz vom Widerspruch als normatives Ideal  unan-

getastet lasse vgl. Stekeler-Weithofer 1992a, 27 , so ziele auch seine Kri-
tik am Satz vom ausgeschlossenen Dritten oenbar nur auf den Anspruch,
er gelte allgemein, nämlich für alle Äuÿerungen oder gar alle Sätze, die wie
Artikulationen sinnvoller Aussagen aussehen vgl. ders. ebd., 23f; ders. 1992b,

165; Herv. im Original . Dieser Anspruch sei tatsächlich nicht einzulösen. Die
Äuÿerung eines Satzes der Art Ich lüge scheint z. B. grammatisch ... wohlge-
formt, daher auch wahr oder falsch zu sein, artikuliert aber in Wirklichkeit ...

gar keine Aussage vgl. ebd. .
In summa: Hegel habe die Bedeutsamkeit der formalen Logik mitnichten

miÿachtet vgl. Stekeler-Weithofer 1992a, 244 .


Wie hinter der Stellungnahme Fuldas vgl. oben S. 44  steht auch hinter
der Stellungnahme Stekeler-Weithofers eine Ausdeutung der ersten
Habilitationsthese

Hegels vgl. Stekeler-Weithofer 1992a, 27; ders. 1992b,
168 . Bei Stekeler-Weithofer lautet diese These allerdings, in Abweichung
von der Überlieferung bei Rosenkranz, Contradictio est regula veri, noncon-
tradictio, falsi

 Der Widerspruch ist die Richtschnur des Wahren, der Nichtwi-
  
derspruch, die Richtschnur des Falschen , vgl. oben S. 2f.
Und wie bei Fulda vgl. oben S. 45f ist auch bei Stekeler-Weithofer
die Ausdeutung

abzulehnen.
a Der Hegelsche Widerspruch, so wie Stekeler-Weithofer ihn ver-
steht, kann nicht der Widerspruch der ersten Habilitationsthese Hegels sein.
Dieser ist Richtschnur des Wahren. Der Hegelsche Widerspruch jedoch,
wie Stekeler-Weithofer ihn versteht, ist in erster Linie Richtschnur des
Falschen: Er zeigt, dass etwas nicht stimmt. Eine Korrektur durch die dia-
lektische Begrisanalyse ist vonnöten.
Erst in zweiter Linie mag man den Hegelschen Widerspruch Stekeler-
Weithofers als Richtschnur des Wahren ansehen: In negativer Ausgrenzung
macht er deutlich, dass das Wahre nicht in der Situation liegen kann, in der er
aufgrund von Miÿ- oder Fehlverständnissen auftritt vgl. Stekeler-Weitho-
fer 1992a, 27 .

b Der Hegelsche Nichtwiderspruch, den Stekeler-Weithofer durch
seine Fassung der ersten Habilitationsthese supponiert, kann so, wie Stekeler-
Weithofer ihn versteht, nicht der Nichtwiderspruch dieser ersten Habilita-
tionsthese sein. Dieser ist Richtschnur des Falschen. Der Hegelsche Nicht-
widerspruch Stekeler-Weithofers jedoch ist in erster Linie n i c h t Richt-
schnur des Falschen: Er zeigt n i c h t , dass etwas nicht stimmt. Eine Korrek-
tur durch die dialektische Begrisanalyse ist n i c h t vonnöten. Man könnte
eher im Gegenteil sagen: Er zeigt, dass zumindest bis auf Weiteres alles
stimmt. Deswegen wird der Nichtwiderspruch noch nicht Richtschnur des
Wahren, vgl. Stekeler-Weithofer ebd. Es scheint, dass Stekeler-Weitho-
fer die Rede vom Nichtwiderspruch als Richtschnur des Wahren vermeiden
möchte, damit sie nicht bei einem Verständnis

des Wahren als Wahrheit von
Äuÿerungen Sätzen, Aussagen dahingehend missverstanden wird, dass
die bloÿ faktische Erfülltheit des Satzes vom

Widerspruch schon

die Wahrheit
von Äuÿerungen Sätzen, Aussagen verbürgt, vgl. ebd.
Erst in zweiter Linie mag man den Hegelschen Nichtwiderspruch im Ver-
ständnis Stekeler-Weithofers als Richtschnur des Falschen ansehen: Durch
- 66 -

die Abwesenheit von Miÿ- oder Fehlverständnissen macht er deutlich, dass


das Falsche in 
zukünftigen Situationen liegen muss, in denen aufgrund von
erwartbaren Miÿ- oder Fehlverständnissen Widersprüche auftreten vgl.
Stekeler-Weithofer ebd.; anders kann ich Stekeler-Weithofer hier nicht

verstehen .
Der Hegelsche Nichtwiderspruch Stekeler-Weithofers dürfte dann
allerdings in Hegels Logik kaum als Richtschnur 
des Falschen fungieren kön-
nen: Die groÿe Logik Wissenschaft 
der Logik wie die kleine Logik der er-
ste Teil der Enzyklopädie 1830 einmal vorausgesetzt, 
sie enden mit einem
Nichtwiderspruch und nicht mit einem Widerspruch endeten mit der Aus-
sicht auf Falsches, das nicht mehr bearbeitet würde. Sie b r ä c h e n a b , statt
wie sie es doch de facto beide gleichermaÿen tun mit der Behandlung der
absoluten Idee a b z u s c h l i e ÿ e n . Überhaupt widerstreitet Stekeler-Weit-
hofers Vorstellung, in Hegels Logik bleibe die Aufhebung von Widersprü-
chen immer unabgeschlossen, dem Umstand, dass die groÿe Logik wie die
kleine Logik unzweifelhaft ein Ende haben.

c Man wird Stekeler-Weithofer zugeben, dass Hegels erste Habilita-
tionsthese in der von Stekeler-Weithofer gegebenen Lesart alles andere
bezweckt, als den Satz vom

Widerspruch einfach zu annullieren vgl. Stekeler-
Weithofer 1992a, 27 :
Der Hegelsche Widerspruch Stekeler-Weithofers, der den Satz vom
Widerspruch verletzt und der auf die gerade angegebene Weise als Richtschnur
des Wahren angesehen wird, ist n i c h t in dem Sinne Richtschnur des Wah-
ren, dass seine Verletzung des Satzes vom Widerspruch das Wahre indizierte
und dem Satz vom Widerspruch die Anerkennung verweigert würde. Im Gegen-
teil wird durch die von der dialektischen Begrisanalyse getätigte semantische
Dierenzierungsarbeit die Verletzung des Satzes vom Widerspruch zum Ver-
schwinden gebracht.
Und der Hegelsche Nichtwiderspruch Stekeler-Weithofers, der nicht
den Satz vom Widerspruch verletzt und der auf die gerade angegebene Weise
als Richtschnur des Falschen angesehen wird, ist n i c h t in dem Sinne Richt-
schnur des Falschen, dass seine Konformität mit dem Satz vom Widerspruch
das Falsche indizierte weil eben dem Satz vom Widerspruch die Anerken-
nung verweigert würde.
Doch Stekeler-Weithofer hat einen nicht geringen Preis bezahlt: Der
Sinn der ersten Habilitationsthese Hegels, so wie sie bei Rosenkranz über-
liefert ist, erscheint unterlaufen. Dass der Widerspruch die Richtschnur des
Falschen ist ein zentrales Stück der Stellungnahme 
Stekeler-Weithofers
wie auch schon der Stellungnahme Fuldas , ist g e r a d e die Zielscheibe der
Kritik, wie sie im zweiten Teil der bei Rosenkranz überlieferten These vorge-
tragen wird: non contradictio regula falsi  der Widerspruch ist n i c h t die

Richtschnur des Falschen vgl. oben S. 2 .


3. Die reine Nein-Stellungnahme

Die reine Nein-Stellungnahme sie besagte, dass die Hegelsche Dialektik
dem formallogischen Satz vom Widerspruch keineswegs die Anerkennung verwei-
gere und auch keine formallogischen Widersprüche in Anspruch nehme vgl. oben

S. 5 wird schon im Jahre 1852 von Hermann Ulrici bezogen, der Hegel

noch gehört hatte vgl. Volker Peckhaus 1995, 17, 109f .

Ulrici 1852 konzediert zwar mit Blick auf Hegels Wissenschaft der Logik ,

W29  II28 , dass Hegel den Satz der Identität und des Widerspuchs als logi-

sches Gesetz ... bestreitet Ulrici 1852, 108 . Er ndet aber, dass die von Hegel
vorgebrachten Argumente ... den Satz der Identität und des Widerspruchs als
- 67 -


logisches Denkgesetz gar nicht treen vgl. ebd., 109 . Unter dem Satz der
Identität und des Widerspuchs versteht Ulrici dasjenige logische Gesetz bzw.
dasjenige logische Denkgesetz, das gleichermaÿen durch den Satz der Identität
wie durch den Satz des Widerspruchs ausgedrückt wird, vgl. ebd., 97f. Der Satz
des Widerspruchs ist die Kehrseite des Satzes der Identität: Was der Satz der
Identität positiv ausdrückt, wenn er behauptet, dass jedes Ding als sich
selber gleich zu denken sei und somit A = A zu denken sei, das drückt der Satz
des Widerspruchs negativ aus, wenn er behauptet, dass A = non A nicht
gedacht werden könne und somit A nicht = non A zu denken sei, vgl. ebd., 97f.
Der Satz der Identität und der Satz des Widerspruchs sprechen nur Einen
und denselben in allem Unterscheiden nothwendig ... zu vollziehenden Akt aus,

vgl. ebd. Vgl. a. Ulrici 1860, 38f.
Hegel argumentiere gegen den Satz der Identität und des Widerspuchs
nicht als Ausdruck eines G e s e t z e s, sondern als Ausdruck eines B e-

g r i f f s vgl. Ulrici 1852, 109 . Hegel bekämpft gar nicht den Satz: daÿ

A = A oder jedes Objekt als sich selber gleich ... z u d e n k e n s e y vgl. ebd. . Er
bekämpfe vielmehr, daÿ A = A als Bezeichnung des B e g r i f f s der abstrakten
  
Identität etwas Wahres bezeichne vgl. ebd. . Hegel zeige vgl. W28f II29f ,
dass der B e g r i f f der abstrakten Identität nur i m U n t e r s c h i e d e vom
Begri der Verschiedenheit gedacht werden könne, also die reine schlechthinni-
ge Identität, die allen Unterschied und alle Unterscheidung ausschlieÿende Un-

terschiedslosigkeit, undenkbar sey vgl. Ulrici 1852, ebd. . Ebendies habe er
selbst, so Ulrici, dargethan vgl. ebd.; Ulrici mag hier an ders. ebd., 84,

87f, denken . Gerade daraus aber habe er das Gesetz der Identität als
Gesetz der unterscheidenden Denkthätigkeit nachgewiesen vgl. ebd., 109;

Ulrici bezieht sich hier auf ders. ebd., 93  .
Dass Hegel den Ausdruck eines Gesetzes für den Ausdruck eines Begrif-
fes nimmt und Gesetz und Begri der Identität miteinander verwechselt, fügt
sich in die Vermischung und Verschiebung der Begrie ein die von Schelling
und Hegel in die Philosophie eingeführt worden sei , durch welche diese Be-

grie in dialektischen Fluÿ gebracht werden vgl. Ulrici ebd., 107  .

Ulrici 1860 verweist darauf, dass eine Bekämpfung des Satzes der Identi-
tät und des Widerspruchs auf eine Bekämpfung der Mathematik hinausliefe

beruhen doch deren Axiome gerade auf diesem Satz vgl. ders. ebd., 39 . Glück-

licher Weise sei Hegels Argumention, wie er bereits in Ulrici 1852 , 108f,
dargelegt habe, nur ein Gewebe von Sophismen und Miÿverständnissen vgl.

ders. 1860, ebd. .
Dass die von Hegel gegen den Satz der Identität und des Widerspruchs
vorgebrachte Argumentation scheitert, hat wie Ulrici nur beiläug erwähnt
und ohne nähere Ausführung lässt Konsequenzen für die dialektische Methode
wie immer diese von Ulrici im Zusammenhang mit der erwähnten Vermischung
und Verschiebung der Begrie gesehen werden mag, durch welche die Letzteren

in dialektischen Fluÿ gebracht werden : Die dialektische Methode fällt, wenn

der Satz der Identität und des Widerspruchs stehen bleibt vgl. Ulrici ebd. .
- 68 -


Kuno Fischer 1901 unterscheidet zwei Arten des Widerspruchs: einen
notwendigen Widerspruch und einen unmöglichen Widerspruch vgl. ders.

ebd., 497f .
Einen Widerspruch der ersten Art bezeichnet Fischer als notwendig, weil

er notwendigerweise in allem Werden stattndet vgl. ebd., 498 . Ohne ihn gibt
es keinerlei Prozeÿ, insbesondere den Prozeÿ der Fortschreitung des Denkens

nicht, wie er Thema der hegelschen Logik ist vgl. ebd., 497f, 441 . Dieser not-
wendige Widerspruch besteht in der Einheit entgegengesetzter Bestimmungen
genauer: in der Einheit von Sein und Nichtsein im Wesen der Dinge, in
jener coincidentia oppositorum, die bereits tiefe und kühne Denker, wie Hera-
klit von Ephesus, Nikolaus von Cusa, Giordano Bruno von Nola in vollem Maÿe

geltend gemacht haben vgl. ebd., 497f; vgl. a. ebd., 441 25. Hegel schlieÿt sich
diesen Denkern an. Er stellt sogar die Geltung dieses Widerspruchs in den

Mittelpunkt seiner Logik und ihrer Methode vgl. ebd., 497, 441 .
Einen Widerspruch der zweiten Art bezeichnet Fischer als unmöglich, weil
er darin besteht, dass einem Begrie ein widersprechendes Merkmal beigelegt
wird, wodurch ein unmöglicher oder absurder Begri entsteht, wie der gerade
Kreisbogen, der viereckige Zirkel, das hölzerne Eisen usf. ebd. 497f; vgl. a. ebd.,

494 . In Entsprechung dazu, dass der unmögliche Widerspruch in der Schul-
sprache der Logik geredet eine c o n t r a d i c t i o i n a d j e c t o ist, nennt er
den notwendigen Widerspruch, den Widerspruch der ersten Art, eine c o n t r a-

d i c t i o i n s u b j e c t o vgl. ebd., 498 .
Wenn nun die herkömmliche Logik erklärt: Alles ist mit sich identisch, oder

Nichts widerspricht sich ebd. 497 das heiÿt, wenn sie den Satz der Identi-
tät vorträgt oder auf den Satz des Widerspruchs abhebt vgl. ebd., 491; den
Satz des Widerspruchs fasst Fischer genauer als A kann nicht zugleich A und

Nicht-A sein, vgl. ebd. und wenn die spekulative Logik dagegen erklärt:
Nichts ist sich selbst gleich, oder Alles widerspricht sich, dann tritt in der Tat
ein auf das schärfste ausgeprägter und zugespitzter Gegensatz zwischen der

spekulativen und gewöhnlichen Logik zu Tage vgl. ebd., 497 . Er ist allerdings

als pur verbal anzusehen ohne dass dies bei Fischer genügend heraus käme : Der
Widerspruch, den die herkömmliche Logik meint den sie allem abspricht,
so dass ihr alles identisch mit sich ist und nichts sich widerspricht und den sie

überhaupt für die einzige Form des Widerspruchs ... hält vgl. ebd., 498 ist
der Widerspruch im Sinne des unmöglichen Widerspruchs. Der Widerspruch,
den die spekulative Logik meint den sie allem zuspricht, so dass ihr nichts
sich selbst gleich ist und alles sich widerspricht ist der Widerspruch im Sinne
des notwendigen Widerspruchs.
Fischers Einlassung verwirrt, es bemerke Hegel von einigen Beispielen jener
undenkbaren Widersprüche mit Recht ... , daÿ sie keineswegs so absurd sind, als

man meint vgl. ebd., 498 . Es gehe nicht um die hölzernen Eisen, sondern um

25 Fischer ebd., 441, hatte noch den Widerspruch als Streit entgegengesetz-
ter Bestimmungen und die Auflösung des Widerspruchs in der Vereinigung
ebendieser entgegengesetzten Bestimmungen geschieden.
- 69 -


die Beispiele, die von geometrischen Begrien handeln vgl. ebd. . Fischer
hat eine Stelle in der Enzyklopädie, Ÿ119 Anm., im Auge, an der Hegel die Bei-
spiele des vieleckigen Zirkels und des geradlinigen Kreisbogens anführt und
geltend macht, dass die Geometer kein Bedenken hätten, den Kreis als ein
Vieleck von geradlinigen Seiten zu betrachten und zu behandeln vgl. Hegel

Enz., ebd. . Fischer stellt dann aber sogleich klar, dass in diesen von Hegel an-
geführten Beispielen keine contradictio in adjecto vorliege, sondern dass es sich
in ihnen um die E n t s t e h u n g der Kurve aus der geraden Linie und des Krei-
ses aus dem Polygon, also um Zustände des Werdens handle, in denen der
Widerspruch herrsche, den er die contradictio in subjecto genannt habe vgl.

Fischer ebd. . Es ist allerdings die Frage, ob Fischer hier nicht Hegel fehl-
interpretiert, der immerhin den vieleckigen Zirkel und den geradlinigen Kreis-

bogen dem Satz des Widerspruchs widerstreiten sieht, vgl. Hegel Enz., ebd.

Agnes Dürr 1938 entnimmt der Hegelschen Logik als das Grundge-
setz oder das Gemeinsame alles Dialektischen, daÿ jede Bestimmung zu-
gleich das Negative ihrer selbst ist und daÿ beide eine Einheit bilden vgl. Dürr

ebd., 40f, 45f, 48 . Die unterschiedenen Formen einer derartigen negativen
Einheit oder negativen Identität seien alle gleichermaÿen als Dialektik zu

bezeichnen vgl. ebd., 96f, 46 . Hegel selbst habe die diversen Formen solcher
negativen Einheit bzw. negativen Identität zwar gekannt, sie aber nicht genau
auseinander gehalten und auch ihre Verschiedenheit nur nebenbei behandelt, vgl.
ebd., 96. Die Komposita negative Einheit und negative Identität sind origi-
   
nal Hegelsch, vgl. etwa S168 I155, W51 II49 bzw. W99, 157 II96, 153. Dürr
orientiert sich u. a. an der Stelle aus dem Schlusskapitel der Wissenschaft der Lo-
gik, der zufolge ein  ... Erstes an und für sich betrachtet sich als das Andre seiner
selbst zeigt und das ist: sich als das Negative des Ersten zeigt vgl. B294

II494 , an der Stelle aus der Einleitung in die Wissenschaftder Logik , an der
es heiÿt: Das, wodurch sich der Begri selbst weiter leitet, ist das ... Negati-

ve, das er in sich selbst hat; dies macht das wahrhaft Dialektische aus S40

I37 und an der wenig später folgenden Stelle, an der das Dialektische als das

Fassen des Entgegengesetzten in seiner Einheit präsentiert wird vgl. S41 I38;

vgl. Dürr ebd., 43, 45 .
Dürr macht bei Hegel neben echter Dialektik auch unechte Dialektik

aus vgl. ebd., 45 . Echte Dialektik liegt bei den dialektisch strukturierten Ein-

zelkategorien und ihren dialektischen Momenten z. B. Form Materie
 
u. a. m.  vor vgl. ebd. . Unechte Dialektik liegt bei den Übergängen der
einzelnen Kategorien ineinander und der Kategoriengruppen 26 ineinander ...

z. B. vom Werden zum Dasein  vor, die schon von Trendelenburg, E. v. Hart-

mann, Cassirer ... mit einem unbestreitbaren Recht angegrien worden seien

und eben nur dialektisch zu sein prätendieren vgl. ebd. .

26 Es dürfte ein Versehen sein, dass Dürrs Text den Singular Kategoriengruppe
statt des Plurals Kategoriengruppen aufweist. Dass Letzterer gemeint ist, wird
durch die parallele Pluralbildung Gruppen im nächsten Satz sowie in Dürr
ebd., 49, nahegelegt.
- 70 -

Zu der unechten Dialektik wurde Hegel allein von seinem groÿartigen



Systemwillen hingerissen ebd. . Zwar habe Hegel die Bewegung des Be-
gris keineswegs als eine solche gemeint, die die Kategorien seinsmäÿig erzeugt
eine derartige Bewegung wäre eine metaphysische Phantasie vgl. ebd., 44;

vgl. a. ebd., 43 Fn. 1 . Aber dennoch ist es undenkbar, dass eine Begrisbewe-
gung, die unter Verzicht auf allen empirisch erfahrbaren Inhalt stets erneut ein
Erstes als sein Anderes, als ein anderes Bestimmtes aufzeigt, dies via logi-
sche Negation tut: Die logische Negation d. i. die Negation im Begrie
oder im Begriichen, im Gedanken, wohl auch: im Denken vgl. ebd., 43 ,

55, 97 setzte ein A, wenn sie es als sein Anderes setzte, gleich einem non A,
gleich einem Unbestimmten, nicht aber gleich B einem Bestimmten vgl. ebd.,

44 . Nur dadurch kann immer wieder im Rücken eines Ersten sein Anderes als
ein anderes Bestimmtes auftauchen, dass dem Begri als sachliche Grundla-
ge ein Kontinuum von Momenten ... zugrunde liegt, in dem jedes Moment ein

g a n z b e s t i m m t e s G e g e n s a t z m o m e n t hat vgl. ebd. . Indessen ist ein
so in Gegensätzen aufgebautes Kontinuum eine unbewiesene Voraussetzung

vgl. ebd. .

Die  echte Dialektik der dialektisch strukturierten Einzelkategorien und
ihrer dialektischen Momente hat immer eine sachliche Grundlage, ihr liegt

immer eine Sache zugrunde vgl. ebd., 95 . Gleichwohl ist diese Sache nicht
immer im Realen d. i. im äuÿerlich Daseienden oder in der äuÿeren Rea-
lität nachweisbar vgl. ebd., 95, 42, 49; kursiv im Original . Im Falle der
Nachweisbarkeit der Sache im Realen ist die Dialektik Realdialektik vgl.

ebd., 48, 69 .
Die negativen Einheiten oder negativen Identitäten, die das Dialektische

ausmachen vgl. oben , sind in der S a c h e immer in Einheit und Synthese

ebd. 96 . Anders ist es im Begri. Die Erfassung der negativen Einheiten
bzw. Identitäten im Begri, ihre logische Fixierung und das heiÿt, die Be-
zugnahme auf sie in der Hegelschen Logik, führen zum W i d e r s p r u c h, ...
zum Gegenübersetzen und Aufeinanderprallen von These und Antithese vgl.

ebd., 96f . Erst im Anschluss an das Auftreten des Widerspruchs erfolgt das
Aufheben dieses Widerstreitens in der Synthese vgl. ebd., 97; vgl. a. ebd.,

56, 76f . Der Zugri auf eine sachlich negative Einheit zerfällt dem Begri
in drei Akte und ist ihm nur im ruckweisen Gang von These Antithese und

Synthese möglich vgl. ebd., 96f .

Der Widerspruch wird als logischer Widerspruch bezeichnet ebd. 55, 97 .
Es wird damit darauf abgehoben, dass er ein Widerspruch nicht in der
 
Sache, sondern im Begri im Begriichen, usw. ist vgl. ebd. . Das Ad-
jektiv logisch wird hier nicht gleichbedeutend mit dem Adjektiv formallogisch
verwendet. Dürr spricht nirgends davon, dass der Widerspruch ein formal-
logischer Widerspruch oder ein Widerspruch im Sinne der formalen Logik
sei. Thesis und Antithesis sind auch gar keine Aussagen, sondern die Mo-
mente der jeweiligen Einzelkategorie. So ist das Werden die Synthese der

Momente Sein und Nichts vgl. ebd., 68; vgl. a. etwa ebd., 52, 56, 76f .
Nichtsdestotrotz nden sich bei Dürr Andeutungen, dass die Dialektik mit
formallogischen Widersprüchen zu tun haben könnte. Die Dialektik, die Et-
was an sich hat, das eine Bestimmung, ein Telos, ein Sollen, hat bzw. das
- 71 -

sein Anderes als ein Sollen hat, scheint sich in dem Satz auszusprechen: Das

Etwas ... i s t sein Anderes und ist es auch n i c h t vgl. ebd., 61 . Die nega-
tive Einheit oder negative Identität des wie angegeben qualizierten Etwas
wäre in einer Konjunktion ausgedrückt, deren beide Teilsätze Das Etwas ist

sein Anderes, Das Etwas ist nicht sein Anderes zumindest prima facie einan-
der kontradiktorisch entgegengesetzt sind. Die Dialektik des Anfangs macht
es oenbar aus, zu sein und nicht zu sein bzw. etwas zu sein und Nichts zu

sein vgl. ebd., 68f .
In aller Klarheit formuliert Dürr schlieÿlich: Die Hegelsche Dialektik hebt

den Satz des Widerspruchs und der Identität n i c h t auf ebd. 97 . Der Satz
des Widerspruchs und der Identität gilt auch in der dialektischen Logik ebd.

98 .
  
Franz Grégoire 1946 bzw. ders. 1958 mit einer gegenüber ders. 1946
erweiterten Fassung, die ihre Vorgängerfassung fast vollständig und gröÿten-
teils unverändert integriert, glaubt eine vierfache Bedeutung des Wortes Wi-

derspruch contradiction bei Hegel konstatieren zu können vgl. Grégoire

1958, 65 . Entsprechend hat für Grégoire auch das von ihm so genannte axio-
me de contradiction universelle, toute chose est en soi-même contradictoire,

eine vierfache Bedeutung vgl. ebd., 51, 65 , 97 . Mit dem axiome de con-
tradiction universelle, das auch als toute chose est contradictoire, tout est
contradictoire oder les choses sont contradictoire angegeben wird, ebd. 65, 68,

97 respektive, nimmt Grégoire den Hegelschen Satz aus W59 II58 auf: Alle
Dinge sind an sich selbst widersprechend. Vgl. a. oben S. 3. Der adverbiale Zusatz
an sich selbst bringt Grégoire zufolge zum Ausdruck, dass der Widerspruch

der Dinge, wie es in W60 II59 heiÿt, nicht bloÿ in einer äuÿerlichen Reexion,
sondern in ihnen selbst vorhanden ist, vgl. Grégoire ebd., 64. Pour Hegel, so
Grégoire ebd., la contradiction n'a pas à être introduite par la pensée dans les

choses: elle s'y trouve toute réalisée. In keiner der vier Bedeutungen des axio-
me de contradiction universelle ist mit ihm das Vorliegen einer contradiction

logique ebd. passim verbunden.
In der ersten Bedeutung von Widerspruch, d. i. in der Bedeutung des Wi-

derspruchs als einer essentielle contrariété vgl. Grégoire ebd., 65 , meint
das axiome de contradiction universelle : une essence ne peut être realisé si

son contraire logique ne l'est pas pour son compte du moins quelque jour ,

kurz: toute chose exige l'existence de son contraire vgl. ebd. . L'axiome vise
l'exigence, dans le premier membre du processus dialectique, de l'existence du
second, wie es auch einbegreift, dass dans le processus, le second membre exige

à son tour le premier vgl. ebd. . Die beiden ersten membres des processus

dialectique sind sich wechselseitig son contraire vgl. ebd. . Grégoire weist
darauf hin, dass Hegel le second membre auch précisément ... négation du
 
premier  nenne vgl. ebd. .
Dennoch werde das Wort Widerspruch in seiner ersten Bedeutung, par rap-

port á la contradiction logique, nur par métonymie verwendet vgl. ebd., 71 .
Eine identication formelle der beiden ersten membres des processus dia-
lectique liegt nicht vor. Keines von ihnen verlangt danach, d'être purement et
simplement l'autre en sa teneur, mais simplement que l'autre se pose lui aussi
- 72 -


... dans la réalité vgl. ebd., 65; vgl. a. ebd., 68 . Grégoire ndet oenbar
die Vorstellung einer réalisation de deux données nicht problematisch, qui se
contredisent, dabei keine contradiction logique erzeugen und gleichwohl des

contraires logiques sind.
Une contradiction sera dite surmontée, résolue, etc., par l'apparition ou l'exi-
stence du troisième terme de la triade der processus dialectique verläuft
in triades , die membres dieses processus bzw. seiner triades werden von
    
Grégoire als essences sowie als termes angesprochen vgl. ebd., etwa 55,

65 , 97 . Der dritte terme markiert einen état de transposition supérieure
et d'union für die beiden ersten termes, le troisième terme ... les synthéti-

se vgl. ebd., 66, 68 . Grégoire schlieÿt sich immer wieder der Gewohnheit
an, der damit verbundenen facilité halber die Glieder einer Triade als thèse,
antithèse und synthèse zu bezeichnen, vgl. etwa ders. ebd., 61, 75, 78f, 87
Fn. 1. Bei Hegel selbst sei diese Redeweise genauer wird man sagen müssen:
ihre deutsche Entsprechung nur ad hominem et à de très rares occasions an-

zutreen, vgl. Grégoire ebd., 55 Fn. 1.
In der zweiten Bedeutung von Widerspruch, d. i. in der Bedeutung des Wi-

derspruchs als eines nécessaire antagonisme vgl. ebd., 68 , meint das axiome
de contradiction universelle : tout est en lutte avec un terme contraire vgl.

ders. 1947, 58 . Partout où la chose s'y prête, Hegel tend à considerer deux con-
traires comme se trouvant nécessairement en lutte l'un avec l'autre ders. 1958,

68 . Soweit wie möglich macht Hegel deux contraires zu deux éléments actifs

... tendant à se détruire l'un l'autre vgl. ebd. .
Das Wort Widerspruch in seiner zweiten Bedeutung wird par métaphore

verwendet, le conit nommé contradiction vgl. ebd., 71 . Der Widerspruch
in seiner zweiten Bedeutung dürfte dem Hegelschen Widerstreit gleichkom-

men vgl. ebd., 68 . Für Vorkommnisse von Widerstreit bei Hegel verweist

Grégoire auf S28f I26f, wo nicht zuletzt auch von einem n o t w e n d i g e n
Widerstreit, scil. der Bestimmungen des Verstandes mit sich selbst, die Rede

ist; Sperrung im Original.
La solution, la suppression d'une contradiction wird zu einer réconci-

liation des adversaires Versöhnung , qui s'eectue sous la forme de la synthèse

vgl. Grégoire ebd., 71 .
In der dritten Bedeutung von Widerspruch, d. i. in der Bedeutung des Wi-

derspruchs als einer corrélation constitutive vgl. ebd., 73 , meint das axiome
de contradiction universelle : toute chose est constitutivement relative vgl.

ders. 1947, 59 . D'être contradictoire in der dritten Bedeutung heiÿt pour
une chose: d'être par essence, dans son être même, relative à une autre vgl.

Grégoire 1958, 73 . Die relation constitutive ist genaugenommen relation
constitutive réciproque und damit: correlation constitutive entre deux

termes vgl. ebd., 73f . Der Widerspruch in der dritten Bedeutung ist der-
jenige Widerspruch, der innerhalb der série des catégories hégéliennes in der
Wissenschaft der Logik und in der entsprechenden 
Passage der Enzyklopädie Ge-
genstand der Untersuchung ist vgl. ebd., 74 .
Die relation constitutive ist in dem Sinne constitutive ce terme ne se
trouve pas chez Hegel , dass sie eine relation ist, à laquelle ses termes se

réduisent, une relation qui, à elle seule, constitue ses termes vgl. ebd., 75 . Ihre
- 73 -

termes sont relation l'un à l'autre und zwar jedenfalls en principe
...
uniquement  vgl. ebd. . Die relation constitutive ist damit nicht


einfach
eine relation essentielle ein Hegelsches wesentliches Verhältnis , une re-
lation sans laquelle ses termes ne pourraient exister, mais qui cependant ne les
constitue pas entièrement, qui laisse dans des termes une zone hors d'elle même

vgl. ebd., 75f .
Auf die Weise der so verstandenen relation constitutive relative à une
autre zu sein, bringt es für toute chose mit sich, d'être autre qu'elle

même auch: d'être l'autre que soi, d'être non-soi allerdings nur en

soi, virtuellement, tendantiellement, et non actuellement vgl. ebd., 92, 97, 86 .

Zu einer contradiction logique kommt es daher nicht vgl. ebd., 92 .
La contradiction, dans ce troisième sens du mot, est dite surmontée, ré-
solue, lorsque la virtualité tendantielle s'est actualisée, bzw. in einer mehr
Hegelschen Terminologie, so Grégoire, lorsque la réalité est arrivée coïncider

avec le Begri, formant ainsi l'Idée, etc. vgl. ebd., 93 . Grégoire blendet die
Frage ab, ob nicht nun gerade durch die actualisation der virtualité tendanti-

elle eine contradiction logique heraufbeschworen ist.
Der Überwindung und Auflösung des Widerspruchs in der dritten Bedeu-
tung entspricht innerhalb der série des catégories hégéliennes in Wissenschaft
der Logik und Enzyklopädie das 
Übergehen der catégorie de contradiction à ...

celle de raison d'être Grund  vgl. ebd., 93 .

In seiner

Auseinandersetzung

mit Coreth 1952 , der seinerseits Grégoi-
re 1946 und ders. 1947 rezipiert vgl. oben S. 16 , kritisiert Grégoire an
Coreth, dass dieser bzgl. der relation constitutive réciproque, also des Wi-
derspruchs in der dritten Bedeutung, dafürhalte, qu'en désignant du nom de
contradiction la catégorie en question Hegel entendait signier qu'il y voyait

une véritable contradiction logique vgl. Grégoire 1958, 114 . Grégoire führt
nun Folgendes dagegen an, dass der Widerspruch in der dritten Bedeutung eine
contradiction logique ist wobei nicht recht ersichtlich wird, wie Spezika des

Widerspruchs in der dritten Bedeutung überhaupt eingebracht werden :
Le processus dialectique tout entier, et donc tout le système de Hegel, de-
viennent inintelligibles ebd. 115 . Die fortgesetzte Überwindung der opposi-
tions dialectiques d'Aufhebung en Aufhebung  wäre durch die 
als contradiction
logique angesetzte relation constitutive zu leisten vgl. ebd. . Doch: La relation
constitutive, la synthèse, qui forme un nouveau palier, ne peut pas, si on la consi-
dère précisément comme l'Aufhebung du palier précédent, être considérée comme
une contradiction logique,

puisque sa fonction est de résoudre une contradicti-
on logique ebd. Fn. 1 . Eine contradiction

logique kann keine contradiction
logique auflösen vgl. a. ebd.,
 115 . Hegel würde auf eine idée surprenante
verpichtet vgl. ebd. Fn. 1 . Überdies: Das Ende des processus dialectique,
l'Aufhebung suprème, käme über die contradiction logique nicht hinaus vgl.

ebd., 115 .

In der vierten Bedeutung von Widerspruch, d. i. in der Bedeutung des Wi-


derspruchs als einer menace immanente de contradiction logique vgl. Gré-

goire ebd., 65 , meint das axiome de contradiction universelle : toute chose,
à ... l'état d'isolement, serait logiquement contradictoire, impossible ebd. 97;

vgl. a. ebd., 95, sowie ders. 1947, 63 . Une chose, insofern sie contradictoire in
der vierten Bedeutung ist, ist une chose menacée de contradiction, de par sa
nature même ... en cas d'isolement vgl. ders. 1958, 94; anstelle von contradic-
- 74 -


tion muss es wohl contradiction logique heiÿen . À l'état d'isolement, en cas
d'isolement, auch: à l'état isolé oder mehr an Hegel orientiert à l'état

abstrait ebd. 95, 97 , das meint mit Bezug auf une chose: dieselbe à part de

ses relations essentielles vgl. ders. 1947, 63 , der relation constitutive à autre

chose entnommen vgl. ders. 1958, 95 .

Das Wort Widerspruch in seiner vierten Bedeutung werde donc par el-

lipse verwendet vgl. ebd., 94 .
Toute chose wäre logiquement contradictoire, wenn sie sich in einem état
isolé befände. Sie ist aber nicht logiquement contradictoire, weil sie, als contra-
dictoire in der dritten Bedeutung, anstatt sich in einem état isolé zu benden,
par essence ... relative à une autre ist bzw. relation constitutive à autre chose
ist. Toute chose, als contradictoire in der dritten Bedeutung, évite la con-

tradiction logique vgl. ebd., 95 . Weil der logische Widerspruch vermieden
wird und erst gar nicht auftritt, ist es nur einer allure hégélienne geschuldet,
wenn Grégoire schreibt: La contradiction logique est ... résolue aussitôt et
aussi longtemps que la chose existe. La contradiction ... n'existe que comme sur-

montée, ebd.; vgl. a. ebd., 97.
In keiner der vier Bedeutungen, die das Wort contradiction bzw. Wider-

spruch Grégoire zufolge bei Hegel annehmen kann, ist mit ihm eine con-
tradiction logique gemeint. Mit dem axiom de contradiction universelle, toute
chose est en soi-même contradictoire, ist in keiner dieser vier Bedeutungen das
Vorliegen einer contradiction logique verbunden. Was Grégoire unter einer
contradiction logique versteht, wird allerdings nicht hinreichend deutlich. Geht
sie in der impossibilité auf? Vgl. neben den erwähnten Stellen 1947, 63, und

1958, 97, auch ebd. 61, 99, 101.
Hegel n'abandonne pas ... le principe de non-contradiction, dem er die
Fassung une chose n'est pas une autre gebe jedenfalls à condition qu'on
n'exclue pas par là qu'elle soit essentiellement rapport à une autre vgl. ebd.,

52, 80; vgl. a. ebd., 51, 61 . Grégoire scheint sich auf die Hegelsche Formu-

lierung des Satzes des Widerspruchs in W32 II31 zu beziehen, A kann nicht

zugleich A und Nicht-A sein, vgl. Grégoire ebd., 8o. Hegel kritisiert durch-

aus seine Gegner, wenn sie sich widersprechen vgl. Grégoire ebd., 52, 87 Fn. 1 .
Grégoire gesteht zu, dass Hegel sich nicht sonderlich bemühe, dem Ein-
druck entgegenzutreten, der processus dialectique habe zumindest mit contra-

dictions logiques provisoires zu tun vgl. ebd., 96f . Hegels Verwendung von

Worten, unter Anderem diejenige des Wortes contradiction Widerspruch ,
par métaphore, par métonymie und par ellipse sei dazu angetan, die Lesen-

den auf eine falsche Fährte zu setzen vgl. ebd., 66, Fn. 2 zu Seite 65 .

Wolfgang Albrecht 1958 fragt: Wer ... mag sich Hegels Spekulationen
überlassen, bevor er sich nicht davon überzeugt hat, daÿ die Grundlage dieser

Spekulationen wenigstens logisch einwandfrei ist ... ? Albrecht ebd., 51 . Als
logisch einwandfrei gilt Albrecht die besagte Grundlage, wenn mit dem
dialektischen Widerspruch nicht derjenige Widerspruch gemeint ist, von dem

die Logik lehrt, daÿ man ihn vermeiden müsse vgl. ebd. . Unter Logik ver-

steht Albrecht oenkundig formale Logik. Der logische Widerspruch, so
bendet Albrecht, ist und bleibt Tabu für das gemeine Bewuÿtsein wie
- 75 -


für das dialektisch geschulte Denken des Fachmanns vgl. ebd. . Selbst dieje-
nigen Interpreten, so Albrecht, die auf Grund einiger anscheinend unmiÿver-
ständlicher Äuÿerungen Hegels zu der Annahme sich gedrängt sehen, daÿ Hegel
die Verbindlichkeit des logischen Grundsatzes vom Widerspruch geleugnet habe
Albrecht mag an Äuÿerungen Hegels wie die oben, S. 2 , vorgestellten den-
ken , wagen so leicht nicht die Konsequenz zu ziehen, daÿ er also unlogisch

verfuhr ebd. . Albrecht lässt nicht erkennen, wer die Interpreten sind, von
denen er spricht. Sie scheinen an einer Art eingeschränkter Ja-Stellungnahme
festhalten zu wollen: Hegels Dialektik verweigert dem formallogischen Satz vom
Widerspruch die Anerkennung, lädt aber dennoch keine formallogischen Wider-
sprüche auf sich. Eine solche Stellungnahme begegnet in der Literatur, wenn ich

recht sehe, allerdings nicht.

Albrecht bringt zwei Argumente vor, die seine reine Nein-Stellungnahme

stützen sollen. Das erste ndet sich in ders. 1958 , das zweite, auf die Wissen-

schaft der Logik eingegrenzt, bereits in ders. 1957 .
1. Hegels Satz vom Widerspruch, der Satz Alle Dinge sind an sich selbst
widersprechend der in einer vierfachen Bedeutung im Mittelpunkt der Über-
legungen Franz Grégoires stand , wird n i c h t , zumindest an der Stelle

W59 II58 nicht, von Begrien und Urteilen, sondern von Dingen behauptet

vgl. Albrecht ebd. . Wenn auch unklar bleibe, was man sich unter wider-
spruchsvollen Dingen vorstellen soll, so sei doch eine Kollision ... mit den Regeln

der Logik nicht unbedingt zu erwarten vgl. ebd. . Und zwar auch dann nicht,
wenn es sich als wahr ergeben sollte, daÿ die Seele der Dinge der Begri ist
und daÿ sich der Begri in Formen ur-teilt, die uns aus der herkömmlichen Logik
 
vertraut sind ebd. . Albrecht hat wohl eine Stelle wie S16 I16 und sicherlich

die Stelle B60 II266 im Auge. An der erstgenannten Stelle spricht Hegel vor
der Folie des Unterschieds einer Seele und eines Leibs, des Begris und einer
relativen Realität von der Seele für sich, dem reinen Begri, der das Innerste
der Gegenstände ... ist. An der zweitgenannten Stelle gibt Hegel das Urteil
als die Diremtion des Begris durch sich selbst aus. Das Urteil sei die u r-

s p r ü n g l i c h e T e i l u n g des ursprünglich Einen gesperrt im Original . Das

Wort Urteil beziehe sich auf das, was das Urteil an und für sich ist. Trotz
möglicher formeller Übereinstimmungen mit dem Begri und dem Urteil, wie sie
die Logik versteht, ... sind die wesentlicheren Abweichungen nicht zu verkennen

vgl. ebd. .
2. Das Urteil, das in seiner Selbstbewegung ... genau die Formen durch-
läuft, die Kant in seiner berühmten Urteilstafel aufgeführt hatte vgl. das Ka-

pitel Das Urteil im begrislogischen Abschnitt Die Subjektivität, B58 

II264  , unterliegt in keiner dieser Formen der Alternative wahr oder falsch

vgl. Albrecht 1957, 595 : Die Vorstellung einer Sache, die dem urteilenden
Verstand selbständig gegenüberstünde, ist auÿer Kurs gesetzt. Die Wissenschaft
der Logik thematisiert das reine Wissen, in welchem das Gegenüber von Ge-
genstand und Bewuÿtsein aufgehoben ist vgl. ebd., 596; vgl. a. ders. 1958, 68 .
Die Selbstbewegung des Urteils verdankt sich nicht irgendwelchen Diskre-
panzen zwischen dem Urteil und einer von ihm intendierten Sache, sondern dem
Bestreben, interne Unstimmigkeiten des Urteils selbst zu beseitigen vgl. ders.

1957, ebd. . Das Urteil ist hingegen in allen seinen Formen wahr und falsch
- 76 -

zugleich: wahr insofern, als es seiner Bestimmung nach über sich hinaus- und zu
einer tieferen Wahrheit hindrängt, falsch insofern, als es in jeder seiner For-
men das xiert, was jene tiefere Wahrheit verstellt, vgl. ebd., 595, ders. 1958,

ebd.
Das Urteil, das nicht der Alternative wahr oder falsch unterliegt, bietet
keinerlei Handhabe ... für die Anwendung der logischen Grundsätze vom Wi-

derspruch und vom ausgeschlossenen Dritten vgl. ders. 1957, ebd. . Der Wi-
derspruch, der nach Hegel eine Urteilsform in die nächstfolgende überzuführen

hat, kann also kein logischer Widerspruch sein ebd. . Da nun die gesamte
Wissenschaft der Logik formal wie sachlich analog der Urteilslehre gegliedert
ist, wird der als Motor der Dialektik nicht nur in der Urteilslehre, son-
dern in der gesamten Wissenschaft der Logik fungierende Widerspruch über
die Länge der gesamten Wissenschaft der Logik hin kein logischer Widerspruch

sein vgl. ebd., 595f; vgl. ders. 1958, 50 . Für die Dialektik jedenfalls der
Wissenschaft der Logik hält Albrecht 1957 denn auch fest, dass sie sich ...
mit der herkömmlichen Logik sehr gut verträgt, diese vermutlich sogar in vol-

lem Umfang voraussetzt, vgl. ebd., 596.

Albrecht verweist darauf, dass dort, wo in der Wissenschaft der Logik der
Widerspruch behandelt wird, der methodischen Funktion, die er ausübt, nicht

Rechnung getragen wird vgl. ders. 1958, 52f . Er tritt nur als eine Bestimmung
in der Reihe der vielen anderen Bestimmungen auf. Entsprechend seien auch
die Betrachtungen, die ebenda zu Hegels Satz vom Widerspruch angestellt
werden, nicht als methodische gemeint vgl. ebd., 52 .
Schwerer als die ausbleibende Beleuchtung seiner methodischen Funktion
wiege der Umstand, dass der Widerspruch, bevor er im zweiten Buch der Wis- 
senschaft der Logik thematisch wird, immer schon am Werke war vgl. ebd. .
Man muss es bereits von Anfang an ... mit dem Widerspruch in Hegelscher Ma-
nier aufgenommen haben, wenn man im Nachvollzug 
der Entwicklung schlieÿ-
lich auf ihn als Sujet stoÿen will vgl. ebd. . Es ist eine auf dem Widerspruch
beruhende Entwicklung, die 
auf den Widerspruch als Gegenstand der Betrach-
tung führt vgl. ebd., 52f .
Albrecht zieht die Konsequenz daraus: man kann die methodische sowie
d i e v o n i h r a b h ä n g i g e eben nur in einer auf dem Widerspruch be-
ruhenden Entwicklung gewonnene sachliche Bedeutung des Widerspruchs
nicht

anders als anhand der Gesamtentwicklung der Logik studieren vgl. ebd.,
53 .
 
Justus Schwarz 1958 59 kann nicht umhin anzuerkennen: Mindestens
nach manchen seiner Äuÿerungen muÿ es ja so scheinen, als ob Hegel in seiner
dialektischen Logik die Gültigkeit der Axiome der formalen Logik aufzuheben
beabsichtigte, so dass es also den Widerspruch im Gegensatz zum Satz des Ari-

stoteles doch geben könne vgl. Schwarz ebd., 52 . Der Schein trüge aber.
Es werde die Gültigkeit der Axiome der formalen Logik bei Hegel nie in Frage

gestellt vgl. ebd., 53 .

Unter den Axiomen der formalen Logik versteht Schwarz vor allem das
Identitätsgesetz und den Satz des Widerspruchs vgl. ebd., 47 .
Das Identitätsgesetz  werde von Hegel gewöhnlich in der Form symbo-
lisiert: a = a  vgl. ebd. . Schwarz kann sich auf W29f II28f berufen, wo
Hegel den Satz der Identität in seinem positven Ausdruck mit A = A
- 77 -

angibt. Die Enzyklopädie, Ÿ115 Anm., gibt den Satz der Identität wie folgt an:
Alles ist mit sich identisch ; A = A. Auch die Dierenzschrift, die Jenenser
Logik und die Nürnberger Schriften kennen einen Satz der Identität der Form
A = A  vgl. D27f, JL135f, N172 . Schwarz erläutert das als a = a  notier-
te Identitätsgesetz so: Eine gedankliche Setzung, eine Begrisbestimmung

ist,
wenn wir sie auf sich selbst beziehen, mit sich selbst gleich ebd. .
Entsprechend, so fährt er fort, können wir den Satz des Widerspruchs sym-

bolisieren: a nicht gleich non a  vgl. ebd. . Auch wenn Schwarz nicht ausdrück-
lich sagt, dass Hegel selbst den Satz des Widerspruchs so symbolisiert, steht
doch zu vermuten, dass Schwarz dies meint: Er dementiert es nicht und eine
anderweitige Angabe dazu, wie Hegel den Satz des Widerspruchs versteht,
macht er nicht.
Bei Hegel ndet sich indes, wenn ich recht sehe, kein Satz des Widerspruchs
der Gestalt
a nicht gleich non a
bzw. der Gestalt
a nicht = non a,
wenn wir das Wort gleich durch das Gleichheitszeichen ersetzen, oder der Ge-
stalt
a ist nicht non a,
wenn wir a gleich non a als a ist non a verstehen.
In W32 II31 ist es der sich des Modalverbs können bedienende andere
Ausdruck des Satzes der Identität,
A kann nicht zugleich A und Nicht-A sein,
der als Satz des Widerspruchs bezeichnet wird. Der Akzent liegt auf dem als un-
möglich abgewehrten

Zugleich dessen, dass A A ist und dessen, dass A Nicht-A
ist. Gemäÿ W59 II57 lautet der Satz des Identität oder des Widerspruchs:
Es gibt nicht etwas, das zugleich A und NichtA ist.
Die Enzyklopädie, Ÿ119 Anm., nimmt auf einen im Wortlaut nicht angeführten
Satz ... der Identität in der Form des Satzes des Widerspruchs Bezug, welchem
zufolge ein Begri, dem von zwei widersprechenden Merkmalen ... alle beide
zukommen, für logisch falsch erklärt wird, wie z. B. ein viereckiger Zirkel.
Die Nürnberger Schriften kennen einen Satz des Widerspruchs in der For-
mulierung:
A kann nicht zugleich A und nicht A sein

vgl. N172 . Die Enzyklopädie, Ÿ115 Anm., verbucht ebendiese Formulierung, oh-
ne sie Satz des Widerspruchs
 zu nennen, als eine negative Version des Satzes

der Identität. Vgl. a. W25 II24. Die Nürnberger Schriften kennen des Weiteren
das folgende Gesetz der Identität oder des Widerspruchs:
Jedes Ding ist sich selbst gleich, oder A kann nicht zugleich Nicht-A sein

vgl. N129 sowie einen Satz des Widerspruchs in der Formulierung:
Kein Ding kann zugleich sein und nicht sein

vgl. ebd., 89 .
In der Dierenzschrift werden die beiden Sätze
A=A
der Satz der Identität und
A nicht = A
bzw.
A=B

Sätze des Widerspruchs genannt vgl. D27f . Die beiden angeführten Sätze
sind Sätze des Widerspruchs in einem verkehrten Sinne: Der erste der Iden-
tität sagt aus, daÿ der Widerspruch = 0 ist; der zweite, insofern er auf den ersten
bezogen wird, daÿ der Widerspruch eben so notwendig ist als der Nichtwider-
- 78 -

spruch, vgl. ebd., 28. Aufgrund der Gestalt A nicht = A des zweiten Sat-
zes, die kaum anders als nicht: A = A aufzufassen ist, wird man den zweiten
Satz als die Negation des ersten Satzes anzusehen haben. Die Formulierung
A nicht = A, die rechts des Gleichheitszeichens lediglich ein A, keine Negati-

onspartikel non, Nicht aufweist, unterscheidet sich dadurch von der
mittels des Gleichheitszeichens gebildeten Version des Satzes des Widerspruchs
bei Schwarz, vgl. oben, und von dazu gleichwertigen

Formulierungen wie
A nicht = Nicht-A oder A nicht = NichtA.
Schwarz erläutert den als a nicht gleich non a  gefassten Satz des Wi-
derspruchs so: Ein gedanklich Gesetztes kann nicht zugleich

nicht gesetzt oder
durch eine Gegensetzung negiert sein vgl. ders. ebd. .
Dass Schwarz die von ihm so genannten Axiome der formalen Logik, zu-
mindest den Satz des Widerspruchs, mit Aristoteles in Verbindung bringt
Schwarz apostrophiert, wie es den Anschein hat, den Satz des Wider-
spruchs als Satz des Aristoteles dazu vgl. weiter unten.

Die Gültigkeit der Axiome der formalen Logik werde bei Hegel auf jeder

Stufe seines Gedankenganges immer vorausgesetzt vgl. Schwarz ebd., 53 27.
Andernfalls könnte der eigentümliche kontinuierliche dialektische Gedankenauf-

bau sich überhaupt nicht entfalten vgl. ebd. . Das Sein etwa, mit dem Hegels
Logik anhebt, ... könnte sich ... nicht weiterhin als Nichts bestimmen; die Be-
stimmung des Seins als Nichts gründe ja gerade darin, daÿ die erste Bestimmung
des Seins als unbestimmter Unmittelbarkeit ihre Gültigkeit als Gedankensetzung

behält vgl. ebd. . Was sich im Laufe des dialektischen Gedankenaufbaus ver-
ändert, ist der Inhalt der Bestimmung des Seins, das, was sie über das Sein
aussagt, insofern dieser Inhalt in einer Weise fortbestimmt wird, die ihren

ursprünglichen Sinn ich verstehe: den ursprünglichen Sinn der Bestimmung
 
des Seins, K. E. gleichzeitig feststellt und umbildet vgl. ebd. . Es fällt schwer,
den besagten Inhalt nicht in der vorher genannten Gedankensetzung aufgehen

zu sehen.
Der von Hegel wirklich behauptete Widerspruch sei niemals etwas, was

von der formalen Logik für unmöglich erklärt wird vgl. ebd. . Was den Hegel-
schen Gedanken beispielsweise anbelangt, der Widerspruch habe im Schmerz
des Lebendigen eine wirkliche Existenz, so sei deutlich, daÿ eine solche Wirk-
lichkeit des Widerspruchs durch das Widerspruchsaxiom der formalen Logik nie-
 
mals ausgesprochen werden sollte vgl. ebd. . An der Stelle B223 II424, auf die
Schwarz abhebt, heiÿt es vom Widerspruch, dass er im Schmerz des Leben-

digen ... eine wirkliche Existenz i s t , nicht hat, Herv. von mir.
Für das Verhältnis der formallogischen Axiomatik zum dialektischen Den-
ken sei es sehr charakteristisch, daÿ bei Aristoteles die Entdeckung dieses
Axiomensystems des Verstandes sich durchaus vereinigt mit einer Art von Be-
grisbildung, die Hegel als überverstandesmäÿig, spekulativ in seinem Sinne

anerkannt und immer hoch gerühmt hat vgl. ebd. . Wären die aristotelische
Entdeckung des Axiomensystems des Verstandes und die aristotelische Art

27 Im Originaltext von Schwarz heiÿt es nicht auf jeder Stufe, sondern auf
jener Stufe. Es ist meines Erachtens aber keine Stufe in Sicht, die anvisiert
sein könnte. Die von mir gewählte Lesart orientiert sich an der in einem der
nachfolgenden Sätze anzutreenden Rede von der ersten Stufe des dialektischen
Gedankenganges und allen weiteren Stufen, vgl. ebd.
- 79 -

von Begrisbildung, die Hegel als in seinem Sinne spekulativ anerkannt habe,
miteinander unvereinbar, so müÿte ein tiefgreifender Riÿ durch das Gedanken-
gebäude des Aristoteles gehen, was Hegel selbst niemals angenommen hat vgl.

ebd. .

1. Wenn Aristoteles bei Schwarz die Entdeckung eines Axiomensy-


stems des Verstandes auch: eines Axiomensystems der sog. formalen Logik,
vgl. Schwarz ebd., 47 zugeschrieben wird, das zu seinen Axiomen ein
Identitätsgesetz der Form a = a und einen Satz des Widerspruchs der Form
a nicht gleich non a zählt, dann geschieht dies ohne nähere Erläuterung und
ohne jeden Beleg. Zweifelhaft ist schon, ob die Formeln
a=a
und
a nicht gleich non a
überhaupt

aristotelische Formulierungen wiedergeben.
a Was die letztere der beiden Formeln anbelangt, so dürfte für sie zu wie-
derholen sein, was oben, S. 11f, im Zusammenhang mit N. Hartmann für die
Formel
A ist nicht non-A
gesagt wurde mit der sie gleichwertig ist, wenn man a gleich h ... i als a ist h ... i
verstehen darf : Es ist nicht zu sehen, wie diese Schwarzsche Formel eine der
Aristoteles-Stellen Metaphysik 1005b 19f etc. wiedergibt, die wenn man die
Rede vom Satz des Widerspruchs bei Aristoteles zur Anwendung bringen
möchte , die aristotelischen Fassungen des Satzes des Widerspruchs präsen-
tieren. Vgl. dazu oben ebd.
Sieht man die Formel a nicht gleich non a als gleichwertig mit der Formel
A ist nicht non-A an, dann führt sie auf Leibniz und Wolff zurück, oh-
ne dass sie bei diesen Autoren Satz des Widerspruchs hieÿe eine Bezeich-
nung, die sie anderen Formulierungen vorbehalten, so Wolff Ont. Ÿ29, für eine
Reformulierung

von Aristoteles Anal. pr., 53b 15f. Vgl. dazu oben S. 11, 14f.
b Was die Formel a = a anbelangt, so scheint es aristotelische Formulie-
rungen erst gar nicht  zu geben, die man gemeinhin als Identitätsgesetz
  Satz
der Identität o. Ä. bezeichnete und bei denen zu fragen wäre, ob sie durch die
Formel a = a wiedergegeben werden oder nicht. Zu beachten ist allerdings Šu-
kasiewicz 1935, der aufgrund einer Stelle im Kommentar des Alexander v.
Aphr. zu Aristoteles' Analytica priora einen peripatetischen Satz der Iden-
tität glaubt erschlieÿen zu können, vgl. Šukasiewicz ebd., 111f, 127 Anm. 2.
Der peripatetische Satz der Identität lautet: a kommt allem a zu, und wird
von A r i s t o t e l e s nicht erwähnt, ebd. 111f. Šukasiewicz 1957, 48, nennt
diesen Satz dennoch the Aristotelian law of identity. Ders. ebd., 149, führt Ivo
Thomas 1951, 71, an, der auf Anal. pr. 68a 19  aufmerksam macht, wo es im-
merhin einmal heiÿt: kathgoreÚtai ... tò B ... aÎtò aÍtoÜ
, es wird das B selbst
von sich ausgesagt. Stephan Körner 1967, 414f, macht ebenfalls kein explizit
vorgetragenes principle of identity bei Aristoteles aus. Er erkennt aber im
G
Zusammenhang mit Aristotle's defense of the law of contradiction as descriptive
of being as such Körner wird hier an Met., 3, denken i m p l i c i t l y a
defense of the metaphysical principle of identity, nämlich against Heraclitus,
Herv. von mir. Das fragliche metaphysical principle of identity laute: Every-
thing is, what it is. Sowohl den von Šukasiewicz unterstellten peripatetischen
Satz der Identität als auch das Körner zufolge von Aristoteles verteidigte
metaphysical principle of identity wird man nicht sinnvollerweise in der Formel
a = a gefasst sehen können: Die Wiedergabe von a kommt allem a zu mit
a = a wäre wohl nur als Spezialfall der Wiedergabe von a kommt allem b zu
mit a = b denkbar. Mit a kommt allem b zu wäre aber nicht zwingend auch
umgekehrt b kommt allem a zu gegeben, also auch nicht zwingend b = a.
Die Verwendung des Gleichheitszeichens wäre daher nicht angezeigt. Und ohne
dass unmittelbar deutlich wäre, woran das metaphysical principle of identity
- 80 -

bei Aristoteles anknüpfen könnte, so wird es doch sicherlich für den Menschen
gelten, der nach Aristoteles Met., 1037b 12f, denitionsgemäÿ ein zweifüÿiges
Lebewesen ist: Der Mensch, der ein zweifüÿiges Lebewesen ist, ist ein zweifüÿiges
Lebewesen. Für was sollte in dergleichen Sätzen das a der Formel a = a ste-
hen? Für was in ihnen sollte das Gleichheitszeichen stehen?
Sollte das
 Gleichheitszeichen der Formel a = a auf das aristotelische Êïn

Ò Án tò pocòn én
Gleiches abstellen, dann wären die in dieser Formel angezielten Gröÿen a dar-
auf beschränkt, quantitativ zu sein: Gleiches ist, wovon die
Quantität eine ist , Met. 1021a 12. Die Formel a = a meinte, dass eine quan-
titative Gröÿe von gleicher Quantität wie sie selbst wäre.
sche taÎtìnaÎtò aÍtÄ taÎtìn
Eher schon könnte das Gleichheitszeichen der Formel a = a auf das aristoteli-
Gedanken:
dasselbe abstellen. Kennt Aristoteles doch durchaus den
etwas ist selbst mit sich dasselbe , Met. 1018a 9.

h_ ‚rijmÄ h_ eÒdei h_ gènei ™ Õlh mÐa


Was dasselbe ist, ist dies aber stets nur unter einem bestimmten Gesichtspunkt:

Top. 103a 8, oder, insofern ™ oÎÓa mÐa


entweder der Zahl oder der Art oder der Gattung nach ,

ist der Sto einer ist oder


ist

das Wesen eines ist , wenn wir Met. 1018a 6f folgen. Gemäÿ Met. 1054a 34 ist
solches dasselbe, was kaÈ lìgú kaÈ ‚rijmÄ én Ï ut¼ kaÈ tÄ eÒdei kaÈ t¬ Õlù
ist, also sowohl dem Deniens wie

én
der Zahl nach eines ist. So gilt beispielsweise:
, du bist mit dir sowohl der Art wie dem Sto nach eines so dass du, wie
nicht mehr ausdrücklich gesagt wird, aber impliziert ist, unter den angegebenen
Gesichtspunkten mit dir dasselbe bist, vgl. Met. ebd., 32 ; vgl. a. Met. 1054b

16f. Die Formel a = a dürfte aber jenseits einer Restriktion auf Gesichtspunkte
verstanden sein wollen.
pn aÎtò aÍtÄ taÎtìn
Entscheidender

ist wohl: Es scheint bei Aristoteles

keinen Allsatz der Art
ein jedes ist selbst mit sich dasselbe zu geben, den

‰pan pròs ‰pan h_ taÎtò h_ Šllo


die Formel a = a repräsentieren könnte. Was im Kontext vorliegt, ist der Allsatz

ein jedes ist mit Bezug auf ein jedes entweder
dasselbe oder ein anderes , Met. 1054b 15f. Auch die für Met. 1018a 9 vielleicht
den Hintergrund abgebende Stelle Platon Soph. 254d,
d áautÄ taÎtòn aÎtÀn ékaon ... aÎtò
, ein jedes von ihnen ist ... selbst aber mit sich dasselbe, formu-

kÐnh s
meint sind drei der mègia gènh , der bedeutendsten Gattungen: tò în ˆ s
liert keinen Allsatz, der einem unbeschränkt weiten Gegenstandsbereich gilt. Ge-
,
und

was, weil er das schlieÿlich ausschaltet.



ékaon
, das Seiende, Ruhe und Bewegung. Martin Heidegger 1957,

aÎtÀn
10f, der auf diese Stelle eingeht, erhält nur deswegen das als jedes et-
Wenn die Formel a = a als a ist a gelesen werden darf, dann führt sie wie ihr
Seitenstück, die Formel a nicht gleich non a, wenn diese als a ist nicht non a
gelesen werden darf, auf Leibniz und Wolff zurück, vgl. Leibniz Nouv. Ess.
IV, 2, Ÿ1; Cl. 355; C. 518; Wolff Log. Ÿ271. Bei Leibniz Nouv. Ess. ebd.,
gehören die Sätze der Form A est A Je seray ce que je seray, J'ay ecrit
ce que j'ay ecrit zu den verités primitives de raison auch als identiques
qualiziert , und zwar zu ihnen, insofern sie armatives sind. Zu den iden-
tiques Negatives gehören die Sätze der Form ce qui est A ne sauroit estre
non -A Leibniz rekurriert hier auf eine modale Abwandlung der Formel A ist
nicht non A. Für Leibniz, C. ebd., markieren 
die Sätze der Form A est A und
A non est non A primae veritates. Die Formel A ist A rmiert bei Leib-
niz oenbar nicht unter dem Titel Satz der Identität in den herangezogenen
Kontexten jedenfalls nicht. Im zweiten Schreiben an Clarke gibt Leibniz als
das Principe de la Contradiction, ou de l'Identité an, qu'une 
Enontiation ne
sauroit etre vraye et fausse en même temps vgl. Cl. ebd. . Für Wolff gehören
die Sätze der Form A ist A Homo est homo zu den propositiones identi-
cae vgl. ders. Log. ŸŸ270, 213 . Auch er nennt die Formel A ist A nicht Satz
der Identität, von einem Satz der Identität scheint er gar nicht zu sprechen.
In seiner Übersetzung der erwähnten Passage Nouv. Ess. IV, 2, Ÿ1, gibt Ernst
Cassirer das originale A est A mit A = A wieder vgl. G. W. Leibniz Neue

Abhandlungen über den menschlichen Verstand, 420 . Artur Buchenau über-
setzt an der erwähnten Stelle des zweiten Leibnizschen Schreibens an Clarke
- 81 -

die Wendung qu'ainsi A est A, et ne sauroit etre non A mit daÿ demnach
A = A ist und nicht = non A sein kann vgl. G. W. Leibniz Hauptschriften
zur Grundlegung der Philosophie, Bd. I, 124 . In beiden Fällen ist das Einbringen
des Gleichheitszeichens unnötig und verzichtbar. Sollten auch die Schwarzschen
Formeln
a=a
und
a nicht gleich non a
den Rückgri auf das Gleichheitszeichen bzw. auf das Wort gleich entbehren
können und diese beiden Formeln als
a ist a
und
a ist nicht non a
verstanden werden dürfen, dann hätte Schwarz zwei Formeln, die auf Leibniz
und Wolff verweisen, zu Axiomen eines aristotelischen Axiomensystems des
Verstandes bzw. der sog. formalen Logik gemacht, in dem sie als Satz der
Identität und als Satz des Widerspruchs auftreten.
2. Schwarz' Rede von einem Axiomensystem der sog. formalen Logik im

qrÀntai‚xi¸mata
Zusammenhang mit Aristoteles ist kritikwürdig. 
Axiomen . Die Metaphysik,
Natürlich spricht Aristoteles von
1005a 23f, charakterisiert sie so: pˆntes, íti toÜ întos âÈn ­ în

Alle
bedienen sich ihrer, weil sie auf das Seiende gehen, insofern es ist . Die Analy-
majhïmenon ‚nˆgkh êqein tòn åtioÜn
tica posteriora, 72a 16f, stellen mit Bezug auf sie fest:
Es ist notwendig, dass sie sich aneignet, wer, was auch immer,

lernen möchte .
Beispiel eines Axioms ist der in Met. 1005b 19f formulierte Satz des Wi-
derspruchs vgl. oben S. 11; vgl. Met. 1005b 8  . Vielleicht darf man auch die
Formulierung De Int. 19a 28f, die man als Satz vom ausgeschlossenen Drit-
‰pan ‚nˆgkh
ten ansehen mag, als ein aristotelisches Axiom betrachten: 
Es ist notwendig, dass alles ist oder nicht ist .
eÚnai h_ m˜ eÚnai
Wenn wir nun einmal zubilligten, dass sich der in Met. 1005b 19f formulierte
Satz des Widerspruchs und einige weitere oder gar alle weiteren aristotelischen
Axiome als Sätze einer aristotelischen formalen Logik auffassen lassen, und
wenn wir davon absähen, dass sich unter diesen aristotelischen Axiomen kein
Identitätsgesetz bendet, insbesondere kein in der Formel a = a repräsen-
tierbares, und dass der Satz des Widerspruchs nicht in der Formel a ist nicht
non a wiedergegeben werden kann, dann bliebe immer noch die Frage, inwiefern
diese als Sätze einer aristotelischen formalen Logik ausgezeichneten Axiome
auch in dem zweiten Sinne Axiome sind, dass sie, ein Axiomensystem für die-
se aristotelische formale Logik bildend, deren übrige Sätze aus sich abzuleiten
gestatten. Um was für Sätze soll es sich bei den abgeleiteten Sätzen dieser ari-
stotelischen formalen Logik handeln? Auf welche Weise geht ihre Ableitung aus
dem Axiomensystem vonstatten? Oder, wenn Schwarz mit der aristotelischen
formalen Logik die aristotelische Syllogistik meinen sollte: Auf welche Weise
erfolgt aus dem Satz des Widerspruchs und den anderen dann als Sätze der
aristotelischen Syllogistik ausgezeichneten Axiomen im ersten Sinn, sofern sie
als Axiome im zweiten Sinn ein Axiomensystem

eben dieser Syllogistik bilden,
die Ableitung von deren übrigen Sätzen?
Ferner: In Ermangelung einer genaueren historischen Dierenzierung, was die
sog. formale Logik anbelangt, könnte Schwarz den Eindruck hinterlassen, dass
die von ihm bei Aristoteles supponierte formallogische Axiomatik von keiner
anderen Art sei als diejenige, die etwa bei Frege oder bei Whitehead Rus-
sell anzutreen ist. Dazu ist darauf hinzuweisen, dass der in der Fregeschen
 
Begrisschrift 1879 vorgelegte axiomatische Aufbau der klassischen formalen
Logik der erste seiner Art ist, insofern als er einen Logikkalkül verwendet,

in dem
aus gewissen logisch-wahren Aussageschemata der klassischen Quantorenlogik
1. Stufe den Axiomen in Applikation der Kalkülregeln alle übrigen logisch-
- 82 -

wahren Aussageschemata eben dieser Logik herstellbar sind. Zu den Axiomen


des Logikkalküls der Fregeschen Begrisschrift zählen keinerlei

Versionen eines
Satzes der Identität oder eines Satzes des Widerspruchs.
Der von Frege in der Begrisschrift

verwendete Logikkalkül ist ein Satz-
kalkül, weil er aus logisch-wahren Aussageschemata wiederum logisch-wahre
Aussageschemata herstellt. Der vermutlich bereits für die stoische Logik zu ver-
anschlagende Logikkalkül der klassischen

Junktorenlogik vgl. Kuno Lorenz
1984e, 699; ders. 1980a, Sp. 363 ist dagegen ein Implikationenkalkül, der aus
logisch-gültigen Implikationen wiederum ebensolche Implikationen herzustellen
erlaubt vgl. ders. 1984e, 699 .
3. Man wird Schwarz Recht darin geben, dass Hegel bei Aristoteles
Spekulatives in seinem eigenen Sinne anerkannt und immer hoch gerühmt
hat. Hegel bescheinigt Aristoteles
 
wahrhaft spekulative Begrie von Raum,
 
Zeit und Bewegung S208 I192 , wahrhaft spekulative Ideen B232 II433 .
Bei dem vielen Beschreibenden und Verständigen, das Aristoteles nach seiner
Weise wesentlich beibringt,

ist das Herrschende bei ihm immer der spekulative
Begri Enz. Ÿ187 . Nicht zu vergessen ist Hegels wertschätzende Qualizie-
rung von Aristoteles' De anima als noch immer das vorzüglichste oder ein- 
zige Werk von spekulativem Interesse über diesen Gegenstand vgl. ebd. Ÿ378 .
Dass Hegel die Enzyklopädie ab der zweiten Auage mit einem unübersetzten
Aristoteles -Zitat beschlieÿt, spricht für sich. In der zitierten Passage, Met.
1072b 18-30, heiÿt es: áautòn dè noeØ å noÜs katà metˆlhyin toÜ nohtoÜ L
. Die Vor-
7,

lesungen über die Geschichte der Philosophie übersetzen: Der Gedanke denkt
aber sich selbst durch Annahme des Gedachten vgl. ebd., II 162 . Dass der Ge-
danke sich selbst denkt bzw. dass das Denken das Denken des Denkens ist

‚rÐou
und dass dies so auf sich selbst gerichtete Denken die nìh s toÜ kaj áautò
Met., 1072b 18f , das Denken dessen ist, was das Vortreichste an
und für sich selbst ist, und dies Denken somit für sich absoluter Endzweck
ist, das bezeichnen ebendiese Vorlesungen als die höchste Spitze der Aristoteli-
schen
Metaphysik, als das Spekulativste, was es geben kann vgl. ebd., II 162f,
219 .
Und doch sieht Schwarz an etwas vorbei. Hegel ist nicht der Ansicht, dass
es mit der Logik, wie sie bei Aristoteles vorliegt, sein Bewenden haben kann.
Während Kant durch sein Urteil, dass die L o g i k ... seit dem A r i s t o t e l e s
keinen Schritt rückwärts hat tun dürfen, allerdings auch bis jetzt keinen Schritt
vorwärts hat tun können, zu dem Schluss geführt wird, dass sie also allem 
Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint vgl. KdrV BVIII , ist
für Hegel daraus, dass die Logik seit Aristoteles keine Veränderung erlitten
hat, eher

zu folgern, daÿ sie um so mehr einer totalen Umarbeitung bedürfe
vgl. S35 I32f .
Ganz im Einklang damit steht die von Hegel an Kant geübte Kritik, dass
dieser die der gewöhnlichen Logik entnommenen Funktionen der Urteile für
die Bestimmung der Kategorie aufgenommen 
 und sie damit als gültige Voraus-

setzungen gelten gelassen habe vgl. B27 II234 . Die herangezogenen logischen
Formen hätten einer Untersuchung unterworfen werden müssen, inwiefern sie
für sich der W a h r h e i t entsprechen. Eine Logik, die sich von einer solchen
Untersuchung dispensiert glaubt, kann höchstens auf den Wert einer natur-
historischen Beschreibung der Erscheinungen des Denkens, wie sie sich vornden,
Anspruch machen. Eine solche Logik bzw. eine solche Beschreibung habe
zuerst Aristoteles vorgelegt. Es sei dies ein unendliches Verdienst. Es sei
aber nötig, daÿ weitergegangen und teils der systematische

Zusammenhang,

teils
aber der Wert der Formen erkannt werde. Vgl. B26f II234.
Dass die Logik, die seit Aristoteles keine Veränderung erlitten hat, einer
totalen Umarbeitung bedürftig ist und dass man über sie hinausgehen muss,
hat seinen Grund darin so legen es zumindest die Vorlesungen über die Ge-
schichte der Philosophie

nahe , dass sie ihrer Natur nach nicht spekulativ ist
vgl. ebd., II 240 . Sie ist keine Logik des spekulativen Denkens, keine Logik
der Vernünftigkeit als unterschieden von der Verständigkeit. Die Verstandes-
- 83 -

identität, daÿ nichts sich widersprechen soll, liegt zugrunde.


Folgte Aristoteles dieser verständigen, gewöhnlichen Logik, deren Urhe-
ber er ist und das heiÿt also insbesondere: orientierte er sich an der Verstandes-
identität, daÿ nichts sich widersprechen soll, bzw. mit Schwarz gesprochen, am
Identitätsgesetz und am Satz des Widerspruchs, an diesen Axiomen seiner
formalen Logik , dann würde er nicht der spekulative Philosoph sein, als den
wir ihn erkannt haben; keiner seiner Sätze, seiner Ideen könnte aufgestellt, be-
hauptet werden, könnte gelten. Man muss ... nicht glauben, so die Vorlesungen
umgekehrt, daÿ Aristoteles, indem er spekulativ ist, nach dieser

seiner Logik ...
gedacht, fortgeschritten, bewiesen hätte. Vgl. ebd., II 240f. Der Aristoteles,
bei dem trotz des vielen beigebrachten Beschreibenden und Verständigen im-
mer das Herrschende der spekulative Begri ist vgl. oben , ist derjenige, der
jenes verständige Schlieÿen, das er zuerst so bestimmt angegeben, ... nicht in

diese Sphäre herübertreten lässt vgl. Enz. Ÿ187 .
Hegels Aristoteles ist also keinesfalls ein einheitlicher. Von dem spekula-
tiven Philosophen unterscheidet Hegel zumindest den Urheber der verstän-
digen, gewöhnlichen Logik. Die aristotelische Art von Begrisbildung, die Hegel
als überverstandesmäÿig, spekulativ in seinem Sinne anerkannt und immer hoch
gerühmt habe, ist in den Augen Hegels selbst, statt mit der Entdeckung des
Axiomensystems des Verstandes durchaus vereinigt zu sein, nur dadurch mög-
lich, dass dem entdeckten Axiomensystem des Verstandes sogleich die Geltung
versagt wird. Gegen Schwarz wird man festhalten müssen, dass Hegel sehr
wohl einen tiefgreifenden Riÿ im Gedankengebäude des Aristoteles angenom-
men hat.

Mit den vorgetragenen Schwarzschen Überlegungen dürfte die von Schwarz


zugleich vertretene Ansicht schwerlich kompatibel sein, dass Hegel den Axio-
men der formalen Logik nur eine begrenzte Berechtigung zuerkannt habe vgl.

Schwarz ebd., 53 . Der formalen Logik, die sich nicht streng im Rahmen ihrer
Formalität hält, sondern zu einer allgemeinen Ontologie wird, widerstreite die

dialektische Logik Hegels vgl. ebd. .
Die formale Logik wird zu einer Ontologie, indem sie das Identitätsprin-
zip: a = a, das einen Sinnzusammenhang völlig zeitloser Art darstellt, auf zeit-
gebundene Gegenstände überträgt und in ein solches Prinzip transformiert, das

alles Seiende als ein unveränderlich Beharrendes behauptet vgl. ebd., 47f .
Diese ontologisierte Logik hat damit ihre Berechtigung in Bereichen tatsächlich
unveränderlich beharrender Gegenstände. Sie verliert ihre Berechtigung in den
lebendigen, seelisch und geistig bestimmten Wirklichkeitsbereichen, welche die

Domäne der dialektischen Logik Hegels sind vgl. ebd., 48f . Der ontologisch
gewendete Satz des Widerspruchs scheint in die dialektische Logik integrierbar

zu sein, vgl. ebd., 54 .
Es stellt sich die Frage, wie es dann noch gemeint sein kann, wenn Schwarz
dafürhält, dass die Gültigkeit der Axiome der formalen Logik bei Hegel nie in
Frage gestellt, sondern auf jeder Stufe seines Gedankenganges immer vorausge-
setzt wird, ja dass andernfalls der eigentümliche kontinuierliche dialektische
Gedankenaufbau sich überhaupt nicht entfalten könnte vgl. Schwarz ebd., 53;

vgl. oben S. 78 .

Igor' S. Narskij 1970 ndet den Schlüssel für das richtige Verstehen der
Stellung Hegels zur formalen Logik in dessen Lehre von den drei Seiten oder
Momenten des Logischen, wie sie in den ŸŸ79--82 der Enzyklopädie vorgetra-
- 84 -


gen wird vgl. Narskij ebd., 255 . Bei den drei Seiten oder Momenten des

Logischen handelt es sich um das Abstrakte Verständige , das Dialektische im

engeren Sinne des Wortes Negativ-Vernünftige und das Spekulative Positiv-

Vernünftige  vgl. ders. ebd.; Narskij greift ausnahmslos Hegelsche Termini

auf .

Gemessen an der Bedeutung, die Narskij den vorgenannten Paragraphen


der Enzyklopädie zuteilwerden lässt, behandelt er sie

allzu summarisch. Ihre Be-
handlung erfolgt in Narskij ebd., 255, 4--256, 1 28. Narskijs Extrakt lautet im
Wesentlichen: Die Dialektik schlieÿt also die formale Logik in sich

ein, indem sie
diese beibehält und auf ihre eigene Weise entwickelt ebd. 256 . Narskij dürfte
hier den 3. Abschnitt der Anmerkung zu Enz. Ÿ82 rezipieren, dem zufolge die
bloÿe Verstandes-Logik  bzw. gewöhnliche Logik  in der spekulativen Logik
enthalten ist und aus der Letzteren sogleich gemacht werden kann, indem man
nämlich das Dialektische und Vernünftige aus ihr weglässt vgl. Enz. ebd. .
Auch ist es zumindest fraglich, ob die Hegelsche Lehre von den drei Seiten
oder Momenten des Logischen tatsächlich Narskijs Schlüssel für das Ver-
ständnis der Stellung Hegels zur formalen Logik bildet: Abgesehen von Nars-
kij ebd., 257, wird in der Folge auf die ŸŸ79--82 der Enzyklopädie nicht mehr
ausdrücklich Bezug genommen. Eine solche Bezugnahme

fehlt auch

durchweg in
den hier herangezogenen Essays Narskij 1978 und ders. 1986 .

Der Widerspruch ist die Hauptkategorie der dialektischen Logik Hegels



vgl. Narskij 1986, 178 . In den ŸŸ79--82 der Enzyklopädie wird der Wider-
spruch allerdings nicht thematisiert. Von Widersprüchen ist dort nur ein ein-
ziges Mal die Rede: im Zusammenhang mit der gewöhnlichen Vorstellung von
Dialektik, dass diese in bestimmten Begrien ... einen bloÿen Schein von Wi-
dersprüchen hervorbringe, vgl. Enz. Ÿ81 Anm. Auch die umfangreichen Zusätze
zu den genannten Paragraphen rekurrieren auf die entsprechende Wortfamilie
nur an einer einzigen Stelle, an der es heiÿt, dass das Endliche sich in sich selbst

widerspricht, ebd. S. 173. Der Widerspruch ist für Hegel allgegenwärtig,

nach W60 II58 ist er als die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit anzu-

sehen vgl. Narskij ebd. . Für Hegel geht unermüdlich ein rhythmisches

Entstehen und Aufheben der Widersprüche vor sich vgl. Narskij 1978, 281 .
Die Zweiteilung in Gegensätze und deren Aufhebung durch eine neue Einheit
bilden dabei ein natürliches Schema: eine Triade von These, Antithese und

Synthese vgl. ders. 1970, 262, 257f . Bei Rückbindung an die Hegelsche Lehre
von den drei Seiten oder Momenten des Logischen dürfte die besagte Ein-
heit bzw. Synthese der Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung
entsprechen, die von dem Spekulativen oder Positiv-Vernünftigen aufgefasst

wird vgl. Enz. Ÿ82 . These und Antithese entsprächen den entgegengesetz-
 
ten  endlichen Bestimmungen in Enz. Ÿ81 Klammerung von mir .
Der allgegenwärtige Widerspruch einer These und einer Antithese ist

der dialektische Widerspruch vgl. etwa Narskij 1970, 263 .

Den zusammengesetzten Ausdruck dialektischer Widerspruch verwendet


Hegel selbst wohl so gut wie gar nicht. Auf ein Vorkommen in den Vorlesungen

28 Die Ziern hinter den Kommata geben die Absätze der betreenden Seiten an.
- 85 -


über die

Ästhetik macht M. Wolff 1981 , 17 Fn. 5, aufmerksam vgl. unten
S. 110 . Auch die Rede von der dialektischen Logik dürfte bei Hegel selbst
kaum anzutreen sein.
Die Qualizierung des Widerspruchs von These und Antithese sowie der
Logik, der er angehört, als dialektisch erforderte mit Blick auf Enz. ŸŸ79--82 zu
ihrer Rechtfertigung dies, dass das Aufheben von These und Antithese ein
S i c h aufheben ist besteht doch gerade in diesem das dialektische Moment
vgl. ebd. Ÿ81; Herv. von mir . Doch dass These und Antithese sich selbst
aufheben vgl. ebd. , dürfte ausgeschlossen sein, wenn ihre Aufhebung durch
eine neue

Einheit, d. i. durch ihre Einheit oder Synthese, getätigt wird vgl.
oben .

Dialektische Widersprüche gründen sich auf die Negierung, d. h. dialekti-


sche Verneinungen, die konträre Widersprüche sui generis sind und sich von den
gewöhnlichen konträren und von den kontradiktorischen Widersprüchen unter-

scheiden Narskij 1976, 277f; vgl. a. ders. 1986, 181 . Dialektische Verneinun-
gen bzw. Negationen sind von formallogischen insofern wesentlich unterschie-
den, als in klassischen zweiwertigen Kalkülen die Negation der Negation stets
mit der Afrmation identisch ist, in der Dialektik dies aber keineswegs der Fall
ist und uns die Negation der Antithese durch die Synthese nicht auf die Aus-

gangsthese zurückführt vgl. Narskij 1986, 185 . Hegel sei davon überzeugt
gewesen, dass die dialektische Negation keine formallogische ist und der dialekti-

sche Widerspruch kein formallogischer vgl. Narskij 1986, 186; vgl. a. ebd., 197 .
Und weil dialektische Widersprüche keine formallogischen Widersprüche sind,
das formallogische Gesetz des Widerspruches aber ein Veto gerade auf formal-
logische Widersprüche legt, negiert es die dialektischen Widersprüche nicht und
gerät deshalb nicht in Konikt mit dem Gesetz der allgemeinen dialektischen Wi-

dersprüchlichkeit vgl. ders. 1978, 277; vgl. a. ders. 1986, 181 . Überhaupt sind es
verschiedene Dinge, über die das Gesetz vom ausgeschlossenen Widerspruch
und das Gesetz der Dialektik, welches die allgemeine Widersprüchlichkeit ... der
Dinge, Prozesse und Erscheinungen besagt, Aussagen machen vgl. ders. 1986,

188 .
In den Fällen, wo es sich nicht um Kategorien, Begrie, sondern um Aussagen
... handelt, bekommt deren wechselseitige Negierung dennoch den Anschein

der bloÿ klassischen formal-logischen Negation vgl. ders. 1970, 258 . Die Aussa-
gen, die im Verhältnis der dialektischen Negation zueinander stehen, aber doch
den Anschein der bloÿ klassischen formal-logischen Negation erwecken, sind
von der Gestalt S ist P und S ist nicht P, zusammengezogen zu S ist P und ist

nicht P bzw. S ist und ist nicht P vgl. ders. 1978, 279, 281 . Bei solchen Aus-
sagen handelt es sich in Wirklichkeit um dialektische Probleme und nicht um

Aussagen, die im formallogischen Sinne widersprüchlich sind vgl. ebd., 281 . In
einer Reihe von Fällen weist Hegel auf den Unterschied der Beziehungen hin,
in denen das gegebene Prädikat bald bestätigt, bald negiert wird vgl. Nars-

kij 1986, 188 . Hegel verspottete ungereimte Widersprüche, die ein denkendes
Subjekt den in der Tat existierenden Widersprüchen unobjektiv beimischt vgl.

ebd. . So sei denn auch beispielsweise für Hegel daraus Narskij nimmt hier
Bezug auf Enz. Ÿ88 Anm. 2 , daÿ Sein und Nichtsein dasselbe ist, ... nicht zu
schlieÿen, es sei hier nach dasselbe, ob mein Haus, mein Vermögen, die Luft zum
Atmen, diese Stadt, die Sonne, das Recht, der Geist, Gott sei oder nicht sei vgl.
- 86 -


Narskij 1970, 263 . Die Aussage Sein und Nichts ist dasselbe, gleichbedeutend
mit der Aussage Sein ist Nichtsein, lässt die Gültigkeit der Aussage Sein ist
nicht Nichtsein unberührt so scheint Narskij hier Hegel zu verstehen.
Ebenso wenig wie den dialektischen Widerspruch sieht Hegel auch die
dialektische Synthese als einen formallogischen Widerspruch an. Hegel wand-
te sich im besten Teil seines Werkes gegen ihre Identizierung mit der Setzung

der Behauptung und der Negierung der These vgl. Narskij ebd., 257 . Eine
Aussage vom Typ S ist und ist nicht P, als im formallogischen Sinne wider-
sprüchlich aufgefasst, stellt keine dialektische Synthese dar vgl. ders. 1978,

281; ders. 1986, 190 . Die Formel S ist und ist nicht P, sei sie nun als im
formallogischen Sinne widersprüchlich aufgefasst oder nicht, hielt Hegel prinzi-
piell nicht für das Schema der Lösung des dialektischen Widerspruchs vgl.

Narskij 1978, 279 . Dies könne man auch daraus ersehen, dass Hegel in seiner
Lehre über den subjektiven Begri die Aussagen des Typus S ist und ist nicht
P in die Zahl der Arten von wirklichen Urteilen nicht einschloÿ vgl. Narskij

1978, 279; vgl. a. ders. 1970, 260, ders. 1986, 188 . Und bereits die erste Triade
der Hegelschen Logik instruiere diesbezüglich klar, insofern die Wahrheit des
Seins und des Nicht-Seins nicht in der Situation das Sein ist und ist nicht das
Sein, sondern im Übergang zu einer neuen Kategorie, d. h. zum Werden be-
stehe vgl. ders. 1978, 279; vgl. a. ders. 1986, 188; vermutlich ist mit der fraglichen

Situation die Situation das Sein ist und ist nicht das Nicht-Sein gemeint .
Manchmal jedoch, und das in höchst wichtigen Fällen, so Narskij, beging
Hegel den Fehler der Verwechslung des dialektischen Widerspruchs mit dem for-

mallogischen Narskij 1986, 186 . Hegel identizierte dann die Struktur der
dialektischen Widersprüche mit der Struktur der formallogischen Widersprüche

vgl. ebd., 187 . Hegel konnte ferner auch durchaus dialektische Synthesen mit
der Formel S ist und ist nicht P fassen, wobei gegensätzliche Bestimmungen
S ist P und S ist nicht P als in derselben Rücksicht sich negativ aufeinander

beziehende auftreten, wie Narskij in Aufnahme einer Wendung aus W62 II60

formuliert vgl. Narskij 1978, 279; ders. 1970, 258 . Ein prominentes Beispiel
einer derart als formallogischer Widerspruch gefassten dialektischen Synthese

liegt für Narskij vor, wenn es in W61 II59 heiÿt: Es bewegt sich etwas nur, ...
indem es in einem und demselben Itzt hier und nicht hier, indem es in diesem

Hier zugleich ist und nicht ist vgl. Narskij 1978, 279; ders. 1986, 190 . Zwei
Fragen, die sich dazu Narskij zufolge stellen, lauten: Was bedeutet physisch

ein gleichzeitiges Benden hier und nicht hier S ist P und ist nicht P ? und
Was bedeutet physisch ein gleichzeitiges Benden und Nichtbenden in einem
 
Hier S ist P und ist nicht P ? vgl. ders. 1986, ebd. .
Da Hegels dialektische Widersprüche und dialektische Synthesen nur
ausnahmsweise formallogische Widersprüche sind, wird man nicht sagen kön-
nen, dass Hegels Dialektik grundsätzlich auf formallogische Widersprüche
zurückgreife. Anderweitig als im Zusammenhang mit dialektischen Widersprü-
chen oder dialektischen Synthesen scheint Narskij ein mögliches systemati-

sches Vorliegen formallogischer Widersprüche bei Hegel nicht anzunehmen.

Hegel ist von der Vorhaltung auszunehmen, die Popper 1963 den Verfechtern
des dialektischen Denkens in der Wissenschaft macht, dass sie im Prinzip den
dialektischen Widerspruch als widersprüchlich im formallogischen Sinne ansehen
- 87 -


vgl. Narskij ebd., 187f; vgl. oben S. 24f . Poppers Vorhaltung sei berechtigt,
wenn man sie auf einige Dialektiker unserer Tage bezieht, die Narskij aller-

dings nicht namentlich erwähnt vgl. Narskij ebd., 187 . Narskij dürfte nicht
zuletzt an Theodor W. Adorno denken. Narskij 1975 apostrophiert die ent-
fesselte Dialektik eine Anspielung auf Adorno 1966, 48 als eine solche, die
sich nicht nur in Widersprüchen verstrickt, sondern auch logische Widersprüche
zum Prinzip erhebt, vgl. Narskij ebd., 35. Bei Adorno sei, wenn das eine
wahr ist, so ... auch sein direktes Gegenteil wahr, Adorno widerspricht bei

fast jedem Schritt sich selbst, vgl. Narskij ebd., 35, 39.
Die Hegelsche Dialektik, die grundsätzlich nicht mit formallogischen Wi-
dersprüchen zu tun hat, bedarf auch deren Blockierung nicht, wie sie in den so
genannten parakonsistenten Logiken angestrebt wird vgl. Narskij 1970, 263f;

ders. 1986, 194  . Unter einer Blockierung wird dabei eine Gesamtheit von
logischen Operationen verstanden, die darauf abzielen, daÿ in einem theoreti-
schen System, das Fragmente besitzt, in denen logische Widersprüche vorhanden
sind, sich diese Widersprüche nicht über das ganze Gewebe des Systems aus-

breiten mögen vgl. ders. 1986, 194; vgl. a. ders. 1970, 263 . Eine Blockierung
laufe darauf hinaus, dass im gegebenen System die Gültigkeit des Gesetzes von
ā a b 
a ā b

b
Duns Scotus ⊃ ⊃ oder ∧ ⊃ , worin eine beliebige wahre oder falsche

Aussage ist, aufgehoben wurde vgl. ders. 1986, ebd. 29. Blockierungen könn-
ten aber ohnehin nur eine vorläuge, zeitweilige Maÿnahme sein vgl. Narskij

1970, 264 . Ihnen den Status des Ständigen zu geben, würde die prinzipielle
Absage bedeuten, die in den wissenschaftlichen Theorien vorhandenen Schwie-
rigkeiten zu lösen so Narskij nicht anders als van Benthem vgl. oben S. 36;

vgl. Narskij 1986, ebd. .

Die von Narskij 1986 , 194f, angeführten Arbeiten, 
die parakonsistente
Logiken oerieren, umfassen neben Ja±kowski 1969 mit einer Ausnahme die
oben S. 36 aufgeführten Arbeiten. Narskij ebd., 195, zieht auch Arruda 1980
Dass

das Gesetz vom ausgeschlossenen Widerspruch -- a ā
heran. Dabei bezieht er sich auf die Autorin irrtümlicherweise mit



er.

1970 , 264, auch polnisch als NKpNp notiert in Ja±kowski 1969 den Status

bei Narskij
eines allgemeinen Gesetzes verliert, wie Narskij ebd. unterstellt, trit nicht zu,
vgl. oben S. 35. Überhaupt lässt sich die in Narskij 1986 , 196, aufgestellte
a ā
Behauptung, in den parakonsistenten

Logiken gelte das Gesetz vom ausge-
schlossenen Widerspruch -- ∧  nicht, in ihrer Allgemeinheit nicht aufrechter-
halten. Zwar ist die fragliche Formel in der Tat beispielsweise in den Systemen
 
von da Costa 1974 und da Costa Wolf 
1980 nicht gültig

vgl. da Costa
ebd., 499; da Costa Wolf ebd., 200 . Aber Routley Meyer 1976 etwa,
die derartige Systeme als weaker dialectical logics von stronger dialectical lo-
gics unterscheiden, in denen diese Formel eine thesis ist, verfolgen selbst ganz 
wie Ja±kowski 1969 die letztere stronger alternative vgl. dies. ebd., 5, 13 .
Arruda 1980 , 2, merkt an: It is convenient to observe that in a paraconsi-

stent logic the principle of contradiction, A & A , ... is not necessarily invalid;
nonetheless, from A and A is not, in general, possible to deduce every formula.
Dass die Ableitbarkeit einer beliebigen Formel aus einer Formel und ihrer Ne-
gation vermieden werden kann und dennoch zumindest die zweite von Narskij

29 Zur Erwähnung von Duns Scotus in diesem Kontext vgl. oben S. 26f.
- 88 -

als Gesetz von Duns Scotus bezeichnete Formel gegen Narskij


ihre Gül-
tigkeit behält, belegt wiederum das Beispiel

Ja±kowski 1969 , vgl. oben S. 35.
Erst in der Variante Ja±kowski 1979 wird diese Formel verworfen vgl. oben
a ā

S. 36 . Die Gültigkeit des Gesetzes vom ausgeschlossenen Widerspruch -- ∧ 
dagegen bleibt auch in Ja±kowski ebd. erhalten vgl. Ja±kowski ebd. .

Hegel betrachtete das formallogische Gesetz vom ausgeschlossenen Wider-


spruch als Antipod zum dialektischen Prinzip der allgemeinen Widersprüchlich-

keit der Dinge, Prozesse und Erscheinungen vgl. Narskij 1986, 179 . Weil er es
als nicht nur gegen die formallogischen, sondern auch als gegen die dialektischen
Widersprüche gerichtet auffaÿte, deutete er es als Verbot der Veränderung und
Entwicklung, als Verneinung der objektiven dialektischen Widersprüche vgl.

ebd., 186; 1978, 277 . Er lehnte es daher in der Formulierung A kann nicht zu-

gleich A und nicht A sein als falsch ab vgl. ders. 1986, 179 . Narskij bietet
Hegels Formulierung des Satzes des Widerspruchs aus den Nürnberger Schrif-
ten. Möglicherweise meinte er die mit ihr leicht verwechselbare

Formulierung des
Satzes des Widerspruchs aus W32 II31. Vgl. oben S. 77.

Doch Hegel hatte Unrecht vgl. Narskij ebd. . Er hätte das formallogi-
sche Gesetz vom ausgeschlossenen Widerspruch anerkennen können. Dialek-
tische Widersprüche sind keine formallogischen davon war Hegel selbst
überzeugt , das Veto des formallogischen Gesetzes vom ausgeschlossenen
Widerspruch gilt nicht Ersteren, sondern Letzteren, einen Konikt mit dem
Gesetz der allgemeinen dialektischen Widersprüchlichkeit gibt es nicht, weil

beide Gesetze auf unterschiedliche Felder appliziert werden vgl. oben S. 85 .
Der von Hegel manchmal und eben auch in höchst wichtigen Fällen
begangene Fehler kommt hier zum Tragen, dass er die dialektischen Wider-
sprüche mit den formallogischen verwechselte bzw. sie im Grunde genommen

mit ihnen identizierte vgl. oben S. 86; vgl. Narskij 1986, 186f . Dieser Feh-
ler ist Hegels Ontologisierung der Logik, der formallogischen Beziehungen
und Verbindungen, speziell der formallogischen Widersprüche, geschuldet, die
sich aufgrund seines Prinzips der Identität von Denken und Sein ergibt vgl.

Narskij 1970, 261f; ders. 1978, 277; vgl. a. ders. 1986, 179 . Es bliebe zu erklä-
ren vorausgesetzt, dass ich Narskij richtig verstanden habe , wieso Hegel,
der nach Maÿgabe des besagten Prinzips der Identität von Denken und Sein

die dialektischen Widersprüche ausnahmslos als ontologisierte formallogi-
sche zu führen hätte, sie doch nur manchmal als solche führt und überdies
davon überzeugt sein konnte, dass die dialektischen Widersprüche keine for-

mallogischen sind, vgl. oben S. 85.

Dass das von Hegel als falsch abgelehnte formallogische Gesetz vom ausge-
schlossenen

Widerspruch ein ontologisiertes ist vgl. Narskij 1978, 277; ders.
1986, 179 , scheint Narskij auch mit dessen Formulierung A kann nicht zugleich
A und nicht A sein in Verbindung zu bringen, die ihm oenbar Narskij zufolge
bei Hegel zukommt. Narskij führt dies nicht näher aus. Er stellt Hegel aber
Aristoteles gegenüber, der in dieser Frage gemeint sein dürfte die Frage
des Gesetzes vom ausgeschlossenen Widerspruch sicherer als Hegel ge-
wesen sei und dieses Gesetz wie folgt verstanden habe: Es ist unrichtig, daÿ
A zugleich B und nicht B ist zugleich das Prädikat B hat und nicht hat bei
ein und denselben Bedeutungen der in diese Behauptung eingehenden Wörter
- 89 -


und bei ein und denselben Beziehungen vgl. Narskij 1986, ebd. . Narskij
möchte, so hat es den Anschein, darauf hinaus, dass die angezielte aristotelische
Fassung des Gesetzes vom ausgeschlossenen Widerspruch in Metaphysik 1005
b 19f vgl. oben S. 11 keine ontologisierte ist. Man mag verstehen: Das drei-
fach auftretende A in der bei Hegel anzutreenden Formulierung erlaubt seine
Deutung als ein Prädikat nicht. Es wäre die Rede von einem Prädikat, das
sich selbst zum Prädikat hat bzw. nicht zum Prädikat hat. Ausgeschlossen
wird in der Hegelschen Formulierung der Widerspruch, dass A zugleich A
ist wie auch nicht A ist. Das in der aristotelischen Formulierung zweifach auf-
tretende B dagegen ist als Prädikat deutbar und muss als ein solches gedeutet
werden. Ausgeschlossen wird in der aristotelischen Formulierung der Wider-
spruch, dass zugleich der Satz gilt, der dem A das Prädikat B zuspricht, wie
auch der Satz gilt, der dem A das
Prädikat B abspricht.
Gemäÿ Šukasiewicz 1979 , der eine ontological, logical und psycho-
logical formulation des Law of Contradiction bei Aristoteles unterscheidet,
läge an der von Narskij herangezogenen Stelle Met. 1005b 19f gerade die on-
tological formulation vor vgl. Šukasiewicz ebd., 50f; vgl. a. oben S. 6 . Die
in Šukasiewicz ebd. gebotene Übersetzung der Stelle lautet: It is impossible
that the same thing should both belong

and not belong to the same thing and
in the same respect vgl. ebd., 51 . Narskij hätte, so wäre wohl aus der Sicht
von Šukasiewicz zu urteilen, in Met. ebd. die logical formulation hineinge-
lesen, die sich erst später in Met. 1011b 13f ndet:
m˜ eÚnai ‚lhjeØs ‰ma tˆs ‚ntikeimènas fˆis bebaiotˆth dìxa pacÀn tò
. Die Übersetzung dieser letzteren
Stelle in Šukasiewicz ebd. lautet: The most certain of all <principles> is that
contradictory sentences are not true at the same time.

Das Prinzip der Identität von Denken und Sein, in Narskij 1986 auch
Prinzip der Identität von Sein und Bewuÿtsein genannt, ist ein idealistisches
und zeitigt eine idealistische Version der Dialektik vgl. ders. 1970, 255, 261;

ders. 1978, 281; ders. 1986, 187, 193, 195 . Die Dialektik erleidet in Hegels Hän-
den, um mit Karl Marx' Nachwort zur zweiten Auage von Das Kapital zu
reden, eine Mystikation, die es nichtsdestoweniger zulässt, dass Hegel deren
allgemeine Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewuÿter Weise darge-

stellt habe vgl. MEW, Bd. 23, 27 . Hegels auf dem Kopf stehende Dialektik
sei allerdings umzustülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle

freizulegen vgl. ebd. . Der rationelle Kern der Hegelschen Dialektik, so Narskij

wohl mit Bezug auf Marx ebd., bleibt für immer erhalten Narskij 1970, 265 .
Die Stellungnahme Narskijs, der zufolge die Hegelsche Dialektik nicht
auf formallogische Widersprüche rekurriert jedenfalls grundsätzlich nicht ,
aber gleichwohl das formallogische Gesetz vom ausgeschlossenen Widerspruch

ablehnt, ist genau genommen nicht unter das Rubrum der  reinen Nein-Stellung-
nahme aufzunehmen. Für Albrecht 1958 wäre Narskij vielleicht unter die

ebd., 51, angesprochenen Interpreten zu rechnen, vgl. oben S. 75. Dass

Narskijs Stellungnahme hier dennoch als  reine Nein-Stellungnahme geführt
wird, rechtfertigt sich meines Erachtens insofern, als in den Augen Narskijs
die bei Hegel erfolgende Ablehnung des vorgenannten Gesetzes allein dessen

idealistischer Version der Dialektik und einem aus ihr resultierenden Fehler
zuzuschreiben ist, einer Anerkennung dieses Gesetzes in der Dialektik jedoch
nichts entgegensteht und diese immerhin in der idealistischen Version, in der
sie bei Hegel in Erscheinung tritt, als rationeller Kern enthalten ist einmal
Narskijs Übereinstimmung in diesem Punkt mit Marx ebd. unterstellt. Wie
- 90 -

Marx ebd. spricht auch Narskij von der Dialektik: nicht nur in Wendungen
wie denen vom Gesetz der Dialektik und von der idealistischen Version der Dia-

lektik, sondern auch etwa in 1970, 257, 261; 1986, 185, 192. Narskij selbst be-
trachtet die Hegelsche Dialektik als eine Repräsentantin der Dialektik, wenn
er Hegel einen dialektischen Logiker und nicht einen idealistisch-dialektischen

Logiker o. Ä. nennt vgl. Narskij 1986, 197 .

László Erdei 1972 basiert seine Stellungnahme auf die Unterscheidung
von Gegensatz und Widerspruch. Der Gegensatz wird in der formalen,
der Widerspruch wird in der dialektischen Logik behandelt vgl. etwa ebd.,

Kap. 10f; ders. 1974, 18f . Wie oenbar schon Narskij dürfte auch Erdei stets

eine dialektische Logik meinen, die einen Vertreter in Hegel hat.
Der in der formalen Logik behandelte Gegensatz ist ein Gegensatz von
Urteilen. Gegensätzliche Urteile sind zum einen die im kontradiktorischen,
zum anderen die im konträren Verhältnis zueinander stehenden Urteile, und
das sind für Erdei die sich im Sinne der traditionellen Syllogistik als a - und
o -Urteile bzw. als e - und i -Urteile sowie die sich als a - und e-Urteile gegenüber-
stehenden Urteile vgl. Erdei 1972, 61f, 67 ; ders. 1974, 19 . Unter einem a - ,
e - , i - und o -Urteil ist dabei respektive ein universelles positives Urteil, ein uni-
verselles negatives Urteil, ein partikuläres positives Urteil und ein partikuläres

negatives Urteil verstanden, vgl. ders. 1972, 8 Fn. 5.
Als Beispiele für gegensätzliche Urteile, die im kontradiktorischen Verhält-
nis zueinander stehen, wählt Erdei etwa
Jede menschliche Tätigkeit ist materiell
und
Manche menschliche Tätigkeit ist nicht materiell

a - und o -Urteil und
Kein Mensch ist ein Gott
und
Mancher Mensch ist ein Gott
 
e - und i -Urteil vgl. ebd., 9f .
Gegensätzliche Urteile, die im konträren Verhältnis zueinander stehen,
sind etwa

a Jede menschliche Tätigkeit ist materiell
und

b Keine menschliche Tätigkeit ist materiell
 
a - und e -Urteil vgl. ebd., 8f .
Die gegensätzlichen Urteile schlieÿen einander aus ebd. 69; vgl. a. ders.

1974, 21 . Der  S a t z v o m G e g e n s a t z  der formalen Logik lautet dement-

sprechend:  Z w e i e i n a n d e r k o n t r ä r b z w. k o n t r a d i k t o r i s c h g e-
g e n s ä t z l i c h e U r t e i l e k ö n n e n n i c h t z u g l e i c h w a h r s e i n  ebd.

72; Sperrungen im Original 30 . Gegensätzliche Urteile drücken Zusammen-


30 Auch alle folgenden Sperrungen in Zitaten aus Erdei 1972 sind original.
- 91 -


hänge aus, die in der objektiven Wirklichkeit nicht existieren vgl. ebd., 69 .
Ein sich selbst gegensätzlicher Denkvorgang das Auftreten eines Paars ge-
gensätzlicher Urteile im Bewuÿtsein  i s t i m m e r e i n l o g i s c h e r F e h-

l e r  vgl. ebd. .
Werden nur die kontradiktorisch gegensätzlichen Urteile berücksichtigt, dann
kann der Satz vom Gegensatz mit dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten

ausgetauscht werden vgl. ebd., 72; ders. 1974, ebd. . Erdei gibt den Letz-
teren nach Hegels Wesenslogik wie folgt an: Etwas ist e n t w e d e r A o d e r
N i c h t-A, e s g i b t k e i n D r i t t e s  vgl. Erdei 1972, ebd., Erdei bezieht sich

auf II56 .
Der in der dialektischen Logik behandelte Widerspruch ist gleichfalls ein
Widerspruch von Urteilen. Widersprüchliche Urteile werden von einem Urteil
der Form

* Jedes S ist P,
einem a -Urteil, und einem Urteil der Form

** Jedes S ist Nicht-P

gebildet vgl. ders. ebd., 61 , 68f; vgl. a. ders. 1974, 20f . Ein Urteil der letzt-
genannten Form stellt dabei k e i n unendliches Urteil der formalen Logik dar.

Wäre mit einem Urteil der unter ** genannten Form auf ein formallogisches
unendliches Urteil abgehoben, dann meinte der in ihm auftretende Begri

Nicht-P etwas A b s t r a k t-U n b e s t i m m t e s  vgl. ders. 1972, 17 , 25 . Mit
dem Begri P die absolute Gesamtheit der möglichen Begrie umfassend, wä-

re er ein ausschlieÿlich von P bestimmter-beschränkter Begri vgl. ebd., 26 .
Er deutete auf jeden möglichen Begri, ausgenommen auf P selbst, hin vgl.

ebd. . Als Beispiel eines derartigen Begris Nicht-P führt Erdei den Begri
Nichtsterblich an: Er birgt jeden möglichen Begri in sich, ausgenommen den
des Sterblichen, vgl. ebd., 27. Erdei ist hier an Kant KdrV, B97, und an ders.

Logik Ÿ22 orientiert. Vgl. dazu auch Erdei ebd., 18f. 
Der Begri Nicht-P in einem Urteil der unter ** genannten Form meint

aber etwas  K o n k r e t-B e s t i m m t e s  vgl. ebd., 25f . Statt auf jeden mög-
lichen Begri, ausgenommen auf P selbst, hinzudeuten, steht er für exakt e i-
n e n Begri Q.
Um kenntlich zu machen, dass ein in der dialektischen Logik herangezoge-

nes Urteil der unter ** genannten Form kein unendliches Urteil der formalen
Logik darstellt, sei fortan, ohne dass sich bei Erdei selbst etwas Entsprechendes
fände, der in ihm auftretende Begri Nicht-P unter Verwendung des Kürzels

DL als NichtDL-P bezeichnet und anstelle von **

*** Jedes S ist NichtDL-P
notiert. Das Kürzel DL stellt dabei auf die Groÿbuchstaben des Ausdrucks Dia-
lektische Logik ab.
Dass der Begri NichtDL-P für exakt e i n e n Begri Q steht, macht
Erdei, wenn mir nichts entgangen ist, hauptsächlich über seine Beispiele für
dialektisch-logisch widersprüchliche Urteile deutlich, nicht zuletzt über das pro-
minenteste unter ihnen, d. i. das der Urteile
- 92 -


a Jede menschliche Tätigkeit ist materiell
und

c Jede menschliche Tätigkeit ist nicht-materiell

vgl. Erdei 1972, 53, 61 bzw., wie wir nun schreiben,

d Jede menschliche Tätigkeit ist nichtDL-materiell:
Hinter dem nicht-materiell, so Erdei, also hinter dem nichtDL-materi-
ell verbirgt sich lediglich das bewusst vgl. ebd., 54; vgl. a. ders. 1974,

22 . Es gibt keine menschliche Tätigkeit, deren Nicht-Materialität nun als
NichtDL-Materialität zu fassen etwas anderes wäre als Bewusstsein ders.
 
1972, ebd.; vgl. a. ebd., 52 . Unter dem Urteil d ist nichts anderes zu verste-
hen als das Urteil

e Jede menschliche Tätigkeit ist bewusst,

dessen Prädikat den im negativen Prädikat des Urteils d verborgenen Inhalt

in positiver Gestalt formuliert vorführt vgl. ders. 1974, 22 .
Mit dem Widerspruch der Urteile

a Jede menschliche Tätigkeit ist materiell
und

d Jede menschliche Tätigkeit ist nichtDL-materiell
ist auch der Widerspruch der Urteile

a Jede menschliche Tätigkeit ist materiell
und

e Jede menschliche Tätigkeit ist bewusst

gegeben vgl. ders. 1972, 55 .
Mit dem von Erdei allerdings nicht expressis verbis formulierten Wider-
spruch der Urteile
Jedes Photon ist ein Korpuskel
und
Jedes Photon ist ein Nicht-Korpuskel
bzw.
Jedes Photon ist ein NichtDL-Korpuskel
ist aufgrund der mit dem Nicht-Korpuskel identischen Wellennatur auch der
Widerspruch der Urteile

Jedes Photon ist ein Korpuskel


und
Jedes Photon ist eine Welle

gegeben vgl. ebd., 70f .

1. Dass in der dialektischen Logik dem Begri NichtDL-P der Charakter des
Abstrakt-Unbestimmten abgeht, während er dem Begri Nicht-P der formalen
Logik zukommt, ist darauf zurückzuführen, dass die erstere Logik den Begri
NichtDL-P nicht als Begri an sich, sondern als  P r ä d i k a t e i n e s U r t e i l s 
- 93 -

behandelt, die letztere Logik hingegen den Begri Nicht-P als Begri an sich
behandelt,

und zwar auch dann, wenn sie ihn als Prädikat setzt vgl. ders. ebd.,
28, 78 .
Dass der formallogische Begri Nicht-P, wenn er als Prädikat eines Ur-
teils behandelt wird, seinen Charakter des Abstrakt-Unbestimmten verliert,
entnimmt Erdei den Hegelschen 
Ausführungen zum negativen Urteil, B72 
II278

 vgl. Erdei ebd., 28  . Erdei bezieht sich auf II282f vgl. ders. ebd.,
29 . Dort heiÿt es: Wenn z. B. gesagt wird, die Rose ist n i c h t rot, so wird
damit nur die B e s t i m m t h e i t des Prädikats negiert und von der Allgemein-
heit, die ihm gleichfalls zukommt, abgetrennt; die allgemeine Sphäre, d i e F a r-
b e, ist erhalten; wenn die Rose nicht rot ist, so wird dabei angenommen, daÿ sie
eine Farbe und eine andere Farbe habe ... ... . Die Rose ist nicht i r g e n d e i n
Farbigtes, sondern sie hat nur die bestimmte Farbe, welche Rosenfarbe ist.
Erdei erhält daraus: Der Begri Nicht-Rot, der nicht als Begri an sich,
sondern als Prädikat des Urteils Diese Rose ist nicht-rot genommen wird, deutet,
statt auf jeden möglichen Begri auÿer auf den Begri Rot selbst hinzudeuten,
lediglich auf die Begrie Weiÿ, Gelb und Rosa hin vorausgesetzt, es gibt keine
R o s e n mit anderer natürlicher Farbe als, von Rot einmal abgesehen, eben Weiÿ,
Gelb und Rosa, welche

genannten Farben allesamt jeweils Rosenfarbe sind vgl.
ders. ebd., 42, 44f . Der Hegel -Text II282f selbst, auf den Erdei rekurriert,

kennt keinen Ausdruck nicht-rot

 und damit auch kein Urteil Die se Rose ist
nicht-rot, vgl. Hegel ebd.
Der Begri Nicht-Rot, der als Prädikat des Urteils Diese Rose ist nicht-rot
genommen wird, entbehrt zwar des Charakters des Abstrakt-Unbestimmten,
insofern er auf die Begrie Weiÿ, Gelb und Rosa hindeutet, er entbehrt aber
auch des Charakters des Konkret-Bestimmten, wie ihn ein Begri NichtDL-P
aufweist, der für exakt e i n e n Begri Q steht.
Der als Prädikat des Urteils Diese Rose ist nicht-rot genommene Begri
Nicht-Rot wird als Prädikat eines Urteils genommen, das mit dem Urteil Diese
Rose ist rot ein nicht widersprüchliches Urteilspaar bildet vgl. ebd., 50 . Das,
was zu diesem als Prädikat eines derartigen Urteils genommenen Begris Nicht-
Rot gesagt 
wurde, ist auf tatsächlich widersprüchliche Urteile auszudehnen
vgl. ebd. . Für eine solche Ausdehnung 
 kann Hegel jedoch keine d i r e k t e
Hilfe mehr bieten vgl. Erdei ebd., 50 . Es ndet sich im Kapitel seiner Logik
über das Urteil nach der Abhandlung des negativen Urteils diesbezüglich nichts
mehr vgl. ebd. . Welches die von Hegel gebotene eher indirekte Hilfe ist, die
Erdei, wie es scheinen will, unterstellt, wird nicht ausdrücklich gesagt. Erdei
mag an Hegels wesenslogische Ausführungen zu Gegensatz und Widerspruch
W42  II40  denken, wie Erdei ebd., 54f, es nahelegt. Inwiefern in Erman-
gelung der besagten direkten Hilfe Abstriche daran zu machen sind, dass die
dialektische Logik, die Erdei im Auge hat, als eine von Hegel vertretene an-
gesehen werden kann, muss hier oen bleiben.
2. Im Zusammenhang mit der dialektisch-logischen Behandlung des
Begris NichtDL-P als Prädikat eines Urteils unterscheidet Erdei nicht nur
Begrie P und Nicht-P bzw. NichtDL-P, sondern auch Urteile P und Nicht-P
vgl. ebd., 61 , 77f; Erdei selbst verwendet bei

Urteilen allerdings durchweg den
Buchstaben A statt des Buchstabens P . Dabei meint ein Urteil Nicht-P
nicht die formallogische

Negation eines Urteils P, sondern ein Urteil der Form
unter *** so dass man es auch zur besseren Abgrenzung von unendlichen
Urteilen der formalen Logik als Urteil Nicht
 DL-P bezeichnen

könnte , ein
Urteil P meint ein Urteil der Form unter * vgl. 
ebd. . Urteile P und NichtDL-P
sind also widersprechende Urteile vgl. ebd. .
Erdei scheint Begrie NichtDL-P und Urteile NichtDL-P durchaus kon-
fundieren zu können. So heiÿt es etwa in ders. ebd., 58, es beschränke sich die
Sphäre von Nicht-A, von der formalen Logik immer mit Ausnahme von A ab-
solut alles umfassend deniert, hier d. i. im Falle des dialektisch-logischen
- 94 -

Widerspruchs auf ein e i n z i g e s weiteres positives Urteil. Der zunächst


wohl gemeinte Begri  NichtDL-A, der für exakt einen Begri Q steht etwa
der Begri nichtDL-materiell, der für exakt den Begri bewusst steht ,
wird zu einem Urteil NichtDL-A, unter dem genau ein Urteil Q 
zu verstehen ist
also etwa zu dem Urteil d , unter dem genau das Urteil e zu verstehen ist.
In Erdei ebd., 61, ist mit dem Nicht-A unter 9.1.2. c , wie aus dem Kontext
ersichtlich ist, ein Urteil NichtDL-A gemeint. Gemäÿ ebd., 62, soll aber mit eben-
diesem Nicht-A bloss die Inhaltsform des P r ä d i k a t s , also eines Begris
NichtDL-A, ausgedrückt worden sein.
Hinzuweisen ist aber auch schon auf Erdei ebd., 50, wo zunächst von der
Sphäre des Begris Nicht-A die Rede ist, sofern es nicht ein Begri an sich,
sondern das Prädikat des Urteils ist mit es ist Nicht-A gemeint , und es
dann heiÿt, dass im Nicht-A immer nur ... positive Urteile enthalten sind, die
eine bestimmte Zahl und Natur besitzen. Oenkundig mutiert der als Prädikat
eines Urteils fungierende Begri Nicht-A zu gerade dem Urteil, dessen Prädikat
er ist. Ist es doch statt des Begris Nicht-Rot, der als Prädikat des Urteils
Diese Rose ist nicht-rot fungiert auf ihn hebt Erdei hier resümierend ab ,
eben dieses letztgenannte Urteil, das die Urteile Diese Rose ist weiÿ, Diese
Rose ist gelb und Diese Rose ist rosa enthält.

Die widersprüchlichen Urteile schliessen einander nicht aus vgl. Erdei



1972, 69 . Im Gegenteil: sie bedingen einander, sie sind nur zusammen wahr

ebd. . Der  S a t z v o m W i d e r s p r u c h  der dialektischen Logik lautet:
 Z w e i e i n a n d e r w i d e r s p r ü c h l i c h e U r t e i l e s i n d e i n z i g u n d a l-
l e i n z u s a m m e n w a h r; s i e d r ü c k e n d i e W a h r h e i t i n i h r e r k o n-
k r e t e n T o t a l i t ä t e i n z i g u n d a l l e i n z u s a m m e n a u s  ebd. 72; vgl.

a. ebd., 57, 65, 69, ders. 1974, 18, 23 . Widersprüchliche Urteile drücken
Widersprüche aus, die i n d e r o b j e k t i v e n W i r k l i c h k e i t  existieren,
so dass widersprüchliche Urteile w a h r e W i d e r s p i e g e l u n g e n o b j e k-

t i v e r W i d e r s p r ü c h e  sind vgl. ders. 1972, 65; vgl. a. ders. 1974, 21 31.
Die Wirklichkeit ist objektiv widersprüchlicher Natur und, wenn das, was
wir durch unsere Urteile ausdrücken wollen, objektiv widersprüchlicher Natur
ist, so kann dies nur durch widersprüchliche Urteile ausgedrückt wahr werden

vgl. ders. 1974, 18, ders. 1972, 66f . Andernfalls erzeugten wir von der Wirk-
lichkeit ein falsches Bild, zumal wir das, was darin objektiv widersprüchlich

ist, als Nicht-Widersprüchliches widerspiegelten vgl. ders. 1972, 66f . In der
Rede von der wahren Widerspiegelung scheint Erdei das Attribut wahr nicht
redundant zu verwenden: Die Widerspiegelung eines objektiven Widerspruchs
erzeugt ein falsches Bild und dürfte wohl eine falsche sein, wenn sie nicht per
widersprüchliche Urteile erfolgt. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass


31 Bei Erdei 1972 , ebd., heiÿt es genau: Die dialektisch-logisch widersprüch-
lichen Urteilspaare drücken Widersprüche aus, die a u c h i n d e r o b j e k t i-
v e n W i r k l i c h k e i t e x i s t i e r e n, die also w a h r e W i d e r s p i e g e l u n-
g e n o b j e k t i v e r W i d e r s p r ü c h e s i n d . Das zweite Relativpronomen die
des Zitats beziehe ich auf die dialektisch-logisch widersprüchlichen Urteilspaare.
Bezöge man es auf die Widersprüche, erhielte man die Letzteren zum einen als
solche, die in der objektiven Wirklichkeit existieren, also als objektive Wider-
sprüche, zum anderen als eben deren wahre Widerspiegelungen. Dem Adverb
auch kann allerdings in meiner Lesart kein Sinn verliehen werden.
- 95 -

Erdei die Widerspiegelung eines objektiven Widerspruchs bereits dann eine



wahre nennt, wenn sie sich überhaupt widersprüchlicher Urteile bedient.
Der in der objektiven Wirklichkeit existierende, objektive Widerspruch,
dass jede menschliche Tätigkeit sowohl materiell wie nichtDL-materiell ist
es gibt keine menschliche Tätigkeit ... , die nicht ebenso materiell wie be-
 
wusst wäre vgl. ebd., 57; vgl. a. ders. 1974, 22 , ndet seine  wahre Wider-
spiegelung in den widersprüchlichen Urteilen

a Jede menschliche Tätigkeit ist materiell
und

d Jede menschliche Tätigkeit ist nichtDL-materiell.

Insofern jede menschliche Tätigkeit materiell ist, ist das Urteil a wahr

vgl. ders. 1972, 53 . Und insofern jede menschliche Tätigkeit bewusst bzw.
 
nichtDL-materiell ist, ist auch das Urteil d wahr vgl. ebd. . Jedes der bei-
  
den Urteile a und d ist für sich wahr oder an sich wahr vgl. ebd., 57 . Als
einzelnes drückt es jedoch nur die halbe Wahrheit und keinesfalls die v o l l-
k o m m e n e Wahrheit aus, denn als einzelnes ist es einseitig vgl. ebd., 53,
  
57; ders. 1974, 21 : Restlos drücken die Urteile a und d die Wahrheit einzig

und allein ... zusammen aus vgl. ders. 1972, 57 , die Wahrheit an sich, das Ob-
jekt in seiner Allseitigkeit, in seiner konkreten Totalität, wird von ihnen einzig

und allein zusammen widergespiegelt vgl. ebd. . Indem die widersprüchlichen
 
Urteile a und d einerseits für sich genommen wahr sind, andererseits je-
doch eben nicht für sich genommen, sondern einzig und allein zusammen
genommen wahr sind vgl. die vorige Seite , lädt Erdei sich eine Inkonsi-
 
stenz auf. Es sei denn, der Sinn von wahr, in dem die Urteile a und d für
sich genommen wahr sind, ist ein anderer Sinn von wahr als derjenige, in dem
sie zusammen genommen wahr sind. So mögen Urteile, die zusammen ge-
nommen wahr sind, deswegen wahr sein, weil sie die vollkommene Wahrheit

oder die Wahrheit in ihrer konkreten Totalität ausdrücken, während Urtei-
le, die für sich genommen wahr sind, bar einer derartigen Ausdrucksleistung

wahr sind.
Jede menschliche Tätigkeit ist materiell, erfordert aber gleichwohl die Ar-

beit des Bewuÿtseins und ist insofern bewuÿt; das Urteil a setzt das Urteil
 
d voraus vgl. ders. 1972, 53 . Umgekehrt ist zwar jede menschliche Tätigkeit
bewuÿt, erfordert aber gleichwohl materielle Grundlagen, z. B. die Tätigkeit
 
des Gehirns, und ist insofern materiell; das Urteil d setzt das Urteil a voraus
  
vgl. ebd., 53, 57 . Die sich so wechselseitig voraussetzenden Urteile a und d
bedingen einander.

Erdei moniert den idealistischen Unsinn, es gebe in der objektiven Wirk-

lichkeit keine Widersprüche vgl. ders. ebd., 65 . Hegel selbst enträt Erdei
zufolge oenbar dieses idealistischen Unsinns: Erdei ebd., 69f, verweist auf die
dritte Anmerkung zu den wesenslogischen Ausführungen zu Der Widerspruch,
wo der Widerspruch als die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit apostro-
phiert wird und es weiter heiÿt: nur insofern etwas in sich selbst

einen

Wider-
spruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit vgl. W60 II58 . Eigenarti-
gerweise erwähnt Erdei den ebenfalls in der genannten Anmerkung
 
vorndlichen
Satz Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend W59 II58 nicht.
- 96 -


Erdei kritisiert im Zusammenhang unter Anderem McTaggart 1896 , der
ebd. 7f die Ansicht vertritt, dass Hegel in the world of real objects keine
eigentlichen contradictions kenne, vielmehr Letztere bzw., so wird man sagen
müssen: das, was für solche gehalten wird  auf our manner of contemplating
the object zurückführe vgl. Erdei ebd., 65 .

Erdei projektiert eine dialektische Einheit der widersprüchlichen Urteile,


die durch ein bestimmtes positives Urteil markiert wird, das den Inhalt auf

einer höheren Ebene ausdrückt vgl. ders. ebd., 60; vgl. a. ebd., 57 . Da dieses
Urteil als Ausgangspunkt einer weiteren Widerspruchs- und Einheits-Bildung

fungieren soll vgl. ebd., 60 , wird man es als ein a -Urteil anzunehmen haben.
Es wird allerdings nicht klar wenn mir nichts entgangen ist , welches Urteil
 
etwa die dialektische Einheit der Urteile a und d bilden könnte.
Der dialektischen Einheit der widersprüchlichen Urteile wohl mit der
dialektischen Aufhebung oder der Lösung des Widerspruchs dieser Urteile
zusammenfallend entspricht die dialektische Einheit, dialektische Aufhe-

bung oder Lösung desjenigen objektiven Widerspruchs, der in den fragli-
 

chen widersprüchlichen Urteilen seine Widerspiegelung ndet vgl. ebd., 70f .
Es ist die Leistung der dialektischen Einheit dieser widersprüchlichen Urtei-
le, den objektiven Widerspruch, den sie widerspiegeln, als einen  g e l ö s t e n

Widerspruch widerzuspiegeln vgl. ebd., 70 .
Erdei führt nicht vor, wenn ich recht sehe, wie die Lösung des objektiven
Widerspruchs aussehen könnte, dass jede menschliche Tätigkeit sowohl ma-
teriell wie nichtDL-materiell bzw. bewuÿt ist. Die Lösung des objektiven
Widerspruchs, dass jedes Photon ein Korpuskel, aber auch gleichermaÿen eine
Welle ist, sieht Erdei in einer Bewegung, in der sich Korpuskel und Welle in
unaufhörlichem Entstehen und in unaufhörlichem Vergehen benden vgl. ebd.,

71; vgl. a. oben S. 91 .
Bei der wiederholten Abfolge von Widerspruch und dialektischer Einheit
handelt es sich um die bekannte Hegelsche Methode der These-Antithese-
Synthese, einmal vorausgesetzt, dass die Zusammenhänge der Urteile von

Hegel als Zusammenhänge der K a t e g o r i e n  erfasst werden vgl. ebd., 60 .
Traten doch bei Hegel die bekannten Kategorienzusammenhänge Sein-Wesen-
Begri, oder Qualität-Quantität-Mass, oder Begri-Urteil-Schluss, oder Logik-
 
absolute Idee- -Natur-Geist usw. auf vgl. ebd. . Dabei war die dritte Katego-

rie immer die dialektische Einheit der vorigen zwei vgl. ebd., 55 .
Hegels Trachten nach Lösung, nach Aufhebung der Widersprüche berech-
tigt nicht zu der Vorstellung, man könne bei Hegel eigentlich ... von keiner

Bejahung des Widerspruchs sprechen vgl. Erdei ebd., 70 . Erdei glaubt die-

se Vorstellung unter anderem bei Albrecht 1958 , 52, ausmachen zu können

vgl. Erdei ebd. . Er liest sie allerdings in Albrecht ebd. hinein. Albrecht re-
gistriert hier den hegelschen Satz Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend
den Erdei, wie wir gerade gesehen haben, auÿen vor lässt und bekundet
seine Verlegenheit darüber, was man sich unter widerspruchsvollen Dingen vor-

stellen soll vgl. Albrecht ebd., 51; vgl. a. oben S. 75 .
Die widersprüchlichen Urteile, die einander nicht ausschlieÿen und ein-
zig und allein zusammen wahr sind, sind keine gegensätzlichen Urteile, die
- 97 -


einander ausschlieÿen und nicht zugleich wahr sein können vgl. oben S. 90 .
Der Widerspruch von Urteilen ist kein Gegensatz von Urteilen. Der Begri

des Widerspruchs ist ... mit dem Begri logischer Fehler ... nicht identisch

vgl. Erdei ebd., 78 . Das Auftreten eines Paars widersprüchlicher Urteile im

Bewuÿtsein  i s t k e i n l o g i s c h e r F e h l e r  vgl. ebd., 69 , das Auftreten
eines Paars gegensätzlicher Urteile im Bewuÿtsein  i s t i m m e r e i n l o g i-
s c h e r F e h l e r .
Es sind im konträren bzw. im kontradiktorischen Gegensatz keine Fälle
möglich, in denen die einander gegensätzlichen Urteile wahr wären vgl. ebd.,

73 . Solche Fälle sind nie möglich, auch in der dialektischen Logik nicht vgl.

ebd. . Der Satz vom Gegensatz er lautete: zwei einander konträr bzw.

kontradiktorisch gegensätzliche Urteile können nicht zugleich wahr sein, vgl.
oben ebd. ist nicht nur das Gesetz der formalen, sondern auch der dialekti-

schen Logik vgl. ders. ebd. . Die uralte formallogische Wahrheit beispielsweise,
dass A und O nicht zusammen wahr sein können mit A und O sind ein
a -Urteil und das ihm kontradiktorisch gegensätzliche o -Urteil gemeint 
, wird
auch von der dialektischen Logik nicht bestritten vgl. ebd., 77f . Und wenn es
wahr ist, dass z. B. im Fall der mechanischen Bewegung ein Körper in einem
und demselben Zeitmoment ... an einem und demselben Ort und nicht an ihm
ist Erdei zitiert hier Friedrich Engels Anti-Dühring, MEW 20, 112 ,
so kann auch das zu diesem Urteil gegensätzliche ... Urteil in der dialektischen

Logik nicht wahr sein vgl. Erdei ebd., 73 . Bezeichnenderweise gerät das an

Hegel, W61 II59, gemahnende Engels-Zitat selbst nicht als Gegensatz von
Urteilen in den Blick. Es scheint für Erdei, wie der Kontext zeigt, einen Wi-
derspruch von Urteilen zu formulieren. Vgl. dagegen die oben S. 7 und S. 86
referierte Rezeption der erwähnten Hegel-Stelle bei Šukasiewicz respektive

bei Narskij.
Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten, mit dem, wenn nur kontradikto-
risch gegensätzliche Urteile berücksichtigt werden, der Satz vom Gegensatz

ausgetauscht werden kann vgl. oben S. 91 und der entscheidenderweise von
Hegel nicht als Satz vom Widerspruch, sondern als Satz der Entgegensetzung
oder Satz vom Gegensatz bezeichnet wird so z. B. in der Anmerkung zum

Ÿ119 der Enzyklopädie 1830 , Erdei selbst gibt keine Stellen an , wird von
 
Hegel für so unbedeutend erklärt, daÿ es nicht der Mühe wert ist, ihn zu

sagen vgl. Erdei 1974, 19f . Indem er für unbedeutend erklärt wird, zieht er

aber nicht Hegels Verwerfung auf sich vgl. Erdei ebd., 20 .
Der Satz vom Gegensatz gilt von gegensätzlichen Urteilen, der Satz vom
Widerspruch gilt von widersprüchlichen Urteilen. Der Satz vom Gegensatz

hat insofern nur b e g r e n z t e G ü l t i g k e i t  vgl. ders. 1972, 73 . Die  f o r-

m a l e  Logik ist nicht die  g e s a m t e Logik vgl. ebd., 74 . Die dialektische
Logik bekämpft die formale Logik nicht, verwahrt sich aber gegen deren
V e r a b s o l u t i e r u n g , gegen die I r r m e i n u n g, ausser der formalen Lo-

gik sei eine andere Logik a b s o l u t nicht möglich vgl. ebd. . Sie bedeutet aber
keine Widerlegung der formalen Logik, wie auch die Letztere keine Wider-

legung der dialektischen Logik darstellt vgl. ebd., 79 . Die gewissermaÿen
von Anfang an existierende Verteidigung der formalen Logik gegenüber Hegel
- 98 -


ist also überüssig und ein verfehlter Standpunkt vgl. ebd., 74 32. Sarlemijn

1971 , 110, bemerkt zu Recht, es sei ein Miÿverständnis, in Hegels Texten eine

Widerlegung der formalen Logik zu sehen vgl. Erdei ebd. .

Zu denen, die eine Verteidigung der formalen Logik gegenüber



Hegel betrei-
ben, zählt Erdei u. A. Eduard von Hartmann 1868 , aber auch einen Teil
der Marxisten-Leninisten; ausdrücklich erwähnt werden
Adam Schaff 1956
und Georg Klaus 1964 vgl. Erdei ebd., 66, 74 . Die besagten Marxisten-
Leninisten unterscheiden logische Widersprüche und dialektische Widersprü-
che, wobei sie die Letzteren als objektiv, jedoch a u s s e r h a l b d e s D e n-
k e n s existierende Widersprüche verstehen die objektive Existenz der dia-
lektischen Widersprüche können sie nicht leugnen, andernfalls

würden sie auf-
hören, Marxisten-Leninisten zu sein vgl. ebd., 66 . Gleichzeitig lehnen sie es
aber ab, die dialektischen Widersprüche z. B. auf einmal und zusammen in der
Form wahrer widersprüchlicher

Urteile auszudrücken, da dies bereits ein logischer
Fehler sei vgl. ebd. .

Die Unternehmung der Verteidigung der formalen Logik gegenüber Hegel


fuÿt auf der Verwechslung des Gegensatzes und des Widerspruchs vgl. Erdei

ebd., 66, 76 . In der formalen Logik wird von einem Widerspruch gesprochen,

obwohl nur von einem Gegensatz die Rede sein könnte vgl. ebd., 72f . Satz vom
Gegensatz ist der einzig und allein richtige Name des sog. Satzes vom Wider-

spruch der formalen Logik vgl. ebd., 72 . Wenn Popper und die Formallogiker
im allgemeinen eine W i d e r s p r u c h s f r e i h e i t  fordern, dann ist in Wirk-
lichkeit von einer  G e g e n s a t z f r e i h e i t  die Rede, die auch die dialektische

Logik ... fordert vgl. ebd., 78; vgl. a. ebd., 76; vgl. a. oben S. 24  . Sarlemijn,
der das formallogische Widerspruchsprinzip als Nichtwiderspruchsprinzip be-

zeichnet vgl. etwa ders. ebd., 105 , ist ebenfalls nicht in der Lage ... , zwischen

Gegensatz und Widerspruch wohl zu unterscheiden vgl. Erdei ebd., 74 .
In der formalen Logik, die zwar die Rede vom Widerspruch kennt, aber
nicht den Widerspruch der dialektischen Logik, sondern den Gegensatz da-
mit meint, werden die widersprüchlichen Urteile der dialektischen Logik, wenn
sie überhaupt behandelt werden, zu einem gegensätzlichen Urteil degradiert vgl.

ebd., 73 .
... oÙon;
So heiÿt es bereits bei Aristoteles De Interpretatione, 20a 27--30:
’rˆ ge ps Šnjrwpos fìs? oÎ; ps Šra Šnjrwpos oÎ fìs; toÜto gàr yeÜdos,
‚llà tì oÎ ps Šra Šnjrwpos fìs ‚lhjès; aÕth dè âin ™ ‚ntikeimènh, âkeÐnh
dè ™ ânantÐa ... zum Beispiel: Ist jeder Mensch weise? Nein. Also ist
     
jeder Mensch nicht-weise. Denn dies ist falsch, aber zu sagen Also ist nicht
jeder Mensch weise ist wahr. Diese Aussage ist die kontradiktorisch, jene die

konträr entgegengesetzte Aussage. vgl. Erdei ebd., 76; in Erdei ebd. ist die

Übersetzung von Eugen Rolfes übernommen .
Aristoteles erklärt hier, so verstehe ich Erdei, das Urteil

2 Jeder Mensch ist nicht-weise,

32 Erdei ebd. hat nicht gegenüber Hegel, sondern durch Hegel. So ergibt der
Satz jedoch nur schwerlich einen Sinn. Die Bestätigung meiner Vermutung, dass
hier ein Übersetzungsfehler vorliegt und dass der Satz so zu verstehen ist, wie ich
es tue, verdanke ich Nóra Szegedi, Budapest.
- 99 -

das als ein widersprechendes ... Urteil, also gemäÿ der oben S. 91 eingeführten
Notation als das Urteil

3 Jeder Mensch ist nichtDL-weise,
aufzufassen ist und, wenn es so aufgefasst wird, mit dem a -Urteil
Jeder Mensch ist weise
ein Paar widersprüchlicher Urteile bildet, gegenüber diesem letzteren Urteil als
g e g e n s ä t z l i c h  bzw., so wird man in Erdeis eigener Terminologie genauer
sagen, als konträr gegensätzlich ânantÐa  
vgl. Erdei ebd. . Dabei wird man

nicht wie Erdei davon reden, dass Aristoteles das Urteil 2 als Urteil E,
also wohl als das e -Urteil

4 Kein Mensch ist weise,
  
betrachtet vgl. Erdei ebd. . Die Urteile 2 und 4 sind bestenfalls für Ari-
stoteles in dem Sinne gleichwertig, dass sie wechselseitig auseinander folgen
‚koloujeØn  
, vgl. ders. ebd., 20a 20f . Dass das Urteil 4 aus dem Urteil 2


folgt, ist dem von Aristoteles ebd. Gesagten zu entnehmen. Dass umgekehrt
 
das Urteil 2 aus dem Urteil 4 folgt, ist zumindest dann nicht selbstverständ-
lich, wenn man Anal. pr. I 46, 51b 36--52a 14, in Anschlag bringen darf. Vgl. zur
Problematik, Aristoteles. Peri Hermeneias, übersetzt und erläutert von Hermann

Weidemann, 366 .
 
Erdei unterstellt oenkundig, dass Aristoteles' Urteil 2 als das Urteil 3
aufzufassen ist, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, dies den Lesenden
einsichtig zu machen und die Gelegenheit zu nutzen, ihnen überhaupt näher zu
bringen, wie ein Urteil der Form

*** Jedes S ist NichtDL-P

vgl. oben S. 91 zu verstehen ist.

Und wenn Popper 1963 von Widerspruch spricht, so Erdei im Folgenden,
meint er, wie seine Beispiele zeigen, die gemeinsame Bejahung und Verneinung
derselben Information, somit den Gegensatz bzw., wie genauer zu sagen wäre,

den kontradiktorischen Gegensatz vgl. Erdei ebd., 76f . Popper bezeichnet
etwa das Urteil
All Athenians are men
mit b, aber im Anschluss daran bringt er das von ihm mit nicht-b bezeich-

nete, seiner Meinung zufolge d i a l e k t i s c h ! w i d e r s p r ü c h l i c h e Urteil:

Some Athenians are non-men vgl. Erdei ebd., 77; vgl. Popper ebd., 320 .
Das Urteil nicht-b jedoch, das zu dem von Popper mit b bezeichneten Urteil
tatsächlich in widersprüchlichem Verhältnis steht, wäre das Urteil

All Athenians are non-men


bzw.
All Athenians are nonDL-men
vgl. Erdei ebd.; Erdei hat statt men und non-men jedesmal man und

non-man . Desgleichen formuliert Popper gegenüber dem von ihm mit c be-
- 100 -

zeichneten Urteil
All Athenians are mortal
als ein angeblich widersprüchliches Urteil nicht-c das Urteil
Some Athenians are non-mortal

vgl. Erdei ebd., vgl. Popper ebd. . Das tatsächlich widersprüchliche Urteil
wäre, ohne dass Erdei es noch anführte, das Urteil
All Athenians are non-mortal
bzw.
All Athenians are nonDL-mortal.
Die von Popper an der dialektischen Logik geübte Kritik, dass sie wider-
sprüchliche Urteile zusammen als wahr betrachtet, eine Theorie indes, die auf
widersprüchliche Urteile rekurriert, unbrauchbar ist, setzt bei kontradikto-
risch g e g e n s ä t z l i c h e n und umgeformten Urteilen an und greift daher nicht

vgl. Erdei ebd., 76f; vgl. oben, S. 33 . Per Obversion zu Poppers Some ...  -
Urteilen umgeformt sind die bei Popper nicht explizit auftretenden Urteile
Some Athenians are not men
und
Some Athenians are not mortal,
die zu Poppers All ...  -Urteilen die kontradiktorisch gegensätzlichen Urteile

bilden. Auch im Zusammenhang mit seinem Eingehen auf Popper lässt Erdei

die Gelegenheit ungenutzt, genauer über die Urteile der Form *** zu verstän-
digen.
Abschlieÿend ist eine kritisch gegen Erdei gewendete Betrachtung anzustel-
len.

Erdei legt den Eindruck nahe, dass ein singuläres Urteil der Form

Dieses S ist NichtDL-P



ein Urteil dieser Form scheint Erdei allein in ders. 1974, 20, vorzuführen ganz
so wie das Urteil
Diese Rose ist nicht-rot
zu verstehen ist, bei dem der als sein Prädikat fungierende Begri Nicht-Rot
1. nicht auf jeden möglichen Begri ausgenommen auf den Begri Rot selbst
hindeutet so dass das Urteil Diese Rose ist nicht-rot kein unendliches Urteil
im Sinne der formalen Logik wäre , 2. auch nicht auf eine nur bestimmte An-
zahl von Begrien, den Begri Rot wiederum ausgenommen, hindeutet, etwa
auf die Begrie Weiÿ, Gelb und Rosa die genannten Begrie Rot, Weiÿ etc.
bezeichneten sämtliche Farben, die Rosenfarbe sind , vielmehr 3. auf exakt
e i n e n Begri, etwa den Begri Gelb, hindeutet bzw.

exakt für e i n e n Be-
gri, etwa den Begri Gelb, steht vgl. oben S. 91  .
In diesem letzteren Fall in dem Fall also, dass der als Prädikat des Ur-
teils Diese Rose ist nicht-rot fungierende Begri Nicht-Rot für einen einzigen
Begri, etwa den Begri Gelb, steht gälte aber ebenso wie in den beiden
vorherigen Fällen, was Erdei ebd., 50, sagt: Die Urteile Diese Rose ist rot,
- 101 -

 
Diese Rose ist nicht-rot können nur von zwei verschiedenen Rosen zusammen
wahr sein, da sie ... von der gleichen Rose zusammen nicht wahr sein können

eckig geklammerte Hinzufügung von mir . Für die Urteile

 Dieses S ist P
und

 Dieses S ist NichtDL-P
bedeutete dies, dass sie nur von zwei verschiedenen S, nicht aber von dem glei-
chen S zusammen wahr sein können. Wenn nun das Urteil

* Jedes S ist P

wahr sein soll, dann wird für jedes S das Urteil  falsch sein und damit des
Weiteren insbesondere das Urteil

*** Jedes S ist NichtDL-P
falsch sein. So könnten etwa die Urteile
Diese menschliche Tätigkeit ist materiell
und
Diese menschliche Tätigkeit ist nichtDL-materiell
nicht von der gleichen menschlichen Tätigkeit zusammen wahr sein, die Urteile

a Jede menschliche Tätigkeit ist materiell
und

d Jede menschliche Tätigkeit ist nichtDL-materiell
wären miteinander unvereinbar.

Erdeis widersprüchliche Urteile, das sind ein Urteil der Form * und ein

Urteil der Form *** , könnten gleich gegensätzlichen Urteilen nicht zusammen
wahr sein, sie schlössen sich im Gegenteil wie diese einander aus. Ihr Auftreten

im Bewuÿtsein markierte eben doch einen logischen Fehler vgl. oben S. 96f .
Der Clou der Erdeischen Stellungnahme wäre dahin.

Um dem zu entgehen, ist es unabdingbar, dass ein Urteil  und ein Urteil

 sehr wohl von dem gleichen S zusammen wahr sein können. Dazu ist ein

Verständnis des Urteils  dahingehend erforderlich, dass es nicht das Urteil

 Dieses S ist nicht P
 
nach sich zieht auch das Urteil  und seine Negation  können nicht von
dem gleichen S zusammen wahr sein. So müsste etwa das Urteil
Diese menschliche Tätigkeit ist nichtDL-materiell
so verstanden werden, dass es nicht das Urteil
Diese menschliche Tätigkeit ist nicht materiell
zur Folge hat.
Dass Erdei ein solches Verständnis sowie ein entsprechendes Verständnis des

Urteils unter *** vorlegt, vermag ich nicht zu sehen.
- 102 -


Wenn Erdei 1972 , 8 , von einer Prämisse, einem Schlussatz und einem
logischen Schluss spricht der in Anlehnung an die Tradition auch als ein un-
mittelbarer Schluss angesprochen 
wird, weil er nur über eine einzige Prämisse
verfügt vgl. ebd., 8f, 16, 55 , meint er genau besehen und wider Erwarten
keinen logischen Schluss von der einzigen Prämisse auf den Schlussatz 
, son-
dern hebt er auf einen Urteilszusammenhang ab ebd. etwa 9, 16, 55 , der von
der Wahrheit oder Falschheit desjenigen Urteils, das von der Prämisse gebildet
wird, auf die Wahrheit oder Falschheit desjenigen Urteils zu schlieÿen erlaubt,
das von 
dem Schlussatz gebildet wird vgl. ebd., 8 , 63f; vgl. a. Kant Logik
ŸŸ 48  .
So liegt ein als konträrer unmittelbarer Schluss bezeichneter logischer
Schluss nicht dann vor, wenn etwa von dem Urteil

a Jede menschliche Tätigkeit ist materiell
auf das ihm konträr gegensätzliche Urteil

b Keine menschliche Tätigkeit ist materiell
geschlossen wird, sondern dann, wenn von der Aussage

Das Urteil a ist wahr
auf die Aussage 
Das Urteil b ist falsch

geschlossen wird vgl. ebd., 8f, 16 . Der erstere Schluss erfolgte aus dem Grun-
de zu Unrecht, aus dem der letztere Schluss zu Recht erfolgt: Haben wir ein
wahres Urteil A oder E und das A-Urteil a ist für Erdei ein wahres Urteil,
vgl. oben S. 95 , so kann das mit ihm in konträrem Gegensatz stehende Urteil
unmöglich ein wahres Urteil sein. Im Gegenteil: Das ihm 
konträr gegensätzliche
Urteil wird unbedingt ein falsches Urteil sein ebd. 9 .
Auch mit Bezug auf die Prämisse

f Jeder Mensch ist ein Lebewesen
und den Schlussatz

g Jeder Mensch ist ein Nicht-Lebewesen
gilt der logische Schluss von der Aussage

Das Urteil f ist wahr
auf die Aussage 

Das Urteil g ist falsch
vgl. ebd., 63 .
Im Falle eines dialektisch logischen Schlusses, der auch

dialektisch logischer
Widerspruchs-Schluss genannt wird vgl. ebd., 61, 63f , sind es zwei widerspre-
chende Urteile, die seine Prämisse und seinen Schlussatz bilden vgl. ebd.,
55, 58 .
Wenn auch dieser dialektisch logische Schluss ein logischer Schluss in
der angegebenen Bestimmung sein soll, dann erfolgte der dialektisch logische
Schluss etwa mit der Prämisse

a Jede menschliche Tätigkeit ist materiell
und dem Schlussatz

d Jede menschliche Tätigkeit ist nichtDL-materiell
von der Aussage 
Das Urteil a ist wahr
auf die Aussage 
Das Urteil d ist wahr

vgl. ebd. . Äuÿerungen in Erdei ebd., 58, 68, legen es allerdings nahe, dass der
dialektisch logische Schluss direkt von seiner Prämisse auf seinen Schlussatz
erfolgt.
- 103 -


Wolfgang Wieland 1973 thematisiert in erster Linie den Anfang von

Hegels Logik vgl. den Titel von Wieland ebd. , hat jedoch auch die gesam-

te Wissenschaft der Logik im Blick. Mit Hegels Logik scheint Wieland, wie
der Verlauf seines Essays zeigt, die Wissenschaft der Logik inklusive der ersten
Auflage der Seinslogik, also die so genannte groÿe Logik, zu meinen. Wieland
ebd., 210, platziert die Darstellung, die Hegel von seiner Logik gibt, unzwei-
felhaft in das Buch mit dem Titel Wissenschaft der Logik. Wieland bezieht
sich aber auch häuger auf die Wissenschaft der Logik, die den ersten Teil der
Enzyklopädie ausmacht, also auf die so genannte kleine Logik. Die Frage ist da-
her, ob Wieland nicht doch mit seiner Rede von Hegels Logik auf eine Logik
abzielt, in der die groÿe Logik und die kleine Logik zu einer allerdings nicht

aufgeklärten Einheit zusammengebracht sind.
Wieland setzt Hegels Logik und die traditionelle Logik miteinander in
Beziehung. Er lehnt die Ansicht ab, man könne Hegels Logik aus dem Gegensatz
zur traditionellen Logik als gleichsam höhere Logik verstehen, die bestimmte
Grundgesetze der traditionellen Logik nicht mehr übernimmt vgl. Wieland

ebd. . In Wahrheit bestehe zwischen Hegels Logik und der traditionellen Logik

kein Konkurrenzverhältnis vgl. ebd. . Man habe Hegel missverstanden, wenn
man dessen Widerspruch als die Beziehung versteht, die zwischen Elemen-
ten von Satzpaaren von der Form p und  --p besteht vgl. Wieland ebd.,

196 . Eine derartige Beziehung ist in der Tat niemals gemeint, wenn Hegel in

spekulativen Zusammenhängen von Widerspruch redet vgl. ebd. . In Hegels
Logik wird keine Lehre der klassischen Logik revoziert vgl. Wieland ebd.,

210 . Jeder Interpretation der Wissenschaft der Logik sei die hermeneutische
Hypothese anzuempfehlen, dass in Hegels Logik die klassische Logik weiter gilt

vgl. ebd., Herv. im Original .
Das Rückgrat von Wielands Einschätzung scheint in dem eigenartigerweise
nur in einer Anmerkung explizit formulierten Gedanken zu liegen, dass es in
Hegels Logik eine ihren Fortgang motivierende, ständige Diskrepanz gibt
zwischen dem, was ein Begri i s t , und dem, was er m e i n t  vgl. ebd., 211

Anm. 5; Herv. von mir . Erst am Ende der Logik wird mit der Kategorie der
absoluten Idee ein Begri erreicht, der das selbst ist, was er meint, ein
Begri ... , der sich selbst zum Gegenstand hat und in diesem Sinne wohl

sich auf sich selbst bezieht; vgl. ebd., 201f, 210 . Statt von meinen spricht
Wieland auch oenbar gleichbedeutend von intendieren und bezeichnen, vgl.

ebd., 199, 201.
Am Anfang der Logik liege eine Diskrepanz besonderer Art vor vgl. ebd.,

196 . Wielands Zugri auf den Anfang der Logik ist um eine Passage aus der
ersten Auage der Seinslogik, S 1 57,5--58,4, zentriert, die in deren zweiter Auage
weder wörtlich noch dem Sinn nach übernommen worden ist, vgl. Wieland

ebd., 195f. Die fragliche Diskrepanz betrit den Satz Das Sein ist das Abso-

lute S 1 57, Sperrung des gesamten Satzes im Original , der mit Blick auf den
Begri des Seins, die erste Kategorie der Logik, vorgebracht wird, und be-
steht zwischen dem, was der Satz behauptet, und dem, was dieser Satz ... tut,

indem er etwas behauptet vgl. ders. ebd., 195f . Inhaltlich behauptet der Satz
die Ununterschiedenheit von Sein und Absolutem; in seiner äuÿeren Gestalt ent-

hält der Satz jedoch eine Unterscheidung beider Terme ebd. 196f . Sein und
- 104 -

Absolutes werden also in jenem Satz sowohl unterschieden als auch nicht unter-

schieden ebd. 197 . Wieland reformuliert hier S 1 57,5: Das Absolute wird von
 
ihm dem Sein, K. E. unterschieden; indem aber gesagt wird, es sei das Absolute,

so wird auch gesagt, sie seien nicht unterschieden. Unterscheidung und Nicht-
unterscheidung erfolgen allerdings wie angedeutet nicht in derselben Hinsicht:
Die Unterscheidung mit Hegel: eine Verschiedenheit als bloÿ des Wortes

S 1 58,1 erfolgt in pragmatischer Betrachtung, die Nichtunterscheidung er-

folgt in semantischer Betrachtung vgl. Wieland ebd., 199 . Die Sätze
Sein und Absolutes sind unterschieden
und
Sein und Absolutes sind nicht unterschieden
bilden entgegen dem Anschein keine Elemente eines Satzpaares von der Form
p und  --p. Es handelt sich hier nicht um einen formallogischen Widerspruch,
Hegel stellt die Verschiedenheit der Hinsichten in derartigen Fällen nie in Fra-

ge vgl. Wieland ebd., 197 .
Es sei die Diskrepanz besonderer Art, die einen Satz betrit und zwischen
dem besteht, was der Satz behauptet, und dem, was dieser Satz tut, indem
er etwas behauptet, mit einem von Wieland nicht verwendeten Ausdruck als
Satz-Diskrepanz bezeichnet. Es sei ferner die Diskrepanz zwischen dem, was
ein Begri i s t , und dem, was er m e i n t , mit einem von Wieland ebenfalls
nicht verwendeten Ausdruck als Begris-Diskrepanz bezeichnet. Es ist dann
festzuhalten, dass am Anfang der Logik neben einer Satz-Diskrepanz auch
eine Begris-Diskrepanz vorliegt. Der Begri des Seins meint etwas Unbe-

stimmtes und Ununterschiedenes vgl. ebd., 195, 202 . Man bestimmt und un-
terscheidet ihn aber, wenn man ihm in dem Satz Das Sein ist das Absolute ein

von ihm unterschiedenes Prädikat zuspricht vgl. ebd., 197, 201 . Die Begris-
Diskrepanz bzgl. des Begris des Seins ergibt sich bei jedem Satz, in dem

der Begri des Seins die Stelle des Satzsubjekts einnimmt vgl. ebd. . Dass
ein jeder solcher Satz seinen Gegenstand ... schon deshalb verfehlt, weil es sich
überhaupt um einen Satz handelt, ist nicht leicht einsehbar. Sollte Wieland
annehmen, dass der Gegenstand eines solchen Satzes das ist, was der Begri

des Seins m e i n t ? Vgl. ebd., 195, 199.
Zum einen gleicht Wieland Satz-Diskrepanz und Begris-Diskrepanz da-
durch einander an, dass er sich auf die Satz-Diskrepanz mit eben den Worten
bezieht, mit denen er die Begris-Diskrepanz beschreibt: Man kann fragen, ob

Sätze das, was sie meinen, selbst auch sind ebd. 202 , es kann sich zeigen, dass

ein Satz selbst etwas anderes ist, als er meint und intendiert vgl. ebd., 198f , es
kann oenkundig sein, dass ein Satz etwas anderes ist als das, was er bezeichnet

vgl. ebd., 197 . Zum anderen scheint Wieland aber darauf verzichten zu wollen,
im Zusammenhang mit der Begris-Diskrepanz die Unterscheidung von prag-
matischer und semantischer Betrachtung anzuwenden. Er spricht nirgends etwa
davon, dass ein Begri, der etwas anderes i s t als das, was er m e i n t , das ei-
ne Mal einer pragmatischen Betrachtung, das andere Mal einer semantischen
Betrachtung unterliegt.
Wieland wirft ferner die Frage nicht auf, ob eine Begris-Diskrepanz mit
einem formallogischen Widerspruch verbunden ist. Er liefert indes keine An-
- 105 -

haltspunkte dafür, dass er diese Frage für eine mit Ja zu beantwortende hielte.
Es ist auch zunächst wenigstens nicht zu sehen, wie einem Satz, der eine Begris-
Diskrepanz markiert einem Satz also, der konstatiert, dass ein Begri etwas
anderes i s t als das, was er m e i n t  , ein weiterer Satz gegenübertreten könnte,
der mit ihm Elemente eines Satzpaares von der Form p und  --p bildete.
Nur für den am Ende der Logik auftretenden Begri der absoluten Idee gilt,
dass er jenseits einer Begris-Diskrepanz nicht etwas anderes i s t als das,
was er m e i n t .
Klar dürfte sein, dass Wieland die Satz-Diskrepanz für einen Wider-
spruch im Sinne Hegels hält. Es sei Hegels Lehre, so Wieland, daÿ ein
Satz wie Das Seyn ist das Absolute ... einen Widerspruch in sich enthält vgl.

Wieland ebd., 196 . Diesen Widerspruch kennzeichnet Wieland im Anschluss

als eine Diskrepanz besonderer Art vgl. ebd. , also als eine Satz-Diskrepanz

vgl. die vorige Seite . Wieland verweist auch auf eine Stelle in S 1 54, an der
eine Diskrepanz, die unschwer als die Satz-Diskrepanz des Satzes Sein und
Nichts ist dasselbe auszumachen ist, von Hegel ausdrücklich als Widerspruch
bezeichnet werde. Es heiÿt dort: Insofern der Satz: S e i n u n d N i c h t s i s t
d a s s e l b e, die Identität dieser Bestimmungen ausspricht, aber in der Tat sie
ebenso als unterschieden enthält, widerspricht er sich in sich selbst und löst sich
auf. Vgl. Wieland ebd., 210f Anm. 2. Die von Wieland herangezogene Stelle
gehört nicht zu demjenigen Textgut der ersten Auflage der Seinslogik, das in de-
ren zweiter Auflage von Hegel ausgeschieden wird. Die Stelle ndet sich nahezu
 
unverändert in S81 I75f wieder.
Weniger klar dürfte sein, ob Wieland auch die Begris-Diskrepanz für
einen Widerspruch im Sinne Hegels hält. Eine ausdrückliche Bestätigung da-
für ndet sich nirgends. Einmal angenommen, dass bei Wieland neben der
Satz-  und der Begris-Diskrepanz keine weiteren Kandidaten für den Wi-
derspruch im Sinne Hegels in Betracht kommen für die gegenteilige An-
nahme spricht, wenn ich recht sehe, nichts , dann gibt es zwei Möglichkeiten.
1. Wieland betrachtet nur die Satz-Diskrepanz als einen Widerspruch im
Sinne Hegels. Die spekulativen Zusammenhänge, in denen Hegel von Wider-
spruch redet bzw., so wird man verstehen müssen, in denen ein Widerspruch
im Sinne Hegels vorliegt, reduzierten sich auf die spekulativen Zusammen-
hänge um den Begri des Seins, also um den Anfang der Logik, herum.
2. Wieland betrachtet nicht nur die Satz-Diskrepanz, sondern auch die Be-
gris-Diskrepanz als einen Widerspruch im Sinne Hegels. Ein Hegelscher
Widerspruch wäre entweder eine Satz-Diskrepanz oder eine Begris-Diskre-
panz. Die spekulativen Zusammenhänge, in denen ein Hegelscher Wider-
spruch vorliegt, träten durch die gesamte Logik hindurch auf.
Es dürfte die zweite Möglichkeit die von Wieland favorisierte sein. Der Wi-
derspruch, der sich mit dem Satz Das Seyn ist das Absolute verbindet, ist
eine Diskrepanz besonderer Art eine Satz-Diskrepanz und keine Begris-
Diskrepanz.
Der Nachweis der Behauptung, dass es sich dann, wenn in spekulativen Zu-
sammenhängen ein Widerspruch im Sinne Hegels vorliegt, niemals um eine
Beziehung handelt, die zwischen Elementen von Satzpaaren von der Form p

und  --p besteht vgl. oben S. 103 , käme in der ersten Möglichkeit dem Nach-
- 106 -

weis gleich, dass eine Satz-Diskrepanz keine derartige Beziehung meint. Einen

solchen Nachweis hat Wieland angetreten vgl. oben S. 104 . Für die zweite
Möglichkeit wäre darüber hinaus der von Wieland nicht geführte Nachweis er-
fordert, dass auch eine Begris-Diskrepanz keine Beziehung der angegebenen
Art meint.

Dass ein Begri etwas anderes i s t als das, was er m e i n t , scheint für
Wieland damit einherzugehen, dass dieser Begri noch nicht die adäqua-
te Darstellung des Absoluten gibt vgl. Wieland ebd., 203 . Einer Begris-
Diskrepanz

 entspräche die Nichtabsolutheit der jeweiligen Kategorie vgl.
ebd. . Zwischen Begri und Kategorie unterscheidet Wieland oenbar
nicht. Konsequenterweise wäre der am Ende der Logik erreichten Katego-
rie der absoluten Idee zu bescheinigen, dass sie die adäquate Darstellung des
Absoluten liefert: Sie ist ein Begri, der das selbst i s t , was er m
e i n t , ein
Begri, der einer Begris-Diskrepanz entbehrt vgl. oben S. 103 . Dass allein
die anfängliche Kategorie des reinen, unbestimmten Seins etwas anderes ist,
als sie meint, wie Wieland ebd. den Eindruck erweckt, wäre nur schwerlich da-
mit vereinbar, dass es der ständigen Diskrepanz zwischen dem, was ein Begri
i s t , und dem, was er m ei n t , zuzuschreiben ist, dass ein Fortgang der Logik
stattndet vgl. oben ebd. .
Wieland orientiert sich an der in seinen Augen von Hegel nur als Verstän-
digungshilfe bereitgestellten Möglichkeit, die jeweilige 
Kategorie als Denition
des Absoluten zu betrachten vgl. Wieland ebd., 205 . In Durchführung dieser
Möglichkeit sind in Hegels kleiner Logik Sätze wie Das Absolute ist das
Sein, Das Absolute ist das Wesen, Das Absolute ist das mit sich Identische
etc. anzutreen 
vgl. Enz. ŸŸ 86, 112, 115; Kursivsetzungen des Originals nicht
aufgenommen .
Das von Hegel angeführte Phänomen, dass der Satz: S e i n u n d N i c h t s
i s t d a s s e l b e, die Identität dieser Bestimmungen ausspricht, aber in der Tat
sie ebenso als unterschieden enthält 
 von Wieland als eine Satz-Diskrepanz
aufgefasst vgl. die vorige Seite exempliziert für die spekulative Wahrheit,
die die Bestimmungen Sein und Nichts betrit, was mit Bezug auf jede ande- 
re spekulative Wahrheit ebenfalls exemplizierbar wäre vgl. S 1 54, S81f I75f .
Wenn das genannte Phänomen überhaupt ein einheitliches ist es muss einst-
weilen oen bleiben, ob nicht Hegels Unterschied der Bestimmungen sowohl
auf die sprachliche Gestalt als auch auf etwas darüber Hinausgehendes abheben
kann , wäre mit jeder spekulativen Wahrheit eine Satz-Diskrepanz verbun-
den. Satz-Diskrepanzen elen in der gesamten Logik an vorausgesetzt, in
der Logik hat man es nicht nur an ihrem Anfang, sondern durchgängig mit
spekulativen Wahrheiten zu tun.


Michael Theunissen 1981 zieht zur Behandlung des Hegelschen Wi-
derspruchs die im Schlusskapitel der Wissenschaft der Logik vorgelegte Dia-
 
lektiktheorie B294--299 II494--499 , aber auch die Logik der Reexionsbestim-
  
mungen W24  II23  , heran vgl. Theunissen ebd., 591f .
Hegel meine, so Theunissen mit Bezug auf die genannte Dialektiktheorie,
das Negative ... als Widerspruch ... deuten zu dürfen, weil es das Positive in sich
 
schlieÿt vgl. Theunissen ebd., 592; vgl. B295f II495f . Daÿ es sein Anderes

in sich schlieÿt, heiÿt aber: Es ist dieses nicht ders. ebd. . Für Theunissen wi-

derspricht das Negative sich damit auch nicht eigentlich vgl. ebd. . Die Lo-
gik der Reexionsbestimmungen, trotz dem, dass ihr zufolge die Implikation,
d. i. das erwähnte In-sich-Schlieÿen, die Struktur einer Identität der Identität
und der Nichtidentität hat, entdeckt in dieser Implikation denn auch bloÿ
- 107 -

einen Widerspruch an sich, keinesfalls einen gesetzten Widerspruch vgl.


  
ebd. . Die Formel von der Identität der Identität und der Nichtidentität kann

Theunissen S63 I59 entnehmen, der Unterschied des Widerspruchs an sich
 
und des gesetzten Widerspruchs entstammt W51f II49f.
Der in der Logik der Reexionsbestimmungen sich vollziehende Prozeÿ der
Manifestation des Widerspruchs gipfelt gleichwohl im gesetzten Widerspruch,
in dem das Negative wie das Positive jedes das andere ist  vgl. Theunis-

sen ebd. . Die vieldiskutierte Frage, ob der dialektische Widerspruch der for-
mallogische sei, den Aristoteles verbietet, ist zu bejahen allein in bezug auf den

gesetzten ebd. .
Dass diese vieldiskutierte Frage immerhin für den gesetzten Widerspruch
zu bejahen ist, spielt Theunissen freilich sogleich herunter: Ihre Bejahung be-

deutet ... nicht viel vgl. ebd. . Nicht etwa deswegen, weil der gesetzte Wider-
spruch wieder aufgelöst würde davon spricht Theunissen nicht. Theunis-
sens Begründung lautet vielmehr: Gesetzt wird der Widerspruch im Element
des Scheins. Er ist mithin so nichtig wie der Schein selber. Vgl. Theunissen,

ebd.
Angesichts eines dialektischen Widerspruchs, der allein als der gesetzte
der formallogische ist und der als dieser gesetzte zwar oenbar nicht wieder
zum Verschwinden gebracht wird, aber doch so nichtig wie der Schein ist, in
dem er gesetzt ist, urteilt Theunissen dann schlussendlich, dass die Dialek-
tik Hegels dem Popperschen Einwand entgeht, sie sperre sich der Forderung
nach Widerspruchsfreiheit des Denkens und öne infolgedessen der Beliebigkeit

Tür und Tor vgl. Theunissen, ebd.; vgl. oben S. 27f .

1. Dass Hegels gesetzter Widerspruch der formallogische



 ist, den Ari-
stoteles verbietet, war genauer in Theunissen 1974 ausgeführt worden.
Hegels Begri des gesetzten Widerspruchs, so hieÿ es da, orientiert sich am

aristotelischen principium contradictionis vgl. Theunissen ebd., 322 . Als ge-
setzt darf nach seiner Auffassung ein Widerspruch, streng genommen, nur dann
gelten, wenn demselben wirklich dasselbe zukommt wie auch nicht zukommt, 
und
zwar nicht nur gleichzeitig, sondern auch in derselben )Rücksicht ( ebd. . Theu-
nissen hebt mit dem aristotelischen principium contradictionis oenkundig auf

Aristoteles Met., 1005b 19f, ab. Der gesetzte Widerspruch Hegels, den

Theunissen hier noch anders als in ders. 1981 angibt, liegt entsprechend da-
durch vor, dass das Negative das Positive sowie das Letztere das Erstere in
derselben Hinsicht

 enthält und zugleich nicht ... enthält vgl. Theunissen
1974, ebd. . Im gesetzten Widerspruch Hegels enthält das Eine das Andere 
in derselben Hinsicht, in der es dieses auch ausschlieÿt: als das Ganze vgl. ebd. .
Auch gemäÿ Theunissen 1978, 376, charakterisiert es Hegels Widerspruch
als einen gesetzten , dass er die aristotelische Bedingung des kata to auto in
 
einer Einheit erfüllt.
Der Widerspruch des Gegensatzes, der nichtmit dem Widerspruch an sich
deckungsgleich ist vgl. Theunissen 1974, ebd. , besteht gleichermaÿen darin,
dass das Negative und das Positive

 sich wechselseitig enthalten und zugleich
nicht ... enthalten vgl. ebd. . Sie enthalten einander allerdings als Momente
und schlieÿen einander ... als Totalitäten ... aus vgl. ebd., 321 . Das Aus-
schlieÿen bezieht sich im Widerspruch des Gegensatzes auf das Andere als das
Ganze, das Enthalten dagegen auf das Andere als Moment , so dass Enthal-
ten und Ausschlieÿen  nicht in derselben Hinsicht  stattnden vgl. ebd., 322;

kursiv im Original . 
Theunissen 1974 kennt ein Auflösen des Widerspruchs und damit wohl
- 108 -

auch ein Auflösen des gesetzten Widerspruchs und 


des mit ihm verbundenen
formallogischen Widerspruchs vgl. ders. ebd., 323 . Von einer Ablehnung des

Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch ebd. 322 , speziell des aristoteli-
schen principium contradictionis, seitens Hegel ist nicht die Rede. Man dürfte
daher Theunissen
s Ausführungen in ders. ebd. anders als seine Ausführungen
in ders. 1981 als 
eine eingeschränkte Nein-Stellungnahme zu bewerten haben
vgl. oben S. 39 . 
2. Die in Theunissen 1981 einieÿende Rede vom Schein wird von ders.
1978 her zu rezipieren sein.
Es ist die in Theunissen ebd. bestimmende These, dass Hegel in seiner
Wissenschaft der Logik eine Einheit von Darstellung und Kritik anstrebt vgl.
Theunissen ebd., 14 . Der Gegenstand der Darstellung ist Wahrheit, der
Gegenstand der Kritik ist Schein vgl. etwa die Abschnitts-Überschriften ebd.
 
63, 70 . Schein ist eine Variante von Unwahrheit vgl. ebd., 71, 79, 84, 89 . Ei-
ne weitere Variante

von Unwahrheit sind Einseitigkeit oder auch Unentwickelt-
heit vgl. ebd. . Die Unwahrheit des Scheins ist

eine an Wahrheit nicht teilneh-
mende Unwahrheit schlechthin vgl. ebd., 72 , während die zweitgenannte Un-
wahrheit der Einseitigkeit bzw. Unentwickeltheit an Wahrheit

teilnimmt,
insofern sie eine Noch-nicht-Wahrheit ist vgl. ebd., 72, 89 . Theunissen führt
an, dass zwar nach Maÿgabe von Hegels Vorlesungen über die Geschichte der
Philosophie eine vergangene Position ... unwahr nur als ein Moment sein kann,
das in seinem eigenen Denken, dem Hegelschen, aufgehoben ist, vgl. Theunis-
sen ebd., 79. Wer aber meinen wollte, so fährt Theunissen fort, Hegel verfahre
in der Logik genauso, wäre damit auch zu der Ansicht genötigt, es gäbe darin
Unwahrheit allein in der Gestalt der Einseitigkeit, vgl. ebd. Die Unwahrheit
des Scheins, die es in der Logik doch faktisch gibt, müsste er leugnen, vgl.
ebd. Genau eine solche Leugnung 
 dürften Hans Friedrich Fulda und Rolf-

Peter Horstmann in Fulda Horstmann Theunissen 1980, 26 , vortra-

gen.
Dass Hegels gesetzter Widerspruch im Element des Scheins gesetzt ist
und ebenso nichtig wie dieser ist, versteht sich dann von Theunissen 1978
her dahingehend, dass er ein gesetzter Widerspruch ist, der im Element der
Unwahrheit schlechthin gesetzt ist, an Wahrheit nicht teilnimmt und so der
Kritik anheimfällt.


Michael Wolff 1981 macht sich die hermeneutische Hypothese zu

Eigen, die Wieland 1973 jeder Interpretation von Hegels Wissenschaft
der Logik anempehlt, daÿ in Hegels 
Logik die klassische Logik weiter gilt vgl.
Wolff ebd., 169; vgl. oben S. 103 . Wolff betrachtet seine Abhandlung als
einen Versuch, von dieser hermeneutischen Hypothese gerade da Gebrauch zu
machen, wo ihre Anwendung auf die allergröÿten Schwierigkeiten stöÿt: in Hegels

Lehre vom Widerspruch vgl. Wolff ebd. .
Für Wolff ist klar, dass Hegel den Satz vom ausgeschlossenen Wider-

spruch ... keineswegs ablehnt wie dies Popper 1963 , 328, ohne einen Beleg
dafür zu haben, meine , sondern ihn anerkennt vgl. Wolff ebd., 22; vgl. a.

ders. ebd., 33, 143, ders. 1986, 113 Es bleibt unerndlich, wieso die Tatsache,
dass Hegel die formale Geltung des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch
... anerkennt, prägnant an der folgenden Stelle des Skeptizismusaufsatzes zum
Ausdruck kommen soll: Den Satz des Widerspruchs für formell anerkennen, heiÿt

also ihn zugleich für falsch erkennen, vgl. Wolff 1986, ebd.; Sk 49 . Den Un-
terschied zwischen der gewöhnlichen formalen Logik und Hegels Wissenschaft der
Logik  sieht Wolff darin, daÿ Hegel Gesetze, deren Geltung die formale Logik
nur voraussetzt, auf noch elementarere reexionslogische Beziehungen zurück-
- 109 -


führen möchte vgl. Wolff ebd., 108 Fn. 24 . Der Satz vom ausgeschlossenen
Dritten beispielsweise, den Hegel mit
Etwas ist entweder A oder Nicht-A; es gibt kein Drittes
bzw. so angibt:
Von zwei entgegengesetzten Prädikaten kommt dem
Etwas nur das eine zu, es gibt kein Drittes,
erfährt dabei unter Verwendung der Symbole +A und   A eine Deutung als
A soll entweder +A oder  A sein

Enz. Ÿ119 bzw. als
Einem Etwas kommt entweder die Bestimmung +A
oder die dazu negative Bestimmung  A zu
vgl. Wolff ebd., 114; Wolff entnimmt die angeführten Hegelschen Formu-
lierungen des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten der Wissenschaft der Logik ,
II56, bzw., unter Auslassung eines und nach dem ersten Komma, der Enzy-

klopädie Ÿ119 . Den zu einem Satz der Reexionslogik gewordenen Satz vom
ausgeschlossenen Dritten nennt Hegel auch den Satz des Gegensatzes vgl.

Wolff ebd., 116; vgl. Enz. ebd. . Hegel weiÿ, daÿ seine Deutung des Sat-
zes vom ausgeschlossenen Dritten der üblichen Deutung nicht entspricht vgl.

Wolff ebd., 117 . Was den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch anbe-
langt, so wird Hegel von ihm eine ganz eigentümliche Auffassung entwickeln

vgl. Wolff ebd., 22 .
Der Satz des Gegensatzes widerspricht gemäÿ der Enzyklopädie ebd. dem
Satz der Identität. Letzterer laute, so Wolff, in seiner negativen Form als

Satz des Widerspruchs ... : A kann nicht zugleich A und Nicht-A sein vgl.
ders. ebd., 145 Fn. 22; Wolff verweist auf Enz. Ÿ115, bezieht sich aber de facto
 
auf W32 II31 . Es impliziert somit der Satz des Widerspruchs in Hegels
Formulierung ... einen Widerspruch mit dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten

in Hegels Deutung vgl. Wolff ebd. . Nichtsdestotrotz scheint Wolff für die
Reexionslogik zu veranschlagen, was Hegel überhaupt mit Bezug auf die
spekulative Logik sagt: dass in ihr die bloÿe Verstandes-Logik  enthalten ist,
sie aus jener sogleich gemacht werden ... kann und es dazu nichts bedarf, als
daraus das Dialektische und Vernünftige wegzulassen vgl. Wolff ebd., 158

Fn. 50; vgl. Enz. Ÿ82 .
Dem gewöhnlichen oder logischen Widerspruch steht der dialektische Wi-

derspruch gegenüber vgl. Wolff ebd., 19; ders. 1979, 348; ders. 1986, 107f .
Der erstgenannte Widerspruch ist, wenigstens gemäÿ der seit Wittgenstein
gebräuchlichsten und, wie es scheinen will, auch bei Wolff in Geltung be-
ndlichen Denition, eine Kontradiktion, d. i. eine aus logischen Gründen
falsche Aussage oder kürzer: eine logisch falsche Aussage vgl. ders. 1986, 109;

ders. 1981, 14, 21 . Dieser Denition zufolge, die genauer auf Wittgenstein,
Tractatus logico-philosophicus 4.46, zurückgehe, wird der Widerspruch als zu-
sammengesetzte Aussage verstanden: zusammengesetzt aus Teilaussagen von der
Form Es ist der Fall, daÿ p und Es ist nicht der Fall, daÿ p vgl. Wolff 1981,
- 110 -


14, 20 Fn. 15, 21 . Entsprechend sind heute für den Satz vom ausgeschlossenen
Widerspruch Formulierungen in Gebrauch, die sich am Begri der Kontradik-
tion im angegebenen Sinne orientieren: Der Satz vom ausgeschlossenen Wider-
spruch besagt dann etwa, daÿ die Kontradiktion, d. h. die Behauptung einer

Aussage p zusammen mit ihrer Verneinung aus logischen Gründen stets falsch

ist vgl. ebd., 21 .
Der zweitgenannte Widerspruch meint etwas Objektives, etwas an den Din-

gen selbst ... , über die wir sprechen vgl. ebd., 19, 34f; ders. 1986, 107 . Er ist

ein objektiver Widerspruch vgl. ders. 1981, 158, 167; vgl. ders. 1986, 127 . Auf
ihn hebe Hegels Satz Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend ab vgl.
 
Wolff 1986, 108; vgl. W59 II58 .
Der Widerspruch, der keine logisch falsche Aussage, sondern etwas den
Dingen selbst Angehöriges ist, stellt eine besondere Sorte von Widerspruch

dar vgl. Wolff 1981, 19, 35 . Es erscheint daher zweckmäÿig, ihn zur Un-
terscheidung vom gewöhnlichen oder logischen Widerspruch mit dem nicht
unter die Hegelsche Nomenklatur zu rechnenden Ausdruck dialektischer Wi-

derspruch zu bezeichnen vgl. ebd., 19 . Wolff ndet eine einzige Textstelle,
an der Hegel selbst von einem dialektischen Widerspruch spricht: Ästhetik

II 194, dem entspricht Ästh III 43. Vgl. Wolff ebd., 17 Fn. 5

Schon Wolff 1979 befand: Sicherlich ist Hegels Begri des Widerspruchs
unterschieden vom logischen Widerspruchsbegri, und das rechtfertigt auch
die von Hegel noch gar nicht in Anspruch genommene Kennzeichnung

dieses Wi-
derspruchsbegris als dialektisch vgl. Wolff ebd., 348 . Wolff 1986 un-
ternimmt einen Richtungswechsel:

Hegel möchte das Wesen des Widerspruchs
erklären ders. ebd., 107 . Auf eine Dierenz zwischen einem logischen und
dialektischen Widerspruch ist Hegel jedenfalls an der angeführten Stelle aus
den Vorlesungen über die Ästhetik nicht aus vgl. Wolff 1986, 108 . Hegels
Lehre vom Widerspruch in der Wissenschaft der Logik sei als Versuch zu
verstehen, den gewöhnlichen logischen Begri des Widerspruchs systematisch

zu erklären vgl. ebd., 108, 114; vgl. aber auch schon Wolff 1981, 17 . Die-
se Lehre bilde den eigentlichen Kern der Hegelschen Dialektik vgl. ders.
1986, 114 . Die Rede vom dialektischen Widerspruch mag dann zum Ausdruck
bringen, dass für Hegel ein Widerspruch etwas Dialektisches

ist, wenigstens als
etwas Dialektisches betrachtet werden kann vgl. ebd., 108 .

Die im zweiten Teil von Wolff 1981 durchgeführte Analyse der Begrie
des Gegensatzes und des Widerspruchs, wie sie in Hegels Wissenschaft der

Logik , W42--64 II40--62, vorgestellt werden, erbringt nun entscheidenderweise:
Irgendeinem Gegenstand Bestimmungen beilegen, die einander auf echte Weise
widersprechen, bedeutet für Hegel ... niemals dasselbe wie: etwas Falsches aus-

sagen vgl. Wolff ebd., 81f, 155f . Der dialektische oder objektive Wider-
spruch verlangt eine formale Kontradiktion ... , um in der Sprache repräsen-
tiert zu werden; die zu dieser Repräsentation eingesetzten echten kontradik-
torischen Urteile können jedoch nicht schlechthin falsch sein vgl. ebd., 35f,

167; vgl. a. ders. 1986, 127 . Unter echten kontradiktorischen Urteilen versteht
Wolff vermutlich Urteile, die eben eine formale Kontradiktion darstellen

bzw. die der Form nach kontradiktorisch sind, vgl. ders. 1981, 33 . Der Ur-
sprung echter kontradiktorischer Urteile liegt nicht in unserem Irrtum über die
- 111 -


Dinge, sondern im Wesen der Dinge selbst vgl. ebd., 34 . Die Behauptung, es
liege ein dialektischer Widerspruch vor, setzt methodisch ... eine widersprüchliche
 
Behauptung voraus ebd. 35 . Gemäÿ Wolff 1979 , 348, läuft die Darstellung
des dialektischen Widerspruchs, so wie er von Hegel entwickelt wird, auf eine
Verwicklung in logische Widersprüche hinaus.
Von einem Ding etwas Widersprechendes aussagen, heiÿe schlieÿlich für
Hegel soviel wie: von diesen Dingen etwas aussagen, das zwar nicht falsch,

auch nicht schlechthin nichts, das aber Null ist Wolff 1981, 156 .
Dass das von einem Ding ausgesagte Widersprechende nicht schlechthin
nichts, sondern Null ist, ist so zu verstehen: Der Satz der Identität, demgemäÿ
irgendein beliebiger Gegenstand oder irgendeine beliebige Bestimmung A eben
nur A ist, sagt in gewisser Hinsicht nichts vgl. ebd.; Wolff orientiert sich an
 
W31f II30 . Für Hegel bedeute nun, einem bestimmten Ding widersprechende
Bestimmungen beilegen, in gewisser Hinsicht mehr sagen, als es Tautologien

wie der Satz der Identität vermögen vgl. ebd. . Wolff verweist auf II 58: Der
Widerspruch, der an der Entgegensetzung hervortritt, ist nur das entwickelte
Nichts, das in der Identität enthalten ist und in dem Ausdruck vorkam, daÿ der

Satz der Identität n i c h t s sage Sperrung im Original . Das entwickelte Nichts

ist aber, so scheint Wolff anzunehmen, mit der in W52 II51 angesprochenen
nächsten Einheit zu identizieren, welche durch den Widerspruch zustande

kommt und welche die Null ist vgl. Wolff ebd. .
Der Satz Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend habe es dann mit
entgegengesetzten Bestimmungen zu tun, die nicht schlechthin nichts sind,

deren widersprüchliche Einheit vielmehr die Null ist vgl. ebd., 156  . Der
so ausgelegte Satz Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend dürfte die
erwähnte ganz eigentümliche Auffassung abgeben, die Hegel vom Satz vom

ausgeschlossenen Widerspruch entwickelt vgl. oben S. 109 .
Während Erdei den Ausdruck eines Widerspruchs, der in der objektiven
Wirklichkeit existiert, einander nicht ausschlieÿenden Urteilen anvertraut, die
 
 nur zusammen wahr sind und  nur zusammen die Wahrheit in ihrer konkre-

ten Totalität ausdrücken vgl. oben S. 94f , obliegt bei Wolff die Repräsenta-
tion eines dialektischen oder objektiven Widerspruchs echten kontradiktori-

schen Urteilen, die, wenn sie auch nicht  logisch falsch sind, doch die Null
markieren.
Um einen exemplarischen Fall eines dialektischen oder objektiven Wider-
spruchs handelt es sich bei dem daseienden Widerspruch, als den Hegel in
 
W61 II59 die Bewegung apostrophiert vgl. Wolff ebd., 35 . Etwas bewegt
sich laut Hegel ebd. nur, wenn es in einem und demselben Itzt hier und nicht
hier ist. Das echte kontradiktorische Urteil
Das bewegte Ding ist im Zeitpunkt T am Ort L und nicht am Ort L

vgl. Wolff ebd., 33 ist dabei nicht logisch falsch, sondern sagt von dem be-
wegten Ding die Null aus. Gleichwohl bedarf dieser Widerspruch der Auf-

lösung vgl. ebd., 34f . Seine Auflösung besteht genau in der Bewegung des
Dings, d. i. darin, dass es den Ort L im Zeitpunkt T durchläuft, ohne eine

auch noch so kurze Zeit am Ort L zu sein vgl. ebd., 34 .
Šukasiewicz und Narskij dürften mit Wolff darin übereinkommen, dass
in dem angeführten echten kontradiktorischen Urteil ein Teilurteil und seine
- 112 -

Negation, das Urteil


Das bewegte Ding ist im Zeitpunkt T am Ort L
und das Urteil
Das bewegte Ding ist im Zeitpunkt T nicht am Ort L ,

zu einer Konjunktion verknüpft werden vgl. oben S. 6f, 86 . Sie dürften Wolff
allerdings kaum zugeben, dass dieses echte kontradiktorische Urteil nicht lo-
gisch falsch ist. Erdei scheint dieses Urteil genauso wie Wolff nicht als logisch
falsch zu beurteilen, es aber auch erst gar nicht als kontradiktorisch anzusehen

vgl. oben S. 97 .
Von Ferne her, so Wolff ebd., 159, erinnere die Anmerkung 3 aus Hegels
wesenslogischen Ausführungen zum Widerspruch, der Wolff die Hegelsche
Rede von der Null entnimmt, an die spekulativen Überlegungen zur Metaphy-
sik und Kosmologie ... , die der frühe Kant in seinem Versuch, den Begri der
negativen Gröÿen in die Weltweisheit einzuführen angestellt hatte. Wolff denkt
nicht zuletzt an das von Kant ebd. dem nihil negativum an die Seite gestellte

nihil privativum vgl. Wolff ebd., 159, 70f : Das Erstere resultiert als g a r
n i c h t s ... , wie der Satz des Widerspruchs es aussagt, wenn von eben demsel-
ben Dinge etwas zugleich bejahet und verneinet wird vgl. Kant ebd., A 3; Sper-

rung im Original . Das Letztere resultiert als ein davon abweichendes Nichts,
wenn zwei Prädikate eines Dinges entgegengesetzt sind aber nicht durch
den Satz des Widerspruchs und eins dasjenige aufhebt, was durch das ande-

re gesetzt ist vgl. ebd., A 3f . Bewegkraft eines Körpers nach einer Gegend,
beispielsweise, und eine gleiche Bestrebung eben desselben in entgegengesetzter
Richtung widersprechen einander nicht, und sind als Prädikate in einem Kör-
 
per zugleich möglich vgl. ebd., A 4 . Die Folge davon ist die Ruhe ebd. . Das
Nichts im Sinne des nihil privativum möchte Kant dann künftighin Zero = 0

nennen vgl. ebd. .
Hegels Rezeption von Kants Versuch wird aber weitgehend nur indirekt

erfolgt sein vgl. Wolff ebd., 81 . Den Text des Versuchs sieht Wolff nach

keiner seiner Auflagen von Hegel irgendwo ... angeführt vgl. ebd. . Er war

Hegel möglicherweise gar nicht bekannt vgl. ebd. . Andererseits sei davon aus-
zugehen, dass Hegel mit der in diesem Text entwickelten Lehre mindestens

in ihren Grundzügen bestens vertraut war vgl. Wolff ebd. . Nicht nur habe
Kant die Grundzüge dieser Lehre auch in Kontexten, die Hegel wohlbekannt wa-

ren, wiederholt dargestellt vgl. ebd. . Hegel konnte dieser Lehre Kants auch
in der ziemlich verbreiteten Rezeption des Kantischen Negativitätsbegris in der
deutschen Philosophie des ausgehenden 18. Jahrhunderts, zumal in der Philoso-
phie Fichtes und Schellings, begegnen, auf sie zudem durch ihre Rezeption
in der mathematisch-wissenschaftlichen Literatur zu Ausgang eben dieses Jahr-
 
hunderts stoÿen vgl. ebd. . Vgl. auch Wolff 1979, 343; ders. 1986, 119.

1. Es erscheinen

Zweifel angebracht, ob man Wolffs Verständnis der von
Hegel in W52 II51 vorgebrachten Null teilen kann.
Bei Wolff koinzidieren das Widersprechende bzw. die widersprüchliche
Einheit und die Null. Vgl. auch ders. ebd., 157, wo es heiÿt: Wir erfahren
- 113 -

nun im Kontext des Widerspruchskapitels, daÿ der Begri der Null 


Begri einer
in sich widersprüchlichen Einheit sein soll. Hegel bringt in W52 II51 die Null
aber in einem Textpassus ins Spiel, der mit der Überschrift Der Widerspruch löst
sich auf versehen ist. Er spricht von der  n ä c h s t e n E i n h e i t, welche durch
den Widerspruch zustande kommt; sie ist die N u l l  vgl. ebd. . Die Null wäre
also nicht schon das Widersprechende oder die widersprüchliche Einheit selbst,
sondern erst die durch den sich auflösenden Widerspruch zustande kommende
 n ä c h s t e E i n h e i t  Hegels originale Sperrung wird in Wolffs Zitat unter-

drückt . Null ist Resultat des Widerspruchs, wenngleich das Resultat des
Widerspruchs nicht nur Null ist, weil er nicht bloÿ das Negative, sondern

auch das Positive enthält vgl. Hegel ebd. .
Auch die von Wolff ebd., 165f, zitierte Stelle aus der Einleitung in die
Wissenschaft der Logik bringt die Null erst mit dem sich Widersprechenden,
das sich auflöst, in Verbindung. Es ist dort von der Erkenntnis des logischen
Satzes die Rede, daÿ das Negative ebensosehr positiv ist, oder daÿ das sich Wi-
dersprechende sich nicht in Null ... auflöst, sondern

wesentlich nur in die Negation
seines b e s o n d e r e n Inhaltes vgl. S38 I35f .
2. Wolff wird in seinem Bestreben, Zusammenhängen nachzugehen, die
für die Entstehung des Begris des dialektischen Widerspruchs in Hegels Philo-
sophie ausschlaggebend gewesen zu sein scheinen vgl. Wolff ebd., 39 , nicht
nur auf Kants vorkritischen Versuch, sondern auch auf die Kritik der reinen
Vernunft selbst geführt. Hegel benutzt eine in Kants Dialektik, genauer in
der transzendentalen Dialektik im Rahmen der Abhandlung der Antinomie der
reinen Vernunft, gemachte Entdeckung vgl. Wolff ebd., 167 . Von welcher
Art ist diese Entdeckung?
Kant stellt im siebenten Abschnitt seiner genannten Abhandlung einer
analytischen Opposition eine dialektische Opposition gegenüber vgl. KdrV,

B 532 . In analytischer Opposition benden sich die kontradiktorisch entgegen-
gesetzten Urteile, das sind diejenigen Urteile, bei denen, wenn das eine wahr ist,
das andre falsch ist und umgekehrt vgl. ders. Logik Ÿ48; ders., Preisschrift

Welches sind die wirklichen Fortschritte ... , A 95; ders. KdrV, B 531 .
Die Widersprüchlichkeit dialektisch entgegengesetzter Urteile hingegen
und nun sei ein von Wolff mit Blick auf KdrV, B 531 , unter Heranzie-
hung der Preisschrift, A 93 , abgefasstes Kurzreferat zur Gänze zitiert hängt
davon ab, daÿ wir die Dinge, über die geurteilt wird, stillschweigend für Dinge
an sich halten. Dialektische Oppositionen in diesem eigentlichen Sinne sind die
von Kant sogenannten Antinomien. Diese sind Paare von formallogisch einander
widersprechenden Subjekt-Prädikat-Urteilen, deren Widerspruch von einem spe-
ziellen reexionslogischen Substrat abhängt: dem von Kant sogenannten Ding
an sich. Wenn man die Voraussetzung, daÿ über ein Ding 
an sich geurteilt wird,
aufgibt oder wenigstens bei einem Teil der Antinomien modiziert, so verwan-
deln sich die beiden Urteile ihrem Inhalt nach aus kontradiktorischen Urteilen in
konträre oder 
subkonträre Urteile. Vgl. Wolff ebd., 46f; ders. 1979, 342; ders.
1986, 118f. Konträr heiÿen Urteile dabei dann, wenn sie beide falsch, aber
nicht beide wahr sein können; subkonträr, wenn sie beide wahr, aber 
nicht
beide falsch sein können vgl. ders. 1981, 47; Kant, Preisschrift ebd. .
Bei der von Kant in der skizzierten Theorie der dialektischen Oppositi-
on gemachten Entdeckung handelt es sich nun um das folgende reexions-
logische Gesetz, das bei Kant selbst allerdings nur exemplarisch und indi-
rekt artikuliert wird: Bei gleichbleibender logischer Form zweier Prädikatio-
nen kann das Verhältnis der Kontrarietät in das Verhältnis der Kontradiktorie-
tät übergehen und vice versa, wenn nur die vorausgesetzte Bestimmtheit des
Gegenstandes sich ändert vgl. Wolff 1986, 115, 118; ders. 1979, 341f; ders.
1981, 46, 167 . Laut Wolff 1986, 115, entzieht sogar Kants Theorie der dia-
lektischen

Opposition ... der traditionellen in der herkömmlichen Schullogik üb-
lichen Unterscheidungsweise zwischen den sogenannten konträren und kon-
tradiktorischen Begrien den Boden. Hegel mag für Wolff von Kant ab-
hängig sein, wenn er in B50 II256 anmahnt: als ob das, was k o n t r ä r ist,
- 114 -

nicht ebensosehr als k o n t r a d i k t o r i s c h bestimmt werden müÿte; vgl. a.


Wolff 1981, 102  .
Es ist jedoch die Frage, ob das von Wolff formulierte reexionslogische
Gesetz tatsächlich von Hegel auf dem Wege zu seinem dialektischen Wider-
spruch, so wie Wolff ihn versteht, benutzt worden sein kann. Es erheben sich
Bedenken.
Zunächst: Ein echtes kontradiktorisches Urteil, das einen dialektischen
oder objektiven Widerspruch sprachlich repräsentiert 
und das nicht logisch
falsch ist, ist nicht erst dadurch nicht logisch falsch, dass die vorausgesetzte
Bestimmtheit des Gegenstandes, dem der dialektische oder objektive Wider-
spruch zukommt, sich ändert. Es ist dem nicht so, dass das echte kontradikto-
rische Urteil etwa, das von einem bewegten Ding  aussagt, es sei im ZeitpunktT

am Ort L und nicht

am Ort L , zuerst logisch falsch ist und dann dadurch nicht
länger logisch falsch ist, dass die vorausgesetzte Bestimmtheit des bewegten
Dings sich ändert vgl. oben S. 111f; Wolff ebd., 33f.
Sodann: Ein echtes kontradiktorisches Urteil, das einen dialektischen 
 oder
objektiven Widerspruch sprachlich repräsentiert und das nicht logisch falsch

ist, ist nicht dadurch nicht logisch falsch, dass seine beiden Teilurteile, die es zu
einer Konjunktion verknüpft, im Verhältnis der Kontrarietät zueinander stehen.
Befänden sich seine beiden Teilurteile im Verhältnis der Kontrarietät zueinan-
der, dann wäre entweder ein jedes von ihnen falsch oder das eine von ihnen wäre
wahr und das andere falsch. In beiden Fällen wäre das echte kontradiktorische
Urteil, das ihre Konjunktion darstellt, falsch was doch nicht sein soll. Stünden
etwa die Urteile
Das bewegte Ding ist im Zeitpunkt T am Ort L
und
Das bewegte Ding ist im Zeitpunkt T nicht am Ort L
im Verhältnis der Kontrarietät zueinander, dann wäre mindestens eines von
ihnen falsch und das wäre dann auch das echte kontradiktorische Urteil, das sie
zu einer Konjunktion verknüpft.
Die vorgetragenen Bedenken lieÿen sich zu einem weiteren Bedenken zusam-
mennehmen: Es ist doch nicht so, dass ein echtes kontradiktorisches Urteil, das
einen dialektischen

 oder objektiven Widerspruch sprachlich repräsentiert, zu-
erst logisch falsch ist, weil seine beiden Teilurteile, die es zu einer Konjunktion
verknüpft, im Verhältnis der Kontradiktorietät zueinander stehen, dann aber
dadurch nicht länger logisch falsch ist, vielmehr von dem zur Frage stehenden
Gegenstand die Null aussagt, dass die vorausgesetzte Bestimmtheit dieses Ge-
genstandes sich ändert und die besagten Teilurteile schlieÿlich im Verhältnis
der Kontrarietät zueinander stehen. Das echte kontradiktorische Urteil
Das bewegte Ding ist im Zeitpunkt T am Ort L und nicht am Ort L
 
ist nicht zuerst logisch falsch, dann nicht logisch falsch, weil seine gerade er-
wähnten Teilurteile zuerst kontradiktorisch, dann aber aufgrund einer Änderung
der vorausgesetzten Bestimmtheit des bewegten Dings konträr entgegenge-
setzt wären.
Überhaupt ist anzumerken, dass das von Wolff aus Kants Theorie der
dialektischen Opposition extrahierte reexionslogische Gesetz kein Verhältnis
der Subkontrarietät kennt, obwohl doch gemäÿ dieser Kantischen Theorie, wie
Wolff ausführt, zwei Urteile sich unter Preisgabe oder Modikation der Vor-
aussetzung, daÿ über ein Ding an sich geurteilt wird, ihrem Inhalt nach aus
kontradiktorischen Urteilen in konträre o d e r subkonträre Urteile verwandeln
können vgl. die vorige Seite; Herv. von mir .
Ferner gilt es zu registrieren, dass die in Kants Theorie der dialektischen
Opposition verwendete Rede vom transzendentalen Schein in Wolffs ree-
xionslogischem Gesetz keine erkennbare Aufnahme ndet. Diese Rede taucht
schon in Wolffs oben erwähntem Kurzreferat nicht auf. Dabei heiÿt es in dem
Kantischen Satz aus KdrV, B 532f, an dem sich der letzte Satz des Wolffschen
Kurzreferats, auf den gerade Bezug genommen wurde, oenkundig orientiert:
- 115 -

Nehme ich aber diese Voraussetzung die Voraussetzung, daÿ die Welt ...
ein Ding an sich selbst sei o d e r d i e s e n t r a n s z e n d e n t a l e n S c h e i n
weg, und leugne, daÿ sie ein Ding an sich selbst sei gemeint ist die Welt ,
so verwandelt sich der kontradiktorische Widerstreit  ... in einen bloÿ dialekti-
schen vgl. Kant KdrV, ebd.; Herv. von mir .
Wolff ignoriert dennoch Kants transzendentalen Schein nicht einfach,

vgl. Wolff 1981 , 50. Ebendort zitiert er auch den angeführten Satz Kants.
3. Wolff glaubt gewisse Parallelen konstatieren zu können, welche die
Auffassungen des frühen Wittgenstein, was die Beziehung zwischen Tautolo-
gie und Kontradiktion

 anbelangt, zu Hegels Logik aufweisen vgl. Wolff 1981,
170 Fn. 2 . Wolff hat Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus 4.461 und
4.4611 im Auge.
In Tractatus 4.461 heiÿt es: Der Satz zeigt was er sagt, die Tautologie und
die Kontradiktion, daÿ sie nichts sagen.
Hegel ist nun tatsächlich der Ansicht, dass durch das identische Sprechen,
also durch das Aussprechen von Sätzen wie Ein Baum ist ein Baum 
 oder Eine
Panze ist  eine Panze,  N i c h t s gesagt ist vgl. W30f, 33 II29f, 32; Herv.
im Original 
. Für ihn ist auch klar, 
daÿ der Satz der Identität N i c h t s sage
vgl. W59 II58; vgl. oben S. 111 . Eine gewisse Parallele endet hier jedoch.
Nicht nur, weil Wittgensteins Tautologie und Kontradiktion, das sind der
Satz, der bedingungslos wahr ist, und der Satz, der unter keiner Bedingung
wahr ist, z e i g e n , dass sie

nichts sagen, sondern auch, weil sie b e i d e nichts
sagen vgl. Tractatus

ebd. . Das echte kontradiktorische Urteil, das ja ohnehin
nicht logisch falsch ist, sagt nicht schlechthin nichts aus, sondern sagt mehr,
nämlich das entwickelte 
Nichts und das ist die Null, aus vgl. Wolff ebd.,
156; vgl. oben S. 111 .
Tautologie und Kontradiktion, die nichts sagen, sind sinnlos vgl. Trac-

tatus ebd. . Sie sind aber deswegen, wie Tractatus 4.4611 fortführt, nicht unsin-
nig, sie gehören zum Symbolismus, und zwar ähnlich wie die 0 zum Symbo-
lismus der Arithmetik gehört. Tautologie u n d Kontradiktion werden hier
in Ähnlichkeit zur 0 gesetzt. Dagegen ist es allein das echte kontradiktorische
Urteil, das die Null aussagt. Sätze wie Ein Baum ist ein Baum oder Eine
Panze ist eine Panze sagen Nichts, aber sie sagen nicht noch mehr,
nämlich nicht noch das entwickelte Nichts oder die Null, aus. Eine gewisse
Parallele besteht zwischen Tautologie und Kontradiktion auf der einen und
dem echten kontradiktorischen Urteil auf der anderen Seite durch den Bezug
auf die 0 bzw. die Null.
Nicht auf eine Parallele, sondern auf eine Dierenz scheint Wolff den Blick
lenken zu wollen, wenn er sich auf Tractatus 4.462 bezieht. Dort heiÿt es: Tau-
tologie und Kontradiktion sind nicht Bilder der Wirklichkeit. Sie stellen keine
mögliche Sachlage dar. Denn jene läÿt jede mögliche Sachlage zu, diese keine.
Wolffs Zitat der Stelle in ders. 1981, 170 Fn. 2 lässt den mittleren Satz aus,
ohne dass es kenntlich gemacht wäre. Der Denn -Satz erscheint so als Begrün-
dung nicht für ihren zweiten, sondern für ihren ersten 
Satz. Vollständig wird die
Stelle in Wolff 1986, 128 Fn. 27 wiedergegeben. Während Tautologie und
Kontradiktion keine Bilder der Wirklichkeit sind, darauf mag Wolff hin-
aus wollen, repräsentiert das echte kontradiktorische Urteil, das allerdings auch
nicht logisch falsch ist, in der Sprache einen dialektischen oder 
objektiven
Widerspruch, der einem Gegenstand zukommt vgl. oben S. 110 .

Die Aufmerksamkeit in Wolff 1981 gilt abschlieÿend der aus Hegels Lehre
vom Widerspruch folgenden Ansicht, daÿ echte kontradiktorische Urteile eben-

sowenig wie Tautologien schlechthin falsch sein können vgl. Wolff ebd., 170 .
Wolffs Einspielung der Tautologien erstaunt: Wenn für die formale Logik
jedenfalls die Begrie des Tautologischen und des logisch Wahren gebräuchliche
Synonyme sind, vgl. ebd., dann sind Tautologien, als logisch wahr, anders
- 116 -

als echte kontradiktorische Urteile per se nicht schlechthin falsch. Und die

gebräuchliche Synonymität, war, soweit ich sehe, nicht in die Kritik geraten.
In der genannten Ansicht liegt genau ... der eigentliche Skandal der Hegel-

schen Logik vgl. ebd.; vgl. a. ebd., 31, 33; ders. 1986, 128 . Die Ansicht, daÿ
echte kontradiktorische Urteile nicht falsch sein müssen, fällt aus dem Rahmen

jeder gewöhnlichen Logik Wolff 1986, ebd. . Im Verbund mit ebendieser An-
sicht sieht Wolff sogar die Grundlagen der klassischen formalen Logik einem

Hegelschen Angri ausgesetzt vgl. Wolff 1981, 36 .
Trotzdem hält Wolff allem Anschein nach seinen Versuch nicht für ge-
scheitert, von Wielands hermeneutischer Hypothese daÿ in Hegels Logik
die klassische Logik weiter gilt gerade da Gebrauch zu machen, wo ihre An-
wendung auf die allergröÿten Schwierigkeiten stöÿt: in Hegels Lehre vom Wider-

spruch vgl. oben S. 108 . Es sei nicht möglich, so Wolff mit Bezug auf die
erwähnte Ansicht, sie einfach für einen formallogischen Fehler oder für einen
Verstoÿ gegen elementare Regeln der klassischen Logik zu halten vgl. ders. ebd.,

170 .

Für Vittorio Hösle 1987 wollen Hegelgegner wie E. v. Hartmann und
Popper Hegels System allein mit dem Hinweis widerlegen ... , daÿ seine Me-
thode die Dialektik den Satz des Widerspruchs verleugne vgl. Hösle ebd.,

156f . Diese Verleugnung, so argumentieren sie einstimmig, hebe die Mög-

lichkeit von Kritik auf vgl. ebd., 157 . Hösle gibt ihnen durchaus Recht darin,
dass eine Theorie, die den Satz des Widerspruchs leugnet und sich ... nicht
für widerlegt hält, wenn man ihr Selbstwidersprüche nachweist, jede Möglichkeit
von immanenter, d. h. sinnvoller Kritik aufhebt vgl. ebd.; vgl. oben S. 18 ,

24  . Theorien, die dies bestreiten, fährt Hösle fort, sind ... a priori als un-

wissenschaftlich und unsinnig abzulehnen ebd.; kursiv im Original . Verteidiger
der Dialektik, die dies nicht einräumen, müssen mit gröÿtem Argwohn betrachtet

werden ebd. . Zu solchen Verteidigern der Dialektik zählt Hösle Vulgär-
marxisten sowie Vertreter der kritischen Theorie. Aber auch unter Hegelia-
nern sei es häug üblich, die im Problem der Geltung des Widerspruchssatzes
steckenden Probleme zu überspielen mit einem Gestus der Geringschätzung,

der eher Hilflosigkeit als Überlegenheit oenbart. Vgl. ebd. Fn. 8. Der Nachweis
ist erfordert, dass Hegel jenen Satz den Satz des Widerspruchs nie
bestritten hat, der in der Tat Bedingung der Möglichkeit einer jeden sinnvollen

Kritik  ist vgl. Hösle ebd., 158, kursiv im Original; vgl. a. ders. ebd., 161 .
Es sei nun nicht schwer zu sehen, ndet Hösle, dass es  mindestens drei
Fassungen des Satzes vom Widerspruch gibt, von denen nur eine Bedingung
der Möglichkeit für Kritik ist, von denen die anderen aber sehr wohl konsistent

bestritten werden können vgl. ebd., 158 . Diese drei Fassungen sind der argu-
mentationslogische Satz vom Widerspruch, eine nicht mit einem Namen verse-
hene Fassung und der ontologische Satz vom Widerspruch. Hösle lässt nicht

erkennen, ob er sich auf Quellen bezieht und, wenn ja, auf welche.
Der argumentationslogische Satz vom Widerspruch ist derjenige Wider-
spruchssatz, der als Bedingung der Möglichkeit für Kritik ... unhintergehbar

gültig ist vgl. ebd. . Er lautet in allgemeinster Form: Eine Theorie ist sicher

dann falsch, wenn sie sich in Widersprüche verwickelt vgl. ebd. . Widersprüche
- 117 -

der gemeinten Art liegen dann vor, wenn eine Theorie etwas als wahr behauptet,
aus ihren Voraussetzungen aber zugleich folgt, daÿ diese Aussage falsch sein muÿ
 
oder jedenfalls einen anderen Wahrheitswert haben muÿ als wahr  vgl. ebd. .
Hösle nimmt, wie es scheinen will, einen Satz, nämlich den Satz, daÿ es keine
Wahrheit gebe, für eine Theorie, wenn er erläuternd sagt: So präsupponiert
etwa der Satz, daÿ es keine Wahrheit gebe, für sich selbst notwendig Wahrheit,

widerspricht sich also und ist somit falsch vgl. ebd. .
Die zweite Fassung des Satzes vom Widerspruch erklärt Sätze der Struktur

A und nicht-A für prinzipiell falsch vgl. ebd. . Dafür, dass auch diese Fassung
des Widerspruchssatzes eine Bedingung der Möglichkeit für Kritik darstellt,
mag man wie folgt argumentieren: Wenn Sätze der Struktur A und nicht-A
wahr sein können, dann sind auch die Sätze A und nicht-A wahr; d. h. aber:
Alle möglichen Aussagen über einen bestimmten Gegenstandsbereich sind wahr.

Damit ... ist Kritik ... unmöglich gemacht. Vgl. ebd.
Diese Argumentation gelte jedoch nur, wenn eine zweiwertige Logik sowie
die Denition der Partikel und im Sinne des traditionellen Konjunktionsope-

rators vorausgesetzt werde vgl. ebd. . Denkbar seien konsistente Kalküle,
so Hösle, in denen Sätze der Struktur A und nicht-A wahr sind, in denen
aber das und ... so deniert ist, daÿ aus dem Ausdruck A und nicht-A nicht
mehr die isolierten Bestimmungen A und nicht-A abgeleitet werden können
vgl. ebd., 158f; statt Bestimmungen müsste es wohl konsequenterweise Sät-

ze heiÿen . Bei einer umgangssprachlichen Interpretation solcher Kalküle werde
der Einwand unterlaufen, die Behauptung von Sätzen der Struktur A und

nicht-A sei gegen jede Form von Kritik immun vgl. ebd., 159 . Aus der Wahr-
heit solcher Sätze würde ja nicht die Wahrheit ihrer isolierten Teilsätze folgen

vgl. ebd. .

1. Bei einer umgangssprachlichen Interpretation von Kalkülen der angegebe-


nen Art, so scheint Hösle zu meinen, entele oensichtlich ... auch die Mög-
lichkeit zu zeigen, daÿ aus A ∧ non-A jeder beliebige Satz abgeleitet werden
könnte. Denn der Nerv von Poppers Beweis bestehe ja darin, daÿ zuerst A,
dann non-A isoliert werden, was nur bei dem üblichen Verständnis des Kon-
junktionsoperators legitim ist. Vgl. Hösle ebd. Fn. 10.
Mit dieser Angabe über den Nerv des Popperschen Beweises liegt Hösle
allerdings sicherlich falsch: Poppers Beweis nimmt seinen Ausgang nicht von
Sätzen der Struktur A ∧ non-A, sondern von two contradictory statements
bzw. einem couple

of contradictory statements von statements A und non-A
vgl. oben S. 25 . Aus diesem Grunde können parakonsistente Logiken, die dem
Ergebnis des Popperschen Beweises entgehen möchten, auch durchaus dar-
an festhalten, dass mit einer Konjunktion zweier Aussagen ebenso jede Einzelne
dieser konjunktiv verbundenen Aussagen ableitbar ist. So tun es jedenfalls die
parakonsistenten Logiken, die in Ja±kowski 1969 und den anderen,

oben S. 36
genannten Arbeiten 
vorgestellt werden: vgl. Ja±kowski 1969 , 152, Formel D2 6;
 
da Costa  1974 , 499, Formeln

4 und 5; Routley Meyer 1976 , 7; Rout-
ley 1979 , 307; da Costa Wolf 1980 , 196, Formeln 4 und 5. Im Übrigen ist in

dem von Ja±kowski 1969 oerierten System D2 zwar nicht aus Formeln A und
A, aber doch aus der Formel
A∧ A
 
jede beliebige in D2 korrekt gebildete Formel herleitbar vgl. oben S. 35f, 87f .
Auch bleibt in Ja±kowskis System D2 die Formel

A∧ A
- 118 -


in Geltung vgl. oben S. 35 , die man in Hösles zweiter Fassung des Wider-
spruchssatzes als umgangssprachlich interpretiert ansehen mag.
Hösle selbst hatte in seinem Referat von Poppers Beweis diesen denn
auch keineswegs bei Sätzen der Struktur A ∧ non-A ansetzen lassen. Popper
argumentiert folgendermaÿen, hieÿ es in Hösle ebd., 157 Fn. 7: Aus A folgt A
∨ B, aus non-A, das gleichzeitig wahr sein soll, und A ∨ B folgt aber B.
2. Die erste Fassung des Widerspruchsprinzips: Eine Theorie ist sicher dann
falsch, wenn sie sich in Widersprüche verwickelt ist oenbar allgemeiner  als die
zweite Fassung, die Sätze der Struktur A und nicht-A 
 für prinzipiell falsch
erklärt vgl. Hösle ebd., 158; kursiv im Original . Es scheint diese aus jener
zu folgen vgl. ebd. . Hösle hat in einer meines Erachtens unverständlichen 
Anknüpfung: Allerdings scheint diese aus jener zu folgen, kursiv von mir. Ich
habeden Eindruck, dass Hösle sagen möchte:
a Die erste Fassung des Widerspruchsprinzips ist nur dann tatsächlich all-
gemeiner als die zweite Fassung und die Letztere folgt nur dann tatsächlich
aus der Ersteren, wenn eine zweiwertige Logik sowie die Denition der Parti-
kel und im Sinne des traditionellen Konjunktionsoperators vorausgesetzt wird.
Dann ist ein Satz der Struktur A ∧ non-A prinzipiell falsch und stellt einen
Fall einer Theorie dar, die falsch ist, weil sie sich in Widersprüche

verwickelt.
Erneut

wäre ein Satz für eine Theorie genommen worden.
b Die erste Fassung des Widerspruchsprinzips ist nicht wirklich allgemei-
ner als die zweite Fassung und die Letztere folgt nicht wirklich aus der Ersteren,
wenn die zweiwertige Logik aufgegeben und die Denition der Partikel und
statt im Sinne des traditionellen Konjunktionsoperators in dem wie oben an-
gegebenen Sinne erfolgt. Ein Satz der Struktur A ∧ non-A ist dann wahr und
stellt keinen Fall einer Theorie dar, die falsch ist, weil sie sich in Wider-
sprüche verwickelt. Übersehen wäre wohl, dass die zweite Fassung des Wider-
spruchsprinzips, die Sätze der Struktur A und nicht-A für prinzipiell falsch
erklärt, ungültig geworden ist, wenn Sätze der Struktur A ∧ non-A wahr sind.
Überhaupt wäre es dann nicht mehr legitim, 
von einer zweiten Fassung des
W i d e r s p r u c h s prinzips zu sprechen.
Für Hösle ist klar, dass eine Logik, welche die Partikel und so deniert,
dass ein Satz der Struktur A ∧ non-A wahr ist, 
aber weder der Satz A noch der
Satz non-A aus ihm ableitbar ist,  mindestens drei Wahrheitswerte haben müÿ-
te vgl. Hösle ebd., 159 Fn. 9 . Hösle verweist auf Gotthard Günther
1976  , der einen dreiwertigen Kalkül zum Zwecke einer Deutung der dialekti-
schen Logik ausgebildet habe vgl. Hösle ebd.; vgl. a. ders. 
ebd., 272 . Der von
Hösle zugleich erteilte Verweis auf Dominique Dubarle André Doz 1972 ,
die einen weiteren Versuch einer Formalisierung der Dialektik vorlegten, darf
nicht zu dem Missverständnis führen, dass auch diese Autoren zum Zwecke ih-
res Versuchs

 eine mehrwertige Logik bemühten. Das tun sie nicht. Vgl. etwa
Dubarle Doz ebd., 148 .

Bei Hegel nden sich in der Tat gelegentlich Sätze der Struktur A und

non-A vgl. Hösle ebd., 159 . Ganz so, wie es wohl in einer umgangssprach-
lichen Interpretation von Kalkülen zu geschehen hätte, wie Hösle sie andeutet,
liest Hegel aber das und, das beide Teilsätze verbindet, derart, daÿ nur die

Verbindung der Teilsätze, nicht diese als isolierte wahr sind vgl. ebd. . Es sei
daher möglich, Hegels Behauptung derartiger Sätze ... als nicht unmittelbar

inkonsistent zu akzeptieren vgl. ebd. . Mit solchen Sätzen wird die Möglich-

keit von Kritik nicht ohne weiteres aufgehoben vgl. ebd. . Es kann hier nicht
weiter verfolgt werden, ob Sätze der Struktur A und non-A, die Hösle zufolge
gelegentlich bei Hegel auftreten, trotz der Abweichung vom traditionellen
Verständnis des und nicht doch dem Hegelschen Verdikt gegen das neben,
 
das auch sowie das und selbst unterliegen, vgl. etwa S143 I132, W27 II26,
- 119 -


B55 II261, Enz. ŸŸ20, 114. Gilt nicht für Sätze A und non-A, auch wenn sie Teil-

sätze eines Satzes der Struktur A und non-A sind, das, was Hegel in S82 I76

für die nicht durch ein und verbundenen Sätze
Sein und Nichts ist dasselbe
und
Sein und Nichts ist nicht dasselbe
sagt: dass sie den Inhalt nur in der Antinomie darstellen, während doch ihr Inhalt

sich auf ein und dasselbe bezieht?
Der ontologische Satz vom Widerspruch lautet: Es kann nichts geben, was

sich widerspricht vgl. Hösle ebd., 160 . Es sei leicht zu erkennen, so Hösle,
dass aus dem argumentationslogischen Satz vom Widerspruch die Falschheit
dieses ontologischen Satzes vom Widerspruch folgt: Wenn der argumentations-
logische Satz einen Sinn hat, dann muÿ er anwendbar sein, d. h. es muÿ Theorien

geben, die falsch sind, weil sie sich widersprechen vgl. ebd. . Der argumentati-
onslogische Satz vom Widerspruch: Eine Theorie ist sicher dann falsch, wenn sie
sich in Widersprüche verwickelt setzt allerdings nicht per se voraus, dass es über-
haupt Theorien gibt, die sich in Widersprüche verwickeln, wie mit Blick auf
einen möglicherweise von Hösle erweckten gegenteiligen Eindruck festgehalten

werden muss. Dass es Theorien gibt, die sich widersprechen, so verstehe ich
Hösle, sei trivial und der philosophischen Tradition durchaus geläug vgl.

ebd. . Hösle möchte nur an Kants Begri des nihil negativum eines selbst-

widersprüchlichen Begris  erinnern vgl. Hösle ebd. Fn. 13; vgl. Kant KdrV,

B 346 ; vgl. a. oben S. 112 . Sogar Begrie können also bei Hösle oenbar zu
Theorien werden.
Aus der Tatsache, dass es entgegen dem ontologischen Satz vom Wider-

spruch zumindest einiges Seiendes Theorien gibt, das sich widerspricht, folgt

jedoch keineswegs, dass sich alles widerspricht vgl. Hösle ebd., 161 . Denn
dann müsste der entsprechende Satz gemeint ist wohl der Satz:

Es gibt einiges Seiendes Theorien , das sich widerspricht
ebenfalls sich selbst widersprechen und somit aufgrund des argumentationslogi-

schen Widerspruchssatzes selbst falsch sein vgl. ebd. . Hösle zieht die Konse-
quenz: Es muÿ also zumindest eine Theorie geben ... , die beanspruchen muÿ,

sich nicht zu widersprechen vgl. ebd. . Der bloÿe Anspruch indes dürfte nicht
genügen, er müsste wohl auch zu Recht erhoben werden.

Hösle möchte nun zeigen, dass Hegel a die argumentationslogische Ver-

sion des Satzes vom Widerspruch akzeptiert und b die ontologische Fassung
dieses Satzes verwirft und d. h. der Überzeugung ist, daÿ es Seiendes gibt, das

sich widerspricht vgl. Hösle ebd. . Ist gezeigt, dass Hegel den argumentati-
onslogischen Satz vom Widerspruch akzeptiert, und das heiÿt, dass er von den
Fassungen des Satzes vom Widerspruch diejenige akzeptiert, welche die Be-
dingung der Möglichkeit für Kritik darstellt, dann ist der von Hegelgegnern wie
E. v. Hartmann und Popper unternommene Vorstoÿ abgewehrt, Hegel leug-
ne den Satz des Widerspruchs und hebe so die Möglichkeit von Kritik auf

vgl. oben S. 116 . Dieser Vorstoÿ zielte dann ins Leere.
Die zweite Fassung des Satzes vom Widerspruch erwähnt Hösle an dieser
- 120 -

Stelle nicht. Gemäÿ dem oben Gesagten könnte Hegel sie aber in Hösles Augen
genauso wie die dritte Fassung verwerfen: Die wenn auch nur gelegentlich bei
Hegel auftretenden Sätze der Struktur A und non-A werden von diesem nicht
als falsch, sondern aufgrund seiner Lesart des und als wahr angesehen vgl. oben

S. 118 .

Zu a : Daÿ Hegel den argumentationslogischen Satz vom Widerspruch akzep-
tiert, erhellt schon daraus, daÿ er ihn bei seinen Kritiken an anderen Philosophien

ständig voraussetzt Hösle ebd., 161 . Hösle verweist auf die Phänomenologie
des Geistes , in der Hegel Kants Moralphilosophie unter Verwendung eines
von Kant selbst stammenden Ausdrucks als ein g a n z e s N e s t gedanken-

loser Widersprüche apostrophiert vgl. Hösle ebd.; vgl. Ph405 434; vgl. KdrV,

B 637 . Schon Grégoire 1958 hatte ganz ähnlich argumentiert: Hegel ne man-
que pas ... de reprocher à ses adversaires de se contredire, vgl. Grégoire ebd.,
52, 87 Fn. 1; vgl. oben S. 74. Grégoire hatte auch schon neben einer Reihe
weiterer Belegstellen ebendiese Stelle aus der Phänomenologie des Geistes beige-

bracht, vgl. ders. ebd.
Überhaupt, schreibt Hösle, besteht Hegels Widerlegungsmethode in den
philosophie-historischen Vorlesungen darin, seinen Vorgängern Widersprüche

nachzuweisen Hösle ebd., 161f . Hösle beschränkt sich darauf, Hegels Be-
sprechung von Leibniz anzuführen, in der bei diesem der folgende, in sich un-
aufgelöste ... Widerspruch konstatiert wird: die eine substantielle Monade und
dann die vielen einzelnen Monaden, die selbständig sein sollen, deren Grund ist,
daÿ sie nicht in Beziehung aufeinander stehen vgl. GPhIII 249; vgl. Hösle ebd.,

162 . Wenn die Monas monadum, Gott, die absolute Substanz ist, so hört die

Substantialität der einzelnen Monaden auf GPhIII ebd. . Hösle erinnert fer-
ner an das gegen Ende der Hegelschen Leibniz-Besprechung erteilte Monitum,
Leibniz' Gott sei gleichsam die Gosse, worin alle die Widersprüche zusam-

menlaufen vgl. GPhIII 255; vgl. Hösle ebd. . Zu erwähnen wäre im Zusam-
menhang auch die in der Enzyklopädie , Ÿ194 Anm., vorgenommene Qualizierung

der Leibnizischen Philosophie als der vollständig entwickelte Widerspruch.
Hösle verweist schlieÿlich darauf, dass Hegel die Ausbildung der Metho-
de des Aufzeigens von Widersprüchen bei Zenon von Elea als bedeutende

philosophische Entdeckung anerkenne vgl. Hösle ebd. . Zenons Aufweisen von
Inkonsistenzen auf Seiten seiner Gegner bedeute für Hegel, den Krieg in Fein-

des Land spielen vgl. GPhI 303; vgl. Hösle ebd. . Und so vorzugehen, daran
tat Zenon recht, wie Hegel attestiert. Denn es gehe nicht an, wenn ein philo-
sophisches System das andere widerlegt, daÿ das erste zugrunde gelegt wird, man

aus diesem heraus gegen das andere kämpft vgl. GPhI 302 . Es gelte die Un-
wahrheit eines philosophischen Systems nicht durch ein anderes ... , sondern

an ihm selbst aufzuzeigen vgl. GPhI 
ebd. . Diese vernünftige Einsicht sehen
wir in Zenon erwachen vgl. ebd. . Alle Zitate aus GPhI nden sich auch bei

Hösle.

Zu b : Neben der Anerkennung des argumentationslogischen Satzes vom Wi-
derspruch belegen Hegels philosophiehistorische Vorlesungen seine Ansicht,

daÿ sich die meisten Philosophen widersprechen vgl. Hösle ebd. . Nach He-

gel gibt es also zumindest einige Entitäten philosophische Theorien , denen der

Widerspruch als objektive Bestimmung zukommt Hösle ebd. . Die gestellte
- 121 -

Aufgabe, zu zeigen, dass Hegel die ontologische Fassung des Satzes vom Wi-
derspruch verwirft und der Überzeugung ist, daÿ es Seiendes gibt, das sich
widerspricht, könnte damit als erfüllt angesehen werden. Doch Hegel vertritt
des Weiteren die sicher ungewöhnliche Auffassung, dass nicht nur Theorien,
sondern daÿ sich auch logische Kategorien und reale Gegenstände der natürlichen
und geistigen Welt widersprechen, ja daÿ sich (fast ) alles, was ist, widerspricht 

vgl. Hösle ebd., 162f; Kursivsetzung und Klammerung im Original . Hösle
beruft sich auf die von Hegel in seinem Todesjahr publizierte Ohlert-Rezension,
d i. auf die Rezension der Schrift über den Idealrealismus des Herbart-Schülers
Ohlert, der in dieser u. a. erklärt hatte, Widersprüchliches könne nicht existieren

vgl. Hösle ebd., 163 33. Hegel ebd. mahnt an: Jedes Verbrechen, wie jeder
Irrtum, überhaupt aber jedes endliche Sein und Denken ist ein Widerspruch; so
sehr, daÿ noch weiter sogar gesagt werden muÿ, daÿ es nichts gibt, in dem nicht
ein Widerspruch existiert

, der sich aber freilich ebensosehr aufhebt BS 473;
kursiv im Original .
Die von Hegel hier zum Ausdruck gebrachte Ansicht, dass sich alles wider-
spricht, ist allerdings, wie man gesehen habe, inkonsistent vgl. oben S. 119;

vgl. Hösle ebd. . Es muÿ zumindest etwas geben, das sich nicht widerspricht,
und das ist die wohl Hegelsche Theorie, die die Universalität des Wider-

spruchs vertritt vgl. Hösle ebd. . In der Tat, so behilft sich Hösle, läÿt sich
Hegels Satz, daÿ es nichts gebe, das sich nicht widerspreche, als kontextbedingte

Übersteigerung seiner Polemik gegen Ohlert deuten vgl. Hösle ebd. .

Dass Hösle im Zwiespalt ist, ob er Hegel den Satz


Alles widerspricht sich
oder nur den schwächeren Satz
Es gibt Seiendes, das sich widerspricht
zuschreiben soll, zeigt die gerade erwähnte, sich des eingeklammerten Modalad-
verbs fast bedienende Kompromissformel

Fast alles, was ist, widerspricht sich.
Hösle weiÿ sehr wohl, dass die These, daÿ sich alles widerspreche, bei
Hegel auch sonst anzutreen ist vgl. Hösle ebd. Fn. 17; kursiv im Origi-
 
nal . Hösle gibt die Stellen W59 II58,  A l l e D i n g e s i n d a n s i c h s e l b s t
w i d e r s p r e c h e n d , und W177 II171, Daher ist a l l e s ... ein Widersprechen-
des, an vgl. Hösle ebd.; Sperrungen im Hegelschen Original . Neben der Par-
allele zu der letzten Stelle in der Enzyklopädie Ÿ143 Anm. wäre weiter ebd. Ÿ89
Anm., aber auch ebd. Ÿ48 Anm. zu nennen. In Enz. Ÿ89 Anm. erklärt Hegel:
Es ist überall gar nichts, worin nicht der Widerspruch, d. i. entgegengesetzte
Bestimmungen aufgezeigt werden können und müssen. In ebd. Ÿ48 Anm. sagt
er, dass sich die Antinomie ... in allen Gegenständen aller Gattungen, in allen
Vorstellungen,
Begrien und Ideen bendet. Kursiv jeweils im Original. 
Vgl. a.
oben S. 3f. In der Wissenschaft der Logik mag man ferner W28 II27 anführen:
Es zeige die Betrachtung von allem, was ist, a n i h m selbst ... , daÿ es in seiner
Gleichheit mit sich sich ungleich und widersprechend ist.


33 Hösle folgt Rosenkranz 1844 , 405, wenn er Ohlert einen Herbart-
Schüler nennt. Ob Ohlert tatsächlich ein Schüler

Herbarts gewesen ist, ist
jedoch nicht ausgemacht. Vgl. Jaeschke 2003 , 306.
- 122 -

Eine der wichtigsten Neuerungen der Hegelschen Dialektik sei nun die Über-

tragung des argumentationslogischen Satzes vom Widerspruch von Theorien

auf Kategorien vgl. Hösle ebd., 172 . Wenn Hösle von Kategorien spricht,
meint er ganz in der Perspektive von Hegels Enzyklopädie , seinem Haupt-
werk, in dem sein endgültiges System niedergelegt ist, vgl. Hösle ebd., 28 Fn.
29, 58 Fn. 78, 153 alle von der absoluten Idee prinzipiierten Bestimmungen,
also die logischen wie die realphilosophischen, vgl. Hösle ebd., 54 Fn. 71, 172.
Hösle ist sich im Klaren darüber, dass der Gebrauch des Wortes Kategorie
bei Hegel selbst noch enger ist: Nur die Bestimmungen der objektiven, nicht
einmal die der subjektiven Logik nennt Hegel besonders in der Nürnberger Pro-
pädeutik Kategorien, vgl. Hösle ebd., 54, Fn. 71. Hösle verweist auf N124,
127 und 139. Allerdings nicht nur an einer Stelle wohl: der Nürnberger Pro-
pädeutik , nämlich an der Stelle N 192, sondern des Weiteren an der Stelle
N 164 schränkt Hegel den Terminus sogar auf die Bestimmungen der Seins-
logik ein, vgl. Hösle ebd. Diese eingeschränkte terminologische Regelung kennt
dann auch die Wissenschaft der Logik , vgl. neben der von Hösle noch erwähnten
  
Stelle W192 II186 die Stellen B23, 49, 239 II231, 256, 440. Der argumentati-
onslogische Satz vom Widerspruch, der für Theorien formuliert lautete: Eine
Theorie ist sicher dann falsch, wenn sie sich in Widersprüche verwickelt vgl.

oben S. 116 , lautet in der Übertragung auf Kategorien: Eine Kategorie, die

sich in sich widerspricht, ist unwahr vgl. Hösle ebd., 172 . Sehen wir einst-
weilen davon ab, was damit gemeint sein soll, dass eine Kategorie sich in sich
widerspricht und unwahr ist.
Der auf Kategorien übertragene argumentationslogische Satz vom Wider-
spruch bestimmt Hegels Argumentation wohl nicht nur diejenige der Logik,
sondern auch die der Realphilosophie, d. h. die des ganzen Systems vgl. Hös-

le ebd., 172, 188, 193, 196 . Hegel versuche, so Hösle, in den einzelnen Kate-
 
gorien der Logik wie der Realphilosophie, K. E. ... Widersprüche aufzudecken

vgl. ebd., 172 . Aus diesen Widersprüchen schlieÿt er dann in Anwendung des
argumentationslogischen Satzes vom Widerspruch auf die Falschheit der be-

treenden Kategorien vgl. ebd. . Eine Kategorie, in der ein Widerspruch
aufgedeckt wird und die so als falsch erhellt, zwingt zu einem Fortgehen zu

der nächsten vgl. ebd. . Immer wieder spitzt sich Hegels Argumentation zum
Nachweis einer Inkonsistenz zu ... , die den Umschlag in eine andere Kategorie be-

dingt vgl. ebd., 188 . Das Vorgehen endet, wenn eine Bestimmung erreicht ist,
die widerspruchsfrei ist bzw. in der kein Widerspruch mehr nachgewiesen werden

kann vgl. ebd., 196 . Eine so charakterisierte Bestimmung stellt die höchste
 
Kategorie dar vgl. ebd., 203, 206 , sie ist die absolute Idee vgl. ebd., 203 .
Was sich in Hegels Methode, die nur per Aufweis von Widersprüchen einen
weiteren Fortgang ermöglicht, als widerspruchslos erweist, muÿ ... als Letztes
und d. h. als absolut gelten, vgl. ebd., 165 Fn. 22. Im Anschluss an McTag-
gart 1910, 308f, gibt Hösle allerdings gegen Hegel zu bedenken, dass wir nie
sicher sein können, dass die als absolut fungierende letzte Bestimmung wirklich
die letzte ist. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Widerspruch in
ihr latent vorhanden ist und dieser später einmal entdeckt werden wird. Vgl.

Hösle ebd., 196.
Hösle beschreibt Hegels Argumentation als indirekten Beweis der abso-
- 123 -


luten Idee vgl. Hösle ebd., 183, 187 . Hegels Argumentation bestünde damit
nur aus e i n e m indirekten Beweis, nicht aus einer Abfolge indirekter Bewei-
se derart, dass die jeweils folgende Kategorie dadurch bewiesen wird, dass in
der vorhergehenden Kategorie ein Widerspruch aufgedeckt wird. Insbesondere
erfolgte der indirekte Beweis der absoluten Idee nicht allein dadurch, dass die
ihr vorhergehende Kategorie der Inkonsistenz überführt würde.
Wenn es nur eine einzige absolute Idee geben soll, darauf wäre hinzuweisen,
dann wird sie die höchste Kategorie des ganzen Systems sein und nicht mit
derjenigen Kategorie namens absolute Idee zusammenfallen, die das Ende der
Logik markiert.
Was soll nun damit gemeint sein, dass eine Kategorie sich in sich wider-
spricht und unwahr ist?
Gemäÿ Hegels Wahrheitsbegri, führt Hösle an, sei dasjenige wahr ... ,
was eine Übereinstimmung von Begri und Realität aufweise vgl. Hösle ebd.,

200f . Diese Denition könne jedoch nur in der Realphilosophie will of-
fenbar sagen: für realphilosophische Kategorien einen Sinn geben vgl. ebd.,

201 . Hösle unterstellt hier meinem Verständnis nach Begri und Realität
einer realphilosophischen Kategorie, deren Übereinstimmung die Wahrheit

dieser Kategorie ausmacht. Bei logischen Kategorien wird man sich hingegen
so ausdrücken, daÿ nur diejenige Kategorie im emphatischen Sinne wahr, also
widerspruchsfrei sei, die das explizit behauptet, was sie implizit präsupponiert 
ebd.; kursiv im Original .
Mir scheint, dass Hösle die Wahrheit einer logischen Kategorie im em-
phatischen Sinne so versteht, dass sie mit der Widerspruchsfreiheit dieser logi-
schen Kategorie zusammenfällt. Eine logische Kategorie wäre genau dann im
emphatischen Sinne wahr, wenn sie widerspruchsfrei ist. Entprechend wäre
wohl eine logische Kategorie genau dann mit Blick auf die emphatisch ver-
standene Wahrheit unwahr zu nennen, wenn sie sich in sich widerspricht.
Erklärlich würde, dass Hösle gar nicht erst die Unwahrheit, sondern gleich
den Widerspruch als ein Miÿverhältnis bestimmt, das zwischen Präsuppo-

niertem und explizite Ausgedrücktem vorliegt vgl. ebd., 198 . Der Fall könnte
nicht auftreten, dass eine logische Kategorie unwahr ist, d. h. n i c h t das
explizit behauptet, was sie implizit präsupponiert und in diesem Sinne ein Miÿ-
verhältnis der besagten Art aufweist, aber sich nicht in sich widerspricht. Die
Bestimmung der Unwahrheit wäre auch eine des Widerspruchs.
Der auf Kategorien übertragene argumentationslogische Satz vom Wider-
spruch: Eine Kategorie, die sich in sich widerspricht, ist unwahr wäre im Ge-
gensatz zu dem für Theorien formulierten argumentationslogischen Satz vom
Widerspruch in Restriktion auf logische Kategorien umkehrbar. Es gälte: Eine
logische Kategorie, die unwahr ist, widerspricht sich in sich. Man wird dagegen
nicht generell ansetzen, dass eine Theorie, die falsch ist, sich in Widersprüche
verwickelt.
Sollte Hösle auch für realphilosophische Kategorien eine emphatisch ver-
standene Wahrheit mit der Widerspruchsfreiheit dieser Kategorien in eins
setzen und eine realphilosophische Kategorie genau dann im emphatischen Sin-
ne wahr sein, wenn sie widerspruchsfrei ist, und genau dann mit Blick auf diese
emphatisch verstandene Wahrheit unwahr sein, wenn sie sich in sich wider-
- 124 -

spricht, dann wäre der auf Kategorien übertragene argumentationslogische


Satz vom Widerspruch nicht nur für logische, sondern auch für realphilosophi-
sche, und das heiÿt, für alle Kategorien umkehrbar. Es gälte: Eine Kategorie,
die unwahr ist, widerspricht sich in sich.
Der Widerspruch einer realphilosophischen Kategorie mag ganz so wie ihre
Unwahrheit darin liegen, dass sie der Übereinstimmung von Begri und Rea-
lität ermangelt. Der Widerspruch einer logischen Kategorie dürfte ganz so
wie ihre Unwahrheit darin liegen, dass sie ein Miÿverhältnis zwischen Präsup-
poniertem und explizite Ausgedrücktem aufweist.
Im Sinne eines solchen Miÿverhältnisses, erklärt Hösle, habe bereits Wie-

land 1973 die Art und Weise des Widerspruchs, der in den Kategorien Sein

und Nichts besteht, ... herausgearbeitet vgl. Hösle ebd., 198 . Man wird in-
sofern davon ausgehen können, dass Hösles Miÿverhältnis zwischen Präsup-
poniertem und explizite Ausgedrücktem genauso wie Wielands Diskrepanz
zwischen dem, was ein Begri i s t , und dem, was er m e i n t , also wie Wie-
lands von mir so genannte Begris-Diskrepanz, zu verstehen ist vgl. oben

S. 103f . Hösle hatte denn auch an einer früheren Stelle den Widerspruch der
logischen Kategorien in einer Wieland noch näher stehenden Formulierung als
zwischen dem  bestehend, was sie bedeuten und dem, was sie sind , angegeben;

vgl. Hösle ebd., 174, kursiv im Original.
Hösle geht darin über Wieland hinaus, dass er den Widerspruch prag-

matisch nennt vgl. Hösle ebd., 198 sowie den logischen Kategorien ein Be-
haupten zuschreibt. Wieland hatte die Rede von der pragmatischen Betrach-
tung verwendet, sie aber nur mit der Satz-Diskrepanz, nicht mit der Begris-

Diskrepanz in Verbindung gebracht vgl. oben S. 104 . Davon, dass die Be-
grie oder Kategorien der Wissenschaft der Logik etwas behaupten, hatte
Wieland nicht gesprochen. Hösle scheint logische Kategorien solche Sätze
behaupten zu lassen, in denen sie von Allem ausgesagt werden, so wenigstens
die logische Kategorie der Endlichkeit den Satz Alles ist endlich vgl. ders.

ebd., 168, 174 .
Hösle schlieÿt sich, wie es den Anschein hat, uneingeschränkt Wielands
Urteil an, es sei eine Beziehung, wie sie zwischen Elementen von Satzpaaren
von der Form p und  --p besteht, in der Tat niemals gemeint, wenn Hegel
in spekulativen Zusammenhängen von Widerspruch redet vgl. Hösle ebd.,

198  .

Die Stellen, die Hösle angibt, um zu belegen, dass gemäÿ Hegels Wahr-
heitsbegri dasjenige wahr sei, was eine Übereinstimmung

von Begri und
Realität

aufweise es handelt sich um die
Stellen Ph65 70f, B206f II409f und
B296 II496 vgl. Hösle ebd., 201 Fn. 85 kennen mit Bezug auf Begri und
Realität die Rede von der Übereinstimmung nicht. An der Stelle aus der Einlei-
tung in die Phänomenologie des Geistes geht es darum zuzusehen, ob der Begri
dem Gegenstande entspricht bzw. ob der Gegenstand seinem Begri entspricht.
In der Passage aus dem Einführungsteil des begrislogischen Abschnitts über die
Idee ist von der Einheit des Begris und der Objektivität, von der Einheit
des Begris und der Realität oder von der Einheit von Begri und Realität
die Rede. Auch die Stelle aus dem Schlusskapitel der Wissenschaft der Logik ap-
pliziert auf Begri und Realität die Rede von der Einheit jedenfalls kann
man die Stelle so verstehen.
- 125 -

Von einer Übereinstimmung des Begris und der Realität spricht Hegel
zu Beginn seiner Ausführungen über das Urteil des Daseins: Das Urteil, das
ebendiese Übereinstimmung

 ist, ist W a h r h e i t, vgl. B66 II272 Sperrung
im Original . Zuvor hatte Hegel in der Anmerkung zu Der besondere Be-
gri die  I d e e  als

die Übereinstimmung des  Begris mit der Realität an-
gegeben, vgl. B48 II254 Sperrung im Original . Im Vorspann zur Begrislo-
gik Vom Begri im Allgemeinen werden im Kontext einer Kant-Kritik die
D i n g e a n s i c h, die nicht mit dem Vernunftbegri, der Begri, der nicht mit
der Realität, eine Realität, die nicht mit dem Begri in Übereinstimmung ist, als
u n w a h r e V o r s t e l l u n g e n bezeichnet, vgl. B24 II232 Sperrungen im Ori-

ginal . Gegen Ende dieses Vorspanns taucht die Wendung von 
der Übereinstim-
mung des Begris und seines Gegenstandes auf, vgl. 
B26 II234. Vergleichba-

re Wendungen

nden sich ferner an den Stellen B97 II302 und B256 II457. In
B207 II409 kennt Hegel die Kongruenz des Begris und der Realität.
Dennoch dürfte zumindest der Hegel der Wissenschaft der Logik im Gros
der Fälle, in denen er das Wahre oder 
die Idee bestimmt die Idee ist ...

das W a h r e a l s s o l c h e s  B205 II407, Sperrung im Original , die Rede
von der Einheit, vom Entsprechen oder vom Angemessensein verwenden.
Die Formeln von der Einheit 
des Begris und der Realität von der Einheit
von Begri und Realität , von der dem Begri entsprechenden Realität oder
der dem Begri angemessenen Realität kommen zum Zwecke der angegebenen
Bestimmungsleistung etwa an den folgenden Stellen respektive zum Einsatz die
von Hösle genannten Stellen 
der Begrislogik benden sich darunter : B17, 
207f,
216, 239, 263, 296, 305 II225, 409f, 418, 440, 464, 496, 505; B207f, 238 II409f,
439 und B24 
II231.
In B206 II408 wird die Idee als die Einheit des Begris und der Objektivi-
tät bestimmt, wie dies überhaupt die Enzyklopädie in den ŸŸ 162, 213 und 231
Anm. tut. Die Anmerkung des Ÿ213 legt ferner die Wahrheit darein, dass die
Objektivität dem Begrie entspricht. Für die Seinslogik ist die Idee einmal
die Einheit des Begris und der Wirklichkeit, vgl. S116 I108. Die Formeln von
der dem Begri entsprechenden bzw. der dem Begri angemessenen Realität
und Abwandlungen dieser Formeln, in denen an die Stelle der Realität die Ob-
jektivität, die Wirklichkeit, der Gegenstand u. a. treten, erscheinen auch
losgelöst vom Bezug auf das Wahre oder die Idee  die ganze Begrislogik hin-
durch, vgl. B30, 43f, 77, 97, 216, 251, 255, 
276, 286 II237, 250, 283, 301f, 417,
452, 456, 476f, 486. Vgl. aber auch W142 II138 und Enzyklopädie Ÿ386. Es kann
dem hier nicht nachgegangen werden, inwiefern sich hinter der von Hegel auf-
gebotenen terminologischen Vielfalt tatsächlich eine sachliche Einheit in der Be-
stimmung des Wahren oder der Idee verbirgt. Im Übrigen mag es lohnend 
sein, nach Quellen von Hegel 
s unterschiedlichen Redeweisen zu suchen.
Bereits Wieland 1973 rekurrierte auf die beiden von Hösle zitierten
Enzyklopädie -Stellen, an denen von der Übereinstimmung eines Gegenstandes
mit unserer Vorstellung und der Übereinstimmung eines Inhalts mit 
sich selbst
die Rede ist vgl. Hösle ebd., 200; vgl. Wieland ebd., 211 Anm. 5 . Beide Stel-
len entstammen allerdings einem der nicht von Hegel selbst in die Enzyklopädie
eingetragenen Zusätze, dem zweiten Zusatz des Ÿ24. Sie sind daher nur von ein-
geschränktem Wert. Auch die anderen von Hösle im Kontext angeführten Enzy-
klopädie -Stellen

sind solchen Zusätzen entnommen vgl. Hösle ebd., 200 Fn. 83;
201 Fn. 85 . Auÿerdem muss an Hegels deutliche Kontrastierung 
von Begrien
und Vorstellungen erinnert werden. Vgl. etwa nur B154 II357.
Die von Hösle genannte Stelle aus den Nürnberger Schriften, Philosophische
Enzyklopädie für die Oberklasse

(1808  ), Ÿ168, die schon der von Hösle erwähn-
te Theunissen 1975 herangezogen hatte, hebt in erster Linie auf das seinem
Begri nicht Entsprechende bzw. auf das, was seinem Begri nicht angemessen 

ist, ab vgl. Hösle ebd., 201 Fn. 85; vgl. Theunissen ebd., 348; vgl. N54f . Die
Rede von der Übereinstimmung ist nachgeordnet. Eine Bestimmung der Wahr-
heit als Übereinstimmung des Begris mit seiner Gegenständlichkeit bietet
die von Theunissen ebenfalls ins Spiel gebrachte Stelle Begrislehre für die
- 126 -

 
Oberklasse (1809 10 ), Ÿ13 vgl. Theunissen

ebd.,

338; vgl. N142f . Dieser Ÿ13
der Begrislehre

setzt sich aus Ÿ64

96 und Ÿ65 97 der Logik für die Mittelklasse
(1808 09 ) zusammen, vgl. N105.
Theunissen legt dezidiert Einspruch dagegen ein dies soll hier noch ver-
merkt werden , dass Widerspruch bei Hegel ein Synonym für Nichtent-
sprechung sei; der Widerspruch des Endlichen, zu dem wohl auch Hegels
Kategorien gehören dürften, sofern sie endliche sind, vgl. Hösle ebd., 210,
beruht nicht ... darauf, daÿ die endliche Realität ihrem Begri unangemessen
 
wäre vgl. Theunissen ebd., 339f . Theunissen stützt sich dabei auf B207
II409, verweist aber auch auf den erwähnten Ÿ168 der Philosophischen Enzy-
klopädie vgl. ders. ebd., 339, 348 . Soweit Hegels eigene Äuÿerungen in die-
se Richtung weisen, so Theunissen, sind sie durch die These zu berichtigen:
Widersprüchlich ist das Endliche, weil seine Realität dem
Begri entspricht und
zugleich nicht entspricht vgl. Theunissen ebd., 340 . Der Widerspruch des
Endlichen unterscheidet sich jedoch von dem, den Aristoteles für unmöglich er-
klärt, im wesentlichsten Punkt: Was dem Endlichen zukommt und 
was ihm nicht
zukommt, ist keineswegs dasselbe vgl. Theunissen ebd., 348 . Die Entspre-
chung, die ihm zuzusprechen ist, hat wie hier nicht weiter verfolgt werden
muss einen anderen Sinn als die, welche ihm abgesprochen werden muÿ ebd. .
Vgl. a. oben S. 106 . Theunissen mag eine Quelle der Hegelschen Redeweise
von der Übereinstimmung des Begris und der Realität in der adaequatio rei
et intellectus sehen, die für Thomas von  Aquin, Quaestiones disputatae de
veritate, q. 1, a. 1, die Wahrheit veritas ausmacht. Vgl. Theunissen ebd.,
324f, 356 Anm. 1. Für Theunissen mag auch Hegels Rede vom Entsprechen
auf Thomas ebd. zurückverweisen. Fasst Hegel doch, so Theunissen, Tho-
mas' adaequatio als Entsprechung wodurch er die adaequatio auf den
Grund zurückführt,

aus dem Thomas sie entwickelt. Vgl. Theunissen ebd.,
357 Anm. 3.

Daniel Brauer 1988 widmet sich der relación entre el principio de no-
contradicción en Aristóteles y el sentido que le da Hegel al término contradic-

ción vgl. Brauer ebd., 323 . Aus der umfangreichen Literatur zum Thema
 
möchte Brauer vor allem Berti Hrsg. 1977 herausheben. Mit Blick allein auf
Hegel wird Grégoire 1958 eigens erwähnt. Vgl. Brauer ebd. Fn. 1; vgl. oben

S. 14f, 71 . Brauers Ziel ist es u. A., zu zeigen, dass Hegels teoría de la con-
tradicción ... no es incompatible con el axioma aristotélico vgl. Brauer ebd.,

325f .

Brauer gesteht Šukasiewicz 1979 zu, dass man, was das aristotelische
principio de no-contradicción angeht, una versión ontológica, una psicológica y

una lógica unterscheiden könne vgl. Brauer ebd., 326; vgl. oben S. 6, 89 . Die
von Šukasiewicz ausgemachten verschiedenen Versionen des aristotelischen
Nichtwiderspruchs-Prinzips nden sich respektive in Met. 1005b 19f, 1005b 23f

und 1011b 13f; vgl. Šukasiewicz ebd., 31.
Šukasiewicz sei aber entgangen, dass ganz gleich, welchen Status Aristo-
teles diesem axioma verliehen habe, su pensamiento acerca de él se orienta
por la forma lingüística, apofántica, que asume vgl. Brauer ebd., 327; kur-

siv im Original . En efecto, so Brauer ebd., el principio dice: no es posible
que B pertenezca a A y que no pertenezca a A, lo que equivale a armar B de

A y a negar B de A sic! . Ich verstehe, indem ich mit dem kursiv Gesetzten
über das Original hinausgehe: In der Tat besagt das Prinzip: es ist nicht möglich,
dass B A zukommt und A nicht zukommt, was bedeutet, dass es nicht möglich ist,
- 127 -


B von A zu bejahen und B von A zu verneinen 34. Das principio behauptet die
imposibilidad de la conjunción de una armación y una negación opuestas  vgl.

Brauer ebd.; kursiv im Original . Das aristotelische principio mag in Brau-
ers Präsentation insofern eine forma lingüística oder apofántica annehmen,
als es dort unter Bezugnahme auf den Unterschied zwischen dem objeto de qué
 
se habla A und lo qué se dice de él B formuliert erscheint armar B de

A, negar B de A , so also Bejahung wie Verneinung als eine relación ...
entre dos elementos, un sujeto y un predicado, berücksichtigt werden vgl. ebd.,

332, 327 .

Oenbar um seine Auffassung des aristotelischen Nichtwiderspruchs-Prin-


zips zu stützen, verweist Brauer auf De int., 17a 30 --35, und An. Pr. I,
Kap. 46.
In De int. ebd. wird allerdings kein Nichtwiderspruchs-Prinzip vorgebracht.
einander entgegengesetzt sind, ein Widerspruch 
 sein sollen êw ‚ntÐfa s
Aristoteles legt hier fest, dass eine Bejahung und eine Verneinung, die

toÜto, katˆfa s kaÈ ‚pìfa s aÉ ‚ntikeÐmenai . Eine Bejahung und eine Ver-

‚ntikeØ
ai t˜n toÜ aÎtoÜ katà toÜ aÎtoÜ
etwas bejaht, was die letztere von ihm  demselben
. Vgl. hierzu auch
lègw dè
neinung sollen dabei entgegengesetzt heiÿen, wenn die erstere dasselbe von
verneint
Weidemann, Ari-

stoteles. Peri Hermeneias, 8, 200. Die Bejahung des B von A und die Vernei-
nung des B von A stellten somit einen Widerspruch dar.
In An. Pr. I, Kap. 46, wird Brauer auf 51b 20  abheben wollen. Es heiÿt
dort, wobei man wohl fˆ s‰ma tÄkatˆfa s
Ípˆrqou n aÉ ‚ntikeÐmenai wie
aÎtÄ nehmen darf: fˆ s kaÈ ‚pìfa s oÎq
Bejahung und Verneinung, die entge-

gengesetzt sind, gelten nicht zugleich von demselben 35. Als Beispiele für eine

dÔnatai badÐzein oÎ dÔnatai badÐzein


Bejahung und Verneinung, die entgegengesetzt sind, gibt Aristoteles hier
u. a.   und
und er sie es vermag nicht, zu gehen.

 
an, er sie es vermag zu gehen

Die Formulierung aus An. Pr. 51b 20  ist praktisch gleichwertig mit der von
m˜ eÚnai ‚lhjeØs ‰ma tàs ‚ntikeimènas

m˜ fˆis‚lhjeØs
Šukasiewicz so genannten logischen Version des Nichtwiderspruchs-Prinzips
in Met. 1011b 13f:
eÚnai Die entgegen-

dem oÎq Ípˆrqou n


gesetzten Aussagen sind nicht zugleich wahr . Das entspricht
. Die Bejahung des B von A und die Verneinung des B
von A, die gemäÿ De Int. einen Widerspruch bilden, können keine gemeinsame
Geltung beanspruchen.
Es wird meines Erachtens bei Brauer nicht klar, ob er bereits bei Aristote-
les selbst das principio de no-contradicción eine forma lingüística, apofántica
annehmen sieht oder ob er der Meinung ist, dass erst seine eigene Präsentation
diesem principio eine solche forma verleiht.

Brauer möchte darauf aufmerksam machen, dass no atribuir un predicado



und atribuir un predicado negado zweierlei sind vgl. ders. ebd., 327 . Die fór-
mula aristotélica de la contradicción laute nicht
A es B y A es --B,

34 Ich übersetze Brauers pertenecer mit zukommen im Hinblick darauf, dass


es in Brauers spanischer Fassung von Met. 1005b 19f Šukasiewicz' ontolo-
gischer Version des Nichtwiderspruchs-Prinzips das aristotelische
übersetzt; vgl. Brauer ebd., 326.
Ípˆrqein
35 Das Verb Ípˆrqein wird hier von Aristoteles in einem anderen Sinn ver-
wendet als in der ontologischen Version in Met. 1005b 19f.
- 128 -

sondern
A es B y A no es B

vgl. ebd. . Die negierten Prädikate, beispielsweise das Prädikat Nicht-Mensch,

hätten für Aristoteles keinen eigenständigen Sinn vgl. Brauer ebd. . Sie be-
zeichneten vielmehr eine heterogene Gesamtheit von Elementen, die keine De-
nition zulieÿen, so dass sie sich für Aristoteles als indenidos erwiesen vgl.

ebd. . Brauer bezieht sich hier auf De int. 16a 29 , wo Aristoteles den Aus-
druck oÎk Šnjrwpos


Nicht-Mensch als

înoma ‚ìrion unbestimmtes No-
men fasst vgl. Brauer ebd. . Was die aristotelische Widerspruchs-Formel
anbetrit, gelangt man gerade von De Int. aus zu einem anderen Urteil als Brau-
er, wenn man Weidemann ebd., 46f, folgt, der im Anschluss an Marion So-
reth 1972 geltend macht, dass in De Int., Kap. 10, die Verneinung eines niten
Prädikats ist nicht P und die Bejahung des entsprechenden inniten Prädikats


ist nicht--P logisch gleichwertig sind; vgl. a. Weidemann ebd., 335. Die logi-


sche Gleichwertigkeit von


A no es B
und
A es --B
zöge aber die logische Gleichwertigkeit der beiden vorhin genannten Formeln nach
sich, so dass neben deren Letzterer auch deren Erstere als aristotelische Wider-

spruchs-Formel geführt werden könnte.
Brauer scheint mir nun drei Argumente unterschiedlichen Gewichts dafür
vorzubringen, dass Hegels Theorie des Widerspruchs mit dem aristotelischen
Nichtwiderspruchs-Prinzip nicht unverträglich ist. Diese Argumente seien im
Folgenden vorgetragen.

G
1 Der einzige Kommentar Hegels zu Aristoteles Met. 3--6 es han-
delt sich um die Metaphysik -Kapitel, die das Nichtwiderspruchs-Prinzip zum
Thema haben und denen Šukasiewicz dessen verschiedene Versionen ent-
nimmt , nde sich in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie in
deren Ausführungen zu Aristoteles und falle positiv aus vgl. Brauer ebd.,

332 . Gemeint ist ein Passus in GPhII 153, auf den sich auch schon Berti be-

zogen hatte, vgl. oben S. 14. Hegel verstehe dort Aristoteles so, dass dieser
mit dem Nichtwiderspruchs-Prinzip Kritik an Heraklit übe, und er gebe

Aristoteles Recht vgl. Brauer ebd. .

2 Hegel behandelt das principio de contradicción gemeint ist der von
 
Hegel so genannte Satz des Widerspruchs W32 II31 nicht im Zusam-
menhang seiner Ausführungen zum Widerspruch , sondern bezeichnenderwei-
 

se im Zusammenhang seiner Ausführungen zur Identität vgl. Brauer ebd. .
El principio de contradicción es considerado como la version negativa del de
identitad Brauer spielt hier auf die gerade erwähnte Stelle der Wesenslo-
gik an, die den Satz des Widerspruchs als den anderen Ausdruck des Satzes
der Identität angibt vgl. Brauer ebd., 332f; kursiv im Original . Oenkun-
dig ziele Hegel nicht auf das Nichtwiderspruchs-Prinzip des Aristoteles,
sondern auf die leyes del pensamiento de la metafísica de Leibniz-Wol vgl.

Brauer ebd. . Von Denkgesetzen spricht Hegel im Kontext ausdrücklich,
 
vgl. W26, 33 II24, 32; vgl. a. Enz. Ÿ115 Anm.
- 129 -

Weder der Satz der Identität,


A = A,
noch der Satz des Widerspruchs,
A no puede ser a la vez A y --A
Brauers spanische Fassung des Hegelschen A kann nicht zugleich A und
 
Nicht--A sein, vgl. W32 II31 , können überhaupt aristotelisch sein.
Identität meine bei Aristoteles stets eine Beziehung zwischen Substanzen

und nicht innerhalb von Substanzen vgl. Brauer ebd., 333 . La función de la
moderna identitad

la cumple en Aristóteles el concepto de lo )uno( ebd.; kursiv
im Original .
Überdies sei die Gleichung A = A nicht am Satz orientiert. Die mathematische
Gleichheit unterlaufe die für Aristoteles fundamentale Unterscheidung von
Subjekt und Prädikat. Vgl. Brauer ebd.; dazu, dass man die Formel A = A
in der Tat nur schwerlich als aristotelisch ansehen kann, vgl. das oben S. 79f zu

Schwarz Ausgeführte.
Die Gültigkeit des Satzes der Identität und der Satz des Widerspruchs ist
lediglich sein anderer Ausdruck werde im Übrigen von Hegel zwar kritisiert,

aber nicht in Zweifel gezogen vgl. Brauer ebd. .
Hegels Satz des Widerspruchs unterscheide sich in zweifacher Hinsicht ent-
scheidend vom aristotelischen Nichtwiderspruchs-Prinzip: Er kenne keine gleich-
zeitige unión de una armación y una negación bezüglich desselben Subjekts,
dafür aber in Verwendung eines negierten Prädikats eine oposición de

términos contradictorios: A y --A vgl. Brauer ebd. .

3 Es sei auf das Antinomie -Verständnis Kants abgestellt, wenn es in
Hegels Dierenzschrift heiÿt, dass die Antinomie, der sich selbst aufheben-
de Widerspruch, der höchste formelle Ausdruck des Wissens und der Wahrheit

ist vgl. Brauer ebd., 333f; vgl. a. ders. 1995, 103; vgl. D28 . Das Sich-selbst-

Aufheben wird von Brauer in der Folge allerdings nicht weiter berücksichtigt.
 
La antinomia kantiana, K. E. y no la contradicción de Aristóteles es el para-

digma de la dialéctica hegeliana Brauer 1988, ebd.; kursiv im Original .
Kants Antinomie sei keine conjunción de armación y negación A es B,

A no es B , sondern eine unión de un )juicio armativo( (A es B ) y un )juicio
innito( (A es --B ), por ejemplo: el mundo es nito
y el mundo es in nito vgl.
Brauer ebd., 333; Kursivsetzungen im Original . Brauers Beispiel Die Welt
ist endlich und die Welt ist un endlich bezieht sich auf Kants ersten Wider-
streit der transzendentalen Ideen, d. i., mit der Erstauflage der Kritik der reinen

Vernunft gesprochen, auf die erste Antinomie; vgl. KdrV, B 454 , 532f, A 430.
Hegel entferne jedoch aus der fórmula kantiana de la antinomia das Subjekt

und ersetze es durch eines der Prädikate vgl. Brauer ebd., 334 . La fórmula
de Hegel laute dann
B es --B
bzw., wenn keine Unklarheit darüber besteht, dass Prädikate gemeint sind,
A es --A
- 130 -


vgl. Brauer ebd. . Brauer äuÿert sich nicht dazu, ob diese Formel Hegels
noch mit dem Satz des Widerspruchs vereinbar ist, der, da er doch lediglich
der andere Ausdruck des Satzes der Identität ist, von Hegel genausowenig in

Zweifel gezogen werden dürfte wie dieser. Se trata de saber, para retomar el
ejemplo de Kant, no si el mundo es nito o innito, sino ante todo qué es la

nitud y la innitud ebd. . Es seien die Denkbestimmungen, so Hegel in
kritischer Wendung gegen Kant, die Brauer hier vor Augen haben wird, nicht
in ihrer Anwendung und Vermischung mit der Vorstellung der Welt, des Raums,
der Zeit, der Materie usf. zu nehmen, sondern rein für sich zu betrachten, in-

dem sie allein das Wesen und den Grund der Antinomien ausmachen vgl. S199

I184 . Es sei die Antinomie in den Begrien selbst aufzufassen, es könnten so

viele Antinomien aufgestellt werden, als sich Begrie ergeben vgl. ebd. .
In der Formel Hegels werden dabei A und --A zu términos que se comple-
mentan, a la vez que se excluyen: sie werden el ser y la nada, lo esencial y
lo in esencial, la identidad y la diferencia, lo universal y lo particular, etc. vgl.

Brauer ebd.; Kursivsetzung im Original . Im Zusammenhang mit Brauers

zweitem Argument waren A und --A als términos contradictorios aufgetreten.
Hegel behaupte dann zu Beginn der Wissenschaft der Logik , que el ser es

lo mismo que la nada vgl. Brauer ebd. . Dass Hegel damit nicht behaup-

te, que el ser es el ser y no es el ser vgl. Brauer ebd. , soll wohl besagen:
Hegel behauptet eine Antinomie der Form A ist --A, nämlich den Satz

Das Sein ist dasselbe wie das Nichts.
Er behauptet aber damit keine Konjunktion, die aus einer Bejahung der Form
A ist B und einer Verneinung der Form A ist nicht B gebildet ist, nämlich
nicht die Konjunktion der Sätze
Das Sein ist das Sein
und
Das Sein ist nicht das Sein
wenngleich diese Sätze genau genommen von der Form A ist A und A ist

nicht A sind also auch keinen Widerspruch im Sinne der aristotelischen

Widerspruchs-Formel vgl. a. Brauer ebd., 334f .

Und Brauer 1986 jedenfalls hält dafür, dass das erste Kapitel der Wissen-
schaft der Logik no constituye una excepción sino el paradigma de la estructura
de la argumentación del libro, wenn diese Argumentationsstruktur auch in der
Wesens- und der Begrislogik

an Komplexität zunehme vgl. ders. ebd., 303 Fn. 3;
kursiv im Original .
Auch Hegels Lehre, dass sich etwas nur bewegt, indem es in einem und
 
demselben Itzt hier und nicht hier ist vgl. W61 II59 , bemühe keinen Wider-
spruch im Sinne der aristotelischen Widerspruchs-Formel vgl. Brauer ebd.,

337 . Nur scheinbar, so verstehe ich, habe man es mit einer Konjunktion der Form
A ist B und A ist nicht B, nämlich mit den Sätzen etwa

Der Gegenstand g ist jetzt hier


und
Der Gegenstand g ist jetzt nicht hier
- 131 -

zu tun. Eine Verneinung, die ein Satz der Form A ist nicht B wäre, sei nicht
im Spiel. Hegels nicht hier meine in einem anderen Hier, so dass man es mit
Sätzen wie
Der Gegenstand g ist jetzt in diesem Hier
und
Der Gegenstand g ist jetzt in einem anderen Hier,
also mit einer Konjunktion der Form A ist B und A ist --B, und das ist: mit ei-
 
ner Kantischen Antinomie, zu tun habe. Vgl. Brauer ebd. Brauer lehnte
wohl gemeinsam mit Erdei die von Šukasiewicz, Narski und Wolff einge-
nommene Position ab, dass die Bewegung, wenn sie so wie in der erwähnten Lehre
Hegels verstanden wird, nur im Rückgri auf kontradiktorisch entgegengesetzte

Sätze erklärt werden kann vgl. oben S. 111f .
Brauer bekräftigt abschlieÿend mit Bezug auf die Hegelsche teoría de
la contradicción: lo cierto es que ella no contradice al axioma apofántico de

Aristóteles vgl. Brauer ebd., 336 . Die Vereinbarkeit von Hegels Wider-

spruchs-Theorie mit dem aristotelischen Axiom ndet sich in Brauer 1995
auch so ausgedrückt: Ein Widerspruch im Sinne eines Verhältnisses einer po-
sitiven und einer negativen Aussage, die sich unter dem gleichen Gesichtspunkt
auf dasselbe Subjekt und Prädikat beziehen, kann für Hegel genau sowenig wie für
ARISTOTELES

etwas Realem entsprechen Brauer ebd., 101; Kursivsetzung im
Original .
Brauer teilt mit Berti die Ansicht, dass Hegel, wenn er von einem Satz
der Identität und einem Satz des Widerspruchs spricht und den Ersteren mit
A=A
und den Letzteren mit
A kann nicht zugleich A und Nicht--A sein
angibt, nicht Aristoteles, sondern Leibniz und Wolff bzw. die vorkantische
formale Logik im Blick hat vgl. oben S. 14f; vgl. a. Berti 1977a, 19f; ders. 1981,

372 . Für Berti hat Hegel darüberhinaus nicht zuletzt auch die kantische for-

male Logik selbst im Blick; vgl. oben ebd. Und so wie Berti oen lässt, wo
der Satz der Identität und der Satz des Widerspruchs, wie Hegel sie angibt,

in der vorkantischen formalen Logik zu verorten wären vgl. oben S. 14 , so
gibt auch Brauer keine Auskunft darüber, wo diese Denkgesetze der Meta-
physik von Leibniz-Wol, wie sie von Hegel angegeben werden, in ebendieser
Metaphysik anzutreen wären. Nach dem oben S. 11, 15 und 80 Ausgeführten
wird man eher nicht sagen, dass es bei Leibniz und Wolff etwas unter den
Titeln Satz der Identität und Satz des Widerspruchs Geführtes gibt, das dem
entspricht, was Hegel unter diesen Titeln vorstellt. Die Frage entsteht, wieso
Hegel eigentlich einen Satz der Identität und einen Satz des Widerspruchs
auf die Weise auffüllt, wie er es tut.
Gemäÿ Brauers zweitem Argument zielt Hegel mit dem von ihm so ge-
nannten Satz des Widerspruchs nicht auf das Nichtwiderspruchs-Prinzip des
Aristoteles, weil der Satz des Widerspruchs nur als der andere Ausdruck des
Satzes der Identität in Erscheinung trete und dem ganz entsprechend in den Aus-
führungen zur Identität abgehandelt werde. Der Gedanke wird so angeregt, wie
- 132 -

ich nde, dass eine Hegelsche Auseinandersetzung mit Aristoteles' Nichtwi-


derspruchs-Prinzip sofern eine solche überhaupt in der Wissenschaft der Logik
stattndet und ohne dass sie eine Ablehnung dieses Prinzips zur Folge hätte
den Ausführungen zum Widerspruch vorbehalten ist. Immerhin mag man
dort eine bloÿe Bezugnahme auf das aristotelische Prinzip konstatieren, wenn
es heiÿt, dass die selbständige Reexionsbestimmung i n d e r s e l b e n R ü c k-
s i c h t , als sie die andere enthält ... , die andere ausschlieÿt und so der W i d e r-
s p r u c h ist vgl. W50f II49; Hervorhebung von mir, Sperrung im Orignal .

Dieter Wandschneider 1997 möchte versuchen, Grundstrukturen dia-
lektischer Argumentation sichtbar zu machen, indem er eine Rekonstruktion der
Dialektik von Sein und Nichts in Hegels Wissenschaft der Logik unternimmt
vgl. Wandschneider ebd., 116; Kursivsetzungen wie auch alle folgenden Kur-

sivsetzungen in Wandschneider-Zitaten im Original . Es soll dabei gezeigt wer-
den, daÿ und wie zwei bestimmte Hinsichten miteinander verbunden werden

müssen vgl. ebd. .

Bei der ersten Hinsicht handelt es sich um die von Wieland 1973 for-

mulierte und von Hösle 1987 weiter explizierte Auffassung, derzufolge jede

logische Kategorie mit Ausnahme der Abschluÿbestimmung eine semantisch-

pragmatische Diskrepanz enthält vgl. ebd. . Diese Diskrepanz besteht darin,
dass die explizite Bedeutung einer Kategorie nicht alles das ausdrückt, was für
ihre Bedeutung implizit schon präsupponiert ist vgl. ebd.; vgl. oben S. 103 ,

116  .
Die zweite Hinsicht betrit die besondere Rolle der Negation für den Modus

dialektischen Fortschreitens vgl. ebd. . In diesem Zusammenhang habe Hen-
 
rich 1975 sowie ders. 1976 auf die Bedeutung der selbstreferentiellen Nega-
 
tion hingewiesen vgl. Wandschneider ebd. . Kesselring  1984 habe den
antinomischen Charakter dieser Struktur betont vgl. ebd. . Beide Autoren
hätten aber keinerlei Methodik  entwickelt, an die ... systematisch angeknüpft

werden könnte vgl. ebd. .
Auch die von Hegel im Schlusskapitel der Wissenschaft der Logik durchge-
führte eigene Methodenreexion, so treend sie die Verfahrensweise der Dia-
lektik möglicherweise beschreibt, könne doch diesbezüglich nicht als zureichend

erachtet werden vgl. Wandschneider ebd., 115 . Sie versetzt nicht in die
Lage, das dialektische Verfahren gegen Einwände zu verteidigen oder Metho-

denfragen zu beantworten vgl. ebd. . Gleichwohl nimmt Wandschneider auf
diese Hegelsche Methodenreexion Bezug, vgl. Wandschneider ebd., 126,

135, 147f.
Überhaupt könne keine umstandslose Bestätigung der Hegelschen Textvorla-
ge erwartet werden. Die beabsichtigte Rekonstruktion habe auch den Charak-
ter einer Kritik . Es resultiere letztlich ein Beitrag zur kritischen Rekonstruktion

eines objektiven Idealismus. Vgl. ebd. 116f.
<Sein> 36, das im Kontext der Hegelschen Logik prädikativ als <der Fall
sein> zu fassen ist, wird von vornherein in Abgrenzung gegen das, was <Sein>

36 DieAnführung durch Winkel < ... > soll ... andeuten, daÿ der in einem Begri
ausgedrückte intensionale Bedeutungsgehalt als solcher, also die begriiche In-
- 133 -

nicht bedeutet, d. h. gegen



sein Gegenteil <nicht der Fall sein> oder <Nichtsein>,
gefasst vgl. ebd., 120 . <Sein> und <Nichtsein> sind Gegensatzbestimmungen, die

komplementär zusammengehören vgl. ebd. . Die Auffassung, dass die Hegel-
sche Kategorie <Sein> als Innitiv der Kopula ist, d. h. als <der Fall sein>,
zu deuten ist, sei bereits von J. E. Erdmann vertreten und von Trendelen-
burg 1870, 117, kritisiert worden; vgl. Wandschneider 1995, 192. Sie hat nach

Wandschneider eine Stütze in B67f II273f, wo es von der Beziehung, die
das: i s t, Kopula darstellt, heiÿt, sie könne nur die Bedeutung eines unmittel-
baren, abstrakten S e i n s haben; vgl. ders. 1997, 118. Der Hegelschen Rede
vom Nichts die Rede vom Nichtsein vorzuziehen wie Wandschneider es
tut , um derart besser zum Ausdruck zu bringen, dass die Kategorie des Nichts
... die des Seins schon voraussetzt, würde Hegel nicht beanstanden. Jedenfalls

verweist Wandschneider auf S73 I68, wo Hegel sagt: Wollte man es für
richtiger halten, daÿ statt des Nichts dem Sein das N i c h t s e i n entgegengesetzt
würde, so wäre in Rücksicht auf das Resultat nichts dawider zu haben, denn im
N i c h t s e i n ist die Beziehung auf das S e i n enthalten. Vgl. Wandschneider

ebd., 120.
<Sein>, das mit <Nichtsein> ein Paar komplementärer Gegensatzbestimmun-
gen bildet, ist semantisch äquivalent  mit <nicht-Nichtsein> vgl. ders. ebd.,

121 . Mit <S> für <Sein>, <N> für <Nichtsein> und  =  für semantisch äquiva-
lent, erhält man

1 <S> = <nicht-N>

vgl. ebd. . Damit hat man auch
<S> ist nicht äquivalent <N> ,
wobei das ist nicht zeigt, dass der Begri <S> selbst einen Fall von Nichtsein re-

präsentiert vgl. ebd. . Der Begri <S> besitzt gerade diejenige Eigenschaft ... ,
die der Bedeutung des Begris <N> entspricht. Er ist eine Instanz  von <N> vgl.

ebd. . Es ist zu notieren:

2 <S> ist <N>-entsprechend

vgl. ebd. .

Das in 2 auftretende ist drückt wiederum ein Sein aus, so dass <S> jetzt
gerade diejenige Eigenschaft  zugesprochen werden muss, die der Bedeutung

des Begris <S> selbst entspricht vgl. ebd., 122 . Es gilt
<S> ist <S>-entsprechend

oder, so fährt Wandschneider fort, insofern <S> gemäÿ 1 jedenfalls nicht
äquivalent <N> ist,

3 <S> ist nicht <N>-entsprechend

vgl. ebd. .


tension, nicht eine dieser entsprechende

Entität Instanz gemeint ist Wand-
schneider ebd., 117 Fn. 11 . <Sein> meint also die Intension Sein selbst, nicht
das durch sie kategorisierte Sein vgl. ebd. .
- 134 -


Aufgrund des in 3 auftretenden ist nicht ist <S> wieder <N>-entsprechend
und so fort: Der Kategorie <S> müssen in dieser Weise abwechselnd kontradiktori-
sche Prädikate <N>-entsprechend, nicht-<N>-entsprechend, <N>-entsprechend

usf. zugesprochen werden vgl. ebd. . Wandschneider nimmt nun wohl das

Urteil unter 3 als das Urteil
<S> ist nicht-<N>-entsprechend,
das zwischen dem nicht und dem <N>-entsprechend einen zusätzlichen Binde-

strich aufweist. Ein Druckfehler bzgl. des Urteils unter 3 dürfte nicht vorliegen,
da die Parallelstellen in Wandschneider 1993, 349, und ders. 1995, 56, dieses

Urteil ganz in Übereinstimmung mit ders. 1997, ebd., formulieren.
Dass der Kategorie <S> abwechselnd die kontradiktorischen Prädikate
<N> -entsprechend und nicht-<N> -entsprechend zugesprochen werden müssen,

markiert eine antinomische Struktur  vgl. Wandschneider 1997, ebd. . Wie

er in ders. 1993 entwickelt habe, so Wandschneider, lässt sich von dieser
antinomischen Struktur auf einen zugrundeliegenden antinomischen Begri 
schlieÿen, der als solcher die Form

4 <N> = <nicht-<N> -entsprechend>

haben muÿ vgl. ders. 1997, ebd.; vgl. ders. 1993, 334  . Wandschneider

nennt hier oenkundig ein Urteil, nämlich das Urteil unter 4 , einen Begri.
Dass dieses Urteil als
<N> = <nicht-{<N> -entsprechend}>
und nicht als
<N> = <{nicht-<N>} -entsprechend>

zu lesen ist, wird in ders. 1997, 129, bestätigt, wo mit Blick auf den angeführ-
ten antinomischen Begri von dem Bestimmungsstück <N>-entsprechend die

Rede ist.
Der antinomische Begri ist ein negativer und, aufgrund des Gleichheits-

zeichens, semantisch selbstreferentieller ... Begri vgl. ders. ebd., 126 . Er prä-

sentiert eine selbstbezügliche Negation vgl. ebd. .
Durch <N>-entsprechend ist nun die Eigenschaft charakterisiert, dem Be-
gri <N> entsprechend zu sein, also gerade die Eigenschaft N so wie ...

durch <rot>-entsprechend die Eigenschaft rot bestimmt ist vgl. ebd., 123 . Der
Begri <nicht-<N>-entsprechend> ist demgemäÿ äquivalent dem Begri <nicht-N>,
 
der wiederum nach 1 dem Begri <S> äquivalent ist vgl. ebd. . Der antinomi-

sche Begri unter 4 führt damit schlieÿlich zu

5 <S> = <N>

vgl. ebd. .

Das Resultat unter 5 ist nun oenbar im Widerspruch zu dem Urteil un-
 
ter 1 vgl. ebd., 124 . Die ganze Argumentation, die dieses Urteil als Prä-
misse hat, wäre so normalerweise als Reductio ad absurdum dieses Urteils,

als Widerlegung dieser Prämisse zu verstehen vgl. ebd. . Im gegenwärtigen Zu-
sammenhang könne jedoch nicht mehr so geschlossen werden. Die Prämisse
<S> = <nicht-N> ist ... unverzichtbar, insofern zum Sinn von <Sein> konstitutiv die
- 135 -

Abgrenzung gegen dessen Negat <Nichtsein> gehört. Kann die der Argumentation
zugrundeliegende Prämisse aber nicht aufgegeben werden, dann bleibt die Argu-
mentation gültig und damit auch deren Resultat, das im Widerspruch mit der

Ausgangsprämisse ist. Vgl. ebd. Der Widerspruch ist unvermeidlich und

eine Folge der aufgezeigten antinomischen Struktur  vgl. ebd. .

Das von Wandschneider zu der ganzen Argumentation Gesagte ist kom-


mentierungsbedürftig. 
Wenn die ganze Argumentation, weil sie auf das Resultat unter 
5 führt,
normalerweise als Reductio ad absurdum des Urteils unter 1 zu verstehen
wäre, dann wird man das Resultat unter 5 als die formallogische Negation des
Urteils unter 1 anzusehen haben. Als eine solche, nämlich als
. <S> = <nicht-N> ,
wird dieses Resultat allerdings nicht ausdrücklich

formuliert. Eine Parallelpassage
in ders. 1994, 98f, kennt das Urteil unter 1 bzw. das Urteil
<Sein> = <nicht-Nichtsein>
als das Urteil
<Sein> 6= <Nichtsein> ,

also als die formallogische Negation des Urteils unter 5 bzw. des Urteils
<Sein> = <Nichtsein> ,

vgl. ebd., 99. 
Wenn nun die Unverzichtbarkeit des Urteils unter 1 dessen Wahrheit mei-
nen soll, dann wird man nicht ebenfalls die Wahrheit des Resultats unter 5
haben können. Diese ist bei Wahrheit des Urteils unter 1 nur dann zu haben,
wenn das Resultat unter 5 ist gar nicht die formallogische Negation dieses Ur-
teils ist. Die Argumentation stellt dann auch normalerweise keine Reductio ad
absurdum dar. Soll der zuletzt zitierte Satz Wandschneiders Bestand haben
Kann die ... , dürfen Resultat und Prämisse nicht auf die Weise zueinander im
Widerspruch stehen, dass das Resultat die formallogische Negation der Prämisse
bildet.
Wandschneider behandelt die ganze Argumentation, so will es scheinen,

als ob sie von einer einzigen Prämisse, dem Urteil unter 1 , zum Resultat unter
5 führte. Die Annahme einer Pluralität von Prämissen dürfte dem tatsächlichen
Verlauf der ganzen Argumentation aber eher entsprechen.

Der erreichte Widerspruch ist semantischer Natur: <Sein> soll mit <nicht-
Nichtsein> und mit <Nichtsein> bedeutungsmäÿig äquivalent sein. Man hat
  
6 <S> = <nicht-N> ⊕ <S> = <N> ,
eine Konjunktion zweier Sätze, die entgegengesetzte Bedeutungsäquivalenzen aus-
drücken. Vgl. Wandschneider 1997, ebd. Die Rede vom Widerspruch gilt

nun oenkundig einer Satzverknüpfung. Das Zeichen ⊕ soll andeuten, dass die
Glieder dieses semantischen Widerspruchs ... untrennbar zusammengehören vgl.

ebd. ich kann nur verstehen: als Prämisse und Resultat der ganzen Argumen-

tation untrennbar zusammengehören vgl. a. ebd., 131 . In Wandschneider
1993, 350, ndet sich statt des Zeichens ⊕ noch das übliche Konjunktionszei-

chen ∧ . Der erreichte Widerspruch ist kein normaler Widerspruch bzw. kein
normaler formallogischer Widerspruch, bei dem eines der beiden kontradikto-

rischen Widerspruchsglieder in einer zweiwertigen Logik mit Sicherheit falsch
- 136 -

und darum auch der Widerspruch notwendig falsch ist vgl. Wandschneider

1997, 124, 128, 134 . Beide Glieder des Widerspruchs müssen vielmehr, ob-

wohl entgegengesetzt, gleichermaÿen als wahr betrachtet werden vgl. ebd., 124 .
Der erhaltene ... Widerspruch repräsentiert damit so etwas wie eine paradox

formuliert wahre Kontradiktion ebd. .

Er ist aber tatsächlich nur ein Scheinwiderspruch vgl. ebd. . Weil verschie-
dene Reexionsstufen involviert sind, was die Begrie <Sein> und <Nichtsein> an-

betrit, wird eine Dierenzierung von Hinsichten möglich vgl. ebd., 130f .
Und der bislang nicht erwähnte pragmatisch-dialektische Widerspruch, dem ge-
genüber der semantische Widerspruch auch als semantisch-dialektischer Wi-
derspruch bezeichnet wird, ist ebenfalls nur ein Scheinwiderspruch vgl. ebd.,

127f . Anders als der Letztere, der auf der Bedeutungsebene auftritt, bewegt
er sich auf der Eigenschaftsebene, d. h. auf der Ebene der Entsprechungs-

eigenschaften von Kategorien vgl. ebd. . An das wechselseitige Ineinander-
umschlagen von Prädikationen <N>-entsprechend, nicht-<N>-entsprechend,

<N> -entsprechend usw. geknüpft, gehören seine Glieder verschiedenen Ree-

xionsstufen an vgl. ebd. . Das Entgegengesetzte betrit somit verschiedene
Hinsichten, während nur das in derselben Hinsicht Entgegengesetzte einen Wi-
 
derspruch darstellt ebd. 129 . Ein echter formallogischer Widerspruch ist
nicht anzutreen vgl. ebd., 131 . Er würde bekanntlich die Möglichkeit von
Argumentation vernichten, insofern jeder beliebige Satz aus ihm folgte vgl.
ebd.; vgl. ders. 1994, 100.; Wandschneider dürfte an Popper 1963 denken,

vgl. oben S. 24 . . Das Widerspruchsprinzip ist argumentationslogisch und
darum auch im Kontext dialektischer Begrisentwicklung unverzichtbar vgl.

Wandschneider 1997, ebd. . Es gehört zu den für alle Argumentation funda-
mentalen logischen Bedingungen, das dialektische Verfahren macht Gebrauch

von ihm vgl. ebd., 161f . Zu Wandschneiders Verständnis des Widerspruchs-

prinzips vgl. ders. 1994, 93 .

Da der semantische Widerspruch, dessen beide Glieder ... , obwohl ent-


gegengesetzt, gleichermaÿen als wahr betrachtet werden müssen, nur paradox
formuliert als eine wahre Kontradiktion angesprochen werden kann, er tatsäch-
lich dagegen ein Scheinwiderspruch ist, erstaunt es, dass Wandschneider von
dessen kontradiktorisch entgegengesetzten Gliedern spricht, die hier sehr wohl
miteinander

verträglich seien vgl. ders. 1997, 124, kursiv von mir; vgl. a. ebd.,
136 . Denn wären die beiden Glieder des semantischen Widerspruchs, die zwei
Sätze
<S> = <nicht-N>
und
<S> = <N> ,
kontradiktorisch entgegengesetzt und das hieÿe doch wohl: einer von ihnen
wäre die formallogische Negation des anderen , dann wäre es eben ausgeschlos-
sen, dass sie beide gleichermaÿen wahr sind.
Auch Prädikationen, die verschiedenen Reexionsstufen angehören, deren
Entgegensetzung somit verschiedene Hinsichten betrit, als kontradiktorisch


zu bezeichnen, erscheint unangebracht vgl. ebd., 132; vgl. a. ebd., 133 .

Die Untrennbarkeit  der Glieder des semantischen Widerspruchs, die, ob-


wohl entgegengesetzt, gleichermaÿen als wahr betrachtet werden müssen, bringt
- 137 -


die Forderung der Synthesebildung  mit sich vgl. Wandschneider 1997, 131 .
Die Synthese besteht entgegen dem Vulgärverständnis, das sie in die Ver-
knüpfung entgegengesetzter Begrie, etwa von <Sein> und <Nichts>, setzt, in der
Verbindung von Gegensatz und Äquivalenz solcher Begrie, d. h. in der Ver-

bindung von Begrisverhältnissen vgl. ebd., 136 . Das Zeichen ⊕, das die
besagte Untrennbarkeit andeutete, charakterisiert in einem die Syntheseforde-

rung, vgl. ebd., 132.
Gleichwohl liegt die Notwendigkeit vor, dialektische Gegensatzbegrie in

einem neuen, synthetischen Begri gleichsam zu vereinigen vgl. ebd., 131 . Die
mit Blick auf <Sein> und <Nichts> zu bestimmende synthetische Kategorie hat
die Bedeutung <Sein, das gleichermaÿen Nichtsein ist> bzw., der Symmetrie

halber, <Nichtsein, das gleichermaÿen Sein ist> vgl. ebd., 138 .
Während Hegel diese synthetische Kategorie mit der Kategorie <Wer-
den> identiziert, erscheint es Wandschneider zwingend, die Kategorie <Wer-
den> an dieser Stelle fallenzulassen und sie durch Hegels Kategorie <Dasein> zu

ersetzen vgl. ders. ebd., 138  . <Werden> ist eine zeitliche Bestimmung
hier nimmt Wandschneider einen Hinweis Trendelenburgs auf , so dass
sie im Rahmen der Logik deplaziert wirkt vgl. Wandschneider ebd., 139;

vgl. Trendelenburg 1870, 126 . Hegel selbst sehe schon die Möglichkeit,
<Werden> fallenzulassen und stattdessen gleich zu <Dasein> überzugehen, wenn

er in S95 I88 bemerkt: Auf welche Weise das Nichts ausgesprochen oder auf-
gezeigt werde, zeigt es sich in Verbindung ... mit einem Sein, ... , eben in einem

D a s e i n  vgl. Wandschneider ebd., 142; Sperrung im Hegelschen Original .
Das dialektische Verfahren ist mit der Angabe einer synthetischen Bestim-

mung nicht abgeschlossen vgl. ebd., 145 . Dies erklärt sich von der semantisch-
pragmatischen Diskrepanz her, welche die oben erwähnte Wieland-Höslesche
Auffassung bei den logischen Kategorien abgesehen von ihrer Abschluÿbestim-

mung ausmacht vgl. Wandschneider ebd., 143 . Die synthetische Bestim-

mung enthält implizit mehr, als in ihr ausgedrückt ist vgl. ebd., 145 . Was die
synthetische Bestimmung <Dasein> anbelangt, so ist auf der pragmatischen
Ebene, d. i. in der zur Synthesebildung führenden dialektischen Argumentati-
on, längst <Bestimmtsein> präsupponiert, aber noch nicht semantisch expliziert

vgl. ebd., 144 . <Dasein> ist die abstrakte Erfüllung der Syntheseforderung,

<Bestimmtsein> deren konkrete Einlösung ebd. 145 .
Überhaupt ist das Verfahren dialektischer Begrisentwicklung ... , recht ver-
standen, nichts anderes als das Unternehmen, seine eigenen Voraussetzungen re-

exiv einzuholen und kategorial ausdrücklich zu machen vgl. ebd., 145f .
- 138 -

Herleitung der Fragestellung; zur Vorgehensweise

Auf die erste, grobe Fassung der Fragestellung der Arbeit,



F1 Verweigertdie Hegelsche Dialektik dem formallogischen Satz
vom Widerspruch die Anerkennung und nimmt sie formallogi-
sche Widersprüche in Anspruch?,

werden, wie der Überblick über die entsprechende Literatur gezeigt hat, diverse
Antworten gegeben per Ja-Stellungnahme, per eingeschränkter Nein-Stellung-

nahme und per reiner Nein-Stellungnahme. Diese Diversität ist irritierend und

unbefriedigend. Durch die Reduktion der Fragestellung einer Doppelfrage auf
ihre zweite Teilfrage und durch eine in Schritten erfolgende Präzisierung dieser
Letzteren soll erreicht werden, dass eine eindeutige Antwort möglich wird. Dabei
wird jedem Präzisierungsschritt eine eigene Fragestellung entsprechen.
Durch die Entfernung der ersten Teilfrage,

F1a Verweigert
die Hegelsche Dialektik dem formallogischen Satz
vom Widerspruch die Anerkennung?,
verbleibt die zweite Teilfrage

F1b Nimmt die Hegelsche Dialektik formallogische Widersprüche
in Anspruch?.
Die erste Teilfrage kann entfallen, weil die durch sie angeschnittene Problematik
in der von uns gewählten Vorgehensweise weniger relevant ist, wenngleich sie be-
rücksichtigt werden soll.

1. Präzisierungsschritt:

Die Rede von der Hegelschen Dialektik ist sehr allgemein und vermei-
det die Festlegung auf bestimmte Hegelsche Werke. Es soll jedoch Hegels
Wissenschaft der Logik als Textbasis für die Ermittlung einer Antwort dienen.
Die Wissenschaft der Logik ist dasjenige Werk der Reifezeit Hegels, von dem
die anderen Werke der Reifezeit abhängig sind. Charakteristisch ist Hegels Äu-
ÿerung in der Vorrede zur Rechtsphilosophie : Die Natur des spekulativen Wis-
sens habe ich in meiner Wissenschaft der Logik ausführlich entwickelt; in die-
 
sem Grundriÿ sc. in der Rechtsphilosophie ist darum nur hier und da eine Er-
läuterung über Fortgang und Methode hinzugefügt worden R12; vgl. a. ebd.

ŸŸ 2 Anm., 7 Anm., 24 Anm., 31, 33, 141 Anm., 280 Anm. .
Wir erhalten die Frage:

F2 Nimmt die Dialektik der Hegelschen Wissenschaft der Logik
formallogische Widersprüche in Anspruch?

2. Präzisierungsschritt:

Die Frage F2 berücksichtigt nicht, dass die Wissenschaft der Logik vielleicht
auch unabhängig von ihrer Dialektik oder vielleicht gar nicht einmal durch ihre
- 139 -

Dialektik formallogische Widersprüche in Anspruch nehmen könnte. Die Rede


von der Dialektik
soll daher fallen gelassen werden. Das Thema der Dialektik
und ihrer möglichen Verquickung mit formallogischen Widersprüchen und einer
Ablehnung des Satzes vom Widerspruch soll uns gleichwohl an geeigneter Stelle
beschäftigen. Wir erhalten die Frage:

F3 Nimmt die Hegelsche Wissenschaft der Logik formallogische
Widersprüche in Anspruch?

3. Präzisierungsschritt:

Es ist zu unterscheiden zwischen Hegels V o r h a b e n , Wissenschaft der


Logik zu betreiben, und dem, was Hegel in seinem Werk Wissenschaft der
Logik als E i n l ö s u n g dieses Vorhabens anbietet. Es mag sein, dass das in der
Wissenschaft der Logik vorgelegte Einlösungsangebot zwar formallogische Wider-
sprüche in Anspruch nimmt, das Betreiben von Wissenschaft der Logik eine
solche Inanspruchnahme formallogischer Widersprüche aber gar nicht erfordert.
Das von Hegel in der Wissenschaft der Logik vorgelegte Einlösungsangebot
wäre in diesem Fall entweder keine wirkliche Einlösung des Vorhabens in der
Wissenschaft der Logik wäre keine Wissenschaft der Logik betrieben worden
oder es wäre zwar eine solche in der Wissenschaft der Logik wäre in der Tat
Wissenschaft der Logik betrieben worden , es gäbe jedoch eine Alternative,

die auf eine Inanspruchnahme formallogischer Widersprüche verzichten kann.
Wir gelangen zu der Frage:

F4 Erfordert Hegels Vorhaben, Wissenschaft der Logik zu be-
treiben, die Inanspruchnahme formallogischer Widersprüche?
 
Die Frage F4 könnte mit nein beantwortet werden, wenn die Frage F3 mit ja

beantwortet wird.

4. Präzisierungsschritt:

Hegel konzipiert das Betreiben von Wissenschaft der Logik als die Dar-
  
stellung der Bewegung des Begris vgl. S19 I19; B286, 296 II486, 496 . Mit
der Herausstellung der Darstellung im Zusammenhang mit Hegels Wissen-
schaft der Logik knüpfe ich an Hans Friedrich Fulda 1978 und Michael

Theunissen 1980 an. Der in der Rede von der Bewegung des Begris gemeinte
 
Begri ist nur einer vgl. S19 I18 , das hier verwendete Wort Begri ist ein
singulare tantum.
Wir präzisieren weiter zu der Frage:

F5 Erfordert Hegels Vorhaben einer Darstellung der Bewegung
des Begris die Inanspruchnahme formallogischer Widersprü-
che?
- 140 -

5. Präzisierungsschritt:
 
Der Gegenstand der Darstellung vgl. etwa S19 I19 , die Bewegung des
Begris, ist die Bewegung eines Begris, der sich zum Gegenstand hat, so
sich begreifender Begri ist, und, am Ende der Bewegung, damit schlieÿt,
 
dieses Begreifen seiner selbst zu erfassen vgl. B304f II504f . Dies Erfassen
des Begreifens seiner selbst ist Erfassen der Methode, der Art und Weise,
in der die Bewegung des sich begreifenden Begris verlaufen ist vgl. ebd.,
 
285f, 304f 485f, 504f .
Die Angabe der Methode, wie sie vom Begri selbst erfasst wird, er-
folgt im Kern des Schlusskapitels der Wissenschaft der Logik , d. i. in der Passage

B294,2--300,2 II494,2--500,2. Der Kern des Schlusskapitels der Wissenschaft
der Logik sei mit | K bezeichnet. Der Text von |K ist in den Augen Hegels in-
nerhalb der Wissenschaft der Logik die einzige legitime Auskunftsquelle für die
Frage nach der Methode der Bewegung des Begris. Hier wird diese Metho-
de als vom Begri abschlieÿend erfasste suo loco abgehandelt.
Angaben zur Methode der Bewegung des Begris, wie sie etwa in der
Vorrede zur ersten Ausgabe der Wissenschaft der Logik oder in ihrer Einleitung
  
gemacht werden vgl. S6f I6f bzw. ebd. 38f 35f , sind nur vorausgeschickt und
 
vorläug vgl. ebd., 9, 45 23, 41 . Sie sind ausschlieÿlich von | K her zu begrün-
 
den und zu rechtfertigen vgl. ebd., 25f 23 .
Der Anspruch, die Bewegung des Begris habe in der Wissenschaft der
 
Logik einen Verlauf B285, 297 II485f, 497 u. ö. genommen, wie er in |K vorge-
stellt wird, ist fragwürdig. Dennoch liefert der Text von | K innerhalb der Wissen-
schaft der Logik das ausführlichste Bild davon, wie der Verlauf der Bewegung
des Begris zu denken sei.
Wir präzisieren zu der Frage:

F6 Erfordert Hegels Vorhaben einer Darstellung der Bewegung
des Begris, wenn diese Bewegung gemäÿ | K verlaufend vor-
gestellt wird, die Inanspruchnahme formallogischer Widersprü-
che?

6. Präzisierungsschritt:

| K zufolge durchläuft die Bewegung des Begris eine Abfolge gleichartiger


Durchgänge. Ein solcher Durchgang wird in | K geschildert. Ein Durchgang lässt
sich in vier Stufen einteilen bzw. in drei Stufen, wenn die vierte Stufe als erste

Stufe des folgenden Durchgangs angesehen wird . Es ist angebracht, die Untersu-
chung auf die einzelnen Stufen zu beziehen. Wir fragen:

F7 Erfordert Hegels Vorhaben einer Darstellung der Bewegung
des Begris, wenn diese Bewegung gemäÿ | K verlaufend vor-
gestellt wird, für die einzelnen Stufen eines Durchgangs die In-
anspruchnahme formallogischer Widersprüche?
- 141 -

7. Präzisierungsschritt:

Wir gehen davon aus, dass die zu leistende Darstellung, sofern sie eine
sprachliche ist, grammatisch gesehen mittels Sätzen zu erfolgen hat. Die Sätze,
die auf jeder Stufe eines Durchgangs für die Darstellung der Bewegung des Be-
gris herangezogen werden, mögen die Darstellungssätze dieser Stufe heiÿen.

Darstellungs- Sätze sollen analytisch miteinander unverträglich heiÿen,
wenn sie unter Applikation der in Geltung bendlichen Denitionen für hegelsche

Methodenbestimmungen logisch miteinander unverträglich sind. Zur logischen
Unverträglichkeit vgl. unten S. 155. Zum Verständnis der analytischen Unver-

träglichkeit vgl. auch unten S. 175.
Die zugrunde gelegte formale Logik soll die moderne formale Logik sein. Die
formale Logik, auf welche die Fragestellung der Arbeit sich mit ihrer Rede von den
formallogischen Widersprüchen bezieht, soll somit etwa nicht die formale Logik
sein, auf deren Denkgesetze Satz der Identität, Satz des Widerspruchs
 
usw. Hegel in der Wissenschaft der Logik rekurriert vgl. W29, 32 II28, 31 .
Die Arbeit ist primär nicht philosophiehistorisch ausgerichtet. Dennoch verschlieÿt
sie sich historischen Aspekten nicht. Wir fragen:

F8 Erfordert Hegels Vorhaben einer Darstellung der Bewegung
des Begris, wenn diese Bewegung gemäÿ | K verlaufend vor-
gestellt wird, für die Stufen eines Durchgangs die Inanspruch-
nahme von Darstellungssätzen, die im Sinne moderner formaler
Logik logisch oder analytisch miteinander unverträglich sind?

Die zuletzt formulierte Frage, die Frage F8 , soll die eigentliche Frage der
Arbeit sein. Die Vorgehensweise, in der sie zu beantworten ist, wird durch sie
selbst nahe gelegt.
Zunächst ist der Gegenstand der Darstellung anzugeben, wie | K ihn prä-
sentiert. Dieser Aufgabe widmet sich der erste Teil des Hauptteils.
Als Zweites ist für jede Stufe zu eruieren, welches ihre Darstellungssätze sind,
und zu entscheiden, ob diese logisch oder analytisch miteinander unverträglich
sind. Dieser Aufgabe widmet sich der zweite Teil des Hauptteils.
Schlieÿlich wäre nach den Konsequenzen zu fragen, die sich aus der Antwort

auf die Frage F8 hinsichtlich des Verständnisses der Bewegung des Begris,
der Darstellung dieser Bewegung und überhaupt des Hegelschen Vorhabens
ergeben, Wissenschaft der Logik zu betreiben. Dieser Aufgabe widmet sich der
Abschluss der Arbeit.
Vor der Inangrinahme der genannten Aufgaben sind jedoch die verwende-
ten formallogischen Mittel vorzustellen sowie der von mir zur Bearbeitung der

Frage F8 entwickelte Ansatz einzuführen.
- 142 -

Einführung in die verwendeten formallogischen Mittel



Die in der Frage F8 angesprochene moderne formale Logik soll die konstruk-
tive formale Logik sein. Die klassische moderne formale Logik, wie sie etwa in
Freges Begrisschrift 1879 vorliegt und zwar erstmals in kalkülisierter Ge-

stalt vgl. oben S. 81f , bleibt dennoch nicht auÿen vor: nicht nur, insofern sie
als eine bloÿe Verschärfung der konstruktiven formalen Logik betrachtet werden

kann vgl. Gerrit Haas 1984b, 676; Lorenz 1980c, Sp. 438; ders. 1984d, 673f ,
sondern auch, weil wir ausdrücklich auf sie Bezug nehmen werden.
Die konstruktive formale Logik wird nur insoweit vorgestellt, als es für den
Nachvollzug der folgenden Untersuchung erforderlich erscheint. Für eine allgemei-
ne Einführung in die konstruktive formale Logik sei verwiesen an Wilhelm Kam-


lah Paul Lorenzen 1967 , Kap. VI Ÿ2
21973 und 31996 jeweils Kap. VII Ÿ2 ;
  
Lorenzen 1969 , ŸŸ2f; Paul Lorenzen Oswald Schwemmer 1973 ; Thiel
  
1983 ; Haas 1984a oder Rüdiger Inhetveen 2003 . Überblickartig orien-
  
tieren Lorenz 1980c und Haas 1984b vgl. aber auch Lorenz 1984c . Die
dialogische Präsentation der konstruktiven formalen Logik wird nicht vorgestellt.
Wir werden sie nicht in Anspruch nehmen. Zur näheren Information kann Lo-
 
renz 1980b oder ders. 1984b herangezogen werden.

1. Sequenzen; junktoren- und quantorenlogische Zusammenset-


zung
Die konstruktive formale Logik wird durch den Einsatz von Sequenzen zur
Anwendung kommen. Sequenzen sind in der formalen Logik Figuren der folgen-
den Art:
A1, A2, ... , Am B1, B2, ... , Bn

> 0 , in denen logische Formeln A1, A2, ... , An als Vorderformeln links eines
m, n −
Doppelstrichs und logische Formeln B1, B2, ... , Bm als Hinterformeln rechts von
ihm notiert sind. Die Folge der Vorderformeln bildet das Antezedens, die Folge
der Hinterformeln das Sukzedens der Sequenz. Für unsere Zwecke genügt es, nur
solche Sequenzen zu berücksichtigen, deren Sukzedens aus nicht mehr als einer

Formel besteht das heiÿt, Sequenzen, für die 1 − >n− > 0 gilt . Die Sequenzen, mit
denen wir es zu tun haben werden, sind dann von der Art
A1, A2, ... , An B
bzw., wenn Antezedens oder Sukzedens leer sind das sind die Fälle m = 0 oder

n = 0 , von der Art
/
O B
oder
A1, A2, ... , An /.
O

Logische Formeln seien junktorenlogische Formeln oder quantorenlogische For-


meln.
Junktorenlogische Formeln teilen die Form der junktorenlogischen Zusammen-
setzung von Aussagen, d. i. die Weise mit, in der Aussagen mittels Junktoren aus
Teilaussagen zusammengesetzt sind. Junktorenlogische Formeln sind junktoren-
logische Aussagenschemata und nicht selbst Aussagen.
- 143 -

Junktoren sind die Zeichen , ∧, ∨,  und einige weitere in ihrer Verwendung


über sie erklärte Zeichen, von denen hier nur das Zeichen  angeführt sei. Es
mögen die lateinischen Groÿbuchstaben A und B für beliebige Aussagen stehen,
von denen wir oen lassen wollen, ob sie wiederum für junktorenlogisch zusam-
mengesetzte Aussagen oder für solche Aussagen stehen, die auf keinerlei Weise
logisch zusammengesetzt, also Primaussagen bzw. prim sind. Es kann dann mit-
tels des einstelligen Junktors eine Aussage A zu der Negation
A

lies: nicht A zusammengesetzt sein. Mittels der zweistelligen Junktoren ∧,
∨ und  können die Aussagen A und B zu der Konjunktion
A∧B

A und B , zu der Adjunktion
A∨B

A oder B und zu der Subjunktion
AB

wenn A, dann B zusammengesetzt sein. Der Vorschlag, die Junktoren , ∧, ∨
und  wie angegeben als nicht etc. zu lesen, stützt sich nicht auf die Annahme,
sie gäben den Sinn des Adverbs nicht sowie der Konjunktionen und, oder

und wenn dann  adäquat wieder, den diese in der Umgangssprache haben. Trotz
einer gewissen Nähe zur Umgangssprache, welche die vorgeschlagenen Leseweisen
rechtfertigen mag, wahrt der hier nicht zu erörternde konstruktiv-logische Sinn

dieser Junktoren durch seine dialogische Explikation die Unabhängigkeit von ihr.
Mittels des zweistelligen Junktors  können die Aussagen A und B zu der
Bisubjunktion
A B

genau dann A, wenn B zusammengesetzt sein. Unter Verwendung des Deni-
tionszeichens (
+ ist die Bisubjunktion so einzuführen:

.
A B ( + A  B ∧ B  A,
wobei der Punkt über dem Konjunktionszeichen dessen Vorrang gegenüber den
Subjunktionszeichen, das Deniens somit als eine Konjunktion andeuten soll.
Die zentriert gesetzten Ausdrücke A, ... , A  B sowie das Deniens der
Bisubjunktion sind Beispiele für junktorenlogische Formeln. Sie sind als Schema-
ta für eine Negation, eine Konjunktion, usw. und für eine Konjunktion zweier
Subjunktionen anzusehen, deren Teilaussagen miteinander vertauscht sind. Auch
die Buchstaben A und B, die für Primaussagen stehen, sollen als Primaussagen-
schemata als junktorenlogische Formeln gelten. Sie verweisen darauf, dass eine
logische Zusammensetzung nicht vorliegt.
Der Vereinfachung der Notation halber sei für die Junktoren eine Rangfolge
festgelegt: Der Junktor  rangiert vor den Junktoren ∧ und ∨, alle diese drei
Junktoren rangieren vor dem Junktor . So entfällt beispielsweise die Notation
.
A  B∧C
- 144 -

zugunsten von
A  B∧C
und die Notation von
.
A ∨ B
zugunsten von
A ∨ B.
Ein Punkt hinter dem Junktor zeigt an, dass dieser sich auf die gesamte
folgende Aussage bezieht: Die Formel
. A∨B
ist das Schema der Negation einer Adjunktion.
Quantorenlogische Formeln teilen die Form der quantorenlogischen Zusam-
mensetzung von Aussagen, d. i. die Weise mit, in der Aussagen mittels Junktoren
und Quantoren, auch: ausschlieÿlich mittels Quantoren, zusammengesetzt sind.
Quantorenlogische Formeln sind quantorenlogische Aussagenschemata und damit
genausowenig wie junktorenlogische Formeln selbst Aussagen. Eine quantoren-
logische Zusammensetzung ist allerdings nicht mehr wie eine junktorenlogische
durchweg die Zusammensetzung einer Aussage aus Teilaussagen.
Quantoren sind die Zeichen ∨ und ∧ , die das Aussehen eines vergröÿerten
Adjunktionszeichens bzw. eines vergröÿerten Konjunktionszeichens haben. Ein
Quantor tritt in Verbindung mit einer Aussageform auf. Eine Aussageform ist

ein sprachliches Gebilde, das über eine oder mehrere endlich viele Leerstellen
verfügt, deren Auffüllung mit Nominatoren das sind benennende Ausdrücke:
Eigennamen, Kennzeichnungen und Indikatoren die Aussageform in eine Aus-
sage überführt. Die Leerstellen von Aussageformen können durch Variablen, etwa
die Buchstaben x, y und z, markiert sein. Je nach Anzahl der Leerstellen bzw.
Variablen liegen einstellige Aussageformen, zweistellige Aussageformen usw. vor.
Als Beispiel für eine einstellige Aussageform sei mit Bezugnahme auf Gottfried
Ploucquet, den von Hegel in der Wissenschaft der Logik kritisierten Logiker
der Tübinger Universität, der Ausdruck

* x hörte bei Ploucquet
 
angeführt. Hegel kritisiert Ploucquet in B128f II332f. Bei Ersetzung der
Variablen x durch den Eigennamen Hegel entsteht die Aussage
Hegel hörte bei Ploucquet,
die vermutlich falsch ist: Ploucquet las wohl nicht mehr, als Hegel an der

Tübinger Universität studierte vgl. Rosenkranz 1844, 26; Jaeschke 2003, 4 .

Lässt man in der Aussageform * an die Stelle des Eigennamens Ploucquet
eine durch die Variable y markierte Leerstelle treten, dann erhält man die zwei-
stellige Aussageform

** x hörte bei y.
Bei erneuter Substitution der Variablen x durch den Eigennamen Hegel und
bei gleichzeitiger Substitution der Variablen y durch den Namen eines derjenigen
- 145 -

Tübinger Dozenten, bei denen Hegel nachweislich hörte, entsteht hieraus eine
wahre Aussage.
Aussageformen können mittels Junktoren zu weiteren Aussageformen zusam-
mengesetzt werden. So führt etwa die Verknüpfung des Junktors mit der Aus-

sageform * auf die Aussageform
. x hörte bei Ploucquet

nicht:x hörte bei Ploucquet . Mit Hegel wiederum für x entsteht aus ihr die
Aussage
. Hegel hörte bei Ploucquet

nicht: Hegel hörte bei Ploucquet , die, da die Aussage Hegel hörte bei Plouc-
quet vermutlich falsch ist, vermutlich wahr ist. Die Punkte hinter den Junktoren
dienen hier lediglich der Übersicht: sie trennen die Junktoren von der folgenden
Aussageform bzw. von der folgenden Aussage.
Ein- oder mehrstellige Aussageformen, die weder mittels Junktoren noch mit-
tels Quantoren zusammengesetzt sind auch Zusammensetzungen mittels Quan-
toren sind möglich, wie wir gleich sehen werden , sind Prim-Aussageformen
bzw. prim. Sie gehen bei Ersetzung aller ihrer Variablen in Primaussagen über.
Junktorenlogisch zusammengesetzte Aussageformen gehen bei Ersetzung aller ih-
rer Variablen in junktorenlogisch zusammengesetzte Aussagen über.
   
Es mögen die Ausdrücke A x , B x , ... , A x,y , ... , A x,y,z , ... , in denen
auf lateinische Groÿbuchstaben in Klammern eingeschlossen eine oder mehrere
Variablen folgen, für beliebige ein- oder mehrstellige Aussageformen stehen. Die
lateinischen Groÿbuchstaben sind hier nicht wie in junktorenlogischen Formeln als
Aussagenschemata, sondern als bloÿe Bestandteile der Aussageformen-Schemata
  
A x , B x usw. zu verstehen. Es soll oen gelassen sein, ob die Schemata A x ,

B x usw. prim sind oder nicht.

Es kann dann der Quantor ∨ mit einer einstelligen Aussageform A x zu der
Existenzaussage 
∨x A x
 
Es gibt ein x, so dass A x  und der Quantor

∧ mit einer einstelligen Aussa-
geform A x zu der Allaussage
∧ x A x
 
Für alle x gilt: A x  zusammengesetzt sein. Der Existenzquantor ∨ und der
Allquantor ∧ sind jeweils mit dem Buchstaben x als Index versehen, um 
anzu-
deuten, dass der Quantor sich auf die Variable x der Aussageform A x bezieht.
Die Variable x ist durch den Quantor, der den Index x hat, gebunden. In der

Aussageform A x , der kein mit x indizierter Quantor vorangestellt ist, die also
nicht mit einem sich auf die Variable x beziehenden Quantor zu einer Existenz-
oder Allaussage zusammengesetzt ist, ist die Variable x frei. Als ein Bereich von
Nominatoren, durch welche die Variable x substituierbar sein soll, sei ein Varia-
bilitätsbereich festgelegt. Ein Quantor bezieht sich somit über seinen Index stets
auf einen Variabilitätsbereich. Existenzaussage und Allaussage sind genauer zu

lesen als: Es gibt ein x des Variabilitätsbereichs von x, so dass A x  und Für
 
alle x des Variabilitätsbereichs von x gilt: A x .
- 146 -


Es können ferner zwei Quantoren mit einer zweistelligen Aussageform A x,y
zu Existenzaussagen

∨x∨y A x,y
oder

∨x ∧ y A x,y
und zu Allaussagen
∧ x∨y A x,y 
oder
∧ x ∧ y A x,y 
zusammengesetzt sein. Die Existenz- und Allaussagen sind respektive zu lesen

als: Es gibt ein x und es gibt ein y, so dass A x,y , Es gibt ein x, so dass für
 
alle y gilt: A x,y , Für alle x gibt es ein y, so dass A x,y , Für alle x und
 
für alle y gilt: A x,y . Die Indizierung der Quantoren mit x und y deutet an,

dass sie sich auf die Variable x bzw. auf die Variable y der Aussageform A x,y
beziehen. Die beiden Variablen sind durch die mit x und y indizierten Quantoren
jeweils gebunden. Für jede Variable ist ein Variabilitätsbereich festgelegt, dem
die Nominatoren zu ihrer Substitution zu entnehmen sind.
Es können auch drei und mehr Quantoren mit drei- oder mehr als dreistelligen
Aussageformen zu Existenzaussagen

∨x∨y∨z A x,y,z
...
...
und zu Allaussagen
∧ x∨y∨z A x,y,z 
...
...

zusammengesetzt sein. Es gibt ein x, ein y und ein z, so dass A x,y,z , ... ... ,

Für alle x gibt es ein y und ein z, so dass A x,y,z , ... ... . Wie für den
Sinn der Junktoren so gilt auch für den Sinn der Quantoren, dass er durch die
in der konstruktiven Logik unternommene, hier nicht vorzustellende dialogische

Explikation letztlich die Unabhängigkeit von der Umgangssprache wahrt.
Eine Existenz- oder Allaussage, die mehr als einen Quantor aufweist, kann
als eine Zusammensetzung aus einem Existenz- oder Allquantor und einer bereits
quantorenlogisch zusammengesetzten Aussageform verstanden werden, so etwa
eine Existenzaussage

∨x∨y A x,y

als eine Zusammensetzung aus dem mit x indizierten Existenzquantor ∨ und
einer Aussageform

∨y A x,y .
In dieser quantorenlogisch zusammengesetzten Aussageform ist die Variable x
frei, die Variable y durch den mit y indizierten Existenzquantor gebunden.
- 147 -

Ein Beispiel wäre die Aussageform


∨y . x hörte bei y
 
Es gibt ein y, so dass x bei y hörte , die aus der Aussageform ** durch
Bindung der Variablen y mit einem Existenzquantor hervorgeht.
Quantorenlogisch zusammengesetzte Aussageformen gehen bei Ersetzung al-
ler ihrer freien Variablen in quantorenlogisch zusammengesetzte Aussagen über.
So geht die gerade genannte Beispiels-Aussageform bei Ersetzung ihrer freien Va-
riablen x durch Hegel in die quantorenlogisch zusammengesetzte Aussage
∨y . Hegel hörte bei y
über.
Quantoren werden mit Aussageformen, nicht mit Aussagen, zu Existenz- oder
Allaussagen zusammengesetzt. Eine quantorenlogisch zusammengesetzte Aussa-
ge, d. h. eine Aussage, die mittels mindestens eines Quantors zusammengesetzt
ist, ist daher nicht wie eine bloÿ junktorenlogisch zusammengesetzte Aussage
durchgängig aus Teilaussagen, sondern auch aus mindestens einer Aussageform
zusammengesetzt.
Beispiele für quantorenlogische Formeln sind die angeführten zentriert gesetz-
   
ten Ausdrücke ∨x A x , ∧ x A x , ∨x∨y A x,y , ... , ∧ x∨y∨z A x,y,z . Sie sind
Schemata von Existenz- und Allaussagen.
Weitere Beispiele für quantorenlogische Formeln sind etwa die Ausdrücke

∨x Ax
und
∧ x . A x  Bx


sowie deren Verknüpfung mittels des Junktors ∨ zu dem Ausdruck


  
∨x Ax ∨ ∧x. A x  Bx .
Sie sind die Schemata einer Existenz- und einer Allaussage, die mittels des ent-
sprechenden Quantors und einer junktorenlogisch zusammengesetzten Aussage-
form gebildet sind, sowie das Schema der Adjunktion dieser Aussagen. Der Punkt
hinter dem Allquantor zeigt an, dass dieser der gesamten folgenden Aussageform
 
Ax  Bx

und nicht der Aussageform A x zugeordnet ist. In der Schreibweise der Adjunk-
tion ist berücksichtigt, dass die Quantoren, wenn man sie in die Rangfolge der
Junktoren eingliedert, den gleichen Status wie der Junktor erhalten, ein Punkt

über dem Adjunktionszeichen somit entbehrlich ist vgl. oben S. 143f .
Als Beispiele für Sequenzen, die von der Art sind, wie wir sie verwenden wer-
den, d. h. für Sequenzen, deren Sukzedens maximal aus einer Formel besteht vgl.

oben S. 142 , seien nun gegeben: die junktorenlogischen Sequenzen

S1 A ∨ B, A B,

S2 A∧ A /,
O

S3 A A,
- 148 -


S4 /
O A∨ A,
die einmal ein leeres Sukzedens, einmal ein leeres Antezedens und ansonsten nur
junktorenlogische Formeln aufweisen, und die quantorenlogische Sequenz
 
S5 /
O ∨x Ax  ∧ x A x ,
deren Antezedens leer ist und deren Sukzedens aus einer quantorenlogischen For-
mel besteht.

2. Logische Gültigkeit von Sequenzen; der Kalkül KKQ der kon-


struktiven Quantorenlogik
Eine Sequenz
A1, A2, ... , An B

ist so zu verstehen, dass sie besagt: Aus beliebigen Aussagen, deren junktoren-
oder quantorenlogische Zusammensetzung in den Formeln A1, A2, ... , An nie-
dergelegt ist, folgt eine Aussage, deren junktoren- oder quantorenlogische Zu-
sammensetzung in der Formel B niedergelegt ist. D. h.: Wenn Aussagen wie die
erstgenannten wahr sind, dann ist auch eine Aussage wie die letztgenannte wahr.
Es sollen dabei in den Formeln A1, A2, ... , An und B, und das ist wesentlich, glei-
che Aussagenschemata für dieselbe Aussage und gleiche Aussageformen-Schemata

für dieselbe Aussageform stehen. So besagt etwa die Sequenz S1 mit n = 2,

A ∨ B für A1 und A für A2 , dass aus einer Adjunktion und der Negation ihrer
ersten Teilaussage die zweite Teilaussage der Adjunktion folgt. Zu den Sonderfäl-
len, dass das Antezedens oder das Sukzedens einer Sequenz leer ist, vgl. weiter
unten.
 
Eine Sequenz ist nun logisch gültig genau dann, wenn 1 aus beliebigen Aus-
sagen, deren junktoren- oder quantorenlogische Zusammensetzung in den Formeln

A1, A2, ... , An gefasst ist, tatsächlich unter der genannten Einschränkung eine
Aussage folgt, deren junktoren- oder quantorenlogische Zusammensetzung in der

Formel B gefasst ist, allerdings 2 diese Aussage allein aufgrund der junktoren-
oder quantorenlogischen Zusammensetzung der beteiligten Aussagen folgt, d . i.
logisch folgt. Die Aussage, die logisch folgt, ist allein aufgrund der junktoren- oder
quantorenlogischen Zusammensetzung der beteiligten Aussagen wahr, wenn die
Aussagen wahr sind, aus denen sie folgt. Der Schluss auf diese Aussage als auf die
Konklusion aus den Aussagen, aus denen sie logisch folgt, als aus den Prämissen
ist ein logisch gültiger Schluss.

Die Sequenz S1 ist, wie wir sehen werden, logisch gültig. Aus einer Adjunk-
tion und der Negation ihrer ersten Teilaussage folgt logisch die zweite Teilaussage
der Adjunktion. Mit der oben schon einmal herangezogenen Aussage
Hegel hörte bei Ploucquet
für A und mit der Aussage
Ploucquet las nicht mehr,
als Hegel an der Tübinger Universität studierte
für B erhalten wir beispielsweise: Aus der Adjunktion
- 149 -


A1 Hegel hörte bei Ploucquet ∨ Ploucquet las nicht mehr,
als Hegel an der Tübinger Universität studierte
und der Negation ihrer ersten Teilaussage

A2 . Hegel hörte bei Ploucquet
folgt logisch die zweite Teilaussage der Adjunktion

A3 Ploucquet las nicht mehr,
als Hegel an der Tübinger Universität studierte.
 
Wenn die Aussagen A1 und A2 wahr sind, dann ist auch allein aufgrund
  
der junktorenlogischen Zusammensetzung der Aussagen A1 , A2 und A3 die
  
Aussage A3 wahr. Der Schluss von den Prämissen A1 und A2 auf die Kon-

klusion A3 ist ein logisch gültiger Schluss.
Die logische Gültigkeit einer Sequenz ist genau dann gegeben, wenn die Se-
quenz in Anwendung von Regeln des Kalküls KKQ der konstruktiven Quantoren-
logik ableitbar ist.
Die Regeln des Kalküls KKQ erlauben den Übergang von Sequenzen, welche
die Regelprämissen bilden, zu Sequenzen, welche die Regelkonklusionen bilden.
AR
Eine Ausnahme ist die Anfangsregel , die ohne Regelprämisse gleich den Über-
gang zu ihrer Regelkonklusion gestattet. Der Übergang wird durch den Regelpfeil
. angedeutet. Regelprämissen und -konklusionen im Kalkül KKQ sind Sequen-
zen, während die Prämissen und Konklusionen von Schlüssen Aussagen sind. Der

Regelpfeil . ist nicht mit dem Junktor  zu verwechseln.
P P O O
In den Regeln ∨, ∧, ∨ und ∧ steht der Buchstabe n als eine schemati-
sche Konstante 
für beliebige Nominatoren aus dem Variabilitätsbereich der Aus-

sageform A x . Das Aussagenschema A n steht für die Aussage, die aus der Aus-

sageform A x bei Substitution der Variablen x durch den Nominator n entsteht.
Als eine weitere schematische Konstante soll gelegentlich auch der Buchstabe m
P O
verwendet werden. Die den Regeln ∧ und ∨ beigefügte Variablenbedingung


n kommt in der Konklusion nicht vor verlangt, dass der Buchstabe n, der in der
jedesmaligen Prämisse dieser Regeln als schematische Konstante auftritt, nicht
ebenfalls in der Konklusion dieser Regeln als schematische Konstante auftritt.
Die in den Namengebungen der Kalkülregeln auftauchenden Buchstaben
P und O P O 
, ... , ... , lies: P nicht, ... , O nicht, ...  verweisen auf den
 
Proponenten die Proponentin und den Opponenten die Opponentin, die in der
dialogischen Präsentation der konstruktiven Logik um eine Sequenz einen Dialog
führen. Proponent oder Proponentin sind mit dem Sukzedens, Opponent oder
Opponentin mit dem Antezedens der Sequenz in Verbindung zu bringen.
Der in den Antezedentien der Regelprämissen und -konklusionen auftauchende
griechische Groÿbuchstabe Σ meint eine beliebige Folge logischer Formeln. Σ kann
O
wie das in den -Regeln auftauchende Sukzedens C leer sein.
Die Regeln des Kalküls KKQ sind nun:

AR: . Σ, A A

P: Σ, A /
O . Σ A
- 150 -

P:

Σ A ; Σ B . Σ A∧B

PL:

Σ A . Σ A∨B
PR:

Σ B . Σ A∨B

P:

Σ, A B . Σ AB

P∨: Σ An

. Σ ∨x A x


P∧: Σ An

. Σ ∧x A x  

n kommt in der Konklusion nicht vor

O: Σ, A A . Σ, A C

OL:

Σ , A ∧ B, A C . Σ, A ∧ B C
O R:

Σ , A ∧ B, B C . Σ, A ∧ B C

O:

Σ , A ∨ B, A C ; Σ , A ∨ B, B C . Σ, A ∨ B C

O:

Σ, A  B A ; Σ , A  B, B C . Σ, A  B C

O∨: Σ, ∨x A x , A n

C

. Σ , ∨x A x


C
n kommt in der Konklusion nicht vor

O∧: Σ, ∧ x A x , A n  C . Σ, ∧ x A x C.

Zu diesen Regeln des Kalküls KKQ können weitere, in KKQ zulässige Regeln
hinzugenommen werden, die ein vereinfachtes Ableiten bewirken, durch deren
Anwendung aber keine Sequenzen ableitbar werden, die ohne ihre Anwendung

nicht auch schon ableitbar gewesen wären vgl. dazu Haas 1984a, 94 , 190  .
Von solchen zulässigen Regeln werden wir verwenden: die Erweiterungsregel
ER: Σ A . Σ, C A,
die Kürzungsregel
KR: Σ , A, A C . Σ, A C,
die Schnittregel
SR: Σ A ; Σ' , A B . Σ' , Σ B
in der die Formel A, die als Sukzedens der ersten Regelprämisse wie als Vor-
derformel der zweiten Regelprämisse erscheint, in der Regelkonklusion heraus-

geschnitten ist , die Regeln

P: Σ A . Σ, A /,
O

P L:

Σ A∧B . Σ A,
P R:

Σ A∧B . Σ B,
P:

Σ AB . Σ, A B,
- 151 -

P∧: Σ ∧ x A x . Σ An ,


O:
∼ Σ A . Σ, A C,

O:

∼ Σ , A, B C . Σ, A ∧ B C
und
O

∼: Σ, A ∧ B C . Σ , A, B C.
P P ∧
Die Unterstreichungen in den Symbolen , L, usw. sollen andeuten, dass Um-

P P
kehrungen der Regeln , , usw. vorliegen, d. h., dass gegenüber den Regeln
P P∧
, , usw. die Regelprämissen und -konklusionen miteinander vertauscht sind.
O ∧
O
Die in den Symbolen ∼ und ∼ eingefügte Tilde soll das Fehlen der Hauptformeln

O∧
A und A ∧ B aus den Prämissen in und L bzw. R andeuten. O O
Eine in KKQ zulässige Regel ist auch die Sequenzen-Addition
SAd: Σ, A B ; Σ' , C D . Σ , Σ', A, C B ∧ D.
Sie ergibt sich, wenn man von ihren Prämissen in Anwendung der Erweiterungs-
regel zu den Sequenzen
Σ , Σ', A, C B
und
Σ , Σ', A, C D
übergeht und auf diese Sequenzen die Regel anwendet. P

Dass eine Sequenz in Anwendung von Regeln des Kalküls KKQ ableitbar ist,
bedeutet: Es besteht die Möglichkeit, dass in einer endlichen Anzahl von Re-
gelanwendungen beginnend mit einer Anwendung der Anfangsregel zuletzt AR
ein Übergang zu ihr als einer Regelkonklusion erfolgt. Eine solche endliche An-
zahl von Regelanwendungen ist eine Ableitung. Da die Regeln des Kalküls KKQ
wie die in ihm zulässigen Regeln so gestaltet sind, dass dann, wenn die Regel-
prämissen Sequenzen sind, die logisch gültig sind, auch die Regelkonklusionen
Sequenzen sind, die logisch gültig sind, ferner jede Sequenz, zu der die Anfangs-
regel ARprämissenlos überzugehen erlaubt, logisch gültig ist aus einer Aussage
A folgt logisch, auch im Verein mit weiteren Aussagen, die Aussage A , führt
jede Ableitung im Kalkül KKQ auf eine Sequenz, die logisch gültig ist. Dazu, dass
es auch umgekehrt für jede logisch gültige Sequenz eine Ableitung im Kalkül
KKQ gibt, so dass eine Sequenz, für die es in KKQ keine Ableitung gibt, auch
nicht logisch gültig ist, vgl. etwa Haas ebd., 81, 234 .
  
Es soll jetzt gezeigt werden, dass die Sequenzen S1 , S2 , S3 ableitbar sind,
 
die Sequenz S4 nicht ableitbar ist und die Sequenz S5 wiederum ableitbar ist,
   
dass also die Sequenzen S1 -- S3 und S5 logisch gültig sind, die Sequenz S4
nicht logisch gültig ist.
Eine Ableitung wird nicht wie eine Kalkülregel horizontal, sondern vertikal
notiert. Der Regelpfeil erscheint entsprechend senkrecht. Rechts neben dem Re-
gelpfeil wird der Name der angewendeten Regel vermerkt.
Die Anwendung einer Regel mit zwei Prämissen erfordert für jede dieser Prä-
missen einen eigenen Ableitungszweig. Die beiden Ableitungszweige werden ne-
beneinander, aber auch nummeriert untereinander notiert.
- 152 -


Die folgende Ableitung der Sequenz S1 beispielsweise setzt mit einer zweima-
ligen Anwendung der Anfangsregel AR
an und führt dann beide Ableitungszweige

O
über eine Anwendung der -Regel zusammen:

O AR
A ∨ B, A, A A

O O O AR
A ∨ B, A, A B A ∨ B, A, B B
 

O O

A ∨ B, A B

In der ersten links notierten Anwendung von AR
wurde Σ als A ∨ B, A, in
der Anwendung von O als A ∨ B, A gesetzt. In der zweiten rechts notierten


Anwendung von AR wurde Σ erneut als A ∨ B, A und A als B gesetzt. In der


O

Anwendung von wurde Σ als A und C als B gesetzt. In abgekürzter Schreib-
AR O AR
weise: : Σ ≡ A ∨ B, A / : Σ ≡ A ∨ B, A / : Σ ≡ A ∨ B, A; A ≡ B / :


O
Σ ≡ A; C ≡ B.

Die Sequenz S2 ist wie folgt ableitbar:

O AR
A, A A

O O
A, A /
O

O∼ O

A∧ A /
O

AR: Σ ≡

O
A / : Σ ≡ A; C ≡ O
/ / ∼O∧: Σ ≡ O/; B ≡ 
/ und die Sequenz
A; C ≡ O
S3 wie folgt:

O AR
A, A A

O O
A, A /
O

O P
A A
- 153 -

AR: Σ ≡ O
A / : Σ ≡ A; C ≡ O P
/ / : Σ ≡ A; A ≡ A . Die beiden Ableitungen


unterscheiden sich allein in ihrer jeweils dritten Regelanwendung.



Dass die Sequenz S4 ,
/
O A ∨ A,
nicht ableitbar ist, ergibt sich so:

Wäre die Sequenz S4 ableitbar, dann gäbe es für sie eine Ableitung, in der
P∨ ∨
P
zuletzt entweder mit der L-Regel oder mit der R -Regel ein Übergang zu S4


erfolgt wäre jeweils Σ ≡ O


 ∨
P
/, B ≡ A . Mit L wäre der Übergang von der Sequenz
/
O A
aus, mit PR von der Sequenz

/
O A
aus erfolgt. Die letzte Sequenz könnte nur mit der P -Regel aus der Sequenz
A /
O

/ . In dem Fall aber, dass A für eine Primaussage steht,
erreicht worden sein Σ ≡ O

A also keinerlei junktoren- oder quantoren- logische Zusammensetzung aufweist
statt des Groÿbuchstaben A wird dann üblicherweise der kleine Buchstabe
a verwendet , könnten keine weiteren Regelanwendungen, insbesondere keine
Anwendungen der Anfangsregel AR
vorhergegangen sein. Die Sequenz
/
O a
P
kann nicht durch -Regeln erreicht worden sein, die in ihren Konklusionen logisch
zusammengesetzte Sukzedentien aufweisen. Sie kann nicht durch -Regeln oder O
durch die Anfangsregel AR
erreicht worden sein, deren Konklusionen keine leeren
Antezedentien kennen. Die Sequenz
a /
O

kann nicht durch die Anfangsregel AR P


oder durch -Regeln erreicht worden sein,
deren Konklusionen keine leeren Sukzedentien aufweisen. Sie kann nicht durch
O -Regeln erreicht worden sein, in deren Konklusionen die Antezedentien stets
eine logisch zusammengesetzte Formel enthalten.

Die Sequenz S5 ist wie folgt ableitbar:

O AR
 
∨x Ax, ∧x A x ,
  
An,An An

O O

∨x Ax, ∧ x A x ,
 
An,An /
O

O O∧
- 154 -


∨x Ax, ∧ x A x , An

/
O

O O∨

∨x Ax, ∧ x A x /
O

O P

∨x Ax ∧ x A x
O P


/
O ∨x Ax  ∧ x A x
AR: Σ ≡ ∨x A x , ∧ x A x , A n ; A ≡ A n / : Σ ≡ ∨x A x , ∧ x A x ,
   
O  


An;A≡An;C≡O

O
/ / ∧: Σ ≡ ∨x A x , A n ; C ≡ O
 
/ / ∨: Σ ≡ ∧ x A x ;

O

Ax ≡ Ax; C ≡ O




P
/ / : Σ ≡ ∨x A x ; A ≡ ∧ x A x / : Σ ≡ O
 
/; P
A ≡ ∨x A x ; B ≡ ∧ x A x . Bei der vierten Regelanwendung, der Anwendung
O
der Regel ∨, ist die Variablenbedingung zu beachten: Die schematische Kon-
stante n darf nicht in der Sequenz

∨x Ax, ∧ x A x /,
O

d. h. nicht in dem Aussageformen-Schema A x auftreten.
Dass eine Sequenz
A1, A2, ... , An B
in Anwendung der Regeln des Kalküls KKQ ableitbar ist, wird mit Hilfe des Ab-
leitungszeichens als
A1, A2, ... , An B
notiert. Dass eine Sequenz in Anwendung der Regeln des Kalküls KKQ nicht ab-
leitbar ist, wird entsprechend als
A1, A2, ... , An / B
notiert. Weil Sequenzen genau dann logisch gültig sind, wenn sie gemäÿ den Re-
geln des Kalküls KKQ ableitbar sind, und das heiÿt auch: genau dann nicht logisch
gültig sind, wenn sie gemäÿ diesen Regeln nicht ableitbar sind, ist so gleicherma-
ÿen die logische Gültigkeit bzw. die logische Ungültigkeit von Sequenzen notiert.
 
Für die Sequenzen S1 -- S5 erhalten wir:
A ∨ B, A B,
A∧ A /,
O

A A,
/
O / A∨ A
und
 
/
O ∨x Ax  ∧x A x .
- 155 -

Es handelt sich um Ableitbarkeitsaussagen bzw. um eine Unableitbarkeitsaus-


sage. Gilt die Ableitbarkeitsaussage
/
O B,
dann ist eine Aussage mit der in der Formel B niedergelegten logischen Zusam-
mensetzung logisch wahr. Gilt die Ableitbarkeitsaussage
A1, A2, ... , An /,
O

dann sind Aussagen mit den in den Formeln A1, A2, ... , An niedergelegten lo-
gischen Zusammensetzungen miteinander logisch unverträglich. Im Falle n = 1
ist eine Aussage mit der in der einzigen Vorderformel niedergelegten logischen
Zusammensetzung logisch falsch.
Aussagen, deren logische Zusammensetzung in der Formel

∨x Ax  ∧ x A x
gefasst ist, sind demnach logisch wahr. Aussagen, deren logische Zusammenset-
zungen in den Formeln

∨x A x
und
∧ x A x
gefasst sind, sind miteinander logisch unverträglich vgl. die in der Ableitung
 
der Sequenz S5 durch die vierte Regelanwendung erreichte logisch gültige !
Sequenz
 
∨x A x , ∧ x A x /.
O

Aussagen, deren logische Zusammensetzung in der Formel


A∧ A
gefasst ist die also die Konjunktion einer Aussage und ihrer Negation formu-
lieren , sind logisch falsch.
Da die logische Wahrheit, die logische Unverträglichkeit und die logische
Falschheit von Aussagen allein durch deren logische Zusammensetzungen be-
stimmt sind, wird die Rede von der logischen Wahrheit, der logischen Un-
verträglichkeit und der logischen Falschheit auch auf die Formeln übertragen,
die diese logischen Zusammensetzungen repräsentieren. Die gerade angeführte

Hinterformel der Sequenz S5 ist logisch wahr, die anschlieÿend angeführten
quantorenlogischen Formeln sind miteinander logisch unverträglich, die angeführ-

te Vorderformel der Sequenz S2 ist logisch falsch. Auch die Rede vom logischen
Folgen wird von Aussagen auf Formeln übertragen. Dass eine Aussage aus an-
deren Aussagen logisch folgt, ist allein von den involvierten logischen Zusam-
mensetzungen abhängig, die in den Vorderformeln und der Hinterformel einer
entsprechenden logisch gültigen Sequenz repräsentiert werden. Aus den Vorder-

formeln der Sequenz S1 , den Formeln A ∨ B und A, folgt logisch die Hinter-

formel der Sequenz, B. Aus der Vorderformel A der Sequenz S3 folgt logisch
deren Hinterformel A.
Was die Fälle der Sequenzen mit leeren Antezedentien oder mit leeren Suk-

zedentien anbelangt vgl. oben S. 142, 148 , so ist zu sagen:
- 156 -


1 Sequenzen
/
O B
sind logisch gültig genau dann, wenn für jedes beliebige C die Sequenzen
C B
logisch gültig sind.

2 Sequenzen
A1, A2, ... , An /
O

sind logisch gültig genau dann, wenn für jedes beliebige C die Sequenzen
A1, A2, ... , An C
logisch gültig sind.

Zu 1 : In Anwendung der Erweiterungsregel hat man für jedes beliebige C

/
O B

O ER
C B

ER: Σ ≡ O/; Σ' ≡ C . 

Die Formel C, die beliebig ist, kann insbesondere logisch wahr sein, so dass
also die Sequenz
/
O C
logisch gültig ist. Über die Schnittregel erhält man dann

C B
/
O C

O SR
/
O B

SR: Σ ≡ O/; A ≡ C; Σ' ≡ O/. Die Prämissen der Schnittregel werden nicht ne- 
beneinander, sondern untereinander sowie miteinander vertauscht aufgeführt.

Zu 2 : Mit A für A1 ∧ A2 ∧... ∧ An , für jedes beliebige C und in Einbeziehung

der logisch gültigen Sequenz S3 in der vorletzten Regelanwendung erhalten wir

A1, A2, ... , An /


O

O∼ O

A /
O

O P
- 157 -

/
O A

O∼ O
A C
A A

O SR
A C

O∼ O

A1, A2, ... , An C

bis auf die Anwendung von SR stets Σ ≡ O/; ∼: C ≡ OO O SR


/ / ∼: A ≡ A / : Σ ≡ A;

A≡


O ∧
O
/; B ≡ C; die Regeln ∼ und ∼ werden jeweils n--1 -mal angewen-
A; Σ' ≡ O
det .
Da C beliebig ist, insbesondere also logisch falsch sein kann, so dass dann die
Sequenz
C /
O

logisch gültig ist, erhalten wir umgekehrt

A1, A2, ... , An C


C /
O

O SR
A1, A2, ... , An /
O

SR: Σ ≡ A1, A2, ... , An; A ≡ C; Σ' ≡ O/; B ≡ O/ . 

Im Fazit:

Zu 1 : Eine Sequenz
/
O B
ist genau dann logisch gültig, wenn für jede beliebige Formel C die Sequenz
C B
logisch gültig ist. Es gilt genau dann
/
O B,
wenn für jedes beliebige C
C B
gilt. Eine Aussage mit der in der Formel B niedergelegten logischen Zusammen-
setzung ist logisch wahr genau dann, wenn sie aus beliebigen Aussagen jedweder
logischen Zusammensetzung logisch folgt.
- 158 -


Zu 2 : Eine Sequenz
A1, A2, ... , An /
O

ist genau dann logisch gültig, wenn für jede beliebige Formel C die Sequenz
A1, A2, ... , An C
logisch gültig ist. Es gilt genau dann
A1, A2, ... , An /
O

wenn für jedes beliebige C


A1, A2, ... , An C
gilt. Aussagen mit den in den Formeln A1, A2, ... , An niedergelegten logischen
Zusammensetzungen sind miteinander logisch unverträglich genau dann, wenn
aus ihnen beliebige Aussagen jedweder logischen Zusammensetzung logisch folgen.
Insbesondere ist im Falle n = 1 eine Aussage mit der in der einzigen Vorderformel
niedergelegten logischen Zusammensetzung logisch falsch genau dann, wenn aus
ihr beliebige Aussagen jedweder logischen Zusammensetzung logisch folgen.

Die Gültigkeit der von Popper 1963 herangezogenen Schlussregeln From
the premise p we obtain the conclusion p ∨ q und From the two premises non-p,

and p ∨ q, we obtain the conclusion q vgl. oben S. 25; Popper ebd., 318f kann
auf die logische Gültigkeit der Sequenzen
A A∨B
und
A, A ∨ B B

zurückgeführt werden mit A für p und mit B für q . Die erstgenannte Sequenz ist
logisch gültig, weil sie im Kalkül KKQ in Anwendung der Anfangsregel AR und der
P

L-Regel ableitbar AR
ist : Σ ≡ /
O / ∨
L: PΣ ≡ A

. Die zweitgenannte Sequenz ist

logisch gültig, weil sie gegenüber der als logisch gültig erwiesenen Sequenz S1
die logische Gültigkeit nicht tangierend lediglich vertauschte Vorderformeln
aufweist.
Die Anwendung der Schnittregel SR
auf diese beiden logisch gültigen Sequen-
zen führt auf die Sequenz
A, A B

Σ ≡ A; A ≡ A ∨ B; Σ' ≡ A , die damit ebenfalls logisch gültig ist und so die von
Popper des Weiteren erwähnte Schlussregel legitimiert: From a couple of con-
tradictory premises, any conclusion may be deduced vgl. oben S. 25f; Popper

ebd., 321, kursiv im Original; B ist beliebig .
Die letztgenannte Sequenz ist allerdings auch schon deswegen logisch gültig,
weil sie mit der logisch gültigen Sequenz
A, A /
O

im vorhin angegebenen Sinne gleichwertig ist, die in den Ableitungen der Sequen-
 
zen S2 und S3 jeweils durch die zweite Regelanwendung erreicht wird vgl.

oben S. 155f, 152 .
- 159 -

Exkurs zu logischer Äquivalenz und Kesselrings strikter Anti-


nomie
Wenn sowohl die Sequenz
A B
als auch die Sequenz
B A
logisch gültig ist, d. h. wenn für eine Aussage mit der in der Formel A gefassten
logischen Zusammensetzung und für eine Aussage mit der in der Formel B gefass-
ten logischen Zusammensetzung sowohl gilt, dass aus der Ersteren die Letztere
logisch folgt, als auch, dass aus der Letzteren die Erstere logisch folgt, dann sind
die betreenden Aussagen logisch äquivalent.
Ihre logische Äquivalenz lässt sich auch an der logischen Gültigkeit der Se-
quenz
/
O A B
festmachen, die genau dann vorliegt, wenn die logische Gültigkeit der Sequenzen
A B
und
B A
vorliegt: Aus den beiden letztgenannten Sequenzen erhält man jeweils in Anwen-
P
dung der -Regel die Sequenzen


/
O AB
und
/
O B  A,
P

aus diesen erhält man in Anwendung der -Regel die Sequenz
/ .
O AB ∧ BA
bzw.
/
O A  B.
Umgekehrt erhält man aus dieser letzten bzw. der ihr vorhergehenden Sequenz
P

P∧
in Anwendung der L - und der R -Regel und in anschlieÿender Anwendung der
P

-Regel auf die jeweils erreichten Konklusionen wiederum die Ausgangssequen-
zen.
Logisch äquivalent sind beispielsweise zwei Aussagen, bei denen die logische
Zusammensetzung der ersten Aussage in der Formel
. A∧B
und die logische Zusammensetzung der zweiten Aussage in der Formel
A B
repräsentiert wird. Da die Rede von der logischen Äquivalenz wie die Rede von
der logischen Wahrheit etc. von Aussagen auf Formeln übertragen werden soll

vgl. dazu oben S. 155 , können wir auch sagen, dass die beiden vorstehenden
Formeln ein Beispiel logisch äquivalenter Formeln bilden.
Die logische Gültigkeit der Sequenz
- 160 -

. A∧B A B
ergibt sich über die folgende Ableitung:

O AR O AR
. A ∧ B, A, B A . A ∧ B, A, B B
 

O P

. A ∧ B, A, B A∧B

O O
. A ∧ B, A, B /
O

O P
. A ∧ B, A B

O P


. A∧B A B

AR: Σ ≡ . A ∧ B, B / AR P
: Σ ≡ . A ∧ B, A / : Σ ≡ . A ∧ B, A, B

/ O:
P 
P
Σ ≡ A, B; A ≡ A ∧ B / : Σ ≡ . A ∧ B, A; A ≡ B / : Σ ≡ . A ∧ B; B ≡

B.
Die logische Gültigkeit der Sequenz
A B . A∧B
ergibt sich über die Ableitung

O AR
A B, A, B, B B

O AR O O
A B, A, B A A B, A, B, B /
O

 

O O


A B, A, B /
O

O∼ O

A B, A ∧ B /
O

O P
A B . A∧B
- 161 -

AR: Σ ≡ A  B, B / AR: Σ ≡ A  B, A, O
B / : Σ ≡ A  B, A, B; A ≡ B /
O : Σ ≡ A, B; B ≡ B; C ≡ O/ / P: Σ ≡ A 



B; A ≡ A ∧ B .
Kesselring 1984 zufolge weisen die von ihm mit Blick auf van Heije-

noort 1967 als strikte Antinomien bezeichneten Aussagen der logischen Zu-
sammensetzung
A  A

Merkmale von Tautologien logischen Äquivalenzen und zugleich von Wider-
sprüchen auf vgl. oben S. 57; van Heijenoort hat ≡ statt  und ∼ statt ,

vgl. ders. ebd., 45 . Kesselring ebd., 373 Anm. 39, macht ausdrücklich geltend,
dass strikte Antinomien sowohl Kontradiktionen als auch Tautologien sind das

Wort sind erscheint im Original kursiv . Dazu ist zu sagen:

1 Strikte Antinomien sind keine Tautologien, wenn mit Tautologien im
Anschluss an Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus 4.46, logisch wahre
Aussagen gemeint sind. Kesselring ebd., der sich auf Wolff 1981, 170, be-
zieht, scheint immerhin keine Einwände dagegen zu haben, dass, wie der Letztere
ebd. im Kontext anführt, sicherlich ... in der formalen Logik ... die Begrie des
Tautologischen und des logisch Wahren wie auch die Begrie des Kontra-
diktorischen und des logisch Falschen  gebräuchliche Synonyme sind. Vgl. zu

Wolff diesbezüglich auch oben S. 109f, 115f.
Strikte Antinomien sind nicht logisch wahr, sondern, wie zu zeigen sein wird,
logisch falsch.

Dass Aussagen nicht sowohl logisch wahr als auch logisch falsch sein können,
lässt sich wie folgt begründen:
Dass eine Aussage logisch wahr und logisch falsch ist, bedeutete die logische
Gültigkeit einer Sequenz
/
O A
sowie die logische Gültigkeit einer Sequenz
A /
O
bzw. einer mit ihr für jedes beliebige C gleichwertigen Sequenz
A C

vgl. oben S. 157f . Über die Schnittregel SRwürden wir auf die Sequenz
/
O C
geführt. Da C beliebig, also auch als A ∨ A, gewählt werden kann, erhielten wir
die logische Gültigkeit der Sequenz

S4 O/ A ∨ A.
 
Die Sequenz S4 war aber im Kalkül KKQ nicht ableitbar vgl. oben S. 153 , sie
ist somit auch nicht logisch gültig.
Eine Aussage kann also nicht logisch wahr und logisch falsch sein.

2 Da strikte Antinomien nicht logisch wahr sind, ist die Sequenz
/
O A  A
nicht logisch gültig. Aussagen mit der in der Formel A niedergelegten logischen
Zusammensetzung und Aussagen mit der in der Formel A niedergelegten logi-
schen Zusammensetzung sind jedenfalls gemäÿ der hier eingeführten logischen
- 162 -

Äquivalenz nicht logisch äquivalent. Man hat sogar, wie nur konstatiert, nicht
belegt werden soll, weder die logische Gültigkeit der Sequenz
A A
noch die logische Gültigkeit der Sequenz
A A.
Van Heijenoorts equivalence of two propositions, one of which is the ne-
gation of the other, meint denn auch oenkundig die Bisubjunktion zweier Aus-
sagen mit den in den Formeln A und A niedergelegten logischen Zusammenset-

zungen vgl. oben S. 57, 143; vgl. van Heijenoort ebd. . Kesselring mag mit
logischer Äquivalenz ebendiese als Bisubjunktion zu verstehende equivalence
van Heijenoorts meinen, so dass er von logischer Äquivalenz nicht anders als
von Äquivalenz spräche, womit er van Heijenoorts equivalence wiedergibt

vgl. oben S. 57 . Die von Kesselring bei einer strikten Antinomie ausge-
machte wechselseitige Implikation ihrer Seiten mag entsprechend die auch bei
van Heijenoort ebd. formulierten Subjunktionen

A A
und
AA
meinen. Vgl. Kesselring ebd., 98, sowie oben S. 57; van Heijenoort hat ⊃

statt  , vgl. ders. ebd.

Kesselrings Rede von Tautologien logischen Äquivalenzen , auch von
 
Tautologie bzw. Äquivalenz  ders. ebd., 373 Anm. 39 , könnte dann nahe-
legen, dass logisch wahre Aussagen stets Bisubjunktionen sind. Demgegenüber
muss mit Nachdruck festgehalten werden, ohne dass es hier näher ausgeführt
werden soll, dass logisch wahre Aussagen mittels des einstelligen Junktors zu
Negationen, mittels aller zweistelligen Junktoren jeweils zu Konjunktionen usw.,
ferner mittels der Quantoren und mittels Aussageformen jeweils zu Existenz- und
zu Allaussagen zusammengesetzt sein können. Ein Beispiel für eine logisch wahre
Aussage, die eine Subjunktion ist, liefert jede Aussage, deren logische Zusammen-

setzung mit dem Sukzedens der logisch gültigen Sequenz S5 , der Formel

∨x Ax  ∧ x A x ,

gefasst wird vgl. oben S. 153  .

3 Sollte Kesselring mit Kontradiktionen oder Widersprüchen wie-
derum im Anschluss an Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus ebd.
logisch falsche Aussagen meinen, dann wären strikte Antinomien in der Tat
Kontradiktionen oder Widersprüche. Alle logisch falschen Aussagen wären es,
insbesondere auch jede Konjunktion entgegengesetzter Aussagen, d. h. jede lo-
gisch zusammengesetzte Aussage der Gestalt
A∧ A,
die von Kesselring gegenüber einer strikten Antinomie als einfacher Wider-

spruch herausgestellt wird vgl. oben S. 57; S. 155 .
Strikten Antinomien, da sie logisch falsch sind und insofern Widersprüche
- 163 -

sind, wird man zugestehen, dass sie Merkmale von Widersprüchen aufweisen.
Strikte Antinomien, da sie nicht logisch wahr sind, sind keine Tautologi-
en im Sinne logisch wahrer Aussagen. Das Merkmal strikter Antinomien,
dass sie Bisubjunktionen sind, kann nicht als Merkmal solcherart verstandener
Tautologien gelten.
Zum Nachweis der logischen Falschheit strikter Antinomien, d. i. der logi-
schen Gültigkeit der Sequenz

S6 A  A /,
O

sei nun zunächst die logische Gültigkeit der Sequenz



S7 A A A,
dann die logische Gültigkeit der Sequenz

S8 A  A, A /
O

gezeigt. Da man in Anwendung der Schnittregel



SR
auf die Sequenzen S7 und


S8 die Sequenz
A  A, A  A /
O

erhält Σ ≡ A  A; A ≡ A; Σ' ≡ A  A; B ≡ O / , daraus nach Vertauschung

O
der Vorderformeln in Anwendung der ∼ -Regel die Sequenz
. /
A A ∧ AA O

und weiter unter Berücksichtigung der Denition der Bisubjunktion die Sequenz
 
S6 erhält, ist die logische Gültigkeit der Sequenz S6 gesichert.

Die logische Gültigkeit der Sequenz S7 ergibt sich über die folgende Ablei-
tung:

O AR
A A, A, A A

O AR O O
A A, A A A A, A, A /
O

 

O O


A A, A /
O

O P

S7 A A A

AR: Σ ≡ A  A / AR : Σ ≡ A  A, A / : Σ ≡ A  A, A; C ≡ O O / /
O : Σ ≡ A; B ≡

A; C ≡ O P
/ / : Σ ≡ A A .



Die logische Gültigkeit der Sequenz S8 ergibt sich wie folgt:


- 164 -

O AR
A  A, A, A A

O AR O O
A  A, A A A  A, A, A /
O

 

O O


S8 A  A, A /
O

AR: Σ ≡ A  A; A ≡ A / AR
: Σ ≡ A  A, A / O: Σ ≡ A  A, A;
/ / O : Σ ≡ A; A ≡

C≡O /.
A; B ≡ A; C ≡ O


Wie der Nachweis der Unableitbarkeit der Sequenz S4 gezeigt hat, nimmt
die Ermittlung, ob eine Sequenz im Kalkül KKQ ableitbar ist oder nicht, sinn-

vollerweise ihren Ausgang von der untersuchten Sequenz vgl. oben S. 153 . Dem
entspricht, dass eine Ableitung im Allgemeinen nicht, wie bisher vorgeführt, von
einer Anwendung oder von Anwendungen der Anfangsregel AR
aus, sondern in
umgekehrter Richtung von der ableitbaren Sequenz aus notiert wird. Der Regel-
pfeil weist dann von unten nach oben. Eine derartig notierte Ableitung ist eine

Reduktion

. Die als Reduktion notierte Ableitung der Sequenz S1 etwa vgl. oben
S. 151 hat das folgende Aussehen:

A ∨ B, A B
M ∨
O
 
A ∨ B, A, A B A ∨ B, A, B B
M
O M
AR
A ∨ B, A, A A
M
AR
- 165 -

3. Klassische und konstruktive logische Gültigkeit von Sequenzen;


klassische und konstruktive logische Unverträglichkeit
In der klassischen formalen Logik ist eine Adjunktion, die aus einer Aussage
und ihrer Negation gebildet ist, bzw. die Formel
A∨ A
logisch wahr, die Sequenz

S4 /
O A∨ A
entsprechend logisch gültig. Auch eine Allaussage mit der in der Formel
∧ x . A x ∨ Ax


niedergelegten logischen Zusammensetzung bzw. diese Formel selbst sind klas-


sisch logisch wahr, die Sequenz

S9 /
O ∧ x . A x ∨ Ax


ist entsprechend klassisch logisch gültig. Der Nachweis für die klassisch-logische
Wahrheit der angeführten Formeln oder für die klassisch-logisch Gültigkeit der an-
geführten Sequenzen kann hier unterbleiben. Sequenzen sind jedenfalls klassisch
logisch gültig genau dann, wenn sie im Kalkül KKlQ der klassischen Quantoren-

logik ableitbar sind; vgl. etwa Haas 1984b, 233f.

Konstruktiv geht dagegen nicht nur der Sequenz S4 , sondern auch der Se-
 
quenz S9 die logische Gültigkeit ab: Wäre die Sequenz S9 logisch gültig, dann
P
gäbe es eine Ableitung, in der sie zuletzt in Anwendung der ∧ -Regel aus der
Sequenz
 
/
O An ∨ An
hervorginge der schematische Buchstabe n käme der Variablenbedingung we-
 
gen in der Sequenz S9 nicht vor . Die letztgenannte Sequenz müsste logisch
 
gültig sein, ist es jedoch nicht: Sie ist mit A n für A genau von der Gestalt

der Sequenz S4 . Konstruktiv ist weder die Formel A ∨ A noch die Formel
 
∧ x . A x ∨ A x logisch wahr.
Die Formel A ∨ A, das Tertium non datur, kurz: TND, die Formel
∧ x . A x  ∨ A x  auch: ∧ x ∧ y . A x,y  ∨ A x,y  , das universelle Tertium
non datur es besagt, dass für jede Ersetzung der Variablen x durch eine sche-
matische Konstante bzw. der Variablen x und y durch schematische Konstanten
das Tertium non datur vorliegt , und alle Formeln in der Gestalt des Tertium
non datur oder des universellen Tertium non datur sind Tertium non datur- oder
TND-Formeln.
Es gilt nun: Eine Sequenz
A1, A2, ... , An B
ist klassisch logisch gültig genau dann, wenn für eine Folge T1, ... , Tm von
TND-Formeln die Sequenz
T1, ... , Tm, A1, A2, ... , An B
konstruktiv logisch gültig ist. Dabei greifen die Formeln T1, ... , Tm, wenn sie von
- 166 -

der Gestalt A ∨ A sind, mit dem Adjunktionsglied A Teilformeln der A1, A2,
... , An, B das sind Formeln, aus denen die A1, A2, ... , An, B junktorenlogisch

zusammengesetzt sind oder auch diese selbst auf und, wenn sie von der Gestalt
    
∧ x . A x ∨ A x bzw. ∧ x ∧ y . A x,y  ∨ A x,y  sind, mit A x bzw. A x,y 
in A1, A2, ... , An, B verwendete Aussageformen-Schemata auf. Vgl. Lorenz
1968, 161f, ders. 1973, 206f, Haas ebd., 112; vgl. a. Lorenz 1980b, Sp. 410,

ders. 1984c, 668 .
Eine Formel B ist demnach klassisch logisch wahr genau dann, wenn für
TND-Formeln T1, ... , Tm die Sequenz
T1, ... , Tm B
konstruktiv logisch gültig ist. Formeln A1, A2, ... , An sind klassisch miteinan-

der logisch unverträglich genau dann, wenn für TND-Formeln T1, ... , Tm die
Sequenz
T1, ... , Tm, A1, A2, ... , An O/
konstruktiv logisch gültig ist. Insbesondere ist eine Formel A klassisch logisch
falsch genau dann, wenn für TND-Formeln T1, ... , Tm die Sequenz
T1, ... , Tm, A /
O

konstruktiv logisch gültig ist.


Sequenzen, die konstruktiv logisch gültig sind, sind bei leer verstandener
Folge T1, ... , Tm von TND-Formeln auch klassisch logisch gültig.
Sequenzen, die klassisch, aber nicht konstruktiv logisch gültig sind, werden
konstruktiv logisch gültig dadurch, dass ihren Antezedentien TND-Formeln hin-
zugefügt werden. Die klassische formale Logik kann insofern als eine Verschär-

fung der konstruktiven formalen Logik angesehen werden vgl. oben S. 142 .
  
Die konstruktiv logisch gültigen Sequenzen S1 -- S3 und S5 sind auch
klassisch logisch gültig.

Die klassisch-logische Gültigkeit der Sequenz S4 , die nicht konstruktiv lo-
gisch gültig ist, ergibt sich mit der einzigen TND-Formel A ∨ A trivialerweise
aus der konstruktiv-logischen Gültigkeit der Sequenz
A∨ A A∨ A.
Auch die klassisch-logische Gültigkeit der nicht konstruktiv logisch gültigen Se-
  
quenz S9 ergibt sich mit der einzigen TND-Formel ∧ x . A x ∨ A x trivia-
lerweise aus der konstruktiv-logischen Gültigkeit der Sequenz
∧ x . A x ∨ Ax

∧ x . A x ∨ 
Ax .
Die beiden letztgenannten Sequenzen sind mit Σ ≡ O / durch die Anfangsregel
AR herstellbar.


Als weitere Beispiele für Sequenzen, die klassisch, aber nicht konstruktiv lo-
gisch gültig sind, seien die Sequenzen

S10 A A
und

S11 /
O ∧ x A x   ∨x Ax


vorgestellt.
- 167 -

 
Zu S10 : Diese Sequenz, in der gegenüber der Sequenz S3 die Vorder- und
die Hinterformel miteinander vertauscht sind, lässt sich mit der einzigen TND-
Formel A ∨ A in der folgenden Reduktion als klassisch logisch gültig erweisen:

A∨ A, A A

O
M ∨

 
A∨ A, A∨ A,
A, A A A, A A
M
AR
M
O
A∨ A,
A, A A
M
AR
O
... / : Σ ≡ A ∨ A, A; A ≡ A; C ≡ A P -Regel erhält man
/ ... . Über die 
aus der Sequenz
A∨ A, A A
die Sequenz
A∨ A A  A,
deren Sukzedens, die Formel
A  A,
das Duplex negatio armat, kurz: DNA, somit klassisch logisch wahr ist. Kon-
struktiv ist das DNA genausowenig wie das TND logisch wahr. Wäre die Sequenz
/
O AA

konstruktiv logisch gültig, dann wäre es auch die Sequenz S10 , die aus ihr in
P 
Anwendung der -Regel hervorgeht. Für die Sequenz S10 gibt es aber keine

Reduktion: Durch die einzige mögliche Regelanwendung, die Anwendung der -
 
O
Regel Σ ≡ O/; A ≡ A; C ≡ A , würde S10 auf die Sequenz
A A
zurückgeführt. Erneute Anwendung von O führte auf ebendieselbe Sequenz, die
P
alternative Anwendung von führt auf
A, A /.
O

Die daraus über O erreichte Sequenz


A, A A
führt über O auf sich selbst zurück, über P auf die Sequenz
A, A, A /.
O
- 168 -

O P
Weitere Anwendungen der - und der -Regel andere Regelanwendungen schei-
den aus führen entweder wie gesehen über die erreichte Sequenz nicht hinaus
oder führen auf solche Sequenzen, die sich von der gerade zuletzt notierten Se-
quenz nur durch zusätzliche im Antezedens auftretende Formeln A unterscheiden.
Durch die Anfangsregel

AR herstellbare Sequenzen können nicht erreicht werden.

Zu S11 : Die Sequenz S11 enthält im Sukzedens die gegenüber dem Sukze-
 
dens der Sequenz S5 umgekehrte Subjunktion. Die Sequenz S11 ist klassisch
logisch gültig, weil es für die Sequenz

S12 ∧ x . A x ∨ Ax,


 
∨x A x ∨ ∨x Ax ∧ x A x   ∨x 
Ax ,
 
die durch Aufnahme der TND-Formeln T1: ∧ x . A x ∨ A x und T2:
  
∨x A x ∨ ∨x A x in das Antezedens der Sequenz S11 entsteht, eine
Reduktion gibt. Diese Reduktion wird ihrer Länge wegen in Anhang I wiederge-
geben.
In Anwendung der Regel
 
SAd
auf die konstruktiv logisch gültigen Sequenzen
S5 und S12 erhält man unter Berücksichtigung der Denition der Bisubjunk-

tion vgl. oben S. 143 die konstruktiv logisch gültige Sequenz

∧ x . A x ∨ Ax,


  
∨x A x ∨ ∨x Ax ∨x Ax  ∧ x A x .

Klassisch und nur klassisch ist also die Bisubjunktion

∨x Ax  ∧ x A x
logisch wahr.

Die Sequenz S11 ist nicht konstruktiv logisch gültig, weil für sie keine Re-
duktion möglich ist. Ein Reduktionsversuch müsste mit einer Anwendung der
P

-Regel beginnen. Erreicht würde die Sequenz
∧ x A x  ∨x A x  .
Auf sie kann a die O-Regel oder b die P∨-Regel angewendet werden. Im Fall a en-
  

dete der Reduktionsversuch wie folgt:

∧ x A x ∨x Ax


M
O
∧ x A x ∧ x A x
M
P∧
∧ x A x An


O
Eine erneute Anwendung der -Regel führte lediglich auf die vorletzte Sequenz
zurück. Eine durch die Anfangsregel AR
herstellbare Sequenz ist nicht erreichbar.
- 169 -


Im Fall b endete der Reduktionsversuch wie folgt:

∧ x A x ∨x Ax


M
P∨
∧ x A x An


M
P
∧ x A x , A n  /
O

M
O
 
∧x A x , A n ∧ x A x
M
P∧
  
∧x A x , A n Am

O
Erneutes Anwenden der -Regel führte nur auf die vorletzte Sequenz zurück, aus
P
der sich über die ∧ -Regel unter Beachtung der Variablenbedingung allenfalls
eine insofern neue Sequenz ergibt, als sie statt des Buchstabens m eine ande-
re jedenfalls von n verschiedene schematische Konstante enthält. Anwenden der
O P
- statt der -Regel auf die an zweiter Stelle erhaltene Sequenz führte auf die

vorletzte Sequenz des Reduktionsversuchs unter a . Eine Sequenz, wie sie die
Anfangsregel AR herzustellen erlaubt, ist nicht erreichbar.

Es soll nun gezeigt werden: 1 dass junktorenlogische Formeln A1, A2, ... , An
genau dann konstruktiv logisch unverträglich sind, wenn sie klassisch logisch un-

verträglich sind, 2 dass quantorenlogische Formeln A1, A2, ... , An, wenn sie
konstruktiv logisch unverträglich sind, auch klassisch logisch unverträglich sind,
dass sie aber nicht umgekehrt, wenn sie klassisch logisch unverträglich sind, stets
auch konstruktiv logisch unverträglich sind.

Zu 1 : Wenn die junktorenlogischen Formeln A1, A2, ... , An konstruktiv logisch
unverträglich sind, dann ist die Sequenz
A1, A2, ... , An /
O

konstruktiv logisch gültig. Damit ist sie auch klassisch logisch gültig vgl. oben

S. 166 , so dass die Formeln A1, A2, ... , An klassisch logisch unverträglich sind.
Wenn die junktorenlogischen Formeln A1, A2, ... , An klassisch logisch unver-
träglich sind, dann ist für TND-Formeln T1, ... , Tm die Sequenz
T1, ... , Tm, A1, A2, ... , An /
O

O

konstruktiv logisch gültig. In n--1 -facher Anwendung der ∼ -Regel und mit A
für A1 ∧ A2 ∧... ∧ An erhält man weiter die konstruktiv-logische Gültigkeit der Se-
quenz
T1, ... , Tm, A /
O
- 170 -

P
und daraus in Anwendung der -Regel die konstruktiv-logische Gültigkeit der
Sequenz
T1, ... , Tm A.
Die Formel A ist also klassisch logisch wahr. Gemäÿ Valerij I. Glivenko

1929 ist eine Formel A, die klassisch logisch wahr ist, aber auch konstruk-
tiv logisch wahr vgl. Stephen C. Kleene 1952, 492, Ÿ81, Theorem 59; genau

diejenigen junktorenlogischen Formeln sind im classical propositional calculus

ableitbar, die klassisch logisch wahr sind, genau diejenigen junktorenlogischen
Formeln sind im intuitionistic propositional calculus ableitbar, die konstruktiv

logisch wahr sind . Man hat demnach die konstruktiv-logische Gültigkeit der Se-
quenz
/
O A,
P
über die -Regel der Sequenz
A /
O

O

und in n--1 -facher Anwendung der ∼ -Regel der Sequenz
A1, A2, ... , An /,
O

somit schlieÿlich die konstruktiv-logische Unverträglichkeit der Formeln


A1, A2, ... , An.
Für n = 1 resultiert insbesondere, dass eine Formel A genau dann konstruktiv
logisch falsch ist, wenn sie klassisch logisch falsch ist.

Beispiele für junktorenlogische Formeln, die konstruktiv klassisch logisch un-
verträglich sind, sind wegen der konstruktiv-logischen Gültigkeit der Sequenz
A, A /
O

vgl. oben S. 158 die Formeln A und A und wegen der konstruktiv-logischen
Gültigkeit der Sequenz

S13 A, A  B, B /
O

die Formeln A, A  B und B. Eine Reduktion der letztgenannten Sequenz wird


in Anhang II gegeben.

Beispiele für junktorenlogische Formeln, die konstruktiv klassisch logisch falsch
sind, liefern die Konjunktionen
A∧ A

vgl. auch schon oben S. 155 und
. .
A ∧ AB ∧ B,
in denen die soeben angeführten logisch unverträglichen Formeln jeweils durch
den Junktor ∧ verknüpft sind: die Sequenz

S2 A∧ A /
O

war bereits als konstruktiv logisch gültig erwiesen vgl. oben S. 152 , die Sequenz
. . /
A ∧ AB ∧ B O
- 171 -

ist konstruktiv logisch gültig, weil sie sich in zweifacher Anwendung der ∼ -Regel

O

aus der Sequenz S13 ergibt. Da es nicht von Belang ist, ob dem als erstem
oder dem als zweitem auftretenden Junktor ∧ in den dreigliedrigen Konjunktio-
nen der Vorrang erteilt wird, muss keiner von ihnen etwa durch eine doppelte

Punktierung ausgezeichnet werden.

Zu 2 : Ganz so wie im junktorenlogischen Fall gilt: Wenn die quantorenlogi-
schen Formeln A1, A2, ... , An konstruktiv logisch unverträglich sind, dann ist die
Sequenz
A1, A2, ... , An /
O

konstruktiv wie klassisch logisch gültig, so dass die Formeln A1, A2, ... , An auch
klassisch logisch unverträglich sind.
So sind beispielsweise wegen der konstruktiv-logischen Gültigkeit der Sequenz

∨x Ax, ∧ x A x /
O

vgl. oben S. 155 die quantorenlogischen Formeln
 
1 ∨x Ax
und

2 ∧ x A x
konstruktiv wie klassisch logisch unverträglich. Ihre Konjunktion

∨x Ax ∧ ∧ x A x
ist konstruktiv wie klassisch logisch falsch. Wegen der konstruktiv-logischen Gül-
tigkeit der Sequenz
 
S5 /
O ∨x Ax  ∧ x A x

vgl. oben S. 153f und der aus ihr in Anwendung der ∼ -Regel herstellbaren Se-O
quenz
 
. ∨x A x  ∧ x A x /
O

Σ /;
≡ O / ist auch deren Antezedens, die Formel
C≡O

. ∨x Ax  ∧ x A x ,
konstruktiv wie klassisch logisch falsch.
Anders als im junktorenlogischen Fall gibt es nun quantorenlogische Formeln
A1, A2, ... , An , die klassisch logisch unverträglich, konstruktiv jedoch nicht logisch
unverträglich sind. Solche Formeln liegen beispielsweise mit den Negationen der
 
Formeln 1 und 2 ,
 
3 ∨x Ax
und

4 ∧ x A x ,
vor.
 
Die Formeln 3 und 4 sind klassisch logisch unverträglich, weil die Sequenz
- 172 -

 
S14 ∨x Ax, ∧ x A x /
O

klassisch logisch gültig ist bzw. weil für die TND-Formeln T1:
 
∧ x . A x ∨ Ax


und T2: ∨x A x ∨ ∨x A x die Sequenz


 
S15 T1, T2, ∨x A x ,
∧ x A x /
O

konstruktiv logisch gültig ist. Wir erhalten nämlich im Ausgang von der Sequenz

S12 und unter Verwendung der konstruktiv logisch gültigen Sequenz
 
∨x Ax ∨x Ax ,
 
die sich mit ∨x A x für A aus S3 ergibt:

S12 T1, T2 ∧ x A x   ∨x Ax


O P


T1, T2, ∧ x A x  ∨x Ax



∨x A x ∨x A x
O SR
 
T1, T2, ∧x A x ∨x Ax

O P
 
S15 T1, T2, ∨x A x ,
∧ x A x /
O

 
Die Formeln 3 und 4 sind konstruktiv nicht logisch unverträglich, weil die

Sequenz S14 konstruktiv nicht logisch gültig ist.

Ein Reduktionsversuch für die Sequenz S14 , der mit einer Anwendung der
O -Regel mit Blick auf deren zweite Antezedens-Formel ansetzte und anschlieÿend
P
die ∧ -Regel anwendete, ergäbe zunächst:
 
S14 ∨x Ax, ∧ x A x /
O

M
O

∨x Ax, ∧ x A x ∧ x A x
M
P∧

∨x Ax, ∧ x A x An


O
Eine erneute Anwendung der -Regel, diesmal mit Blick auf die erste Antezedens-
Formel, erbrächte die Sequenz

∨x Ax, ∧ x A x ∨x

Ax ,
- 173 -

die auch schon erreicht worden wäre, wenn der Reduktionsversuch bereits mit
O
einer Anwendung der -Regel im Hinblick auf die erste Antezedens-Formel be-
gonnen hätte. Es ergäbe sich weiter:

∨x Ax, ∧ x A x ∨x Ax


M
P∨

∨x Ax, ∧ x A x An


M
P
  
∨x Ax, ∧x A x , A n /
O

M
O
  
∨x Ax, ∧x A x , A n ∧ x A x
M
P∧

∨x Ax, ∧ x A x , A n  Am


In Beachtung der Variablenbedingung könnte zuletzt im Sukzedens nur eine je-


denfalls von n verschiedene schematische Konstante auftauchen. Zwar lieÿe sich
O
durch eine nochmalige Anwendung der -Regel die Formel ∨x A x wieder in



das Sukzedens holen und dann auf dem gleichen Wege wie die Formel A n auch

die Formel A m in das Antezedens platzieren. Aber anschlieÿendes Anwenden
O P
der - und der ∧ -Regel brächte in Beachtung der Variablenbedingung nur wie-
der eine jedenfalls von n und m verschiedene schematische Konstante ins Spiel. Es
gibt keine Möglichkeit, zu einer durch die Anfangsregel herstellbaren SequenzAR
zu gelangen.
Wegen der konstruktiv-logischen Gültigkeit der Sequenz
T1, T2,

∨x Ax ∧ ∧ x A x /,
O

O

die sich in Anwendung der ∼ -Regel aus der Sequenz S12 ergibt, ist die Kon-


junktion
 
∨x A x ∧ ∧ x A x
klassisch logisch falsch. Sie ist aber nicht konstruktiv logisch falsch, weil die Se-
quenz
 
∨x A x ∧ ∧ x A x /
O

nicht konstruktiv logisch gültig ist. Wäre sie es, dann wäre es auch die aus ihr
O
∧ 
über die ∼ -Regel erreichbare Sequenz S14 , die es, wie soeben gezeigt, nicht ist.
- 174 -

4. Analytische Gültigkeit von Sequenzen


Es sei mit
  
S C n ⇐⇒ D n

eine sprachliche Regelung notiert, der zufolge, wenn C n geurteilt wird, auch
  
D n geurteilt werden darf und umgekehrt, wenn D n geurteilt wird, auch C n
geurteilt werden darf. Der Buchstabe n vertrete schematisch einen beliebigen
Nominator aus den übereinstimmenden Variabilitätsbereichen der Aussagefor-
   
men C x und D x . Ist eine solche sprachliche Regelung S in Kraft, dann gilt
die Allaussage
∧ x . C x  D x .
Sie sei mit AS bezeichnet. Eine Sequenz

* A1, A2, ... , An B

ist nun genau dann mit Bezug auf eine sprachliche Regelung S analytisch gültig,
wenn die Sequenz

** AS, A1, A2, ... , An B

logisch gültig ist, in der gegenüber der Sequenz * im Antezedens die der sprach-

lichen Regelung S korrespondierende Allaussage AS aufgenommen ist. Diese

Bestimmung der analytischen Gültigkeit einer Sequenz ist an Kamlah Loren-

zen 1967, 214 , orientiert. Vgl. a. Lorenzen Schwemmer 1973, 136, 155. Die
von mir mittels des Doppelpfeils ⇐⇒ notierten sprachlichen Regelungen sollen

allerdings sowohl die in Kamlah Lorenzen ebd., 217, ebenfalls mit diesem
Doppelpfeil notierten sprachlichen Regelungen als auch die dort mittels des De-
nitionszeichens ( + notierten und so als Denitionen ausgezeichneten sprachlichen

Regelungen umfassen.

Statt einer Sequenz ** sei gleichwertig
  
*** S [ C x :D x ], A1, A2, ... , An B
geschrieben. Der Ausdruck
 
S [ C x :D x ]

soll die sprachliche Regelung S andeuten. Auch wenn er keine junktoren- oder

quantorenlogische Formel ist, sei die Figur unter *** als Sequenz bezeichnet.
 
Eine Sequenz *** heiÿe analytisch gültig genau dann, wenn die Sequenz **
logisch gültig ist. Eine Ableitbarkeitsaussage
 
S [ C x :D x ], A1, A2, ... , An B
sei wie die Ableitbarkeitsaussage
AS, A1, A2, ... , An B

verstanden. Eine Sequenz * ist demnach mit Bezug auf die sprachliche Rege-
 
lung S nicht nur genau dann analytisch gültig, wenn die Sequenz ** logisch

gültig ist, sondern auch genau dann, wenn die Sequenz *** analytisch gültig ist.
- 175 -

Ist eine Sequenz


 
S [ C x :D x ], A1, A2, ... , An B
analytisch gültig, dann folgt eine Aussage, deren logische Zusammensetzung in der

Formel B niedergelegt ist, mit Bezug auf die Sprachregelung S analytisch
aus Aussagen, deren logische Zusammensetzung respektive in den Formeln A1,
A2, ... , An niedergelegt ist.
Ist eine Sequenz
 
S [ C x :D x ] B
analytisch gültig, dann ist eine Aussage mit der in der Formel B niedergelegten

logischen Zusammensetzung bezüglich S analytisch wahr. Handelt es sich bei

dieser Aussage um eine Bisubjunktion, dann sind deren Glieder bezüglich S
analytisch äquivalent.
Ist eine Sequenz
 
S [ C x :D x ], A1, A2, ... , An /
O

analytisch gültig, dann sind Aussagen mit den in den Formeln A1, A2, ... , An nie-

dergelegten logischen Zusammensetzungen bezüglich S analytisch unverträglich.
Im Fall n = 1 ist eine Aussage mit der in der einzigen Vorderformel niedergelegten

logischen Zusammensetzung bezüglich S analytisch falsch.
Wie die Rede vom logischen Folgen, von der logischen Wahrheit usw.
soll auch die Rede vom analytischen Folgen, von der analytischen Wahrheit
usw. von Aussagen auf die ihre logischen Zusammensetzungen repräsentierenden

Formeln übertragen werden vgl. oben S. 155 .
Betrachten wir die folgende Ableitung:

O AR
∧ x . C x Dx

∧ x . C x Dx


O P∧
∧ x . C x Dx

Cn

 Dn

O
.
∧ x . C x     
Dx Cn Dn ∧ Dn Cn

O PL

∧ x . C x Dx
 
Cn Dn


O P


∧ x . C x   
Dx,Cn Dn

O∼ O
- 176 -

∧ x . C x 
Dx,Cn,

Dn

/
O

O∼ O

∧ x . C x 
Dx,Cn

∧ Dn

/
O

Der Schritt von der zweiten zur dritten Sequenz ist zwar durch einen Regelpfeil
angezeigt, stellt aber keine eigentliche Regelanwendung dar: Er ersetzt lediglich
eine Bisubjunktion durch ihr Deniens, vgl. oben S. 143. Er kann jedoch als eine
Anwendung der Schnittregel SR
interpretiert werden, bei der die zweite Sequenz
und die nicht notierte logisch gültige Sequenz
    .  
Cn Dn Cn Dn ∧Dn Cn

als Prämissen fungieren.
Bei Ersetzung der Sequenzen dieser Ableitung, die sämtlich Sequenzen wie
 
unter ** sind, durch Sequenzen wie unter *** transformiert sich die Ableitung
wie folgt:

O AR
 
S [ C x :D x ] ∧ x . C x Dx


O P∧
   
S16 S [ C x :D x ] Cn  Dn

O
    .  
S [ C x :D x ] Cn Dn ∧ Dn Cn

O PL

    
S17 S [ C x :D x ] Cn Dn

O P

  
S18 S [ C x :D x ],
 
Cn Dn

O∼ O
  
S19 S [ C x :D x ],
 
Cn, Dn /
O

O∼ O

  
S20 S [ C x :D x ],
 
Cn ∧ Dn /
O

Weil sämtliche Sequenzen dieser transformierten Ableitung analytisch gültig sind,


- 177 -


erhalten wir für die Allaussage AS, dass sie mit Bezug auf die Sprachregelung S
 
analytisch wahr ist, und für Aussagen mit in den Formeln C n und D n nieder-

gelegten logischen Zusammensetzungen, dass bezüglich der Sprachregelung S
  
ihre Bisubjuktion und ihre Subjunktion analytisch wahr sind vgl. S16 , S17 ,

dass die zweite Aussage aus der ersten analytisch folgt vgl. S18 , dass die erste

Aussage und die Negation der zweiten analytisch unverträglich sind vgl. S19
und dass die Konjunktion der beiden letztgenannten Aussagen analytisch falsch

ist vgl. S20 .

Es dürfte deutlich geworden sein, dass Sequenzen *** in derselben Weise als
Prämissen und Konklusionen von Regelanwendungen dienen können wie diejeni-
  
gen Sequenzen * , die sich allein durch den Fortfall des Ausdrucks S [ C x :D x ]
von ihnen unterscheiden.
So lieÿe sich in der zuletzt gegebenen Ableitung, ohne dass ein Rückgri auf

Sequenzen ** erforderlich wäre, von der an dritter Stelle erreichten, analytisch
gültigen Sequenz aus auch wie folgt fortfahren:
    .  
S [ C x :D x ] Cn Dn ∧ Dn Cn

O PR

   
S [ C x :D x ] Dn Cn

O P

   
S [ C x :D x ], D n Cn

O∼ O
   
S [ C x :D x ], D n , Cn /
O

O∼ O

   
S [ C x :D x ], D n ∧ Cn /
O

Demonstriert wäre für Aussagen, deren logische Zusammensetzungen in den For-


  
meln C n und D n niedergelegt sind, dass bezüglich der Sprachregelung S über
das gerade Konstatierte hinaus ebenfalls die Subjunktion in umgekehrter Rich-
tung wie zuvor analytisch wahr ist, die erste Aussage aus der zweiten analytisch
folgt, die zweite Aussage und die Negation der ersten analytisch unverträglich
sind und die Konjunktion der beiden letztgenannten Aussagen analytisch falsch
ist.
  
In der sprachlichen Regelung S können C n oder D n logisch zusammen-
gesetzt sein. Sei etwa die Sprachregelung
   
S' C n ⇐⇒ D1 n ∧ D2 n
   
in Kraft. Wir erhalten dann im Ausgang von S16 mit D1 x ∧ D2 x für D x
  
und mit D1 n ∧ D2 n für D n die folgende Ableitung:
- 178 -

     .  
S16 ' S [ C x :D1 x ∧ D2 x ] Cn  D1 n ∧ D2 n

O
      .
S [ C x :D1 x ∧ D2 x ] C n  D1 n ∧ D2 n ∧
  
D1 n ∧ D2 n Cn

O PL

      
S17 ' S [ C x :D1 x ∧ D2 x ] C n  D1 n ∧ D2 n

O P

   
S18 ' S [ C x :D1 x ∧ D2 x ],
  
Cn D1 n ∧ D2 n

O PL

   
S18 '' S [ C x :D1 x ∧ D2 x ],
 
Cn D1 n

O∼ O
   
S19 ' S [ C x :D1 x ∧ D2 x ],
 
Cn, D1 n /
O

O∼ O

   
S20 ' S [ C x :D1 x ∧ D2 x ],
 
Cn ∧ D1 n /
O

Während Hegels Studienzeit in Tübingen mag nun zumindest ebendort mit


n ist Stiftler

für C n , mit
n studiert an der Tübinger Universität

für D1 n und mit
n lebt im Stift
 
für D2 n die sprachliche Regelung S '' in Kraft gewesen sein:
n ist Stiftler ⇐⇒ n studiert an der Tübinger Universität ∧ n lebt im Stift

vgl. Jaeschke 2003, 3 . Aufgrund der analytischen Gültigkeit der Sequenzen
 
S18 '' und S19 ' wäre dann beispielsweise mit Hegel für n die Aussage
Hegel studiert an der Tübinger Universität
eine analytische Folge der Aussage
Hegel ist Stiftler
- 179 -

gewesen und wären die Aussagen


Hegel ist Stiftler
und
Hegel studiert nicht an der Tübinger Universität
analytisch unverträglich gewesen. Die Konjunktion
Hegel ist Stiftler ∧ Hegel studiert nicht an der Tübinger Universität

wäre wegen der analytischen Gültigkeit der Sequenz S20 ' analytisch falsch ge-
wesen.
Für den Umgang mit Sequenzen im Hauptteil der Arbeit ist der folgende mo-
dizierte Äquivalenzsatz

von Nutzen zum eigentlichen Äquivalenzsatz vgl. Haas
1984, 76, 108f, 196 :

Sei Σ B eine logisch gültige Sequenz, in der die Formel C n als eine der
Formeln aus Σ, als B oder als Teilformel einer dieser Formeln vorkommt. Fügt
 
man dem Antezedens dieser Sequenz die Formel ∧ x . C x  D x hinzu und
 
ersetzt man ein oder mehrere Vorkommen von C n durch D n , dann entsteht
wiederum eine logisch gültige Sequenz.
 
Versteht man die Formel ∧ x . C x  D x als einer sprachlichen Rege-
 
lung S korrespondierend genauer: dem Schema einer solchen , dann ist ins-
besondere die Sequenz, die aus Σ B durch ein- oder mehrmaligen Austausch
  
von C n mit D n entsteht, mit Bezug auf die sprachliche Regelung S bzw. das

Schema einer solchen analytisch gültig.

Einen Nachweis des modizierten Äquivalenzsatzes erhält man, ohne dass er


hier zur Gänze vorgeführt würde, wenn man im Nachweis des Äquivalenzsatzes,

wie er in Haas ebd., 109, gegeben wird, 1 in den nicht als solchen angespro-
chenen Anwendungen der Schnittregel

SR
für die Formel A in den Sequenzen
Σ 0, A C 0 und Σ 0 A die Formel C n nimmt und an Stelle der als logisch
gültig vorausgesetzten Sequenzen
A' A
und
A A'
die logisch gültigen Sequenzen
    
S21 ∧x. C x Dx,Dn Cn
bzw.
    
S22 ∧x. C x Dx,Cn Dn

verwendet sowie 2 , falls die Sequenzen Σ 0, A C 0 oder Σ 0 A nicht die ein-
zigen Prämissen der fraglichen Regelanwendungen waren, in das Antezedens der
jeweils zweiten Prämisse gemäÿ der Erweiterungsregel
 
ER
deren logische Gül-

tigkeit erhaltend die Formel ∧ x . C x  D x einfügt. Die Sequenz S22 ist
logisch gültig, weil sie an fünfter Stelle in der Ableitung oben, Seite 175f,

auftaucht. Die Sequenz S21 ist logisch gültig, weil sie in ebendieser Ableitung
- 180 -

P

P

bei Anwendung der R -Regel statt der L -Regel erreichbar wird. Der Text in
Haas ebd., 109, scheint durch Druckfehler entstellt. In den beiden ersten Zeilen
des dritten Absatzes muss es wohl statt KD* und KD jeweils K∼D heiÿen, vgl. dazu
ders. ebd., 100f. Ebd., 100, dürften im Übergang von der fünftletzten zur viert-
O
letzten Zeile der Seite nicht die  -Regeln, sondern die ∼ -Regeln gemeint sein, O
vgl. zu diesen ebd., 96. Ebd., 109, ist in der vierten Zeile des vierten Absatzes
wohl statt C ein C 0 zu lesen. Weiter im Absatz wird man unter Einfügung der
Präposition mit eine Fortsetzung der Ableitung m i t A' anstelle von A zu

verstehen haben.
So sind etwa gemäÿ dem modizierten Äquivalenzsatz wegen der logischen
Gültigkeit der Sequenzen
  
S23 /
O Cn Cn
und
  
S24 /
O Cn Cn
    
Σ /;
≡ O B ≡ C n  C n bzw. B ≡ C n  C n die Sequenzen
∧ x . C x Dx

Cn

Dn


und
∧ x . C x   
Dx Cn Dn
logisch gültig und insbesondere die Sequenzen
    
S16 S [ C x :D x ] Cn Dn
und
    
S17 S [ C x :D x ] Cn Dn
analytisch gültig Ergebnisse, das wir schon auf anderem Wege erreicht hatten
 
vgl. oben S. 176; zur logischen Gültigkeit der Sequenzen S23 und S24 vgl.

Anhang III .
Im Antezedens einer Sequenz kann mehr als eine Formel einer sprachlichen

Regelung von der Gestalt der sprachlichen Regelung S korrespondieren. In einer
Sequenz
AS', AS'', A1, A2, ... , An B
korrespondiert AS' einer sprachlichen Regelung
  
S' C ' n ⇐⇒ D' n
und AS'' einer sprachlichen Regelung
  
S '' C '' n ⇐⇒ D'' n .
Statt der letztgenannten Sequenz sei gleichwertig
   
S [ C ' x :D' x ; C '' x :D'' x ], A1, A2, ... , An B
geschrieben, wobei der eine Ausdruck
   
S [ C ' x :D' x ; C '' x :D'' x ]
- 181 -

 
sowohl die Sprachregelung S ' als auch die Sprachregelung S '' andeutet. Wenn
unzweifelhaft ist, auf welche sprachlichen Regelungen abgehoben wird und das
ist im Allgemeinen der Fall , wird vereinfacht mit oen gelassenem Klammer-
inhalt
S [ ... ], A1, A2, ... , An B
geschrieben.
Auch mit Bezug auf zwei oder mehr sprachliche Regelungen soll eine Sequenz
analytisch gültig sein können und sollen Aussagen aus anderen Aussagen analy-

tisch folgen können, analytisch wahr sein können usw. vgl. oben S. 174f . Ferner
sollen sprachliche Regelungen nicht nur auf ein-, sondern auch auf mehrstellige
Aussageformen zurückgreifen können. Einer Sprachregelung
 
C n,m ⇐⇒ D n,m
etwa korrespondiert dabei die sich zweier Allquantoren bedienende Allaussage
∧ x ∧ y . C x,y   D x,y .



Mit Hinsicht auf die in der Frage F8 , der Frage der Arbeit, angesprochenen

Darstellungssätze vgl. oben S. 141 kann nun näher angegeben werden: Darstel-
lungssätze sind im Sinne moderner formaler Logik logisch oder analytisch mit-
einander unverträglich, wenn für Formeln D1, D2, ... , Dn , welche die logischen
Zusammensetzungen dieser Darstellungssätze repräsentieren, die Sequenz
D1, D2, ... , Dn /
O

logisch gültig oder eine Sequenz


S [ ... ], D1, D2, ... , Dn /
O

analytisch gültig ist. Gehören zu den D1, D2, ... , Dn quantorenlogische Formeln,

dann ist, wie wir gesehen haben, zu beachten vgl. oben S. 171  , dass klassisch-
logische Gültigkeit vorliegen könnte, konstruktiv-logische aber nicht, bzw. dass
klassisch-analytische Gültigkeit vorliegen könnte, konstruktiv-analytische aber
nicht.

5. Kennzeichnungen
Eine Kennzeichnung ist ein mit Hilfe des kleinen griechischen Buchstabens

Jota und einer einstelligen Aussageform A x gebildeter Ausdruck der Gestalt
ix A x 

 
häug gelesen als: dasjenige x, so dass A x  . Eine Kennzeichnung soll dazu
dienen, genau den einen Gegenstand zu benennen, so dass, wenn n ein dem Va-

riabilitätsbereich von x angehöriger Nominator für diesen Gegenstand ist, A n
gilt. Dass der angezielte Gegenstand durch einen Nominator aus dem Variabili-
tätsbereich von x ansprechbar sein soll, wird durch die Indizierung des Kennzeich-
i i
nungsoperators mit x angedeutet. Eine Kennzeichnung x A x  wäre genauer zu
lesen als: derjenige Gegenstand, so dass, wenn n ein dem Variabilitätsbereich
 
von x angehöriger Nominator für diesen Gegenstand ist, A n gilt.
- 182 -

Ein Beispiel einer Kennzeichnung ist mit


Hegel studierte in x

für A x der Variabilitätsbereich von x sei ein Bereich von Ortsnamen, der den
Namen Tübingen enthält der Ausdruck
ix. Hegel studierte in x
dasjenige x, so dass: Hegel studierte in x bzw. derjenige Ort, so dass, wenn
nein dem Variabilitätsbereich von x angehöriger Name dieses Ortes ist, Hegel

studierte in n gilt . Die Beispiel-Kennzeichnung benennt Tübingen, den einzigen

Studienort Hegels vgl. dazu etwa wiederum Jaeschke ebd., 3  .
Wenn n genau der eine Gegenstand ist, der durch eine Kennzeichnung x A x

i
benannt wird, wenn also
n = xA x

i
gilt, dann gilt nicht nur selbstredend

An ,

sondern auch, die Eindeutigkeit der Aussageform A x formulierend,
∧ x ∧ y . A x ∧ A y  x=y
vgl. dazu Thiel 1983, Kurseinheit 1, 81; Haas 1984a, 206f, oder Lorenz 1984a,
 
380 . Wenn wir E A als eine Abkürzung für die letztgenannte Formel ansetzen,
erhalten wir
 
n = xA x  A n ∧ E A .i 

  
Gilt umgekehrt sowohl A n wie E A , so dass, wenn des Weiteren A m gilt, auch
n=m
gilt, d. h. die unterschiedlichen Nominatoren n und m denselben Gegenstand
benennen, dann erhalten wir
An



E A  n = xA x . i 

Zusammengenommen erhalten wir


*

n = xA x i  .
 An

∧ EA.


 
Für Aussageformen A x,m und A m,x jeweils mit der einzigen freien Va-
 
riablen x seien nun eine Linkseindeutigkeit Lm A bzw. eine Rechtseindeutigkeit

Rm A wie folgt deniert:

Lm A (
+ ∧ x ∧ y . A x,m  ∧ A y,m   x=y
und

Rm A (
+ ∧ x ∧ y . A m,x  ∧ A m,y   x = y.
    
Aus * ergibt sich mit A x,m für A x und entsprechend mit Lm A für E A
n = x A x,m
 .
i 
 A n,m ∧ Lm A


   
sowie mit A m,x für A x und entsprechend mit Rm A für E A
- 183 -

i
n = x A m,x
 .
 A m,n

∧ Rm A .


Im Hinblick auf den Hauptteil der Arbeit sei eine Doppel-Kennzeichnung A--m

i  
lies: das A von m über die Kennzeichnungen x A x,m und x A m,x so de-i
niert:
n = A--m ( i 
+ n = y A m,y ∧ n = x A x,m . i 

Es ist dann die Sequenz



S [ ... ], n = A--m A n,m

analytisch gültig vgl. Anhang IV; unten S. 198f .
- 184 -

Einführung in den zur Bearbeitung der Frage-


stellung entwickelten Ansatz

Der Ansatz, von dem aus ermittelt werden soll, wie der Kern | K des Schluss-
kapitels der Wissenschaft der Logik den Gegenstand der als Wissenschaft der
Logik zu leistenden Darstellung, die Bewegung des Begris, vorstellt und wel-
ches die zum Zwecke dieser Darstellung heranzuziehenden Darstellungssätze

sind vgl. oben S. 141 , zeichnet sich im Wesentlichen durch dreierlei aus.
1. Er fasst die Bestimmungen der Wissenschaft der Logik Sein, Nichts,
Werden, Übergehen, Einheit usw. als Prädikatoren, d. h. als sprachliche
Ausdrücke, die Gegenständen beliebiger

Art aussagenbildend zu- und abgespro-

chen werden können vgl. Kamlah Lorenzen 1967, 27 ; Thiel 1983, 64  .
2. Er stuft diese Prädikatoren.
3. Er unterscheidet die Bestimmungen der Wissenschaft der Logik in System -
bestimmungen und in Methoden- oder methodische Bestimmungen.
Zunächst zu 3. Systembestimmungen mögen diejenigen Bestimmungen der
Wissenschaft der Logik heiÿen,
 
die sich in deren Verlaufe zu einem System
ausbilden vgl. etwa S39 I36 , also die Bestimmungen Sein, Nichts, Dasein,
Endlichkeit usw. Als Prädikatoren verstanden, mögen sie Systemprädikatoren
heiÿen.
Methoden- oder methodische Bestimmungen mögen diejenigen Bestim-
mungen der Wissenschaft der Logik heiÿen, die dazu verwendet werden, die im
Verlaufe der Wissenschaft der Logik stattndende Systembildung darzustellen
und methodisch zu erfassen, also Bestimmungen wie unmittelbar, übergehen,
Einheit usw. Als Prädikatoren verstanden, mögen sie Methodenprädikatoren
heiÿen.
Zu 1. Für Hegel selbst sind zumindest die Systembestimmungen der Wis-
senschaft der Logik mehr als Prädikatoren, also mehr als sprachliche Ausdrücke.
Der Vorrede zur zweiten Auflage zufolge ist die Bestimmtheit der System-
Bestimmungen die dort Begrie genannt werden nur eine Formbestim-
mung oder ein Moment  d e s B e g r i f f s s e l b s t , der nur einer ist und

ihre substantielle Grundlage ausmacht vgl. S19 I18, Sperrung im Original;
es handelt sich um denjenigen Begri, auf den in der Rede von der Bewe-
 
gung des Begris abgehoben wird . D e r Begri an ihm selbst ebd. rückt
 
aber als absoluter, göttlicher Begri B153 II356 in die Nähe des Absolu-
 
ten und Ewigen, des Geistes und Gottes vgl. etwa Ph15 21; S67f, 157
 
I63, 145; B37, 54 II244, 260; Enz. Ÿ386 Anm. , wenn er nicht überhaupt mit
Gott identiziert werden muss.
Es ist zu zeigen, dass eine angemessene Bearbeitung der Fragestellung durch-
aus möglich ist, wenn die System- und Methodenbestimmungen der Wissen-
schaft der Logik als Prädikatoren verstanden werden.
Zu 2. Hegel spricht sicherlich mit Bestimmungen über Bestimmungen so
z. B. mit der Bestimmung Übergehen über das Bestimmungs-Paar Sein und

Nichts, wenn er sagt, dass das Sein in das Nichts übergeht vgl. S99f
 
I92f; vgl. a. S72 I67 . Aber eine entsprechende Stufung der Bestimmungen gibt
es bei Hegel selbst nicht.
- 185 -

In dem hier vorgelegten Ansatz werden dagegen Prädikatoren, m i t d e n e n


über Prädikatoren gesprochen wird, die also anderen Prädikatoren zu- oder ab-
gesprochen werden, auf eine höhere Stufe platziert als diejenigen Prädikatoren,
ü b e r die mit ihnen gesprochen wird, denen sie also zu- oder abgesprochen wer-
den. Der Methodenprädikator Übergehen, der den Systemprädikatoren Sein
und Nichts zugesprochen wird, wird als höherstuger angesetzt als diese Sy-
stemprädikatoren.
Sollte die Fragestellung der Arbeit mit Ja zu beantworten sein, dann wäre
dieses Ergebnis t r o t z der Stufung der Prädikatoren, und damit einer Unter-
scheidung von Sprachebenen, erreicht worden vgl. dazu die Ausführungen zu

Kesselring oben S. 61 . Das mögliche Ergebnis, dass die als Wissenschaft der
Logik zu leistende Darstellung der Bewegung des Begris, jedenfalls dann,
wenn diese Bewegung gemäÿ | K verlaufend vorgestellt wird, auf logisch oder
analytisch miteinander unverträgliche Darstellungssätze angewiesen ist, wäre we-
nigstens mit der hier vorgenommenen Stufung der Prädikatoren bzw. Unterschei-
dung von Sprachebenen nicht zu vermeiden gewesen.
Der skizzierte Ansatz lässt sich als Subordinations-Ansatz oder als Instanz-
Ansatz ausgestalten. Weitere Ausgestaltungsmöglichkeiten sollen damit nicht

für ausgeschlossen erklärt werden. Subordinations-Ansatz und Instanz-Ansatz
seien nun näher vorgestellt.
Zum Subordinations-Ansatz: Der Subordinations-Ansatz kennt zwei Stufen
von Prädikatoren. Die erste Stufe wird von den Systemprädikatoren, die zweite
Stufe von den Methodenprädikatoren gebildet. Die Prädikatoren der ersten Stufe,
Abkürzungen für sie, schematische Buchstaben, die für sie stehen, und Variablen,
die durch sie ersetzbar sind 37, werden im Zeichensatz des Normaltextes geschrie-
ben. Wir haben dann etwa
Sein, Nichts, ... ,
S, Ni, ... ,
A, B, ...
und
X, Y, ... .
Für Prädikatoren der zweiten Stufe haben wir entsprechend in Fraktur
Übergehen, Einheit, ...
Üb, Eh, ... ,
A, B, ...
und
X, Y, ... .

37 Variablen seien nun nicht mehr allein durch Nominatoren, sondern auch durch
Prädikatoren ersetzbar, so dass wir neben Bereichen von Nominatoren auch Be-
reiche von Prädikatoren als Variabilitätsbereiche erhalten vgl. oben S. 144f .
- 186 -

Unter Verwendung hochgestellter Indizes sollen A1, B1 usw. für einstellige


Prädikatoren der ersten Stufe, A2, B2 usw. für zweistellige Prädikatoren der ersten
Stufe stehen. Mit An, Bn usw. soll oen gelassen werden, ob es sich um einstellige
oder um zweistellige Prädikatoren handelt.
A11, A12, B11 usw. sollen für einstellige Prädikatoren der zweiten Stufe stehen,
die auf ein- bzw. zweistellige Prädikatoren der ersten Stufe angewendet werden.
Mit A1n, B1n usw. soll oen gelassen werden, ob die Prädikatoren der ersten Stufe
ein- oder zweistellig sind.
In Entsprechung zu den Prädikatoren, durch die sie ersetzbar sind, seien die
Variablen X1, Y1, ... , X2, Y2, ... , X11, X12, Y11, ... bzw. Xn, Yn, ... und X1n, Y1n,
... unterschieden.
Überstrichene Abkürzungen und überstrichene schematische Buchstaben für
Prädikatoren erster Stufe sollen für diejenigen in Anführungszeichen gesetzten
erststugen Prädikatoren stehen, für die sie unüberstrichen stehen. So stehen
etwa
S, Ni
für die Anführungsnamen
Sein , Nichts .

Überstrichene Variablen für Prädikatoren erster Stufe sollen durch die Anfüh-
rungsnamen derjenigen erststugen Prädikatoren ersetzbar sein, durch die sie
unüberstrichen ersetzbar sind.
Mittels der Abkürzungen für Prädikatoren werden Abkürzungen für diesen
Prädikatoren zugehörige Aussageformen gebildet. So erhalten wir beispielsweise
mit den Abkürzungen
S, Ni
für die Prädikatoren
Sein, Nichts
die Abkürzungen
 
S x , Ni x
für die Aussageformen
 
x ist ein Sein, x ist ein Nichts.
Mit der Abkürzung
Üb
für den Prädikator
Übergehen
erhalten wir die Abkürzungen
1 1
Üb X ,Y
und
2 2
Üb X ,Y
für die Aussageformen
1 1
X geht in Y über
und
2 2
X geht in Y über .
- 187 -

Der Variabilitätsbereich von x ist ein Bereich solcher Nominatoren, die keine
Prädikatoren benennen.