Sie sind auf Seite 1von 35

Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Rufus und sein Schnabeltier - Teil 1


Eine Geschichte von Michael Engler mit Illustrationen von Dirk Hennig,
erschienen im Thienemann Verlag.
Hier kommt der erste Teil der Geschichte.
Rufus findet ein Wesen
Rufus ging gerade von einem Fußballspiel nach Hause, als die ersten

Regentropfen auf seinen Kopf fielen. Er war in Gedanken versunken und

bekam gar nicht mit, dass der Himmel binnen Sekunden zunächst betongrau

und dann fast schwarz wurde. Und kaum hatte er es bemerkt, zuckte bereits

ein greller Blitz durch die Wolken.

„Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig", zählte Rufus.

Es krachte höllisch laut und der Donner rollte wie eine Welle über ihn hinweg.

Die Luft knisterte. Erst jetzt fiel Rufus auf, dass die Straße menschenleer war.

Er fühlte sich sehr unbehaglich.

Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, den ganzen Weg allein zu

gehen. Er malte sich die schlimmsten Dinge aus. Was, wenn er jetzt vom Blitz

getroffen würde? Oder wenn ein Baum vom Blitz getroffen würde und auf ihn

herabstürzte? Oder wenn der Blitz einen Baum treffen würde und der gegen

eine Straßenbahn fiele und die dann auf ihn kippte?

1/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Er ging schneller. Wasser spritzte unter seinen durchnässten Turnschuhen

hoch. Die Jeans waren ebenfalls bis zu den Knien klatschnass und jeder

Schritt kam ihm schwerer vor. Als er die Bushaltestelle am Zoo durch den

dichten Regen erkennen konnte, lief er schnell dahin. Dort würde er sich

unterstellen.

Regen prasselte wie tausend kleine Hämmer auf das Blechdach des

Wartehäuschens. Am Himmel blitzte es schon wieder und der Donner knallte,

bevor Rufus „Einundzwanzig“ gesagt hatte. Das Gewitter war also genau über

ihm.

Rufus setzte sich auf die Bank, drückte sich eng an die Wand und zog die

Knie dicht an seinen Körper. Dann kniff er die Augen zu und presste seine

Hände fest auf die Ohren. Er wollte das Gewitter nicht sehen und nicht hören.

Deshalb versuchte er, sich abzulenken und dachte noch einmal über das

Fußballspiel nach. Über sein schönes Tor: Er war über den rechten Flügel

gekommen und hatte zwei Gegenspieler ausgetrickst. Blitzschnell lief er mit

dem Ball in den Strafraum. Aus den Augenwinkeln sah er die Lücke zwischen

dem Torwart und dem Pfosten. Und schoss den Ball sauber mit links

hindurch. Es war ein gutes Tor. Solche Tore machten sie sonst nur bei Bayern

München.

2/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

So schnell, wie es gekommen war, zog das Gewitter weiter. Es regnete nicht

mehr. Rufus nahm die Hände von seinen Ohren. In den Bäumen über ihm

platschten Wassertropfen sanft von einem Blatt aufs andere. Von dort

klatschten sie in die Pfützen am Boden.

Irgendwo hinter dem Geräusch der Tropfen vernahm er ein Fiepen. Es war ein

trauriges Geräusch. Und es war ganz nah. Er stand auf und ging um das

Wartehäuschen herum. Da! Unter einem dunklen Busch lag etwas.

Vielleicht ein verletzter Vogel, dachte Rufus. Denn das passiert schon mal,

dass ein Vogel gegen ein Fenster fliegt und verletzt zu Boden fällt. Aber hier

war weit und breit kein Fenster zu sehen. Vorsichtig ging Rufus in die Hocke.

Mit einem Zweig hob er die Blätter an.

So etwas hatte er noch nie gesehen. Es sah aus wie ein Biber oder ein

zotteliges Kaninchen. Aber statt Pfoten hatte es Flossen. Es hatte einen

Schnabel wie eine Ente, nur viel breiter. Und es sah ziemlich tot aus. Rufus

wusste, dass man tote Wesen niemals anfassen durfte. Nie und nimmer

durfte man das. Denn sie waren voller Bakterien und giftigem Zeug.

3/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Er stieß das nasse Wesen mit dem Zweig an. Nur um sicherzugehen, dass es

nicht doch noch lebte. Es bewegte sich nicht. Es war nur ein komisches totes

Tier. Also erhob er sich und ging zum Wartehäuschen zurück.

Da fiepte es wieder. Rufus drehte sich um. Das Wesen mit dem Schnabel

hatte den Kopf gehoben und sah ihn an. Mit den traurigsten Augen, die Rufus

je gesehen hatte.

„Du lebst ja doch noch“, sagte Rufus.

Das Wesen nickte. Aufgeregt kniete sich Rufus auf den nassen Boden. Er

streckte seine Hand nach dem Ding aus. Es fühlte sich nass und lebendig an

und fiepte schon wieder.

4/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Hast du vielleicht Hunger?“, fragte Rufus.

Das Wesen nickte. Rufus hielt den Atem an. Konnte es sein, dass das Ding ihn

verstand? Dass es seine Fragen wirklich begriff?

„Verstehst du etwa, was ich sage?“, fragte Rufus.

Das Wesen nickte noch einmal.

Rufus hatte noch nie von einem Tier gehört, das Menschen versteht. Sicher,

Hunde machten Sitz und Platz, und die Tiere im Zirkus taten auch meistens

das, was man ihnen sagte, aber das hier war etwas vollkommen anderes.

Er wurde immer aufgeregter. Hatte er etwa eine ganz besondere neue Tierart

entdeckt? Einen Schnabelbiber vielleicht? Oder ein Flossenkaninchen? Ein

Tier, das Menschen versteht? Dann würden Zeitungen über ihn schreiben.

Wissenschaftliche Zeitungen. Zeitungen, die sein Papa gerne las. Man würde

das Tier nach ihm benennen. Das würde sich dann lateinisch anhören.

Rufusus schnabelusus, zum Beispiel. Kurzum: Rufus würde berühmt.

Aber vielleicht war es auch gar kein Tier, sondern eine ganz neue Lebensform,

die Rufus soeben entdeckt hatte. Dann würde er bestimmt noch berühmter

als nur berühmt. Und sein Papa wäre sehr stolz, etwas über seinen besonders

berühmten Sohn in der Zeitung zu lesen.

5/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Und das Wesen spricht


Kurz entschlossen hob Rufus das Wesen auf. Er würde es auf der Stelle zu

einer wissenschaftlichen Zeitung bringen. Kaum hatte er es in seiner Hand,

fühlte er, wie das winzige Herz aufgeregt in der kleinen Brust pochte.

„Au!“, fiepte das Wesen.

„Kannst du etwa auch sprechen?“, fragte Rufus verblüfft.

„Selbstverständlich kann ich das“, sagte es.

Vor Schreck hätte Rufus das Wesen beinahe fallen gelassen. Es konnte

sprechen! Das war wirklich eine vollkommen neue Lebensform, die er da

entdeckt hatte. Er würde ganz bestimmt viel berühmter als nur besonders

berühmt. Für diese Entdeckung würde man ihm einen Preis verleihen! Mit

Orden und Urkunde und allem Drum und Dran.

„Was bist du?“, fragte Rufus.

„Ihr nennt uns Schnabeltier“, antwortete es.

„Wir?“

„Wir selbst nennen uns ein wenig anders.“

6/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Nämlich?“

„Einzigartige Kreatur voller Schönheit, Tapferkeit und Intelligenz."

„Puh. Das ist aber ein langer Name.“

„Sehen Sie? Deshalb nennen uns die Menschen Schnabeltier. Nur weil sie sich

unseren richtigen Namen nicht merken können."

Rufus war beeindruckt. „Du weißt ganz schön viele Dinge."

„Schnabeltiere wissen gemeinhin beinahe alles.“

„Hast du auch einen Namen?„, fragte er das Schnabeltier, denn er wollte es

nicht immer „Schnabeltier“ nennen. Und schon gar nicht „Einzigartige Kreatur

voller Schönheit, Tapferkeit und Intelligenz".

„Was wird das hier? Ein Quiz?“, fragte das Schnabeltier kurz und knapp

zurück.

„Ich wollte nur höflich sein.“

„Nein, Sie sind neugierig. Wären Sie höflich, würde Ihnen auffallen, dass es

schon wieder regnet, dass ich vollkommen durchnässt bin, dass ich friere,

7/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

dass ich eine lange, anstrengende und gefahrvolle Flucht aus dem Zoo hinter

mir habe und deshalb nahezu ausgehungert bin."

„Und was kann ich da machen?“

„Bringen Sie mich zu sich nach Hause, besorgen Sie mir eine warme

Badewanne und etwas zu essen, vielleicht eine Tasse Kakao, auf jeden Fall

aber ein frisch bezogenes Bett und dann sehen wir weiter."

„Ich darf dich mitnehmen?“, fragte Rufus.

Das Schnabeltier schüttelte den Kopf. „Sagen wir es lieber so: Ich würde Sie

begleiten."

„Wow", rief Rufus. „Ich muss nur noch schnell meine Sporttasche holen.“

Der Regen machte ihm auf einmal gar nichts mehr aus. Er drückte das

Schnabeltier dicht an seinen Bauch und zog seine Jacke über dessen Kopf.

„Ziemlich gemütlich", murmelte das Schnabeltier. „Und fast so warm wie in

Australien.“

Vor Schreck blieb Rufus stehen. „Was weißt du von Australien?“, fragte er.

8/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Bei aller Bescheidenheit darf ich sagen: nahezu alles! Schließlich habe ich da

gelebt, bevor man mich entführte und in diesen Zoo sperrte."

Rufus erinnerte sich, dass sein Papa mal erzählt hatte, dass in Australien viele

merkwürdige Tiere leben: Wombats, Kängurus, Koalabären und eben

Schnabeltiere. Wie hatte er das nur vergessen können? Also war dies doch

keine vollkommen neue Lebensform. Der Traum von Orden und Urkunden

schmolz dahin. Es sei denn ...

„Können alle Schnabeltiere sprechen?", fragte Rufus. „Ich meine, ist das

vielleicht etwas ganz ... Gewöhnliches?“

„Was glauben Sie wohl, wer den Menschen das Sprechen beigebracht hat?",

fragte das Schnabeltier zurück.

Rufus zuckte die Schultern. „Schnabeltiere?", fragte er ungläubig.

Das Schnabeltier nickte ernst. Da löste sich selbst der Traum ganz winziger

Berühmtheit in Luft auf. Wenn nämlich alle Schnabeltiere sprechen konnten,

würde bestimmt keine Zeitung über Rufus’ Entdeckung schreiben wollen.

Das Schnabeltier sah Rufus’ trauriges Gesicht und ein Lächeln legte sich über

seinen Schnabel. „Reingefallen! Selbstverständlich sprechen nicht alle

Schnabeltiere. Ich kann es, weil ich den Menschen im Zoo immer zugehört

9/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

habe und weiß, wie Sprechen geht. Aber wenn ich erst mal wieder in

Australien bin, bringe ich das natürlich all meinen Artgenossen bei. Wenn es

Ihnen keine Umstände bereitet, würde ich mich übrigens freuen, wenn wir

weitergingen. Ich bin nämlich ein kleines bisschen hungrig und würde mich

gerne ein wenig von all den Strapazen erholen."

Sofort machte sich Rufus wieder auf den Weg. „Ich heiße übrigens Sydney",

sagte das Schnabeltier. „Manche nennen mich Herr Sydney, aber Sie dürfen

gerne einfach nur Sydney zu mir sagen.“

„Ich heiße Rufus. Und du kannst ruhig Du zu mir sagen."

„Ach, wissen Sie, Schnabeltiere sind mit Sicherheit die höflichsten Wesen, die

es auf der Welt gibt. Und ich möchte meiner Art keine Schande machen.

Sosehr mich Ihr Angebot ehrt, werde ich es also ablehnen. Wenn Sie nichts

dagegen haben, versteht sich."

Rufus nickte. Er wollte es sich nicht gleich wieder mit Sydney verderben.

„Sydney ist ein schöner Name“, meinte er. „So heißt die größte Stadt

Australiens.“

Nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren, sagte Rufus etwas leiser:

„Mein Papa wohnt da jetzt.“

10/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Ja und?“, murmelte Sydney unter der Jacke.

„Ich vermisse ihn“, flüsterte Rufus kaum hörbar. Seine Augen wurden feucht.

Aber weil der Regen ohnehin sein Gesicht ganz nass gemacht hatte, fiel das

nicht weiter auf.

Dann brach die ganze Geschichte aus ihm heraus: „Mein Papa ist Ingenieur.

Und jetzt muss er für ein Jahr in Sydney leben, weil da eine neue Fabrik

gebaut wird. Papa muss das nämlich beaufsichtigen."

„In Australien zu leben, ist doch schön“, bemerkte Sydney.

„Nein. Ist es nicht. Ich vermisse meinen Papa sehr.“ Rufus schluchzte.

„Haben Sie denn keine Mutter mehr?“, fragte Sydney voller Mitleid.

„Doch, aber mit Mama ist das irgendwie anders als mit Papa."

„Und Geschwister?“

„Nur eine Schwester. Janine. Die spielt aber nicht mehr mit mir. Bis vor

Kurzem hat sie das noch gemacht. Aber jetzt sagt sie, dass sie erwachsen ist

und nicht mehr mit kleinen Kindern spielen will. Dabei ist sie doch selbst erst

elf Jahre alt." Rufus holte tief Luft. Dann fuhr er fort: „Auf einmal findet sie

11/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

meine Monster-Sammelkarten lächerlich. Und zu meinen Modellflugzeugen

sagt sie neuerdings Kinderkram. Meine Dino-Sammlung ist plötzlich peinlich.

Und mich selbst nennt sie nur noch nervender kleiner Hosenscheißer.“

Sydney kroch aus der Jacke. Das Mitleid war aus seiner Stimme

verschwunden. „Na, dann ist doch alles in Ordnung", flötete er.

„Nichts ist in Ordnung! Verstehst du das denn nicht?", entgegnete Rufus.

„Mein Papa ist nicht mehr da! Und wer weiß, ob er mich in einem Jahr

überhaupt noch wiedererkennt!“

„Eben", sagte Sydney. „Ihr Papa lebt in Australien. Richtig?“

„Richtig“, sagte Rufus.

„Ich komme aus Australien und genau dort muss ich nun wieder hin. Also?"

„Was: Also?“ Rufus verstand kein Wort.

„Begleiten Sie mich“, sagte Sydney knapp.

„Nach Australien? Du würdest mich mitnehmen?“

Sydney nickte. „Sie können mir bei dieser Reise durchaus behilflich sein."

12/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Rufus bekam ein ganz komisches Gefühl in seinem Bauch. Es kribbelte wie

eiskalte Limo und war gleichzeitig doch ganz warm.

„Du meinst wirklich, dass ich dir helfen kann?“, fragte er ungläubig.

„Wenn nicht Sie, wer dann?“, antwortete Sydney.

Vielleicht sollte er Sydney doch nicht zu einer Zeitung bringen, dachte Rufus.

Vielleicht sollte er beweisen, dass Sydney sich nicht in ihm täuschte. Er war

zwar nur ein Kind. Aber er würde Sydney ganz bestimmt helfen, ans andere

Ende der Welt zu kommen.

Ein Plan muss her


Erst als Rufus das Haus sah, in dem er mit seiner Mutter und Janine wohnte,

ahnte er, dass seine Mutter ihm niemals erlauben würde, Sydney zu behalten.

Sie würde bestimmt sagen: „So ein schmutziges Ding voller Bakterien kommt

mir nicht ins Haus."

„Ich verstecke dich besser in meiner Sporttasche“, schlug Rufus vor.

„Bin ich Ihnen etwa peinlich?“, fragte Sydney.

„Nein, es ist nur wegen Mama.“

13/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Was ist denn mit der Mama?“

„Nun ja, sie ist etwas ... pingelig. Es ist besser, wenn ich dich heimlich in mein

Zimmer schmuggle."

„Bekomme ich dort etwas zu essen?“

Rufus fiel ein, dass er gar nicht wusste, was Schnabeltiere eigentlich essen.

Schnabeltiere leben im Wasser. Also werden sie wohl Dinge essen, die im

Wasser leben, dachte er.

„Magst du Kaulquappen oder Entengrütze?", fragte er Sydney. Der schüttelte

angewidert den Kopf. „Ich auch nicht. Aber was dann?“

„Am liebsten essen Schnabeltiere natürlich Erdnussbutter. Und zwar

grundsätzlich auf frischem Weißbrot. Und sonntags, der Sonntag ist uns

Schnabeltieren nämlich besonders wichtig, da gibt es noch eine Extra-Portion

Schoko-Streusel oder feinste Erdbeermarmelade auf die Erdnussbutter."

Rufus staunte nicht schlecht. „Das ist ja genau wie bei mir!"

Sie hatten die Haustür erreicht. Rufus legte Sydney in die Sporttasche und

deckte ihn vorsichtshalber mit einem Handtuch zu. Dann bat er ihn, von nun

an ganz still zu sein und drückte auf den Klingelknopf. Rufus’ Mutter öffnete

14/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

die Tür und sah ihn entsetzt an. „Rufus! Du bist ja ganz nass!"

Er nickte. Seine Mutter schaute über ihn hinweg nach draußen und fragte:

„Wo ist Janine?“ Denn eigentlich sollte Janine ihn vom Fußballspiel abholen.

„Keine Ahnung“, murmelte Rufus und zwängte sich in den Hausflur. Er wollte

möglichst rasch in sein Zimmer, um Sydney in Sicherheit zu bringen.

Doch seine Mutter hielt ihn an der Schulter fest. „Was heißt: Keine Ahnung?“

„Sie hat mich nicht abgeholt.“

Seine Mama ging in die Hocke. „Du bist doch nicht etwa den ganzen Weg

allein gegangen?" Rufus nickte. „Mach das bitte nie wieder, ja? Versprichst du

mir das? Es ist viel zu gefährlich da draußen. Und dann auch noch bei so

einem Gewitter.“

Rufus nickte wieder nur kurz. Er wollte keine Vorträge hören, er wollte endlich

in sein Zimmer. Doch so schnell ging das nicht.

„Ich rubble dir nur schnell die Haare trocken“, sagte seine Mama.

Sie sah sich um, aber natürlich gab es im Flur kein Handtuch, außer …

15/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Bevor Rufus reagieren konnte, nahm sie ihm die Sporttasche aus der Hand.

Rufus hielt den Atem an. Was, wenn sie jetzt Sydney entdeckte? Sie würde

kreischen, wie sie das schon mal gemacht hatte, als diese Fledermaus im

Wohnzimmer war. Sie würde Sydney garantiert vor der Tür aussetzen. Oder

vor Schreck auf ihn treten. Oder ...

Sie öffnete die Sporttasche.

„Mama“, sagte Rufus.

„Was denn?“

„Ich habe ein Tor geschossen.“

Mama griff in die Sporttasche, sah dabei aber Rufus an. Sie zog das

Handtuch heraus. „Das ist ja toll!“, rief sie und strahlte übers ganze Gesicht.

Während sie Rufus’ Haar trocken rubbelte, gab sie ihm einen Kuss auf die

Wange und sagte: „Ich bin sehr, sehr stolz auf dich. Und Papa ist bestimmt

auch sehr stolz auf dich. Weißt du was? Ich schreibe ihm heute Abend noch

eine E-Mail und berichte von deinem Tor."

Aus den Augenwinkeln sah Rufus, dass Sydney unternehmungslustig aus der

Tasche kroch. „Nein!“, rief er.

16/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Was: nein? Natürlich bin ich stolz auf dich!“

„Ich meine ...“, stammelte Rufus. Aber er wusste nicht weiter. Ihm fiel nichts

ein. Denn im Schwindeln war er schon immer eine Niete.

Zum Glück wurde in diesem Augenblick die Haustür geöffnet. Janine kam

herein. Ihre Haare und ihre Jacke waren trocken. Als ob es nie geregnet hätte.

Sie sah zu Rufus, zur Mama, dann auf die Sporttasche.

„Iih! Was ist denn das?“, rief sie.

17/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Rufus nahm seiner Mutter das Handtuch ab und warf es in die Sporttasche

zurück. Sydney machte kurz „Umpf“, als ihn das Handtuch am Kopf traf, dann

war er nicht mehr zu sehen. „Nichts“, murmelte Rufus.

„Aber ich habe doch ...“, begann Janine.

Doch ihre Mutter unterbrach sie scharf: „Janine! Du solltest Rufus abholen!

Hast du das etwa vergessen?"

Janine schüttelte den Kopf. „Ich lauf doch bei dem Regen nicht bis zum

Sportplatz", maulte sie.

Die Mutter erhob sich. „Ich glaube, wir beide müssen uns mal unterhalten",

sagte sie ernst.

Rufus nutzte die Gelegenheit, nahm die Tasche und lief schnell die Treppe

hinauf.

„Sapperlot, was für ein schönes Zimmer!", rief Sydney, als er den Raum sah.

„Wie hell! Und sauber! Und aufgeräumt! Fast so wie der australische Urwald.“

Was natürlich vollkommener Quatsch ist, denn ein Urwald ist immer dunkel,

schmutzig und unordentlich. Sonst wäre es ja kein Urwald, sondern ein Park.

18/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Pssst!", zischte Rufus. „Meine Mama sollte uns besser nicht hören. Und

meine Schwester schon gar nicht.“

Er legte Sydney vorsichtig aufs Bett und setzte sich neben ihn. Er hatte es

geschafft, ihn sicher ins Haus zu bringen. Doch damit war das Schnabeltier

noch lange nicht in Sicherheit.

„Wir brauchen einen Plan", sagte Rufus. „Denn wenn Janine oder Mama dich

entdecken, muss ich dich bestimmt wieder aussetzen. Oder sie stellen dich in

einem Museum aus.“

„Pläne machen ist gut und vermutlich immens wichtig", sagte Sydney. „Nur

leider kenne ich mich damit nicht so aus. Schnabeltiere machen im

Allgemeinen keine. Daher würde ich vorschlagen, dass Sie mir zunächst

etwas zu essen besorgen und anschließend einen oder zwei Pläne machen.“

Aber Rufus hörte nicht mehr zu. Er brauchte schließlich seinen ganzen

Verstand zum Pläneschmieden.

So ein Plan gefällt nicht jedem


„Soll ich Ihnen vielleicht ein hübsches Gedicht vortragen?", fragte Sydney,

dem Rufus’ Schweigen bald unheimlich wurde.

Da Rufus nicht antwortete, trug Sydney es kurzerhand vor: „Dieses Gedicht

19/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

handelt von dem Ort, an dem ich geboren wurde, von der freien Wildbahn und

der Krone der Schöpfung – dem Schnabeltier. Es geht ungefähr so:

In unserem Wald, am kleinen See,

da gibt es alles, nur keinen Schnee.

Hier lebt so manches wunderbare Tier,

vor allem das famose Schnabeltier.

Das Schnabeltier kann tausend Sachen,

es kann singen, tanzen, Späße machen.

Es rennt schneller als die andern

und kann auch unter Wasser wandern.

Das Schnabeltier ist überhaupt

wohlproportioniert und hübsch gebaut.

Es hat ein schön’res Fell als mancher Bär,

darum beneidet …"

20/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Tot stellen“, sagte Rufus unvermittelt.

„Tot – was?!“, fragte Sydney verdutzt.

„Die Lösung! Der Plan!", rief Rufus und wedelte dabei aufgeregt mit seinen

Händen. „Wenn Tiere in freier Wildbahn nicht getötet werden wollen, stellen

sie sich einfach tot. Das habe ich mal im Fernsehen gesehen.“

Rufus sah Sydney noch einmal genau an. Er lächelte zufrieden. „Du siehst aus

wie ein Plüschtier ...“, sagte er und wollte seinen Plan erklären.

Da sprang Sydney auf, stemmte die Flossen auf seine Hüften und blinzelte

Rufus böse an. „Ich höre wohl nicht richtig! Wie sehe ich aus!? Wie ein ...

Plüschtier?"

„Na ja, nicht genau so, denn du bist ja lebendig. Aber wenn du so tust, als

wärest du tot, dann siehst du bestimmt wie ein Plüschtier aus."

„Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich wie ein Plüschtier aussehen

möchte", sagte Sydney empört.

„Aber wenn du wie ein Plüschtier aussiehst, kann ich dich behalten."

Das brachte Sydney zum Nachdenken. „In dem Fall könnte ich also an diesem

21/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

famosen Ort verweilen? Und bekäme vielleicht doch noch etwas zu essen?",

fragte er.

„Ja.“

„Na schön. Wie geht das mit dem Totstellen genau?“

Also übten die beiden Totstellen. Sydney musste auf dem Rücken liegen und

sich ganz weich machen. Er sollte seine Augen schließen, aber dann fand

Rufus, dass es viel echter aussah, wenn die Augen geöffnet waren. So wie bei

echten Plüschtieren. Sydney fand das viel zu anstrengend. Außerdem hatte er

Angst, dass er etwas ins Auge bekommen könnte.

Doch darüber ließ Rufus nicht mit sich reden. Denn er war ein sehr

vernünftiger Junge und mochte es, Dinge ordentlich zu machen. Und ein

ordentliches Plüschtier hat seine Augen ordentlich geöffnet. Nach langem

Hin und Her ließ Sydney seine Augen geöffnet, machte sich weich und hielt

seinen Atem flach.

Bald konnte er tatsächlich von jetzt auf gleich so tun, als wäre er ein

Plüschtier. Oder tot. Oder beides. Rufus musste nur einmal „Plüschtier"

sagen, schon fiel Sydney auf den Boden, riss die Augen weit auf, streckte alle

viere von sich und gab sich Mühe, nicht mehr zu reden. Das war auch gut so.

Denn kaum war Sydney perfekt im Totstellen, ging die Tür auf und Janine

22/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

kam ins Zimmer.

„Plüschtier“, flüsterte Rufus.

Sydney fiel auf der Stelle um und tat so, als wäre er ein Plüschtier.

„Mama sagt, ich soll mich bei dir entschuldigen und sagen, dass es mir

leidtut", sagte Janine.

„Schon in Ordnung“, antwortete Rufus und versuchte, Sydney hinter seinem

Rücken unter einem Kissen zu verstecken.

„Nichts ist in Ordnung. Nur wegen dir darf ich nämlich morgen nicht zu Lisa",

schnaubte Janine und sah ihn dabei böse an.

„Das tut mir leid", sagte Rufus. Vorsichtshalber fügte er noch schnell hinzu:

„Entschuldigung.“ Obwohl er gar nicht wusste, wofür er sich entschuldigen

sollte. Aber wenn Janine diesen Blick hatte, war es meistens sicherer, sich zu

entschuldigen. Rufus hoffte, dass sie nun endlich gehen würde.

„Also schön, dann ist das geklärt", säuselte Janine und machte eine kurze

Pause. „Aber jetzt verrat mir mal, was das für ein Ding in deiner Tasche war.

Also ... Bruderherz?“

23/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Nichts“, antwortete Rufus.

„Ach. Und was ist das da hinter deinem Rücken?“ Bevor Rufus reagieren

konnte, machte Janine drei große Schritte und riss ihm Sydney aus der Hand.

„Ach ne! Was haben wir denn da?“, rief sie hämisch.

Sie sah Sydney genau an. Stieß pfeifend ihren Atem aus. Wurde kreidebleich.

Und warf ihn auf das Bett. „Das ist ja ekelhaft! Hast du das vom Sperrmüll?“,

schimpfte sie und wischte ihre Hände an der Hose ab.

„Das ist nicht ekelhaft“, sagte Rufus und nahm Sydney schnell in den Arm.

Erleichtert stellte er fest, dass Sydneys Herz noch schlug. Wenn auch etwas

schneller als vorhin.

„Jetzt kriege ich bestimmt irgendwelche schlimmen Krankheiten von den

ganzen Bakterien an dem ekelhaften Ding!", schimpfte Janine weiter.

„Das Ding ist ein Schnabeltier“, sagte Rufus schnell.

Sydney schmiegte sich dicht an Rufus’ Hals. „Lassen Sie das nicht auf mir

sitzen", flehte er leise. „Noch nie hat jemand ›ekelhaftes Ding‹ zu einem so

famosen Wesen gesagt.“

24/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Doch bevor Rufus seinen Freund verteidigen konnte, kreischte Janine: „Ihh!

Ihh! Der fasst das ekelhafte Ding auch noch an! Das sage ich Mama, die wirft

es bestimmt in die Mülltonne!"

„Wenn du das machst, dann ...“, weiter wusste Rufus nicht.

„Dann? Dann? Dann?“, stichelte Janine. Sie wusste ja, dass er sich nie

gemeine Dinge einfallen lassen konnte.

Aber dieses Mal hielt Rufus Sydney im Arm. Dessen Schnabel war jetzt ganz

dicht an seinem Ohr.

25/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Sprechen Sie mir nach“, flüsterte Sydney so leise, dass nur Rufus ihn hören

konnte

„Dann hole ich ihn heute Nacht aus der stinkigen Mülltonne und lege ihn unter

deine Bettdecke", wiederholte Rufus, was Sydney ihm ins Ohr flüsterte.

Janine schnappte nach Luft. Noch nie war ihrem Bruder auch nur die

geringste Drohung eingefallen. Und jetzt so etwas. „Das traust du dich nicht.“

„Weiter im Text ...“, flüsterte Sydney.

Rufus öffnete den Mund, lauschte und behauptete dann: „Und ich bringe noch

einen … Frosch mit hoch, den ich auch in dein Bett lege. Dazu ein paar

Kaulquappen und Entengrütze." Rufus konnte kaum glauben, dass er das

soeben tatsächlich zu Janine gesagt hatte.

Janine auch nicht. Sie drehte sich um und warf die Tür hinter sich zu.

„Oh, nein, jetzt geht sie zu Mama und erzählt ihr alles", sagte Rufus.

„Wird sie nicht. Vertrauen Sie mir. Ich habe selbst ungefähr

siebenundzwanzig Schwestern und weiß, wie man mit ihnen umgeht",

beruhigte ihn Sydney.

26/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Womit er wahrscheinlich recht hatte. Denn beim Abendessen wurde Sydney

weder von seiner Mama noch von Janine erwähnt. Janine blitzte Rufus nur

manchmal, wenn Mama nicht hinsah, böse an. Doch das war ihm egal. Er

hatte jetzt ganz andere Sorgen. Sydney hatte vorhin angedeutet, dass er

womöglich kurz davor stand, einen elenden Hungertod zu sterben, wenn er

nicht bald etwas zu essen bekäme. Also musste Rufus dringend Nahrung für

seinen neuen Freund auftreiben.

Nach dem Essen half er seiner Mutter, das Geschirr in die Küche zu bringen.

Er beobachtete sie genau. Als sie sich bückte, um die Spülmaschine

einzuräumen, nahm er heimlich ein Glas Erdnussbutter aus dem Schrank und

schob es unter seinen Pullover. Dann sagte er schnell „Gute Nacht“ und lief

nach oben.

Rufus legte sich aufs Bett. Sydney saß auf dem Kopfkissen und löffelte

Erdnussbutter aus dem Glas. „Nicht ganz so gut wie ein Erdnussbutterbrot,

aber in der Not essen Schnabeltiere Erdnussbutter auch ohne Brot", murmelte

er.

Sydney hatte versprochen, Rufus später ein paar Geschichten über Australien

zu erzählen. Deshalb bemühte sich Rufus, seine Augen offen zu halten. Doch

das wurde von Minute zu Minute schwerer. Denn nach diesem aufregenden

Tag war er verständlicherweise hundemüde.

27/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Dauert das noch lange?“, fragte er schläfrig.

„Man sollte Erdnussbutter niemals hastig essen", gab Sydney zurück.

„Erdnussbutter zu genießen, ist eine Kunst, die jahrelange Übung verlangt.

Man darf sie nämlich keineswegs löffelweise in den Mund schaufeln und

einfach herunterschlucken. Nein! Erdnussbutter muss man in winzigen

Portionen auf die Zunge legen und warten, bis sie schmilzt. Erst dann kommt

man in den wohligen Genuss ihres wunderbaren Aromas.“

Wie zum Beweis schob er ein erbsengroßes Stück Erdnussbutter auf seine

Zunge, schloss die Augen und seufzte zufrieden. Nachdem Sydney das Glas

leer gegessen hatte, ließ er es auf den Boden fallen und drehte sich zu Rufus.

„Also, Australien ...“, begann er seine Erzählung. Aber da war Rufus schon

eingeschlafen.

An klaren Tagen kann man bis Australien sehen


Am Samstag sagte Mama beim Frühstück, dass sie jetzt gemeinsam zum

Einkaufen führen.

„Au ja! Einkaufen gehen!“, rief Rufus und sprang auf.

„Wir gehen Ballett-Sachen kaufen“, säuselte Janine über den Tisch.

28/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Janine braucht dringend ein paar neue Sachen und ich habe in der Woche

keine Zeit, mit ihr ins Ballett-Geschäft zu gehen", erklärte Mama.

Rufus war noch nie in seinem Leben in einem Ballett-Geschäft gewesen. Und

er hatte auch nicht vor, jemals in so ein Geschäft zu gehen. Wäre sein Papa

da, würden die beiden die Zeit nutzen, um in einen Bastelladen zu gehen oder

einen Film anzugucken oder einen Hamburger zu essen oder eine

Buchhandlung zu besuchen. Aber Papa war nicht da.

„Ich glaube, mir ist etwas unwohl", stöhnte Rufus und hielt seinen Bauch.

„Vielleicht gehe ich lieber wieder ins Bett.“

„Dann bleiben wir eben alle hier“, entschied Mama.

„Aber ich brauche die Sachen doch“, nörgelte Janine.

„Ihr könnt mich ruhig allein lassen. Ich lege mich ins Bett und gucke mir mein

neues Buch an", sagte Rufus.

„Bist du sicher?“, fragte Mama.

„Klar ist er sicher. Lass uns endlich fahren“, quengelte Janine.

Natürlich war Rufus sich sicher. Er war ja auch nicht allein. Kaum fiel die

29/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Haustür hinter Mama und Janine zu, rannte er in sein Zimmer, kletterte auf

einen Stuhl und hob Sydney vom Regal, wo er ihm ein Lager gebaut hatte.

Ganz weit oben, wo ihn niemand jemals finden würde und wo er gleichzeitig

einen guten Ausblick hatte. Schnabeltiere bräuchten einen guten Über-, Weit-

und Ausblick, hatte Sydney gesagt. Mit seinem neuen Was-Jungen-wissen-

müssen-Buch legten sie sich aufs Bett. Rufus wollte Sydney das Universum

zeigen. Doch der interessierte sich mehr für die Erde.

„Wo genau befinden wir uns?“, fragte er.

Rufus suchte Deutschland und zeigte mit dem Finger darauf.

„Und wo genau ist Australien?“, fragte Sydney als Nächstes.

Da musste Rufus nicht lange suchen. Sein Papa hatte ihm das viele Male

gezeigt. Er zeigte auf einen großen ockerfarbenen Fleck inmitten der großen

blauen Fläche.

„Das ist ja gar nicht so weit weg“, sagte Sydney erstaunt.

Er hielt eine Flosse auf Deutschland, dann hielt er die andere Flosse daneben.

Anschließend nahm er die Flosse, die eben noch Deutschland bedeckt hatte,

und legte sie neben die andere Flosse. Das wiederholte er dreimal.

30/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Australien ist nur ein paar Flossenbreit entfernt", sagte er schließlich.

„Eigentlich müsste man es vom Fenster aus sehen können.“

Rufus erklärte, dass es sich hier nur um eine Karte handelte. Und dass

Australien in Wirklichkeit viele Tausend Kilometer entfernt war.

Doch das beeindruckte Sydney wenig. Er sagte: „An einem klaren Tag kann

man ganz weit sehen. An einem richtig klaren Tag kann man, wenn man auf

dem Ayers Rock in Australien steht, ganz Australien sehen. Ich selbst habe

das bereits mehrfach erlebt."

Rufus erinnerte sich daran, wie er mal mit seinen Eltern in München war.

Damals hatte Papa gesagt: „An einem klaren Tag kann man von hier aus die

Alpen sehen. Obwohl die Hundert Kilometer entfernt sind." Allerdings

schneite es damals so heftig, dass Rufus Probleme hatte, auch nur das Haus

gegenüber zu sehen

Aber vielleicht hatte Sydney recht. Denn was ist schon der Unterschied

zwischen Hundert und ein paar Tausend Kilometern? Beides ist ganz schön

weit.

Sie standen auf und gingen zum Fenster. Sydney sah noch einmal auf die

Karte. „Australien liegt ungefähr da hinten", sagte er.

31/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Aber ungefähr da hinten stand nur eine große Birke.

„Der Baum ist im Weg“, stellte Sydney treffend fest.

„So können wir Australien leider nicht sehen." Rufus seufzte und ging zurück

zum Bett.

„Sie wollen aufgeben?“, fragte Sydney enttäuscht.

„Was soll ich denn machen?“

Sydney überlegte nicht lange. „Wir klettern auf den Baum! Der ist viel höher

als dieses Fenster und von da aus kann man Australien bestimmt viel besser

sehen."

„Aber ich darf nicht auf den Baum klettern. Das ist gefährlich", sagte Rufus.

„Gefährlich! Papperlapapp. Ich bin doch dabei. Schnabeltiere, wenn ich das

kurz erwähnen darf, sind bekanntermaßen die besten Baumkletterer

überhaupt."

„So gut wie Koalabären?“, fragte Rufus.

„Koalabären? Lachhaft. Wir Schnabeltiere haben den Koalabären das Klettern

32/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

überhaupt erst beigebracht. Und wenn ich noch ein Geheimnis verraten darf:

Die richtig guten Baumkletter-Tricks haben wir ihnen natürlich nicht gezeigt."

Rufus wollte schon immer auf einen Baum klettern. Aber seine Mutter hatte

es verboten. Und in aller Regel war es besser, sich nach Mamas Verboten zu

richten.

„Sie muss es ja gar nicht erfahren", sagte Sydney, der offensichtlich genau

spürte, was in Rufus vorging. „Wir klettern da schnell hoch, gucken uns

Australien an und liegen schon wieder auf dem Bett, bevor die beiden nach

Hause kommen.“

„Also schön“, sagte Rufus endlich. Eigentlich konnte ja nicht viel schiefgehen.

Alle Jungen, die er kannte, kletterten andauernd auf irgendwelchen Bäumen

herum.

Er nahm Sydney auf den Arm und wollte schon aus dem Zimmer gehen, da

rief das Schnabeltier: „Halt!“

„Was denn noch?“

„Eine solch umfangreiche Expedition benötigt eine richtige Baumkletter-

Ausrüstung."

33/35
Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

„Und was ist eine richtige Baumkletter-Ausrüstung?“

„Zunächst brauchen wir eine Karte. Ach was, am besten nehmen wir das

ganze Buch mit. Zur Sicherheit sollten wir einen Kompass dabeihaben. Nur

für den Fall, dass wir da oben die Himmelsrichtungen nicht mehr

auseinanderhalten können. Und nicht zu vergessen: Proviant!"

Also packte Rufus die folgenden Dinge in seinen Rucksack: sein neues Buch,

einen Kompass, zwei Flaschen Apfelschorle und zwei Erdnussbutterbrote.

Dann konnte es losgehen.

Das war der erste Teil der Geschichte. Werden es Rufus und Sydney nach
Australien schaffen? Das erfahrt ihr im zweiten Teil.

Rufus und sein Schnabeltier - Teil 1


Autor: Michael Engler
Illustration: Dirk Hennig
Verlag: Thienemann
Alterseinstufung: ab 7 Jahren
ISBN: 978-3-522-18485-4

34/35
Powered by TCPDF (www.tcpdf.org)

Das könnte Ihnen auch gefallen