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Joachim Gruber

D. Magnus Ausonius, Mosella


TEXTE UND KOMMENTARE
Eine altertumswissenschaftliche Reihe

Herausgegeben von

Siegmar Döpp, Adolf Köhnken, Ruth Scodel

Band 42

De Gruyter
D. Magnus Ausonius, Mosella

Kritische Ausgabe, Übersetzung, Kommentar

von

Joachim Gruber

De Gruyter
ISBN 978-3-11-030721-4
e-ISBN 978-3-11-030933-1
ISSN 0563-3087

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쑔 2013 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston


Druck: Hubert & Co. GmbH und Co. KG, Göttingen
⬁ Gedruckt auf säurefreiem Papier
Printed in Germany
www.degruyter.com
In memoriam

Richard Klein
11. 12. 1934 – 20. 11. 2006
Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IX
Einleitung
1. Die politische und kulturelle Entwicklung des Mosellandes
in der Antike . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.1. Von den Anfängen bis zur frühen Kaiserzeit . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2. Trier als Kaiserresidenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.3. Die Zeit Valentinians I. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.4. Die Mosel in der antiken Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.5. Weinbau an der Mosel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2. Leben und Werk des Ausonius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
3. Die Datierung der Mosella im Rahmen der Zeitgeschichte . . . . . . 13
4. Gliederung, Aufbau und Komposition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .18
5. Metrik, Sprache und Stil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .22
5.1. Versbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
5.2. Wortschatz und Wortformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
5.3. Stilistisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
6. Interpretationsaspekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
6.1. Quellen und literarische Vorbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
6.2. Die Mosella im Kontext literarischer Gattungen . . . . . . . . . . . 28
6.2.1. Iter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
6.2.2. Katalog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
6.2.3. Topographie und Chorographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
6.2.4. Bukolik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
6.2.5. Panegyrik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .34
6.3. Die Mosella als Dokument imperialen Selbstverständnisses 35
7. Rezeption der Mosella in Spätantike und Mittelalter . . . . . . . . . . . 38
8. Die handschriftliche Überlieferung der Mosella . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
9. Forschungsgeschichte, Würdigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
Text und Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
VIII Inhaltsverzeichnis

Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
Anhang
Symmachus, Brief an Ausonius (epist. 1, 14) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
Ausonius, Epigrammata 3 und 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
Abkürzungsverzeichnis
1. Sammelwerke, Lexika, Zeitschriften, Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
2. Allgemeine Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
Systematisches Literaturverzeichnis
1. Bibliographien, Forschungsberichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
2. Ausgaben, Übersetzungen, Kommentare . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296
Texte im Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
3. Sekundärliteratur
3.1. Zeitgeschichte, Topographie, Kulturgeschichte,
Literaturgeschichte, Leben und Werk des Ausonius . . . . . . 306
3.2. Textgeschichte, Textkritik, Rezeption
und Interpretation der Mosella . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
3.3. Sprache, Stil, Metrik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325
Indices
1. Namen, Sachen, Begriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
2. Lateinische und griechische Wörter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338
3. Grammatisches, Metrisches und Stilistisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342
4. Stellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344
Vorwort

Das nicht nur im deutschsprachigen Raum wohl bekannteste Werk des


Ausonius ist sein Gedicht über die Mosel. Auch in jüngster Zeit ist davon
eine ganze Reihe von Übersetzungen unterschiedlicher Intention und
Qualität erschienen. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, daß seit
dem wichtigen, mehrfach aufgelegten und verbesserten Kommentar von
Carl Hosius (3. Aufl. 1926) kein vergleichbares Werk in deutscher Sprache
vorliegt. Diese Lücke versucht die vorliegende Arbeit zu schließen. Wich-
tige Anregungen für eine aktuelle deutsche Kommentierung der Mosella
bietet der italienische Kommentar von Alberto Cavarzere (Amsterdam
2003), der zwar im einzelnen andere Schwerpunkte setzt, aber in seiner
Art als vorbildlich gelten kann. Besonders auf seine vielfachen metrischen
und stilistischen Beobachtungen sei nachdrücklich hingewiesen, ohne daß
sie im vorliegenden Kommentar jeweils ausführlich wiederholt werden.
Die Einleitung konnte dank neuerer umfassender Untersuchungen
zu Person, Familie und politischer Karriere des Dichters kurz gehalten
werden. Soweit der Text der Mosella davon direkt betroffen ist, werden
die einzelnen Fragen im Kommentar diskutiert.
Erste Fassungen von Text und Übersetzung wurden in Lehrveran-
staltungen an der Universität München mit Studierenden erstellt und
diskutiert. Ihnen sei für ihr Engagement ausdrücklich gedankt. Die
Überlieferungssituation und die Problematik zahlreicher Textstellen
ließen es geraten erscheinen, einen ausführlichen kritischen Apparat bei-
zugeben, der nicht zuletzt über die philologische Beschäftigung mit dem
Text informiert. Allerdings werden nicht alle Varianten und Vorschläge
auch zusätzlich im Kommentar erörtert. Die Textgestaltung zeigt, wie
sich der Herausgeber im Einzelfall entschieden hat.
Die Übersetzung erhebt ausdrücklich nicht den Anspruch einer
Nachdichtung, die durch elegante Formulierungen dem heutigen Leser
entgegenzukommen versucht. Vielmehr soll durch eine streng am origina-
len Wortlaut orientierte Prosaversion, aber ohne Verfremdung der deut-
schen Sprache, das Textverständnis des Herausgebers deutlich werden.
Der Kommentar ist bestrebt, möglichst umfassend die mit dem Text
verbundenen sprachlichen und inhaltlichen Probleme aufzugreifen. Das
Gedicht deutet eine bestimmte historische Situation und hat damit seinen
Sitz im Leben“ (Hermann Gunkel), der in Hinblick auf die Tendenz des

Gedichts und seine politisch-panegyrische Aussage zu würdigen ist. Da ein
X Vorwort

Kommentar den jeweils erreichten Forschungsstand dokumentieren sollte,


wurden auch die Beobachtungen früherer Kommentatoren regelmäßig
aufgenommen und wo nötig korrigiert, ohne jedoch die in älteren Arbeiten
angeführten Parallelstellen“, die nur entferntere sprachliche Anklänge

bieten und keinen zusätzlichen sachlichen oder formalen Erklärungswert
besitzen, erneut zu zitieren. Dennoch vermögen die im Laufe einer langen
Kommentartradition gesammelten loci paralleli einen Eindruck sowohl
von der immer wieder genannten centohaften Art des Gedichts zu ver-
mitteln wie auch von dem meisterhaften Umgang des Ausonius mit einer
in Jahrhunderten geformten Sprache der lateinischen hexametrischen
Poesie. Der ausführliche Stellenindex versucht, den in der Mosella nach-
weisbaren Bestand klassisch vorgeformter Formulierungen und Junkturen
zu erschließen. Anders als in den meisten Editionen mit Erläuterungen
üblich, sind Übernahmen aus früheren Ausgaben und Kommentaren
regelmäßig als solche gekennzeichnet, wobei versucht wurde, die jeweils
erste Nennung zu ermitteln. Das ist auch deshalb legitim, weil neuere
Publikationen nicht selten den Anschein der Originalität zu erwecken
suchen, obwohl sie sich auf längst bekanntes Material stützen. Auch für
interpretatorische Lösungen, die in die Kommentartradition eingeflossen
sind und meist anonym weitergegeben werden, wurden die Quellen zu er-
mitteln versucht. Die Auseinandersetzung mit anderen Übersetzungen ist
dagegen auf besonders umstrittene Stellen beschränkt. Die ausgedehnte
Sekundärliteratur zu diesem wohl am meisten besprochenen lateinischen
Gedicht der Spätantike wurde möglichst umfassend herangezogen, wobei
allerdings in vielen Fällen ein Verweis genügen mußte. Das gilt besonders
für neuere Arbeiten, die einzelne Abschnitte des Gedichts durch intertex-
tuelle Interpretation erschließen. Auf diese Weise versucht der vorliegende
Kommentar eine möglichst objektive Zwischenbilanz der bisherigen
Forschung zu bieten und der weiteren wissenschaftlichen Diskussion ein
solides Arbeitsinstrument zur Verfügung zu stellen. In Hinblick auf den
intendierten fachwissenschaftlichen Benutzerkreis des Kommentars wurde
von einer Übersetzung fremdsprachiger Zitate abgesehen.
Meine liebe Frau hat auch diesmal wieder den Text genauestens durch-
gesehen und mich auf manche unklare Formulierung hingewiesen. Ihr sei
dafür von ganzem Herzen gedankt. Mein Dank gilt ferner dem Verlag
Walter de Gruyter und den Herausgebern der Reihe Texte und Kom-

mentare“, die das Erscheinen dieser Arbeit betreuten. Dem Gedenken an
den Erlanger Althistoriker Prof. Dr. Richard Klein sei dieser Kommentar
gewidmet. Die Liebe zur Spätantike hat uns seit Studienzeiten verbunden.

Erlangen, 31. Januar 2013 Joachim Gruber


Einleitung

1. Die politische und kulturelle Entwicklung des Mosellandes in


der Antike
1.1. Von den Anfängen bis zur frühen Kaiserzeit

Der Nordosten Galliens wurde den Römern, von frühen Handels-


verbindungen abgesehen, erstmals genauer durch die Feldzüge Caesars
zwischen 58 und 50 v. Chr. bekannt. Damit rückte auch der keltische
Stamm der Treverer in den Gesichtskreis Roms. Ihr Siedlungsgebiet
erstreckte sich vom Rhein bis zur Maas. Obwohl sie eine Zeitlang mit
Caesar verbündet waren, setzten sich im Stamm doch auch antirömische
Bestrebungen durch, sodaß die Treverer wie andere gallische Stämme,
mit denen sie sich zu einem überregionalen Aufstand in den Jahren 54
und 53 zusammengeschlossen hatten, im Kampf gegen die Römer einen
hohen Blutzoll zahlen mußten.1 Weitere Erhebungen in frühaugusteischer
Zeit, zu denen auch rechtsrheinische Germanen als Verbündete gewonnen
worden waren, sind literarisch belegt und archäologisch faßbar.2 Damals
gehörten die Treverer wahrscheinlich zu den civitates liberae, unterstan-
den aber gleichwohl dem römischen Statthalter und waren steuerpflichtig.

1 Die literarisch überlieferte Frühgeschichte des Mosellandes mit der Unterwerfung


durch Caesar – noch 30/29 v. Chr. wurde ein Aufstand der Treverer durch Nonius
Gallus niedergeschlagen – bildet einen starken Kontrast zur friedlichen Gegen-
wart, wie sie Ausonius in der Mosella darstellt. Inwieweit jedoch den Zeitgenossen
die Frühgeschichte des Landes aus den literarischen Quellen bekannt war, muß
offenbleiben. Auszuschließen ist die Kenntnis angesichts des Interesses für die klas-
sischen römischen Historiker in der Spätantike bei den gebildeten Lesern jedoch
nicht. So übersendet Symmachus im Jahre 396 die letzten Bücher des Livius und
Caesars Commentarii an Protadius in Trier, der sich mit der Geschichte Galliens
beschäftigte; vgl. Symm. epist. 4, 18, 5 priscas Gallorum memorias deferri in ma-
nus tuas postulas. revolve Patavini scriptoris extrema, quibus res Gai Caesaris
explicantur, aut si inpar est desiderio tuo Livius, sume ephemeridem C. Caesaris
decerptam bibliotheculae meae, ut tibi muneri mitteretur. haec te origines situs
pugnas, et quidquid fuit in moribus aut legibus Galliarum, docebit. Zu Protadius
vgl. W. Enßlin, RE XXIII (1957) 907 f.; A. Cameron [3.1.] 523–526.
2 RE VI A (1937) 2306. Nachgewiesen ist ein römisches Militärlager auf dem
Petrisberg um 30 v. Chr., vgl. dazu H. Heinen, in: Trier I 35 mit Kat. Nr. 41
und 42; J. Morscheiser-Niebergall: Die Anfänge Triers im Kontext augusteischer
Urbanisierungspolitik nördlich der Alpen, Wiesbaden 2009, 102–105.
2 Einleitung

Mit der Neuordnung der gallischen Provinzen durch Augustus im Jah-


re 27 v. Chr. setzte eine rasch fortschreitende Romanisierung ein.3 Das
Gebiet der Treverer kam zur Provinz Gallia Belgica, während der Un-
terlauf der Mosel zur Provinz Germania superior gehörte. Die Provinz-
grenze verlief in einem Abstand von ca. 50 km vom westlichen Rhein-
ufer.4 Von besonderer Bedeutung war die Anlage eines Straßennetzes in
Gallien, die mit dem Namen Agrippas verbunden wird.5 Die den Mo-
selraum erschließende Fernstraße führte von Lyon an der Saône entlang
über das Plateau von Langres zur Mosel, von Trier aus über Bitburg und
Jünkerath nach Köln.6
Am Aufstand des Häduers Iulius Sacrovir i. J. 21 n. Chr.7 und an den
militärischen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem Dreikai-
serjahr 69 n. Chr. waren Treverer beteiligt. Nach der Niederlage im Ba-
taveraufstand (vgl. zu V. 1 Navam) zog der Rest des Stammes ins Land
der Bataver nördlich des Waals. Damit enden die Nachrichten über diesen
Stamm.8
In nachaugusteischer Zeit und besonders im 2. Jh. wurde das weit-
gehend agrarisch geprägte Land9 stärker besiedelt. Militärische Aktio-
nen wie die Markomannenkriege Marc Aurels in den Jahren 168 bis 175
oder politische Unruhen in Folge von Usurpationen berührten das Mosel-
land kaum. Allerdings überschritten schon 162 und wiederum sieben Jahre
später die Chatten die Rheingrenze; Zerstörungen im Rhein-Main-Gebiet
waren die Folge.10

3 Nach A. Haffner: Die Treverer im letzten Jahrhundert vor Chr. Geb. nach der
schriftlichen Überlieferung, in: Trier I 27 ff., dort auch ältere Literatur.; J. Kramer:
Der Name der Stadt Trier, KTJ 43, 2003, 27–35.
4 Bei Belginum (vgl. zu V. 10) lag die Grenze zwischen der germanischen und der
gallischen Provinz; vgl. auch zu V. 365 f. und über die Provinzverwaltung in der
Spätantike S. 3.
5 M. Vipsanius Agrippa war zuerst in den Jahren 39/38 Statthalter der Provinz
Gallia transalpina. In den Jahren 20/19 hielt er sich wieder in Gallien auf. In
diese Zeit datieren die großen Straßenbauprojekte; vgl. Strabo 4, 6, 11; RE IX A
(1961) 1233 und 1254 f.
6 J. Hagen [3.1.] I 76–106 und II 9–12; H. Heinen, in: Trier I 37; M. Rathmann, BJ
204, 2004, S. 4 Anm. 16 und 17.
7 Tac. ann. 3, 40–41; RE X (1918) 796–798.
8 RE VI A (1937) 2308.
9 Eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft spielte die Pferdezucht (RE 19 [1938]
1440; Heinen, Grundzüge [3.1.] 92). Dazu kommen der Weinbau (siehe S. 8), die
Schafzucht und Tuchherstellung (Heinen, Grundzüge [3.1.] 98), die Fischerei und
die Herstellung von Tonwaren (Heinen, Grundzüge [3.1.] 106–108; Ders., Trier und
das Trevererland [3.1.] 141 ff.).
10 H. Bernhard, in: Cüppers 116.
1. Die politische und kulturelle Entwicklung des Mosellandes 3

1.2. Trier als Kaiserresidenz

Der Vorort des Trevererlandes entwickelte sich bereits seit der 2. Hälfte
des 1. Jahrhunderts n. Chr. zu einem ansehnlichen Gemeinwesen mit
repräsentativen Bauten. Zwischen 160 und 180 wird die Stadtmauer mit
der noch erhaltenen Porta Nigra errichtet. Von den Bürgerkriegswirren
am Ende des 2. Jahrhunderts (Usurpation des Clodius Albinus) blieb die
Stadt nicht unberührt. Um 260 und 275/276 werden das Land und Teile
der Stadt von Germanen geplündert und eingeäschert.11
Unter Diokletian (reg. 284–305) hatte dessen Mitkaiser (Caesar )
Maximianus bei seinen Abwehrkämpfen gegen Franken und Alamannen,
welche die Rheingrenze und von da aus Nordgallien gefährdeten, Trier
als bevorzugte Residenz gewählt,12 und nach dem Ende des Gallischen
Sonderreichs (260–274) hatte der vorher in Durocortorum (Reims)
residierende Statthalter der Provinz Gallia Belgica seinen Amtssitz nach
Trier verlegt.13 Der Caesar Constantius Chlorus, Vater Konstantins
des Großen und seit 1. Mai 305 Augustus im Westen des Reiches, hielt
an Trier als Residenz fest. Die Stadt war im Zuge der diokletianischen
Reichsreform seit 293 Vorort der neu eingerichteten Provinz Belgica
Prima mit den Stammesterritorien der Treverer, der Mediomatricer (um

11 Zu den Kämpfen mit Clodius Albinus und den Unruhen der Folgezeit vgl.
H. Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 86 f. Auch sie bilden einen Kontrast
zur Zeit Valentinians. Zu den Zerstörungen in Trier durch die Germaneneinfälle
vgl. den Überblick von H. Cüppers, in: Trier II 68 ff. mit Hinweisen auf die einzel-
nen Bauten; Clemens [3.1.] 34. Kritisch zur Invasion der Jahre 275/6 Deru [3.1.]
106 f.
12 RE XIV (1930) 2497. Im Panegyricus 10 [2], der im Jahr 289 anläßlich des
Geburtstages der Stadt Rom am 21. April in Trier vor Maximian gehalten wur-
de, wird bereits am Ende der Gedanke der Konkurrenz mit der alten Hauptstadt
formuliert (14, 3 interim tamen te, gentium domina (i. e. Rom), quoniam hunc op-
tatissimum principem in Gallis suis retinet ratio rei publicae, quaesumus, si fieri
potest, ne huic invideas civitati, (i. e. Trier), cui nunc ille similitudinem maiesta-
tis tuae confert natalem tuum diem celebrando in ea consuetudine magnificentiae
tibi debitae); vgl. auch S. 4 Anm. 15.
13 Über die Rolle Triers als Residenz während des Gallischen Sonderreichs vgl.
H.-O. Kröner, Trierer Beiträge 6, 1979, 11; I. König: Die gallischen Usurpatoren
von Postumus bis Tetricus. München 1981; J. F. Drinkwater: The Gallic Empire,
Seperatism and Continuity in the Nord-Western Provinces of the Roman Empire
A. D. 260–274, Stuttgart 1987; A. Luther: Das gallische Sonderreich, in: K.-P.
Johne: Die Zeit der Soldatenkaiser, Krise und Transformation des Römischen
Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr. (235–284), Berlin 2008, 325–341; weitere
Literatur bei H. Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 406 f. und Clemens
[3.1.] S. 32 f. mit Hinweis auf die 2005 entdeckte Münzprägestätte unter Tetricus.
Dazu vgl. J. Morscheiser: Trier im Gallischen Sonderreicn, in: Th. Fischer (Hrsg.):
Die Krise des 3. Jahrhunderts n. Chr. und das Gallische Sonderreich, Wiesbaden
2012, 233–247, bes. 239.
4 Einleitung

Divodurum /Metz), der Verodunenser (um Virodunum /Verdun) und der


Leuker (um Tullum /Toul). Im 4. Jahrhundert wurde Trier Amtssitz
des Prätorianerpräfekten (praefectus praetorio Galliarum) und damit
Verwaltungs- und Gerichtssitz der gallischen Diözesen (Britanniae, Gal-
liae, Viennensis, Hispaniae einschließlich der nordafrikanischen Provinz
Mauretania Tingitana).14
In konstantinischer Zeit setzte erneut eine rege Bautätigkeit ein, der ein
im Jahre 310 in Trier vorgetragener Panegyricus Ausdruck verleiht.15 Be-
deutendstes archäologisches Dokument ist die um 305 entstandene Palast-
aula (sog. Basilika)16 , während andere Bauten wie die in Resten erhalte-
nen Barbara- und Kaiserthermen zum Teil auf vorkonstantinische Zeit
zurückgehen.17 . Die vom Panegyriker erwähnten Bauten wie Forum und
Circus sind ebenso wie der Palast als Grabungsbefunde nachweisbar.18

1.3. Die Zeit Valentinians I.

Nach den Zerstörungen und Verwüstungen des 3. Jahrhunderts (vgl.


zu V. 418–437) erlebte das Trierer Land und mit ihm das Moselgebiet
zur Zeit Konstantins eine gewisse Blütezeit, die aber alsbald unter den
Konstantin-Söhnen wieder gefährdet war. Von den drei noch lebenden
Söhnen Konstantins residierte der älteste, Constantinus II., seit 328 in
Trier. Nach seinem Tod 340 herrschte Constans im Westen. Gegen ihn
erhob sich 350 der Usurpator Magnentius, der 353 von Constantius II.

14 H. Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 221. Zur Einteilung der gallischen
Diözesen vgl. die Karte bei T. Bechert: Die Provinzen des Römischen Reiches,
Mainz 1999, Vorsatz hinten, zur Einteilung der gallischen Provinzen die Karte in:
Trier II S. 94.
15 6 [7] 22, 4–6: hic video hanc fortunatissimam civitatem, cuius natalis dies tua
pietate celebratur, ita cunctis moenibus resurgentem, ut se quodammodo gaudeat
olim corruisse, auctior tuis facta beneficiis. Video circum maximum aemulum,
credo, Romano, video basilicas et forum, opera regia, sedemque iustitiae in tan-
tam altitudinem suscitari ut se sideribus et caelo digna et vicina promittant. quae
certe omnia sunt praesentiae <tuae> munera. Vgl. dazu die Erläuterungen bei
Brigitte Müller-Rettig: Der Panegyricus des Jahres 310 auf Konstantin den
Großen. Stuttgart 1990, 298–302. Die Mauern (cunctis moenibus resurgentem)
erwähnt auch Ausonius, ordo 32 (= 6, 5) lata per extentum procurrunt moenia
collem. Vgl. Di Salvo [2.] 168 f. und Marcone [3.2.] 202 f. sowie zu V. 2 miratus.
Auch hier läßt der Panegyriker den Gedanken der Konkurrenz mit Rom anklin-
gen (circum maximum aemulum, credo, Romano), wie er dann auch im Werk des
Ausonius Ausdruck findet, vgl. zu V. 378 und oben S. 3 Anm. 12.
16 Katalog Konstantin Nr. I.5.2; I.15.41–55; ältere Literatur FVFD 32, 1, 1977, 153.
17 Cüppers 616–626, ältere Literatur FVFD 32, 1, 1977, 153 und 208.
18 Die Situation zur Zeit des Aufenthalts des Ausonius in Trier zeigt das Modell im
Katalog Konstantin Nr. I.16.8; vgl. ibid. Nr. I.16.9.
1. Die politische und kulturelle Entwicklung des Mosellandes 5

besiegt wurde. In dieser Zeit blieb Trier offenbar kaisertreu (Amm.


15, 6, 4), und im Gegensatz zur nördlichen Gallia Belgica hatte das Trie-
rer Umland unter der Usurpation des Magnentius und den anschließenden
Germaneneinfällen zwar weniger zu leiden, aber die Instabilität der po-
litischen Zustände wird durch Verwahrfunde bestätigt. Diese Funde,
in Verbindung mit einzelnen Brandhorizonten, beweisen Zerstörungen
und Verwüstungen, die das Trierer Umland kurz nach der Mitte des
4. Jahrhunderts heimsuchten.19 Julian gelang es, die eingedrungenen
Franken und Alamannen 356/57 zurückzudrängen bzw. zu besiegen.
Nach der Erhebung Julians zum Augustus in Paris blieb die Rheingrenze
bis 363 ruhig.
Valentinianus I. wurde 364 in Nicaea zum Augustus ausgerufen. Im
Oktober 367 verlegte er angesichts der fortdauernden Germanengefahr20
seinen Hof nach Trier und entfaltete dort eine rege Bautätigkeit.21 Unter
ihm und seinen Söhnen Gratianus und Valentinianus II. erlebte das
Trierer Land und das Moselgebiet offensichtlich wieder einen gewissen
Aufschwung. Dem Lobpreis dieses Goldenen Zeitalters“ dient nicht

zuletzt die Mosella. Er wird aber durch die historisch-archäologischen
Befunde relativiert: Oftmals läßt sich nach den Zerstörungen von 276
kein Wiederaufbau der Villen und Gehöfte feststellen.22
Die Bevölkerungsverluste der früheren Jahre wurden durch Neuan-
siedlungen, die Ausonius selbst bezeugt (vgl. zu V. 9), wahrscheinlich
nur partiell ausgeglichen, auch wenn die archäologischen Nachweise
im einzelnen schwierig sind.23 Die bereits in konstantinischer Zeit
einsetzende Neuanlage von Kastellen (vgl. zu V. 11 Noviomagum) wurde
fortgesetzt.24 Auch zahlreiche Villen dürften bei den Einfällen nach der

19 Einzelheiten bei L. Schwinden, in: Trier II 34 ff. Für das Jahr 355 berichtet Ammi-
anus 15, 5, 2, Gallien habe caedes acerbas rapinasque et incendia barbaris licenter
grassantibus nullo iuvante zu ertragen. Zur Usurpation des Magnentius vgl. W.
Enßlin, RE XIV (1928) 445–452; H. Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.]
232–234; P. Barceló: Constantius II. und seine Zeit, Stuttgart 2004, 92–101.
20 Eine solche Begründung gibt auch Symmachus, or. 1, 15 sedem . . . in ea parte
posuisti, qua totius rei publicae ruina vergebat. Sivan [3.1.] S. 113 mit Anm. 115
vermutet, daß die Stelle der Symmachus-Rede durch die Mosella beeinflußt sei.
Dagegen sprechen chronologische Überlegungen: Die Rede wurde 368 oder 369
gehalten (Pabst, Reden [3.1.] 137), die Mosella lag Ende 371 vor (vgl. S. 18).
21 RE VI A [1937] 2343. Vgl. den Überblick bei Clemens [3.1.] S. 48 ff. Die Ein-
wohnerzahl Triers in dieser Zeit wird auf annähernd 40 000 geschätzt (ibid. S. 53).
Lit. zu Valentinianus I. bei Ghetta [3.1.] 41 Anm. 115 und unten S. 13 Anm. 71.
22 Ternes, Paysage réel [3.2.] 394 f. = 196 f. mit weiterer Literatur; Green, ICS 14,
1989, 313 f.
23 H. Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 285, weist darauf hin, daß der
Hunsrück seit etwa 275 nahezu fundleer ist.
24 Einen Überblick über die spätrömischen Befestigungsanlagen des Eifel-Hunsrück-
Gebiets gibt K.-J. Gilles, in: Katalog Konstantin I.12.10.
6 Einleitung

Jahrhundertmitte erneut in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Aber


auch hier kann mit Wiederaufbau gerechnet werden. Nachgewiesen oder
konserviert sind im Moseltal zahlreiche Anlagen mit teilweise luxuriöser
Ausstattung.25 Während die Reichshauptstadt selbst in der Mosella nur
am Rande erwähnt wird (vgl. zu V. 24 und V. 421), ebenso wie die
kaiserliche Villa von Konz (V. 369), wird den Villen und Weingütern
ein umfangreicher Abschnitt gewidmet (V. 283–348). Auf jeden Fall
vermittelt Ausonius gleich beim ersten Anblick des Moseltales den
Eindruck einer von Weingütern geprägten Kulturlandschaft (vgl. zu
V. 18 ff.). Selbstverständlich finden aber die Spuren der Zerstörung, die
mit Sicherheit noch vorhanden waren, entsprechend der Tendenz der
Mosella, bei Ausonius keine Erwähnung.26

1.4. Die Mosel in der antiken Literatur

Der Name Mosella ist eine Weiterbildung des ungedeuteten vorkel-


tischen Flußnamens Mosa (Meusse/Maas).27 Das Genus ist in den ersten
Belegen (Tacitus, Florus, s. u.) nicht eindeutig festzulegen. In der Mosella
selbst schwankt die Überlieferung, und der Gebrauch bei Ausonius läßt
vermuten, daß immer dort, wo der Fluß vor allem als weibliche Gottheit
gesehen wird, das Femininum erscheint, während das maskuline Genus
dem Fluß als Wasserlauf vorbehalten ist wie V. 350 im Gegensatz zu
V. 374 oder V. 420 fraternis cumulandus aquis, wo von der Vereinigung
der beiden Flüsse Mosel und Rhein die Rede ist.28 Dabei entspricht die

25 Zwischen Koblenz und Trier seien als wichtigste genannt: Winningen (H. Cüppers,
in: Rheinland-Pfalz 669–670), Bruttig-Frankel (Cüppers, ibid. 350), St. Alde-
gund (Cüppers, ibid. 546), Kinheim (Cüppers, ibid. 414–415), Lösnich (Cüppers,
ibid. 451–452), Piesport-Niederemmel (Cüppers, ibid. 523), Leiwen (Cüppers, ibid.
439), Pölich (Cüppers, ibid. 524–525), Mehring (Cüppers, ibid. 477–478; Katalog
Konstantin I.16.41–50); vgl. auch den Kommentar zu V. 283–297 und 318–348.
26 Vergleichbar dieser Tendenz wird im Kalender von 354 Treberis, die Personifikation
der Stadt Trier, als bewaffnete weibliche Gestalt dargestellt, die einen gefesselten
Barbaren vor sich herführt; sie ist mit Attributen des Reichtums umgeben. Vgl.
Katalog Gallien [3.1.] Vorsatzblatt und S. 33; Trier II Nr. 59; Marcone [3.2.] 201 f.
mit Fig. 1.; Katalog Konstantin I.15.22.
27 Berger 202. Andere Deutungen RE XVI (1933) 327.
28 Die maskuline Form findet sich auch im Ordo urbium nobilium bei der Beschrei-
bung Triers (XXIV 33 = 6, 6 largus tranquillo praelabitur amne Mosella). Symm.
epist. 1, 14, 2 spricht, nach lateinischem Sprachgebrauch, von tuus Mosella, wo
aber auch liber mitgehört werden kann. Noch Celtis, der eine Abschrift des Briefes
und der Mosella besaß (vgl. unten S. 41), verwendet die maskuline Form (am.
3, 13, 95 flave Mosella). H. Tränkle [3.2.] 167 f. = 247 f. versuchte das Problem
zu lösen, indem er auch entgegen der Überlieferung an allen Stellen bei den At-
tributen die maskuline Form einsetzte. Einige Stellen entziehen sich jedoch der
1. Die politische und kulturelle Entwicklung des Mosellandes 7

Vorstellung vom Flußgott, wie er auch auf dem Sockel der Igeler Säule
dargestellt ist (vgl. zu V. 23–26 und 60), der römischen Mythologie
und dem lateinischen Sprachgebrauch (vgl. zu V. 381 und 469), das
feminine Genus dagegen keltischer Auffassung. Ausonius scheint mit der
Zweigeschlechtigkeit“ der Namensform dieser Tatsache Rechnung zu

tragen (vgl. zu V. 467).29
Die Mosel30 wird erstmalig31 in der antiken Literatur bei Tacitus
anläßlich der Niederschlagung des Aufstandes der Treverer durch Petilius
Cerialis i. J. 70 genannt.32 Schon in den Jahren 55/56 hatte der Legat
Antistius Vetus den Plan eines Kanals zwischen Mosel und Saône, um
eine strategische Verbindung zwischen dem Mittelmeer und der Nordsee
herzustellen.33 Obwohl also die ökonomisch-strategische Bedeutung des
hier vermuteten Differenzierung, so V. 73 placidae subter vada laeta Mosellae.
Denkbar wäre dort die Wahl der femininen Form, ebenso wie V. 148 und in Pater
ad filium (VII 4 f. iam super egelidae stagnantia terga Mosellae / protulerat te,
nate, ratis), aus Gründen des Wohlklangs (placidae vs. placidi) wie beim Genus
von finis (vgl. zu V. 349); siehe Cavarzere, Komm. zu V. 340, ältere Literatur zu
diesem Phänomen bei L.-H.-Sz. II 714. Auch bei anderen Flußnamen schwankt
das Genus, so bei Druentia, vgl. zu V. 479, und bei Garunna, vgl. Tib. 1, 7, 11
magnusque Garumna.
29 Keltische Feminina: V. 354 f. adiuta . . . Sura; V. 462 Matrona . . . intersita;
V. 483 aequoreae . . . Garumnae; vgl. die Darstellung der Sequana (Seine) aus dem
Quellheiligtum bei Saint-Germain-Source-Seine (im Musée Archéologique Dijon,
dazu C. Rolley: La déesse sur le bateau des sources de la Seine, in: Akten der 10.
Internationalen Tagung über Antike Bronzen, Freiburg 18.–22. Juli 1988, Stuttgart
1994, 371–372; S. Deyts: Sequana, source et fleuve, Iconographie et épigraphie,
Caesarodunum 33/34, 1999/2000, 421–430) und die dort gefundenen Inschrif-
ten für Deae Sequanae (z. B. AE 1969/70, 397a) oder Weihung an die Matrona
(Marne) CIL XIII 5674 sowie Marx, RhM N. F. 80, 1931, 387 f. Eine 1961 bei
der Trierer Römerbrücke aufgefundene Prora (RLM Trier, Inv. 62.8), Teil eines
bronzenes Votivschiffs, endet in einem diademgeschmückten Frauenkopf. Trotz der
Inschrift NVM. AVG. ET. GEN. wurde eine Darstellung der Mosella vermutet
(A. Büttner, TZ 27, 1964, 146 f.; Abb. Katalog Mosel und Saar S. 114; Ternes,
Das römische Luxemburg [3.1.] Taf. 7). Vgl. auch unten S. 32 f.
30 Die Belege bei M. Besnier, RE XVI (1933) 358 f.; Consoli, Ed. S. 7–11.
31 Unsicher ist, ob bei der Caes. Gall. 4, 15, 2 erwähnten Schlacht mit den Usipetern
und Tenkterern ad confluentem Mosae et Rheni sich Mosa auf die Mosel oder die
Maas (Meuse) bezieht. Vgl. Ternes, Paysage réel [3.2.] 379 f. = 180 f. (spekulativ).
32 hist. 4, 71, 4 Cerialis . . . Rigodulum (heute Riol östlich von Trier) venit, quem lo-
cum magna Trevirorum manu Valentinus insederat, montibus aut Mosella amne
saeptum; hist. 4, 77, 1 alii viam inter Mosellamque flumen tam improvisis adsi-
luere, ut . . . Cerialis pugnari simul vincique suos audierit. fusi equites, medius
Mosellae pons, qui ulteriora coloniae adnectit, ab hostibus insessus.
33 Tac. ann. 13, 53, 2 Vetus Mosellam atque <Ararim> facta inter utrumque fos-
sa conectere parabat, ut copiae, per mare, dein Rhodano et Arare subvectae, per
eam fossam, mox fluvio Mosella in Rhenum, exim Oceanum decurrerent, sub-
latisque itineris difficultatibus navigabilia inter se occidentis septentrionisque li-
tora fierent. Realisiert wurde das Projekt erst 1874–1882 durch den Canal de l’Est
zwischen Ormoy an der Saône und Nancy.
8 Einleitung

Flusses schon früh erkannt wurde, wird er in der Literatur vor Ausonius
nicht weiter erwähnt.34

1.5. Weinbau an der Mosel

In der frühen Kaiserzeit wurde Wein aus dem Mittelmeerraum in


das Moselgebiet importiert. Erst seit etwa 150 n. Chr. ist die Weinkultur
in der Trierer Talweite nachgewiesen.35 Einen Aufschwung erlebte der
Weinbau, nachdem Trier Kaiserresidenz geworden war.36 Der erste lite-
rarische Beleg findet sich in der Geburtstagsrede auf Kaiser Maximianus,
die 291 in Trier gehalten wurde.37 Auch archäologisch gut bezeugt ist
der Weinbau für die Zeit des Ausonius, nicht nur durch die seit langem
bekannten Denkmäler, sondern v. a. durch die Entdeckung und Unter-
suchung von bislang 10 Kelterhäusern.38 Neben den knappen und nicht
eindeutig zu interpretierenden Aussagen der Panegyriker ist Ausonius
der erste Autor, in dessen Mosella die durch den Weinbau geprägte
Kulturlandschaft wiederholt eindringlich beschrieben und verherrlicht
wird (V. 18–22, 152–168, 189–199).

34 Eine Ausnahme bildet die Erwähnung bei Florus 1, 45, 14 im Zusammenhang mit
dem Rheinübergang Caesars hic vero iam Caesar ultro Mosellam navali ponte
transgreditur ipsumque Rhenum et Hercyniis hostem quaerit in silvis. Über die
Moselquelle vgl. zu V. 470 f.
35 Vorrömischer Weinbau ist bisher aus Mitteleuropa nicht nachgewiesen“(H. Kroll:

Vor- und frühgeschichtliche Weinreben – wild oder ausgebaut? Eine abschließende
Bemerkung, TZ 62, 1999, 151–153, Zitat S. 153).
36 Für die Einzelheiten siehe Loeschke [3.1.]; Gilles, Bacchus und Succellus [3.1.] (mit
ausführlichem Literaturverzeichnis); M. König: Die spätantike Agrarlandschaft an
der Mosel, Weinbau und Landwirtschaft im Umfeld der spätantiken Kaiserresidenz
Trier, Funde und Ausgrabungen im Bezirk Trier 33, 2001, 96–102.
37 Paneg. 11 [3] 15, 4 ubi silvae fuere, iam seges est: metendo et vindemiando de-
fecimus. Nixon/Rodgers S. 99 Anm. 78 sehen darin eine Anspielung auf das Gol-
dene Zeitalter und somit einen Gemeinplatz der Panegyrik. Da jedoch der Wein-
bau in Gallien wie in anderen Provinzen seit Probus (reg. 276–282) wieder er-
laubt war, dürfte die Aussage zumindest teilweise einen wahren Kern enthalten“

(Gilles, Bacchus und Succellus [3.1.] 30 f.). Dagegen ist Paneg. 5 [8] 6, 6 f. mit
Nixon/Rodgers S. 276 Anm. 33 eher auf den längere Zeit unterbrochenen Wein-
bau in Burgund zu beziehen.
38 Zu den spätantiken Kelterhäusern vgl. A. Neyses: Drei neuentdeckte gallo-römische
Weinkelterhäuser im Moselgebiet. AW 10, 2, 1979, 56–59; K.-J. Gilles: Die erste
Blüte des Moselweins, AW 36, 4, 2005, 29–35.
2. Leben und Werk des Ausonius 9

2. Leben und Werk des Ausonius

Decimus (oder: Decimius) Magnus Ausonius39 wurde um 31040 in


Bordeaux (Burdigala)41 als Sohn des Arztes Iulius Ausonius42 , der in der
Stadt vermutlich eine angesehene Stellung innehatte, und der aus einer
vornehmen Familie stammenden Aemilia Aeonia (parent. 2) geboren.43
Er wurde erzogen im Ideal einer rhetorisch-literarischen Bildung, wie
sie auch noch im 4. Jahrhundert, an den griechischen und römischen
Klassikern orientiert, die höhere Schule bestimmte und wie sie für sein
literarisches Werk die nie in Frage gestellte Grundlage und Zielsetzung
abgab.44 Gefördert wurde der junge Ausonius v. a. durch seinen Onkel
Aemilius Magnus Arborius, der etwa ab 330 einen Lehrstuhl für Rhetorik
in Tolosa (Toulouse) innehatte und später als praeceptor Caesaris nach
Konstantinopel berufen wurde.45 Etwa ab 338 übte Ausonius selbst in
seiner Heimatstadt das Lehramt aus, zunächst als Grammaticus, d. h.
39 Die Zeugnisse für den Namen Ausonius bespricht A. Coşkun, Gens [3.1.] 162 ff.
Für den ersten Bestandteil des Namens macht Coşkun die Form Decimius wahr-
scheinlich. Er ist demnach mit dem Namen der am Ende der Republik ausgestor-
benen gens Decimia zu verbinden, der sich im 4. und 5. Jahrhundert als Prae-
oder Cognomen wieder größerer Beliebtheit erfreute und inschriftlich u. a. für den
Sohn Hesperius belegt ist (z. B. CIL VIII 17519, weitere Belege bei Coşkun, ibid.
183). Dagegen bietet die handschriftliche Überlieferung die häufige Namensform
Decimus oder Decius (Schenkl, Ed. V f.).
40 Dieser Ansatz ist communis opinio der Forschung, z. B. HLL S. 277; Sivan [3.1.]
S. 2, die in Anm. 3 (S. 166 f.) die Überlegungen für den chronologischen An-
satz (mit Sekundärliteratur) darstellt. Gesicherte Daten sind lediglich die Zeit der
Prätorianerpräfektur 378/79 und des Konsulats 379, alle anderen sind erschlossen.
Ausführlich zu den Daten seiner Vita zuletzt Coşkun, Gens passim. Er bekräftigt
S. 120 für das Geburtsjahr das Datum 310, betont aber, daß die chronologischen
Kombinationen auch noch 311/312 zulassen.
41 Mit seiner Heimatstadt fühlte er sich auch in Trier eng verbunden; vgl. zu
V. 19. Die Bedeutung von Bordeaux im 4. Jahrhundert würdigen Etienne,
Bordeaux [3.1.], bes. 216 ff.; Sivan [3.1.] 31 ff.
42 Die Herkunft des Vaters diskutiert Coşkun, Gens 121 ff. Demnach war der Va-
ter Freigelassener, curialis von Bazas (civitas Vasatum/Basatium) und Bordeaux
(Auson. epiced. 4 f.) und Erbe des Gutes, das Ausonius in dem Gedicht De here-
diolo (VI; vgl. S. 12 Anm. 62) besingt. Über die spätere politische Karriere des
Vaters vgl. unten S. 11 Anm. 59. Der in der Mosella immer wieder zu beobachten-
de diagnostische Blick (vgl. z. B. zu V. 263 ff.) könnte ein Erbteil des Vaters sein,
dem er in parent. 1 ein literarisches Denkmal setzt.
43 Mütterlicherseits führte sich deren gens Arboriana auf ein Geschlecht der Häduer
zurück: Coşkun, Gens 112 ff.
44 Das Erziehungswesen der Zeit bespricht anhand der Werke des Ausonius Sivan
[3.1.] 76 ff.; ältere Literatur bei Mondin, Ed. Epist. XVIII; Alvar Ezquerra, Ed.
I 18–23. Ein Zeugnis für die Förderung des Bildungswesens in Gallien durch die
Kaiser ist der Panegyricus des Eumenius (paneg. 9 [4]) über die Schule von Autun.
Vgl. auch Stirling [3.1.] 139 ff.; A. Cameron [3.1.] 404. Vgl. auch S. 11 Anm. 60.
45 PLRE I 98 f.; Mondin, Ed. Epist. XVII; Coşkun, Gens 128–130; vgl. zu V. 403 f.
10 Einleitung

als Literaturlehrer an einer höheren Schule, dann als Rhetoriklehrer,


vergleichbar einem Hochschullehrer in geisteswissenschaftlichen Diszipli-
nen. Nicht zu trennen davon war eine öffentliche politische oder auch
anwaltliche Tätigkeit, die er selbst bezeugt.46
Noch vor 340 heiratet er Attusia Lucana Sabina, Tochter des Attusius
Lucanus Talisius aus alter senatorischer Familie.47 Von den drei Kindern
verstarb der erste Sohn noch im Säuglingsalter (parent. 10), die Tochter
wurde die Mutter des Paulinus von Pella48 , der Sohn Hesperius stieg
zu hohen Ämtern auf.49 Sabina starb kurz vor ihrem 28. Geburtstag.
Ausonius blieb verwitwet und gedenkt ihrer 36 Jahre später in einem tief
empfundenen Gedicht der Sammlung Parentalia (9).50
Valentinianus I. beruft ihn im Alter von etwa 55 Jahren als Erzieher
seines Sohnes Gratianus.51 Zu Ausonius’ ersten Gedichten in Trier
zählt Cupido cruciatus (XIX), die Beschreibung eines vielleicht fiktiven
Wandgemäldes in einem Privathaus.52 Die vom Kaiser unternommenen
Feldzüge gegen Franken und Alamannen fanden ihren poetischen Nie-
derschlag in der Mosella, in dem Gedicht auf das Alamannenmädchen
Bissula (XVII), sowie in zwei Epigrammen.53 In dieser Zeit entstanden
außerdem mehrere Gelegenheitsgedichte wie der Griphus ternarii numeri
(XV) und der Cento nuptialis (XVIII) aus Anlaß der Hochzeit Gratians
mit Constantia, der Tochter Constantius’ II., im Jahre 374 (Amm.
29, 6, 7).
Nach dem Tode Valentinians (17. 11. 375) wurde der erst sech-
zehnjährige Gratianus Herrscher des Westteils des Reiches. Ausonius war
zu dieser Zeit nicht mehr nur sein Erzieher, sondern auch sein politischer
Berater, eine Stellung, die auch in seinen Ämtern zum Ausdruck kam:

46 praef. I 17 nec fora non celebrata mihi . . . 24 deserui doctor municipalem operam.
47 PLRE I 874; Lolli, Parentalia [2.2.] 129; Coşkun, Gens 34 vermutet Herkunft aus
Mediolanum Santonum (Saintes).
48 RE XVIII 4 (1949) 2351–2355; PLRE I 677–678.
49 PLRE I 427 f.; Coşkun, Gens 136–147.
50 Außerdem sind ihr fünf Epigramme (19, 20, 27–29) gewidmet, unter denen Nr. 20
einen besonders herzlichen und intimen Ton anschlägt.
51 Zu Valentinianus I. vgl. S. 13 Anm. 71, zu Gratianus S. 14 Anm. 72, zur Frage der
Datierung unten S. 13 ff., über das Verhältnis des Ausonius zur Politik Valentinians
S. 35 ff.
52 Kommentar von A. Franzoi [2.]; vgl. zuletzt M. Gindhardt, RhM 149, 2006, 214–
236; U. Schmitzer: Amor in der Unterwelt, Zu Ausonius’ Gedicht Cupido Crucia-
tus, in: Ders. (Hrsg.): Suus cuique mos, Studien zur paganen Kultur des lateini-
schen Westens im 4. Jahrhundert n. Chr., Göttingen 2006, 167–184; M. Vielberg:
Cupido cruciatus: Jenseitsvorstellungen des antiken Epos im Spiegel von Auson.
XIX, in: W. Ameling: Topographie des Jenseits, Studien zur Geschichte des Todes
in Kaiserzeit und Spätantike, Stuttgart 2011, 143–150.
53 Siehe Anhang S. 282 ff. sowie zu V. 108 und 424.
2. Leben und Werk des Ausonius 11

Noch zu Lebzeiten Valentinians comes 54 und quaestor sacri palatii 55 ,


378 praefectus praetorio Galliarum und damit höchster Beamter der
Zivilverwaltung in der Diözese56 , 379 consul (zusammen mit Q. Clodius
Hermogenianus Olybrius)57 . Im Konsulatsjahr hielt er die Dankesrede,
Gratiarum actio (XXI).58 Gleichzeitig waren alle bedeutenden Ämter des
Westreichs mit Angehörigen der Familie des Ausonius besetzt.59 Ange-
sichts dieses offensichtlich politischen Einflusses des Ausonius liegt es na-
he, auch die Mosella nicht nur als eine Idylle ohne Bezug zur aktuellen
politischen Situation zu verstehen (vgl. unten S. 35 ff.).
Inwieweit Ausonius in seiner Rolle als politischer Amtsinhaber und
Literat auch das geistig-literarische Leben Triers zu seiner Zeit beeinfluß-
te, ist schwer abzuschätzen. Immerhin sieht man in dem Edikt vom 23.
Mai 376 (Cod. Theod. 13, 3, 11), in dem die Anstellung von Grammatikern
und Rhetoren für den griechischen und lateinischen Unterricht festgelegt
wird und von der besonderen Besoldung dieser Lehrer in Trier die Rede
ist, die persönliche Handschrift des Ausonius.60 Auch die Hermengalerie
der Villa in Welschbillig (vgl. zu V. 208–219) mit ihren Darstellungen
mythologischer und historischer Gestalten könnte einen Reflex des Bil-
dungshorizonts und damit des kulturellen Erbes darstellen, wie es in den
Trierer Schulen vermittelt wurde.61
54 Eine genauere Bestimmung der damit verbundenen Amtstätigkeit ist nach Coşkun,
Gens 52 nicht möglich; ibid. Überlegungen zum Zeitpunkt der Ernennung.
55 Zu diesem Amt vgl. Coşkun, ZRG 118, 2001, 312–343; Castello [3.1.] 131–201.
Coşkun, Gens 58 datiert das Amt zwischen März/Juni 374 und Oktober/November
377. Aufgabe war die Formulierung der kaiserlichen Erlasse. Deshalb wurden damit
Juristen oder Redner betraut (Demandt, Spätantike2 , 281).
56 Demandt, Spätantike2 , 292 ff.; vgl. oben S. 4.
57 Zur Bedeutung des Konsulats im 4. Jahrhundert vgl. Sivan [3.1.] 6 ff.; Coşkun,
Gens 77–80; L. Sguaitamatti, Der spätantike Konsulat. Fribourg 2012 (zu Ausonius
bes. S. 54–57 und 98–105), jeweils mit Literatur; zu Olybrius PLRE I 640–642.
58 Von Coşkun, Gens 84 ff. mit plausiblen Gründen auf den dies imperii Gratians am
24. August 379 datiert.
59 Ausgeführt von Sivan [3.1.] 131–141: Der achtzigjährige Vater Iulius wird praefec-
tus praetorio per Illyricum (PLRE I 139), der Schwiegersohn Thalassius proconsul
Africae (PLRE I 887–888), sein Neffe (oder Vetter) Arborius praefectus urbis
Romae (PLRE I 97–98), zu Hesperius vgl. S. 10 Anm. 49. Dazu kommen weitere
Angehörige der gallischen Nobilität, die wohl durch den Einfluß des Ausonius in
hohe Ämter gelangten (Coşkun, Gens passim).
60 St. F. Bonner: The edict of Gratian on the remuneration of teachers, AJPh 86,
1965, 113–137; R. A. Kaster: A Reconsideration of Gratian’s School Law, Hermes
112, 1984, 100–114; H. S. Sivan: Ausone et la législation imperiale, l’exemple de
C. Th. XIII 3, 11, REA 91, 1989, 47–53; Demandt, Spätantike2 476; Castello [3.1.]
138; P. Dräger: Ein Brief des Ausonius an den Trierer Grammatiker Ursulus, KTJ
52, 2012, 43–68; vgl. auch zu V. 383 und 403 f.
61 J. Steinhausen: Das Trierer Land unter der römischen Herrschaft, in: R. Lauf-
ner [3.1.] 193–195; Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 349 f.; Wrede [3.1.]
89; Stirling [3.1.] 153; Ghetta [3.1.] 166. Einen Bildungskanon enthält auch der
12 Einleitung

Noch im Jahre des Konsulats zieht sich Ausonius im Herbst 379 nach
Bordeaux und auf seine Güter zurück, wo er bis nach 393 lebte.62 Eine
erneute Rückkehr des Ausonius nach Trier und einen Aufenthalt dort bis
zur Ermordung des Gratianus, ja ein politisches Engagement unter dem
Usurpator Magnus Maximus, ist eo ipso unwahrscheinlich und wird neu-
erdings mit guten Gründen ausgeschlossen.63 In Aquitanien entstehen als
Alterswerke u. a. die Gedichte über sein ererbtes Landgut (VI De here-
diolo), auf verstorbene Verwandte (X Parentalia), über die Hauptstädte
des Reiches (XXIV Ordo urbium nobilium), über die Rhetorikprofessoren
von Bordeaux (XI Commemoratio professorum Burdigalensium) und der
Briefwechsel mit Paulinus von Nola, dem Schüler und Freund, der sich
aus der klassisch-paganen Kulturwelt des Ausonius ins ferne Kampanien
zurückzieht, um fürderhin der Verehrung des Hl. Felix zu leben.64
Nach 380 verliert Trier seine Vormachtstellung als kaiserliche Resi-
denz. Der Hof residierte bevorzugt in Mailand, aber auch in Aquileia und
Ravenna. In der alten Kaiserresidenz Trier regierte nach der Ermordung
Gratians am 25. 8. 383 bei Lyon der Usurpator Magnus Maximus, der nicht
nur in Britannien, Gallien, Spanien und Africa anerkannt, sondern auch
von Theodosius I. zunächst legitimiert, aber schließlich 388 bei Aquileia

Protrepticus ad nepotem (VIII); vgl. dazu H. A. Gärtner: Ein antiker


Lektürekanon. Jahresbericht des Kurfürst-Friedrich-Gymnasiums Heidelberg 1996,
74–79; D. Amherdt: Le Protrepticus ad nepotem d’Ausone: rhétorique et humour,
ou Ausone est-il sérieux? Mnemosyne 63, 2010, 43–60.
62 Angekündigt Mos. 449 ff. Sein Enkel Paulinus von Pella bezeugt den Aufenthalt in
Bordeaux Ende 379 (euch. 48 f. Tunc et avus primum illic [sc. in Bordeaux] fit mihi
cognitus, anni / eiusdem consul). Vgl. auch den Titulus des Gedichts De here-
diolo (VI): Cum de palatio post multos annos honoratissimus, quippe iam consul,
redisset ad patriam, villulam quam pater liquerat introgressus his versibus lusit
Luciliano stilo. Zu Ausonius als Gutsbesitzer ältere Literatur bis 1980 bei Alvar
Ezquerra, Ed. I S. 68 Anm. 134, ferner Étienne, Ausone, propriétaire terrien [3.1.];
J. Fontaine: L’éclat de la romanité dans l’Aquitaine du IVe siècle, BGAB 1989, 1,
72–85; C. Balmelle: Les demeures aristocratiques d’Aquitaine, Bordeaux/Paris
2001, 39 f. Chronologische Überlegungen dazu bei Sivan [3.1.] S. 2 Anm. 3
(S. 166 f.). Ein Todesdatum noch vor der Jahreswende 394/95“ erschließt Coşkun,

Gens 99 aus der Datierung des Briefwechsels mit Paulinus von Nola.
63 Coşkun, Gens 92–94; vgl. Ders., Hermes 130, 2002, 209–222, bes. 218, zustimmend
U. Lambrecht, KTJ 43, 2003, 292. Castello [3.1.] 170 Anm. 130 verbindet das Jahr
380 mit dem Ende des politischen Einflusses des Ausonius ( ambito cronologico

che segna il declino di Ausonio“), ähnlich Liebermann HLL 280. Dagegen stützt
sich die Mehrzahl der Forscher auf die editorische Notiz zu dem Gedicht Pater
ad filium (VII) cum temporibus tyrannicis ipse Treveris remansisset; vgl. Niccoli
[3.1.] 13; Green, Komm. S. xxxi; Mondin, Ed. Epist. S. 230–232. Coşkun, Hermes
130, 2002, 209–222 datiert das Gedicht in das Jahr 375 und bringt es mit dem
Aufbruch des Hesperius zum Antritt seines proconsulatus Africae in Verbindung.
64 Überlegungen zu einer Fühdatierung von Ordo, Commemoratio und Parentalia
bei Sivan [3.1.] 158–161; Einzelausgaben siehe [2.]; vgl. auch S. 31 Anm. 150.
3. Die Datierung der Mosella im Rahmen der Zeitgeschichte 13

besiegt und getötet wurde.65 Nach dem Tode Valentinians II. 392 wurde
Konstantinopel die wichtigste Residenz des Reiches. In Trier residierte
für kurze Zeit der Gegenkaiser des Theodosius, Flavius Eugenius, bis er
nach der Niederlage am Frigidus 394 erschlagen wurde.66
Zu Beginn des 5. Jahrhunderts wurde der Sitz der gallischen Präfektur
von Trier nach Arles verlegt.67 Als zum Jahreswechsel 406/407 Vandalen,
Sueben und Alanen vom Mittelrhein her in Gallien einfielen, war die
späte Blüte des Mosellandes, der Ausonius sein Gedicht gewidmet
hatte, ebenso unwiderruflich zu Ende wie die letzte große Epoche der
lateinischen Poesie.68 Ausonius selbst hat auf seinen Gütern im fernen
Aquitanien in seinem nidus senectae davon nichts mehr erfahren, und das
Versprechen am Ende der Mosella (V. 389–417 und 438–468), er wolle
später noch einmal das Lob des Stromes im Norden in einem größeren
Gedicht verkünden, blieb wohl nicht zuletzt aufgrund der widrigen
Zeitläufte uneingelöst, sofern man nicht diese Aussage überhaupt lieber
als literarisch-panegyrischen Topos bewerten will.
Zuweisungen von erhaltenen Darstellungen auf die Person des Auso-
nius sind umstritten. Das gilt sowohl für eine Statuette in der Bibliothek
von Auch wie auch für einen 1901 in Trier gefundenen Porträtkopf.69

3. Die Datierung der Mosella im Rahmen der Zeitgeschichte

Über seine Berufung an den Kaiserhof als Erzieher spricht Ausonius


selbst praef. I 23–26.70 Der Kaiserhof (Augusti palatia) muß nicht mit
Trier identisch sein. Valentinian71 hielt sich nach seiner Wahl zum
Augustus am 25. 2. 364 zunächst für kurze Zeit in Konstantinopel auf,
65 W. Enßlin, RE XIV (1930) 2546–2555; PLRE I 588; vgl. ordo 69–72 = 9, 6–9.
66 Zu Eugenius vgl. PLRE I 293; A. Cameron [3.1.] 74–131.
67 Zur Endphase der römischen Präsenz in Trier vgl. H. Heinen, Trier und das
Trevererland [3.1.] 250–384. Chr. Witschel: Trier und das spätantike Städtewesen
im Westen des römischen Reiches, TZ 67/68, 2004/2005, 223–272 datiert die Ver-
legung auf die Jahre 406/407.
68 J.-L. Charlet, Philologus 132, 1988, 74.
69 Abgebildet bei Jucker [3.1.] Tafel 4; Wrede [3.1.] Tafel 62, 4; Katalog Konstantin
I.14.1. Die Überlegungen von Crazannes, Lauzun und Jucker sind besprochen von
Alvar Ezquerra, Ed. I 12 f.
70 exactisque dehinc per trina decennia fastis / deserui doctor municipalem operam,/
aurea et Augusti palatia iussus adire /Augustam subolem grammaticus docui,/
mox etiam rhetor; vgl. protr. 82 f. donec ad Augustae pia munera disciplinae /
accirer.
71 Zu Valentinian vgl. oben S. 5 Anm. 21; RE VII A (1948) 2158–2204; PLRE I
933 f.; DNP s. v. Flavius Valentinianus I.; J. den Boeft u. a. (Hrsgg.): Ammianus
after Julian, The Reign of Valentinian and Valens in Books 26–31 of the Res
Gestae, Leiden u. a. 2007.
14 Einleitung

um dann weiter durch den Balkan nach Sirmium (Sremska Mitrovica)


zu ziehen. Dort trennte er sich von seinem Bruder und Mitaugustus
Valens, der die Herrschaft in der östlichen Reichshälfte übernahm. Da
Gratian am 18. 4. 359 in Sirmium geboren war72 und in den unruhigen
Jahren bis 364 wohl kaum seine ersten Lebensjahre an der Seite seines
Vaters verbrachte,73 dürfte der jetzt Fünfjährige im Gefolge des Kaisers
vermutlich von Sirmium aus in die Residenz nach Mailand mitgereist
sein. Dort hielt sich Valentinian von Anfang November 364 bis Herbst
365 auf.74 Damals hatte Gratian allerdings noch nicht das Alter, um
vom grammaticus unterrichtet zu werden, in dessen Obhut man in der
Regel im 10. oder 11. Lebensjahr gegeben wurde.75 Die Kämpfe gegen
die eingedrungenen Alamannen machten Aufenthalte Valentinians in
Paris und Reims zwischen Ende 365 und Frühjahr 367 erforderlich. Am
24. 8. 367 wurde der achtjährige Gratian in Amiens zum Mitaugustus
erhoben. Dieses Ereignis könnte auch den Anlaß dafür gegeben haben,
den jungen Augustus einem erfahrenen Lehrer anzuvertrauen.76 Bereits
eineinhalb Jahre später, am 25. 2. 36977 rühmt Symmachus (or. 3, 7)
die literarischen Studien des Augustus Gratian mit den Worten historia
oblectaris in proeliis, in adhortatione suasoriis, actionibus in colloquiis,
carminibus in triumphis.78
72 Zu Gratianus vgl. PLRE I 401 f.; DNP s. v. Gratianus; G. Gottlieb, RAC XII
(1983) 718–732; A. Cameron [3.1.] passim.
73 In diesem Sinne können auch die Worte Valentinians anläßlich der Ernennung
Gratians zum Augustus verstanden werden, wenn er von seinem Sohn sagt non
rigido cultu ab incunabulis ipsis ut nos educatum nec tolerantia rerum coalitum
asperarum nec capacem adhuc Martii pulveris (Amm. 27, 6, 8).
74 Belege in RE VII A (1948) 2167–2169.
75 Nur unter der Annahme, Ausonius wäre am Hofe auch als Elementarlehrer tätig
geworden, könnte man der Aussage von Demandt (Spätantike 1989, 109 = 2007,
137) zustimmen, daß Ausonius seit 364 als Erzieher Gratians am Hofe lebte“

(ähnlich Isbell [3.1.] 34: c. 364“, abgelehnt von Alvar Ezquerra, Ed. I S. 28

Anm. 48). Für 365 spricht sich entschieden Jouai [3.1.] 47–50 aus (danach H. Hei-
nen, Trier und das Trevererland [3.1.] 244 f., Lorenz [3.1.] 103). Die Beschreibung
Mailands ordo 35–45 = 7, l–11 läßt Autopsie vermuten (Beck, Tres Galliae [3.1.]
52; Green, Komm. S. 573; Di Salvo [2.2.] 170; vgl. Annette Haug: Die Stadt als Re-
präsentationsraum: Rom und Mailand im 4. Jh. n. Chr., in: Fuhrer [3.1.] 111–136
und zu V. 384 f.). Ein Besuch Mailands konnte aber auch in amtlicher Funktion
von Trier aus stattgefunden haben.
76 Vgl. die Belege bei Coşkun, Gens [3.1.] S. 29, der ibid. S. 44 Anm. 85 dieses Datum
für eine Begegnung mit Ausonius wieder in Erwägung zieht.
77 Datierung der Rede nach Seeck, Ed. MGH 6,1, Berlin 1883, CCX f.
78 Mit historia und carmina sind Inhalte benannt, die der grammaticus vermittelt
(vgl. auch Rücker [3.1.] 55), während suasoria und colloquia auf Gegenstände des
Rhetorikunterrichts verweisen (H.-I. Marrou: Geschichte der Erziehung im klassi-
schen Altertum. Freiburg/München 1957, 401–416). Schon anläßlich der Erhebung
Gratians zum Mitaugustus rühmte Valentinianus die Erziehung Gratians mit den
Worten humanitate et studiis disciplinarum sollertium expolitus (Amm. 27, 6, 9).
3. Die Datierung der Mosella im Rahmen der Zeitgeschichte 15

Über die Gründe, warum die Wahl gerade auf Ausonius fiel, gibt es
keine Nachrichten. Nicht ausgeschlossen scheint jedoch die Annahme,
Valentinian habe schon während seines Aufenthalts in Gallien im Dienste
des Constantius II. und des Julian,79 auf welche Weise auch immer, Infor-
mationen über Bordeaux als einer Bildungsstätte, die über die Grenzen
Galliens hinaus bekannt war, erhalten können. Die Familie des Ausonius
erfreute sich dort besonderen Ansehens, und Ausonius selbst hatte eine
mehr als dreißigjährige, offensichtlich höchst erfolgreiche Lehrtätigkeit80
in Bordeaux ausgeübt und darüber hinaus sein poetisches Talent bereits
unter Beweis gestellt.81 Dem Valentinian selbst spricht Mondin, Ed.
Epist. XIX una certa vivacità intellettuale“ und una qualche sorta di
” ”
dilettantismo letterario“ zu; auch das mag zu der Berufung beigetragen
haben.82
Dagegen ist wohl kaum anzunehmen, daß ein besonderes Bekenntnis
zur christlichen Religion den Ausschlag gab.83 Für die Interpretation der
Mosella spielt die Frage nach dem Christentum des Ausonius nur unter
dem Aspekt eine Rolle, inwieweit sich die in der klassischen literarischen
Tradition stehende Belebung der Landschaft durch pagane Gottheiten84
und der Hinweis auf die alten Haine, der Gaue Ruhm“ (V. 478) mit

Wenn A. Pabst, Reden [3.1.] 152 f. die Rede des Symmachus zögernd auf Ende 368
datiert, dann wird ein möglichst früher Beginn dieser Studien beim grammaticus
noch wahrscheinlicher.
79 Vgl. RE VII A (1948) 2159 f.
80 Die Einzelheiten bei Booth, Phoenix 36, 1982, 329–343 (hier 331 f.); chronologisch
teilweise revidiert von Coşkun, Gens [3.1.] 21 ff.; vgl. auch S. 9 mit Anm. 44.
81 Dieses Argument, von Mondin, Ed. Epist. XVIII erwogen, wird von Coşkun, Gens
[3.1.] 40 mit dem Hinweis zu entkräften versucht, daß Ausonius bis zu dem Zeit-
punkt seiner Berufung an den Hof nur wenige frühe Werke geschaffen habe; ihre
Veröffentlichung sei zudem unsicher. Als gesichert für die Zeit vor dem Trierer
Aufenthalt gelten nur einige Briefe und Epigramme. Vgl. aber Sivan [3.1.] 158–
161 und schon Franco Munari: Die spätlateinische Epigrammatik, Philologus 102,
1958, 131 ( Das große Ansehen des Ausonius als Lehrer und Dichter zog . . . die

Aufmerksamkeit des Trierer Hofes auf sich“).
82 Überblick über die Argumente der früheren Forschung bei Coşkun, Gens [3.1.]
40 ff., der selbst ein Rolle des Ausonius anläßlich der Überbringung des aurum co-
ronarium (vgl. DNP s. v.) von Bordeaux nach Trier sowie persönliche Beziehungen
zum Hofe vermutet; vgl. zu V. 439. Zu den geistigen Interessen Valentinians vgl.
Alföldy [3.1.] 122 f., über seine Bildung Auson. Cento p. 146, 12 vir meo iudicio
eruditus; Ps. Aur. Vict. epit. 45, 5 Valentinianus fuit vultu decens, sollers inge-
nio, animo gravis, sermone cultissimus. Dagegen hebt Ammian 30, 8, 10 hervor,
Valentinian habe eine Abneigung gegen Gebildete besessen (oderat et eruditos).
83 Green, CQ N. S. 35, 1985, 505 vermutet strong and informed Christian faith“ bei

Ausonius, ähnlich positiv Chadwick [3.1.] 60 und A. Cameron [3.1.] 34 f. und 404;
dagegen dezidiert Sivan [3.1.] 90. Die Versus Paschales (IV) kann man mit Sivan
161 als ‘imperial’ work“ verstehen, die Oratio matutina der Ephemeris (II) gilt

als Spätwerk (Sivan 163 f.).
84 Eine Zusammenstellung bei Di Salvo 24 f.
16 Einleitung

einem expliziten Bekenntnis zum Christentum vereinbaren ließe. Aber


nicht zuletzt das Unverständnis über das Verhalten seines Schülers
Paulinus von Nola85 offenbart mehr von der traditionellen religiösen
Glaubenshaltung des Ausonius als die Versus Paschales und die Oratio
matutina, mag er sich auch im Alter stärker dem Christentum zugewen-
det haben. Im übrigen ist in der altertumswissenschaftlichen Forschung
die Tendenz zu beobachten, die Vorstellung von einer Konfrontation
zwischen Heidentum und Christentum in der Spätantike aufzugeben
zugunsten eines Neben- und Miteinander der verschiedenen Religionen im
alltäglichen Leben.86 Gerade unter Valentinian ist ein tolerantes religiöses
Klima zu beobachten,87 sodaß wohl am Hofe niemand Anstoß nahm,
wenn im Moselgedicht, ganz in der Tradition der klassischen Dichtung,
das Auftreten heidnischer Gottheiten geschildert wurde.88
Der erste Alamannenfeldzug Valentinians von Trier aus fällt in die
zweite Hälfte des Jahres 368.89 Er ist eine Antwort auf Randos Überfall
auf Mainz im Frühjahr des gleichen Jahres und dürfte sich daher wohl
kaum am Unterlauf des Neckar abgespielt haben, sondern wird vermut-
lich aus der Gegend des Mittelrheins, d. h. von Mainz aus, in Richtung
Wetterau vorgetragen worden sein.90 Dagegen plädiert Drinkwater91 mit
der Mehrzahl der Forscher für einen Vorstoß über den Rhein von Worms
aus. Dieser erste Feldzug findet in der Mosella vermutlich noch kein
unmittelbares Echo und Mos. 422–424 ist ebenso wenig mit Sicherheit
auch auf den Feldzug des Jahres 368 zu beziehen92 wie die am Anfang
der Mosella geschilderte Reise von Bingen nach Neumagen. Auf einen

85 epist. 24; vgl. Niccoli [3.1.] 21.


86 Vgl. die differenzierende Beurteilung bei Gemeinhardt [3.1.] 144–148.
87 Amm. 30, 9, 3 hoc moderamine principatus inclaruit, quod inter religionum diver-
sitates medius stetit nec quemquam inquietavit neque, ut hoc coleretur, imperavit
aut illud sc. Valentinianus; Demandt, Spätantike2 143; Ghetta [3.1.] 51 f.
88 Zur Frage des Christentums des Ausonius vgl. Sivan [3.1.] 110 u. ö. (ältere Lite-
ratur ebenda 204 Anm. 97), dazu W. Brandes [3.1.]; Paschoud [3.1.] 23; R. Del
Re, C&S 19, 74, 1980, 67 f.; M. Swoboda, Eos 69, 1981, 83–89; Coşkun, Gens
[3.1.] 216 ff.; Mondin, Ed. Epist. XVII sowie zu V. 169 ff.; Wallraff [zitiert zu
V. 12 f.] S. 102 Anm. 56 und ausführlich Skeb, Hermes 128, 2000, 327–352, der von
der verinnerlichten Frömmigkeit eines Intellektuellen“ spricht, für den sich die
” ”
Alternative Heide oder Christ“ so wenig stellte wie für viele seiner Zeitgenossen“

(352). Vgl. auch Ghetta [3.1.] 190–213 und U. Lambrecht, KTJ 49, 2009, 408.
89 Ausführlich ohne neue Ergebnisse besprochen von Lorenz [3.1.] 96–117.
90 Der von Amm. 27, 10, 8 genannte Ort Solicinium ist nicht lokalisiert. Zuletzt wurde
der Glauberg ins Gespräch gebracht (Demandt, Spätantike2 S. 140 Anm. 37), der
nach Ausweis der Münzfunde im 4. und 5. Jahrhundert Sitz eines alamannischen
Kleinkönigs war. Überwiegend wird Solicinium aber im Neckarraum lokalisiert.
91 The Alamanni [3.1.] 286–289.
92 So nachdrücklich Coşkun, REA 104, 2002, 413 ff. Anders zuletzt Soler [3.2.] 307:
l’iter qui ouvre la Moselle à l’occasion d’un déplacement officiel“, nämlich 368.

3. Die Datierung der Mosella im Rahmen der Zeitgeschichte 17

Terminus nach 368 für die Abfassung der Mosella weist auch V. 407 (vgl.
den Kommentar z. St.).
Im folgenden Jahr 369 unternimmt Valentinian I. vom Neckar aus
einen Vorstoß in das Gebiet der Alamannen. Dieser Feldzug ist außer
durch die Mosella (vgl. zu V. 422–424) auch durch Symmachus bezeugt,
der daran teilnahm (or. 2, 24 und 30) und aus dessen Aussagen eine
annähernde Rekonstruktion des Verlaufs möglich ist.93 Der Vorstoß zu
den Donauquellen (V. 424) ist in das Jahr 370 zu datieren.94 Damals
erfolgte auch der Ausbau der Befestigungsanlagen, auf die in V. 456
angespielt wird.
Die oben zitierte Stelle aus der 3. Rede des Symmachus setzt auch
die Teilnahme Gratians an den Feldzügen seines Vaters voraus, wie sie
in gleicher Weise Ammianus 27, 10, 10 bezeugt.95 Wenn Ausonius, wie
hier dargelegt, vermutlich bereits seit 367 als Erzieher Gratians tätig
war, hat er mit großer Wahrscheinlichkeit an einem oder mehreren dieser
Feldzüge teilgenommen,96 auch wenn die Teilnahme nicht ausdrücklich
bezeugt ist. Sie ist aber aus Symm. or. 3, 7 eindeutig zu erschließen.
In diesem Panegyricus auf Gratian rühmt Symmachus die Verbindung
von literarisch-wissenschaftlichen Studien und Kriegsdienst, wie man sie
schon bei Fulvius Nobilior, Scipio Africanus oder Alexander findet. Diese
wurden von Literaten und Philosophen begleitet.97 Die Aussage ist nur
sinnvoll, wenn auch Gratianus von Intellektuellen“ begleitet wurde,

und das war nach Lage der Dinge in erster Linie sein Hauslehrer und
Erzieher Ausonius. Einen direkten Kampfeinsatz des gerade zehnjährigen
Augustus schließt Ammianus ausdrücklich aus.98

93 Pabst, Reden 408 ff. mit der älteren Literatur; Drinkwater, The Alamanni [3.1]
289–293. Den Einfluß dieser Rede auf die Mosella bespricht Shanzer, Festschrift
Clausen [3.2.], 290 ff.
94 Drinkwater l. c. 294; Mondin bei Cavarzere, Komm. S. 190 Anm. 4. Dagegen ver-
bindet Lorenz 107 f. das Ereignis mit der Schlacht bei Solicinium und mit dem
Feldzug von 368.
95 Valentinianus cum Gratiano Rhenum transiit; vgl. Cavarzere, Komm. S. 168 f.
96 Pabst, Reden S. 306; Demandt, Spätantike2 S. 140 Anm. 38 mit der communis
opinio.
97 Symm. or. 3, 7 tropaeis et litteris occupatus otiosa cum bellicis negotia miscui-
sti. . . . iam credimus vetustati, cum in isdem tentoriis tuis volumina et arma
tractentur.
98 27, 10, 10 Gratiano . . . apud signa Iovianorum retro detento, cuius aetas erat
etiamtum proeliorum impatiens et laborum. Dagegen kann Auson. epist. 12
p. 232, 27 ff. dum in comitatu degimus ambo aevo dispari, ubi tu (sc. Symma-
chus) veteris militiae praemia tiro meruisti, ego (sc. Ausonius) tirocinium iam
veteranus exercui eher auf den Hofdienst (Mondin, Ed. Epist. S. 194) als auf den
Aufenthalt im Feldlager (Schenkl, Ed. p. XV Anm. 4) bezogen werden.
18 Einleitung

Ein letzter in der Mosella erwähnter Terminus ist die Geburt Valenti-
nians II. in der 2. Hälfte des Jahres 371.99 Viel diskutiert ist außerdem die
Anspielung V. 409–414 auf eine Persönlichkeit, deren Verdienst erst jetzt
durch ein entsprechendes Ehrenamt gewürdigt wird. Die Unbestimmtheit
der Aussage hat in der Forschung zu verschiedenen Erklärungen geführt,
sodaß eine gesicherte Datierung der Mosella aus dieser Stelle nicht zu
gewinnen ist.100
Aus der Zusammenschau der genannten Daten ergibt sich eine
Abfassungszeit der Mosella zwischen Herbst 370 und Spätherbst 371.
Keine Rolle bei der Datierung spielen dagegen die Verse 451/452, in
denen Ausonius auf seine konsularischen Würden anspielt. Den Konsulat
übte er erst 379 aus, sodaß aus den genannten Versen auf eine spätere
Ergänzung oder Revision des Textes geschlossen wurde.101

4. Gliederung, Aufbau und Komposition

Erste Versuche, die überlieferten 483 Verse zu gliedern, sind bereits aus
der ältesten Handschrift, dem Sangallensis 899, zu erkennen. Dort, wie
teilweise auch im Bruxellensis 5369/73, werden Textabschnitte durch
Großbuchstaben gekennzeichnet.102 Nachdem schon Tross (S. IX) die
Berücksichtigung dieser Gliederung gefordert hatte, hat sich Fr. Marx103
daran orientiert und 12 Teilabschnitte benannt. Die handschriftliche, auf
ein frühes Stadium der Überlieferung zurückzuführende Gliederung ist
jedoch wesentlich kleinteiliger, als die Einteilung von Marx vermuten
läßt, und markiert nicht nur Hauptabschnitte, sondern auch kleinere

99 Der genaue Zeitpunkt ist unklar. W. Enßlin, der RE VII A (1948) 2206 die ent-
sprechenden Belege aufführt, datiert die Geburt nicht allzu viel vor dem 22.

November 371“; Mondin bei Cavarzere, Komm. S. 189–196, erwägt den Sommer
371; vgl. zu V. 92 und V. 450.
100 Einzelheiten der Diskussion im Kommentar zu V. 409 ff.
101 Tross S. V; Beck, Tres Galliae [3.1.] 93; Sivan, AJPh 111, 1990, 386. Dagegen be-
kräftigt Mondin bei Cavarzere, Komm. S. 190 ff., die alte Vermutung von Mirmont
1889 S. 131 f., daß die Formulierung fascibus Ausoniis decoratum et honore curili
sich auf die adlectio inter consulares beziehe, eine Auszeichnung, die Ausonius als
comes am Hofe Valentinians und Erzieher Gratians erhalten habe oder erhoffen
konnte. Green, Historia 46, 1997, 222 f. schließt selbst die durch Valentinian gege-
bene Hoffnung auf den ordentlichen Konsulat nicht aus. Auch wenn Della Corte
[3.1.] 1956/57, 122 eine spätere Überarbeitung der Mosella und damit Autoren-
varianten grundsätzlich bestreitet, ist die nachträgliche Einfügung eines Einzel-
verses a priori nicht ausgeschlossen; vgl. unten S. 39.
102 Aufgelistet bei John [3.2.] 97; vgl. den kritischen Apparat, ebenso bei Peiper und
Schenkl, nicht jedoch bei Prete und Green.
103 RhM N. F. 80, 1931, 374 ff. Die Gliederung von Marx hat L. Deubner, Philologus
89, 1934, 253–258 mit besonderer Berücksichtigung der Übergänge übernommen.
4. Gliederung, Aufbau und Komposition 19

kompositorische Einheiten und Übergänge, sodaß man (mit John [3.2.]


101) daraus Anzeichen einer guten grammatisch-rhetorischen Interpreta-
tion erkennen kann.

Gliederung der Mosella


In der rechten Spalte ist die Verszahl des jeweiligen Abschnitts genannt

A. 1–22 Einleitung: Die Reise ins Moseltal


I. 1–11 Der Weg von Bingen nach Neumagen 11
II. 12–22 Der Anblick des Moseltals 11
B. 23–149 Die Wasser der Mosel und ihre Bewohner
I. 23–74 Aretalogie
1. 23–32 Hymnischer Anruf
a. 23–26 Gruß 4
b. 27–32 Allmacht“ 6

2. 33–44 Der Wasserlauf 12
3. 45–74 Natürliche Schönheit
a. 45–54 Das Ufer 10
b. 55–74 Der Grund des Flusses 20
II. 75–84 Überleitung zum Fischkatalog 10
III. 85–149 Fischkatalog 65
C. 150–380 Die Landschaft und ihre Bewohner
I. 150–282 Arbeit und Vergnügen
1. 150–168 Winzer, Treidler, Schiffer 19
2. 169–188 Satyrn und Najaden 20
3. 189–199 Spiegelung der Landschaft im Wasser 11
4. 200–239 Schifferspiele 40 (41)
5. 240–282 Fischfang 43
II. 283–348 Die Villen
1. 283–297 Die Villen in der Landschaft 15
2. 298–317 Katalog der Architekten 20
3. 318–348 Lage am Fluß und Bauformen 31
III. 349–380 Katalog der Nebenflüsse 32 (33)
D. 381–483 Finale
I. 381–388 Hymnischer Gruß 8
II. 389–417 Ankündigung eines größeren Liedes 29
III. 418–437 Mosel und Rhein 20
IV. 438–468 Erneute Ankündigung 31
V. 469–483 Hymnischer Gruß 15
20 Einleitung

Der hier vorgelegte Text ist nach folgenden Überlegungen gegliedert:


Als große Einheiten sind nach einer Einleitung drei Teile erkennbar. Der
erste ist dem Wasser gewidmet (V. 23–149 = 127 Verse), der zweite
hat die Landschaft und ihre Bewohner zum Thema (V. 150–380 =
231 Verse),104 der dritte schließt das Gedicht in Form eines Hymnus
(V. 381–483 = 103 Verse). Eingeleitet werden diese drei Teile durch
die Schilderung einer Reise von Bingen nach Neumagen und des ersten
Eindrucks, den das Moseltal bietet (V. 1–22 = 22 Verse). Somit zeigt das
Gedicht eine ausgewogene Ponderierung: Der Mittelteil ist mit 231 Versen
annähernd doppelt so umfangreich wie der erste Großabschnitt (127
Verse), der in seinem Umfang wiederum dem der Einleitung und dem
abschließenden Hymnus zusammen (22 + 103 = 125 Verse) entspricht.105
Diese Einteilung ist im Schema S. 19 dargestellt.
Ohne Berücksichtigung möglicher Versausfälle beträgt die Gesamtzahl
483 überlieferte Verse. Diese Zahl ist durch 7 teilbar, ebenso wie der
überlieferte Text des Mittelteils (33 x 7 = 231 Verse). Aus der Synopse
der für die einzelnen Gliederungsabschnitte ermittelten Verszahlen ergibt
sich jedoch augenfällig die Tatsache, daß mit Ausnahme der Zehner-
gruppen und ihrer Vielfachen keine andere Zahl dominiert und somit
in der thematischen Gliederung der Mosella kein Siebenerschema zu
erkennen ist.106
Davon zu unterscheiden ist die Aufzählung einzelner Inhalte, die stets
auf kleinere Einheiten beschränkt und in der antiken Epik beliebt ist.
Insbesondere die Siebenzahl ist bereits in der Ilias häufig.107 Das hat
Vergil übernommen: So wird etwa die Herstellung des siebenschichtigen
Schildes des Aeneas in sieben Zeilen beschrieben (Aen. 8, 447–453),

104 Galand-Hallyn [3.1.] 353 verbindet diese beiden Abschnitte unter dem Titel
Ekphrasis de la Moselle“.

105 Man wird deshalb kaum mit Roberts [3.2.] 343 f. = 250 ff. von Mängeln in der
Gesamtkomposition sprechen können. Einen einigermaßen harmonischen Aufbau

im Hauptteil“ konstatiert auch, bei anderer Einteilung, Schönberger, Ed. S. 98
und ähnlich Cavarzere (Incontri [3.2.] 186 ff.), der die Verse 23 bis 380 als Einheit
zusammenfaßt. John gliederte den Text nach der Einleitung in fünf Hauptteile (23–
149, 150–282, 283–348, 349–437, 438–483); weitere Vorschläge bieten Ottmann, Ed.
S. 59–68 und Korzeniewski, RhM N. F. 106, 1963, 80–95; vgl. zu den älteren Vor-
schlägen auch Newlands [3.2.] 403 Anm. 3, zu jüngeren hebdomadischen Zahlen-
spekultationen vgl. J. Gruber, Plekos 7, 2005, 128–135 und Gymnasium 113, 2006,
373 f. sowie Scott McGill, Gnomon 84, 2012, 462 f. that apparent misstep“(463).

Bemerkenswerte Abweichungen von der hier vorgeschlagenen Gliederung sind im
Kommentar behandelt.
106 Treffend urteilt Green, ICS 14, 1989, 309 Anm. 24: In any case the exact mathe-

matics are not important“.
107 Il. 7, 220–223 sieben Lederschichten (ἑπταβόειον) des Schildes des Aiax; 9, 122
sieben Dreifüße als Sühnegeschenke Agamemnons (ibid. 128 sieben Frauen aus
Lesbos, 149 sieben Städte, katalogartig aufgezählt); 9, 85 sieben Feldherrn, usw.
4. Gliederung, Aufbau und Komposition 21

ebenso Rom als die Stadt der sieben Hügel (Aen. 6, 781–787). Aber
auch die Zahlen 3, 30 und 300 bzw. 5, 10 und Mehrfache davon spielen
als Strukturmerkmale der Aeneis eine Rolle, ohne daß das ganze Epos
nach diesen Schemata gegliedert werden könnte.108 Auch Lukan kennt
die (doppelte) Siebenzahl im Flüssekatalog Italiens (2, 399–427) und
dokumentiert damit nur ein altes episches Aufzählungsprinzip. Das
greift Ausonius auf: Der Name des Flusses, wie auch der der Garonne,
besteht aus sieben Buchstaben, denen am Ende des Gedichts eine
siebenfache Anrufung entspricht (vgl. zu V. 477–483), katalogartige
Aufzählungen wie die der Villen nennen ebenfalls traditionell sieben
Objekte, der Vergleich mit Glaucus (V. 276–282) umfaßt sieben Verse,
die verschiedenen Arten des Fischfangs werden (V. 243–249) in insgesamt
sieben Versen beschrieben. Aber dieser Schematismus wird immer wieder
durchbrochen. Das zeigt sich besonders deutlich in der Aufzählung der
Bevölkerungsgruppen V. 399–414 oder bei dem Hinweis auf weitere
Alpenflüsse V. 480. Der Katalog der 11 gallischen Flüsse V. 461–483
beginnt zunächst mit traditionell sieben Namen, zu denen dann weitere
vier hinzutreten. Daraus ergibt sich, daß eine siebenfache Aufzählung
(wie auch in der Gratiarum actio 35 die sieben Qualitäten Gratians; vgl.
dazu Dräger, Ed. 2011, 542) oder eine Beschreibung in sieben Versen eine
aus der epischen Gattungstradition übernommene und auch bei Ausonius
beliebte Kleinstruktur des Gedichts bildet, aber kein immanentes Glie-
derungsprinzip darstellt. Daneben stehen aber auch die in der epischen
Dichtung üblichen Reihen mit fünf, zehn oder mehrfachen Elementen.109
Ebenso finden sich andere Zahlengruppen wie etwa die Vier oder ein
Mehrfaches davon.110 Im übrigen ergibt sich bei der Annahme einer Lücke
in V. 206 oder eines Versausfalls nach V. 379 (beide Möglichkeiten sind
nicht mit letzter Gewißheit auszuschließen) eine andere Gesamtzahl, die
Green l. c. zwischen 485 und weniger als 500 Versen ansetzt, wobei noch
das Faktum einer möglichen späteren Überarbeitung oder mindestens
Ergänzung zu berücksichtigen ist.111
Innerhalb der genannten größeren Gliederungsabschnitte lassen sich
also kleinere Einheiten feststellen, die sich, ähnlich wie bei Claudian und
in anderen spätantiken Literaturwerken, als locker verbundene Szenen

108 Dagegen hat die berühmte 4. Ekloge mit ihren insgesamt 63 Versen eine klar er-
kennbare Siebener-Struktur (vgl. G. Duckworth: Structural Patterns and Propor-
tions in Vergil’s Aeneid, A study in Mathematical Composition, Michigan 1962,
21 f.).
109 V. 287–297 fünf Bezeichnungen für den Hellespont (vgl. zu V. 23–149); fünfzehn
Moselfische, zehn direkte und indirekte Nebenflüsse der Mosel (349–380).
110 In je vier Versen (259–266) wird der Tod eines Fisches beschrieben, der Spiegel-
vergleich V. 230–237 umfaßt acht Verse.
111 Vgl. S. 18 sowie zu V. 451 f.
22 Einleitung

darstellen.112 Dabei wechselt wiederholt der Beobachtungsstandpunkt


und die Übergänge sind nicht selten fließend (vgl. S. 30 und 35 sowie
zu V. 12–22, 20–22, 283), wodurch allein schon die in der Literatur
vorgeschlagenen Gliederungsschemata variieren können.

5. Metrik, Sprache und Stil

Metrik, Sprache und Stil des Ausonius wurden in zahlreichen Einzelun-


tersuchungen behandelt. Die älteren Arbeiten verzeichnet Marsili, Komm.
S. IX Anm. 1. Vielfältige Beobachtungen zu Vers- und Satzbau finden sich
im Kommentar von Cavarzere; vgl. Scafoglio, WS 117, 2004, 166–168 sowie
bei Dräger, Ed. 2011, 336–423. Die folgenden Ausführungen bieten eine
Zusammenfassung, im Kommentar sind nur besonders auffällige Erscheinungen
besprochen.

5.1. Versbau

Gattungsbedingt ist der Hexameter das Versmaß sowohl des Groß-


wie des Kleinepos. Die Struktur des Verses in der Mosella entspricht
weitgehend klassischem Sprachgebrauch, insbesondere dem Vergils, und
unterscheidet sich teilweise von der Hexameterstruktur im übrigen Werk
des Ausonius.113 Im Gegensatz zur klassischen Dichtung finden sich
häufiger rein daktylische Verse (V. 5, 28, 40, 90, 414, 451, 467). Nicht
selten wird dabei durch den Versrhythmus der Inhalt abgebildet. So
folgen gleich am Anfang auf die lebhaften Daktylen des Aufbruchs
die schweren Spondeen des beschwerlichen Weges durch den Hunsrück
(V. 5/6); auf den Holodactylus, der V. 40 die rasche Bewegung
flußabwärts abbildet, folgen in Gegenrichtung die Spondeen V. 41 f.
am Versanfang, die das mühsame Geschäft des Treidelns flußaufwärts

112 Burnier [3.2.] 66 spricht von un cortège de saynètes possédant chacune un



caractère particulier et toutes rattachées à des formes littéraires différentes“. Vgl.
auch J.-L. Charlet, Philologus 132, 1988, 78, der nachdrücklich auf dieses alexan-

drinische“ Kompositionsprinzip hinweist, sowie Roberts [3.1.] 56–58. J. Fontaine
[3.2.] 440 erkannte 22 medaillons épigrammatiques“; zu Claudian vgl. Taegert

41–51. Bezüge zur spätantiken bildenden Kunst notieren Roberts [3.2.] 344 = 252
und zuletzt J, Hernández Lobato: Vel Apolline muto, Estética y poética de la An-
tigüedad tardı́a, Bern. u, a. 2012 [Rez. D. Amherdt, Plekos 14, 2012, 163–168]. Vgl.
zu dieser assoziierenden Kompositionsweise auch die Bemerkungen zu V. 230–239,
240–282.
113 Nach der Materialsammlung von Raehse [3.3.] hat zuletzt Ceccarelli [3.3.] die
Struktur des Hexameters bei Ausonius analysiert.
5. Metrik, Sprache und Stil 23

malen“. V. 90 bildet die rasche Bewegung der Äsche ab, V. 467 den

schnellen Flußlauf des Tarn. Hinsichtlich der Verteilung von Daktylen
und Spondeen im Hexameter sind Spondeen häufiger im dritten als im
zweiten oder vierten Versfuß.114
Häufig ist der Vers mit Wortstellung nach dem Schema a/b/C/A/B
bzw. a/b/C/B/A gebildet, wobei die Mittelstellung des Verbums C
gerahmt wird von den Adjektiven a und b und den dazugehörigen
Substantiven A und B bzw. B und A. Beide Schemata, auf die im
Kommentar jeweils hingewiesen wird, bezeichnet Cavarzere, offensichtlich
nach englischem Sprachgebrauch, als Versus aureus.115
Gegenüber der klassischen Dichtung tritt verstärkt der Leoninische
Reim (Binnenreim) auf.116 Die bukolische Dihärese wird zur Regel. Zu
weiteren Einzelheiten wie spondeischem Versschluß (V. 11, 342, 453),
Versus tetracolos (V. 22, 76, 156, 273, 408), Bisyllabum am Versende
(V. 357), Elisionen (V. 39), bemerkenswerte Zäsuren und Dihäresen
(V. 209, 279), Synizese (V. 83) vgl. den Kommentar.

5.2. Wortschatz und Wortformen

Der Wortschatz und die Wortformen der Mosella entsprechen einer-


seits im allgemeinen der klassischen epischen Dichtersprache, zeigen
aber andererseits auch spezifische Merkmale der späteren Latinität. Das
betrifft vor allem die Kürzung der Endsilbe -o. Sie findet sich
1. bei Substantiven (162 margo, 282 praedo, 348 oblectatio), aber
129 salmō nach klassischem Sprachgebrauch (vgl. Komm. z. St.).117 Der
Nominativausgang -ŏ gilt für die spätantiken Grammatiker als regelmäßig
kurz (Sommer S. 366);
2. beim Verbum (366 usurpo, 378 oro, vgl. Komm. z. St., 390 detero,
399 memorabo, 443 concino, 483 commendabo), wo die Kürze ebenfalls
im Spätlatein zu Regel wird (Sommer S. 488), aber 445 affectō.
Muta cum liquida kann, je nach metrischen Erfordernissen, vorhergehende
Länge oder Kürze bewirken (Raehse S. 19); keine Positionslänge findet
sich vor fl-, fr- (Dräger, Ed. 2011, 346).

114 Ceccarelli, Contributi [3.3.] I 144 Anm. 6. Vgl. auch zu V. 28.


115 Zu Geschichte und Verwendung des Begriffs vgl. den informativen Artikel
Golden Line“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Golden line) sowie Norden 393 f.;

K. Thraede: Der Hexameter in Rom, Verstheorie und Statistik, München 1978,
51.
116 Cavarzere, Komm. S. 61, notiert 97 Fälle = 20,08 %. Sie sind im Kommentar mit
BR“ notiert.

117 Belege nach Raehse 13 ff.
24 Einleitung

Nur in der Mosella oder zuerst bei Ausonius sind folgende Wörter
belegt: 45 limigenus/limigena, 87 trihorium, 122 lucius, 164 deiugis, 197
caudiceus, 201 remipes; 223 nautalis, 299 tectonicus, 311 Ptolomais, 407
aquilonigena; vgl. 316 clorus sowie die Flußnamen Promea (354), Nemesa
(354), Sura (355ḟ.), Celbis (359), Erubris (359), Lesura (365), Drahonus
(365), Salmona (366), Saravus (367), Alisontia (371). – In der Dichtung
sind hier zuerst belegt 205 amnicus, 246 corticeus, 326 speculatio, 366
und 446 fluor.
Seltene Wörter und Wortformen: 1 transieram (seltenes Plusquam-
perfekt), 4 infletus, 32 bivius, 48 crusta, 76 interludens (Neubildung?),
79 alumnus (von Tieren), 82 habitatrix (spontane Neubildung?), 85
fartim, 105 opimare, 116 amnigena, 144 Atlantiacus, 167 adstrepo, 177
paganicus, 210 vaporifer , 228 simulamen, 233 virguncula, 234 germanae
. . . puellae, 256 dexter geschickt“, 258 assibilo, 266 branchia (Sg.), 276

Anthedonius, 320 decoramen, 335 assita, 360 allambo, 419 fluentum, 454
subter labi , 462 intersitus; vgl. 269 lanea . . . parma.
Archaische Wortformen: 86 und 113 fartim, 167 olli , 306 Marcei , 400
catus.
Graezismen: Das Spätlatein hat eine Vorliebe für griechische
Fremdwörter (Doblhofer II S. 34). Griechisch war aber auch die Sprache
der Ärzte in der Spätantike. So konnte Ausonius sicher schon von
Haus aus Griechisch, was sich auch in seinem Opus niederschlägt.118
Auffallende neue Graezismen in der Mosella sind 170 glauca tuentes
entsprechend γλαυκώπιδες; 299 tectonicus; 316 clorus (?). Weitere, in die
lateinischen Dichtersprache eingeführte Graezismen sind im Kommentar
vermerkt.

5.3. Stilistisches

Offensichtlich sehen viele Erklärer den Centonendichter auch in der


Mosella am Werk und konstatieren eine noch kleinteiligere Montage
verschiedener Versatzstücke als es die Regel für einen Cento zuläßt.
Während dort ganze oder Halbverse wortwörtlich übernommen und zu
einer neuen Aussage verbunden werden (vgl. Auson. Cento p. 146, 29 ff.),
glaubt man für einige Stellen der Mosella eine Kombinations-Technik
feststellen zu müssen, the combination of compounding of references in

the space of a short phrase, a single line, or a description, which merits
119
especial interest“. Dabei haben wir es bei einem artifiziellen Dichter
118 Vgl. F. Stahl: De Ausonianis studiis poetarum Graecorum, Diss. Kiel 1886.
119 Green, CQ 72, 1977, 449; vgl. auch Posani [3.2.]; Consoli, RCCM 37, 1995,
133. J. D. Sosin: Ausonian Allusions to Juvenal’s Satires, WS 112, 1999, 91–112
5. Metrik, Sprache und Stil 25

wie Ausonius mit Sicherheit mit einer großen Verfügbarkeit über Wen-
dungen, Formeln, Junkturen, Versanfängen und Versschlüssen gerade der
hexametrischen Dichtung zu tun, sodaß die aufgelisteten Parallelen in den
allermeisten Fällen als Elemente dieses Arsenals einer spätlateinischen
Dichtersprache120 und nur an besonders ausgewiesenen Fällen als Imitatio
oder Aemulatio zu werten sind. Aufgabe des Kommentars ist es auch,
die Wurzeln dieses in der Spätantike verfestigten Sprachmaterials aufzu-
zeigen, ohne daß damit im Einzelfall jeweils eine direkte Abhängigkeit
nachgewiesen werden soll. Vielmehr ist die Verwendung des klassischen
Sprachmaterials, wie es durch die Indices im Anhang erschlossen wird,
nicht zuletzt ein Ausdruck der produktiven Rezeption“, die man schon

lange als ein Charakteristikum der spätantiken Literatur gesehen hat.121
Ein weiteres Charakteristikum ist das Prinzip der variatio.122 Sie
zeigt sich inhaltlich-thematisch und sprachlich-formal. Beispiele für the-
matische variatio sind die verschiedenen Lagen der Villen (318–348), für
sprachliche die vierfache Benennung des Wassers und Flusses (190), die
sprachlichen Variationen des Phänomens Luft“ (V. 257 f.), die fünffache

Benennung des Meeres (V. 287–297), wobei echte Synonymität selten ist
(vgl. zu V. 237 f., 272). Auch der Wechsel des Beobachterstandpunkts
(vgl. S. 20) ist ein Zeichen der variatio. Neben der variatio finden sich
aber nicht selten Wortwiederholungen zur Intensivierung des Ausdrucks
(vgl. zu V. 55).
Auf einzelne Mittel dieses präziösen Stils wie Alliteration, Anapher,
Anastrophe, Chiasmus,123 Enallage, Epanalepse,124 Expolitio, Homoiop-
toton, Homoioteleuton, Litotes, Paradoxon, Pleonasmus,125 Polysyndeton
wird im Kommentar und im Index grammaticus hingewiesen. Regelmäßig
wie sonst im epischen Sprachgebrauch sind Hyperbata, auch vom Vers-
anfang zum Versende (vgl. zu V. 4). Auch diese Stilmittel dienen einer
Darstellungskunst, die mit der Mosella ein Glanzstück spätlateinischer

beschreibt die Technik des Ausonius so (S. 91 f.): a verbal echo – almost verbatim,

and never more than two or three words – is embedded in a matrix of less direct
echoes that are thematic in nature. In so doing Ausonius weaves an intricate web
in which competing genres are carefully combined and opposing treatments of the
same theme are delicately interwined.“
120 J.-L. Charlet, Philologus 132, 1988, 75 f. spricht treffend von der poetischen κοινή.
121 R. Herzog, HLL V 33.
122 Roberts [3.1.] 44–56.
123 Der Chiasmus gehört zum beliebtesten und regelmäßig wiederkehrenden Stilmittel
des Ausonius, sodaß sich eine Häufung der Belege erübrigt; eine besondere Her-
vorhebung des jeweiligen Ausdrucks (so etwa Consoli zum Periodenschluß V. 11)
muß damit nicht unbedingt verbunden sein. Vgl. zu V. 1 celerem.
124 Vgl. Cavarzere, Komm. S. 66 zu V. 26 und S. 107 zu V. 196 f.; vgl. zu V. 55.
125 Die Erweiterung des Verbum finitum durch ein prädikatives Partizip (V. 38) be-
spricht als typisch für Ausonius Cavarzere, Komm. S. 69.
26 Einleitung

Literatur geschaffen hat. Dabei erweist sich Ausonius als ein Meister der
Beschreibung (ἔκφρασις). Diese wurde im Rahmen der Progymnasmata
in den Rhetorenschulen geübt und lieferte Beispiele für Themen und
Texte. Ausonius ist natürlich mit ihnen als Schüler und Lehrer bestens
vertraut.126
Der Autor beschreibt aber nicht nur, er nimmt emotional an dem
Beobachteten Teil. Gleich beim ersten Anblick des Moseltals erinnert
ihn dieses an seine Heimat (V. 18), er grüßt die Mosel mit hymnischen
Worten (V. 23 ff.), begleitet die gebotenen Naturschauspiele mit Ausrufen
der Bewunderung und des Entzückens (V. 192 quis color ).127
Ein besonderes Mittel zur Veranschaulichung ist der Vergleich, und
Ausonius macht reichlich Gebrauch davon. Häufig dient der Vergleich
zur Nobilitierung der Mosel, ihrer Fauna und Flora und ihrer Kultur-
landschaft.128 Als einen Schlüssel zum Verständnis des Gedichts hat man
insbesondere den Vergleich V. 208–229 verstanden (Taylor [3.2.]). Beson-
ders größere Abschnitte werden gerne mit einem Vergleich abgeschlossen.
Diese Vergleiche können zu selbständigen Bildern ausgeformt werden
(V. 68–72, 230–239, 267–269). In diesen Bildern, die nicht selten The-
men der griechischen Mythologie aufgreifen, hat man das Nachwirken
alexandrinischer Dichtung erkannt (vgl. zu V. 136). Gelegentlich kann
aber auch ein einzelnes Wort einen Vergleich evozieren (V. 25 odorifer ;
V. 197 caudiceus). Dennoch greift es zu kurz, die Mosella allein als
rhetorisches Produkt zu bewerten,129 auch wenn man natürlich die
Beachtung rhetorischer Vorschriften beobachtet hat (vgl. zu V. 1–11).

126 Die Bedeutung der Rhetorik für die Literatur des 4. Jahrhunderts wurde vielfach
gewürdigt; vgl. die knappe Zusammenfassung und die methodischen Bemerkungen
von J.-L Charlet, Philologus 132, 1988, 74 f. Zu ἔκφρασις vgl. DNP s. v., aber oh-
ne Berücksichtigung des Ausonius; M. Schmale: Bilderreigen und Erzähllabyrinth,
Catulls Carmen 64, München/Leipzig 2004; R. Webb: Ekphrasis, imagination and
persuasion in ancient rhetorical theory and practice, Farnham u. a. 2010. Eine Ge-
samtdarstellung der ἔκφρασις in der spätlateinischen Literatur fehlt offensichtlich;
vgl. vorläufig Roberts [3.1.] 38 ff.
127 Die Präzision und Raffinesse der Naturschilderung wurde wiederholt gewürdigt;
vgl. Principato [3.1.] 416; Rudolf Alexander Schröder bei O. Seel, Römertum und
Latinität S. 512; Ders., Weltdichtung Roms S. 97 f., 411 ( Frische und Echtheit

der Empfindung . . . fröhliche Kraft der Wahrnehmung und Wiedergabe“).
128 Green, Kom. zu V. 202: Grandiose comparisions are often used to dignify the

everyday occurences which are central to the poem.“
129 So Hosius [3.2.] 199; Martin [3.2.] 244 und die Belege bei Roberts [3.1.] 1; dagegen
Green, ICS 14, 1989, 303 (die Mosella) owes little to rhetorical prescription“. Zur

literatur-ästhetischen Beurteilung der Mosella vgl. unten S. 47.
6. Interpretationsaspekte 27

6. Interpretationsaspekte

6.1. Quellen und literarische Vorbilder

Wie die Beobachtungen zum Sprachgebrauch in der Mosella zeigen,


ist Ausonius tief verwurzelt in der klassischen Literatur. Wenn auch
für die Mosella als solche kein literarisches Vorbild überliefert ist, so
fördert doch die Frage nach den Quellen“ eine Fülle von Szenen,

Motiven und Bildern der klassischen Literatur zutage, auf die Ausonius
130
entweder gezielt Bezug nimmt oder die dem Fundus rhetorisch-
literarischer Kompetenz angehören, die durch Studium und langjährige
Praxis erworben wurde. Die literarische Abhängigkeit der vorklassischen
und klassischen römischen Autoren von griechischen Vorbildern, die
in Übersetzung (interpretatio), Nachbildung (imitatio) und konkur-
rierender Eigenschöpfung (aemulatio) ihren Ausdruck findet,131 tritt
in der späteren lateinischen Literatur zurück gegenüber einer literari-
schen Abhängigkeit von den klassischen lateinischen Autoren. Gerade in
der Mosella ist diese Abhängigkeit in vielfacher Weise zu beobachten.
Sie reicht von der Übernahme fester Junkturen sowie vorgeprägter
Versanfänge und Versschlüsse bis zum wörtlichen Zitat (V. 450, 460) und
ist jeweils verschieden zu bewerten.132
Die Präsenz der lateinischen klassischen Autoren und die von Ausoni-
us bewußt oder unbewußt imitierten Aussagen zeigen das Stellenregister
und die Einzelnachweise im Kommentar. Sprachlich und thematisch
ist Vergil stets gegenwärtig. In jahrzehntelanger Lehrtätigkeit, in
deren Mitte die Vergilerklärung stand, hat Ausonius diesen Dichter
so verinnerlicht, daß ihm nicht nur seine Worte, sondern die gesamte

130 Nur insofern ist die Charakterisierung der Mosella als poesia allusiva“ durch

Posani [3.2.] 36 zutreffend.
131 Das Prinzip der aemulatio wurde vielfach beschrieben (vgl. A. Reiff: Interpretatio,
imitatio, aemulatio, Begriff und Vorstellung literarischer Abhängigkeit bei den
Römern, Diss. Köln 1959; A. Benedikt, DNP s. v. Intertextualität; P. Dräger, TZ
63, 2000, 313; Rücker [3.1.] 49–51).
132 Schon Pichon [3.1.] 154 f. forderte eine Unterscheidung der nachgewiesenen Par-
allelstellen, sie hat Posani [3.2.] systematisiert. Im Lichte der intertextuellen Lite-
raturtheorie bespricht die Technik der aemulatio in der Mosella Scafoglio, Tecnica
allusiva [3.2.]. Im übrigen gilt besonders für die spätlateinische Literatur die Be-
merkung Willy Schetters (Kaiserzeit und Spätantike, Stuttgart 1994, 318 Anm.
14): Die Zitierkunst ist einer der wichtigsten Aspekte der lateinischen Dichtung

und wird – da auf das Zusammenspiel des zitierenden Autores und des das Zi-
tat erkennenden Rezipienten zielend – durch das gängige Schlagwort imitatio nur
unzureichend erfaßt.“
28 Einleitung

Thematik seiner Werke zur Verfügung stehen.133 Aber auch Lukrez,


Horaz und Ovid gehören zum sprachlichen Fundus. Von den Au-
toren der frühen Kaiserzeit ist vor allem Statius sprachliches134
und thematisches135 Vorbild. Dazu kommen Lukan, Silius Italicus,
Valerius Flaccus und Martial. Während Vergil als der Dichter der
laudes Italiae ebenso wie Homer wenigstens indirekt genannt ist
(V. 374–380), wird keiner der durch die lange Kommentatorentradition
zur Mosella von den Erklärern erschlossenen Autoren (mit Ausnahme
Varros, s. u.) namentlich erwähnt.
Antiquarische und sachliche Informationen beruhen vielfach auf der
Naturgeschichte des Plinius, die Symmachus an Ausonius mit einem
Begleitschreiben (epist. 1, 24) übersandt hatte.136 Im Architektenkatalog
wird V. 306 Marcus (Terentius Varro Reatinus) als Referenzautor
genannt, der einzige in der Mosella namentlich erwähnte lateinische
Schriftsteller. Auch Vitruv kann als Quelle gedient haben, der in der
Spätantike vielfach benutzt wurde.137
Neben diese Quellen“ und Parallelen“, die dem Bildungshorizont
” ”
des Autors zuzurechnen sind, tritt gewichtig und unübersehbar die
Autopsie, die einem wachen, mit exzellenter Beobachtungsgabe begnade-
ten Dichter die Stoffe vermittelt, die er mit diagnostischem Scharfblick
und souveräner Sprachbeherrschung in seine Dichtung umsetzt.

6.2. Die Mosella im Kontext literarischer Gattungen

Die problematische Einordnung der Mosella in eine der traditionel-


len Gattungen hat zuletzt Cavarzere hervorgehoben.138 J.-L. Charlet
sieht in der Gattungsmischung einen Neo-Alexandrianismus“ und die

Mosella als ein Gedicht, das am besten den Geschmack der Zeit spie-

133 Er dürfte den Vergiltext (Cento p. 146, 8 f. Vergiliani carminis dignitatem) weit-
gehend auswendig beherrscht haben; die Abfassung seines Cento nennt er daher
solae memoriae negotium sparsa colligere (p. 146, 4, f.).
134 Vgl. die nur bei ihm belegten Wortformen (V. 276 Anthedonius) sowie charakte-
ristische Junkturen (V. 293 f. commercia linguae / iungere).
135 Kenney [3.2.] 195; Newlands [3.2.]; Consoli, RCCM 37, 1995, 128 f. u. a.
136 G. Seeck, Ed. MGH 6,1, Berlin 1883, 14 datiert den Brief post a. 369“, J. P.

Callu, Ed. Paris 1972, 88 après 370“, sodaß die Übersendung durchaus im Zu-

sammenhang mit der Arbeit an der Mosella stehen kann.
137 Zu den Hebdomaden Varros vgl. zuletzt M. R. Salzmann: The letters of Symma-
chus, Book 1, Atlanta 2011, S. lxiv, zu Vitruv in der Spätantike vgl. RE IX A
[1961] 462 und M. von Albrecht [3.1.] 699.
138 Arcadia [3.2. ] 161–170 und Komm. S. 7. Burnier [3.2.] 66 verweist auf die Verbin-
dung einzelner Teile mit verschiedenen Textsorten.
6. Interpretationsaspekte 29

gelt.139 Sieht man nur auf den Umfang von knapp 500 Versen, dann trifft
sicher die Bezeichnung Epyllion zu.140 Scafoglio nennt das Gedicht un

poemetto descrittivo-encomiastico“, womit er die Hauptinhalte treffend
erfaßt.141 Alle Versuche, die Mosella mit einer der traditionellen Gattun-
gen zu verbinden, bleiben nicht zuletzt deswegen unbefriedigend, weil das
Gedicht als ganzes mit keinem anderen Text der lateinischen Literatur
direkt vergleichbar ist.142 Die in der Mosella beobachteten Beziehungen
zu Gattungen bzw. Textsorten lassen sich, wie folgt, beschreiben:

6.2.1. Iter

Die einleitenden Verse 1–22 stehen in der Tradition der poetischen


Reisebeschreibung, in der lateinischen Literatur vertreten durch das Iter
Siculum des Lucilius, das Iter Brundisinum des Horaz (sat. 1, 5), den
Reisebrief des Ovid (trist. 1, 10), das Propemptikon des Statius (silv.
3, 2). Auch Caesar (Suet. Iul. 56, 6) und Laktanz (Hier. vir. ill. 80)
schrieben Reisegedichte.143
Der Dichter nimmt seinen Leser mit auf den Weg von Bingen bis
zu den Höhen des Moseltals oberhalb Neumagen, um ihm von dort aus
in einer Gesamtschau den Blick auf die Mosel werfen zu lassen, die
weiterhin der Gegenstand des Gedichts sein wird.144 Der kurze Abschnitt
entspricht auch den Charakteristika des Reisegedichts, die zuletzt Soler
zusammengefaßt hat: Schilderung in der 1. Person, Verben der Bewe-

139 Philologus 132, 1988, 77 f.; Fontaine [3.1.] 38 f.


140 Consolino [3.1.] 180. Das griechische Epyllion charakterisiert M. Fantuzzi, DNP
s. v. Epyllion (mit einer Aufzählung der griechischen Epyllia, die lateinische
Literatur ist nicht berücksichtigt) so: Die Einheit der Handlung wird eingehalten,

wobei indes nicht die Kontinuität des Verlaufs an erster Stelle steht, sondern die
Buntheit, die durch Betonung nebensächlicher Einzelheiten, durch unterbrechende
Schilderung der (vor allem ländlich-bukolischen) Umgebung, durch detaillierte
Beschreibungen (Ekphrasis) und andere Einschübe (Träume, Prophezeiungen
usw.), durch überraschende Neuanfänge und Schlüsse angestrebt wird.“ Daraus er-
gibt sich, daß die Charakterisierung der Mosella als Epyllion nur bedingt zutrifft.
Annette Bartels: Vergleichende Studien zur Erzählkunst des römischen Epyllion,
Göttingen 2004, 9 berücksichtigt die spätantiken Werke nicht, bei denen sie andere
Baugesetze vermutet. Eine Darstellung des spätantiken Materials fehlt.
141 WS 117, 2004, 151; vgl. Ders., AC 68, 1999, 267–274.
142 Schon hervorgehoben von Posani [3.2.] 68.
143 Hosius, Philologus 81, 1926, 192–201; Doblhofer I S. 33; Green, Komm. S. 459;
Soler [3.2.] 307–320.
144 Soler [3.2.] 308. Genau genommen endet die Reisebeschreibung schon mit V. 11,
sodaß die Einreihung der Mosella unter die Hodoeporica (Illuminati [2.1.] 45–79)
nur einen kleinen Teilaspekt erfaßt und daher von Posani [3.2.] 67, Green, ICS 14,
1989, 304 f., Cavarzere, Komm. S. 8 und Soler l. c. mit Recht zurückgewiesen wird.
30 Einleitung

gung, Aufzählung von Ortsnamen in kurzen Abständen, hinzu kommt


der unvermittelte Beginn (der sogar an den Verlust von Eingangsversen
denken ließ) und die Erwähnung unterschiedlicher Situationen (V. 8).
In der Tradition des Reisegedichts steht auch die Schilderung einzelner
bemerkenswerter, oft komischer oder burlesker Szenen mit Erlebnissen
des Reisenden. Während diese Episoden aber sonst (wie etwa bei Horaz
oder Rutilius Namantinus) chronologisch in den Reiseverlauf eingebun-
den sind, stellt Ausonius derartige Einzelszenen in neue thematische
Zusammenhänge und löst sie somit von den Eingangsversen und dem
Motiv des Iter ab.145

6.2.2. Katalog

Ein konstituierendes Element der Mosella sind fünf Kataloge: Fisch-


katalog (85–149), Katalog der Architekten (298–317), Katalog der Villen
(318–348), Katalog der Moselnebenflüsse (349–380), Katalog gallischer
Flüsse (461–483). Ausonius wählt damit eine literarische Form der
Aufzählung, die seit Homer zu den festen Elementen des Epos gehört.146
Die Aufzählung bedient sich teilweise des seit Homer beliebten Siebener-
Schemas, das aber sofort erweitert wird durch den Hinweis auf viele,

unzählige andere“ Objekte, die aufzuzählen das Vermögen des Dichters
nicht ausreicht oder die man nicht weiter erwähnt.147 Gleichzeitig
wird damit zum Ausdruck gebracht, daß die genannte Anzahl nur eine
Auswahl darstellt. Diese Feststellung paßt wiederum zu dem am Anfang
des Fischkatalogs (V. 77–84) formulierten Bescheidenheitstopos, in dem
sich der Dichter der Unterstützung einer Gottheit vergewissert, um die
Fülle des Stoffes zu bewältigen. Gemeinsam ist den Katalogen, daß sie
durch gleitende Übergänge (vgl. oben S. 22) in den Kontext eingebunden
sind.

145 Einzelszenen, wie man sie auch in einem Reisegedicht erwarten könnte, sind v. a.
V. 150–168 (Winzer, Treidler, Schiffer), V. 200–239 (Schifferspiele), V. 240–282
(Fischfang).
146 Die epischen Elemente der Mosella untersucht Scafoglio, WS 117, 2004, 150–172.
Frühe und klassische Belege der Katalogdichtung bespricht Chr. Reitz, DNP s. v.
Katalog, eine zusammenfassende Darstellung der spätantiken Katalogdichtung
fehlt offensichtlich, vgl. vorläufig Roberts [3.1.] 59–62 mit Lit.; kurze Übersichten
bei H. E. Wedeck: The Catalogue in Late and Medieval Latin Poetry, M&H 13,
1960, 3–16; Dräger, KTJ 37, 1997, 11–14; Aufzählung der Baumkataloge bei
Mandile [3.1.] 61 Anm. 21. Parallelen zur bildenden Kunst bespricht Hernández
Lobato (wie S. 22 Anm. 112).
147 Vgl. zu V. 77–81, 151, 298 f., 351, 372–374, 477 f. Über den im Griechischen seit
Hom. Il. 2, 488, im Lateinischen seit Verg. Aen. 6, 625 beliebten Unsagbarkeits-

topos“ vgl. Curtius 168; Kl. Thraede, JbAChr 4, 1961, 119; Taegert 117.
6. Interpretationsaspekte 31

6.2.3. Topographie und Chorographie

Aus der gewählten Thematik ergibt sich geradezu zwangsläufig die


Einbeziehung topographischer und chorographischer Elemente. Sie
reichen vom einzelnen, charakteristischen Attribut bis hin zur Entfaltung
einer Szenerie wie bei der Aufzählung der Nebenflüsse der Mosel und
der Flüsse Galliens, die jeweils individuell charakterisiert sind. Der
Autor durchschreitet, wie in der Einleitung V. 1–11, die beschriebene
Landschaft in bestimmte Richtungen oder er legt, wie in den Fluß-
katalogen, ein ordnendes Raster über die Objekte seiner Darstellung.
Inwieweit poetische chorographische Darstellungen wie die des Varro
Atacinus einen Einfluß ausübten,148 ist angesichts der Trümmerhaftigkeit
des Erhaltungszustandes dieser Dichtung nicht zu entscheiden.149 Die
Beschreibung eines Landes oder einer Landschaft kann grundsätzlich auch
mit dem Städtelob verglichen werden, das Ausonius selbst pflegte.150

6.2.4. Bukolik

Häufig hat man die Mosella als Eidyllion verstanden, kombiniert


mit dem eher äußerlichen Merkmal des Epyllions.151 Von daher wurden
Beziehungen zur griechischen und lateinischen Bukolik gesucht. Die
Schilderung der Natur und der in ihr agierenden einfachen Menschen
findet sich bereits in den homerischen Gleichnissen und gehört seit
Theokrit zu den Konstanten der bukolischen Dichtung.152 Dabei hat der
Anspruch, den Schöpfungen der Natur durch das Schaffen des Künstlers
gleichzukommen oder sie sogar zu übertreffen, in der antiken bildenden
Kunst wie in der Poesie eine lange Tradition, die sich von der Zeit
der griechischen Klassik bis in die Spätantike ungebrochen fortsetzt. In
diesem Prozeß hat sich aber das Verhältnis von Mensch und Natur von

148 Vermutet von M. von Albrecht [3.1.] 1049.


149 Vgl. RE V A [1914] 698–702; unsicherer Werktitel Chorographia.
150 Ordo urbium nobilium, verfaßt allerdings wohl erst nach seiner Rückkehr nach Bor-
deaux. Zur Chronologie vgl. Di Salvo [2.2.] 16–18. In den Kontext des Städtelobs
stellt die Mosella La Penna [3.1.] 735. Vgl. auch zu V. 31 und unten S. 33 (Land-
schaftsbeschreibung).
151 S. o. S. 29. L. Alfonsi, Aevum 16, 1942, 178 formulierte: A[usonio] fuse qui,

oltre e più che tutti gli altri generi, l’epillio e l’idillio, ovvero svolse nelle forme
dell’epillio un soggetto più proprio dell’idillio“; ähnlich Ternes, dazu Martin [3.2.]
238. Mandile [3.1.] 238 Anm. 4 spricht von den termini idillici“ des Gedichts. Zur

Verwendung des Begriffs in der antiken Literaturkritik vgl. M. Fantuzzi, DNP s. v.
Eidyllion.
152 Vgl. den Überblick in DNP s. v. Bukolik; B. Effe/G. Binder: Antike Hirtendich-
tung. Düsseldorf 2001. Vergleich mit Theokrit bei Cesareo [3.2.] 7 ff.
32 Einleitung

den Anfängen bis in die Spätantike deutlich gewandelt. Während in


archaischer und klassischer Zeit stets der Mensch im Vordergund stand
und Naturschilderungen wie die der Grotte der Kalypso (Hom. Od.
5, 63–74) eher als Beiwerk zu verstehen sind, treten derartige Schilderun-
gen allmählich als selbständig hervor. Das zeigt sich etwa bei Sophokles
im Chorlied des Oedipus auf Kolonos (668–719) mit dem Lobpreis des
attischen Landes. Darin sind, wie auch schon bei Homer, all die Elemente
vereinigt, die man in der Schilderung einer Ideallandschaft erwartet:
Prächtige Vegetation, reichlich fließendes Wasser, das Ganze belebt durch
eine Tierwelt und durch göttliche Wesen. Dieses Land gewährt Oedipus
Sicherheit und Unsterblichkeit.153
Ähnlich sieht Ausonius das Moselland; auch es ist als eine vielfach
belebte und fruchtbare Ideallandschaft dargestellt, aber im deutlichen
Unterschied zu dem griechischen Tragiker: Das Element der Naturschil-
derung ist detailreich verfeinert. Die Belebung mit göttlichen Wesen oder
das Empfinden, daß einem derartigen Ort etwas Göttliches anhaftet (Plat.
Phaedr. 230 BC und 238 D), wird nicht ohne ironische Distanz erwähnt,
die Erscheinung der Götter ist auf die Stunde des Pan beschränkt.154
Andererseits wird der Fluß selbst in die Nähe eines göttlichen Wesens
gerückt, sein Anblick wird wie eine Offenbarungsvision empfunden, seiner
Tiefe haftet Geheimnisvolles und Mystisches an, die Aussagen über ihn
sind hymnischen Aretalogien vergleichbar. Auch das Gefühl der Gebor-
genheit wird vermittelt: Die Spuren kriegerischer Auseinandersetzung
sind fern, Siegesnachrichten schließen jede Gefährdung aus, Wehrtürme
werden zu Kornkammern, selbst der Weg durch den dunklen Hunsrück
ist durch römische Präsenz am Beginn und Ende gesichert.
Bei der Frage, warum Ausonius zur Verherrlichung des neuen Italien“

den wiederholt als göttlich aufgefaßten Fluß wählt, darf man sicher
auf die gallische Herkunft und die Aquitanische Heimat des Dichters
verweisen. Nicht zufällig steht bereits V. 18 f. der Hinweis auf Bordeaux
und ist Garonna das letzte Wort des Gedichts. Zwar haben für den
Südländer seit jeher Wasser und Wasserläufe ihre besondere Bedeutung
und genießen kultische Verehrung, aber gerade bei den Stämmen Galliens
ist der Kult der Quellen und Flüsse besonders verbreitet. Auf dem Land

153 A. S. McDavitt: The Nightingale and the Olive. Remarks on the First Stasimon of
Oedipus Coloneus, in: R. Hanslik u. a. (Hrsgg.): Antidosis. Festschrift für Walther
Kraus zum 70. Geburtstag. Wien u. a. 1972, 227–237.
154 Vgl. zu V. 169–188. Kritisch über die Bewertung dieser Stelle als bukolisch“

W. Schmid, Tityrus Christianus, in: Kl. Garber (Hrsg.), Europäische Bukolik und
Georgik, Darmstadt 1976, S. 119, Nachträge Anm. 27 ( überhöhende mythologi-

sche Dekoration einer anmutigen Landschaft“).
6. Interpretationsaspekte 33

und in den Städten gab es unzählige Quellheiligtümer.155 Diese Affinität


zur Verehrung von Fluß und Quellgottheiten dürfte bei Ausonius von
Haus aus vorhanden sein. So verehrt er die Mosella, der das Land seine
Prosperität verdankt, durch die Opfergabe“ seines Gedichts (V. 444).

Das ist gleichzeitig sein Beitrag zur erfolgreichen Politik Valentinians.
Die reinen Naturschilderungen, die sich erst in der Spätantike finden
(RE XVI [1935] 1812), sind zu selbständigen Szenen ausgeweitet, wobei
nicht zuletzt auch der Einfluß der bildenden Kunst eine Rolle spielt.
Diese Szenen der Mosella gehören ohne Zweifel zu den eindrucksvollsten
Stücken spätantiker lateinischer Literatur. In ihnen zeigen sich neben
Reminiszenzen aus der klassischen Dichtung eine stark ausgeprägte eigene
Beobachtungsgabe156 und die Fähigkeit, diese Beobachtungen nicht nur
mit den Mitteln traditioneller Dichtersprache, sondern auch durch eigene
neue Formulierungen in Poesie umzusetzen.
Sucht man nach Vorbildern und Parallelen in der lateinischen
Literatur, dann wird man zunächst, wie schon im Sprachlichen, auf Vergil
verweisen, der mit vielfachen Motiven präsent ist. Die Beschreibung
der Kulturlandschaft und der in ihr Tätigen entspricht wohl auch einer
typisch römischen Haltung gegenüber der Natur, wie sie zuerst in Vergils
Georgica Ausdruck gefunden hat.157 Die Naturbeschreibungen stehen
aber auch in der Tradition der Silvae des Statius (Kenney [3.2.] 195 f.),
der die vom Menschen kultivierte Landschaft preist. Bei Ausonius sind
die Naturschilderungen aber nicht einzelne Idyllen, die als literarische Ka-
binettstückchen ihren Sinn in sich selbst finden, sondern sie sind, wie im
klassischen Epos und Lehrgedicht üblich, Elemente eines größeren Gan-
zen. Nur aus diesem umfassenden Blick erschließt sich das Verständnis
des Gedichts.158 Der Fluß, auf den alle Einzelszenen bezogen sind,
ermöglicht erst die kulturstiftenden Tätigkeiten seiner Anwohner. Daher

155 Vgl. zu V. 462, Einleitung S. 6 f., P. Gros: Gallia Narbonensis, Mainz 2008, 65–67.
156 Man könnte in diesem diagnostischen Blick“ ein Erbteil des Vaters vermuten;

vgl. S. 9 Anm. 42. Camille Aymonier [3.1.] 128 urteilt über die Mosella: Elle

témoigne une goût d’observation exacte, le même souci que dans les portraits,
d’imiter fidèlement la nature, en réaliste consciencieux“ und gibt ebenda eine Zu-
sammenfassung der von Ausonius dem Leser dargebotenen Naturbeobachtungen.
Il sait voir, faire voir, lignes, formes, mouvements et couleurs surtout.“ Beispie-

le sind V. 55–74 die Beschreibung des Grundes der Mosel oder V. 263–266 des
Atmungsvorgangs des Fisches.
157 Marsili, Komm. S. V.
158 Über die Kombination einzelner Stellen hinaus sieht man in der Mosella auch eine
Kombination verschiedener klassischer Grundpositionen. So urteilt Roberts [3.1.]
62 Ausonius’ Mosella is typical. It combines Horatian ethics with an Ovidian

awarenes of the fallibillity of appearances and a Statian fascination (in the Silvae)
with visual and architectural detail.“
34 Einleitung

haben sie, ihre Tätigkeiten und Hervorbringungen, gleiches Gewicht und


gleiche Bedeutung wie die Natur des Flusses selbst.159

6.2.5. Panegyrik

Seit Vergils Georgica werden bukolische Elemente mit dem Lob des
Landes, aber auch des Herrschers verknüpft. In der lateinischen Literatur
der Kaiserzeit setzt sich diese Tendenz zur Panegyrik fort: In den Eklogen
1, 4 und 7 des Calpurnius wird Nero verherrlicht.160 Da Ausonius selbst
keinen Zweifel daran läßt, daß er ein Preislied auf die Mosel verfaßt
(V. 390 tui praeconia), lag auch hier der Rückgriff auf Vergil nahe. Jener
hatte in seinen Georgica das Lob Italiens gesungen, und die Schilderung
der Mosellandschaft kann geradezu als Gegenentwurf zum Enkomion des
Augusteers gesehen werden.161
Ein Charakteristikum panegyrischer Texte ist zweifelsohne die Über-
höhung und Übersteigerung einer Aussage, die nicht selten als
Übertreibung gedeutet wird. Selbstverständlich lassen sich dafür in
der Mosella hinreichende Belege finden. Bei genauerem Zusehen zeigt
sich jedoch, daß der Autor dabei durchaus mit Augenmaß zu Werke
geht.162 In diesen Zusammenhang ist auch das Urteil des Symmachus zu
stellen (epist. 1, 14, 3; siehe Anhang S. 280 ff.) nequaquam tibi crederem
de Mosellae ortu ac meatu multa narranti, nisi certo scirem quod nec in
poemate mentiaris.163
Der Überhöhung des panegyrischen Textes dienen auch die hymni-
schen Elemente. Hymnische Partien sind insbesondere V. 23–54, 141 f.,
381–388, 469–483. Sie machen die Mosella zu einem canticum laudis.164

159 Nur bedingt zutreffend ist daher das Urteil von Newlands [3.2.] 404 ( he praises

nature for qualities that are independent of man and his works and are superior
to them“), zutreffender Green, ICS 14, 1989, 304 man is subordinated to the

landscape in which he lives and works“. Zur Darstellung des Wassers bei Ausonius
im Kontext der spätlateinischen Dichtung vgl. Mandile [3.1.] 35–39.
160 Als Lob gesellschaftlicher Instanzen (z. B. von Städten)“ definiert den Terminus

J. Dingel, DNP s. v. Panegyrik. Darunter läßt sich auch das Lob einer Landschaft
subsumieren.
161 Als Prototyp für die Mosella bezeichnet Kenney [3.2.] 191 die Georgica.
162 Vgl. z. B. zu V. 3 (Vergleich mit Cannae).
163 Sanchez Salor bei Lossau [3.1.] 144 schließt aus dieser Aussage auf den Verzicht
dichterischer Freiheiten bei Ausonius und kommt in Hinblick auf das Gesamtwerk
zu dem Ergebnis, daß er in Wahrheit mehr Rhetor als Dichter ist“. In Hinblick

auf die Mosella, die Sanchez Salor einleitend erwähnt, gilt dieses Urteil (ähnlich
A. Pastorino [2.1.] 113) aber offensichtlich nur beschränkt.
164 Nach der Definition von Isid. orig. 6, 19, 17; dazu J. Fontaine [3.2.] 439; G. La Bua:
L’inno nella letteratura latina, San Severo 1999; Marx 388 ff.; eingeschränkt von
Posani [3.2.] 68.
6. Interpretationsaspekte 35

Auch die immer wieder zu beobachtende Durchdringung von Realität


und Imagination steht im Dienst der panegyrischen Darstellung. Durch
sie wird die reale Aussage überhöht, mystifiziert und verklärt.165 Sie
zeigt sich inhaltlich bereits in der Eingangsszene, in der das Itinerar
des realen Straßenverlaufs mit literarischen Reminiszenzen an den Gang
des Aeneas durch die Unterwelt bis ins Elysium verbunden ist. Sie zeigt
sich weiterhin in der unklaren Bestimmung der Jahreszeiten (V. 1, 167,
203), im Verhältnis von idealisiertem Moseltal und dem Ausblenden
möglicher Schäden früherer Invasionen, aber auch im fortwährenden
Wechsel des Beobachtungsstandpunktes (s. o. S. 22): Der Leser befindet
sich eingangs auf der Heerstraße durch den Hunsrück, dann steht er auf
einer Anhöhe über dem Moseltal, der Hymnus ab V. 23 reflektiert die
optischen Eindrücke unmittelbar vom Flußufer aus; ähnlich V. 196–199.
Alle Fragen der gattungsmäßigen Zuordnung und der poetischen Ab-
sicht des Gedichts ergeben sich aus dieser permanenten Durchdringung
von Realität und Imagination, aus einer Spannung zwischen Ideal und
Wirklichkeit.166 Einbezogen in diese Spannung sind auch die typologi-
schen Denkformen, die in der Mosella auftreten: Valentinian erschließt
als neuer Alexander bislang unbekannte Regionen (V. 424) und sichert
den Rhein als verus limes in Erfüllung Vergilischer Prophetie (V. 437).167

6.3. Die Mosella als Dokument imperialen Selbstverständnisses

Die Analyse des Gedichts in Hinblick auf verschiedene Gattungen


führte in der Forschung auch hinsichtlich der Gesamtthematik und In-
tention zu den unterschiedlichsten Bewertungen. Zwischen den Extremen
literarisches Kabinettstückchen“, das keine Spur einer tieferen und
” ”
schon gar keiner politischen Absicht an sich hat“,168 und Auftrags-

165 Deshalb ist auch die Frage nach Realität o d e r Fiktion falsch gestellt. Was zuletzt
Rücker ([3.1.] 41 ff. mit Lit.) für den Briefwechsel zwischen Ausonius und Paulinus
gezeigt hat, gilt auch für die Mosella: Selbstverständlich ist der Ich-Sprecher“

ein poetisches Ich“, das verschiedene Rollen annimmt, d. h. die des Reisenden

von Bingen nach Trier, des Beobachters der Landschaft und seiner Bewohner, des
Zeugen mittäglichen Treibens in der Stunde des Pan oder des wissenden Vates,
der die Geheimnisse der Mosel kennt.
166 H. Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 304.
167 Den Begriff der Typologie hat Friedrich Ohly klar definiert: Bei der Typologie

kehrt ein Geschehen der Alten Zeit in einem Geschehen der Neuen Zeit wieder,
und zwar in gesteigerter Spiegelung“ (Fr. Ohly: Halbbiblische und außerbiblische
Typologie, in: Ders.: Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung, Darm-
stadt 1977, 364).
168 Schröder [3.2.] 90. Andere Autoren betonten den Widerspruch zwischen der Dar-
stellung bei Ausonius und der historischen Realität, die unübersehbar Spuren
36 Einleitung

werk“ 169 schwankt die Beurteilung, wobei allerdings in jüngster Zeit der
politische Hintergrund des Gedichts immer deutlicher wurde.170 Dabei
wurde, über die Tendenz einer Verherrlichung Valentinians I. und seiner
Regierung hinausgehend, die Mosella als politisches Gedicht im Dienste
der Germanenpolitik des Kaisers verstanden.171 Daneben steht die
Deutung, die Mosella beschreibe den Eindruck, den die Landschaft auf
den Dichter bei seiner Rückkehr aus dem Germanenfeldzug Valentinians
machte,172 oder die dezidierte Aussage von Green the work is surpris-

ingly free of political allusion and propaganda“ 173 . Er stellt sich damit
in die Tradition von Interpreten, welche eine politische und höfische“

Haltung des Ausonius offensichtlich als dem Gedicht unangemessen
beurteilten.174
Zweifellos stellt das Lob des Mosellandes, gerade auch im Rückgriff
auf die laudes Italiae Vergils, die idealisierte Schilderung einer in
Harmonie von Mensch und Natur befindlichen, durch eine erfolgreiche
kaiserliche Politik gesicherten Welt dar. Schon die ersten Verse thema-
tisieren römische imperiale Macht in Vergangenheit und Gegenwart:
Monumente römischer Herrschaft, wie sie die neuen Mauern der Städte
darstellen (V. 2), sind Ausdruck für die Sicherheit des Landes, durch die
auch Ansiedlungen dort möglich sind, wo es bisher keine menschliche
Siedlungstätigkeit gab. Diese heile Welt entfaltet sich in einer Art
Triptychon: Im Zentrum steht der Teil des Imperiums, der durch die
Hauptstadt Trier einen neuen Mittelpunkt gefunden hat, von dem aus der

der Verwüstung und des Niedergangs trage (Ternes, Paysage [3.2.] 395; danach
Szelest, Tendenz [3.2.] 100; Galand-Hallyn 334). Dagegen sieht Martin [3.2.] in der
Mosella die politische Vision des Dichters; vgl. Mondin, Ed. Epist. XXIII Anm.
34; Cavarzere, Arcadia [3.2.] 167.
169 Erwogen von Marx, RE II (1896) 2564 und Hosius, Komm. S. 6 f.; dezidiert behaup-
tet von Paschoud [3.1.] 26 sans doute une commande de l’empereur“; entschieden

dagegen Martin [3.2.] 240; vgl. zu V. 469 f.
170 Einen knappen Überblick gibt Scafoglio, WS 117, 2004, 151 Anm. 2.
171 Chadwick [3.1.] 51 the purpose of the poem was to inspire the Gauls with con-

fidence in the renewed peace and security“; Kenney [3.2.] 190 It was clearly

intended as propaganda“, nämlich die Schaffung einer Kulturlandschaft durch die
römische Herrschaft darzustellen; vgl. Ternes, Komm. S. 6, danach Szelest, Ten-
denz [3.2.] 102, die auch vermutet, das Gedicht habe den Zweck, die italienische“

[sic!] und römische Bevölkerung zur Umsiedlung in das Gebiet an der Mosel auf-

zumuntern“; mit Recht zurückgewiesen von Martin [3.2.] 242. Ob man andererseits
aus der Mosella Vorbehalte des Ausonius gegenüber einer aggressiven transrhena-
nischen imperialen Politik herauslesen darf (Roberts [3.2.] 352 = 262), erscheint
höchst fraglich.
172 Gagliardi [3.1.], Martin [3.2.], vgl. Galand-Hallyn 335
173 ICS 14, 1989, 304.
174 Hosius, Philologus 81, 1926, 192 f.; Posani [3.2.] 45. Kritisch zu einer politischen

Programmatik“ der Mosella auch Liebermann, HLL 305.
6. Interpretationsaspekte 37

Kaiser seine Politik zum Segen des Landes verwirklichen kann.175 Diese
Situation gewinnt Profil einerseits im Vergleich mit anderen Teilen des
Imperiums (Italien, Griechenland und Kleinasien, Rom, Konstantinopel,
Britannien, Ägypten), andererseits im Vergleich mit der Heimat des
Dichters. Das zeigt sich bereits beim ersten Anblick des Moseltals mit der
literarischen Reminiszenz an die Vergilische Beschreibung des Elysiums
und mit der realen Erinnerung an die Heimat. Ausonius, der in anderen
Werken (Parentalia, Commemoratio professorum Burdigalensium, Ordo
urbium nobilium) seine Verbundenheit mit Südgallien, insbesondere mit
Aquitanien und seine Herkunft von dort immer wieder zum Ausdruck
gebracht hat, nimmt auch die Mosella zum Anlaß, auf seine Heimat
hinzuweisen und sie panegyrisch aufzuwerten. Die an den entsprechenden
Stellen eingefügten Vergleiche sind nicht nur Reminiszenzen an klassische
Formulierungen, sondern sie sind das gelehrte Mittel, diese Sichtweise
zu verdeutlichen.176 Vergleiche, Reminiszenzen an den Mythos (Venus
und Bacchus, Glaucus, Hero und Leander, Daidalos, Aeneas) oder geo-
graphisch bestimmte Zitate177 bringen vom Moselland aus gesehen das
ganze Imperium in den Blick, das offenbar noch als Einheit verstanden
wird.178 Auch in den Szenen, die auf den ersten Blick keinen Bezug zur
politischen Absicht des Gedichts haben, ist diese doch durch Vergleiche
oder sprachliche Anklänge stets präsent.179
Andererseits steht der bewußte Rückgriff auf die klassischen Vorbilder
im Dienste einer geistig-literarischen Erneuerung, die im 4. Jahrhundert
nicht nur die christliche Dichtung, sondern, wie in der Mosella und
bei Claudian, auch die profane prägte. Wie Vergil zum Künder der
Roma aeterna wurde, die in der Augusteischen Politik und Kultur ihren

175 Treffend urteilt Della Corte, Storia [3.1.] 70 f.: la Mosella vuol essere un elogio di

quel fiume e di quelle terre, ove l’imperatore ha collocato la capitale dell’impero,
proprio sul confine romano, valorosamente difeso contro i Germani. Mentre Costan-
tino, portando la capitale a Bisanzio avveva tratto laggiù, nelle terre di Oriente, la
nobilità e quantità volessero far carriera, Valentiniano aveva impostato su Treviri
la sua nuova politica in funzione renana. Qui i figli dei grandi signori avrebbero
trovato un’educazione degna di Quintiliano, qui ville sul meraviglioso paesaggio
fluviale, qui l’attrativa della pesca, del nuoto, delle regate era un richiamo sportivo
per quanti volessero passare salubremente la loro giornata“.
176 Diese Bezüge verkennt offensichtlich Posani [3.2.] 43 f.
177 Über die Vergleiche mit dem Tiber vgl. zu V. 21 f.; V. 68–74 Britannien; V. 144–
147 Wal im Atlantik; V. 157–162 Weinberge in Griechenland und an der Garonne;
V. 208–219 Schiffskämpfe; V. 276–282 Ägäis (Glaucus); V. 368 Saar/Nil, usw.
178 A. Papst, Divisio [3.1.] 220.
179 Vgl. zu V. 27 Clitumnus, 53 Lacus Nemorensis; 197 caudiceus. Die Schifferspiele
(V. 200–239) konnte Ausonius aufgrund der Beobachtung lokaler Traditionen schil-
dern, gleichzeitig aber durch epische Bezüge aufwerten (Scafoglio, WS 117, 2004,
158). Anders Martin [3.2.] 242, der aber auch die politische Bedeutung der Mosella
würdigt.
38 Einleitung

sichtbaren Ausdruck gefunden hat, so wird Ausonius durch seine Mosella


zum Künder Valentinianischer Friedenspolitik.
Im vorliegenden Kommentar wird die Mosella im Kontext des
politischen und kulturellen Zeitgeschehens interpretiert, verstanden als
ein hochartifizielles Dokument der kurzen Blütezeit unter der Regierung
Valentinians und Gratians, der sich gerade Ausonius auch als Amtsträger
eng verbunden fühlte. Panegyrik und die damit verbundene Propaganda
sind Charakteristika der Zeit und prägen nicht nur die sichtbaren
öffentlichen und privaten Denkmäler, sondern ebenso die Literatur
und die Literaten. Somit fügt sich die Mosella in die Tendenz der
konstantinisch-theodosianischen Zeit, die vom Gedanken einer renovatio
imperii beherrscht war.180 Eine derartige Vorstellung kommt nicht
ohne Idealisierung aus, und auf diesen Punkt in der Darstellung des
Mosellandes wurde immer wieder hingewiesen. Ausonius steht damit
wiederum in der Tradition Vergils und seiner geistigen Landschaft“

Arkadien.181
Die Darstellung der unter der Regierung Valentinians, des dynasti-
schen Nachfolgers Konstantins (vgl. zu V. 11), erblühten Ideallandschaft
an der Mosel kann vielleicht auch als eine Art Fürstenspiegel für
Gratian verstanden werden.182 In Hinblick auf die Rolle des Ausonius
als Erzieher Gratians darf man auch an einen pädagogischen Aspekt der
Mosella denken: Dem jungen Augustus wird das vom Vater geschaffene
Friedenswerk vor Augen gestellt, das es zu erhalten und zu mehren gilt.
Ausonius konnte sich damit identifizieren.

7. Rezeption der Mosella in Spätantike und Mittelalter


Erste Hinweise auf die Rezeption der Mosella finden sich bei Symmachus.
In epist. 1, 14 (Anhang S. 280 ff.) nimmt er direkt auf verschiedene Stellen
der Mosella Bezug und konfrontiert dabei seinen eigenen Eindruck
(§ 3 novi ego istum fluvium) mit der enkomiastischen Schilderung des
Ausonius. Sivan [3.1.] 113 sieht außerdem in der Anspielung auf den
durch den Kaiser wiederhergestellten Frieden in Symm. or. 1, 14 ff. ein

180 Fontaine, Unité [3.1.] 435; Soler [3.2.] 313); J.-L. Charlet, Philologus 132, 1988,
79 spricht von cultural and political triumphalism“ und findet in diesem Ton ein

Charakteristikum spätantiker Literaturwerke. Einen nostalgischen Grundzug sieht
Posani [3.2.] 68 in dem Gedicht.
181 Cavarzere, Arcadia [3.2.] 168–170, der auf den klassischen Aufsatz von Bruno Snell,
Arkadien, die Entdeckung einer geistigen Landschaft, AuA 1, 1945, 26–41 = Ders.:
Die Entdeckung des Geistes, Göttingen 4 1975, 257–274 verweist.
182 Zu einer vergleichbaren Situation im Verhältnis von Maximian und Maxentius vgl.
Paneg. 10 [2] 13 f., dazu Leppin/Ziemssen, Maxentius [3.1.] S. 41.
7. Rezeption der Mosella in Spätantike und Mittelalter 39

mögliches Echo auf das Moselgedicht und zieht daraus Folgerungen auf
die Entstehungszeit. Da aber die genaue Datierung der Rede nicht ge-
sichert ist (vgl. Pabst, Ed. S. 137), sondern nur ungefähr auf 368/369
festgelegt werden kann, sind Schlüsse daraus auf die Abfassungszeit der
Mosella mit einem gewissen Unsicherheitsfaktor behaftet. Dazu kommt,
daß in der Rede des Symmachus das Trierer Land ganz anders als in
der Mosella dargestellt wird.183 Eher ist die Mosella wie ein Korrek-
tiv dieser aus stadtrömischer Optik gegebenen Darstellung des Landes
zu verstehen und in der, ganz anders als bei Ausonius, die traditio-
nelle Topik der Beschreibung nordischer Barbarenländer vorliegt.184
Keine Anhaltspunkte gibt es für eine Revision des Textes in den un-
mittelbar folgenden Jahren.185 Dagegen ist eine partielle Ergänzung des
Textes nach 379 nicht auszuschließen; vgl. S. 18.
Die chronologisch nächsten Hinweise auf eine Benutzung der Mosella
findet sich im Werk des Meropius Pontius Paulinus, des nachmaligen
Bischofs von Nola in Kampanien. Paulinus, geboren nach 350 und in
Bordeaux aufgewachsen, fand schon in frühen Jahren durch Vermittlung
der Väter (Auson. epist. 24, 8 f.) den Kontakt zu Ausonius. Er gehörte zur
Senatsaristokratie, die ausgedehnten Grundbesitz in Gallien, Spanien und
Italien besaß. Auch nach dem Weggang des Ausonius von Bordeaux blieb
das freundschaftliche Lehrer-Schüler-Verhältnis bestehen. Er dürfte das
Gedicht gekannt haben, bevor er sich um 393 nach Nola zurückzog, wo
er 431 starb.186 Auch bei Paulinus dürfte die Mehrzahl der vermeint-
lichen Entlehnungen dem traditionellen Fundus der lateinischen Dichter-
sprache entstammen, der beiden zur Verfügung stand. Dennoch wur-
den immer wieder einzelne Formulierungen bei Paulinus auf die Mosella
zurückgeführt.187

183 Symm. or. 1, 15 (zitiert S. 5 Anm. 20) und 1, 16 ubi caelo et terris horror aequalis
est, sub crassa nube iugi frigore feroci hoste latissima vastitate.
184 Literatur zu dieser Topik z. B. bei Wolters, Klio 85, 2003, S. 145 Anm. 64.
185 Vermutet von Sivan AJPh 111, 1990, 383–394 (394 towards the end of Valentini-

an’s reign“), zurückgewiesen von Scafoglio, WS 117, 2004, 165 Anm. 23.
186 Zum Einfluß des Ausonius auf Paulinus vgl. H. Junod-Ammerbauer: Les construc-
tions de Nole et l’esthétique de saint Paulin, REAug 24, 1978, 49 f.; K. Kohlwes:
Christliche Dichtung und stilistische Form bei Paulinus von Nola, Bonn 1979,
14–33; Mondin, Ed. Epist. S. XXXI f. und 108 f.
187 Eine erste Zusammenstellung vergleichbarer Formulierungen bot Mirmont 1892,
192–200. Roberts [3.1.] 134 bemerkt zu Paul. Nol. carm. 14, 98–103 the alter-

nation between systems of enumeration and parallelism (98–101) and antithesis
and paradox (101–3) is reminiscent of Ausonius’ description of a dying fish in the
Mosella 259–66“. Paul. Nol. carm. 10, 240 f. (an Ausonius) verwendet die gleiche
Junktur nitentem / Burdigalam mit gleicher Stellung im Vers und zitiert damit
die Mosella (V. 18 f.). Weitere Einzelnachweise im Kommentar zu V. 9, 14, 20.
40 Einleitung

Prudentius, 348 vermutlich in Calagurris geboren, wirkte 384–404 am


Kaiserhof in Mailand. Charlet [3.2.] hat zahlreiche Parallelen zwischen den
Werken des Ausonius und des Prudentius nachgewiesen. Die Imitationen
aus der Mosella sind im Kommentar erwähnt. Nicht wenige vergleichba-
re Junkturen beruhen aber wiederum darauf, daß beide Dichter souverän
aus dem Repertoire der lateinische Dichtersprache schöpften. Darauf hat
Charlet, der auch diese Übereinstimmungen nennt (165–195), einleitend
hingewiesen. Ähnlich verhält es sich mit den im Kommentar genannten
Parallelen zu Claudianus, Rutilius Namatianus, Sidonius Apollinaris und
Venantius Fortunatus.188
Ermenrich von Ellwangen (um 814–874) schrieb um 854 in den Gedich-
ten, die er einem Brief an Grimald, Abt von St. Gallen, beilegte, Stellen
der Mosella aus (Nachweise im Kommentar). Ihm ist der Text aus den Bi-
bliotheken von Reichenau und St. Gallen bekannt. Die in dem Brief doku-
mentierte Gelehrsamkeit bezeugt die Zugehörigkeit des Ausonius-Textes
zum Bildungsniveau der Reichenauer und St. Gallener Klosterschulen.189
Weiterhin wird die Mosella erwähnt vom Verfasser der Gesta Treviren-
sium, der im Kloster St. Eucharius in Trier lebte. Der Autor hat seinen
Bericht über ein schwebendes Merkur-Bild in Trier offensichtlich der Mo-
sella (V. 311–317) entnommen.190 Weitere Spuren der Mosella sind im
Mittelalter bislang nicht nachgewiesen.

188 Die Ausgaben beschränken sich in der Regel auf die Nennung einzelner Paral-

lelstellen“. Die schon von Mirmont 1892, 176 f. vermuteten Bezüge zu Alcimus
Avitus, Paulinus von Périgueux u. a. wiederholt, ohne Einzelnachweise, B. Selter,
DNP Suppl. 7, 2010, 167. Eine zusammenfassende Darstellung über den Einfluß der
verschiedenartigen Werke des Ausonius auf die spätlateinische Literatur fehlt; vgl.
Liebermann, HLL 306. Pauschal urteilt M. von Albrecht 1053: Sein entspanntes

Geplauder gibt in mancher Hinsicht im spätantiken Gallien den Ton an.“
189 Über Ermenrich von Ellwangen vgl. H. E. Bonnell, Philologus 8, 1853, 440–444; M.
Haupt, Opuscula III 358; Manitius I 307 und 493–499; H. Löwe, LexMA III 2157;
Ermenrich d’Ellwangen: Lettre à Grimald. Texte latin édité, traduit, annoté et in-
troduit par Monique Goullet, Paris 2008. Eine Kenntnis der Mosella bei Walahfrid
Strabo, dem gelehrten Abt der Reichenau und Lehrer Ermenrichs (LexMA VIII
1937–1938), ist zu vermuten; vgl. zu V. 13, 125, 144. Mögliche Bezüge zu Paulus
Diaconus (LexMA VI 1825–1826), Ermoldus Nigellus (LexMA III 2160–2161) und
anderen karolingischen Dichtern sammelte Mirmont 1892, 181–191, wiederholt von
B. Selter, DNP Suppl. 7, 2010, 167.
190 MGH SS VIII 146, 12 ff. Audi praeterea quod mireris: Treberis est civitas Gal-
liae nobilis, ubi Senetio quidam, cuius hospicio usus sum per 12 dies, in subur-
bio civitatis ferream imaginem Mercurii volantis magni ponderis ostendit in aere
pendentem. Erat autem magnes, ut hospes idem michi ostendit, supra in fornice
itemque in pavimento, quorum naturalis vis e regione sua [sibi ferrum ascivit,
sicque] ferrum ingens quasi dubitans in aere remansit.
8. Die handschriftliche Überlieferung der Mosella 41

8. Die handschriftliche Überlieferung der Mosella


Keine der mehr oder weniger eng zusammenhängenden Handschrif-
tengruppen enthält alle überlieferten Werke des Ausonius. Das Verhältnis
der einzelnen Handschriften zu einander bildet eines der verwickeltsten
Probleme der lateinischen Textüberlieferung. Das hat zu verschiedenen
Lösungen geführt, die in den letzten Jahren eindringlich diskutiert
wurden. Je nach Bewertung der Übereinstimmungen und Divergenzen
sowie der Überlieferungsgeschichte wird eine zwei-, drei- oder viergeteilte
Überlieferung angenommen, die auf eine oder mehrere Ausgaben (des
Autors selbst oder postum zusammengestellt) zurückgeführt wird. All-
gemein anerkannt ist die Tatsache, daß Überschriften und Begleitbriefe
zunächst auf Einzelpublikationen durch den Autor schließen lassen.191
Auch die Mosella dürfte zunächst als eine solche Einzelpublikation am
Hofe Valentinians, aber auch in Rom in Abschriften kursiert sein. Das
ergibt sich aus dem Zeugnis des Symmachus epist. 1, 14, 2 volitat tuus
Mosella per manus sinusque multorum divinis a te versibus consecratus.
Nach dem Konsulat des Ausonius (379) und noch vor Gratians Tod (383)
erschien eine erste Gesamtausgabe der Opuscula. Da aber die Mosella
wohl als eigene Publikation vorlag, wurde sie nicht in diese Sammlung der
Werke aufgenommen. Ob sie überhaupt in eine oder mehrere Ausgaben
des Autors selbst oder postum übernommen wurde, ist ungeklärt. Unsi-
cher ist auch, ob die überlieferte Fassung die ursprüngliche ist (vgl. oben
S. 18). Die Mosella ist nur innerhalb der Handschriftenfamilie Y (Peiper; y
HLL, B Prete), der sog. Excerpta,192 überliefert, die vermutlich auf einen
Codex Bobiensis zurückgeht, ihren Ursprung aber auch auf der Reichenau
oder in St. Gallen gehabt haben kann. Ein schon früh daraus verselbstän-
digter Block (y2 ; vgl. HLL S. 271) enthält die Mosella. Ältester Zeuge für
den im Bodenseeraum und von da aus in Deutschland verbreiteten Text ist
der Sangallensis 899 (G) aus dem 10. Jahrhundert. Er bietet den besseren,

191 Die Überlieferung wird diskutiert von Schenkl XXI–LII; Peiper LI–LVIII;
Mirmont 1889, IX–XXI; Marsili IX–XIII; Prete XLII–XLIII; Creighton [2.1.]; Ree-
ve [3.2.]; Della Corte [3.1.] 1956/57, 118–122; Della Corte [3.2.] 1991; Green,
Komm. xli–xlix; Liebermann, HLL S. 270–277; Alvar Ezquerra, Ed. I 156–160;
Leonori [3.2.]; Cavarzere, Komm. S. 18–23; Scafoglio,Vichiana 4. ser. 4, 2002, 211–
238; Rücker [3.1.] 150–154; vgl. die Übersichten bei Gruber, Plekos 7, 2005, 103–
105 und Gymn. 113, 2006, 360 f. sowie bei Tschäpe [3.1.].
192 Entsprechend dem titulus in B und G incipiunt excerpta de opusculis Decimi
Magni Ausonii. Verzeichnis der Handschriften siehe unten S. 50 f.
42 Einleitung

aber nicht fehlerfreien Text.193 Außerdem enthält G den Symmachusbrief


1, 31, die Caesares, die Eclogen 21, 22, 17 und 20 sowie epigr. 76. Auf
den gleichen Hyparchetypus geht der Vaticanus Reginensis 1650 (V=X)
zurück, geschrieben im 10. Janrhundert in der Gegend von Soisson (er
bricht mit V. 180 ab). Gleichen Inhalt wie G, aber nur Ecloge 17 und
epigr. 1, bietet der Bruxellensis 5369/73 (B) aus dem frühen 11. Jahr-
hundert194 . Zusammen mit dem Rhenaugensis 42 (R) und dem Maglia-
becchianus I 6, 29 (s. u.) vertritt er gegen G und V=X einen eigenen
Zweig der Überlieferung. Gemeinsame Fehler zeigen der Harleianus 2578
(F) und der Laurentianus 51, 13 (L), die beide Kopien des Maglia-
becchianus I 6, 29 (Florenz) sind. Der die Mosella enthaltende Teil dieser
Handschrift ist heute verloren.195 Einen weiteren Überlieferungsstrang
vertritt eine Sammelhandschrift des 12. Jahrhunderts, die in den beiden
Pariser Handschriften Par. Lat. 15086 und 6739 nur teilweise erhalten
ist; sie haben Eingang in die Pariser Ausgabe von 1511 gefunden.196

9. Forschungsgeschichte, Würdigung

Die Editio princeps der Werke des Ausonius von Bartholomaeus


Girardinus (Venedig 1472) enthielt noch nicht die Mosella. Sie wird
zuerst in der Ausgabe von Thadaeus Ugoletus (Parma 1499 und 1501)
gedruckt.197 Im Celtis-Kreis entstand eine Abschrift des Symmachus-
Briefes (1, 14) und der Mosella.198 Von 1567 an arbeiteten Elie Vinet
(1509–1587), seit 1539 Professor am Collège de Guyenne in Bordeaux,
ebenso wie sein Schüler Joseph Justus Scaliger (1540–1609), an einer
kommentierten Gesamtausgabe des Ausonius. Scaliger hielt sich von
1552 bis 1555 am Collège auf. Mit Widmungsbrief vom 29. August 1573
widmete Scaliger seine Ausoniarum lectionum libri duo seinem Lehrer
Vinet.199 1575 erschien in Lyon Scaligers Ausgabe [2.1.]; für die Erklä-

193 Vgl. die Zusammenstellung bei Cavarzere, Komm. S. 22 und die ausführliche Dis-
kussion der Varianten zwischen G und den anderen Handschriften bei Scafoglio,
Vichiana 4. ser. 4, 2002, 219–222. Die gemeinsamen Korruptelen aller Handschrif-
ten, die auf eine gemeinsame Abhängigkeit von einem Archetypus hinweisen, listet
Scafoglio l. c. S. 217 Anm. 9 auf.
194 Vgl. die Übersicht bei Creighton [2.1.] 13 f.
195 Stemmata bei Creighton [2.1.] 111 und Scafoglio, Vichiana 4. ser. 4, 2002, 224.
196 Desgraves [1.] Nr. 15; Cavarzere, Komm. S. 21.
197 Die Ausgaben beschreibt Creighton [2.1.] 115–135; vgl. Mirmont 1889, XXIII–
XXIX; Desgraves [1.] Nr. 1 und 6.
198 Codex Vindobonnensis 114; H. Hunger u. a. (Hrsgg): Die Textüberlieferung der
antiken Literatur und der Bibel, München 1975, Abb. 46; Creighton [2.1.] 91–93.
199 Zu den Einzelheiten der verschiedenen Drucke vgl. Mirmont 1889, LXXXIII–XC
und CXXIII–CLXIV sowie die beiden Beiträge von Desgraves [3.2.].
9. Forschungsgeschichte, Würdigung 43

rung der Ortsnamen in der Mosella benützte er Inschriften, die er auf


Reisen kopiert hatte.200
Beatus Rhenanus zitiert in seinen Rerum Germanicarum libri tres
von 1531 die Mosella mehrfach (vgl. zu V. 8, 416 f., 421–424). Er besaß
die Ausgabe des Avantius von 1507 [2.1.], die er mit Randbemerkungen
versah.201 Marquard Freher (1565–1614), seit 1596 Professor der Rechte
in Heidelberg und Kurfürstlicher Rat, verfaßte einen v. a. historisch orien-
tierten Kommentar zur Mosella, der postum 1619 bei Gotthard Voegelin
in Heidelberg erschien. Entsprechend seinen antiquarisch-historischen
Interessen bemüht sich Freher v. a. um topographische und historische
Erklärungen. Bei philologisch-textkritischen Problemen bezieht er sich
besonders auf Scaliger.202 Die Erklärungen Vinets und Scaligers ebenso
wie die Frehers und anderer hat Jacob Tollius (1630–1696) in seine
Ausgabe von 1669 übernommen.203 Die Editio Bipontina von 1785
enthält die Vita Joseph Scaligers, eine Notitia literaria sowie die Briefe
an Ausonius.204
Imitationen in Naturbeschreibungen britischer Dichter, besonders
John Denham (1615–1669), Henry Vaugham (1622–1695), John Gay
(1685–1732), Alexander Pope (1688–1744) und Edward FitzGerald
(1809–1883) erwähnt B. Selter, DNP Suppl. 7, 2010, 168 f.
Die ersten Versuche, die Mosella ins Deutsche zu übersetzen, finden
sich – natürlicherweise – bei Mosellaner Gelehrten.205 Johann Heinrich
Röhde aus Traben-Trarbach (1734–1795), evangelischer Pfarrer und
Gymnasiallehrer daselbst und Mitglied der Sponheimischen Gelehrten-
Gesellschaft, übersandte am 13. 4. 1772 seine Mosella-Übersetzung
( eine deutsche Ausonianische Mosel“) an Georg Heinrich Stork in

Kastellaun, den Vorsitzenden der Gesellschaft, zur Verbesserung und
Veröffentlichung.206 Publiziert wurden aber lediglich die Verse 318–330;
200 A. Crafton: Joseph Scaliger, A study in the History of Classical Scholarship I,
Oxford 1983, 131; J. Ijsewijn: De Iulio Caesare Scaligero Ausonii Indice, in: De
Ausonio, poeta celeberrimo, Gratiani Augusti praeceptore, Academiae Latinitati
Fovendae Commentarii VII–VIll, Rom 1983/84, 33–51.
201 F. Mundt: Beatus Rhenanus, Rerum germanicarum libri tres (1531), Ausgabe,
Übersetzung, Studien, Tübingen 2008, 547.
202 Zu Freher vgl. Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Die deutschen Humanisten, Abt. 1, Die
Kurpfalz. Bd. 1,1, Marquard Freher., hrsg. und bearb. von Wilhelm Kühlmann,
Turnhout 2005, 488–501. Über seine Monographie zu Lupodunum siehe Komm.
V. 423. Seine Ausgabe bespricht Mirmont 1889, CLXXIII–CLXXVII.
203 Hinweise im Kommentar auf diese beiden ersten Erklärer beziehen sich auf die
Noten bei Tollius.
204 G. Burkard: Bibliographie der Editiones Bipontinae, Zweibrücken 1990, 34.
205 Vgl. Böse [3.2.], danach die folgenden Ausführungen. Herr Gerd Schmidt, Wiesba-
den, machte mich freundlicherweise auf diesen Beitrag aufmerksam. Ihm sei auch
an dieser Stelle herzlich gedankt.
206 Auszug aus dem Begleitbrief bei Tross XIX f.
44 Einleitung

453–460 und 1–9,207 nach Tross (XIX) ein schwacher Versuch in



einer ungebildeten Sprache und schlechten Hexametern“. Er würdigt
aber dennoch (l. c.) die Übersetzung als einen ehrenvollen Beweis vom

Streben der damaligen Geistlichen und andern Beamten in jener Gegend,
in welcher durchaus wenig literarische Betriebsamkeit herrschte“. Röhdes
Beschäftigung mit der Mosella war, wie schon bei Beatus Rhenanus und
Freher, von historisch-antiquarischem Interesse geleitet. Er sah in dem
Villenkatalog (V. 318–330) ein Zeugnis für die Besiedlung der Gegend um
Traben-Trarbach in römischer Zeit, die Tabernae (V. 8) identifizierte er
mit den Siedlungsspuren am Stumpfen Turm“ zwischen Wederath und

Hinzerath (vgl. zu V. 8). Die erste vollständig gedruckte Übersetzung
der Mosella ist die bei Bürger Lassaulx“ in Koblenz im Jahr Zehn
” ”
der Republik“ (1801/02) erschienene, durchaus mißrathen und sehr oft

sinnlos“ (Tross S. XVII), ein schwacher Versuch, eine Uebersetzung der

Mosella zu versuchen“ (Böcking 1828, 45 Anm. a).
Philipp Adam Storck (1778–1822)208 steht mit seinen Darstel-

lungen aus dem Preußischem Rhein- und Mosellande“, erschienen bei
G. D. Baedeker, Essen und Duisburg 1808, am Anfang der rhein- und
moselländischen Reiseliteratur,209 in der nicht selten auf die Mosella
zurückgegriffen wurde. Offensichtlich verstanden diese Autoren Ausonius
als einen Vorläufer, sozusagen als den ersten Baedeker“. Der 2. Band

enthält Storcks Übersetzung der Mosella.210 In diesen Kontext gehören
auch die Zitate aus der Mosella, die Johann August Klein in seine
Beschreibung des Moseltals 1831 ([2.1.]) eingefügt hat. In geradezu
schwärmerischen Worten preist er die Naturschilderung der Eingangs-
( Welche glückliche Auffassung, welcher Reichthum an poetischen Bil-

dern!“). Diese aus dem Geist der Romantik formulierte Beurteilung der
Mosella wurde seitdem zum festen Bestand nicht nur der deutschspra-

207 Röhde [2.1.] 3–5 und 7.


208 Über ihn vgl. Böse [3.2.] 335–337; Ders. in: H. Monz (Hrsg.): Trierer Biographisches
Lexikon, Koblenz 2000, 456 f.
209 Über frühere Reisebeschreibungen siehe Gottfried Kentenich: Moselfahrer, Trier
1948. Zu nennen wären die Schilderungen von Philipp Wilhelm Gercken (1722–
1791) Reisen durch Schwaben, Baiern, die Schweiz, Franken und die rheinischen

Provinzen in den Jahren 1779–82 (4 Thle. 1783–88)“, vgl. ADB 9, 1879, 1–3 und
Goethes bekannte Campagne in Frankreich“, zuerst erschienen Tübingen 1822.

Englische Reisebeschreibungen mit ausonischer Stimmung“ nennt B. Selter, DNP

Suppl. 7, 2010, 170, der auch an einen Einfluß der Dichtung auf die Landschafts-
auffassung William Turners (1775–1851, Moselreisen 1824 und 1839) denkt.
210 Böcking 1828, 45 Anm. b) beurteilt die Übersetzung folgendermaßen: . . . , die

sich wenn man den häufigen Gebrauch von Trochäen statt der Spondeen, und der
Antibacchieen statt der Dactylen, deutscher pyrrhischer Wörter, z. B. dĕinĕ u. s. w.
im Hexameter dulden könnte, und es nicht eben genau mit dem wollte, ganz gut
lesen lassen möchte.“
9. Forschungsgeschichte, Würdigung 45

chigen Literaturgeschichtsschreibung.211 Auch die Archäologie bediente


sich in dieser Zeit der Mosella zur Rekonstruktion der römerzeitlichen
Mosellandschaft.212
Die textkritischen, philologischen und historisch-antiquarischen Erläu-
terungen der älteren Kommentare sind in deutscher Sprache zuerst
in der Ausgabe von Ludwig Tross (1795–1864) zusammengefaßt (1821
und 1824).213 In der Absicht der Ausgabe zeichnet sich bereits eine
Tendenz ab, die sich in den folgenden Jahrzehnten noch verstärken
sollte. Es konnte nicht ausbleiben, daß das einzige antike Gedicht über
einen deutsche Fluß auch im Sinne nationaler Denkweisen interpretiert
wurde.214
Als Beilage eines ziemlich theueren Kupferheftes“, sodann eines

Reisehandbuchs, diente die Übersetzung von Karl Geib (1777–1852), die
auch Böckings Anerkennung als einer im Ganzen so wohlgelungenen

metrischen Leistung“ fand.215
Einen deutlichen Fortschritt brachten die Ausgaben mit Übersetzung
von Eduard Böcking (1828/1842), die bis zum Erscheinen der textkri-
tischen Gesamtausgaben des Ausonius von Karl Schenkl (1883) und
Rudolf Peiper (1886) als wichtigste Mosella-Editionen gelten durften.216
Gleichzeitig erschienen nicht weniger als sechs Übersetzungen oder Nach-
dichtungen in deutscher Sprache. Dem Geist der Romantik entspricht die
1837 in Köln erschienene Ausgabe von O. H. A. von Oppen,217 der ein-

211 M. von Albrecht [3.1.] 1047 macht Ausonius gar zum ersten deutsche Heimat-

dichter und mit der Bissula zum Entdecker der Vorzüge des Schwabenmädchens“.
212 Ternes, Paysage [3.2.] 376 f. = 176 f.
213 Zu seiner Vita vgl. Böse [3.2.] 337–339; Ders., in: Trierer Biographisches Lexikon
(wie Anm. 208) 474. Übersetzung ( in metrischer und grammatischer Hinsicht als

schlechte vortrefflich“) und Kommentar ( fast durchweg oberflächlich“) beurteilt

Böcking 1828, 45 Anm. c) kritisch, der Textgestaltung konzediert er immerhin eine
gewisse Anerkennung ( zu loben, obgleich nicht gelungen“. Kritisch auch Knebel,

Rez. Böcking S. 329.). Dennoch verzeichnet Tross zahlreiche Entlehnungen und
sprachliche Parallelen aus der klassischen lateinischen Dichtung, die seitdem zum
Bestand der Kommentare gehören.
214 Tross S. XXI: Vielleicht könnte es“ (sc. mein Wercklein“) in den obern Klas-
” ” ”
sen der Gelehrten-Schulen meines Vaterlandes dem Unterricht der vaterländischen
Geschichte zu Grunde gelegt werden, und es würde mich höchst freuen, wenn auch
dadurch eine genaue Geschichtskenntniß angeregt und befördert werden könnte.
Der Inhalt des Gedichtes ist ganz dazu geeignet und würde dem Lehrer ein weites
Feld öffnen, seine Zöglinge mit der Vorzeit ihres heimatlichen Landes bekannt zu
machen!“
215 Böcking 1828, 45 Anm. d).
216 Zu Böckings Vita vgl. Böse [3.2.] 339; Ders., in: Trierer Biographisches Lexikon
(wie Anm. 208) 36–37.
217 . . . ein vortreffliches Gedicht, gleich anziehend für den Freund der schönen Na-

tur und still-heiterer Landschaftsgemälde, für den Alterthümler, den Geschichts-
und Naturforscher, besonders aber mit eigenem Reiz geschmückt für die Bewoh-
46 Einleitung

leitend deutliche Kritik an den Übersetzungsversuchen seiner Vorgänger


äußert. Bemerkenswert sind seine Überlegungen zur deutschen Wieder-
gabe des lateinischen Hexameters, wobei ihm die Lukrez-Übersetzung
von Karl Ludwig von Knebel218 (2. Aufl. Leipzig 1831) zum Vorbild
diente.219 1846 erschien in Trier die Übersetzung des dort lebenden
vormaligen Arztes der Charité in Berlin, Karl Georg Neumann.220 Sie
steht offensichtlich im Dienste des erstarkenden Preußentums.221 Lukas
Adolf Bacmeister222 hat in seine Alemannische Wanderungen“ als

10. Kapitel ein Alemannisches Idyll aus dem vierten Jahrhundert“

aufgenommen, in dem er zunächst in Anschluß an Johann Peter Hebel
einige Verse der Bissula in Sonettform nachbildete, um anschließend
in der Tradition von Schillers Äneis-Übertragung eine Auswahl der
Mosella in Stanzen (mit einigen Erläuterungen) anzufügen.223 Hermann
Lingg (1820–1905) veröffentlichte 1870 im 3. Band seiner Gedichte eine
Nachdichtung der Mosella, ebenfalls in Stanzen, die sicherlich zu den
gelungensten Versuchen zu zählen ist. Ein Jahr später publizierte der
Trierer Schulmann Heinrich Viehoff224 im Rahmen eines Schulprogramms
eine Nachdichtung in 79 Stanzen. 1884 veröffentlichte Felix Dahn seinen
Roman Bissula. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 378

n. Chr.)“, in der er ein treffendes Charakterbild des Dichters zeichnet“

(HLL 307) und aus dem Fischkatalog zitiert.225 Richard Eduard Ottmann
läßt seiner Übersetzung in Hexametern (1895) eine äußerst kleinteilige
Gliederung und einen erklärenden Index folgen.
Basierend auf den beiden kritischen Ausgaben von Schenkl und
Peiper hat Carl Hosius 1894 die erste Auflage seines Kommentars

ner der Gegenden selbst, die der Dichter beschreibt, der herrlichen Thäler, welchen
fünfzehn vorüber eilende Jahrhunderte nichts von dem Glanze zu rauben vermoch-
ten, der uns hier im Spiegel idyllischer Beschreibung anlacht“ (Oppen S. III).
218 ADB 16, 1882, 275–278.
219 . . . in der Mitte zwischen dem oft Ohrenzwang erregenden Hammerschlag der

Vossischen Schule und der aufgelös’t hinschlotternden Zerflossenheit und Regel-
losigkeit unserer Hexametristenschar“.
220 ADB 23, 1886, S. 527–528; die Ausonius-Übersetzung wird dort nicht erwähnt.
221 Über die römischen Denkmäler in Trier schreibt er (7 f.): Nicht einmal Achtung

für die Ruinen, die von der Vorwelt zeugen, haben die Menschen immer bewiesen.
Erst in der allerneuesten Zeit, seit der Sieger hier gebeut, der deutsches Land von
der Gewalt der Fremden errettete, werden diese ehrwürdigen Ruinen von Schutt
befreit; erst jetzt befahl der für alles Große und Edle empfängliche Herrscher,
ihrem weiteren Verfalle entgegen zu wirken.“
222 ADB 55, 1910, 434–437; NDB 1, 1953, 507–508.
223 Im Ton der nicht nur damals üblichen Übersetzungskritik nennt er die
Übersetzungen von Tross und Neumann zwei böse Stücke“ (S. 86).

224 Über ihn vgl. Bernd Raussen, Trierer Biographisches Lexikon (wie Anm. 208),
480 f.
225 Ndr. Wien 1977; vgl. Dräger, TZ 63, 2000, 325.
9. Forschungsgeschichte, Würdigung 47

publiziert, dem zwei weitere Auflagen und Nachdrucke folgen sollten und
der bis heute die ausführlichsten deutschsprachigen Erläuterungen der
Mosella bietet. Hosius hat das von früheren Herausgebern gesammelte
Material (meist ohne Nennung der Quellen) vorgelegt und durch eigene
Beobachtungen angereichert. Er bildet damit den Grundstock, von dem
jede moderne Kommentierung ausgehen muß. Eine kritische Prüfung der
angehäuften Parallelstellen“ ist dabei unerläßlich. Die meisten Ausgaben

und Kommentare des 20. Jahrhunderts226 führen kaum darüber hinaus.
Allerdings hat sich die Beurteilung der Dichtung im Kontext einer
Neubewertung der spätantiken lateinischen Literatur grundsätzlich zum
Positiven geändert.227 Einen Meilenstein in der Ausoniusforschung bildet
die Gesamtausgabe von Green 1991 und seine Oxoniensis von 1999, die
in der Forschung lebhaft diskutiert wurden.228 Mit dem Kommentar von
Alberto Cavarzere 2003 hat die sprachliche Erklärung der Mosella eine
neue Qualität bekommen.
Die dichterische Leistung des Ausonius wurde, wie die spätlateinische
Literatur überhaupt, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts
weitgehend negativ bewertet, wobei man im Werk des Ausonius am
ehesten noch die Mosella gelten ließ.229
Die intensive Erforschung der spätantiken Literatur, ihrer Absichten
und Ausdrucksformen führte dagegen auch zu einer anderen Bewer-
tung und Würdigung der Mosella, gerade auch außerhalb der engeren
Literaturwissenschaft. So urteilt etwa der Trierer Althistoriker Heinz
Heinen (Trier und das Trevererland [3.1.] 357): Die Mosella ist kein

Produkt grobschlächtiger Propaganda, sondern ein feinsinniges, facetten-
reiches Kunstwerk spätantiker Spiritualität“, ähnlich R. P. H. Green230
one of the most fascinating products of ancient literature“, und Arnaldi

226 John 1932, Grünewald 1934, Marsili 1957, Ternes 1972, Prete 1978, Alvar Ezquerra
1990, Consoli 1998, Schönberger 2000; nähere Angaben im Literaturverzeichnis 2.1.
Zu den verschiedenen Editionen von Paul Dräger [2.1.] vgl. die Besprechungen in
Plekos.
227 Grundlegend dafür ist die Einleitung zu HLL V von Reinhart Herzog; vgl.
Roberts [3.1.] 1–8; Consoli, RCCM 37, 1995, 139. Einige Bewertungen der Mosella
aus pazifistisch-ökologischer Sicht (Roberts: Grenzverletzungen“; Newlands) sind

dem Zeitgeist geschuldet und verfehlen die Absicht des Gedichts.
228 Vgl. die unter [2.1.] genannten Rezensionen, dazu Cavarzere, Incontri [3.2.] 173 f.
229 Vgl. z. B. Arnaldi [3.1.] 291 Peccato che la Mosella sia sperduta fra tanta scoria“.

Ein Nachhall der negativen Gesamtbewertung bei J. Steinhausen: Das Trierer
Land unter der römischen Herrschaft, in: R. Laufner [3.1.] 193. Ein Florilegium
von Äußerungen über Ausonius hat Ch.-M. Ternes zusammengestellt: Äußerungen
zu Ausonius, Ein Beitrag zur Rezeptionsgeschichtge im 19. und 20. Jahrhundert,
BAL 23, 1994, 369–388 = Études ausoniennes III, 71–93; eine Auswahl negativer
Urteile bei Mazzoli [3.1.] 77.
230 The poetry of Paulinus of Nola, Brüssel 1971, 14.
48 Einleitung

[3.1.] S. 291 bemerkte in Hinblick auf die Naturbeobachtungen in der


Mosella abbiamo dunque un’opera di poesia“.

Die Einbindung des Werkes in die traditionelle lateinische Sprache der
Dichtung und die vielfältigen motivischen Beziehungen zu den Werken der
großen Klassiker ließen und lassen den Eindruck mangelnder Originalität
entstehen.231 Dennoch wird man dem Gedicht in Hinblick auf seine
Thematik eine Originalität ebensowenig absprechen wie in Hinblick auf
die sprachliche Bravour des Autors.232 Ausgestattet mit dem poetischen

Material“, das die Klassiker von Lukrez bis Statius bereitstellten, gelingt
es Ausonius in der Mosella Bilder und Szenen zu schaffen, für die in der
spätantiken lateinischen Literatur kaum Vergleichbares zu finden ist. Daß
dem Leser diese Bilder in einer wohlüberlegten Komposition vorgeführt
werden, hat bereits John [3.2.] 104 f. zutreffend gewürdigt.
Patriotische Gesinnung gedachte des Sängers der Mosel“ mit der

Errichtung von Denkmälern. 1899 wurde beim Bau des Brückentors in
Traben-Trarbach ein Phantasie-Relief angebracht, abgebildet bei Böse
[3.2.] 331. Zur Einweihung des Ausonius-Denkmals im sog. Ausonius-
Garten in Neumagen233 gab der Männer-Gesang-Verein Liederkranz
Neumagen eine Festschrift heraus.234 In Kirchberg steht an der alten
römische Fernstraße von Bingen nach Trier eine Ausonius-Säule“ in

Gestalt eines römischen Leugensteins.235
Von dem Gesamtwerk des Rhetors aus Bordeaux erweckt vieles heute
nur noch literaturhistorisches Interesse. Allein durch seine Mosella ist
er nicht nur in der von ihm besungenen Region vielfach gegenwärtig. Er
ist Namenspatron von Schulen und Firmen, ein Ausonius-Wanderweg“

führt durch den Hunsrück von Bingen nach Trier, die Universität Trier
verleiht seit 1998 einen Ausonius-Preis“ für herausragende wissenschaft-

liche Arbeiten. Kaum ein lateinischer Autor dürfte so im Gedächtnis
einer deutschen Landschaft verwurzelt sein wie der Aquitanier Ausonius.

231 Cesareo [3.2.] 39.


232 Vgl. auch Meinolf Vielberg (wie oben S. 10 Anm. 52) in Hinblick auf das Epyllion
Cupido cruciatus S. 159: Ausonius beweist seine Virtuosität als Dichter“.

233 Abbildung: http://www.bernkastel.de/uploads/pics/
Neumagen Drohn Statue Ausonius.JPG.
234 Festschrift zur Denkmaleinweihung des Moseldichters Ausonius verbunden mit
Gesangwettstreit am 4. und 5. August 1929 in Neumagen (Mosel).
235 http://www.forschungsgruppe-meilensteine.de/pmst/MlSt/DBSeite1807.htm.
Text und Übersetzung
1. Handschriften

G Sangallensis 899 (Sankt Gallen, Stiftsbibliothek) saec. X


Schenkl p. XLIV ff.; Peiper p. LIII; Creighton [2.] 43–50; Green
p. xii.
B Bruxellensis 5369/73 (Brüssel, Bibliothèque Royale Albert Ier )
membr. saec. XIIex (= b Prete)
Schenkl p. XLIV ff.; Peiper p. LIIII; Creighton [2.] 56–58;
Green p. xii.
X Vaticanus Reginensis Latinus 1650 (Biblioteca Apostolica Vaticana)
membr. saec. X (= V Peiper, X3 Prete)
Schenkl p. XLV ff.; Peiper p. LVII; Creighton [2.] 51–53; Green
p. xii.
R Rhenaugiensis [Turicensis] (Zürich, Zentralbibliothek 62) membr.
saec. XII (= R3 Prete)
Schenkl p. XLV; Peiper p. LVII; Creighton [2.] 54–55; Green p. xii.
L Laurentianus 51, 13 (Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana)
membr. 1490 (Alexander Verrazanus) (= λ Schenkl)
Schenkl p. XXI; Peiper p. LIIII, LXXII; Creighton [2.] 70–79; Green
p. xii.
F Harleianus 2578 (London, British Library) saec. XV ex. (= h2 Schenkl;
h3 Prete)
Schenkl p. XXI f.; Peiper p. LIII f.; Creighton [2.] 59–69; Green
p. xii.

2. Editores, Correctores

Über die im kritischen Apparat genannten Autoren siehe das Systematische


Literaturverzeichnis Nr. 2., 3.1. und 3.2. Ferner sind genannt:

Barthius: Casp. Barthi Adversariorum Commentariorum Libri. LX.


Frankfurt 1624 [Mirmont 1889, CLXXXV–CLXXXVIII].
Ed. Par. 1513: Lutetiae Parisiorum, ex edibus Ascensianis 1513
[Desgraves Nr. 12; Ternes Nr. 5].
Ed. Par. 1517: Parisii, ex edibus Ascensianis 1517
[Desgraves Nr. 29; zu beiden Ausgaben des Iodocus Badius Ascensius
vgl. Mirmont 1889, XXXVII–LIX].
Handschriften, Correctores 51

Gronovius, J. Fr.: Observationum libri IV. 1662 [Ndr. Leipzig 1831].


Lugd.: Editio Stephani Charpini. Lugduni, apud Ioan. Tornaesium 1558
[Mirmont 1889, CLXXXIX–CXC; Creighton [2.] 136–156; Desgraves
Nr. 68; Ternes Nr. 16].
Mommsen siehe Schenkl S. LXI.
Pulmann: Editio Theodori Pulmanni, Antwerpen 1568.
[Tross S. XIII; Mirmont 1889, XCVIII–CXXIII; Desgraves Nr. 75].
52

Mosella
Transieram celerem nebuloso flumine Navam,
addita miratus veteri nova moenia Vinco,
aequavit Latias ubi quondam Gallia Cannas
infletaeque iacent inopes super arva catervae.
5 Unde iter ingrediens nemorosa per avia solum
et nulla humani spectans vestigia cultus
praetereo arentem sitientibus undique terris
Dumnissum riguasque perenni fonte Tabernas
arvaque Sauromatum nuper metata colonis
10 et tandem primis Belgarum conspicor oris
Noiomagum, divi castra inclita Constantini.
Purior hic campis aër Phoebusque sereno
lumine purpureum reserat iam sudus Olympum
nec iam consertis per mutua vincula ramis
15 quaeritur exclusum viridi caligine caelum,
sed liquidum iubar et rutilam visentibus aethram
libera perspicui non invidet aura diei,
in speciem cum me patriae cultumque nitentis
Burdigalae blando pepulerunt omnia visu:
20 culmina villarum pendentibus edita saxis
et virides Baccho colles et amoena fluenta
subter labentis tacito rumore Mosellae.

Tit.: Incipiunt excerpta (excer pta B ) de opusculis Decimi. Magni. Ausonii.


Mosella G B Incipit fragmentum Ausonii poetae L Mosella Ausonii viri illu-
stris et consularis incipit F tit. om. R X 1 flumine] lumine Scaliger, Tross, al.
flamine Mommsen 2 Vinco Minola, Tross, Böcking, Peiper, Mirmont, Hosius,
Prete, al. vico G X B R mco L muro F Vingo Mommsen, Creighton,
Green, Cavarzere Bingio Consoli 4 inopesque per arva coni. Christ, Mirmont
5 solus Fuchs 6 cultus] coetus Galdi 8 Dumnissum G B F Dumnisum
X Dumnixum L 11 noiomagum G in ras. B R L F nogomagum X
12 his Fuchs | campis aer G X L F campus aer B aer campis R 13 sidus
Galdi 17 aula R 18 in] maiore init. litt. G | cum codd., def. Görler,
Schönberger tum Böcking, Schenkl, Hosius, Vollmer, Prete, al. iam Ottmann
quin Peiper, Green, Cavarzere | cultumque codd., Tross, Böcking, Schenkl,
Peiper, Hosius, Vollmer, Green, al. cultuque Görler, Cavarzere | nitentis G B
p. c. nitentes X B a. c. R L F nitentia Vollmer 20 saxis B, def. Markland,
Görler ripis G V L edd. villis R 22 subter labentis B Tross, Peiper, Hosius,
Creighton, Prete subterlabentis cett., Böcking, Schenkl, Green, Cavarzere
53

Die Mosel
Überquert hatte ich die rasch dahinfließende Nahe mit
ihrer nebelverhangenen Strömung, voll Bewunderung
für die neuen Mauern, die man um das alte Bingen
gelegt hatte, wo jüngst Gallien sein Cannae ähnlich wie
Rom erlitt und ausgeplünderte Scharen unbeweint auf
den Fluren liegen. (5) Dort beginne ich meine einsame
Reise durch unwegsames Waldgebiet, und ohne Spuren
menschlicher Besiedlung zu erblicken, komme ich (ohne
Aufenthalt) durch Dumnissus, das ohne Wasser ist,
weil ringsum die Gegend trocken, und durch Tabernae,
wohlversorgt durch seine Quelle, die das ganze Jahr
hindurch sprudelt, und durch Fluren, die man erst
neulich für Siedler der Sauromaten vermessen hat,
(10) und endlich erblicke ich im äußersten Grenzge-
biet der Belger Neumagen, das berühmte Kastell des
vergöttlichten Konstantin.
Reiner erfüllt hier die Luft die Gefilde, und Phöbus
schließt mit seinem heiteren Lichte jetzt unumwölkt
den strahlenden Olymp auf und man muß nicht mehr
(15) den Himmel (mit den Blicken) suchen, der aus
der grünen Finsternis ausgeschlossen war, weil die Äste
ineinander verschlungen ein enges Geflecht bildeten,
sondern die freie Helle des klaren Tages verwehrt dem
Betrachter nicht den reinen Glanz und den strahlenden
Himmelsraum, und da erinnerte mich alles durch den
reizenden Anblick an die Schönheit meiner Heimat
und an die Pracht des glänzenden Bordeaux: (20) die
Dächer der Landhäuser, die hoch auf den steilen Felsen
liegen, und die von Weingärten begrünten Hügel und
die liebliche Flut der in kaum vernehmbarem Murmeln
unten dahingleitenden Mosel.
54 Text 23–49

Salve, amnis, laudate agris, laudate colonis,


dignata imperio debent cui moenia Belgae,
25 amnis, odorifero iuga vitea consite Baccho,
consite gramineas, amnis viridissime, ripas!
Naviger ut pelagus, devexas pronus in undas
ut fluvius vitreoque lacus imitate profundo,
et rivos trepido potes aequiperare meatu
30 et liquido gelidos fontes praecellere potu:
Omnia solus habes, quae fons, quae rivus et amnis
et lacus et bivio refluus munimine pontus.
Tu placidis praelapsus aquis nec murmura venti
ulla nec occulti pateris luctamina saxi.
35 Non spirante vado rapidos properare meatus
cogeris, extantes medio non aequore terras
interceptus habes, iusti ne demat honorem
nominis, exclusum si dividat insula flumen.
Tu, duplices sortite vias, et cum amne secundo
40 defluis, ut celeres feriunt vada concita remi,
et cum per ripas nusquam cessante remulco
intendunt collo malorum vincula nautae,
ipse tuos quotiens miraris in amne recursus
legitimosque putas prope segnius ire meatus!
45 Tu neque limigenis ripam praetexeris ulvis
nec piger inmundo perfundis litora caeno;
sicca in primores pergunt vestigia lymphas.
I nunc et Phrygiis sola levia consere crustis
tendens marmoreum laqueata per atria campum!

23 Salve] maiore init. litt. G B 27 devexas G X devexus B L F divexas


R 28 ut G X B L F et R | imitate G X R imitante B imitare L F
29 potes codd., Hosius, Green, Cavarzere, al. potis Gronovius, Cannegie-
ter, Tross, Böcking, Schenkl, Peiper, Creighton 32 munimine codd., Böcking,
Schissel, Görler manamine Gronovius, Tross, Schenkl, Peiper, Hosius, Green,
Cavarzere, al. molimine Heinsius, Fuchs, alii alia 33 sq. ventis . . . occultis
. . . saxis Fuchs 35 spirante G sperante B R L F speranti X | properare G
reparare B R preparare X remeare L F 39 sortite G X B R F sortire
L 40 feriant codd., edd., corr. Fuchs | remi G X B R remis L F 42 mulo-
rum Scheffer, Schenkl, Creighton 43 tuo coni. Christ, dub. Shackleton Bailey
44 legitimoque coni. Christ | segnius G X B R segnis L F 45 Tu] maiore
init. litt. G | limigenis G X B limigeris R legenis L F
Übersetzung 23–49 55

Sei gegrüßt, Strom, gelobt wegen der Fluren, gelobt


wegen der Landleute, dem die Belger ihre Mauern
verdanken, die der Reichsherrschaft würdig sind,
(25) Strom, bepflanzt an deinen Rebhängen mit der
duftenden Gabe des Bacchus, bepflanzt an deinen
grasigen Ufern, du tiefgrüner Strom! Schiffbar wie das
Meer, in abwärts gleitenden Wellen dahinströmend
wie ein Fluß und mit deiner glasklaren Tiefe Seen
vergleichbar, kannst du sowohl mit unruhigem Lauf
es Bächen gleichtun (30) als auch mit klarem Trank
frische Quellen überbieten. Du allein hast alles, was
Quelle, was Fluß und Strom und See und das Meer,
wenn es in beide Richtungen durch eine Hafeneinfahrt
ein- und ausströmt, besitzen.
Du gleitest mit sanftem Wasser dahin und du mußt
weder unter dem Brausen des Windes noch unter
Kämpfen mit verstecktem Felsen leiden. Nicht wirst
du durch eine schäumende Untiefe gezwungen, deinen
Lauf so zu beschleunigen, daß er reißend wird, nicht
besitzest du Flächen festen Landes, die mitten aus der
Wasserfläche aufragen und deinen Lauf unterbrechen,
daß dir keine Insel die Ehre deines zu Recht berühmten
Namens nimmt, wenn sie den Flußlauf abdrängt und
teilt. Dir sind Wege nach zwei Richtungen zuteil
geworden: Einmal, wenn du flußabwärts (40) fließest,
wie schlagen da rasch die Ruder die Wellen und treiben
sie an, und dann, wenn an den Ufern entlang nirgends
das Schlepptau nachgibt und die Schiffer die Seile
der Masten an den Nacken (der Maultiere) spannen,
wie oft wunderst du dich selbst über deine eigenen
gegenläufigen Bewegungen im Fluß und glaubst, daß
die natürlichen Strömungen fast langsamer gehen!
(45) Du wirst an deinem Ufer weder von Schilf
umsäumt, das im Sumpfe wächst, noch überziehst
du deine Gestade, träge dahinfließend, mit schmut-
zigem Schlamm; trocken verlaufen die Spuren bis
vorne ans Wasser. Geh nur und bedecke die glat-
ten Böden mit phrygischen Ziersteinen, indem du
eine Marmorfläche in die getäfelten Hallen legst!
56 Text 50–74

50 Ast ego despectis, quae census opesque dederunt,


naturae mirabor opus, non cura nepotum
laetaque iacturis ubi luxuriatur egestas.
Hic solidae sternunt umentia litora harenae
nec retinent memores vestigia pressa figuras.
55 Spectaris vitreo per levia terga profundo
secreti nihil, amnis, habens, utque almus aperto
panditur intuitu liquidis obtutibus aër
nec placidi prohibent oculos per inania venti,
sic demersa procul durante per intima visu
60 cernimus arcanique patet penetrale profundi,
cum vada lene meant liquidarum et lapsus aquarum
prodit caerulea dispersas luce figuras:
quod sulcata levi crispatur harena meatu,
inclinata tremunt viridi quod gramina fundo.
65 Usque sub ingenuis agitatae fontibus herbae
vibrantes patiuntur aquas lucetque latetque
calculus et viridem distinguit glarea muscum.
Tota Caledoniis talis picta ora Britannis,
cum virides algas et rubra corallia nudat
70 aestus et albentes, concharum germina, bacas,
delicias hominum, locupletibus atque sub undis
assimulant nostros imitata monilia cultus.
Haud aliter placidae subter vada laeta Mosellae
detegit admixtos non concolor herba lapillos.

50 despectis B R L F dispectis G despectus X 51 non cura codd., Tross,


Böcking, Schenkl, Hosius, Creighton, Consoli non dira Peiper non cara Hein-
sius, Green, Cavarzere secura Cannegieter, Tränkle, alii alia 52 luxurietur
Cannegieter 55 vitreus per levia terga, profunde, Fuchs 56 habens G X B L F
habes R 57 introitu Peiper, Mirmont | obtutibus codd. optentibus Anony-
mus, Heidelberger Jahrbücher 1822, 400; probant Böcking, Schenkl sub noc-
tibus Tränkle, Prete 60 profundi G fluenti X B R L F, Tross 61 meant.
Liquidarum distinxit Cannegieter 62 caeruleas . . . dispersa Fuchs resper-
sas Wakefield (Ed. Lucr., London 1796) 63–64 qua . . . qua Green dub.
68 Tota codd., Tross, Böcking, Schenkl, Peiper, Hosius, al.; maiore init. litt.
G B nota Barthius, Green, Cavarzere grata Fuchs | talis picta ora Böcking,
Prete talis pictura codd. talis patet ora Peiper tali specie ora Speck,
Mirmont 71 delicias G B deliciasque X R L F 72 assimulant G,
Hosius, Green, Cavarzere adsimulant X, Böcking, Schenkl, Peiper, Creighton
assimulat Helm assimilant B L 73 placidi coni. Tränkle
Übersetzung 50–74 57

(50) Aber ich verachte, was Vermögen und Macht


gegeben haben, und will das Werk der Natur bewun-
dern, wo nicht die Bauwut der Verschwender und die
Bedürftigkeit, die sich sogar noch über jede Vergeudung
freut, in Prunkliebe schwelgen. Hier bedeckt fester Sand
die feuchten Gestade, und die Fußeindrücke lassen keine
erinnernde Formen zurück.
(55) Man sieht dich durch die glatte Oberfläche
hindurch in gläserner Tiefe, o Fluß, der du nichts
Verborgenes hast, und wie sich die erquickende Luft
bei freier Fernsicht für klare Blicke weitet und die
sanften Winde die Augen nicht hindern, durch den
Äther zu schweifen, (60) so sehen wir das tief Versenkte
in der Entfernung mit einem Blick, der das Innerste
durchdringt, und das Allerheiligste des geheimnisvollen
Grundes steht offen, wenn die Wasser sanft dahingehen
und das Strömen der klaren Fluten im blauen Lichte
da und dort Gebilde preisgibt: wie der gefurchte Sand
in leichtem Gange sich kräuselt, wie die gebogenen
Gräser auf grünem Grunde erzittern. (65) Fortwährend
erdulden, von Quellen im Flusse getrieben, die Pflanzen
die bewegenden Wasser, es blinken und bergen sich
Steinchen, und vom grünen Moose heben klar sich Kie-
sel ab. In ihrer ganzen Länge ist für die kaledonischen
Britannen die Küste so geschmückt, wenn grüne Algen
und rote Korallen (70) die Ebbe freigibt und weiße
Perlen, der Muscheln Sproß, Vergnügen der Menschen,
und unter den mit Reichtum gesegneten Wellen stellen
sie unsere Schmuckgegenstände dar, nachgeahmte
Pretiosen. Nicht anders deckt unter den beglückenden
Fluten der sanften Mosel das Pflanzengewächs im
Farbkontrast die darin verstreuten Steinchen auf.
58 Text 75–100

75 Intentos tamen usque oculos errore fatigant


interludentes, examina lubrica, pisces.
Sed neque tot species obliquatosque natatus
quaequae per adversum succedunt agmina flumen
nominaque et cunctos numerosae stirpis alumnos
80 edere fas aut ille sinit, cui cura secundae
sortis et aequorei cessit tutela tridentis.
Tu mihi, flumineis habitatrix, Nais, in oris,
squamigeri gregis ede choros liquidoque sub alveo
dissere caeruleo fluitantes amne catervas.
85 Squameus herbosas capito interlucet harenas,
viscere praetenero, fartim congestus aristis
nec duraturus post bina trihoria mensis,
purpureisque salar stellatus tergora guttis
et nullo spinae nociturus acumine rhedo
90 effugiensque oculos celeri levis umbra natatu.
Tuque, per obliqui fauces vexate Saravi,
qua bis terna fremunt scopulosis ostia pilis,
cum defluxisti famae maioris in amnem,
liberior laxos exerces, barbe, natatus;
95 tu, melior peiore aevo, tibi contigit omni
spirantum ex numero non illaudata senectus.
Nec te, puniceo rutilantem viscere, salmo,
transierim, latae cuius vaga verbera caudae
gurgite de medio summas referuntur in undas,
100 occultus placido cum proditur aequore pulsus.

76 interludentes G X inter ludentes BRLF 77 Sed] maiore init. litt. G B |


natatus G X B L F meatus R post 77 lacunam unius versus indicat Fuchs,
qua pisces secundo amne natantes memoret poeta 77–81 post 84 transpo-
suit Fuchs, post 149 Korzeniewski 79 nominaque et B nomina quae G L F
nominaque X nomina quae et R novi nec Bücheler, probat Vollmer |
cunctos] varios Fuchs 80 haud R, Prete aut cett. haut Böcking |
cura] iura G, dub. Markland 84 fluitantes G R fluitantibus X B L F |
catervis B 85 interlucet Ugoletus, Avantius, Tross, Böcking, Green,
Cavarzere, al. inter lucet Scaliger, Schenkl, Peiper, al. 86 congestus]
egestus L consertus Fuchs coll. vv. 14. 199 87 trihoria G X B thioria L F
cibaria R 88 purpureisque G X F purpureusque B R purpureasque L
89 rhedo G B R raedo X thedo L F 90 celeri] hominum R 93 maioris
X B R L F maiores X melioris G, Böcking 95 omni] uni R
Übersetzung 75–100 59

(75) Und doch ermüden die fortwährend angestreng-


ten Augen durch ihre unstete Bewegung die spielend
hin und her schwimmenden Fische, der wendigen
Schwärme. Aber so viele Arten und das Schwimmen
kreuz und quer und die Schwärme, die der Strömung
entgegenziehen und ihre Namen und all die Kinder
der zahlreichen Sippe (80) ist nicht erlaubt kund zu
tun noch läßt es jener zu, dem die Sorge um den
zweiten erlosten Anteil und ihr Schutz durch den meer-
beherrschenden Dreizack zugefallen ist. Du, Naiade,
Bewohnerin der Flußufer, nenne mir die Reigen der
schuppentragenden Schar und zähle auf die Schwärme,
die unten im klaren Flußbett im blauen Strom hin und
her schwimmen.
(85) Voll Schuppen zeigt sich der Dickkopf zwischen
den Pflanzen im Sand, von überaus zartem Fleisch,
doch durch und durch voller Gräten, und für die
Mahlzeit hält er sich nicht länger als zweimal drei
Stunden, und (es zeigt sich) die Forelle, mit purpurnen
Flecken wie mit Sternen am Rücken besetzt, und das
Flußneunauge, das nicht mit spitzer Gräte schaden
kann, (90) und die flinke Äsche, die sich durch rasches
Schwimmen den Augen entzieht. Und du, die du dich
durch die Mündung der gewundenen Saar gezwängt
hast, wenn du dort, wo zweimal drei Flußarme an den
klippenartigen Pfeilern rauschen, in den Strom mit
dem berühmteren Namen hinausgeschwommen bist,
wirst freier in der Weite dahinschwimmen, Barbe; (95)
du, die du besser bist im Alter, das man doch sonst
für schlechter hält, dir allein aus der ganzen Zahl der
Lebewesen fiel es zu, daß dein Alter nicht mißbilligt
wird. Auch dich, Lachs, dessen Fleisch in hellem Rot
schimmert, will ich nicht übergehen; die weit ausho-
lenden Schläge deines breiten Schwanzes übertragen
sich mitten aus der Tiefe zu den Wogen ganz oben,
(100) immer wenn die im Verborgenen entstandene hef-
tige Bewegung sich auf dem ruhigen Wasserspiegel zeigt.
60 Text 101–124

Tu, loricato squamosus pectore, frontem


lubricus et dubiae facturus fercula cenae,
tempora longarum fers, incorrupte, morarum,
praesignis maculis capitis, cui prodiga nutat
105 alvus opimatoque fluens abdomine venter.
Quaeque per Illyricum, per stagna binominis Histri
spumarum indiciis caperis, mustela, natantum,
in nostrum subvecta fretum, ne lata Mosellae
flumina tam celebri defraudarentur alumno,
110 quis te naturae pinxit color! Atra superne
puncta notant tergum, quae lutea circuit iris,
lubrica caeruleus perducit tergora fucus,
corporis ad medium fartim pinguescis, at illinc
usque sub extremam squalet cutis arida caudam.
115 Nec te, delicias mensarum, perca, silebo,
amnigenas inter pisces dignande marinis,
solus puniceis facilis contendere mullis,
nam neque gustus iners solidoque in corpore partes
segmentis coeunt, sed dissociantur aristis.
120 Hic etiam, Latio risus praenomine cultor
stagnorum, querulis vis infestissima ranis,
lucius obscuras ulva caenoque lacunas
obsidet; hic nullos mensarum lectus ad usus
fervet fumosis olido nidore popinis.

101 frontem] fronte R ventrem Fuchs 102 cenae] mensae R 103 incorrupta
B 108 laeta Tross, Peiper, Prete 109 alumno, distinxit Fuchs 111 quae
Tollius, Green, Cavarzere qua codd., Schenkl, Peiper, al. 113 pinguescit R
115 Nec] maiore init. litt. G B 116 amnigenas Vinetus, Böcking, Green,
Cavarzere amnigenos G X B L F, Tross, Schenkl, Peiper, Hosius, Creighton,
al. amnigeros R 118 nam neque B namque G X L F nam quae R
119 segmenti Cannegieter 120/123 hic G X B R hinc L F 120 Hic] maiore
init. litt. B
Übersetzung 101–124 61

Du, voll Schuppen auf der gepanzerten Brust, glatt an


der Stirn, der du aufgetragen wirst bei einer Mahl-
zeit, die viel Auswahl bieten soll, du erträgst Zeiten
langen Lagerns, Unverderblicher, ausgezeichnet vor an-
deren durch Flecken am Kopf, du, dem der dicke
(105) Leib sich hin- und herbewegt und der Bauch,
der mit seinem wohlgenährten Unterleib dahingleitet.
Und die du in Illyricum, in den träge fließenden Was-
sern der Donau, die zwei Namen hat, gefangen wirst,
weil dich der schwimmende Schaum verrät, Quappe,
und in unsere Gewässer hinaufgeschwommen bist, damit
nicht die breiten Fluten der Mosel einen so berühmten
Sproß entbehren muß, (110) welche natürliche Farben-
pracht hat dich geschmückt! Vorne zeichnen schwar-
ze Punkte den Rücken, die goldgelbe Regenbogen-
farben umgeben, die glatten Rückenteile überzieht eine
blaue Färbung, zur Mitte des Körpers hin wirst du
dick und feist, aber von dort bis zum Schwanzende
deckt dich trockene Haut. (115) Auch dich, Barsch,
Leckerbissen der Tafeln, will ich nicht verschweigen,
der du unter den im Fluß lebenden das gleiche Anse-
hen genießt wie Seefische, allein in der Lage, mit den
purpurroten Meerbarben zu wetteifern, denn dein Ge-
schmack ist nicht fad, und an dem festen Körper hal-
ten die Teile abschnittsweise zusammen und werden
doch durch Gräten getrennt. (120) Hier auch beherrscht,
mit lateinischem Vornamen komisch bedacht, der Be-
wohner stehender Gewässer, die feindlichste Macht für
die klagenden Frösche, Lucius, der Hecht, die von
Schwimmpflanzen und Schlamm verdunkelten Tümpel;
hier nicht zur Verwendung an Tafeln ausgewählt, sie-
det er im öligen Fettdampf in rauchigen Küchen.
.
62 Text 125–149

125 Quis non et virides, vulgi solacia, tincas


norit et alburnos, praedam puerilibus hamis,
stridentesque focis, obsonia plebis, alausas
teque, inter species geminas neutrumque et utrumque,
qui necdum salmo nec iam salar ambiguusque,
130 amborum medio, sario, intercepte sub aevo,
te quoque, flumineas inter memorande cohortes,
gobio, non geminis maior sine pollice palmis,
praepinguis, teres, ovipara congestior alvo
propexique iubas imitatus, gobio, barbi?
135 Nunc, pecus aequoreum, celebrabere, magne silure,
quem velut Actaeo perductum tergora olivo
amnicolam delphina reor: sic per freta magnum
laberis et longi vix corporis agmina solvis
aut brevibus deprensa vadis aut fluminis ulvis.
140 At cum tranquillos moliris in amne meatus,
te virides ripae, te caerula turba natantum,
te liquidae mirantur aquae: diffunditur alveo
aestus et extremo procurrunt margine fluctus.
Talis Atlantiaco quondam ballena profundo,
145 cum vento motuve suo telluris ad oras
pellitur, exclusum fundit mare magnaque surgunt
aequora vicinique timent decrescere montes.
Hic tamen, hic nostrae mitis ballena Mosellae
exitio procul est magnoque honor additus amni.
125 Quis] maiore init. litt. G B volgi X, Schenkl, Creighton 126 novit Green
127 opsonia Schenkl 128 species geminas G X B R geminas species L F
129 necdum Tross, Hosius, Green, Cavarzere nec dum Böcking, Schenkl,
Peiper, al. | sulmo <es> Fuchs 130 sario] varie Green, Cavarzere fario
Avantius 1517, Vinetus, Freher, al. 131 te] Tu codd., maiore init. litt. B |
memorante L memorare Schenkl dub. 132 geminis maior G maior geminis
cett. post 133 lacunam unius versus indicat Fuchs 134 imitaris Lachmann
135 Nunc] maiore init. litt. G 139 detenta Cannegieter, Fuchs deprensa
Lachmann, Schenkl, Peiper, Creighton, Green, Cavarzere defensa codd.,
Tross, Hosius, al. defessa Mirmont 140 at G B R aut X L F | tranquillo
coni. Christ 143 extremo Tross, Green, Cavarzere extremi codd., Böcking,
Schenkl, Peiper, Hosius, al. 144 Talis] maiore init. litt. G | ballena G X
L, Peiper, Green, Cavarzere balena R B balaena Tross, Böcking, Schenkl;
similiter 148 145 venti Kenney 146 fundit] exundat Peiper emundat Prete
infundit Kenney 148 nostri coni. Tränkle 149 magnusque R, Schenkl,
Mirmont, Prete | additus G L F additur X B R, Böcking, Prete
Übersetzung 125–149 63

(125) Wer kennte nicht auch die grünen Schleien, des


einfachen Volkes Unterhalt, und die Weißfische, Beute
für die Angelhaken der Knaben, und die auf den Herden
bruzelnden Maifische, Speise der kleinen Leute, und
dich, zwischen zwei ähnlichen Arten, keine von beiden
und jede von beiden, die du noch nicht Lachs und nicht
mehr Forelle bist und zwittergestaltig, (130) in einem
Alter zwischen der Reifezeit des einen und der anderen,
Meerforelle, herausgefischt, dich auch, erwähnenswert
unter den Schwärmen des Flusses, Gründling, nicht
größer als zwei Handbreit ohne Daumen, sehr fett,
rund, noch dicker am rogentragenden Bauch, und die
Mähne der bärtigen Barbe nachahmend, Gründling?
(135) Jetzt sollst du, Vieh des Meeres, gefeiert werden,
großer Stör, den ich, da er am Rücken wie mit attischem
Öl übergossen ist, für einen Delphin der Flüsse halte:
So gleitest du mächtig durch die Fluten und kaum
einmal unterbrichst du die windenden Bewegungen
deines langen Leibes, durch seichte Stellen aufgehalten
oder durch Schwimmpflanzen des Flusses. (140) Aber
wenn du im Fluß deine ruhigen Bahnen ziehst, dann
bewundern dich die grünen Ufer, dich die blaue Schar
der Schwimmer, dich die klaren Wasser: Im Flußbett
teilt sich die Flut und laufen die Wogen über den
Uferrand ganz außen. So läßt manchmal ein Walfisch
aus atlantischer Tiefe, (145) wenn er durch seine
Atemluft oder seine eigene Bewegung an die Küsten des
Festlands getrieben wird, das beiseite gedrängte Meer
überströmen, und mächtige Fluten erheben sich und
die Hügel in der Nähe fürchten, sie könnten an Höhe
verlieren. Hier jedoch, hier der sanfte Walfisch unserer
Mosel, ist fern davon Verderben zu bringen und dem
großen Strom als Ehrengabe beigegeben.
64 Text 150–174

150 Iam liquidas spectasse vias et lubrica, pisces,


agmina multiplicesque satis numerasse catervas.
Inducant aliam spectacula vitea pompam
sollicitentque vagos Baccheia munera visus,
qua sublimis apex longo super ardua tractu
155 et rupes et aprica iugi flexusque sinusque
vitibus adsurgunt naturalique theatro.
Gauranum sic alma iugum vindemia vestit
et Rhodopen proprioque nitent Pangaea Lyaeo,
sic viret Ismarius super aequora Thracia collis,
160 sic mea flaventem pingunt vineta Garumnam.
Summis quippe iugis tendentis in ultima clivi
conseritur viridi fluvialis margo Lyaeo.
Laeta operum plebes festinantesque coloni
vertice nunc summo properant, nunc deiuge dorso.
165 Certantes stolidis clamoribus, inde viator
riparum subiecta terens, hinc navita labens
probra canunt seris cultoribus; adstrepit ollis
et rupes et silva tremens et concavus amnis.
Nec solos homines delectat scaena locorum:
170 Hic ego et agrestes Satyros et glauca tuentes
Naidas extremis credam concurrere ripis,
capripedes agitat cum laeta protervia Panas
insultantque vadis trepidasque sub amne sorores
terrent, indocili pulsantes verbere fluctum.

150 Iam] maiore init. litt. G 151 multiplices satis enumerasse B 152 Indu-
cant] maiore init. litt. B 155 flexusque sinusque G X B R flexuque
sinuque L F (sineque F ) 158 pangaea G X R panchea B L pancheia F
160 garumnam R L F, Tross, Schenkl, Peiper, Creighton, Cavarzere garun-
nam X B, Hosius, Green garonnam G, Böcking 166 terens] tenens G | hinc]
hic X 169 Nec] maiore init. litt. G B | hominum codd., corr. Avantius 170–
174 delet Schröder 174 fluctus R
Übersetzung 150–174 65

(150) Doch sind genug die Wege des Wassers betrach-


tet und Fische aufgezählt, wendige Schwärme und
vielfältige Scharen. Jetzt soll die mit Weinstöcken be-
wachsene Schaubühne einen weiteren Aufzug darbieten
und die Gaben des Bacchus sollen die schweifenden
Blicke fesseln, wo eine hohe Bergkuppe in weitem
Schwung über steile Hänge (sich hinzieht) (155) und
Felsen und sonnige Flächen eines Bergrückens und
Windungen und Einschnitte, mit Rebstöcken (besetzt),
und in einem natürlichen Theater sich erheben. So
kleidet segenspendender Wein die Höhen des Gaurus ein
und das Rhodopegebirge und so glänzt das Pangaion
mit seinen Reben, so grünt der Hügel des Ismarus
über dem thrakischen Meer, (160) so schmücken meine
Weingärten die braungelbe Garonne. Ja selbst noch
am höchsten Kamm des Berghangs, der sich bis zur
äußersten Höhe erstreckt, wird das Flußufer mit grünem
Wein bepflanzt. Volk, froh bei der Arbeit, und eifrige
Bauern schaffen bald oben am Gipfel, bald unten am
Hang. (165) Wetteifernd im albernen Geschrei singen
von dort der Treidler, der unten am Ufer dahinzieht,
von hier der vorübergleitende Schiffer den säumigen
Winzern Schmählieder; ihnen wirft sie (als Echo)
zurück der Fels und der hallende Wald und die Tiefe
des Flusses.
Und nicht allein die Menschen ergötzt die Sze-
nerie der Landschaft: (170) Hier, möcht’ ich glau-
ben, treffen auch die ländlichen Satyrn und die
blauäugigen Najaden am Uferrand zusammen, wenn
ausgelassene Lüsternheit die bocksfüßigen Pane an-
treibt und sie in den Fluten umherspringen und
ihre furchtsamen Schwestern im Fluß erschrecken,
mit ungeschicktem Schlag ins Wasser patschend.
66 Text 175–199

175 Saepe etiam mediis furata e collibus uvas


inter Oreiadas Panope fluvialis amicas
fugit lascivos, paganica numina, Faunos.
Dicitur et, medio cum sol stetit igneus orbe,
ad commune fretum Satyros vitreasque sorores
180 consortes celebrare choros, cum praebuit horas
secretas hominum coetu flagrantior aestus.
Tunc insultantes sua per freta ludere Nymphas
et Satyros mersare vadis rudibusque natandi
per medias exire manus, dum lubrica falsi
185 membra petunt liquidosque fovent pro corpore fluctus.
Sed non haec spectata ulli nec cognita visu
fas mihi sit pro parte loqui; secreta tegatur
et commissa suis lateat reverentia rivis.
Illa fruenda palam species: cum glaucus opaco
190 respondet colli fluvius, frondere videntur
fluminei latices et palmite consitus amnis.
Quis color ille vadis, seras cum propulit umbras
Hesperus et viridi perfundit monte Mosellam!
Tota natant crispis iuga motibus et tremit absens
195 pampinus et vitreis vindemia turget in undis.
Adnumerat virides derisus navita vites,
navita caudiceo fluitans super aequora lembo
per medium, qua sese amni confundit imago
collis et umbrarum confinia conserit amnis.

175 Saepe maiore init. litt. G 176 Oreiadas ed. Par. 1513, edd. oreadas
codd., Oreadas inter Scafoglio 178 Dicitur] maiore init. litt. G | igneus]
aureus G, Böcking, Schenkl, Hosius, Creighton, Prete igneus cett., Tross, Pei-
per, Green, Cavarzere 179 ad Gronovius, edd. ut codd. 181 sqq. usque ad
finem desunt X 182 tunc G B R et cum L F | exultantes Prete 184 dum]
cum B 186 Sed maiore init. litt. G B 187 tegatur G B, edd. tegantur R L
F, Fuchs, Zicàri 188 lateat codd., edd. lateant Zicàri 191 consitus G B R
constitit L F 192 Quis] maiore init. litt. G | propulit G R p. c. L F protulit
R a. c. B 193 perfundit G B R, Tross, Böcking, Peiper, Creighton, Green,
Cavarzere profundit L F perfudit Tollius, Schenkl 194 motibus R p. c.
B p. c, L montibus G R a. c. B a. c. F, Vollmer 196 derisus] de rivis B
198 sese amni B R L F sese animi G se ambigui Vollmer | confundit G F
confudit B R L 199 amnis] unda Fuchs, del. voc. amnis ut repetit. ex v. 198
Übersetzung 175–199 67

(175) Oft mußte auch Panope, das Flußkind, wenn


es mitten auf den Hügeln Trauben genascht hatte
im Kreise der befreundeten Oreiaden, fliehen vor den
lüsternen Faunen, den ländlichen Gottheiten. Es heißt
auch, wenn im Zenit die glühende Sonne steht, daß
dann gemeinsam in der Flut die Satyrn und ihre Schwe-
stern, die das glasklare Element bewohnen, (180)
ihre Reigentänze vereint aufführen, wenn die heftiger
brennende Hitze Stunden gewährte, die unbehelligt
von der Begegnung mit Menschen sind. Dann springen
und spielen in ihrem feuchten Element die Nymphen
und sie tauchen die Satyrn in die Fluten und gleiten
gerade noch den ungeübten Schwimmern aus den
Händen, während diese getäuscht nach den glitschigen
(185) Gliedern greifen und anstelle eines Körpers die
klaren Fluten liebkosen. Aber diese Dinge wurden von
niemandem geschaut, und obwohl ich sie mit meinem
Blick wahrgenommen habe, dürfte es mir für meinen
Teil doch nicht erlaubt sein, sie auszusprechen; in
Abgeschiedenheit soll das, was Ehrfurcht erheischt, mit
seinen eigenen Wasserläufen verbunden, bedeckt und
verborgen sein.
Jenen Anblick darf man offen genießen: Wenn der
bläuliche Strom (190) den schattigen Hügel spiegelt,
scheinen die Wasser des Flusses zu grünen und der
Strom mit Weinbergen besetzt zu sein. Was hat dann
das Wasser für eine Farbe, wenn der Abendstern spät
die Schatten (auf den Fluß) geworfen hat und die Mosel
mit einem grünen Berg übergießt! In ihrer ganzen
Ausdehnung schwimmen Bergrücken mit kräuselnden
Bewegungen, und in den gläsernen Wellen zittert
(195) fernes Weinlaub und schwellen die Trauben. Ein
Schiffer zählt getäuscht die grünen Reben noch hinzu,
ein Schiffer, in einem aus Planken gefügten Kahn
mittenhin über die Wogen gleitend, wo sich mit dem
Fluß das Abbild des Hügels vereinigt und der Schatten
Grenzen der Fluß verschmelzen läßt.
68 Text 200–224

200 Haec quoque quam dulces celebrant spectacula pompas,


remipedes medio certant cum flumine lembi
et varios ineunt flexus viridesque per oras
stringunt attonsis pubentia germina pratis!
Puppibus et proris alacres gestire magistros
205 impubemque manum super amnica terga vagantem
206a dum spectat, <viridis qua surgit ripa, colonus
206b non reputans> transire diem, sua seria ludo
posthabet: excludit veteres nova gratia curas.
Tales Cumano despectat in aequore ludos
Liber, sulphurei cum per iuga consita Gauri
210 perque vaporiferi graditur vineta Vesevi,
cum Venus Actiacis Augusti laeta triumphis
ludere lascivos fera proelia iussit Amores,
qualia Niliacae classes Latiaeque triremes
subter Apollineae gesserunt Leucados arces,
215 aut Pompeiani Mylasena pericula belli
Euboicae referunt per Averna sonantia cumbae:
innocuos ratium pulsus pugnasque iocantes
naumachiae, Siculo qualis spectata Peloro,
caeruleus viridi reparat sub imagine pontus.
220 Non aliam speciem petulantibus addit ephebis
pubertasque amnis<que> et picti rostra phaseli.
Hos Hyperionio cum sol perfuderit aestu,
reddit nautales vitreo sub gurgite formas
et redigit pandas inversi corporis umbras,

200 Haec] maiore init. litt. G B | quam] tam Prete 203 germina] gramina
Böcking 204 alacres G R, edd. alacris B L F alacris . . . magister Canne-
gieter 206 spectat G B L F spectant R specto Mirmont 206a/b de
lacuna cf. comm. | sua . . . posthabet codd. mea . . . posthabeo Mirmont
208 Tales maiore init. litt. G quales Peiper 209 dum Schenkl 214
Apollinea . . . arce Fuchs 215 Mylasena Cannegieter, edd. milasena
B R L mylesana G mille sera F Mylaea Gronovius 216 cumbae]
Cumae Heinsius 218 qualis Accursius, Hosius, Green, Cavarzere
quales codd., Tross, Böcking, Schenkl, Peiper, Creighton, Ternes |
spectata] spectante ed. Lugd., Schenkl, Peiper, Creighton | spec-
tata <est> Fuchs 221 pubertasque amnisque Barthius, Böcking,
Schenkl, Hosius, Creighton, Green, Cavarzere, al. pubertasque amnis
codd., Peiper, Ternes pubertas amnisque Mirmont 222 hos] quos Fuchs
223 nautales] navales Vollmer
Übersetzung 200–224 69

(200) Welch liebliche Aufzüge bieten auch diese


Schauspiele, wenn mitten auf dem Fluß rudergetrie-
bene Kähne wetteifern und verschiedene Wendungen
ausführen und an den grünen Ufern entlang die Gräser
streifen, die auf den schon einmal gemähten Wiesen
kräftig nachwachsen! Und während <der Landmann
von dort, wo das grüne Ufer ansteigt,> die hurtigen
Schiffsführer an Heck und Bug in heftiger Bewegung
(205) und die junge Schar auf dem Wasserspiegel des
Stromes umherfahren sieht, <überlegt er nicht,> wie
der Tag vergeht und seine ernsten Beschäftigungen
stellt er hinter dem Spiel zurück: von den alten
Geschäften hält das neue Vergnügen ab. Auf solche
Spiele blickt am Meer von Cumae Bacchus herab, wenn
er über die bepflanzten Höhen des schwefelhaltigen
Gaurus (210) und durch die Weinberge des rauchenden
Vesuv dahinschreitet, wenn Venus aus Freude über den
Triumph des Augustus bei Aktium den ausgelassenen
Eroten wilde Schlachten aufzuführen befahl, wie sie
die Flotten vom Nil und die Dreiruderer aus Latium
schlugen unterhalb des Felsgipfels des Apollinischen
Leukas (215) oder wenn euböische Nachen die Gefahren
des Pompeianischen Krieges bei Mylae in der von Lärm
erfüllten Gegend am Avernersee wieder aufführen:
Unschädliche Stöße der Schiffe und spielerische Kämpfe
einer Seeschlacht, wie sie sich dem sizilischen Pelorus
zeigte, wiederholt die blaue Flut in einem lebhaften
Bilde. (220) Nicht anders lassen jugendlicher Übermut
und der Strom und die Steven der bemalten Kähne
die ausgelassene Schar der jungen Männer aussehen.
Wenn diese mit Hyperions Glut die Sonne überflutet
hat, dann spiegelt das Wasser die Gestalten der
Schiffer in glasklarer Tiefe und läßt die gekrümmten
Abbilder eines umgedrehten Körpers wieder erscheinen,
70 Text 225–249

225 utque agiles motus dextra laevaque frequentant


et commutatis alternant pondera remis,
unda refert alios, simulacra umentia, nautas.
Ipsa suo gaudet simulamine nautica pubes,
fallaces fluvio mirata redire figuras.
230 Sicuti compositos ostentatura capillos
candentem late speculi explorantis honorem
cum primum carae nutrix admovit alumnae,
laeta ignorato fruitur virguncula ludo
germanaeque putat formam spectare puellae,
235 oscula fulgenti dat non referenda metallo
aut fixas praetemptat acus aut frontis ad oram
vibratos captat digitis extendere crines,
talis ad umbrarum ludibria nautica pubes
ambiguis fruitur veri falsique figuris.
240 Iam vero accessus faciles qua ripa ministrat,
scrutatur toto populatrix turba profundo
heu male defensos penetrali flumine pisces.
Hic, medio procul amne trahens umentia lina,
nodosis decepta plagis examina verrit,
245 ast hic, tranquillo qua labitur agmine flumen,
ducit corticeis fluitantia retia signis;
ille autem, scopulis subiectas pronus in undas,
inclinat lentae convexa cacumina virgae,
inductos escis iaciens letalibus hamos.

225 utque G B L F atque R 230 Sicuti Speck, Schenkl, Cavarzere sic ubi
codd., maiore init. litt. G, Tross, Böcking, Peiper, Hosius, Creighton, Green,
al. sic est Prete sicut Tränkle 231 explorantis G B R expectantis L F
232 cum] quam Haag tum Lachmann iam Ottmann 236 acus] avis B L
237 vibratos] libratos R 240 Iam] maiore init. lit. G | faciles G facilis B
R L F 242 defensus . . . piscis G 247 subiectas B R L F, Tross, Böcking,
Green, Cavarzere deiectas G, Schenkl, Peiper, Hosius, al. adiectas Fuchs coll.
Cic. nat. deor. 2, 144 248 convexa Vinetus, Tross, Böcking, Schenkl, Peiper,
Creighton, Cavarzere conexa codd., Fuchs, Green 249 inductos G, Schenkl,
Peiper, Green, al. indutos B R, Tross, Böcking, Souter, Cavarzere inclytos L
illitos F
Übersetzung 225–249 71

(225) und wie sie die raschen Bewegungen auf der rech-
ten und auf der linken Seite immer wieder ausführen
und im Wechsel der Ruder ihr Gewicht bald dahin, bald
dorthin verlagern, zeigt es andere Schiffer, nämlich die
Abbilder im Nassen. Das junge Schiffsvolk freut sich
selbst über sein Spiegelbild und wundert sich, wie die
Gestalten täuschend durch den Fluß zurückgeworfen
werden. (230) Wie wenn eine Amme, um die schön fri-
sierten Haare zu zeigen, die weithin glänzende Pracht
eines prüfenden Spiegels zum erstenmal einem lieben
Kinde vorhält, das kleine Mädchen fröhlich das bisher
unbekannte Spiel genießt und glaubt, einer Zwillings-
schwester Gestalt zu erblicken, (235) Küsse, die nicht
erwidert werden, dem blitzenden Metall schenkt oder
den Sitz der Nadeln betasten will oder versucht, an der
Stirne Rand die krausen Haare mit ihren Fingern glatt-
zustreichen, ebenso genießt auch beim Spiel der Spiege-
lungen das junge Schiffsvolk die Gestalten, die zwischen
Wahrheit und Trug schweben.
(240) Wo aber nun das Ufer leichte Zugänge
bietet, sucht überall in der Tiefe die plündernde Schar
(der Fischer) nach Fischen, die unten im Fluß ach so
schlecht geschützt sind. Der eine, der fern (vom Ufer)
in der Mitte des Stroms die triefenden Netze schleppt,
fegt die Schwärme zusammen, die durch die maschenrei-
chen Netze mit List eingefangen wurden, (245) aber ein
anderer zieht dort, wo der Fluß in ruhiger Strömung
dahingleitet, die Netze empor, die von Korkzeichen
(getragen) schwimmen; jener aber, auf den Klippen
vornübergebeugt zu den Wogen in der Tiefe, senkt die
gekrümmte Spitze der elastischen Rute hinab, wenn er
die Angelhaken auswirft, auf die todbringende Köder
gesteckt sind.
72 Text 250–275

250 Quos ignara doli postquam vaga turba natantum


rictibus invasit patulaeque per intima fauces
sera occultati senserunt vulnera ferri,
dum trepidant, subit indicium crispoque tremori
vibrantis saetae nutans consentit harundo.
255 Nec mora et excussam stridenti verbere praedam
dexter in obliquum raptat puer: excipit ictum
spiritus, ut fractis quondam per inane flagellis
aura crepat motoque adsibilat aëre ventus.
Exultant udae super arida saxa rapinae
260 luciferique pavent letalia tela diei,
cuique sub amne suo mansit vigor, aëre nostro
segnis anhelatis vitam consumit in auris.
Iam piger invalido vibratur corpore plausus,
torpida supremos patitur iam cauda tremores
265 nec coeunt rictus, haustas sed hiatibus auras
reddit mortiferos expirans branchia flatus.
Sic, ubi fabriles exercet spiritus ignes,
accipit alterno cohibetque foramine ventos
lanea fagineis adludens parma cavernis.
270 Vidi egomet quosdam leti sub fine trementes
collegisse animas, mox in sublime citatos
cernua subiectum praeceps dare corpora in amnem,
desperatarum potientes rursus aquarum;
quos impos damni puer inconsultus ab alto
275 impetit et stolido captat prensare natatu.

253 trepidat Green 254 consentit G B, edd. consensit R L F 257 fractis


codd., Böcking, Tross, def. Hosius, Fuchs, Green, Cavarzere raptis Peiper,
probat Tränkle tractis Schenkl 258 adsibilat L R, Tross, Böcking, Schenkl,
Peiper, Creighton assibilat Hosius, Green, Cavarzere, al. 259 Exultant
maiore init. litt. G 261 cuique Avantius, Tross, Böcking, al. quique G R
L F, Vinetus, Tollius, al. quaeque B quoique Schenkl 268 alternans redhi-
betque Fuchs 269 parma] parva B 270 Vidi maiore init. litt. G 275 stolido]
solido B
Übersetzung 250–275 73

(250) Nachdem dann, die List nicht ahnend, die umher-


schweifende Schar der Fische mit offenen Mäulern nach
ihnen geschnappt hat und der bis ins Innerste weit auf-
gerissene Schlund zu spät die Verwundungen des ver-
borgenen Eisens gespürt hat, steigt, während sie zap-
peln, ein Anzeichen nach oben, und nickend stimmt die
Angelrute zu dem unruhigen Erzittern der vibrierenden
Leine. (255) Und unverzüglich schnellt der Junge ge-
schickt die Beute mit sausendem Schlage heraus und
wirft sie zur Seite: Die Luft erhält einen Schlag, wie
der Luftstrom rauscht, wenn man einmal mit der Peit-
sche ins Leere schlägt, und der Wind pfeift, weil die
Luft bewegt wurde. Die nasse Beute springt über die
trockenen Felsen hin (260) und fürchtet sich vor den
tödlichen Strahlen des lichtbringenden Tages, und der
Fisch, dem unten in seinem Strom die Lebenskraft erhal-
ten blieb, muß in unserer Luft kraftlos beim mühsamen
Ein- und Ausatmen sich zu Tode erschöpfen. Bald erzit-
tert eine matte klatschende Bewegung in dem kraftlo-
sen Körper, bald verspürt der regungslose Schwanz letz-
te Zuckungen, (265) und der klaffende Rachen schließt
sich nicht mehr, sondern die Kieme atmet die Luft, die
durch das geöffnete Maul eingesogen wurde, als todbrin-
genden Hauch wieder aus. So nimmt, wo der Luftzug das
Schmiedefeuer entfacht, eine wollene Ventilscheibe die
Luftströme auf und hält sie, wenn die Öffnung verändert
ist, zurück, indem sie an die aus Buchenholz verfertig-
te Höhlung anschlägt. (270) Ich selbst sah, wie manche
unmittelbar vor dem Ende ihrer Vernichtung zitternd ih-
re Lebenskraft zusammennahmen, alsbald in die Höhe
schnellten und kopfüber ihre Körper in die Tiefe unten
in den Strom stürzten und sich so wieder des Wassers
bemächtigten, auf das sie kaum noch hoffen konnten;
weil er den Verlust nicht ertragen kann, (275) greift sie
der Junge ohne Überlegung von der Höhe herab an und
trachtet danach, sie mit törichten Schwimmbewegungen
zu erhaschen.
74 Text 276–297

Sic Anthedonius Boeotia per freta Glaucus,


gramina gustatu postquam exitialia Circes
expertus carptas moribundis piscibus herbas
sumpsit, Carpathium subiit novus accola pontum.
280 Ille, hamis et rete potens, scrutator operti
Nereos, aequoream solitus converrere Tethyn,
inter captivas fluitavit praedo catervas.
Talia despectant longo per caerula tractu
pendentes saxis instanti culmine villae,
285 quas medius dirimit sinuosis flexibus errans
amnis, et alternas comunt praetoria ripas.
Quis modo Sestiacum pelagus, Nepheleidos Helles
aequor, Abydeni freta quis miretur ephebi,
quis Chalcedonio constratum ab litore pontum,
290 regis opus magni, mediis euripus ubi undis
Europaeque Asiaeque vetat concurrere terras?
Non hic dira freti rabies, non saeva furentum
proelia caurorum; licet hic commercia linguae
iungere et alterno sermonem texere pulsu.
295 Blanda salutiferas permiscent litora voces
et visus et paene manus: resonantia utrimque
verba refert, mediis concurrens fluctibus, echo.

276 Sic maiore init. litt. G 277 Dirces codd., corr. Ugoletus 278 carptas]
tactas Accursius, Prete 281 Nereus B | converrere G convertere B R L F
282 captivas] captatas coni. Green | praeda B 283 Talia maiore init. litt.
G 284 instanti] exstanti Cannegieter 286 comunt G R contra L, om. B F
287 Quis maiore init. litt. G 288 miretur G B R miratur F 290 magnum
codd., corr. Scaliger 292 Non maiore init. litt. G 294 pulsu G B L F, Tross,
Schenkl, Peiper, Hosius, Creighton, Green, Cavarzere, al. plausu R, Böcking
lusu Heinsius 296 visus Markland voces codd., edd. 298 Quis maiore init.
litt. G cultusque G B L F cultus R
Übersetzung 276–297 75

So tauchte auch Glaukos aus Anthedon in der


Böotischen Meerenge, nachdem er Kirkes tödliche
Gräser gekostet, (ihre Wirkung) kennengelernt und
Kräuter, wie sie die sterbenden Fische gefressen hat-
ten, zu sich genommen hatte, als neuer Bewohner in
die See um Karpathos. (280) Jener, der Angelhaken
und Netz beherrschte, der den verborgenen Nereus zu
durchforschen pflegte und gewohnt war, die Meeresflu-
ten der Tethys (mit dem Schleppnetz) auszufegen, der
schwamm als Räuber zwischen den (vorher) gefangenen
Schwärmen umher.
Solches sehen von oben, in langer Reihe im Blau
des Himmels aufgestellt, mit ragendem Giebel die
Landhäuser, die an den Felsen hängen. (285) Mit-
ten zwischen ihnen fließt in geschlängelten Windun-
gen mäandernd der Strom, und prächtige Villen zie-
ren abwechselnd beide Ufer. Wer mag da noch die See
von Sestos, das Meer von Nepheles Tochter Helle, wer
den Sund des Jünglings aus Abydos bewundern, wer
die Flut, die vom Gestade Chalkedons aus mit einer
Brücke, (290) ein Werk des Großkönigs, überwunden
wurde, wo die Meerenge mit ihren dazwischen befind-
lichen Wellen die Länder Europas und Asiens nicht zu-
sammenkommen läßt? Nicht gibt es hier (an der Mo-
sel) das gräßliche Wüten des Meeres, nicht die wilden
Kämpfe der rasenden Nordwestwinde; hier ist es möglich
(von Ufer zu Ufer) Worte zu tauschen und in gegen-
seitigem Zuruf ein Gespräch zu führen. (295) Einladend
lassen die Ufer Grußworte und Blicke wechseln und bei-
nahe schon Hände reichen: Mitten in den Fluten zu-
sammentreffend, läßt von beiden Seiten widerhallende
Worte erschallen das Echo.
76 Text 298–323

Quis potis innumeros cultusque habitusque retexens


pandere tectonicas per singula praedia formas?
300 Non hoc spernat opus Gortynius aliger, aedis
conditor Euboicae, casus quem fingere in auro
conantem Icarios patrii pepulere dolores,
non Philo Cecropius, non qui, laudatus ab hoste,
clara Syracosii traxit certamina belli.
305 Forsan et insignes hominumque operumque labores
hic habuit decimo celebrata volumine Marcei
hebdomas, hic clari viguere Menecratis artes
atque Ephesi spectata manus vel in arce Minervae
Ictinus, magico cui noctua perlita fuco
310 allicit omne genus volucres perimitque tuendo.
Conditor hic forsan fuerit Ptolomaidos aulae
Dinochares, quadro cui in fastigia coni
surgit et ipsa suas consumit pyramis umbras,
iussus ob incesti qui quondam foedus amoris
315 Arsinoen Pharii suspendit in aëre templi.
Spirat enim tecti testudine clorus achates
adflatamque trahit ferrato crine puellam.
Hos ergo aut horum similes est credere dignum
Belgarum in terris scaenas posuisse domorum,
320 molitos celsas, fluvii decoramina, villas:
Haec est natura sublimis in aggere saxi,
haec procurrentis fundata crepidine ripae,
haec refugit captumque sinu sibi vindicat amnem.

300 Non maiore init. litt. B 306 hic codd., Tross, Böcking, Schenkl, Creighton,
Cavarzere, al. hinc Pulmann, Green | habuit] aluit Diggle | margei G B mar
R mergei L, om. F Marcei Schenkl, Peiper, Hosius, Marsili, al. Marci Pul-
mann, Tross, Böcking, Mirmont, Prete, Green, Cavarzere 307 menecratos
codd., corr. Vinetus 310 allicit codd., Tross, Böcking, Schenkl, Green, Cavar-
zere, al. adlicit Peiper, Hosius 311 Conditor maiore init. litt. G 312 quadra
cui G quadro cui R, Tross, Mirmont, Hosius, Creighton, Cavarzere quadro
cuii Tollius, Schenkl quadrec cui B cedro L, om. cui quadrata cui Peiper,
Green, al. cui quadrata Böcking | cono codd., edd., corr. Fuchs 316 clorus
achates] chorus a. G B L F totus Achates R, Tross florus Friedrich, cf. comm.
317 afflatam codd., Tross, Böcking, Schenkl, al. adflatam Peiper, Hosius
318 Hos maiore init. litt. G 321 est] stat Markland | natura] nativi ed. Lugd.,
Schenkl
Übersetzung 298–323 77

Wer ist fähig, die unzähligen prachtvollen Ausge-


staltungen und äußeren Erscheinungen mit Worten
nachzugestalten und die Bauformen in den einzelnen
Besitztümern zu schildern? (300) Nicht dürfte diese
Aufgabe verschmähen der kretische Flügelträger, der
Erbauer des euböischen Tempels, den bei dem Versuch,
das Unglück des Ikarus in Gold darzustellen, die
Schmerzen des Vaters hinderten, nicht (dürfte diese
Aufgabe verschmähen) der Athener Philon, nicht derje-
nige, der, vom Feinde gepriesen, die berühmten Kämpfe
im Krieg um Syrakus in die Länge zog. (305) Vielleicht
hatte auch hier die im zehnten Buch des Markus
gepriesene Siebenzahl (von Architekten) ausgezeichnete
Werke menschlicher Bemühungen geschaffen, (viel-
leicht) haben sich hier die kunstvollen Fertigkeiten
des berühmten Menekrates kraftvoll entfaltet und die
in Ephesos bewunderte Hand oder Iktinos von der
Burg der Minerva, dem eine mit Zaubersaft bestri-
chene Eule (310) alle Arten von Vögeln anlockt und
durch ihren Blick tötet. Vielleicht war hier der Erbauer
des ptolemäischen Königspalastes, Dinochares, dem sich
eine Pyramide mit vier Seiten zur Spitze eines Kegels
erhebt und selbst ihre eigenen Schatten verzehrt, der
einst wegen des Bündnisses unkeuscher Liebe auf Befehl
(ein Bild der) (315) Arsinoe in luftiger Höhe des Tem-
pels von Alexandria aufhängte. Im Gewölbe der Decke
sendet nämlich ein grüner Achat seine Strahlen aus
und zieht die davon getroffene Frauengestalt mit seinen
eisernen Haaren an. Man darf glauben, daß diese oder
ihnen vergleichbare (Künstler) im Lande der Belger die
Hausfassaden errichtet haben, (320) daß sie die em-
porragenden Landhäuser erbauten, Schmuckstücke des
Flusses: Dieses liegt von Natur oben auf einer felsigen
Anhöhe, dieses gegründet auf dem Sockel des vorsprin-
genden Ufers, dieses zieht sich zurück und beansprucht
für sich den Fluß, den es in einer Bucht eingefangen hat.
78 Text 324–348

Illa tenens collem, qui plurimus imminet amni,


325 usurpat faciles per culta, per aspera visus
utque suis fruitur dives speculatio terris.
Quin etiam riguis humili pede condita pratis
compensat celsi bona naturalia montis
sublimique minans irrumpit in aethera tecto,
330 ostentans altam, Pharos ut Memphitica, turrim.
Huic proprium clausos consaepto gurgite pisces
apricas scopulorum inter captare novales.
Haec, summis innixa iugis, labentia subter
flumina despectu iam caligante tuetur.
335 Atria quid memorem viridantibus assita pratis
innumerisque super nitentia tecta columnis?
Quid quae fluminea substructa crepidine fumant
balnea, ferventi cum Mulciber haustus operto
volvit anhelatas tectoria per cava flammas,
340 inclusum glomerans aestu exspirante vaporem?
Vidi ego defessos multo sudore lavacri
fastidisse lacus et frigora piscinarum,
ut vivis fruerentur aquis, mox amne refotos
plaudenti gelidum flumen pepulisse natatu.
345 Quod si Cumanis huc afforet hospes ab oris,
crederet Euboicas simulacra exilia Baias
his donasse locis: tantus cultusque nitorque
allicit et nullum parit oblectatio luxum.

326 utque] atque R | dives] felix G, Böcking, Schenkl, Hosius, John, Marsili,
Creighton 327 Quin codd., maiore init. litt. G illa Green, Cavarzere | riguis]
irriguis B 328 conpensat R, Schenkl, Creighton 330 altam G R alta L F
aliam B 331 proprium G a. c. R, edd. proprium est G p. c. B L F, Marsili
332 novales] canales Heinsius 335 Atria maiore init. litt. G B | adsita G
p.c., Tross, Böcking, Schenkl, Peiper 337 substructa G B R subducta F L
340 expirante codd., Creighton spirante Heinsius, Peiper, Prete 345 Quod
maiore init. litt. G | afforet codd. adforet Tross, Peiper, Prete 347 tantus]
tantum Mommsen, Schenkl 348 allicit codd. adlicit Peiper, Prete
Übersetzung 324–348 79

Jenes liegt auf einem Hügel, der ganz weit den Fluß
überragt, (325) und gewinnt freie Ausblicke auf bebau-
tes wie auf unbebautes Land und eine reiche Aussicht
genießt die Ländereien wie ihr Eigentum. Ja sogar ei-
ne, die im tiefgelegenen Grunde in feuchten Wiesen er-
baut wurde, ersetzt den natürlichen Vorzug eines hohen
Berges und bricht drohend mit ihrem hoch emporragen-
dem Dach in den Äther ein, (330) einen riesigen Turm
zur Schau stellend, wie den ägyptischen Pharus. Ein an-
deres Landhaus wieder hat die Besonderheit, daß man
Fische, die in einem abgegrenzten Wasser eingeschlos-
sen sind, inmitten sonniger Flächen zwischen den Fel-
sen fangen kann. Jenes, das ganz oben auf dem Berg-
rücken liegt, sieht den unten dahingleitenden Fluß in
einer Fernsicht, die sich schon bald im Dunst verliert.
(335) Warum soll ich noch die Hallen erwähnen, gele-
gen an grünenden Wiesen, und warum die Dächer, sich
stützend auf ungezählte Säulen? Was soll ich von den
Bädern sagen, die, auf einem Fundament am Strom er-
baut, hier rauchen, wenn Mulciber, an heißem, verbor-
genem Ort verschlungen, durch die hohlen Wandverklei-
dungen die ausgestoßenen Flammen wälzt (340) und da-
mit den eingeschlossenen Rauch durch die ausströmende
Hitze verdichtet? Ich sah selbst, wie manche, erschöpft
vom vielen Schwitzen in den Thermen, von den Bade-
wannen und kalten Wasserbassins nichts mehr wissen
wollten, um frisches Wasser zu genießen, bald vom Flus-
se wieder erquickt, planschend und schwimmend den
kühlen Fluß aufwühlten. (345) Wenn ein Fremder von
den Küsten Cumaes hierher gekommen wäre, würde er
glauben, das euböische Baiae habe diesen Orten hier be-
scheidene Abbilder gegeben: soviel Schmuck und Glanz
lockt hier, und doch erfordert das Vergnügen keine Ver-
schwendung.
80 Text 349–371

Sed mihi qui tandem finis tua glauca fluenta


350 dicere dignandumque mari memorare, Mosella,
innumeri quod te diversa per ostia late
incurrunt amnes? Quamquam differre meatus
possent, sed celerant in te consumere nomen.
Namque et Promeae Nemesaeque adiuta meatu
355 Sura tuas properat non degener ire sub undas,
Sura interceptis tibi gratificata fluentis,
nobilius permixta tuo sub nomine, quam si
ignoranda patri confunderet ostia Ponto.
Te rapidus Celbis, te marmore clarus Erubris
360 festinant famulis quam primum allambere lymphis:
nobilibus Celbis celebratur piscibus; ille,
praecipiti torquens Cerealia saxa rotatu
stridentesque trahens per levia marmora serras,
audit perpetuos ripa ex utraque tumultus.
365 Praetereo exilem Lesuram tenuemque Drahonum
nec fastiditos Salmonae usurpo fluores:
naviger undisona dudum me mole Saravus
tota veste vocat, longum qui distulit amnem,
fessa sub Augustis ut volveret ostia muris.
370 Nec minor hoc, tacitum qui per sola pinguia labens
stringit frugiferas, felix Alisontia, ripas.

349 Sed maiore init. litt. G B | qui] sit Fuchs 350 Mosella R,
Böcking, Galdi, Fuchs Mosellam G B L F, Tross, Schenkl, Peiper,
Hosius, Green, Cavarzere, al. 354 Promeae Schenkl, al. proneae
G in ras. B R, Tross, Böcking pronea est L <aquis> Promae Bergk
<aquis> Promeae Holford-Strevens 359 Celbis Scaliger, al. gelbis G,
Tross, Böcking belgis B R L F | erubris G R erubrus B L F 360
adlabere G allabere R alabere L allambere B, Hosius, Green, Cavar-
zere adlambere Tross, Böcking, Schenkl, Peiper, Creighton 361 Celbis
Scaliger, al. celsis codd. | celebratur R, Böcking, Schenkl, Fuchs, Green,
Cavarzere celebratus G B L F, Tross, Schenkl dub., Peiper, Hosius
365 drahonum G drabonum R trachorum B draconum L F 367 navi-
ger maiore init. litt. G | me] te Fuchs 369 fessa] festa G | volveret codd.,
Tross, Böcking, Creighton, Green, al. solveret coni. Christ, probat Cavarzere
370/371 post 364 transp. Green 370 nec G B R non L F 371 alisontia G
B L F alisentia R
Übersetzung 349–371 81

Aber wie kann ich endlich ein Ende finden, deine


blaugrünen Fluten (350) zu besingen und dich als dem
Meere ebenbürtig zu preisen, Mosel, weil durch entge-
gengesetzte Mündungen weithin unzählige Flüsse sich in
dich ergießen? Zwar könnten sie ihren Lauf verzögern,
doch beeilen sie sich, in dir ihre Namen aufzugeben.
Und wahrlich, sowohl durch den Wasserlauf der Prüm
und als auch der Nims gestärkt, (355) beeilt die Sauer
sich, selbst gar nicht unedel, in deine Wogen einzutau-
chen, die Sauer, die sich dir aufopfert, nachdem sie man-
chen Flußlauf in sich aufgenommen hat, und, deinem
Namen vereint, berühmter wird, als wenn sie in einer
Mündung, die keiner kennt, sich mit dem Vater Ozean
vermischen würde. In dich will sich die reißende Kyll, in
dich die durch den Marmor berühmte Ruwer (360) mit
dienenden Wassern möglichst bald ergießen: Durch edle
Fische ist die Kyll berühmt; jene, die im herab-
stürzenden Wirbel das Korn zermahlende Steine dreht
und durch glatte Marmorblöcke kreischende Sägen zieht,
hört von beiden Ufern fortwährenden Lärm. (365) Ich
übergehe die kleine Lieser und die schmale Drohn, auch
die wenig anziehenden Wasser der Salm erwähne ich
nicht: die durch ihren brausenden Wogenschwall schiff-
bare Saar ruft mich schon lange (und winkt mir) mit
ihrem ganzen Gewand, die auf eine weite Strecke ih-
ren Flußlauf hinzog, um ermattet unter den kaiser-
lichen Mauern die mündenden Wasser zu wälzen, (370)
und nicht kleiner als diese, die befruchtende Alzette, die
verschwiegen über fette Böden gleitend an fruchtbaren
Ufern entlangfließt.
82 Text 372–391

Mille alii, prout quemque suus magis impetus urget,


esse tui cupiunt: tantus properantibus undis
ambitus aut amor est. Quod si tibi, die Mosella,
375 Smyrna suum vatem vel Mantua clara dedisset,
cederet Iliacis Simois memoratus in oris
nec praeferre suos auderet Thybris honores.
Da veniam, da, Roma potens! Pulsa, oro, facessat
Invidia et Latiae Nemesis non cognita linguae:
<. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . >
380 imperii sedem Romae tenuere parentes.

Salve, magne parens frugumque virumque, Mosella!


Te clari proceres, te bello exercita pubes,
aemula te Latiae decorat facundia linguae.
Quin etiam mores et laetum fronte severa
385 ingenium natura tuis concessit alumnis,
nec sola antiquos ostentat Roma Catones,
aut unus tantum iusti spectator et aequi
pollet Aristides, veteres qui illustrat Athenas.
Verum ego quid laxis nimium spatiatus habenis
390 victus amore tui praeconia detero? Conde,
Musa, chelyn, pulsis extremo carmine netis.

372 mille] totque Fuchs 374 mores codd., Böcking, Schenkl, Peiper,
Hosius, Shackleton Bailey, Green, al. moles Ugoletus, Tross amor est Galdi,
Tränkle, Fuchs, Prete, Badian, Cavarzere | dia codd., edd. die Heinsius, probat
Tränkle 376 oris codd., edd. (horis R) orsis Pichon 378 da Roma G, edd.
mihi Roma B R L F, Tross post 379 lacunam indicant Accursius, Schenkl,
Peiper, Evelyn White, Green, Creighton, Consoli, Cavarzere 380 imperii
<hanc> add. Christ probante Prete, alii alia; cf. comm. | Romae tenuere pa-
rentes codd., Schenkl, Hosius, Green, Cavarzere, al. Romaeque tuere parentes
ed. Par. 1513, Tross Romae tueare parentis Böcking Romae tribuere parentes
Baehrens Romane tuere parentum Peiper dub. Romamque tuere parentem
Mirmont, Prete 381 Salve] maiore init. litt. G B 384 severa B R L F, Tross,
Cavarzere, Green serena G, Böcking, Schenkl, Peiper, Prete 387 spectator
G R L F, Tross, Böcking, Schenkl, Peiper, Creighton, Ternes, Green specula-
tor B sectator Heinsius, Hosius, Fuchs, Cavarzere servator Mirmont, Galdi,
Prete 388 veteresque codd., edd. veteres qui Tross, probat Fuchs veteres
qui clarat Ugoletus 389 Verum] maiore init. litt. G | quid B quod G R L F
390 tui G R tuo L F om. B (tuo in mg.) 391 chelyn G chelin R F chelim
B L | netis R p. c. B, Schenkl, al. neos G necis L F nervis R a. c., Tross,
Böcking, Mirmont, Prete
Übersetzung 372–391 83

Unzählige andere, wie jeden das eigene Verlangen heftig


antreibt, wollen zu dir gehören: so großen Ehrgeiz
oder so große Liebe erfüllt die eilenden Wogen. Wenn
dir, göttliche Mosel, (375) Smyrna oder das berühmte
Mantua seinen Dichter gegeben hätte, dann würde
der Simois, der in Ilions Gegend gerühmt wurde,
zurücktreten, und nicht würde der Tiber es wagen,
seinen Ehren den Vorrang (vor dir) zu geben. Sei
nachsichtig, mächtige Roma, sei es! Neid und Nemesis,
die der Zunge Latiums nicht bekannt ist, mögen, so
bitte ich, vertrieben sich davonmachen: [. . . ] (380) der
Herrschaft Sitz in Rom hatten die Vorfahren inne.

Sei mir gegrüßt, großer Schöpfer der Früchte und


Männer, Moselstrom! Dich zieren berühmter Adel,
dich kriegsgeübte Jungmannschaft, dich Beredsamkeit,
die mit der Zunge Latiums wetteifert. Ja sogar gute
Gesittung und frohen (385) Sinn bei ernster Miene hat
die Natur deinen Zöglingen geschenkt und nicht allein
Rom verweist mit Stolz auf Männer wie den alten Cato
oder nicht gilt Aristides nur allein als Richter über
Recht und Billigkeit, der das alte Athen erstrahlen läßt.
Aber warum durchmesse ich mit lockeren
Zügeln allzu weiten Raum (390) und mindere so,
von Liebe zu dir überwältigt, das Lob, das dir
zusteht? Birg, Muse, die Leier, wenn du die un-
tersten Saiten am Ende des Liedes geschlagen hast.
84 Text 392–417

Tempus erit, cum me studiis ignobilis oti


mulcentem curas seniique aprica foventem
materiae commendet honos. Tum facta viritim
395 Belgarum patriosque canam, decora inclita, mores.
Mollia subtili nebunt mihi carmina filo
Pierides tenuique aptas subtemine telas
percurrent: dabitur nostris quoque purpura fusis.
Quis mihi tum non dictus erit? Memorabo quietos
400 agricolas legumque catos fandique potentes,
praesidium sublime reis, quos curia summos
municipum vidit proceres propriumque senatum,
quos praetextati celebris facundia ludi
contulit ad veteris praeconia Quintiliani,
405 quique suas rexere urbes purumque tribunal
sanguine et innocuas inlustravere secures,
aut Italum populos aquilonigenasque Britannos
praefecturarum titulo tenuere secundo,
quique caput rerum, Romam, populumque patresque
410 tantum non primo rexit sub nomine, quamvis
par fuerit primis. Festinat solvere tandem
errorem Fortuna suum libataque supplens
praemia iam veri fastigia reddat honoris,
nobilibus repetenda nepotibus. At modo coeptum
415 detexatur opus dilata et laude virorum
dicamus laeto per rura virentia tractu
felicem fluvium Rhenique sacremus in undas.

394 honos. Tum distinxit et correxit Di Giovine cum codd. 399 Quis] maiore
init. litt. G | tum G B tunc R tun L tamen F407 versum om. L F
Ugoletus aut Italum codd. aut <qui> vel quique Italum Prete 409 popu-
lumque ed. Par. 1517, Tross, Böcking, al. populique codd. 411 festinat codd.,
Tross, Hosius festinet Böcking, Schenkl, Green, Cavarzere, al. 414 nobilibus,
repetenda distinxit Fuchs 417 undas G undis B R L F
Übersetzung 392–417 85

Es wird eine Zeit kommen, da mich literarischer


Tätigkeiten einer ruhmlosen Muße ein ehrenvoller Stoff
für würdig erachtet, wobei ich die Kümmernisse des
Alters mildern und ihm Sonnenglanz erhalten kann.
Dann werde ich Mann für Mann die Taten (395) der Bel-
ger und der Väter Gesittung, ruhmvolle Zier, besingen.
Gefällige Lieder werden mir mit feinem Faden die Pieri-
den weben und mit zartem Einschlag die angeknüpften
Kettenfäden durchschießen: Auch unseren Spindeln wird
mit Purpur gefärbte Wolle zuteil werden.
Wer wird von mir dann nicht gepriesen sein? Die
stillen Bauern werde ich erwähnen (400) und die Ge-
setzeskundigen und die Redemächtigen, den erhabenen
Schutz der Prozessierenden, diejenigen, welche die Ku-
rie als den höchsten Adel der Bürger und eigenen Se-
nat sah, diejenigen, welche die berühmte Beredsamkeit
der Knabenschule mit dem Ruhm des alten Quintilian
vergleichbar machte, (405) und die ihnen anvertraute
Städte lenkten und einem von Blut reinen Richterstuhl
und Henkersbeilen, die keinen Schaden stifteten, zum
Ruhme verhalfen, oder die die Völker der Italer und der
unter dem Nordwind geborenen Britannen regierten im
Stellvertreteramt der Prätur und wer Rom, das Haupt
der Welt, und das Volk und die Senatoren (Roms) (410)
leitete, lediglich nur nicht unter dem ersten Namen, ob-
wohl er den Ersten gleich war. Endlich beeilt sich For-
tuna, ihren Irrtum zu korrigieren, und indem sie die
geschmälerten Auszeichnungen ergänzt, dürfte sie bald
die höchste Würde wahrer Ehre gewähren, die die edlen
Nachkommen selbst wieder erlangen sollen. Aber mein
soeben begonnenes (415) Werk soll zu Ende gewebt wer-
den, den Lobpreis der Männer wollen wir aufschieben
und den gesegneten Fluß besingen, der im befruchten-
den Strome durch grünende Gefilde dahinzieht, und wir
wollen ihn in die Wogen des Rheins weihen.
86 Text 418–442

Caeruleos nunc, Rhene, sinus hyaloque virentem


pande peplum spatiumque novi metare fluenti,
420 fraternis cumulandus aquis. Nec praemia in undis
sola, sed Augustae veniens quod moenibus urbis
spectavit iunctos natique patrisque triumphos,
hostibus exactis Nicrum super et Lupodunum
et fontem Latiis ignotum annalibus Histri.
425 Haec profligati venit modo laurea belli,
hinc alias aliasque feret. Vos pergite iuncti
et mare purpureum gemino propellite tractu
neu vereare minor, pulcherrime Rhene, videri:
Invidiae nihil hospes habet. Potiere perenni
430 nomine: tu fratrem, famae securus, adopta.
Dives aquis, dives Nymphis, largitor utrique,
alveus extendet geminis divortia ripis
communesque vias diversa per ostia fundet.
Accedent vires, quas Francia quasque Chamaves
435 Germanique tremant: tunc verus habebere limes.
Accedet tanto geminum tibi nomen ab amni,
cumque unus de fonte fluas, dicere Bicornis.

Haec ego, Vivisca ducens ab origine gentem,


Belgarum hospitiis non per nova foedera notus,
440 Ausonius, nomen Latium, patriaque domoque
Gallorum extremos inter celsamque Pyrenen,
temperat ingenuos qua laeta Aquitanica mores,

418–420 post 445 conlocati L F, Ugoletus 418 Caeruleos] maiore init. litt. G |
nunc] hinc Ermenricus 423 Nicrum Rhenanus, edd. nigrum codd., Riese |
et Lupodunum Rhenanus et (est F ) luponudum codd. ad Lupodunum coni.
Mommsen 425 haec codd., Tross, Böcking, Schenkl, Green, al. hinc John,
Cavarzere 426 hinc G (maiore init. litt.), Schenkl, Peiper, Hosius, Creighton,
Prete mox R B L F, Tross, Böcking, Green, Consoli, Cavarzere 431 utri-
que codd. uterque Fuchs 433 vias codd. undas Fuchs | fundet codd., Tross,
Böcking, Schenkl, al. findet Heinsius pandet Peiper 434/5 del. Fuchs
436 amni] amne R 438 Vivisca Scaliger, edd. vivifica codd. 439 non G
B R nunc L F 440 Latium Avantius, edd. Latius codd. 441 pyrenen B R
L pyrenem G F 442 aquitanica G aquitania B R L F (eq- L F ), Mirmont
Übersetzung 418–442 87

Breite nun, Rhein, die dunkelblauen Falten deines


Kleides aus und dein Gewand, das in glasgrüner Farbe
schimmert, und miß den Raum des neuen Flusses aus,
(420) weil du ja mit den geschwisterlichen Wassern dein
vollkommenes Maß erreichen sollst. Und das, was (die
Mosel) auszeichnet, besteht nicht nur in (ihren) Wogen,
sondern auch darin, daß sie, von den Mauern der
kaiserlichen Stadt kommend, den doppelten Triumph
des Sohnes und des Vaters gesehen hat, nachdem die
Feinde über den Neckar getrieben waren und über
Lupodunum und die Quelle des Hister hinaus, die
den Annalen Latiums unbekannt war. (425) Diese
Siegesnachricht eines erfolgreich beendeten Krieges
kam soeben, von nun an wird (die Mosel) andere
und wieder andere (Siegesnachrichten) bringen. Setzt
ihr beide vereinigt euren Weg fort und treibt das
purpurfarbene Meer in geschwisterlichem Zuge vor euch
her und fürchte nicht, wunderschöner Rhein, geringer
zu erscheinen: Ein Gastgeber kennt keine Mißgunst. Du
wirst deinen (430) Namen für immer besitzen: Nimm
du deinen Bruder an, unbesorgt um deinen eigenen
Ruhm. Reich an Wassern, reich an Nymphen, reich
beschenkend beide (Zuflüsse), wird das Flußbett für die
geschwisterlichen Ufer seine Breite weit ausdehnen und
gemeinsam die durch verschiedene Mündungen (sich
ergießenden) Wasserwege strömen lassen. Dir werden
Kräfte zufließen, vor denen das Siedlungsgebiet der
Franken und vor denen die Chamaven und Germanen
zittern: dann wirst du als wahrer Grenzwall gelten.
Zukommen wird dir ein doppelter Name durch so
gewaltigen Strom und obwohl du nur als ein einzelner
aus der Quelle fließest, wirst du Bicornis“ heißen.

Das besinge ich, der ich aus dem Viviskerstamme
meine Herkunft ableite, belgischer Gastfreundschaft
nicht erst durch jüngste Bande bekannt, (440) Auso-
nius, mit römischem Namen, nach Heimat und
Vaterhaus von dort zwischen den Grenzstämmen
der Gallier und den hohen Pyrenäen, wo das
fruchtbare Aquitanien edle Gesittung heranbildet,
88 Text 443–468

audax exigua fide concino. Fas mihi sacrum


perstrinxisse amnem tenui libamine Musae,
445 nec laudem adfecto, veniam peto: sunt tibi multi,
alme amnis, sacros qui sollicitare fluores
Aonidum totamque solent haurire Aganippen.
Ast ego, quanta mei dederit se vena liquoris,
Burdigalam cum me in patriam nidumque senectae
450 Augustus pater et nati, mea maxima cura,
(fascibus Ausoniis decoratum et honore curuli)
mittent emeritae post munera disciplinae,
latius Arctoi praeconia persequar amnis.
Addam urbes, tacito quas subter laberis alveo,
455 moeniaque antiquis te prospectantia muris
addam praesidiis dubiarum condita rerum,
sed modo securis non castra, sed horrea Belgis,
addam felices ripa ex utraque colonos
teque inter medios hominumque boumque labores
460 stringentem ripas et pinguia culta secantem.
Non tibi se Liger anteferet, non Axona praeceps,
Matrona non, Gallis Belgisque intersita finis,
Santonico refluus non ipse Carantonus aestu;
concedet gelido Durani de monte volutus
465 amnis et auriferum postponet Gallia Tarnen
insanumque ruens per saxa rotantia late
in mare purpureum, dominae tamen ante Mosellae
nomine adorato, Tarbellicus ibit Aturrus.

447 totam] doctam Markland 448 Ast] maiore init. litt. G | quanta
G B R tanta L F | mei codd., Tross, Böcking, Schenkl, al. mihi
Fuchs, probant Green, Cavarzere tanta meri Avantius | liquoris codd., edd.
vigoris Fuchs 450 Augustus pater et nati codd., edd. Augustus pater
et natus Avantius, Tross Augusti pater et natus Mirmont 452 munera
G tempora alii 454 subter laberis Böcking, Hosius subterlaberis Tross,
Schenkl, al. 458 addam <et> Prete 461 Non] maiore init. litt. G | axo-
na G L F uxona B anxona R 462 finis Pulmann, edd. fines codd.
463 refluus ed. Lugd., edd. profluus codd. 464 concedet codd., Tross,
Böcking, Schenkl, al. concedes gelido, Durani, Scaliger, Pulmann, Pei-
per, Prete 465 Tarnem ed. Lugd., Tross, Green, Cavarzere Tarnen G
B R, Böcking, Peiper, Hosius, Creighton Tarnim Green dub. tandem
L F 466 insanus Voit 467 dominae codd., edd. domini Heinsius, Graevius,
probat Tränkle 468 nomine codd., Green, Cavarzere numine Scaliger, Tross,
Böcking, Schenkl, al. | Tarbellius codd., corr. Accursius
Übersetzung 443–468 89

kühn mit bescheidener Leier. Es möge mir erlaubt sein,


den heiligen Strom mit einer bescheidenen Opfergabe
meiner Muse kurz erwähnt zu haben, (445) und Lob be-
gehre ich nicht, Verzeihung erbitte ich: du hast ja viele
(Sänger), nährender Strom, die die heiligen Fluten der
Musen aufzuwühlen und die Aganippequelle ganz aus-
zutrinken pflegen.
Aber ich werde, wie gering sich die Ader meines dich-
terischen Könnens gezeigt hat, dann, wenn mich in das
heimatliche Bordeaux und in meines Alters Nest, (450)
Augustus, der Vater, und die Söhne, meine größte Sor-
ge, (mit den Rutenbündeln Italiens und der kurulischen
Ehre ausgezeichnet,) schicken werden nach den Aufga-
ben des Unterrichts, den ich erfüllt habe, in noch brei-
terem Umfange das Lob des Stromes im Norden vollen-
den. Hinzufügen werde ich Städte, an denen du im stil-
len Flußbett vorbeigleitest, (455) und Bauwerke, die mit
alten Mauern auf dich blicken, werde ich hinzufügen,
die zum Schutz in gefährlichen Zeiten errichtet wur-
den, aber bald für die sicheren Belger keine Kastelle,
sondern Getreidespeicher wurden, hinzufügen werde ich
glückliche Bauern auf beiden Ufern und dich, wie du
mitten zwischen den Arbeiten der Menschen und Rinder
(460) an den Ufern entlanggleitest und die fetten Fluren
durchschneidest. Nicht wird dich die Loire übertreffen,
nicht die reißende Aisne, nicht die Marne, die als Gren-
ze zwischen Galliern und Belgern liegt, selbst nicht die
Charente, die wegen der Santonische Flut zurückwogt.
Zurückstehen wirst du, Dordogne, du Strom, der sich
von eisigen Bergen herabwälzt, (465) und Gallien wird
den goldführenden Tarn hintanstellen und ungestüm
stürzend über sich drehende Felsen wird weithin ins pur-
purfarbene Meer, nachdem er doch zuvor dem Namen
seiner Herrin, der Mosel, die Ehre erwiesen hat, dahin-
strömen der Tarbellische Adour.
90 Text 469–483

Corniger, externas celebrande, Mosella, per oras,


470 nec solis celebrande locis, ubi fonte superno
exseris auratum taurinae frontis honorem
quave trahis placidos sinuosa per arva meatus
vel qua Germanis sub portibus ostia solvis:
si quis honos tenui volet adspirare Camenae,
475 ponere si quis in his dignabitur otia Musis,
ibis in ora hominum laetoque fovebere cantu.
Te fontes vivique lacus, te caerula noscent
flumina, te veteres, pagorum gloria, luci,
te Druna, te sparsis incerta Druentia ripis
480 Alpinique colent fluvii duplicemque per urbem
qui meat et dextrae Rhodanus dat nomina ripae,
te stagnis ego caeruleis magnumque sonoris
amnibus, aequoreae te commendabo Garumnae.

469 Corniger maiore init. litt. G | celebrande B R celebranda G L F


470 celebrande G p. c. B R celebranda G a. c. L F | superno G, Bar-
thius, Mirmont, Hosius, Cavarzere supremo cett., Tross, Böcking, Schenkl,
Prete, al. 471 exeris codd., Böcking, Schenkl, Peiper, Hosius, Prete exseris
Tross, Green, Cavarzere 472 quaque codd., Tross, Hosius, Green, Cavarzere
quave Böcking, Schenkl, Peiper 473 portubus F, Tross, Böcking, Mirmont
474 volet] valet R | aspirare codd., Böcking, Schenkl, al. adspirare Tross,
Peiper, Prete 475 perdere codd., edd. ponere Fuchs 479 sparsis codd., edd.
spretis Fuchs 483 om. L F | garunnae B R garonnae G Explic̄ Decimi
Magni Ausonii Mosella G Expl Mosella B Explicit Moysella Ausonii L
Übersetzung 469–483 91

Hörnertragende Mosel, zu feiern in fernen Gegenden,


(470) und nicht allein in jenen Gefilden zu feiern, wo
du aus hochgelegener Quelle die vergoldete Zier deiner
stiergestaltigen Stirn emporhebst oder wo du sanfte We-
ge durch die gewundenen Fluren ziehst oder wo du un-
terhalb des germanischen Hafens deine Mündung hast:
Wenn irgendwelche Ehre bescheidener Muse förderlich
sein will, (475) wenn jemand es für würdig halten wird,
bei diesen Versen seine Muße abzulegen, dann wirst du
durch aller Munde gehn und wirst in frohem Sang ge-
priesen sein. Dich werden die Quellen und die sprudeln-
den Seen, dich die blauen Flüsse kennen, dich die alten
Haine, der Gaue Ruhm, dich werden die Drome, dich
die Durance, die unbestimmt mit geteilten Wasserläufen
dahinfließt (480) und dich werden die Alpenflüsse vereh-
ren, und die Rhône, die durch die doppelte Stadt geht
und dem rechten Ufer seinen Namen gibt, dich werde
ich den blauen Gewässern und den gewaltig rauschenden
Strömen empfehlen, dich der meeresgleichen Garonne.
Kommentar
Vorbemerkung: Soweit Parallelstellen, Similia und Literaturhinweise bereits in
früheren Ausgaben oder Kommentaren genannt und hier übernommen sind,
werden sie auch wie folgt gekennzeichnet: A E = Alvar Ezquerra, Edition; B =
Böcking 1842; C = Cavarzere, Kommentar; Co = Consoli, Edition; Cr = Can-
negieter; D = Delachaux [3.3.]; Di Salvo = Di Salvo, Ed. Ordo urbium nobilium;
Fr = Freher; G = Green, Kommentar; H = Hosius, Kommentar; I = Illuminati,
Satura odeporica; M 1 = Mirmont 1889; M 2 = Mirmont 1892, Appendix B,
S. 280–293; Ma = Manitius [3.1.]; Mi = Marsili, Edition; P = Peiper, Edition;
S = Schenkl, Edition; Sc = Scaliger 1588 ; T = Ternes, Kommentar; Tr =
Tross 1824; V = Vinet; W = Wamser [3.2.]. Ziffern in [ ] verweisen, v. a. in
Zweifelsfällen, auf die entsprechenden Abschnitte des Systematischen Litera-
turverzeichnisses. Binnenreim (BR) sowie hervorgehobene Wortstellungen (vgl.
Einleitung S. 23) nach dem Schema a,b/A,B bzw. a,b/B,A (und Varianten) und
des Versus aureus“ (a,b/V/A,B bzw. a,b/V/B,A) sind in der Regel notiert.

A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

Die Einleitung besteht, anstelle eines Proömiums (Scafoglio, Tecnica


allusiva [3.2.] 448), aus einer Zweiergruppe von je 11 Versen, die durch
die Thematik des Iter (vgl. Einleitung S. 29 f.) einerseits deutlich von
der Bilderfolge des übrigen Gedichts abgehoben ist, andererseits in
ihrem zweiten Teil bereits einen Gesamteindruck dessen bietet, was im
folgenden detailliert ausgeführt wird. Dabei wird der Weg von Bingen
bis auf die Höhe oberhalb von Neumagen entsprechend dem realen
Verlauf der römischen Fernstraße dargestellt. Zugleich enthält die Be-
schreibung starke symbolisch-imaginative Elemente. Ohne Angabe eines
festen Datums oder einer bestimmten Jahreszeit wird mit deutlichen
literarischen Reminiszenzen eine Reise aus einer eher zivilisationsfernen,
atmosphärisch bedrückenden Gegend in eine lichtdurchstrahlte, von
natürlicher Schönheit und menschlicher Zivilisation geprägte Landschaft
geschildert.

I. Der Weg von Bingen nach Neumagen (1–11)

Ausonius nähert sich seinem Thema mit einer Wegbeschreibung.


Die Strecke, die nach Angabe der Peutingerschen Tafel 44 Leugen =
97,9 km betrug (Marx, RhM N. F. 80, 1931, 375; die einzelnen Abschnitte
96 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

des Weges entsprechend der Tabula Peutingeriana nennt Illuminati zu


V. 5–11; vgl. die Abb. Katalog Mosel und Saar S. 131; Schönberger,
Ed. S. 58), könnte zwar im Extremfall an einem langen Sommertag
zurückgelegt werden (vgl. V. 10 tandem), wenn man als durchschnittliche
tägliche Reisestrecke mit gewechselten Transportmitteln 50–60 Meilen
(= 75–90 km) annimmt (LAW 3217; ausführlich zu diesen Fragen
A. Kolb: Transport und Nachrichtentransfer im Römischen Reich, Berlin
2000, 308 ff.). Aber selbst dann kann das von Neumagen noch 45 km ent-
fernte Trier nicht das Tagesziel sein. Die direkte Entfernung von Bingen
nach Trier beträgt nach Angabe eines in Bingen gefundenen Meilensteins
aus dem Jahr 202/203 (AE 1979, 418) 48 Leugen = 105,6 km (abgebildet
bei Ziethen [3.1.] S. 44 Abb. 20 mit Lit. Anm. 140). Mehr als eine
Tagesreise erwägt daher mit Recht Green, Komm. zu V. 1 nebuloso, denn
die normale Tagesleistung eines hohen Würdenträgers im carpentum
betrug etwa 25 Meilen (Coşkun [3.1.] 194). Als Übernachtungsort bot sich
Tabernae (s. u. zu V. 8) an der Provinzgrenze an. Ausonius selbst gibt
keinen Hinweis auf eine Zwischenstation; auch praetereo (V. 7) spricht
eher dagegen.
Da es jedoch bei dieser Reiseschilderung mehr auf den atmosphärischen
Gesamteindruck ankommt (vgl. Cavarzere, Komm. S. 9 und S. 57), spielen
diese Überlegungen über die Länge der Wegstrecke für die Interpretation
eine untergeordnete Rolle. Es entsteht vielmehr der Eindruck, Ausonius
wolle den langen (V. 10 et tandem), unerfreulichen Weg möglichst rasch
hinter sich bringen. Mit starker Fiktionalität rechnen Green (Komm.
S. 456 und S. 463 zu V. 1–22), Dräger (s. zu V. 1; zurückgewiesen von
Coşkun, REA 104, 2002, 413 Anm. 44), Soler [3.2.] 310–313, Burnier
[3.2.] 67 Anm. 16, während Sivan [3.1.] 106 die Realität der Topographie
(vgl. auch V. 16 und 21) und der Ereignisse hervorhebt. Cesareo [3.2.]
19 weist auf die autobiographischen Züge hin ( tutto l’epillio è un

contributo ora rilevante, ora superficiale, all’autobiografia del poeta“),
ebenso Martin [3.2.] 251 auf die Empfindung des Dichters bei seiner
Rückkehr aus dem Barbarenland. Daraus dürfen jedoch keine Schlüsse
für die Datierung der Mosella gezogen werden (richtig Green, Historia
46, 1997, 214 gegen Sivan [3.1.] 383–394). Auch wenn die Beschreibung
mit keinem bestimmten Ereignis oder einem festen Datum verbunden ist,
wird man sie kaum als fiktional bewerten dürfen. Und da Ausonius mit
großer Wahrscheinlichkeit an den Feldzügen der Jahre 368–370 teilnahm
(vgl. Einleitung S. 16 f.), hat er vermutlich die Strecke während seines
Trierer Aufenthalts öfters zurückgelegt (Ternes, Topographie [3.2.] 211
mit der älteren Literatur zu den genannten Orten; Green l. c.; Gilles [3.1.]
32), sodaß weder die seit Freher immer wieder vermutete Verknüpfung
mit einem bestimmten Feldzug noch die Bewertung fiktiv“ zutreffen.

I. Der Weg von Bingen nach Neumagen (1–11) 97

Vielmehr ist die schon in den Einleitungsversen zu beobachtende Ver-


schmelzung von topographischer Realität und Imagination bzw. Fiktion
einer Reise charakteristisch für das gesamte Gedicht; vgl. Einleitung S. 35.
Ausgehend von einer Stätte erneuerter römischer Präsenz führt der
Weg durch einen düsteren, unbewohnten und armen Landstrich in
das bewohnte, heitere und fruchtbare Moseltal. Die Darstellung des
Reiseverlaufs wird begleitet von einer Reihe von Hinweisen, die sich
jeweils auf Gewässer beziehen: nebelverhangene, schnell fließende Nahe,
wasserarmes Dumnissus, wasserreiche Tabernae. Damit konkurriert die
durchgehende Thematik römischer imperialer Macht in Vergangenheit
und Gegenwart: Anfang und Ende des ersten Reiseabschnitts bilden die
Erwähnungen von Monumenten römischer Herrschaft, die die Sicherheit
des Landes gewährleisten. Innerhalb dieses Sicherheitsbereichs sind
auch Ansiedlungen dort möglich, wo bisher keine menschliche Sied-
lungstätigkeit zu verzeichnen ist. Daß diese Sicherheit erst dem Erfolg
römischer Waffen zu verdanken ist, zeigt der Hinweis auf eine gallische
Niederlage und die angeblich noch unbestatteten Leichenhaufen. Sicher
scheint, daß Ausonius als hochgestellte Persönlichkeit weder realiter
noch fiktiv ohne Begleitung oder gar militärischen Schutz reiste (Green
S. 463 mit Hinweis auf das bei Amm. 28, 2, 10 geschilderte Räuberunwesen
auf Galliens Straßen zur Zeit Valentinians; dazu auch Paschoud [3.1.]
26), auch wenn er keine Reisebegleiter nennt. Aber selbst bei Annahme
starker Fiktionalität sollte man nicht von einer Wanderung“ (Görler

[3.2.] 96 = 148 u. a.) oder einem Marsch“ (Dräger, Ed. 2011, 341)

sprechen, zumal ire und Komposita auch die Fortbewegung zu Pferd oder
mit einem Fahrzeug ausdrücken (Ov. met. 2, 137; ThlL V 2, 635, 55 ff.).
Bemerkenswert ist dabei auch, daß Ausonius den ersten Teil des Weges
trotz der düsteren Atmosphäre zwar als menschenleer und zivilisations-
fern (V. 5 f.), aber im Gegensatz zur Schilderung bei Vergil (s. u. zu
V. 1–4) keinesfalls als unheimlich und gefahrvoll darstellt, wie Görler
[3.2.] 96 = 148 meint (und was im Text keine Stütze findet), denn
gerade auch die Hinweise auf die römische Machtpräsenz unterstrei-
chen vielmehr die Sicherheit des Landes und damit die des Reisens
auf der heute so genannten Ausoniusstraße“ (vgl. zu V. 5–11). – Im

übrigen entspricht die einleitende Formulierung auch der rhetorischen
Vorschrift, mit einem Gegensatz zu beginnen (Korzeniewski, RhM N. F.
106, 1963, 82 Anm. 10 mit Hinweis auf Menander, Rhet. gr. III S. 382,
11 ff. Sp. und – weniger überzeugend – auf den Anfang von Stat. silv. 2, 2).

1–5 transieram . . . ingrediens: Green, Komm. S. 463, verweist


auf die gleiche Erzählsituation (Jupiter sucht Lykaon auf) Ov. met.
1, 216–219 (216 Maenala transieram latebris horrenda ferarum . . . 219
98 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

ingredior ), nach Cavarzere, Komm. S. 57 coerente al paesaggio qui



descritto“.

1–4: Der Ausgangspunkt der Reise wird von Görler [3.2.] 96 ff. =


149 ff. als Gegensatz zu den Versen 11 ff. verstanden und mit Vergils
Schilderung von der Überfahrt des Aeneas über Acheron und Styx ver-
glichen; das Motiv wird bei der Beschreibung des Ufers V. 45–54 wieder
aufgegriffen. Der Gegensatz zwischen der Schilderung des Reiseweges und
des Moseltals ist unbestreitbar und wird durch die schon von früheren
Herausgebern beigebrachten sprachlichen Parallelen unterstrichen. Auch
der Hinweis auf die unbestatteten Leichenhaufen“ verstärkt durch die

enge sprachliche Verknüpfung mit Vergil (s. u.) eine Atmophäre, die
als chthonisch“ (Cavarzere, Komm. S. 58, spricht von der Atmosphäre

eines paesaggio ctonio“) oder auch als nordisch“ (Scafoglio, Tecnica
” ”
allusiva [3.2.] 448: tenebroso paesaggio nordico“), ja sogar als Katabasis

( catabase initiatique . . . descente aux Enfers“ Soler [3.2.] 310 nach

Galand-Hallyn [3.2.], der 342 f. in dem ganzen Abschnitt etwas Traumhaf-
tes sieht, un rêve sous contrôle“) empfunden wird. Das Ziel der Reise ist

aber nicht, wie bei Vergil, die Unterwelt und das unterirdische Elysium
mit eigener Sonne und eigenen Gestirnen, von wo zurückzukehren nur
wenigen vergönnt ist, sondern das vom irdischen Sonnenlicht durchflutete
Moseltal. – Dräger (KTJ 37, 1997, 32 u. ö.) erkannte das Telestichon
MOSAE/MOSE. Ausonius huldige der Mosa (Maas, Meuse), von deren
Namen der der Mosella ( kleine Maas“) abgeleitet ist (vgl. Einleitung

S. 6), wie V. 416–437 die Mosella dem Rhenus huldigen werde.

1: Der unvermittelte, ja überraschende (Cavarzere, Komm. S. 57)


Einsatz der Wegbeschreibung entspricht Hor. sat. 1, 5, 1 egressum magna
me accepit Aricia Roma und war vielleicht charakteristisch für die
Gattung des Reisegedichts; O’Daly [3.2.] 146 erinnert an Hor. sat.
1, 9, 1 ibam . . . via Sacra; vgl. auch Scafoglio, WS 117, 2004, 169. Man
sollte daher nicht mit Fuchs [3.2.] 174 an den Verlust einleitender Verse
denken, abgelehnt auch von Green, Komm. z. St. ( a carefully calculated

opening“) sowie Cavarzere, Paideia 57, 2002, 51 und Komm. S. 7.
Unbewiesen bleibt auch, ob dem Werk eine Prosavorrede vorausging; vgl.
Liebermann [3.1.] 298 f. – Ausonius überquert frühmorgens (nebuloso
flumine) die Nahe bei Bingen. Die Bedeutungen nebelverhangen“

und düster“ sind nicht zu trennen (Görler [3.2.] 96 f. = 148 ff. nennt

weitere Belege zum Nebel“ der Unterweltsflüsse). In Hinblick auf die

V. 163–168 geschilderte Szene im Weinberg darf man auch hier einen
Hinweis auf die spätsommerliche oder herbstliche Jahreszeit sehen; vgl.
zu V. 203. Hochsommer“ vermutet Hosius zu V. 7. – Die Nahebrücke ist

I. Der Weg von Bingen nach Neumagen (1–11) 99

nicht identisch mit der sog. Drususbrücke, die als älteste nichtrömische
Steinbrücke unter dem Mainzer Erzbischof Willigis (975–1011) erbaut
wurde und für die römisches Alter, wie öfters in der Literatur behauptet,
bisher nicht erwiesen ist. Dagegen konnte durch den Fund von Resten von
Eichenpfählen 1983 die römische Nahebrücke, eine im Zuge der Fernstraße
Mainz–Köln im Jahre 77 errichtete Pfahlrostbrücke, lokalisiert werden
(G. Rupprecht, in: Cüppers 333 f.; Ziethen [3.1.] 46 f., dort als Abb. 22 ein
hypothetisches Modell der Brücke). Holzproben des Jahres 305 bezeugen
Arbeiten an der Uferbefestigung. Über den Zustand zur Zeit des Ausonius
scheint nichts bekannt zu sein; vgl. auch zu V. 2. transieram: Vor
Ausonius ist die seltene Verbalform außer an der zu V. 1–5 genannten
Metamorphosenstelle nur noch Ov. epist. 21, 82 belegt (Cavarzere,
Komm. S. 57, mit weitergehenden Überlegungen zu den Reminiszenzen);
vergleichbare Versanfänge sind (mit anderer Bedeutung) Verg. georg.
2, 102 und Aen. 10, 185 transierim (W S. 15). Das Plusquamperfekt (zu
diesem Gebrauch vgl. L.-H.-Sz. II 320 f.) gliedert den Reiseverlauf zeitlich
und formuliert den Beginn, gefolgt von den lebhaft erzählenden Praesen-
tien (V. 5) ingrediens, (V. 7) praetereo und (V. 10) conspicor , wie sie für
die Textsorte Iter charakteristisch sind und die dem Leser den Eindruck
vermitteln, an dem Geschehen unmittelbar teilzunehmen (Burnier [3.2.]
67). celerem: Im Gegensatz zum Lauf der Mosel (V. 21 f., V. 35 –
Green, Komm. z. St.). Mos. 45 nec piger zeigt aber, daß es Ausonius hier
nicht so sehr um die Anspielung auf einen reißenden Unterweltsfluß geht
(Görler [3.2.] 97 Anm. 1 = 150 Anm. 1) als vielmehr um den Kontrast
zu den Qualitäten der Mosel. flumine: Die eindeutige Überlieferung
flumine (vor zweisilbigem Wort am Hexameterschluß auch Catull. 67, 33
flavos quam molli percurrit flumine Mella; Verg. Aen. 9, 31 pingui flumine
Nilus – M 2) wurde von Scaliger [3.2.] 12 geändert in lumine nach Auson.
Cup. 8 nebuloso lumine, von Mommsen in flamine. Beide Vorschläge
sind von Green, Komm. z. St., zurückgewiesen worden, ausführlich
begründet auch von Cavarzere, Paideia 57, 2002, 51 und Komm. S. 57 f.
Bei Verg. Aen. 2, 305 rapidus montano flumine torrens, 7, 30 = 8, 31
fluvio Tiberinus amoeno und 9, 31 (Hosius mit weiteren Belegen) liegt der
gleiche deskriptive Ablativ“ (so Austin II 139, unbestimmter Cavarzere,

Komm. S. 57: strumentale“) wie hier vor und wird danach in der

Dichtersprache üblich. Cavarzere, Paideia 57, 2002, 53 und Komm. z. St.
charakterisiert diese stilistische Erscheinung dagegen nach Sc. Mariotti
und A. La Penna als nominis commutatio reflessiva“, definiert als kühne

Form stilistischer Redundanz, die aus der pleonastischen Wiederholung
eines Substantivs durch ein Synonym in einem anderen Kasus innerhalb
des gleichen Satzes besteht. Synonymität liegt jedoch hier ebenso wenig
wie V. 245 tranquillo . . . agmine flumen vor. – In dem Chiasmus der
100 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

Adjektive und Substantive celerem nebuloso flumine Navam (a,b/B,A;


ebenso V. 2) zeigt sich nach Cavarzere, Komm. S. 57, von Anfang an
die rhetorische Ausformung des preziösen Stils, der für die spätantike
Poesie (und besonders für Ausonius) charakteristisch ist (vgl. Einleitung
S. 25), sodaß man darin nicht (wie Consoli, Ed. S. 61 Anm. 1) eine
besondere Aufwertung des ersten Verses sehen muß. Navam: Nur
noch Tac. hist. 4, 70, 4 erwähnt, als i. J. 70 im Bataverkrieg Sextilius Felix
den Anführer der Aufständischen, Iulius Tutor, am Nordufer der Nahe
schlägt. Ausgehend von der Ausonius-Stelle wurde, kaum überzeugend,
für die Etymologie des Namens ein Zusammenhang mit griech. νέφος
erwogen (K. Schumacher: Beiträge zur Topographie und Geschichte
der Rheinlande I. Auf den Pfaden des Ausonius. Mainzer Zeitschrift 5,
1910, 8–22, hier 14–17; Hagen [3.1.] S. 6). Ausführlich zu Flußverlauf
und Namensform RE XVI (1935) 1885–1888 s. v. Nava; Weisgerber 329;
Rasch 74; Berger 207; Falileyev 167; Dräger, Ed. 2011, 339 mit Lit.

2: Die Anfänge des römischen Bingen am rechten Naheufer (vgl.


auch unten zu miratus) gehen vermutlich auf ein archäologisch bis
heute nicht nachgewiesenes Holz-Erde-Kastell von Auxiliartruppen
zurück (zu dieser Frage zuletzt Ziethen [3.1.] 37 ff.), die seit der
1. Hälfte des 1. Jh. n. Chr. die Nahebrücke (s. o. zu V. 1) im Ver-
lauf der Rheintalstraße zu sichern hatten (Funde von Grabsteinen);
zusammenfassend zur Geschichte des römischen Bingen Ziethen [3.1.]
und Knöchlein [3.1.]. Nach dem Germaneneinfall von 350 ließ Kaiser
Iulianus 359 den Ort durch eine Umfassungsmauer befestigen (Amm.
18, 2, 3 ff.), deren Verlauf an verschiedenen Stellen im heutigen Ort
nachgewiesen ist (H. Klumbach, in: Nördliches Rheinhessen, FVFD
12, 1972, 127 ff.; zum gegenwärtigen Stand der Forschung Knöchlein
[3.1.] 149). So wurde Bingen auch Teil des Valentinianischen Grenz-
sicherungssystems (Amm. 28, 2, 1 und 30, 7, 5 f.; zitiert bei Cavarzere
S. 58). Der Ortsname erscheint in den Formen Bingium (Tac.), Vingium
(Tab. Peut.), Vingum (Meilenstein von Tongern: Dessau 5839), Bingum
(Geograph von Ravenna 4, 25), Vingo (Amm. 18, 2, 4); alle Belege ThlL
II 1992, 59–69. Auf den Dat. Vinco führt die hsl. Überlieferung vico; vgl.
Minola [3.1.], 2. Aufl. 155; Mirmont 1892, 22 f. Green, Komm., rechnet mit
Hinweis auf V. 359 gelbis / Celbis, V. 423 nigrum / Nicrum (vgl. auch zu
V. 306 Marcei ) mit der in den Handschriften üblichen Verwechslung von
c und g. Zur unerklärten Namensform vgl. Rasch 29 und 193; Berger 62;
Falileyev 74. miratus: Marx, RhM N. F. 80, 1931, 376 sah darin, wohl
kaum zutreffend, einen Hinweis auf einen offiziellen Inspektionsbesuch.
Den Gebrauch von mirari bei Ausonius bespricht Di Salvo 171 zu ordo
35 = 7, 1 ( Quest’ammirazione per l’opera dell’artefice è una spiccata

I. Der Weg von Bingen nach Neumagen (1–11) 101

caratteristica ausoniana“); vgl. zu V. 43 miraris und Mandile [3.1.] 31 f. –


Das Part. Perf. bezeichnet ebensowenig die Vorzeitigkeit (Cavarzere
dopo aver ammirato“) wie V. 5 ingrediens die Gleichzeitigkeit; vgl.

L.-H.-Sz. II 387 (Part. Praes. als Ersatz für fehlendes Part. Perf. Act.)
und V. 391 (Part. Perf. von Deponentien praesentisch) und kann daher
nicht als literarischer Beleg für die Lokalisierung Bingens auf dem
rechten, südlichen Naheufer dienen (vgl. schon Hosius z. St.). Eher ist mit
Sivan [3.1.] S. 34 (Literaturnachweise dort S. 178 Anm. 21) auf den auch
sonst bezeugten Eindruck hinzuweisen, den die Ummauerung spätantiker
Städte auf den Besucher machte ( Upon approaching a city in late

Roman Gaul a visitor would have been immediately struck by its walls.
By far the most typical feature of the cityscape, walls also represented
the essence of urbanism in visual illustrations of late antique landscapes,
from maps to mosaics and small objects“). Auf einen realen Reiseverlauf
bezogen evoziert Ausonius offensichtlich den Blick zurück beim Verlassen
der Stadt. In seinem Panegyricus des Jahres 370 spricht Symmachus
(or. 2, 22) bei der Beschreibung des Burgus von Mannheim-Neckarau
von der conspicua moenium dignitas. Im Ordo urbium nobilium sind die
Mauern von Trier (ordo 32 = 6, 5 lata per extentum procurrunt moenia
collem) und Toulouse (ordo 99 = 18, 2 coctilibus muris quam circuit
ambitus ingens) besonders hervorgehoben; vgl. auch zu V. 327–330 sowie
Di Salvo S. 168 f. und die Worte des Panegyrikers, zitiert Einleitung
S. 4 Anm. 15. Dagegen wird V. 24 (vgl. V. 421) mit moenia Trier selbst
umschrieben; vgl. ordo 79 = 10, 7 moenia Städte“. veteri nova

moenia: Außer im Kontrast zu nova (vgl. zu V. 207) sieht Green,
Komm. z. St., in dem Attribut veteri eine Vorbereitung des Lesers auf
das folgende historische Detail und versteht die besondere hexametrische
Junktur (LHL 3, 569) nova moenia als Reminiszenz an Ov. met. 14, 82
und fast. 2, 481, wo von den Mauern, die Aeneas bzw. Romulus errichtete,
gesprochen wird. Diese Anspielung passe zu der Absicht des Dichters, das
Land als neues Zentrum der römischen Welt darzustellen. Damit ist aber
Bingen primär nicht semblable à un immmense cimitière“ (Soler [3.2.]

310), sondern Dokument römischer Präsenz. Zur Junktur moenia Vinco
verweist Wamser S. 15 f. auf Verg. Aen. 1, 7 moenia Romae und Nachah-
mungen; ähnlich am Versende V. 421 von den Mauern der Kaiserresidenz
moenibus urbis; vgl. V. 455. – Versende mit Chiasmus (a,b/B,A) wie V. 1.

3: Besuch und Beschreibung von Schlachtfeldern (Sidon. epist. 1, 5, 1


campos proeliorum replicatione monstrabiles, dazu Köhler S. 187) sind
ein Topos der Reiseliteratur. Der (sprichwörtliche: Otto 72) Vergleich mit
Cannae ist – bei aller poetischen Übertreibung – nur dann sinnvoll, wenn
es sich um eine Niederlage mit schwerwiegenden Folgen handelte. Das
102 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

trifft weder für die von den meisten Kommentatoren seit Freher genannte
Niederlage der Treverer bei Bingen i. J. 70 zu, deren Schilderung in nur
einem Satz bei Tac. hist. 4, 70, 4 eher den Eindruck eines nicht allzu
bedeutenden Gefechts (Hosius spricht von einem Scharmützel) als den
eines zweiten Cannae hervorruft, noch für die Kämpfe Julians gegen
die Alamannen, die in der Schlacht bei Straßburg 357 (an sie dachte
schon Scaliger [3.2.] 8 ff.) wirklich eine denkwürdige und verlustreiche
Niederlage erlitten haben (Amm. 16, 12, 63; ausführlich besprochen
von Drinkwater, Alamanni [3.1] 224–242). Aber diese Niederlage der
Alamannen läßt sich schwerlich als Niederlage Galliens“ bezeichnen.

Auch die früheren Verwüstungen Galliens durch germanische Stämme
(vgl. Iulian. epist. p. 279 B) kommen wohl kaum in Betracht. Daher
verwies J. J. Hatt: Histoire de la Gaule romane (120 a. C. – 451 d. C.),
Colonisation ou Colonialisme? Paris 1959, 293 auf die Niederlage des
Usurpators und Caesars Decentius (RE IV [1901] 2268 f.; PLRE I
S. 244 Nr. 3) gegen die Alamannen 352, die zwischen Mainz und Bingen
lokalisiert wird (dazu Lorenz [3.1.] 23 f.; Alvar Ezquerra II S. 71 Anm.
26 urteilt más plausible“; dagegen Drinkwater, Alamanni 201 Anm. 151

ingenious but not compelling“). Darüber berichtet Ammianus 16, 12, 5

nam et Decentium Caesarem superavit (sc. Chnodomarius) aequo Marte
congressus et civitates erutas multas vastavit et opulentas licentiusque
diu nullo refragante Gallias persultavit. Eine gewisse Zurückhaltung
gegenüber der Niederlage eines Römers zeigt sich vielleicht darin, daß
Ausonius nur auf die Lokalität (Gallia, s. u.) hinweist, nicht aber den
Namen des unterlegenen römischen Usurpators nennt. Im übrigen steht
die Niederlage des Decentius im krassen Gegensatz zu den Erfolgen
Valentinians, wie sie im weiteren Verlauf des Gedichts geschildert werden.
Außerdem berichtet Ammian (18, 2, 5) davon, daß die kürzlich ummau-
erten Städte wie Bingen wiedergewonnen“ seien (receptae), was sicher

nicht ohne Kampfhandlungen in Anschluß an die Schlacht bei Straßburg
(RE X [1918] 37) zu denken ist. Wenn der Schluß richtig ist, dann
fanden Kämpfe im Gebiet von Bingen nicht nur 352, sondern auch 357
statt mit dem Ergebnis einer Sicherung des Gebietes; die unbestimmte
Zeitangabe quondam kann sich dabei durchaus auf Ereignisse beziehen,
die nur 10 bis 15 Jahre zurückliegen (vgl. zu diesem Gebrauch von
quondam ordo 70 = 9, 7; Paneg. 2 [12] 31, 1; Di Salvo S. 198 f.) und
deren Spuren noch sichtbar waren. Damit ist auch die Aussage über die
unbestatteten Leichenhaufen zu verbinden, die nun keineswegs mehr als
groteske Übersteigerung erscheint (so Ternes, REL 48, 1970, 396 = 198).
Der Verfasser der Gesta Trevirorum (MGH SS VIII p. 143, 8) hat aus
den beiden Versen des Ausonius die Nachricht von einer großen Schlacht
herausgesponnen, in der Drusus gefallen sei (H, T, A E). – Cavarzere,
I. Der Weg von Bingen nach Neumagen (1–11) 103

Komm. S. 58 f., notiert (mit Verweis auf L.-H.-Sz. II 399 ff.) die doppelte
Versetzung (Translatio) des Verbums und Relativums ubi (ebenso V. 53
und 290) als Vorgriff auf den pathetischen Vergilischen Stil des folgenden
Verses. Latias: römisch“ wie häufig in der Dichtersprache seit Ovid

und Statius sowie im Spätlatein (Doblhofer II S. 22); vgl. V. 440 nomen
Latium; prof. 22, 14 Latia . . . historia u. ö. – BR. Gallia: Hier als
Sammelbegriff für alle linksrheinischen Gebiete; vgl. Paneg. 5 [8] 3, 3.
Di Salvo 209 bemerkt, daß Ausonius den Singular verwendet, wenn er
sich auf die Vergangenheit bezieht oder eine bestimmte gallische Provinz
nennt (siehe V. 465), während er in Hinblick auf die Verhältnisse seiner
Zeit den Plural wählt.

4: Die Thematik der unbestatteten Leichenhaufen ist seit Lucr.


6, 1215 f. multaque humi cum inhumata iacerent corpora supra / corpori-
bus verbreitet (H): Verg. Aen. 6, 325 inops inhumataque turba sternamur
campis (Cr) und 11, 372 inhumata infletaque turba (Tr; das Pathos in der
Kontamination beider Verse notiert Posani [3.2.] 53; vgl. auch Scafoglio,
Tecnica allusiva [3.2.] 448 f. und zur Stilistik des Verses Cavarzere
S. 59); Sen. Troad. 894 f.; Sil. 14, 611; Tac. hist. 2, 70, 1; Prud. c. Symm.
2, 718 ff. (dazu S. Döpp, JbAC 23, 1980, 74 f.: Vorbild ist die Schilderung
der Schlacht bei Pharsalus 48 v. Chr. durch Lukan 7, 789 ff.). Ausonius
meidet die übliche Formulierung inhumatus zugunsten des Vergilischen
infletae (danach Val. Fl. 6, 651 ignotum caput infletumque), d. h. weil
sie nicht die letzte Ehre der Bestattung erhielten (Tr). Das Wort findet
sich außer an den genannten Stellen nur noch Auson. parent. 10, 1 (Lolli,
Parentalia S. 134; ThlL VII 1461, 50 ff.). Schon Lucr. 6, 1241 nennt die
unbestatteten Toten opis expertis (Norden S. 226). Vgl. auch Görler
[3.2.] 96 = 149 mit Nachtrag weiterer Vergilstellen sowie die Belege bei
Galdi [3.2.] 126. Das Präsens iacent ist in Hinblick auf die Aktualität der
Ereignisse nicht als historisches (so O’Daly [3.2.] 146) zu verstehen. –
Wie schon in V. 3 schwerer spondeischer Versanfang. Hyperbata von Vers-
anfang zu Versschluß sind in der Mosella nicht selten (vgl. Index gram-
maticus s. v. Hyperbaton) und können auch die inhaltliche Aussage
unterstreichen.

5–11: Der Weg führt aus der durch historische Ereignisse ge-
prägten Landschaft des Rheintales über den rauhen, wasserarmen
und wenig besiedelten Hunsrück in die heiteren Gefilde des Mosel-
tals. Der Kontrast zwischen dem einsamen Bergland und der elysischen
Flußlandschaft wird besonders herausgearbeitet (vgl. auch zu V. 14 ff.);
Anklänge an Verg. Aen. 6 bespricht Görler [3.2.] 97 = 150. Eine gewisse
Vorstellung vermittelt noch die Abbildung der Ausoniusstraße“ bei

104 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

Elzerath (in der Ausgabe von John bei S. 32) oder die Umschlag-
abbildung bei Rücker [3.1.], nicht jedoch die heute gut ausgebaute
Hunsrückhöhenstraße (B 327). Der antike Straßenverlauf von Bingen
nach Trier ist aus der Tabula Peutingeriana zu rekonstruieren (auf sie
verwies schon Freher; ältere Literatur mit Diskussion der Entfernungs-
angaben bei Hosius; vgl. Katalog Mosel und Saar 131; Marcone [3.2.] 203
Fig. 2; H. Aubin/J. Nissen: Geschichtlicher Handatlas der Rheinprovinz,
Köln/Bonn 1926 Nr. 5; Hagen [3.1.] 324 ff.; W. Binsfeld, FVFD 34, 1977,
202–207; Cüppers 310–312; D. Schumacher-Immel: Die Ausoniusstraße,
in: F. Burgard/A. Haverkamp (Hrsgg): Auf den Römerstraßen ins
Mittelalter, Beiträge zur Verkehrsgeschichte zwischen Maas und Rhein
von der Spätantike bis ins 19. Jahrhundert, Trierer Hist. Forsch. 30,
Mainz 1997, 75–95; neuere Literatur zum Straßenwesen der Region bei
M. Rathman, Plekos 8, 2006, 69). Bis V. 17 bespricht den Abschnitt
Pavlovskis [3.2.] 34. Die lange polysyndetische Periode (Consoli S. 62
Anm. 4) spiegelt den beschriebenen mühsamen Weg.

5 f.: Zum Rhythmus der beiden Verse hat Cavarzere, Komm. S. 60,
den Gegensatz zwischen den Daktylen in V. 5 als Ausdruck für die
Geschwindigkeit der Reise und den Spondeen in V. 6 als Ausdruck
verzögernden Beobachtens notiert.

5: Mit dem relativen Anschluß unde beginnt zwar (in moderner In-
terpunktion) ein neuer Satz (anders die Übers. von Neumann), aber
das Relativum stellt doch eine enge Verbindung zu den vorhergehenden
Versen her und unterstreicht die Einheit der ersten 11 Verse. Auch
der Eingang der Aeneis, auf den Dräger, KTJ 37, 1997, 33 hinweist,
umfaßt unter Annahme der Echtheit der von den antiken Vergilerklärern
überlieferten ersten vier Verse eine einzige Periode von 11 Versen
(S. Koster: Ille Ego Qui, Dichter zwischen Wort und Macht, Erlangen
1988, 31–47, allerding mit neuem Satzbeginn in V. 1d at). Zitiert ist
Sil. 15, 503 (= Iuvenc. 2, 99) inde iter ingrediens (H). Den ähnlichen
( less striking“ G) Hexameteranfang bei Verg. Aen. 3, 507 unde iter

(M 2) sieht O’Daly [3.2.] 146 als blending of the personae of the Mosella

narrator and Aeneas-as-narrator“ (Aeneas spricht in Epirus von der
Abfahrt nach Italien, die Verg. Aen. 6, 2 ihren Abschluß findet; vgl. zu V.
10 et tandem). Auf die Anklänge zum weiteren Silius-Text 15, 503–505
(. . . rapidum per Celtica rura / miratur domitas Alpes ac pervia montis /
ardua et Herculeae quaerit vestigia plantae) verweist Cavarzere, Komm.
S. 59. nemorosa per avia: Wie Stat. Theb. 2, 79 (M 2); vgl. Lucr.
2, 145 (= Verg. Aen. 7, 580; Ov. met. 1, 479) nemora avia; Sil. 7, 438
dumosa per avia und 12, 352 latebrosa per avia (Hosius, der auch die
I. Der Weg von Bingen nach Neumagen (1–11) 105

Entwicklung der Substantivierung von avia kurz bespricht; vgl. ThlL


II 1448, 27: per avia ist eine frequens formula“ seit Verg. Aen. 9, 57).

Selbst unter der Annahme einer fitktionalen Reise bewegt sich der
Erzähler auf der topographisch eindeutig fixierten römischen Straße.
Dabei bezeichnet avia zusammen mit V. 6 die Einsamkeit der Gegend
(wie epist. 21, 72 ebenfalls im Gegensatz zu hominum vestigia; Ternes,
Komm. par des régions peu civilisées“; vgl. Ov. met. 6, 596 stabula

avia einsames Gehöft“), aber nicht eine weglose Wildnis, wie sie Paneg.

8 [5] 7, 2 von einem anderen Teil der Belgica beschrieben wird (Tr,
ausgeschrieben bei Cavarzere, Komm. S. 59). solum: Aus dem weiten
Hyperbaton iter . . . solum könnte man eine Anspielung auf die Länge
der Wegstrecke heraushören (vgl. V. 10 et tandem und zu V. 4). Für
den überlieferten Wortlaut spricht z. B. Verg. Aen. 11, 544 f. iuga longa
petebat / solorum nemorum. Daß Ausonius realiter solus reiste (so die
Konjektur von Fuchs [3.2.] 174), ist abwegig; schon Böcking dachte an
die Benützung der Staatspost; vgl. auch Hosius z. St. sowie unten zu
V. 16 visentibus. Entscheidend ist wiederum nicht, ob die Straße eine
bedeutende Verkehrsader ( an important artery“ Green z. St.; ähnlich

Cavarzere, Komm. S. 59, una importante via di collegamento“) oder

weniger besucht“ (Tr) und die Gegend nicht so sehr belebt war (H;

vgl. zu V. 6), als vielmehr die Zivilisationsferne (Korzeniewski [3.2.] 83
bezeichnet V. 6 als Themavers“).

6: Schema a,b/V/A,B (C). Der Hunsrück war sowohl in vor- und
frühgeschichtlicher wie in römischer Zeit mit Ausnahme der Umgebung
von Belginum (vgl. zu V. 8) nicht sehr dicht besiedelt ( sensiblement

moins peuplé que certaines secteurs voisins“ Ternes S. 29 mit älterer Lit.;
Katalog Mosel und Saar S. 81 und Karte S. 122; neuere Funde in FVFD
34, 1977, 1–64). Hosius verweist auf die Schilderung der Landschaft Persis
bei Curt. 5, 6, 13–15 omnia vasta atque sine ullo humani cultus vestigio
. . . humani cultus rara vestigia (dazu Wamser S. 31). Mit dem erneuten
Hinweis auf die Kulturferne erledigt sich auch Galdis Vorschlag coetus
([3.2.] 126). Über cultus vgl. zu V. 18 f.

7 praetereo: Natürlich führte die Straße durch den Ort (betont


von Troß; anders Freher; gleicher Gebrauch von praeterire Apul. met.
3, 29, 2; weitere Belege ThlL X 2, 1013, 59 ff.), aber der Reisende hält sich
dort nicht weiter auf. arentem sitientibus: Wortfolge nach Ov. met.
14, 277 vermutet Wamser S. 17.

8: Die Struktur des Verses (BR) analysiert Cavarzere, Komm. S. 60


( determinata dal gioco delle cesure“). Dumnissum: Das heutige

106 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

Kirchberg, dessen Wassermangel auch Hosius, Hagen [3.1.] 362 und


Ternes, Paysage [3.2.] 378 = 179 hervorheben. Der Name (Tab. Peuting.
Dumno, ma. Domnissa, Dumnessa; etymologische Hinweise bei Falileyev
115; Dräger, Ed. 2011, 341) ging auf das benachbarte Denzen (andere
Schreibweisen Densen“, Denssen“) über, wie schon Freher erkannte.
” ”
Zusammenfassend mit weiterer Literatur H.-H. Wegner bei Cüppers 415 f.;
A. Bauer/H. Dunger: Das römische Kirchberg, Kirchberg 1999.
perenni fonte: Junktur wie Ov. am. 3, 9, 25 f. fonte perenni . . . rigantur
(M 2); Liv. 1, 21, 3 fons perenni rigabat aqua (H; Charlet [3.2.] 186)
u. ö. (ThlL X 1, 1319 74 ff.), ein Euphemismus, da tatsächlich der Grund
sumpfig ist (Green z. St. mit Verweis auf Wightman [3.1.] 131). – Die
Erwähnung extremer Unterschiede gehört wohl zur Gattung des Iter
(Görler [3.2.] 97 = 151). Tabernas: Häufiger Ortsname, der auf die
Ausstattung mit Läden und Wirtshäusern an Straßenstationen hinweist,
z. B. Zabern/Saverne im Elsaß, Rheinzabern in der Pfalz, Tawern bei
Trier; weitere Nachweise RE IV A (1932) 1873 ff. Die Identifizierung
des hier genannten Ortes wird in den Kommentaren von Anfang an
diskutiert. Während Vinet die Frage offenläßt und auf Beatus Rhenanus,
Rerum Germanicarum 3 (p. 380 M.) verweist (wo allerdings Ausonius
nicht erwähnt wird), setzte Freher (p. 11) den Ort mit Bernkastel gleich.
Erst Rhöde (vgl. Böse [3.2.] 334) identifizierte die Tabernae mit den
Siedlungsspuren am Stumpfen Turm“ zwischen Wederath und Hinzerath

(ebenso Storck, Böcking; vgl. zu V. 9), während sie Haffner (vgl. zu
V. 10) mit der römischen Ansiedlung am Heidenpütz“ 5 km weiter

westlich bei Elzerath in Verbindung bringt; ebenso Cüppers 483 dicht

unterhalb einer ganzjährig sehr reichlich Wasser spendenden Quelle, dem
Heidenpütz“.

9: Nach Anon. Vales. 6, 32 (vgl. Euseb. vita Const. 4, 6) siedelte


Constantinus I. mehr als 300 000 Angehörige des skythischen Volkes
der Sarmaten (Ausonius wählt, wie schon die Klassiker seit Ov. Pont.
1, 2, 77 und in Prosa seit Mela und Plin. nat., aus metrischen Gründen
die Form Sauromates; ebenso prec. 1, 9 und 2, 31, s. u.), die durch einen
Aufstand ihrer Sklaven vertrieben worden waren, in Italien, Thrakien,
Mösien und Makedonien an. Not. dign. occ. 42, 45 ff. nennt sechs praefecti
Sarmatarum gentilium für Gallien. Für eine Ansiedlung von Sarmaten
im Hunsrück ist die Ausonius-Stelle der einzige Beleg. Ph. J. Heep:
Wo lagen die Tabernae und Arva Sauromatum des Ausonius? BJ 18,
1852, 1–25 vermutete eine Ansiedlung im Bereich der Orte Sohren,
Niedersohren und Sohrscheid durch Constantius II. nach dessen Sarma-
tenzug 358 (dazu O. Seeck, RE IV [1900] 1084), woran der Ortsname
Kostenz erinnere (zustimmend Marx, RhM N. F. 80, 1931, 374 Anm. 1).
I. Der Weg von Bingen nach Neumagen (1–11) 107

A. Mócsy: Pannonia and Upper Moesia, London 1974, 286–290 verbindet


die Ansiedlung mit den Unruhen des Jahres 365 (Amm. 26, 4, 5), wozu
nuper gut passen würde, auch wenn man diese Zeitangabe nicht allzu
eng auffassen darf; Cavarzere, Komm. S. 60, notiert die zeitliche Unbe-
stimmtheit dieses Abschnitts (vgl. V. 3 quondam, ähnlich V. 425 modo).
Die Ansiedlung setzte dann einen Sieg Valentinians voraus (Jouai [3.1.]
120 f.) und die Stelle enthielte auch ein Lob des Kaisers (G). Consoli, Ed.
S. 63 Anm. 5 sieht (nach Corpet z. St.) in der Ansiedlung der Sarma-
ten, vielleicht als foederati mit Verteidigungsaufgaben ( Militärsiedler“

Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 287), einen Zusammenhang mit
der Verstärkung der Rheingrenze durch Valentinian (V. 418–437); das
Grab eines Sarmaten wurde in Gelduba (Gellep bei Krefeld) gefunden
(R. Pirling: Krefeld-Gellep in der Spätantike, in: Franken I 84). Cüppers
136 verbindet die Ansiedlung mit der Wiederbesiedlung des Hunsrücks
nach den Wirren des 3. Jh.; abwegig Görler 97 = 151 Büßerkolonie“.

Als Verbündete der Hunnen nennt Ausonius die Sarmaten in seiner
Precatio consulis designati (prec. 2, 31 qua vaga Sauromates sibi iunxerat
agmina Chuni ) und schildert sie im gängigen Barbarenklischee als
Plünderer (prec. 1, 8 f. furtoque nocentes / Sauromatas). Eher spekulativ
sind die Überlegungen von Ternes, Topographie [3.2.] 214, Sarmatas als
Skythen zu verstehen und diese Bezeichnung auf alle rechtsrheinischen
Stämme zu übertragen. Gemeint sei demnach, wie schon Mirmont 1889
z. St. vermutete, eine Ansiedlung der Franken durch Maximian (Paneg.
8 [5] 21, 1 tuo, Maximiane Auguste, nutu Arviorum et Trevirorum
arva iacentia Laetus postliminio restitutus et receptus in leges Francus
excoluit; dazu Nixon/Rodgers [3.1] S. 142 Anm. 76). Der zu V. 8
erwähnte Stumpfe Turm“ wurde in der Volksüberlieferung als Überrest

einer alten Stadt mit Namen Sommerburg“ angesehen, der auf eine

Sarmatensiedlung hinweisen könnte (Steinhausen bei Laufner [3.1.] 191;
Kl. P. Decker: Der Stumpfe Turm – ein Wahrzeichen des Hunsrücks,
Jahrbuch Kreis Bernkastel-Wittlich 1993, 278–287). Im übrigen wurde
das Sarmatenproblem auch in den folgenden Jahren nicht gelöst, wie
die Ereignisse 375 in Pannonien zeigten (RE VII A [1948] 2184–2186).
Gleichwohl geht mit der Nennung der Sarmaten bereits am Anfang des
Gedichts der Blick über die Mosellandschaft hinaus in einen anderen Teil
des Imperiums; vgl. auch zu V. 287–297 (Hellespont), 311–317 (Ägypten)
sowie den permanenten Bezug zur gallischen Heimat des Ausonius. – Die
Tabula Peutingeriana zeigt im Straßenverlauf zwischen Belginum und
Neumagen einen hakenförmigen Knick mit neuer Entfernungsangabe,
was auf eine Straßenstation hinweist. Sauromatum: Mit colonis zu
verbinden (so die Mehrzahl der Übersetzer seit Lassaulx), nicht mit arva
und daher auch wohl kaum ἀπὸ κοινου̃ gebraucht, wie Cavarzere, Komm.
108 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

S. 60, vermutet. metata: Passive Verwendung des Partizips in der


Dichtersprache seit Hor. sat. 2, 2, 114 und carm. 2, 15, 15; vgl. aber schon
Hirt. Gall. 8, 15, 2 metata castra; ThlL VIII 892, 3 ff. colonis: Mit
colonus wird in der Spätantike der halbfreie, an Grund und Boden
gebundene Pächter der Großdomänen bezeichnet (hier V. 23 und 163;
vgl. auch zu V. 399 f.); die einzelnen Rechtsformen sind umstritten
(J. Martin: Spätantike und Völkerwanderung, München 1987, 173 ff.;
K.-P. Johne: Colonus, colonia, colonatus, Philologus 132, 1988, 308–321).
Nachgeahmt Paul. Nol. carm. 28, 88 arvaque vicinis circum metata
colonis (Fr). Starke Interpunktion am Versende (Peiper, Green u. a.)
stört das Polysyndeton (ab V. 5).

10: BR. Ausonius überschreitet die Grenze zwischen den Provinzen


Germania superior und Gallia Belgica prima; vgl. V. 319 Belgarum in
terris und Einleitung S. 2 Anm. 4. In der Formulierung primis Belgarum
. . . oris klingt der Provinzname an (Weis, Erläuterungen S. 61), ebenso
der des vermutlichen Grenzortes Belginum; vgl. E. Ewig: Trier im
Merowingerreich, Civitas, Stadt, Bistum, TZ 21, 1952, 5–367; H. Haffner:
Belginum, eine keltisch-römische Siedlung an der Ausoniusstraße, KTJ
10, 1970, 203–222; Ders.: Neue Ausgrabungen im keltisch-römischen
Gräberfeld von Wederath-Belginum, KTJ 20, 1980, 35–38; Katalog Mosel
und Saar 243 ff.; zur Archäologie des Ortes vgl. H.-P. Kuhnen (Hrsg.):
Archäologie zwischen Hunsrück und Eifel, Trier 1999; R. Cordie (Hrsg.):
Archäologiepark Belginum, Mainz 2004. Die Frage der Provinzgrenze
diskutiert Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 130 f. Während
Heinen 131 und 285 die Nichterwähnung des Ortes durch Ausonius
auf dessen Bedeutungslosigkeit zurückführt, vermutet Haffner, KTJ
10, 1970, 221, daß Belginum im 4. Jh. nach den Zerstörungen 275/6
unter dem Namen Tabernae (vgl. zu V. 8) weiterexistiert habe. Diese
Gleichsetzung von Tabernae und Belginum findet sich schon bei Tross S.
213. et tandem: Die Junktur ist sechsmal bei Vergil belegt. An Verg.
Aen. 6, 2 et tandem Euboicis Cumarum adlabitur oris (mit gleichem
Binnenreim – C) erinnern Hosius und O’Daly [3.2.], der auch auf die
rahmende Stellung verweist. Ab V. 12 f. wird dann der Vergleich mit
Kampanien, der hier vielleicht bereits anklingt, thematisiert (vgl. auch
zu V. 157, 208–219, 283–297, 345–348, 381). Der sprachliche Anklang des
Lokativs oris an den Vergilischen Dativ kann aber auch nicht darüber
hinwegtäuschen, daß hier orae keinesfalls Gestade“ (so Weis), sondern

das zuerst (primis) erreichte Grenzgebiet“ (Dräger, Ed. 2002; limitare
” ”
del territorio belgico“ Cavarzere), d. h. die äußerste Region“ der Provinz

bedeutet ( territori“ Di Salvo 228; vgl. zu V. 469). Wamser S. 19 zitiert

außerdem Aen. 3, 131 et tandem antiquis Curetum adlabimur oris (in
I. Der Weg von Bingen nach Neumagen (1–11) 109

gleicher rahmender Stellung) und Cavarzere, Komm. S. 61, sieht in den


beiden Aeneis-Stellen v. a. la gioia per la fine del viaggio pericoloso“.

Bemerkenswert bleibt, daß Ausonius von hier an bis V. 348 offensichtlich
im Bereich der Gallia Belgica verweilt; vgl. zu V. 24 und 349–380. Aus
der ebenfalls von Wamser l. c. genannten Stelle Verg. georg. 2, 170–173
mit dem Anklang extremis . . . oris zieht Görler [3.2.] 113 = 172 ff. bereits
hier weitreichende spekulative Schlüsse zur politischen Tendenz der
Mosella ( wie unter Augustus die Städte des Ostens scheinen Ausonius

die Städte des Moseltals endlich von der Last des Krieges befreit“).
Ausdrücklich wird dieser Aspekt der Friedensherrschaft unter Valentinian
erst ab V. 418 ausgeführt; vgl. auch die Einwände von Schröder [3.2.] 86.

11: BR. Noiomagum: In der Form Noviomagus erscheint der im


keltischen Siedlungsgebiet verbreitete Ortsname in der Tabula Peutinge-
riana, als Nobia beim Geographen von Ravenna 4, 26, p. 234; gebildet aus
novios neu“ und magos Feld“, Marktflecken“ (RE XVII [1936] 1195;
” ” ”
Rasch 77 und 141). Die in den Hss. überlieferte Variante Noiomagus
entspricht, offensichtlich hier aus metrischen Gründen (Fr), dem Wechsel
in der Namensform wie bei Noviodunum/Noiodunum für Nyon (vgl. RE
XVII [1936] 1195 f.). Constantinus I. ließ Anfang des 4. Jh. an der Stelle
des beim Germaneneinfall von 275/6 zerstörten vicus an der Mündung der
Dhron in die Mosel (vgl. zu V. 365) ein Kastell mit fast ovalem Grundriß
anlegen. In das 4 m. breite Fundament wurden zahlreiche Bruchstücke
von Grabbauten aus den Gräberfeldern Triers verbaut (M. v. Massow: Die
Grabmäler von Neumagen, Berlin/Leipzig 1932); Besiedlungskontinuität
bis ins frühe Mittelalter ist wahrscheinlich (RE XVII [1936] 1201–1204;
Katalog Mosel und Saar 332 f. mit Grundriß und Lit.; Wightman [3.1.]
176; Trier II 326 f. mit Modell; K.-J. Gilles: Ein neuer Grundriß zum
Kastell Neumagen, TZ 48, 1985, 195–199; Katalog Konstantin I.12.8 f.).
Marx, RhM N. F. 80, 1931, 374 vermutet einen längeren Aufenthalt des
Ausonius dort. – Das Ende des eigentlichen Iter (danach ist die Karte bei
Marcone, Ausonio [3.2.] Fig. 2 u. a. zu korrigieren, die die Reiseroute bis
Trier fortsetzt; verfehlt auch B. Selter, DNP Suppl. 7, 2010, 160 Fahrt

entlang der Mosel“) markieren eindrucksvoll die Spondeen (a,B/b,A) am
Versende (G); viersilbiger spondeischer Versschluß auch V. 342 und V.
452 (weitere Belege aus Ausonius bei Raehse [3.3.] 27 f.; Literatur zum
spondeischen Hexameterschluß bei Cavarzere, Komm. S. 61). divi:
Attribut der verstorbenen paganen wie der ersten christlichen Kaiser (G),
das auf deren Konsekration durch den Senat von Rom verweist (Eutrop.
10, 14 Konstantin inter divos meruit referri ). Zwar erhielt Constantinus
kein dem heidnischen Konsekrationsritus entsprechendes Begräbnis und

Kult in Rom“, aber Weihinschriften wie Münzen weisen der Apotheose

110 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

des ersten christlichen Kaisers noch einen religiösen Inhalt zu“ (Kolb
[3.1.] 131 f.; St. Rebenich: Vom dreizehnten Gott zum dreizehnten
Apostel? Der tote Kaiser in der Spätantike, ZAC 4, 2000, 300–324 =
H. Schlange-Schöningen (Hrsg.): Konstantin und das Christentum, Darm-
stadt 2007, 216–244; Demandt, Spätantike2 [3.1.] S. 261 mit Anm. 95;
einzelne Belege bei Hosius). In dieser Terminologie bewegt sich Ausonius
und deutet damit diskret die dynastische Sukzession“ (Rebenich S. 218)

Valentinians an, der dann auch in Konstantinopel beigesetzt wurde (ibid.
S. 220). inclita: Als Attribut von Ortsangaben wie Verg. Aen. 2, 241 f.
incluta bello / moenia (M 2); 6, 781 incluta Roma; Di Salvo S. 267 zu
ordo 164 = 20, 36 Roma inclita.

II. Der Anblick des Moseltals (12–22)

Die zweite Elfergruppe der Einleitungsverse schildert zunächst in


einer Häufung von Ausdrücken des Lichts und der Klarheit den neuen
Gesamteindruck, den der Anblick auf den Reisenden ausübt (V. 11/12).
Es folgt die vertiefende Beschreibung des Gegensatzes zwischen behin-
dertem und freiem Blick. Dabei entspricht der negativen Formulierung
V. 14/15 im entsprechenden Aufbau V. 16/17 die positive Aussage
(so Görler [3.2] 99 = 153 und Cavarzere zu V. 16 f.). Im Vergleich mit
der Heimat des Ausonius wird in weiteren fünf Versen ein Gesamtbild
des Moseltales gegeben. Den Abschnitt bespricht Fuoco [3.2.] 331–334,
der die Auffassung Martins [3.2.] 250–252 zurückweist, die Reise führe
symbolisch aus der barbarischen in die griechisch-römische Welt, die
sich dem Betrachter im Moseltal offenbare. Gleichwohl sollte man diesen
Aspekt nicht dezidiert ausschließen (vgl. zu V. 14 ff.). Zutreffend bemerkt
Gagliardi [3.1.] 69 la natura, cioè, non è piú elemento decorativo della

poesia, ma la poesia stessa“, was natürlich auch für andere Stellen gilt
(vgl. Einleitung S. 31 f. sowie Gagliardi [3.2.] 61 f.). Im übrigen stellt sich
nicht nur dieser Abschnitt der Mosella in den Kontext der Schilderung
des locus amoenus, wie sie die zeitgenössische Literatur von der Rheto-
renschule her kannte und liebte; vgl. dazu J.-L. Charlet, Philologus 132,
1988, 75; Amherdt zu Sidon. epist. 4, 8, 2. Dabei ist der Übergang von
der Reisebeschreibung zur Ekphrasis gleitend und entspricht somit dem
auch weiterhin zu beobachtenden Kompositionsprinzip (dazu Einleitung
S. 22). Die den Abschnitt beherrschende Lichtsymbolik sieht Charlet,
l. c. 80 als Ausdruck des für spätantike Literaturwerke charakteristischen
triumphalen Grundtons, der auch der Tendenz der Mosella entspricht.
II. Der Anblick des Moseltals (12–22) 111

12 f.: Formuliert nach Vergils Schilderung des elysischen Hains Aen.


6, 640 f. largior hic campos aether et lumine vestit / purpureo, solemque
suum, sua sidera norunt (Fr; Cavarzere S. 61 zitiert ab V. 637; vgl.
Scafoglio, Tecnica allusiva [3.2.] 449 f.). Damit endet die Form des
Reisegedichts. Die Vermutung (Görler [3.2.] 97 = 151), daß Ausonius
einleitend die Gattung des Iter gewählt habe, um den Kontrast zwi-
schen dem düsteren Hunsrück und dem lieblichen Moseltal besonders
herauszuarbeiten, ist ansprechend. Unmittelbar auf die Nennung des
vergöttlichten Kaisers folgt die Schilderung des durch Phoebus erhellten
Himmelsraums. Nicht nur Neumagen ist ein Werk Konstantins, sondern
das ganze Land ist in den Glanz getaucht, den die Gottheit erstrahlen
läßt (vgl. auch Auson. prec. 2, 2–4 und Taegert S. 83). Die zwillingshafte

Ähnlichkeit zwischen Sonnengott und Herrscher“ (Kolb [3.1.] 68; zu
Konstantin vgl. M. Wallraff: Christus verus Sol, Sonnenverehrung und
Christentum in der Spätantike, Münster 2001, bes. 127 ff.; M. Clauss:
Kaiser und Gott, Herrscherkult im römischen Reich, Darmstadt 2002,
196–207; St. Berrens: Sonnenkult und Kaisertum von den Severern bis zu
Constantin I, Stuttgart 2004), zumal dem divinisierten Herrscher, dürfte
den Zeitgenossen noch durchaus bewußt gewesen sein und findet in der
Symbolik dieser Zusammenfügung ihren Ausdruck. Erinnert sei auch
an das zu V. 292–297 zitierte Lob Italiens (Plin. nat. 3, 39 quae caelum
ipsum clarius faceret), das in den Kontext des Herrscherlobs gehört (vgl.
Doblhofer II S. 107; eine Imitation durch Rutil. Nam. 1, 193–200, wie sie
Green, Komm. S. 466, vermutet, muß daher nicht zwingend angenommen
werden). Die Konkurrenz mit Italien entspricht der Tendenz der Mosella;
vgl. zu V. 21 f. Zur Licht-Metapher in der zeitgenössischen Literatur vgl.
J.-L. Charlet, Philologus 132, 1988, 80 f.

12 hic . . . campis: Neben der Ortsbestimmung hic ist campis wohl


(im Gegensatz zu den meisten Übersetzern; vgl. aber Evelyn White
Clearer the air which here invests the plains“; Weis Reiner streifen
” ”
die Lüfte dort die Gefilde“) als Dativ zu verstehen und entspricht
inhaltlich dem Vergilischen Vorbild Aen. 6, 640 campos aether et lumine
vestit. aer: Cavarzere, Komm. S. 61, hat beobachtet, daß Ausonius
im Gegensatz zur Aeneis-Stelle hier den spezifischen Terminus für die
sublunare Atmosphäre verwendet, während er das Vergilische Wort
aether V. 16 im Sinne von Himmel“ gebraucht.

13 purpureum: BR; zur Bedeutung glänzend“ vgl. die Belege bei

Blümner 194; Görler [3.2.] 99 Anm. 2 = 153 Anm. 16. Besonders be-
zeichnet das Adj. nach Hosius den Glanz des Himmels und der Gestirne;
er vergleicht außer Verg. Aen. 6, 641 noch Ov. met. 2, 23 f. purpurea
112 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

velatus veste sedebat / in solio Phoebus. 3, 184 p. Aurorae; Auson.


ecl. 25, 16 scandit purpureo iam tertia sidera curru und prec. 3, 4 p.
iubar. Über purpureus als Bezeichnung des Meeres vgl. zu V. 427 und
467. reserat: Schönberger S. 59 notiert mit Recht: reserare deutet

auf ein Enthüllen von (fast) Heiligem hin“ (vgl. V. 55 ff.); ähnlich Fuoco
[3.2.] 330, der auch den Gebrauch von reserare 332 Anm. 6 bespricht
( il verbo e legato ad eventi straordinari“). Hosius vergleicht u. a. Lucr.

1, 10 f. nam simul ac species patefactast verna diei / et reserata viget
genitabilis aura favoni ; Val. Fl. 1, 655 f. emicuit reserata dies caelumque
resolvit / arcus (Tr); Avien. Arat. 2 terras linquens celsam reserat
dux Iuppiter aethram; Amm. 27, 12, 18 reserata caeli temperie. Wie die
Belege zeigen, wird das Verbum vom Sonnenaufgang oder allgemein vom
Erstrahlen des Sonnenlichtes gebraucht. Die verbreitete Wortwahl macht
eine Abhängigkeit der Formulierung bei Wahlafrid Strabo, cult. hort.
4, 26 von unserer Stelle (so Hosius, Green, Schönberger) nicht zwingend
(vgl. aber Einleitung S. 40 Anm. 189). Die Interpretation von Marx, RhM
N. F. 80, 1931, 375 f. mit Anm. 3 ( Phoebus fährt seinen Wagen [sc. am

Abend] in den Olymp ein“), zustimmend Deubner, Philologus 89, 1934,
253 und Marsili, Ed. z. St., ist abzulehnen. sudus: ohne Feuchtig-

keit“, wolkenlos“; prädikativ gebraucht. Bereits Tross S. 8 verglich Apul.

met. 11, 7 caelum autem nubilosa caligine disiecta nudo sudoque luminis
proprii splendore candebat (bei der Erscheinung der Isis); eingeschränkt
von Fuoco [3.2.] 332 Anm. 7. Auf jeden Fall wird aber der Eindruck eines
evento miracoloso“ (Fuoco [3.2.] 332) hervorgerufen. Martin [3.2.] 252

spricht sogar, wohl etwas überspitzt, von einer cérémonie initiatique

. . . Ausone apparaı̂t ici comme un myste“. Galdi [3.2.] 127 verweist
allerdings darauf, daß das Adj. eher von Winden oder vom Himmel
selbst gebraucht wird als von Himmelskörpern und schlägt daher sidus
vor. Schon Hosius hat die Nähe der Stelle zu Schillers Gedicht Der

Spaziergang“ beobachtet (Schönberger S. 59 zitiert V. 25–28).

14–17: Im folgenden Kontrast (hervorgehoben von Cavarzere, Komm.


S. 62) zwischen düsterem Hunsrück und hellem Moseltal häufen sich
wieder die Anklänge an die Vergilische Schilderung von Unterwelt und
Elysium (Görler [3.2.] 99 = 153). Es ist auch ein Kontrast zwischen einer
zivilisationsfernen und einer zivilisierten Welt (R. Etienne, Annales du
Midi 90, 1978, 254 mit Hinweis auf V. 17 libera).

14 f.: Für das Bild von der dichten Laubdecke (V. 14 BR) ver-
gleicht Wamser S. 20 Ov. met. 12, 22, Görler [3.2.] 99 f. = 154 Verg.
Aen. 7, 565 f. und die Schilderung des Avernus 6, 239 ff.; Ov. met. 4, 432;
Lucan. 3, 399 ff. (Tr) und 6, 642 ff. sowie den lautlichen Gleichklang mit
II. Der Anblick des Moseltals (12–22) 113

Ov. met. 10, 53 f. carpitur acclivis per muta silentia trames, / arduus,
obscurus, caligine densus opaca, auch betont von O’Daly [3.2.] 147, der
zusätzlich auf Ov. met. 4, 433 per muta silentia sedes verweist; mutua
vincula wie Paul. Nol. carm. 27, 346 (M 2).

15 exclusum: BR, Schema a,b/B,A. Nach Freher vielleicht nachgeahmt


von Coripp. Iust. 3, 175 excluduntque diem ramis; Hosius vergleicht noch
Stat. Theb. 4, 424 exclusae pallet male lucis imago; ähnlich Stat. silv.
1, 2, 154 f. excludunt radios silvis demissa vetustis / frigora; in anderem
Kontext V. 146. Weitere Belege für das Bild und die Verwendung von
excludere bei Statius, dazu Hor. carm. 2, 15, 9 f., nennen Mirmont 1892,
48 und Wamser S. 20 f. Vgl. auch zu V. 38. viridi caligine: Singuläre
Junktur nach Verg. ecl. 9, 20 (Dirae 28 v. umbra); Versschluß wie Verg.
Aen. 11, 187 (S); vgl. Scafoglio, Tecnica allusiva [3.2.] 449 f. Eine Tendenz
der Bedeutung hin zu düster“, dunkel“ vermutet Görler [3.2.] 101 =
” ”
156 wegen des Ersatzes von umbra durch caligo; weitere Parallelen
diskutiert Posani [3.2.] 50 f. und folgert aus der Stelle eine Abneigung des
Südländers Ausonius gegenüber dem Wald des Nordens, aber gleichzeitig
ein Gefühl für die Schönheit dieser Natur; vgl. zu V. 26.

16 liquidum iubar: Das Adj. erscheint in der Mosella noch V. 30,


57, 61, 83, 142, 150, 185 (Roberts [3.2.] 346 = 255). iubar bezeichnet
im Besonderen das Licht des Morgens (prec. 3, 4; ThlL VII 2, 572, 18 ff.;
Fuoco [3.2.] 333). Wenn man sich die mögliche Realität des Reiseverlaufs
vergegenwärtigt (vgl. zu V. 5–11), dann wird nach einer Übernachtung
in Tabernae/Belginum (V. 10) noch am Morgen die Höhe oberhalb Neu-
magens erreicht. rutilam . . . aethram: Wie purpureus glänzend“,

wobei die Grundbedeutung rötlich“ weitgehend zurücktreten kann

(Blümner 171 f., 178, 193 f.; Görler [3.2.] 101 Anm. 5 = 157 Anm. 23),
erklärt von Gell. 2, 26, 9 mit exuberantiam splendoremque . . . ruboris.
Vielleicht nachgeahmt Drac. Romul. 10, 501; vgl. schon Verg. Aen. 12, 247
rubra aethera (H). Green, Komm. z. St., verweist auf die vergleichbare
Wortwahl Auson. ephem. 3, 12 iubar et rutilus caelum illustraret Eous.
Das hochpoetische Wort aethra (belegt seit Enn. ann. 441 V2 . = 435 Sk.;
Verg. Aen. 12, 247 rubra . . . aethra; vgl. Fuoco [3.2.] S. 333 Anm. 10;
ThlL I 1158, 33 ff.) erklärt Serv. Aen. 3, 585 aether est ipsum elementum,
aethra vero splendor aetheris (dazu Cavarzere, Paideia 57, 2002, 57
und Komm. S. 62). visentibus: Ein Hinweis auf eine Mehrheit

der Reisegenossen“ (so Marx, RhM N. F. 80, 1931, 375) ist aus dem
individuellen Plural (vgl. L.-H.-Sz. II 16) nicht zu gewinnen (Görler [3.2.]
99 Anm. 1 = 153 Anm. 15), obwohl natürlich Ausonius, ob fiktiv oder
realiter, nicht allein reiste; vgl. zu V. 5 solum.
114 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

17: Schema a,b/V/A,B mit BR. libera: Vgl. zu V. 14 ff. aura:


Glanz“ wie Verg. Aen. 6, 204 auri . . . aura; vgl. Norden z. St.; von

Späteren häufig nachgeahmt (ThlL II 1474, 62 ff.). Ternes, REL 48, 1970,
383 spricht treffend von einer luminosité meridionale“. invidet:

Castorina, L’ultima poesia [3.1.] 51 sieht hier die Grundbedeutung non
videt (Prisc. gramm. III 268 30 quasi ‘non videns tibi fio’ ) und in der
doppelten Negation den Ausdruck der Sehnsucht nach dem freien Blick.

18–22: Der Abschnitt, in der Handschrift G durch Initiale abge-


setzt, nennt die Thematik des ganzen Gedichts (John [3.2.] 98 f.). Durch
die Erinnerung an die Heimat, wie sie auch ordo 167 = 20, 39 diligo
Burdigalam, Romam colo vorliegt (Di Salvo 242 und 247 bespricht die
Stelle im Kontext der Beschreibung Burdigalas) und den Schlußpunkt
der Mosella bildet (vgl. auch prof. praef. 2 carae relligio patriae),
wird das Lob des Flusses unterstrichen (Marcone, Ausonio [3.2.] 206;
vgl. Sivan [3.1.] 2; den Aspekt der Anhänglichkeit“ bei Ausonius hat

Coşkun, Hermes 130, 2002, 209 hervorgehoben). Der Vergleich wird
durch die Anspielungen auf die laudes Italiae Vergils nicht nur zu einem
Vergleich mit Aquitanien (vgl. zu V. 385 und 442), sondern auch zu
einem Vergleich mit Italien (vgl. Görler [3.2.] 104 f. = 160 f.). Das fügt
sich zur Grundtendenz des Werkes: Das Moselland als Sitz der neuen
Hauptstadt konkurriert mit dem alten Italien, mit dem alten Kernland
des Imperiums selbst, ja mit dem von Vergil beschriebenen Elysium.

18 f.: Der Anblick des Moseltales trifft den Erzähler offenbar


überraschend und erinnert ihn an seine Heimat. Die einleitende
Konjunktion cum kann entweder mit Görler l. c. als relativ anschließend
verstanden werden ( und da“; Belege bei K.-St. II 340 f., allerdings v. a.

aus der Prosa) oder als cum inversum, das gelegentlich auch an ein histo-
risches Präsens anschließt (K.-St. ibid.; Schönberger S. 59 z. St.; Scafoglio,
Vichiana 4. ser. 4, 2002, 217); damit würde das Überraschungsmoment
unterstrichen. Eine Textänderung ist nicht erforderlich und V. 17 ist in
beiden Fällen mit Komma zu schließen. Über die Stellung der Konjunk-
tion im Satz vgl. zu V. 51 f. (Stellung des Relativums ubi ); Schenkl, Ed.
S. 290. Das Verbum pepulerunt bezeichnet das Einwirken von Bildern
oder Vorstellungen auf die Sinnesorgane oder die Seele (Cic. nat. deor.
1, 106; Gell. 19, 1, 15; ThlL X 1, 1016, 61 ff. vergleicht Apul. met. 4, 16, 3
ut novitas consuevit ad repentinas visiones animos hominum pellere),
wodurch ein Affekt ausgelöst wird (Cic. Cael. 36 candor huius te et pro-
ceritas voltus oculique pepulerunt; vgl. auch zu V. 302; treffend übersetzt
Cavarzere davvero ogni cosa . . . mi colpı̀“ ). Eine Richtungsangabe ist

hier jedoch zunächst nicht zu erwarten (anders ThlL l. c.). Faßt man
II. Der Anblick des Moseltals (12–22) 115

speciem in der Bedeutung Aussehen“, Schönheit“, so kann dazu ein


” ”
zweiter Akkusativ cultumque treten (so zuletzt Green after the manner

and appearance“). Die Verbindung von species und cultus ist vorgebildet
durch die Beschreibungen bei Stat. silv. 2, 2, 41 und 3, 5, 89; vgl. auch
Sen. dial. 9, 9, 7 (H). Dabei wäre für das Verbum pepulerunt etwa eine
Bedeutung heftig erinnern an“ (so die Übersetzung) anzusetzen, die

jedoch nach ThlL nicht belegt ist. In der Bedeutung wie“, nach Art
” ”
von“ (häufig belegt; vgl. Apul. met. 1, 19, 7, zitiert zu V. 28) verträgt
jedoch nach Görler ([3.2.] 103 Anm. 4 = 159 Anm. 30) in speciem keinen
zweiten Akkusativ cultum. Görlers Änderung cultuque wäre in diesem Fall
konsequent, gebilligt von Cavarzere, Arcadia [3.2.] 156–157 und Komm.
S. 63. patriae: Die Heimat Aquitanien; nicht adjektivisch auf
Burdigala bezogen (der Gedanke geht vom Allgemeinen zum Beson-
deren), wogegen Cavarzere l. c. patriae . . . Burdigalae als Hendiadyoin
auffaßt. cultum nitentis / Burdigalae: Ausonius rühmt Bordeaux
als beeindruckende Stadtanlage (ordo 128–168 = 20) und als Mittelpunkt
einer durch Villen und Weinbau (vgl. die gleiche Funktion von nitere
V. 158 proprioque nitent Pangaea Lyaeo) geprägten Kulturlandschaft
(V. 442 laeta Aquitanica; Beck [3.1.] 62), aber auch als Stätte der
Bildung (prof. passim; vgl. Einleitung S. 15). Diese Eigenschaften sind
hier durch cultus ausgedrückt (vgl. V. 6), während V. 72 und 298 v. a.
von Menschen erzeugte Objekte gemeint sind. Zu der vom Menschen
geschaffenen Kulturlandschaft vgl. ThlL IV 1325, 16 ff.; Cic. leg. agr.
2, 67 agricolarum cultus, zur Bedeutung Gesittung und Bildung“ ThlL

IV 1337, 39 ff. (i. q. humanitas); Ov. ars 3, 127 f. cultus adest nec nostros
mansit in annos / rusticitas, sodaß cultuque nitentis ebenso ἀπὸ κοινου̃
auch auf patria als Kulturlandschaft zutrifft. Die Verbindung von locus
amoenus und patria bespricht M. Bonjour: Terre natale, Lille 1976,
401–423. – Vollmers Konjektur nitentia ist überflüssig, wenn man patriae
als Substantiv versteht (G). Paul. Nol. carm. 10, 240 f. (an Ausonius)
verwendet die gleiche Junktur und zitiert damit die Mosella (Tr); die
Kombination von cultus und nitor im gleichen positiven Sinn auch V. 347.

19 blando . . . omnia visu: Ob man die Wendung als douce



vision“ verstehen darf qui chasse les perceptions reélles“ (Soler [3.2.]

311), erscheint trotz der panegyrischen Elemente des Gedichts fraglich. In
der Mosella findet sich visus noch V. 59, 153, 186, 325; vgl. Fuoco [3.2.]
333 f. mit Hinweis auf den Gebrauch von visus bei Vergil in contesti di

eventi straordinari“. Versschluß wie Verg. Aen. 10, 447 (W S. 77).

20–22: Der hier beschriebene Gesamteindruck des Moseltals bildet


den wiederum gleitenden Übergang von der Wegbeschreibung zum
116 A. Einleitung: Die Reise ins Moseltal (1–22)

panegyrischen Hauptteil. Damit werden auch die Bezüge zur Aeneis


abgelöst von Anklängen an Vergils Georgica und Eklogen (O’Daly [3.2.]
147; Scafoglio, Tecnica allusiva [3.2.] 450 ispirato all’idillio bucolico

virgiliano“).

20 saxis: Die nur in B überlieferte Variante saxis erinnert an Verg.


georg. 2, 156 tot congesta manu praeruptis oppida saxis (dazu Görler [3.2.]
104 Anm. 2 = 161 Anm. 32). Variiert wird die Wendung V. 284 pendentes
saxis . . . villae; vgl. Paul. Nol. epist. 31, 223 Birbilim acutis pendentes
scopulis (H). Die Abfolge entspricht (wie V. 163–168 und V. 283–286)
auch der Blickrichtung eines auf der Höhe stehenden Betrachters: Zuerst
erblickt er auf der anderen Seite des Flusses die hochgelegenen Villen
(ebenso V. 321 ff.), dann die Rebhänge und schließlich im Tal den Fluß
selbst. Die Überlieferung ripis wird dagegen nur scheinbar gestützt durch
Ven. Fort. carm. 10, 9, 17 f. inter villarum fumantia culmina ripis /
pervenio. Dort ist die Situation, wie schon Galdi [3.2.] 127 erkannte,
jedoch anders: Venantius fährt auf der Mosel von Metz zur Mündung
der Sauer und erblickt vom Schiff aus an den Ufern die Villen. Das ist
insofern auch zutreffend, als in diesem Flußabschnitt die Ufer viel weniger
steil sind als an der Mittelmosel. Die Junktur culmina villarum wie Sil.
15, 534 culmina villarum (H); schon Verg. ecl. 1, 82 verbindet villarum
culmina (M 2; vgl. Scafoglio, Tecnica allusiva [3.2.] 450).

21 virides Baccho colles: Der Betrachter versetzt sich auf die An-
höhe oberhalb von Neumagen gegenüber dem heutigen Ort Piesport.
Der von dort sich bietende Anblick der Moselhänge als eines Thea-

ters“ wird V. 152 thematisiert. Baccho ist klassische Metonymie mit
Übertragung des Namens des Weingottes Bacchus/Dionysus/Liber
(vgl. die Namen für Bacchus Auson. epigr. 32) auf Weinstock/Reben
(Verg. georg. 2, 113 Bacchus amat colles; ibid. 2, 228 und 4, 129) wie
V. 25; ähnlich Auson. ecl. 9, 9 Bacchum ( die Trauben“) September

opimat; vgl. zu V. 158 Lyaeo und Di Salvo 242, der auf epist. 24, 84
vitiferi . . . colles (auf den Gütern des Ausonius; vgl. zu V. 160) ver-
weist. Über den Beginn des Weinbaus an der Mosel vgl. Einleitung
S. 8 sowie zu V. 150 ff. – virides weist auf V. 26 voraus.

21 f. amoena fluenta . . . Mosellae: Nach Verg. Aen. 4, 143 Xanthique


fluenta; häufig nachgeahmt (ThlL VI 949, 57 f.); vgl. V. 349. Mit dem
gleichen Adjektiv schmückt Vergil die Etsch (Aen. 9, 680) und v. a. den
Tiber (Aen. 7, 30 und 8, 31), sodaß auf subtile Weise gleich bei der ersten
Nennung des Flusses der Vergleich des Mosellandes mit Italien evoziert
wird. Was der Tiber einst für Latium und Rom bedeutete, das bedeutet
B. Die Wasser der Mosel (23–149) 117

jetzt unter der Regierung Valentinians und Gratians die Mosel für die
westlichen Diözesen mit ihrer Hauptstadt Trier. Vgl. auch zu V. 36,
39–43, 100, 189–199, 197, 245, 283–297, 374–380, 460 und Einleitung
S. 36. Fuoco [3.2.] 334 sieht in der Verwendung des Adj. amoenus einen
Anklang an die Schilderung des Elysiums bei Vergil (Aen. 5, 734 f. und
6, 638); vgl. zu V. 12 f. und Scafoglio, Tecnica allusiva [3.2.] 450 f.

22: Ähnlich V. 454, Anklang an Verg. Aen. 8, 90 f. rumore secundo /


labitur . . . abies vermutet Binder 38 Anm. 119. – Entsprechend V. 333
labentia subter schlägt Hosius (nach Peiper, vgl. auch Tross S. 134) mit
der Überlieferung in B hier und V. 454 (vgl. dort) Getrenntschreibung
(wie Verg. georg. 2, 157) vor. Bei Zusammenschreibung (wie Verg. ecl.
10, 4) ergibt sich ein versus tetracolos wie V. 76, 156, 273, 408; dazu
Cavarzere, Komm. S. 64 mit Lit. Die Schlußstellung des Namens as in

hymns and various other contexts“ notiert Green, Komm. S. 467.
tacito rumore: In der Bedeutung leise“, kaum vernehmbar“ wie
” ”
Ov. met. 6, 203 tacito . . . murmure; vgl. Hor. carm. 1, 31, 8 taciturnus
amnis (H); Tib. 1, 7, 13 tacitis . . . undis (Mirmont 1892, 50). Daher
sollte man nicht wie Cavarzere u. a. von einem Oxymoron sprechen. Auf
die friedvolle Ausstrahlung des Gewässers“ (wie V. 33 ff., 55 ff., 144 ff.,

292 ff., 454 ff., auch angedeutet durch den spondeischen Versanfang)
verweist Schröder [3.2.] 55.

B. Die Wasser der Mosel (23–149)

War der Erzähler des einleitenden Teils zuletzt an der Höhe ober-
halb Neumagens angelangt, so hat er jetzt den Standort gewechselt; der
Beobachter steht am Ufer des Flusses. Den in der Mosella wiederholten
Wechsel des Standpunkts notieren auch Roberts [3.2.] 344 = 252; Burnier
[3.2.] 67; vgl. Einleitung S. 22 und 35. Der ganze Abschnitt läßt sich
unschwer in drei Einheiten gliedern: Hauptteile sind die Aretalogie
(V. 23–74) und der Fischkatalog (V. 85–149), beide verbunden durch eine
Überleitung (V. 75–84). In der Verszahl überwiegen die Zehnergruppen:
Je 10 Verse umfassen die rahmenden Verse 23–32 (Hymnischer Anruf)
und 75–84 (Überleitung zum Fischkatalog), aus einer Zehner- und einer
Zwanzigergruppe besteht der Abschnitt V. 45–74 (Natürliche Schönheit),
wiederum gegliedert in die Beschreibung des Ufers (V. 45–54) und des
Grundes des Flusses (V. 55–74). Im Kontrast zu diesen Zehner-Schemata
umfaßt die Beschreibung des Wasserlaufs (V. 33–44) zweimal 6 Verse,
der Fischkatalog selbst in Form eines Technopaignions 65 Verse. Vgl. zur
Gliederung auch Green, Komm. S. 462.
118 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

I. Aretalogie (23–74)

Die Qualitäten des Flusses werden in der traditionellen Form der


Aretalogie gepriesen. Die Allmacht des vergöttlichten Flusses dokumen-
tiert sich in seinem Wasserlauf und in der natürlichen Schönheit von Ufer
und Flußbett. Dem Hymnenstil entsprechend beginnt die Aretalogie mit
einer Anrede an die Gottheit“.

1. Hymnischer Anruf (23–32)

Der Hymnus ist die angemessene Form, in der der Dichter seine
Verehrung für den vergöttlichten Fluß zum Ausdruck bringen kann; der
Hymnus ist seine Opfergabe für den Fluß als Dank für den Segen, den der
Fluß dem Land gespendet hat. Sprachlich finden sich all die Elemente,
die bereits Eduard Norden (Agnostos Theos, Leipzig 2 1923 = Darm-
stadt 4 1956) als Charakteristika für den Hymnus festgestellt hat: Du-,
Partizipial- und Relativstil, anaphorische Wiederholungen, aretalogische
Elemente (zusammengefaßt bei La Bua [3.2.] 381 f.; Cavarzere, Komm.
S. 64). So wird auch stilistisch die Heiligkeit“ des Flusses unterstrichen

(vgl. V. 374 dia Mosella, V. 443 f. sacrum . . . amnem, V. 467 f. Mosellae
nomine adorato, dazu Fuoco [3.2.] 339).

a) Gruß (23–26)

Die grüßende Anrede an die Gottheit (ebenso ordo 157 = 20, 29


fons, 159 = 20, 31 urbis genius; ähnliche Grußformeln bei Ausonius
bespricht Di Salvo 262) hat schon Marx, RhM N. F. 80, 1931, 388 ff.
mit dem Hymnus in Verbindung gebracht. Im Griechischen entspricht
χαι̃ρε. Die Grußformel, wiederholt V. 381, ist entsprechend dem Vorbild
Verg. georg. 2, 173 f. (s. u. zu V. 23) aufs sorgfältigste ausgearbeitet:
Die dreimalige asyndetische Anapher amnis (V. 25 f.; vgl. die Anaphern
tu V. 33, 39, 45; te V. 141 f. und 382 f.; sic V. 157, 159, 160; quis V.
287, 288, 289; non V. 300, 303; hic V. 306, 307, 311; haec V. 321, 322,
323; addam V. 454, 456, 458; Dräger, Ed. 2011, 346), verbunden mit
der Epanalepse laudate und consite (vgl. V. 196 f. navita; 431 dives),
intensivieren die Aussage, die drei anwachsenden Kola des Verses 23
schließen mit Homoioteleuta (ausgeführt von Cavarzere, Komm. S. 65).
Die Anrede an den Fluß als eine (hier männliche) Gottheit (ebenso V.
469 ff.; vgl. auch zu V. 60) steht in Parallele zur Darstellung der Mosel
auf dem Grabmal von Igel (dazu Marcone, Athenaeum 88, 2000, 485–497;
I. Aretalogie (23–74) 119

Ders. [3.2.] Abb. 4 b; John, Ed. 1980, Abb. bei S. 49; La colonne de
Igel, société et religion au IIIe siècle, Annales de l’Est 51/2, 2001, 5–151;
J. Scheid: Les reliefs du mausolée d’Igel dans le cadre des représentations
romaine de l’audelà, AC 72, 2003, 113–140; weitere Belege zu V. 41 f.).
Stilistisch variiert werden auch die Prädikate dieser Gottheit (Attribute
und Relativsatz). Cavarzere l. c. erinnert zudem an das Gebet, das
der Reisende bei seiner Rückkehr an die Heimat richtet (Aesch. Ag.
810 ff.). Im Kontext des Hymnus sieht La Bua [3.2.] 381 Anm. 170 in der
Erwähnung der Belgae V. 24 die traditionelle Nennung des Ortes, an der
die Gottheit, hier Mosella, verehrt wird (vgl. V. 470–473), wenn auch die
Mosel als Fluß, nicht als Personifikation dargestellt wird (Posani [3.2.]
47). – Über Wortwiederholungen vgl. zu V. 55.

23: Unmittelbar verbunden mit der Grußformel sind die beiden


hervorragendsten Qualitäten (ἀρεταί) des Flusses. Der Ruhm der Frucht-
barkeit des Landes und der Tüchtigkeit der Bewohner, die dieses Land
hervorgebracht hat (V. 385) und die es bebauen, entspricht dem Schluß
der laudes Italiae Verg. georg. 2, 136–176, bes. 173 f. salve magna parens
frugum, Saturnia tellus, / magna virum (M 2; Scafoglio, Tecnica allusiva
[3.2.] 451 f.); ebenso unten V. 381; vgl. Sall. Iug. 16, 5 agro virisque
opulentior ; Stat. Theb. 5, 305 insula dives agris opibusque armisque
virisque (H) mit vergleichbaren Ablativen des Grundes: Das Land und
seine Bewohner verdanken ihre Qualitäten dem Fluß und dershalb wird
er gepriesen. Richtig übersetzte daher schon Lassaulx durch deine

Gefilde berühmt, und die Pflanzer“ (ähnlich Storck, Böcking, Tross,
Klausen, Geib u. a.), während die Mehrzahl der neueren Übersetzer die
Ablative als solche des Agens (L.-H.-Sz. II 122) oder als Dative auctoris
(Schröder [3.2.] 68 Anm. 49 nach Green, ICS 14, 1989, 305) versteht.
Das hier gleich zu Beginn ausgesprochene Lob des fruchtbaren Landes
klingt in der Mosella noch mehrfach an (V. 325, 370 f., 381, 399 f., 456 ff.,
472; Di Salvo 249). Die schon lange beobachtete Nähe zu den laudes
Italiae Vergils ist ein Schlüssel zum Verständnis des Gedichts und seiner
politischen Aussage: Wie der Moselfluß ein zweiter Tiber (vgl. zu V. 21 f.)
und eine zweite Garonne ist (vgl. zu V. 18–22), so ist das Moselland ein
zweites Italien (und Aquitanien) und wie Vergil das Italien der Zeit des
Augustus verklärte, so verklärt Ausonius, ein neuer Vergil (wie auch ein
neuer Homer; vgl. zu V. 374–380), das Land, das durch die Kaiserresidenz
Trier die Bedeutung Italiens und des alten Rom abgelöst hat. Er verklärt
aber auch in gleicher Weise seine Heimat. amnis: In der Mosella
(Belege bei Dräger, Ed. 2011, 347) wie auch sonst in der Dichtung nicht
nur Bezeichnung für den Fluß, sondern für jede Art von Wasserlauf
(V. 325) und für das Wasser selbst. colonis: Anders als in V. 9 und
120 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

V. 163 wird hier und V. 458 das Wort im Sinne von agricola gebraucht
(Cavarzere, Komm. S. 65, der auch, wie schon John [3.2.] 99 Anm. 1,
außerdem noch weitergehend die Verwendung in der allgemeineren
Bedeutung vir erwägt). Wegen der Zusammenstellung mit agris ist
jedoch die spezifischere Bedeutung agricola vorzuziehen, während die
Bewohner des Landes regelmäßig als Belgae (vgl. zu V. 10, 24, 319, 395,
439, 457, 462) bezeichnet werden.

24: Allein hier und V. 421 wird Trier genannt, beide Male nur in
Paraphrase und gleichsam als Rahmen. Für den Rest des Gedichts bleibt
allein der Fluß im Zentrum des Interesses (Marcone, Ausonio [3.2.]
206). Auch die Kaiserresidenz verdankt also ihre Existenz der Mosel.
Das stimmt zu der durchgängig zu beobachtenden Tendenz, daß für
alle kulturellen Errungenschaften des Mosellandes, ja auch für seine
politische Bedeutung, letzten Endes nicht der Mensch, sondern der
Fluß verantwortlich ist. Der Fluß, d. h. das Wasser, ist Grundlage und
Ursprung aller Kultur. Diese Tendenz bestimmt auch die Darstellung
der Bauwerke (Newlands [3.2.] passim). dignata: dignare für das
häufigere dignari auch V. 116 und 350, dort im Sinne von verglei-

chen“ (ThlL V 1, 1140, 80). moenia: Nimmt die Bedeutung Stadt“

an (wie Verg. Aen. 2, 252; ThlL VIII 1327, 59 ff.), wohl auch wegen
der Bedeutung der Ummauerung für die spätantiken Städte (vgl. zu
V. 2). Als Summe der Baulichkeiten einer Stadt“ (Köhler 187 zu Sidon.

epist. 1, 5, 1 urbes moenium situ inclitas) übersetzt Apul. mund. praef.
p. 288 σχη̃μα πόλεως mit moenia urbis; vgl. auch Isid. orig. 15, 2, 1 urbs
ipsa moenia sunt. Belgae: Ausonius benützt den alten gallischen
Stammesnamen nicht als ethnischen, sondern als territorialen Begriff. In
der Gallia Belgica liegt die kaiserliche Residenz, und ihr verdanken die
Provinz wie auch ihre Bewohner ihren besonderen Rang. Trier und das
Trevererland treten in Konkurrenz zu Rom und Italien. Das V. 394 ff.
angekündigte Enkomion gilt daher nicht in erster Linie den Angehörigen
eines gallischen Stammes, sondern den romanisierten oder römischen
Bewohnern der Regierungshauptstadt“ und ihres Umlandes und damit

insbesondere auch dem kaiserlichen Hof.

25 f.: Dem Hymnenstil entsprechende Anaphern in chiastischer Reihen-


folge (amnis . . . consite . . . consite . . . amnis). Die Akkusative iuga . . .
ripas bezeichnen in Analogie zu Objekten bei Verben des Bekleidens den
Bereich, der bepflanzt ist (vgl. L.-H.-Sz. II 36 f.); ähnlich V. 88 stellatus
tergora, 101 f. frontem / lubricus, 136 perductum tergora; Belege für
den bei Ausonius beliebten griechischen Akkusativ der Beziehung bei
Delachaux [3.3.] 85.
I. Aretalogie (23–74) 121

25 odorifero . . . consite Baccho: Nach Verg. georg. 2, 37 f. iuvat


Ismara Baccho / conserere (Ma) mit gleicher Metonymie wie V. 21;
conserere wie V. 48, 162, 191, 209. Das Attribut odorifero ist zuerst Verg.
Aen. 12, 419 belegt. Ausonius steigert die sonst für den Wein übliche
Junktur (Verg. georg. 4, 279 odorato . . . Baccho, ebenso Ov. fast. 3, 301;
odoratus als Attribut des Weins häufig seit Cato agr. 105, 2; vgl. ThlL IX
2, 472, 29 ff.) durch das bei Vergil singulär gebraucht Adjektiv, Attribut
des göttlichen Heilmittels panacea, mit dem Venus den verwundeten
Aeneas heilt, und rückt damit die Reben und ihren Duft (Dräger, Ed.
2011, 347) in eine heilige Atmosphäre, passend zur Heiligkeit“ des

Flusses. iuga vitea: Ebenso ordo 138 = 20, 11 bei der Beschreibung
von Bordeaux (Galdi [3.2.] 128); vgl. V. 152 spectacula vitea. Belege für
den Gebrauch des v. a. poetischen (seit Verg. georg. 3, 380) Adjektivs
viteus bei Charlet [3.2.] 41 f.; Di Salvo 91 Anm. 261.

26: BR; nach Verg. georg. 3, 144 viridissima gramine ripa (Tr); Stat.
Theb. 9, 492 gramineae . . . ripae (M 2); eingehende stilistische Analyse
des Verses bei Cavarzere, Komm. S. 66. – Feuchtes Grünland ist nach
Verg. georg. 2, 219 für den Weinbau besonders geeignet (Green, der hier
in Hinblick auf die weitere Beschreibung a line full of significance“

sieht). Ähnlich wird das Ufer V. 162 beschrieben. Der Unterschied zur
südländischen, vertrockneten Vegetation mag ebenfalls anklingen (Kröner
[3.2.] 17). Belege für viridis und verwandte Ausdrücke in der Mosella bei
Dräger, Ed. 2011, 347.

b) Allmacht“ (27–32)

Das von Curtius 293 bei Tiberianus entdeckte Summationsschema“,

das König [3.2.] auch für den Schluß der Mosella nachgewiesen hat, liegt
ebenso hier vor (Cavarzere, Komm. S. 66 mit weiterer Lit.; Ders., Incontri
[3.2.] 176–178). Die Struktur der Aufzählung vom Meer zur Quelle und
zurück hat Görler [3.2.] 105 f. = 162 beschrieben. Die Mosel umfaßt
somit alle Arten von Gewässern (die Bezeichnungen dafür hat Dräger,
Ed. 2011, 348 f. gesammelt) und so wird sie schließlich auch allen Arten
von Gewässern bekannt sein (V. 477 f.). Zum Wechsel der Anredeformen
zwischen Nominativ und Vokativ (ebenso V. 102 f.; 115–118; 131–134;
418–420) vgl. L.-H.-Sz. II 25; Cavarzere, Komm. S. 67.

27 naviger ut pelagus: Höchstes Lob ist die Möglichkeit der Schiffahrt


(naviger ebenso V. 367 von der Saar; hered. 26 von der Garonne) wie
auf dem Meer (Paul. Petric. carm. 6, 76 naviger in freti speciem), sodaß
122 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

Ven. Fort. carm. 3, 13, 1 (vgl. 10, 9, 12) geradezu von pelagus Mosella
sprechen kann (H), wobei pelagus auch den über die Ufer tretenden Fluß
bezeichnet (Della Corte, Maia 42, 1990, 267 f. = Opuscula XIV 125 f.).
Das griech. Fremdwort (πέλαγος) wählt häufig Vergil, hier nur noch
V. 287 als Name eines griech. Gewässers. Daneben nennt Ausonius den
Fluß wiederholt fretum (vgl. zu V. 108). Von Plin. epist. 8, 8, 3 wird
bei der Beschreibung der Clitumnusquelle (nach Verg. georg. 2, 147 ein
flumen sacrum; vgl. auch Kenny [3.2.] 197) ebenfalls bereits an die
Schiffbarkeit des Flusses gedacht (fons adhuc et iam amplissimum flumen
atque etiam navium patiens – H). Weitere Reminiszenzen an die Beschrei-
bung des Plinius (dazu E. Lefèvre, Gymnasium 95, 1988, 251–269) bieten
V. 66 f. und 189–199. Innerhalb der laudes Italiae erinnert Vergil daran,
daß vom Clitumnus die weißen Stiere stammen, die beim Triumph
geopfert wurden (georg. 2, 146–148; vgl. zu V. 422). – Schiffsverkehr setzt
eine prosperierende Wirtschaft voraus, wie sie sich in den Neumagener
Denkmälern für die Zeit vor Valentinian spiegelt. Neben Wein wird
auch Wolle, das zweite Hauptprodukt des Landes, transportiert worden
sein. Ältere Literatur zur Schiffahrt im Mosel-Rhein-Gebiet bei Ternes,
Komm. S. 35 f.; vgl. Cüppers S. 268–270 mit Abb. 155. Zur Wirtschaft vgl.
H. Heinen: Grundzüge der wirtschaftlichen Entwicklung des Moselraums
zur Römerzeit, TZ 39, 1976, 75–118; auf den Aspekt der friedlichen
und fruchtbaren Aktivität der Einwohner in Parallele zum Lauf der
Mosel verweist Marcone, Ausonio [3.2.] 206 f. devexas: Bezeichnet die
Fließbewegung wie Verg. georg. 4, 293 des Nils amnis devexus ab Indis;
vgl. Stat. Theb. 9, 243 vom Meer devexa profundi (H). – Versschluß wie
V. 99, 247, 417 nach Lucan. 3, 40 (H); vgl. Avien. Arat. 1358 devexus in un-
das (C), beide Male vom Sonnenuntergang; klassische Belege für den Hexa-
meterschluß bei Doblhofer II S. 269. pronus: Von Gewässern wie Verg.
georg. 1, 203 amni (Tr) und Aen. 8, 548 f. aqua (Ven. Fort. 10, 9, 20); vgl.
Hor. epist. 1, 10, 21 per pronum trepidat (sc. aqua) cum murmure rivum.

28: Holodactylus. Die Struktur des Verses (Caesuren nach fluvius und
lacus) bespricht Cavarzere, Komm. z. St. Allerdings besteht hier kein
Bezug zwischen Versrhythmus und Inhalt (ebensowenig V. 71, 159,
414), dagegen V. 40, 90, 467. Vgl. Einleitung S. 22 f. vitreoque . . .
profundo: Wie V. 55. Der Vergleich eines Gewässers mit Glas ist
seit Verg. georg. 4, 350 (aber nicht im Griechischen, so Richter z. St.)
verbreitet: Hor. carm. 3, 13, 1 und 4, 2, 4; Ov. epist. 15, 157 (M 2); Stat.
Ach. 1, 26 (P), silv. 2, 2, 49 (zitiert zu V. 189–199); Apul. met. 1, 19, 7
fluvius in speciem placidae paludis ignavus ibat argento vel vitro aemulus
in colorem (Tr). Di Salvo 263 (vgl. ibid. 94) spricht von einem attributo

prediletto di Ausonio“ mit Hinweis auf ordo 158 = 20, 30, Mos. 195
I. Aretalogie (23–74) 123

und 223 (vgl. dort und zu V. 179). Weitere Belege bei Fuoco [3.2.] 335
Anm. 15. imitate: Die Lesart von B imitante, von Barthius und
Prete erwogen, ist wegen des Wechsels der Anredeformen mit Green
abzulehnen. Galdi [3.2.] 128 verweist auf Auson. ordo 139 = 20, 12.

29 f.: Der Parallelismus der Verse wird durch den Endreim potu / meatu
unterstrichen; ähnlich V. 33/34, 43/44.

29 trepido: Vielleicht nach trepidare als Ausdruck für den Lauf der
Bäche wie Hor. carm. 2, 3, 12 (S) und epist. 1, 10, 21 (M 2, zitiert zu
V. 27), dazu N.-H. II 60; Nardo [3.2.] 327 Anm. 16. potes: Die
Konjektur von Gronovius ist abzulehnen, da potis nicht absolut in
adjektivischer, sondern nur in prädikativer Verwendung vorkommt (H;
ebenso ThlL X 2, 235, 52 und 336, 73) und die Überlieferung einen guten
Sinn ergibt (G). meatu: Vom Lauf oder der Strömung des Gewässers
nachkl. und spätlat. häufig (ThlL VIII 512, 79 ff.); hier noch V. 35, 44,
63, 140, 352, 354, 472; ebenso meare V. 61, 481; vgl. auch Di Salvo S. 85
zu ordo 138 = 20, 11 und Ders. S. 260 zu ordo 154 = 20, 26.

30: Die Trinkwasserqualität“ des Flusses wird überbietend gepriesen



wie ordo 159–162 = 20, 31–34 die der Divona-Quelle in Bordeaux (dazu Di
Salvo 264–266). Die Bedeutung antiker Flüsse als Trinkwasserreservoir“

führt zu Formulierungen wie Hor. carm. 2, 20, 20 Rhodanique potor ; Sidon.
epist. 4, 17, 1 potor Mosellae (Fr; vgl. die Belege bei Amherdt S. 385)
zur Bezeichnung der Anrainer eines Flusses. Selbstverständlich durfte
Ausonius diesen Topos nicht übergehen. gelidos: Häufiges Attribut der
Quellen: Verg. ecl. 10, 42 (M); Ov. met. 4, 90; weitere Belege bei Hosius
und Charlet [3.2.] 189 f.; vgl. Auson. VII 4, zitiert zu V. 55 levia terga.

31 f.: Das Polysyndeton (Belege aus der Mosella bei V. 66) schafft eine
besondere Emphase (vgl. V. 168; Lolli, Parentalia 70 mit weiteren Belegen
aus Ausonius).

31 omnia solus habes: Wie Mart. 3, 26, 5 (M 2). Zu dieser dem


Hymnus eigenen Aussage haben Korzeniewski [3.2.] 82 f. und Görler
[3.2.] 106 Anm. 1 = 162 Anm. 35 weitere Belege, auch aus Ausonius,
beigebracht (z. B. CIL X 3800 = Dessau 4362 una quae es omnia dea
Isis; Mart. 5, 24, 15 Hermes omnia solus); nachgeahmt Ven. Fort. carm.
2, 7, 4 und 9, 1, 136 (H). Görler hat auch auf die ähnliche Anweisung
zum Städtelob beim Rhetor Menander verwiesen; vgl. zu diesem Thema
auch die Literaturangaben bei C. J. Classen: Die Stadt im Spiegel der
Descriptiones und Laudes urbium in der antiken und mittelalterlichen
124 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

Literatur bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts, Hildesheim/New


York 2 1986, 131 Anm. 3 und 4 sowie Einleitung S. 31.

32: Die Stelle versuchte unter Beibehaltung des überlieferten munimine


schon Schissel, RhM N. F. 75, 1926, 127 zu klären und verstand bivio
munimine als Enallage im Sinne von via bis munita. Der seltene Gebrauch
des Adjektivs (ThlL II 2025, 43 ff.) ist durch Verg. Aen. 11, 516 bivias
armato obsidam milite fauces vorgebildet, wo nicht zwei Wege“, sondern

der Ein- und Ausgang einer Schlucht gemeint ist (vgl. auch Scafoglio,
Vichiana 4. ser. 4, 2002, 226 Anm. 21 und S. 227 mit eher spekulativen
Schlußfolgerungen: Säulen des Herakles, Y des Pythagoras). Görler [3.2.]
106 f. = 163 f. (ebenso schon Wamser S. 29) vermutete, Ausonius spiele
auf die Mole am Lucrinersee an, durch deren Durchlaß in zwei Richtungen
(bivius) das Meerwasser bei Flut ein- und bei Ebbe ausströmt (refluus;
vgl. V. 463). Die Anlage und ihre Verbindung zu dem von Agrippa
als Hafen (portus Iulius) ausgebauten lacus Avernus (dazu E. Kirsten:
Süditalienkunde I, Heidelberg 1975, 234 ff.; vgl. auch zu V. 208–219)
wird von Vergil in den laudes Italiae georg. 2, 161 ff. gepriesen und sie

bildet den Schluß und Höhepunkt einer Aufzählung verschiedenartiger
Gewässer“ (Görler [3.2] 107 = 164; vgl. auch die Erläuterungen von
Richter z. St.). Dagegen hat Green mit Recht eingewendet, daß in dem
hier vorliegenden Katalog allgemeine Qualitäten genannt seien; vgl.
auch die Kritik von Schröder, RhM N. F. 141, 1998, 68 Anm. 51. Der
abschließende Satz hat gleichzeitig überleitende Funktion zum nächsten
Abschnitt, der vom Lauf und der Befahrbarkeit der Mosel spricht.
Der Vergleich mit dem Meer und seiner doppelten Strömung, die in
einer Hafeneinfahrt besonders sichtbar wird, wo das Meer verengt den
Charakter eines Flusses annimmt, bereitet den Eindruck der wechselnden
Strömung vor, der beim Treideln entsteht (V. 39 ff.). Daher scheint
die alte Konjektur von Gronovius durchaus einen Sinn zu geben, auch
wenn das Wort manamen sonst nicht belegt ist. Die Überlieferung
läßt sich jedoch halten, wenn man munimen im Sinne einer durch eine
Mole befestigten Hafeneinfahrt versteht. An einer solchen Stelle ist
der Wechsel von Ebbe und Flut, worauf offensichtlich refluus abzielt,
besonders gut zu beobachten. Das gilt jedoch nicht für das Mittelmeer,
wo bekanntlich die Gezeiten kaum eine Rolle spielen und womit der
Bezug zum Lucrinersee eher unwahrscheinlich wird, aber für die Häfen
an der Atlantik- und Kanalküste und somit auch für Bordeaux, wo
Ausonius das Phänomen kennenlernen konnte. An der Garonne haben
die alten Geographen die Erscheinung beobachtet, so zuerst Mela 3, 21
at ubi obviis oceani exaestuantis accessibus adauctus (sc. Garunna) est,
isdemque retro meantibus sua illiusque aquas agit, aliquantum plenior,
I. Aretalogie (23–74) 125

et quanto magis procedit eo latior fit, ad postremum magni freti similis


(M 1, S. 141), der das Gleiche auch von britannischen Flüssen berichtet
(3, 51 flumina, alternis motibus modo in pelagus modo retro fluentia).
Ebenso beschreibt die Verhältnisse an der Garonne das Itinerarium Bur-
digalense (549 fluvius Garonna, per quem facit mare Oceanum accessa et
recessa per leugas plus minus centum) sowie Ausonius im Zusammenhang
mit seinem Landgut (hered. 26 naviger hic refluus me vehit ac revehit)
und in seinem Lob Burdigalas (ordo 146 = 20, 18) quem (sc. fontem)
pater oceanus refluo cum impleverat aestu (dazu Di Salvo 256); epist.
4, 13 f. aequoris undosi quam multiplicata recursu / Garumna pontum
provocat; (Mondin, Ed. Epist. S. 69 vergleicht zu dieser Briefstelle Claud.
17, 107 tumidos quae Luna recursus / nutriat oceani ); epist. 14b, 2 reflui
maris aestus (dazu Mondin, Ed. Epist. S. 212) und ausführlich Sidon.
carm. 7, 393–397 (M 1) und 22, 105–113. Zu nennen ist noch Claud.
5, 113 quosque (sc. Gallos) rigat retro pernicior unda Garunnae (M 1). In
gleicher Weise heißt es Mos. 463 von der Charente refluus . . . Carantonus
aestu. Der Hafen von Bordeaux war mit der Garonne durch einen Kanal
verbunden; er konnte durch eine Toranlage verschlossen werden. Das be-
zeugt Paul. Pell. euch. 44–47 Burdigalam veni, cuius speciosa Garumna /
moenibus Oceani refluas maris invenit undas / navigeram per portam,
quae portum spatiosum / nunc etiam muris spatiosa includit in urbe; vgl.
dazu Barraud [3.1.] 38 mit Hinweis auf die Erwähnung des Hafens von
Bordeaux Auson. epist. 24, 121 celebrata per ostia portus. Gerade eine
solche Anlage konnte treffend als munimen bezeichnet werden. Belege für
munimine an gleicher Stelle im Hexameter bei Scafoglio, Vichiana 4. ser.
4, 2002, 226 Anm. 20. – Mit dem Terminus refluus wird einerseits das
Zurückweichen des Meeres bei Ebbe bezeichnet (Lucan. 4, 428 dum se . . .
aestus agat refluoque mari nudentur harenae; Mondin, Ed. Epist. S. 212),
andererseits die wechselnde Strömung von Ebbe und Flut wie Ov. met.
7, 267 et, quas Oceani refluum mare lavit, harenas; fluctus reflui von der
wechselnden Strömung des Euripus; Stat. silv. 1, 3, 31 f.; Auson. epigr.
3, 9 (Anhang S. 282 ff.) si lege maris refluus mihi curreret amnis; weitere
Belege bei Mirmont 1892 und Hosius; vgl. V. 69 nudat, V. 74 detegit.

2. Der Wasserlauf (33–44)

Auch in diesem Abschnitt werden in Form der Anrede und der


aretalogischen Aufzählung, von Cavarzere, Komm. S. 68 f., in je 6 Verse
gegliedert, hymnische Elemente beibehalten. Schon die Handschrift G
faßte diesen Abschnitt als Einheit auf.
126 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

33–36: Der ruhige Wasserlauf der Mosel ist weder durch Winde
noch durch verborgene Felsen noch durch Untiefen unterbrochen. Görler
[3.2.] 103 = 158 vermutet auch hier den Gegensatz zu den wirbelnden
Unterweltsflüssen (mit Hinweis auf Sen. Herc. f. 714 f.). Vgl. auch Consoli,
RCCM 37, 1995, 137 f.

33: Nach Lucan. 4, 13 f. placidis praelabitur undis . . . amnis (H).


Die ähnliche Formulierung Auson. ordo 33 = 6, 6 tranquillo praelabitur
amne Mosella (P) bezieht sich auf den breiteren Fluß in der Trierer
Talaue wie V. 472 placidos . . . meatus, vgl. Dieck [3.1.] Abb. 34/35;
V. 245 beschreibt die Strömung am Ufer; vgl. auch V. 61, 73 und 100.
Als Attribut des Tiber (vgl. zu V. 36) findet sich placidus Tib. 1, 4, 12;
Ov. ars 3, 386, weitere Belege bei Doblhofer II S. 89 f. Hosius notiert die
Bevorzugung der Präposition prae statt praeter seit augusteischer Zeit.
placidis . . . aquis wie Ov. epist. 18, 82 (W S. 103); Val. Fl. 1, 657 (M 2).
murmura venti: Vergleichbare Klauseln bei Mastandrea S. 540; End-
reim mit V. 34, ähnlich V. 29 f.

34: Schema a,b/V/A,B mit BR. occulti . . . luctamina saxi: Für


das Bild gibt es kein direktes Vorbild; ähnliche Wendungen finden sich
bei Vergil: Aen. 3, 706 et vada dura lego saxis Lilybeia caecis; Aen. 1, 108
tris Notus abreptas in saxa latentia torquet; Aen. 8, 89 remo ut luctamen
abesset (Görler [3.2.] 103 Anm. 1 = 158 Anm. 28); occulta saxa Curt.
8, 13, 9 (H). Wamser S. 31 beobachtet Anklänge an Stat. silv. 3, 1, 14 ff.;
Cavarzere, Komm. S. 68, verweist auf Ov. Pont. 3, 6, 44 saeva quid in
placidis saxa vereris aquis?

35 spirante: Wie Verg. Aen. 10, 291 in der Lesart qua vada non spirant
(sperat Servius, edd.; den Wechsel in der Vergilischen Überlieferung
bespricht Cavarzere, Komm. S. 68 mit Lit.) nec fracta remurmurat
unda (S); vgl. Verg. georg. 1, 327 fretis spirantibus (M 2). vado: Hier
in der Grundbedeutung Untiefe“ wie V. 139, dagegen V. 40 und 61

in der üblichen poetischen Verwendung Wasser“, Gewässer“. Vgl.
” ”
auch Di Salvo 220. rapidos: Proleptisch, ebenso V. 40 concita
(H). meatus: Vgl. zu V. 29. – Die Ruhe der Strömung (wiederholt
V. 6 und 292) und die Sicherheit für die gleich anschließend thematisierte
Schiffahrt (nur durch sie wird die Strömung beschleunigt: V. 40 vada
concita) ist ein weiteres Detail der idealtypischen Darstellung des Flusses.

36–38: Ausonius behauptet nicht, daß es in der Mosel keine Inseln


gäbe. Selbst nach dem Ausbau des Flusses finden sich noch solche wie
z. B. das Werth bei Bernkastel-Kues, bei Ürzig, Zeltingen, Zell, Nehren.
I. Aretalogie (23–74) 127

Vielmehr unterbrechen auch dort, wo eine Insel den Fluß teilt, nicht noch
weitere Landflächen den Flußlauf.

36: Nach Lucr. 4, 397 exstantesque procul medio de gurgite montes


(G) mit Einfügung des Versschlusses Ov. met. 15, 263 aequore terras (C);
ähnliche Versschlüsse LHL I 25. aequore: Als aequor wird der Tiber
Verg. Aen. 8, 89 und 96 bezeichnet; weitere Belege für diese Bezeichnung
eines Flusses bei Di Salvo 256. Vergil betont in der Erzählung von der
Tiberfahrt des Aeneas wiederholt die Sanftheit des Flusses. Auch mit
dieser Anspielung wird die Mosel, ebenso wie die Garonne (vgl. zu
V. 483), zu einem zweiten Tiber (vgl. auch zu V. 33); darauf hat schon
Marx, RhM N. F. 80, 1931, 377 hingewiesen.

37 interceptus: Von einem Flußlauf wie Stat. Theb. 7, 749 (M 2).


iusti: Den Gebrauch von iustus bei Ausonius bespricht Di Salvo 67.
ne: Bei streng finaler Auffassung könnte die Vorstellung einer
planmäßigen Einrichtung durch die Natur herausgehört werden. Nicht
auszuschließen ist allerdings eine konsekutive Verwendung von ne, wie
sie seit Columella und Tacitus belegt ist (L.-H.-Sz. II 641 f.). demat
honorem: Wie Ov. met. 13, 16 (H). Die gleiche Aussage (nach Hosius)
auch Sil. 4, 645 amnis tibi nomina demam; Plin. epist. 5, 6, 12 aestate
summittitur immensique fluminis nomen arenti alveo deserit (sc. Tiberis).

38 exclusum: Vgl. V. 146 sowie zu V. 15. Die Vorstellung, daß eine


Insel das umgebende Wasser ausschließt“ oder trennt“ und so den
” ”
Lauf des Flusses unterbricht, findet sich auch Ov. fast. 2, 194 (von der
Tiberinsel) ubi discretas insula rumpit aquas (Tr); vgl. Ven. Fort. 10, 9, 15
exclusas . . . undas. Während aber bei Ovid der Wasserlauf gebrochen“

wird, strömt die Mosel auch an Inseln ungehemmt vorbei. Zum Pleonas-
mus exclusum . . . dividat, besprochen von Cavarzere, Komm. S. 69, vgl.
Einleitung S. 25.

39–43: Der Fluß kann in beide Richtungen befahren werden, flußabwärts


mit Hilfe der Ruder, flußaufwärts getreidelt; vgl. Prop. 1, 14, 3 f. (am
Tiber) et modo tam celeres mireris currere lintres / et modo tam tardas
funibus ire ratis (H). Dadurch entsteht der Eindruck, die Mosel fließe
in beide Richtungen (via wie Verg. Aen. 5, 807; vgl. zu V. 433), wie im
folgenden ausgeführt wird. Gleichzeitig entsteht das Bild eines regen
Schiffsverkehrs; vgl. zu V. 200–239. Neben der Reminiszenz an den Tiber
(vgl. zu V. 21 f.) steht die an die Clitumnus-Quelle (vgl. zu V. 27) mit
Schiffsverkehr in beide Richtungen (Plin. epist. 8, 8, 3). Den Abschnitt
erörtern Deman [3.2.] 13–15; Schröder [3.2.] 69 Anm. 52.
128 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

39 sortite: Vielleicht will Ausonius auf eine Zuteilung durch Los“ (wie

V. 81) bei der Weltschöpfung (Ov. met. 1, 38–42) anspielen; vgl. Ov. met.
2, 241 sortita loco distantes flumina ripas. cum amne: Gleiche Syn-
aloephe V. 449 me in; weitere Belege bei Schenkl, Ed. S. 301 s. v.
synaloephe.

39 f. amne secundo defluis: Gleicher Versschluß Auson. epist. 24, 119;


Claud. carm. 28, 497; vgl. Verg. georg. 3, 447 (Tr) = Aen. 8, 549 secundo
defluit amni (H).

40: Sachlich und sprachlich nahe stehen Verg. Aen. 3, 290 certatim
socii feriunt mare (M 2), außerdem Catull. 64, 58 iuvenis fugiens pellit
vada remis; Verg. Aen. 6, 320 remis vada livida verrunt (W S. 34 f.).
Cavarzere, Komm. S. 69, verweist auf Stat. Ach. 1, 100 et niveas feriunt
vada Thessala plantas und Sil. 15, 301 pepulit vada fervida remis.
feriunt: Wenn auch der überlieferte Konsekutivsatz einen Sinn ergibt
(verteidigt von Green), verstärkt doch die leichte Änderung von Fuchs
[3.2.] 174 den Parallelismus des Satzes derart, daß dem zweiten Ausruf
(V. 43) quotiens (von Peiper als Frage aufgefaßt) ein exklamatives
ut entspricht. Sinngemäß übersetzte auch John (S. 55), allerdings oh-
ne Textänderung. vada: Vgl. zu V. 35. concita: Proleptisch; von
Gewässern im Sinne von agitatus seit Prop. 3, 2, 3 und öfters bei Ovid; vgl.
ThlL IV 38, 22 ff. Durch den Ruderschlag wird die Fließgeschwindigkeit
gleichsam verstärkt. Der Holodactylus malt“ die rasche Bewegung (vgl.

zu V. 28), während die drei Spondeen der beiden Versanfänge V. 41 f.
lautlich die ungehemmte, stetige Bewegung abbilden (Dräger, Ed. 2011,
350). remi: Green, Komm. S. 469, bemerkt die Vermeidung eines
persönlichen Subjekts wie V. 47 vestigia. Der Mensch tritt hier noch
ganz zurück und wird eher indirekt oder nur kurz (nautae) erwähnt.
Dennoch enthält die Emsigkeit der Schiffsbewegung auch ein implizites
Lob der Schiffer und Treidler. Im nächsten Hauptteil sind die Bewohner
des Moseltals deutlich präsent, auch wenn dort zuerst die Landschaft
beschrieben wird.

41 f.: Der hier beschriebene Vorgang des Treidelns ist in den tech-
nischen Einzelheiten umstritten: Entweder wird das Schiff von den
Treidlern selbst gezogen oder von Maultieren. Das Treideln durch
Menschenkraft zeigt ein Relief aus Neumagen (E. Espérandieu: Bas-
reliefs, statues et bustes de la Gaule romaine, Paris 1907 ff. Nr. 5148 e f;
F. Moll: Das Schiff in der bildenden Kunst, Bonn 1929 B IV a 76;
W. v. Massow: Die Grabmäler von Neumagen, Berlin/Leipzig 1932 Nr.
179 b; Wightman [3.1.] Abb. 16 b; L. Casson, JRS 55, 1965, 36 f.) sowie
I. Aretalogie (23–74) 129

der Sockel der Igeler Säule (Espérandieu Nr. 5268; H. Dragendorff/E.


Krüger: Das Grabmal von Igel, Trier 1924, Taf. 16/17; Moll op. cit. B
IV a 71; E. Zahn: Die Igeler Säule bei Trier, Neuß 1968, 21 und 29; alle
Nachweise nach W. Binsfeld, Moselschiffe, in: Festschrift W. Haberey,
Mainz 1976, 1 f.; Weis S. 62; Schönberger S. 61; weitere Nachweise zu
V. 23–26). Das Detail eines am Mast festgebundenen Schlepptaus findet
sich auf einem Relief aus Avignon (Casson l. c. Abb. III 2; Baltzer [3.1.]
Abb. 111, vgl. ibid. S. 72 f.). Das Treideln mit Maultieren ist ebenfalls
durch ein Neumagener Denkmal belegt, beschrieben von Hosius, Anhang
S. 117. Dieser Deutung schließen sich Deman und Verdière [3.2.] 13 für
die Interpretation unserer Stelle an und übersetzen: . . . et quand, sans

que nulle part le câble de halage ne lambine au milieu des berges, les
nautae tendent les câbles des mâts au cou des mules.“

41: nusquam cessante: Das Seil ist immer straff gespannt (wie es
die Darstellung auf der Igeler Säule zeigt), es hängt an keiner Stelle
des Treidelpfads durch. Das Verbum cessare wird häufig gebraucht von
Gerätschaften im Sinne von unbenutzt daliegen“ (vgl. Val. Fl. 1, 443

cessantem . . . remum; ThlL III 961, 1 ff.). remulco: Schleppseil“

(vgl. gr. ῥυμουλκει̃ν am Schleppseil ziehen“); am Hexameterschluß wie

Valg. carm. frg. 4, 1 (Isid. orig. 19, 4, 8); vgl. Auson. VII 9 (Tr).

42: Formuliert nach Verg. Aen. 2, 236 f. vincula collo / intendunt (Tr),
von Servius mit ligant erklärt; vgl. Stat. silv. 3, 2, 26 f. tendite / mali
vincula (H). Die von J. Scheffer: De militia navali veterum libri quattuor
ad historiam graecam latinamque utiles, Uppsala 1654, 326 vorgeschla-
gene, von Schenkl akzeptierte Konjektur mulorum stützt sich auf Hor.
sat. 1, 5, 18 missae pastum retinacula mulae, ist jedoch mit Deman,
Verdière und Green, Komm. S. 469, abzulehnen. Wird das Treideln mit
Menschenkraft bewerkstelligt, so ist das Seil über die Schulter gezogen,
wie es die Darstellung auf der Igler Säule zeigt, aber nicht um den
Hals. Beim Treideln mit Maultieren dagegen wird das Seil, wie es das
Neumagener Reliefbruchstück darstellt, am Halsjoch (collo) der Tiere
befestigt; vgl. Verg. ecl. 6, 50 quamvis collo timuisset aratrum.

43: Das getreidelte Schiff wird entgegen der Fließrichtung des Flusses
bewegt. Dadurch entsteht der Eindruck einer gegenläufigen Strömung
(recursus), wie sie bei Flut auftritt (Ov. Ibis 419; Auson. epist. 4, 13 f.
von der Garonne, zitiert zu V. 32 – H); darüber wundert sich selbst
der Flußgott. Insofern ist die Korrektur tuo statt tuos mit folgendem
legitimoque (Christ [2.1.] S. 277 Id est, tu putas te ire segnius, quam

remulco tracta“; Shackleton Bailey [3.2.] 254) nachvollziehbar, aber
130 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

nicht erforderlich (s. u.). Keinesfalls wird aber auf die mäandergleichen
Krümmungen des Flusses angespielt, durch die der Eindruck entsteht,
der Fluß fließe in entgegengesetzte Richtung (wie Freher; Evelyn White,
Ed. I S. 229 at the windings of thine own stream“; Marx, RhM N. F.

80, 1931, 378 vermuteten; zurückgewiesen von Böcking, Klausen S. 42,
Green, Komm. S. 469). – Endreim mit V. 44; vgl. zu V. 29 f. ipse
tuos: Ähnliche Junkturen nennt Marx, RhM N. F. 80, 1931, 378, dazu
Ciris 82 (G). miraris: Vielleicht, wie V. 142, nach Verg. Aen. 8, 91
(Tiberfahrt der Aeneaden) mirantur et undae. Vgl. zu V. 2 miratus und
über die Parallelen zum Tiber V. 21 f.

44: Das Treideln geht so rasch vonstatten, daß im Vergleich dazu


die natürliche (legitimus mit weitem Hyperbaton) gegenläufige Fließ-
geschwindigkeit langsamer (Komparativ segnius) erscheint (Tr); eine
Textänderung (verzeichnet bei Marsili S. 50 f.) ist nicht erforderlich. Die
Feststellung enthält implizit ein Lob für die nautae, die den Schiffsverkehr
bewerkstelligen. Ähnlich schildert Properz die gegenläufigen Bewegungen
1, 14, 3 f. et modo tam celeres mireris currere lintres, / et modo tam
tardas funibus ire ratis (G). prope segnius: Aus metrischen Gründen
so zu verbinden (Könnecke, WKPh 31, 1914, 886).

3. Natürliche Schönheit (45–74)

Der Übergang vom vorhergehenden Abschnitt ist wiederum gleitend,


denn tu V. 45 setzt noch als letztes Element der dreiteiligen Anapher
(V. 33 und 39) den hymnischen Ton fort und der thematische Zusammen-
hang bis V. 54 ist evident. Allerdings hat schon die Handschrift G hier
eine Zäsur markiert (dazu Marx, RhM N. F. 80, 1931, 378; Mayer, Agon
2, 1968, 72). Dagegen läßt Marcone [3.2.] 206, sicher zu Unrecht, den
Zentralteil des ganzen Gedichts mit V. 48 beginnen (bis V. 381). Auch
Tross, Schenkl, Peiper, Hosius, Evelyn White, John (begründet [3.2.] 99)
u. a. beginnen mit V. 48 einen neuen Absatz, während Green (ICS 14,
1989, 306) und Cavarzere, Komm. S. 70, die Einheit der ganzen Passage
bis V. 54 erkannt haben.

a) Das Ufer (45–54)

Die Binnengliederung des Abschnitts (V. 45–47 und V. 53/54 als Rahmen
von V. 48–52) bespricht Cavarzere, Komm. S. 70. Binnenreim V. 45/46
und 48/49.
I. Aretalogie (23–74) 131

45 f.: Schlamm und Schilf, die hier der Mosel abgesprochen werden (wie
ordo 158 = 20, 30 inlimis von der Garonne – H), sind nach Görler [3.2.]
102 = 157 feste Attribute der Höllenflüsse“ (Verg. Aen. 6, 415 f. und

georg. 4, 478 ff.). Da es hier aber um die Beschreibung des Ufers geht,
besteht kein Widerspruch zu V. 122.

45 limigenis: Hapax legomenon zu einer Nominativform limigenus (oder


limigena; vgl. V. 116 amnigenas; die Klassiker verwenden das Attribut
limosus: Lucan. 2, 70; Verg. ecl. 1, 48 limoso . . . iunco (H). prae-
texeris: Nach Verg. ecl. 7, 12 = georg. 3, 15 praetexit harundine ripas
(Ma, Görler [3.2.] 102 Anm. 1 = 157 Anm. 24); Souter, CR 40, 1926, 89
vergleicht Stat. silv. 4, 4, 7.

46 nec piger: Im Gegensatz zu den Unterweltsflüssen (Belege bei


Görler [3.2.] 102 = 158; vgl. aber zu V. 1 celerem); ähnlich Apul.
met. 1, 19, 7 ignavus. Als Atrribut eines unbewegten, verschlammten
Teiches steht piger Ov. Pont. 4, 10, 61 (Tr); Stat. Theb. 8, 17 (H –
Unterweltsbeschreibung!). inmundo . . . caeno: Der Acheron ist bei
Verg. Aen. 6, 296 turbidus caeno (Görler [3.2.] 103 = 158). perfundis
litora: Ähnliche Junkturen Manil. 5, 528 (C); Sil. 15, 300 (G).

47: Die Nähe zu Ov. met. 2, 870 f. cum deus a terra siccoque a litore
sensim / falsa pedum primis vestigia ponit in undis hat Hosius gesehen
(zurückgewiesen von Green, Komm. z. St.), der auch auf die erlesene
Wortwahl (primores; vor- und nachklass.) bei Ausonius aufmerk-
sam macht und den Versschluß nach Catull. 64, 162 vestigia lymphis
notiert. vestigia: Vgl. zu V. 40 remi.

48–52: Es geht weder um den traditionellen Topos der Zivilisations-


kritik, wie er bei Cic. leg. 2, 2 pavimenta marmorea et laqueata tecta con-
temno (M 2); Hor. carm. 2, 18, 1 f. non ebur neque aureum / mea renidet
in domo lacunar oder 3, 1, 41 f. quod si dolentem nec Phrygius lapis /
nec purpurarum Sidone clarior vorliegt (Hosius mit weiteren Belegen;
diese Deutung, die der allgemeinen Tendenz der Mosella widersprechen
würde, wird zurückgewiesen von Consoli, Ed. S. 65 Anm. 15; Schönberger
z. St.) noch geht es um eine Verherrlichung des einfachen Lebens,
wie sie sich etwa bei den Augusteern findet (Verg. georg. 2, 458–474;
P. Zanker: Augustus und die Macht der Bilder, München 2 1990, 284–290),
sondern um die Bewunderung (V. 51) und um das Lob der natürlichen
Beschaffenheit und Schönheit des Moselufers (Consoli, RCCM 37,
1995, 131 contemplazione delle pure bellezze della natura“), die jede

künstliche, durch scheinbar wertvolle Materialien und maßlose Bauwut
132 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

geschaffene Fläche übertrifft; vgl. Newlands [3.2.] 407. Vergleichbar ist


die Erwähnung der kaledonischen Perlen V. 70 ff. und die Erquickung
der Badenden im Fluß V. 343. Damit entfällt auch der vermeintliche
Widerspruch zwischen Kritik am Bauluxus und der Bewunderung
palastähnlicher Villen, den Ternes, REL 48, 1970, 396 = 198 konstatiert.
Consoli l. c. versteht die Verse als einen trait d’union“ zwischen dem

Hymnus auf den Fluß und der Wiederaufnahme der Naturbetrachtung,
deren Schönheit dem Prunk der Reichen entgegengesetzt wird.

48 f.: Die nur kurz anklingende Beschreibung einer prunkvollen Halle


(vgl. die Belege bei Cavarzere, Komm. S. 71) beruht natürlich auf der
Kenntnis der zeitgenössischen Bauten der Kaiserresidenz Trier. Über
die Marmorausstattung des Victorinus-Palastes vgl. Katalog Konstantin
Nr. I.3.14. Consoli l. c. verweist auf B. Luiselli: Storia culturale dei
rapporti tra mondo romano e mondo germanico, Rom 1992, 699 f. und
845. Über das Interesse des Ausonius an Architektur siehe zu V. 298.
Aus der Aufzählung der verschiedenen Marmorbeläge bei Stat. silv.
1, 5, 37 ff. und 2, 2, 85 ff. (H) wählt Ausonius den durch die mythologische
Tradition negativ bewerteten. Es handelt sich um den weißen, mit roten
Adern und Flecken durchsetzten Marmor von Synnada in Phrygien.
Er gehört zu den bedeutendsten und kostbarsten Buntgesteinen in

der kaiserzeitlichen und byzantinischen Kunst“ (R. M. Schneider: Bunte
Barbaren. Orientalenstatuen aus farbigem Marmor in der römischen
Repräsentationskunst, Worms 1986, 140 mit Belegen aus antiken Autoren
und Lit.). Das Attribut Phrygiis (ebenso Hor. carm. 3, 1, 41, zitiert zu
V. 48–52; weitere Belege bei Illuminati) unterstreicht nach Newlands
[3.2.] 407 auf ironische Weise die Unfruchtbarkeit der Marmorböden im
Gegensatz zum Moselland, da dieser Marmor nach Statius l. c. seine
fleckige rote Farbe von den bei der Entmannung des Attis entstandenen
Blutstropfen habe. Ob ein Bezug zum Katalog wertvollen Baumaterials
bei Plin. nat. 36, 1 ff. vorliegt (so Newlands l. c.), darf bezweifelt werden.

48: Versanfang nach Ov. epist. 16, 57 i nunc et Phrygiae eqs. (S); weitere
Belege der beliebten ironisch-sarkastischen Formel“ (L.-H.-Sz. II 471)

i nunc et bei Mirmont 1892, 98 und 282 sowie Hosius und Illuminati;
Literatur bei Cavarzere, Komm. S. 71. Schönberger z. St. notiert die
ironisch tadelnde“ Formulierung und verweist auf ihre Herkunft aus der

kynisch-stoischen Diatribe. sola: Wie Cic. parad. 49; Ov. met. 15, 672
marmoreum . . . solum (W S. 39). consere: Nur die Mosel, nicht der
Mensch, kann die Aufgabe des conserere erfüllen (Newlands [3.2.] 407).
Die Übertragung aus der Bedeutung bepflanzen“ zu bedecken“ legt
” ”
der Kontext (campum) nahe; vgl. Auson. epist. 3, 7 (ostrea) pingui . . .
I. Aretalogie (23–74) 133

consita limo und zu V. 25. crustis: Paneg. 3 [11] 11, 4 picturatae


marmorum crustae et solido auro tecta laquearia (G); als Bezeichnung
für Marmorverkleidung in der Dichtersprache selten (ThlL IV 1253, 55 ff.).

49 laqueata . . . atria: Häufiger ist die Verbindung laqueata tecta


(Lucr. 2, 28; Hor. carm. 2, 16, 11 f. und N.-H. z. St.) campum: Green,
Komm. S. 470, notiert den neuen Gebrauch des Wortes im Sinne von
künstlich geschaffene Fläche“ (vgl. ThlL III 215, 33 ff.) und vergleicht

die vermutliche Imitation bei Sidon. epist. 2, 2, 3 und 2, 10, 4 v. 20.
Die Wortwahl benennt (wie V. 48 sola) das natürliche Gegenstück des
Kunstprodukts (G).

50: Ähnlich Ov. am. 3, 8, 55 dat census honores (M 2); Wamser S. 41


vergleicht inhaltlich verwandte Stellen und vermutet eine persönliche
Aussage des Dichters; mit Recht zurückgewiesen von Green, Komm.
S. 470. Versanfang wie V. 448; Verg. Aen. 1, 46 (M 2); vgl. zu V. 245. Die
formelhafte Einleitung eines Verses oder einer Periode mit ast hat Fr.
Leo besprochen (Zum Briefwechsel des Ausonius und Paulinus, Nachr.
d. Götting. Ges. d. Wiss.. Philol.-hist. Klasse 1896, 255 = Ausgewählte
kleine Schriften II, Rom 1960, 321); vgl. Mondin, Ed. Epist. S. LV; LHL
I 146 f.

51 f.: Die beiden Verse haben seit Cannegieter Anstoß erregt und
zu verschiedenen Konjekturen geführt. Die eindeutige Überlieferung, die
auch durch den vergleichbaren Versschluß Verg. Aen. 3, 505 cura nepotes
(M) gestützt wird (gewichtiges Ende der Abschiedsrede des Aeneas an
Andromache vor dessen Überfahrt nach Italien), ist zu halten, wenn
1. die Zuordnung von cura nepotum und 2. die Bedeutung von cura
geklärt sind. Zu 1.: Die späte Einfügung des Relativpronomens (vgl.
V. 3 und 290 ubi ) ebenso wie die von Konjunktionen (vgl. zu V. 18 cum)
findet sich (nach Tränkle [3.2.] 158 = 234) bei Ausonius nicht selten, z. B.
ordo 135 f. = 20, 8 f. Burdigala est natale solum, clementia caeli / mitis
ubi et riguae larga indulgentia terrae (weitere Belege bei Tränkle l. c., vgl.
die Stellung von quod unten V. 64, 314, 421, 481), sodaß nichts dagegen
spricht, den Relativsatz mit non cura beginnen zu lassen. Zu 2.: cura im
Sinne von studium ist gut belegt (ThlL IV 1452, 41 ff.), bedeutet auch die
Bemühungen der Handwerker (Stat. silv. 5, 1, 8 curas artificum; vgl. Ov.
trist. 2, 487 fucandi cura coloris) und steht allgemein für den Gegensatz
zu dem von Natur Geschaffenem Greg. Tur. Franc. 9, 12 (von einer Burg)
non cura, sed natura tantum munitus. Tränkles Ansicht (157 = 233),
dass man nach der Abwertung des Reichtums in den Versen 48–50 nun,

nachdem das naturae opus eingeführt ist, auch eine positive Würdigung
134 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

des Naturwirkens erwartet, nicht eine nochmalige Ablehnung des bereits


Abgelehnten“, überzeugt angesichts der abundanten Ausdrucksweise des
Ausonius nicht. Im Gegenteil: Durch die zweimalige Ablehnung, natürlich
nicht des Reichtums, wie Tränkle meint, sondern des durch Menschen-
hand mit ruinösem Aufwand geschaffenen künstlichen Bodenbelags,
wird die positive Formulierung naturae mirabor opus noch besonders
hervorgehoben. Es geht auch bis V. 54 nicht um die Vorstellung, daß die

Natur jeder Generation ihren Reichtum in Überfülle spendet“ (Tränkle
158 = 234), sondern lediglich um den Eindruck, den das Flußufer macht. –
Mit der Entscheidung für die Überlieferung, der auch Scafoglio, Vichiana
4. ser. 4, 2002, 227–229 folgt (er übersetzt: ammirerò la bellezza della

natura, dove non imperversano l’ansia degli eredi e la povertà delle
spese“) erübrigt sich auch eine weitere textkritische Diskussion; cara,
zuerst vorgeschlagen von Heinsius, wurde von Green, RhM 125, 1982,
350 erneut favorisiert, danach auch unter Berufung auf Green der Text
bei Cavarzere.

51 naturae mirabor opus: Green, Komm. S. 458, sieht in dem


Ausdruck geradezu eine programmatische Aussage; danach Man-
dile [3.1.] 32. Als artifex , der die Kunstprodukte des Menschen
übertrifft und dessen Werke daher die Bewunderung des Menschen
hervorrufen, erscheint die Natur auch V. 68–74, 110, 192. Gedank-
lich und wörtlich Vergleichbares bietet Stat. silv. 3, 1, 19 longaevum
mirantur opus und 3, 1, 135 artifices mirantur opus (W S. 42); vgl.
Aetna 600 artificis naturae ingens opus aspice (C). Die Junktur na-
turae opus findet sich Plin. nat. 6, 30 und 14, 80 (Green, ICS 14,
1989, 306). Vgl. zu V. 55 spectaris. nepotum: Verschwender“

(Hessel, Besser, ähnlich Hosius, John: Schlemmer“; Schönberger:

Prasser“; unzutreffend Lassaulx: Enkel“) wie Cic. Catil. 2, 7 (Weis
” ”
S. 63); Hor. epod. 1, 34; Auson. epist. 3, 1, zitiert zu V. 127.

52: Die paradoxe Formulierung, wie sie auch sonst Ausonius liebt,
hat schon Hosius richtig erklärt ( der frühere Reichtum, der bereits zur

Armut geworden ist, verschleudert unbekümmert auch den Rest der
Habe“) und verweist auf Mart. 3, 10, 3 luxuriam premeret cum crastina
semper egestas. Tränkle 158 = 233 sieht das Oxymoron vorgebildet
bei Mart. 10, 96, 6. Die vermutete Abhängigkeit von Iuv. 15, 96 dira
obsidionis egestas (P) bestreitet Posani [3.2.] 34. Egestas als Begleiterin
des Luxus auch Claud. carm. 3, 35 f. (Tr), wo Birt z. St. (MGH AA 10, 19)
weitere Belege für diese sprichwörtliche Verbindung von Armut und
Verschwendung bringt. laeta: Vgl. zu V. 163.
I. Aretalogie (23–74) 135

53: Der Vers erinnert nach Mirmont 1892 sowohl an Verg. Aen. 7, 763 f.
umentia circum / litora wie an Ov. trist. 2, 282 durum sternit harena
solum (ebenso Prop. 4, 8, 76). Die Junktur umentia litora ist bei Vergil
singulär, sie beschreibt das Ufer des berühmten Lacus Nemorensis beim
Hain der Diana von Aricia. Aus der immer wieder zu beobachtenden
Tendenz in der Mosella, bei der Beschreibung des Gewässers und der
Landschaft den Vergleich mit Italien hervorzurufen, ergibt sich der
Schluß, daß die Vergilreminiszenz an jenen berühmten See erinnern will.
Die Ovid-Stelle betrifft jedoch einen anderen Sachverhalt. Gemeint ist
dort die Tatsache, daß bei Gladiatorenspielen der gepflasterte Boden mit
Sand bestreut wird, damit einerseits die Fechter einen festen Stand haben
und andererseits das Blut versickern konnte. Aber auch Vergil (Aen.
9, 666) verbindet sternere mit solum. Hexameterschluß wie V. 85; vgl.
Doblhofer II S. 103 und 261. Über Wortwiederholungen vgl. zu V. 55.

54: Auf den häufigen Hexameteranfang nec retinent und auf die
schon Lucr. 2, 356 belegte Junktur vestigia pressa hat Cavarzere, Komm.
S. 72, hingewiesen, sodaß man für die Formulierung nicht mit Ma-
nitius und Hosius auf Vergil oder Ovid Bezug nehmen muß; es sind
Versatzstücke der klassischen Dichtersprache, nicht Reminiszenzen an
bestimmte Stellen. Zur Sache jedoch kann mit Mirmont 1892 Ov. met.
11, 232 f. (der Meerbusen von Pagasai) litus habet solidum, quod nec
vestigia servet / nec remoretur iter verglichen werden (zurückgewiesen
von Green, Komm. zu V. 47). Weitere vermutliche Anklänge bei Wamser
S. 42 und 103. memores: In der Bedeutung (an etwas) erinnernd“

bereits klassisch (ThlL VIII 661, 48, ff.).

b) Der Grund des Flusses (55–74)

Die folgenden Verse, Fortsetzung der Aretalogie (V. 55 spectaris, anders


Green, Komm. S. 467) können als eine Variation des locus-amoenus-
Motivs verstanden werden und gehören ohne Zweifel zu den treffendsten
Naturschilderungen der antiken lateinischen Literatur. Als solche sind
sie wiederholt gewürdigt worden; vgl. Arnaldi [3.1.] S. 290 f. (S. 290
L’acqua è veduta con un’attenzione, direi, con una passione nuova“);

Fuoco [3.2.] 334–338; Gagliardi [3.1.] 70 f. und [3.2.] 62; Green, Komm.
S. 471 notably original in expression“; Gruber [3.1.] 69–73; Hunink [3.2.]

165; Kenney [3.2.] 196 f.; Einleitung S. 33. Die Stelle muß man in enger
Beziehung zu V. 12–17 sehen: Wie beim Betreten des Moseltales der
Blick ungehindert in die Landschaft schweifen kann, so dringt er, einer
klaren Fernsicht vergleichbar, auch hinab zum Grund des Flusses. Auf die
136 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

Belebtheit der Szene verweist Newlands [3.2.] 406 Anm. 11; es herrscht
keine Statik wie auf einem Gemälde.

55: BR. spectaris: Fuoco [3.2.] 325 notiert die Bedeutung guardare

con ammirazione“, was trefflich zu V. 51 paßt; the taste for spectacle and

spectacular“ und den Gebrauch von spectare und mirari in der Mosella
als ein Charakteristikum spätantiker Literaturwerke beobachtet J.-L.
Charlet, Philologus 132, 1988, 79. vitreo . . . profundo: Wie V. 28.
Die Änderung von Fuchs [3.2.] (ohne Begründung, siehe app. cr.) ist nicht
notwendig. Versschluß nach Stat. Theb. 5, 482 terga profundi (Mirmont
1892, der auch auf die Junktur terga maris Lucan. 5, 565 verweist).
Häufig auf das Meer angewendet, scheint profundum die Dimension des
Flusses zu vergrößern (Fuoco l. c.). levia terga: levis von einer glatten
Wasseroberfläche wie Stat. silv. 3, 2, 4 unda (v. l. lenis Phillimore, Ed.
Oxford 1905, vgl. aber B. Kytzler, Gnomon 34, 1962, 571); Anth. 718, 18
(an den Ozean) tende favens glaucum per levia dorsa profundum; das Bild
vom Rücken des Meeres“ schon Hom. Il. 2, 159 u. ö., bei Ausonius noch

Mos. 205 und VII 4 egelidae stagnantia terga Mosellae (Dräger, Ed. 2011,
351). Einige Wortwiederholungen in der Mosella hat Hosius zu V. 59 f.
zusammengestellt; bemerkenswert sind 23–26 amnis, 46/53 litora, 47/54
vestigia, 55/60 profundo/profundi , 57/61 liquidis/liquidarum, 61/66
aquarum/aquas, 146/149 magna/magno, 198/199 amni/amnis, 258/161
aere, 323/324 amnem/amni , 416/418 virentia/virentem, 430–440 nomen,
443/446 sacrum/sacros, 458/460 ripa/ripas; vgl. V. 196 f.

56 secreti nihil: Seinen Reichtum verbirgt der Fluß (anders als der
Reiche: Newlands [3.2.] 408 Anm. 20) nicht (zur Formulierung vergleicht
Mirmont 1892 Ov. trist. 3, 6, 11 secreti quidquid habebam), dagegen hütet
er das Geheimnis der ihn bevölkernden Wesen, sodaß kein Widerspruch
zu V. 187 f. besteht. Daß jedoch auch hier das Erscheinungsbild des
Flusses mit einer geradezu religiösen Atmosphäre umgeben wird, wie
schon Mirmont 1892, 52 beobachtete (Fuoco [3.2.] 336 Anm. 17), zeigt
die Formulierung von V. 60 arcani . . . penetrale profundi. Beispiele für
eine vergleichbare Vergöttlichung eines Flusses nennt Fuoco [3.2.] 336.
In der Mosella wird diese Vorstellung eines göttlichen Flusses allmählich
gesteigert. Während hier Erscheinungsformen des Flusses mit einer
göttlichen Aura umgeben werden (vgl. auch zu V. 338), wird gegen
Ende die Göttlichkeit immer öfters direkt ausgesprochen; vgl. V. 374
dia Mosella, gleich anschließend V. 381 magne parens frugum virumque;
V. 443 f. sacrum . . . amnem; V. 467 f. dominae tamen ante Mosellae /
nomine adorato. almus: Bei Ausonius in der Regel als Attribut für
Gottheiten (alma Venus Cup. 80 u. ö.; almo lumine vom Sonnenlicht
I. Aretalogie (23–74) 137

prec. 3, 3 f.) und Gewässer (Mos. 446; ordo 157 = 20, 29) verwendet,
which are also sacred for him“ (Green, Komm. S. 239; Di Salvo S. 262).

Von daher liegt die Übertragung auf die mit dem Fluß verglichene Luft
nahe; vgl. zu V. 157. Die Verbindung des Adj. almus con l’idea della

luce“ notiert Fuoco [3.2.] 336 Anm. 16; vgl. ThlL I 1704, 45 ff.

57: Der überlieferte Text ist zu halten; vgl. die Diskussion der Änderungs-
vorschläge bei Fuoco [3.2.] 335 Anm. 16. panditur: Die Verwendung
von pandere bei Ausonius bespricht Di Salvo S. 203. Cavarzere, Komm.
z. St., vermutet Anklang an Verg. Aen. 10, 1 panditur interea domus omni-
potentis Olympi und verweist auf die Erklärung von S. J. Harrison: Vergil,
Aeneid 10, with Introduction, Translation, and Commentary, Oxford
1991 z. St. intuitu . . . obtutibus: Als Ablativ des Begleitumstands
(L.-H.-Sz. II 115 f.) bezeichnet intuitus im Sinne von prospectus (ThlL
VII 2, 95, 72 f.) die Voraussetzung ( freie Fernsicht“) für (Dativ) das

Hinblicken“ (obtutibus) bzw. für die Augen (ThlL IX 2, 307, 33 ff. und

die Belege bei Hosius, anschließend erklärt mit nec . . . prohibent oculos).
Tränkles Konjektur ([3.2.] 160 = 236) sub noctibus ist gerade vor dem
Hintergrund von V. 12–17 abwegig (vgl. auch Green z. St.). Die Abundanz
der Ausdrücke, die schon Hosius registrierte, allerdings mit Sympathie
für Peipers introitu, ist nicht auffallend. Über die von Mirmont 1889,
57 vermutete Nachahmung bei Prud. ham. 907 f. vgl. Charlet [3.2.] 7
Anm. 34. – Cavarzere l. c. notiert das Wortspiel intuitu . . . obtutibus mit
Verweis auf J. Willis: Repetition in Latin Poetry, Figures of Allusion,
Oxford 1996, 449. Die Originalität der Junktur bemerkt Fuoco [3.2.]
336. liquidus: Bezeichnet die Klarheit wie V. 16, sinngemäß auf aer
zu beziehen (Enallage – C). Die Wiederholung V. 61 (vgl. zu V. 55)
unterstreicht den Vergleich.

58 placidi . . . venti: Wie Verg. Aen. 5, 763 (Ma); Val. Fl. 4, 422 (C).
per inania: Sc. ire (H). Nach ThlL VII 1, 827, 68 ff. häufig in der Dichter-
sprache; vgl. zu V. 257. Versschluß nach Culex 212 rapior per inania
ventis; Ov. met. 2, 506 raptos per inania vento (M 2). Auf den Rhythmus
des Verses (drei anapästische Wörter) verweist Cavarzere, Komm. S. 72 f.
mit Lit.

59 f. sic . . . cernimus: Wie Verg. Aen. 2, 440 f. (M 2).

59 demersa procul: Nach Cavarzere, Komm. S. 73, bereitet der


Hinweis auf die räumliche Entfernung den Ausdruck des Geheimnisvollen
im folgenden Vers vor. procul kann sowohl zu demersa wie ἀπὸ κοινου̃
zu cernimus (Verg. Aen. 3, 554 procul . . . cernitur ; W S. 47) gezogen
138 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

werden. durante: Neben die übliche zeitliche Bedeutung (ThlL V


1, 2296 ff.; diese Stelle 2300, 36, vgl. V. 87) tritt noch die räumliche
Konnotation, die auch Tac. Germ. 30, 1 durant . . . colles (vgl. Much
z. St.) vorliegt.

60: BR. arcani . . . profundi: Wie Stat. Theb. 9, 243 (zitiert zu


V. 241; ausführlich verteidigt die Lesart profundi Hosius). Green, Komm.
S. 471, verweist auf die Nachahmung bei Claud. 22, 444 f. penetrale
profundum / panditur et sedes aevique arcana patescunt, und, wie
schon Tross, auf rapt. Pros. 2, 114–117 (dazu Kenney [3.2.] 196 f.). Den
Wortgebrauch bespricht P. Mantovanelli: Profundus, Rom 1981, 296 f.
(297: si direbbe che Ausonio ‘inventi’ al fiume una profondità arcana

per il gusto di svelarla: gusto e sensibilità preromantici“); vgl. zu V. 56
secreti nihil. In der P-Alliteration sieht Green l. c. den Ausdruck religiöser
Sprache, der ja auch durch die Wortwahl naheliegt: Wie die Mosel selbst
etwas Göttliches ist (vgl. zu V. 23–26, V. 372 die Mosella), so kann auch
ihre Tiefe mit dem Allerheiligsten eines Tempels (penetrale) verglichen
werden; vgl. Ov. met. 1, 574 f. haec domus, haec sedes, haec sunt penetra-
lia magni / amnis (sc. Penei ) und zu V. 241 mit V. 242 penetrali flumine.

61 vada: Vgl. zu V. 35. lene: Zum adverbialen Gebrauch des Neu-


trums vgl. ThlL VII 2, 2246, 31 ff. (seit Tib.) und die Parallelen bei Hosius;
als Bezeichnung für die Qualität eines Wasserlaufs wie Lucan. 10, 315
lene fluentem (vom Nil); Nemes. ecl. 4, 47 lene virens fons murmurat.
Die Belege aus Ausonius bei Delachaux [3.3.] 89, in der Mosella noch
V. 137 magnum, V. 466 insanum. . . ruens. Vgl. zu V. 137. meant: Vgl.
zu V. 29. liquidarum . . . aquarum: Wie Ov. met. 8, 736 (G); vgl.
zu V. 57. Die Alliteration lene . . . lapsus . . . liquidarum notiert Raehse
S. 22; vgl. zu V. 55.

62 caerulea . . . luce: Vgl. die Belege bei Blümner 137 f. und zu


V. 283. dispersas: Die Gebilde sind auf dem Grund verstreut, also da
und dort zu sehen. Die Bedeutung ohne bestimmten Umriß“ (Cavarzere:

le forme indistinte, senza contorno“) oder gar vom blauen Himmels-
” ”
licht umflutet“ (John) ist aus den Belegen ThlL V 1, 1411, 21 ff. nicht
zu gewinnen. figuras: Nicht die Silhouetten der Fische (so Green,
Komm. S. 471 – zu ihnen wird erst 75 ff. übergeleitet), sondern die auf
dem Grund zu beobachtenden verschiedenen Arten der Pflanzen und
Steine; vgl. Ov. met. 1, 436.

63: Schema a,b/V/A,B. quod: Da quod in der Spätantike zur


Universalkonjunktion wird (L.-H.-Sz. II 579), ist seine Funktion oft
I. Aretalogie (23–74) 139

nicht eindeutig zu bestimmen. Hier hat es am ehesten epexegetischen


Charakter, der sowohl temporal ( wenn“) als auch modal ( wie“)
” ”
gefärbt sein kann. Die beiden quod-Sätze erläutern also, um welche
Arten von figurae es sich handelt und nennen damit das Thema
des folgenden Abschnitts; sie führen also weder weitere Objekte zu
prodit ein noch stellen sie die Subjekte des Verbums dar (so die
alternativen Vorschläge von Green, Komm. S. 471, diskutiert und
zurückgewiesen von Cavarzere, Paideia 57, 2002, 62). sulcata . . .
harena: Wie Ov. met. 15, 725 f. (die Äskulapschlange) harenam / sulcat;
Lucan. 4, 588 (ein Fluß) sulcator harenae; Sil. 6, 140 sulcat harenas (H).

64 quod: Nachgestellt wie V. 314, 421, 481 (H); ordo 20 = 4/5, 6;


vgl. Schenkl, Ed. S. 299 und zu V. 51 f.

65–70: Der optische Eindruck, den der Grund des Flusses und im
Vergleich dazu die Küsten Britanniens bieten, ist bestimmt von den
Farben Weiß, Rot und Grün. Zu den weißen (oder bunten; vgl. Anth.
478, 8 discolor ) Steinchen des Moselgrundes gesellen sich Kiesel (glarea)
und grünes Moos, während in umgekehrter Reihenfolge die britannischen
Küsten durch grüne Algen, rote Korallen und weiße Perlen ausgezeichnet
sind. Daß Ausonius vermutlich an rote Kiesel (aus rotem Schiefer, wie er
u. a. an der Ruwer und bei Ürzig ansteht) dachte, ergibt sich aus dem
Vergleich mit den britannischen Korallen. Ob damit jedoch ein Vergleich
der Mosel mit dem Rubicon (Sidon. epist. 1, 5, 7 qui originem nomini de
glarearum colore puniceo mutuabatur ) intendiert ist, muß offenbleiben.

65 ingenuis . . . fontibus: Quellen, die im Grunde des Flusses selbst


entspringen. Vorbild ist offensichtlich Lucr. 1, 230 f. unde mare ingenui
fontes externaque longe / flumina suppeditant? (Tr, danach auch ThlL
VII 1, 1543, 71). Sie sind natürlich besonders rein. Green, Komm. S. 472,
vergleicht Firm. err. 28, 1 quaere fontes ingenuos, quaere puros liquores;
Paneg 5 [8] 10, 2 ingenui largique fontes, zustimmend Di Salvo 60, der
den Gebrauch von ingenuus bei Ausonius bespricht.

66 vibrantes: Aus der Bedeutungsvielfalt des Wortes ist hier primär


an die Bewegung zu denken: Das Wasser, besonders das der Quellen
im Fluß, bewegt die Wasserpflanzen. Daß gleichzeitig die funkelnde
Klarheit assoziiert wird, liegt nahe. lucetque latetque: Zahlreiche
Beispiele für ähnlichen Gleichklang (Alliteration und Homoioteleuton)
am Hexameterende bei Hosius z. St.; die Gegenüberstellung von lucere
und latere auch Mart. 4, 32, 1 et latet et lucet (Tr). Polysyndeton wie
V. 31 f.; vgl. Cavarzere, Komm. S. 95.
140 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

66 f. lucet . . . calculus: Ebenso bei der Beschreibung der Clitumnus-


Quelle Plin. epist. 8, 8, 2 relucentis calculos (Tr); vgl. zu V. 27 und
Kenney [3.2.] 197 (Plinius beschreibt eher technisch“).

67: Die Materialien“ calculus und muscus stehen im kollektigen Singular

(Plural in der Übersetzung); vgl. V. 111, 122, L.-H.-Sz. II 13 f. viridem
. . . muscum: Wie Culex 106 (Ma). distinguit: Im Sinne von sich

abheben“ wie Plin. nat. 8, 69 (10, 3; 37, 138 und 148) (H); in der Dichtung
nur hier (ThlL V 1, 1527, 80 ff.).

68: BR. Der Grund der Mosel wird mit den Küsten Britanniens
verglichen, die einen ähnlichen Schmuck aufweisen. Fuoco [3.2] 341
erklärt die überlieferte Lesart: L’immagine offerta dal fondale del fiume

è compendiata, a v. 68, da tota . . . talis pictura“, und die meisten
Herausgeber haben an der Überlieferung festgehalten (Green, Komm.
S. 472 mit Hinweis auf die spectacula V. 152 ff.). Der überlieferte Text
bietet jedoch inhaltliche und syntaktische Probleme, die schon Vinetus
erkannt hat: 1. tota ist neben talis pictura nach Green grammatically

awkward“. 2. Ausonius verwendet pictura nur Cupido praef. und ibid.
V. 29, aber nicht im übertragenen Sinne, wie er hier gefordert ist.
3. Die Ellipse eines Verbums. Da man die Alliteration tota . . . talis
angesichts der Vorliebe des Ausonius für diese Stilform nicht ohne Not
aufgeben sollte, erübrigen sich Korrekturen der einhelligen Überlieferung
von tota (Barths Konjektur nota nach dem Versanfang Auson. techn.
11, 8 nota Caledoniis auch ThlL X 1, 2083, 77 f. und verteidigt von Green,
Scafoglio, Vichiana 4. ser. 4, 2002, 217; C. Di Giovine, BStudLat 40,
2010, 527 sicurissima . . . correzione“, der auch mit Green pictura

beibehält); prädikativ am Versanfang wie V. 194. Die Zusammenstel-
lung mit talis ist unproblematisch, da talis adverbiell im Sinne von
sic gebraucht ist wie Mart. 5, 48, 5 talis raptus Hylas (L.-H.-Sz. II
171); Auson. Mos. 144. Die syntaktische Schwierigkeit (Ellipse eines
Verbums) ist durch Böckings leichte Emendation talis picta (sc. est)
ora (mit Elision wie V. 136 tergora olivo) beseitigt, die auch inhaltlich
eine befriedigende Lösung bietet. Caledoniis . . . Britannis: Die
gleiche Junktur Lucan. 6, 68 (P, bewertet von Posani [3.2.] 35 und
37 als bewußte und betonte Reminiszenz, ebenso Cavarzere, Paideia
57, 2002, 54 und Scafoglio, WS 117, 2004, 162 f.); Mart. 10, 44, 1 (M
2). Die Wohnsitze der Kaledonier lagen im heutigen Schottland. Zur
Sache vgl. Auson. epist. 3, 36 f. quae (sc. ostrea) / mira Caledonius
nonnumquam detegit aestus (P) und die Belege bei Mondin, Ed. Epist.
S. 207. Die dort zu beobachtenden Gezeiten erwähnt Ausonius auch
ecl. 24, 32, vielleicht angeregt durch Plin. nat. 2, 217 omnes autem
I. Aretalogie (23–74) 141

aestus in oceano maiora integunt spatia nudantque (vgl. V. 69 f. nudat /


aestus) . . . octogenis cubitis supra Britanniam intumescere aestus (sc.
berichtet Pytheas). picta: Cavarzere, Komm. S. 74, notiert den gusto

coloristico e pittorico“ des Abschnitts und verweist auf V. 110 pinxit und
V. 160 pingunt.

69 virides algas: Wie Stat. Theb. 9, 245 (M 2). rubra corallia:


Britannischen Perlen sind literarisch gut belegt sind (s. u.), ihre
Zusammenstellung mit Korallen geht offensichtlich auf Plin. nat.
32, 21 f. zurück (quantum apud nos Indicis margaritis pretium est
. . . tantum apud Indos curalio). Auch der Farbkontrast grün –
rot ist dort vorgebildet (colos viridis . . . rubescunt). Ausonius verlegt
das bei Plin. l. c. erwähnte Vorkommen von Korallen in Gallico sinu
circa Stoechadas insulas (d. h. bei den Îles d’Hyères) an die Küsten
Kaledoniens. nudat: Variiert V. 74 detegit. Ebbe und Flut wurden der
Mosel schon V. 32 zugesprochen.

70: Die Imitatio bei Prud. ham. 270 f. bespricht Charlet [3.2.] 44.
aestus: Belege für aestus zurücktretende Flut“ bietet Hosius (Lucan.

4, 428, zitiert zu V. 32; Plin. nat. 36, 72; Auson. epist. 3, 37 und ecl.
24, 32). concharum germina: Vgl. Plin. nat. 9, 107 partumque
concharum esse margaritas (Tr). Die Apposition in Parenthese bewertet
Cavarzere (Komm. S. 74 mit Lit.) als un tratto nobilitante e caratteri-

stico della lingua della Mosella“. Zum Ausdruck vergleicht er Culex 68
conchea baca.

71: Holodactylus (ohne Bezug von Versrhythmus und Inhalt; vgl.


zu V. 28). delicias hominum: Nach Iuv. 6, 47 delicias hominis (M 2),
obwohl die britannischen Perlen als minderwertig galten: Plin. nat. 9, 116;
Tac. Agr. 12, 6; Amm. 23, 6, 88 (P); dazu Hosius mit weiteren Belegen.
Mela 3, 51 weiß von Perlen in britannischen Flüssen. Aber immerhin
wollte nach Sueton Caesar der Perlen wegen Britannien erobern (Iul. 47
Britanniam spe margaritarum petisse) und weihte im Tempel der Venus
Genetrix einen Panzer aus Britannischen Perlen (Plin. nat. 9, 116); vgl
König/Winkler IX S. 191. Legt die Natur auf dem Grund der Mosel
für Valentinian die gleichen Schätze bereit wie an den britannischen
Küsten für den Eroberer Galliens? locupletibus: Auch durch dieses
Attribut, wie vorher durch die zweite Apposition, überspielt Ausonius
den geringeren Wert der britannischen Perlen, die im Gegensatz zu den
orientalischen im Überfluß vorkommen. sub undis: Versschluß wie
Ov. hal. 122 (H).
142 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

72 assimulant: Als Subjekte sind mit der Textüberlieferung die vorher


genannten Perlen und Korallen, deliciae hominum, zu verstehen. Ent-
sprechend der vom Dichter V. 50 ff. vorgetragenen Anschauung, nach
der ein natürlicher Schmuck dem künstlich von Menschen geschaffenen
überlegen ist, darf auch hier die gleiche Aussage erwartet werden:
Die natürlichen Perlen und Korallen sind zwar mit unseren Schmuck-
gegenständen vergleichbar, diese aber sind nur der Natur nachgeahmte
Pretiosen. Die von Green, ICS 14, 1989, 311 und Komm. S. 472 wieder
erwogene Textänderung ist unnötig, denn nicht die Ebbe, sondern die
Korallen und Perlen bringen die Schmuckstücke hervor. monilia:
Hosius verweist auf die Junkturen Verg. Aen. 1, 654 f. monile bacatum; Sil.
8, 134 bacatum . . . monile; Ciris 170 bacata monilia; häufig ist jedoch die
allgemeine Bedeutung Schmuckstück“ (ThlL VIII 1418 11 ff.), variiert

durch cultus ( Schmuckstücke“ häufig bei Ovid: ThlL IV 1337, 59 ff.).

73 f.: Jeweils BR. Green, Komm. S. 472, weist mit Recht darauf
hin, daß es auf den vergleichbaren optischen Eindruck ankomme und
nicht etwa auf wertvolle Steine im Fluß. Dieser Eindruck entspricht dem
eines Mosaiks (Marx, RhM N. F. 80, 1931, 379).

73 placidae: Zum Genus vgl. Einleitung S. 6, zum Attribut placidus


vgl. zu V. 33. vada laeta: Wie V. 416 laeto . . . tractu. Die Wasser
der Mosel sind nicht einfach heiter“, fröhlich“, oder munter“ (so
” ” ”
die Übersetzer), sondern beglücken“ den Betrachter durch den Blick

auf den Grund des Flusses, so wie sie den Dichter V. 416 zu seinem
Enkomion inspirieren; vgl. Verg. ecl. 7, 60 laeto . . . imbre; die Bedeutung
fruchtbar“ V. 442.

74 concolor: Seit Verg. Aen. 8, 82 v. a. in der Dichtersprache (ThlL IV
81, 3 ff.), Auson. epist. 14b, 43 (P). herba lapillos: Versschluß wie
Hor. epist. 1, 10, 19 herba lapillis (C). detegit: Vgl. zu V. 69 nudat.

II. Überleitung zum Fischkatalog (75–84)

75 f.: Die beiden Verse können sowohl noch dem vorhergehenden


Abschnitt zugerechnet werden (so die Handschrift G) und nennen dann,
vergleichbar V. 22, das folgende Thema, als auch dem eigentlichen
Überleitungsteil (so Klausen S. 8; vgl. John [3.2.] 99; Korzeniewski [3.2.]
82 Anm. 13), der dann im Umfang von 10 Versen zusammen mit dem
Hymnus V. 23–32 den Rahmen bildet.
II. Überleitung zum Fischkatalog (75–84) 143

75 intentos . . . oculos: Vgl. Prop. 1, 3, 19 intentis . . . ocellis (M 2).


Die vorher angeführten Ausdrücke des Sehens (V. 55 spectaris, V. 56 f.
aperto . . . intuitu liquidis obtutibus, V. 58, V. 59 f. visu cernimus) werden
so nochmals zusammengefaßt; vgl. Hunink [3.2.] 165. tamen: Obwohl
auch im vorausgehenden Bild Bewegung herrscht (V. 61–64), überwiegt
doch der statische Eindruck des Untergrundes, der die Augen nicht
ermüdet. errore: Die ungeordnete Bewegung der Fische (vgl. ThlL V
2, 815, 57 ff.); Oppian. hal. 1, 179 spricht von ἄλη ( Umherirren“ – Tr).

76: Die Struktur des Verses bespricht Cavarzere, Komm. S. 77: Der
versus tetracolos (vgl. zu V. 22) beginnt mit dem fünfsilbigen Neologismus
(ThlL VII 1, 221, 6 ff.) interludentes; die folgenden Wörter nehmen um je
eine Silbe ab, am Ende des durch Enjambement verbundenen Distichons
steht das Subjekt pisces (BR). interludentes: Vom Spiel“ der Fische

sprechen Ter. Adelph. 377; Ov. met. 3, 685 (H). Das intransitive Verbum
nur noch Ambr. epist. 47, 4 (D). examina lubrica, pisces: Variiert
V. 150 f.; examina zur Bezeichnung von Fischschwärmen wie V. 244; Plin.
nat. 31, 2 (M 2); Symm. epist. 1, 14, 4.

77–81: Ausonius ist sich der Schwierigkeit der Aufzählung aller


Fischarten bewußt. Er motiviert das mit einem Verbot Neptuns, dem
alle Gewässer unterstehen. Um aber dennoch zu seinem Katalog (zur
Tradition der Katalogdichtung vgl. Einleitung S. 30 sowie zu V. 298 f.
und 351) legitimiert zu sein, ruft er die Najade in der Tradition des
alten Musenanrufs an (dazu Taegert 125 f.; U. Schmitzer, DNP 6, 2000,
514 f.), entsprechend dem Thema des Katalogs (Scafoglio, WS 117, 2004,
153, der mit Hosius auch auf vergleichbare Anrufungen bei Statius, silv.
1, 5, 1–8 und 2, 3, 6 f. verweist). Nicht der Dichter kann und darf all die
Fische aufzählen, sondern nur eine Gottheit (Green, Komm. S. 474;
Cavarzere, Komm. S. 77), wie auch sonst das Unvermögen des Dichters
göttlicher Hilfe bedarf; vgl. die Einleitungen zu den Heldenkatalogen
Verg. Aen. 7, 645 f. und Val. Fl. 6, 33–41 (Mi). Ähnlich wird V. 186 ff.
das Schweigen des Dichters über das Auftreten der Nymphen und Satyrn
begründet (Fuoco [3.2.] 338). Die Vorbilder sieht Marx, RhM N. F. 80,
1931, 380 f. im Schweigen bei Aussagen über Mysterien (Hdt. 2, 51, 2;
Paus. 1, 14, 3; Plot. 6, 9, 9, 46), während umgekehrt V. 55 ff. der Fluß
seine Geheimnisse offenbart (vgl. auch V. 13 reserat). Die Vorstellung,
daß eigentlich die Muse singt (und nicht der Dichter) findet sich auch
V. 390 f. conde, / Musa, chelyn. Dieser Bescheidenheitstopos“ (vgl. auch

zu V. 443 f.) berührt sich mit der auch sonst zu beobachtenden Haltung,
wie sie besonders in Widmungsschreiben ihren Ausdruck findet; vgl Di
Giovine [2.2.] 28. Am Ende des Katalogs ist der Übergang zum neuen
144 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

Thema bruchlos. Der logische Ablauf des Gedankengangs erfordert somit


(mit Cavarzere gegen Korzeniewski [3.2.] und Fuchs [3.2.]) keinesfalls
eine Umstellung, mag auch Vergil seinen Rebenkatalog georg. 2, 103 f. (S)
mit einer vergleichbaren Formulierung (sed neque quam multae species
. . . / est numerus, neque enim numero comprendere refert) schließen,
mit der Ausonius beginnt und sie mit fas (V. 80) noch zu überbieten
sucht. neque . . . aut: Belege für diese dichterische Korresponsion
(seit Prop. 3, 21, 25) bei L.-H.-Sz. II 522.

77 obliquatosque natatus: Vgl. Amm. 16, 12, 57 (von Schwimmern)


obliquatis meatibus declinantes (Tr); ebenso Amm. 30, 1, 9; natatus zuerst
Stat. silv. 1, 5, 25 (zitiert zu V. 344) belegt (H), öfters spätlat.; hier noch
V. 90, 275 und 344, jeweils (wie Stat.) am Versende.

78 per adversum . . . agmina flumen: Vgl. Verg. georg. 1, 201


adverso . . . flumine (M 2) und Auson. VII 10 (Dräger, Ed. 2011, 353).
Ähnlicher Versschluß V. 245.

79: BR. Versschluß nach Ov. met. 2, 633 divinae stirpis alumno;
Sil. 1, 106 Cadmeae stirpis alumnos und 1, 514 Phrygiae . . . stirpis
alumnos (H); Mastandrea S. 822. alumnos: Selten von Tieren (ThlL
I 1797, 55 ff.); vgl. V. 109.

80–84: Die Teilung der Welt unter den Söhnen des Kronos erwähnt schon
Hom. Il. 15, 187–195 (Tr). So ist auch hier das Reich des Wassers eine
eigene Welt; vgl. V. 261 sub amne suo . . . aere nostro (Roberts [3.2.] 345
= 253). Der Gedankengang ist durchaus stimmig: Zuerst stellt der Dichter
fest, daß es gegen göttliches Recht verstößt, die Fische aufzuzählen, wobei
diese Aussage natürlich nur für den Menschen gilt; vgl. auch zu V.
186–188. Die Naiade dagegen darf das, und nichts hindert, den Text bis
V. 149 als Rede der Naiade zu verstehen. Andererseits gelten Nymphen
(und daher auch Naiaden) seit Theokrit als Quelle der Inspiration (Belege
bei H. Herter, RE XVII [1937] 1546), sodaß der Dichter nach dem Anruf
der Naiade selbst in der Lage ist, die Fische aufzuzählen.

80 f.: Die Formulierung nach Lucan. 4, 110 f. sic sorte secunda /


aequorei rector, facias, Neptune, tridentis (Tr); weitere Belege bei Hosius.

80 fas aut ille sinit: Wie Verg. Aen. 2, 779 (Tr). Damit wird auch aut
gegen die nur von R gebotene Variante haud gestützt (C); vgl. V. 443 f.
fas mihi . . . perstrinxisse. Ähnlich Oppian. hal. 1, 85 ff. πολλὰ δὲ . . . /
κέκρυπται, τά κεν οὔτις ἀείδελα μυθήσαιτο / θνητὸς ἐών (H).
III. Fischkatalog (85–149) 145

82: BR. habitatrix: Nur noch Vulg. Ier. 21, 13 und 46, 19 belegt,
also hier offenbar spontane Neubildung (ThlL VI 3, 2471, 75 ff.). Vgl.
zu V. 241 populatrix. Nais: Nennung vergleichbarer Gottheiten bei
Ausonius hat Di Salvo 25 zusammengestellt; vgl. Einleitung S. 32.

83 squamigeri gregis: Wie Manil. 5, 660 (H). Ausonius variiert das


Adjektiv V. 85 squameus, V. 101 squamosus. choros: Vgl. Sen. Ag.
454 von Delphinen. alveo: Synizese wie V. 142 und 454; seit Verg.
Aen. 6, 412 häufig am Versende (Raehse 11; Tordeur [3.3.] 980).

84 caeruleo . . . amne: Wie Lygd. 10, 18; Stat. silv. 1, 5, 51; vgl.
V. 477 f. caerula . . . flumina und zu V. 62 und 219. Zur Verwendung der
beiden seit Ennius und Plautus belegten Formen caerulus und caeruleus
vgl. ThlL III 103, 83. fluitantes: Von Meerestieren wie Cic. nat.
deor. 2, 100. amne catervas: Vergleichbarer Hexameterschluß V. 282;
Petron. 124 v. 281 fluitantes orbe catervas (W S. 51); vgl. zu V. 197.
Gagliardi [3.1.] S. 72 Anm. 21 erinnert an die Junktur Pervig. Ven. 10
caerulas inter catervas.

III. Fischkatalog (85–149)

Der Katalog ist Höhepunkt und Abschluß des Themas Die Wasser

der Mosel“ und sollte daher nicht, wie von Marx und Deubner, als
selbständige Einheit gesehen werden. Zu den Qualitäten des Flusses, von
denen bis jetzt die Rede war, gehört nicht zuletzt der Fischreichtum
(hervorgehoben von Hunink [3.2.] 168). Der Mensch als colonus (vgl.
zu V. 23) des Moseltals bleibt zunächst noch außer Betracht; erst der
nächste Abschnitt (V. 150–380) wendet sich den Menschen zu. Zugleich
bereitet der Fischkatalog den Abschnitt über den Fischfang (V. 240–282)
vor (Newlands [3.2.] 408 Anm. 22).
Bemerkenswert bei der Beschreibung der Fische und ihres Verhaltens
ist die Humanisierung und social differentiation“ der Aufzählung

(Roberts [3.2.] 345 f. = 253 f. mit Anm. 18). Noch weiter geht Martin
[3.2.] 347 f., der in der geschilderten Fischpopulation ein Abbild einer
idealen Sozialstruktur des römischen Imperiums sieht. Die in antiken
Fischdarstellungen hervorgehobene Eigenschaft der Selbstverteidigung
(Ov. hal. passim; Plin. nat. 32, 1, ff.) fehlt hier (Newlands [3.2.] 408 Anm.
22); vgl. aber V. 270–282 über die Lebenskraft der Moselfische.
Inwieweit der Fischkatalog von einer bestimmten epischen Katalog-
dichtung angeregt ist, bleibt umstritten; eine Parodie des Homerischen
Schiffskatalogs (so W.-H. Friedrich, Gnomon 9, 1933, 617) ist er sicherlich
146 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

nicht (Green, ICS 14, 1989, 314). V. 151 numerasse verweist aber
eindeutig auf die Katalogform. Friedrich l. c., danach Deubner [3.2.]
256 f., erinnerten an die Heroenkataloge (eingeschränkt von Posani [3.2.]
57, der auch das Verhältnis zu Ov. hal. bespricht), Cavarzere, Komm.
S. 75 und Hunink [3.2.] 172 ff. verweisen auf die Form des gastronomischen
Lehrgedichts (Archestratos von Gela, ῾Ηδυπάθεια, vgl. dazu J. Wilkins/
Sh. Hill: Archestratus, Fragments from the Life of Luxury, Totnes
2011, und Ennius, Hedyphagetica; vgl. zu V. 106–114). Aufzählungen
von Meeresfischen finden sich in Ovids Halieutica 94 ff. und Oppians
῾Αλιευτικά passim; vgl. Anth. 1, 21, 56–59. Apuleius verfaßte naturales
quaestiones, eine Schrift, in quo plura de piscium genere tractata sunt
(Apul. apol. 36). Auch im Fischkatalog wurde Vergilimitation beobachtet
(Görler [3.2.], Nachtrag 1990, 175; zuletzt betont von O’Daly [3.2.] 148),
und zwar des Rebenkatalogs in Verg. georg. 2, 89–108, bes. 97 ff., und

mancher seiner Leser wird das Kunststück gewürdigt haben, daß für
Weinreben geprägte Formulierungen auf Fischarten übertragen werden
konnten“ (Görler l. c.; danach Dräger, TZ 63, 2000, 321 ff. mit weitgehend
spekulativen Überlegungen). Mirmont 1892, 92 verwies schon auf den
Katalog der Giftschlangen bei Lucan 9, 700–726. Im übrigen wurden
aber gerade im Fischkatalog eher allgemeine Reminiszenzen festgestellt.
Consoli [3.2.] 133 bemerkt im Vergleich mit anderen Texten wie Ovids
Halieutica l’originalità linguistico-poetica di Ausonio“. Als episches

Element der Mosella hat zuletzt Scafoglio, WS 117, 2004, 152–154 den
Katalog besprochen. Die Bewertung als ein aus Reminiszenzen an

antike Muster zusammengestoppeltes Flickwerk“ (Hosius S. 37) wird
dem artifiziellen Anliegen spätantiker Dichtung und der offensichtlichen
Autopsie des Dichters nicht gerecht.
Die Identifizierung und zoologische Benennung der aufgezählten
fünfzehn Fischarten wird seit langem intensiv diskutiert. Schon die
ersten Kommentatoren (Vinet; Freher, Komm. Sp. 31 f.) verwiesen auf
Autoren wie Pierre Belon (1517–1564), Histoire naturelle des estranges
poissons (1551), Guillaume Rondelet (1507–1566), Libri de Piscibus
marinis (Lyon 1554), Hippolytus Salvianus (1514–1572), Aquatilium
animalium historiae liber primus, cum eorumdem formis, aere excusis
(Rom 1554) sowie Conrad Gesner (1516–1565), Historia animalium
IV: Piscium & aquatilium animantium natura (1558), die sich die
präzisen Beschreibungen des Ausonius für ihre Darstellungen aneig-
neten; vgl. auch die unter [3.2.] genannten Arbeiten von Chassot des
Florencourt, Herzhoff, Kinzelbach, Kroll, Oken, Schäfer, Weitzel (mit
Zusammenstellung der zoologischen Literatur) und die Nachweise bei
Marsili S. 52; wenig förderlich ist der Beitrag von Haury [3.2.]. Die
gleichen Namen begegnen meistens auch in dem Fischverzeichnis, das
III. Fischkatalog (85–149) 147

der Kalendertafel des Polemius Silvius von 448 beigegeben ist: MGH
AA IX (chron. I p. 544, 5 ff.); König/Winkler IX S. 134–140 (unvoll-
ständig); vgl. RE XXI (1951) 1260–1263; Cavarzere, Komm. S. 76
mit Lit. Im übrigen dürfte die Kenntnis der Fische auch auf eigener
Empirie beruhen, waren dem Dichter doch mit Sicherheit Flußfische von
Jugend auf bekannt, wie etwa der Salm (vgl. zu V. 97–105). Die vermut-
lichen Gallizismen (arista, rhedo, umbra) weisen ebenfalls in diese
Richtung. Auch wenn sich die realen Verhältnisse an der Mosel z. Z. des
Ausonius wegen der Veränderungen des Klimas und der Wasserqualität
und infolge des Flußausbaus mit den gegenwärtigen nur bedingt ver-
gleichen lassen, sind doch die Befunde über heutige Vorkommen von
Interesse. Die immer wieder zitierte Stelle des Symmachus-Briefes (epist.
1, 14 unde illa amnicorum piscium examina repperisti eqs., siehe Anhang
S. 280 ff.) ist kein Argument für oder gegen die empirische Kenntnis der
genannten Arten, sondern ein Kompliment in dem Sinne: Deine Dichtung
übertrifft die Realität des Alltags und der Natur.
Sucht man Beziehungen zur zeitgenössischen bildenden Kunst, so muß
man (mit Green, ICS 14, 1989, 314) an die Darstellung verschiedener
Fische auf Mosaiken erinnern: Ein Beispiel aus der Tarraconensis,
datiert in die erste Hälfte des 3. Jh., nennt S. Panzram (Stadtbild und
Elite: Tarraco, Corduba und Augusta Emerita zwischen Republik und
Spätantike, Stuttgart 2002, S. 99 mit Anm. 392); vgl. das Okeanos-Mosaik
aus Dueñas (2. Viertel des 4. Jh.), abgebildet bei W. Trillmich u. a.
(Hrsgg.): Hispania antiqua II, Denkmäler der Römerzeit, Mainz 1993,
Tafel 226 sowie ein Mosaik aus Toledo (4. Jh.), ibid. Farbtafel 18 mit
über 30 Meerestieren (U. Kreilinger, ibid. S. 241: Dies ist ein überaus

häufiges Thema auf Mosaiken in allen Teilen des Römischen Reiches
und zu jeder Zeit, besonders beliebt in Thermen und Triclinien“); eine
Monographie bietet R. D. Depuma: The Roman Fish Mosaic (1969,
Microfilm). Hingewiesen sei auch auf die Meerstadt-Schale aus dem
Schatzfund von Kaiseraugst, die in die Mitte des 4. Jh. datiert und einem
weströmischen Silberschmied zugewiesen wird (Katalog Gallien [2.1.]
Nr. 38). Ein Beispiel aus Antiochia vergleicht Roberts [3.1.] 76–78.
Der Katalog sollte als Einheit gesehen werden (so Klausen, Hosius,
Peiper; anders Green, Cavarzere), da die Formeln nec te (V. 97,
115), aber auch nunc (V. 135) eher verbinden als trennen. Die Ein-
heit kommt auch in dem Fisch-Technopaegnion“ zum Ausdruck, das

Dräger (Gymnasium 104, 1997, 456–459 u. ö.) entdeckt und Cavarzere
S. 76 f. (ebenso Hernández Lobato [vgl. Einleitung S. 2 Anm. 112)
übernommen hat. Dagegen entzieht sich die Zahl der 15 Fische Spe-
kulationen über eine hebdomadische Gliederung, wie sie Dräger, TZ
63, 2000, 319 u. ö. vermutet. Das zeigt eine genauere Betrachtung
148 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

des Katalogs, denn es ergibt sich keineswegs ein hervorgehobener


Einschnitt nach Fisch Nr. 7, sodaß eine Gliederung in zweimal sieben
Fische im Text keine Stütze findet. Vielmehr sind die ersten 14 Fische
insofern eine Einheit, als die Mehrzahl von ihnen auch in Hinblick
auf ihre Speisequalität gewürdigt wird (nicht jedoch V. 87 die Forelle,
V. 90 die Äsche und V. 131 ff. der Gründling). Innerhalb dieser Einheit
variiert die Beschreibung deutlich: Auf den einleitend genannten capito
(3 Verse) folgen Bachforelle, Flußneunauge und Äsche (je 1 Vers). An
diese kurzen Erwähnungen schließen sich größere Einheiten an, von denen
vier besonders geschätzten Speisefischen gewidmet sind: Barbe (6 Verse),
Lachs (9 Verse), Quappe (9 Verse), Flußbarsch (5 Verse). Dazu steht der
wenig geschätzte Hecht in Gegensatz (5 Verse) und somit ist die glei-
che Verszahl dem Flußbarsch als delicias mensarum und dem Gegenteil
(nullos mensarum lectus ad usus) gewidmet. An den Hecht werden andere
minderwertige Fische mit je einem Vers angeschlossenen, die Schleien
(vulgi solacia), die Weißfische (praedam puerilibus hamis) und die Mai-
fische (obsonia plebis). Diese Kleingruppe, die der Aufzählung in V. 88–90
entspricht, wird fortgeführt mit Meerforelle und Gründling, steigernd mit
3 und 4 Versen. Davon hebt sich am Ende deutlich der silurus ab, dem als
größten und 15. Fisch die meisten Verse, nämlich 15 (!) gewidmet sind –
wollte man sich auf Zahlenspielereien einlassen, so könnte man sagen, der
silurus ist die Summe aller genannten Fische. Seine besondere Qualität
besteht aber nicht in der mehr oder weniger ausgeprägten Genießbarkeit
für den Menschen, sondern darin, daß er durch seine Größe dem Fluß zur
Ehre gereicht (V. 149).
Da es Ausonius bei der Beschreibung der Fische nicht nur auf Wesen
und Gestalt, sondern auch auf die Farbigkeit des Äußeren ankommt, wird
jeweils auf die im Abkürzungsverzeichnis genannten Tafelwerke verwiesen;
ausführliche biologische Informationen mit zahlreichen Abbildungen auch
unter http://de.wikipedia.org/wiki/.

85–87 capito: [1.; 3 V.]. Der Döbel eröffnet wegen seines lateini-
schen Namens capito ( Großkopf“) den Katalog wie ihn der silurus

( Schwanzwedler“) V. 135–149 beschließt (Gloss. V 564, 7 magnum

habens caput, griech κέφαλος ὁ ἰθχύς; alle Belege ThlL III 349 6 ff.). Der
Anfang des Katalogs ist auch durch eine erlesene Wortwahl hervorgeho-
ben (praetener, fartim, arista). Der Döbel (Leuciscus cephalus L., früher
Squalius cephalus L.), auch als Rohrkarpfen oder Aitel bezeichnet (andere
Namen verwandter Arten aus französischen Gewässern bei Mirmont
1889, 62 und Ternes z. St.), wird von Sterba 308 wie folgt beschrieben:
Körper langgestreckt, walzenförmig . . . Körperseiten und Unterseite

silberglänzend“ (interlucet) . . . Bauch weißlich, Schuppen dunkel

III. Fischkatalog (85–149) 149

gerandet“ (von Ausonius durch squameus hervorgehoben); bis 70 cm


lang und bis 5 kg schwer. Abb. F.-T.-H. S. 300/301 Nr. 2; Sterba Taf. 101
(s.-w.); Maitland S. 130/131. Er kommt auch heute noch in der Mosel
häufig vor (Weitzel [3.2.] 125).

85: BR. interlucet: Als Parallele zu interludentes V. 76 transitiv


konstruiert und daher zusammengeschrieben nach dem Vorbild von Val.
Fl. 4, 662 tenebras nimbosque intermicat ignis (G). Zu den Farben notiert
Gagliardi [3.2.] S. 73 notevole per il trascolorare delle squame del cèfalo in

un rapido scintillı̀o, grazie al bagliore trasmesso dal lucet. herbosas . . .
harenas: Wie Ov. hal. 118 herbosa pisces laetantur harena (S; Posani
[3.2.] 56).

86 viscere: In der Bedeutung Fleisch“ öfters bei Cicero (z. B. nat. deor.

2, 159), aber klassisch nur Pl.; Sg. auch V. 97. praetenero: Nur noch
Plin. nat. 14, 25 von einer Rebsorte und 25, 156 von einer Pflanzenart
( Erdrauch“ – H) belegt (ThlL X 2, 987, 64 ff). fartim: Ebenso V. 113;

seltenes archaisches Wort, nur Lucil. frg. 79; Apul. met. 2, 7, 2 und
3, 2, 5 belegt (ThlL VI 1, 287). Den Pleonasmus mit weiteren Parallelen
bespricht Cavarzere. congestus: In Hinblick auf V. 133 ist die
Überlieferung der Mehrzahl der Hss. gegen Fuchs [3.2.] zu halten: vgl.
Lucan. 9, 796 congesto corpore. aristis: Wie V. 119 Gräten“ (frz.

arêtes – Sc); Marcellus Empiricus (um 400, aus Bordeaux) med. (CML
V) 15, 103; Greg. Tur. Mart. 3, 1 (H); offenbar ein zuerst hier belegter
Gallizismus (ThlL II 580, 50). Die normale Bezeichnung spina (V. 89) hat
sich in anderen romanischen Sprachen erhalten.

87: Vgl. dagegen V. 103 über den Lachs. Ebenso epist. 4, 62 (P)
nec duraturi post bina trihoria corvi (ein Seefisch wie Plin. nat.
32, 145). duraturus: sich halten“; vom Wein Cato agr. 104;

Verg. georg. 2, 100; von der Vogelbeere (sorbum) Varro rust. 1, 59, 3
(ThlL V 2298, 20 ff.); vgl. Lucan. 4, 53 non duraturae conspecto sole
pruinae (H). Nach Görler [3.2.] 175 und O’Daly [3.2.] 148 ist das
Futurpartizip durch Verg. georg. 2, 94 temptatura . . . vincturaque
beeinflußt. trihoria: Nach Mondin, Ed. Epist. S. 100 ist trihorium
vor Ausonius nicht belegt, bei ihm außer epist. 13, 62 (Fr) noch ecl. 10, 5;
vgl. griph. 34 trina trinoctia (H).

88: [2.; 1 V.]. Die Bachforelle (salar, Salmo trutta fario L.) wird
ähnlich beschrieben wie eine Eidechsenart bei Ov. met. 5, 461 variis
stellatus corpora guttis (S; Posani [3.2.] 39). Charakteristisch für die

Bachforelle sind schwarze und rote, runde, mehr oder weniger blau
150 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

gesäumte Tupfen. Fettflosse meist mit roten Flecken“ (Sterba 55), daher
purpureis. Als Speisefisch Sidon. epist. 2, 2, 12 erwähnt (Freher, der auch
auf die Besprechung der Sidoniusstelle bei Salvianus [s. o. S. 146] Kap.
24 verweist); vgl. auch H. Gossen, RE XII (1924) 343. Abb. F.-T.-H.
S. 296/297 Nr. 2; Sterba Taf. 39 (s.-w.); Maitland S. 94/95. Vor dem
Ausbau der Mosel war sie weit verbreitet (Weitzel [3.2.] 123); vgl. auch
zu V. 361.

89: [3.; 1 V.]. Vermutlich handelt es sich bei dem nur noch im Katalog bei
Polemius (chron. I p. 544, 18) unmittelbar vor wie hier nach salar genann-
ten Fisch rhedo um das Flußneunauge (Lampetra fluviatilis L.), für dessen
knorpeliges Skelett die Charakterisierung nullo spinae nociturus acumine
gut paßt; vgl. Sterba 20–22. Abb. F.-T.-H. S. 294/295 Nr. 2; Maitland
S. 72/73. Noch im 19. Jh. wurde das Flußneunauge bei seiner Wanderung
in die Flüsse Nordeuropas in großen Mengen gefangen (Meyers Großes
Konversations-Lexikon 1905, XIV 569), ist aber heute vom Aussterben
bedroht (Nachweise über Vorkommen bei Dräger, Ed. 2011, 358); andere
Deutungen bei Ottmann, Ed. S. 69 (Aalrutte) und, wohl unzutreffend,
Cavarzere, Komm. S. 80 f. (Rotfeder, Scardinius erytrophthalmus L.;
Sterba 313 mit Taf. 103 (s.-w.); Abb. F.-T.-H. S. 302/303 Nr. 6; Maitland
S. 138/139). Bemerkenswert ist der Hinweis von Ternes z. St., daß im
Languedoc der Aal, wohl wegen der Ähnlichkeit mit dem Neunauge, resso
genannt werde. Die Formulierung nach Ov. hal. 128 spina non nocuus
gobius ulla (S).

90: [4.; 1 V.]. Daß die Äsche (umbra; Thymallus thymallus L., frz. ombre)
nach ihrer Farbe benannt sei (ebenso im Griechischen σκιαθίς, σκίαινα),
wußte Varro ling. 5, 77. Belege (seit Ennius) für die Erwähnung des
Fisches bei Freher und Hosius, der den Holodactylus mit der hier formu-
lierten schattengleichen, schnellen Bewegung“ verbindet (vgl. zu V. 28);

zur Junktur vgl. Stat. Theb. 6, 602 effugit hic oculos (M 2) sowie Ov. hal.
22 avertitque vias oculos frustrata sequentis (Posani [3.2.] 56). Consoli,
RCCM 37, 1995, 134 betont den Unterschied zur Darstellung bei Ov.
hal. 111 f. corporis umbrae / liventis und Colum. 8, 16. Zu levis umbra
erinnert Wamser S. 54 an Paneg. in Mess. 68. Das seltene Vorkommen
der Äsche in der Mosel dokumentiert Weitzel [3.2.] 124; Beschreibung
bei Ottmann, Ed. S. 70; Abb. F.-T.-H. S. 296/297 Nr. 6; Sterba Taf. 39
(s.-w.); Maitland S. 106/107. natatu: Vgl. zu V. 77.

91–96: [5.; 6 V.]. Die Flußbarbe, (barbus, Barbus barbus L., frz. barbeau),
nur hier und im Vergleich V. 134 sowie bei Polemius (chron. I p. 544, 17
barba) erwähnt (ThlL I 1748, 57 und 1727, 67), war vor dem Moselausbau
III. Fischkatalog (85–149) 151

häufig (Weitzel [3.2.] 127), beschrieben bei Ottmann, Ed. S. 71; Abb.
F.-T.-H. S. 302/303 Nr. 5; Sterba 240/257 mit Taf. 101 (s.-w.); Maitland
S. 152/153.

91 f.: Die Einmündung der Saar in die Mosel. Der am Donon in


den Vogesen aus zwei Quellflüssen entspringende größte Nebenfluß der
Mosel ist hier erstmals in der antiken Literatur erwähnt. Über die wohl
(vor)keltische, indogermanische Namensform und die geographischen und
topographischen Varianten vgl. RE I A (1920) 2427–2433; A. Kolling:
Saravus-Flumen – Römertum im Saarland, in: Katalog Mosel und Saar
53–67; Weisgerber 331; R. Wiegels, DNP s. v. Saravus; Rasch 88; Berger
246; Falileyev 196. Eine sechsbogige Brücke (Cüppers 424 f. mit Lit.)
überspannte die Saar etwa 300 m vor ihrer Mündung in unmittelbarer
Nähe der Kaiservilla von Konz (Contionacum). Zur Villa vgl. K.-P.
Goethert, FVFD 34, 1977, 260–268; Heinen, Trier und das Trevererland
[3.1.] 287–289; A. Neyses: Die spätrömische Kaiservilla zu Konz, Trier
1987; Katalog Mosel und Saar Nr. 289 mit Abb.; Rasch 44; Cüppers
425 f. Einen Aufenthalt des Ausonius in Konz im Sommer 371 vermutet
Green, ICS 14, 1989, 371; ähnlich schon Hosius; vgl. auch zu V. 367 ff.

91: BR. Die Nähe zu Stat. silv. 1, 3, 66 f. teque, per obliquum peni-
tus quae laberis amnem, / Marcia hat Wamser S. 54 f. beobachtet;
obliquus vom gewundenen Wasserlauf (man denke besonders an die
bekannte Saarschleife bei Mettlach, Katalog Mosel und Saar Nr. 4a
mit Abb.) auch Hor. carm. 2, 3, 11 (H); Ov. met. 1, 39 und 9, 18
(Tr). fauces: Mündungsarme“ wie Plin. nat. 5, 54, nicht etwa die

tiefen Einschnitte des Saartales. vexate: Die Mediziner sprechen
von vexata, Quetschungen (Cels. 7, 1). In der Mosel dagegen kann die
Barbe frei schwimmen (V. 94). Den Text hat schon Ottmann richtig erfaßt.

92 fremunt: Von Gewässern selbst öfters seit Lucan. 4, 101. ostia:


Ebenso wie vorher fauces durch Brückenpfeiler getrennte Flußarme“.

Da erst ab V. 454 ff. Augustus’ Kampf im Osten mit Valentinians Kampf
im Westen in Parallele gesetzt wird, liegt wohl kaum eine inhaltliche
Reminiszenz an Verg. Aen. 6, 800 et septemgemini turbant trepida
ostia Nili ( der Nil ist beunruhigt wegen der künftigen Waffentaten

des Augustus“) vor (so Görler [3.2.], 114 Anm. 1 = 174 Anm. 52, eher
skeptisch auch O’Daly [3.2.] 148), zumal die Position von ostia im vorletz-
ten Daktylus häufig ist (Mastandrea 621 f.; die Ausonius-Stelle fehlt dort).

93 famae maioris in amnem: Versschluß wie Lucan. 1, 400 (Fr) von


der Isère, die in die Rhône mündet; zur Variante melioris in G siehe
152 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

Schenkl, Ed. S. XLV (vielleicht übernommen aus V. 95 oder Verg. Aen.


4, 221) sowie Posani [3.2] 38; Cavarzere, Komm. S. 82; Sacfoglio, Vichiana
4. ser. 4, 2002, 220 Anm. 12.

94 liberior: Treffend erklärt Cavarzere, Komm. S. 82: Nelle acque



tranquille della Mosella il barbo, non più vexatus, può finalmente
dispiegare tutta la sua maestosità“.

95 melior peiore: Das Paradoxon (C) wird durch die Stellung noch
unterstrichen; vielleicht gebildet nach Ov. Pont. 1, 4, 1 deterior . . . aetas
(Posani [3.2.] 40).

95 f. omni . . . ex numero: Wie Verg. Aen. 1, 170 (P). non


illaudata: Litotes wie Stat. Theb. 11, 11 (Cavarzere, Komm. S. 82,
der auch auf die Erklärung von illaudatus bei Gell. 2, 6, 10
verweist). senectus: Roberts [3.2.] 346 = 254 sieht darin einen
Beleg für die humanization“ der Fischbeschreibung.

97–105: [6.; 9 V.]. Der Lachs oder Salm (salmo; Salmo salar L.,
frz. saumon). Hosius verweist auf Plin. nat. 9, 68 in Aquitania salmo
fluviatilis marinis omnibus praefertur und vermutet wohl mit Recht,
daß der Fisch Ausonius bereits aus seiner Heimat bekannt war;
vgl. auch H. Gossen, RE XII (1924) 343. In der Mosel kam er im
19. Jh. noch regelmäßig vor (Weitzel [3.2.] 123). Ausonius hebt die
rötliche Farbe des Fleisches hervor und spielt V. 97 f. offensichtlich
auf die Eiablage an: Am Laichplatz, im kalten Wasser, in einer

Tiefe von etwa 1 m, höhlt das Weibchen mit Schwanzschlägen ei-
ne Vertiefung aus, in die es die Eier ablegt und mit Sand zudeckt“
(F.-T.-H. S. 296/297 Nr. 1); Beschreibung bei Ottmann, Ed. S. 71;
Sterba S. 54 f. mit Tafel 39 (s.-w.); Maitland S. 92/93.

97 f.: Jeweils BR. nec te . . . transierim: Vergleichbare Formeln


Verg. georg. 2, 101 f. = Aen. 10, 185 f. non ego te . . . / transierim;
weitere Belege bei Hosius. Gagliardi [3.2] 72 Anm. 22 sieht hier
(ohne Beleg) Anklang an den Ton des Epyllions. Vgl. V. 115 nec te . . .
silebo.

97 viscere: Vgl. zu V. 86.

98: Versschluß wie (wörtlich) Hor. sat. 2, 7, 49 (P), ähnlich Ov. hal. 13
sub verbere caudae (Tr), weitere Belege bei Hosius.
III. Fischkatalog (85–149) 153

99 gurgite de medio: Nach Verg. georg. 4, 524 gurgite cum medio


(S); vgl. Lucr. 4, 397 medio de gurgite (H) u. ö.. Die poetische Valenz des
Wortes gurges bespricht Cavarzere, Komm. S. 83. summas . . . in
undas: Vergleichbare Junkturen aus Vergil und Statius nennt Wamser
S. 57. Gleicher Hexameterschluß V. 27. Zur Variation der Bezeichnungen
für Wasser“ (gurges, undae, aequor ) vgl. zu V. 190.

100: Cavarzere, Paideia 57, 2002, 62 notiert (mit Lit.) die Figur
der expolitio (Ausmalung) in diesem versus aureus (a,b/V/B,A).
placido . . . aequore: Wie Verg. Aen. 8, 96 (W S. 57 f.) vom Tiber, an
den auch hiermit wieder erinnert werden soll; vgl. zu V. 21 f. und 33.

101 loricato squamosus pectore, frontem: Anklang an Cic. Arat. 143


squamoso corpore pisces bemerkt Marsili S. 54; tipica reminiscenza di

suono“ (Posani [3.2.] 34). Die Struktur des Verses (formale Parallele zu
V. 97, Anklang an Verg. Aen. 10, 485 loricaeque moras et pectus perforat
ingens) bespricht Cavarzere, Komm. S. 83; loricatus noch grat. 52 von
Gratian, gleiche Junktur Heges. 5, 5, 1.

102: BR. dubiae . . . cenae: Wie Hor. sat. 2, 2, 77 nach Ter. Phorm.
342 (Fr; Posani [3.2.] 46; Nardo [3.2.] 326) von einer Mahlzeit, bei der
man wegen der Güte der Gerichte zweifelt, was man am besten nehmen
soll (Ter.: ubi tu dubites quid sumas potissimum); dazu Nardo [3.2.] 326.
Gleicher Versschluß Calp. ecl. 4, 167; Wamser S. 59 vergleicht Hor. sat.
2, 6, 104.

103: Das auffallende Klangelement des Homoioptoton (ähnlich V. 273)


notiert Cavarzere, Komm. S. 84, zur Junktur tempora . . . morarum ver-
gleicht Hosius Ov. met. 11, 651; Phaedr. 4, 5, 18. incorrupte: Im Sinne
von incorruptibilis (seit Plin. nat.: ThlL VII 1, 1034, 35 ff.). Die längere
Haltbarkeit des Fisches über einige Wochen, nur in Stroh verpackt, war
in früherer Zeit von Bedeutung, vgl. die Notiz bei Tross S. 31; anders
dagegen der capito V. 87. Die gängige Übersetzung ohne zu verderben“

u. ä. (Schönberger u. a.) läßt nicht erkennen, daß es sich um einen
Vokativ handelt. Über den Wechsel der Anredeformen vgl. zu V. 27–32.

104: Die Kolometrie des Verses erläutert Cavarzere, Komm. S. 84


(dreifaches Homoioteleuton). praesignis: In der Dichtersprache seit
Ovid (ThlL X 2, 893, 26 ff; vgl. auch Ov. hal. 105 insignis, dazu Posani
[3.2.] 57), bei Ausonius noch Caes. 102 = 15, 1. Wamser S. 59 f. verweist
auf Verg. georg. 3, 56 nec mihi displiceat maculis insignis (vom Rind
gesagt). cui: Bezogen auf salmo (G). Der sog. Dativus sympatheticus
154 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

findet sich anstelle des Genitivs in der klassischen Dichtersprache


(L.-H.-Sz. II 94), hier noch V. 309, 312. prodiga: In der konkreten
Bedeutung dick“ wie Moret. 35 (ThlL X 2, 1613).

104 f.: Pleonasmus und Versstruktur bespricht Cavarzere, Komm. S. 84.
opimato: Das selten in der Poesie“ (H) verwendete Verbum (belegt

seit Colum. 8, 7, 5) gebraucht Ausonius häufiger (Weis, Erläuterungen
S. 63 und ThlL IX 2, 708, 4 ff. mit 5 Belegen; epist. 14b, 2 von Austern).
fluens: In der Bedeutung dahingleitend“ als Ergänzung zu nutat,

wodurch die Schwimmbewegung anschaulich beschrieben ist. Die von
Hosius herangezogenen Parallelen vermitteln ein anderes Bild ( herab-

wallen“). abdomine venter: Ebenso Iuv. 4, 107 (H).

106–114: [7.; 9 V.]. Der mustela genannte Fisch ist bereits in den
Hedyphagetica des Ennius erwähnt (frg. 34 V. = Apul. apol. 39 omnibus
ut Clipea praestat mustela marina; dazu Scafoglio, WS 117, 2004, 154),
ferner bei Plin. nat. 9, 63 (H) als Speisefisch im Bodensee wegen der
Qualität seiner Leber (proxima est mensa iecori dumtaxat mustelarum,
quas, mirum dictu, inter Alpes quoque lacus Raetiae Brigantinus aemulas
marinis generat). Ausonius weiß auch, daß er in der Donau vorkommt
und sich dort angeblich durch Schaumbildung an der Wasseroberfläche
verrät (Hinweise dazu fehlen in der Fachliteratur). Es handelt sich wohl
um die Quappe (Lota lota L.). Die Lebensweise beschreibt Dräger, Ed.
2002, 155 und Ed. 2011, 360; Literatur bei König/Winkler IX 169;
Abb. F.-T.-H. S. 308/309 Nr. 3; Maitland S. 184/185. Dagegen denkt
Cavarzere, Komm. S. 84 f. (wie schon ausführlich Scaliger bei Tollius
S.374 f. unter Bezug auf Cassiod. var. 12, 14, 5 und Ottmann S. 79 f.)
mit Hinweis auf Colum. 8, 17, 8 avidas mustelas an das seltene (Sterba
22) Meerneunauge (Lamprete, Petromyzon marinus L.), das auch im
Unterlauf von Flüssen vorkommt und nach Weitzel [3.2.] 121 in der Mosel
beobachtet wurde; Maitland S. 68/69.

106 Illyricum: Zur Zeit des Ausonius eine der zwei orientali-

schen Praefecturen“ (H) und hier allgemein als Bezeichnung für die
Länder an der unteren Donau; vgl. Auson. epigr. 3, 1 f. Illyricis regnator
aquis, tibi, Nile, secundus, / Danuvius und Anhang S. 282 ff. per
stagna binominis Histri: Die Donau heißt in ihrem Oberlauf Danuvius
(Belege RE IV [1901] 2103), in ihrem Unterlauf ῎Ιστρος (RE IV [1901]
2106–2109). Da mit stagna auch langsam fließende Gewässer bezeichnet
werden (V. 121 und 482), könnte man vermuten, daß Ausonius an den
Unterlauf des Flusses bzw. das Donaudelta denkt. Versschluß wie Ov.
Pont. 1, 8, 11; Stat. silv. 5, 1, 89 (Tr); Sil. 1, 326 (C).
III. Fischkatalog (85–149) 155

107 natantum: Versschluß wie V. 141 und 250 nach Verg. georg. 3, 541
(Ma).

108 subvecta: Ob nun Ausonius vermutet, daß die nach Plinius im


Bodensee befindlichen Fische zum Laichen in die Mosel schwimmen
oder ob er gar eine Verbindung der Donau mit dem Rhein annimmt
(eine Kenntnis von der Donauversickerung bei Immendingen und deren
Wiederaustritt in der Aach-Quelle, die die in den Bodensse mündende
Radolfzeller Aach speist, dürfte Ausonius nicht besessen haben), so kann
doch in jedem Fall der Gedanke an eine Fischbesatzmaßnahme“, wie

Green meint und wie sie Plin. nat. 9, 63 für das Mittelmeer beschreibt,
ausgeschlossen werden (Cavarzere, Komm. S. 85). fretum: Von der
Mosel wie V. 179, freta V. 137 und 182; als Bezeichnung für einen Flußlauf
offenbar zuerst hier gebraucht (ThlL VI 1315, 51); vgl. auch zu V. 276.
Eine funzione nobilitante“ erkennnt Cavarzere, Komm. zu V. 179.

lata: Die Mosel wird durch das Attribut lata indirekt mit der Donau
verglichen; auch sie verdient es, diesen Fisch zu beherbergen. Die alte
Konjektur laeta von Troß, aufgegriffen von Peiper und Prete, hat schon
Hosius zurückgewiesen. Im übrigen dürfte der Passus auch ein Reflex
auf die mögliche Teilnahme des Ausonius an Valentians Zug zu den
Donauquellen sein (vgl. Auson. epigr. 3 und 4, Anhang S. 282 ff.), der
in die zweite Hälfte des Jahres 370 zu datieren ist (Drinkwater, The
Alemanni [3.1.] 294; vgl. zu V. 422–424).

109: Die Periode geht, wie Böcking und Fuchs [3.2.] erkannt haben, bis
V. 110 color mit Periodenschluß innerhalb des Verses wie V. 137. Dagegen
lassen die meisten Herausgeber seit Tross den Satz mit alumno enden und
verstehen subvecta als Verbum finitum (sc. es). alumno: Vgl. zu V. 79.

110 quis . . . color: Ebenso V. 192 mit anderem Satzbau.


naturae: Über natura artifex vgl. zu V. 51 f. und 72. Green, ICS 14,
1989, 311 erwägt einen Kontrast zu den Fischdarstellungen auf Mosaiken.

111 quae lutea circuit iris: Die Konjektur von Tollius (quae
statt des überlieferten qua) verteidigt entschieden Green, Komm. z. St.
Goldgelbe Kreise (zum kollektiven Singular vgl. zu V. 67) in der Farbe
des Regenbogens umgeben die dunklen Punkte; vgl. die Beschreibung
bei Dräger, Ed. 2011, 361; luteus als Farbe des Regenbogens (Dräger l. c.
denkt an die gleichnamige Gelbe Schwertlilie) wie Sen. nat. 3, 4; Amm.
20, 11, 26 (H).
156 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

112: BR. Nach Verg. Aen. 2, 474 lubrica convolvit . . . terga (sc. coluber –
M 2) und 5, 84–87 lubricus anguis . . . ceruleae cui terga notae maculosus
(C). caeruleus . . . fucus: Wie Prop. 2, 18, 31 (C). Gagliardi [3.2.] 80
Anm. 44 (mit Lit.) bemerkt zu dieser Farbbezeichnung indica pratica-

mente tutte le sfumature dell’azzurro“ und notiert die Häufigkeit ihres
Vorkommens in der Mosella im Verhältnis zu Vergil. Vgl. auch zu V. 84.
perducit tergora: Ebenso V. 136 perductum tergora (S). Freher ver-
gleicht Verg. georg. 4, 416 totum corpus perduxit (sc. ambrosiae odor ;
weitere Belege bei Hosius).

113 fartim: Vgl. zu V. 86.

114: BR. extremam . . . caudam: Die gleiche Junktur bei der Be-
schreibung von Schlangen oder Skorpionen Verg. georg. 3, 423 (W S. 60 f.;
zitiert zu V. 138); Germ. 189; Manil. 4, 553; Stat. Theb. 5, 538 (C).
cutis arida: Wie Iuv. 6, 144 (M 2).

115–134: Die Gliederung des Abschnitts bespricht Cavarzere, Incontri


176 und Komm. S. 86.

115–119: [8.; 5 V.]. Der Flußbarsch (perca – Perca fluviatilis L., frz.
perche, griech. περκίς, πέρκη). Er wird zuerst Ov. hal. 112 erwähnt; das
Rezept für eine Soße (ius in percam) bei Apic. 10, 14. Wie der Vergleich
des Flusses mit dem Meer so ist der des Flußfisches mit dem Meeresfisch
das höchste Lob (H, C). Er kommt häufig in der Mosel vor (Weitzel
[3.2.] 132). Beschrieben von Ottmann S. 71; Sterba 664 f. mit Taf. 227
(s.-w.); Abb. F.-T.-H. S. 306/307 Nr. 5; Maitland S. 210/211. – Über den
Wechsel der Anredeformen vgl. zu V. 27–32.

115 nec . . . silebo: Belege für die gleiche Litotes (nach Hor. carm.
1, 12, 21 und Verg. Aen. 10, 793) bei Di Salvo 186 f., Hosius und Ca-
varzere, Komm. S. 86, der auch eine nota di panegirico“ bemerkt.

delicias: Hier ist der Fisch ganz konkret der Leckerbissen“ ( in senso
” ”
materiale“ Di Salvo 187; ThlL V 1, 448, 58 ff.), während epist. 14b, 38
gratus deliciis nobilium cibus (von Miesmuscheln gesagt) eher die ab-
strakte Bedeutung Genuß“ vorliegt. Neben der Delikatesse werden V.

123 ff. Fische als Nahrung der einfachen Leute erwähnt: so ernährt die
Mosel Reich und Arm (Ternes, REL 49, 1970, 495 Anm. 3 = 197 Anm.
87; Roberts [3.2.] 346 = 254 Anm.18).

116 amnigenas: Die Konjektur von Vinet, die sich auf das sin-
guläre Wort bei Val. Fl. 5, 584 amnigenam . . . Choaspen stützt und
III. Fischkatalog (85–149) 157

jetzt wieder von Cavarzere, Komm. S. 86 aufgegriffen wird, hat Green in


seinem Kommentar verteidigt. Folgt man der von Green formulierten Un-
terscheidung, nach der die Komposita auf -genus die Art ( kind“), die auf

-gena die Herkunft bezeichnen, dann ist ohne Zweifel die Form amnigenas
vorzuziehen, zumal die Form amnigenus offenbar nur an unserer Stelle
überliefert wird. V. 407 bildet Ausonius aquilonigena. dignande: Wie
V. 350 im Sinne von vergleichen“ (ThlL V 1, 1140, 80); vgl. zu V. 24. Die

maskuline Form ist nach Delachaux [3.3.] 85 f. als constructio ad sensum
zu piscis zu erklären.

117: BR. puniceis . . . mullis: Über die Rote Meerbarbe (mullus –


Mullus barbatus L.) als geschätzten und in der frühen Kaiserzeit hoch-
bezahlten Speisefisch vgl. A. Steier, RE XVI (1933) 496–503; Soßen dazu
nennt Apic. 10, 11 f. Aus der Mosella-Stelle schließt Steier (501, 36 ff.)
wohl zu Unrecht, daß zur Zeit des Ausonius die Meerbarbe-Mode

vorüber war“. Entsprechend der Tendenz der Mosella ist vielmehr der
umgekehrte Schluß zu ziehen: Gerade weil der Seefisch so geschätzt war,
wertet ein Vergleich mit ihm (wie V. 135 pecus aequoreum – H) auch den
Flußfisch auf. Vgl. die Beschreibung der Färbung bei Ov. hal. 123 tenui
suffusus sanguine (H), Ottmann S. 71. facilis: Zur Konstruktion mit
dem Inf. vergleicht Hosius Stat. silv. 2, 4, 39. contendere: Auf Verg.
georg. 2, 96 (Rebenkatalog) verweist Görler [3.2.] 175, underlining the

rivalry theme“ (O’Daly [3.2.] 148).

118 iners: Nach Cavarzere, Komm. S. 87 quasi tecnicismo gastronomi-



co“ mit Verweis auf Hor. sat. 2, 4, 41; Plin. nat. 20, 252. solidoque in
corpore: Häufige Junktur wie Auson. ephem. 3, 42 (P); weitere Belege
bei Hosius und Wamser S. 61.

119 aristis: Vgl. zu V. 86.

120–124: [9.; 5 V.]. Der Hecht. Im Gegensatz zu dem hoch geschätzten


Barsch ist er ein Fisch von schlechter Qualität und damit eine Speise,
die man in billigen Kneipen serviert. In der Mosel kam er häufig vor
(Weitzel [3.2.] 131 f.). Der Name lucius (Esox lucius L.) für den sonst
(Ov. hal. 112) lupus genannten Fisch erscheint zuerst hier, dann Pol. Silv.
p. 544, 17; Anthim. 40 (H). Romanische Entsprechungen wie afrz. luz,
katal. llus (ThlL VII 2, 1713, 10 ff.) führen (nach Cavarzere, Komm.
S. 87) auf eine Grundbedeutung leuchtend“, vergleichbar griech. λευ̃κος

(Theocr. frg. 3, 4 Gow; Aristot. hist. an. 567 a 20). Beschrieben bei
Ottmann S. 77; Sterba 55 f. mit Taf. 36 (s.-w.); Abb. F.-T.-H. S. 298/299
Nr. 1; Maitland S. 108/109.
158 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

120 Latio risus praenomine: Vielleicht steckt hinter dem Hinweis auf
den Gleichklang mit dem römischen Vornamen mehr als ein Scherz: Zur
Zeit der Abfassung der Mosella trieb ein Lucius als arianischer Gegen-
bischof in Alexandria sein Unwesen (A. Lippold, RE Suppl. X [1965]
380 f.); der von Cavarzere, Komm. S. 87, beobachtete Doppelsinn von
cultor als Bewohner“ und signore, patrono“, spezieller noch Verehrer
” ” ”
einer Gottheit, Priester“ läßt sich auch auf den Bischof übertragen.
Belege für Wortspiele mit Eigennamen bei Ausonius bietet Marsili S. 55.

120 f. cultor stagnorum: Als ähnliche Junkturen nennt Wamser S. 61


Ov. met. 14, 4 cultor aquarum; Verg. georg. 1, 14 c. nemorum.

121: BR. querulis . . . ranis: Wie Colum. 10, 12 (Tr); weitere


Belege für diese Charakteristik der Frösche bei Hosius und Cavarzere,
Komm. S. 87. vis infestissima: Belege für diese Art der Apposition
von vis bei Hosius und Cavarzere, Komm. S. 87 f.

122: BR. Der Hecht verbirgt sich in bewachsenen Tümpeln oder


Altarmen, wie sie allerdings im Rahmen der Flußregulierung weitgehend
verschwunden sind; vgl. z. B. Dieck [3.1.] Abb. 44 und 48. Ein Wider-
spruch zur Beschreibung des Ufers V. 45 (vgl. dort) besteht demnach
nicht. ulva: Vgl. zu V. 139; kollektiver Singular wie V. 111.

123 obsidet: Wie Plin. nat. 11, 62 quae (sc. ranae) stagna rivos-
que obsident (C). hic: Anapher von hic hier“ V. 120 (Tross u. a.),

dagegen er“ Böcking.

124: BR. Formuliert nach Hor. sat. 2, 4, 62 quaecumque immundis
fervent allata popinis (S); Cavarzere, Komm. S. 88, sieht in dem Zusatz
olido nidore eine Glossierung des Horazverses durch Cic. Pis. 13 in
illo ganearum tuarum nidore atque fumo. fumosis popinis auch Auson.
ephem. 8, 21 (Fr); vgl. Posani [3.2.] 54 mit ähnlichen Attributen von
popina. Über popina vgl. F. Wotke, RE XXII (1953) 69–74.

125–134: In der überlieferten Form fehlt dem Satz V. 131–134 ein


Hauptverbum. Das hat zu verschiedenen, im Apparat verzeichneten
Konjekturen geführt, die Green und Cavarzere ausführlich besprechen.
Die mit quis non . . . norit eingeleitete Frage jedoch geht nicht nur bis
V. 127, sondern, wie Cavarzere, Komm. S. 89 f., erkannt hat, bis V. 134.
Durch die leichte Textänderung in V. 131 (te statt tu) wird die Struktur
des Abschnitts (3+3+4 = 10 Verse) deutlich, die daher auch als Einheit
zu interpungieren ist.
III. Fischkatalog (85–149) 159

125–127: Wie V. 88–90 drei offenbar unbedeutendere Fische in je einem


Vers aufgezählt wurden, so hier die Nahrung des einfachen Volkes,
Schleie, Weißfisch und Maifisch.

125 virides . . . tincas: [10.; 1 V.]. Die Schleie (tinca – Tinca


tinca L.), beschrieben bei Ottmann, S. 85 f.; Sterba 283 f. ( olivgrün,

Oberseite meist schwärzlich, Bauch etwas heller, mit goldgelbem Schim-
mer an den Körperseiten, Flossen undurchsichtig grau bis grünlich“) mit
Taf. 100 (s.-w.); Abb. F.-T.-H. S. 298/299 Nr. 4; Maitland S. 140/141,
von Brehm als ein Speiss des gemeinen Pöbels“ bezeichnet (H), wird

nur noch Pol. Silv. p. 544, 18 genannt; vgl. Walahfr. carm. 6, 14 vulgares
tincas. Das Wort lebt als it. tinca, span. tenca, frz. tanche in den
roman. Sprachen weiter. Das Vorkommen in der Mosel scheint heute
gering zu sein (Weitzel [3.2.] 126). solacium: Die konkrete Bedeutung
Unterhalt“ findet sich in der Juristensprache (Ulp. dig. 24, 3, 22, 8).

126 alburnos: [11.; 1 V.]. Der Weißfisch, Ukelei (alburnus – Alburnus
alburnus L., verschiedene weitere deutsche Namen bei Hosius und
Dräger, Ed. 2002 z. St. u. ö. sowie Weitzel [3.2.] 127), wird auch Pol. Silv.
p. 544, 18 erwähnt. In der Saintogne wird er auburne genannt (V),
während sich die roman. Bezeichnungen wie frz. able, ablet, ablette
von albula herleiten. Sterba 288 mit Taf. 102 (s.-w.) beschreibt ihn als
insgesamt stark silberglänzend, Oberseite bläulich-grün“; vgl. Ottmann

S. 87; Abb. F.-T.-H. S. 300/301 Nr. 7; Maitland S. 158/159. praedam
puerilibus hamis: Auch in der Angelszene V. 247 ff. wird der Angler
puer genannt (V. 256, 274); Echo von Lucan. 5, 526 praedam civilibus
armis (C). Als Schwarmfisch der oberen Wasserschichten ist er natürlich
leicht zu fangen und noch heute in der Mosel häufig (Weitzel [3.2.] 127).

127: [12.; 1 V.]. Der Maifisch (alausa – Alosa alosa L., frz. alose)
wird noch Pol. Silv. chron. I p. 544, 18 und Ps.Garg. Mart. med. p. 209
Rose erwähnt (H; ThlL I 1483, 20 ff.). Er war früher in der Mosel häufig
(Weitzel [3.2.] 122); beschrieben von Ottmann S. 70; Abb. F.-T.-H.
S. 294/295 Nr. 7; Maitland S. 82/83. obsonia: Schon bei Horaz
Bezeichnung für Fischgerichte. Auf den Gegensatz zu Auson. epist. 16, 38
(zitiert zu V. 115) und epist. 3, 1 f. ostrea nobilium cenis sumptuque
nepotum / cognita verweisen Hosius und Cavarzere, Komm. S. 88 f. Von
plebeiae cenae piscis spricht Varro rust. 3, 17, 7.

128–130: [13.; 3 V.]. Die einhellig so, aber nur hier überlieferte
Namensform sario für die Meerforelle (Salmo trutta trutta L.) sollte
nicht geändert werden, da sie auch lautlich die Zwischenstellung zwischen
160 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

sa-lm-o und s-al -ar widerspiegelt (vgl. Cavarzere, Komm. S. 89).


Isid. orig. 12, 6, 6 varii (sc. pisces) a varietate, quos vulgo tructas
vocant bezieht sich eher auf die Färbung der Forelle, nicht auf eine
Übergangsform, und kann daher nicht für eine Konjektur herangezogen
werden. Die Form fario, die sich seit der anonymen Ausgabe sumptu

Philippi Iuntae“, Florenz 1517 (dazu Mirmont 1889, LX–LXX) in älteren
Editionen findet und seit Carolo Figulo (ΙΧΘΥΟΛΟΓΙΑ, seu Dialo-
gus de piscibus, Köln 1540) auch in Handbücher übernommen wurde
(R. Zaunick, Festschr. Franz Dornseiff, Leipzig 1953, 381–383; vgl. auch
H. Gossen, RE XII [1924] 343, 44), ist handschriftlich und im ThlL
nicht belegt; Abb. Maitland S. 94/95. – Charlet, Philologus 132, 1988,
78 f. konstatiert in diesem Zusammenhang a predisposition towards a

world of metamorphosis, change and illusion“, ebenso zu V. 189–199
und V. 239–240 als ein Charakteristikum der spätlateinischen Literatur
überhaupt und hebt die Häufigkeit von spectare, spectaculum hervor.

128 neutrumque et utrumque: Wie Ov. met. 4, 379 (H).

129 necdum: Den Gebrauch im Sinne von nondum bei Ausonius


bespricht Delachaux [3.3.] 100. salmo: Vgl. zu V. 97–105. Fuchs [3.2.]
176 ergänzt ohne Begründung <es>, wohl aus metrischen Erwägungen,
da der Nominativausgang -ŏ für die spätantiken Grammatiker als
regelmäßig gilt (Einleitung S. 23). Offensichtlich folgt aber Ausonius mit
der Form salmō klassischem Sprachgebrauch; vgl. Austin II 268 f.
salar: Vgl. zu V. 88. ambiguusque: Zur Bezeichnung eines schwer
zu bestimmenden Wesens häufig bei Ovid, z. B. met. 2, 9 (Proteus);
vgl. Auson. epigr. 72, 10 (Tiresias) und Mos. 239; weitere Belege ThlL I
1843, 61 ff.; -que schlußfolgernd (Prosabelege K.-St. II 13). Interpunktion
nach ambiguusque, da in V. 130 eine neue Aussage (Zeit des Fangs)
gemacht wird.

130: BR. medio . . . aevo: Plin. nat. 9, 167 bezeichnet aevum die
Lebensdauer von Fischen.

131–134: [14.; 4 V.]. Der Gründling (gobio – Gobio gobio L., frz.
goujon), als Speisefisch Mart. 13, 88 (principium cenae gobius esse solet)
erwähnt (Fr), beschrieben von Ottmann S. 77. Er wird in Frankreich gern

gegessen“ (Sterba 285 mit Beschreibung). H. Gossen, RE II A (1921)
796 bezieht die Beschreibung auf die sonst nicht genannte Schmerle
(Nemachilus barbatulus L.). Die Deutung ist abzulehnen, da Ausonius
den gobio ausdrücklich als Schwarmfisch charakterisiert, der auch heute
noch in der Mosel weit verbreitet ist (Weitzel [3.2.] 126); Abb. F.-T.-H.
III. Fischkatalog (85–149) 161

S. 302/303 Nr. 7; Maitland S. 148/149. Den Abschnitt bespricht Consoli,


RCCM 37, 1995, 134.

131 te quoque . . . memorande: Wie Verg. georg. 3, 1 (C). inter


memorande: Junktur wie Ov. Pont. 4, 13, 1 (M 2), ähnlich Auson.
prof. 9, 6 meritos inter commemorande viros. cohortes: Von Fischen
offenbar nur hier gebraucht; von anderen Tieren ThlL III 1551, 81 ff.

132: Seine geringe Größe notiert auch Colum. 8, 17, 14 (Tr), beab-
sichtigt ist der Kontrast zum folgenden Stör, dem größten Fisch des
Katalogs (Dräger, Ed. 2011, 363).

133 ovipara: Zuerst von Apuleius nach griech. ᾠοτόκος gebildet (apol.
38). congestior: Der Komparativ findet sich nur hier, Anklang an
Moret. 34 compressior alvo (H). Green vermutet V. 86 fartim congestus
aristis als Ausgangspunkt für die Formulierung hier.

134: Mit seinen Barteln (iuba) ist der Gründling der Barbe ähnlich.
Das Wortspiel iuba = barba bespricht Cavarzere, Komm. S. 90 (recte:
Ov. fast. 1, 259). propexi . . . barbi: Als Attribut des Bartes (barba)
steht das Adj. Verg. Aen. 10, 838 propexam in pector barbam (H); Ov. l. c.
u. ö. imitatus: Über den Wechsel der Anredeformen vgl. zu V. 27–32.

135–149: [15.; 15 V.]. In feierlichem Stil (H; vgl. zu V. 141), von


J.-L. Charlet, Philologus 132, 1988, 81 als Beispiel des von Ausonius
gepflegten neo-alexandrianism“ gewertet (vgl. auch Consoli, RCCM

37, 1995, 135), schließt der Katalog mit dem größten der Moselfische,
dem magnus silurus. Gewählt hat Ausonius den silurus als letzten Fisch
des Katalogs nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch wegen seines
Namens, den Athenaios 7, 287 b ἀπὸ του̃ σείειν συνεχω̃ς τὴν οὐράν her-
leitet. Der Schwanzwedler“ bildet das Ende wie der capito den Anfang.

Die Bezeichnung silurus (belegt seit Lucilius bei Varro ling. 7, 47) führt
zunächst auf den Wels (Silurus glanis L.), den größten Flußfisch östlich
des Rheins (Abb. F.-T.-H. S. 304/305 Nr. 5; Maitland S. 180/181). Auch
die Beschreibung des Rückens paßt auf den Wels (H; danach M. Schuster,
RE VIII A [1955] 663; Sterba 336 oberseits dunkelolivgrün“). Plinius

kennt nat. 9, 45 den Fisch in der Donau und im Main (Fr). Allerdings
bemerkte schon Schuster l. c. 662, daß unter der Bezeichnung silurus nicht
überall eine Wels-Art zu verstehen sei. Da außerdem offenbar der Wels
in der Mosel nicht vorkommt (Herzhoff [3.2.] 202; Weitzel [3.2.] 131),
aber jedoch der Stör (Acipenser sturio L.), der in alten Trierer Urkunden
als Silren“, Sillern“, oder Süller“ bezeichnet wird (Herzhoff [3.2.]
” ” ”
162 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

205), dürfte Ausonius diesen gemeint haben (so schon Freher, Minola,
Böcking u. a.; vgl. Tross S. 38; Marsili S. 57). Und nicht zuletzt wegen der
V. 137 ff. geschilderten Schwimmbewegung wird es sich um den Stör im
Gegensatz zu dem ortstreuen, nachtaktiven Wels“ (Kinzelbach [3.2.]

227) handeln (Abb. F.-T.-H. S. 294/295 Nr. 5; Maitland S. 78/79). Seine
Größe (bis zu 6 m) und sein Gewicht (bis 400 kg; beide Angaben nach
Herzhoff [3.2.] 204) wertet Ausonius mit der für große Meerestiere (V. 148
ballena Mosellae) üblichen Bezeichnung pecus noch auf. Belege für pecus
Fisch“ (zuerst Lucr. 2, 343) bei Hosius und Mondin, Ed. Epist. S. 254;

Hor. carm. 1, 2, 7 (Robben); Ciris 486. Die Frage besprechen ausführlich
Herzhoff und Kinzelbach [3.2.], zusammenfassend Cavarzere, Komm.
S. 9; Dräger, Ed. 2002, 156 f. und Ed. 2011, 364 f.; zur etymologischen
Verbindung mit lat. silus stupsnasig“ vgl. F. Solmsen, IF 30, 1912, 9–11.

135 pecus aequoreum: Wie epist. 22, 19; Anklang an Verg. georg.
3, 243 et genus aequoreum an gleicher Stelle im Vers (W S. 64 f.).

136: BR. Actaeo: Zuerst Verg. ecl. 2, 24, abgeleitet von dem
Landschaftsnamen Akte, Bezeichnung für eine südlich des grossen Pei-

raieushafens blattförmig sich ausbreitende, nach Westen vorspringende
Halbinsel“ (RE I [1893], 1212), zugleich alter Name für Attika (Eurip.
Hel. 1673; Strabo 9, 391 und 397), nach Cavarzere, Komm. S. 91 un

preziosismo callimacheo“, der an den attischen Mythos über den Ölbaum
(die Belege dazu RE VII [1937], 2015 ff.) erinnere; Auson. griph. 71
Actaeae . . . Athenae. perductum tergora: Vgl. zu V. 112.

137 amnicolam: Nur noch Ov. met. 10, 96 (von der Weide) belegt
(ThlL I 1941, 75 f.); ulteriore preziosismo“ (C). delphina: Oppian.

hal. 2, 542 nennt die Delphine die ἡγεμονη̃ες unter den Fischen (Tr).
Zusammenstellung der von Ausonius verwendeten Akkusative der
3. Deklination auf -a bei Delachaux [3.3.] 83; in der Mosella nur hier.
freta: Vgl. zu V. 108. magnum: Adverbieller Gebrauch wie V. 61,
368, 370, 466, 482; L.-H.-Sz. II 40. Schenkl vergleicht Verg. georg. 3, 28 f.
magnumque fluentem / Nilum. Über die emphatische Wortstellung des
Adverbs am Versende vgl. Cavarzere zu V. 410 quamvis.

138 longi vix corporis agmina solvis: Mit Verg. georg. 3, 423
agmina caudae solvuntur (Tr) verbindet Ausonius Ov. met. 11, 639 fit
longo corpore serpens (C); vgl. auch Verg. Aen. 2, 212 f. (Schlangen)
agmine certo / Laocoonta petunt, wo nach Austin II S. 105 agmen the

idea both of the steady onward movement of the creatures . . . as well
perhaps as implying a sweeping, coiling motion“ vermittelt. – vix nähert
III. Fischkatalog (85–149) 163

sich der Bedeutung von non an (L.-H.-Sz. II 455), sodaß mit V. 139 kein
Widerspruch zu V. 27 ff. (besonders V. 46), wo allein das Ufer beschrieben
wird, oder zu V. 149 magno . . . amni besteht: Weder Untiefen noch
Schilf oder Schwimmpflanzen behindern die Schwimmbewegung.

139 deprensa: Der Sinn erfordert festgehalten“, aufgehalten“,


” ”
wie in der Imitatio Claud. in Eutrop. 2, 430 (vom Walfisch!) iam
brevibus deprensa vadis ignara reverti ; vgl. Cavarzere, Komm. S. 92.
Allerdings bieten die Claudian-Handschriften auch als Varianten defensa
(wie die Ausonius-Überlieferung) und detenta (vgl. Hall, Ed. Leipzig
1985, 182). brevibus . . . vadis: Untiefen“ wie V. 35; Verg. Aen.

5, 221; vgl. ibid. 1, 110–112 (weitere Belege bei Hosius), wie sie vor
dem Moselausbau häufig waren. Die durch Vergil geprägte Bedeutung
von brevis seicht“ (dazu Austin I S. 60 a Vergilian innovation“)
” ”
liegt auch hier vor, anders Dräger, Ed. 2011, 365 f. fluminis ulvis:
Versschluß wie Ov. met. 8, 655a fluminis ulva (C); häufige vergleichbare
Hexameterschlüsse bei Mastandrea S. 297–300. Unter ulva sind hier (wie
V. 122) Wasserpflanzen zu verstehen (richtig Cavarzere erbe del fiume“;

vgl. Ov. trist. 4, 2, 41 f. viridi male textus ab ulva . . . Rhenus; Dräger,
Ed. 2011, 366 mit Verweis auf J. André: Les noms des plants dans la
Rome antique, Paris 1985, 275.

140 tranquillos moliris in amne meatus: Vgl. V. 245 tranquillo


qua labitur agmine flumen und zu V. 472 placidos . . . meatus; ordo
33 largus tranquillo praelabitur amne Mosella, dazu Di Salvo 169. Hier
bezeichnet meatus die (von den Spondeen unterstrichenen ruhigen)
Schwimmbewegungen wie Plin. nat. 11, 263 piscium meatus (vgl. ThlL
VIII 512, 20 ff.; anders V. 472). – Beobachtungen zu Rhythmus und Klang
der zweiten Vershälfte bei Cavarzere, Komm. S. 92; Gleichklang mit Stat.
silv. 3, 2, 18 litora tranquillo certatim ambite natatu (W S. 65 f.).

141 f.: Den durch das anaphorische dreimalige te (wie Verg. Aen. 7, 759 f.;
ebenso V. 382 f., vgl. V. 359 und 477 ff.) charakterisierten Hymnenstil
notieren Hosius und Cavarzere, Komm. S. 92; vgl. zu V. 23–26. virides
ripae: Wie Cic. leg. 1, 16 (W S. 66). turba natantum: Wie V. 250;
vgl. zu V. 107. alveo: Vgl. zu V. 83. mirantur: Vielleicht, wie
V. 43, nach Verg. Aen. 8, 91 mirantur et undae, miratur nemus (H).

142 f. diffunditur . . . aestus: Vgl. V. 146 fundit mare.


extremo . . . margine: Die Konjektur von Tross S. 157 f. entspricht
der Junktur bei Ov. am. 1, 11, 22; Stat. Theb. 10, 524 (C); jeweils ohne
Attribut rahmen aestus und fluctus den Vers.
164 B. Die Wasser der Mosel (23–149)

144–149: Gliederung und Interpunktion des Satzes sind besprochen von


Dräger, Ed. 2011, 367.

144: BR. talis: Vgl. zu V. 68. Atlantiaco: Nur noch Calp. ecl.
4, 83; Sil. 13, 200 belegt (ThlL II 1045 38 ff.). ballena: Hier die spätlat.
Form gegenüber klass. ballaena (S); vgl. Georges, Wortformen 89;
ThlL II 1699, 47 ff.; Walahfr. carm. 6, 13; griech. φάλαινα. An den früher
im Golf von Biskaya ausgeübten Walfang erinnert Marx, BJ 120, 1911, 12.

145 vento: Daß ein Wal vom Wind an die Küste getrieben wird,
hat schon Hosius als merkwürdig empfunden. Kennys Änderung in venti
(PCPh 22, 1976, 54) als Figur des ἀπὸ κοινου̃ ändert daran nichts. Könnte
Ausonius mit vento die von Walen regelmäßig ausgestoßene Atemluft
(Plin. nat. 9, 16 nimbos efflant; vgl. König/Winkler z. St. sowie Colum.
6, 30, 8 über Blähungen der Pferde venter . . . nec emittit ventos) gemeint
und sie mit der Fortbewegung der Wale in Verbindung gebracht haben?
In diesem Falle wäre suo ἀπὸ κοινου̃ gebraucht (danach die Übersetzung).
Eine andere, wenig wahrscheinliche Deutung bietet Cavarzere, Komm.
S. 93 (nach einer brieflichen Mitteilung Mondins): Reminiszenz an die
sagenhafte Bewegung der Insel Delos nach Anth. 707, 3 f. telluris ad
oras: Versschluß wie Ov. met. 3, 597 (Fr).

146 f.: Wie Verg. Aen. 3, 195 f. magnaque surgunt / aequora (S).
fundit mare: Vgl. zu V. 142 f.; fundere im Sinne von extendere offenbar
singulär (ThlL VI 1569, 65); daher erwägt Green, RPL 21, 1998, 10 effun-
dit; vgl. aber V. 433 und app. cr. Stärkere Interpunktion im Hauptsatz
nach mare (so Cavarzere, Paideia 57, 2002, 63) ist nicht zwingend.
exclusum: extra limina prolatum“ Rehm, ThlL V 2, 1271, 43; vgl. zu

V. 38.

147: Nach Stat. Achill. 1, 462 miranturque suum decrescere montem


(S, weitere Belege bei Hosius) mit Ersatz von mirari durch ein Verbum
timendi, das auch im Kontext des Statius vorliegt (C). timere mit Inf.
findet sich auch in Prosa (L.-H.-Sz. II 347). Unter vicini montes versteht
Marx, RhM N. F. 80, 1931, 379, wohl unzutreffend, Deiche. Gemeint sind
die Höhen an der Gironde-Mündung, die sich bis zu 50 Meter erheben;
der Burgberg von Blaye (Blavia) nördlich von Bordeaux erreicht eine
Höhe von 41 Metern. mons = Hügel wie Ov. fast. 1, 517 und öfters von
den Hügeln Roms (ThlL VII 1434, 75 ff.).

148: BR. nostrae . . . Mosellae: Femininum offenbar aufgrund des


Wohlklangs; vgl. Einleitung S. 6 Anm. 28. mitis ballena: Schon
III. Fischkatalog (85–149) 165

Hosius hat beobachtet, daß Ausonius zum Abschluß des Abschnitts dem
Leser nicht die Gefährlichkeit des Wals vermitteln will, sondern den Stör
als exitio procul , fern davon, Verderben zu bringen“, schildert. Ternes,

Ed. S. 53 spricht daher von einem Abfall der psychologischen Spannung.

149: Der große Fisch ist eine besondere Auszeichnung für den großen
Fluß; der Text ist daher nicht mit der Handschrift R zu ändern. Die Ver-
bindung von honos und addere schon Verg. georg 3, 290 und Aen. 5, 249.

C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)


Nach dem mächtigen Finale des Fischkatalogs wird in einem gleitenden
Übergang (vgl. V. 45 ff.), der den vorausgehenden Inhalt rekapituliert,
das neue Thema als eine pompa angekündigt. Bevor die Akteure in
Erscheinung treten, wird der Spielort“ beschrieben, der im folgenden

mit menschlichen und mythischen Figuren belebt wird. Der Standpunkt
des Betrachters hat sich gegenüber V. 23 ff. nicht verändert (anders
Roberts [3.2.] 344 = 252). Vergleichbare Darstellungen in der bildenden
Kunst der Spätantike bespricht Dagmar Stutzinger [3.2.].

I. Arbeit und Vergnügen (150–282)

Es entspricht dem heiteren Ambiente der Mosellandschaft und ihrer


idealisierten Darstellung, daß die Tätigkeiten der Bewohner nicht als
mühsame Arbeit wahrgenommen werden, sondern als spielerische Aktio-
nen am und im Fluß (hervorgehoben von Stutzinger 114 ff.). Separate
deutsche Übersetzung bei Gärtner [3.1.] 225–229.

1. Winzer, Treidler, Schiffer (150–168)

150 f.: Die beiden Verse können durchaus noch abschließend zum
Fischkatalog gerechnet werden (so Roberts [3.2.] 345 = 253) und sind
daher von den folgenden Versen deutlich abzusetzen, mit denen ein neues
Thema (V. 152 aliam . . . pompam) beginnt. Die Herausgeber folgen der
schon im Sangallensis vermerkten Gliederung. iam . . . satis: Belege
für diese Übergangsformel bei Focardi S. 174. Beispiele für die Stellung
von iam am Versanfang bei Di Salvo 188. Vgl. zu V. 25. liquidas . . .
vias: Wie Lucr. 1, 373 nach ὑγρὰ κέλευθα Hom. Il. 1, 312 u. ö. (H); vgl.
V. 433. spectasse: Rückverweis auf V. 55–74.
166 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

150 f.: lubrica pisces / agmina: Variiert V. 76. multiplicesque


. . . catervas: Die gleiche Junktur Ciris 85 (Ma). Offenbar denkt Auso-
nius, wie auch sonst in den Katalogen (vgl. zu V. 298–320) an weitere,
nicht namentlich genannte Arten; vgl. die Aufzählung bei Dräger, Ed.
2011, 368. numerasse: Vgl. zu V. 77–81.

152 inducant: Es ist die Natur der Mosellandschaft, die nicht nur den
Rahmen für die folgenden Szenen bildet, sondern das Schauspiel geradezu
inszeniert (Fuoco [3.2.] 330). Darauf wird auch im folgenden wiederholt
hingewiesen: V. 156 naturalique theatro, V. 169 scaena locorum, V. 200
celebrant spectacula pompas, V. 211 ff. der Vergleich mit den ludi Actiaci ,
selbst die Villen werden als Zuschauer gesehen (V. 283 talia despec-
tant). Soll mit dieser friedlichen pompa ein Gegenbild zu den blutigen
Veranstaltungen im Circus, wie sie in Trier und auch in Konstantinopel
üblich waren, geschaffen werden? Die Parallelkomposition der Verse
152–168 und 283–297 hat Korzeniewski [3.2.] 86 beobachtet. Man sollte
allerdings nicht mit Deubner, Philologus 89, 1934, 254 von einem Fest-

zug“ sprechen, da sich die einzelnen Szenen innerhalb des Theaters“

abspielen. Der fünf Zeilen umfassende lange Satz malt gleichsam die
schweifenden Blicke (vagos visus) der Zuschauer. spectacula: In der
Bedeutung Amphitheater“ wie z. B. Calp. ecl. 7, 23 (Fr); Suet. Cal.

35, 1; dagegen unten V. 200 Schauspiele“. Von den Landschaften des

Moseltals vermittelt v. a. die Moselschleife bei Piesport diesen Eindruck
(Gilles, Bacchus und Succellus 29 und Abb. S. 32; vgl. zu V. 21), aber
auch der Calmont bei Bremm, den vermutlich Venantius Fortunatus in
seiner Moselreise (carm. 10, 9, 25–42) beschreibt (Gilles, ibid. 36 f. und
Abb. S. 37). vitea: Über den Gebrauch dieses poetischen Attributs
vgl. Di Salvo 91.

153: BR. Die (ebenso wie vagos . . . visus neue) Junktur sollicitare
visus auch Paul. Nol. epist. 31, 177 (H). Baccheia: Entsprechend
griech. βακχήιος wie Verg. georg. 2, 454 Baccheia dona (Tr), während
Statius Ach. 1, 184 Baccheaque munera bildet (C). Vgl. auch die Belege
bei Mirmont 1892, 284 und Di Salvo 242 zu ordo 129 = 20, 2 o patria, in-
signem Baccho. munera: Gaben des Bacchus wie Ov. ars 1, 565 (M 2);
Mart. 8, 68, 4 (Hosius mit weiteren Belegen). – Zum Weinbau an der
Mosel vgl. Einleitung S. 8.

154 sublimis apex: Wie Stat. Theb. 2, 35; Iuv. 12, 72 (M 2). longo
. . . tractu: Wie V. 283; Ov. met. 2, 320 (H); Lucan. 5, 565 (C); tractu
am Versende auch V. 416. super ardua: Wie Verg. Aen. 7, 562 (H).
Beobachtungen zur Stilistik des Verses bei Cavarzere, Komm. z. St.
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 167

155 et . . . et . . . que . . . que: Das Polysyndeton (vgl. zu V. 66)


dieses verso perfettamente simmetrico“ bespricht Cavarzere, Komm.

S. 95 mit weiterer Literatur. et rupes et: Versanfang wie V. 168; Ov.
met. 5, 613 (W S. 69). aprica: Substantiviert wie V. 393; Plin. nat.
21, 43; Solin. 2, 2 (H); vgl. V. 161 in ultima, 166 subiecta. flexusque
sinusque: Wie die Mosel V. 287 sinuosis fluxibus dahinfließt, so folgen
ihrem Lauf die Berghänge. Vergleichbare Formulierungen bei Curt. 3, 4, 6
und Liv. 27, 47, 10; vgl. auch Cavarzere, Komm. S. 95.

156–160: Die Variationen für Weinkultur V. 156 vitibus, V. 157


vindemia, V. 158 Lyaeo, V. 160 vineta notiert Cavarzere, Komm. S. 96;
vgl. V. 287–297.

156: Die beiden Ablative (Cavarzere: Dative) vitibus und theatro haben
verschiedene Funktion. Während vitibus die begleitenden Umstände
(dazu L.-H.-Sz. II 115) benennt, wird die Ortsbestimmung V. 154 qua
durch die Angabe naturali theatro wieder aufgenommen. Vergleichbarer
lokaler Ablativ V. 161 summis . . . iugis. Einen Kontrast zwischen Natur
und Technik vermutet in diesem Ausdruck Ternes, Verus limes [3.2.] 370;
sachlich ähnlich Verg. Aen. 5, 287–289 und Sen. Troad. 1123–1125 (H),
dazu Fuoco [3.2.] 340.

157–160: Der Vergleich der Weinberge an der Mosel mit anderen


Lagen benennt Weinregionen in Italien, Griechenland und Gallien und
vertieft damit die schon V. 18–22 pauschal formulierte Sichtweise und Ten-
denz der Mosella mit einem Blick nach Osten und Westen; vgl. Scafoglio,
WS 117, 2004, 163 und Einleitung S. 36 f. Dreigliedrige anaphorische
Anapher; vgl. zu V. 23–26.

157 Gauranum: An erster Stelle steht der auch sonst wegen sei-
nes Weinbaus (Athen. 1, 26 f. Γαυρανὸς ο˜᾿ινος, die Belege RE VII [1910]
878; vgl. A. Tchernia: Le vin d’Italie romaine, Rom 1986, 344) erwähnte
Gaurus mons. Damit sind die Höhen der Phlegräischen Felder gemeint, in
der Antike berühmt wegen ihres Weißweins, während heute der Rotwein
dominiert (Piedirosso Campi Flegrei). Die Gegend wird aufgrund des bis
in die Gegenwart in der Solfatara von Pozzuoli austretenden Schwefels
V. 209 als sulphureus bezeichnet. Der Name Gaurus lebt weiter im
Monte Gaudo im Norden von Cumae (J. Beloch: Campanien, Berlin
1879, 25). Damit ist bereits ein Vorverweis auf die Ideallandschaft
Kampanien gegeben (vgl. zu V. 10, 208–219). Vgl. auch die Darstellung
des personifizierten Gaurus in einem Mosaik in den Thermen von Sidi
Ghrib (Tunesien) aus der Zeit des Ausonius (M. Blanchard-Lemée:
168 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

À propos des mosaı̈ques de Sidi Ghrib : Vénus, le Gaurus et un poème


de Symmaque, MEFR 100, 1988, 367–384) und die Verse Symm. epist.
1, 8 (geschrieben im Herbst des Jahre 375) ubi corniger Lyaeus / operit
superna Gauri. Sie sind, wie schon Mirmont 1889, 87 vermutete, vielleicht
angeregt von Ausonius (dazu Mondin bei Cavarzere, Komm. S. 189 mit
weiterer Literatur) und Quelle für die Darstellung in dem Mosaik. Vgl.
auch zu V. 345–348. alma . . . vindemia: Auch Vergil spricht von
vitibus almis georg. 2, 233; vgl. zu V. 56 und 195. vestit: Vgl. Cic.
Arat. 423 viridi convestit tegmine vitis; Paneg. 3 [11] 23, 1 (vom Jahre
362) auf den Inseln der Seligen vitibus iuga collium vestiuntur (H); in
der Dichtung auch Verg. georg. 2, 219; Ov. fast. 4, 707 (M 2). Somit paßt
auch diese Aussage über die Weinberge vortrefflich zur panegyrischen
Grundtendenz der Mosella und war als Hinweis auf eine Ideallandschaft
den Zeitgenossen verständlich.

158: BR. Die thrakischen Gebirge Rhodope (῾Ροδόπη, über seine Lage vgl.
RE I A [1914] 957) und Pangaeus mons (Πάγγαιον) werden auch Verg.
georg. 4, 461 (Sil. 2, 73) zusammen genannt (S), allerdings in ande-
rem Zusammenhang. Als Kultorte des Bacchus/Dionysos werden das
Rhodope-Gebirge Stat. Theb. 2, 81 und 4, 655 erwähnt (H) sowie
das Pangaion Sil. 4, 776. Aus diesen Angaben über die Verehrung
des Dionysos dürfte die anders nicht belegte Ansicht vom dortigen
Weinbau abgeleitet sein, während sonst gerade das Pangaion als
rauh und unwirtlich geschildert wird (RE XVIII, 3, 589–592). Die
Belege des Akkusativs auf -en bei Ausonius (hier noch V. 315 Arsi-
noen, 441 Pyrenen, 447 Aganippen) hat Delachaux 81 f. zusammen-
gestellt. proprio: In abgeschwächter Bedeutung von suo wie oft im
Spätlat. Lyaeo: Metonymie für Weinstock/Reben“ wie V. 163 viridi

. . . Lyaeo; vgl. zu V. 21. nitent: Vgl. zu V. 18 ff.

159: Holodactylus (vgl. zu V. 28). Als dritter thrakischer Berg wird der
Ismarius collis als Weinbaugebiet (wie Verg. georg. 2, 37 f. iuvat Ismara
Baccho / conserere – Tr) genannt; zusammen mit dem Rhodope-Gebirge
wird der Ismarus in anderem Zusammenhang Verg. ecl. 6, 30 erwähnt.
Die rein literarischen Nachrichten über diesen Wein gehen auf Hom. Od.
9, 161 ff. zurück: Mit dem Wein aus der zerstörten Stadt der Kikonen,
Ismaros, machte Odysseus den Polyphem trunken (ibid. 347 ff.; Prop.
2, 33, 32; vgl. Auson. perioch. Od. 9), daher Archiloch. frg. 2 West
᾿Ισμαρικὸς ο˜᾿ινος; Prop. l. c Ismario mero. Vgl. auch die Belege RE IX
(1916) 2134 f.
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 169

160: Schema a,b,/V/A,B. mea . . . vineta: Es läßt sich nicht ent-


scheiden, ob Ausonius die Formulierung nur allgemein auf die Weinberge
meiner Heimat“ an der Garonne bezieht, oder speziell auf eines seiner

Güter (dazu Einleitung S. 12 Anm. 62). Mit dem Verweis auf hered. 23
silva supra duplum quam prata et vinea et arvum konstatiert Green z. St.
only a small area of his property near the Garonne was devoted to vines“

und schließt daraus (wohl nicht zutreffend), daß nur die Weinberge der
Heimat, nicht seine eigenen gemeint sein könnten. Die an der Garonne
angepflanzte Biturigische Rebe (Biturigiaca) erwähnen als weniger
qualitativ Colum. 3, 2, 19; Plin. nat. 14, 27. Zu den Realia vgl. Étienne,
Bordaux [3.1.] 101–109 und Ders., Ausone et le vin [3.1.] flaventem
. . . Garumnam: Über die verschiedenen handschriftlichen Formen
des Flußnamens, mit dem die Mosella schließt, vgl. Hosius und Green
z. St. Die Variante Garumna/Garunna findet sich bereits in der ersten
Erwähnung bei Caes. Gall. 1, 1, 2; vgl. auch die Belege RE VII (1910)
850 und zur Etymologie des Namens Falileyev 127 f.; die Erwähnungen
bei Ausonius hat Di Salvo 223 zusammengestellt; vgl. zu V. 483. Die
in G überlieferte Form Garonna bietet das Itinerarium Burdigalense
vom Jahr 333 (zitiert zu V. 32). Die Aufzählung der aus der klassischen
Literatur bekannten Weinlagen gipfelt in der mit dem Autor persönlich
verbundenen Lage an der Garonne; den valore affetivo“ notiert Scafoglio,

WS 117, 2004, 163. Da flavens auch Attribut des Tibers ist (Sil. 16, 679;
Avien. orb. terr. 494), kann darüber hinaus ein Vergleich der Mosel
mit dem flavus Tiber (Verg. Aen. 7, 31 multa flavus harena; weitere
Belege bei Hosius) gezogen werden (G). pingunt: Vgl. zu V. 68
und Mart. 10, 93, 2 pictaque pampineis arva iugis (H).

161 summis . . . iugis: Ebenso V. 333; vgl. zu V. 156. tendentis:


Hosius vergleicht Sil. 1, 211 qua se campis squalentibus Africa tendit
und gibt weitere Belege für den intransitiven Gebrauch von tendere;
Anklang an Lucan. 4, 147 tendit in ultima mundi (Souter, CR 40, 1926,
89); pleonastische Abundanz wie häufig bei Ausonius.

162: Vgl. V. 26. conseritur: Vgl. zu V. 25. fluvialis margo: Zwar


ist die Junktur singulär, doch wird margo häufig für Ufer“ gebraucht

(ThlL VII 394, 76 ff.). Lyaeo: Vgl. zu V. 158.

163–168: Die Szene ist vertikal und horizontal gegliedert (Cavarzere,


Incontri [3.2.] 179 f. und Komm. S. 97) und beschreibt die Tätigkeiten der
oben an den Rebhängen und der unten am und im Fluß Beschäftigten.
Der Blick des Beobachters geht von oben nach unten wie V. 20–23.
Die Parallele Hor. sat. 1, 5, 15–19 ist zwar sprachlich vergleichbar (dazu
170 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

R. Verdière, Eos 52, 1962, 114), bezieht sich aber auf eine andere
Situation. Syntax und Stilistik des Abschnitts besprechen Roberts [3.1.]
17–19 und Cavarzere l. c., der auch auf die Alliterationen des Abschnitts
verweist. – Aus der Kombination von Hor. sat. 1, 7, 29–31 und Plin. nat.
18, 249 (Fr) (s. u.) hat man geschlossen, daß die Arbeiten im Frühjahr
stattfinden (John [3.2.] 100 Anm. 1). Bringt man jedoch die Reise
realiter mit der Erinnerung an eine Rückkehr von einem der Feldzüge
Valentinians in Verbindung (vgl. Einleitung S. 16 f. und zu V. 1–11),
dann kommt nur der Spätsommer oder Herbst in Frage (Deubner [3.2.]
254). Auch die Erzählung von Panope (V. 175–177) spielt im Herbst
(V. 175 furata . . . uvas) und die Scherzworte V. 165–167 lassen sich
ebenfalls auf die Ernte beziehen.

163 f.: Es gehört zur idyllischen Verklärung der Landschaft, daß die
Leute freudig bei der Arbeit sind; festinantes . . . properant als Hendia-
dyoin beschreibt die eifrige Tätigkeit; die bei Gell. 16, 14 (H) notierte
Differenzierung beider Begriffe ist hier irrelevant. Gleiche Zusammenstel-
lung parent. 20, 4 f. (properate pater. / festinasse putes fatum). Anders
als bei der Beschreibung der Strömung (vgl. zu V. 40 feriunt) tritt hier
der Mensch im Rahmen der Landschaft deutlich hervor; vgl. Green,
ICS 14, 1989, 309. Ähnlich wirkt die Landschaft auf den Menschen V. 442.

163 laeta operum: Die Konstruktion mit dem Genitiv ist vorwie-
gend poetisch wie Verg. Aen. 11, 73 laeta laborum (M 2), mit Abl. V. 52.
plebes . . . coloni: Vgl. zu V. 9 colonis und die Unterscheidung zwischen
einer persona plebeia und colonaria Sidon. epist. 5, 19, 2 (Marx, RhM N. F.
80, 1931, 380, kritisch John [3.2.], 99 Anm. 1 und als Pleonasmus inter-
pretiert von Cavarzere, Paideia 57, 2002, 58 mit Hinweis auf Roberts [3.1.]
18 Anm. 20). Étienne, Ausone, propriétaire [3.1.], 306 zieht den Vergleich
zu den Landarbeitern auf den eigenen Gütern des Ausonius in Aquitanien.

164 vertice . . . summo. Junktur wie Ov. met. 4, 731 (M 2). deiugis:
Nur hier belegt (ThlL V 413, 39).

165 Certantes stolidis clamoribus: Die Zuordnung ist umstritten.


Die meisten Herausgeber beziehen den Passus auf die vorher genannten
Winzer, plebes und coloni , und verstehen stolidis clamoribus als alberne

Zurufe“, mit denen sie sich gegenseitig überbieten (nicht: streiten“), wie

es zu allen Zeiten bei einer fröhlichen Weinernte zu geschehen pflegt; vgl.
Varro Men. 363 homines rusticos in vindemia incondita cantare (Tr).
Dagegen ziehen Marx, RhM N. F. 80, 1931, 380 und Cavarzere, Incontri
[3.2.] 179 f. und Komm. S. 97 die Wendung zum folgenden Satz (seine
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 171

Interpunktion wurde in den Text übernommen), bezogen auf das Paar



von Müssigen tief unten im Tal“ (Marx). Diese Bewertung des viator und
des navita ist sicher unzutreffend. viator: Der Treidler; vgl. Deman
[3.2.] 15–17.

166 subiecta: Substantivisch Niederung“ wie Tac. ann. 1, 65, 1 subiecta



vallium; vgl. zu V. 155 aprica. terens: Im Sinne von immer wieder

begehen“ (wie Verg. georg. 1, 380 angustum formica terens iter ) oder
hin- und herlaufen“ (wie Ov. am. 3, 6, 53 teris . . . ripas) (C) paßt der

Ausdruck besser zum Treidler als zum Wanderer. labens: Wie Prop.
2, 26, 8 (H). Der Binnenreim unterstreicht die Gemeinsamkeit der Gruppe.

167: Über den Brauch, Winzern (seris cultoribus) Schmähworte zuzu-


rufen, wenn sie ihre Arbeiten im Weinberg zu spät im Frühjahr und
nicht schon vor dem Auftreten des Kuckucks ausführen, vgl. Hor. sat.
1, 7, 29 ff.; Plin. nat. 18, 249 (Tr). Im Text des Ausonius ist aber nur
allgemein von probra die Rede, sodaß der Bezug auf das Frühjahr
unbestimmt bleibt. Die Junktur seris cultoribus kann auch aus Sen.
apoc. 2 erklärt werden (carpebat raras serus vindemitor uvas) (G), wo
die späte Lese Mitte Oktober gemeint ist. Diese Jahreszeit paßt auch
zu V. 1 nebuloso flumine. Auf die zweite Jahreshälfte weist V. 203;
Haag [2.1.] 5 denkt an einen Spätsommertag. Green, ICS 14, 1989,
309 sieht in cultoribus ein Echo auf V. 165 clamoribus, beide vor
bukolischer Dihärese. probra canunt: Wie Ov. fast. 3, 676 (M 2).
adstrepit ollis: Das seltene, zuerst Sen. Phaedr. 1027 (mare, / immugit,
omnes undique scopuli adstrepunt) belegte Verbum (ThlL II 958, 21 ff.)
ist mit der archaischen, bei Lukrez und Vergil beliebten Form des
Pronomens (Austin I zu Verg. Aen. 1, 254; ebenso Auson. Cup. 90 und
ecl. 25, 4; arcaismo tipico della poesia tardoantica“ Franzoi 107 mit

Verweis auf Avienus; vgl. Sommer 429) verbunden (C); vgl. V. 306 Marcei.

168 et . . . et: Vgl. zu V. 31 f. und zum Versbau Cavarzere, Komm. S. 98.


silva tremens: Die Moselhöhen sind damals wie heute bewaldet; vgl.
V. 15 sowie Gilles, Bacchus und Succellus Abb. S. 32 und 37. Man
muß also nicht mit Green z. St. unter silva die Weinberge verstehen.
Zum Ausdruck vergleicht Mirmont 1892, 285 Ov. fast. 2, 439 tremuere
cacumina silvae und ibid. 3, 329; inhaltlich nicht gleich ist Stat. Theb.
4, 221 silva tremit (G). concavus amnis: Das Attribut wird singulär
vom Tal (Ov. met. 8, 334) auf den Fluß übertragen (ThlL IV 6, 39); das
Simplex cavus ist dagegen beliebtes Beiwort stehender und fliessender

Gewässer“ (Hosius mit Belegen; ThlL III 716, 39 ff.).
172 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

2. Satyrn und Najaden (169–188)

Auf die real beobachtete Gruppe der Menschen am Fluß folgt die
imaginäre (V. 171 credam; V. 178 dicitur ; V. 186–189) Szenerie
ländlicher Gottheiten, die ihrer Art gemäß Schabernack treiben. Über
Echo gebende Orte, die in der traditionellen poetischen Imagination
von ländlichen Gottheiten bewohnt sind, vgl. Lucr. 4, 580 f. haec loca
capripedes satyros nymphasque tenere / finitimi fingunt et faunos
esse loquuntur (H). Es ist abwegig, von der literarischen mytholo-
gischen Szenerie auf die Religion des Ausonius zu schließen, wie es
Weis, Einleitung S. 12 tut. Richtig bemerkt Gagliardi [3.1.] S. 78,
daß die Mythologie in der Mosella nur eine marginale Rolle spiele.
Dennoch gehören göttliche Wesen auch entsprechend der spätantiken
Bildungskultur zu den Elementen einer Ideallandschaft; vgl. Einleitung
S. 32 und zu V. 431. Zu Abbildungen derartiger Gottheiten auf Grab-
denkmälern von Neumagen vgl. W. Binsfeld u. a.: Katalog der römischen
Steindenkmäler des Rheinischen Landesmuseums Trier 1: Götter- und
Weihedenkmäler, Mainz 1988.

169: Vergleichbarer Hexameteranfang Ov. met. 11, 638 (M 2); Stat.


Theb. 6, 94 (C). scaena locorum: Das in dem natürlichen Theater“

aufgeführte Schauspiel. Schon Tross verweist auf Verg. Aen. 1, 164. Dazu
bemerkt Austin I 73: Vergil has transferred scaena from its normal use

to describe natural ‘scenery’, an original idea which has no parallel in
classical Latin“. Das Thema behandelt E. Malaspina: I fondali teatrali
nella letteratura latina (riflessioni sulla ‘scena’ Aen. I 159–169), Aevum
Antiquum N. S. 4, 2004, 95–123. Das von Ausonius beschriebene
Ambiente entspricht teilweise dem von Vitruv 7, 5, 2 genannten
Bühnenbild für Satyrspiele (satyricae vero ornantur arboribus, speluncis,
montibus reliquisque agrestibus rebus) nach Art eines Landschaftsbildes,
wie es pompeianische Wandmalereien bieten (dazu Austin l. c.). Vgl. V.
319 scaena . . . domorum.

170–185: Schröder [3.2.] 60–65 sieht in den Versen eine Doppelfassung


zu V. 178–185 und will die Verse, als die ursprünglichen, tilgen
(zurückgewiesen u. a. von Scafoglio, Vichiana 4. ser. 4, 2002, 237–238).
Durch die Geschichte von Panope (V. 175–177) würden zwei Erzählungen
gleichen Inhalts getrennt. Als besonders störend wird von ihm gegenüber
der ersten Erzählung die nachgeschobene Zeitangabe in V. 178 emp-
funden. Die Frage der Doppelfassung überprüft am Gesamtwerk des
Ausonius Cavarzere, Paideia 57, 2002, 46–66 mit einem offenen Ergebnis
(S. 66): Il materiale raccolto . . . non permette ancora di confutare

I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 173

in maniere assoluta l’ipotesi di espunzione avanzata da Schröder“.


Tatsächlich beseitigt Schröders Eingriff scheinbar zunächst die Anstöße,
die der überlieferte Text bietet. Merkwürdig bleibt dabei, daß der Gruppe
der Menschen unmittelbar das Einzelbeispiel der fliehenden Panope
gegenübergestellt wird. Das würde zwar der Abfolge des Vorbilds bei
Stat. silv. 2, 2, 100–106 (Beschreibung der Villa Sorrentina des Pollius
Felix; vgl. zu V. 189–199) entsprechen, worauf schon Schenkl hingewiesen
hat (saepe per autumnum iam pubescente Lyaeo / conscendit scopulos
noctisque occulta sub umbra / palmite maturo rorantia lumina tersit /
Nereis et dulcis rapuit de collibus uvas. / Saepe et vicino sparsa est
vindemia fluctu, / et Satyri cecidere vadis, nudamque per undas / Dorida
montani cupierunt prendere Panes), aber V. 175 saepe e t i a m ist besser
zu verstehen im Sinne einer Einführung einer einzelnen Geschichte als
Exemplum des vorher allgemein geschilderten Verhaltens der Gottheiten.
Die Statius-Reminiszenz ist durch die Übernahme klassischer Wendungen
umgeformt (Posani [3.2.] 41 f.; Kenney [3.2.] 198 f.; Scafoglio, Tecnica
allusiva [3.2.] 455). Der Blickrichtung abwärts von den Rebhängen zum
Fluß (V. 163–168) entspricht diejenige aufwärts V. 169–177. Beispiele aus
Ausonius für seine Verehrung der Wassergottheiten nennt Di Salvo 24 f.

170 agrestes Satyros: Wie Hor. ars 221 (C). Σάτυροι werden,
zusammen mit Nymphen, zuerst Hes. frg. 10, 8 M.-W. erwähnt, ebenso
Pan und Nymphen Hom. hymn. 19, 3. Wenn Ausonius anschließend
auch von Pane und Faune spricht, so ist nicht zu entscheiden, ob er an
verschiedene Gruppen denkt wie Ov. fast. 1, 393 ff. bei der Schilderung
des Dionysos-Festes (397 Panes et in Venerem Satyrorum prona iuventus;
weitere Belege für das gemeinsame Auftreten von Satyrn und Faunen
RE VI [1909] 2072) oder ob er die gleichen lüsternen, bocksfüßigen
Gesellen nur variierend benennt, denn seit hellenistischer Zeit verschmilzt
die Darstellung des bocksfüßigen Satyrn mit Pan (RE III A [1927] 52;
F. Brommer: Satyroi, Würzburg 1937). Ihren Charakter kennt auch
Aug. civ. 15, 23 p. 108, 15 ff. D. Silvanos et Panes, quos vulgo incubos
vocant, improbos saepe extitisse mulieribus et earum appetisse et peregisse
concubitum. agrestis als Attribut der Faune wie Ov. fast. 2, 193; vgl.
zu V. 177. glauca tuentes: Singuläre Junktur entsprechend griech.
γλαυκώπιδες (H), bei Homer Beiwort der Athene, dann auch auf an-
dere Gottheiten übertragen. Verbindung des Verbums mit neutralem
Akkusativ wie Verg. Aen. 6, 467 torva tuentem (M 2); weitere Belege
für den seit Lucr. 5, 33 (acerba tuens) belegten Gräzismus bei Norden
S. 255 und Hosius, der auch die Farbbezeichnung glaucus als Attribut
von Gewässern (hier noch V. 189, 349) und Wassergottheiten bespricht;
vgl. Blümner 147. – Binnenreim wie auch im folgenden Vers.
174 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

171 Naidas: Zusammenstellung der von Ausonius verwendeten Akkusa-


tive der 3. Deklination auf -as bei Delachaux [3.3.] 83; in der Mosella
noch V. 172 Panas, V. 176 Oreiadas. Νηιάδες ist seit Hom. Od. 13, 104
die Bezeichnung für Nymphen als Wassergottheiten. Der Namensform
Nais entspricht griech. Να΅ις Pind. Pyth. 9, 29 (Herter, RE 17 [1937],
1533); vgl. Stat. silv. 1, 5, 6 Naidas, undarum dominas. Struktur des
Verses wie Ov. met. 6, 453 (W S. 69).

172 capripedes . . . Panas: Die Junktur (nach Hom. hymn. 19, 2


αἰγιπόδην) wie Prop. 3, 17, 34; Anth. 682, 1 (Tr); Lucr. 4, 580 c. Satyros
(C); vgl. zu V. 201. agitat cum: Den valore espressivo“ der Ana-

strophe nach der Zäsur hat Cavarzere, Komm. S. 100 (mit Lit.),
beobachtet. protervia: Ebenso Auson. perioch. Od. 22 procorum
protervia; Ambr. off. 1, 43, 211 statt dem üblichen protervitas (D; weitere
Belege bei Hosius). Lucr. 5, 1398 spricht von lascivia laeta (H).

173 f.: Überlegungen zur Imitatio der Verse bei Cavarzere, Komm. S. 101.
trepidas . . . terrent: Alliterierend wie Ov. met. 5, 358 (C).

173 insultant: Wiederholt V. 182; Mirmont 1892, 285 verweist auf


Sil. 14, 363 insultant . . . pelago; vgl. Tac. ann. 2, 8, 3 insultant aquis ar-
temque nandi ostentant; Posani [3.2.] 42 f. sorores: Mehrere Nymphen
erscheinen als Schwestern wie (Hexameterschluß) Verg. georg. 2, 494;
Ov. met. 1, 704; weitere Belege bei Herter, RE XVII (1937), 1529;
geschwisterliche Abstammung kennt Hes. frg. 10a, 17 f. M.-W. (Dräger,
Ed. 2011, 372; vgl. RE III A [1927] 41).

174 indocili: Weil sie nicht schwimmen können (V. 183). Im Sinne des
prosaischen indoctus häufig in der Dichtersprache seit Verg. Aen. 8, 321;
vgl. ThlL VII 1, 1217, 18 ff.

175–177: Panope als Tochter des Nereus erscheint bereits in den


Nereiden-Katalogen Hom. Il. 18, 45; Hes. theog. 250 (RE XVIII 3, 636).
Mit der Namensform Panopea erwähnt sie Verg. georg. 1, 437 und Aen.
5, 240 = 825.

175 saepe etiam: Seit Verg. georg. 1, 84 beliebter Hexameteranfang


(Charlet [3.2.] 76 Anm. 4). collibus uvas: Versschluß wie Tib.
1, 4, 19; Stat. silv. 2, 2, 103 (s. o.) nach der Junktur Verg. ecl. 9, 49
in collibus uva (W S. 75); vergleichbare Versschlüsse bei Mastandrea
S. 136 f.
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 175

176 Oreiadas: Seit Hom. Od. 6, 123 f. werden Nymphen auf Bergen
lokalisiert (αἳ ἔχουσ’ ὀρέων ἀπεινὰ κάρηνα); vgl. Hes. frg. 10a, 17 M.-W.
οὔρειαι Νύμφαι. In lat. Dichtung zuerst Verg. Aen. 1, 500 in der Form
Oreades, so auch metrisch unkorrekt die Mosella-Handschriften. Durch
die bei Ausonius auch sonst belegte Wortumstellung Oreadas inter
versucht Scafoglio, Vichiana 4. ser. 4, 2002, 229 f. die Überlieferung zu
halten, beseitigt aber damit zugleich den Binnenreim. fluvialis: Da sie
sich sonst im Meer aufhält, ist ihr Erscheinen in der Mosel ungewöhnlich
(G). amicas: Wie die Nereustochter Panope gehören die Oreiaden zur
großen Gemeinschaft der Nymphen; vgl. Isid. orig. 8, 11, 97; RE XVII
(1937), 1532.

177: BR. paganica numina, Faunos: Freher verglich Verg. georg.


1, 10 agrestum praesentia numina Fauni ; ähnlich Ov. epist. 4, 171
montanaque numina Panes (S). Lautlich vergleichbare Junktur Auson.
epist. 13, 21 paganica lumina, ordo 115 = 19, 9 paganica nomina (dazu
Di Salvo 231). Im religiösen Kontext findet sich das seltene Adj. CIL XI
5375 1 Iovi paganico.

178: Die durch die Panope-Erzählung unterbrochene Szenerie wird


fortgeführt und detailierter geschildert. Die Beschreibung der Mittags-
stunde, Stunde des Pans, wie Verg. georg. 4, 426 medium sol igneus orbem
hauserat (Tr) und Aen. 8, 97 sol medium caeli conscenderat igneus orbem
(P); Ov. met. 1, 592 und 14, 53 (M 2). Dadurch wird auch die Variante
igneus gestützt, die die Mittagshitze unterstreicht, während aureus
(ebenso Auson. ecl. 8, 7 und 15; 25, 5; Verg. georg. 1, 232 und 4, 51 [Ma])
nur allgemein die Majestät der Sonne bezeichnet (Cavarzere; Scafoglio,
Vichiana 4. ser. 4, 2002, 220). cum: Wiederholt V. 180 wie V. 209/211
(C). stetit: Präsentisches Perfekt wie griech. ἕστηκεν (L.-H.-Sz. II
318) und V. 180 praebuit.

179 ad commune fretum: Die Konjektur ad von Gronovius ver-


teidigt zuletzt Scfoglio, Vichiana 4. ser. 4, 2002, 217. Über die freie
Verwendung des attributiven Adjektivs commune, hier zur Verstärkung
von V. 180 consortes, vgl. L.-H.-Sz. II 161; über fretum vgl. zu V. 108.
vitreasque sorores: Die Enallage des Attributs besprechen ausführlich
Wamser S. 71 und Cavarzere, Komm. S. 103, der in dem Adjektiv, wie bei
Horaz carm. 1, 17, 20 vitreamque Circen(M 2) – vgl. aber N.-H. z. St. –, zu-
gleich einen Hinweis auf malazia delle ninfe . . . che prendono l’iniziativa

ai danni dei satiri“ sieht. Belege für das Attribut vitreus zu V. 28
und bei Blümner 217–220; änliche Attribute für die Naiaden bei Hosius.
176 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

180 consortes celebrare choros: Auf Hor. carm. 1, 1, 31 Nympharum-


que leves cum Satyris chori und den anschließenden Gedanken secernunt
populo verweist Cavarzere, Komm. S. 103; celebrare choros wie Sen. Herc.
O. 593 (H.); ähnliche Wendungen bei Wamser S. 71 f.

180 f.: Ähnlich Lucan. 1, 16 quaque dies medius flagrantibus aestuat


horis (M 2). Belege für secretus mit Abl. bei Hosius. Die Junktur
flagrantissimus aestus Plin. nat. 12, 58 (H).

182 insultantes: Vgl. zu V. 173; vgl. Paul. Nol. carm. 25, 31. sua per
freta: Wie Val. Fl. 4, 421 (C).

183 rudibusque natandi: Nach Stat. silv. 2, 3, 37 (bei der Verfolgung


einer Naiade) nandi rudis (M 2); die Formulierung nimmt V. 174 indocili
wieder auf (C). Die Häufung der Frequentativa insultantes, mersare,
natandi sottolinea il fascino di quello spettacolo sugli spettatori“

(Cavarzerre, Komm. S. 101).

184 f.: Die Szene vergleicht man seit Tross mit der Geschichte von Pan
und der Syrinx Ov. met. 1, 705 f. Panaque, cum prensam sibi iam
Syringa putaret, / corpore pro nymphae calamos tenuisse palustres. Die
Unterschiede bespricht Fuoco [3.2.] 357. lubrica . . . membra: Wie
Stat. silv. 4, 2, 47 f. in gleicher Versposition (C); vgl. ThlL VII 1687, 1.
Weitere Überlegungen zur Bedeutung von lubricus an dieser Stelle bei
Cavarzere, Komm. S. 103. falsi: Die Satyrn sind getäuscht wie V. 196
der Schiffer, der die Weinreben im Wasser zu zählen versucht.

186–188: Das imaginäre Geschehen in der Stunde des Pans wird,


ähnlich wie V. 80 die Aufzählung der Fische, als ein Geheimnis betrach-
tet, das den normalen Sterblichen verborgen bleibt. Allein der Dichter
weiß davon und darf, allerdings nur andeutend, darüber sprechen, denn
nach altem Verständnis hat der Dichter als vates (vgl. zu V. 375)
seherische Fähigkeiten. In dieser Rolle (pro parte) des Wissenden, der
aber sein Wissen nicht preisgeben darf, sieht sich auch Ausonius. Wohl
unzutreffend ist die Deutung von Gagliardi [3.1.] 79, die Verse seien
una dichiarazione esplicita di scetticismo intorno alle antiche favole del

mondo pagano“. Noch stärker ist der Beglaubigungstopos V. 270 und
341. Auf den gleitenden Übergang verweist John [3,2.] 100.

186 spectata: Sc. sunt. Versschluß wie Stat. silv. 3, 3, 112 (M 2).
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 177

187 fas . . . loqui: Vgl. V. 443; nach Verg. Aen. 6, 266 sit mihi fas
audita loqui (Hosius mit ähnlichen Wendungen, dazu Anth. 1, 21, 35
sit mihi fas reticenda loqui ; gleicher Hexameteranfang Stat. silv.
2, 1, 82). secreta: Wohl nicht Neutrum Pluralis (wie z. B. Verg. georg.
4, 403), sondern Attribut zu dem als Singular verstandenen reverentia.
Dabei wird zugleich die Abgeschiedenheit des Geschehens von der
menschlichen Beobachtung wie auch das Geheimnisvolle ausgedrückt.
Allerdings wird man als störend empfinden, daß das Bezugswort erst im
zweiten Teilsatz erscheint; vgl. aber V. 456 f. condita . . . castra.

188: Schema a,b/V/A,B mit BR. reverentia: In der Bedeutung


Hoheit“, Majestät“ ( was Ehrfurcht erheischt“ Schönberger) ist das
” ” ”
Wort in der Historia Augusta gut belegt (z. B. Avid. 4, 6 Romani imperii
reverentia). Ehrfurcht gebietendes Wesen kommt nach Ausonius allen
Gewässern zu (Belege bei Di Salvo 25), sodaß der Plural rivis gerechtfer-
tigt ist. M. Zicàri, Philologus 102, 1958, 155 versteht dagegen reverentia
als Partizip Praesens und ändert daher in tegantur und lateant.

3. Spiegelung der Landschaft im Wasser (189–199)

Die Szene gehört, wie schon die Beschreibung V. 55–74, zu den


eindrucksvollsten Naturschilderungen der spätantiken lateinischen Li-
teratur; bei den klassischen Autoren findet man kaum Vergleichbares.
Ausonius zeigt sich wieder als genauer Beobachter mit einer virtuosen
Sprachbeherrschung, und seine Originalität wurde seit Tross wiederholt
hervorgehoben; vgl. Gagliardi [3.1.] 73 f., der besonders den gusto

eccezionale per il colore“ und la predilezione per un certo tipo di realis-

mo“ hervorhebt, und Ders. [3.2.] 63 f. (64: frutto d’un ingegno poetico

desto“); Gruber [3.2.] 74 f.; Green, Komm. S. 484; Wilson [3.2.] 153 f.;
Cavarzere, Komm. S. 104 ( Il passo . . . tuttavia risulta assolutamente

nuovo e originale“). Vorbild der Passage ist Stat. silv. 2, 2, 48 f. cum iam
fessa dies et in aequora montis opaci / umbra cadit vitreoque natant
praetoria ponto (P); vgl. Posani [3.2.] 55; Scafoglio, Tecnica allusiva
[3.2.] 460; Kenney [3.2.] 198 f., modifiziert von Newlands [3.2.] 405 f.
(Ausonius ahmt nicht einfach mit größerer Artistik nach, sondern sieht
die Landschaft aus einer anderen Perspektive. Bei Ausonius ist allein
die Landschaft betrachtet und er belebt die Szene wie V. 55 ff., während
Statius eher ein Bild beschreibt). Zu vergleichen ist außerdem Stat. silv.
1, 3, 17–19 nemora alta citatis / incubuere vadis; fallax responsat imago /
frondibus, et longas eadem fugit umbra per undas (Tr; Posani [3.2.]
60) und 2, 3, 1–5 (C) sowie die Beschreibung der Quelle des Clitumnus
178 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

Plin. epist. 8, 8, 4 ripae fraxino multa vestiuntur, quas perspicuus amnis


ut mersas viridi imagine adnumerat (Tr; Posani [3.2.] 54 la più felice

aemulatio nella Mosella“; Kenney [3.2.] 200; den Unterschied zwischen
beiden Stellen besprechen Posani l. c., Fuoco [3.2.] 347; vgl. auch zu
V. 27). Auf Verg. Aen. 8, 96 verweist O’Daly [3.2.] 148 f.; damit wäre
erneut der Bezug auf den Tiber gegeben (vgl. zu V. 21 f.); vgl. auch
zu V. 128–130. Die Szene ist als Gegenstück zu V. 169–185 konzipiert:
Während das Spiel der Gottheiten im Wasser sich den Blicken normaler
Sterblicher entzieht, kann das Spiel der Formen und Farben, so wie es
der Dichter beschreibt, an der abendlichen Mosel (auch heute noch)
von jedem uneingeschränkt (palam) beobachtet werden. Der Gegensatz
wird auch durch den Wechsel der Tageszeit unterstrichen (C). Schröder
[3.2.] 66 sieht als einheitliches Motiv die reizvollen Spiegeleffekte“ (66),

worunter er auch die folgendes Szene (V. 200–239) subsumiert.

189 f.: Zur Wortstellung vgl. Kenney [3.2.] 200. Sie entspricht der Struk-
tur des Verses und bildet damit die beobachtete Spiegelung der Ge-
genstände und den Wechsel zwischen Realität und Illusion durch die
gespiegelte Wortstellung (glaucus / opaco – colli / fluvius) vollkommen
nach. Vgl. auch Rücker [3.1.] 285 f. mit Verweis auf Lucr. 4, 578 f. (zitiert
zu V. 297). Interpunktion nach C. Di Giovine, BStudLat 40, 2010, 528.

189 species: Das Motiv des Schauspiels“ wird damit fortgeführt



(Tross mit Verweis auf Cic. Cato 57 agro bene culto nihil potest esse . . .
specie ornatius). glaucus: Vgl. zu V. 170.

190 respondet: Entspricht responsat bei Statius (s. o.); vgl. Lucr.
4, 167 res ibi (im Spiegel) respondent simili forma atque colore (G).
fluvius: Auf die Variation der Begriffe Wasser“, Fluß“ (latices, amnis,
” ”
vadis, gipfelnd in V. 193 Mosellam) verweist Cavarzere, Komm. S. 104;
vgl. zu V. 99. frondere videntur: Fuoco [3.2.] 345 vergleicht Ov.
met. 8, 714 f. (Philemon und Baucis).

191 fluminei latices: Singuläre Junktur (ThlL VI 1, 968, 31).


palmite consitus: Sc. esse (H). Vgl. V. 25 amnis, . . . consite Baccho;
danach Ven. Fort. carm. 10, 9, 31 palmite vestitos . . . colles.

192 f.: Das bekannte Phänomen, daß am Abend die Schatten länger
werden und damit die Moselberge ihren Schatten auf den Fluß werfen
(V. 198 f. imago collis), hat trotz des einfachen Sachverhalts zu verschie-
denen Interpretationen geführt. Ausonius überbietet sein Vorbild Statius,
indem er für umbra cadit die erlesenere Wendung seras cum propulit
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 179

umbras / Hesperus einführt. Aus den Belegen ThlL X 2, 1967, 54 ff.


ergibt sich für propellere die Bedeutung herabwerfen“ (Ov. met. 8, 594;

Sil. 10, 212). Übersetzungen wie bringen“ (Tross, Ottmann, Besser,

Hessel, John), verlängern“ (Lassaulx, Böcking, Schönberger; allunga“
” ”
Cavarzere) oder vertreiben“ (Dräger) sind daher unzutreffend; ebenso

die Auffassung von umbras als Schatten der Nacht“ (H) wie Val. Fl.

2, 349 (C); Stat. silv. 1, 6, 65; Boeth. cons. 4 carm. 6, 14 Vesper seras
nuntiat umbras. Verschiedene engl. Übersetzungsvarianten des Verses bei
Kenney [3.2.] 202 Anm. 14.

192 Quis color: Vgl. die Anmerkung von Cavarzere, Komm. S. 106,
und Soler [3.2.] 312 f. (nach Fontaine) sowie Einleitung S. 26. Ebenso
malt“ die Natur V. 110; vgl. zu V. 69 pictura. seras: Den Gebrauch

von serus (hier prädikativ) bei Ausonius bespricht Di Salvo 67.

193 Hesperus: Der Abendstern, dux noctis Sen. Med. 877 (H),
bei Ausonius nur hier als Metapher für Abend“. Vgl. die abendliche

Szene bei Verg. ecl. 10, 77 ite domum saturae, venit Hesperus, ite
capellae. perfundit monte Mosellam: Sachlich entspricht Stat.
Theb. 5, 52 (Athos) nemorum obscurat imagine pontum (H). Ähnliche
Verwendung des Verbums Sidon. epist. 2, 2, 18 aequor viride per litus,
quia in undam fronde porrecta aquas unda perfundit (H). Schon Posani
[3.2.] 61 hat beobachtet, daß hier das feste Element (mons) und das
flüssige (Mosella) ihre Rollen getauscht haben; zustimmend Cavarzere,
Komm. S. 106, mit weiteren Beobachtungen zum Tempusgebrauch.

194 f.: Die Spiegelung im bewegten Wasser wird detailreich durch


verschiedene Bewegungen der gespiegelten Objekte ausgemalt: Die Berg-
rücken schwimmen“ (Cavarzere, Komm. S. 106 f., verweist außer auf

Stat. silv. 2, 2, 48 f. auch auf Stat. Theb. 2, 41 f. sowie auf die Belebtheit
der Szene), das Weinlaub zittert, die Weintrauben sind aufgeschwollen
(tremit, turget).

194 tota: Prädikativ am Versanfang wie V. 68. crispis . . . motibus:


Vgl. V. 253 crispus tremor ; das Attribut bezeichnet wie hier selten die
Bewegung selbst (ThlL IV 1209, 11 ff.). et tremit absens: Dem Vers-
schluß, ähnlich Lucr. 3, 498 = Verg. georg. 3, 84 et tremit artus, spricht
Cavarzere, Komm. S. 107, einen valore iconico“ zu. Tross verweist auf

Val. Fl. 5, 108 magnae pelago tremit umbra Sinopes.

195: BR. vitreis . . . undis: Häufige Junktur nach Verg. Aen.


7, 759 (Singular) (Charlet [3.2.] 170); vgl. zu V. 28 vitreo . . . profundo.
180 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

vindemia turget: Schon Vergil verwendet vindemia ( Weinlese“)



metonymisch für Trauben“ (georg. 2, 6 u. ö.), ebenso hier V. 157; zur

Junktur vgl. Mart. 13, 68, 1 uva turget mero.

196–199: Das Naturschauspiel wird jetzt von einem anderen Standpunkt


aus beobachtet (C). Die mittägliche Szene ist wie das abendliche Schat-
tenspiel nicht ohne Menschen zu denken (anders Newlands [3.2.] 406).

196: BR. derisus: Vgl. zu V. 184 f. falsi.

196 f. navita . . . navita: Überlegungen zur Funktion der Epana-


lepse (vgl. zu V. 55) bei Cavarzere, Komm. S. 107. Beispiele aus Ovid für
Anapher im 5. und folgenden 1. Hexameterfuß bei R. Helm, Festschrift
Johannes Vahlen, Berlin 1900, 359 f.; vgl. Fr. Leo, Hermes 42, 1907, 54
Anm. 1 (H).

197 caudiceo . . . lembo: Wie griech. λέμβος bezeichnet lembus (wie


V. 201) keinen eindeutigen Schiffstyp ( Kahn“; vgl. die Belege RE XII

[1925], 1894–1896), wird aber hier durch das singuläre caudiceus (ThlL
III 628, 13) näher definiert, von den Erklärern (nach Isid. orig. 19, 1, 27
caudica . . . ex uno ligno cavato facta) als Einbaum“ verstanden (Besser,

Weis, Einbaumkahn“ John, ähnlich andere; offensichtlich verfehlt Marx,

RhM N.F. 80, 1931, 381 Anm. 3: Der Schiffer auf dem Einbaum kann

nur ein Barbar gewesen sein“; vorsichtiger Cavarzere, Komm. S. 107).
Green unterscheidet davon die caudicaria als heavy transport vessel

with planking reminiscent of a codex“ mit Verweis auf L. Casson, JRS
55, 1965, 36–39. In der Aufzählung von Schiffsbezeichnungen bei Gell.
10, 25, 5 erscheinen caudicae neben lembi. Für die Wortform codicaria
gibt Sen. dial. 10, 13, 4 eine historische und etymologische Eklärung:
Appius Claudius Caudex (cos. 264 v. Chr.) habe als erster Römer
aus Planken (caudex ) gefügte Kriegsschiffe bemannt. Mit caudicariae
wurden die Lastkähne bezeichnet, die den Warentransport von den
Seeschiffen tiberaufwärts nach Rom bewerkstelligten. Die Gilde der
codicarii ist im 4. Jh. gut bezeugt (RE IV [1900] 173–174; J. Le
Gall: Le Tibre, fleuve de Rome dans l’antiquitè, Paris 1953, 226–231;
Kolb [zitiert zu V. 1–11] 246 mit Lit.); Valentinian I. traf Regelungen
für die Vergütung ihrer Transporte (Cod. Theod. 14, 15, 1). Sollte
Ausonius mit dem singulären Attribut caudiceus auf die Tiberschiffer
anspielen, so wäre damit wieder die Mosel mit dem Strom Latiums
verglichen (vgl. zu V. 21 f., 166, 458 ff.), auch wenn der Schiffstyp des
kleinen Nachens realiter nichts mit dem schweren Lastkahn auf dem
Tiber zu tun hat. Zur Funktion derartiger Vergleiche siehe Einleitung
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 181

S. 26. fluitans: Vom Schiffer selbst wie Avien. Arat. 809; Paul. Nol.
carm. 24, 342; in der Dichtung gerne von schwimmenden Gegenständen
gebraucht (ThlL VI 954, 74 ff.); vgl. V. 84 fluitantes . . . catervas; 246
fluitantia retia; 282 fluitavit praedo; Auson. techn. 12, 13 quid fluit pelago.

198 f.: Die Schatten der Berge reichen bis in die Mitte des Flusses,
Wasseroberfläche und Schattenwurf werden eins, und die in der Fluß-
mitte stärkere Strömung läßt außerdem die Konturen des Schattenwurfs
verschmelzen (conserit, wörtlich: fügt zusammen“); vgl. Marsili, Ed.

S. 58. Die verstärkende Funktion des alliterierenden con- (confundit . . .
confinia conserit) hat Kenney [3.2.] 202 Anm. 15 beobachtet.

198 per medium, qua: Hexameteranfang wie Verg. Aen. 10, 383 (C).
Auf die gleiche Verwendung von qua ordo 95 = 16/17, 4 verweist Di
Salvo 221. imago: Das Spiegelbild wie V. 219; Varro ling. 6, 82 erklärt
speculum, quod in eo specimus imaginem.

199 umbrarum: Von Kenney [3.2.] 202 Anm. 15 gedeutet als Spie-

gelungen“ ( where the water joins [sc. with itself, sibi ] the edges of the

reflection“). Näher liegt es aber, den Ausdruck im eigentlichen Sinne wie
V. 191 als Schatten“ zu verstehen. Vergleichbar ist ecl. 8, 8 (temporal)

confinia miscens (Dräger, Ed. 2011, 256).

4. Schifferspiele (200–239)

Es kann kein Zweifel bestehen, daß es sich hier um eine Anspielung


auf Schifferspiele (H, Schröder [3.2.] 55) handelt und nicht lediglich um
den gewöhnlichen Schiffsverkehr auf der Mosel, wie Green z. St. meint
(ebenso ICS 14, 1989, 308; zurückgewiesen auch von Schröder l. c. 58). Es
ist sicher kein offizielles Fest, wie es die Vergleiche nahelegen, sondern ein
Freizeitvergnügen ( Fischerstechen“), wie es auch außerhalb touristischer

Attraktionen heute noch vielerorts beobachtet werden kann (Salzburger
Land, Donau, Tegernsee, Würzburg, Bamberg, Zürich, Digoin, um nur
einige zu nennen; Dräger, Ed. 2011, 374 verweist auf Spiele in Sête).
Freher, Komm. Sp. 51, berichtet von einem derartigen spectaculum, das
er zwischen Trittenheim und Neumagen beobachtete, Böcking Gleiches
bei Lieserer Fischern. Bajard [3.2.] vermutet Anregung durch lokale
Traditionen wie auch durch römische naumachiae. Den spielerischen
Charakter des Abschnitts bespricht Wilson [3.2.] 155 f., die Gliederung
Cavarzere, Incontri [3.2.] 180 f. und Komm. S. 108, den epischen Charak-
ter (Leichenspiele, lusus Troiae) Scafoglio, WS 117, 2004, 157–159.
182 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

200 spectacula pompas: Enge Verknüpfung mit V. 152.

201–203: Zitiert bei Erm. epist. 36 p. 184.

201: Schema a,b/V/B,A. In der Mitte des Versus aureus gibt das
Verbum certant das Thema des folgenden Abschnitts an (C). remi-
pides: Neubildung, ebenso epist. 1, 13 und 15, 34. Ausonius liebt die
Wortbildung mit pes (vgl. V. 172 capripedes). lembi: Vgl. zu V. 197.
Versschluß wie Verg. georg. 1, 201 flumine lembum (C).

202 flexus: Die Schiffsbewegungen bei einer Regatta wie Flor. epit.
4, 11, 6. Als Terminus des Wagenrennens im Zirkus bezeichnet flexus das
Umbiegen um die Meta (Pers. 3, 68); vgl. Verg. Aen. 5, 583; Scafolglio l. c.

203: BR. Da die erste Mahd in unseren Breiten je nach Wetterlage


zwischen Mitte Juni und Anfang Juli stattfindet, ergibt sich aus attonsis
pratis als annähernde Zeitangabe der Anfang der zweiten Jahreshälfte.
Auf eine spätere Jahreszeit verweist auch die Szene der Weinlese V. 163 ff.
John (Übers. S. 96) vermutet, daß die hier erwähnten Schifferspiele im
Zusammenhang stehen mit den Neptunalia (dazu St. Weinstock, RE XVI
[1935] 2521 f.), deren alter Festtag der 23. Juli ist. Das populäre Fest
wurde bis in die Spätantike gefeiert; auf dabei veranstaltete Naumachien
schloß Wissowa (Roscher III 205) aus Auson. ecl. 16, 19 ff. Neptunalia . . .
festa . . . navigiis . . . celebrata. attonsis . . . pratis: Vgl. Verg. georg.
1, 289 f. prata / tondentur ; Lucan. 6, 84 attonsis . . . in arvis (M 2).
pubentia . . . germina: Vgl. Verg. Aen. 4, 514 pubentes herbae (M 2).
Die Imitatio der Stelle durch Prud. apoth. 67 f. erörtert Charlet [3.2.] 29.

204–207: Soll der überlieferte Wortlaut transire diem mit den Hand-
schriften unverändert beibehalten werden (Peiper, Green, Schönberger
u. a. ), so ist entweder eine Ergänzung eines Subjekts im Sinne von is qui
spectat (so John, Übers. S. 132) bzw. aus V. 197 navita ( der das was hier

als Spiel getrieben wird, von Berufs wegen treibt – sua seria – und deshalb
so gefesselt wird, daß er alles darüber vergißt“; John ibid.) erforderlich;
transire wäre in diesem Fall transitiv gebraucht wie Sen. epist. 45, 12
transisse vitam (Birt). Andernfalls ist transire diem als Korruptel zu
verstehen. Als Korrekturen wurden vorgeschlagen: transire dein Scaliger;
transire dies Tollius u. a.; transire sator Knebel, Rez. Böcking S. 331, zu-
stimmend Klausen S. 43; transitque dies Birt, Hosius u. a.; transire cliens
Bieler, RhM 86, 1937, 285–287; transire, colens ( il cultivatore“) C. Di

Giovine, BStudLat 40, 2010, 528 f.; Cavarzere setzt transire diem zwischen
Cruces desperationis. Wegen des Ausfalls des Subjekts (das Scafoglio
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 183

durch die Änderung von dum in qui gewinnt) muß aber eher eine Lücke
angenommen werden, wie zuerst Böcking vermutete (danach Schenkl,
Ed.; Creighton; Green, Ed. u. a.), was folgerichtig zur Ergänzung eines
Verses führen muß. Die Lücke ergänzt Böcking (übernommen von Wilson
[3.2.] 155, zurückgewiesen von Knebel, Rez. Böcking S. 330 f.) mit viridis
qua surgit ripa, colonus, / non sentit. Hilfsweise wurde die Ergänzung
von Fuchs [3.2.] 178 in den Text gesetzt. Vgl. zuletzt Cavarzere, Incontri
[3.2.] 179 f.; Ders. Komm. S. 109 f.; Scafoglio, Vichiana 4. ser. 4, 2002,
231–234.

204 puppibus et proris: Alliterierend verbunden wie in der sprichwört-


lichen Wendung prora et puppis (Cic. fam. 16, 24, 1). gestire magi-
stros: Die magistri bewegen sich in ausgelassener Weise teils am Heck,
teils am Bug. Es können also nicht die Steuermänner (gubernatores)
gemeint sein (so ThlL VIII 81, 12), sondern die Schiffsführer; vgl. ThlL
VIII 80, 64 ff.

205 impubemque manum: Nach Verg. Aen. 7, 382 impubesque manus


(S), di una scena di giochi“ (Cavarzere, Kom. S. 110; vgl. Scafoglio, WS

117, 2004, 158 f.). amnica terga: Das Adj. wird zuerst hier poetisch
gebraucht (G); vgl. zu V. 55 levia terga. vagantem: Als t. t. kreuzen“

wie Liv. 44, 29, 6.

206 f.: Nach Verg. ecl. 7, 17 posthabui . . . mea seria ludo (S). Der
colonus läßt seine V. 163 ff. genannten ernsthaften Beschäftigungen
(seria, cura) ruhen und widmet sich ganz dem Anblick der Schifferspiele.
Zu cura ernsthafte Beschäftigung“ vgl. Auson. praef. I 17 = prof. praef. 3

cura docendi. Die Gegenüberstellung von vetus und novus auch V. 2;
Auson. prec. 3, 7.

207 nova gratia: Wie Stat. silv. 3, 4, 59 crescit nova gratia Baccho
(M 2); Auson. prec. 2, 14 (C); jeweils an gleicher Versstelle.

208–219: Die geographischen Gegebenheiten hat zuletzt Schröder [3.2.]


56 Anm. 24 ausführlich besprochen. Er versteht das Cumanum aequor
richtig als den Avernersee (V. 216 Averna sonantia). Die offenbar
singuläre Bezeichnung kann angeregt sein durch die Aquae Cumanae
(Liv. 41, 16, 3), womit offensichtlich die Thermenanlage am Ostufer des
Avernersees gemeint ist, deren Reste als Apollon-Tempel“ heute noch

sichtbar sind (Kirsten [zitiert zu V. 32] 238). Belege für aequor als
Quellsee“ nennt Schröder l. c. – Naumachien oder ähnliche Schauspiele

auf dem Avernersee sind nicht belegt. Allerdings ist der Gedanke nahe-
184 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

liegend, da der See in augusteischer Zeit durch die von Agrippa geschaffene
Verbindung zum Lucrinersee als Kriegshafen diente (Suet. Aug. 16, 1
portum Iulium apud Baias inmisso in Lucrinum et Avernum lacum mari
effecit; Kirsten l. c. 235–237). Schiffsmanöver konnten dort mit Sicherheit
beobachtet werden. Wenn Sueton an der genannten Stelle fortfährt in
quo cum hieme tota copias exercuisset, dann könnte Ausonius, der mit
Sueton, wie seine Caesares zeigen, bestens vertraut war, aus dieser
Formulierung Schiffsmanöver auf dem lacus Avernus erschlossen haben.
Eindeutiger ist die Nachricht bei Florus, epit. 4, 8, auf die schon Mirmont
1889 S. 80 hingewiesen hat: Lucrinus lacus mutatus in portum, eique in-
terrupto medio additus Avernus, ut in illa aquarum quiete classis exercita
imaginem belli navalis agitaret. Unmittelbar anschließend erwähnt Sueton
den Sieg über Pompeius zwischen Mylai und Naulochos (Pompeium inter
Mylas et Naulochum superavit), woran Ausonius hier V. 215 erinnert.
Von nachgespielten Naumachien weiß Hor. epist. 1, 18, 61–64 (H); vgl.
Scafoglio, WS 117, 2004, 159. Das in der Villa in Welschbillig (vgl.
Einleitung S. 11) ausgegrabene Becken konnte auch zur Aufführung von
Naumachien gedient haben; die Villa ist zur Zeit Valentinians entstanden
(Cüppers 665–667). – Im Norden des lacus Avernus liegt der Gaurus
(vgl. zu V. 157). Die ganze Region des Golfs von Neapel, den der Vesuv
überragt, ist aufgrund der vulkanischen Böden (auch heute noch) ein her-
vorragendes Weinbaugebiet und daher nach mythologischem Verständnis
ein beliebter Aufenthaltsort des Bacchus. Er findet sich ein, weil Venus
die Spiele in Erinnerung an die großen Seeschlachten des julischen Hauses
inszeniert, denn beide gehören sprichwörtlich zusammen (Otto 366). Die
Gegend um Baiae und Cumae und damit Kampanien als Ideallandschaft
(seit Vergil besonders mit der römischen Frühgeschichte verbunden; vgl.
E. Stärk: Kampanien als geistige Landschaft, München 1995; Ders. in
DNP [RGW] s. v. Kampanien) wird zum Vergleich mit dem Moseltal auch
V. 345 f. (vgl. V. 10 und 157) herangezogen (Görler 107 = 165 und 111 f.
= 170 f.). Der Abschnitt beginnt und schließt mit einem versus aureus (C).

208 tales: Faßt wie V. 68 die vorausgehenden Bilder zusammen


und bereitet den folgenden Vergleich vor (C). despectat: Vielleicht
angeregt durch Plin. nat. 14, 64 a monte Gauro Puteolos Baiasque
prospectantia (sc. vina). Die Nähe des Gaurus zum Avernersee bzw.
Lucrinersee wird auch Lucan. 2, 667 f. si convulso vertice Gaurus /
decidat in fundum penitus stagnantis Averni und Sidon. carm. 5, 345
Lucrinas qua vergit Gaurus in undas thematisiert. Die Mittelstellung des
Verbums im versus aureus unterstreicht die Analogie des Standpunkts in
der verglichenen Szene (C).
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 185

209 f.: Vgl. die feierliche Epiphanie (C) Verg. Aen. 4, 143 ff. qualis . . .
Apollo . . . iugis Cynthi graditur (P).

209: BR. Liber: Ursprünglich eine der ältesten italischen Gott-


heiten, die später dem griechischen Dionysos gleichgesetzt und mit ihm
verbunden wurde (RE XIII [1926] 68; Auson. ecl. 23, 29 f. et Dionysiacos
Latio cognomine ludos / Roma colit, Liber quae sibi vota dicat; vgl. auch
zu V. 21). Über die Dihärese vgl. zu V. 279 sumpsit. cum: Vgl. zu
V. 178. consita: Mit Weinreben; vgl. zu V. 25.

210: BR. vaporiferi: Attribut eines Vulkans wie Stat. Theb. 6, 716
vom Aetna (vgl. silv. 1, 3, 45 v. fornacibus). Die seltene Verwendung des
Adj. bespricht Charlet [3.2.] 74. Vesevi:: Die in der Dichtersprache aus
metrischen Gründen (neben Vĕsvius) statt Vĕsŭvius gebräuchliche Form
Vesēvus (auch Verg. georg. 2, 224 u. ö.) stellt die Dehnstufe zu ∗ Vĕsĕvo-
dar (G. Radke, RE VIII A [1958] 2434 f.). Weinbau am Vesuv erwähnt
Plin. nat. 14, 22 (Tr). Der ganze Abschnitt erinnert mit wörtlichen
Anklängen an die Schilderung Kampaniens Stat. silv. 3, 5, 96 ff. sive
vaporiferas . . . Baias . . . visere . . . dulce sit . . . seu tibi Bacchei vineta
madentia Gauri (S); vgl. zu V. 295.

211–216: Zur Feier des Sieges über Antonius und Kleopatra (V. 213
Niliacae classes) bei Actium (2. 9. 31 v. Chr.) hatte Augustus die ludi
Actiaci (῎Ακτια) gestiftet. Außer musischen und gymnischen Wettkämpfen
wurde auch eine Naumachie veranstaltet. Das Fest wurde bis ins 4. Jh.
gefeiert; aus Paneg. 3 [11] 9, gehalten am 1. 1. 362, schloß man auf eine
Erneuerung des Festes durch Julian (RE I [1893] 1214; die Belege zu
den Spielen bei K. Latte: Römische Religionsgeschichte, München 1960,
303 = G. Binder [Hrsg.]: Saeculum Augustum II, Darmstadt 1988, 37
Anm. 40; vgl. Binder 254). Venus als Stammutter der Aeneaden und
damit der Julier (RE VIII A [1955] 864 ff.) ist Schutzherrin der von
den Amores nachgespielten Schlacht. Zum historischen Hintergrund
dieser Kämpfe vgl. RE XXI (1952), 2233 ff.; J. M. Carter: Die Schlacht
bei Aktium, Wiesbaden 1972; R. A. Gurval: Actium and Augustus,
Ann Arbor 1995; C. H. Lange: Res publica constituta, Actium, Apollo
and the Accomplishment of the Triumviral Assignment, Leiden 2009.
Alternativ dazu (V. 215 aut) denkt Ausonius an eine Naumachie zur
Erinnerung an die Seekämpfe zwischen Agrippa und Sextus Pompei-
us bei Sizilien im August 36 v. Chr.; vgl. dazu Cass. Dio 49, 1–10;
A. Powell/K. Welch (Hrsgg.): Sextus Pompeius, London 2002. – Schon
Stat. silv. 3, 1, 150 schaut Lucrina Venus den dort geschilderten Spielen
zu. Das seit spätrepublikanischer Zeit wegen seiner warmen Schwefelquel-
186 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

len als mondäner Badeort beliebte Baiae (vgl. zu V. 346) wurde natürlich
auch (in poetischer Imagination) von Venus gern besucht; vgl. Mart.
11, 80, 1 ff. litus beatae Veneris aureum Baias / Baias superbae blanda
dona naturae, / ut mille laudem, Flacce, versibus Baias, / laudabo digne
non satis tamen Baias. Ein Tempel der Venus (in ihrer Funktion als
Aphrodite Euploia) befand sich an der Küste auf der Punta dell’Epitaffio,
von dem sich aber keine Spuren erhalten haben (Kirsten [zitiert zu V. 32]
238). Nach C. Koch, RE VIII A (1955) 838 sollen zu ihren Ehren alle
fünf Jahre Spiele stattgefunden haben. Die Fischerspiele auf der Mosel
sind aber nur noch eine späte, romantisch-idyllische Erinnerung an den
Kampf um die Republik, wenn man nicht auch hier eine Anspielung
auf eine mögliche ideologische Verknüpfung der Valentinianischen Dyna-
stie mit dem Beginn des römischen Kaisertums sehen will, symbolisch
repräsentiert durch die Schlacht von Actium (s. u.); vgl. auch zu V. 11 divi.

211: BR. laeta triumphis: Gleicher Versschluß Auson. epist. 24, 45;
ähnlich Ov. met. 1, 560; Mart. 3, 66, 3 (Di Salvo 200).

212 ludere . . . proelia: Wie Ov. ars 3, 357 proelia ludat (M 2).
lascivos . . . Amores: Wie Mart. 14, 187, 1; vgl. Ov. ars 3, 27, am.
3, 1, 43 (M 2) = ars 2, 497; Mart. 14, 79, 1 ludite lascivi ; Iuv. 11, 98 lascivi
ludebant (H); Stat. Theb. 9, 786 proelia lude und Ach. 1, 40 proelia ludit
(C); Doblhofer II S. 178. Nicht selten findet sich auf kaiserzeitlichen
Sarkophagen das Motiv von Eroten, die zu Schiff fahren (Nachweise
bei G. Koch/H. Sichtermann: Römische Sarkophage, München 1982,
209 f.). fera proelia: Wie Ov. trist. 5, 6, 9 (M 2). Schon Marx, RE II
(1896) 2571 dachte an ein Wandgemälde als Vorlage.

213: Vgl. Lucan. 3, 529 cornua Romanae classis validaeque triremes (H).

214: Südlich von Kap Actium (vgl. die Karte bei E. Gall: Actiaca,
MEFR 53, 1936, 43; Lange S. XIII) stand ein alter Apollon-Tempel,
den Augustus nach seinem Sieg vergrößern ließ (Suet. Aug. 18, 2; Strabo
7, 7, 6; weitere Belege mit Lit. bei Binder 253 Anm. 477 und Lange 105
[vgl. zu V. 211–216]). Ausonius denkt aber offenbar an eine Naumachie
unterhalb des berühmten Leukadischen Felsens (arces; in der Dichter-
sprache seit Verg. Bezeichnung für einen locus editus; vgl. ThlL II 741 ff.),
auf dem sich ebenfalls ein Apollon-Tempel befand (Verg. Aen. 3, 275; RE
XII [1925] 2236). Eine Anregung bot die Beschreibung des Schildes des
Aeneas, auf dem auch die Schlacht von Actium dargestellt war (Verg.
Aen. 8, 675–677 in medio classis aeratas, Actia bella / cernere erat,
totumque instructo Marte videres / fervere Leucaten auroque effulgere
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 187

fluctus). Zur propagandistischen Bedeutung der Schlacht, die zu einem



säkularen, die neue Herrschaft begründenden Heilsgeschehen stilistiert“
wurde, vgl. P. Zanker (zitiert zu V. 48–52) 89 f. und 152 f. Leucados:
Zusammenstellung der von Ausonius verwendeten Genitive der 3. Dekli-
nation auf -os bei Delachaux [3.3.] 83; in der Mosella noch V. 281 Nereos,
V. 287 Nepheleidos, V. 311 Ptolomaidos.

215: BR. aut: Sc. cum (H). Mylasena: Das regulär zum karischen
Stadtnamen Mylasa (Liv. 38, 39, 9) gebildete Adjektiv (nur noch Val.
Max. 9, 14 ext. 2 belegt) hat Ausonius hier auf Mylae in Sizilien (heute
Milazzo, westlich von Messina) bezogen. pericula belli: Versschluß
wie Verg. Aen. 11, 505 (M 2).

216 Euboicae . . . cumbae: Anspielung auf die Gründung Cumaes


im 8. Jh. durch Kolonisten aus Chalkis und Eretria auf Euböa (Liv.
8, 22, 5 Cumani Chalcide Euboica originem trahunt, dazu die Belege RE
XI (1922) 2475–2478; vgl. V. 300 f. aedis / . . . Euboicae und 345). Das
lokale Attribut ist traditionell seit Verg. Aen. 6, 2 (zitiert zu V. 10).
Nach Isid. orig. 19, 1, 25 ist cumba nur eine andere Bezeichnung für
(lembus lembus navicula brevis, quae alia appellatione dicitur et cumba)
(C). Ob allerdings mit der Wortwahl an den Nachen des Charon und
den Avernersee als Eingang zur Unterwelt erinnert werden soll, wie
Cavarzere, Komm. S. 112 vermutet, erscheint fraglich, da der Kontext
keinen Unterweltsbezug wie V. 1–11 bietet. Heinsius’ Konjektur Cumae
zieht Green, Komm., in Erwägung; vgl. Scafoglio, Vichiana 4. ser. 4,
2002, 221. referunt: Terminus technicus für die Wiederaufführung von
Schauspielen wie Ter. Hec. 30; Hor. epist. 1, 18, 82 (zitiert zu V. 208–219);
vgl. V. 227 unda refert alios . . . nautas. Averna sonantia: Wie Verg.
Aen. 3, 442 (S). Während aber Vergil an das Rauschen der Wälder denkt,
erinnert Ausonius an den Schlachtenlärm.

217 innocuos . . . pulsus: Dagegen werden im Ernstfall die Schiffe


mit Hilfe des Rammsporns (rostrum) versenkt; vgl. V. 221; RE Suppl.
V [1931] 928–931 und Cass. Dio 49, 1, 2 über die Ausrüstung der Schiffe
Octavians. Die Naumachie ist ein Scheinkampf (Belege bei Hosius), und
daher bezieht sich pulsus nicht auf die Schläge der Ruder wie Cic. de
orat. 1, 153 impetu pulsuque remorum (Caes. Gall. 3, 13, 7; vgl. Tib.
1, 4, 46; ThlL X 2, 2612 f.), sondern auf den Stoß des Rammsporns (vgl.
Curt. 4, 3, 13; Lucan. 10, 480).

218: BR. Damit wird keine dritte Naumachie genannt, wie Green z. St.
meint. Siculo qualis spectata Peloro: Diese Textfassung (Emen-
188 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

dation des Accursius) verteidigen auch die Kommentare von Green und
Cavarzere. Belege für die Ellipse des Hilfsverbums bei Hosius; damit
erübrigt sich die Ergänzung von Fuchs. Siculo . . . Peloro wie Lucan.
2, 438 (M 2); Wamser S. 78 erinnert an Ov. met. 13, 727 (Beschreibung
Siziliens) boreamque spectat Peloros.

219: Schema a,b/V/B,A. Vgl. zu V. 208–219. caeruleus . . . pontus:


Häufige Junktur seit Catull. 36, 11; Ov. met. 13, 838 (ThlL III 104,
51 ff.; Blümner S. 137 f.; vgl. zu V. 84). Belege für pontus zur Benennung
eines Sees ThlL X 1, 2690, 22 ff. (Sil. 6, 13; Mart. epigr. 24, 6 bei einer
Naumachie). reparat: Synonym mit V. 216 referunt, V. 223 reddit,
V. 224 redigit (H).

220–221: Die Scharnierfunktion der beiden Verse bespricht Hosius:


Die pubertas der petulantes ephebi entspricht den lascivi Amores V. 212,
amnis dem Avernersee, phaseli den Euboicae cumbae V. 216.; ephebus
wird von Ausonius gerne gebraucht (8 Belege bei Bolchazy/Sweeney).

221 pubertasque amnis<que>: Eine ungewöhnliche Länge amnı̄s


in der Arsis und die syntaktische Anomalie -que amnis et sprechen
nach Tränkle [3.2.] 155 = 230 Anm. 2 für die Konjektur von Barthius,
durch die das Polysyndeton gewonnen ist. picti rostra phaseli: Wie
Verg. georg. 4, 289 pictis . . . phaselis von ägyptischen Nilschiffen (M 2),
von einem kleineren Kahn Mart. 10, 30, 13 pictam phaselon (M 2);
Amm. 28, 4 18 lembis . . . pictis (Bedon [3.1.] 260); rostra erinnert (nach
Cavarzere, Komm. S. 113) an den martialischen Vergleich. Allerdings
zeigt das berühmte Neumagener Weinschiff am Bug Augen und Schnauze
eines als Rammsporn ausgebildeten Delphins (Abb. bei Gilles S. 118/119;
Überlegungen zur Funktion des Rammsporns an dem Neumagener
Transportschiff bei W. Böcking, AW 11, 3, 1980, 20). Eine wenn auch
bescheidene Farbigkeit der Boote ist nicht auszuschließen; vgl. den
Nachbau des Neumagener Weinschiffes (H. G. Eiben: Das Neumagener
Weinschiff, Vom Denkmal zum Nachbau, Trier 2009).

222 hos: Die von Fuchs vorgeschlagene Änderung quos ist nicht
zwingend. Hyperionio: Hyperion ist der Vater des Sol. Das Adj.
wird aber regelmäßig auf die Sonne bezogen (Sil. 15, 214; Val. Fl.
2, 34). perfuderit aestu: Junktur nach Verg. Aen. 3, 397 perfunditur
. . . aestu (Ma), wo jedoch aestus Flut“ bedeutet. Wamser S. 81

vergleicht Lucr. 2, 147 f. quam subito soleat sol ortus . . . / convestire sua
perfundere omnia luce.
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 189

223–229: Danach Erm. epist. 36 p. 186.

223 reddit: Subjekt dazu wie zum folgenden alliterierenden redigit


ist V. 227 unda (C). nautales: Das Adj. ist nur hier belegt (D).
vitreo sub gurgite: Von Stat. Achill. 1, 26 geprägte Formel (Ma);
vgl. auch Anth. 720, 17; Prud. cath. 8, 47 gurgitem . . . vitreum (H;
Charlet [3.2.] 25 f.) und zu V. 28. Schon Vergil gebraucht gurges synonym
für fluvius oder amnis (georg. 3, 466; Aen. 10, 558); vgl. ThlL VI 2361 55 ff.

224: BR. pandas: Die Körper, durch die Haltung des Ruderns
gekrümmt (deutlich sichtbar in Abb. 10 des zu V. 225 f. zitierten Aufsat-
zes von W. Böcking), erscheinen auch im Wasser so, allerdings durch den
Vorgang der Spiegelung auf dem Kopf stehend (inversi ). Die Wortstel-
lung pandas inversi corporis umbras imitiert die Spiegelung (Cavarzere,
Paideia 57, 2002, 64). corporis umbras: Ähnliche Versschlüsse (seit
Ov.) verzeichnet Mastandrea 179. Der Singular corporis neben dem
Plural umbras ist kollektiv gebraucht (L.-H.-Sz. II 13).

225 f.: Offenbar ist daran gedacht, daß das den Kelten vertraute
(D. Ellmers, JRGZ 16, 1969, 118) Stechpaddel, mit beiden Händen
gehalten, abwechselnd auf der rechten und auf der linken Seite des
Bootes eingetaucht wird. Das wird nahegelegt durch zwei Terra-Sigillata-
Scherben im Rheinischen Landesmuseum Trier (Inv. ST. 14812 und
74,20), die W. Böcking, Schiffbau mittelmeerischer Prägung am Rhein,
AW 11, 3, 1980, 19 f., besprochen hat; vgl. auch W. Binsfeld, Katalog
Mosel und Saar Nr. 37, wo auf die Mosellastelle verwiesen ist, sowie Ders.:
Moselschiffe (zitiert zu V. 41 f.) 1–3. Allerdings zeigen die genannten
Denkmäler größere Frachtschiffe mit zwei Reihen von Paddlern, während
wir es hier wohl mit kleineren Kähnen zu tun haben. Versteht man
dagegen dextra laevaque als mit der Rechten und Linken“ (Besser,

John), dann müßte man mit einem Doppelpaddelruder rechnen, für das
es offensichtlich keine archäologischen Belege gibt.

225 dextraque laevaque: Wie Lucr. 4, 276; Verg. Aen. 6, 486 (M 2).

226: BR. commutatis: Außer bei Lukrez v. a. in Prosa; bei Ausonius


noch prec. 1, 13 an gleicher Versstelle.

227 refert: Vgl. zu V. 216 referunt. simulacra: Bezeichnet das


im Wasser erscheinende Spiegelbild wie Lucr. 1, 1060 ut per aquas quae
nunc rerum simulacra videmus; Ov. met. 3, 432 (Narcissus). Vgl. die
Nachbildung in Anth. 519 redditur effigies liquida visentis in unda, /
190 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

qualis in adverso speculorum cernitur orbe und 521, 1 f. fontis aquae


reddunt simulacra imitantia verum, / qualia leve refert speculi, cum
cernimus, aequor (H). Die Apposition besprechen Fuoco [3.2.] 350 und
Cavarzere, Komm. S. 114 f.

228 simulamine: Das seltene (noch Iul. Val. 1, 4) Subst. nach Ov.
met. 10, 727 (D). nautica pubes: Wie V. 238 nach Sil. 6, 351 (H).

229 fallaces . . . figuras: Vgl. Stat. silv. 1, 3, 18 von der Spiegelung


im Wasser, zitiert zu V. 189–199 (C); nur formal gleiche Junktur Ov. ars
2, 143 fallaci . . . figurae (M 2).

230–239: Gleichsam selbst fasziniert von dem Spiel der Spiegelungen


fügt der Dichter in einer langen Periode noch einen Vergleich an: Die
jungen Leute freuen sich über den Anblick ihrer Abbilder geradezu
kindlich wie ein kleines Mädchen über sein Spiegelbild. Der Abschnitt ist
ein Musterbeipiel für die assoziierende Komposition, bei der einzelne Ele-
mente sich geradezu verselbständigen; vgl. Cavarzere, Komm. zu V. 235,
il quadro della fanciulla prende vita autonoma“; Scafoglio, WS 117,

2004, 164; Einleitung S. 26. Das Thema des Gleichnisses konnte Ausonius
in der bildenden Kunst finden, z. B. in Frisierszenen auf Grabsteinen;
Katalog der Denkmäler bei Baltzer [3.1.] S. 104–107. Die Frisierszene
eines Neumagener Grabpfeilers ist häufig abgebildet, z. B. Schindler [3.1.]
Abb. 337; AW 9, 3, 1978, 38; 10, 3, 1979, 45; Katalog Mosel und Saar
[3.1.] S. 268. Selbstverständlich ( ovvio sul piano logico“ Cavarzere,

Komm. S. 115) zeigt (ostentatura) die Amme dem Mädchen die Frisur
im Spiegel; vgl. Prop. 4, 7, 72 ne speculum dominae porrigat illa novae
(H). Die Struktur des Vergleichs ist durch die leichte Emendation
sicuti von Speck [3.2.] 49 geklärt, die metrischen Bedenken Tränkles
[3.2.] 160 f. = 236–238 hat Cavarzere, Arcadia [3.2.] 158–161 und Komm.
S. 115 f. entkräftet. Damit erledigen sich auch die Emendationen in V. 232.

230 compositos . . . capillos: Vgl. Plaut. Most. 254 capillum . . .


compositum (C); Ov. am. 1, 14, 35 dispositos . . . capillos (M 2). Zu
Frisuren vgl. D. Balsdon: Die Frau in der römischen Antike. München
1979, 282–288.

231 candentem: Dabei ist nicht an einen kleinen Glasspiegel, sondern


vielmehr an einen größeren Metallspiegel aus Silber, Bronze oder Blei zu
denken (V. 235 fulgenti . . . metallo. Beipiele für kaiserzeitliche Spiegel
im Katalog Mosel und Saar [3.1.] Nr. 92 (Trier), 239 (Trier), 242b (Metz)
mit Lit. S. 275. speculi . . . honorem: Man wird dabei nicht nur an
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 191

den Glanz wie bei Sil. 12, 230 f. miro candoris honore / lucet in aure lapis
(M 2), sondern auch an die oft aufwendigen Verzierungen der Spiegel
denken müssen. Weitere Belege für diesen poetischen Gebrauch von
honos bei Hosius, z. B. Sil. 17, 527 f. honorem / fulgentis saguli; ThlL VI
2930, 16 ff.

232: BR. carae . . . alumnae: Wie Stat. Theb. 12, 361; gleicher Vers-
schluß häufig seit Ovid.

233: Schema a,b/V/A,B mit BR. virguncula: Belege für das seltene
Wort (auch Auson. Biss. 1, 2) bei Cavarzere, Komm. S. 116; an gleicher
Versstelle Iuv. 13, 40.

234–237: Vielleicht angeregt durch die Erzählung von Narcissus Ov.


met. 3, 346 ff. (417 spem sine corpore amat, corpus putat esse, quod unda
est). Die Unterschiede in der Auffassung von Realität und Fiktion in
beiden Darstellungen besprechen Fuoco [3.2.] 353 und Cavarzere, Komm.
z. St.

234 germanae . . . puellae: Zwillingsschwester“; selten belegt (ThlL



VI 1915, 84 ff.). putat . . . spectare: Die Konstruktion mit dem Inf.
wie Verg. Aen. 6, 454 vidisse putat (H). formam . . . puellae: Vgl.
den Versschluß Auson. Biss. 3, 11 forma puellam (C) und Mastandrea
S. 304.

235: Das Motiv des vergeblichen, nicht erwiderten Kusses findet sich
mehrfach bei Ovid (Tr, M 2, H), z. B. met. 1, 556 (Daphne); 3, 427
(Narcissus), 4, 79 (Pyramus und Thisbe), 8, 211 f. (Daedalus und Icarus)
(W S. 85). Die Imitatio der Stelle bei Prud. perist. 11, 193 bespricht
Charlet [3.2.] 71 f. referenda: Belege für Gerundivum ohne notio
necessitatis (wie V. 358 ignoranda) bei Hosius; vgl. L.-H.-Sz. II 370.

237 vibratos . . . crines: Junktur nach Verg. Aen. 12, 99 f. (Cr).


captat . . . extendere: Vgl. Iuv. 6, 496 extendit pectitque comas (M 2).
captare mit Inf. wie Ov. met. 10, 58 (Orpheus und Eurydice) prendere
captans (v. l. cod. A); vgl. zu V. 275.

238 f.: Das Spiel von Schein und Wirklichkeit, die unentwirrbare
Vermischung von Realität und Abbild, kann geradezu als ein Charakte-
ristikum spätantiker Literaturwerke angesehen werden; vgl. Einleitung
S. 35. J.-L. Charlet, Philologus 132, 1988, 79 sieht in der hier geschilderten
Haltung des jungen Schiffers einen Ausdruck der ästhetischen Haltung
192 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

des Dichters ( He deligths in the transition from reality to reflection,



and their ambiguous mingling.“). Vgl. auch Roberts [3.2.] 347=255 f. und
Korzeniewski [3.2.] 90 sowie zum Parallelismus zwischen V. 228 f. und
238 f. C. Di Giovine, BStudLat 40, 2010, 529.

238 umbrarum ludibria: Vgl. Liv. 24, 44, 8 alia ludibria oculorum
auriumque credita pro veris (C).

239 ambiguus: Vgl. zu V. 129.

4. Fischfang (240–282)

Der Abschnitt über den Fischfang steht annähernd im Zentrum des


Gedichts (Roberts [3.2.] 345 = 253), ohne daß man aus dieser Positionie-
rung eine herausgehobene Bedeutung ableiten sollte. Entsprechend der
assoziativen Kompositionsweise ergibt sich ein zwangloser Übergang von
den Wettspielen der Fischer zu ihrer ernsthaften Tätigkeit, die der der
Winzer entspricht. Somit hat der Abschnitt auch rahmende Funktion.
Mit der Anglerszene kehrt der Autor vom Fluß wieder zu den Ufern
zurück, wo die Beschreibung der Villen im folgenden Abschnitt ihren
sinnvollen Platz findet.
Im Fischkatalog (V. 85–149) gehörte zur Beschreibung auch die Würdi-
gung der Fische als Speisefische. Implizit ist damit die Fischerei als nor-
male menschliche Tätigkeit vorausgesetzt. Hier aber wird der Fischer als
Räuber dargestellt, der den ahnunglosen Fischschwärmen in der Mosel
überlegen ist; ihnen gehört die Sympathie des Dichters (Posani [3.2.] 49;
Roberts [3.2.] 345 = 253). Der Friede und die Heiterkeit des Flusses wird
vom Menschen gestört (Green, ICS 14, 1989, 310); die Wortwahl erinnert
an eine kriegerische Auseinandersetzung (V. 241 populatrix turba, vgl.
dort; 242 male defensos, 252 vulnera ferri , 255 praedam, 261 letalia
tela, 275 impetit, 282 praedo). Eine gleiche Haltung zeigt das im 4. Jh.
entstandene Gedicht Vom verbrecherischen Fischer“ (Anth. 1, 21).

Das Thema des Abschnitts wird in drei einleitenden Zeilen genannt.
Zwei Arten des Fischens sind zu beobachten, mit dem Netz und mit der
Angel. Für die Netzfischerei werden wiederum zwei Verfahren in je zwei
Versen genannt, während das Fischen mit der Angel nach Nennung des
Themas in drei Zeilen zu einer eigenen Szene ausgestaltet ist, im Detail
ausgeschmückt durch einen technischen Vergleich und abgeschlossen
durch den Hinweis auf ein mythologisches Beispiel. Die syntaktisch
parallele Struktur der drei verschiedenen Handlungen des Fischens wird
durch die von Tross (Ed. S. 62–64), Fuchs [3.2.] S. 178, Green, Cavarzere
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 193

u. a. vorgeschlagene Interpunktion der Verse 243–249 verdeutlicht: Auf


die variierende deiktische Einleitung hic, ast hic, ille autem folgt jeweils
die Ortsangabe, die den Rest des Verses füllt. Den zweimal zwei Versen
der Netzfischer wird mit drei Versen der Angler gegenübergestellt.
Während aber die Netzfischerei nicht weiter ausgeführt wird, ist die
Tätigkeit des Anglers und das Leid seiner Beute detailreich beschrieben,
sodaß die Verse 247–249 als neue Themaangabe des folgenden Abschnitts
verstanden werden können. Ab V. 250 wird der Blick auf die Opfer“ des

Anglers gerichtet.
In der Angelszene ist der Fisch nicht nur als Beute dargestellt,
sondern dadurch, daß er wieder in sein Element zurückfindet, ist er dem
törichten Angler (V. 274 puer inconsultus) überlegen. Wenn man mit
Schröder [3.2.] 54 annimmt, daß der ganze Abschnitt auf die letzte Szene
hin komponiert ist, dann muß in ihr auch die entscheidende Aussage zu
finden sein: Der Überlebenswille mancher Fische ist so stark, daß sie
wieder in den Fluß zurückspringen. So läßt sich die Szene als ein Beweis
für die Vitalität der Moselfische verstehen und fügt sich schließlich in
den panegyrischen Kontext (Schröder spricht l. c., weniger präzis, vom
Triumph des Flusses über den als etwas unverständig gezeichneten Ang-

ler“). Als poeta doctus beschließt Ausonius diesen Teil des Gedichts über
die Landschaft und ihre Bewohner mit der mythischen Erzählung von
Glaucus, dem geschickten Fischer, der selbst in einen Fisch verwandelt
wurde. Die meisterhafte Beschreibung der Details ist geprägt von einer
erlesenen Wortwahl (V. 256 dexter ; V. 257 f.; V. 258 assibilat).
Ähnliche Beschreibungen des Fischfangs finden sich bei Ov. met.
3, 586 f. linoque solebat et hamis / decipere et calamo salientes ducere
pisces (H); ibid. 13, 922 f. (zitiert zu V. 280). Verschiedene Arten des
Fischfangs zählt Oppian. hal. 3, 72–91 auf; vgl. E. Steindl: Die Fischerei
in der antiken Dichtung, Das Altertum 19, 1973, 221–233; O. Longo: Le
forme della predazione, Cacciatori e pescatori nella Grecia antica, Neapel
1989. Étienne, Bordeaux [2.1.] 226 Anm. 133 vermutet gleiche Methoden
des Fischfangs an der Garonne. Auf jeden Fall darf man davon ausgehen,
daß die Beschreibungen auf Autopsie beruhen (vgl. V. 270 vidi egomet).

240 accessus faciles: Gleiche Junktur Lucan. 3, 44; vgl. Ov. Pont.
3, 3, 91 faciles aditus (M 2). Auf die Hervorhebung der lokalen Bestim-
mung accessus faciles durch das anastrophisch gestellte qua verweist
Cavarzere, Komm. S. 117.

241: BR. Der adjektivische Gebrauch von populatrix zuerst Stat.


silv. 3, 2, 86 Siculi populatrix virgo profundi (sc. Scylla) mit gleicher
Wortstellung (P); die Konnotation plündern“ wird durch scrutatur

194 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

verstärkt. Der Gedanke des Raubens und Ausplünderns erscheint noch


V. 259 rapinae, 282 praedo. Posani [3.2.] 49 sieht, wohl etwas zu weit
gehend, in der Anlehnung an die Statiusstelle tutta l’ostilità del poeta

per la pesca“. Für scrutari im Sinne von fischen“ (Iuv. 5, 95 [M 2];

vgl. unten V. 280 scrutator ) ist ebenfalls Statius Vorbild (silv. 3, 1, 84
scrutatores . . . profundi ); Oppian nennt die Fischer hal. 2, 435 βυθω̃ν
διφήτορες ἄνδρες und ibid. 437 ἐρευνητη̃ρα θαλάσσης (Tr). Ein weiteres
mögliches Vorbild bietet der Vergleich Stat. Theb. 9, 242–244 qualis
caeruleis tumido sub gurgite terror / piscibus, arcani quotiens devexa
profundi / scrutantem delphina vident (M 2). Mit Bezug auf V. 60 darf
auch hier und V. 242 penetrali flumine das Heilige und Unberührbare des
Flusses mitgehört werden (vgl. ThlL X 1, 1061, 8 ff.).

242 male defensos: Ebenso Ov. met. 15, 770 (P), weitere Belege
Iuv. 10, 85 (M 2) und bei Hosius. Auf Verg. georg. 1, 448 (gleicher
Versanfang) und die vergleichbare compassione“ des Dichters verweist

Focardi, Festschrift Ronconi [3.2.] 113 Anm. 45 (C).

243 f.: Die erste Art der Netzfischerei wird mitten im Fluß mit
Schleppnetzen (Varro rust. 3, 17, 7 everriculum) vom Boot aus betrieben
(Fr). Das Thema wird in Literatur und bildender Kunst häufig darge-
stellt, in der lat. Dichtung seit Verg. georg. 1, 142 pelagoque alius trahit
umida lina (P); vgl. Ov. fast. 5, 239 lina madentia ducunt; Manil. 4, 285
quin placidum ductis everrere retibus aequor , ähnlich Sil. 14, 262 f. retibus
aequor / verrere (H); bildliche Darstellungen bei Marsili, Ed. S. 61 f.;
S. Reinach: Répertoire de Peintures Grecques et Romaines, Paris 1922,
273 ff.

244 nodosis . . . plagis: Wie Ov. fast. 6, 110 von den Netzen der
Vogelfänger (M 2). decepta: Wie Ov. met. 3, 587 (s. o.). Die Grund-
bedeutung wegfangen“ kann noch mitgehört werden (ThlL V 178, 51–59).

examina: Vgl. zu V. 76. verrit: Vgl. V. 281 converrere.

245 f.: Diese Methode beruht nach Hosius z. St. darauf, daß ein

grosses Netz, mit dem einen Ende am Ufer festgehalten, mit dem andern
einen grossen Halbkreis beschreibt, bis auch dieses zum Ufer geführt den
Fischen jeden Ausweg verschliesst, die dann durch Einholen des Garnes
leicht in die Hände der Fischer gebracht werden; ein Verfahren, wie man
es bei Strömen von der Grösse der Mosel noch vielfach beobachten kann
. . . Starke Korken halten den obern Rand des Netzes an der Oberfläche
des Wassers, damit kein Fisch darüber wegschlüpfen kann“ (vgl. aber
John, Ed. 98 f., der an eine doppelte Beschreibung der Netzfischerei denkt,
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 195

ein Spiel mit Worten“). Die Fixierung eines Netzes mit Hilfe von Korken

beschreibt Sidon. epist. 2, 2, 12 (H), während sich die Erwähnungen bei
Oppian. hal. 3, 80 und Ov. ars 1, 764 nicht eindeutig zuordnen lassen.

245 ast hic: Versanfang wie Enn. ann. 76 V2 = 93 Sk.; Sil. 12, 116;
Stat. silv. 2, 1, 220 (C); vgl. zu V. 50. tranquillo qua labitur agmine
flumen: Vgl. zu V. 33. Versschluß wie Enn. ann. 173 V2 = 163 Sk. (H,
besprochen von Posani [3.2.] 48 und Cavarzere), und besonders Verg.
Aen. 2, 782 (M 2) vom Tiber leni fluit agmine flumen, dazu Austin II
282 f., vgl. zu V. 21 f.; formal ähnlich V. 78. Wenn hier mit tranquillo
agmine die ruhigere Strömung am Ufer im Gegensatz zu der in der
Flußmitte gemeint ist, kann man schwerlich von Synonymität sprechen;
vgl. zu V. 1 flumine (deskriptiver Ablativ). Zur Bezeichnung fließenden
Wassers ist agmen häufig seit Verg. georg. 1, 322 agmen aquarum.

246: Zur Struktur der Verse 244 und 246 (BR) vgl. Cavarzere, Komm.
S. 119. ducit . . . retia: Wie Ov. met. 13, 922 (s. o.) vom Angler.
corticeis: In der Dichtung zuerst hier belegt (ThlL IV 1071, 22–26).

247–249: Als dritter wird ein Angler beschrieben, der von einer
Klippe aus die Angelrute auswirft. Für felsiges Ufer empfiehlt diese Me-
thode schon Ov. hal. 86 f. aspera num saxis loca sint (nam talia lentos /
deposcunt calamos, at purum retia litus) (H, C). Das Bild ist topisch
und findet sich bereits Hom. Il. 16, 407 πέτρῃ ἔπι προβλη̃τι καθήμενος
und Od. 12, 251 ἐπὶ προβόλῳ ἁλιεὺς περμήκεı̈, vgl. Oppian. cyn. 1, 56.
Weitere Anglerszenen (nach Cavarzere, Komm. S. 119) Ov. met. 13, 923
(Glaucus) nunc in mole sedens moderabar harundine linum; Sen. Herc. f.
154–158 hic exesis / pendens scopulis aut deceptos / instruit hamos
aut suspensus / spectat tremulum linea piscem; Petron. 3, 4 piscator . . .
moratur in scopulo.

247: Die Parallele Ov. met. 13, 438 exanimem scopulo subiectas misit
in undas (M 2) stützt die Lesart subiectas, auch verteidigt von C. Di
Giovine, BStudLat 40, 2010, 529 f., während ThlL V 394, 68 die Variante
deiectas in G mit Val. Fl. 3, 594 verbunden wird. Versschluß wie V. 27.

248: BR. convexa cacumina: Die Überlieferung (conexa) ist nur


zu halten, wenn man conexa cacumina mit Dräger, Ed. 2011, 379
(verfehlt Tränkle [3.2.] 162 = 239) als Verbindung des Hakens . . . mit

der Rute“ versteht. Mit cacumina ist aber sicher nicht der Angelhaken
gemeint (Green: a satisfactory picture of rod and hook, with the line“,

auch zurückgewiesen von Tränkle sowie Cavarzere, Paideia 57, 2002, 55 f.
196 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

und Komm. S. 120), der erst im nächsten Vers genannt wird, sondern
das äußerste Ende der Angelrute, an dem die Leine befestigt ist; darauf
verweist auch der Vergleich mit der Peitsche V. 257 f.; vgl. Stat. silv.
5, 4, 18 extremo . . . cacumine virgae (M 2); zur Imitatio bei Prud. apoth.
346 vgl. Charlet [3.2.] 79. Durch die einfache Korrektur von Vinetus
(convexa), die zuletzt Cavarzere (Incontri [3.2.] 183 f. und Komm. l. c.)
nachdrücklich befürwortet hat, ergibt sich ein gut nachvollziehbarer Sach-
verhalt: Die Spitze der elastischen Angelrute wird durch Angelschnur,
Angelhaken und Köder leicht nach unten gebogen. Tränkles Bedenken
gegen convexus im Sinne von curvatus werden entkräftet durch Isid. orig.
13, 5, 6 convexum enim curvum est . . . seu inclinatum (C).

249: Schema a,B/V/b,A (C). inductos: Eine Entscheidung zwischen


den beiden überlieferten Formen inductos und indutos ist mit den von
Cavarzere (Incontri [3.2.] 184 und Komm. S. 120 f.) angeführten Belegen
nicht zu treffen, da für beide Verben die Bedeutungen überziehen,

verhüllen, verstecken“ belegt sind (vgl. Apul. flor. 9 p. 32 indumenta
quibus indutus et calciamenta quibus erat inductus) und die Überlieferung
auch sonst schwankt, z. B. Ov. met. 7, 161. Souter, CR 40, 1926, 89
urteilt: inducere is never thus used for induere“, welches er bevorzugt,

dagegen wird ThlL VII 1, 1262, 44 indutus als falsche Lesart verworfen,
auch die Handschrift G bietet inductus. Vgl. V. 252 occultati.

250 ignara doli: Wiederholt wurde betont, daß Ausonius nicht


die Geschicklichkeit des Fischers verherrlicht (wie Oppian. hal. 3, 41 ff.;
aber im Vergleich nennt er Glaucus V. 280 hamis et rete potens), sondern
eher seine aggressive Rolle gegenüber unschuldigen Opfern hervorhebt
(Newlands [3.2.] 408; Schröder [3.2.] 66: die unvermeidliche alltägliche

Aggression der Fischer“). Die Beute ist ein fühlendes Lebewesen (vgl.
V. 250 ignara doli ; 252 senserunt vulnera; 253 trepidant; Roberts [3.2.]
345 f. = 253 f.). Auch wenn hier die heile Welt“ des Flusses gegenüber

der mit List und Raub verbundenen Tätigkeit besonders betont ist, wird
im Grunde doch nur ein alter Topos variiert; vgl. griech. δόλος Köder“

(Hom. Od. 12, 252) und List“ (Hom. Il. 3, 202 Odysseus εἰδὼς παντοίους

. . . δόλους); Ov. hal. 26 dolos (i. e. retia) saltu deludit; Oppian. cyn.
4, 140 δολόφρονες ἀσπαλιη̃ες und den Überblick bei Focardi, Festschr.
Ronconi [3.2.] 96–108. Von der credulitas der mit dem Köder gefangenen
Fische spricht Ov. met. 13, 934 (zitiert zu V. 280). vaga turba:
Junktur wie Ov. met. 13, 221; vagus als Attribut von Fischen wie Hor.
sat. 2, 4, 77 (H). turba natantum: Wie V. 141; vgl. zu V. 107.
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 197

251 rictibus: Wie V. 265; gerne verwendet das Wort Ovid in den Me-
tamorphosen (8 Belege). invasit: Belege für den nachklass. Gebrauch
bei Seneca ThlL VII 2, 112, 71 ff. patulae . . . fauces: Vgl. Ov. hal.
42 ora patentia (C); formal gleiche Junktur Sil. 5, 618 und 6, 275 (C).

252: Schema a,b/V/A,B mit BR, Versschluß wie Ov. hal. 61 (W S. 86).
occultati: Nämlich durch den Köder; vgl. zu V. 249.

253 trepidant: Der von Green (RhM N. F. 125, 1982, 350; nicht in
seiner Ausgabe und im Kommentar erwähnt) vorgeschlagene Sg. trepidat
bezieht sich präzise auf den einzelnen, gefangenen Fisch, der überlieferte
Plural auf alle Fische oder auf fauces. Da aber im ersten Teil des Satzes
von der Mehrzahl der Fische die Rede ist, kann der Plural gehalten
werden. Versanfang wie Verg. Aen. 9, 418 dum trepidant, it hasta; vgl.
ibid. 12, 737 dum trepidat. subit indicium: Gewöhnlich bezogen
auf das Zittern der Angelrute, wodurch angezeigt wird, daß ein Fisch
angebissen hat. Zur Sache vgl. Sen. Herc. f. 157 sentit tremulum linea
piscem (Tr); Mart. 1, 55, 9 piscem tremula salientem ducere saeta (H);
ibid. 3, 58, 27 tremulave captum linea trahit piscem (C). Cavarzere,
Komm. S. 121, erwägt auch, es könne das Absinken des Schwimmers
(Korken; φελλός Anth. Pal. 6, 192, 6) unter der Last der Beute gemeint
sein, übersetzt aber di basso si tradisce la loro cattura“. Die Bewegung

von unten nach oben (umgekehrt V. 279) überträgt sich auf die Angelrute
(V. 254). crispoque tremori: Vgl. V. 194 crispis . . . motibus.

254 saetae: Angelschnur“ zuerst Ov. hal. 35. nutans: Das Frequen-

tativum bespricht (mit Lit.) Cavarzere, Kom. S. 122. harundo: An-

gelrute“ seit Ov. ars 2, 77 = met. 9, 217 tremula dum captat harundine
pisces (C).

255 f. excussam . . . raptat: Von Cavarzere als Hysteron proteron


verstanden. Der Vorgang ist jedoch linear beschrieben: Der Fischer wirft
die aus dem Wasser gezogene Beute zur Seite. Zu excutere in dieser
Bedeutung vgl. Claud. Don. Aen. 3, 420 p. 323, 3 f. aut cum sorbet et
navigia vorat (sc. Charybdis) aut cum ructat et excutit in altitudinem.
Sachlich anders ist Phaedr. app. 22, 5 in terram arripiens excutit praedam
maris (ein Bär schüttelt Krebse aus seinem Pelz – H).

255 nec mora et: Wie Stat. Achill. 1, 27 (Tr); nec mora am Hexa-
meteranfang häufig seit Verg. georg. 3, 110, vgl. die Belege bei
Charlet [3.2.] 76 Anm. 4; Doblhofer II S. 129. Zur Synalöphe vgl.
Norden S. 185.
198 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

256: BR. dexter: Die seltene Bedeutung geschickt“ wie Ov. Pont.

4, 16, 24; vgl. ThlL V 924, 51 ff. in obliquum: An gleicher Versstelle
Verg. georg. 1, 98 (W S. 87). excipit ictum: Vergleichbare Vers-
schlüsse bei Mastandrea 259.

257 f.: Der Vergleich beschreibt die akustischen Phänomene, die mit
dem Peitschenknall verbunden sind. Mit fractus wird der einzelne Knall
oder Ton bezeichnet wie Verg. georg. 4, 72 fracti sonitus tubarum (M 1);
vgl. Richter 339 scharf gestoßen und abgesetzt“; formal gleiche Junktur

Sidon. carm. 22, 190 (M 1). Daher ist auch die Überlieferung korrekt.
Aber schon vorher (Hysteron proteron!) entsteht durch den Luftzug ein
pfeifendes Geräusch. Es handelt sich daher nicht um einen Pleonasmus
(so Cavarzere, Paideia 57, 2002, 64 und Komm. S. 122), sondern um
zwei unterschiedliche, kurz aufeinander folgende Geräusche. Zu den
meisterlichen sprachlichen Variationen des Phänomens Luft“ (spiritus

. . . inane . . . aura . . . aëre ventus) vgl. die fünf Varianten für Meer“

V. 287–297 und Einleitung S. 25.

257: BR. ut . . . quondam: An ως ˜῾ ποτε erinnert Cavarzere. per


inane: Wie Verg. Aen. 12, 354 und 12, 906 (P) u. ö. (Posani [3.2.] 34 mit
Verweis auf die gleiche metrische Struktur von Lucr. 1, 1018; Charlet
[3.2.] 185; vgl. zu V. 58); Versschluß wie Lucan. 6, 731.

258 assibilat: Zuerst Stat. Theb. 5, 578 (M 2) und nur noch Claud.
rapt. Pros. 2, 225; Claud. carm. 10, 136 belegt (ThlL II 876, 70 ff.), hier
jedoch intransitiv verwendet (D 79).

259–266: In je vier Versen wird der Tod des Fisches geschildert.


Dabei sind die ersten vier Verse bestimmt vom Gegensatz zwischen
unserer Welt und der Welt der Fische: Die noch feuchte Beute springt
über die trockenen Felsen, die hellen Strahlen der Sonne werden zu
tödlichen Geschossen, in seinem Fluß besitzt der Fisch Lebenskraft, in
unserer Luft, die für uns Leben bedeutet, haucht er kraftlos sein Leben
aus. Syntax und Stilistik des Abschnitts besprechen Roberts [3.1.] 19–21,
Cavarzere, Komm. S. 123; vgl. Scafoglio, WS 117, 2004, 165.

259: BR. rapinas: Wie Mart. 10, 87, 18 (Tr).

260: Versschluß wie Lucr. 1, 147 = 2, 60 u. ö. lucida tela diei (Tr);
als ein Beispiel der Centonentechnik des Ausonius bewertet von Gagliardi
[3.1.] 76 Anm. 30. Die Umwertung lucida/letalia hebt Posani [3.2.] 46
hervor.
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 199

261: BR. cuique: Der in den meisten Handschriften vorliegende


harte Subjektswechsel quique (formuliert entsprechend dem Versanfang
bei Stat. Theb. 9, 529) wird durch die leichte Emendation von Avantius
vermieden. sub amne suo: Vgl. zu V. 80 ff.

262: BR. segnis: Aufgegriffen im nächsten Vers durch iam piger (C).
vitam consumit: Wie Aug. civ. 3, 29 und 13, 10; Drac. laud. dei 2, 127.
Es ist gleichsam die Überschrift für die folgenden vier Verse, in denen sich
Ausonius wieder als Meister genauer Beobachtung und Beschreibung er-
weist, die durch einen Vergleich abgeschlossen wird; vgl. Einleitung S. 33.

263–266: Der diagnostische Blick richtet sich zuerst auf den Fisch als
ganzen (corpore), dann wird der Todeskampf am Körperende (cauda) und
am Kopf (rictus) beschrieben. Dort sind die Merkmale am auffallendsten,
was durch das anschließende Gleichnis noch unterstrichen wird.

263 f.: Schema a,b/V/B,A variiert mit a,b/V/A,B; vgl. Cavarzere,


Komm. S. 124.

263 iam piger: Ebenso Mart. 13, 79, 1 (Tr). invalido . . . corpore:
Junktur wie Ov. epist. 21, 209 u. ö. (C). plausus: Hier singulär
gebraucht; vielleicht übernommen vom Flügelschlag der Vögel (ThlL X
1, 2373, 15 ff.; seit Ennius).

264 supremos . . . tremores: Vgl. V. 270 sub fine trementes.

265: Zu Wortwahl und Stilistik (Onomatopoeie, Alliteration, Assonanz)


des Verses vgl. Cavarzere, Komm. S. 124. sed: Die wenigen Belege für
Postposition von sed bei Ausonius listet Di Salvo 268 auf; vgl. L.-H.-Sz.
II 488.

266: Den Atmungsvorgang der Fische beschrieb schon Anaxagoras


(VS Nr. 59 A 115); vgl. Plin. nat. 9, 16–19. Zum Ausdruck vgl. Oppian.
hal. 4, 682 στονόεσσαν ἀναπνεύσαντες ἀϋτμήν (H); anders ist Lucan.
5, 522 (H). Cavarzere, Paideia 57, 2002, 64 Anm. 81 und Komm. S. 124
verweist auf Apul. Plat. 1, 16 (die Atmung des Menschen) hinc illae
anhelandi vices haustae redditaeque alterno modo. moritferos . . .
flatus: Zur möglichen Imitation bei Prud. perist. 13, 79 vgl. Charlet
[3.2.] 74. branchia: Gewöhnlich im Pl. gebraucht, Sg. nur noch Vulg.
Tob. 6, 4 (ThlL II 2163, 81 ff.), also wohl Neubildung des Ausonius.
200 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

267–269: Vergleich des Atmungsvorgangs mit der Funktion einer


Ventilklappe am Blasebalg; vgl. Einleitung S. 26. In der einfachsten
Konstruktion sind zwei Bretter aus Buchenholz durch einen Lederbalg
verbunden. Die Ventilklappe ist am Einzugsloch befestigt und öffnet
sich beim Einziehen der Luft. Wird der Balg auf das untere Brett
niedergedrückt, schließt die Klappe und die Luft entweicht durch das
Abzugsloch; Belege für die Erwähnung des Blasebalgs (follis) mit
Hinweis auf die Ausonius-Stelle RE VI (1909), 2828 f. Ausonius denkt
offensichtlich an einen Blasebalg der Schmiede (fabriles ignes; Vitr.
10, 1, 6 folles fabrorum). Die Anregung zu dem Vergleich dürfte von
Verg. georg. 4, 171 f. ausgegangen sein (alii taurinis follibus auras /
accipiunt redduntque sc. Cyclopes); ähnlich Aen. 8, 449 (H). An der wei-
teren Konstruktion des Blasebalgs ist Ausonius hier nicht interessiert (C).

267: BR. ubi: Von den Erklärern in der Regel temporal ver-
standen. Die lokale Bedeutung, mit der die Szenerie des Geschehens
knapp angedeutet wird, setzt Fuchs, MH 32, 1975, 179 an; sie wurde in
die Übersetzung übernommen. Vgl. L.-H.-Sz. II 651: Während cum den

reinen Zeitbegriff hervorhebt, schimmert bei ubi auch das räumliche Be-
deutungselement durch“. fabriles . . . ignes: Ähnlich Claud. 22, 177
flamma fabrilis. exercet: Vgl. Ov. epist. 15, 9 indomitis ignem exer-
centibus Euris (Tr).

268: Die Kiemen des Fisches öffnen und schließen sich wie der
Ventildeckel das Einzugsloch des Blasebalgs öffnet und schließt (C).
Mit alterno foramine ist das einmal geöffnete, dann wieder geschlossene
Einzugsloch bezeichnet; vgl. zu diesem Gebrauch von alternus bei identi-
schen, aber veränderten Objekten Verg. Aen. 11, 624 alterno procurrens
gurgite pontus. cohibetque: Damit die Luft nicht wieder aus dem
Einzugsloch entweichen kann; vgl. Ov. met. 14, 224 cohibentem carcere
ventos und 15, 346 venti cohibentur in antris (C). Unbegründet ist daher
die Kritik von Hosius an diesem Ausdruck.

269: Schema a,b/V/A,B mit BR. lanea . . . parma: Nur hier


belegter Terminus technicus (dazu ThlL X 1, 411, 61 ff., anders Green
z. St.: not a technical term but a typical piece of grandiloquence“); lanea

aus Filz“; über Wolle als Material zur Filzherstellung vgl. RE XII (1924)

598. fagineis . . . cavernis: Der Plural findet sich poetisch nicht
selten bei Gerätschaften (aratra Verg. georg. 3, 519; K.-St. I 84), hier
auch durch die beiden Bretter des Blasebalgs begründet und außerdem
zur Hiatvermeidung wie V. 470. Damit erübrigen sich auch die bis zur
Textänderung gehenden Überlegungen von Fuchs, MH 32, 1975, 179 f.
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 201

zu einem Blasebalg mit zwei Kammern. Buchenholz ist bevorzugtes


Material für Gegenstände und Werkzeuge (Cato agr. 21, 5 cupam materia
ulmea aut faginea facito; RE III [1897] 971). alludens: Den Gebrauch
bespricht Cavarzere, Komm. S. 125 mit Verweisen.

270–282: Hier wird kein einmaliges Ereignis geschildert, auch nicht, daß
sich der Fluß einmal auf eine heitere Weise rächte“, wie Schröder [3.2.]

53–55 ausführt, sondern die Szene ist ein Beweis für die Lebenskraft
(V. 271 animus) von Moselfischen (vgl. V. 261 vigor und zu V. 277)
und der belebenden Wirkung des Moselwassers (vgl. V. 341–344). Den
Abschnitt bespricht Scafoglio, WS 117, 2004, 165 f. Auch Oppian weiß
von einigen Fischarten (hal. 3, 143) πολλάκι δ’ ἐξώλισθον ἀπ’ ἀγκίστροιο
λυθέντες. Anknüpfungspunkt für das mythische Beispiel ist die Unter-

wasserjagd“ des törichten Anglers.

270 vidi egomet: Vgl. V. 341 vidi ego. Es bedeutet nicht so sehr einen
Wendepunkt“ (Schröder) in der Schilderung, sondern ist Beglaubigungs-

topos für das Folgende wie am Hexameteranfang Verg. Aen. 3, 623; Hor.
sat. 1, 8, 23 (H); Stat. silv. 2, 1, 101; dazu Burnier [3.2.] 70. quos-
dam: Implizit bringt Ausonius durch den Plural zum Ausdruck, daß
er den Vorgang wiederholt beobachtet hat. leti sub fine tremen-
tes: Nur scheinbar ein Pleonasmus, da letum den ganzen Vorgang
der Vernichtung“ bezeichnet (Prisc. gramm. II 529, 20 letum‘ dici-
” ’
tur, quod delet vitam). Ähnlicher Versschluß Iuv. 7, 241 (M 2); vgl. V. 264.

271 collegisse animas: Vgl. Lucan. 3, 623 effugientem animam lassos


collegit in artus (H) und 9, 9 (M 2). in sublime citatos: Auson.
epist. 19b, 8 f. quam (sc. Hippocrenen) pedis / pulsu citatum.

272 cernua . . . praeceps: Nicht synonym, wie Hosius meint, sondern


cernua bezeichnet die Körperhaltung, praeceps die Richtung; vgl. die
Belege ThlL III 875, 69 ff. Adverbiell wird praeceps seit Seneca gebraucht;
die Junktur praeceps dare wie Tac. ann. 6, 17, 3; vgl. Auson. ecl. 9, 11
praeceps . . . ire. Das formale Vorbild (besprochen von Cavarzere, Paideia
57, 2002, 53) ist Verg. Aen. 9, 815 f. (Turnus) tum demum praeceps saltu
sese omnibus armis / in fluvium dedit (Ma).

273: Versus tetracolos mit BR (C); vgl. zu V. 22.

274 impos: Vgl. ThlL VII 1, 666, 15 i. q. non ferens damnum; vielleicht
soll auch der Gegensatz zu V. 273 potientes mitgehört werden. An
Paronomasie mit V. 276 impetit denkt Cavarzere, Komm. S. 126.
202 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

275 impetit: Gleicher Versanfang Lucan. 6, 223 (M 2). captat


prensare: Der Terminus technicus für den Fischfang (Focardi, Festschr.
Ronconi [3.2.] 105 Anm. 29) ist syntaktisch in der Funktion als Hilfsver-

bum“ wie V. 237 mit dem Inf. verbunden (seit Liv.; vgl. K.-St. II 1, 674;
ThlL III 379, 7, ff.). natatu: Vgl. zu V. 90.

276–282: Die geradezu sprichwörtlich gewordene Geschichte von


Glaucus erzählt Ovid met. 13, 904–968 (Tr) und erwähnt ihn Ibis
553 f. (G); vgl. auch Stat. silv. 3, 2, 36 f. und die Belege RE VII (1910)
1408–1412. Der Fischer aus Anthedon in Böotien sprang nach dem
Genuß eines Zauberkrauts ins Meer und wurde in einen Fisch verwandelt.
Überlegungen über das Verhältnis des Ausonius zu seiner Vorlage bei
Gagliardi [3.1.] 79 (Entleerung des Mythos); Roberts [3.2.] 346 = 254 f.;
Newlands [3.2.] 414 Anm. 37. Auf die gleichsam heroischen Anstrengun-

gen der Moselfische“ verweist Burnier [3.2.] 70.

276: BR. Anthedonius: Das Adj. nur noch Stat. Theb. 9, 291
und 328 (D) belegt. Offensichtlich ist das Attribut gesetzt, um den
Fischer von den zahlreichen anderen mythischen Gestalten gleichen
Namens (RE l. c. s. v. Glaukos Nr. 9–26) zu unterscheiden. Boeotia
per freta: Wenn Cavarzere, Komm. S. 126, darauf hinweist, daß hier
fretum nicht nur allgemein nach poetischem Sprachgebrauch das Meer
bezeichnen kann (vgl. zu V. 108), sondern im eigentlichen Sinne die
Meerenge zwischen Euböa und Böotien, so ist damit implizit auch ein
Vergleich der Mosel mit dem nur 30 m breiten Euripos gegeben; vgl. zu
V. 108. Gesteigert wird der Meerengen-Vergleich dann V. 287–291 mit
der Erwähnung des Bosporos.

277–279: Glaukus hatte die gefangenen Fische am Ufer im Gras


ausgelegt und vor seiner Verwandlung beobachtet, wie sie durch die
Berührung mit dem Gras (Ov. l. c. 936 gramine contacto) gekräftigt
zurück ins Meer sprangen. Ausonius verändert die Vorlage, indem er
die sterbenden Fische Kräuter fressen läßt (carptas moribundis piscibus
herbas). Seine Moselfische können – wiederum in einer Art Überbietung –
aus eigener verbliebener Kraft zurück ins Wasser gelangen. Da bei Ovid
anschließend (met. 14, 8 ff.) die Begegnung des Glaucus mit Circe erzählt
wird, lag es nahe, die wiederbelebenden Gräser der ursprünglichen
Geschichte durch die verderbenbringenden Kräuter der Circe zu ersetzen.
Der logische Gedankengang der Periode gramina. . . sumpsit läßt sich
etwa so paraphrasieren: Glaucus versucht die Kräuter, von denen zuvor
die sterbenden Fische gefressen hatten, und macht die Erfahrung, daß
sie für einen Menschen so verderblich sind wie die Zauberkräuter der
I. Arbeit und Vergnügen (150–282) 203

Circe. Durch das Hysteron proteron expertus . . . sumpsit wird der


Gedankengang verunklärt.

277 gustatu: Öfters bei Plinius (ThlL VI 2, 2366, 54 ff.). Cavarzere,


Komm. S. 127, erwägt Supin, abhängig von exitialia, wie Plin. nat. 15, 129
bacis gustatu . . . non asperis. exitialia: Sc. esse. Circes: wie sie

die Zauberin Circe benützt“; statt des Adj.; vgl. Prop. 2, 1, 53 Circaeo
gramine (H).

278 f. carptas . . . sumpsit: Vgl. herbam carpere Verg. georg.


3, 296 f.; Ov. met. 7, 232 f. (Medea) carpsit et Euboica vivax Anthedone
gramen, / nondum mutato vulgatum corpore Glauci (P) und über die
Wortwahl im Verhältnis zu Ovid die Beobachtungen von Cavarzere,
Komm. S. 127 mit Lit.

278 moribundis piscibus: Über den bloßen Ablativ als Agens


vgl. L.-H.-Sz. II 122.

279: BR. Zur Dihärese nach zweisilbigem Spondeus am Versanfang


(sumpsit) wie V. 209 vgl. Cavarzere, Komm. S. 127 mit Lit.
Carpathium . . . pontum: Im engeren Sinne das Meer zwischen Kreta,
Rhodos und der kleinasiatischen Küste, genannt nach der Insel Carpathus
(Mela 2, 114; Plin. nat. 4, 71); hier als gelehrte Reminiszenz an Hor. carm.
1, 35, 8 und 4, 5, 10 auf die gesamte Ägäis übertragen. subiit: Im Ge-
gensatz zu V. 253 ist hier die Bewegung nach unten gemeint. Versschluß
nach Ov. met. 13, 903 novus incola ponti (Tr). Im Spätlat. nimmt accola
Anwohner, Nachbar“ die allgemeine Bedeutung incola an (Auson. epist.

3, 36; ThlL I 329, 13 ff.).

280 ille: Das Demonstrativpronomen ist nicht auf den puer zu beziehen
(C), denn 1. verweist das Pronomen von der Gegenwart auf die entfernte
mythische Vergangenheit, 2. ist der puer nicht als erfahrener Fischer
gezeichnet, 3. ist er kein Meeresfischer und 4. paßt die Formulierung
V. 282 captivas . . . catervas eher zu Glaucus; vgl. Green, Komm.
z. St. hamis et rete potens: Vgl. zu V. 250 ignara doli. Ov. met.
13, 922 f. sagt Glaucus selbst nam modo ducebam ducentia retia pisces, /
nunc in mole sedens moderabar harundine linum und 933 f. (pisces)
quos aut in retia casus / aut sua credulitas in aduncos egerat hamos
(Tr). scrutator: Vgl. zu V. 241.

280 f. operti Nereos: Nach Wendungen wie Lucan. 6, 514 Ditis


operti ; Sil. 13, 429 operto . . . regi ist operti als Adj. zu verstehen (Roberts
204 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

[3.2.] 346 = 254 Anm. 20). Die Metonymie des Namens der Merresgottheit
Nereus für Meer“ wie Ov. met. 1, 187 u. ö.; Belege bei Focardi S. 86.

Zum Versschluß vergleicht Cavarzere, Komm. S. 128 Stat. silv. 5, 3, 178
facis explorator opertae.

281 aequoream . . . Thetyn: Auch diese Metonymie der Meeres-


nymphe und Tochter des Nereus ist klassisch wie Verg. ecl. 4, 32 u. ö.
Doppelte metonymische Benennung des Meeres wie Anth. 21, 48 f. Nep-
tunum . . . profundi Nereos (C). converrere: Vgl. zu V. 244 verrit;
vom Fischfang hier singulär gebraucht (ThlL IV 850, 29 ff.).

282: BR. captivas: Nämlich den vorher gefangenen; s. o. zu V. 277–


279. Greens Konjektur captatas wird mit Recht zurückgewiesen von
Cavarzere, Incontri [3.2.] 185 und Komm. S. 128. fluitavit: Vgl. zu
V. 197. praedo: Vgl. zu V. 241.

II. Die Villen (283–348)

1. Die Villen in der Landschaft (283–297)

Die Struktur des Abschnitts entspricht der von V. 152–168: Auf eine
allgemeine Charakteristik der Villen (V. 283–286) folgt ein ausführlicher
Vergleich (V. 287–291). Abschließend wendet sich der Blick wieder dem
Fluß und seinen Eigenschaften zu. Vorbild für den ganzen Abschnitt ab
V. 285 ist Stat. silv. 1, 3, 24–31 (Beschreibung der Villa des Manilius
Vopiscus in Tivoli): litus utrumque domi, nec te mitissimus amnis /
dividit. alternas servant praetoria ripas: / non externa sibi fluviumve
obstare queruntur. Sestiacos nunc fama sinus pelagusque natatum /
iactet et audaci victos delphinas ephebo! / hic aeterna quies, nullis hic
iura procellis, / numquam fervor aquis. datur hic transmittere visus /
et voces et paene manus. Mit der schon von Freher notierten Aemulatio
(dazu Posani [3.2.] 59 f.; Kenney [3.2.] 192 f.; Pavlovskis [3.2.] 37 f.;
Scafoglio, Tecnica allusiva [3.2.] 455 f.) tritt Ausonius nicht nur wiederum
in Konkurrenz zu einem bedeutenden literarischen Text, sondern sucht
auch inhaltlich die Parallele zu jenem immer wieder gerühmten Ort am
Anio, wo sich schon Horaz seinen Altersitz wünschte (carm. 2, 6, 5 ff.; vgl.
carm. 1, 7, 12 ff.; 4, 2, 29 ff.) und Hadrian seine bekannte Villa erbaute.
Man darf daher auch an dieser Stelle einen indirekten Vergleich der Mosel
mit einer berühmten Landschaft Italiens vermuten, der ebenso zum Lob
des Flusses beiträgt wie der anschließende Vergleich mit Bosporos und
Hellespont. Darüber hinaus ist eine Reminiszenz an den Tiber gegeben,
II. Die Villen (283–348) 205

von dem Plin. nat. 3, 55 bemerkt pluribus prope solus quam ceteri in
omnibus terris amnes accolitur adspiciturque villis. Auch ein persönliches
Interesse dürfte Ausonius bei der Beschreibung der Villen geleitet haben.
Bekanntlich besaß er eigene Güter an Garonne und Gironde (dazu Grimal
[3.1.]). Vgl. auch Kenny [3.2.] 192 f. und Scafoglio, WS 117, 2004, 160
mit einem kurzen Überblick über die verschiedenen Interpretationen des
Abschnitts.

283–286: In einem gleitenden Übergang von einer Szene zur andern


(vgl. Einleitung S. 22) wechselt der Standpunkt des Betrachters von der
Nahaufnahme“ bei der Beobachtung der Fischer und der Fische zur

Vogelperspektive, die wie V. 20–23 die gesamte Landschaft zunächst mit
einem Blick erfaßt, der sich dann von den Höhen hinab zum Fluß richtet;
auf das Motiv des spectaculum als verbindendes Element verweist Cavar-
zere, Komm. S. 128. Zwei Typen der Landhäuser werden unterschieden,
die villae auf den Höhen und die praetoria am Ufer (Newlands [3.2.] 410).
Die Höhenlage ist archäologisch mehrfach dokumentiert. Die Villa von
Winningen (Cüppers 669 f.) war in Teilbereichen noch bis zur Mitte des
4. Jh. bewohnt. Beim sog. Heidenkeller in Nehren befand sich ein Gutshof
auf der Oberterrasse am Moselbogen“ (Cüppers 489), ebenso bei Lösnich

(Cüppers 451 f.). Zu vergleichen ist auch die Lage der Villen von Mehring
(Cüppers 477 f.) und Longuich. Unter praetorium versteht man zunächst
die Amtswohnung des Statthalters oder anderer Amtsinhaber in der
Provinz, dann das Herrenhaus einer größeren Villenanlage oder diese
selbst; vgl. die Villa des Tiberius bei Sperlonga, die Suet. Tib. 39 als
praetorium, Tac. ann. 4, 59, 1 als villa bezeichnet wird (I); Stat. silv.
1, 3, 25 (s. o.) u. ö. (ThlL X 2, 1073, 59 ff.). Beispiele für solche Anlagen in
Flußnähe sind die Villen in Nennig (Katalog Mosel und Saar [3.1.] Nr. 54;
F. Oelmann: Römische Villen im Rheinland, in: Fr. Reutti [Hrsg.]: Die
römische Villa, Darmstadt 1990, 184–188; M. Glaser u. a.: Die römische
Villa Nennig, Saarbrücken 2007) und Kinheim (Cüppers 414 f.), aber
auch die Kaiservilla von Konz (vgl. zu V. 324–326 und 369). Weitere
Villen nennt Steinhausen (vgl. zu V. 365 f.) 192.

283 caerula: Das Adj. wird, wie caeruleus, in der Mosella außer
V. 112 immer im Zusammenhang mit dem Wasser gebraucht (V. 62,
84, 141, 418, 477). Substantiviert als Neutrum Pluralis kann caerula
sowohl den blauen Himmel (Lucr. 6, 96) wie das blaue Wasser bezeichnen
(Verg. Aen. 8, 672). Die Übersetzer schwanken z. B. zwischen am blauen

Firmament“ (John), oben im Blau“ (Weis), nell’azurro firmamento“
” ”
(Marsili) und am bläulichen Strome“ (Tross, Ottmann), am blauen
” ”
Wasser“ (Schönberger), along the azure reaches of the river“ (Evelyn

206 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

White), nella corrente cerulea“ (Cavarzere). Hosius konstatiert: hier


” ”
heisst es ‘Wasser’“. Aber nicht nur der Kontext (despectant, pendentes
saxis), sondern auch die Parallele Ov. met. 2, 320 f. longoque per aëra
tractu / volvitur (Phaëton) und insgesamt die Blickrichtung von oben
nach unten sowie die archäologisch nachgewiesenen Villen in Höhenlage
sprechen für die Bedeutung blauer Himmel“. Außerdem verflüchtigt sich

im Spätlatein die lokale Bedeutung von per häufig im Sinne von in, ad
(L.-H.-Sz. II 240). longo . . . tractu: Vgl. zu V. 154.

284: Vgl. zu V. 20 saxis. instanti culmine villae: Nach Verg. ecl.


1, 82 summa . . . villarum culmina (Ven. Fort. carm. 10, 9, 17). Der
Abl. hat qualitative Funktion im adnominalen Gebrauch (L.-H.-Sz. II
118). Newlands [3.2.] 410 nennt das Attribut instanti expressive of

an ambitious urgency that is out of keeping with the peacefullness of
the lower landscape“. Diese Bewertung ist offensichtlich verfehlt, da die
Villen vielmehr als fluvii decoramina (V. 320) anzusehen sind; vgl. dort.
Zutreffend sieht Stutzinger [3.2.] die Villenlandschaft als Ausdruck und
Sinnbild eines befriedeten Imperiums (114), was sich im Gegensatz zu
den Deutungen von Roberts und Newlands exakt in die Grundtendenz
der Mosella einfügt.

285 medius dirimit: Mehrfach bei Lukan (3, 275; 4, 18 und 33) belegte
epische Junktur (H). sinuosis flexibus: Nach Verg. georg. 1, 244
flexu sinuoso elabitur Anguis (M). Die Charakteristik trifft auf den
gesamten Flußlauf von Trier abwärts zu, gilt aber auch schon innerhalb
der Gallia Belgica. Die klassische Eigenschaft des Mäander (Plin. nat.
5, 113 – H) ist auch für italische Flüsse belegt: Verg. georg. 3, 14 f.
tardis ingens ubi flexibus errat / Mincius (H); Sil. 9, 227 f. sinuat qua
flexibus undam / Aufidus; Claud. 27, 175 (Eridanus) sinuatis flexibus (Tr).

286: BR. alternas . . . ripas: Der mäandernde Flußlauf bietet auf


beiden Seiten einen Wechsel von Steilhängen und flacheren Uferstreifen;
nur auf diesen finden sich die praetoria. Formuliert nach Stat. silv. 1, 3, 26
alternas servant praetoria ripas. Die Aemulatio (vgl. zu V. 288) beginnt
demnach schon bevor die mythologische Geschichte erzählt wird.

287–297: Zunächst gilt das Lob dem Fluß selbst (Schröder [3.2.] 47;
Cavarzere, Komm. S. 130); erst ab V. 298 werden die verschiedenen
Typen der villae beschrieben. Das Lob erwächst aus dem negativ
konnotierten vergleichenden Hinweis auf den Hellespont. Die fünffache
Nennung mit den Varianten (vgl. V. 156–160) pelagus, aequor, freta,
pontus, euripus (Dräger, Ed. 2011, 382; dagegen haben Hosius, Marsili
II. Die Villen (283–348) 207

und Cavarzere, Paideia 57, 2002, 58 f. und Komm. nur drei Varianten
konstatiert; vgl. V. 257 f.; vergleichbare Varianten Sen. Phaedr. 1007 ff.)
konzentriert sich auf die Schwierigkeit der Kommunikation dort im
Gegensatz zu der, durch das Vorbild des Statius vorgegebenen, Leichtig-
keit des Verkehrs hier an der Mosel. Die Überquerung des Hellespont
scheiterte letztlich, und wo sie zunächst erfolgreich erschien, wie bei der
Unternehmung des Dareios, war sie ebenfalls nicht von Bestand. Durch
die ephemeren Überbrückungen ließ sich keine Verbindung zwischen
Asien und Europa schaffen. Die Mosel dagegen ist selbst verbindendes
Element. Entsprechend der Tendenz der Mosella ist mit Schönberger (Ed.
S. 70, aufgegriffen von Cavarzere, Komm. S. 131) nicht auszuschließen,
daß Ausonius auch implizit über den Umweg der Topographie einen
Vergleich zwischen den neuen Hauptstädten des Reiches, Konstantinopel
und Trier, zieht, der natürlich zugunsten der Augusta Treverorum und
ihres Umlandes ausfällt. Zu den im folgenden genannten sprachlichen
Parallelen konstatiert Green CQ 71, 1977, 449 a cluster of echos“.

287 Sestiacum pelagus: Nach Stat. silv. 1, 3, 27 (M 1). Der Helles-
pont (Dardanellen), Meerenge zwischen den Städten Sestos auf der
europäischen und und Abydos auf der kleinasiatischen Seite, benannt
nach Helle, der Tochter der Nephele. Sie floh zusammen mit ihrem Bruder
Phrixos auf einem goldenen Widder vor ihrer Stiefmutter Ino und ertrank,
als sie bei der Überquerung der Meerenge von dem fliegenden Widder
stürzte (die Belege RE VIII [1912] 159–163). Das antike Abydos lag auf
einem Burghügel 5 km nördlich der heutigen Stadt Çanakkale (DNP s. v.
Abydos [1]). Vgl. zu V. 27. Nepheleidos Helles: Versschluß wie Ov.
met. 11, 195 (Tr).

288: Hero, Priesterin der Aphrodite in Sestos, lernte bei einem Fest
Leander (ephebus wie bei Stat.) aus Abydos kennen. Jede Nacht durch-
schwamm er den Hellespont, um sie zu treffen. Als die Lampe, die Hero
in einem Turm als Wegweiser aufgestellt hatte, in einer Sturmnacht
erlosch, verirrte sich Leander und ertrank. Als Hero den Leichnam findet,
stürzt sie sich von dem Turm. Die beliebte hellenistische Liebesgeschichte
ist in der lateinischen Literatur zuerst Verg. georg. 3, 258–263 (ohne
Namensnennung) erwähnt, Ovid widmet ihr epist. 17 und 18. Das direkte
Vorbild für Ausonius (auch Cup. 22 f. erwähnt) ist jedoch Stat. silv.
1, 3, 24–33. Abydeni: Das Adj. seit Ovid (epist. 17, 2) belegt; vgl.
Stat. silv. 1, 2, 81 Abydeni iuvenis; ThlL I 253, 15 ff.

289–291: Die Schiffsbrücke, die Dareios I. im Jahre 513 auf seinem


Zug gegen die Skythen über den Bosporos schlug, erwähnen Hdt. 4, 85 ff.;
208 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

Plin. nat. 4, 76 u. a. Sie lag wohl an der mit 660 m engsten Stelle,
wo sich heute die nördliche Bosporusbrücke befindet. Da Plinius im
gleichen Zusammenhang auch die bekanntere Brücke des Xerxes über
den Hellespont erwähnt (4, 75 constrato in navibus ponte), hat schon
Cannegieter wegen der sprachlichen Parallele vermutet, daß Ausonius
auch an diese gedacht habe; vgl. zu V. 291.

289 Chalcedonio . . . ab litore: Kalchedon am südlichen Eingang zum


Bosporos gegenüber Byzanz, heute Kadiköy. constratum: Terminus
technicus für den Brückenbau; vgl. Auson. techn. 15, 10; ThlL IV 508, 17 ff.

290 regis opus: Wie Hor. epist. 2, 3, 65 (Tr), Varianten der Junktur
bei Hosius. magni: Scaligers Korrektur verteidigt zuletzt Scafoglio,
Vichiana 4. ser. 4, 2002, 218.

290 f. Ähnlich epist. 17 l. 20. Auf die sprachliche Nähe zu Stat. Achill.
1, 409 f. Phrixi qua semita iungi / Europamque Asiamque vetat hat
schon Tross hingewiesen; vgl. Stat. Theb. 11, 438 Pontus Cyaneos vetuit
concurrere montes (H). Die topographische Terminologie ist durch Plin.
nat. 9, 50 (H) vorgegeben (in euripo Thracii Bospori . . . in ipsis Europam
Asiamque separantis freti angustiis, ebenso 4, 75 tenuis Euripus); vgl.
zur formelhaften Verbindung beider Erdteile Wamser S. 90 f.; Mondin,
Ed. Epist. S. 116.

292–297: Schröder [3.2.] sieht an der Stelle ein wenig naheliegendes



Lobesargument“ und spricht von gesuchter Künstelei“ (48). Mit seiner

Kritik geht er offenbar von der Überlegung aus, daß die Mosel bereits

in Trier runde hundertfünfzig Meter breit“ sei (47). Das trifft natürlich
nur für den heute regulierten Fluß zu, der eine mindestens 40 m breite
Fahrrinne aufweist. Offensichtlich hat aber Ausonius die Situation nicht
in der Trierer Talweite, sondern an der Mittelmosel mit ihren Steilhängen
und damals wechselnder Wassermenge vor Augen; vgl. z. B. die Abbildung
Nr. 62 bei Dieck [3.1.], die den Eindruck kommunikativer Nähe vermittelt.
Übertreibende Formulierungen wie V. 292 oder V. 296 paene manus
sind nicht nur auf die Vorlage Stat. silv. 1, 3 zurückzuführen, sondern
entsprechen dem Stil des Ausonius wie allgemein dem der Panegyrik,
der sich auch im folgenden Architektenkatalog zeigt. Cavarzere, Komm.
S. 132, verweist auf die Beschreibung des Hellesponts und des Bosporos
bei Plin. nat. 6, 2 alitum quippe cantus canumque latratus invicem
audiuntur, vocis etiam humanae commercia, inter duos orbes manente
conloquio, nisi cum id ipsum auferunt venti und entsprechend der
Tendenz der Mosella auf den Gedanken der Akkulturation, wie sie Plin.
II. Die Villen (283–348) 209

nat. 3, 39 in seinem Lob Italiens zum Ausdruck bringt (terra omnium


terrarum alumna eadem et parens; numine deum electa, quae caelum
ipsum clarius faceret); vgl. zu V. 12 f. Zum Echo as proof of the

universality of communication“ (Auson. epist. 21, 9–10) vgl. Roberts
[3.2.] 350 = 260.

292 dira . . . rabies: Wie Lucan. 7, 51; Stat. Theb. 1, 589 (Wamser
S. 91 und Cavarzere; Komm. S. 132 mit weiteren Belegen zur Terminolo-
gie des Sturmes).

293 proelia caurorum: Die übertragene Bedeutung von proelium


zuerst Verg. georg. 1, 318 ventorum . . . proelia. Mit caurus oder corus
wird im engeren Sinne der Nordwestwind bezeichnet, im Plural auch
Lucan. 5, 572 Cori verrent mare und 9, 1001. commercia linguae:
Versschluß wie Ov. trist. 3, 11, 9 u. ö. (Tr); vgl. Mastandrea 138 und Stat.
Theb. 2, 512 commercia iungere linguae (H).

294 iungere et: Zu dieser Form der Synalöphe vgl. Lolli, Parentalia 75.
alterno . . . pulsu: Zu ergänzen ist nicht linguae (H), sondern aëris
nach der Platonischen Definition (Tim. 67 B) der Stimme bei Gell.
5, 15, 7 plaga ipsa atque percussio, id vox est (Tränkle, Nachtrag 1990
S. 249, der damit seine eigene Konjektur dictu revidiert). Cavarzere,
Komm. S. 133, verweist auf Prosp. carm. de ingrat. 470 pulsante aures
sermone. sermonem texere: Vgl. schon Plaut. Trin. 797 sermones
longos texere (H).

295 f.: Nach Roberts [3.2.] 351 = 260 f. eine Kontamination der
Imitation von Stat. silv. 1, 3, 30 f. datur hic transmittere visus et voces
et paene manus (Tr) und Stat. Theb. 12, 783 permiscent . . . manus (H).
Die Silvae-Stelle legt zunächst Marklands Änderung in visus nahe: So
würde das wörtliche Zitat variiert und die syntaktisch problematische
Wiederaufnahme von et voces vermieden. Diese jedoch erklärt Cavarzere,
Komm. S. 134, zu Recht als Anadiplosis zur Verbildlichung des Echos.

295: Schema a,b,/V/A,B. blanda . . . litora: Vielleicht nach Stat.


silv. 3, 5, 96 sive vaporiferas, blandissima litora, Baias (Cavarzere, der
Komm. S. 133 darin eine Vermenschlichung“ des Flusses sieht; vgl. zu

V. 210). salutiferas . . . voces: Schon Tross hat den Anklang an
die Grußformel salve beobachtet. Die Bemerkung von Roberts [3.2.] 351
= 260 Anm. 31 There is something here of the spirit of late antique

correspondence“ mit Verweis auf epist. 22, 9 morem missae acceptaeque
salutis hat Cavarzere l. c. aufgegriffen und mit weiteren Belegen gestützt.
210 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

Varianten der Junktur bei Hosius. permiscent: Die emphatische


Variation gegenüber der möglichen Vorlage (Statius) transmittere be-
sprechen Roberts [3.2.] 351 = 260 f. und Cavarzere l. c.

297 verba refert . . . echo: Auf Lucr. 4, 578 f. ita colles collibus
ipsi / verba repulsantes iterabant dicta referri und Auson. epist. 4, 23
referitur vocibus echo verweist Cavarzere, Komm. S. 134, auf Auson.
epigr. 11 Rücker [3.1.] 286 f..

2. Katalog der Architekten (298–320).

Der Katalog der Architekten, die nach der Vorstellung des Ausonius
Villen an der Mosel errichtet haben könnten, gliedert sich, nach den
beiden einleitenden Versen, in vier variierende Abschnitte, die sich
auf verschiedene Vorlagen zurückführen lassen. Die Reihe beginnt mit
Daidalos, dem Ahnherrn und Schutzpatron der athenischen Handwerker
und Künstler; Quelle ist Vergil. Philon und Archimedes stellt Plin. nat.
7, 125 zusammen, der allerdings bei Archimedes nur seine Kenntnisse
in Geometrie und Mechanik erwähnt. Danach folgt eine Gruppe, die
anonym und pauschal als die Hebdomas Varros bezeichnet wird. Während
über die Quelle für die Erwähnung eines Menekrates nur spekuliert wer-
den kann, läßt sich die Nennung des Chersiphron wiederum auf Plinius
l. c. zurückführen, der allerdings Iktinos nicht erwähnt. Diesen könnte
Ausonius aus Vitruv (7 praef. 12 und 16) gekannt haben, der im
4. Jh. noch gelesen wurde (vgl. Einleitung S. 28). Am ausführlichsten ist
Deinochares, wiederum nach Plinius, erwähnt. Ob die sieben namentlich
genannten Architekten mit der Hebdomas Varros identisch sind, wie von
den Erklärern als selbstverständlich behauptet wird, ist keineswegs sicher;
Roberts [3.2.] 348 = 257 Anm. 25 spricht wohl mit Recht von insgesamt
acht Beispielen, denn V. 305 Forsan et weist eher auf einen neuen
Aufzählungspunkt hin. Auch sonst durchbricht oder ergänzt Ausonius
die namentliche katalogartige Aufzählung durch den pauschalen Hinweis
auf ungenannte andere; vgl. V. 151, 372–374, 480; Cup. 43 centum
aliae und Einleitung S. 30. Das Interesse des Ausonius für Architektur
äußert sich auch im Ordo urbium nobilium; vgl. Di Salvo 26. In der
Nennung der griechischen Architekten und ihrer berühmten Bauwerke
wird die Tendenz der Mosella wiederum deutlich: Die hier errichteten
Villen können dem Vergleich mit berühmten Schöpfungen griechischer
Architektur ebenso standhalten wie ihre ungenannten Baumeister den
Vergleich mit den griechischen Künstlern. Bemerkenswerterweise werden
aber in dem Vergleich keine Bauten Italiens genannt, während schon
II. Die Villen (283–348) 211

Vitruv 7 praef. 18 feststellte cum ergo et antiqui nostri inveniantur non


minus quam Graeci fuisse magni architecti.

298 f.: Der Abschnitt wird eingeleitet durch zwei Verse, die topisch von
der Schwierigkeit der Aufzählung sprechen. Sie sind charakteristisch für
den Anfang eines Katalogs. Vgl. zu V. 77–81 und Einleitung S. 30. Schon
der Dichter des Homerischen Schiffskatalogs (Il. 2, 488) sagt πληθὺν δ᾿ οὐκ
ἂν ἐγὼ μυθήσομαι οὐδ᾿ ὀνομήνω. Ausonius vermeidet allerdings den schon
von Persius 5, 1 ff. verspotteten 1000-Zungen-Topos (dazu Norden S. 293).

298 quis potis: Wie Enn. ann. 174 V. = 164 Sk. (H); im Altlat. häufig
ohne Kopula (ThlL X 2, 336 63 ff.). cultusque habitusque: Junktur
(in anderer Bedeutung) nach Verg. georg. 1, 52 (M 2). Hier sind die
verschiedenartigen äußeren Erscheinungsformen der Villen gemeint,
variiert durch cultus ( prachtvolle Ausgestaltung“ wie Suet. Aug. 72, 1),

habitus ( äußere Erscheinung“ wie Colum. 7, 3, 3; Sen. nat. 7, 15, 1),

V. 299 tectonicas . . . formas, aufgenommen V. 319 scaenas . . .
domorum. retexens: In der Bedeutung wieder erzählen“ seit Stat.

Theb. 3, 338 (C), Versschluß wie hier. Vgl. noch Ps.Auson. app. 4
p. 265, 18 ff. breviter et in epitomae speciem belli Troici causam . . .
retexuimus.

299: BR. tectonicas . . . formas: Gemeint sind die verschiedenen


Bauformen“ der Villen, nicht nur ihre Grundrisse. Das Adj. ist nur hier

belegt (D); vgl. Suet. Nero 16, 1 formam aedificiorum urbis; ordo 44 =
7, 10 omnia quae magnis operum velut aemula formis (Fr). Das griech.,
von Grammatikern tradierte (Audax gramm. VII 320, 9; vgl. HLL V 109)
Fremdwort τεκτονικός ist statt des metrisch unbrauchbaren architecto-
nicus gewählt (C). praedia: Zusammenfassende Bezeichnung für die
villae und praetoria.

300–303: Selbst ein Daidalos, der Ahnherr und Schutzpatron der


athenischen Handwerker und Künstler und daher als erster genannt,
dürfte diese Aufgabe, nämlich Landhäuser an der Mosel zu erbauen,
ebensowenig ablehnen wie die beiden anschließend Erwähnten. Daidalos,
der Erbauer des Labyrinths (Plin. nat. 36, 85), fertigte für sich und seinen
Sohn Ikaros Flügel und floh damit aus Kreta (daher Gortynius; Auson.
techn. 10, 88 Cres) und damit aus der Gewalt des Königs Minos. Ikaros
stürzte ins Meer, was Daidalos auf den Toren des Apollontempels von
Cumae (aedis Euboicae) nachzubilden versuchte, um seinen Schmerz zu
lindern. Vorbild ist Verg. Aen. 6, 30 ff. tu quoque magnam / partem opere
in tanto, sineret dolor, Icare, haberes. / bis conatus erat casus effingere
212 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

in auro, / bis patriae cecidere manus (Tr). Zur ganzen Wortwahl des
Ausonius vgl. Cavarzere, Komm. S. 134 f.; Scafoglio, Tecnica allusiva
[3.2.] 456 f.; zu Daidalos Künstlerlexikon I 151–152. Aus der von Vergil
übernommenen Passage (ebenso Auson. epist. 17 l. 42) den Schluß zu
ziehen, das Werk des Daidalos (ebenso wie das des Iktinos und Deinocha-
res) sei ein Beispiel für die unliebsamen Folgen menschlicher Kunst und
technischer Geschicklichkeit (Newlands [3.2.] 408 f. nach Roberts [3.2.]
348 = 257 f.), ist abwegig. Dreifaches anaphorisches non; vgl. zu V. 23–26.

300 spernat opus: Singuläre Junktur. Gortynius: Gortyn, die


bedeutende Stadt an der Südküste Mittelkretas, war in römischer Zeit die
Hauptstadt der Provinz Creta et Cyrenae (DNP s. v. Gortyn). Das Adj.
bedeutet seit Verg. ecl. 6, 60 und Aen. 11, 773 ganz allgemein kretisch“.

301 conditor: Die Bedeutung Erbauer“ (wie V. 311) konnte aus Verg.

Aen. 8, 313 Euandrus Romanae conditor arcis gewonnen werden.
Euboicae: Vgl. zu V. 216.

302 patrii . . . dolores: Gleiche Junktur Val. Fl. 2, 609 (Tr) und
5, 432 (M 2). pepulere: Wie V. 19 ist auch hier der Affekt stark
betont; vgl. ThlL X 1, 1016, 56 ff. Gleichzeitig klingt das Motiv der
Überbietung an: Während in Cumae der Vaterschmerz Daidalos daran
hinderte, sein Werk auszuführen, würde er hier an der Mosel die Arbeit
in Angriff nehmen.

303 Philo Cecropius: Als zweiter Athener ist Philon (2. Hälfte des
4. Jh. v. Chr.) genannt, der Erbauer des Arsenals im Piraeus, das bei
der Eroberung Athens durch Sulla im Jahre 86 v. Chr. zerstört wurde.
Da Philon und das Arsenal häufig in der Literatur erwähnt werden,
konnte Ausonius auf weitere Erklärungen verzichten. Quellen und reiche
Literaturangaben bei L. Lehmann, Künstlerlexikon II 245–247. Cecropi-
us, abgeleitet von Kekrops, dem sagenhaften ersten König Attikas und
Erbauer der Burg von Athen, seit Catull. 64, 79 häufig im Sinne von
athenisch“ oder attisch“ wie auch Symm. or. 2, 19 (s. u.).
” ”
303 f.: Eineinhalb Verse sind dem griechischen Mathematiker und
Konstrukteur Archimedes (ca. 287–212) gewidmet. Bei der Belagerung
von Syrakus durch die Römer vermochte er durch seine Verteidigungs-
maschinen den Fall der Stadt um zwei Jahre zu verzögern (Polyb. 8, 7–9;
Liv. 24, 21–39 und 25, 23, 1–25, 31, 11; Plut. Marc. 13–19; Val. Max.
8, 7, 7). Übereinstimmend wird berichtet, daß Marcellus den Tod des
Archimedes beklagte und seine hinterbliebenen Verwandten außerordent-
II. Die Villen (283–348) 213

lich ehrte. In seinem Panegyricus des Jahres 370 stellt Symmachus die
Bau- und Kriegskunst Valentinians über die Fähigkeiten des Archimedes
(2, 18): Während dieser seine Bürger nur eine Zeitlang schützen konnte
und sein Ruhm somit begrenzt ist, hat Valentinian durch die Errichtung
von Stadtmauern die Städte dauerhaft geschützt. Da Archimedes aber
immer nur wegen seiner geometrischen und mechanischen Kenntnisse
erwähnt wird, dürfte die offensichtlich singuläre Zusammenstellung mit
den anderen Architekten auf Plin. nat. 7, 125 zurückzuführen sein, wo an-
schließend Architekten genannt sind, sofern nicht eine direkte Anspielung
auf den Pangyricus des Symmachus vorliegt, in dem 2, 19 auch Daidalos
als Erbauer des Labyrinths erwähnt wird (Cretaeus Daedalus grassatorem
Cecropiae nobilitatis inclusit). Die Problematik der Verwendung des
Namens Archimedes im Hexameter (Creticus) bespricht Cavarzere,
Komm. S. 135; zur Kenntnis des Ausonius über Archimedes vgl. Simms
[3.2.] 641 f.; über seine Bedeutung als Mathematiker und Astronom vgl.
M. Geymonat: The Great Archimedes, Waco 2010 und St. Paipetis/
M. Ceccarelli (Hrsgg.): The Genius of Archimedes, New York 2010.

304: Schema a,b/V/A,B mit BR. traxit: Wie Quint. inst. 1, 10, 48
Archimedes unus obsidionem Syracusarum in longius traxit (Tr).
certamina belli: Versschluß wie Lucr. 1, 475 (C), weitere Belege bei
Mastandrea 119.

305–307: Der Abschnitt wurde (bis V. 315) von Urlichs [3.2.] näher be-
sprochen. Als Quelle für die Nennung einer anonymen Gruppe von sieben
Architekten dient Ausonius das 10. Buch der Imagines (Hebdomades),
in denen Marcus Terentius Varro (116–27) 700 Porträts von berühmten
Griechen und Römern zusammenstellte. Im einzelnen ist der Inhalt dieser
Schrift nur annähernd bekannt, die Ausonius-Stelle gilt als Quelle für
die Nachrichten über Architekten; vgl. RE Suppl. VI (1935) 1227–1229.
Das Werk wird auch Symm. epist. 1, 2, 2 und 1, 4, 1 im Briefwechsel
des Jahres 375 zwischen Vater und Sohn Symmachus erwähnt. Der
Vater (vgl. V. 409–414) nennt epist. 1, 2, 2 Varro Romanae eruditionis
parentem. Vielleicht will sich Ausonius durch die einzige Nennung eines
römischen Autors in der Mosella mit dem gelehrten Römer vergleichen,
der vermutlich im Auftrag Caesars eine römische Nationalbibliothek
einrichten sollte (RE l. c.) und der sich unter den Gebildeten des 4. Jah-
runderts immer noch höchster Wertschätzung erfreute. Nach Gell. 3, 10, 1
handelte Varro im 1. Buch der Hebdomades über die vielfachen virtutes
und potestates der Siebenzahl. Ausonius mag auch dadurch angeregt
worden sein, in der Mosella einige hebdomadisch bestimmte Passagen
einzufügen, ohne dem ganze Gedicht ein Siebenerschema aufzuzwin-
214 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

gen; vgl. Scott McGill, Gnomon 84, 2012, 462 f.; Einleitung S. 20 f. und
R. Reeh: De Varrone et Suetonio quaestiones Ausonianae, Halle 1916, 7 ff.

305: BR. Forsan et leitet einen weiteren Aufzählungspunkt ein wie


Auson. epigr. 15, 3 f. in me omnis terrae pelagique rapina est, / forsitan
et caeli. Auch V. 311 wird mit forsan ein weiteres Beispiel eingeführt.
Cavarzere, Komm. S. 136, erwägt auch die steigernde Bedeutung und
übersetzt e forse“. hominumque operumque labores: Mit dem

Satz adde tot egregias urbes operumque laborem leitet Vergil georg. 2, 155
in seinen laudes Italiae von der ideellen in die geschichtliche Landschaft
über (Richter S. 207). Die nachfolgende Erwähnung Varros unterstreicht
den Zusammenhang zwischen Moselland und Italien. Varianten des
Versschlusses sind Verg. Aen. 1, 455 f. operumque laborem / miratur, ibid.
507 und 2, 284 post varios hominumque urbisque labores: vgl. Ov. met.
2, 404 hominumque labores (Ma, P, H); vgl. V. 459.

306 hic habuit: Die Konjektur Pulmanns hinc, übernommen von Green,
wird von Cavarzere, Komm. S. 136, mit Recht abgelehnt; die von J. Diggle,
PCPhS 22, 1976, 54, vorgeschlagene Form aluit (statt habuit) in der
Bedeutung foster“, inspire“ ist aus ThlL I 1711 nicht zu belegen;
” ”
habere ist hier im Sinne von adhibere (ThlL VI 3, 2439, 26 ff.) gebraucht
( realizzò“ Cavarzere). Marcei: Die Überlieferung führt, entsprechend

der üblichen Verwechslung von g/c (vgl. zu V. 2 und die Schreibweise
des Ortsnamens Margus RE XIV [1930] 1409), auf die archaische Form
Marcei , von Schenkl aus CIL I 1013 gewonnen, während neuere Editionen
die Normalform Marci bieten, verteidigt von Mirmont 1889, 91. Die von
Hosius gegebene Begründung zur Unterscheidung von den Zeitgenossen“

ist jedoch nicht überzeugend, vielmehr soll die Quelle als besonders
altehrwürdig“ charakterisiert werden; vgl. den Archaismus V. 167.

307 Menecratis: Die überlieferte Form menecratos hat Vinet verbessert;
sie steht seit Scaliger in den Kommentaren. Unter den bekannten
Künstlern dieses Namens (RE XV [1931] 802 f. Nr. 32–38) findet sich
jedoch kein berühmter Architekt (Fabricius ibid. 803 Nr. 39, danach
Künstlerlexikon II 66), sodaß eine Verwechslung (vgl. V. 312 Dinocha-
res) angenommen werden muß. Vorgeschlagen wurde von Mirmont
1889, 92 Metagenes, Sohn des anschließend genannten Chersiphron
(Künstlerlexikon II 78–79); vielleicht weist V. 308 atque auf diese
verwandtschaftliche Verbindung hin. Eine Schrift der beiden über den
ionischen Artemis-Tempel in Ephesos (s. u.) erwähnt Vitr. 7 praef. 12,
Quelle für Plin. nat. 36, 95–97. Berühmter ist jedoch Mnesikles, der
Erbauer der Propyläen in Athen (Plut. Pericl. 13; Künstlerlexikon II
II. Die Villen (283–348) 215

89–92); an ihn dachte schon Urlichs 472; vgl. Marsili S. 66 und Cavarzere,
Komm. z. St.

307 f. artes . . . manus: Wie Stat. silv. 1, 3, 47 (Tr); vgl. Mart. 4, 39, 2–5
et solus veteres Myronos artes, / solus Praxitelus manum Scopaeque, /
solus Phidiaci toreuma caeli, / solus Mentores habes labores (H).

308 Ephesi spectata manus: Chersiphron (1. Hälfte des 6. Jh. v. Chr.)
war berühmt als Erbauer des Artemis-Tempels in Ephesos (fertiggestellt
um 460), eines der 7 Weltwunder (Plin. nat. 36, 95; Künstlerlexikon I
139). Ausonius umschreibt etymologisch die Bestandteile des Namens,
χερσὶ φρονω̃ν mit den Händen geschickt“ ähnlich wie Stat. silv. 1, 1, 6 f.

Palladiae . . . manus (H). in arce Minervae: Versschluß wie Verg.
Aen. 3, 531 (C); Ov. met. 8, 250 ex arce Minervae (M 2).

309 f.: Iktinos (6. Jh. v. Chr., Zeitgenosse des Phidias) ist u. a. der
Erbauer des Parthenon auf der Akropolis in Athen (Künstlerlexikon I
338–345). Die für die Erzählung von der magischen Eule relevanten Stel-
len hat Hosius zusammengestellt, zuletzt zusammengefaßt von Cavarzere,
Komm. S. 137. Auf der Akropolis gab es zahlreiche Eulen-Bilder, und
eine Darstellung der Eule fehlte auch an Athena-Statuen nicht, so an
der linken Wangenklappe des Helms der Athena Parthenos (Dio Chrys.
or. 12, 6; RE VI [1907] 1070; J. Boardman: Griechische Plastik, Die
klassische Zeit, Mainz 1987 Abb. 102). Damit scheint kombiniert die von
Lucr. 6, 749–755 überlieferte Nachricht, daß es auf der Akropolis beim
Parthenon einen für die Vögel verderblichen Avernus locus gebe, quo
numquam pennis appellunt corpora raucae / cornices (V. 751 f.). Auch
der Name des Iktinos ( Weihe“) mag in die Erzählung verwoben sein.

309: BR. cui: Ictinus, ebenso V. 312; vgl. zu V. 104. perlita
fuco: Versschluß wie Ser. med. 798 (C).

310 omne genus volucres: Zum adverbiellen Gebrauch von omne


genus vgl. L.-H.-Sz. II 47; inhaltlich gleich Ov. fast. 4, 99 genus omne . . .
volucrum (Ma).

311–317: Wie Plin. nat. 7, 125 wird in der Reihe der Architekten als
letzter ein Dinochares genannt. Gesichert ist, daß er die Vermessungs-
arbeiten bei der Gründung Alexandrias leitete (metatus Alexandro
condenti in Aegypto Alexandriam; vgl. Plin. nat. 5, 62 Dinochares ar-
chitectus pluribus modis memorabili ingenio). Die korrekte Namensform
Dinocrates (Δεινοκράτης) bieten Vitr. 2 praef. 1; Iul. Val. 1, 31 (RE
216 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

IV [1901] 2392 f.; Künstlerlexikon I 162). Die durch Plinius überlieferte


Namensform führte offenbar zur Verwechslung mit dem später tätigen
Timochares (v. l. Timocrates; vgl. RE IV [1901] 2390 f. s. v. Deinochares).
Das von Ausonius genannte Bauwerk erwähnt Plinius im Zusammenhang
mit dem Magnetstein (nat. 34, 148 magnete lapide architectus Timocha-
res Alexandriae Arsinoes templum concamarare incohaverat, ut in eo
simulacrum e ferro pendere in aere videretur, intercessit ipsius mors et
Ptolemaei regis, quid id sorori suae iusserat fieri ). Eine andere Statue
der Arsinoe II. aus einem Topas, das in ihrem Tempel, dem Arsinoeum,
aufgestellt wurde, nennt Plin. nat. 37, 105.

311 conditor . . . Ptolomaidos aulae: Die Paläste der Ptolemäer


erwähnt Strabo 17, 1, 8. Nach Plin. nat. 5, 62 soll Dinochares bei der
Stadtplanung ein Fünftel der Fläche für den Königspalast (regia)
vorgesehen haben. Offensichtlich hat Ausonius aufgrund dieser Notiz
den Stadtplaner auch zum Architekten des Palastes gemacht, der erst
unter den Ptolemäern errichtet wurde (M. Clauss: Alexandria, Schicksale
einer antiken Weltstadt, Stuttgart 2003). Das Adjektiv Ptolomais statt
Ptolomaeus ist nur hier belegt (D); conditor . . . aulae Junktur wie Stat.
Theb. 3, 483 (M 2); vgl. zu V. 301.

312 f.: Während Plin. nat. 34, 148 von einem Tempel spricht (vgl.
ibid. 36, 68 über einen Obelisken zu Ehren der Arsinoe II.), verbin-
det Ausonius die Nachricht über den Tempelbau mit dem Bau einer
Pyramide, beschrieben als vierseitiger Kegel; vgl. Amm. 22, 15, 29 quae
figura . . . extenuatur in conum . . . umbras quoque mechanica ratione
consumit (Tr). Dazu paßt die in der Hs. R überlieferte Form quadro (sc.
cono, so auch ThlL IV 890, 9). Folgt man der Lesart quadra der besten
Hs. G, so muß man eine Korruptel annehmen und mit Böcking und
Peiper in quadrata ändern, bezogen auf fastigia. Der Hiat cui in ist bei
Ausonius selten, aber nicht ungewöhnlich (vgl. Parent. 7, 2 magna cui
et; Schenkl, Index S. 290 s. v. cui und S. 293 s. v. hiatus; Marsili S. 67),
in der Mosella aber singulär (C). Gestützt wird die Überlieferung cui ,
bezogen auf Dinochares, auch durch den parallelen Satzbau in V. 309
(C). Weitere Überlegungen zur Prosodie bei Hosius. Über das Phänomen,
daß die Pyramide (wenn die Sonne senkrecht über ihr steht) ihren eigenen
Schatten verzehrt“, vgl. Anth. 417, 4 R. = 415 Sh.-B. pyramidas, medio

quas fugit umbra die; Cassiod. var. 7, 15, 4 pyramides in Aegypto, quarum
in suo statu se umbra consumens ultra constructionis spatia nulla parte
respicitur ; Isid. orig. 15, 11, 4 u. ö. (H).
II. Die Villen (283–348) 217

312 cui: Zu beziehen auf Dinochares. Über den Dativus sympatheticus


vgl. zu V. 104. fastigia cono: Ähnliche Versschlüsse Lucr. 4, 429
fastigia coni (M 2); Auson. ordo 62 = 8, 17 fastigia conis (P); vgl. auch
die Junkturen bei Mastandrea S. 272.

313: BR. pyramis umbras: Rhythmisch gleicher Hexameterschluß


wie Verg. ecl. 2, 67; georg. 3, 357 u. ö.

314 f. incesti . . . amoris . . . Arsinoen: Arsinoe II., Tochter des


Ptolemaios I. Soter und der Berenike I., geb. um 316 v. Chr., heiratete in
dritter Ehe 277 ihren 8 Jahre jüngeren leiblichen Bruder Ptolemaios II.
Philadelphos (gest. 246). Nach ihrem Tod (9. 7. 270) erhielt sie als Θεὰ
Φιλάδελφος göttliche Ehren mit Tempel und Kult. Die älteren Belege
zu Arsinoe II. RE II (1895) 1282–1287, zu Ptolemaios II. RE XXIII
(1959) 1645–1666; vgl. H. Bengtson: Herrschergestalten des Hellenismus,
München 1975, 111–138 und zu den Denkmälern S. Müller: Das helle-
nistische Königspaar in der medialen Repraesentation: Ptolemaios II.
und Arsinoe II, Berlin/New York 2009. Wenn Ausonius die Geschwister-
ehe als incesti . . . foedus amoris kritisiert, so steht er damit in der
griechisch-römischen Tradition, die diese Verbindung von Anfang an als
Skandal betrachtete. So rügte der Zeitgenosse Sotades von Maroneia die
Liaison mit dem Satz εἰς οὐχ ὁσίην τρυμαλιὴν τὸ κέντρον ὠθει̃ς (Plut.
moral. 11 a; Athen. 14, 620 f.; vgl. A. Thierfelder: Die Geschwisterehe im
hellenistisch-römischen Ägypten, Göttingen 1960). Die Junktur incestus
amor zuerst Hor. carm. 3, 6, 23.

315 Pharii: Der Name der Alexandria vorgelagerten Insel Pharos, auf
der sich der berühmte gleichnamige, von Ptolemaios II. erbaute Leucht-
turm befand, steht stellvertretend für die ganze Stadt. suspendit
in aëre: Weder hier noch bei Plin. nat. 34, 148 (Isid. orig. 16, 21, 4)
ist gesagt, daß die Statue f r e i in der Luft schwebt (RE XIV [1928]
484; vgl. A. Radl: Der Magnetstein in der Antike, Quellen und Zusam-
menhänge, Stuttgart 1988, 97 die Statue schwebt tatsächlich“, ähnlich

die meisten Übersetzer, z. B. John frei in den Lüften schweben“),

sondern lediglich, daß sie in der Höhe“ (vgl. Verg. georg. 2, 123 f. aëra

. . . summum / arboris – Tr, danach Val. Fl. 6, 261 summi ab aëre
rami ) aufgehängt“ ist (richtig Lassaulx, Tross). Auch Ov. fast. 6, 277 f.

suspensus in aëre clauso / stat globus (M 2) schwebt die Sphaira des
Archimedes (vgl. Cic. rep. 1, 21 f.) nicht im Raum, sondern ist aufgehängt.

316 f.: Die Aufhängung sollte dadurch bewirkt werden, daß das eiserne
Standbild durch einen in der Decke angebrachten Magnetstein fest-
218 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

gehalten wurde, was, im Gegensatz zu einem freien Schwebezustand,


theoretisch nicht auszuschließen ist. Dagegen bewegt sich Claudians
Gedicht (carm. min. 29) Magnes ganz im Kontext der spätantiken
Wundergeschichten, die mit dem Magnetismus in Verbindung gebracht
werden (Belege bei Hosius zu V. 314 ff.). spirat . . . afflatam:
Nachdem schon Thales für den Magnetstein eine ψυχή annahm (VS
11 A 22; vgl. Plut. moral. 1005 b über die σιδηρι̃τις λίθος), sah man
in der magischen Literatur die magnetische Kraft als Wehen eines

dämonischen Pneumas“ an (RE XIV [1928] 476; Radl l. c. S. 194–198);
vgl. Claud. carm. min. 29, 33 flatu, 36 spiraminis actu, 39 aura tenax ,
42 anhela silex. Die ansprechende Vermutung, daß der Magnetstein die
Form eines Windgottes hatte (E. Diehl, ThlL I 387, 66; Hosius), wird
von Cavarzere, Komm. S. 138 f., ohne Begründung zurückgewiesen, ist
aber angesichts der beliebten Darstellung von Windgottheiten (v. a. zur
Darstellung der vier Himmelsrichtungen) eine plausible Vorstellung. Daß
dem pyramidalen Bau durchaus etwas Magisches anhaften konnte, zeigt
der Vergleich mit dem um 100 v. Chr. erbauten Turm der Winde in
Athen (K. Schaldach: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands, Frankfurt
a. M. 2006, 60–83, bes. 67). Dennoch muß man nicht im folgenden Vers
316 mit Scaliger und Freher chlorus in corus = caurus verbessern, um so
den Namen des Nordwestwinds (vgl. zu V. 293) zu gewinnen.

316 testudine: Architektonischer Terminus technicus ( Turmdach“;



vgl. Austin I S. 169) wie Verg. Aen. 1, 505. clorus achates: Aus der
Überlieferung chorus in den Haupthandschriften ist chlorus zu erschließen
(Ellis; John, Ed.): Mit der Variante clorus (vgl. chlamys / clamys; Belege
bei Georges, Wortformen s. v.; Plin. nat. 37, 73 chloran, v. l. cloran) ist
die latinisierte Form des griechischen Adj. χλωρός gewonnen, das sonst
Attribut des Smaragds ist (LSJ s. v.; vgl. Plin. nat. 37, 62) und auch
den Smaragdachat (Plin. nat. 37, 139 smaragdachates) kennzeichnet.
Dem Achat schreibt Plin. nat. 37, 142 (Isid. orig. 16, 11, 1) Zauberkräfte
zu. Aus der dort genannten angeblichen Macht, Flüsse zum Stehen zu
bringen, konnte unschwer eine magnetische Eigenschaft herausgedeutet
werden. Woher allerdings Ausonius eine solche Information über vermu-
tete magnetische Eigenschaften des Achats hatte (sollte er nicht selbst
die Plinius-Stelle nach Plin. nat. 34, 147, s. u.; umgedeutet haben), muß
offen bleiben. Ansprechend ist auch die leichte Änderung in florus durch
Friedrich [3.2.]; er hat für diese Verbesserung das seltene Wort (vgl. ThlL
VI 1, 927, 20 ff.) aus Serv. zu Verg. Aen. 12, 605 (im Sinne von pulcher
oder eher flavus) gewonnen. Alle anderen Vorschläge (aufgelistet von
Mirmont 1889, 97 f.; Marsili S. 69; Prete, Ed.) sind entweder inhaltlich
wenig überzeugend oder finden (wie auch virus nach Plin. nat. 34, 147
II. Die Villen (283–348) 219

sola haec materia [sc. ferrum] virus [vires Bayer, Ed. 1989] ab eo lapide
[sc. magnete] accipit) keine Stütze in der handschriftlichen Überlieferung.
Ausführlich bespricht die Stelle Tränkle [3.2.] 164–166 = 243–245.

317 adflatamque . . . puellam: Da von dem Magnetstein ein


Pneuma“ ausgeht, das die Anziehung bewirken soll; aber auch der

Schlag des Blitzes kann mit adflare bezeichnet werden (Verg. Aen.
2, 649); vgl. Auson. parent. 11, 8 spiritus adflatis quod fugit e calamis. Als
Bezeichnung der erwachsenen Frau findet sich puella häufig bei Ovid.

3. Lage am Fluß und Bauformen der Villen (318–348)

Der Abschnitt gliedert sich, jeweils gleich lang, in villae rusticae


(V. 321–334) und praetoria (V. 335–348); anders Schröder [3.2.] 51 Anm.
15. Tatsächlich werden zuerst sieben Villen aufgezählt, die sich vor allem
nach ihrer Lage (besprochen von Thielscher [3.2.]), aber auch durch
bauliche Besonderheiten unterscheiden; zunächst dreimal alliterierend
mit haec, dann variierend illa, quin etiam, huic. Die Lage der Villen ist
durch ihre Gegensätze bestimmt (auf einem Felsen, auf einer Landzunge,
in einer Bucht), sodaß hier die literarische Variatio, verbunden mit einer
fortwährend wechselnden Perspektive, im Vordergrund steht. Es folgt die
Erwähnung der atria, die überleitet zu den ausführlich beschriebenen
Bädern, gipfelnd im Vergleich mit den berühmtesten Bädern Italiens in
Baiae. Die Verse 318–320 kann man noch als Schluß des Architekten-
katalogs bezeichnen (so die Gliederung bei Hosius). Unzweifelhaft haben
sie aber, wie öfters in der Mosella, überleitende Funktion und geben
das Thema des folgenden Abschnitts an (C). Heinen, Trier und das
Trevererland [3.1.] 299 erkennt in der Darstellung einseitig positive

Züge“ im Vergleich mit den Zerstörungen durch die vorausgehenden
Germaneneinfälle. Eine aemulatio von Stat. silv. 2, 2, 45–62 vermutet
Dräger, TZ 63, 2000, 326–330.

318 credere dignum: Belege für diese Bekräftigungsformel (Verg.


Aen. 6, 173) bei Hosius, Charlet [3.2.] 179, Mastandrea 181 f., Doblhofer
II S. 130; vgl. Austin VI S. 92 und zur Funktion Cavarzere, Komm.
S. 139 mit Literatur.

319 Belgarum in terris: Vgl. zu V. 10. scaenas . . . domorum:


Anklang an V. 169 scaena locorum. Im engeren Sinne die Hausfassaden
( lo scenario“ Cavarzere), von Hosius als Umschreibung für domus“
” ”
verstanden. Er verweist auf Symm. or. 2, 20 scaena murorum decli-
220 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

vis, wo aber ebenfalls die Fassade gemeint ist (Pabst [3.1.] S. 148).
Entscheidend ist demnach der Anblick, den die Villen bieten, nicht
etwa ihr Grundriß, wie Tross vermutete (danach die unzutreffende
Übersetzung Grund“ bei John). Die Stelle erörtert Korzeniewski [3.2.]

87 Anm. 20; vgl. zu V. 298. posuisse: Vom Errichten von Bauwerken
wie Verg. Aen. 4, 200 aras posuit und 6, 19 posuitque immania templa.

320: BR. molitos: Vgl. Verg. Aen. 4, 424 molirique arcem und
Austin I z. St. celsas . . . villas: Die gleiche Junktur Stat. silv. 2, 2, 3
(C); Mart. 4, 64, 10 (W S. 92); weitere Belege für celsus als Epitheton

ornans für Bauwerke“ bei Doblhofer II S. 66. decoramina: Nur Sil.
16, 208 und hier belegt. Das erlesene Wort hebt die Bedeutung der
Villen für die Flußlandschaft hervor. Sie sind Teil der vom Menschen
geschaffenen Kulturlandschaft, die den Fluß nobilitiert. Abwegig ist
daher wiederum die Interpretation von Roberts [3.2.] 349 = 258, der in
der Beschreibung der Villen etwas Gewaltsames gegen die Natur sieht.
Ebenso verfehlt spricht Newlands [3.2.] 411 von militaristic language“

und Scafoglio, WS 117, 2004, 161 Anm. 16 stellt eine Reihe von Aus-
drücken zusammen, in denen er einen linguaggio bellico-strategico“ sieht

mit der Schlußfolgerung le ville sembrano in conflitto col paesaggio na-

turale“; richtig ist aber seine Bewertung (S. 162) einer compenetrazione

reciproca, feconda di bellezza“; vgl. auch Cavarzere zu V. 325.

321: Die erste Villa liegt etwa auf halber Höhe . . . über dem Flußtal“

(Thielscher [3.2.] 1102 f.) auf einem Felsen. Die Wendung natura sublimis
(gleiche Junktur in anderer Bedeutung Hor. epist. 2, 1, 165) wird durch
in aggere saxi näher erklärt; vgl. Verg. Aen. 6, 830 aggeribus . . . Alpinis;
Sil. 4, 740 aggere montis (M 2). est . . . sublimis wie Ov. met. 1, 168 est
via sublimis und 11, 605, wobei est ἀπὸ κοινοῡ auch zu V. 322 fundata
gehört.

322: Die zweite Villa befindet sich direkt am Ufer auf einer ins Wasser
reichenden Landzunge. Die Beschreibung einer gegenüber der vorherge-
henden Villa entgegengesetzten Lage dürfte v. a. der Variatio geschuldet
sein, denn in Hinblick auf die gerade früher häufigen Hochwasser scheint
eine solche Lage unrealistisch, wenn sie sich nicht auf einem hochwasser-
freien Rücken befand wie das Palatiolum von Pfalzel (Cüppers 649; vgl.
zu V. 327–330). crepidine ripae: Versschluß wie Stat. Theb. 9, 492
(Ma); vgl. Verg. Aen. 10, 653 crepidine saxi (M 2) und V. 337.

323: In einer weiteren Variatio (procurrentis / refugit) soll sich im Gegen-


satz zur vorher genannten Villa die dritte in einer Bucht (oder an einer
II. Die Villen (283–348) 221

Moselschleife), d. h. aber wohl direkt am Wasser befinden, was eher die


Ausnahme gewesen sein dürfte (s. o.). Zu denken ist an eine Villa mit zwei
Risaliten, deren Mittelteil zurückspringt (refugit). Zur Formulierung vgl.
die Beschreibung der Befestigung des Flußhafens bei Speyer Symm. or.
2, 28 recessum fluminis murorum ambitus vindicavit. Scafoglio, WS 117,
2004, 161 notiert die Nähe zu epischem Sprachgebrauch. refugit: Wie
Verg. Aen. 3, 536 refugitque ab litore templum; Plin. nat. 4, 76 longe refu-
gientes . . . terras; Manil. 4, 625 ingentique sinu fugientis aequora terras
(M 2). sinu: Die Villa nimmt den Flußbogen durch ihre Bauweise
gleichsam an ihren Busen; das Wortspiel mit sinus hat Thielscher [3.2.]
1103 beobachtet. sibi vindicat: Marsili z. St. notiert die immagine

aliquanto strana“ des juristischen Ausdrucks, den aber Ausonius auch
ecl. 1, 8 (Mercurius quarti sibi vindicat astra diei und 16, 33 gladiatores
funebria proelia notum decertasse foro: nunc sibi harena suos vindicat)
gebraucht.

324–326: Wiederum variierend mit den beiden Villen am Fluß nimmt


die nächste wieder eine Höhenlage ein. Beipiele für eine Villa mit freiem
Ausblick sind die zu V. 283–286 genannten Anlagen. Zur Villa in Konz
(vgl. zu V. 91 f.) bemerkt E. Gose, Germania 39, 1961, 204: Die Lage

der Villa am Rande eines Bergplateaus ist besonders reizvoll durch einen
umfassenden Blick in die weite Landschaft von Saar und Mosel“.

324: Nach Verg. Aen. 1, 419 f. collem qui plurimus urbi / imminet
(S, dazu Posani [3.2.] 48); Ov. met. 7, 779 collis . . . subiectis imminet
arvis (M 2). Aus den imitierten Stellen ergibt sich auch hier die Bedeu-
tung Hügel“ (Tr; altura“ Cavarzere), nicht Hang“ (Thielscher u. a.);
” ” ”
plurimus ist Elativ (Servius zu Verg. l. c.; Stat. Theb. 1, 114 f.; Austin I
S. 146), nicht Superlativ.

325 per aspera: Die nicht bewirtschafteten Moselhänge; vgl. Petron.


99, 3 incultis asperisque regionibus (C).

326: The rich panorama may be enyoied even though it is not



part of the property“ (Green z. St.). Einen ampliamento pleonastico ed

epesegetico“ konstatiert Cavarzere, Komm. S. 141. Wie bei den anderen
Villen ist auch hier der Besitzer nicht genannt, sondern an seine Stelle
tritt die Villa selbst mit ihrem weiten Ausblick. Diese Übertragung
spricht für die Lesart dives (attributiv in der Bedeutung amplus wie z. B.
Stat. silv. 1, 6, 66 dives sparsio) neben suis terris, während die bessere
Handschrift G das weniger prägnante felix bietet. speculatio: Das
spätlat. Subst. (Amm. 26, 10, 4; 27, 2, 4) in der Dichtung zuerst hier (C).
222 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

327–330: Was die eine Villa durch ihre Höhenlage auszeichnet, erreicht
eine andere, am feuchten Ufer gelegen, durch ihre Bauweise. Ausonius
könnte bei dieser Beschreibung durch die spätantike Anlage des Palatio-
lums von Pfalzel angeregt sein; vgl. das Modell bei Cüppers 649; einen
zeitweiligen Aufenthalt des Prinzenerziehers dort wegen der Nähe des
Ortes zur Ruwermündung (vgl. zu V. 359) vermutet Wikander [3.2.] 185.
Die Risalite der Villa von Nennig hatten drei Stockwerke (Oelmann,
zitiert zu V. 283–286, S. 185). Allerdings ist an dieser Stelle der Gedanke
an den Turm von Babel (so Roberts [3.2.] 349 = 258) oder an eine
Verteidigungsanlage (Di Salvo 250) fernzuhalten. Die fluvii decoramina
sind gerade keine Belege für eine menschliche Technik, die gottlos in den
Himmel eindringt. Di Salvo 26 mit Anm. 62 zeigt, wie Ausonius auch im
Ordo derartige aufragende Bauweise würdigt. Dem entspricht auch die
Bewunderung für die Mauern Bingens; vgl. zu V. 2 miratus.

327 quin etiam: Die Hervorhebung einer einzigen Villa wird von Green,
RhM 125, 1982, 350 f. als merkwürdig ( strange“) notiert. Seinem Vor-

schlag zur Änderung in illa folgt Cavarzere; Komm. S. 141. Tatsächlich
bringt Ausonius aber nur zum Ausdruck, daß auch die tief gelegene
Villa durch ihre Bauweise die Höhenlage der vorher genannten Villa
kompensiert“ und ihr somit ebenbürtig ist. Über quin etiam zwecks
” ”
Einführung eines bedeutsamen neuen Gliedes bei Aufzählungen“ vgl.
L.-H.-Sz. II 677. riguis . . . pratis: Vgl. Colum. 2, 16, 3 riguum . . .
pratum (W S. 92); Ov. rem. 193 riguis . . . in hortis; weitere Belege für die
Bedeutung feucht, bewässert“ bei Di Salvo 249. humili pede: Nicht

eine niederige Basis“ (H) des Gebäudes ist gemeint, was auf feuchtem

Grund sowieso nicht zu erwarten ist, sondern der niedere Standpunkt“

(Schönberger; su un basso appezzamento“ Cavarzere; als aedificiorum

area ThlL X 1, 1909, 14 erklärt). Die Junktur ist nur hier belegt.

328 bona naturalia: Wie Auson. prof. 1, 21 (C).

329 sublimi . . . tecto: Junktur wie Ov. met. 14, 752 (M 2).
minans: Nicht threateningly“ (Roberts [3.2.] 349 = 258), minacciosa“
” ”
(C), drohend“ (Schönberger u. a.; vgl. Scafoglio, WS 117, 2004, 161),

sondern in der eher neutralen Bedeutung emporragend“ wie Verg. Aen.

1, 162 f. hinc atque hinc vastae rupes geminique minantur / in caelum sco-
puli (Servius: eminent; Austin I S. 73 mit weiteren Beispielen; vgl. auch
E. Malaspina, Aevum antiquum 4, 2004, 108 Anm. 70). irrum-
pit: Nicht selten bei geographischen Beschreibungen, z. B. Curt. 5, 1, 15
per Babyloniorum fines in Rubrum mare inrumpunt (sc. amnes); Plin.
nat. 6, 36.
II. Die Villen (283–348) 223

330 Pharos . . . Memphitica: Vgl. zu V. 315. Der Name der alten


Königsstadt Memphis wurde seit Ov. ars 1, 77 auf ganz Ägypten
übertragen. Die Verbindung beider Toponyme wie Ov. am. 2, 13, 8 u. ö.
(C). Die Belege für die Substantive auf -os bei Ausonius hat Delachaux
[3.3.] 81 zusammengestellt. turrim: Belege für turris, mehrstöckiger
hoher Gebäudeteil eines Landhauses, bei Taegert S. 217.

331 f. Die Besonderheit der nächsten Villa ist ein Fischteich. Solche
Anlagen bei Villen der Region wurden nachgewiesen bei der Villa in
Horath südlich der Römerstraße Niederemmel-Belginum (FVFD 34, 1977,
213 ff.; Cüppers 395–397) und in den luxemburgischen Villen von Mersch
und Schwarzacht bei Echternach. Der Fischteich der Villa in Horath hatte
außer einem natürlichem Zufluß auch eine Grundquelle. Zwar könnte
es sich auch um eine Anlage handeln, die durch eine Abriegelung vom
Fluß gebildet wurde (Dräger, Ed. 2011, 390; gurges = Fluß wie Verg.
Aen. 9, 23), aber es ist nicht gesagt, daß die hier genannte Villa direkt
am Fluß liegt, was auch für die folgende nicht zutrifft. Der wiederholt
beobachteten Freude am Paradoxen ist es geschuldet, wenn besonders
darauf hingewiesen wird, daß das Fischefangen apricas scopulorum inter
. . . novales möglich ist. Der Fischteich dürfte also abseits vom Fluß auf
einer neu gewonnenen Fläche angelegt sein. novales: Versende wie
Verg. georg. 1, 71 (Posani [3.2.] 34).

333 f.: Als letzte Villa wird wieder eine in Höhenlage genannt; im
Gegensatz zur ersten Villa liegt sie aber vom Fluß entfernter. Vgl. zu
V. 22 und 454. summis . . . iugis: Wie V. 161. despectu . . .
caligante: Die Fernsicht auf den Fluß verliert sich bald im Dunst
( scompare alla vista nella foschia“ Cavarzere); vgl. Aetna 314 vallibus

exoriens caligat nubilus aer ; Sil. 3, 492 caligat in altis obtutus saxis (H).

335–340: Als hervorragende fluvii decoramina werden am Ende


der Aufzählung Teile von Villenanlagen bzw. Gebäudekomplexe genannt,
die besonders auffallen: säulenumgebene Atria und Bäder.

335 f.: Mit atria sind sicher nicht die Innenhöfe des klassischen alt-
römischen Hauses gemeint, sondern Hallen, wie sie auch den christlichen
Basiliken vorgelagert sind. Schon Hosius hat auf die Villa von Winningen
hingewiesen (Cüppers 669 f.). Dort ist dem Hauptgebäude im Westen
und Osten eine Porticus vorgelagert, was genau der Formulierung des
Ausonius entspricht, ebenso bei der Villa in Konz (s. u.) im Norden
und Süden. Die erlesene, nur noch Apul. flor. 2 p. 2, 8 H. belegte Form
(C) assita unterstreicht ebenso wie das v. a. poetische viridans und der
224 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

Hinweis auf unzählige Säulen wie in der Villa von Nennig (Katalog Mosel
und Saar Nr. 54) die Besonderheit des Bauwerks, literarisch vorgebildet
durch Stat. silv. 1, 2, 152 pendent innumeris fastigia nixa columnis
(M 2); das gleiche Attribut auch Stat. silv. 3, 5, 90, gleicher Versschluß
Mart. 2, 14, 9 u. ö. (Belege bei Hosius und Mastandrea 551). Die knappe
Formulierung des Ausonius muß sich aber nicht allein auf villae rusticae
beziehen, sondern kann auch kaiserliche Bauten wie die Palastvilla in
Konz (vgl. zu V. 367–369) betreffen.

335: BR. quid memorem. Die Form der Praeteritio wie Hor. sat.
1, 8, 40 (H) oder Verg. Aen. 6, 123 (W S. 94) registriert Schröder [3.2.]
49; ebenso ordo 148 = 20, 20. viridantibus . . . pratis: Vgl. V. 416
rura virentia.

336 innumerisque . . . columnis: Das weite Hyperbaton unterstreicht


hier offensichtlich die Aussage unzählig“; vgl. zu V. 4.

337–348: Der ganze der Architektur an der Mosel gewidmete Ab-
schnitt gipfelt in der Beschreibung der Bäder; vgl. Pavlovski [3.1.] 33–39;
Green, ICS 14, 1989, 311. Das ist angesichts der Bedeutung, die das
Badewesen im ganzen Imperium hatte, nicht überraschend. Die Beschrei-
bung beruht zunächst auf Autopsie (vgl. auch V. 341 vidi ego), wozu auch
die großen kaiserzeitlichen Thermenanlagen Triers oder die umfangreiche
Badeanlage der Villa von Konz beigetragen haben. Archäologisch belegt
sind Badeanlagen bei allen größeren Villen des Rhein-Mosel-Gebietes
(knappe Übersicht bei Cüppers 273 f.; vgl. ibid. 524 Bad der Villa von
Pölich). Einen Überblick gibt der Sammelband von Erika Brödner: Die
römischen Thermen und das antike Badewesen, Darmstadt 1983; vgl.
Fikret Yegül: Bathing in the Roman World, Cambridge 2009. Literari-
sches Vorbild kann die Beschreibung der Bäder des Manlius Vopiscus
bei Stat. silv. 1, 3, 43–47 und 73 f. sein, auf die schon Tross verwiesen
hat (vgl. auch Burnier [3.2.] 71; Scafoglio, Tecnica allusiva [3.2.] 457 f.;
Ders., WS 117, 2004, 162), aber auch andere Bäderbeschreibungen
können die Darstellung beeinflußt haben; genannt seien Stat. silv. 1, 5
und 2, 2, 17–20 (Kenny [3.2.] 193 f.); Mart. 6, 42. Das Motiv bleibt bis
ins 5./6. Jh. lebendig, wie Epigramme der Anthologie zeigen (Anth. 110,
119–124, 531). Vgl. als literarische Vorbilder des Ausonius-Textes auch
die Beschreibung des Aetna Verg. Aen. 3, 570–582 sowie Lucr. 6, 639–672;
Ov. fast. 4, 42; Sil. 14, 450 (alle Belege nach Newlands [3.2.] 413). Die
Erwähnung der Thermenanlagen an der Mosel ist aber auch in Hinblick
auf die Konkurrenz-Situation Triers mit Rom von Bedeutung (vgl. zu
V. 379). In Rom wurden zu Beginn des 4. Jh. unter der Tetrarchie die
II. Die Villen (283–348) 225

sog. Diokletiansthermen errichtet, die größte Thermenanlage der Antike


(dazu A. Bauer bei Fuhrer [3.1.] 46–57), außerdem auf dem Palatin die
Palastthermen des Maxentius. Hinter diesen Bauten, die auch immer
Ausdruck der imperialen Macht waren (dazu auch Leppin/Ziemsen [3.1.]
60–68 mit Abb.), mußte Trier nicht zurücktreten. – Eine Situation, in der
der Badende direkt aus dem Bad in den Fluß gelangen kann, konnte sich
z. B. bei den Trierer Barbara-Thermen ergeben (H. Cüppers, FVFD 32 I,
1977, 198–208), die unmittelbar am Moselufer liegen. Das Verhältnis von
Autopsie und literarischer Tradition bespricht Cavarzere, Komm. S. 142.

337 f.: Quid (sc. memorem) wie Verg. Aen. 6, 122. Die weitere Formulie-
rung nach Stat. silv. 1, 3, 43 f. quae graminea suscepta crepidine fumant /
balnea.

337 substructa: Wie Liv. 6, 4, 12 Capitolium saxo quadrato sub-


structum (H). crepidine: Wie V. 322.

338: Die Beschreibung des in der Hypokaust-Anlage verborgenen


Feuers hat geradezu etwas Mystisches, una sfumatura di sacralità“ (C),

ähnlich wie der Grund des Flusses (vgl. zu V. 56); vgl. Biss. praef. 1
operta Musarum mearum (Dräger, Ed. 2011, 426). Bei Verg. Aen. 6, 140
bezeichnet telluris operta die Unterwelt. Mulciber ist Beiname des
Vulcanus und seit Ov. met. 9, 263 Metonymie für Feuer“. Den Namen

erklärt Macr. Sat. 6, 5, 2 Mulciber est Vulcanus quod ignis sit et omnia
mulceat et domet (C).

339: BR. Genau genommen befindet sich das Feuer nur in der eigent-
lichen Feuerstelle, von der aus die Feuergase in die Fußböden und in die
mit Tonröhren versehenen Wände gejagt werden (RE II [1896] 2743–2758
s. v. Bäder, VII [1912] 2646–2652 s. v. Heizung, IX [1914] 333–336 s. v.
Hypocaustum, XXII [1954] 1348–1350 s. v. Praefurnium; Brödner [s. o.]
18–22). volvit: Wie Stat. silv. 1, 5, 59 tenuem volvunt hypocausta
vaporem. anhelatas . . . flammas: Vgl. Ov. fast. 4, 492 anhelatis
ignibus (Hosius und Cavarzere mit weiteren Belegen). tectoria per
cava: Mit tectorium wird der Stuck bezeichnet, der in mehreren Schich-
ten aufgetragen wird (RE V A [1934] 104 f.). Das Attribut cava bezieht
sich auf die unter dem Verputz befindlichen tönernen tubuli , durch deren
Hohlräume die warme Luft aufsteigen konnte (RE IX [1914] 334 f. und
VII A [1939] 762).

340 glomerans: Wie Sil. 14, 450 glomerabat Mulciber aestus (H).
aestu exspirante: Hosius verweist auf Lucr. 6, 639 f. per fauces montis
226 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

ut Aetnae / exspirent ignes. Somit läßt sich das System der Hypo-
kaustheizung mit dem Inneren eines Vulkans vergleichen (C). An die
durch die Befeuerung der Heizanlagen bedingte Abholzung des zuvor

umfangreichen Waldbestandes“ und die durch die Verbrennung bedingte
Luftverschmutzung erinnert Clemens [3.1.] 52.

341–344: Das Verhältnis zwischen künstlichem Bad und natürlichem


Wasser des Flusses, das schon V. 270–273 seine belebende Wirkung
gezeigt hat, bespricht Cavarzere, Komm. S. 143 f., mit berechtigter Kritik
an der abwegigen Interpretation von Newlands ([3.2.] 413, weniger kritisch
Green, ICS 14, 1989, 310), die sogar eine Anspielung auf die christliche
Taufe in Erwägung zieht (414 Anm. 34). Der normale Badebetrieb ist
bestimmt von den drei Raumeinheiten (Vitr. 5, 10; Plin. epist. 5, 6, 25–27)
tepidarium, caldarium und frigidarium.

341 vidi ego: Vgl. V. 270 vidi egomet und die Belege bei Hosius sowie zu
V. 270–282. defessos multo sudore: Vgl. Verg. Aen. 9, 458; Lucan.
4, 303 exhausta super multo sudore iuventus; Sen. epist. 86, 6 multa suda-
tione (H). lavacri: Bezeichnung für Thermen wie Auson. ordo 41 =
7, 7 regio Herculei . . . lavacri (in Mailand); Amm. 16, 10, 14 lavacra
(die Thermen Roms); Belege aus der Historia Augusta bei Doblhofer II
S. 66. Die Bezeichnung für großstädtische Thermenanlagen im Zusammen-
hang mit den Villen an der Mosel fügt sich in die Topik der Überbietung.

342 fastidisse lacus: Junktur wie Hor. epist. 1, 3, 11 (Tr); lacus


Wasserbecken“ wie Hor. sat. 1, 4, 37; Vitr. 8, 6, 2. frigora piscina-

rum: Gemeint sind künstliche Kaltwasserbecken, entweder im Raum des
Frigidariums (so z. B. die Thermenanlage am Trierer Viehmarkt; vgl.
Cüppers 624) oder als natatio im Freien wie in den Barbara-Thermen
(Cüppers 617).

343 vivis . . . aquis: Vgl. Verg. Aen. 2, 719 flumine vivo, wo im


Kontext die reinigende Kraft des Wassers angesprochen wird (Austin
II 264 f. mit Belegen); vgl. V. 477 vivi . . . lacus. refotos: Während
sonst die Bäder selbst erquicken (Suet. Nero 27, 2 refotus saepius calidis
piscinis – Tr), übertrifft hier wieder der Fluß die künstliche Einrichtung
des Menschen wie V. 48–52. Abwegig ist wiederum die Interpretation
von Roberts [3.2,] 350 = 259 ( violation of boundaries“). Über die

Grundbedeutung von refovere ( durch Wärme wiederbeleben“) und

die hier vorliegende Bedeutung durch den kühlen Fluß erquicken“ vgl.

Cavarzere, Komm. S. 144.
II. Die Villen (283–348) 227

344 plaudenti . . . natatu: Nach Stat. silv. 1, 3, 73 f. vitreasque


natatu / plaudit aquas (Tr); vgl. zu V. 90. pepulisse: Wie Tib. 1, 4, 12
pectore pellit aquam (Fr).

345–348: Das literarische Vorbild Stat. silv. 1, 5, 60 ff. (Tr), die


Beschreibung des Bades des Claudius Etruscus, wird zunächst imitiert
(Stat.: nec si Baianis veniat novus hospes ab oris, / talia despiciet).
Während aber Statius fortfährt fas sit componere magnis / parva, läßt
Ausonius mit simulacra exilia zwar auch diesen Gedanken anklingen, aber
gleichzeitig mit der Formulierung nullum parit oblectatio luxum keinen
Zweifel daran, daß die Badeanlagen an der Mosel den traditionellen und
wegen seines Luxus berühmten, aber dekadenten Badeort überbieten und
somit wiederum das Moselland die Ideallandschaft Kampanien auch in
diesem Punkte übertrifft. Über das Verhältnis zu Statius vgl. Kenney
[3.2.] 194 f.; Burnier [3.2.] 72; Scafoglio, WS 117, 2004, 162 und Cavarzere
z. St. Die Belege zu Baiae bietet schon RE II (1896), 2774 f. Neben
Erwähnungen in den Briefen des Symmachus (vgl. zu V. 157) dient die
Ausonius-Stelle für M. Boriello/A. d’Ambrosio: Baiae – Misenum, Florenz
1979, 20 als Beleg für eine späte Blüte des Badeorts. Der Vergleich mit
Baiae liegt auch deswegen nahe, weil gerade in Kampanien zahlreiche
Villen und ihre Badeanlagen einen direkten Zugang zum Meer hatten;
vgl. X. Lafon: Villa Maritima, Recherches sur les villas littorales de
l’Italie romaine, Rom 2001.

345 f.: Jeweil BR. Vgl. zu V. 316. huc adforet: Wie Verg. ecl.
2, 45 huc ades; Ov. am. 1, 6, 53 u. ö. Die Änderung von Fuchs [3.2.] in hic
ist daher unnötig. exilia: Wird erklärt durch V. 348.

347 tantus cultusque nitorque: Im Gegensatz zu luxus (vgl. Auson.


Caes. 2, 8 infami per luxum degener aevo; ordo 59 = 8, 14) sind die
Begriffe cultus und nitor positiv besetzt wie Tac. dial. 20, 5 (W S. 95);
vgl. zu V. 18 ff. und Stat. silv. 1, 3, 92 sanusque nitor luxuque carentes
deliciae (H, dazu Kenney [3.2.] 192). Durch tantus wird die notwendige
Verbindung mit der vorausgehenden Aussage hergestellt, in der das
Moseltal gegenüber Baiae aufgewertet wird. Mommsens Änderung in
tantum betont dagegen nur den Gegensatz.

348: BR. Burnier [3.2.] 66 läßt hier den ersten, überwiegend de-
skriptiven Teil des ganzen Gedichts enden. Ohne Zweifel gehört jedoch
der Katalog der Nebenflüsse eher zur Beschreibung des Mosellandes als zu
dem mit V. 381 eingeleiteten hymnischen Finale. et: In der Bedeutung
und doch“ besprochen von Schröder [3.2.] 50. oblectatio: Das häufig

228 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

von Cicero gebrauchte Wort findet sich in der Dichtung nur hier; vgl.
techn. 2 p. 197, 15.

III. Katalog der Nebenflüsse (349–380)

Der Abschnitt über die Landschaft und ihre Bewohner schließt mit
einem Flüssekatalog. Er steht, wie auch der Katalog der gallischen Flüsse
(V. 461–483), in einer Tradition, die ebenfalls auf Homer zurückzuführen
ist. Bereits der früheste Beleg, Hom. Il. 12, 19–24, zeigt eine charakteri-
stische Form, bei der in einer Art Crescendo am Ende die Bedeutung der
zuletzt genannten Objekte hervorgehoben wird (vgl. J. Gassner: Kataloge
im römischen Epos, Diss. München, Augsburg 1972). Dagegen ist die
knappe Nennung der vier bekannten Unterweltsflüsse Hom. Od. 10, 513 f.
eher als Grenzfall eines Katalogs im engeren Sinne zu sehen. Hes. Theog.
337–345 mit der überwiegend attributlosen Aufzählung von 25 Flüssen,
männlichen Kindern der Tethys und des Okeanos, stellt die schmucklose
Urform eines Flüssekatalogs dar. Ebenso schmucklos ist zunächst der
anschließende Katalog der Okeaninen aufgelistet (349–360). Aber auch
hier erfährt die zuletzt genannte Styx mit einer Crescendo-Formel“ eine

besondere Aufwertung und der Hinweis 363 ff. auf eine große Zahl nicht
namentlich Genannter wird von da an topisch.
Der Katalog beginnt und endet mit dem traditionellen Hinweis auf die
große Zahl der zu nennenden Objekte (vgl. zu V. 298–320), von denen 10
namentlich erwähnt werden. Am Anfang stehen, zunächst überraschend,
Prüm und Nims aus dem Einzugsgebiet des ersten Mosel-Nebenflusses
Sauer. An ihn schließen sich stromabwärts Kyll, Ruwer und Lieser an.
Mit ihr ist die Provinzgrenze erreicht. Wieder stromaufwärts münden
Dhron und Salm. Beschlossen wird der Katalog mit Saar und Alzette,
die wiederum über die Sauer nur indirekt in die Mosel fließt. Steinhausen
(vgl. zu V. 365 f.) 128 weist darauf hin, daß die hier erwähnten latini-
sierten Gewässernamen zum alteuropäischen Bestand aus vorkeltischer
Zeit gehören. Den Abschnitt bespricht Consoli, RCCM 37, 1995, 136,
das epische Kolorit Scafoglio, WS 117, 2004, 154 f.; spekulativ Dräger,
Gymnasium 104, 1997, 435–461 (ebenso Ders., KTJ 37, 1997, 11–38, dort
S. 13–15 summarische Aufzählung antiker Flußkataloge; KTJ 38, 1998,
11–16 mit pythagoreischer Zahlenspekulation; Gymnasium 107, 2000,
223–228; TZ 63, 2000, 325 f.). Zum Flußkatalog bei Claud. 1, 253–261 vgl.
Taegert S. 233 f. Karte der genannten Flüsse bei Weis, Ed. Vorsatzblatt
(= Marcone S. 203, Cavarzere, Komm. S. 147, Schönberger, Ed. S. 57)
und in den Ausgaben von Dräger; geographische Informationen nach
http://de.wikipedia.org/wiki/.
III. Katalog der Nebenflüsse (349–380) 229

349 qui tandem finis: Um endlich den Abschnitt über die Landschaft
und ihre Bewohner abzuschließen, bedient sich Ausonius nicht ohne
Ironie einer episch-heroischen Formel, mit der Jupiter gegen Ende der
Aeneis Juno auffordert, ihren Widerstand gegen die Aeneaden aufzu-
geben und sich dem Schicksal zu fügen (Verg. Aen. 12, 792 – M 2).
Die Wahl des Genus von finis bespricht Cavarzere z. St. glauca
fluenta: Vgl. V. 21 amoena fluenta. Dagegen hat der Unterweltsfluß
Acheron Verg. Aen. 6, 327 rauca fluenta (S, Posani [3.2.] 37 f.; Görler 103
= 159; Scafoglio, Tecnica allusiva [3.2.]451; kritisch über den Bezug zu
Vergil Green, Komm. z. St. und O’Daly [3.2.] 149).

350 dicere . . . memorare: Die Infinitive nach finis statt der zu


erwartenden Gerundien sind singulär (C). dignandum: Zu ergänzen
te aus V. 351; vgl. zu V. 116. Mosella: Die Pronomina tua, te
und die Anrede am Ende des Katalogs V. 374 lassen auch hier, trotz
der schwächeren Überlieferung und der stilistischen Überlegungen von
Cavarzere, mit Galdi [3.2.] 132 den Vokativ erwarten, der auch dem
hymnisch gehobenen Ton (vgl. zu V. 23–32) entspricht. Über das Genus
von Mosella vgl. Einleitung S. 6 f.

351 innumeri: Eine in den Katalogen seit Hes. Theog. 363 (vgl.
Ov. Pont. 4, 10, 57 im Flüssekatalog innumerique alii – H) übliche
Formel, mit der der Autor seine Beschränkung auf ausgewählte,
namentlich genannte Objekte begründet. Tatsächlich münden links und
rechts jeweils über 65 Zuflüsse in die Mosel; vgl. V. 372 mille alii und
zu V. 77–81. diversa per ostia: Die Abfolge der Aufzählung von
der Kyll bis zur Alzette folgt dem Prinzip der Abwechslung zwischen
linken und rechten Zuflüssen. Die gleiche Junktur V. 433: Wie die ver-
schiedenen Nebenflüsse der Mosel erst ihre wirkliche Größe verschaffen,
so schafft dann die Vereinigung von Mosel und Rhein den verus limes
(V. 435). late: Während sich die namentliche Aufzählung auf das Ge-
biet zwischen Saarmündung und der östlichen Provinzgrenze beschränkt,
wird durch die rahmende Stellung von innumeri und late und das weite
Hyperbaton innumeri . . . amnes (vgl. zu V. 4) der gesamte Lauf der
Mosel berücksichtigt.

352 incurrunt amnes: Wie Dirae 69; vgl. Lucr. 1, 287 (C) und
zu V. 23. differe meatus: Im Gegensatz zu V. 353 celerant, V. 355
properat, V. 360 festinat (C). Dagegen wird V. 368 genau das von der
Saar ausgesagt, die ihren Lauf verlängert hat (distulit). Über meatus vgl.
zu V. 29.
230 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

352 f.: Zu der in der Dichtung ungewöhnlichen syntaktischen Kon-


struktion quamquam . . . sed verweist Cavarzere, Komm. S. 147, auf Stat.
Ach. 1, 3 f. Zum Konjunktiv im verallgemeinernden Relativsatz, der im
Spätlatein häufig wird, vgl. Delachaux [3.3.] 106; L.-H.-Sz. II 602 f.

353 in te consumere nomen: Vergleichbare Umschreibungen für


einmünden“ (seit Ov. fast. 4, 338) bei Hosius. V. 429 f. wird versichert,

daß der Rhein auch nach dem Zufluß der Mosel seinen Namen behalten
wird. Roberts [3.2.] 351 = 261 sieht in der Vereinigung die Vorbedin-
gung für die fertility of crops and for the virtue and contentment of men“.

354–358: Die Sauer und ihr Nebenfluß Prüm, die wiederum die
Nims aufnimmt. Vermutlich kannte Ausonius das Einzugsgebiet dieser
Flüsse aus eigenen Besuchen und nennt die beiden Zuflüsse nicht zuletzt
wegen der Fruchtbarkeit des altbesiedelten Bidgaus“ (RE XXIII [1957]

651). Über die Besiedlung des Gebiets in der Kaiserzeit vgl. die Übersicht
von W. Binsfeld, FVFD 33, 1977, 63–72, dazu R. Wiegels, DNP s.v.
Promea. Rahmend schließt der Flüssekatalog auch deswegen mit der
Alzette und der Erwähnung der von ihr durchflossenen fruchtbaren
Landschaft (vgl. zu V. 370 f.), weil sie ebenso wie die Sauer und ihr
Flußgebiet eine neue Qualität des Mosellandes vertritt: Zu dem durch den
Weinbau hervorragenden Abschnitt unterhalb Triers tritt das fruchtbare
Acker- und Weideland des sog. Gutlands. Die am Anfang des Katalogs
genannte Sauer wird auch stilistisch durch die Anapher am Versanfang
V. 355/356 ausgezeichnet. Ihr Verhältnis zur Mosel ist ein doppelseitiges:
Sie hat sich mit ihren aufgenommenen Flüssen der Mosel gleichsam
als ein Opfer dargebracht (gratificata; vgl. zu V. 417); dafür nimmt sie
einen höheren Rang ein (nobilius), als wenn sie für sich allein und damit
unbekannt in den Ozean münden würde.

354 Namque: Affirmativ begründend (L.-H.-Sz. II 507) vorangestellt


wie oft bei Vergil (seit ecl. 1, 7). et . . . -que: In der Dichtersprache
seit Vergil häufigere Verbindung (L.-H.-Sz. II 516). Promeae: Die
Prüm, nur hier belegt; zur Namensform vgl. RE XXIII (1957) 650 f.;
Weisgerber 330; Rasch 81; Berger 231; über die Quantität und die
vorgeschlagenen Konjekturen vgl. Cavarzere, Komm. S. 148. Der
85 km lange Fluß entspringt im Arenberger Forst in der Eifel zwischen
Ormont und Reuth und mündet in Minden in die Sauer. Da das Gebiet
in römischer Zeit dicht besiedelt war (s. o.), leitet somit der Vers auch
indirekt von der im Villenkatalog dargestellten Besiedlung des Moseltals
zum Flüssekatalog über. Nemesaeque: Die Nims, nur hier belegt;
vgl. RE XVI (1935) 2328. Das ca. 61 km lange Flüßchen entspringt
III. Katalog der Nebenflüsse (349–380) 231

östlich von Prüm in Weinsheim und mündet unterhalb von Irrel in die
Prüm. adiuta: Wie Amm. 22, 15, 10 (H). meatu: Vgl. zu V. 29.

355 Sura: Die 173 km lange Sauer (frz. Sûre) entspringt in den
Ardennen und mündet bei Wasserbillig in die Mosel. Sie wird in der
lateinischen Literatur hier zuerst genannt (RE IV A [1931] 961 f.;
R. Wiegels, DNP s. v. Sura [5]; zur Namensform vgl. Weisgerber 331;
Rasch 94; Berger 251). non degener: Vielleicht will Ausonius andeu-
ten, daß auch die Sauer schiffbar war. Vgl. das Grabmal des Schiffers
Arrgaippus (sic!) bei Bollendorf mit der Darstellung eines Frachtschiffs
(CIL XIII 4105); dazu E. Krüger, TZ 18, 1949, 37 ff.; Ternes, Das
römische Luxemburg [3.1.] S. 49 und Abb. 9; Heinen, Trier und das
Trevererland [3.1.] 110.

356: BR. Sura: In der anaphorischen Wiederholung (dazu Cavarzere,


Paideia 57, 2002, 65 und Komm. S. 148) sieht Dräger, KTJ 37, 1997, 27
den Beginn des eigentlichen Nebenflußkatalogs . . . auffällig markiert“.

fluentis: Der Plural wird klassisch nur im Nominativ und Akkusativ
gebraucht; vgl. ThlL VI 1, 949, 33 ff.

357 quam si: Belege für Bisyllabum am Versende bei Cavarzere,


Komm. S. 148.

358 ignoranda: Vgl. zu V. 235 referenda. patri . . . ponto: Als


θεω̃ν γένεσιν wird der Okeanos schon Hom. Il. 14, 201 bezeichnet, danach
Verg. georg. 4, 382 Oceanumque patrem rerum; Mart. 10, 44, 2 u. ö. (H);
Di Salvo zu ordo 146 = 20, 18 (zitiert zu V. 32); ThlL X 1, 2690, 28 (Stat.
Ach. 1, 138 f. genitor . . . Pontus). confunderet ostia ponto: Wie
Amm. 16, 3, 1 amnis Mosella confunditur Rheno (C); an Verg. Aen. 3, 696
(Alpheus) ore, Arethusa, tuo siculis confunditur undis erinnert Wamser
S. 95 f. Wie V. 369 bezeichnet ostia im engeren Sinne die einmündenden
Gewässer selbst; vgl. Verg. Aen. 6, 800 (zitiert zu V. 92). Vergleichbare
Versschlüsse bei Mastandrea S. 621 f.

359–364: Als erstes Paar werden die einander gegenüber (vgl. V. 352
diversa . . . ostia) mündenden Flüsse Kyll und Ruwer genannt (zweimal
BR). Die 142 km lange Kyll entspringt im Zitterwald (Nordeifel) an der
deutsch-belgischen Grenze und mündet in Ehrang (Trier). Den sonst
nicht überlieferten lateinischen (maskulinen) Namen des Flusses hat
Scaliger aus der Form gelbis (mit der üblichen c/g-Variante; vgl. zu
V. 2) aus der Hs. G hergestellt; zur ungeklärten Namensform vgl. Rasch
55; Berger 171; Dräger, Ed. 2011, 397. Gegenüber der Kyll und dem
232 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

Ort Pfalzel (vgl. zu V. 327–330) mündet die knapp 49 km lange Ruwer,


die am Rösterkopf im Hunsrück entspringt. Der lateinische (maskuline)
Name Erubris (Variante erubrus) ist nur hier erwähnt; der Name ist
vorgermanisch und ungeklärt (Berger 246).

359 te . . . te: Vgl. zu V. 141 f. marmore clarus Erubris: Vgl.


zu V. 361–364. Die Junktur marmore clarus wie Ov. met. 11, 359 (M 2).

360: BR. famulis . . . lymphis: Vgl. Ov. fast. 1, 286 tradiderat


famulas iam tibi Rhenus aquas (H); ebenso Mart. 5, 3, 2 (Wamser S. 97);
weitere Belege bei Doblhofer II S. 89. allambere: Den vorliegenden
Gebrauch des spätlat. Verbums (ThlL I 1660, 4 ff.) besprechen Hosius
und Cavarzere, Komm. S. 149, der an einen gesto di omaggio“ an den

dominus Mosel denkt.

361 Celbis celebratur piscibus: Ein etymologisches Wortspiel Celbis


celebratur vermutete schon Green zu V. 259 (danach Cavarzere), noch
weitergehend Severin Koster (bei Dräger, Ed. 2002 S. 167), der auch an
den früheren Lachsreichtum der Kyll erinnert, den die Kommentatoren
des 19. Jh. regelmäßig erwähnen (Tross S. 94). Das verbum finitum (statt
celebratus der Hs. R) steht in Parallele zu V. 364 audit (C).

361–364: Ausonius spricht von Wassermühlen und Steinsägen.


Archäologische Nachweise zu den Wassermühlen bei L. Clemens:
Zur Kontinuität von Kelter- und Mühlentechnik in Antike und Mittel-
alter, in: M. Matheus (Hrsg.): Weinproduktion und Weinkonsum im
Mittelalter, Stuttgart 2004, 88 f. Über die wassergetriebenen Steinsägen
handeln Simms [3.2.] mit Widerlegung älterer Zweifel an der Darstellung
des Ausonius (besonders Lynn White Jr.: Medieval Technology and
Social Change, Oxford 1962, 82 f.) und Wikander [3.2.], der auch eine
Rekonstruktionszeichnung bietet und die ältere Literatur umfassend
berücksichtigt (ebenda S. 186 f. Überlegungen zur Lokalisierung der
Sägen) sowie H. Warnecke: Die antike Marmorsäge, Eine Werkzeug-
maschine wird rekonstruiert, in: Das Rheinische Landesmuseum Bonn,
Berichte aus der Arbeit des Museums 2/97 S. 33–38 sowie Ludwig [3.2.];
Literatur zu weiteren Darstellungen bei Bedon [3.1.] 261 Anm. 78. Schon
Tross und Hosius konstatierten, daß es an der Ruwer keinen Marmor
gibt. Während Tross an Schieferbearbeitung dachte, verwies Hosius für
marmor auf die allgemeine Bedeutung (bearbeiteter) Stein“ (Ov. met.

5, 214 und 15, 314 u. ö.; vgl. ThlL VIII 410, 80 und Cavarzere z. St.);
vgl. auch griech. μάρμαρος Kalkstein“ (Simms 638) und über die im

Trierer Umland abgebauten Steine die Bemerkungen bei Heinen, Trier
III. Katalog der Nebenflüsse (349–380) 233

und das Trevererland [3.1.] 153 und 363. Dagegen hält Wikander S. 187 f.
aufgrund des Sprachgebrauchs des Ausonius an der Bedeutung Marmor“

fest und vermutet S. 184, wie ebenfalls schon Hosius und Steinhausen
(vgl. zu V. 365 f.), die Bearbeitung importierten Marmors, wie sie die
kaiserlichen Bauten Triers erforderten (Wightman [3.1.] 194; Marmor an
den Anbauten der Basilika in Trier erwähnt K.-P. Goethert, FVFD 32, 1,
1977, 148 f.; Abb. des Marmorfußbodens der Basilika Katalog Konstantin
Nr. I.15.43, I.14.46, I.16.7). Aber auch die vorher beschriebenen Villen
(wodurch nach Wikander S. 188 die Verbindung zum vorherigen Katalog
hergestellt wird), insbesondere Pfalzel, dürften Marmor verwendet
haben. Von Pfalzel aus war der Lärm der Marmorsägen an der Ruwer
sicher zu hören. Somit gibt Ausonius wie sonst mit dem Hinweis auf
Autopsie (V. 270) seinen persönlichen Eindruck wieder, auch wenn er
die Sägemühlen, wie wiederholt vermutet wurde (Belege bei Wikander),
selbst nicht gesehen haben dürfte. Aber warum sollte ein hoher Beamter
wie Ausonius die für den Kaiser tätigen Werkstätten nicht besucht haben?

362 praecipiti . . . rotatu: Vgl. Auson. prof. 1, 27 praecipitante


rotatu (H) und Di Salvo 96 (zu praeceps). Eine Information darüber, ob
es sich bei dem Antrieb um ein oberschlächtiges oder unterschlächtiges
Wasserrad handelt, ist aus der Formulierung nicht zu gewinnen.
Cerealia saxa: Mühlsteine; singuläre Junktur wohl nach Verg. Aen.
1, 177 Cerealia arma (G).

363 stridentes . . . serras: Junktur wie Lucr. 2, 410 (M 2); Beob-


achtungen zur Onomatopöie des Verses bei Cavarzere, Komm. S. 150
(Häufung der Konsonanten s, t, r). trahens: Die Wortwahl, in
Anlehnung an die Handsägen, bespricht Wikander [3.2.] 188. levia
marmora: Junktur wie Verg. ecl. 7, 31 (H).

364 ripa ex utraque: Wie V. 458.

365 f. In der traditionellen Form der Praeteritio (praetereo . . . nec . . .


usurpo) werden Lieser, Dhron und Salm erwähnt. Dabei wechselt die Auf-
zählung nach der Ruwer moselabwärts auf das linke Ufer zur Lieser, nahe
an der Grenze der Gallia Belgica. Die Grenze der civitas Treverorum
und damit der Provinz Belgica prima verlief nach Heinen, Trier und
das Trevererland [3.1.], Karte 2, östlich von Bernkastel-Kues (Graacher
Höhe) und Kinheim. Die Lieser bildet somit den letzten nennenswerten
Zufluß vor Erreichen der Provinzgrenze. Am rechten Moselufer mündet
(nach Heinen) in einer Entfernung von 15 km von der Provinzgrenze die
Dhron nördlich von Neumagen. Nach J. Steinhausen: Das Trierer Land
234 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

unter der römischen Herrschaft, in: R. Laufner [3.1.] 127 und 191 verlief
die Provinzgrenze an der Dhron. Mit diesem dritten kleinen Fluß wendet
sich der Blick wieder moselaufwärts.

365 exilem Lesuram: Die 73 km lange Lieser entspringt in der


Vulkaneifel und mündet bei der Gemeinde Lieser westlich von Bernkastel
in die Mosel, nur hier genannt. Zur Namensform vgl. RE XII (1925) 2138;
gleiche geographische Namen nennt R. Wiegels, DNP s. v. Lesura; vgl.
Weisgerber 329; Rasch 63; Berger 183. Als Attribut eines Flusses findet
sich exilis für den jungen Padus bei Mela (2, 62 exilis ac macer ).
tenuemque Drahonum: Das nur hier erwähnte 36 km lange Flüßchen
entspringt im Idarwald (Hunsrück) und mündet bei dem gleichnamigen
Ort in die Mosel; Überlegungen (mit Lit.) zur Etymologie bei Dräger,
Ed. 2011, 398; vgl. Weisgerber 328 f.; Berger 84. Unter den möglichen
Bedeutungen für tenuis (auch schmal“, seicht“) könnte nach Ov. met.
” ”
3, 161 und fast. 2, 250 auch noch klar“ zutreffen, stört aber die Reihe

der negativ besetzten Attribute; exilis und tenuis sind auch Auson. prof.
8, 6 und 10, 49 ff. verbunden (C). Diese beiden Attribute unterstreichen
ebenso wie die Charakterisierung der Salm offensichtlich den Gegensatz
zu den vorher genannten bedeutenderen Zuflüssen.

366: Die 63 km lange, nur hier genannte Salmona (Salm) entspringt bei
dem Ort Salm südlich von Gerolstein in der Eifel und mündet westlich
von Klüsserath in die Mosel. fluores: Das Wort wird häufig von den
Medizinern für eine Körperflüssigkeit gebraucht; der Plural (wie V. 446)
ist selten, in der Dichtung zuerst hier; vgl. ThlL VI 1, 976, 21 ff.

367–369: Die Saar ist mit 227 km der längste Nebenfluß der Mosel.
Nach dem Prinzip der paarweisen Nennung kehrt Ausonius an den Punkt
zurück, von dem aus der Katalog seinen Ausgang nahm, zur Mündung
der Saar bei Konz gegenüber der Mündung der Sauer.

367 naviger: Vgl. zu V. 27. undisona . . . mole: Die Wasser-


masse (wie Verg. Aen. 1, 134 u. ö.) ist der Grund für die Schiffbarkeit.
Zum Gütertransport auf der Saar in der Kaiserzeit vgl. Katalog Mosel
und Saar S. 61 f. dudum: Weitere Belege für diese Entschuldigungs-
formel bei Ausonius nennt Di Salvo 165. Saravus: In dieser Form ist
der Flußname zuerst hier belegt; vgl. zu V. 91 f.

368 tota veste vocat: Nach Verg. Aen. 8, 711 f. Nilum / panden-
tem . . . sinus et tota veste vocantem (sc. Cleopatram – V). Wie dort der
Flußgott mit seinem Gewand ein Zeichen gibt, damit sich Kleopatra in
III. Katalog der Nebenflüsse (349–380) 235

seinem Schoße berge (vgl. Mos. 419 f.), so gibt hier umgekehrt Saravus
ein Zeichen (vgl. Ov. am. 3, 2, 74 iactatis togis), um die Aufmerksamkeit
des Autors (oder nach der allerdings nicht zwingenden Änderung von
Fuchs: der Mosel) auf sich zu lenken. Der Bezug zu Vergil unterstreicht
die panegyrische Aussage (O’Daly [3.2.] 148; Posani [3.2.] 47: Ausonio

vuol dare solennità e maestà all’immagine della Saar“ im Vergleich
mit dem größten bekannten Fluß der Antike. Posani bespricht auch die
Unterschiede der Kontexte: Personifikation bei Vergil, Flußbeschreibung
bei Ausonius; vgl. auch Scafoglio, WS 117, 2004, 155). longum: Den
von Fuchs vermuteten adverbiellen Gebrauch (vgl. zu V. 137 magnum)
billigt zu Recht Cavarzere, Komm. S. 151.

369: Gewichtig schließt der Abschnitt mit Binnenreim und Wortstellung


a,b/V/A,B. fessa: Prädikativ auf ostia ( einmündende Gewässer“

wie V. 358) zu beziehen. Damit erledigen sich die Überlegungen von
K.-P. Goethert, TZ 62, 1999, 219–221. Sachlich ähnlich Ov. met. 1, 581 f.
amnes alii, qui, qua tulit impetus illos, / in mare deducunt fessas
erroribus undas (H). sub Augustis . . . muris: Trotz der Bedenken
bei Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 289 Anm. 10 (vgl. auch
Cavarzere, Komm. S. 151) ist zweifellos die Einmündung unterhalb der
Kaiservilla von Konz gemeint (Fr), die Ausonius sicher auch persönlich
kannte. Valentinian erließ dort 371, also zur Entstehungszeit der Mosella,
fünf Gesetze, an deren Formulierung Ausonius beteiligt gewesen sein
könnte. Über die Villa vgl. zu V. 91 f. Die Saar, die am Donon in den
Vogesen entspringt, hat durch ihre zahlreichen Windungen ihren Lauf so
verlängert (distulit, vgl. zu V. 352), daß sie unterhalb der Kaiservilla in
die Mosel mündet. Dieses Verhalten des Flusses ist auch eine Huldigung
an den Kaiser. volveret ostia: Die Konjektur von Christ S. 292 (nach
V. 473) hat zuletzt Cavarzere, Komm. S. 151 gegen Green verteidigt. Als
5. Fuß des Hexameters ist ostia häufig (Mastandrea S. 621 f.).

370 f.: Alisontia wird nur hier genannt und bezeichnet die Alzette
(bei Goethe, Campagne in Frankreich, Hamburger Ausgabe Bd. 10,
280 Elze“) nach Vinet ( qui Luxemburgensibus Elz dicitur“; weitere
” ”
Varianten des Namens bei Dräger, KTJ 37, 1997, 18 Anm. 12; Ders., Ed.
2011, 401); vgl. auch Tross S. 97; Weisgerber 326 (dort Anm. 19 ältere
Lit.) und 328; Ternes, Paysage [3.2.] 381 f. = 182 f. und Topographie
[3.2.] 217; Krahe [3.2.]; Steinhausen (vgl. zu V. 365 f.) 132; Rasch 13;
Falileyev 43; Dräger, Gymn. 104, 1997, 441 ff. Gemeint ist nicht die
bei Moselkern mündende Elz, wie u. a. Freher, Böcking und zuletzt
Cavarzere, Komm. S. 152 annahmen, denn nur für den bei Ettelbruck in
die Sauer mündenden luxemburgischen Hauptfluß ist der Vergleich mit
236 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

der Saar sinnvoll. Ähnlich wie die Saar begleitet sie zunächst die Mosel,
um dann (über die Sauer) in sie zu münden. Im übrigen werden hier nur
Flüsse beschrieben, die im näheren Umkreis Triers und damit innerhalb
der Provinz Gallia Belgica direkt oder indirekt in die Mosel münden.
Dabei läßt die Formulierung des Ausonius nicht erkennen, daß es sich
bei der Alzette nicht um einen direkten Nebenfluß der Mosel handelt.
Ihre Bedeutung liegt darin, daß sie fruchtbares Acker- und Weideland
durchfließt (per sola pinguia . . . frugiferas, felix . . . ripas; vgl. zu V. 23)
so wie die Mosel die von Reben geprägte Kulturlandschaft. In der Ver-
herrlichung der Mosellandschaft kommt ihr daher eine bedeutende Rolle
zu. Für die deutsche Elz trifft das nur bedingt für den Oberlauf (Maifeld)
zu. Die Tatsache, daß die Alzette eine wichtige Ergänzung zur Mosel
bietet und daß nur Nebenflüsse innerhalb der Gallia Belgica genannt
werden, wurde bisher nicht beachtet (unter diesem Gesichtspunkt sind
auch die Ausführungen in Plekos 7, 2005, 125 Anm. 70 zu korrigieren).
Greens Umstellung der Verse hinter V. 364 wäre für die deutsche Elz
sinnvoll als Vergleich mit der Kyll (nec minor hoc), nicht mit der Saar, ist
aber nach dem Gesagten hinfällig; vgl. auch Scafoglio, Vichiana 4. ser. 4,
2002, 236–237. Die älteren Gleichsetzungen von Alisontia mit der deut-
schen Elz besprechen Mirmont 1889, 106–108; Dräger, KTJ 37, 1997, 20.

370 nec minor: Wegen ihrer Bedeutung als Fluß des Fruchtlan-
des westlich von Trier ist dieser Ausdruck im Kontext der Panegyrik
angemessen. Die seit Verg. Aen. 5, 803 (9, 342 und 452) häufig am Hexa-
meteranfang belegte Wendung nec minor mit der Nennung der Alisontia
ist also weder senzo . . . alcun rapporto con la realità“ (Cavarzere,

Komm. S. 152) noch ἀπροσδόκητον (Dräger, Gymn. 104, 1997, 453 u. ö.),
sondern fügt sich aufs Beste zur Tendenz des Gedichts. Da die Mündung
der Sauer, über die die Alzette der Mosel zugeführt wird, am anderen
Moselufer nur etwa 5 km von der Saarmündung entfernt ist, gilt auch
für sie sub Augustis muris. Aus der doppelten Verwendung der Formel
non minor hic im Flußkatalog Lukans (2, 416 und 418) und der Zahl der
zweimal sieben italischen Flüsse folgert Dräger (KTJ 37, 1997, 21–26
u. ö) spekulativ literarische Abhängigkeit des gesamten Katalogs von
Lukan. tacitum: Adverbiell wie Auson. ephem. 3, 55 (C), vgl. zu
V. 137 magnum. sola pinguia: Wie Verg. georg. 1, 64 (M 2) und Aen.
4, 202 pingue solum (H); Wamser S. 97 f. vergleicht Catull. 68, 110 pingue
palude solum.

371: BR. stringit . . . ripas: Wie V. 460 stringentem ripas nach


Verg. Aen. 8, 61 ff. ego sum pleno quem flumine cernis / stringentem ripas
et pinguia culta secantem, / caeruleus Thybris (M 2). Damit wird nicht
III. Katalog der Nebenflüsse (349–380) 237

nur die Mosel, sondern auch die am Ende des Flußkatalogs genannte
Alzette zu einem zweiten Tiber und verdient das Prädikat nec minor.
Der Binnenreim frugiferas . . . ripas unterstreicht die Aussage. felix:
Sowohl aktiv befruchtend“ wie passiv beglückt“. Das gleiche Attribut
” ”
erhalten V. 417 die Mosel (vgl. Verg. georg. 2, 188 felicem . . . limum)
und V. 458 die Bewohner der Gallia Belgica.

372–374: Im Stil der Katalogdichtung werden am Ende unzählige



andere“ erwähnt (vgl. zu V. 351 innumeri und 298–320; Aufzählungen
bei Scaliger, Freher, Böcking und Mirmont 1889), welche die gleiche
Eigenschaft wie die am Anfang genannte Sauer und ihre Nebenflüsse
haben. Sie wollen sich möglichst rasch mit der Mosel verbinden, um durch
diese Verbindung nobilitiert“ zu werden (V. 357 nobilius, 374 ambitus).

372 prout: Einsilbig wie Hor. sat. 2, 6, 67 (Mirmont 1892, 113).
impetus: Häufig an dieser Stelle im Hexameter (Mastandrea S. 389),
sodaß der syntaktisch andere Versschluß Lucan. 1, 491 f. quo quemque
fugae tulit impetus, urguent / praecipitem populum (H; Posani [3.2.] 48;
Scafoglio, WS 117, 2004, 156) als Reminiszenz wohl fernzuhalten ist.

373 f.: An der Überlieferung mores hat schon Ugoletus Anstoß ge-
nommen, denn damit würde eine Eigenschaft, die V. 384 den Einwohnern
des Mosellandes zukommt (vgl. auch V. 395), auf die Nebenflüsse selbst
übertragen. Gegenüber Shackleton Baileys Änderung tanti statt tantus
und der Deutung von mores als their (good) morals“ (AJPh 97, 1976,

256) verdient die Korrektur von M. Galdi, RIGI 16, 1932, 126 (und
offensichtlich unabhängig davon Badian ALPh 98, 1977, 139 f.), zuletzt
verteidigt von Cavarzere, Komm. S. 153) amor est den Vorzug; sie
stellt den erforderlichen Sinn her. Die Junktur amor est findet sich häufig
bei Statius. Wamser S. 98 erinnert auch an Hor. ars 17 et properantibus
aquae per amoenos ambitus agros.

374–380: Nicht ohne Raffinesse schließt der Abschnitt mit einem


dreifachen Vergleich: Homer hat den Simois besungen, Metonym für
Troia, Vergil ist mit seiner Aeneis der Sänger der römischen Frühzeit
und verherrlicht in seinen laudes Italiae seine Heimat ebenso wie den
Tiber und damit Rom, Ausonius besingt die Mosel und das Land der
neuen Kaiserresidenz Trier. Damit ist der Dichter an dem Punkt seines
Enkomions angelangt, der den Schlüssel zum Verständnis des ganzen Ge-
dichts bietet: Die Mosel folgt auf Simois und Tiber wie in einer translatio
imperii (darauf hat nachdrücklich König bei Lossau 202 hingewiesen;
vgl. auch Mazzoli [3.1.] 88 f.) die Herrschaft von Troia nach Rom und
238 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

schließlich nach Trier überging; beide Flüsse müssen sogar hinter der
Mosel zurücktreten. Für die translatio von Troia nach Italien mit dem
Ziel der Gründung Roms genügt es, auf das Proömium der Aeneis zu
verweisen oder auf das Geschichtswerk des Pompeius Trogus, das diesem
Prinzip folgt; vgl. Iustin. 31, 8, 1–4 und W. Goez: Translatio imperii,
Tübingen 1958. Danach kann auch die Verlegung der Hauptstadt als eine
solche translatio verstanden werden (Goez S. 30) so wie man im Ostreich
die Verlagerung des Kaisertums von Rom nach Konstantinopel verstand
(ibid. S. 54; über die Bewertung Konstantinopels durch Ausonius vgl.
Di Salvo 152). Ein Zeugnis für Trier als Belgica Roma bei F. Vollmer/
H. Rubenbauer: Ein verschollenes Grabgedicht aus Trier, TZ 1, 1926,
26–30; ausführliche Erklärung der Inschrift bei H. Thomas: Studien zur
Trierer Geschichtsschreibung des 11. Jahrhunderts, insbesondere zu den
Gesta Treverorum, Bonn 1968, 162–179; Text und Übersetzung auch
bei Steinhausen (vgl. zu V. 365 f.) 202 f. und Heinen, Trier 318. Jede
Phase dieser Übertragung ist mit einem großen Dichternamen verbunden:
Homer, Vergil, Ausonius. Der Bescheidenheitstopos, der sich in der For-
mel si tibi . . . dedisset verbirgt, gehört zur gesellschaftlich-literarischen
Konvention, und mancher am Hofe mag Ausonius, nicht zuletzt wegen
seines Cento nuptialis, einen zweiten Vergil genannt haben; vgl. Symm.
epist. 1, 14, 5 Anhang S. 280 ff. (über die Mosella) tuum carmen libris
Maronis adiungo sowie Paul. Nol. epist. 11, 38. Zu dieser in der Literatur
des 4. Jh. beliebten Form der captatio benevolentiae vgl. J. Küppers:
Die Fabeln Avians, Bonn 1977, 187–190. Ausonius nennt seine Bissula
bescheiden poematia . . . rudia et incohata (p. 143), bei Symmachus sind
die Bescheidenheitsformeln topisch. Die Umkehrung dieses Topos findet
sich bei Statius, der den früh verstorbenen Lukan über Vergil stellt (silv.
2, 7, 79 f. ipsa te Latinis / Aeneis venerabitur canentem; ebenso Anth.
233, zitiert von Dräger, KTJ 37, 1997, 33 Anm. 56), während er selbst am
Ende seine Thebais auffordert (12, 816) nec tu divinam Aeneida tempta
und so den Vergleich mit Vergil evoziert; vgl. zu V. 375 vatem und 437
Bicornis. Weniger dezent als Ausonius vergleicht sich Lukan mit Homer:
Lucan. 9, 983–986 nam, si quid Latiis fas est promittere Musis, / quantum
Zmyrnaei durabunt vatis honores, / venturi me (sc. Lucanum) teque (sc.
Caesarem) legent; Pharsalia nostra / vivet. Während die translatio von
Troia nach Rom leicht nachzuvollziehen ist, bedarf die Verlegung der
Kaiserresidenz von Rom nach Trier einer Rechtfertigung. Obwohl der
Satzbau V. 378–380 nicht zu beanstanden ist, bleibt der Gedankengang
problematisch. Er vollzieht sich in folgenden Schritten: 1. Der Tiber muß
in seiner Ehre hinter der Mosel zurücktreten, da diese einen Dichter
gefunden hat, der Homer und Vergil übertrifft (so die Aussage des
Bescheidenheitstopos im Klartext); 2. Rom möge daher nachsichtig
III. Katalog der Nebenflüsse (349–380) 239

sein, Neid und Verargen seien fern; 3. den Sitz der Herrschaft in Rom
hatten die Vorväter inne. Da der Text zwingend eine Rechtfertigung
Triers als neuen Herrschaftssitzes des (West-)Reiches beinhaltet, müßte
eine derartige Aussage aus V. 380 herausgelesen werden: Der Tiber
behält seine Ehre, weil die Vorväter in Rom herrschten, aber er muß
hinter der Mosel zurücktreten, da jetzt – so ist zu ergänzen – Trier
Kaiserresidenz ist. Will man diese Lücke im Gedankengang dem Autor
nicht zutrauen – und sie ist in der Tat nur schwer akzeptabel – muß man
den Ausfall mindestens eines Verses annehmen. Textänderungen in V.
380 allein vermögen den Gedankensprung nicht zu überdecken. Während
die meisten Herausgeber seit Accursius (Schenkl, Peiper, Cavarzere)
v o r V. 380 eine Lücke von einem Vers annehmen und Green, Komm.
S. 504, sogar den Verlust von 2 oder 3 Versen vermutet, ist die Lücke
auch nach V. 380 denkbar. Ausführlich besprechen die Stelle, außer
den Kommentatoren, Tränkle [3.2.] 156 = 231 Anm. 6 und Scafoglio,
Vichiana 4. ser. 4, 2002, 234–236 (kein Versausfall, ebenso Hosius, John,
Marsili, Schönberger u. a.). Angemerkt sei auch, daß Valentinian I.
niemals Rom besucht hat (Demandt, Spätantike2 [3.1.] 142 und 331).
Insofern fügt sich die Passage auch in die Valentinianische Rompolitik
ein. Und schließlich gilt in diesem Zusammenhang das schon mehr als
ein Jahrhundert vorher von Herodian (1, 6, 5) überlieferte Wort: Rom

ist dort, wo der Kaiser ist“ (ἐκει̃ τε ἡ ῾Ρώμη, ὅπου ποτ’ ἂν ὁ βασιλεὺς ˜᾿
ῃ); vgl. Mazzoli [3.1.] 87–89. Ebenso formuliert der Panegyriker des
Jahres 291 (11 [3] 12, 2) ut tibi tunc (d. h. in Mailand) esse sedes imperii
videretur quo uterque venerat imperator. Als nach 380 der Hof von Trier
nach Mailand verlegt wurde (vgl. Einleitung S. 12), war eine Aussage
über Trier als Kaiserresidenz obsolet geworden. Nicht auszuschließen ist,
daß daher eine diesbezügliche Aussage in der Mosella getilgt wurde, so
wie umgekehrt V. 451 offensichtlich später eingefügt ist; vgl. Einleitung
S. 18. Im übrigen scheint Ausonius zu Rom, das er vermutlich nie
besuchte, ein distanziertes Verhältnis gehabt zu haben. Das zeigt nicht
nur der formal-kühle Eingangssatz des Ordo, in dem sich der Preis Roms
auf einen einzigen Hexameter mit traditionellen Klischees beschränkt
(Prima urbes inter, divum domus, aurea Roma), sondern auch der Schluß
(ordo 167 f. = 20, 39 f. Diligo Burdigalam, Romam colo; civis in hac sum,
/ consul in ambabus; cunae hic, ibi sella curulis). Zurückgekehrt nach
Bordeaux blickt Ausonius auf den Höhepunkt seiner politischen Karriere,
den Konsulat des Jahres 379 zurück. In Bordeaux ist er geboren, dort ist
er Bürger und die Würde des Konsulats gilt dort ebenso wie in Rom, das
er verehrt. Seine Liebe aber schenkt er Bordeaux.
240 C. Die Landschaft und ihre Bewohner (150–380)

374 f. quod si tibi . . . / . . . vatem . . . dedisset: Cavarzere, Komm.


S. 153. erinnert an Lucan. 1, 114 quod si tibi fata dedissent und Hor. epist.
2, 1, 133 vatem si Musa dedisset. dia: Über die Göttlichkeit des Flusses
vgl. zu V. 56 secreti nihil. Belege für dieses Attribut von Flüssen (griech.
δι̃ος seit Hom. Il. 2, 522) bei Hosius. Über das Genus vgl. Einleitung S. 6 f.

375 Smyrna: Unter den vermutlichen Geburtsstätten Homers wird


stets Smyrna, das heutige Izmir, meist an erster Stelle genannt (RE VIII
[1913] 2194–2199; G. Petzl, DNP s. v. Smyrna). Die sieben bedeutendsten
werden mit Varianten Anth. Pal. 16, 295–299, Gell. 3, 11 und von Sanna-
zaro (1455–1530) in seinem bekannten Vers Smyrna, Rhodos, Colophon,
Salamis, Chios, Argos, Athenae aufgezählt. vatem: Entsprechend der
klassischen Auffassung des Dichtens als einer priesterlichen Handlung, die
für den Dichter den Begriff vates einführte (J. K. Newman: The Concept
of Vates in Augustan Poetry, Brüssel 1967; neuere Literatur zu diesem
Begriff bei H. D. Jocelyn: Poeta and vates: Concerning the Nomenclature
of the Composer of Verses in Republican and Early Imperial Rome, in:
L. Belloni u. a. (Hrsgg.): Studia classica Iohanni Tarditi oblata I, Mailand
1995, 19–50, bes. S. 23 Anm. 18 und 19). Ausonius verwendet den
Begriff etwas häufiger als poeta und offensichtlich in höherer Stillage. Die
Bezeichnung wird z. B. prec. 1, 16 von Gratian gebraucht, der selbst als
Romanus Homerus gefeiert wird. Vgl. auch zu V. 186–188. Mantua
clara: Der Geburtsort Vergils (genauer Andes bei Mantua); vgl. die
Grabinschrift in der Probusvita Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet
nunc / Partheope; cecini pascua rura duces. Das gleiche Attribut ordo
65 = 9, 2 claras . . . urbes; zur Verwendung des Attributs für Städte vgl.
Di Salvo 70. Als Metonyme für die beiden bedeutendsten Epiker Homer
und Vergil werden beide Geburtsorte gerne zusammen genannt: Stat.
silv. 4, 2, 8–10 (C); Sil. 8, 592–594. John, Ed. S. 75 verbindet das Attribut
clara auch mit Smyrna und eliminiert damit eine mögliche Klimax (vel ).

376: BR. Iliacis . . . in oris: Junktur wie Verg. Aen. 2, 170 (H).
Simois: Vermutlich ist der Nebenfluß des Skamander (Xanthus) auch
deshalb genannt, da nach Verg. Aen. 1, 618 dort Venus den Aeneas
geboren haben soll. Er ist also ein bedeutender Ort auch der römischen
Geschichte. memoratus in oris: Versschluß wie Verg. Aen. 7, 564
(G), weitere Belege bei Mastandrea S. 496.

377 Thybris: Vergil benützt (Aen. 2, 782) zuerst die griechische


Wortform, die nach Ovid in der Dichtung üblich wird (Austin II S. 283);
über den Vergleich der Mosel mit dem Tiber vgl. zu V. 21 f.
III. Katalog der Nebenflüsse (349–380) 241

378 f.: Den schon von Hosius gegebenen Hinweis auf Anth. 233 R.
(= 225 Sh. B.) Mantua, da veniam, fama sacrata perenni: / Si fas
Thessaliam post Simoenta legi vertieft Green mit der Bemerkung, daß der
in der Überlieferung des Epigramms genannte Autor Alcimius vermutlich
der in prof. 2 genannte Alcimus Alethius (HLL § 546.3) sei und der
Text ab V. 375 diese Vorlage benutze. Ein vergleichbarer Gedanke findet
sich im Panegyricus auf Maximian vom Jahr 289 (10 [2] 14, 3, zitiert
Einleitung S. 3 Anm. 12), worauf schon Tross hingewiesen hat. Der
Text dokumentiert eindringlich, daß bereits in der Tetrarchie Rom nur
noch eine Statistenrolle“ (Leppin/Ziemssen [siehe zu V. 347–348] 41)

zukam. Die direkte Anrede an die auch in der Spätantike immer noch
als göttliches Wesen vorgestellte Roma (ältere Literatur bei Paschoud
[3.1.] 9 Anm. 3; dazu Brodka [3.1.]; Demandt, Spätantike2 [3.1.] 423–441)
läßt vermuten, daß neben Nemesis auch Invidia personifiziert gedacht ist
(s. u.).

378 da veniam: Hexameteranfang wie Mart. 12, 60, 5 und Mart.


epigr. 31, 1 (P); Stat. silv. 3, 1, 162; Iuv. 5, 42 (H). Cette expression

est très banale“ Charlet [3.2.] 177. Das anaphorische da unterstreicht
die Dringlichkeit der Bitte und stützt die Lesart von G (G). Roma
potens: Wie Hor. epist. 2, 1, 61 und Stat. silv. 4, 1, 28 (Wamser S. 98).
Beck, Tres Galliae [3.1.] 42 und Di Salvo S. 147 haben die Attribute für
Roma im Werk des Ausonius zusammengestellt; Beck verweist darauf,
daß die Bedeutung der Stadt keine aktuelle politische“, sondern eine

geistige“ sei. Das trifft zwar de facto zu, ist aber aus potens allein

nicht zu erschließen. Vielmehr hat Ausonius für die neue Hauptstadt
des Ostens, Konstantinopel, nur sehr allgemeine Prädikate übrig (ordo
6 f. = 2/3, 5 f. fortuna recens . . . novisque excellens meritis), während
Rom für ihn selbstverständlich in traditioneller Weise (betont von Berka
[3.1.] 27) caput rerum (V. 409) und in aeternum condita (Liv. 4, 4, 4)
bleibt, auch wenn sich die lokale Positionierung der Macht seit der
Tetrarchie aus Rom entfernt hat (Maxentius ist dabei eine bezeichnende
Ausnahme) und das Herrschaftszentrum des westlichen Imperiums in
Trier liegt. oro: Endsilbenkürzung seit Valerius Flaccus und Statius;
die Länge bewahrt Vergil (ThlL IX 2, 1035 ff.).

379 Invidia: Im politischen Sinn sagt schon Verg. georg. 3, 37 f.


invidia infelix furias . . . metuet (vgl. Richter S. 268 f.), woraus die
Vorstellung von einer personifizierten Invidia gewonnen werden konnte,
die bei Ovid (met. 2, 760 ff.) und Statius belegt ist (silv. 4, 8, 16 f. procul
atra recedat / Invida; ibid. 2, 1, 122; 2, 6, 69; 5, 1, 138; vgl. Claud. 2, 25 f.
242 D. Finale (381–483)

invidiae quondam stimulis incanduit atrox / Allecto, placidas late cum


cerneret urbes; ebenso Hyg. fab. praef. p. 8 M.); weitere Belege ThlL
VII 2, 206, 6 ff. Nemesis: Schon bei Homer Gottheit, die menschlichen
wie göttlichen Unwillen über Fehlverhalten verkörpert (J. Gruber: Über
einige abstrakte Begriffe des frühen Griechischen, Meisenheim am Glan
1963, 65–72). Sie behielt auch bei den Römern ihren griechischen Namen
(Plin. nat. 11, 251 quae dea Latinum nomen ne in Capitolio quidem
invenit, ähnlich ibid. 28, 22). Eine zeitgenössische Deutung des Wesens
der Nemesis, mit Adrasteiea gleichgesetzt, bietet Amm. 14, 11, 25 f.
Ausonius erwähnt sie noch protr. 85 absistat Nemesis; epigr. 22 und 61;
prec. 2, 41; epist. 24, 43–58.

380 imperii sedem: Später spricht Sidonius carm. 2, 33 von Kon-


stantinopel als imperii sedes. Symmachus nennt Trier sedes des Kaiser
Valentinian (or. 1, 14). tenuere parentes: Versschluß wie Stat. Theb.
6, 662 (C). Die Aussage betrifft die Verhältnisse in vorkonstantinischer
Zeit. Erst im 4. Jh. residieren die Kaiser an verschiedenen Orten (H.
Halfmann: Itinera principum, Stuttgart 1986). parentes bezeichnet daher
nicht nur die Kaiser (so Klausen, Hosius), sondern auch die regierenden
Institutionen der vorkonstantinischen Zeit. Einen Bezug auf den Senat
schließt allerdings Pabst, Reden 251 Anm. 365 explizit aus. Auf jeden
Fall übergeht Ausonius die Tatsache, daß Rom nach wie vor Sitz des
alten Senats war, auch wenn Konstantin in Konstantinopel einen zweiten
Senat installiert hatte. – Auch unter Annahme einer Lücke vor (oder
nach) Vers 380 ist die Form tenuere beizubehalten. Vgl. Pabst, Reden
[3.1.] 249 Anm. 360 und Dies., Divisio [3.1.] 423 Anm. 593.

D. Finale (381–483)
Das Finale ist sorgfältig gegliedert: Die rahmenden hymnischen Ab-
schnitte mit 8 und 15 Versen zeigen ein Verhältnis von annähernd 1 : 2,
die beiden Ankündigungen sind mit 29 und 31 Versen fast gleich groß und
zusammen mit 60 Versen dreimal so lang wie der Mittelteil (20 Verse).

I. Hymnischer Gruß (381–388)

381: Mit diesem Zitat aus Verg. georg. 2, 173 f. salve, magna parens
frugum, Saturnia tellus / magna virum (Tr) wird nicht nur der Hauptteil
gerahmt und geschlossen (Görler 104 = 160), sondern auch der Schlußteil
eröffnet; der Vers hat Scharnierfunktion wie V. 150/51, uno snodo essen-

I. Hymnischer Gruß (381–388) 243

ziale nella struttura del poemetto“ (Cavarzere, Komm. S. 156; ähnlich


schon John [3.2.] 99); inhaltlich wird V. 23 variiert, vgl. dort zur
Grußformel salve. Wenn Ausonius in dem Zitat eines bekannten Vergil-
verses Saturnia tellus durch Mosella ersetzt, dann enthält diese vorge-
hobene Stelle des Gedichts die unmißverständliche Botschaft: Das von
der Mosel durchflossene Land ist die neue Saturnia tellus. Die in Verg.
ecl. 4, 6 beschworenen Saturnia regna sind zurückgekehrt (vgl. zu dem
Begriff Richter [4.1.] S. 210). Wie in der Georgica-Stelle die laudes Italiae
ihren Gipfelpunkt erreichen, so hier die laudes Mosellae (Pavlovskis [3.2.]
39). Das Genus von Mosella, durch parens zunächst noch unbestimmt,
wird durch V. 390 amore t u i nach römischer Vorstellung eines Fluß-
gottes als maskulin definiert; es ist also das gleiche wie das des Tibers.
Die Mosel ist der Grund für alles Leben im Moselland und für seine
Fruchtbarkeit wie auch Stammutter“ der dort lebenden Menschen. In

gleicher Weise kann die Donau behaupten, sie habe die beiden Herrscher
Valentinian und Gratian ernährt und aufgezogen (epigr. 3, 4 Anhang
S. 282 ff.).

382 f.: Zweimal BR. Das Trikolon mit wachsenden Gliedern nennt
drei Stände“, die am Hof präsent sind: Die hohen Verwaltungsbeamten,

das Militär und die Rhetoren, zu denen auch die Juristen und Professoren
zu rechnen sind. Ihnen ist eine ganze Zeile gewidmet. te . . . te . . . te:
Über die für den Hymnenstil charakteristische anaphorische Anrede vgl.
Norden (zitiert zu V. 23) 142–163.

382 clari proceres: Neben der Kaiserresidenz war Trier auch Sitz
des praefectus praetorio Galliarum und damit Verwaltungszentrale für
den von Britannien bis Nordafrika reichenden Teil des westlichen Impe-
riums. Wenn auch das Attribut an den besonderen Rang der höchsten
Beamten und Senatoren, der viri clarissimi , erinnert, so umfaßt der
Ausdruck wahrscheinlich die gesamte Beamtenschaft des Hofes und der
Präfektur; anders Auson. Caes. 1 Caesareos proceres von den Kaisern
selbst; vgl. Green, Komm. S. 559 f. bello exercita pubes: Seit Tross
verweisen die Kommentatoren auf die Äußerungen Caesars über die
Kriegstüchtigkeit der Treverer (Gall. 2, 24, 4; 5, 3, 1; Hirt. 25, 2). Zur
militärischen Situation der Zeit vgl. Einleitung S. 16 f.; Überblick über
die militärischen Anlagen bei Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.]
293–299, über Trier als Truppenstandort ibid. 322 f. mit Bewertung der
Mosella-Stelle; vgl. Ders., Grundzüge [3.1.] 113 f. mit Hinweis auf die
Darstellung Triers im Kalender von 354 (dazu Einleitung S. 6 Anm. 26).
Die Funktion Triers als Versorgungsstandort für die Grenztruppen wird
auch ordo 31 = 6, 4 formuliert: imperii vires quod alit, quod vestit et armat
244 D. Finale (381–483)

(dazu Di Salvo 168 f.). Zu den im 4. Jh. errichteten Getreidemagazinen


und Materialdepots (horrea) auf dem Gebiet des Benediktinerinnen-
klosters St. Irminen vgl. Trier II [3.1.] Nr. 88–90; Cüppers [3.1.] 627 f.
Zur Formulierung erinnert Cavarzere, Komm. S. 156, an Manil. 1, 796
Aemiliaeque domus proceres clarique Metelli.

383: Die in diesem Vers (zitiert von Beat. Rhen. Germ. 2 p. 266, 4
M.) gepriesene facundia gewinnt konkrete Gestalt nicht nur in der
Person des Ausonius selbst, sondern auch in den Panegyriken, die in
Trier gehalten wurden (M 1), oder durch einen Text wie Auson. epist.
10 Ad Ursulum grammaticum Trevirorum. Die Förderung der Trierer
Rhetorenschule durch Gratian belegt Cod. Theod. 13, 3, 11 (a. 376);
vgl. Mondin, Ed. Epist. S. 120 f.; Di Salvo 172 und 182 und Einleitung
S. 11. Auf die Anklänge an Vergil verweist O’Daly 150 ( the theme is

embedded in an intertext with Vergil’s eulogy of Italy“). Latiae . . .
facundia linguae: Wie Ov. Pont. 2, 3, 75 (M 2); gleiche Versschlüsse bei
Mastandrea S. 268. Cavarzere, Komm. S. 156 f. verweist auf die Klage
des Cornelius Severus über den Tod Ciceros (carm. frg. 13, 11 Morel)
conticuit Latiae tristis facundia linguae.

384 f.: Das hier geschilderte Persönlichkeitsideal findet sich auch


sonst bei Ausonius: Vom Schwiegervater seiner Tochter, Severus Censor
Iulianus (PLRE I S. 476 f.), sagt er (parent. 22, 7) tu gravis et comis cum
iustitiaque remissus, an seiner Mutter Aemilia Aeonia rühmt er (parent.
2, 6) et gravitas comis laetaque serietas. Lolli S. 70 f. sieht darin das
Ideal einer aurea mediocritas. Tross verweist auf ordo 36 f. = 7, 2 f. mit
einer ähnlichen Aussage über die Einwohner Mailands (facunda virorum
/ ingenia et mores laeti ), was auf persönliche Kenntnis schließen lasse;
vgl. dazu auch Di Salvo 173. laetum . . . ingenium: Wie parent.
24, 1 qui laetum ingenium, mores qui diligit aequos. Auf die bevorzugte
Verwendung von laetus in Vergils Georgica verweist O’Daly [3.2.] 150.

384 mores: Wiederholt V. 395. Wie Aeneas in Italien moresque


viris et moenia ponet (Verg. Aen. 1, 264), a civilized way of life“

(Austin I S. 102), so schenkt die Natur des Moseltals seinen Bewohnern
gute Gesittung“. Auch dadurch kann es das Moselland mit Italien

aufnehmen, aber auch mit der aquitanischen Heimat des Dichters; vgl.
zu V. 18–22 und 442. fronte severa: Im Gegensatz zu dem häufigen
Hexameterschluß fronte serena (Mastandrea S. 318) entspricht die nur
in G überlieferte Lesart fronte severa (als Hexameterschluß sonst nicht
belegt) nicht nur dem beschriebenen Persönlichkeitsideal, sondern auch
den anschließend genannten Exempla.
I. Hymnischer Gruß (381–388) 245

385 concessit alumnis: In der Bedeutung schenken, gewähren“ wie



grat. 8 appellationes tuas, quas olim virtus dedit, quas proxime fortuna
concessit. Vgl. zu V. 23. Gleicher Versschluß Prop. 4, 2, 9 (C).

386: Bis in die Spätantike gelten die Catones als Exempla altrömischer
Tugend und Sittenstrenge, aber auch für republikanische Gesinnung;
vgl. Gruber S. 225; Stellensammlung bei Otto S. 78. Der censor Cato
(M. Porcius Cato) wird auch parent. 22, 3 f. neben Aristides genannt
(nec solus semper censor Cato nec sibi solus / iustus Aristides his
placeant titulis) und vor allem an diesen mag Ausonius auch hier gedacht
haben, wenngleich der Caesargegner Cato Uticensis ebenfalls wegen
seiner Strenge bekannt war (Mart. 11, 2, 1 f. triste supercilium durique
severa Catonis frons), wodurch sich der bereits bei Seneca sprichwörtliche
Plural erklärt. Die Frage diskutiert ausführlich Cavarzere, Komm. S. 157 f.

387 iusti . . . et aequi: Wie Hor. sat. 1, 3, 98 (P); vgl. Cavarzere,


Paideia 57, 2002, 59 und Komm. S. 158. spectator: Livius 42, 34, 7
nennt den soeben erwähnten Cato virtutis spectatorem ac iudicem. Von
da konnte Ausonius den Ausdruck auf Aristides übertragen; Mondin bei
Cavarzere, Arcadia [3.2.] 161 Anm. 17 vergleicht Ov. met. 10, 575 sederat
Hippomenes cursus spectator iniqui mit ähnlichem Versschluß. Dennoch
hat der Ausdruck Anstoß erregt, sodaß Heinsius sectator vorschlug
(zuletzt ausführlich von Cavarzere, Komm. l. c. verteidigt), Mirmont
1889 servator nach Verg. Aen. 2, 427 (Rhipeus) servantissimus aequi und
besonders Lucan. 2, 389 (Cato) rigidi servator honesti.

388 pollet: Vgl. Auson. parent. 30, 3 ingenitis pollens virtutibus (Tr).
Aristides: Athenischer Politiker zur Zeit der Perserkriege. Seit dem
4. Jh. v. Chr. trägt er den Beinamen der Gerechte“ (᾿Αριστείδης ὁ δίκαιος,

vgl. Cic. Sest. 141 qui unus omnium iustissimus fuisse traditur ). Die
Formulierung des Ausonius (nec . . . unus tantum; ähnlich parent. 22, 3 f.,
s. o.) kann als Korrektur der Bewertung Ciceros verstanden werden.
Zu Aristides verweist Lolli S. 207 auf I. Calabi Limentani: Aristide il
giusto, Fortuna di un nome, RIL 94, 1960, 43–67. illustrat: Vgl. Di
Salvo 56 Anm. 62. Athenas: Die Bedeutung Athens ist für Ausonius
nur noch eine kulturelle. Das zeigt sich besonders in der Erwähnung
im Ordo urbium nobilium (V. 86–91) erst an fünfzehnter Stelle (Beck,
Tres Galliae 54) nach den spanischen Städten; hervorgehoben werden die
friedenbringende Olive“, die Beredsamkeit und die Kolonisation. Vgl.

Di Salvo 147 und 212 ff.
246 D. Finale (381–483)

II. Ankündigung eines größeren Liedes (389–417)

Der Dichter weist sich selbst zurecht, indem er sich vorwirft, allzu
rasch das Enkomion (praeconia) zu beenden. Durch die ausführliche
Ankündigung erfüllt der vorliegende Text selbst schon diese Aufgabe
einer umfangreicheren Würdigung. Ohne noch das spätere Enkomion auf
die Gallia Belgica verfaßt zu haben, läßt Ausonius sein Gedicht auf die
Mosel in einem Lob Galliens enden. Dazu dient einleitend ab V. 399 die
rhetorische Form der Praeteritio. Vergleichbar ist (nach Sivan [3.1.] 122)
die Ankündigung eines Werkes über die militärischen Erfolge Gratians
(grat. 9 und 62), die ebenfalls nicht eingelöst wurde. Vgl. zur Funktion
des ganzen Abschnitts Galand-Hallyn [3.1.] 344–346, Consoli, RCCM 37,
1995, 129 f.; Scafoglio, WS 117, 2004, 169–172.

389 f.: Inhaltlich und mit wörtlich gleichem Versanfang vergleichbar


epist. 21, 45 f. verum ego quo stulte dudum spatiosa locutus / provehor?
nach Verg. Aen. 3, 480 f. quid ultra / provehor?

389: BR. laxis . . . habenis: Junktur wie Verg. georg. 2, 362;


Aen. 1, 63 (Wamser S. 99). Das Verhältnis zu Prop. 3, 1, 13 bespricht
Lourenço, Euphrosyne 17, 1989, 259–264.

390 victus amore tui: Wie Verg. Aen. 12, 29 (M 2). praeco-
nia: Wiederholt V. 453; vgl. V. 404 und drei weitere Belege bei
Ausonius. Durch die Zwischenstellung muß tui auch darauf bezogen
werden. detero: Vielleicht nach Hor. carm. 1, 6, 12 (Fr); vgl. zur
übertragenen Bedeutung im Sinne von detrectare ThlL V 805, 67–70;
M. E. Consoli, RCCM 37, 1995, 130. Während aber dort Horaz ein
Lobgedicht auf Agrippa ablehnt, weil er als Lyriker dazu nicht in der
Lage sei, gesteht Ausonius seine Schuld“ ein, deutet das Ende des

vorliegenden Gedichts an und verheißt ein größeres Lied. Vgl. auch Nardo
[3.2.] 326; Lourenço [3.2.] 263.

391: BR. chelyn: Die bei Ausonius nur hier gebrauchte, hoch-
poetische griechische Bezeichnung für die Leier (Schildkröte; lat. testudo)
auch Stat. silv. 1, 5, 1. extremo carmine: Wie Ov. fast. 3, 390 (C).
netis: Griechisch νέτη (sc. χορδή) als Bezeichnung für die unterste Saite,
im Lateinischen Terminus technicus seit Vitr. 5, 4, 5; vgl. Chalc. Tim. 40
und 44. Boethius erklärt mus. 1, 20 septima (sc. chorda) autem dicitur
nete, quasi neate, id est, inferior. Inter quam neten et paramesen est
sexta, quae vocatur paranete, quasi iuxta neten locata (D). Singuläre
Variante des Versschlusses carmina nervis (Mastandrea 105).
II. Ankündigung eines größeren Liedes (389–417) 247

392–394: Der Dichter erwartet, in seinem Alter noch einmal den Stoff
für literarische Tätigkeit zu finden. C. Di Giovine, BStudLat 40, 2010,
530 f. hat durch Interpunktion und leichte Textänderung (commendet
honos. Tum facta) die Struktur des Abschnitts geklärt, nach Green
z. St, expressed with an abundance of literary echoes“. tempus

erit, cum me: Wie Tib. 1, 4, 79 (Tr); Ov. fast. 1, 529 (M 2);
Stat. Theb. 1, 32 u. ö. (H); um folgenden Konjunktiv vgl. L.-H.-Sz.
II 622 (final-konsekutiv). studiis ignobilis oti: Nach Verg. georg.
4, 564 studiis florentem ignobilis oti (Fr), bringing the achievement

of the Mosella and that of the Georgics into proximity“ (O’Daly [3.2.]
150). Gemeint ist die Ferne von den Aufgaben des Hofdienstes, die durch
literarische Tätigkeiten (studiis) kompensiert werden wird. Gleicher
Versschluß Auson. praef. 5, 15 (C); vgl. zu V. 475. mulcentem
curas: Wie Stat. silv. 3, 1, 63 curas mulcere (M 2). mulcentem . . .
foventem: Der Reim (Homoioptoton) wie V. 460; nicht selten bei Vergil
(Austin II S. 220). seniique aprica: Als Vorbild für das kühne

Bild“ (H) gilt Pers. 5, 179 aprici . . . senes (Tr). Über aprica vgl. zu
V. 155. materiae commendet honos: Umschreibung für materia
honesta. Beispiele ähnlicher Umschreibungen bei Hosius. Vgl. parent.
praef. quosdam (sc. versiculos) solet commendare materia (Fr). Dräger,
Ed. 2011, S. 430 erinnert an Biss. 1, 3 otium magis foventes quam
studentes gloriae. Abhängig davon ist der Dativ studiis.

394 f.: Diese Ankündigung wird V. 399 ff. dadurch eingelöst, daß


Ausonius repräsentative Bevölkerungsschichten erwähnt. Dabei stellt sich
die Frage, ob er nur ein Enkomion auf die Belger dichten will oder eher
auf ganz Gallien, was der Vergleich der Mosel mit den Flüssen Galliens
V. 461–468 nahelegt. Auch patrios . . . mores kann sich auf ganz Gallien
beziehen. Zum zeitgenössischen Interesse an der Frühgeschichte Galliens
vgl. Einleitung S. 1 Anm. 1. facta . . . canam: Wie Ov. fast. 6, 3 (M 2).
decora inclita: Nach Stat. Achill. 1, 775 (S).

396–398: Vergleichbare Bilder aus der Webersprache bei Tross und


Hosius; vgl. grat. 61 tenuiore filo, sicut dicitur, deducta. Besonders nahe
stehen Culex 35 mollia sed tenui pede currere carmina (M 2) und Hor.
epist. 2, 1, 225 tenui deducta poemata filo (Tr), dazu Nardo [3.2.] 323;
nachgeahmt Erm. epist. 30 p. 162.

396 mollia . . . carmina: Die Bucolica Vergils charakterisiert Horaz


(sat. 1, 10, 44) als molle atque facetum. Insofern bemerkt Cavarzere,
Komm. S. 161, mit Recht appare comunque un po’ incongruo . . .

al tema celebrativo del canto futuro“. subtili . . . filo: Wie Lucr.
248 D. Finale (381–483)

4, 88. Als Ausdruck für ein ausgefeiltes Gedicht wie oben tenui filo und
anschließend tenui . . . subtemine. Auch in der Rhetorik ist das Attribut
gebräuchlich (Martin, Rhetorik 331 ff.).

397 Pierides: Die Musen; vgl. Cic. nat. deor. 3, 54 Musae, quae
Pieridas et Pierias poetae solent appellare, benannt nach der makedoni-
schen Landschaft Pieria (andere Deutungen RE Suppl. VIII [1956] 495 f.).

397 f.: Ähnlich schildert Vergil den Webvorgang georg. 1, 294 arguto
coniunx percurrit pectine telas und Aen. 7, 14 (S). Zur Technik selbst vgl.
RE V A (1934) 173–185. Mit subtemen wird der Einschlag“ bezeichnet,

der die Kettenfäden (telas) des Aufzugs durchkreuzt (percurrent); sie
sind am Kettenbaum, dem oberen Querbalken des Webstuhls, befestigt
(aptas, vgl. Ov. met. 6, 55 tela iugo vincta est und zu dieser Bedeutung
von aptus Cic. Tusc. 5, 62 gladium e lacunari saeta equina aptum).

398: BR. purpura: Entweder auf das Gewebe zu beziehen, das durch
die Zugabe von Purpurfäden aufgewertet wird, oder auf die zu erwarten-
de größere Ehre (V. 474 honos). Ausführlich ist die Stelle zuletzt von
Cavarzere, Komm. S. 161 f., besprochen, der aber eine Anspielung auf den
Kaiser durch die Nennung der kaiserlichen“ Farbe Purpur ausschließt.

Vergleichbarer Versschluß griph. 11 (P). Das Glanzstück eines Gedichts
bezeichnet Horaz ars 16 f. als purpureus . . . pannus (Tr).

399–414: In der folgenden Aufzählung nennt Ausonius verschiedene


Bevölkerungsschichten der spätantiken Gesellschaft in den Provinzen.
Erkennbar sind Bauern (400), Rechtskundige, Rhetoren in der Funktion
als Advokaten (400 f.), Gemeinderäte (curiales, decuriones, 401 f.) und
professores (403 f.), ferner rectores provinciarum (405 f.), vicarii (407 f.)
und praefectus, consul (409 ff.). Die genaue Bestimmung der einzelnen
Gruppen ist umstritten. Als erste Gruppe werden die mit dem Landbau
Beschäftigten genannt (vgl. zu V. 399 f.). Unklar ist, ob mit legumque
catos fandique potentes eine oder zwei Gruppen bezeichnet werden. Die
Syntax des Satzes ist verunklärt, wenn durch -que . . . -que die unter sich

dadurch zu einer begrifflichen Einheit verknüpften zwei Begriffe durch
das erste que mit einem vorangehenden dritten verbunden“ würden, was
Vergil vermeidet (Norden S. 197). Es liegt daher nahe, entsprechend
Vergilischem Sprachgebrauch, die Aussage auf zwei verschiedene Gruppen
zu beziehen, Rechtskundige und Redner. Da die rhetorische Ausbildung
bekanntlich sowohl für den Juristen unerläßlich war und die Vorausset-
zung für eine Tätigkeit vor Gericht und in der Verwaltung bildete, aber
auch, wie bei Ausonius selbst, für die Lehrtätigkeit in der Rhetorenschule,
II. Ankündigung eines größeren Liedes (389–417) 249

werden die drei Aspekte rhetorischer Berufstätigkeit durch die Apposition


und durch zwei asyndetisch verbundene Relativsätze ausgedrückt. Ab
V. 405 werden mit quique und aut zwei weitere Gruppen genannt, bis die
Aufzählung mit V. 409 bei der Regierung der Stadt Rom angelangt ist.
Somit umfassen die letzten drei Gruppen in einer Klimax die höchsten
Staatsämter mit Ausnahme des Kaisers. Ab V. 415 kehrt Ausonius
mit einer Überleitung wieder zu seinem Thema zurück. Eine eindeutig
hebdomadische Struktur der Periode, wie sie bereits Böcking S. 94 ff.
und zuletzt Coşkun, REA 104, 2002, 404 Anm. 11 und Dräger, Ed.
2011, S. 406 ff. konstatierten, ist daher nicht gegeben. Coşkun selbst sieht
eine beabsichtigte Unsicherheit beim Leser“, die der gewisse Schwebe-
” ”
zustand“ hervorruft. Die älteren Deutungen bespricht Mirmont 1889,
S. 112–122. In Hinblick auf die zeitgenössische Gesellschaft behandelt
den Abschnitt Heinen, Trier und das Trevererland [3.1.] 312–315. Das
hier entworfene Idealbild einer funktionierenden Gesellschaftsordnung
und Verwaltung ist wohl der enkomiastischen Grundtendenz der Mosella
geschuldet.

399 f. quietos agricolas: Sollten damit nicht nur die Grundbesitzer,


possessores (Hosius; Marx [3.2.] 380 und 382; Marsili; Heinen, Trier und
das Trevererland [3.1.] 313 Grundbesitzer, die . . . das altrömische Ideal

der gravitas des ruhig-ernsten Bauern und Grundherrn verwirklichen“),
sondern auch die einfachen Pächter und Bauern (coloni ; vgl. zu V. 9,
Weis: Landwirte“) gemeint sein, dann könnte das Adjektiv quietos auf

die besondere Situation der Bagauden bezogen werden, jene unruhigen
Bauern und Hirten, die seit dem Ende des 3. Jh. in Reaktion gegen
die ständische Bindung und den steuerlichen Druck des Staates immer
wieder Aufstände v. a. im nördlichen Gallien anzettelten und im 5. Jh.
wieder in Erscheinung traten, während sie im 4. Jh. offensichtlich nicht
aktiv waren (LMA I 1344 f.; Demandt, Spätantike2 [3.1.] 370). Somit
enthält das Attribut implizit ein Lob auf den aktuellen innenpolitischen
Zustand des Landes.

400 catos: Wie prudens, scitus u. ä. (H) nur hier mit dem Gen.
verbunden (ThlL III 623, 60), wohl aus metrischen Gründen und wegen
des folgenden potentes, wo diese Konstruktion gut belegt ist (Lolli,
Parentalia S. 119); sonst bei Ausonius, wie üblich, mit dem Abl. (epigr.
95, 1; parent. 17, 15). Die Verwendung des archaischen Wortes bespricht
Nardo [3.2.] 327. Konkret kann man an die mit dem Kaiserhof, aber
auch mit der provinzialen und städtischen Verwaltung verbundenen
verschiedenen Gruppen von Rechtskundigen denken, wie sie F. Wieacker,
Recht und Gesellschaft in der Spätantike, Stuttgart 1964, 81 aufzählt und
250 D. Finale (381–483)

bei denen eher juristische Kenntnisse als rhetorische Qualitäten gefordert


waren. fandi . . . potentes: Die Klimax der ersten drei Gruppen
wird mit den Rednern abgeschlossen, der Ausdruck wie epigr. 26, 5 (von
Gratian?) und Paneg. 4 [10] 3, 2.

401: Als Advokaten sind die Rhetoren für ihre Parteien (rei ) agierende
Anwälte, die rhetorisch ausgebildeten Sachwalter“ (Wieacker l. c.).

Nicht zuletzt wegen des sprachlichen Anklangs an cod. Theod. 1, 29, 5
(a. 370), wodurch die Einsetzung von defensores civitatis in jeder Ge-
meinde verfügt wurde, ut innocens et quieta rusticitas patrocinii beneficio
fruatur (Marx [3.2.] 380), hat man hier einen Hinweis auf diese Funktion
sehen wollen (Cavarzere, Paideia 57, 2002, 61). Die defensores civitatis
sind 368 erstmals belegt, aber wohl schon seit dem Anfang des Jahrhun-

derts vorhanden. Sie sollten bes. die niederen Stände der Städte gegen
Rechtsverletzungen der Mächtigen schützen“ (R. Klein, LMA III 634 f.;
Demandt, Spätantike2 456). Mit praesidium . . . reis, nach Hor. carm.
2, 1, 13 insigne maestis praesidium reis (Tr), vgl. Auson. prof. 24, 7 inque
foro tutela reis; Ov. Pont. 4, 16, 42 praesidium . . . fori (H), sind aber nicht
nur die Angeklagten gemeint, sondern die Prozeßparteien wie Cic. de
orat. 2, 321. sublime: Vielleicht Anspielung auf die Stilhöhe der Rede.

401 f.: Dem hauptstädtischen Senat entspricht die curia in den


Provinzstädten (proprium senatum; Demandt, Spätantike2 457 f.). Ihre
Mitglieder (summos proceres) sind die curiales oder (seit dem 3. Jh.)
die decuriones. Auch der Stadtrat von Bordeaux heißt procerum sena-
tus (ordo 130 = 20, 3, dazu Di Salvo S. 244; parent. 8, 1; vgl. zu Mos. 382).

403 f.: Ausonius hat besonderen Grund, die Rhetoriklehrer hervor-


zuheben, erweist er doch dadurch seinem Stand, seinen Kollegen (wie in
prof.) und nicht zuletzt sich und seinem Beruf die Reverenz. In einem
Edikt Gratians (cod. Theod. 13, 3, 11; Text auch bei Tross S. 106; Peiper,
Ed. S. C; Green, Komm. Appendix A Nr. 15; vgl. Einleitung S. 11) wird
die Bezahlung der rhetores et grammatici Atticae Romanaeque doctrinae
geregelt. Dabei erhalten die nobiles professores in Trier (Trevirorum
vel clarissimi civitati ) eine besondere Zulage (Steinhausen in: Laufner,
Trier [3.1.] 193 f.; Heinen, Trier [3.1.] 340–351). Namentlich bekannt sind
Harmonius und Ursulus (Auson. epist. 10; PLRE I S. 408 Nr. 2 und S.
988 Nr. 2) sowie Aemilius Epictetus (CIL XIII 3702 = ILS 7768). Eine
schola Gallica palatii erwähnt Symm. epist. 9, 55 (H).

403: BR. praetextati . . . ludi: Gemeint ist die Schule, die bis zum
17. Lebensjahr besucht wurde, solange der römische Knabe die mit
II. Ankündigung eines größeren Liedes (389–417) 251

einem Purpurstreifen verzierte toga praetexta trug; vgl. Auson. prof. 18, 7
praetexta . . . pubes (Tr).

404 praeconia Quintiliani: Durch seine Institutio oratoria galt M.


Fabius Quintilianus (ca. 30–96) als der große Lehrer aller Rhetoren
und – wie Cicero – als unerreichtes Vorbild (so schon Mart. 2, 90, 1 ff.
Quintiliane, vagae moderator summe iuventae gloria Romanae). Das
gilt auch noch für die Spätantike; vgl. die Belege bei Gemeinhardt
[3.1.] 44 Anm. 103. Quintilians Rolle als Prinzenerzieher unter Domitian
stellt für Ausonius noch einen besonderen Grund dar, ihn (und nicht
etwa Cicero) hier zu nennen und sich indirekt mit ihm zu vergleichen
wie später grat. 7, 31. Ausonius nennt prof. 1, 2 den Redner Minervius
alter rhetoricae Quintiliane togae (Tr) und beansprucht somit für sich
und seine Kollegen das gleiche Lob, wie es Quintilian erhält; vgl. zu V. 390.

405 ff.: Die Provinzstatthalter (rectores provinciarum mit dem Titel


eines consularis, praeses oder corrector ) hatten die höchste Zivilgewalt
und die gesamte Jurisdiktion (tribunal . . . secures; Demandt, Spätantike2
297 f.). Vergleichbar ist die Aufzählung bei Verg. Aen. 6, 661 f. (S).

405 suas rexere urbes: Die Junktur nach Ov. met. 2, 370 magnas
rexerat urbes und 4, 212 (M 2); zur Sache vgl. die Selbstaussage von Prud.
praef. 16 ff. bis legum moderamine frenos nobilium reximus urbium, ius
civile bonis reddidimus, terruimus reos; die von Mirmont 1892, 201 f.
vermutete Abhängigkeit des Prudentius von Ausonius bezweifelt Charlet
[3.2.] 7, der Anm. 36 auf die Formulierungen bei Cic. rep. 1, 53 (in iis
civitatibus quae ab optimis reguntur ) und 43 (Massilienses per dilectos et
principes cives . . . reguntur ) verweist. Nicht auf den Geburtsort, sondern
auf die Verwaltungsorte der Statthalter bezieht sich das Attribut suas
(Green).

406 innocuas . . . secures: Vergleichbare Wendungen sind Lucan. 7, 64


pacificas . . . secures und Iuv. 8, 137 hebetes . . . secures (M 2). Das Motiv
der unblutigen Amtsführung kehrt bei Rutil. Nam. 1, 159 f. wieder; vgl.
Doblhofer II S. 93.

407 f.: Die vicarii sind Verwalter der Diözesen (vgl. Einleitung S. 4)
und dort Stellvertreter des praefectus praetorio (daher praefecturarum
titulo tenuere secundo). Da hier nur die vicarii Britanniens und Italiens
genannt sind, vermutete man die Beziehung auf bestimmte Personen.
Nach dem Textzusammenhang muß es sich jedoch nicht um Personen mit
Herkunft aus der Gallia Belgica handeln, sondern um Beamte, die mit
252 D. Finale (381–483)

dem Trierer Hof besonders eng verbunden waren; vgl zu V. 24 Belgae. Die
Nennung der Diözesen Italia und Britannia erklärt sich aus der aktuellen
politischen Situation (s. u.).

407: BR. aut: Pretes Ergänzung aut <qui> ist unnötig, da aut die
erforderliche Trennung der beiden Satzglieder bewirkt (K.-St. II 100).
Italum populos: Wie Verg. Aen. 6, 92 gentis Italum. Zusammenstellung
der von Ausonius verwendeten Genitive der 2. Deklination auf -um bei
Delachaux [3.3.] 83. – Anders als für die Verhältnisse in Britannien
(siehe das Folgende) läßt sich der Hinweis auf Italien nur schwer mit
einem zeitgleichen Ereignis zusammenbringen. Von den beiden Diözesen
Italia, nämlich annonaria (Oberitalien) und suburbicaria (Unteritalien),
dürfte wohl die letztere nicht in Betracht kommen. In das Jahr 370 fällt
die Ansiedlung von gefangenen Alamannen durch den magister equitum
Theodosius (s. u.) als Kolonen in der Poebene (Amm. 28, 5, 15). Auch
das ist ein Erfolg, der in den Zusammenhang der Kämpfe Valentinians
gegen die Alamannen paßt. Welche Rolle allerdings dabei der vicarius
der Diözese spielte, ist unbekannt, zumal da die vicarii Italiae zwischen
365 und 374 nicht namentlich bekannt sind. Der von Böcking und Hosius
genannte Cataphronius war erst 376/377 vicarius Italiae (Ternes z. St.;
PLRE I 186) und scheidet demnach aus. aquilonigenas: Neubildung;
vgl. Auson. ecl. 7, 2 (= 362 S.) 22 Saturnigenam (H); ecl. 24, 36 caeligena
und oben zu V. 116. Zur Sache vgl. Di Salvo 77. Britannos: Im Jahre
368 schickte Valentinian den magister equitum Theodosius (PLRE I
902–904), den Vater des gleichnamigen späteren Kaisers, zur Beruhigung
der von Aufständen und Überfällen gekennzeichneten Situation nach
Britannien. Dieser richtete Valentinian zu Ehren dort eine fünfte Provinz
Valentia bzw. Valentiniana ein. Auf Bitten des Theodosius hin wurde
Civilis als vicarius nach Britannien geschickt. Er ist nur aus Amm.
27, 8, 10 bekannt, wo es von ihm heißt: Civilem nomine recturum Britan-
nias pro praefectis ad se poposcerat mitti (sc. Theodosius), virum acrioris
ingenii, sed iusti tenacem et recti. Damit beginnt die letzte bescheidene

Blütephase des römischen Britannien“ (Demandt, Spätantike2 141; vgl.
K. Brodersen: Das römische Britannien, Spuren seiner Geschichte, Darm-
stadt 1998, 233–240). Während für die Zeit nach 368 Einzelnachweise
über die vicarii Britanniarum fehlen (PLRE I 1080), fügt sich das Urteil
des Ammianus über Civilis aufs beste zu dem, was Ausonius an den
Provinzstatthaltern rühmt. Der Befriedungserfolg des Theodosius und
des vicarius Civilis in Britannien paßt vorzüglich als Parallele zu der
Befriedung des Mosel-Rhein-Gebiets durch Valentinian. Insofern zeigt die
Aussage des Ausonius auch hier wiederum die panegyrische Tendenz der
Mosella.
II. Ankündigung eines größeren Liedes (389–417) 253

409–414: Die Umschreibung bezeichnet eindeutig den praefectus urbi,


der in der Rangordnung gleich hinter dem Kaiser steht; primo sub nomine
würde der Angesprochene regieren, wenn er gleichzeitig noch consul wäre.
Die nur andeutende Aussage des Ausonius hat zu verschiedenen Identifi-
kationen geführt. Die Verhältnisse hat Hosius 18 ff. besprochen und, wie
schon Böcking, in Sextus Claudius Petronius Probus (PLRE I 736–739)
den Ungenannten vermutet. Er kommt allerdings nur dann in Betracht,
wenn man mit Shanzer nicht an dem Postulat festhält, alle Genannten
müßten aus der Gallia Belgica stammen. Schon Mirmont 1889, 122
hatte daher an Maximinus aus Sopiana, vicarius urbis 370/71 und ab
371 praefectus praetorio Galliarum (PLRE I 577–578), gedacht, erneut
aufgegriffen von Mondin bei Cavarzere, Komm. S. 206 ff. Auffallend ist,
daß Ausonius über die moralischen Qualitäten des Maximinus nichts
sagt. In Hinblick auf die Nachrichten Ammians über die Grausamkeit
des Vicarius Maximinus (zitiert von Mondin bei Cavarzere, Komm. S.
210 ff.) könnte man sogar die vorausgehende Erwähnung einer unblutigen
Verwaltung als vorsichtige Kritik und moralischen Appell an den neu
zu ernennenden praefectus Galliarum verstehen. Die durchgehend zu
beobachtende Klimax des ganzen Abschnitts weist jedoch ebenfalls
darauf hin, daß nicht der vicarius urbis Romae, sondern der praefectus
urbis Romae gemeint ist (Probus verwaltete weder das eine noch das
andere Amt; vgl. Mondin bei Cavarzere, Komm. S. 200). Unter den
namentlich Bekannten wäre in diesem Fall an L. Aurelius Avianius
Symmachus Phosphorius (PLRE I 863–865) zu denken. Er war der Vater
des mit Ausonius befreudeten Symmachus und in den Jahren 364/65
Stadtpräfekt von Rom, dazu princeps/caput senatus. Einen Hinweis
auf diese Position könnte die Erwähnung des Senats (patres . . . rexit)
V. 409 f. geben. Während seiner Präfektur begann der Bau des Pons
Valentinianus in Rom, der wahrscheinlich 373 vollendet wurde (zu den
Restaurierungsarbeiten in Rom zur Zeit Valentinians vgl. A. Haug bei
Fuhrer [3.1.] 124 f., zu den Tiberbrücken Pabst, Symmachus Reden [3.1.]
S. 158 Anm. 44). Für das Jahr 377 wurde er zum Konsul designiert,
starb aber vor Amtsantritt. Die nicht zuletzt durch den Brückenbau (und
vermutlich andere Baumaßnahmen) dokumentierte enge Verbindung
mit Valentinian könnte schon zur Zeit der Abfassung der Mosella bei
Hofe Vermutungen über einen künftigen Konsulat des Symmachus
aufkommen lassen. V. 414 nobilibus repetenda nepotibus ist in diesem
Zusammenhang ein schmeichelhaftes Kompliment für den mit Ausonius
befreundeten Sohn des erwarteten consul designatus, auch wenn der
Wunsch konventionell ist (H). Tatsächlich wurde aber der Sohn im Jahre
391 consul posterior.
254 D. Finale (381–483)

409 caput rerum: Wie Ov. met. 15, 736 caput rerum, Romanam
urbem (H), dazu Consoli, RCCM 37, 1995, 132; Tac. ann. 1, 47, 1; vgl. zu
V. 378 und 483. Daneben steht die häufigere Junktur caput orbis (dazu
Doblhofer II S. 106). Die mythologische Erklärung findet sich bei Livius
5, 54, 7 hic Capitolium est, ubi quondam capite humano invento respon-
sum est eo loco caput rerum summamque imperii fore. populumque
patresque: Alliterierender formelhafter Versschluß wie Verg. Aen. 4, 682
(S) und oft (Belege bei Hosius z. St.; Mastandrea 677).

410 quamvis: Die emphatische Wortstellung bespricht Cavarzere,


Komm. S. 165.

411 festinat: Der Indikativ neben dem Potentialis reddat, zuletzt


verteidigt von Scafoglio, Vichiana 4. ser. 4, 2002, 230 f., ist insofern
sinnvoll, als die Aussage hinsichtlich des hier vermuteten Konsulats
des Symmachus doch nur gemacht werden kann, wenn dafür sichere
Anzeichen vorliegen. Die Konjektur Böckings (festinet) verteidigen
Cavarzere und Mondin, Komm. S. 202.

412 Fortuna: Die Möglichkeit des Bezugs auf die Gottheit erwägt
Di Salvo 187. Die Syntax des Satzes beschreibt eher die Aktion einer
göttlichen Macht (vgl. parent. 22, 13) als eines Abstraktums; daher
Großschreibung wie Peiper u. a. Wie Fortuna als Fortuna Augusta eng
mit dem Kaiserhaus verbunden ist, kann hier Fortuna stellvertretend
für den Kaiser selbst gesagt sein, denn realiter kann nur dieser die
angesprochenen Ehrungen gewähren.

413 fastigia: Ebenso vom Konsulat Plin. epist. 2, 1, 2 (C).

414: Holodactylus (vgl. zu V. 28). At: In Verbindung mit der


bukolischen Dihärese (vgl. auch Hosius und Cavarzere z. St.) bewirkt
die Konjunktion eine starke Rückwendung zum alten Thema. Vgl.
Galand-Hallyn [3.1.] 346 f.

415 f.: Auf das alliterierende Trikolon detexantur, dilata, dicamus


verweist Cavarzere, Komm. S. 166.

415 detexatur: Im Sinne von vollenden“ wie Ciris 9 coeptum de-



texere munus; weitere Belege ThlL V 1, 811, 47 ff. Gleichzeitig greift
der Ausdruck Verse weben“ (Rücker [3.1.] 159 mit Hinweise auf epist.

21, 1) das Bild von V. 396 ff. wieder auf und schließt rahmend den
Abschnitt. laude virorum: Versschluß wie Sil. 16, 310 (C).
III. Mosel und Rhein (418–437) 255

416 f.: Zitiert von Beat. Rhen. Germ. 1 p. 42, 20 f. M., der V. 421–424
anschließt.

416 dicamus: besingen, preisen“ wie z. B. Verg. ecl. 4, 54 u. ö.



laeto . . . tractu: Über laetus vgl. zu V. 73 vada laeta, über tractus zu
V. 154. rura virentia: Vgl. V. 335 viridantibus . . . pratis.

417: Zum Inhalt vgl. Di Salvo 246. felicem fluvium: Vgl. zu V. 371.
sacremus: Mit der unbestimmten, hochstilisierten Wendung (vgl. N.-H.
zu Hor. carm. 1, 26, 11) dürfte ebenso wie bei Horaz der Gedanke an
die Unsterblichkeit durch das Lied verbunden sein (vgl. consecrare ThlL
V 384, 43 ff.). Hosius versteht den Ausdruck im Sinne von feierlich

bestatten = zu Ende bringen“, Fr. Marx, RhM N. F. 80, 1931 385 so,
daß die Mosel dem weltberühmten Rhein als Weihgeschenk in die Arme

gelegt wird“ (zustimmend L. Deubner, Philologus 89, 1934, 253). Eine
vergleichbare Vorstellung wird mit der Einmündung der Sauer in die
Mosel V. 354–358 verbunden. Zum Hexameterschluß vgl. zu V. 27.

III. Mosel und Rhein (418–437)

Der Rhein, obwohl der bedeutendste Strom des Nordens (Cavarzere,


Komm. S. 166 f., verweist auf den Autor Περὶ ὕψους 35, 4, wo er neben
Nil und Donau genannt wird), wird erst durch die Vereinigung mit
der Mosel zum verus limes (V. 435). Der Blick ist ab V. 425 auf den
Unterlauf des Flusses von Confluentes (Koblenz) an gerichtet, während
der südliche Teil zwischen Bodensee und Moselmündung, der ebenfalls
bei der Valentinianischen Grenzsicherung eine bedeutende Rolle spielte,
nur durch den Hinweis auf die von Rhein ausgehenden Feldzüge der Jahre
369 und 370 erwähnt wird. Der nördliche Abschnitt des Rheins wurde
durch die Kämpfe Caesars mit zweimaliger Überschreitung des Flusses
mit Hilfe einer Schiffsbrücke (Caes. Gall. 4, 16–18 und 6, 9–10) sowie
durch die Vorstöße ins rechtsrheinische Gebiet entlang der Lippe und im
Norden bis zur Elbe unter Drusus und Tiberius Griechen und Römern
näher bekannt (die Belege schon bei Riese [3.1.]). Nach der Niederlage des
Varus und nach den letzten Endes vergeblichen Vorstößen des Germani-
cus in rechtsrheinisches Gebiet wurde der Fluß nördlich des Neuwieder
Beckens zur Militärgrenze, die durch die Anlage bedeutender Kolonien
(Antunnacum – Andernach, Rigomagus – Remagen, Bonna – Bonn,
Colona Claudia Ara Agrippinensium – Köln, Novaesium – Neuß, Colonia
Ulpia Traiana – Xanten, Colonia Ulpia Noviomagus – Nijmegen) gesi-
chert wurde. Der Distrikt des niedergermanischen Heeres wurde, wie der
256 D. Finale (381–483)

des obergermanischen, unter Domitian in den Jahren 83/85 als Provinz


eingerichtet (Germania superior und inferior ); Provinzgrenze war der
Vinxtbach nördlich der Ahr. Es folgte eine fast zweihundertjährige
Friedenszeit, die erst durch die Einfälle der Franken (256/57) beendet
wurde. Nur wenig später wurde der obergermanisch-rätische Limes von
den Alamannen überrannt. Das im Jahre 260 von Postumus etablierte
gallische Sonderreich währte bis 274. Wegen der stets drohenden Ger-
manengefahr wurde die Residenz von Köln nach Trier verlegt (Kl.-P.
Johne bei Günther, Rhein und Donau [3.1.] 89). Die Sicherung der
Provinzgrenze durch Abwehr oder Ansiedlung eingedrungener Germa-
nenstämme gehörte auch in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts zu den
wichtigsten Aufgaben des Kaisers und seiner Heerführer (Überblick bei
Johne, l. c. 91–98). Nur 20 Jahre vor den durch Ausonius besprochenen
Ereignissen war durch die Usurpation des Germanen Magnentius die
Verteidigung der Rheingrenze entscheidend geschwächt worden. Zwischen
352 und 355 wurden weite Gebiete westlich des Rheins von Basel bis
zur Flußmündung verwüstet (über die Niederlage des Caesars Decentius
vgl. zu V. 3). Erst Julian gelang es, v. a. durch seinen Sieg über die
Alamannen bei Straßburg 357, die Sicherheit an der Rheinfront wieder
herzustellen. Er konnte sich rühmen, bewirkt zu haben, daß römische

Heere, sooft sie wollen, den Rhein überschreiten können“ (Amm. 21, 5, 3
Romanis agminibus, quotiens libet, Rhenum pervium feci ). Daran konnte
Valentinian anknüpfen und ab 369 eine Befestigung der gesamten Rhein-
grenze in Angriff nehmen (Amm. 28, 2, 1 magna animo concipiens et
utilia, Rhenum omnem a Rhaetiarum exordio ad usque fretalem Oceanum
magnis molibus communiebat; Symm. or. 2, 28 Rheni ab ortu in oceani
ostia riparum margines operum corona praetexit). An der Rheingrenze
sind aus dieser Zeit besonders folgende Befestigungen und Ausbauten
nachgewiesen: Bregenz (Brigantium), Konstanz (Constantia), Altrip
(Alta ripa), Oedenburg (Argentovaria), Alzey (vicus Altieiensium),
ein Burgus in Eisenberg am Donnersberg (AiD 2008, 1, 30). Übersicht
und Pläne der Valentinianischen Festungsbauten bei Nuber, Imperium
Romanum II 21–23; Wamser [3.1.] S. 209. Zum niedergermanischen Limes
vgl. T. Bechert/W. Willems (Hrsgg.): Die römische Reichsgrenze von
der Mosel bis zur Nordseeküste, Stuttgart 1995; T. Bechert: Germania
inferior, Eine Provinz an der Nordgrenze des Römischen Reiches, Mainz
2007. Den Abschnitt besprechen Ternes, La notion . . . [3.2.], Di Giovine
[3.2.], Roberts [3.2.] 351 f. = 261 f. (offensichtlich verfehlt).

418–420: Wechsel der Anredeformen; vgl. zu V. 27–32.


III. Mosel und Rhein (418–437) 257

418: Versanfang zitiert von Erm. epist. 36 p. 184. hyaloque


virentem: In glossierender Synonymie“ (Cavarzere, Paideia 57, 2002,

59 = Komm. S. 167) verbindet Ausonius das zuerst Verg. georg. 4, 335
(Tr) zur Beschreibung des Kleides der Najade (hyali saturo fucata colore)
aus dem Griechische (ὕαλος durchscheinendes Glas von grüner Farbe“)

übernommene Fremdwort (vgl. A. Biotti: Virgilio, Georgiche libro IV,
Bologna 1994, 272 f.; O’Daly [3.2.] 149) mit dem in der Dichtersprache
häufigem virere im Sinne von mit glasgrüner Farbe“; ebenso Prud.

perist. 12, 53 (dazu Charlet [3.2.] 72 f.).

419 pande peplum: Über die Symbolik vgl. zu V. 368.


spatiumque . . . metare: Wie der Feldmesser den Raum für ein neues
Lager vermißt; vgl. ThlL VIII 893, 45 ff. novi . . . fluenti: Durch die
Vereinigung von Mosel und Rhein entsteht gleichsam ein neuer Fluß,
hervorgehoben durch das seltene fluentum (Cavarzere, Komm. S. 168 mit
weitergehenden Überlegungen).

420–426: In Hinblick auf die Erwähnung von Neckar und Laden-


burg (V. 423), die auf den Feldzug von 369 verweist (so zuletzt Cavarzere
z. St.; vgl. Drinkwater [3.1.] 2007, 280; Einleitung S. 16) ist Sivans
Bemerkung (108) no specific reference to any one battle is given“ schwer

nachvollziehbar; vgl. auch Green, Historia 46, 1997, 215.

420: BR. fraternis cumulandus aquis: Ebenso Erm. epist. 36


p. 184. Dabei bedeutet cumulare nicht einfach vergrößern“ (John) oder

mehren“ (Weiß, Schönberger, ebenso ThlL IV 1381, 83 f.), sondern das
” ”
volle Maß erreichen“; vgl. Auson. prec. 2, 41 ubi se cumulat mea purpura
( reaches its climax“ Green, Komm. z. St.). Erst durch den Zufluß der

Mosel ist der Rhein sozusagen vollkommen“. Der Gedanke, daß der

Rhein erst durch seine Zuflüsse, v. a. durch die Mosel, sein volles Maß
erreicht, findet sich bereits in dem vermutlich im Jahre 310 in Trier
gehaltene Panegyricus auf Konstantin. Der Redner bemerkt zu der von
Konstantin errichteten Rheinbrücke zwischen Köln und Deutz (6 [7] 13, 2
pulchrum tibi videtur . . . ut Rhenus ille non solum superioribus locis,
. . . sed ibi novo ponte calcetur ubi totus est, ubi iam plurimos hausit
amnes quos hic noster ingens fluvius (d. h. die Mosel) et barbarus Nicer et
Moenus invexit. Vgl. auch zu V. 426. – Über den im Spätlatein häufigen
Gebrauch des Gerundivs als Ersatz eines Part. Fut. Pass. vgl L.-H.-Sz. II
394. praemia: Das was die Mosel auszeichnet, ihr Vorzug“ (Weiß).

421–424: Zitiert von Beat. Rhen. Germ. 1 p. 42, 22–24 M.; vgl.
ibid. 1 p. 130, 10 ff.
258 D. Finale (381–483)

421 Augustae: Bezeichnung für die Kaiserresidenz Trier (vgl. zu V. 24)


wie Prud. perist. 11, 199 für Rom. Valentinian hielt sich seit 367 mit Unter-
brechungen durch die Feldzüge stets in Trier auf. Ältere Literatur: H. v.
Petrikovits: Die Rheinlande in römischer Zeit, Düsseldorf 1980, 202 ff.
und 335 ff.; Ders. in: J. E. Bogaers/Chr. B. Rüger (Hrsgg.): Der nieder-
germanische Limes, Materialien zu seiner Geschichte, Köln 1974, 23.
moenibus urbis: Häufiger Versschluß (Mastandrea S. 518). Vgl. zu V. 2.

422–424: Die Zeilen beziehen sich auf die Kriege Valentinians ge-
gen die Alamannen in den Jahren 369 und 370, während das erfolglose
Unternehmen gegen den Alamannenkönig Macrianus 372 (Amm. 29, 4
und 30, 7, 11) natürlich nicht in den Zusammenhang der triumphi paßt,
aber ohnehin nach dem Abschluß der Mosella stattgefunden haben
dürfte. Auch der Feldzug des Jahres 368 (vgl. Einleitung S. 16), an
dem Gratian und vermutlich auch Ausonius selbst teilnahmen, war
nicht so erfolgreich (vgl. Amm. 27, 10, 16), daß er im nachhinein zu
den triumphi gerechnet werden konnte. Gesichert ist dagegen durch
die Eigennamen Nicer und Lupodunum der Feldzug des Jahres 369, an
dem auch Symmachus teilnahm, und der Vorstoß zu den Donauquellen
370. Mit diesen Unternehmungen war die Ruhe an der Rheingrenze
hergestellt, das Rhein- und Moselgebiet war in den folgenden Jahren
ohne Bedrohung. Diese Situation spiegelt die Mosella wider.

422: BR. Es gibt zwar keine Belege für förmliche Triumphe außerhalb
Roms und Konstantinopels (G), aber der erweiterte Sprachgebrauch as-
soziiert nach einem erfolgreichen Feldzug die Vorstellung eines Triumphs.
Symm. or. 2, 2 spricht im Zusammenhang mit dem Feldzug von 369
von triumfalia castra; vgl. ibid. 11 triumphi speciem vicit inpunitas
(sc. der Alamannen) und besonders 30 (dum orbis secreta rimaris,
dum in medullis barbarorum non tentoria sed tecta constituis, triumfum
pacis egisti ), woraus man schließen kann, daß tatsächlich kein Triumph
stattfand. Da der Sohn Gratian den Vater Valentinian auf beiden Zügen
begleitete (vgl. auch zu V. 450), kann Ausonius von iuncti triumphi
sprechen. Das Attribut wird V. 426 Mosel und Rhein beigelegt, womit
die Vereinigung der Flüsse die gemeinsamen Anstrengungen von Vater
und Sohn widerspiegelt (angedeutet von Di Giovine [3.2.] 218). Über die
hier vorliegende wohl metaphorische Ausdrucksweise vgl. mit weiterer
Literatur Pabst, Reden 250 f. und Divisio [3.1.] 195; zu wenig differenzie-
rend Brodka [3.1.] 27 Rom verliert bei Ausonius sein Triumphmonopol“.

Zur Triumph-Symbolik vgl. auch die Beziehung zu Clitumnus V. 27.
Die Stilistik der Wendung natique patrisque bespricht Cavarzere, Komm.
S. 168. Die Junktur spectavit . . . triumphos wie Ov. Pont. 2, 2, 91 (C).
III. Mosel und Rhein (418–437) 259

423: BR. exactis: Den Gebrauch von exigere bei Ausonius bepricht
Di Salvo 64 ff.; vgl. Dies. 200. Nicrum: Der Name des Neckars
erscheint vorher in der Literatur nur Paneg. 6 [7] 13, 2 (in der Form
Nicer , zitiert zu V. 420) und Symm. or. 2, 24, der ausdrücklich darauf
hinweist, daß frühere Autoren den Fluß nicht erwähnten: Nigrum parem
maximis (sc. fluminibus) ignoratione siluerunt. nunc primum victoriis
tuis externus fluvius publicatur. Zum Wechsel in der Schreibweise Ni-
cer/Niger und zur Namensform vgl. RE XVII (1936) 173; Weisgerber
330; Rasch 75; Berger 208; Falileyev 151. Die späte Erwähnung des
Neckars ist umso bemerkenswerter, als das Flußtal seit der 2. Hälfte
des 1. Jahrhunderts n. Chr. als Grenzgebiet des Imperium Romanum
zahlreiche militärische und zivile Anlagen aufweist; vgl. die Karten
in Imperium Romanum I S. 48 und 49. Dazu paßt die Feststellung
von Kai Brodersen (Imperium Romanum I S. 33), daß aus römischer
” ’
Sicht‘ traditionellerweise nicht die geographischen Details . . . zwischen
Rhein und Donau von Interesse waren, sondern allenfalls die Grenz-
marke der Erde im Westen: der Rhein selbst“. Durch den Verlust des
Dekumatlandes nach dem Alamanneneinfall von 259 lag das Gebiet
außerhalb der Grenzen des Imperiums. Lupodunum: Bereits Beatus
Rhenanus (Germ. 1 p. 42, 26 ff. M.; vgl. ibid. 3 p. 286, 16) korrigierte
die Überlieferung in Lupodunum, setzte aber den Namen mit der 1416
geschleiften Burg Lupfen (Hohenlupfen) in der Baar (Schwäbische Alb)
gleich. Marquard Freher, De Lupoduno Antiquissimo Alemaniae Oppido
Commentariolus, Heidelberg 1618 (http://diglib.hab.de/drucke/gm-4f-
524/start.htm; zweisprachige Ausgabe von Hermann Wiegand, Heidelberg
1998), erkannte in dem Ortsnamen das inschriftlich belegte Lopodunum,
Vorort der civitas Ulpia Sueborum Nicrensium. Diese Ansiedlung, das
heutige Ladenburg, wurde im Zusammenhang mit der Besetzung des
oberen Neckartals unter Vespasian errichtet. Außer in Inschriften ist
der Ortsname in der antiken Literatur nur an unserer Stelle überliefert.
Einen Überblick über die Stadtanlage und die Funde geben C. Sebastian
Sommer: Vom Kastell zur Stadt, LOPODVNVM und die CIVITAS
VLPIA SVEBORVM NICRESIVM, in: H. Probst (Hrsg.): Ladenburg,
Aus 1900 Jahren Stadtgeschichte, Ubstadt-Weiher 1998, 81–201 und
Britta Rabold, in: D. Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg,
Stuttgart 2005, 161–168 sowie Imperium Romanum I S. 177–180. Die
Entdeckung Frehers im Kontext humanistischer Bemühungen um den
Text der Mosella bespricht Wiegand bei Probst S. 447–457.

424: Schon Symmachus hatte in seinem Panegyricus über den Feldzug


des Jahres 369 den Vorstoß über den Neckar in der seit den Alexan-
derzügen üblichen Welteroberungsphraseologie gerühmt: Der Herrscher
260 D. Finale (381–483)

stößt bis an die Grenzen der Welt vor (or. 2, 24 dum orbis terminos
quaeris), ja erweitert diese durch die Entdeckung neuer Gebiete. Wäre
Valentinian schon 369 bis zu den Donauquellen vorgestoßen, hätte
Symmachus dieses Unternehmen mit Sicherheit in seinem Panegyricus
gebührend gefeiert. Ausonius aber kann hier noch mehr rühmen als den
Vorstoß in das ehemalige Reichsgebiet am Neckar. Valentinian tritt in die
Fußstapfen der großen Eroberer, indem er die Quellen eines der bedeu-
tendsten Flüsse entdeckt und bekannt macht; er wird zu einem Antitypus
Alexanders wie er auch zu einem Antitypus des Augustus wird (vgl. zu
V. 437). Während der Ursprung der Donau in vorrömischer Zeit in den
Alpen vermutet wurde, hat der Vorstoß des Tiberius im Jahre 15 v. Chr.
vom Bodensee aus Quellflüsse der Donau erschlossen (so Brandis, RE IV
[1901] 2115 zu Strabo 7, 1, 5 p. 292 Τιβήριος ε˜᾿ιδε τὰς του̃ ῎Ιστρου πηγάς).
Ob er jedoch das Quellgebiet beim heutigen Donaueschingen erreichte, ist
nach Brandis unsicher (eine Nachricht darüber vermutet er bei Plin. nat.
31, 25) und bis jetzt umstritten; vgl. K. Dietz, in: Die Römer in Bayern,
Stuttgart 1995, 32 f. mit weiterer Lit. Entscheidend für Ausonius ist wie
schon für Symmachus die damit zu verbindende Herrscherpanegyrik, wie
sie auch Paneg. 11 [3] 16, 4 formuliert wird, wo die Donau zusammen mit
der Elbe als Nordgrenze des Imperiums bezeichnet wird (sub extrema
septentrionis plaga, qua fervidum caput Danubius evolvit). Zur selben Zeit
verfaßte Ausonius die Epigramme 3 und 4, die den gleichen triumphalen
Geist atmen (3, 7 f. caede fuga flammis stratos periisse Suebos / nec
Rhenum Gallis limitis esse loco; 4, 1 f. Danuvius penitis caput occultatus
in oris / totus sub vestra iam dicione fluo und 4, 6 f. omnia sub vestrum
flumina mitto iugum, woran sich für Valens die Erwartung anschließt
inveniet fontes hic quoque, Nile, tuos); vgl. Anhang S. 282 ff. Im übrigen
war es Sitte, bei Triumphzügen Tafeln mit Namen und Darstellungen
unbekannter eroberter Orte mitzuführen. Die Nennung der Namen Nicer
und Lupodunum in der Mosella ist in dieser Tradition zu sehen und fügt
sich in den Zusammenhang Triumph“; vgl. K. Brodersen: Terra cognita,

Studien zur römischen Raumauffassung, Hildesheim 1995, 118 ff.; Fordyce
zu Verg. Aen. 8, 726 ff. Latiis . . . annalibus: Wie Lucan. 3, 309 (M 2).

425 f. haec . . . hinc: Die Überlieferung ist mit Schenkl, Peiper u. a.


zu halten: haec . . . laurea belli knüpft inhaltlich unmittelbar an triumphos
an, hinc ist primär temporal zu verstehen (wie z. B. Verg. Aen. 2, 148),
in R und B offenbar glossierend durch mox ersetzt, wobei allerdings die
lokale und kausale Bedeutung mitgehört werden kann. Die Prophetie auf
weitere Siege Valentinians und Gratians fügt sich in den panegyrischen
Grundton des Gedichts. Andere Textgestaltung bei Cavarzere (Incontri
[3.2.] 189 f. und Komm. S. 169 f.), der die Konjektur von John (hinc . . .
III. Mosel und Rhein (418–437) 261

mox ) aufgreift, während Scafoglio, WS 123, 2010, 188 f. die Textfassung


von Green (haec . . . mox ) verteidigt.

425 profligati: siegreich beenden“; Belege (nur Prosa) ThlL X 2, 1724,



78 ff. modo: Der unbestimmte Zeitbegriff (Beispiele bei Hosius; vgl.
V. 9 nuper ) bezeichnet hier ein kürzliches Geschehen; vgl. Shanzer,
Historia 47, 1998, 231. laurea: Mit Lorbeer bekränztes Schreiben wie
Tac. hist. 3, 77, 3; Vgl. Liv. 45 1, 6 laureatas litteras (M 1); Plin. nat.
15, 133 vom Lorbeer Romanis praecipue laetitiae victoriarumque nuntia
additur litteris (H).

426 feret: Die Mosel selbst wird die Siegesnachrichten überbringen wie
epigr. 3 die Donau sich selbst in dieser Rolle des Boten sieht; vgl. Anhang
S. 282 ff. iuncti: So wie die beiden Augusti durch die Triumphe
verbunden sind (C); das Bild wird anschließend durch gemino . . . tractu
wieder aufgenommen. Die Mosel wird auch dadurch aufgewertet, daß
sie als Zwilling (vgl. V. 420 fraternis . . . aquis) des größeren Rheins
erscheint. V. 432 wird das ursprüngliche Bett des Rheins sich breiter
machen für die geschwisterlichen“ Ufer und nach der Vereinigung wird

der Rhein zwei geschwisterliche“ Namen haben.

427 mare purpureum: Seit Verg. georg. 4, 373 (vgl. V. 467) geläufige
Junktur entsprechend griech. πορφύρεος (M 2). Vgl. Blümner 194 f. und
Cavarzere, Komm. z. St. propellite: Wie Avien. orb. terr. 928 Caspia
propellit luctu freta (sc. Oxus) (Hosius mit weiteren Belegen).

428 minor: Il s’agit évidemment du prestige du Rhin qui pourrait



être amoindri par l’admission d’un hôte si illustre“ (Mirmont 1889 S. 125).

429: Die nach einem Sprichwort oder einer ethischen Maxime klin-
gende Formulierung ist nur in Hinblick auf den Rhein sinnvoll: Er als
Gastgeber (richtig Cavarzere: chi ospita“; vgl. Tac. hist. 3, 41, 1 hospitum

domus) muß nicht neidisch auf die Vorzüge der Mosel sein, er behält
ja nicht nur sein prestige“ (s. o.), sondern auch seinen Namen, anders

als die Zuflüsse der Mosel V. 353. Die früheren Übersetzer seit Las-
saulx, Tross, Böcking, Hosius usw. beziehen dagegen hospes auf die Mosel.

430: Vgl. Di Salvo 230. famae securus: Wie Ov. trist. 1, 1, 49


securus famae (M 2).

431–437: Nach der direkten Anrede steht zum Abschluß nochmals


eine rühmende Beschreibung des neuen Flusses“. Der Abschnitt wird

262 D. Finale (381–483)

von der Mehrzahl der Erklärer seit Böcking auf die beiden Mündungsarme
Lek und Waal (ThlL V 1, 1637) bezogen. Dagegen hat Cavarzere, Komm.
S. 171 f., den im einzelnen problematischen Text konsequent auf die Verei-
nigung der beiden Flüsse gedeutet. Seine Erklärung ist hier übernommen.
Auf die Nähe zur Beschreibung des Rheinlaufs von der Quelle bis zum
Bodensee in dem lückenhaften Text bei Amm. 15, 4, 2 f. verweist Di
Giovine [3.2.] 221.

431: Zum anaphorischen dives im Stil der Aretalogie (wie V. 23


laudate . . . laudate) vergleicht Schenkl Verg. Aen. 9, 26; dives aquis wie
Ov. fast. 5, 731 (Tr) und Auson. epigr. 4, 5, weitere Belege bei Hosius.
Die Anapher wird mit der Alliteration V. 432 f. divortia . . . diversa
fortgesetzt (Di Giovine [3.2.] 218). Das neue Flußbett muß sowohl die
Wasser der beiden Flüsse aufnehmen wie auch die durch den Zufluß der
Mosel vergrößerte Zahl der Nymphen. Ihr Treiben in der Mosel wurde
V. 169–188 beschrieben. Schon Martial (10, 7, 1) bezeichnet den Rhein
als Nympharum pater amniumque (Tr), daher ist nymphis nicht einfach
als Synonym für Wasser“ zu verstehen. largitor utrique: Ausonius

nennt sich selbst gegenüber Paulinus (epist. 22, 34) primus largitor
honorum; vgl. auch die Formulierungen Stat. Theb. 4, 830 aeternae
largitor corniger undae und ibid. 7, 730 dives largitor aquarum Asope,
die als Vorbild gedient haben können (H). Durch die Erweiterung des
Flußbettes erweist sich der vergrößerte Rhein als großzügiger Spender“

für beide Zuflüsse; die Änderung von Fuchs ist daher unangebracht.

432: BR. Das Flußbett des Rheins wird nach der Vereinigung der
beiden Flüsse breiter werden. Mit geminis . . . ripis sind demnach
nicht die beiden“ Ufer des Rheins, wie in der gleichen Junktur Sil.

13, 29; Stat. Theb. 5, 516 u. ö. gemeint (Marsili, Ed. S. 81; Pastorino,
Ed. S. 533 Anm. 79 u. a.), sondern die geschwisterlichen“ Ufer der

einmündenden Mosel (vgl. zu V. 426), für die sich das Flußbett des
Rheins verbreitert. divortia: Der poetische Plural, vielleicht angeregt
durch ähnlichen Gebrauch von litora, ripae (L.-H.-Sz. II 16 f.), bezeichnet
nicht verschiedene Mündungen des Rheins (Böcking, Hosius, Evelyn
White u. a.), sondern die Grenzscheide (Sil. 3, 419 aeterna tenet magnis
divortia terris sc. Pyrene; Tac. ann. 12, 63, 1 artissimo inter Europam
Asiamque divortio Byzantium . . . opposuere Graeci ) und damit den
Zwischenraum oder Abstand zwischen beiden Ufern des Rheins nach
seiner Vereinigung mit der Mosel; Di Giovine [3.2.] 220; danach Erm.
epist. 36 p. 182 divortia Rheni.

433–437: Nachgeahmt Erm. epist. 36 p. 184.


III. Mosel und Rhein (418–437) 263

433 communesque . . . fundet: Im Sinne von confundere verstanden


von Cavarzere (ohne Beleg). Versteht man communes prädikativ, dann
ist fundere in der nicht seltenen Bedeutung strömen lassen“ (vgl. zu

V. 146 f.) gebraucht (Ov. am. 2, 16, 25 f. Charybdis / fundit . . . aquas;
Plin. nat. 6, 25). Die Konjekturen findet (Heinsius) und pandet (Peiper)
erledigen sich damit. vias: Wege, die das Wasser nimmt“ wie Verg.

Aen. 5, 807; vgl. V. 150 liquidas . . . vias und zu V. 39–43. diversa per
ostia: Wie V. 351. Der neue Rhein“ wird gebildet durch die Einmündung

der Mosel und die Mündung des alten Rheins“; vgl. zu V. 437.

434 f.: Zitiert von Beat. Rhen. Germ. 1 p. 96, 13 f. M.

434: BR. accedent vires: In Hinblick auf die Tendenz des Gedichts
und die historische Situation wird man vires im doppelten Sinne
verstehen: Es sind zunächst die Wassermassen“ (wie Stat. Theb.

9, 450), die der Rhein durch seine Vereinigung mit der Mosel erhält
(Tross; Wogenmenge“ Hosius; Di Giovine [3.2.] 221 f.) und durch die

er (Anapher in V. 436) einen doppelten Namen bekommt. Zu accedent
wäre, entsprechend V. 436, tibi zu ergänzen. Andererseits dachte schon
A. Riese [3.2.] an die Rheinbefestigungen, die unter Valentinian verstärkt
wurden, was den Hinweis auf den verus limes nahelegt (ebenso Marx,
RhM 80, 1931, 385; L. Deubner, Philologus 89, 1934, 353). Cavarzere
versteht das Verbum absolut und übersetzt si aggiungeranno a te

nuove forze“ und verweist Paideia 57, 2002, 50 = Komm. S. 173 auf
Paneg. 6 [7] 11, 1–3 und 5. Francia: So wird auf der Peutingerschen
Tafel das rechtsrheinische Gebiet bezeichnet (Franken I S. 56 Abb. 38).
Chamaves: Germanischer Stamm am Unterlauf des Rheins (Franken I
S. 57 Abb. 39); 356 zum Frieden gezwungen (DNP s. v. Chamavi).

435 Germani: Hier Sammelbegriff für alle Völker östlich des Rheins
(M 1). limes: Wiederholt wird der Rhein bei den Panegyrikern
(vgl. D. Lassandro, CISA 13, 1987, 295–300; Di Salvo S. 166) als
limes erwähnt. Ausführlich äußert sich der Redner des im Jahre 289
in Trier auf Maximian gehaltenen Panegyricus über die Bedeutung des
Rheins, der durch den Vorstoß des Kaisers in rechtsrheinisches Gebiet
seine Bedeutung als Grenze verloren habe (10 [2] 7, bes. 7 quidquid ultra
Rhenum prospicio, Romanum est). Nach den erneuten Germaneneinfällen
um die Mitte des 4. Jh. stand für Valentinian die Grenzsicherung im
Vordergrund. Die Funktion als verus limes verdankt der Rhein jetzt
nicht zuletzt der Verstärkung durch die Mosel. In der Betonung des verus
limes könnte man eine Revision der Aussage des Symmachus sehen, der
noch im Jahr 369 formulierte (or. 3, 9) ecce iam Rhenus non despicit
264 D. Finale (381–483)

imperia sed intersecat castella Romana; a nostris Alpibus in nostrum


exit Oceanum. Auch ein Widerspruch zu Auson. epigr. 3, 8 nec Rhenum
Gallis limitis esse loco könnte vermutet werden. Dort ist aber von den
Verhältnissen nach dem Sieg über die Alamannen die Rede. Offenbar
bestand die Hoffnung, auch auf rechtsrheinischem Gebiet Fuß zu fassen;
vgl. Imperium Romanum II 23. – Aus der Fülle der Publikationen zum
Thema Limes“ sei außer den zu V. 418–437 und 421 genannten Arbeiten

auf die Beiträge bei L. Wamser [3.1.] 49–79 und 207–225 hingewiesen.

436 geminum . . . nomen: Nämlich Rhenus und Bicornis, wie


die Donau als Danuvius und Hister bezeichnet wird (C).

437 unus . . . Bicornis: Es geht nicht um die Frage, ob der Rhein


aus einer oder mehreren Quellen entspringt (die Nachrichten über die
Rheinquelle sind RE I A [1914] 734 zusammengestellt), sondern Ausonius
unterstreicht hier das scheinbare Paradoxon, daß der ursprünglich e i n e
Fluß nach seiner Vereinigung mit der Mosel z w e i gehörnt genannt wird.
Mit der Nennung des traditionellen poetisch-mythologischen Attributs
eines Flusses, den Hörnern (Belege bei Fordyce zu Verg. Aen. 8, 77;
Doblhofer II S. 102; vgl. Richter S. 381 f. und zu V. 469), das zum
neuen Namen des zu seiner vollen Größe und Bedeutung gelangten
Rheins umgedeutet wird, schließt der Abschnitt. Als Junktur findet
sich Verg. Aen. 8, 727 am Versende Rhenusque bicornis, worauf schon
Freher hingewiesen hat. Die bekannte Stelle, auf die auch Symm. or. 2, 4
anspielt (scit bicornis iste vicinus succumbendum esse rostratis; ibid. 3, 9
en noster bicornis), wird von den antiken Vergilerklärern auf die beiden
großen Mündungen des Rheins in die Nordsee, Waal und Lek, gedeutet.
Das haben die meisten Ausonius-Kommentatoren übernommen (Tross,
Böcking S. 99, Hosius, John S. 115 u. a.). Dagegen hat Evelyn White, Ed. I
S. 259 Anm. 4 (danach Di Giovine [3.2.] 222–225, Green, Cavarzere) den
Ausdruck auf die Vereinigung der beiden Flüsse bezogen: Der Rhein, der
nicht verschiedenen Quellen entspringt, sondern in seinem Oberlauf nur
e i n Fluß ist, heißt mit Recht nach dem Zufluß der Mosel zweigehörnt“.

In der Schlußszene der Schildbeschreibung der Aeneis (dazu Binder
268–270), wo Caesar-Augustus von den Stufen des Apollon-Tempels
aus dem Triumphzug zusieht, werden die unterworfenen Völker vom
Rande des Imperiums und stellvertretend für sie die Flüsse genannt
(Euphrates . . . Rhenusque bicornis . . . Araxes). Mit dieser unschwer
durchschaubaren Panegyrik des Vergil, die Ausonius hier aufgreift, ist
für die Zeitgenossen die Botschaft verbunden: Wenn der Rhein der verus
limes sein wird, dann erfüllt Valentinian das, was Vergil für Augustus
voraussagte und was auf dem Schild des Aeneas dargestellt war, nämlich
IV. Erneute Ankündigung (438–468) 265

die Unterwerfung der germanischen Völker an der Nordostgrenze Galliens


und damit die Sicherung des Imperiums an dieser seit langem bedrohten
Stelle. Ausonius dokumentiert durch den Bezug zwischen Augustus
und Valentinian die für die Spätantike so charakteristische typologische
Denkweise, vgl. oben zur Typologie Alexander/Valentinian (V. 424) und
Einleitung S. 35. Durch die Transformation der Vergilischen Prophetie
in die Situation unter Valentinian bestätigt Ausonius auf subtile Weise
darüber hinaus auch den Anspruch, selbst ein neuer Vergil zu sein (vgl.
zu V. 374–380).

IV. Erneute Ankündigung (438–468)

438–447: Sphragis (dazu Hosius, Philol. 81, 1926, 199; allgemein


W. Kranz: Sphragis, Ichform und Namensiegel als Eingangs- und
Schlußmotiv antiker Dichtung, RhM N. F. 104, 1961, 3–46 und 97–124;
Green, Komm. S. 233). Auf die Sphragis von Vergils Georgica (4, 559 ff.)
hat schon Schenkl hingewiesen; vgl. auch O’Daly [3.2.] 150. Ausonius
überbietet (bis V. 443) auch formal die Sperrung bei Vergil (559 haec . . .
canebam).

438: Bordeaux, der Geburtsort des Ausonius, war Hauptort des


keltischen Stammes der Bituriges Vivisci an der unteren Garonne; vgl.
RE IX A (1961) 498–503. Die selbstbewußte Formulierung Vivisca ducens
ab origine gentem wird noch durch den aus Verg. georg. 3, 473 (vgl. ibid.
122) übernommenen Versschluß (S) unterstrichen.

439: Coşkun, Gens 35 denkt an eine frühere Gesandtschaftsreise,


vielleicht in städtischem Auftrag, nach Reims oder Trier; vgl. Einleitung
S. 12. Ausonius könnte als Sprecher“ einer solchen Delegation auf

Valentinian Eindruck gemacht haben. Weitere Überlegungen bei Cavar-
zere, Paideia 57, 2002, 60 = Komm. S. 174 foedera: Als 5. Daktylus
überaus häufig (Mastandrea 300–302).

440 Ausonius . . . Latium: Vgl. epist. 9b, 76 Ausonius, nomen


Italum (Tr). Wenn Ausonius hier die Herkunft seines Namens mit der
Ausoniae tellus (Verg. Aen. 3, 477) verknüpft, dann nennt er neben
seiner gentilischen Abstammung V. 438 seine geistig-kulturelle; zu dieser
prägnanten Bedeutung von nomen vgl. Di Salvo 78. Es ist der gleiche Ge-
danke, der im Ordo urbium nobilium 166 = 20, 38 zu Bordeaux geäußert
wird: haec patria est, patrias sed Roma supervenit omnes; vgl. Di Salvo
268. nomen Latium: Vgl. zu V. 3 Latias. In Apposition wie parent.
266 D. Finale (381–483)

4, 3; vgl. Lolli, Parentalia 87 mit weiteren Belegen. Einen Überblick über


die nachgewiesenen Ausonii gibt Coşkun, Gens 162–172, ibid. 170–172
zur Bedeutung des Namens. patriaque domoque: Versschluß wie
Ov. epist. 12, 161 (W), Auson. epiced. V. 3.

441 Gallorum: Das Siedlungsgebiet der Galli (Celtae) reichte bis


zur Garonne, das Gebiet südlich davon (Aquitanica) war von den Aqui-
tani bewohnt; so schon Caes. Gall. 1, 1, 2 Gallos ab Aquitanis Garumna
flumen dividit; vgl. Amm. 15, 11, 2 Gallos quidem, qui Celtae sunt, ab
Aquitanis Garunna disterminat flumen (H). inter: In abbildender“

Wortstellung. Pyrenen: Tochter des Bebryx, Geliebte des Herakles,
wurde auf dem nach ihr benannten Gebirge begraben (Sil. 3, 415–446;
RE XXII [1953] 417); poetische Bezeichnung für die montes Pyrenaei
seit Tib. 1, 7, 9.

442 ingenuos: Vgl. zu V. 65. laeta Aquitanica: Das allein in


G gebotene substantivierte feminine Adjektiv findet sich nur noch
Symm. epist. 9, 44; Kürzung des ersten i aus metrischen Gründen. Der
Wortgebrauch und die Varianten sind besprochen von Di Salvo 208. Das
Attribut laeta faßt knapp all die Eigenschaften zusammen, die Ausonius
immer wieder bei der Erwähnung seiner Heimat aufzählt (vgl. bes. ordo
129–139 = 20, 2–12 und zu V. 18 ff. cultu nitentis / Burdigalae) und
durch die er das Moseltal einerseits mit Aquitanien, andererseits mit
Italien vergleicht; vgl. Di Salvo 208 und zu V. 18–22 und 384.

443 audax: Wie Verg. georg. 4, 565 (S), bereitet zusammen mit
exigua fide die Bescheidenheitsfloskeln vor, die bis V. 448 das Hauptmo-
tiv bilden. concino: Als verstärktes cano im Sinne von laudare wie
sonst häufig in der klass. Dichtersprache (ThlL IV 53, 82 ff.); resultatives
Praesens wie oft bei Verben des Sagens (L.-H.-Sz. II 305).

443 f.: Während fas (vgl. zu V. 187) und sacrum . . . amnem (wie
V. 374 dia Mosella) dem Sakralbereich entnommen sind, zeigt perstrin-
xisse (vgl. Di Salvo 153) . . . tenui libamine, anders als parent. 3, 24 haec
tibi de Musis carmina libo tuis, den Bescheidenheitstopos wie grat. 61;
Cens. 1, 11 tibi haec exigua reddo libamina (C); vgl. zu V. 77–81. Eine
nur kleine, aus dem Musenquell geschöpfte Dichtung, hat er dem Fluß
geweiht, wiederholt V. 474 tenui . . . Camenae, später soll das größere
Epos folgen. Der enge gedankliche Zusammenhang zeigt, daß die eigent-
liche Sphragis erst mit V. 447 endet. V. 448 beginnt, mit Ast ego deutlich
markiert, ein neuer Absatz. Die Anklänge an Vergil besprechen O’Daly
[3.2.] 150; Galand-Hallyn [3.1.] 347 f.; Consoli, RCCM 37, 1995, 132 f.
IV. Erneute Ankündigung (438–468) 267

445–447: Die fiktive Annahme einer Vielzahl von Dichtern, die das
Lob der Mosel singen, ist ein weiteres panegyrisches Element. Von diesen
setzt sich jedoch Ausonius selbstbewußt und kritisch ab; vgl. Cavarzere,
Komm. z. St. sunt tibi multi: Während die vergleichbare Aussage
Verg. ecl. 6, 6 f. (H) dort eine recusatio begründet, dient sie hier als
Entschuldigung für die Kürze des Gedichts.

445 laudem . . . veniam: Wie Ov. trist. 1, 7, 31 et veniam pro laude


peto (M 2). affecto: Lange Endsilbe nach klassischem Sprachgebrauch.

446 alme amnis: Vgl. zu V. 56 almus. fluores: Vgl. zu V. 366.

447: Die Verbindung von Dichtertum und den Musenquellen besteht


seit Hes. theog. 1 ff.; vgl. Hor. epist. 1, 3, 10 (Pindarici fontis . . . haustus,
d. h. die Quelle, aus der Pindar getrunken hat) und die Belege bei
G. Riedner: Typische Äußerungen der römischen Dichter über ihre Bega-
bung, ihren Beruf und ihre Werke, Diss. Erlangen, Nürnberg 1903, 45.
Aonidum: Sitz der Musen ist der Helikon in Böotien. Abgeleitet von
dem dortigen Volksstamm der ῎Αονες wird das Attribut ᾿Αόνιος seit hel-
lenistischer Dichtung (Apoll. Rhod. 3, 1178) in der Bedeutung böotisch“

verwendet und die Musen selbst werden als Aonides bezeichnet; vgl. Iuv.
7, 59 fontibus Aonidum (M 1) und die Belege ThlL II 204, 58 ff. sowie
Bömer zu Ov. fast. 3, 450 und 456. Die Lage der Roßquelle Aganippe
beschreibt Pausanias (9, 29, 5 ἐν ῾Ελικω̃νι πρὸς τὸ ἄλσος ἰόντι τω̃ν Μουσω̃ν
ἐν ἀριστερα̃ͺ ), daher Verg. ecl. 10, 11 Aonie Aganippe (H). totam . . .
haurire Aganippen: Das Bild ist vorgeprägt durch Mart. 8, 70, 3 f. cum
siccare sacram largo Permessida (ebenfalls ein Musenquell am Helikon)
posset / ore, verecundam maluit esse sitim sc. Nerva. Die Änderung von
Markland (doctam) ist unnötig.

448–468: Erneute Ankündigung eines weiteren Preisgedichtes. Vgl.


Consoli, RCCM 37, 1995, 130.

448: Der Bescheidenheitstopos fordert für quanta sinngemäß die


Bedeutung wie klein“ (vgl. hered. 17), verbunden mit dem seit Hor.

carm. 2, 18, 9, f. (ingeni / benigna vena) in der lateinischen Dichtung
häufigen Bild von der dichterischen Ader“; vgl. Ov. trist. 3, 14, 33 f.

ingenium fregere meum mala, cuius et ante / fons infecundus parvaque
vena fuit, Pont. 2, 5, 21 ingenioque meo, vena quod paupere manat und
4, 2, 20 carmen vena pauperiore fluit (N.-H. II S. 298 mit weiteren
Belegen); Sym. epist. 1, 14, 1. Die vorliegende Verwendung von liquor im
Sinne von dichterischer Kraft, die durch die Adern rinnt“ (ThlL VII

268 D. Finale (381–483)

2, 1494, 31 f. de ingenio poetico mit Verweis auf Ov. trist. 3, 7, 16 fecundae


vena . . . aquae) scheint singulär zu sein. Die Emendationen von Fuchs
sind nicht erforderlich. Ast ego: Vgl. zu V. 50.

449 me: Vgl. zu V. 39 cum. nidumque senectae: Dieser Wunsch


ging ihm nach seiner Rückkehr auf seine Güter im Herbst des Jahres 379
(vgl. Einleitung S. 12) in Erfüllung. Ähnlich hat nach Plin. epist. 6, 10, 1
Verginius Rufus seine Villa als senectutis suae nidulum bezeichnet (Tr);
vgl. auch di Salvo 270.

450: Die einhellige Überlieferung ergibt, daß Valentinian I. zu die-


sem Zeitpunkt bereits zwei Söhne hatte. Die Geburt Valentinians II. setzt
Mondin bei Cavarzere, Komm. S. 196, in den Sommer 371 (Einleitung
S. 17). Damit erledigen sich die seit Avantius immer wieder vorgeschlage-
nen Korrekturen. Der aus Verg. Aen. 1, 678 (zu Iulus, s. u.) übernommene
und cento 8 (zu Gratian) sowie epist. 24, 111 (zu Paulinus) wiederholte
Versschluß (S) hebt wiederum die Bedeutung des Ausonius als Erzieher,
auch in Hinblick auf den neugeborenen Valentinian, hervor. Insofern
besteht kein Widerspruch zu V. 422, da ja nur Gratian bereits an den
Feldzügen teilnahm.

451 f.: Die Stelle gehört zu den am meisten diskutierten des Gedichts.
Wenn Ausonius auf seinen Konsulat des Jahres 379 (vgl. Einleitung
S. 11) anspielt, dann kann V. 451 erst 378/379 oder später verfaßt
sein und ist erst nachträglich in das Gedicht eingeschoben worden, da
der noch als lebend angesprochene Valentinian I. am 17. 11. 375 starb
und alle anderen historischen Faktoren für die Abfassungszeit 370/371
sprechen. Im gesamten Kontext des Abschnitts, ja in der ganzen Mosella
spricht Ausonius jedoch nirgends von seinen politischen Ämtern, umso
nachdrücklicher aber von seiner Rolle als Prinzenerzieher. Darauf ver-
weist nicht nur das Vergilzitat in V. 450, das an die Sorge der Venus um
ihren Enkel Iulus erinnert (vgl. epigr. 3, 6 superum cura secunda Valens),
sondern auch V. 452, der die Erziehertätigkeit umschreibt. Dieser Hinweis
auf die Erzieherrolle und der immanente Vergleich mit dem Sohn des
Aeneas, Ascanius/Iulus, dem Gründer von Lavinium, der Mutterstadt
Roms, verbindet auf subtile Weise das Geschlecht Valentinians mit
den Anfängen Roms. Unter diesem Aspekt wirkt V. 451 inhaltlich und
stilistisch geradezu als F