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Theoretische Phonetik

Seminar I

Deutsche Aussprachenorm

1. Geschichte und Entwicklung der deutschen Standartaussprache

Die Aussprache der deutschen Sprache bezeichnet


die Phonetik und Phonologie der deutschen Standardsprache. Diese ist nicht überall
dieselbe, denn Deutsch ist eine plurizentrische Sprache mit verschiedenen Varietäten, die
in ihrer Aussprache jedoch weitgehend übereinstimmen.
Im weiteren Sinn kann unter der Aussprache der deutschen Sprache auch die der
deutschen Dialekte verstanden werden. Weil dies aber den Rahmen eines einzigen
Artikels sprengen würde, ist diese Sichtweise hier nicht dargestellt; siehe stattdessen den
Artikel über die deutschen Mundarten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Anfänglich war die deutsche Standardsprache eine reine Schriftnorm. Wenn sie
gesprochen wurde, dann entsprechend dem Lautstand der regionalen Mundarten.
Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert galt die sächsische Aussprache
des Standarddeutschen – das Meißnische – als vorbildlich, und zwar insbesondere in
Mittel- und Norddeutschland, während sie sich im Süden des deutschen Sprachraums nur
allmählich durchsetzte. Hinweise auf die ehemalige Vorbildlichkeit einer sächsisch
gefärbten Aussprache finden sich etwa darin, dass noch zur Zeit der Weimarer
Klassik ein Wortpaar wie müde – Friede als anstandsloser reiner Reim akzeptiert war.[1]
Im 19. Jahrhundert wurde die norddeutsche Aussprache zur einflussreichsten.
Verschiedene Faktoren spielten dabei eine Rolle. Einerseits war Preußen insbesondere
seit der Gründung des deutschen Kaiserreichs zur dominierenden Macht geworden,
andererseits waren in vielen Gegenden Norddeutschlands die Mundarten zugunsten der
Standardsprache aufgegeben worden, so dass die Sprecher eine natürliche Gewandtheit
im mündlichen Gebrauch der Standardsprache erreichten.
Kodifiziert wurde diese Aussprache der deutschen Sprache erstmals 1898 in
der Deutschen Bühnenaussprache von Theodor Siebs. Moderne Aussprachewörterbücher
stimmen im Großen und Ganzen mit der Siebs’schen Aussprache überein, wenn sie auch
in verschiedenen Details von ihr abweichen (beispielsweise wird heute [r] nicht mehr als
die einzige zulässige Aussprache des Phonems /r/ angesehen). Als maßgeblich für die
heute weitgehend anerkannte Fassung dieser Norm „der deutschen Standardaussprache“
(so das Wörterbuch) kann das Duden-Aussprachewörterbuch (Max Mangold) gelten, in
dem sie besonders ausführlich beschrieben wird. (Allerdings ist zu beachten, dass einige
der dort formulierten Grundannahmen in der Phonetik und der Phonologie auch anders
gesehen werden und nicht immer den neuesten Forschungsstand in diesen Disziplinen
widerspiegeln.) Üblicherweise wird diese Aussprachenorm auch im Deutschunterricht für
Ausländer gelehrt und mehr oder weniger exakt in ein- und mehrsprachigen
Wörterbüchern des Deutschen verwendet.
AUS DER GESCHICHTE DER DEUTSCHEN AUSSPRACHENORM

Die Entstehung der Sprachnormen ist aufs engste mit der Entstehung der betreffenden
Nation verbunden. Die Formung der deutschen Aussprachenormen weist manche
Besonderheiten auf.
Erstens, in der Regel wurden in den meisten europäischen Sprachen zuerst die
Aussprachenormen geregelt und erst dann die grammatischen und lexikalischen. Dies
vollzog sich im allgemeinen um die Jahrhundertwende zwischen dem XVIII. und XIX.
Jahrhundert. Bekanntlich war Deutschland eine längere Zeit wirtschaftlich und
politisch äußerst zersplittert. Es gab kein politisches, wirtschaftliches und kulturelles
Zentrum im Lande. Erst Ende des XIX. Jahrhunderts wurden in Deutschland alle
Voraussetzungen für die Erarbeitung der Aussprachenormen geschaffen.
Zweitens, in den meisten europäischen Sprachen entwickelte sich die Norm auf Grund
eines Dialektes. Das war meistenteils die Sprache der Hauptstadt. In Rußland war es
die Sprache Moskaus und Petersburgs, in England - die Sprache Londons, in
Frankreich - die von Paris. In Deutschland aber beruhten die Sprachnormen auf den
Werken der deutschen Klassiker G.E. Lessing, F.Schiller, J.W.Goethe. Ihre Werke
besaßen eine unbestrittene Sprachautorität im ganzen deutschen Sprachgebiet. Diese
Autorität beruhte auf ihrem hohen ästhetischen Wert. Drittens, der deutschen
Aussprachenorm wurde die Bühnensprechweise zugrundegelegt. Die
Bühnenaussprache war damals relativ vereinheitlicht. Die Aufführung von klassischen
Werken verlangte eine einwandfreie Aussprache. Die Schauspieler mußten dialektfrei
sprechen, damit man sie überall in Deutschland verstehen konnte.
Bereits 1803 versuchte J.W.Goethe das Problem der einheitlichen Aussprache zu
lösen, indem er seine berühmten "Regeln für die Schauspieler" schrieb.

Goethe verfasste als Theaterdirektor in Weimar “Regeln für Schauspieler”


(1803/1824). In § 1 schrieb er: “Wenn mitten in einer tragischen Rede sich ein
Provinzialismus eindrängt, so wird die schönste Dichtung verunstaltet und das Gehör des
Zuschauers beleidigt [...]. Kein Provinzialismus taugt auf die Bühne! Dort herrsche nur
die reine deutsche Mundart, wie sie durch Geschmack, Kunst und Wissenschaft
ausgebildet und verfeinert worden.” Dies kann man durchaus als eine erste Definition für
die deutsche Standardaussprache ansehen. Bemerkenswert daran ist, dass Goethe keine
Region als Basis für “die reine deutsche Mundart” angibt, sondern auf Geschmack, Kunst
und Wissenschaft verweist. Der Aspekt der Überregionalität ist auch Teil der Definition
im DAWB, hier werden u. a. folgende Merkmale der Standardaussprache genannt [12, S.
7]:
“Sie ist dialektneutral und enthält keine regional gefärbten umgangssprachlichen
Formen.
- Sie wird überregional und in allen sozialen Gruppen verstanden und verfügt
damit über eine weite Geltung.

- Sie wird besonders in offiziellen öffentlichen Situationen genutzt bzw. erwartet.

Den ersten wissenschaftlichen Versuch, die deutsche Aussprache zu normen,


unternahm 1885 der deutsche Phonetiker Wilhelm Vietor. Er schrieb "Die Aussprache
des Schriftdeutschen". Er begründete die Notwendigkeit der einheitlichen Aussprache
und versuchte die Ausspracheregeln zu erarbeiten. Seine Aussprachenorm war die sgn.
Ist-Norm, die keinen verbindlichen Charakter hatte und Aussprachevarianten zuließ.
Sein Buch erlebte fünf Auflagen.
Kurz danach wurde auf Initiative von Prof. Theodor Siebs eine Kommission
gegründet, die die Aufgabe hatte, die einheitlichen Ausspracheregeln auszuarbeiten.
Der Kommission gehörten namhafte Schauspieler, Wissenschaftler, Lehrer,
Kulturschaffende an. Bei der Aussprachenormung ging die Kommission von dem
Grundsatz aus: süddeutsche (hochdeutsche) Sprachformen in der norddeutschen
(niederdeutschen) Lautung, wobei nur die Sprechweise der anerkannten Schauspieler
bei der Aufführung der klassischen Versdramen berücksichtigt wurde (Fernwirkung).
Th.Siebs und seine Mitarbeiter untersuchten 22 Bühnen in Deutschland
(Ohrenphonetik). Im Niederdeutschen unterschied man im Gegenteil zum
Hochdeutschen stimmhafte und stimmlose Konsonaten, Diphthonge, labialisierte
Vokale der vorderen Reihe etc. 1898 erschien das erste deutsche
Aussprachewörterbuch unter dem Titel "Deutsche Bühnenaussprache". Die siebssche
Aussprachenorm war die sgn. Soll-Norm, denn sie hatte einen verbindlichen,
vorschreibenden Charakter und ließ praktisch keine Aussprachevarianten zu.

Variation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Die als Norm formulierte Standardaussprache gilt als einheitliches Ideal. Es gibt
verschiedene Aussprachevarianten des Deutschen, die in den jeweiligen Regionen eine
Vorbildwirkung ausüben.[2]
Es ist daher unrealistisch zu sagen, dass allein eine dieser verschiedenen Aussprachen des
Standarddeutschen die „richtige“ sei (und dem einen Ideal entspreche) und alles andere
dialektgefärbte Abweichungen. Diese auch heute noch verbreitete Auffassung galt früher
unhinterfragt, als eine präskriptive Haltung auch in Grammatikdarstellung und Didaktik
üblich war (als es also üblich war vorzuschreiben, wie die Leute sprechen sollten).
Beobachten lassen sich diese Normvariationen beispielsweise daran, dass
in Radio und Fernsehen nicht nur eine einzige Aussprache der deutschen Sprache
gebraucht wird. Nachrichtensprecher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
unterscheiden sich in ihrer Aussprache des Standarddeutschen. Das Übergewicht der
Normvariante aus der Bundesrepublik ist allein als ein quantitatives zu beschreiben
(wegen der höheren Bevölkerungszahl in Deutschland gibt es mehr Sender und diese
haben eine größere Reichweite). Aber auch innerhalb Deutschlands lassen sich
Unterschiede feststellen, wenn man z. B. die Aussprache bayerischer und norddeutscher
Radio- und Fernsehsprecher vergleicht.
Ausspracheunterschiede zwischen den nationalen Standardvarietäten finden sich
auf allen Ausspracheebenen: im Bereich der Vokale, der Konsonanten wie der Prosodie.
Einzelne dieser Differenzen zeichnen sich als Unterschiede im System ab, womit
Teilbereiche sogar als unterschiedliche Phonemsysteme gelten können. Allerdings treten
die meisten Unterschiede zwar systematisch auf, betreffen aber nicht das System, sind
also als rein phonetische Unterschiede anzusehen.
a) Glottisplosiv
Die nationalen Varietäten unterscheiden sich in der Verwendung des Glottisplosivs
bei silbenanlautenden Vokalen im Stamm oder Präfix. Während bundesdeutsche
Sprecher dieses Grenzsignal – dem Kodex entsprechend – normalerweise verwenden, ist
der Gebrauch in Österreich deutlich eingeschränkt. In der Schweiz kommt der
Glottisschlag nur in Ausnahmefällen vor. Der Wegfall des Glottisschlages bewirkt in
vielen Fällen eine Verschiebung der Silbengrenze in Derivationen (ver-eisen [få.'/aE9zn`]
gegenüber ver-reisen [få.“'aE9zn`]) und in Komposita (Sprecherziehung
[Sp“8'ECå.tsi:Uŋ] gegenüber [Sp“8'EC./åtsi:Uŋ]). Er verändert sogar Wortgrenzen:
[mItaE9n´ma˘l] kann so verstanden werden als mit einem Aal oder als mit einem Mal. Die
Verwendung oder Nicht-Verwendung des Glottisschlages verändert damit die Prosodie
und wird als auffälliges Merkmal wahrgenommen. Da dadurch die Wortgrenzen
undeutlicher werden, ja sogar verschoben werden können, wird besonders auch für Nicht-
Muttersprachler die Verständlichkeit eingeschränkt.
b) Offenes/ungespanntes langes Ä
Im Vokalsystem auffällig ist besonders die unterschiedliche Realisierung des
langen Ä in Wörtern wie erzählen, quälen, Käse, Bären, Varietät. Die
Aussprachewörterbücher empfehlen dafür immer noch ein [E˘]. In Deutschland hat aber
ein Sprachwandel stattgefunden, sodass heute nicht nur bei Laien in Norddeutschland
(siehe AADG), sondern auch schon weitgehend bei bundesdeutschen Berufssprechern ein
[e˘] realisiert wird. Diese vom Kodex abweichende Form ist auch in Österreich zu finden,
während sie in der Schweiz weitgehend als fremd zurückgewiesen wird.
Dieser Unterschied ist auf der Systemebene relevant, weil durch die Hebung von /E˘/ der
Kontrast zu /e˘/ aufgehoben wird, sodass Bären und Beeren, sägen und Segen gleich
klingen.
c) Kurzvokale
Gegenüber dem bundesdeutschen Deutsch werden die Kurzvokale [I Y U] in
Wörtern wie immer, wünschen, Butter in Österreich meist gespannt als [i y u]
realisiert, was teilweise auch in der Schweiz vorkommt. In der Schweiz wird dagegen [E]
in Wörtern mit e-Schreibung (Bett, Geld) häufig als [e] realisiert. Beide Veränderungen
sind aber nicht systemrelevant.
d) Fortis und Lenis
Einführungen in die deutsche Phonologie wie auch die Kodizes unterscheiden
im Deutschen stimmhafte Lenis-Obstruenten [b d g v z Z] von den stimmlosen Fortis-
Pendants [p t k f s S]. Diese Opposition gilt so aber nur im bundesdeutschen Deutsch.
In Österreich und der Schweiz ist das Verhältnis der Fortes und Lenes generell
anders. Der Unterschied der beiden Lautklassen wird dort phonetisch nicht als
Stimmhaft-stimmlos-Opposition realisiert – /b d g v z Z/ sind immer stimmlos [b8 d8 g*
v8 z8 Z*] –, sondern als Längen- oder/und Gespanntheitsopposition. Im Minimalpaar sie
baden und sie baten unterscheiden sich also d und t im bundesdeutschen Deutsch durch
die Stimmhaftigkeit. Im österreichischen und Schweizer Deutsch sind d und t stimmlos,
jedoch unterscheiden sie sich durch die Dauer der Verschlussphase, d wird kürzer
realisiert als t. Zudem ist der Artikulationsdruck bei t größer als bei d.
Dementsprechend greift auch die Auslautverhärtung nicht, d. h., die im Bundesdeutschen
verlangte Entsonorisierung der stimmhaften Plosive und Frikative im Silbenauslaut kann
auf die schon stimmlosen Laute nicht zugreifen. Somit wird in Österreich und der
Schweiz der Unterschied von Fortis und Lenis auch im Auslaut beibehalten. Die Einheit
des Wortes in den verschiedenen Flexionsformen bleibt so in Österreich und der Schweiz
bewahrt, während sie in Deutschland aufgegeben wird. Tendenziell werden in Österreich
die Fortisplosive [p t] auch viel weniger aspiriert als in Deutschland und der Schweiz.
Die Fortis-Lenis-Opposition ergibt sich somit nur aus der Länge und Gespanntheit.
e) R-Laute
Für das konsonantische R lassen die Kodizes uvulare und apikale Vibranten wie
auch den stimmhaften velaren Frikativ zu. Letzterer ist – mit Ausnahme von
assimilierender Entsonorisierung – bei bundesdeutschen Modellsprechern die alleinige
Variante. Bei österreichischen Sprechern sind auch die apikalen und uvularen Vibranten
verbreitet und bei Schweizer Sprechern herrschen die apikalen Varianten vor.
In nichtakzentuierten Präfixen und Suffixen im Auslaut sowie nach Langvokalen
außer nach /a˘/ wird R vokalisiert. Diese Vokalisierung wird von Schweizer Sprechern
häufig nicht vorgenommen und das R konsonantisch realisiert. So können also für
Verbrecher dem bundesdeutschen [fåb“0ECå] ein österreichisches [fåbr0ECå] und ein
schweizerisches [f´rbr0EC´r] entgegengesetzt werden.
f) Suffix <-ig>
Die Kodizes schreiben für die Endung <-ig> eine Realisierung als [IC] vor, wenn
keine Silbe mit <-lich> oder mit auslautendem [C] folgt. Diese Spirantisierung ist in den
südlichen Regiolekten nicht üblich, und auch die Modellsprecher in Österreich und der
Schweiz verwenden vorherrschend [Ik], was auch die nationalen Empfehlungen zulassen
[vgl. 10].
g) Prosodie
Im Bereich der Prosodie fallen unterschiedliche Intonationsverläufe und
unterschiedliche Silbenbetonungen auf. Diese sind erst in Ansätzen beschrieben.
Erste Ergebnisse deuten an, dass Schweizer und österreichische gegenüber
bundesdeutschen Sprechern Akzente später in der Silbe setzen [19, S. 106]. Schweizer
und österreichische Sprecher werden von Laien als langsamer wahrgenommen, was wohl
an den häufigeren und längeren Pausen liegt [19, S. 233]. Zwischen den drei
Standardvarietäten gibt es viele Wörter, die unterschiedliche Wortakzente tragen.
Systematisch sind diese Unterschiede fast nur in französischen Fremdwörtern und
Akronymen. Während die meisten Akronyme und französischen Fremdwörter in
Deutschland und Österreich schlussbetont sind (CD [tse˘d0e˘], Filet [fil0e˘]), sind sie in
der Schweiz erstbetont (CD [ts0e˘de˘], Filet [f0ile˘]). Die zahlreichen Unterschiede im
Erbwortschatz und bei vielen Fremdwörtern sind unsystematisch und können, da
sie lexemgebunden sind, nur in aufzählender Weise dargestellt werden.

3 Standartgemäße Hochlautung

Wenn man im Unterricht von den kodifizierten Normen des Deutschen spricht, so denkt
man immer an die Hochlautung, die als Standardaussprache zu betrachten ist. Als
allgemeine deutsche Hochlautungwird die Form der Lautung bezeichnet, die für die
Hochsprache ihren mündlichen Ausdruck findet. Sie verfügt mit der Hochsprache über
einen Geltungsbereich und ist daher die allgemein gültige Aussprache, die von jedem
verstanden und realisiert werden kann. Damit grenzt sie sich gegen die Mundart als auch
gegen die Umgangssprache ab.

Die älteste bekannte, 1898 geschaffene genormte Lautung ist die sogenannte
„Bühnenaussprache" von Theodor Siebs, die in erster Linie eine einheitliche Aussprache
auf der Bühne ermöglichen sollte, dann aber eine viel weiter gehende Geltung erlangte.
Sie ist mehrmals überarbeitet worden. Die 13. Auflage erschien 1922 unter dem Titel
„Deutsche Bühnenaussprache - Hochsprache". 1957 kam die 16. Auflage unter dem Titel
„Siebs Deutsche Hochsprache" mit dem Untertitel „Bühnenaussprache" heraus. Seit 1969
liegt die 19. Auflage unter dem Titel «Siebs - Deutsche Aussprache» mit dem Untertitel
«Reine und gemäßigte Hochlautung mit Aussprachewörterbuch» vor. Die
Bühnenaussprache ist in den letzten Jahrzehnten durch eine neue Norm abgelöst worden,
die als Standardaussprache oder als Standardlautung bezeichnet wird.

Die Aussprache der deutschen Schriftsprache hat sich im 20. Jahrhundert, besonders seit
den 50er Jahren, in einigen Fällen geändert, nicht zuletzt deshalb, weil das (klassische)
Theater seine Rolle als Träger einer Einheitsaussprache weitgehend an Rundfunk und
Fernsehen abgeben mußte. Dieser Entwicklung hat zuerst das «Wörterbuch der
Deutschen Aussprache» (1964) und im Anschluß daran das «Duden-
Aussprachewörterbuch» Rechnung getragen, in dem die neue Einheitsaussprache, die vor
allem die Aussprache geschulter Rundfunksprecher wiedergibt, unter der Bezeichnung
«Standardaussprache» (Standardlautung) beschrieben wird. Die wesentlichen Züge dieser
Standardlautung sind folgende:

1.Sie ist eine Gebrauchsnorm, die der Sprechwirklichkeit nahekommt. Sie erhebt jedoch
keinen Anspruch darauf, die vielffältigen Schattierungen der gesprochenen Sprache
vollständig wiederzuspiegeln.

2. Sie ist überregional. Sie enthält keine typisch landschaftlichen Ausspracheformen.

3. Sie ist einheitlich. Varianten (freie Varianten und Phonemvariation) werden


ausgeschaltet oder auf ein Mindestmaß beschränkt.

4. Sie ist schriftnah, d.h., sie wird weitgehend durch das Schriftbild bestimmt.

5. Sie ist deutlich, unterscheidet die Laute einerseits stärker als die Umgangslautung,
andererseits schwächer als die zu erhöhter Deutlichkeit neigende Bühnenaussprache.