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1Interkulturelles Lernen

Interkulturelles Lernen
Ingrid Spajic
Februar 2010

„Interkulturelles Lernen findet immer und überall statt, wo die feinen Unterschiede von Bedeu

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Auseinandersetzung mit


interkulturellem Lernen ist eine Klärung von Begrifflichkeiten.

Interkulturalität

Interkulturalität beschreibt Unterschiedlichkeiten zwischen Individuen, die sich aus


der Zugehörigkeit zu verschiedenen Kulturen/Gruppen ergeben.
Der Interkulturalitätsansatz geht von der Annahme aus, dass verschiedene Gruppen
von Menschen als Angehörige verschiedener Kulturen andere Merkmale,
Eigenschaften und Verhaltensweisen an den Tag legen. Interkulturelle
Verschiedenartigkeit wird demgemäß als Erklärungsmuster für Missverständnisse
und Konflikte herangezogen. Durch Vermittlung von Wissen über kulturelle
Andersartigkeiten - so die daraus folgende Annahme - können diese
Kommunikationsprobleme und daraus folgende Konflikte gelöst bzw. vermieden
werden.
Der Begriff der Interkulturalität kann insofern problematisch sein als er unhinterfragt
verwendet dazu verleitet etwaigen Erklärungsbedarf für Verhaltensweisen oder
Konfliktsituationen mit der Herkunft aus unterschiedlichen kulturellen
Zusammenhängen zu befriedigen. Die angeblichen Schwierigkeiten interkultureller
Kommunikation werden zu den idealen Erklärungsmustern für konfliktbelastete
Situation.
Aber was sind "die" kulturellen Hintergründe, deren gegenseitige Kenntnis zu
gegenseitigem Verständnis, Toleranz etc. beitragen sollen?
Natürlich ist die Kenntnis der kulturellen Herkunft des Gegenübers wichtig für
Kommunikation und gegenseitiges Verständnis, aber da es um alle Facetten des
Individuums geht, sind damit viele Gruppenzugehörigkeiten wie Alter, soziale
Herkunft, Geschlecht, Bildungslevel u. ä. relevant. Die landläufigen Assoziationen zu
Interkulturalität beschränken sich aber meistens auf eine Fixierung auf die kulturelle
Identität eines Individuums oder noch öfter gleich einer ganzen Gruppe
(„Schubladensyndrom“).
Sinn macht das Konzept Interkulturalität dann, wenn es nicht mit Schubladen operiert
und diese Schubladen auch noch fester verschließt. Vielmehr sollte es als flexibles,
permanenten Veränderungen unterworfenes, Phänomen der Wechselwirkung
zwischen Kulturen verstanden werden. Kulturen sind in diesem Zusammenhang nicht
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nur ethnische/religiöse Herkunftskultur, sondern auch alle anderen Aspekte wie


soziale und wirtschaftliche Bedingungen, Alter, Geschlecht, Ausbildung,
wirtschaftliche, politische und rechtliche Strukturen und Prozesse die
Benachteiligungen bewirken können.

Kultur

Kultur ist ein „Programm“ von Werten, Normen und Verhaltensweisen. Dieses
Programm wird in einer Gesellschaft tradiert und als „Kultur“ sozial in Geltung
gehalten, um die maßgeblichen Ziele dieser bestimmten Gesellschaft im
Zusammenleben ihrer Mitglieder zu sichern. Natürlich spielt der bestimmte Zeitraum,
mit seinen bestimmten politischen, geschichtlichen und zivilisatorischen
Orientierungen, eine große Rolle.

Kultur ist nicht auf Kommunikation angewiesen. Kommunikation ist in diesem Sinne
die Ausdrucksform von Kultur.

Sprache sieht man als traditionsreiches und außerordentlich komplexes


Kommunikationsmedium und vielen scheint es ident mit Kultur. Es ist es aber so,
dass Sprache und Kultur nur kontingent (gemeinsam) auftreten, demnach ist Kultur
an keine ihrer Bedingungen ausschließlich gebunden. Die Muster und Inhalte des
Programms „Kultur“ hängen mit den Akteuren im kulturellen Raum zusammen.
Außerdem sind sie – unter geschichtlicher Perspektive – offen, konstruktiv,
dynamisch und sie werden deshalb auch ständig von den Mitgliedern einer
Gesellschaft neu modelliert und entwickelt. Die Akteure in modernen Gesellschaften
haben den beständigen Prozess der kulturellen Entwicklung – bewusst und explizit –
zum Bestandteil ihres Kulturprogramms gemacht.

Neu modellieren und entwickeln bedeutet auch verändern und genau hier zeigt sich
die Möglichkeit, im Zusammenleben der gesellschaftlichen Individuen und
gesellschaftlichen Gruppen Kontinuität und damit Sicherheit dafür zu schaffen.
Veränderungen fangen immer klein an und gerade in Deutschkursen müssen Inhalte
des interkulturellen Lernens gut „verpackt“ sein, um die Sensibilisierung zwischen
den Unterschieden der Individuen zu gewährleisten.

Im Ergebnis sollte der alltagspraktische Handlungsbezug auf Kultur deshalb von


Bedeutung sein, um die kulturelle Identität einer bestimmten Gruppe zu verstehen,
zu billigen und es gegebenenfalls als „zugehörig“ dem gemeinsamen Programm
gelten zu lassen.

Kulturelle Identität ist unserem Verständnis nach beschreibbar als eine durch Praxis
sich ständig erneuernde, mitlaufende Bestätigung von sinnhafter kultureller Rahmung
in jeder bedeutungsvollen Handlung.

Diskriminierung

Diskriminiert zu werden bedeutet, dass eine Person (z.B. auf Grund ihres
Geschlechtes, ihrer ethnischen Herkunft oder Hautfarbe) ohne sachliche Begründung
schlechter behandelt und/oder ausgegrenzt wird als eine andere Person.

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Rassismus

Rassismus ist eine Ideologie, eine Struktur und ein Prozess, mittels derer bestimmte
Gruppierungen auf der Grundlage tatsächlicher oder zugeschriebener biologischer
oder kultureller Eigenschaften als wesensmäßig andersartige und minderwertige
"Rassen" oder ethnische Gruppen angesehen werden. In der Folge dienen diese
Unterschiede als Erklärung dafür, dass Mitglieder dieser Gruppierungen vom Zugang
zu materiellen und nicht-materiellen Ressourcen ausgeschlossen werden.

Bestehende Verunsicherungen können durch Fremdheitserfahrungen verstärkt


werden: Konflikte um die Verteilung von Gütern. Angst vor sozialer Konkurrenz und
dem Verlust der eigenen kulturellen Identität, nationalistische Einstellungen und
rassistische Vorurteile sind vor allem in Krisensituationen der Nährboden für offene
und verdeckte Aggressionen gegen Minderheiten und rassistisch motivierte
Anschläge.

Diversity

Diversity/Diversität bedeutet Vielfalt/Vielfältigkeit/Verschiedenheit und schließt alle


Unterschiede ein, die wir als Individuen ins Arbeitsleben einbringen.
Das Konzept von Diversity und in Folge das Konzept einer "Diversitätspolitik oder
-strategie" geht von der Annahme aus, dass wir in einer Gesellschaft der
Verschiedenartigkeit und der Gleichheit leben.
Diese Verschiedenartigkeit ist
• Folge einer zunehmenden Vielfalt an Kulturen, Eigenschaften, Eigenheiten
usw., die bestimmten Gruppen innerhalb einer Gesellschaft zugeschrieben
werden und
• Der Tatsache zuzuschreiben, dass auch diese Gruppen innerhalb einer
Gesellschaft selbst nicht homogen sind und es zwischen und innerhalb der
Gruppen Trennendes und Verbindendes gibt.
Aufgabe einer sinnvollen Diversitätsstrategie ist es einerseits diese Tatsache der
Verschiedenartigkeit bewusst zu machen und andererseits Strategien zu entwickeln,
wie mit dieser Tatsache sinnvollerweise umgegangen werden kann, um den
bestmöglichen Nutzen daraus zu ziehen - und als Endergebnis Chancengleichheit zu
erreichen.
Fokus des Konzepts von Diversity ist - im Gegensatz zu Interkulturalität sowohl das
Individuum als auch die Gruppe, und das Individuum als deren Teil.

Integration

Integration (Verschmelzung von sozialen Gruppen, Einbeziehung) bezeichnet all jene


Prozesse, durch die MigrantInnen zu anerkannten Mitgliedern der aufnehmenden
Gesellschaft werden. Integration ist ein gegenseitiger Prozess, der sowohl von
MigrantInnen als auch von der aufnehmenden Gesellschaft Bemühungen und
Entgegenkommen verlangt. (im Gegensatz zu  Assimilation)

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Assimilation

Vorgang der umfassenden Übernahme von Sprache, kulturellen Traditionen, Wert-


und Verhaltensmustern der aufnehmenden Gesellschaft durch zuwandernde
Personen. Assimilation kann als Gegensatz zu einem kulturellen und ethnischen
Pluralismus verstanden werden. Assimilation ist ein völlig anderer Umgang mit
Vielfalt als  Integration. Diese beiden Begriffe sollten klar voneinander getrennt und
bewusst verwendet werden.

Mobbing

Der Begriff Mobbing beschreibt eine Konflikteskalation in verschiedenen


Lebenssituationen (Schule, Arbeitsplatz, Ausbildung,…), bei der das Kräfteverhältnis
zu Ungunsten einer Partei verschoben ist. Diese Konfliktpartei ist systematisch
feindseligen Angriffen ausgesetzt, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken,
häufig auftreten und zu maßgeblichen individuellen Schädigungen führen.

Migration

Die wirtschaftlichen, demographischen und sozialen Unterschiede zwischen Nord


und Süd, West und Ost, die Hoffnung auf sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg, ein
internationales Arbeitsplatzangebot, aber auch politische oder religiöse
Unterdrückung, Kriege und ökologische Katastrophen haben vielfältige
Wanderungsbewegungen ausgelöst, von denen alle Kontinente betroffen sind.
Dadurch sind Gesellschaften entstanden, die weder in sprachlicher noch nationaler
oder ethnischer Hinsicht homogen sind.

Wo sich Menschen unterschiedlicher Sprache, Herkunft und Weltanschauung


begegnen, wo sie zusammen leben oder sich auseinandersetzen, verändern und
entwickeln sich Weltbilder und Wertsysteme: Kulturen bilden ein sich veränderndes
Ensemble von Orientierungs- und Deutungsmustern, mit denen Individuen ihre
Lebenswelt gestalten. Moderne Gesellschaften sind daher auch in kultureller Hinsicht
komplex und pluralistisch. (siehe Kultur)

Inhalte/Themen im Unterricht

• Aufbau von sozialer und interkultureller Kompetenz


• Beschäftigung mit der eigenen Kultur und Sensibilisierung für unterschiedliche
Kommunikationsformen
• Analyse des eigenen Kommunikationsverhaltens und seine Wirkung auf
andere
• Flexibilität und Kreativität im Umgang mit dem Anderen
• Umgang mit Diversität in der Gesellschaft
• Wirtschaft und Arbeitswelt
• Politik, Menschenrechte, Fremden- und Asylrecht
• Vorurteile und Mechanismen von Diskriminierung und Rassismus
• Umgang mit Konflikten
• Entwicklung von Teamfähigkeit

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• Mehrsprachigkeit und Fremdsprachenerwerb


• Aufbau von interdisziplinären, interkulturellen Netzwerken

Ziele

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen anderen Kulturgut sollte


man insbesondere Aspekte wie Lebensgewohnheiten, Sprache, Brauchtum, Texte,
Tradition, Liedgut usw. aufgreifen.

Interkulturelles Lernen beschränkt sich nicht bloß darauf, andere Kulturen kennen zu
lernen. Vielmehr geht es um das gemeinsame Lernen und das Begreifen, Erleben
und Mitgestalten kultureller Werte. Aber es geht auch darum, Interesse und Neugier
an kulturellen Unterschieden zu wecken, um nicht nur kulturelle Einheit, sondern
auch Vielfalt (Diversity) als wertvoll erfahrbar zu machen.

In der Auseinandersetzung zwischen Fremdem und Vertrautem ist der


Perspektivwechsel, der die eigene Wahrnehmung erweitert und den Blickwinkel der
anderen einzunehmen versucht, ein Schlüssel zu Selbstvertrauen und reflektierter
Fremdwahrnehmung. Die durch Perspektivwechsel erlangte Wahrnehmung der
Differenz im Spiegel des anderen fördert die Herausbildung einer stabilen Ich-
ldentität und trägt zur gesellschaftlichen Integration bei. Eine auf dieser Grundlage
gewonnene Toleranz akzeptiert auch lebensweltliche Orientierungen, die mit den
eigenen unvereinbar erscheinen, sofern sie Menschenwürde und -rechte sowie
demokratische Grundregeln achten.

Interkulturelles Lernen soll in diesem Zusammenhang einen Beitrag

• zum besseren Verständnis,


• zur besseren gegenseitigen Wertschätzung,
• zum Erkennen von Gemeinsamkeiten,
• zum Abbau von Vorurteilen,
• Akzeptanz,
• Respekt
• und gegenseitiger Achtung führen.

Quellen

• Interkulturalität: Theorie und Praxis, Bonghi Cha, Siegfried J. Schmidt (Hg.)


Band 2, Lit-Verlag Berlin, Bd. 2, 2004,
Kultur: Forschung und Wissenschaft

• http://de.wiktionary.org

• Hueber: Fortbildung für Kursleitende Deutsch als Zweitsprache Band 1,


• „Übersetzungen – Lebenskontruktionen in der zweiten Generation
chilenischer Flüchtlinge“ von Katharina Kaudelka
transblick 2: Sozialwissenschaftliche Reihe, StudienVerlag

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• „Zuwandern_aufsteigen_dazugehören – Etablierungsprozesse von


Eingewanderten“ von Dr. Simon Burtscher
transblick 4: Sozialwissenschaftliche Reihe, StudienVerlag

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