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Suchdienst Deutsches

Rotes
Kreuz

Familienzusammenführung
Rechtsgrundlagen für die Einreise
und den Aufenthalt in Deutschland
2. Auflage
Ansprechpartner in Fragen der Familienzusammenführung
im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes:

DRK-Suchdienst
Internationale Suche und Familiennachrichten
Chiemgaustr. 109
81549 München
Tel.: 089 / 680 773 -113 / -112
E-Mail: tracing@drk-suchdienst.org
www.drk-suchdienst.org

DRK-Suchdienst
Familienzusammenführung
Herbert Löffler
Königswinterer Str. 29
53227 Bonn
Tel.: 0228/91730 - 94
Fax: 0228/91730 - 89
E-Mail: loeffleh@drk.de

DRK-Suchdienst
Beratung von Spätaussiedlern / BVFG-Verfahren
Amandastr. 72 - 74
20357 Hamburg
Tel.: 040 / 432 02 - 0
Fax: 040/ 432 02 - 249
E-Mail: auskunft@drk-sdhh.de
www.drk-sdhh.de
Familienzusammenführung -
Rechtsgrundlagen für die Einreise und den Aufenthalt in Deutschland
2. überarbeitete Auflage

Herausgeber:
Deutsches Rotes Kreuz e.V.
- Generalsekretariat -
Suchdienst-Leitstelle
Carstennstr. 58
12205 Berlin
Telefon: 030 / 85 404 - 170
Telefax: 030 / 85 404 - 458
Email: suchdienst@drk.de
Net: www.drk.de/suchdienst

Autoren:
Rechtsanwältin Frauke Weber (DRK-Suchdienst-Leitstelle Berlin)
Rechtsanwalt Ronald Reimann (DRK-Suchdienst-Leitstelle Berlin)
Herber Löffler (DRK-Suchdienst / Familienzusammenführung Bonn)

Titelbild / Satz:
Carina Gräschke

Fotos soweit nicht anders genannt:


Carina Gräschke
S.18 © samy13 / PIXELIO

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, Übersetzung, Einspeicherung,


Verarbeitung und Verbreitung in jeglicher Form sind nicht erlaubt.

© 2008 Deutsche Rotes Kreuz e.V. Berlin


Familienzusammenführung 1

VORWORT

Die oft langjährige Trennung von Eltern und Kindern, von Mann
und Frau oder von anderen engen Angehörigen über Ländergren-
zen hinweg stellt für viele Familien ein fundamentales menschliches
und existentielles Problem dar. Diese Broschüre gibt eine Übersicht
über die Rechtsgrundlagen für eine Familienzusammenführung in
Deutschland.
Das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz hat
die Voraussetzungen für die Einreise und den Aufenthalt von Fami-
lienangehörigen auf eine neue Grundlage gestellt. Einschneidende
Änderungen sind durch das am 28. August 2007 in Kraft getrete-
ne „Gesetz zur Umsetzung aufenthalts- und asylrechtlicher Richt-
linien der Europäischen Union“ („Richtlinienumsetzungsgesetz“)
erfolgt sowie zuletzt durch das „Gesetz zur Ergänzung des Rechts
zur Anfechtung der Vaterschaft“ vom 13.März 2008. Die vorliegende
2. Auflage berücksichtigt alle für die Familienzusammenführung re-
levanten Änderungen.
Der DRK-Suchdienst berät Hilfe suchende Personen in allen Fra-
gen einer Familienzusammenführung. Schwerpunkte der Beratung
liegen im Aufnahmeverfahren nach dem Bundesvertriebenengesetz
und dem Familiennachzug zu bleibeberechtigten Flüchtlingen in
Deutschland. Flüchtlinge, die den Kontakt zu Familienangehörigen
verloren haben, unterstützt der DRK-Suchdienst bei der Wiederher-
stellung der familiären Kontakte.
Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Beratungsstellen der
DRK-Landes- und Kreisverbände, im Kompetenzzentrum des DRK-
Suchdienstes für Familienzusammenführungen in Hamburg und
Bonn sowie in der Suchdienstabteilung „Internationale Suche und
Familiennachrichten“ in München gilt für ihre Arbeit an dieser Stelle
unser besonderer Dank. Gleiches gilt bezüglich unserer Mitarbeiter
Frauke Weber, Herbert Löffler und Ronald Reimann für ihre Beiträge
in dieser Broschüre.
Wir wünschen der Broschüre eine weite Verbreitung und gute An-
nahme!
DOROTA DZIWOKI
Leiterin DRK-Suchdienst
Berlin, im Oktober 2008
2 DRK-Suchdienst

INHALTSVERZEICHNIS
A. Suche nach Familienangehörigen - Familienzusammenführung:
Wie der DRK-Suchdienst helfen kann! ......................................... 5
B. Familienzusammenführung - Rechtsgrundlagen für die Einreise
und den Aufenthalt in Deutschland ................................................ 7
1. Einleitung ......................................................................................... 7
2. Allgemeine Voraussetzungen für den Aufenthalt in Deutschland 7
2.1. Aufenthaltstitel und Aufenthaltszwecke .......................................... 7
2.2. Allgemeine Erteilungsvoraussetzungen für Aufenthaltstitel .............. 8
2.2.1. Passpflicht, § 3 AufenthG ................................................................ 8
2.2.2. Sicherung des Lebensunterhalts, § 5 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG ........... 9
2.2.3. Identitätsklärung, § 5 Abs. 1 Nr. 1a AufenthG ................................... 12
2.2.4. Kein Ausweisungsgrund, § 5 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG ........................ 12
2.2.5. Einreise mit erforderlichem Visum, § 5 Abs. 2 AufenthG .................. 13
2.3. Versagungsgründe ........................................................................... 14
2.3.1. Sicherheitsgefährdendes Handeln, § 5 Abs. 4 AufenthG ................... 14
2.3.2. Wiedereinreiseverbot, § 11 AufenthG / Nachträgliche Befristung ..... 15
2.3.3. Aufenthaltstitel für (abgelehnte) Asylbewerber, § 10 AufenthG ........ 15
3. Aufenthalt aus familiären Gründen - Familiennachzug .............. 16
3.1. Allgemeine Grundsätze des Familiennachzugs, § 27 AufenthG ...... 16
3.1.1. Familiäre Lebensgemeinschaft, § 27 Abs. 1 AufenthG ...................... 16
3.1.2. Lebenspartnerschaftliche Gemeinschaft, § 27 Abs. 2 AufenthG ....... 17
3.1.3. Scheinehe / Scheinverwandtschaft / Zwangsehe ............................. 17
3.1.4. Übersicht zur Familienzusammenführung ......................................... 19
3.2. Familiennachzug zu deutschen Staatsangehörigen, § 28 AufenthG 20
3.2.1. Privilegierung ausländisch-deutscher Familien /
Abweichungen/Ausnahmen zu § 5 AufenthG ................................... 20
3.2.1.1. Sicherung des Lebensunterhaltes regelmäßig unbeachtlich ............. 20
3.2.1.2. Kein Wohnraumerfordernis ................................................................ 20
3.2.1.3. Jede Erwerbstätigkeit kraft Gesetzes gestattet ............................... 20
3.2.2. Änderungen beim Ehegattennachzug: Sprachkenntnisse/Mindestalter 20
3.2.2.1. Anforderungen an die Sprachkenntnisse .......................................... 21
3.2.2.2. Nachweis ........................................................................................... 21
3.2.2.3. Ausnahmen ....................................................................................... 21
3.2.2.4. Mindestalter ...................................................................................... 22
3.2.3. Aufenthalt nach Ermessen zur Ausübung des Umgangsrechtes,
§ 28 Abs. 1 Satz 4 AufenthG ............................................................. 22
3.2.4. Aufenthaltsverlängerung und Aufenthaltsverfestigung /
Niederlassungserlaubnis, § 28 Abs. 2 AufenthG ............................... 23
Familienzusammenführung 3

INHALTSVERZEICHNIS

3.2.5. Eigenständiges Aufenthaltsrecht des Ehegatten


bei Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft, § 31 AufenthG ............. 24
3.3. Familiennachzug zu Unionsbürgern, FreizügG/EU ...................... 26
3.3.1. Exkurs: EU-Richtlinien ....................................................................... 26
3.3.2. Definition des freizügigkeitsberechtigten Unionsbürgers ................... 27
3.3.3. Familiennachzug zu erwerbstätigen Freizügigkeitsberechtigten,
§ 3 FreizügG/EU ............................................................................... 28
3.3.4. Familiennachzug zu nichterwerbstätigen Freizügigkeitsberechtigten,
§ 4 FreizügG/EU ................................................................................ 28
3.3.5. Aufenthaltsverlängerung/Aufenthaltsverfestigung -
Daueraufenthaltsrecht, § 4a FreizügG/EU ........................................ 28
3.3.6. Eigenständiger Aufenthalt der Familienangehörigen,
§ 3 Abs. 5 FreizügG/EU ..................................................................... 29
3.4. Familiennachzug zu sonstigen Ausländern (Drittstaatsangehörige) 30
3.4.1. Allgemeine Grundsätze, § 27 AufenthG ............................................ 30
3.4.2. Erforderliche Aufenthaltstitel ............................................................. 30
3.4.2.1. Besonderheiten beim Familiennachzug
zu Ausländern mit Aufenthalt aus humanitären Gründen .................. 30
3.4.2.1.1. Nachzug zu Asylberechtigten und Konventionsflüchtlingen .............. 30
3.4.2.1.2. Nachzug bei Aufenthaltstiteln
nach §§ 22, 23 Abs. 1, 25 Abs. 3 AufenthG sowie § 24 AufenthG ..... 31
3.4.2.1.3. Ausschluss des Nachzuges
bei Aufenthaltstiteln nach §§ 25 Abs. 4, 5, 104 a, 104 b AufenthG .... 31
3.4.3. Ausreichender Wohnraum, § 29 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG ..................... 32
3.4.4. Sicherung des Lebensunterhalts ....................................................... 32
3.4.5. Sonstige allgemeine Erteilungsvoraussetzungen
und Versagungsgründe, §§ 5, 10 und 11 AufenthG ........................... 32
3.4.6. Ehegattennachzug, § 30 AufenthG .................................................... 32
3.4.6.1. Erforderlicher Aufenthaltstitel .............................................................. 32
3.4.6.2. Verständigung auf einfache Art in deutscher Sprache,
§ 30 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG ................................................................. 33
3.4.6.3. Mindestalter, § 30 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG ........................................... 33
3.4.6.4. Mehrehe, § 30 Abs. 4 AufenthG ........................................................ 33
3.4.6.5. Aufenthaltsverlängerung, § 30 Abs. 3 AufenthG ................................ 33
3.4.6.6. Aufenthaltsverfestigung ..................................................................... 33
3.4.6.6.1. Niederlassungserlaubnis, § 9 AufenthG ............................................ 33
3.4.6.6.2. Daueraufenthalt-EG, § 9a AufenthG .................................................. 34
3.4.6.6.2.1. Erteilungsvoraussetzungen/Ausschluss vom Daueraufenthalt-EG .... 35
3.4.6.6.2.2. Rechtsstellung mit Daueraufenthalt-EG/ Recht auf Weiterwanderung 36
4 DRK-Suchdienst

INHALTSVERZEICHNIS
3.4.6.7. Eigenständiges Aufenthaltsrecht des Ehegatten, § 31 AufenthG ...... 37
3.4.7. Kindernachzug ................................................................................. 37
3.4.7.1. Kinder bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres,
§ 32 Abs. 3 AufenthG ........................................................................ 37
3.4.7.2. Kinder nach Vollendung des 16. und
vor Vollendung des 18. Lebensjahres, § 32 Abs. 2 AufenthG ........... 38
3.4.7.3. Kinder bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres von Asylberechtig-
ten oder Konventionsflüchtlingen, § 32 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG .......... 38
3.4.7.4. Gemeinsame Lebensmittelpunktverlagerung mit Kindern
bis zur Volljährigkeit, § 32 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG .............................. 39
3.4.7.5. Kindernachzug zu einem Ausländer
mit einer Aufenthaltserlaubnis nach § 38 a AufenthG ........................ 39
3.4.7.6. Kindernachzug nach Ermessen, 32 Abs. 4 AufenthG ........................ 39
3.4.7.7. Geburt eines Kindes im Bundesgebiet, § 33 AufenthG .................... 40
3.4.7.8. Aufenthaltsverlängerung, § 34 AufenthG ........................................... 40
3.4.7.9. Eigenständiges Aufenthaltsrecht des Kindes, § 34 Abs. 2 AufenthG 41
3.4.7.10. Aufenthaltsverfestigung/Niederlassungserlaubnis, § 35AufenthG .... 41
3.5. Besonderheiten bei türkischen Staatsangehörigen ..................... 42
3.6. Nachzug sonstiger Familienangehöriger § 36 Abs. 2 AufenthG 43
3.7. Recht auf Wiederkehr § 37 AufenthG ............................................. 44
3.7.1. Rückkehroption für junge Ausländer .................................................. 44
3.7.2. Rückkehroption für Rentner .............................................................. 45
3.8. Aufenthaltstitel für ehemalige Deutsche § 38 AufenthG .............. 45
4. Ehe- und Familienrecht als aufenthaltsrechtliche Vorfrage ........ 47
4.1. Rechtliche Voraussetzungen für eine Eheschließung ....................... 47
4.2. Ausländerrechtliche Folgen der bevorstehenden Eheschließung ..... 48
4.3. Vaterschaftsanerkennung ................................................................. 48
4.4. Personensorge / Gemeinsame Sorgeerklärung nach § 1626 a BGB 49
4.5. Umgangsrecht ................................................................................... 49
4.6. Scheidung ......................................................................................... 50
5. Erwerbstätigkeit .............................................................................. 50
C. Behördliches und gerichtliches Visumverfahren ......................... 51
1. Antragsverfahren ................................................................................ 51
2. Das „Remonstrationsverfahren“ ......................................................... 52
3. Klageverfahren vor dem Verwaltungsgericht Berlin ........................... 52
D. Familienzusammenführung zu bleibeberechtigten Flüchtlingen:
Hürden am Beispiel einer irakischen Familie ................................ 54
Abkürzungsverzeichnis ...................................................................... 57
Familienzusammenführung 5

A. Suche nach Familienangehörigen – Familienzusammenführung:


Wie der DRK-Suchdienst helfen kann!
Von Rechtsanwältin Frauke Weber, die von Krieg, Katastrophen oder deren Folgen
DRK-Suchdienst-Leitstelle betroffen sind, handelt es sich um eine sensible
Angelegenheit. Dabei dürfen Fragen wie Aufent-
Jedes Jahr werden weltweit hunderttausend Men- haltsstatus oder Nationalität der suchenden Per-
schen von ihren Angehörigen gesucht. Nach den sonen keine Rolle spielen. Der DRK-Suchdienst
Kriegen im ehemaligen Jugoslawien werden noch gibt deshalb grundsätzlich keine Informationen
17.000 Menschen vermisst, in Ruanda sind es so- über Verfahrensstand oder Suchergebnis an die
gar 270.000 Menschen. Aus dem Irak sind derzeit Ausländerbehörden weiter.
2,5 Millionen Menschen geflohen, sie leben in den
Nachbarländern verstreut in Flüchtlingslagern. Fa-
• Nachricht an Angehörige
milien werden auseinander gerissen, Kinder wer-
den von ihren Eltern getrennt, Männer von ihren Familien, die keine andere Möglichkeit haben, mit
Frauen. Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als ihren Angehörigen Kontakt aufzunehmen, kön-
über Ländergrenzen hinweg wiedervereint zu wer- nen über den DRK-Suchdienst eine so genannte
den. „Rotkreuznachricht“ (Red Cross Message) ver-
schicken. Rotkreuznachrichten werden vor allem
Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes
in Konflikt- oder Katastrophengebiete übermit-
(DRK) hilft in Deutschland lebenden Menschen bei
telt, wo die normalen Kommunikationswege nicht
der weltweiten Suche nach Angehörigen und berät
mehr funktionieren. Zudem dienen sie dazu, den
in allen Fragen einer Familienzusammenführung.
Kontakt zu inhaftierten Familienmitgliedern auf-
Dabei arbeitet er eng mit dem Suchdienst-Netz-
rechtzuerhalten. Auf einem standardisierten Vor-
werk der internationalen Rotkreuz- und Rothalb-
druck des Roten Kreuzes können Angehörige ein
mondbewegung zusammen. Die Leistungen des
paar private Zeilen schreiben; politische oder dis-
DRK-Suchdienstes sind kostenlos.
kriminierende Äußerungen sind nicht erlaubt. Die
Behörden im Empfängerland der Nachricht haben
Die Angebote das Recht, die Nachrichten zu lesen und zu zen-
des DRK-Suchdienstes im Einzelnen: sieren. Im Jahr 2007 sind weltweit 229.150 Rot-
• Weltweite Suche kreuznachrichten zugestellt worden.

Der DRK-Suchdienst ist Anlaufstelle für Menschen,


die aufgrund von Krieg, Katastrophen, Flucht oder • Familienzusammenführung
Vertreibung nicht wissen, wo sich ihre Angehöri- Durch Kriege, Flucht oder Vertreibung werden
gen aufhalten und ob ihre Angehörigen überhaupt Familien unfreiwillig getrennt und dabei oftmals in
noch am Leben sind. Suchanfragen können für unterschiedliche Länder verstreut. Der DRK-Such-
fast jede Region weltweit entgegen genommen dienst unterstützt Familien, die wieder zusammen
werden. Sie werden in enger Zusammenarbeit mit in einem Land leben möchten. Die Familienzu-
dem Suchdienst-Netzwerk der internationalen Rot- sammenführung in Deutschland und auch der
kreuz- und Rothalbmondbewegung bearbeitet. Nachzug zu Angehörigen in ein anderes Land sind
Auf schriftliche oder telefonische Anfrage oder an strenge gesetzliche Vorgaben gebunden. Der
per E-Mail/Internet erhalten Betroffene ein stan- Nachweis, dass die rechtlichen Voraussetzungen
dardisiertes Suchformular, das die Grundlage für oder ein Härtefall vorliegen, ist im Einzelfall häufig
die Suche bildet. Die personenbezogenen Daten schwierig. Der DRK-Suchdienst berät und unter-
der betroffenen Personen werden sehr sorgsam stützt Familien und deren Rechtsanwälte/Berater
behandelt. Ihre Verwendung erfolgt entspre- im Verfahren bei den deutschen Auslandsvertre-
chend dem geltenden Datenschutzrecht nur zu tungen und den zuständigen Ausländerbehörden.
suchdienstlichen Zwecken. Nach dem Selbstver- Er hilft bei der Beschaffung von Dokumenten und
ständnis des DRK-Suchdienstes sollte es jedem gegebenenfalls bei der Einbeziehung von regio-
Menschen möglich sein, ohne Angst vor staatli- nalen oder internationalen Organisationen wie
cher Einflussnahme den Kontakt zu nächsten An- dem Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der
gehörigen zu suchen und aufrechtzuerhalten. Bei Vereinten Nationen (UNHCR) oder dem Internati-
der weltweiten Suche nach vermissten Personen, onalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK).
6 DRK-Suchdienst

• Beratung von Spätaussiedlern


Über jahrzehntelange Erfahrungen verfügt der
DRK-Suchdienst in allen Fragen einer Aussiedlung
nach dem Bundesvertriebenen- und Flüchtlings-
gesetz (BVFG). Fachkundige Beratung für poten-
tielle Spätaussiedler und deren Familien bietet der
DRK-Suchdienst vor allem im Aufnahmeverfahren
nach dem BVFG, bei der Familienzusammenfüh-
rung nach Aufenthaltsrecht, zu Ausreiseformalitä-
ten sowie im Staatsangehörigkeitsfeststellungs-
verfahren.

Ansprechpartner des DRK-Suchdienstes

1. Suche / Red Cross Message /


Dokumentenbeschaffung

DRK-Suchdienst „
Internationale Suche und Familiennachrichten
Chiemgaustr. 109
81549 München
Tel.: 089 / 680 773 -113 / -112
E-Mail: tracing@drk-suchdienst.org
www.drk-suchdienst.org

2. Familienzusammenführung
bei Flüchtlingen
DRK-Suchdienst / Familienzusammenführung
Herbert Löffler
Königswinterer Str. 29
53227 Bonn
Tel.: 0228/91730 - 94
Fax: 0228/91730 - 89
E-Mail: loeffleh@drk.de

3. Beratung von Spätaussiedlern /


BVFG-Verfahren
DRK-Suchdienst
Amandastr. 72 - 74
20357 Hamburg
Tel.: 040 / 432 02 - 0
Fax: 040/ 432 02 - 249
E-Mail: auskunft@drk-sdhh.de
www.drk-sdhh.de

Im Übrigen können sich alle Betroffenen an die


Suchdienstmitarbeiter in den DRK-Landes- und
Kreisverbänden wenden. Adressen unter www.
drk.de.
Familienzusammenführung 7

B. Familienzusammenführung – Rechtsgrundlagen für


die Einreise und den Aufenthalt in Deutschland

Von Rechtsanwalt Ronald Reimann, Durch das Gesetz zur Umsetzung aufenthalts-
DRK-Suchdienst-Leitstelle und asylrechtlicher Richtlinien der Europäischen
Union, das am 28. August 2007 in Kraft getreten
1. Einleitung ist, wurde das Aufenthaltsgesetz vor allem beim
Ehegattennachzug verschärft. So gilt nun beim
Das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene Zuwan- Ehegattennachzug eine Altersgrenze von mindes-
derungsgesetz hat zum Teil neue Gesetze, zum Teil tens 18 Jahren. Außerdem ist der Nachweis von
Änderungen bestehender Gesetze hervorgebracht. Deutschkenntnissen erforderlich.
Für die Familienzusammenführung besonders
wichtig ist das Aufenthaltsgesetz (AufenthG), das 2. Allgemeine Voraussetzungen
das Ausländergesetz (AuslG) abgelöst hat. Gleich-
für den Aufenthalt in Deutschland
zeitig ersetzt die neue Aufenthaltsverordnung (Auf-
enthV) die bisherige Durchführungsverordnung Grundsätzlich muss jeder Ausländer, der nach
Ausländergesetz (DV AuslG). Die Grundprinzipien Deutschland einreisen möchte und sich hier auf-
des Familiennachzugs haben sich durch das Au- halten will, einen Aufenthaltstitel besitzen. Dies gilt
fenthaltsgesetz nicht geändert. Es beinhaltet jedoch nicht für freizügigkeitsberechtigte Unionsbürger
Klarstellungen und differenziertere Voraussetzun- und für Angehörige bestimmter privilegierter Staa-
gen für den Aufenthalt. Zudem enthält das Aufent- ten, die sich vorübergehend visumsfrei und ohne
haltsgesetz mehr Rechtsansprüche, was auch für Aufenthaltstitel hier aufhalten dürfen, z.B. Touris-
die Vorschriften der Familienzusammenführung gilt. ten aus Kanada oder Kroatien.1 (vgl. § 4 Abs. 1
Weitere wichtige Regelungen finden sich im neuen AufenthG).
Gesetz über die allgemeine Freizügigkeit von Uni- Für die Erteilung eines Aufenthaltstitels müssen
onsbürgern (FreizügG/EU), das das bisherige Auf- regelmäßig bestimmte Grundvoraussetzungen er-
enthaltsgesetz/EWG ersetzt. Auch das Asylverfah- füllt sein. In diesem Abschnitt werden die Aufent-
rensrecht wurde durch das Zuwanderungsgesetz haltstitel und diese Grundvoraussetzungen sowie
teilweise geändert. Versagungsgründe erläutert.

Visum 2.1. Aufenthaltstitel und Aufenthaltszwecke


§ 6 AufenthG Das Aufenthaltsgesetz und das Asylverfahrensge-
setz (AsylVfG) kennen folgende Genehmigungen
des Aufenthaltes in Deutschland:2
Aufenthaltserlaubnis
§ 7 AufenthG

Niederlassungserlaubnis
§ 9 AufenthG
Aufenthalt

Daueraufenthalt-EG
§ 9 a-c AufenthG

Aufenthaltsgestattung 1
Länderliste gemäß Anhang II der EG-Rats-Verordnung Nr.
§ 55 AsylVfG 539/2001
2
Näheres zu den Begriffsbestimmungen und den unterschied-
lichen Arten des Aufenthalts vgl. DRK-Broschüre „Aufenthalt
aus humanitären Gründen, Erläuterungen zum Zuwanderungs-
Duldung gesetz“; kostenlos erhältlich beim DRK-Generalsekretariat,
§ 60 AufenthG Team 44, Carstennstraße 58, 12205 Berlin, Telefon 030/85404-
122, Fax: 030/85404-451, E-Mail: walkerh@drk.de
8 DRK-Suchdienst

• Das Visum existiert in der Form des Schengen- • Besondere Aufenthaltsrechte: Recht auf Wie-
Visums für die Durchreise oder für kurzfristige derkehr, ehemalige Deutsche, Aufenthalts-
Aufenthalte von bis zu drei Monaten. Für län- erlaubnis für in anderen Mitgliedstaaten der
gerfristige Aufenthalte ist ein nationales Visum Europäischen Union langfristig Aufenthaltsbe-
für Deutschland erforderlich, das bei der deut- rechtigte (§§ 37,38, 38 a AufenthG).
schen Auslandsvertretung im Heimatland bean-
Unionsbürger5 bedürfen keiner Aufenthaltser-
tragt werden kann.
laubnis. Ihr Aufenthaltsrecht sowie das Aufent-
• Die befristete Aufenthaltserlaubnis wird zu be- haltsrecht ihrer Familienangehörigen, die selbst
stimmten Aufenthaltszwecken erteilt. So be- keine Unionsbürger sind (sog. „Drittstaatsangehö-
rechtigt nicht jede Aufenthaltserlaubnis zum rige“), ist im Gesetz über die allgemeine Freizü-
Familiennachzug. gigkeit von Unionsbürgern (Freizügigkeitsgesetz/
EU- FreizügG/EU) geregelt.
• Die (unbefristete) Niederlassungserlaubnis löst
die unbefristete Aufenthaltserlaubnis und die Unionsbürger sind unter den Voraussetzungen
Aufenthaltsberechtigung nach dem alten AuslG des § 2 FreizügG/EU freizügigkeitsberechtigt und
ab. Sie schließt das Recht zu arbeiten ein. erhalten hierüber von Amts wegen gebührenfrei
unverzüglich eine Bescheinigung. Je nach Bun-
• Der Daueraufenthalt-EG wurde im Zuge der
desland ist hierfür die Ausländerbehörde oder die
Umsetzung der EU-Richtlinie zum Daueraufent-
Meldestelle zuständig. Nach fünf Jahren rechtmä-
halt (RL 2003/109/EG vom 25.11.2003) in das
ßigen Aufenthalts im Bundesgebiet haben Unions-
Aufenthaltsgesetz eingefügt. Dabei stellt der
bürger ein Daueraufenthaltsrecht. Auch darüber
Daueraufenthalt-EG wie die Niederlassungser-
erhalten sie auf Antrag eine Bescheinigung.
laubnis ein unbefristetes Daueraufenthaltsrecht
dar. Er berechtigt ebenfalls zur Erwerbstätigkeit Drittstaatsangehörige Familienangehörige von
und kann in bestimmten Fällen mit Nebenbe- Unionsbürgern sind - bei Erfüllung der Voraus-
stimmungen versehen werden. setzungen gemäß § 3 FreizügG/EU - gleichfalls
freizügigkeitsberechtigt und erhalten über dieses
• Die Aufenthaltsgestattung für den Aufenthalt
Recht eine Aufenthaltskarte (§ 5 Abs. 2 FreizügG/
von Asylbewerbern während des Asylverfah-
EU).
rens existiert weiterhin.
Für die Verlängerung des Aufenthaltes von tür-
• Die Duldung ist kein Aufenthaltstitel, sondern
kischen Staatsangehörigen6 gelten gegenüber
stellt lediglich eine Bescheinigung über die
dem AufenthG Besonderheiten (siehe 4.6.6). Die
Aussetzung der Abschiebung dar. Der Dul-
(Erst-)Einreise und der Familiennachzug richten
dungsinhaber ist zur Ausreise aus Deutsch-
sich aber nach dem AufenthG.
land verpflichtet und hält sich „rechtswidrig“ in
Deutschland auf.
2.2. Allgemeine Erteilungsvoraussetzungen
Die Aufenthaltstitel nach dem AufenthG werden
für Aufenthaltstitel
nur zu bestimmten Aufenthaltszwecken erteilt:
2.2.1. Passpflicht, § 3 AufenthG
• Aufenthalt zum Zweck der Ausbildung
(§§ 16, 17 AufenthG), Jeder Ausländer ist nach § 3 AufenthG verpflichtet,
einen gültigen und anerkannten Pass oder Passer-
• Aufenthalt zum Zweck der Erwerbstätigkeit
satz zu besitzen. Die Nichterfüllung der Passpflicht
(§§ 18 – 21 AufenthG),
führt in der Regel dazu, dass kein Aufenthaltstitel
• Aufenthalt aus völkerrechtlichen, erteilt werden kann, auch wenn alle sonstigen Vor-
humanitären oder politischen Gründen aussetzungen für die Erteilung vorliegen (§ 5 Abs.
(§§ 22 – 26 AufenthG),3 1 Nr. 4 AufenthG). Bei bestimmten Aufenthaltstiteln
gibt es jedoch Ausnahmen von der Passpflicht,
• Aufenthalt aus familiären Gründen (§§ 27 –
welche in § 5 Abs. 3 AufenthG genannt werden.
36 AufenthG),4

3
Vgl. DRK-Broschüre „Aufenthalt aus humanitären Gründen“
Fußnote 2
4
Auf den „familiären Aufenthalt“ wird später ausführlich ein-
gegangen; die Regelungen für andere Aufenthaltszwecke 5
Einzelheiten siehe Abschnitt 3.3. (Seite 23)
werden in dieser Broschüre nicht vertieft. 6
Einzelheiten siehe Abschnitt 3.5. (Seite 39)
Familienzusammenführung 9

Unionsbürger benötigen keinen Pass, sind aber keinen Anspruch auf die Zahlung öffentlicher Mit-
nach § 8 FreizügG/EU iVm § 3 Abs. 1, Abs. 3 Au- tel zur Sicherung seines Lebensunterhaltes, d.h.
fenthV ausweispflichtig. auf Leistungen nach SGB II oder SGB XII haben
wird. Unbeachtlich für die Frage der Lebensun-
Passlose Ausländer, die einen Nationalpass
terhaltssicherung ist hingegen, ob der Ausländer
nicht oder nur unter unzumutbaren Bedingungen
öffentliche Mittel, die ihm zustehen, tatsächlich in
erhalten können, erfüllen ihre Passpflicht mit einer
Anspruch nimmt oder darauf verzichtet.7
Bescheinigung der Ausländerbehörde über einen
Aufenthaltstitel oder die Aussetzung der Abschie- Das Gesetz bestimmt nicht näher, wie viel Ein-
bung, wenn diese Bescheinigung mit den Angaben kommen ein Ausländer haben muss, um von einem
zur Person und einem Lichtbild versehen und als gesicherten Lebensunterhalt ausgehen zu können.
Ausweisersatz bezeichnet ist (§ 48 Abs. 2 Au- In der Rechtsprechung8 und der ausländerbehörd-
fenthG). Für Auslandsreisen kann auch gemäß lichen Praxis wird überwiegend darauf abgestellt,
§§ 5 -11 AufenthV ein deutscher Reiseausweis wie viel Geld ein Ausländer von der Arbeitsagen-
ausgestellt werden. Dies kann bei einer Familien- tur erhalten würde, wenn er sich arbeitslos meldet.
zusammenführung mit Zustimmung des Bundes- Für den „ausländerrechtlichen Bedarf“ zur Siche-
innenministeriums auch die deutsche Botschaft, rung des Lebensunterhaltes ist daher als Aus-
wenn es nicht möglich ist, von den Heimatbehör- gangspunkt der Regelsatz gem. SGB II zuzüg-
den einen gültigen Pass zu erhalten. Das Interna- lich der tatsächlich gezahlten Brutto-Warm-Miete
tionale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) kann in zu Grunde zu legen (Faustformel: „Regelsatz +
solchen Fällen auch ein travel document zur ein- Miete“)9.
maligen Einreise ausstellen.
Es gelten folgende Regelsätze nach dem SGB II/
Ist ein Ausländer nachweislich staatenlos, ist XII (Stand Juli 2008):
ihm ein Reisedokument nach Artikel 28 des Über-
einkommens über die Rechte der Staatenlosen Alleinstehende: 351,00 €
auszustellen, wenn er sich rechtmäßig im Bundes- Ehegatten: 632,00 €
gebiet aufhält, das heißt im Besitz eines Aufent- Haushaltsangehörige (sofern nicht
haltstitels ist. Bei lediglich geduldeten Staatenlo- Ehegatten oder Lebenspartner)
sen steht es im Ermessen der Ausländerbehörde, • bis zur Vollendung des
ob ein Staatenlosenausweis ausgestellt wird. Die 14. Lebensjahres: 211,00 €
Ausländerbehörden stellen äußerst ungern solche • ab Vollendung des
Staatenlosenpässe aus. Es werden hohe Anfor- 14. Lebensjahres: 28,00 €
derungen an den Nachweis der Staatenlosigkeit
gestellt.
Anerkannte Konventionsflüchtlinge (§ 60 Beispielrechnung:
Abs. 1 AufenthG) und Asylberechtigte (Art. 16a Berechnung ausländerrechtlicher Bedarf
GG) erhalten einen Reiseausweis nach Art. 28 der Die hier lebende Ehefrau möchte ihren Mann und
Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 über die das 15 Jahre alte Kind nachziehen lassen. Die Brut-
Rechtsstellung der Flüchtlinge (GFK). to-Warm-Miete beträgt 525 €:

Regelsatz Ehegatten 632,00 €


2.2.2. Sicherung des Lebensunterhalts,
Regelsatz Kind 281,00 €
§ 5 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG
Miete 525,00 €
Die Erteilung eines Aufenthaltstitels setzt in der
Regel voraus, dass der Lebensunterhalt für den
„ausländerrechtlicher Bedarf“ 1.438,00 €
hier lebenden Ausländer und für seine nachzugs-
willigen Familienangehörigen gesichert ist. Ge-
mäß § 2 Abs. 3 AufenthG ist dies dann der Fall,
wenn der Lebensunterhalt einschließlich ausrei- 7
OVG Berlin, Urteil vom 24.09.02 – 8 B 3.02; OVG NRW,
chenden Krankenversicherungsschutzes ohne Beschluss vom 14.08.06 – 18 B 1392/06
Inanspruchnahme öffentlicher Mittel bestritten 8
Beispiel: OVG Berlin, Beschluss vom 10.3.05, 2 M 70.04,
in: InfAuslR 2005, 254-255
werden kann. Davon ist dann auszugehen, wenn 9
Die sozialrechtlichen Mietobergrenzen sind unbeachtlich.
die Prognose gerechtfertigt ist, dass ein Auslän- Ein Ausländer darf auch eine Wohnung haben, die „zu
der während seines Aufenthaltes im Bundesgebiet teuer“ ist, wenn er sie denn bezahlen kann.
10 DRK-Suchdienst

Dem auf diese Weise errechneten Bedarf ist das Damit wäre im Beispielfall der Lebensunterhalt
zur Verfügung stehende Nettoeinkommen gegen- gemäß der obigen Faustformel: „Regelsatz plus
über zu stellen. Dieses ist den Lohn- bzw. Gehalts- Miete“ gesichert.
abrechnungen zu entnehmen. Bei der Höhe des
Neuberechnung erforderlich aufgrund Recht-
Nettoeinkommens ist zu Gunsten des Ausländers
sprechung des Bundesverwaltungsgerichtes!
zu berücksichtigen, in welcher Höhe Steuern auf
das Einkommen zu entrichten sind, wenn der Fa- Mit Urteil vom 26.8.200813 hat das Bundesver-
miliennachzug abgeschlossen ist und die famili- waltungsgericht die Berechnung des „verfüg-
äre Lebensgemeinschaft im Bundesgebiet lebt.10 baren Einkommens“ wesentlich verschärft.
Dies erhöht wegen der Privilegierung von Ehe Nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerich-
und Familie im Grundgesetz das verfügbare Netto tes ist das „verfügbare Einkommen“ fiktiv um
erheblich. Im Internet finden sich viele kostenlose die Freibeträge nach SGB II zu mindern.
Berechnungsprogramme, mit denen das Nettoein-
Nach §§ 11 Abs. 2, 30 SGB II darf ein erwerbstä-
kommen bei unterschiedlichen Steuerklassen11
tiger Bezieher von Leistungen nach SGB II einen
berechnet werden kann (Dazu gehört z.B. www.
Teil seiner Einkünfte behalten, ohne dass ihm die-
nettolohn.de).
se von seinem Leistungsanspruch gegenüber der
Gem. § 2 Abs. 3 AufenthG zählt das Kindergeld, Arbeitsagentur abgezogen werden. Diese sozial-
der Kinderzuschlag und das Elterngeld als eige- rechtliche Regelung soll für Geringverdiener ein
nes Einkommen. Dies gilt auch für das auf eigene Anreiz sein, die Tätigkeit beizubehalten.
Beiträge beruhende Arbeitslosengeld I sowie für
Anders als einige Oberverwaltungsgerichte14
sonstige öffentliche Mittel, die auf Beitragsleistun-
meint das Bundesverwaltungsgericht, dass der ar-
gen beruhen, z.B. Krankengeld oder Rente. Auch
beits- und sozialpolitische Zweck der Freibetrags-
insoweit ist zu Gunsten des Ausländers bereits
regelungen der Berücksichtigung im Aufenthalts-
vorab zu berücksichtigen, ob nach abgeschlosse-
recht nicht entgegenstehe, selbst wenn sich dies
nem Familiennachzug Kindergeld oder Elterngeld
zu Lasten des betroffenen Ausländers auswirkt.
beansprucht werden kann. Unterhaltsvorschuss
Diese Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
nach dem Unterhaltsvorschussgesetz - für Kinder
gerichtes führt dazu, dass der Lebensunterhalt
aus früheren Beziehungen - wird von der Recht-
erst dann als gesichert anzusehen ist, wenn soviel
sprechung gleichfalls als eigenes Einkommen ge-
Einkommen vorhanden ist, dass überhaupt kein
wertet.12
Anspruch gegenüber der Arbeitsagentur mehr be-
Beispielrechnung: steht.
Berechnung verfügbares Einkommen
Bei der Berechnung des „verfügbaren Einkom-
Die Ehefrau aus umseitigem Beispiel verdient zur- mens“ sind daher gem. § 11 Abs. 2 iVm § 30 Abs.
zeit 1.650,00 € brutto bei einem Krankenversiche- 2 SGB II zusätzlich folgende „Freibeträge“ vom
rungssatz von 14%: Einkommen abzuziehen:

Brutto 1.650,00 € • Grundfreibetrag von 100,- Euro,


Netto zur Zeit, Klasse I 1.134,24 € • 20% des Bruttoeinkommens zwischen 101 €
und 800 €,
Netto nach Zuzug Ehemann,
Klasse III 1.312,18 € • 10% des Bruttoeinkommens zwischen 801 €
Kindergeld nach Zuzug Kind 154,00 € und 1.200 € (bzw. 1.500 €, wenn der Erwerbs-
tätige ein minderjähriges Kind hat).
„verfügbares Einkommen“ 1.466,18 € Beispielfall: Für das in der linken Spalte skiz-
zierte Beispiel ergeben sich daraus folgende
Auswirkungen:

10
OVG Berlin, Urteil vom 24.09.2002 - OVG 8 B 3.02, in:
InfAuslR 2003, 138-14
11
Bei Verheirateten wechselt der Alleinverdiener nach dem
Zuzug des Ehepartners aus dem Ausland von der Klasse I
in die Klasse III. 13
1 C 32.07, Pressemitteilung auf www.bverwg.de
12
VG Berlin, Beschluss vom 2.6.08, VG 15 V 29.07, bei 14
z.B. HessVGH, Beschluss vom 14.3.06, 9 TG 512/06, in:
www.asyl.net ZAR 2006, 145-147
Familienzusammenführung 11

Brutto 1.650,00 € Für den Familiennachzug hebt das Gesetz in


§ 2 Abs. 3 S. 3 AufenthG gesondert hervor, dass
Netto zur Zeit, Klasse I (1.138,37 €) Beiträge der nachziehenden Familienangehöri-
Netto nach Zuzug gen zum Haushaltseinkommen bei der Frage der
Ehemann, Klasse III 1.312,18 € Sicherung des Lebensunterhaltes berücksichtigt
minus werden. Damit ist beim Familiennachzug auch ein
Grundfreibetrag - 100,00 € mutmaßliches künftiges Einkommen des nach-
ziehenden Familienangehörigen mit zu berück-
minus 20%
sichtigen.
von 101 - 800 € - 139,80 €
minus 10% Im Beispielsfall könnten die Eheleute daher ver-
von 801 - 1.500 € - 139,80 € suchen, bereits jetzt für den Ehemann eine Ar-
beitsplatzzusage für den Fall der Einreise zu be-
Fiktives Netto unter Berück-
kommen. Das Einkommen aus dieser künftigen
sichtigung der Freibeträge 932,58 €
Erwerbstätigkeit des Ehemannes wäre dann be-
Kindergeld nach Zuzug Kind 154,00 € reits im Visumverfahren anzurechnen.
Fiktiv „verfügbares Einkommen“ 1.086,58 €
Beim Nachweis der Sicherung des Lebensunter-
Damit unterschreitet im Beispielfall das fiktiv zur haltes durch Selbständige ist es regelmäßig er-
Verfügung stehende Einkommen den „ausländer- forderlich, über einen Steuerberater eine Bilanz
rechtlichen Bedarf um 340,42 €. Die Sicherung bzw. eine Einnahme-Überschussrechnung vorzu-
des Lebensunterhaltes ist daher nicht gegeben. legen, je nach Unternehmensform. Daraus lässt
Ein Familiennachzug scheidet aus. Die Ehefrau sich dann der Gewinn aus der selbständigen Tä-
müsste sich bemühen, eine Gehaltserhöhung tigkeit ableiten.
um mehr als 20% zu erhalten oder sie müss- Hilfreich sind auch die Einkommensteuerbeschei-
te einen entsprechenden Zweitjob annehmen! de des Finanzamtes aus den zurückliegenden
Sind in einer Familie zwei oder mehr Verdiener Jahren. Bezüglich der Krankenversicherung ist
vorhanden, die den Lebensunterhalt sicherstellen, zu beachten, dass Selbständige regelmäßig pri-
sind die Freibeträge gesondert für jeden Verdiener vat krankenversichert sind. Für die Familienan-
zu berechnen. Dadurch reduziert sich das fiktiv zur gehörigen ist dann ein eigener Krankenversiche-
Verfügung stehende anrechenbare Einkommen rungsvertrag erforderlich. Die Kosten hierfür sind
noch weiter. zusätzlich als einkommensmindernde Ausgaben
zu berücksichtigen. Ein Angebot für eine private
Die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge- Krankenversicherung für die Familienangehöri-
richtes führt dazu, dass im Visumverfahren we- gen kann der bisherige Krankenversicherer oder
sentlich höhere Einkommen verlangt werden als ein Versicherungsmakler unterbreiten. Nicht aus-
früher. Für viele Klein- und Mittelverdiener wird ein reichend sind für die Familienangehörigen bloße
Familiennachzug dadurch ausgeschlossen. Reisekrankenversicherungen, da diese nicht für
Ist bereits einmal eine Aufenthaltserlaubnis bzw. einen Daueraufenthalt absichern.
ein Einreisevisum erteilt worden und geht es im
Die Sicherung des Lebensunterhaltes kann
Verlängerungsverfahren erneut um die Frage,
auch durch Dritte - Verwandte oder Bekannte
ob der Lebensunterhalt gesichert ist, so kann im
- erfolgen. Hierfür verlangen die Ausländerbehör-
Wege des Ermessens bei verschlechterten Ein-
den und Botschaften die Vorlage einer schriftlichen
kommensverhältnissen sowohl beim Ehegatten-
Verpflichtungserklärung gem. § 68 AufenthG.
nachzug (§ 30 Abs. 3 AufenthG) als auch bei hu-
Eine solche Erklärung hat zur Folge, dass der sich
manitären Aufenthaltstiteln gem. § 25 Abs. 4 und
Verpflichtende sämtliche öffentlichen Mittel erstat-
5, 23, 23a auf die vollständige Sicherung des Le-
ten muss, die für den Lebensunterhalt des Auslän-
bensunterhaltes verzichtet werden (§ 5 Abs. 3 S.
ders einschließlich der Versorgung mit Wohnraum
2 AufenthG).15 Beim Kindernachzug ist dies sogar
und der Versorgung im Krankheitsfalle und bei
zwingend (§ 34 Abs. 1 AufenthG).
Pflegebedürftigkeit von öffentlichen Stellen auf-
gewendet werden (außer die Leistungen beruhen
auf Beiträgen des Ausländers, wie z.B. AlG I oder
Rente). Aus einer Verpflichtungserklärung gem.
15
Siehe hierzu VAB 2005, 2.3.1.4 § 68 AufenthG kann die Zwangsvollstreckung be-
12 DRK-Suchdienst

trieben werden. Eine solche Verpflichtungserklä- nisterium des Landes Nordrhein-Westfalen aner-
rung hat daher weit reichende Folgen. Hierüber kannt.16
muss sich der Verpflichtende im Klaren sein.
Es kann versucht werden, dieses Verfahren zur
Als Nachweis für die Sicherung des Lebensunter- Identitätsklärung auch im ausländerrechtlichen
haltes wird eine solche Verpflichtungserklärung in Verfahren anzuwenden. Mit dieser Vorgehenswei-
der behördlichen Praxis regelmäßig nur dann ak- se kann dann auch die Unmöglichkeit bzw. Unzu-
zeptiert, wenn der sich Verpflichtende selbst über mutbarkeit der Passbeschaffung belegt werden
ein ausreichendes Einkommen oder Vermögen (vgl. oben 2.2.1.). In bestimmten Fällen kann auch
verfügt (Bonitätsprüfung). Die Ausländerbehör- der DRK-Suchdienst „Internationale Suche und
den beurteilen dies häufig anhand der Pfändungs- Familiennachrichten“ Betroffene bei der Beschaf-
freigrenzen der Zivilprozessordnung. Die Bonität fung von Identitätspapieren unterstützen, wenn
ist dann gegeben, wenn der sich Verpflichtende diese das wünschen.
über ein Netto-Monatseinkommen verfügt, das
Probleme bereitet in der Praxis die Anerkennung
eine Pfändung in Höhe des „ausländerrechtlichen
der Echtheit von Personenstandsurkunden, insbe-
Bedarfes“ (siehe oben), der für den Ausländer be-
sondere aus afrikanischen Ländern. Nach § 13 des
steht, zuließe.
Konsulargesetzes sind die deutschen Konsularbe-
amten befugt, ausländische öffentliche Urkunden
2.2.3. Identitätsklärung, zu legalisieren. Dabei bestätigt die Legalisation
§ 5 Abs. 1 Nr. 1a AufenthG die Echtheit der Unterschrift, der Eigenschaft, in
welcher der Unterzeichner der Urkunde gehandelt
Nach § 5 Abs. 1 Nr. 1a AufenthG gehört es zu den
hat, und ebenfalls die Echtheit des Siegels, mit
allgemeinen Erteilungsvoraussetzungen, dass die
dem die Urkunde versehen ist. Die deutschen Bot-
Identität des Ausländers geklärt sein muss. Ist
schaften sind zwischenzeitlich dazu übergegan-
er nicht zur Rückkehr in einen Staat berechtigt,
gen, die formelle Legalisation in Bezug auf eine
muss auch die Staatsangehörigkeit geklärt sein.
Reihe von Staaten zu verweigern.
Identität und Staatsangehörigkeit sind im Regel-
fall durch die Vorlage eines gültigen Passes oder Stattdessen wird verlangt, dass die Urkunden von
Passersatzes nachgewiesen. Sofern ein solches sogenannten „Vertrauensanwälten“ der Botschaft
Dokument nicht vorliegt, sind die Identität und auf Echtheit überprüft werden Die Kosten dieser
Staatsangehörigkeit durch andere geeignete Mit- „Vertrauensanwälte“ gehen zu Lasten des Auslän-
tel nachzuweisen (wie beispielsweise Geburtsur- ders.17
kunde, abgelaufener Pass, Führerschein, andere
amtliche Dokumente). 2.2.4. Kein Ausweisungsgrund,
Sofern die Beschaffung von Urkunden zum Nach- § 5 Abs.1 Nr. 2 AufenthG
weis der Identität Schwierigkeiten bereitet, kann im Die Erteilung eines Aufenthaltstitels ist ferner
Einzelfall auch eine eidesstattliche Versicherung regelmäßig ausgeschlossen, wenn ein Auswei-
des Betroffenen über seine Identität genügen. sungsgrund vorliegt. Die Ausweisungstatbestände
Hierzu ist es aber in jedem Fall erforderlich, dass („Gründe“) sind in den §§ 53 bis 56 AufenthG auf-
der Betroffene zuvor vergeblich alle zumutbaren geführt. Eine Ausweisung hat zur Folge, dass ein
Schritte unternommen hat, um die Urkunden zu Ausländer sein bestehendes Aufenthaltsrecht ver-
beschaffen. Es ist zumindest ein Anforderungs- liert und grundsätzlich lebenslang auch nicht mehr
schreiben per Einschreiben mit Rückschein an die nach Deutschland einreisen darf (§ 11 Abs.1 S.1
zuständigen Stellen des jeweiligen Landes zu rich- AufenthG). Die Ausweisung bezweckt damit den
ten und drei Monate auf Antwort zu warten. Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung.
Wenn dann die jeweils zuständigen Stellen der
Aufforderung zur Ausstellung eines Passes oder
einer Geburtsurkunde nicht nachgekommen sind,
kann eine (notarielle) Versicherung an Eides Statt 16
Schreiben des Justizministeriums des Landes Nordrhein-
über die Identität abgegeben und der Ausländer- Westfalen vom 18.11.2003 an den Flüchtlingsrat NRW e.V.
behörde bzw. Botschaft vorgelegt werden. Diese
15
Vgl. „Eheschließung im Ausland“ in: Das Standesamt Nr.
1/2005, S. 3: Die Kosten trägt der Beteiligte, der sich auf
Vorgehensweise ist im Zusammenhang mit dem Echtheit und inhaltliche Richtigkeit der zweifelhaften Urkun-
Erfordernis der Vorlage eines Ehefähigkeitszeug- de beruft. Ohne einen entsprechenden Vorschuss wird das
nisses im Zuge der Eheschließung vom Justizmi- Verfahren nicht fortgesetzt.
Familienzusammenführung 13

Ausreise aufgefordert, um vom Ausland aus bei


der Deutschen Botschaft einen neuen Visumsan-
trag zu stellen, diesmal zum „richtigen“ Zweck.
Von dieser Voraussetzung - Einreise mit dem „rich-
tigen“ Visum - kann im Wege des Ermessens nach
§ 5 Abs. 2 Satz 2, 1. Halbsatz AufenthG abgese-
hen werden, wenn
• der Ausländer einen Anspruch auf Erteilung einer
Aufenthaltserlaubnis nach dem AufenthG hat
• oder es auf Grund besonderer Umstände des
Einzelfalls nicht zumutbar ist, das vorgeschrie-
bene Visumverfahren nachzuholen.

Der Ausländerbehörde ist also ein Ermessen im


Hinblick auf das Nachholen des Visumverfahrens
eröffnet. Bei dieser Entscheidung hat die Auslän-
Glücklich: Sie lebt jetzt bei ihrer Familie in Deutschland. derbehörde die Interessen der Bundesrepublik
Deutschland an der Beibehaltung des formellen
Die Erteilung eines Aufenthaltstitels ist bereits Visumverfahrens gegen die persönlichen Inter-
dann ausgeschlossen, wenn lediglich ein Auswei- essen des Ausländers abzuwägen. Persönliche
sungsgrund vorliegt. Es kommt nicht darauf an, Interessen in diesem Zusammenhang sind zum
ob tatsächlich eine Ausweisung erfolgt. Der Be- Beispiel der Preis des Flugtickets sowie der ge-
zug von Sozialhilfe ist beispielsweise ein Auswei- samten Reise, wenn diese außer Verhältnis zur
sungsgrund (§ 55 Abs. 2 Nr. 6 AufenthG), der aber Durchführung des formellen Visumverfahrens ste-
nicht unbedingt zur Ausweisung führen muss. hen. Auch die längere Trennung eines Ausländers
Insbesondere Straftaten stellen gem. § 55 Abs. 2 speziell von einem sehr kleinen Kind rechtfertigt
Nr. 2 AufenthG einen Ausweisungsgrund dar. In es, von der Einhaltung des Visumverfahrens ab-
der ausländerbehördlichen Praxis bleiben gering- zusehen. Anderenfalls käme es zu einer unzumut-
fügige Straftaten unberücksichtigt, sofern diese bar langen Trennung des ausländischen Eltern-
nur zu einer Verurteilung bis zu 30 Tagessätzen teils von seinem Kind. Auch eine Erkrankung des
Geldstrafe geführt haben oder das Verfahren ge- Ausländers stellt ein privates Interesse im Sinne
gen Geldbuße von nicht mehr als 500 Euro wegen dieser Vorschrift dar, insbesondere wenn Eheleute
Geringfügigkeit eingestellt worden ist; gleiches gilt wegen der Erkrankung auf den gegenseitigen Bei-
für Ordnungswidrigkeiten, die mit einem Bußgeld stand angewiesen sind.
von nicht mehr als 500 Euro geahndet wurden. Darüber hinaus erlaubt es § 39 AufenthV, einen
Als nicht nur vereinzelt wird die Straftat oder der Aufenthaltstitel im Bundesgebiet einzuholen oder
Verstoß immer dann betrachtet, wenn öfter als ein- zu verlängern, wenn der Ausländer
mal gegen dieselbe Vorschrift bzw. gegen diesel- • bereits ein nationales Visum im Sinne des
be Auflage verstoßen wurde. § 6 Abs. 4 AufenthG oder er schon eine Aufent-
haltserlaubnis besitzt (§ 39 Nr. 1 AufenthV);
2.2.5. Einreise mit erforderlichem • vom Erfordernis des Aufenthaltstitels befreit ist
Visum, § 5 Abs. 2 AufenthG und die Befreiung nicht auf einen Teil des Bun-
§ 5 Abs. 2 AufenthG enthält den ausländerrechtli- desgebiets beschränkt oder auf einen Aufent-
chen Grundsatz, dass ein Aufenthaltstitel im Inland halt bis längstens sechs Monate beschränkt ist
nur dann erteilt werden darf, wenn bereits die Ein- (§ 39 Nr. 2 AufenthV);
reise nach Deutschland mit einem Visum zu dem • Staatsangehöriger eines im Anhang II der
beabsichtigten Aufenthaltszweck erfolgt ist. Bei Verordnung (EG) Nr. 539/2001 aufgeführten
Einreise mit dem „falschem“ Visum - z.B. Touris- Staates18 ist und sich rechtmäßig im Bundes-
tenvisum statt Visum zum Familiennachzug - wird-
die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis allein aus 18
Vgl. Länderliste gemäß Anhang II der EG-Rats-Verordnung
diesem Grunde abgelehnt und der Ausländer zur Nr. 539/2001
14 DRK-Suchdienst

gebiet aufhält (§ 39 Nr. 3 AufenthV); 2.3. Versagungsgründe


• ein gültiges Schengen-Visum für kurzfristige 2.3.1. Sicherheitsgefährdendes Handeln,
Aufenthalte (§ 6 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG) besitzt, § 5 Abs. 4 AufenthG
sofern die Voraussetzungen eines Anspruchs Sofern ein Ausweisungsgrund nach § 54 Nr. 5
auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach der AufenthG (Mitgliedschaft in oder Unterstützung
Einreise entstanden sind (§ 39 Nr. 3 AufenthV); einer terroristischen Vereinigung) oder nach § 54
• eine Aufenthaltsgestattung nach dem Asylver- Nr. 5a AufenthG (Gefährdung der freiheitlich de-
fahrensgesetz besitzt und die Voraussetzungen mokratischen Grundordnung oder der Sicherheit
des § 10 Abs. 1 oder 2 AufenthG (insbesondere der Bundesrepublik Deutschland usw.) vorliegt,
Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaub- darf eine Aufenthaltserlaubnis nicht erteilt wer-
nis) vorliegen (§ 39 Nr. 4 AufenthV); den. Wenn der Ausländer diese Umstände von
selbst offenbart und glaubhaft von seinem sicher-
• seine Abschiebung nach § 60 a AufenthG aus- heitsgefährdenden Handeln Abstand nimmt, kann
gesetzt ist (Duldung) und er auf Grund einer eine Ausnahme gemacht werden (§ 5 Abs. 4 S. 2
Eheschließung oder der Geburt eines Kindes AufenthG).
während seines Aufenthalts im Bundesgebiet
einen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthalts- Gemäß § 73 AufenthG können die im Visumver-
erlaubnis erworben hat (§ 39 Nr. 5 AufenthV) fahren von der deutschen Auslandsvertretung er-
hobenen Daten der den Visumantrag stellenden
• oder er einen von einem anderen Schengen- Person und des Einladenden über das Auswärtige
staat ausgestellten Aufenthaltstitel besitzt und Amt zur Feststellung dieser Versagungsgründe an
aufgrund dieses Aufenthaltstitels berechtigt den Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für
ist, sich im Bundesgebiet aufzuhalten, sofern Verfassungsschutz, den Militärischen Abschirm-
die Voraussetzungen eines Anspruchs auf dienst, das Bundeskriminalamt und das Zollkrimi-
Erteilung eines Aufenthaltstitels erfüllt sind. nalamt übermittelt werden. Ab dem 1. Januar 2009
gilt dieses Übermittlungsrecht auch bezüglich der
§ 39 Nr. 3 AufenthV - Einreise mit einem Schen- Daten derjenigen Personen, die durch Abgabe ei-
genvisum - kann dazu verleiten, das Visumverfah- ner Verpflichtungserklärung oder in anderer Weise
ren unter Beteiligung der inländischen Ausländer- die Sicherung des Lebensunterhalts garantieren
behörde zu umgehen und dem Ausländer zu einer und zu allen sonstigen Referenzpersonen. Auch
Einreise mit einem Schengen-Visum zu raten. Er- solche Daten, die andere Schengen-Staaten im
folgt dann nach der Einreise die Eheschließung, Visumverfahren erhoben haben, können den deut-
besteht dem Grunde nach ein Anspruch auf Ertei- schen Sicherheitsbehörden übermittelt werden.
lung einer Aufenthaltserlaubnis, sofern die weite-
ren tatbestandlichen Voraussetzungen erfüllt sind Auch die Ausländerbehörde hat gem. § 73 Abs. 2
(§§ 28 oder 30 AufenthG). AufenthG ein Datenübermittlungsrecht an die Si-
cherheitsbehörden. Dieses Recht besteht sowohl
Es ist juristisch umstritten, ob § 39 Abs. 3 AufenthV bei der Erteilung und Verlängerung von Aufent-
die Ausländerbehörde in diesen Fällen verpflichtet, haltstiteln als auch bei der Erteilung und Verlän-
einen Aufenthaltstitel im Inland zu erteilen oder ob gerung von Duldungen und Aufenthaltsgestattun-
die Behörde noch ein Ermessen hat.19 gen.
In der Praxis muss damit gerechnet werden, dass Die beteiligten Sicherheitsbehörden müssen vor-
die Behörden die Vorschrift restriktiv auslegen und handene Erkenntnisse unverzüglich an die Aus-
wegen der aus behördlicher Sicht offensichtlichen landsvertretung bzw. die Ausländerbehörde über-
Umgehung des formellen Visumverfahrens die Er- mitteln. Sie dürfen die gewonnenen Daten aber
teilung eines Aufenthaltstitels verweigern. Dann auch speichern und für eigene Zwecke nutzen
müsste um gerichtlichen Rechtsschutz nachge- (§ 73 Abs. 3 AufenthG).
sucht werden mit - angesichts der umstrittenen
Rechtsfrage - unsicheren Erfolgsaussichten. Durch diese erweiterten Möglichkeiten, von Si-
cherheitsbehörden Informationen über angebliche
Sicherheitsbedenken abzufragen, werden sich die
Bearbeitungszeiten bis zur Erteilung eines Visums
insbesondere bei Ausländern aus sog. „Problem-
19
KEIN Ermessen: OVG NRW, Beschluss vom 21.12.2007,
18 B 1535/07, in: InfAuslR 2008, 129-131 staaten“ erheblich verlängern. Teilen die Sicher-
Familienzusammenführung 15

heitsbehörden mit, dass aus ihrer Sicht Versa- eingetragen ist, sofern vermutet wird, dass es zu
gungsgründe oder sonstige Sicherheitsbedenken einer Abschiebung bzw. Ausweisung gekommen
bestehen, führt dies in der Praxis regelmäßig zur war. Dann sollte gleichzeitig mit der Visumsan-
Versagung des Visums. Ein gerichtlicher Rechts- tragstellung ein Antrag auf nachträgliche Befris-
schutz gegen solche Entscheidungen ist äußerst tung gestellt werden und dieses der aufnehmen-
schwierig. Die Sicherheitsbehörden legen ihre den Ausländerbehörde angezeigt werden. Diese
Quellen, auf die die Sicherheitsbedenken gestützt stellt dann ihre Entscheidung solange zurück, bis
werden, nicht offen. Die Möglichkeiten, sich ge- über den Antrag auf nachträgliche Befristung ent-
gen solche sicherheitsbehördlichen Einschätzun- schieden wurde.
gen zu „verteidigen“, sind daher erheblich einge-
Als Voraussetzung für die nachträgliche Befris-
schränkt, da die betroffenen Ausländer zumeist
tung wird regelmäßig die vorherige Begleichung
überhaupt nicht erfahren, was ihnen konkret vor-
der Abschiebekosten verlangt. Nach § 66 Abs. 1
geworfen wird.
AufenthG ist nämlich der Ausländer verpflichtet,
die Kosten seiner Abschiebung zu tragen. Bei
2.3.2. Wiedereinreiseverbot, Flugabschiebungen mit polizeilicher Begleitung
§ 11 AufenthG / nach längerer Abschiebungshaft können hier
Nachträgliche Befristung schnell Kosten von mehreren Tausend Euro an-
fallen. Bei deutschverheirateten Ausländern sind
In den Fällen, in denen ein Ausländer tatsächlich
allein finanzielle Erwägungen kein hinreichender
abgeschoben oder ausgewiesen wurde, besteht
Grund, einen Befristungsantrag abzulehnen.21 Die
nach § 11 AufenthG ein grundsätzlich lebenslan-
Kosten können vielmehr auch nach der Rückkehr
ges Wiedereinreiseverbot. Bei der Abschiebung
nach Deutschland bezahlt werden, wobei Raten-
ist zu beachten, dass diese tatsächlich vollzogen
zahlungen häufig akzeptiert werden.
wurde. Sofern der Ausländer vor der Abschiebung
noch freiwillig ausreisen kann, kommt es nicht
zum Wiedereinreiseverbot!
2.3.3. Aufenthaltstitel für
Sollte jedoch ein Wiedereinreiseverbot bestehen, (abgelehnte) Asylbewerber,
muss ein Antrag auf nachträgliche Befristung des § 10 AufenthG
Verbots gestellt werden. Grundsätzlich ist die
Bei Asylbewerbern, die während des Asylverfah-
Ausländerbehörde für den Antrag auf nachträgli-
rens oder nach erfolglosem Abschluss wegen
che Befristung zuständig, die den Ausländer zuvor
einer Eheschließung oder der Geburt eines Kin-
ausgewiesen oder abgeschoben hat.
des auf einen familiären Aufenthalt „umsteigen“
Ein Visumantrag zum Zwecke der Familienzusam- wollen, sind immer die besonderen Versagungs-
menführung kann regelmäßig auch als Antrag auf gründe in § 10 AufenthG zu beachten. Liegt ein
nachträgliche Befristung ausgelegt werden,20 so- „gesetzlicher Anspruch“ auf Erteilung eines Au-
fern dieser Antrag noch nicht gestellt worden ist. fenthaltstitels vor, so ist der Umstieg im Regelfall
In diesen Fällen hat dann die aufnehmende Aus- problemlos möglich (§ 10 Abs. 1 und Absatz 3 S.
länderbehörde im Einvernehmen mit der abschie- 3 AufenthG). Hat der (abgelehnte) Asylbewerber
benden bzw. ausweisenden Ausländerbehörde aber Ausweisungsgründe erfüllt22 (z.B. Strafta-
über den Antrag auf nachträgliche Befristung zu ten), so wandelt sich sein Anspruch auf familiären
entscheiden. Aufenthalt in eine Ermessenentscheidung (§ 27
Abs. 3 S. 2 AufenthG). Dann verbietet § 10 Au-
Viele Ausländerbehörden wissen aber von dieser
fenthG die Erteilung des Aufenthaltstitels aus fa-
Vorgehensweise nichts, so dass es vorkommen
miliären Gründen „vor der Ausreise“.
kann, dass ein Antrag auf Familienzusammenfüh-
rung abgelehnt wird, weil noch nicht nachträglich Gleiches gilt bei Asylbewerbern, deren Asylantrag
befristet wurde. Aus diesem Grund sollte zunächst gem. § 30 Abs. 3 AsylVfG als „offensichtlich unbe-
vor Stellung des Antrags auf Familiennachzug gründet“ abgelehnt worden ist. Diese verschärfte
nachgefragt werden, ob ein Wiedereinreiseverbot Möglichkeit der Asylablehnung ist u.a. dann zu-
lässig, wenn der Asylbewerber

20
In diesem Sinne die Vorläufigen Anwendungshinweise des
Bundesministeriums des Innern vom 22.12.04 zum Aufent- 21
VAH BMI 11.1.4.1.1.
haltsgesetz (VAH BMI), 11.1.3.5 22
Vgl. unter 2.2.4.
16 DRK-Suchdienst

Sie wollen bleiben dürfen: Mutter und Kinder in Fürstenwalde.

• im Asylverfahren falsche Angaben über seine 3. Aufenthalt aus familiären Gründen


Identität oder Staatsangehörigkeit gemacht hat, - Familiennachzug
• sein Asylvorbringen in wesentlichen Punkten
3.1. Allgemeine Grundsätze
nicht substantiiert oder in sich widersprüchlich
des F
d Familiennachzugs,
ili h AufenthG
§ 27 A f thG
ist, offenkundig den Tatsachen nicht entspricht
oder auf gefälschte oder verfälschte Beweis- § 27 AufenthG beinhaltet allgemeine Grundsätze,
mittel gestützt wird, die für alle Arten der Familienzusammenführung
• er unter Angabe anderer Personalien einen gelten.
weiteren Asylantrag oder ein weiteres Asylbe- 3.1.1. Familiäre Lebensgemeinschaft
gehren anhängig gemacht hat
• oder er den Asylantrag lediglich deshalb gestellt Die Aufenthaltserlaubnis aus familiären Gründen
hat, um eine drohende Aufenthaltsbeendigung wird zum Schutz von Ehe und Familie im Sinne
abzuwenden. von Art. 6 Grundgesetz (GG) erteilt. Dabei bezieht
sich die familiäre Lebensgemeinschaft lediglich auf
Ob eine solche qualifizierte Ablehnung erfolgt ist, den so genannten „Kernbereich“ der Familie - im
kann dem Bescheid des Bundesamtes entnom- Gegensatz zur Großfamilie oder Sippe insgesamt.
men werden. In der behördlichen Praxis werden Zur besonders geschützten Kernfamilie gehören
die Tatbestände des § 30 Abs. 3 AsylVfG häufig
die Gemeinschaft von Ehegatten sowie von Eltern
auch als Ausweisungstatbestände gewertet. Dann
und ihren minderjährigen unverheirateten Kindern
sperrt § 10 AufenthG gleichfalls die Erteilung der
(auch Adoptiv- und Stiefkindern). Maßgeblich ist
familiären Aufenthaltserlaubnis vor der Ausreise.
zudem, dass die familiäre Lebensgemeinschaft in
einer tatsächlich gelebten Gemeinschaft im Sinne
einer Beistandsgemeinschaft gelebt wird. Indiz
dafür ist grundsätzlich die gemeinsame Wohnung.
Unter bestimmten Voraussetzungen kann eine
Beistandsgemeinschaft aber auch bei getrennten
Wohnungen angenommen werden.
Zum Beispiel dann, wenn ein Elternteil das Sorge-
recht besitzt, aufgrund Trennung oder Scheidung
aber nicht mehr mit den Kindern zusammenleben
Familienzusammenführung 17

kann. Wenn sich dieses Elternteil dennoch inten- 1. feststeht, dass die Ehe oder das Verwandt-
siv um die Kinder kümmert, bleibt die Beistands- schaftsverhältnis ausschließlich zu dem Zweck
gemeinschaft bestehen. Der Nachweis über den geschlossen oder begründet wurde, dem Nach-
Bestand der Beistandsgemeinschaft ist durch den ziehenden die Einreise in das und den Aufent-
Ausländer zu führen. Dies kann durch eidesstattli- halt im Bundesgebiet zu ermöglichen („Schein-
che Versicherungen des anderen Elternteils oder ehe bzw. Scheinverwandtschaft“) oder
durch einen Bericht des Jugendamtes erfolgen.
2. tatsächliche Ansatzpunkte die Annahme be-
Einige Ausländerbehörden geben Fragebögen für
gründen, dass einer der Ehegatten zur Einge-
den anderen Elternteil aus.
hung der Ehe genötigt wurde („Zwangsehe“).
Es gibt leider immer noch die Unsitte, dass einige
Ausländerämter durch Außendienstmitarbeiter die Eine Scheinehe, sei sie auch formal wirksam
familiäre Gemeinschaft überprüfen lassen. Eine geschlossen, berechtigt nicht zum Ehegatten-
Rechtspflicht, Beauftragte der Ausländerbehörde nachzug. Erforderlich ist vielmehr das Vorliegen
oder die Polizei in die eigene Wohnung zu lassen, einer ehelichen Lebensgemeinschaft. Eine ehe-
besteht allerdings nur dann, wenn ein richterlicher liche Lebensgemeinschaft ist nach dem Bundes-
Durchsuchungsbeschluss vorliegt. verwaltungsgericht dann anzunehmen, wenn die
Ehepartner erkennbar in einer dauerhaften, durch
Der Schutzbereich des Art. 6 GG ist durch den enge Verbundenheit und gegenseitigen Beistand
christlichen Gedanken geprägt. Das bedeutet, geprägten Beziehung zusammenleben oder zu-
dass bei einer im Ausland zulässigen Mehrehe sammenleben wollen. Vorausgesetzt ist somit eine
immer nur eine Ehefrau ein Nachzugsrecht zu Verbindung zwischen den Eheleuten, deren Inten-
dem in Deutschland lebenden ausländischen sität über die einer Beziehung zwischen Freunden
Ehemann hat. Dies wurde nun explizit vom Ge- in einer reinen Begegnungsgemeinschaft hinaus-
setzgeber in § 30 Abs. 4 AufenthG geregelt. Die geht.
weiteren Ehefrauen haben dementsprechend kein
Recht auf Familienzusammenführung. Die Kinder Daneben vorliegende Motive bei der Eheschlie-
des in einer Mehrehe lebenden Ausländers ziehen ßung (wie beispielsweise Namensführung, Orts-
nach den Vorschriften über den Kindernachzug zu zuschlag, Steuervorteile, Wohnungsberechtigung
Ausländern nach (§ 32 AufenthG). oder andere) stellen keine missbräuchliche Ehe
im Sinne des § 27 Abs. 1a Nr. 1 AufenthG dar,
wenn dieses Motiv nicht der einzige Grund für die
3.1.2. Lebenspartnerschaftliche Eheschließung ist. Daher ist es auch nicht miss-
Gemeinschaft, § 27 Abs. 2 AufenthG bräuchlich, eine Ehe deshalb zu schließen, damit
Die lebenspartnerschaftliche Gemeinschaft be- der ausländische Ehepartner ein Aufenthaltsrecht
zieht sich nur auf zwei gleichgeschlechtliche Le- bekommt, wenn tatsächlich auch der Wille besteht,
benspartner im Sinne des Lebenspartnerschafts- eine eheliche Lebensgemeinschaft zu führen.
gesetzes („eingetragene Lebenspartnerschaft“). Um Scheinehen schon bei der Antragstellung bei
Eingetragene Lebenspartner sind aufenthalts- der deutschen Botschaft aufzudecken ist es gän-
rechtlich Eheleuten gleichgestellt. Nach ausländi- gige Praxis, dass eine zeitgleiche Befragung der
schem Recht geschlossene gleichgeschlechtliche Eheleute in der Botschaft und bei der Ausländer-
Partnerschaften fallen unter den Begriff der „Le- behörde vorgenommen wird. Inhalt und Umfang
benspartnerschaft“, wenn die Partnerschaft durch der benutzten Fragebögen können hierbei unter-
einen staatlichen Akt anerkannt ist und sie in ih- schiedlich sein. So wird versucht zu überprüfen,
rer Ausgestaltung der deutschen Lebenspartner- wie tiefgreifend die Kenntnisse über die Lebens-
schaft im Wesentlichen entspricht. gewohnheiten des Ehepartners sind. Bei Wider-
sprüchen in der Beantwortung der Fragen wird
3.1.3. Scheinehe / Zwangsehe / sehr schnell davon ausgegangen, dass es sich um
Scheinverwandtschaft eine Scheinehe handelt.
Durch das Richtlinienumsetzungsgesetz ist § 27 In der Beratungspraxis sollte auf eine eventuell
Abs. 1a AufenthG in das Gesetz eingefügt wor- getrennte Befragung der Ehepartner durch die
den. Die neue Vorschrift soll die Scheinehe, die deutsche Botschaft und die Ausländerbehörde hin-
Scheinverwandtschaft und die Zwangsheirat be- gewiesen werden. Insbesondere sollten sich die
kämpfen. Danach wird der Familiennachzug nicht Ehepartner im Vorwege über ihr Kennen lernen,
zugelassen, wenn die Umstände der Eheschließung sowie über die
18 DRK-Suchdienst

Verwandtschaftsver- Form der arrangier-


hältnisse des jeweils ten Eheschließung ist
anderen Ehegatten aufenthaltsrechtlich
übereinstimmend im schutzwürdig.24
Klaren sein. In diesem
Nach der Gesetzes-
Zusammenhang sind
begründung liegt
kulturelle Wertungen
eine Scheinadoption
einzelner Umstände
dann vor, wenn das
zu beachten. Zum
zugrunde liegende
Beispiel werden bei
Verwandtschafts- bzw.
der Eheschließung
Kindschaftsverhält-
nicht in jedem Land
nis keinem anderen
Ringe ausgetauscht.
Zweck dient, als dem
So kann der deut-
Kind zu einem Aufent-
sche Ehegatte den
haltsrecht in Deutsch-
Austausch der Ringe
land zu verhelfen.
gegebenenfalls als
Verlobungshandlung Damit soll Formen des
ansehen, während es „Handelns“ mit Kin-
für den ausländischen dern aus so genann-
Ehegatten lediglich ten Armutsregionen
ein Geschenk sein durch Auslands-ad-
kann. Sofern der aus- optionen entgegen-
ländische Ehegatte gewirkt werden. Eine
auf Befragung durch sog. Scheinadoption
die deutsche Botschaft dann angibt, dass keine liegt nicht vor, wenn das Ziel der Adoption das
Verlobungsringe getauscht wurden, der deutsche Zusammenleben mit der adoptierenden Familie in
Ehegatte dieses aber so verstanden hat, führt das einer Eltern-Kind-Beziehung ist und der Umstand,
unweigerlich zu einer Diskrepanz zwischen den dass die Lebensverhältnisse im Bundesgebiet
Antworten der Ehegatten. günstiger sind als im Herkunftsland, zwar ein Mo-
tiv, aber nicht der ausschließliche Grund der kon-
Von einer Zwangsehe wird gesprochen, wenn kreten Adoption ist.
mindestens einer der zukünftigen Ehepartner
mit Gewalt oder durch Drohung zur Eingehung Auch missbräuchliche Vaterschaftsanerkennun-
der Ehe genötigt wird, wobei dies zumeist auf gen (Scheinvaterschaften) sollen aufenthalts-
familiärem Druck zurückgeht.23 Zur Bekämpfung rechtlich nicht begünstigt werden. Genaueres
der Zwangsehe soll auch die Heraufsetzung des dazu enthalten die Ausführungen zum neuen Va-
Nachzugsalters von Ehegatten auf die Vollendung terschaftsanfechtungsgesetz in Kapitel 4.3..
des 18. Lebensjahres nach § 30 Abs. 1 Nr. 1 Au- Ein Ausländer hat einen Anspruch auf Erteilung ei-
fenthG für beide Ehegatten dienen. ner Aufenthaltserlaubnis, wenn er entweder
Keine Zwangsehe liegt im Fall so genannter ar- • Ehegatte eines Deutschen (§ 28 Abs. 1 Satz 1
rangierter Ehen vor, welche als traditionelle sozi- Nr. 1 AufenthG),
ale Form von Eheschließungen in verschiedenen
Herkunftsländern vorkommen. Bei diesen ist in • das minderjährige ledige Kind eines Deut-
Abgrenzung von der Zwangsehe wesentlich, dass schen (§ 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AufenthG)
trotz der vorherigen familiären Absprachen und • oder der Elternteil eines minderjährigen
meist nur kurzer vorheriger Begegnung der Ver- ledigen deutschen Kindes ist, für welches er
lobten (oft im Beisein der Familie) die Betroffenen die Personensorge zumindest zum Teil ausübt
den empfohlenen Ehegatten letztlich auch „ableh- (§ 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 AufenthG) und der
nen“ können, das heißt: Es wird eine freiwillige Deutsche seinen gewöhnlichen Aufenthalt im
Entscheidung zur Eheschließung getroffen. Diese Bundesgebiet hat.
23
Vgl. BMFSFJ in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Insti-
tut für Menschenrechte: Zwangsverheiratung in Deutsch- 24
BMI, Hinweise zum Richtlinienumsetzungsgesetz,
land, Nomos Verlag 2007 18.12.2007, Rn. 180
Familienzusammenführung 19

3.1.4. Übersicht zur Familienzusammenführung

FAMILIENZUSAMMENFÜHRUNG

Familienangehörige Familienangehörige Familienangehörige


von Deutschen von EU-Bürgern von sonstigen Ausländern

Ehegatte Ehegatte
§ 28 Abs. 1 Nr. 1 § 30
AufenthG Ehegatte AufenthG

Lebenspartner Lebenspartner Lebenspartner


§§ 27 Abs. 2, 28 Abs. 1 Nr. 1 § §27 Abs. 2, 30
AufenthG AufenthG
Kind

Kind Kind
§ 28 Abs. 1 Nr. 2 Elternteil § 32
AufenthG AufenthG

Sonstige
Elternteil Elternteil
§ 28 Abs. 1 Nr. 3 § 36 Abs. 1 und 2
AufenthG AufenthG

Sonstige Sonstige
§§ 28 Abs. 4, 36 §§ 36
AufenthG AufenthG

Erwerbs-
tätige
§ 3 FreizügG/EU
Nicht
Erwerbs-
Empfänger von tätige
Dienstleistungen §4
§ 3 FreizügG/EU FreizügG/EU

Verbleibe-
berechtigte
§ 3 FreizügG/EU
20 DRK-Suchdienst

3.2. Familiennachzug zu deutschen Bundesinnenministerium jedoch klargestellt, dass


Staatsangehörigen, § 28 AufenthG bei Ehegatten von Spätaussiedlern die Sicherung
des Lebensunterhaltes nicht verlangt werden kann.26
3.2.1. Privilegierung ausländisch-
deutscher Familien/Abweichungen Im Wege des Ermessens kann die Aufenthalts-
und Ausnahmen zu § 5 AufenthG erlaubnis zum Zweck des Familiennachzugs ge-
mäß § 27 Abs. 3 AufenthG dann versagt werden,
Die strengen allgemeinen Erteilungsvorausset- wenn der hier lebende deutsche Familienangehö-
zungen des § 5 AufenthG gelten beim Nachzug rige gegenüber hier lebenden Angehörigen (z.B.
zu deutschen Familienangehörigen nur einge- geschiedener Ehepartner, Kinder, Enkelkinder,
schränkt. Eltern, Großeltern) unterhaltspflichtig ist und die-
se Angehörigen aufgrund der Nichterfüllung der
3.2.1.1. Sicherung des Lebensunterhaltes Unterhaltspflicht Leistungen gem. SGB II oder
regelmäßig unbeachtlich SGB XII beziehen. Dies gilt insbesondere dann,
wenn der Nachzug dazu führen würde, dass die
Die allgemeine Erteilungsvoraussetzung des § 5
deutschen Sozialsysteme zusätzlich belastet wer-
Abs. 1 Nr. 1 AufenthG, wonach der Lebensunter-
den.27 Das Privileg in § 28 Abs. 1 S. 2 AufenthG
halt ohne öffentliche Mittel gesichert sein muss, gilt
führt aber nach der Rechtsprechung dazu, dass
nicht beim Nachzug eines ausländischen Kindes
beim Nachzug zum deutschen Familienangehöri-
zu seinem deutschen Elternteil oder beim Nach-
gen das Ermessen zu Gunsten des Nachzugswilli-
zug eines ausländischen Elternteils zu seinem
gen auszuüben ist.28
deutschen Kind (§ 28 Abs. 1 S. 2 AufenthG).
Beim Nachzug zum deutschen Ehepartner ist dies 3.2.1.2. Kein Wohnraumerfordernis
seit der Gesetzesänderung durch das Richtlini-
Der Nachweis ausreichenden Wohnraums ist
enumsetzungsgesetz nicht mehr immer der Fall.
keine Voraussetzung für den Nachzug zum deut-
Gem. § 28 Abs. 1 S. 3 AufenthG „soll“ nur noch in
schen Familienangehörigen. Allerdings stellt eine
der Regel auf den Nachweis der Unterhaltssiche-
rung verzichtet werden. Bei Vorliegen besonderer längerfristige Obdachlosigkeit (mehr als sechs Mo-
Umstände kann der Ehegattennachzug jedoch nate) einen Ausweisungsgrund dar (§ 55 Abs. 2
versagt werden, wenn die Eheleute auf öffentliche Nr. 5 AufenthG). Im Wege des Ermessens kann
Mittel angewiesen sind. Nach der Gesetzesbe- dann der Familiennachzug versagt werden (§§ 5
gründung können solche besonderen Umstände Abs. 1 Nr. 2, 27 Abs. 3 S. 2 AufenthG).
bei Personen vorliegen, denen die Herstellung
der ehelichen Lebensgemeinschaft im Ausland 3.2.1.3. Jede Erwerbstätigkeit kraft
zumutbar ist. Dies kommt insbesondere bei Dop- Gesetzes gestattet
pelstaatlern in Bezug auf den Staat in Betracht, Die erteilte Aufenthaltserlaubnis berechtigt kraft
dessen Staatsangehörigkeit sie neben der deut- Gesetzes zur Ausübung jeder Erwerbstätigkeit
schen besitzen, oder bei Deutschen, die geraume (§ 28 Abs. 5 AufenthG).
Zeit im Herkunftsland des Ehegatten gelebt und
gearbeitet haben und die Sprache dieses Staates 3.2.2. Änderungen beim
sprechen.25 Ehegattennachzug:
Von dieser Regelung können die Ehegatten von Sprachkenntnisse/Mindestalter
Spätaussiedlern betroffen sein, die nicht in den Durch das Richtlinienumsetzungsgesetz ist als
Aufnahmebescheid einbezogen sind und deren neue Voraussetzung für den aufenthaltsrechtlichen
Nachzug sich allein nach aufenthaltsrechtlichen
Vorschriften richtet. In der Praxis sind bereits ei-
nige Fälle aufgetreten, bei denen der Ehegatten- 26
„Nach der vertriebenenrechtlichen Grundentscheidung,
nachzug zu mittellosen Spätaussiedlern aus die- dass Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen auf
sem Grunde abgelehnt worden ist. Mit Schreiben Grund ihres besonderen Kriegsfolgenschicksals in Deutsch-
vom 28. März 2008 an die Innenministerien und land Aufnahme finden sollen, ist für Spätaussiedler und ihre
Senatsinnenverwaltungen der Länder hat das Ehegatten die Wahrung der ehelichen Lebensgemeinschaft
im Ausland nicht zumutbar.“ Schreiben vom 28.3.08, Ge-
schäftszeichen PGZU 125 000/09.
27
BMI, Hinweise zum Richtlinienumsetzungsgesetz,
25
Vgl. BMI, Hinweise zum Richtlinienumsetzungsgesetz, 18.12.2007, Rn. 188
18.12.2007, Rn. 190
28
VG Berlin, Urteil vom 10.8.06, 31 V 61.05, bei juris
Familienzusammenführung 21

Ehegattennachzug der Nachweis von Deutsch- werden. Der Test kann auch durch das Personal
kenntnissen „einfacher Art“ eingeführt worden der deutschen Auslandsvertretungen durchgeführt
(§ 28 Abs. 1 S. 5 iVm § 30 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG). werden. Sofern die Botschaft bei der Antragstel-
Eine entsprechende Regelung gilt bereits seit dem lung zu der Überzeugung gelangt, dass einfache
1. Januar 2005 für Ehegatten und Abkömmlinge Deutschkenntnisse offenkundig vorhanden sind,
(ab Vollendung des 14. Lebensjahres) eines Spät- kann auch auf den Nachweis durch den Test ver-
aussiedlers, die seitdem nur dann in den Aufnah- zichtet werden. Die Anschriften der deutschen
mebescheid nach dem BVFG einbezogen werden, Goethe-Institute oder anderer von den Behörden
wenn sie Grundkenntnisse der deutschen Sprache anerkannter Einrichtungen sind auf den Websites
nachweisen können und die Einbeziehung aus- der deutschen Auslandsvertretungen zu finden.30
drücklich vom Spätaussiedler (der Bezugsperson)
beantragt wird (§ 27 Abs 1 BVFG).
3.2.2.3. Ausnahmen
§ 30 Abs. 1 S. 3 AufenthG enthält für den Ehe-
3.2.2.1. Anforderungen
gattennachzug zu deutschen und ausländischen
an die Sprachkenntnisse
Ehepartnern eine Reihe von Ausnahmen, bei de-
Die gesetzliche Voraussetzung, sich auf einfache nen vom Nachweis einfacher Deutschkenntnisse
Art in deutscher Sprache verständigen zu können, abzusehen ist:
liegt dann vor, wenn der Ausländer • Ehegatten, die zu Asylberechtigten und Kon-
• sich mit einfachen, überwiegend isolierten Wen- ventionsflüchtlingen nachziehen, (nur bei Ehen
dungen über Menschen und Orte äußern kann, die bereits vor der Flucht des hier Lebenden ge-
schlossen wurden);
• sich auf einfache Art verständigen kann. Die
• Ehegatten, die zu Hochqualifizierten, Firmengrün-
Kommunikation kann dabei davon abhängen,
dern, Forschern und Daueraufenthaltsberechtig-
dass etwas langsamer wiederholt, umformuliert
ten-EU nachziehen (nur bei Ehen, die vor dem
oder korrigiert wird,
Umzug des Hochqualifizierten etc. geschlossen
• einfache Fragen stellen und beantworten kann, wurden);
einfache Feststellungen treffen oder auf solche
• Ehegatten, die aufgrund ihrer Staatsangehörig-
reagieren kann, sofern es sich um unmittelba-
keit zu langfristigen Aufenthalten visumfrei nach
re Bedürfnisse oder um sehr vertraute Themen
Deutschland einreisen dürfen. Dies trifft auf
handelt, wie z.B. wo er wohnt, welche Leute er
die in § 41 Abs. 1 und 2 AufenthV aufgeführten
kennt oder welche Dinge er besitzt.29
Staatsangehörigen31 zu;
Diese Sprachfertigkeit muss sowohl mündlich
• Ehegatten, bei denen ein erkennbar geringer
wie auch schriftlich gegeben sein.
Integrationsbedarf besteht oder bei denen die
Berechtigung zur Teilnahme an einem Integra-
3.2.2.2. Nachweis tionskurs aus anderen Gründen fehlt. Ein er-
kennbar geringer Integrationsbedarf liegt dann
Der Nachweis der Sprachkenntnisse muss vor
vor, wenn der Ehegatte einen Hoch- oder Fach-
der Einreise erbracht werden, Deutsch muss
hochschulabschluss besitzt oder bereits eine
also bereits im Ausland gelernt werden! Das
Erwerbstätigkeit ausübt, die eine entsprechen-
Gesetz enthält keine Vorgaben, wie der Sprach-
de Qualifikation voraussetzt und die Annahme
nachweis erbracht werden muss. In der Praxis
gerechtfertigt ist, dass der Ehegatte sich ohne
verlangen die Botschaften im Visumverfahren
staatliche Hilfe in das wirtschaftliche, gesell-
die Vorlage des Zertifikats „Start Deutsch 1“,
schaftliche und kulturelle Leben in Deutschland
also einer Bescheinigung über die bestandene
integrieren wird (vgl. § 4 Abs. 2 Integrations-
Prüfung. Diese Prüfung kann entweder bei den
kursverordnung). Die fehlende Berechtigung
deutschen Goethe-Instituten im Ausland oder
zur Teilnahme an einem Integrationskurs
bei einem von ihm lizenzierten Institut erbracht

30
Diese sind zentral über www.auswaertiges-amt.de zu
finden.
29
Definition des Sprachniveaus der Stufe „A1“ der kompe- 31
Dieses sind Staatsangehörige der Staaten Australien,
tenten Sprachanwendung des Gemeinsamen Europäischen Israel, Japan, Kanada, Republik Korea, Neuseeland, USA,
Referenzrahmens des Europarats - GER Andorra, Honduras, Monaco und San Marino.
22 DRK-Suchdienst

besteht insbesondere in den Fällen, in denen 3.2.3. Aufenthalt nach Ermessen


sich die Ehegatten nicht dauerhaft, sondern zur Ausübung des Umgangsrechtes,
nur vorübergehend in Deutschland aufhalten § 28 Abs. 1 Satz 4 sowie
wollen, beispielsweise bei Ehegatten von Ge- § 25 Abs. 5 AufenthG
schäftsleuten oder Mitarbeitern international
tätiger Wirtschaftsunternehmen, die nur für be- Dem nichtsorgeberechtigten Elternteil eines deut-
stimmte Zeit in Deutschland tätig sind und le- schen Kindes kann nur im Wege des Ermessens
ben (vgl. § 44 AufenthG); eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden. Die blo-
ße Ausübung des Umgangsrechtes kann gemäß
• Ehegatten, die aufgrund einer körperlichen, § 28 Abs. 1 S. 4 AufenthG zur Erteilung einer Auf-
geistigen oder seelischen Krankheit oder Behin- enthaltserlaubnis führen. Dies gilt allerdings nur,
derung nicht in der Lage sind, einfache Deutsch- soweit die familiäre Gemeinschaft (d.h. eine Bei-
kenntnisse nachzuweisen. Das Abstellen auf stands- und Betreuungsgemeinschaft, die nicht
die fehlende Nachweismöglichkeit bedeutet, notwendigerweise eine häusliche Gemeinschaft
dass nicht nur Umstände zu berücksichtigen beinhaltet) bereits im Bundesgebiet gelebt wird.
sind, welche die sprachliche Ausdrucksfähig- Ein Nachzug aus dem Ausland zur Ausübung des
keit in entsprechender Weise beeinträchtigen. Umgangsrechtes ist daher gesetzlich nicht vorge-
Auch eine Krankheit oder Behinderung, welche sehen!
den Antragsteller daran hindert, die geforderten
Deutschkenntnisse in zumutbarer Weise zu er- In der ausländerbehördlichen Praxis wird bei der
lernen (z.B. körperliche Behinderung macht bei Ermessensausübung insbesondere berücksich-
fehlender behindertengerechter Infrastruktur tigt, ob das deutsche Kind in seiner Entwicklung
im Herkunftsland ein Erlernen an räumlich ent- auf den ausländischen Elternteil angewiesen ist,
ferntem Goethe-Institut unmöglich), kann einen wozu eine Stellungnahme des Jugendamtes ein-
Härtefall darstellen. Das tatsächliche Vorliegen geholt werden kann, ob der nichtsorgeberechtigte
einer derartigen Krankheit bzw. Behinderung ist Elternteil seit der Geburt des Kindes seinen Unter-
gegebenenfalls durch aktuelle ärztliche Beschei- haltsverpflichtungen regelmäßig nachgekommen
nigung o. ä. vom Antragsteller nachzuweisen.32 ist und ob das Kindeswohl einen auf Dauer ange-
legten Aufenthalt des nichtsorgeberechtigten El-
• Eine allgemeine Härteklausel gibt es beim Er- ternteils im Bundesgebiet erfordert. Im Wege des
fordernis der Sprachkenntnisse NICHT! Ermessens kann vom Nachweis der Sicherung
des Lebensunterhaltes abgesehen werden.
3.2.2.4. Mindestalter Besteht eine grundrechtlich geschützte Beistands-
Der Ehegattennachzug setzt zudem voraus, dass und Betreuungsgemeinschaft zwischen dem aus-
beide Ehegatten das 18. Lebensjahr vollendet ha- ländischen Elternteil und seinem deutschen Kind,
ben (§§ 28 Abs. 1 Satz 4, 30 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 scheitert die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis
AufenthG). Ausnahmen gelten für den Familien- aus familiären Gründen gem. § 28 Abs. 1 S. 4 Auf-
nachzug zu Hochqualifizierten, Firmengründern, enthG aber z.B. am Bezug von öffentlichen Mitteln
Forschern und Daueraufenthaltsberechtigten-EG durch den Ausländer oder liegen bei diesem Straf-
(nur bei Ehen, die vor dem Umzug des Hochquali- taten vor, so kann dennoch ein Aufenthaltstitel er-
fizierten etc. geschlossen wurden). Weiterhin sind teilt werden. Eine Beistands- und Betreuungsge-
meinschaft mit einem deutschen Kind stellt nämlich
Ausnahmen beim Vorliegen einer besonderen ein Ausreisehindernis im Sinne von § 25 Abs. 5 S.
Härte möglich (§ 30 Abs. 2 AufenthG). Die beson- 1 AufenthG dar. Nach dieser Vorschrift kann (bzw.
dere Härte muss sich deutlich von der allgemei- soll bei vorangegangener 18-monatiger Duldung)
nen Härte, nämlich die, dass die Ehepartner für ein Aufenthaltstitel sogar trotz bestehender frühe-
eine gewisse Zeit getrennt voneinander leben, ab- rer Ausweisung oder Abschiebung erteilt werden
heben. Die allgemeine Härte in diesem Sinne hat und spielen Ausweisungsgründe keine ausschlag-
der Gesetzgeber gesehen und dementsprechend gebende Rolle. Nach 18 Monaten Duldung soll
die Benachteiligung gewollt. dieser Aufenthaltstitel im Regelfall erteilt werden,
selbst wenn öffentliche Mittel bezogen werden
(§§ 25 Abs. 5 S. 2 iVm 5 Abs. 3 S. 2 AufenthG).

31
BMI, Hinweise zum Richtlinienumsetzungsgesetz, Ist die Ausländerbehörde auch zur Erteilung dieses
18.12.2007, 209b humanitären Aufenthaltstitels nicht bereit, besteht
Familienzusammenführung 23

zumindest Aussicht auf eine Duldung gemäß § 60 die den Umgang mit einem Kind berühren,
a Abs. 2 S. 1 AufenthG. Eine grundrechtlich ge- ist deshalb maßgeblich auch auf die Sicht
schützte Beistands- und Betreuungsgemeinschaft des Kindes abzustellen und im Einzelfall zu
kann nämlich auch ein rechtliches Abschiebungs- untersuchen, ob tatsächlich eine persönliche
hindernis begründen, wenn die Trennung voraus- Verbundenheit besteht, auf deren Aufrechter-
sichtlich länger dauern wird und daher dem Kind haltung das Kind zu seinem Wohl angewie-
und dem Elternteil nicht zuzumuten ist. sen ist.(…) Dementsprechend ist im Einzelfall
zu würdigen, in welcher Form die Elternver-
In einer Grundsatzentscheidung hat das Bundes-
antwortung ausgeübt wird und welche Folgen
verfassungsgericht33 zur Bedeutung des Erzie-
eine endgültige oder vorübergehende Tren-
hungsbeitrages beider Elternteile u.a. Folgendes
nung für die gelebte Eltern-Kind-Beziehung
ausgeführt:
und das Kindeswohl hätte. In diesem Zusam-
„Bei der Bewertung der familiären Beziehun- menhang ist davon auszugehen, dass der
gen verbietet sich eine schematische Ein- persönliche Kontakt des Kindes zum getrennt
ordnung als entweder aufenthaltsrechtlich lebenden Elternteil und der damit verbundene
grundsätzlich schutzwürdige Lebens- und Aufbau und die Kontinuität emotionaler Bin-
Erziehungsgemeinschaft oder Beistandsge- dungen zu Vater und Mutter in aller Regel der
meinschaft oder aber bloße Begegnungs- Persönlichkeitsentwicklung des Kindes dient
gemeinschaft ohne aufenthaltsrechtliche und das Kind beide Eltern braucht.(…)
Schutzwirkungen, zumal auch der persönli-
Im Falle eines regelmäßigen Umgangs des
che Kontakt mit dem Kind in Ausübung eines
ausländischen Elternteils, der dem auch
Umgangsrechts unabhängig vom Sorgerecht
sonst Üblichen entspricht, wird in der Regel
Ausdruck und Folge des natürlichen Eltern-
von einer familiären Gemeinschaft auszuge-
rechts und der damit verbundenen Elternver-
hen sein. Auch Unterhaltsleistungen sind in
antwortung ist und daher unter dem Schutz
diesem Zusammenhang ein Zeichen für die
des Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG steht: Es kommt
Wahrnehmung elterlicher Verantwortung. Mit
in diesem Zusammenhang auch nicht darauf
der Kindschaftsrechtsreform hat der Gesetz-
an, ob eine Hausgemeinschaft vorliegt und
geber deutlich gemacht, dass sich auch au-
ob die von einem Familienmitglied tatsächlich
ßerhalb der persönlichen Begegnung Umgang
erbrachte Lebenshilfe auch von anderen Per-
ereignen kann und soll, etwa durch Brief- und
sonen erbracht werden könnte.
Telefonkontakte. Auch Telefonate sind somit
Dabei ist auch in Rechnung zu stellen, dass Teil der Wahrnehmung des Umgangs und in-
der spezifische Erziehungsbeitrag des Vaters soweit - zumal bei getrennten Wohnsitzen -
nicht durch die Betreuung des Kindes durch auch Element familiärer Gemeinschaft. Dies
die Mutter entbehrlich wird. Eine verantwor- muss in die ausländerrechtliche Würdigung
tungsvoll gelebte und dem Schutzzweck des angemessen einfließen. (…)
Art. 6 GG entsprechende Eltern-Kind-Ge-
Für die Beurteilung der Schutzwürdigkeit der
meinschaft lässt sich nicht allein quantitativ
familiären Gemeinschaft und der Zumutbar-
etwa nach Daten und Uhrzeiten des persön-
keit einer (vorübergehenden) Trennung sowie
lichen Kontakts oder genauem Inhalt der ein-
der Möglichkeit, über Briefe, Telefonate und
zelnen Betreuungshandlungen bestimmen.
Besuche auch aus dem Ausland Kontakt zu
Die Entwicklung eines Kindes wird nicht nur
halten, spielt schließlich das Alter des Kindes
durch quantifizierbare Betreuungsbeiträge
eine wesentliche Rolle“.
der Eltern, sondern auch durch die geistige
und emotionale Auseinandersetzung geprägt.
Nach § 1626 Abs. 3 Satz 1 BGB gehört zum 3.2.4. Aufenthaltsverlängerung und
Wohl des Kindes in der Regel der Umgang Aufenthaltsverfestigung /
mit beiden Elternteilen. (…) Niederlassungserlaubnis,
Bei aufenthaltsrechtlichen Entscheidungen, § 28 Abs. 2 AufenthG

Gem. § 28 Abs. 2 S. 2 AufenthG wird die Aufent-


haltserlaubnis ohne weiteres verlängert, solange
33
Beschluss vom 8.12.2005, 2 BvR 1001/04, in: InfAuslR die familiäre Lebensgemeinschaft mit dem deut-
2006, 122 - 126 schen Familienangehörigen fortbesteht. Hinsicht-
24 DRK-Suchdienst

lich der Auswirkungen des Bezugs von Leistungen Lebensgemeinschaft abstellt und nicht darauf, ob
nach dem SGB II oder XII und des Vorliegens von die Eheleute die Scheidung beantragt haben oder
Regelversagungsgründen gelten die Regelungen die Ehe vom Gericht geschieden worden ist. Die
zur erstmaligen Erteilung der Aufenthaltserlaub- eheliche Lebensgemeinschaft ist regelmäßig dann
nis, siehe Punkt 3.2.1. aufgehoben, wenn einer der Eheleute aus der
ehelichen Wohnung auszieht, weil die Ehe zerrüt-
In der Regel ist dem Ausländer eine (unbefristete)
tet ist. Vorübergehende räumliche - etwa berufs-
Niederlassungserlaubnis zu erteilen, wenn er drei
oder krankheitsbedingte - Trennungen, die den
Jahren im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis ist,
Fortbestand der ehelichen Lebensgemeinschaft
die familiäre Lebensgemeinschaft mit dem Deut-
nicht berühren, bleiben außer Betracht.
schen im Bundesgebiet fortbesteht, kein Auswei-
sungsgrund vorliegt und er sich in einfacher Art in Stirbt der Ehegatte oder liegt eine besondere Härte
deutscher Sprache verständigen kann, § 28 Abs. 2 vor, wird die Aufenthaltserlaubnis ausnahmsweise
S. 1 AufenthG. Da § 28 Abs. 2 AufenthG nicht auf auch vor Ablauf der Mindestbestandszeit von zwei
§ 9 AufenthG verweist, der in allen anderen Fällen Jahren um ein Jahr verlängert.
die Erteilung der Niederlassungserlaubnis regelt,
Eine solche besondere Härte im Sinne des § 31
besteht eine weitere Privilegierung für Ausländer,
Abs. 2 AufenthG liegt insbesondere dann vor,
die mit einem Deutschen verheiratet sind bzw. das
wenn der Ehegatte durch die Rückkehr ins Her-
Sorge- oder Umgangsrecht für ein deutsches Kind
kunftsland ungleich härter betroffen wird als ande-
wahrnehmen: Die strengen Voraussetzungen in
re Ausländer, die nach kurzen Aufenthaltszeiten
§ 9 AufenthG gelten nicht, insbesondere muss
Deutschland verlassen müssen.34 Nach den vor-
keine 60-monatige rentenversicherungspflichtige
läufigen Anwendungshinweisen des BMI ist von
Beschäftigung bestanden haben. Allerdings gilt
einer besonderen Härte bei folgenden Fallkonstel-
für die Erteilung der Niederlassungserlaubnis § 5
lationen auszugehen:
Abs. 1 AufenthG unbeschränkt. Anders als bei der
Erteilung und Verlängerung der befristeten Auf- Zum einen ist die Situation des betroffenen Ehe-
enthaltserlaubnis wird die unbefristete Niederlas- gatten im Falle der Rückkehr in sein Heimatland
sungserlaubnis im Regelfall nur erteilt, wenn der mit derjenigen zu vergleichen, die bei einem Ver-
Lebensunterhalt ohne Bezug von öffentlichen bleib in Deutschland besteht. Ergibt sich, dass bei
Mitteln bestritten werden kann. der Rückkehr die Beeinträchtigung schutzwür-
diger Belange droht, liegt eine besondere Härte
3.2.5. Eigenständiges Aufenthaltsrecht vor. Dabei ist die mit jeder Ausreiseverpflichtung
des Ehegatten bei Aufhebung ohne weiteres verbundene Härte unerheblich. Zu
der ehelichen Gemeinschaft, berücksichtigen ist nach § 32 Absatz 2 Satz 2,
§ 31 AufenthG 2. Halbsatz AufenthG das Wohl eines Kindes, das
mit dem betroffenen Ehegatten in familiärer Le-
Im Falle der Aufhebung der ehelichen Gemein- bensgemeinschaft lebt. Schutzwürdig sind somit
schaft regelt § 31 AufenthG die Frage, ob der unter anderem Belange, die verbunden sind mit:
Aufenthalt des ausländischen Ehegatten trotz die-
ser Trennung verlängert werden kann. Sofern die • dem Interesse an einem weiteren Umgang mit
eheliche Lebensgemeinschaft seit mindestens einem eigenen Kind, das im Bundesgebiet ver-
zwei Jahren rechtmäßig im Bundesgebiet be- bleibt; insbesondere, wenn die Personensorge
standen hat, besteht ein Anspruch auf Verlänge- beiden Elternteilen zusteht und eine Verlegung
rung der Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr, § 31 des Wohnsitzes in das Ausland durch die ge-
Abs. 1 Nr. 1 bzw. 2 AufenthG. samte Familie innerhalb der nächsten Monate
nicht zu erwarten ist, oder wenn ein Kind mit
Dies gilt gem. § 31 Abs. 1 S. 2 AufenthG aber nicht, Bleiberecht zurückgelassen würde, das durch
wenn die ursprüngliche Aufenthaltserlaubnis von den betroffenen Ehegatten versorgt würde;
vornherein nicht verlängert werden konnte oder
dem Ausländer aus Rechtsgründen weder eine • einer zu erwartenden Verschlechterung der
Niederlassungserlaubnis noch ein Daueraufent- geistigen und körperlichen Entwicklung eines
halt-EG erteilt werden darf (beispielsweise beim Kindes, das mit dem betroffenen Ehegatten in
Familiennachzug zu einem Studenten oder einem
Ausländer, der einen Aufenthalt wegen einer be-
fristeten Arbeitstätigkeit erhalten hat). Wichtig ist,
dass das Gesetz auf die Aufhebung der ehelichen 34
BT-Drucksache 15/420, S. 82
Familienzusammenführung 25

• familiärer Lebensgemeinschaft lebt; insbeson- genheit stets abgelehnt hatte;


dere weil das Kind aufgrund einer Behinderung
• der andere Ehegatte trunk- oder glücksspiel-
auf die Beibehaltung seines spezifischen sozia-
süchtig oder betäubungsmittelabhängig ist, zur
len Umfeldes in Deutschland angewiesen ist;
Verschwendung neigt oder durch eigenes Ver-
• Eigenarten des Rechts- oder Kulturkreises im schulden für längere Zeit obdachlos ist.
Herkunftsstaat, die zu einer erheblichen recht-
Übergriffe gegenüber dem Ehegatten können in
lichen oder gesellschaftlichen Diskriminierung
der Regel glaubhaft gemacht werden, wenn die
des betroffenen Ehegatten wegen der Auflö-
Ehefrau nach den Auseinandersetzungen ins
sung der ehelichen Lebensgemeinschaft führen
Frauenhaus geflüchtet ist oder andere Maßnah-
können; hierbei sind auch tatsächliche Anhalts-
men, zum Beispiel in Form eines polizeilich oder
punkte zu berücksichtigen, wonach eine Ver-
gerichtlich angeordneten Wohnungsverweises,
folgung durch im Herkunftsstaat lebende, dem
eingeleitet hat. Auch die Erstattung einer Anzeige
anderen Ehegatten nahe stehende Personen
gegen den Ehemann bei der Polizei kann dazu
zu erwarten ist;
führen, dass den Aussagen des Ehegatten Glau-
• einer Schwangerschaft der betroffenen Ehefrau, ben geschenkt wird.
sofern im Herkunftsstaat aufgrund der Schwan- Der Ehegatte sollte jedoch alsbald nach der Aus-
gerschaft Verfolgungen oder Zwangsmaßnah- einandersetzung die Maßnahmen einleiten und
men drohen, eine Entbindung im Herkunfts- die Ausländerbehörde über die Ausschreitungen
staat nicht zumutbar ist oder aus medizinischen in Kenntnis setzen. Anderenfalls könnte die Aus-
Gründen ein Umzug ins Ausland vor der Nieder- länderbehörde dem Ehegatten vorhalten, dass er
kunft mit den damit verbundenen körperlichen längere Zeit unter den Gängelungen des Auslän-
Belastungen nicht erwartet werden kann; ders hat leben können und damit keine besondere
• sonstigen erheblichen medizinischen oder psy- Härte mehr im Sinne des § 31 Abs. 2 AufenthG
chischen Situationen oder Belastungen, die besteht.
über das bei Bestehen einer Ausreiseverpflich- Allerdings sollte die Ausländerbehörde nur dann
tung übliche Maß hinausgehen. entsprechend informiert werden, wenn der auslän-
Zum anderen ist die Situation bei Weiterbestehen dische Ehepartner davon überzeugt ist, dass die
der ehelichen Lebensgemeinschaft mit derjenigen Ehe dauerhaft zerrüttet ist und keine Versöhnung
zu vergleichen, die bestehen würde, wenn die Le- mehr möglich ist. Ansonsten droht die Gefahr, dass
bensgemeinschaft erst nach Ablauf der Zweijah- die Ausländerbehörde aufgrund seiner Mitteilung
resfrist aufgehoben worden wäre. Allein die Zerrüt- von einer dauerhaften Trennung ausgeht und eine
tung der ehelichen Lebensgemeinschaft im Sinne spätere Versöhnung nur als vorgetäuscht ansieht,
eines Zerfalls der Beziehung zwischen den Ehe- damit der Aufenthalt nicht gefährdet wird.
gatten begründet keine Unzumutbarkeit des Fest- Der Rechtsanspruch auf Verlängerung der Auf-
haltens an der ehelichen Lebensgemeinschaft. enthaltserlaubnis um ein Jahr nach § 31 Abs. 1
Unzumutbar ist das Festhalten an der ehelichen und Abs. 2 AufenthG besteht auch dann, wenn
Lebensgemeinschaft unter anderem, wenn der Ehegatte zur Sicherung des Lebensunterhalts
Leistungen nach SGB II oder XII in Anspruch neh-
• der betroffene Ehegatte oder ein in der Ehe
men muss (§ 31 Abs. 4 S. 1 AufenthG). Grundge-
lebendes Kind durch den anderen Ehegatten
danke dieser Ausnahme ist, dass die eigenstän-
physisch oder psychisch misshandelt oder das
dige Sicherung des Lebensunterhalts regelmäßig
Kind in seiner geistigen oder körperlichen Ent-
erst nach dem Scheitern der Ehe notwendig wird
wicklung erheblich gefährdet wurde;
und der Ehegatte zunächst die Gelegenheit haben
• der andere Ehegatte gegen den betroffenen sollte, sich ohne Gefährdung des Aufenthaltsrechts
Ehegatten oder gegen ein in der Ehe lebendes eine eigene wirtschaftliche Existenz zu schaffen.
Kind sonstige erhebliche Straftaten, insbeson-
Zur Vermeidung von Missbrauch kann die einjähri-
dere solche, die gegen die Freiheit oder das
ge Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis versagt
Vermögen gerichtet waren, begangen hat;
werden, wenn der Ehegatte aus einem von ihm
• der andere Ehegatte vom betroffenen Ehe- zu vertretenen Grund auf Leistungen nach SGB II
gatten nachhaltig die Teilnahme an strafbaren oder SGB XII angewiesen ist (§ 31 Abs. 2 Satz
Handlungen verlangt hat, wenn der betroffene 3 AufenthG). Dies wird in der behördlichen Praxis
Ehegatte eine solche Teilnahme in der Vergan- dann angenommen, wenn sich der Ehegatte nicht
26 DRK-Suchdienst

in zumutbarer Weise auf Arbeitssuche begeben Deutschland im Wesentlichen mit dem Richtlini-
hat, auf eine Arbeitsvermittlung nicht reagiert hat enumsetzungsgesetz vom 19.8.2007 geschehen.
oder eine ihm zumutbare Arbeit nicht leistet. Bei Allerdings ist in Teilbereichen juristisch umstritten,
der Prüfung ist zu berücksichtigen, ob der Ehe- ob die Richtlinien vollständig und zutreffend umge-
gatte Kleinkinder oder pflegebedürftige Kinder zu setzt worden sind. Sofern das deutsche Recht hin-
betreuen hat und aus diesem Grund eine Arbeits- ter den Richtlinien zurückbleibt, können die Richt-
aufnahme nicht möglich ist.35 linien im Einzelfall anstelle des deutschen Rechtes
unmittelbar angewandt werden.37
Bei der weiteren Verlängerung der Aufenthaltser-
laubnis über das erste Jahr hinaus muss aber die Bei den Richtlinien handelt es sich im Hinblick auf
allgemeine Erteilungsvoraussetzung des § 5 Abs. das Ausländer- und Asylrecht um die Richtlinie zu
1 Nr. 1 AufenthG (Sicherung des Lebensunter- den Aufnahmebedingungen für Asylantragsteller,
halts) erfüllt sein. Nur in Ausnahmefällen, z.B. we- die Richtlinie zum Asylverfahren, die Qualifikati-
gen der notwendigen Betreuung von Kleinkindern onsrichtlinie, die Richtlinie zum Familiennachzug,
oder bei psychischen Folgewirkungen erlittener die Daueraufenthaltsrichtlinie, die Freizügigkeits-
Misshandlungen durch den Ehemann, die eine richtlinie, die Studentenrichtlinie, die Forscherricht-
volle Erwerbstätigkeit verhindern, kann im Ermes- linie und die Opferschutzrichtlinie. Die Richtlinien
senswege davon abgesehen werden. legen stets nur einen Mindeststandard fest. Somit
steht es den einzelnen Mitgliedstaaten der EU frei,
g
günstigere Regelungen für Flüchtlinge und Aus-
3.3. Familiennachzug zu Unionsbürgern, länder zu treffen und beizubehalten.
FreizügG/EU

Die Familienangehörigen eines Unionsbürgers, Richtlinien im Hinblick


der freizügigkeitsberechtigt ist, sind rechtlich ge- auf das humanitäre Aufenthaltsrecht
genüber Familienangehörigen eines sonstigen Auf die Richtlinie zu den Aufnahmebedingungen für
Ausländers besser gestellt. Die Regelungen für Asylantragsteller (RL 2003/9/EG vom 27.01.2003),
diese Art von Familiennachzug finden sich im Frei- die Richtlinie zum Asylverfahren (RL 2005/85/
zügG/EU. Das Aufenthaltsgesetz findet in diesen EG vom 01.12.2005), die Qualifikationsrichtlinie
Fallkonstellationen grundsätzlich keine Anwen- (RL 2004/83/EG vom 29.04.2004) sowie die Opfer-
dung, es sei denn, dass das Aufenthaltsgesetz schutzrichtlinie (RL 2004/81/EG vom 29.04.2004)
eine für den Familienangehörigen günstigere Re- wird in der DRK-Broschüre zum Aufenthalt aus hu-
gelung enthält (§ 11 Abs. 1 Satz 3 FreizügG/EU). manitären Gründen näher eingegangen.38
Das FreizügG/EU findet auch auf die Staatsange-
hörigen der Staaten des Europäischen Wirtschafts- Richtlinie zur Familienzusammenführung
raums (EWR)36 Anwendung (§ 12 FreizügG/EU). (RL 2003/86/EG vom 22.09.2003)
Zudem sind die Bürger der beigetretenen neuen Die Bundesrepublik Deutschland hat alle Bestim-
EU-Staaten in allen Bereichen, mit Ausnahme der mungen dieser Richtlinie, zu deren Übernahme
Arbeitnehmerfreizügigkeit, den alten Unionsbür- sie verpflichtet war, in nationales Recht umgesetzt.
gern gleichgestellt. Die Umsetzung günstigerer oder ungünstigerer
Regelungen stand im Ermessen der einzelnen EU-
3.3.1. Exkurs: EU-Richtlinien Mitgliedstaaten. Aus diesem Grund wird an dieser
Stelle auf die Ausführungen zum Familiennachzug
In den letzten Jahren hat das EU-Recht immer zu sonstigen Ausländern (Drittstaatsangehörige)
mehr an Einfluss auf das nationale Recht im Hin- in dieser Broschüre verwiesen.
blick auf das Ausländer- und Asylrecht gewonnen.
So wurden zwischenzeitlich elf EU-Richtlinien in Daueraufenthaltsrichtlinie
diesem Bereich verabschiedet, die in das nationale (RL 2003/109/EG vom 25.11.2003)
Recht umgesetzt werden müssen. Dies ist in
Die Richtlinie über den Rechtsstatus von langfristig

34
VAH BMI 31.2.6
35
Zu den EWR-Staaten gehören Island, Lichtenstein und 36
Vgl. z.B. Hoffmann, Die Frist ist abgelaufen - Anmerkungen
Norwegen. Die Schweiz ist zwar kein EWR-Staat, wird aber zur Richtlinie „Aufnahmebedingungen“, Asylmagazin 4/2005,
mit Blick auf spätere Abkommen zwischen der EU und der www.asyl.net
Schweiz wie ein EWR-Staat behandelt. 37
Vgl. Fußnote 2
Familienzusammenführung 27

aufenthaltsberechtigten Drittstaatsangehörigen • Unionsbürger als Empfänger von Dienstleistun-


sieht zur Harmonisierung des Daueraufenthalts- gen (§ 2 Abs. 2 Nr. 4 FreizügG/EU);
rechts von Drittstaatsangehörigen im Bereich
• nicht erwerbstätige Unionsbürger unter den Vo-
der EU vor, dass nach fünf Jahren rechtmäßigen
raussetzungen des § 4 FreizügG/EU (§ 2 Abs. 2
Aufenthalts in einem Mitgliedstaat der EU ein
Nr. 5 FreizügG/EU);
besonderer Aufenthaltstitel erworben wird.
Zweck der Richtlinie ist dementsprechend eine • Familienangehörige unter den Voraussetzun-
möglichst weitgehende Gleichstellung des Rechts- gen der §§ 3 und 4 FreizügG/EU (§ 2 Abs. 2
status von sich langfristig im EU-Gebiet aufhalten- Nr. 6 FreizügG/EU);
den Drittstaatsangehörigen mit dem von Unions- • Unionsbürger und ihre Familienangehörigen,
bürgern. Zudem erfasst die Richtlinie das Recht auf die bereits ein Daueraufenthaltsrecht erworben
Weiterwanderung in einen anderen Mitgliedstaat haben (§ 2 Abs. 2 Nr. 7 FreizügG/EU).
der EU sowie die weitgehende Gleichbehandlung
zum Beispiel beim Zugang zum Arbeitsmarkt oder WICHTIG: Wenn der nachzugswillige Familienan-
bei der Gewährung sozialer Leistungen mit den gehörige selbst Unionsbürger ist und er in seiner
Inländern des betreffenden EU-Mitgliedstaates. Person einen Freizügigkeitstatbestand erfüllt, z.B.
Die Richtlinie ist in den §§ 9 a - c AufenthG als als Arbeitssuchender, liegt im rechtlichen Sinn
„Daueraufenthalt-EG“ umgesetzt. kein Fall des Familiennachzuges vor. Vielmehr
ist dieser Familienangehörige aus eigenem Recht
In der Praxis wird der „Daueraufenthalt-EG“ künf-
freizügigkeitsberechtigt.
tig die Niederlassungserlaubnis nach § 9 AufenthG
ablösen, weil der Daueraufenthalt-EG mehr Rech- Freizügigkeitsberechtigte Unionsbürger bedürfen
te verleiht als die nationale Niederlassungserlaub- keines Aufenthaltstitels (§ 1 Abs. 4 FreizügG/EU).
nis. Ausländer mit humanitärem Aufenthalt sind Sie erhalten über ihr Freizügigkeitsrecht von Amts
aber vom Erwerb des Daueraufenthalt-EG aus- wegen gebührenfrei unmittelbar eine Bescheini-
geschlossen (§ 9a Abs. 2 Nr. 1 AufenthG). Damit gung (§ 5 FreizügG/EU).
werden die Ausländer, die aus humanitären Grün-
Familienangehörigen, die nicht Unionsbürger
den ihren Aufenthalt erhalten haben, schlechter
sind, wird nach § 5 Abs. 2 FreizügG/EU ebenfalls
gestellt werden, als die Ausländer, die aufgrund
von Amts wegen gegen eine Gebühr eine Au-
von Erwerbstätigkeit oder zum Zwecke der Fami-
fenthaltskarte ausgestellt. Für die Einreise nach
lienzusammenführung (Ehegatten- und Kinder-
Deutschland bedürfen diese sogenannten „Dritt-
nachzug) ihren Aufenthaltstitel erhalten haben.
staatsangehörigen“ ein Visum nach Maßgabe der
Vorschriften des AufenthG, sofern der Drittstaats-
3.3.2. Definition des angehörige nicht bereits in einem anderen EU-
freizügigkeitsberechtigten Staat freizügigkeitsberechtigt ist (§ 2 Abs. 4 S. 2
Unionsbürgers und 3 AufenthG).
Der Familiennachzug zu Unionsbürgern, die in Nach § 8 FreizügG/EU sind auch Unionsbürger
Deutschland leben, setzt voraus, dass der hier und ihre Familienangehörigen pass- oder ausweis-
lebende Unionsbürger freizügigkeitsberechtigt ist. pflichtig. Dabei gelten nach § 3 Abs. 1 AufenthV
Wer freizügigkeitsberechtigter Unionsbürger ist, als Passersatz alle amtlichen Ausweise, die von
wird in § 2 Abs. 2 FreizügG/EU definiert: ausländischen Behörden ausgestellt worden sind.
Nach § 3 Abs. 3 AufenthV sind das insbesondere
• Unionsbürger, die sich als Arbeitnehmer, zur
alle amtlichen Personalausweise der Mitgliedstaa-
Arbeitssuche oder zur Berufsausbildung im
ten der EU, der Vertragsstaaten der EWG sowie
Bundesgebiet aufhalten wollen (§ 2 Abs. 2
der Schweiz.
Nr. 1 FreizügG/EU);
Der Verlust des Freizügigkeitsrechtes kann nur
• Unionsbürger, die niedergelassene selbstän-
festgestellt werden, wenn eine Gefährdung der öf-
dige Erwerbstätige sind (§ 2 Abs. 2 Nr. 2 Frei-
fentlichen Sicherheit, Ordnung oder der Gesund-
zügG/EU);
heit von dem nachziehenden Familienangehörigen
• Unionsbürger, die selbständig Dienstleistungen ausgeht (§ 6 Abs. 1 FreizügG/EU). Gem. § 5 Abs.
erbringen und dazu berechtigt sind, ohne sich 5 FreizügG/EU kann die Ausländerbehörde aber
im Bundesgebiet niederzulassen (§ 2 Abs. 2 innerhalb der ersten fünf Jahre des Aufenthaltes
Nr. 3 FreizügG/EU); in Deutschland feststellen, dass die Voraussetzun-
28 DRK-Suchdienst

gen des Freizügigkeitsrechtes gemäß § 2 Abs. 1 Das Recht auf Einreise und Aufenthalt eines gleich-
FreizügG/EU nicht mehr gegeben sind (weil der geschlechtlichen Lebenspartners eines erwerbs-
Unionsbürger z.B. nicht mehr arbeitet und auch tätigen Unionsbürgers, eines Dienstleistungsemp-
nicht mehr auf Arbeitssuche ist und auch die Vo- fängers oder -erbringers richtet sich gemäß § 3
raussetzungen gemäß § 4 FreizügG/EU nicht er- Abs. 6 FreizügG/EU nach dem AufenthG.
füllt). Im Hinblick auf die Voraussetzungen des Fa-
mi-liennachzugs unterscheidet das FreizügG/EU
3.3.4. Familiennachzug zu nichterwerbs-
im Wesentlichen zwischen erwerbstätigen freizü-
tätigen Freizügigkeitsberechtigten,
gigkeitsberechtigten und zwischen nichterwerbs-
§ 4 FreizügG/EU
tätigen freizügigkeitsberechtigten Unionsbürgern.
Familienangehörige und gleichgeschlechtliche
3.3.3. Familiennachzug zu erwerbstätigen Lebenspartner eines nichterwerbstätigen freizü-
Freizügigkeitsberechtigten, gigkeitsberechtigten Unionsbürgers haben ein
§ 3 FreizügG/EU Recht auf Einreise und Aufenthalt, wenn sie den
Unionsbürger begleiten oder zu ihm nachziehen
Familienangehörige eines Arbeit suchenden und wenn sie über ausreichenden Krankenversi-
oder erwerbstätigen Unionsbürgers (§ 2 Abs. 2 cherungsschutz und über ausreichende Existenz-
Nr. 1-3 FreizügG/EU) sowie Familienangehörige mittel verfügen.
von Dienstleistungsempfängern und Dienstleis-
tungserbringern (§ 2 Abs. 2 Nr. 4 und 5 FreizügG/ Eine ausreichende Krankenversicherung besteht
EU) haben ein Recht auf Einreise und Aufenthalt dann, wenn ärztliche sowie zahnärztliche Behand-
im Bundesgebiet, wenn sie den Unionsbürger lungen, die Versorgung mit Arznei-, Verbands-,
begleiten oder ihm nachziehen (§ 3 Abs. 1 S. 1 Heil- oder Hilfsmitteln, die Krankenhausbehand-
FreizügG/EU). Dieses Freizügigkeitsrecht der Fa- lung, die medizinische Rehabilitation und die Leis-
milienangehörigen ist unabhängig davon, wie der tungen bei Schwangerschaft sowie Geburt durch
Lebensunterhalt bestritten wird. Auch der Bezug die Krankenversicherung abgedeckt sind.40
von (ergänzenden) Leistungen nach SGB II bzw. Existenzmittel in diesem Zusammenhang sind alle
SGB XII steht dem Freizügigkeitsrecht nicht ent- gesetzlich zulässigen Einkommen und Vermögen
gegen. Allerdings kann ein dauerhafter Bezug von in Geld oder Geldwert oder sonstige eigene Mittel.
Sozialleistungen als Gefährdung der öffentlichen Insbesondere werden Unterhaltsleistungen von
Ordnung zum Verlust des Freizügigkeitsrechtes Familienangehörigen oder Dritten, Stipendien,
führen (§ 6 FreizügG/EU). Ausbildungs- oder Umschulungsbeihilfen, Arbeits-
Der Begriff des Familienangehörigen ist im Frei- losengeld, Invaliditäts-, Hinterbliebenen-, Vorru-
zügG/EU wesentlich weiter definiert als im Au- hestands- oder Altersrenten, Renten wegen Ar-
fenthG. Familienangehörige sind: beitsunfall, Berufs- und Erwerbsunfähigkeit oder
sonstige auf einer Beitragsleistung beruhende öf-
• der Ehegatte und die Kinder bzw. Enkelkinder, fentliche Mittel als Existenzmittel angesehen.41
die das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet ha-
ben (§ 3 Abs. 2 Nr. 1 FreizügG/EU) sowie Bei Studenten ist der Begriff des Familienangehö-
rigen lediglich auf den Ehegatten, den gleichge-
• die Verwandten in aufsteigender Linie (Eltern, schlechtlichen Lebenspartner und auf die unter-
Großeltern etc.) und die Verwandten in abstei- haltsberechtigten Kinder beschränkt (§ 4 Satz 2
gender Linie (Kinder bzw. Enkelkinder über 21 FreizügG/EU).
Jahre) des Unionsbürgers sowie die Eltern,
Großeltern, Kinder und Enkelkinder über 21
Jahre des Ehegatten des Unionsbürgers. Bei 3.3.5. Aufenthaltsverlängerung /
diesen Familienangehörigen hängt das Freizü- Aufenthaltsverfestigung
gigkeitsrecht allerdings davon ab, dass der Un- - Daueraufenthaltsrecht,
terhalt dieser Familienangehörigen durch den § 4a FreizügG/EU
Unionsbürger selbst oder durch seinen Ehe- Das Freizügigkeitsrecht gem. § 2 Abs. 1 Frei-
gatten gewährt wird (§ 3 Abs. 2 Nr. 2 FreizügG/ zügG/EU wird nicht befristet erteilt und muss
EU).39
38
D.h. die Unterhaltsgewährung setzt weniger voraus, als die
Sicherung des Lebensunterhalts, so dass auch ein Teilunter- 39
BT-Drucksache 15/420 zu § 4 FreizügG/EU
halt zur Erfüllung der Voraussetzung ausreicht. 40
BT-Drucksache 15/420 zu § 4 FreizügG/EU
Familienzusammenführung 29

dementsprechend auch nicht verlängert wer- regelt. Stirbt der erwerbstätige Unionsbürger infol-
den. Es besteht vielmehr kraft Gesetzes und ge eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit,
ist auch nicht davon abhängig, dass die Aufent- so haben seine Familienangehörigen das Dauer-
haltsbescheinigung oder Aufenthaltskarte gemäß aufenthaltsrecht bereits dann, wenn der Verstor-
§ 5 Abs. 1 und 2 FreizügG/EU ausgestellt worden bene zwei Jahre im Bundesgebiet gelebt hat und
ist. Die zuständige Ausländerbehörde kann aller- seine Familienangehörigen ihren ständigen Auf-
dings gemäß § 5 Abs. 3 FreizügG/EU verlangen, enthalt bei ihm hatten, § 4 Abs. 3 FreizügG/EU.
dass die Voraussetzungen des Freizügigkeits-
Festzuhalten ist, dass der § 4a FreizügG/EU aus-
rechts nach § 2 Abs. 1 FreizügG/EU drei Mona-
schließlich auf Unionsbürger sowie deren Fami-
te nach der Einreise glaubhaft gemacht werden.
lienangehörige oder gleichgeschlechtliche Le-
Für die Glaubhaftmachung erforderliche Anga- benspartner Anwendung findet. Für alle anderen
ben und Nachweise können von der zuständigen Ausländer kommt ein Daueraufenthalt, welcher
Meldebehörde bei der meldebehördlichen Anmel- auch in anderen EU-Mitgliedsstaaten anerkannt
dung entgegengenommen werden. Diese leitet wird, nach § 9a AufenthG in Betracht.42
die Angaben und Nachweise an die zuständige
Das Daueraufenthaltsrecht erlischt bei einer Ab-
Ausländerbehörde weiter. Bestehen Zweifel an
wesenheit von mehr als zwei aufeinander folgen-
der Richtigkeit der Angaben, so kann bei einem
den Jahren. Hält sich der Ausländer in einem an-
Erwerbstätigen ein Nachweis der Beschäftigung
deren Mitgliedstaat der EU auf, so ist dieser für
durch den Arbeitgeber oder die Krankenkasse
die weitere Gewährung des Daueraufenthaltrechts
bzw. ein Nachweis über die selbstständige Tä-
zuständig.
tigkeit verlangt werden. Bei einem Nichterwerbs-
tätigen können geeignete Nachweise für ausrei-
chende Existenzmittel und einen umfassenden 3.3.6. Eigenständiger Aufenthalt
Krankenversicherungsschutz gefordert werden. der Familienangehörigen,
Der Fortbestand der Freizügigkeitsvoraussetzun- § 3 Abs. 3-6 FreizügG/EU
gen kann aus besonderem Anlass überprüft wer-
Das Freizügigkeitsrecht der Familienangehörigen,
den, § 5 Abs. 4 FreizügG/EU.
die nicht Unionsbürger sind, bleibt nach Maßgabe
Unionsbürger, deren Familienangehörige oder von § 3 Abs. 3 bis 6 FreizügG/EU erhalten, wenn
deren gleichgeschlechtliche Lebenspartner ha- der Unionsbürger verstirbt, das Bundesgebiet ver-
ben nach fünfjährigem rechtmäßigen Aufenthalt lässt oder die Ehe rechtskräftig geschieden wird.
in Deutschland das Daueraufenthaltsrecht gemäß Sind die Familienangehörigen selbst Unionsbür-
§ 4 a FreizügG/EU. Das Daueraufenthaltsrecht ist ger, ist vorrangig zu prüfen, ob sie einen eigenen
unabhängig davon, ob die Voraussetzungen der Freizügigkeitstatbestand gem. § 2 Abs. 2 Frei-
Freizügigkeit gem. § 2 Abs. 2 FreizügG/EU auch zügG/EU erfüllen.
künftig vorliegen. Über das Daueraufenthaltsrecht Beim Tod des Unionsbürgers behalten Famili-
erhält der daueraufenthaltsberechtigte Unionsbür- enangehörige, die nicht Unionsbürger sind ihr Au-
ger unverzüglich nach Antragstellung eine Dauer- fenthaltsrecht, wenn sie die Voraussetzungen des
aufenthaltsbescheinigung. Seine Daten werden § 2 Abs. 2 Nr. 1 bis 3 oder Nr. 5 FreizügG erfüllen,
an die anderen EU-Mitgliedstaaten übermittelt. also insbesondere erwerbstätig sind oder Arbeit
Der daueraufenthaltsberechtigte Familienangehö- suchen und sich vor dem Tod des Unionsbürgers
rige eines Unionsbürgers erhält spätestens sechs mindestens ein Jahr als seine Familienangehö-
Monate nach der Antragstellung eine Dauerauf- rigen im Bundesgebiet aufgehalten haben, § 3
enthaltskarte (§ 5 Abs. 6 FreizügG/EU). Das Dau- Abs. 3 FreizügG/EU.
eraufenthaltsrecht kann nur noch aus „schwerwie-
genden Gründen“ entzogen werden (§ 6 Abs. 4 Die Kinder eines freizügigkeitsberechtigten Uni-
FreizügG/EU). onsbürgers und der Elternteil, der die elterli-
che Sorge für die Kinder tatsächlich ausübt,
Unter bestimmten Voraussetzungen kann bei behalten auch nach dem Tod oder Wegzug des
Erwerbstätigen und Dienstleistungserbringern Unionsbürgers, von dem sie ihr Aufenthaltsrecht
bereits vor Ablauf von fünf Jahren das Dauerauf- ableiten, bis zum Abschluss einer Ausbildung ihr
enthaltsrecht entstehen, wenn sie längere Zeit in
Deutschland gearbeitet haben und alters- oder
krankheitsbedingt in den Ruhestand gehen. Die
Einzelheiten sind in § 4a Abs. 2 FreizügG/EU ge- 41
Siehe unter 3.4.6.2.2.
30 DRK-Suchdienst

Aufenthaltsrecht, wenn sich die Kinder im Bundes- 3.4.1. Allgemeine Grundsätze,


gebiet aufhalten und eine Ausbildungseinrichtung § 27 AufenthG
besuchen, § 3 Abs. 4 FreizügG/EU.
Genauso wie beim Nachzug zu deutschen Fami-
Ehegatten, die nicht Unionsbürger sind, behalten lienangehörigen wird der Nachzug zum ausländi-
im Falle der rechtskräftigen Scheidung der Ehe schen Familienangehörigen nur zur Herstellung
ihr Aufenthaltsrecht, wenn sie die Voraussetzun- und Wahrung einer tatsächlichen familiären Le-
gen des § 2 Abs. 2 Nr. 1 bis 3 oder Nr. 5 erfüllen, bensgemeinschaft zugelassen. Bei Scheinehen,
also arbeiten, Arbeit suchen, selbständig sind oder Zwangsehen und Scheinverwandtschaften wird
über ausreichende Existenzmittel verfügen und ein Familiennachzug nicht zugelassen. Gleichge-
wenn schlechtliche gesetzlich anerkannte Lebenspart-
nerschaften werden weitgehend gleichgestellt.
• die Ehe bis zur Einleitung des gerichtlichen
Daher wird in diesem Zusammenhang auf die
Scheidungs- oder Aufhebungsverfahrens min-
obigen Ausführungen unter den Punkten 3.1.1. bis
destens drei Jahre bestanden hat, davon min-
3.1.3. verwiesen.
destens ein Jahr im Bundesgebiet oder
• ihnen durch Vereinbarung der Ehegatten oder 3.4.2. Erforderlicher Aufenthaltstitel,
durch gerichtliche Entscheidung die elterliche § 29 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG
Sorge für die Kinder des Unionsbürgers über-
tragen wurde oder Grundvoraussetzung ist, dass der Ausländer, zu
dem nachgezogen werden soll, im Besitz einer
• es zur Vermeidung einer besonderen Härte er-
forderlich ist, insbesondere weil dem Ehegatten • Niederlassungserlaubnis,
wegen der Beeinträchtigung seiner schutzwür- • einer befristeten Aufenthaltserlaubnis oder
digen Belange ein Festhalten an der Ehe nicht • einer Erlaubnis zum Daueraufenthalt-EG ist.
zugemutet werden konnte oder
Geduldete Ausländer und Ausländer im Asyl-
• ihnen durch Vereinbarung der Ehegatten oder verfahren, die eine Aufenthaltsgestattung besit-
durch eine gerichtliche Entscheidung das Recht zen, sind grundsätzlich vom Familiennachzug
zum persönlichen Umgang mit dem minder- ausgeschlossen.
jährigen Kind nur im Bundesgebiet eingeräumt
wurde. Im Rahmen der Beratung sollte immer zunächst
genau danach gefragt werden, welchen Aufent-
Damit ist das FreizügigG/EU wesentlich günsti- haltstitel der hier lebende Ausländer besitzt. Hier-
ger als das AufenthG. Die dauerhafte Trennung zu ist ein Blick in den Pass sehr hilfreich: Der ent-
der ehelichen Lebensgemeinschaft (wegen Zer- sprechende Paragraf ist in dem Aufkleber im Pass
rüttung der Ehe) spielt für das Freizügigkeitsrecht vermerkt, der den Aufenthaltstitel enthält!
des Ehegatten keine Rolle. Erst die rechtskräftige
Scheidung kann dazu führen, dass der Ehegatte 3.4.2.1. Besonderheiten beim
sein Freizügigkeitsrecht verliert, falls er noch kei- Familiennachzug zu Ausländern
nen Daueraufenthalt nach § 4a FreizügG/EU er- mit Aufenthalt
langt hat und die obigen Voraussetzungen für das aus humanitären Gründen
eigenständige Freizügigkeitsrecht gleichfalls nicht
erfüllt sind. Der Nachzug zu Ausländern mit einem humanitä-
ren Aufenthaltstitel nach den §§ 22-26 AufenthG
3.4. Familiennachzug zu sonstigen enthält einige wichtige Abweichungen von den all-
Ausländern (Drittstaatsangehörige) gemeinen Regeln, auf die in den nachfolgenden
Abschnitten eingegangen werden soll.
Die Voraussetzungen für den Nachzug zu auslän-
dischen Familienangehörigen, die keine Unions- 3.4.2.1.1. Nachzug zu Asylberechtigten
bürger sind, regelt das AufenthG wesentlich stren- und Konventionsflüchtlingen
ger als für den Nachzug zu Deutschen. Teilweise
decken sich die Voraussetzungen aber. Dann wird Bei einem Familiennachzug zu einem anerkann-
in der folgenden Darstellung - zur Vermeidung von ten Asylberechtigten (§ 25 Abs. 1 AufenthG) oder
Wiederholungen - auf die entsprechenden Ab- einem anerkannten Flüchtling im Sinne der Gen-
schnitte dieser Broschüre verwiesen. fer Flüchtlingskonvention (§ 25 Abs. 2 AufenthG)
Familienzusammenführung 31

sowie einem Ausländer, der aus diesem Grunde Flüchtlingsstatus, droht auch der Verlust des Auf-
bereits eine Niederlassungserlaubnis nach § 26 enthaltsrechtes. Eine Familienzusammenführung
Abs. 3 AufenthG erworben hat, ist nach § 29 ist dann nicht mehr möglich.
Abs. 2 Satz 2 AufenthG von den allgemeinen Er-
Wird der Familiennachzug zugelassen, so sollte
teilungsvoraussetzungen im Hinblick auf die
der Familienangehörige nach der Einreise kurz-
Sicherung des Lebensunterhalts und den aus-
fristig überlegen, ob er nicht selbst Asyl beantragt.
reichenden Wohnraum abzusehen, wenn
Gem. § 26 AsylVfG besteht in vielen Fällen eine
• der im Zuge des Familiennachzugs erforderliche reelle Chance auf Gewährung von Familienasyl
Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis bzw. Familienabschiebungsschutz. Dieser Aufent-
innerhalb von drei Monaten nach unanfechtba- haltsstatus gewährt bessere Rechte als der rein
rer Anerkennung der Asylberechtigung oder der familiäre Aufenthalt.
Konventionsflüchtlingseigenschaft gestellt wird
und
3.4.2.1.2. Nachzug bei Aufenthaltstiteln
• die Herstellung der familiären Lebensgemein- nach §§ 22, 23 Abs. 1,
schaft in einem Staat, der nicht Mitgliedstaat 25 Abs. 3 AufenthG
der EU ist und zu dem der Ausländer oder Fa- sowie § 24 AufenthG
milienangehörige eine besondere Beziehung
Beim Familiennachzug zu Ausländern, die als
hat, nicht möglich ist.
Kontingentflüchtlinge nach § 22 AufenthG, auf-
Die Frist von drei Monaten wird auch durch recht- grund einer bundesweiten Bleiberechtsregelung
zeitige Antragstellung des hier lebenden Auslän- nach § 23 AufenthG oder wegen der Gewährung
ders gewahrt. Der Antrag ist bei der Deutschen subisidiären Schutzes nach § 25 Abs. 3 AufenthG
Botschaft im Aufenthaltsland des Familienange- Aufenthalt bekommen haben, müssen beson-
hörigen oder beim Auswärtigen Amt in Berlin zu dere völkerrechtliche, humanitäre oder po-
stellen. litische Gründe dargelegt werden, die für den
Familiennachzug sprechen. Regelmäßig liegen
Sofern die Frist von drei Monaten überschritten anerkennungswürdige Gründe vor, wenn es kei-
wird, steht das Absehen von den allgemeinen Er- nen gemeinsamen Heimatstaat gibt und auch kein
teilungsvoraussetzungen im Ermessen der deut- Drittstaat vorhanden ist, in dem die familiäre Ge-
schen Behörden (§ 29 Abs. 2 S. 1 AufenthG). Bei meinschaft zumutbar gelebt werden könnte.
der Ermessensausübung ist zu berücksichtigen,
dass Asylberechtigte und Konventionsflüchtlinge Der Nachzug des Ehegatten oder eines minder-
mit einer Aufenthaltserlaubnis oder Niederlas- jährigen Kindes zu einem Ausländer, dem ein vo-
sungserlaubnis den Ausländern mit deutschem rübergehender Schutz im Sinne des § 24 Abs. 1
Ehegatten aufenthaltsrechtlich annähernd gleich- AufenthG (EU-Massenzustromrichtlinie) gewährt
gestellt sind. Ferner ist von ganz erheblicher wurde, richtet sich nach § 29 Abs. 4 AufenthG.43
Bedeutung, dass dem Asylberechtigten oder
Konventionsflüchtling eine Familienzusammen- 3.4.2.1.3. Ausschluss des Nachzuges
führung in einem Verfolgerstaat nicht zugemutet bei Aufenthaltstiteln
werden kann. In der Verwaltungspraxis wird daher nach §§ 25 Abs. 4, 5,
der Nachzug auch ohne gesicherten Lebensunter- 104 a, 104 b AufenthG
halt zugelassen, wenn eine Familienzusammen-
Ein legaler Familienachzug in den Fällen des
führung in einem Drittstaat nicht möglich ist.
§ 25 Abs. 4 und 5 AufenthG ist kraft Gesetzes aus-
Bei der Beratung ist darauf hinzuweisen, dass in geschlossen (§ 29 Abs. 3 S. 3 AufenthG). Diese
der behördlichen Praxis vor einer Entscheidung Ausländer müssen abwarten, bis sie eine Nieder-
über den Nachzugsantrag bzw. vor der Zustim- lassungserlaubnis nach § 26 Abs. 4 AufenthG44 er-
mung im Einreiseverfahren die Ausländerbehör- halten haben, um Familienangehörige nachziehen
den beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
(BAMF) anfragen, ob der Widerruf des Flücht-
lingsstatus in Betracht kommt. Leitet das BAMF
ein Widerrufsverfahren ein, wird die Entscheidung
über den Nachzugsantrag bzw. die Zustimmung 42
Spielt in der Praxis keine Rolle, ein Massenzustrom wurde
zur Einreise bis zum Abschluss des Widerrufsver- von der EU bislang in keinem einzigen Fall angenommen.
fahrens ausgesetzt. Kommt es zum Widerruf des
43
VAH BMI vom 22.12.2004, 2.4.3
32 DRK-Suchdienst

zu lassen. Das bedeutet eine Wartezeit von min- müssen alle erfüllt sein oder die dort genannten
destens sieben Jahren. Ausnahmen müssen vorliegen. Eine Ausweisung
oder frühere Abschiebung steht dem Familien-
nachzug entgegen, die Besonderheiten bei Asyl-
3.4.3. Ausreichender Wohnraum, bewerbern sind zu beachten. Auf die Darstellung
§ 29 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG in den Abschnitten 2.2. und 2.3. wird verwiesen.
Für den Familiennachzug zu einem Ausländer
muss für alle Familienangehörigen ausreichender 3.4.6. Ehegattennachzug, § 30 AufenthG
Wohnraum vorhanden sein. Eine abgeschlossene
Der Ehegattennachzug zu einem Ausländer ist
Wohnung mit Küche, Bad, WC ist stets als aus-
in § 30 AufenthG geregelt. Dieser beinhaltet ei-
reichend anzusehen, wenn für jede Person über
nen Rechtsanspruch („…ist zu erteilen…“), wenn
sechs Jahren zwölf Quadratmeter und für jede
die dort genannten Voraussetzungen erfüllt sind.
Person unter sechs Jahren zehn Quadratmeter
zur Verfügung stehen. Maßgebend ist nicht die
für jede Person zur Verfügung stehende Wohnflä- 3.4.6.1. Erforderlicher Aufenthaltstitel
che, sondern die Wohnungsgröße einschließlich
Dem Ehegatten eines Ausländers ist eine Aufent-
der Nebenräume insgesamt. Eine Unterschreitung
haltserlaubnis zu erteilen, wenn der Ausländer, zu
dieser Wohnungsgröße um etwa zehn Prozent ist
dem der Nachzug erfolgen soll, entweder
unschädlich.45
• eine Niederlassungserlaubnis (§ 9 AufenthG)
besitzt,
3.4.4. Sicherung des Lebensunterhalts,
§ 5 Abs. 1 Nr. 1, § 2 Abs. 3 AufenthG • eine Erlaubnis zum Daueraufenthalt-EG (§ 9a
AufenthG) besitzt,
Die Sicherung des Lebensunterhaltes ist gem. §
5 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG eine Voraussetzung für • eine Aufenthaltserlaubnis als Forscher (§ 20
die Erteilung eines jeden Aufenthaltstitels. Dieses AufenthG) besitzt,
Erfordernis stellt eine der größten Hürden für den • ein Aufenthaltserlaubnis als Asylberechtigter
Nachzug zu ausländischen Familienangehörigen (§ 25 Abs. 1 AufenthG) oder als Konventions-
dar. In der Praxis scheitern die meisten Nachzugs- flüchtling (§ 25 Abs. 2 AufenthG) besitzt,
fälle daran, dass keine hinreichenden eigenen
• seit zwei Jahren eine Aufenthaltserlaubnis be-
Mittel nachgewiesen werden können. Mit dieser
sitzt und diese nicht mit einer Nebenbestim-
Anforderung will der Gesetzgeber im deutschen
mung nach § 8 Abs. 2 AufenthG (Verlängerung
öffentlichen Interesse sicherstellen, dass kein „Zu-
ausgeschlossen) versehen ist oder die spätere
zug in die deutschen Systeme der sozialen Siche-
Erteilung einer Niederlassungserlaubnis nicht
rung“ erfolgt.
auf Grund einer Rechtsnorm (z.B. bei der Er-
Auf die ausführliche Darstellung zur „Sicherung teilung einer Aufenthaltserlaubnis zum Zwecke
des Lebensunterhaltes“ unter Punkt 2.2.2. wird des Studiums) ausgeschlossen ist,
verwiesen. • eine Aufenthaltserlaubnis besitzt, die Ehe be-
reits bei der Erteilung der Aufenthaltserlaubnis
3.4.5. Sonstige allgemeine bestand und die Dauer des Aufenthalts im Bun-
Erteilungsvoraussetzungen desgebiet voraussichtlich über ein Jahr betra-
und Versagungsgründe, gen wird,
§§ 5, 10 und 11 AufenthG • oder eine Aufenthaltserlaubnis nach § 38 a Au-
Die weiteren Regelerteilungsvoraussetzungen des fenthG (deutsche Aufenthaltserlaubnis für ei-
§ 5 AufenthG, nen in einem anderen EU-Staat langfristig Auf-
enthaltsberechtigten) besitzt und die eheliche
• Passpflicht,
Lebensgemeinschaft bereits in dem Mitglied-
• Identitätsklärung, staat der EU bestand, in dem der Ausländer die
• kein Ausweisungsgrund, Rechtsstellung eines langfristig Aufenthaltsbe-
• Einreise mit dem erforderlichen Visum, rechtigten erhalten hat.
Im Wege des Ermessens kann auch Ausländern,
die noch nicht seit zwei Jahren eine Aufenthaltser-
45
Siehe Abschnitt 3.4.6.6.1 (Ende) laubnis besitzen und den nachgeheirateten Ehe-
Familienzusammenführung 33

partner nachziehen lassen wollen, der Nachzug Gewicht zukommen lassen.46 In der behördlichen
erlaubt werden, § 30 Abs. 2 S. 2 AufenthG. Ein ty- Praxis wird bei der Ermessensentscheidung ins-
pischer Anwendungsfall ist der Nachzugswunsch, besondere berücksichtig, ob leibliche, ledige und
wenn die Ehefrau schwanger ist oder aus der Ehe minderjährige Kinder als Haushaltsangehörige
bereits ein Kind hervorgegangen ist. mittelbar oder unmittelbar von der Aufenthaltsbe-
endigung betroffen wären.47
3.4.6.2. Verständigung auf einfache Art
in deutscher Sprache, 3.4.6.6. Aufenthaltsverfestigung
§ 30 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG
3.4.6.6.1.Niederlassungserlaubnis,
Der nachzugswillige Ehepartner muss sich auf § 9 AufenthG
einfache Art in deutscher Sprache verständigen
können. Die Voraussetzungen hierfür, der Nach- Für die Erteilung einer (unbefristeten) Niederlas-
weis der Sprachkenntnisse und die Ausnahmen sungserlaubnis an den nachgezogenen Ehegatten
vom Spracherfordernis, sind im Abschnitt 3.2.2. gibt es - anders als bei Deutschverheirateten; sie-
ausführlich erläutert. he 3.2.4. - keine Sondervorschriften. Vielmehr gilt
die allgemeine Vorschrift des § 9 AufenthG. Die
Voraussetzungen für die Erteilung einer Niederlas-
3.4.6.3. Mindestalter, sungserlaubnis sind streng:
§ 30 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG
• Besitz einer Aufenthaltserlaubnis seit fünf
Beide Ehegatten müssen das 18. Lebensjahr voll- Jahren;
endet haben. Die Erläuterungen dazu finden sich
im Abschnitt 3.2.2.4. • Sicherung des Lebensunterhalts (davon ist
abzusehen, wenn dies wegen einer körperli-
chen, geistigen oder seelischen Krankheit oder
3.4.6.4. Mehrehe, Behinderung nicht möglich ist; § 9 Abs. 2 S. 6
§ 30 Abs. 4 AufenthG AufenthG iVm § 9 Abs. 2 S. 3 AufenthG);48
Im Hinblick auf die Mehrehe gilt Folgendes: So- • Altersvorsorgeleistung: Nachweis von 60 Mo-
fern ein Ehepartner bereits in Deutschland lebt, ist naten Pflichtbeiträgen oder freiwilligen Beiträ-
ein Nachzug weiterer Ehepartner im Rahmen des gen zur gesetzlichen Rentenversicherung oder
Familiennachzuges unzulässig. In Ausnahmefäl- Nachweis eines vergleichbaren privaten Ver-
len könnte allenfalls aus humanitären Gründen sicherungsschutzes (berufliche Ausfallzeiten
der Nachzug weiterer Ehepartner gem. § 25 Abs. wegen Kindererziehung oder häuslicher Pflege
4 AufenthG zugelassen werden, wenn der weite- werden angerechnet); im Regelfall muss da-
re Ehepartner z.B. aus gesundheitlichen Gründen her fünf Jahre lang sozialversicherungspflichtig
gerade auf den Beistand und die Betreuung des gearbeitet worden sein. Davon ist abzusehen
hier lebenden Ehegatten angewiesen ist. wenn dies wegen einer körperlichen, geistigen
oder seelischen Krankheit oder Behinderung
3.4.6.5. Aufenthaltsverlängerung, nicht möglich ist (§ 9 Abs. 2 S. 6 AufenthG iVm
§ 30 Abs. 3 AufenthG § 9 Abs. 2 S. 3 AufenthG);

Eine Aufenthaltserlaubnis, die zum Zwecke des • Kein Entgegenstehen von Gründen der öffent-
Ehegattennachzugs erteilt wurde, kann abwei- lichen Sicherheit oder Ordnung, wobei die
chend von § 5 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG verlängert unter Berücksichtigung der Schwere oder der
werden, auch wenn der Lebensunterhalt nicht Art des Verstoßes gegen die öffentliche Sicher-
(mehr) ohne Inanspruchnahme von öffentlichen heit oder Ordnung oder der vom Ausländer aus-
Mitteln gesichert ist oder kein ausreichender gehenden Gefahr sowie unter Berücksichtigung
Wohnraum mehr zur Verfügung steht. Vorausset-
zung ist aber, dass die eheliche Lebensgemein-
schaft fortbesteht, also tatsächlich gelebt wird. Mit
der Möglichkeit der Verlängerung der Aufenthalts- 44
Vgl. Begründung des Gesetzesentwurfs zu § 30 AufenthG,
erlaubnis trotz fehlender Erteilungsvoraussetzun- BT-Drucksache 15/420, S. 82
45
Vgl. z.B. VAB 2005, 30.3
gen hat der Gesetzgeber der Aufrechterhaltung 46
BT-Drucksache 15/420: Dieser Satz „stellt sicher, dass
der ehelichen Lebensgemeinschaft, die rechtmä- Behinderte nicht benachteiligt werden, wenn sie wegen Ihrer
ßig im Bundesgebiet gelebt wird, ein besonderes Behinderung nicht arbeiten können.“
34 DRK-Suchdienst

der die Dauer des bisherigen Aufenthalts und unmittelbare Anwendung. Das bedeutet, dass bei
dem Bestehen von Bindungen im Bundesge- einem strafrechtlichen Verhalten, welches nicht
biet zu berücksichtigen sind (§ 9 Abs. 2 Nr. 4 nur vereinzelt oder geringfügig ist, die Erteilung
AufenthG). - Hier handelt es sich um mehrere einer Niederlassungserlaubnis so lange nicht in
unbestimmte Rechtsbegriffe, die gerichtlich voll Frage kommt, bis die Eintragung der Strafe im
überprüfbar sind; so bleibt abzuwarten, was in Bundeszentralregister getilgt wurde.
der Zukunft darunter zu verstehen ist. In der be-
Bei Ausländern, die vor dem 1. Januar 2005 im
hördlichen Praxis wird ein solch schwerwiegen-
Besitz einer Aufenthaltserlaubnis oder Aufent-
der Verstoß angenommen, wenn der Ausländer
haltsbefugnis waren, ist es bei der Entscheidung
in den letzten drei Jahren wegen einer vorsätz-
über die Erteilung einer Niederlassungserlaubnis
lichen Straftat zu einer Jugendstrafe, einer Frei-
hinsichtlich der sprachlichen Kenntnisse nur er-
heitsstrafe von mindestens drei Monaten oder
forderlich, dass sie sich auf einfache Art in deut-
einer Geldstrafe von mindestens 90 Tagessät-
scher Sprache mündlich verständigen können.
zen verurteilt worden ist;49
Den Nachweis der Altersvorsorgeleistung und der
• Falls Arbeitnehmer, Ausübung einer erlaubten Grundkenntnisse der Rechts- und Gesellschafts-
Beschäftigung; ordnung müssen diese Ausländer nicht erbringen
• Falls selbständig tätig, Besitz der erforderlichen (§ 104 Abs. 2 AufenthG).
Erlaubnis; Auf die Zeiten des erforderlichen fünfjährigen Be-
• Ausreichender Wohnraum; sitzes einer Aufenthaltserlaubnis werden folgende
Zeiten angerechnet:
• Ausreichende Kenntnisse der deutschen
Sprache und • Wenn der Ausländer im Besitz einer Nieder-
lassungserlaubnis war, die durch Ausreise
• Grundkenntnisse der Rechts- und Gesell-
erloschen ist, zählen die Zeiten des früheren
schaftsordnung und der Lebensverhältnisse
Besitzes einer Aufenthaltserlaubnis oder Nie-
im Bundesgebiet.
derlassungserlaubnis bis zur Höchstdauer von
Die beiden letztgenannten Voraussetzungen kön- vier Jahren mit. Die Auslandsaufenthalte selbst
nen durch die erfolgreiche Teilnahme an einem In- werden nicht angerechnet.
tegrationskurs nachgewiesen werden. Bei körper- • Auslandsaufenthalte, die nicht zum Erlöschen
licher, geistiger oder seelischer Behinderung wird der Aufenthaltserlaubnis führten, werden bis zu
von ihnen abgesehen (§ 9 Abs. 2 S. 3 AufenthG); sechs Monaten angerechnet.
beim Vorliegen einer Härte kann von ihnen abge-
sehen werden. Asylberechtigte und Konventionsflüchtlinge
erhalten die Niederlassungserlaubnis nach der
Bezüglich des Nachweises der Altersvorsorge Sondervorschrift des § 26 Abs. 3 AufenthG. Die
reicht es bei Ehegatten, dass einer diese Voraus- weiteren Voraussetzungen des § 9 Abs. 2 müssen
setzung erfüllt. dann nicht erfüllt sein.
Seit dem Inkrafttreten des Richtlinienumsetzungs- Sonstige Ausländer mit humanitärem Aufent-
gesetzes entfällt die bisherige Regelung, dass nur halt (Kapitel 2, 5. Abschnitt AufenthG, §§ 22-26
Straftaten, die zu einer Verurteilung von mehr als AufenthG) können eine Niederlassungserlaubnis
sechs Monaten oder 180 Tagessätzen führten, erst nach siebenjährigem Besitz einer Aufent-
der Erteilung einer Niederlassungserlaubnis ent- haltserlaubnis nur nach der Ermessensvorschrift
gegenstehen. Damit findet die allgemeine Ertei- des § 26 Abs. 4 AufenthG erhalten. Zeiten eines
lungsvoraussetzung des § 5 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG Asylverfahrens werden allerdings mitgezählt, § 26
(Nichtvorliegen eines Ausweisungsgrundes) ne- Abs. 4 S. 3. Gleiches gilt für Zeiten mit Aufenthalts-
ben der Regelung zur Niederlassungserlaubnis in befugnis oder Duldung vor dem 1. Januar 2005
§ 9 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 AufenthG (Gründe der öf- (Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes), § 102
fentlichen Sicherheit oder Ordnung unter Berück- Abs. 2 AufenthG.
sichtigung der Schwere oder der Art des Verstoßes
gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung) 3.4.6.6.2. Daueraufenthalt-EG,
§ 9a AufenthG
47
Vgl. Hinweise Innenministerium Ba-Wü zum AufenthG, Neben der nationalen Niederlassungserlaubnis
9.2.4.2 wurde im Zuge der Umsetzung der EU-Richtli-
Familienzusammenführung 35

nie zum Daueraufenthalt (RL 2003/109/EG vom Voraussetzungen wegen einer körperlichen, geis-
25.11.2003) mit dem Richtlinienumsetzungsge- tigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung
setz die „Erlaubnis zum Daueraufenthalt-EG“ als nicht erfüllen kann (§ 9a Abs. 2 S. 2 AufenthG).
unbefristetes Aufenthaltsrecht in das Aufenthalts-
gesetz eingefügt. Anders als die nationale Nieder- Einige Personengruppen sind von der Erteilung
lassungserlaubnis begründet der Daueraufenthalt- des Daueraufenthalt-EG ausgeschlossen. Diese
EG ein Recht auf Weiterwanderung in ein anderes werden in § 9a Abs. 3 AufenthG benannt:
EU-Land, auch als sog. „kleine Freizügigkeit“ be- • Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis aus huma-
zeichnet, ein. nitären Gründen nach Kapitel 2, Abschnitt 5 des
WICHTIG: Dieser Daueraufenthalt-EG gem. § 38a Aufenthaltsgesetzes (außer Aufenthalt aufgrund
AufenthG darf nicht mit dem Daueraufenthalts- § 23 Abs. 2 AufenthG, z.B. jüdische Emigranten
recht gem. § 4a FreizügG/EU verwechselt wer- oder aufgrund einer vergleichbaren Regelung in
den. Letzteres ist der Daueraufenthalt für Unions- einem anderen EU-Mitgliedstaat);
bürger und ihre Familienangehörigen (siehe oben • Ausländer, die die Anerkennung als Flüchtling
unter 3.3.5.), ersteres ist der Daueraufenthalt für oder die Gewährung von subsidiärem Schutz
Drittstaatsangehörige, die sich bereits fünf Jahre beantragt haben, sofern noch keine abschlie-
rechtmäßig in Deutschland aufhalten. ßende Entscheidung vorliegt (in Deutschland
sind dies Asylbewerber mit Aufenthaltsgestat-
3.4.6.6.2.1. Erteilungsvoraussetzungen/ tung) oder Stellung eines Antrags nach § 24
Ausschluss vom Daueraufenthalt-EG AufenthG (vorübergehende Aufnahme von
Flüchtlingen bei Massenzustrom);
Einem Ausländer ist eine Erlaubnis zum Dauer-
• Diplomaten und Botschaftsangehörige mit ent-
aufenthalt-EG zu erteilen, wenn
sprechendem Sonderstatus;
• er sich seit fünf Jahren rechtmäßig im Bun-
• Ausländer mit Aufenthalt nach § 16 (Studium)
desgebiet aufhält (Inhaber von Duldung oder
der §17 AufenthG (schulische und berufliche
Aufenthaltsgestattung somit von vorneherein
Ausbildung);
ausgeschlossen);
• Nur vorübergehender Aufenthalt im Bundesge-
• er seinen Lebensunterhalt und denjenigen
biet, insbesondere dann,
seiner Angehörigen, denen er Unterhalt zu leis-
ten hat, durch feste und regelmäßige Ein- a) wenn eine Aufenthaltserlaubnis zum Zweck
künfte gesichert ist (Einzelheiten sind in § 9c der Beschäftigung nach § 18 AufenthG mit ei-
AufenthG geregelt); ner Befristung versehen ist;
• er über ausreichende Kenntnisse der deut- b) wenn die Verlängerung der Aufenthalts-
schen Sprache verfügt; erlaubnis nach § 8 Abs. 2 AufenthG ausge-
schlossen wurde;
• er über Grundkenntnisse der Rechts- und
Gesellschaftsordnung sowie der Lebensver- c) wenn eine Aufenthaltserlaubnis zum Zwe-
hältnisse im Bundesgebiet verfügt (Nachweis cke des Familiennachzugs zu einem Auslän-
im Regelfall durch erfolgreichen Besuch eines der erteilt wurde, welcher sich aber selbst nur
Integrationskurses); vorübergehend im Bundesgebiet aufhalten
darf. Eine Ausnahme ist gegeben, wenn bei
• keine Gründe der öffentlichen Sicherheit
der Aufhebung der Lebensgemeinschaft der
oder Ordnung unter Berücksichtigung der
nachziehende Ausländer bereits ein eigen-
Schwere oder der Art des Verstoßes entgegen-
ständiges Aufenthaltsrecht erworben hat.
stehen und
§ 9b AufenthG regelt die Frage, welche Aufent-
• er über ausreichenden Wohnraum für sich
haltszeiten auf die erforderliche Dauer des fünf-
und seine mit ihm in familiärer Gemeinschaft
jährigen Besitzes der Aufenthalterlaubnis gem.
lebenden Familienangehörigen verfügt.
§ 9a Abs. 2 Nr. 1 AufenthG angerechnet werden
Wie bei der Niederlassungserlaubnis wird im Hin- können. Hierzu gehören unter bestimmten Bedin-
blick auf die ausreichenden Kenntnisse der deut- gungen Zeiten eines Aufenthaltes außerhalb des
schen Sprache und der Grundkenntnisse der Bundesgebietes, in denen der Ausländer einen
Rechts- und Gesellschaftsordnung auf diese beiden Aufenthaltstitel besaß und er sich aus beruflichen
Merkmale verzichtet, wenn der Ausländer diese Gründen im Ausland aufgehalten hat; ferner Zei-
36 DRK-Suchdienst

ten eines früheren rechtmäßigen Aufenthalts bis Sobald ein langfristig Aufenthaltsberechtigter den
zu höchstens vier Jahren, wenn der Ausländer bei Aufenthaltstitel im zweiten Mitgliedstaat erhalten
seiner Ausreise aus dem Bundesgebiet im Besitz hat, werden ihm in diesem Mitgliedstaat die glei-
einer Niederlassungserlaubnis oder Daueraufent- chen Rechte zuerkannt wie im ersten Mitgliedstaat.
halt-EG war und diese unbefristeten Aufenthalts- Er genießt die gleichen Rechte wie ein langfristig
rechte allein wegen des Aufenthalts außerhalb der Aufenthaltsberechtigter in dem Staat, der ihm den
EU oder durch den Erwerb eines langfristigen Au- Status verliehen hat.
fenthaltsrechts in einem anderen EU-Mitgliedstaat
Ein langfristig Aufenthaltsberechtigter, der sich in
erloschen ist; ferner Zeiten, in denen der Auslän-
einem zweiten Mitgliedstaat aufhält, behält seine
der freizügigkeitsberechtigt innerhalb der EU war;
Rechtsstellung im ersten Mitgliedstaat, solange er
Zeiten eines rechtmäßigen Aufenthalts zum Zwe-
diese im zweiten noch nicht erworben hat. Nach
cke des Studiums oder der Berufsausbildung wer-
einem rechtmäßigen Aufenthalt von fünf Jah-
den zur Hälfte angerechnet.
ren im Hoheitsgebiet des zweiten Mitgliedstaats
Die Frist von fünf Jahren wird nicht unterbrochen, kann ein langfristig Aufenthaltsberechtigter bei
wenn der Ausländer sich außerhalb des Bundes- den zuständigen Behörden dieses Staates um die
gebietes aufgehalten und dieser Aufenthalt nicht Gewährung der Rechtsstellung eines langfristig
zum Erlöschen seines Aufenthaltstitels geführt Aufenthaltsberechtigten nachsuchen. Wird ihm
hat. Die Zeiten des Auslandsaufenthaltes werden der Status erteilt, so führt dies zum Erlöschen des
aber nicht auf die Fünfjahresfrist angerechnet. Rechtsstatus in dem ersten Mitgliedstaat (Artikel
23).
3.4.6.6.2.2. Rechtsstellung mit
Daueraufenthalt-EG/ EXKURS: Deutsche Aufenthaltserlaubnis
Recht auf Weiterwanderung für in anderen EU-Mitgliedstaaten
In Deutschland ist der Aufenthalt unbefristet und langfristig Aufenthaltsberechtigte,
berechtigt zur Ausübung jeder Erwerbstätigkeit. § 38 a AufenthG
Der Erwerb des Rechtes als langfristig Aufent- Im Fall der Weiterwanderung eines in einem an-
haltsberechtigter gem. § 38 a AufenthG (Dau- deren EU-Staat langfristig aufenthaltsberechtigten
eraufenthalt-EG) berechtigt darüber hinaus zur Drittstaatsangehörigen erteilt die Bundesrepublik
Weiterwanderung innerhalb der EU. Ein langfristig in Umsetzung der EU-Daueraufenthaltsrichtlinie
Aufenthaltsberechtigter hat das Recht, sich länger dem Drittstaatsangehörigen gem. § 38a AufenthG
als drei Monate in einem anderen Mitgliedstaat eine befristete Aufenthaltserlaubnis für die Bun-
aufzuhalten (Artikel 14 EU-Daueraufenthaltsrichtli- desrepublik Deutschland.
nie). Will der langfristig Aufenthaltsberechtigte den
Aufenthalt in einen zweiten Staat wechseln, muss Dieses Aufenthaltstitels bedarf es aber nicht, wenn
er unverzüglich, spätestens drei Monate nach der sich der Drittstaatsangehörige nur bis zu drei Mo-
Einreise dort einen Aufenthaltstitel beantragen nate im Bundesgebiet aufhalten will. Der Aufent-
(Art. 15 EU-Daueraufenthaltsrichtlinie). Die Behör- haltstitel ist ferner nicht notwendig, wenn der Aus-
den im „Zweitstaat“ können bestimmte Unterlagen länder
und Nachweise (langfristige Aufenthaltsberechti-
• von einem Dienstleistungserbringer im Rahmen
gung, Ausweispapier, Arbeitsvertrag, Mietvertrag,
einer grenzüberschreitenden Dienstleistungser-
feste und regelmäßige Einkünfte, Krankenversi-
bringung entsandt wurde (z.B. Bauarbeiter, der
cherung) verlangen.
bei einer Baufirma arbeitet, die ihren Sitz in ei-
Personen, die im ersten Mitgliedstaat als Familien- nem anderen EU-Mitgliedstaat hat);
angehörige eines langfristig Aufenthaltsberechtig-
• sonst grenzüberschreitende Dienstleistungen
ten gelten, haben das Recht, den langfristig Auf-
erbringen will (z.B. als Selbständiger);
enthaltsberechtigten in den zweiten Mitgliedstaat
zu begleiten oder ihm nachzureisen. Der zweite • sich zur Ausübung einer Beschäftigung als Sai-
Mitgliedstaat kann einem langfristig Aufenthaltsbe- sonarbeiter im Bundesgebiet aufhält oder im
rechtigten oder seinen Familienangehörigen den Bundesgebiet eine Tätigkeit als Grenzarbeiter
Aufenthalt nur verweigern, wenn die betreffende aufnehmen will (z.B. ein Drittstaatsangehöriger,
Person eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, der in Straßburg/Frankreich wohnt und einen
die öffentliche Sicherheit oder die öffentliche Ge- Daueraufenthalt-EG in Frankreich hat, aber in
sundheit darstellt. Kehl/Deutschland arbeitet).
Familienzusammenführung 37

Die Aufnahme einer Beschäftigung ist nur zuläs- sowohl zum Zeitpunkt der Antragstellung vorlagen
sig, wenn die Voraussetzungen zur Erteilung einer als auch im Zeitpunkt der behördlichen oder ge-
Aufenthaltserlaubnis zum Zwecke der Erwerbstä- richtlichen Entscheidung weiterhin vorliegen.50
tigkeit nach dem Aufenthaltsgesetz vorliegen (§§
18 Abs. 2, 19, 20, 21 AufenthG). Die Vorschriften
3.4.7.1. Kinder bis zur Vollendung
für die Aufnahme eines Studiums werden entspre-
des 16. Lebensjahres,
chend angewandt. Die Aufnahme einer Ausbil-
§ 32 Abs. 3 AufenthG
dung bedarf aber nicht der Zustimmung der Bun-
desagentur für Arbeit (§ 38 a Abs. 3 AufenthG). § 32 Abs. 3 AufenthG gibt dem Kind eines in
Deutschland lebenden Ausländers einen Rechts-
Nach Ablauf von zwölf Monaten einer Beschäfti-
anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis,
gung mit Zustimmung der Bundesagentur entfällt
wenn beide Eltern oder der allein personensor-
jede weitere Arbeitsmarktprüfung. Die Aufenthalts-
geberechtigte Elternteil eine Aufenthaltserlaubnis
erlaubnis gemäß § 38a berechtigt zur Ausübung
oder eine Niederlassungserlaubnis bzw. eine Er-
jedweder Erwerbstätigkeit.
laubnis zum Daueraufenthalt-EG gem. § 38a Au-
fenthG besitzen. Der Rechtsanspruch besteht aber
3.4.6.7. Eigenständiges Aufenthaltsrecht nur bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres. Die
des Ehegatten, § 31 AufenthG allgemeinen Erteilungsvoraussetzungen gem. § 5
AufenthG51 müssen aber erfüllt sein. Insbesonde-
Das eigenständige Aufenthaltsrecht des Ehegat-
re muss also der Lebensunterhalt für das Kind und
ten im Falle der Aufhebung der ehelichen Lebens-
für die in Deutschland lebenden Angehörigen der
gemeinschaft ist in § 31 AufenthG genauso wie für
Kernfamilie (Eltern bzw. Elternteil, minderjährige
die Ehegatten Deutscher geregelt. Auf die Ausfüh-
Geschwister) ohne Inanspruchnahme öffentlicher
rungen unter 3.2.5. wird verwiesen.
Mittel gesichert sein. Deutsche Sprachkenntnisse
müssen bei diesen Kindern aber vor der Einreise
3.4.7. Kindernachzug nicht vorhanden sein.
e Voraussetzungen für den Nachzug
Die Nac von Kin- Damit besteht die Möglichkeit, dass eine ausländi-
dern zu in Deutschland lebenden Ausländern bzw. sche Frau, die einen deutschen Mann geheiratet
für den Fall der gemeinsamen Einreise sind bei hat und zunächst ohne ihre Kinder nach Deutsch-
minderjährigen und ledigen Kindern als Rechts- land gezogen ist, ihre Kinder aus einer vorherigen
ansprüche ausgestaltet, wobei die tatbestandli- Beziehung später nachholen kann. Die Mutter
chen Voraussetzungen der jeweiligen Anspruchs- muss allein personensorgeberechtigt sein. Der
grundlagen sich danach unterscheiden, wie alt leibliche Vater muss daher wirksam auf sein Sor-
die Kinder sind. Zur Vermeidung einer außerge- gerecht nach dem ausländischen Recht verzichtet
wöhnlichen Härte kann in Ausnahmefällen im Er- haben. In den Fällen, in denen das ausländische
messenswege ein Nachzug zugelassen werden, Recht die Übertragung der alleinigen Personen-
wenn die gesetzlichen Tatbestandsvoraussetzun- sorge auf den in Deutschland lebenden Elternteil
gen nicht erfüllt sind. nicht vorsieht, ist § 32 Abs. 3 AufenthG entspre-
WICHTIG: Verfahrensrechtlich ist zu beachten, chend anzuwenden, weil es eine vom Gesetz-
dass es für die Bestimmung des Nachzugsal- geber des Aufenthaltsgesetzes weder gesehene
ters nicht darauf ankommt, wie alt die Kinder im noch gewollte Reglungslücke darstellt, alle einem
Zeitpunkt der behördlichen oder gerichtlichen bestimmten Staat angehörenden Kinder von einem
Entscheidung sind. Vielmehr kommt es in diesen Anspruch auf Nachzug zu einem im Bundesgebiet
Fällen auf den Zeitpunkt der Antragstellung an. lebenden Elternteil auszuschließen, wenn dies al-
War das Kind noch unter 16, als es den Visumsan- lein darauf beruht, dass das Heimatrecht des Kin-
trag stellte, so richtet sich der Nachzug auch dann des nur eine partielle und keine vollständige Sor-
nach der günstigeren Vorschrift des § 32 Abs. 3 gerechtsübertragung auf einen Elternteil kennt.52
AufenthG (vgl. 3.4.7.1.), wenn das Kind im Laufe
des Visumverfahrens oder eines anschließenden
gerichtlichen Verfahrens die 16-Jahres-Schwelle
übersteigt oder gar volljährig wird. Allerdings ver- 48
OVG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 25.4.07, 12 B 16.07,
in: InfAuslR 2007, 340-343
langen die Gerichte in einem solchen Fall, dass 49
Siehe Abschnitt 2.2.
die übrigen Erteilungsvoraussetzungen (wie zum 50
Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom
Beispiel die Sicherung des Lebensunterhaltes) 25.4.07, 12 B 2.05, in: NJ 2008, 85
38 DRK-Suchdienst

Spätaussiedler, die zunächst allein ohne ihre USA, Andorra, Honduras, Monaco und San Marino
Familienangehörigen nach Deutschland kommen, aufgewachsen sind. Auch bei Kindern, die nach-
holen ihren Ehegatten nach § 28 Abs. 1 Nr. 1 weislich aus einem deutschsprachigen Elternhaus
AufenthG nach, nachdem sie durch Aufenthalts- stammen oder die im Ausland nicht nur kurzzei-
nahme im Bundesgebiet die deutsche Staatsan- tig eine deutschsprachige Schule besucht haben,
gehörigkeit erworben haben. Die Kinder aus einer geht die Behördenpraxis davon aus, dass sie sich
vorherigen Beziehung des nichtdeutschen Ehegat- integrieren werden.54
ten können ebenfalls nach § 32 Abs. 3 AufenthG
nachgeholt werden. 3.4.7.3. Kinder bis zur Vollendung
des 18. Lebensjahres von
3.4.7.2. Kinder nach Vollendung Asylberechtigten oder
des 16. und vor Vollendung Konventionsflüchtlingen,
des 18. Lebensjahres, § 32 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG
§ 32 Abs. 2 AufenthG Eine Besonderheit gilt gem. § 32 Abs. 1 Nr. 1 Au-
Nach Vollendung des 16. Lebensjahres und vor fenthG für die Kinder von Asylberechtigten und
Vollendung des 18. Lebensjahres besteht ein Konventionsflüchtlingen, die eine Aufenthaltser-
Rechtsanspruch auf Erteilung einer Aufenthalts- laubnis nach § 25 Abs. 1 oder 2 AufenthG oder
erlaubnis nach § 32 Abs. 2 AufenthG auch dann, bereits eine Niederlassungserlaubnis nach § 26
wenn beide Eltern oder der allein personensorge- Abs. 3 AufenthG besitzen. Diese Kinder haben
berechtigte Elternteil eine Aufenthaltserlaubnis bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres einen
oder eine Niederlassungserlaubnis bzw. eine Er- Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis,
laubnis zum Daueraufenthalt-EG besitzen und das unabhängig von deutschen Sprachkenntnissen
Kind zusätzlich entweder oder einer positiven Integrationsprognose.

• die deutsche Sprache beherrscht oder Allerdings müssen die allgemeinen Erteilungsvor-
aussetzungen des § 5 AufenthG erfüllt sein, wobei
• gewährleistet erscheint, dass es sich aufgrund unter bestimmten Voraussetzungen die Sicherung
seiner bisherigen Ausbildung und Lebensver- des Lebensunterhaltes und das Wohnraumerfor-
hältnisse in die Lebensverhältnisse der Bun- dernis keine Rolle spielen, siehe § 29 Abs. 2 Au-
desrepublik Deutschland einfügen kann (posi- fenthG sowie unten unter 3.4.2.1.1.
tive Integrationsprognose).
Wann die Sprache beherrscht wird, ist entspre- EXKURS: Familiennachzug eines Elternteils
chend der Definition der Stufe C1 des Gemein- zu einem minderjährigen Flüchtling,
samen Europäischen Referenzrahmens für Spra- § 36 Abs. 1 AufenthG
chen (GER) zu bestimmen. Der Nachweis, dass Durch das Richtlinienumsetzungsgesetz ist jetzt
dieser Sprachstand erreicht ist, wird durch eine ein Rechtsanspruch der Eltern eines anerkannten
Bescheinigung einer geeigneten in- oder aus- minderjährigen Flüchtlings auf Nachzug einge-
ländischen Stelle erbracht, die auf Grund eines führt worden. Den Eltern eines minderjährigen
Sprachstandstests ausgestellt wurde. Hält sich Ausländers, der eine Aufenthaltserlaubnis nach §
das Kind dagegen bereits im Bundesgebiet auf, so 25 Abs. 1 oder Abs. 2 AufenthG (Asylberechtigter
genügt es, wenn das letzte Schulzeugnis für oder Konventionsflüchtling) besitzt oder dem zwi-
das Fach „Deutsch“ die Note 4 oder besser aus- schenzeitlich eine Niederlassungserlaubnis nach
weist.53 § 26 Abs. 3 AufenthG erteilt wurde, ist eine Aufent-
Nach der Behördenpraxis soll die positive Integ- haltserlaubnis nach § 36 Abs. 1 AufenthG zu ertei-
rationsprognose maßgeblich von den Kenntnissen len. Dabei wird von den allgemeinen Erteilungs-
der deutschen Sprache abhängen und im Allge- voraussetzungen des § 5 Abs. 1 Nr. 1 (Sicherung
meinen bei Kindern anzunehmen sein, die in ei- des Lebensunterhalts) sowie des § 29 Abs. 1 Nr.
nem Mitgliedstaat der Europäischen Union oder 2 AufenthG (ausreichender Wohnraum) abgese-
des EWR oder in Staaten wie Australien, Israel, hen, sofern sich kein sorgeberechtigter Elternteil
Japan, Kanada, Republik Korea, Neuseeland, bereits im Bundesgebiet aufhält. In der Praxis wird

51
VAB 2005, 32.2 52
Vgl. VAH BMI vom 22.12.04, 32.2.5
Familienzusammenführung 39

diese Regelung selten zur Anwendung kommen, Bei nicht-deutschen Ehegatten von Spätaussied-
da unbegleitet eingereiste minderjährige Flücht- lern besteht nach dieser Vorschrift die Möglich-
linge in der Regel keine eigenständigen Anerken- keit, die Kinder aus einer früheren Beziehung
nungsgründe (eigene erlittene Verfolgung) haben. bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres ohne
Nachweis deutscher Sprachkenntnisse mit nach
Deutschland zu nehmen, wenn der Umzug im glei-
3.4.7.4. Gemeinsame Lebensmittelpunkt-
chen Zeitraum erfolgt und das alleinige Sorgerecht
verlagerung mit Kindern
besteht (sowie der Lebensunterhalt gesichert ist,
bis zur Volljährigkeit,
wozu eine Verpflichtungserklärung des deutschen
§ 32 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG
Stiefvaters bzw. der deutschen Stiefmutter ausrei-
Eine weitere Besonderheit gilt gem. § 32 Abs. 1 chen kann).
Nr. 2 AufenthG für Kinder bis zur Vollendung des
18. Lebensjahres, die gemeinsam mit ihren Eltern
bzw. dem allein personensorgeberechtigten El- 3.4.7.5. Kindernachzug zu einem
ternteil ihren Lebensmittelpunkt nach Deutsch- Ausländer mit einer
land verlegen. Auch diese Kinder haben einen Aufenthaltserlaubnis
Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis, nach § 38 a AufenthG
ohne dass es auf bereits bestehende Deutsch- Dem minderjährigen ledigen Kind eines Auslän-
kenntnisse oder eine positive Integrationsprogno- ders, der eine Aufenthaltserlaubnis nach § 38a
se ankäme. § 5 Abs. 1 AufenthG gilt aber ohne AufenthG (weiter gewanderter langfristig Au-
Ausnahmen. Dabei bedeutet die gemeinsame fenthaltsberechtigter in einem andern EU-Staat)
Verlagerung des Lebensmittelpunktes in das Bun- besitzt, ist eine Aufenthaltserlaubnis zu erteilen,
desgebiet nicht, dass alle Familienangehörigen wenn eine familiäre Lebensgemeinschaft in dem
gleichzeitig in das Bundesgebiet einreisen. Die Mitgliedstaat der EU bereits bestand, in dem der
gemeinsame Verlagerung des Lebensmittelpunk- Ausländer die Rechtsstellung eines langfristig Au-
tes bezieht sich eher auf einen Vorgang, dessen fenthaltsberechtigten besitzt. Dasselbe gilt, wenn
Dauer sich nach den Umständen des Einzelfalls der Ausländer unmittelbar vor der Erteilung einer
bestimmt. Niederlassungserlaubnis oder einer Erlaubnis
So bedarf ein Umzug der ganzen Familie oft weit zum Daueraufenthalt-EG eine Aufenthaltserlaub-
reichender Vorbereitungen (z.B. Wohnungssuche, nis nach § 38 a AufenthG besaß.
Suche nach einem Kindergarten- oder Schulplatz,
Auswahl der Betreuungsperson etc.). Dazu kann
es sachgerecht sein, dem Kind vor dem Umzug 3.4.7.6. Kindernachzug nach Ermessen,
nach Deutschland die Beendigung des laufenden § 32 Abs. 4 AufenthG
Schuljahres55 zu ermöglichen. Die Behördenpraxis
Wenn keiner der oben dargestellten Anspruchsfäl-
geht davon aus, dass die Verlagerung des Lebens-
le gegeben ist, kann dem minderjährigen ledigen
mittelpunktes nach Deutschland normalerweise
Kind eines Ausländers eine Aufenthaltserlaubnis
binnen drei Monaten für alle betroffenen Familien-
erteilt werden, wenn es aufgrund der Umstände
angehörigen abgeschlossen sein muss. Wird der
des Einzelfalls zur Vermeidung einer besonderen
Zeitraum von drei Monaten aus nachvollziehbaren
Härte erforderlich ist. Hierbei sind das Kindeswohl
Gründen durch einzelne Familienmitglieder über-
und die familiäre Lebenssituation zu berücksich-
schritten, etwa zur Beendigung eines Schuljahres
tigen.
oder eines Ausbildungsabschnittes im Ausland,
zur vorübergehenden Fortsetzung eines im Aus- In der Behördenpraxis wird diese Vorschrift sehr
land bestehenden Arbeitsverhältnisses bei langen eng ausgelegt. Gibt es keinen plausiblen Grund,
Kündigungsfristen oder für eine längere Urlaubs- warum das Kind nicht bereits mit den Eltern zu-
reise, ist dies ebenfalls unerheblich, sofern das sammen nach Deutschland eingereist ist, wird
Gesamtbild eines Umzuges der gesamten Familie regelmäßig davon ausgegangen, dass das Kind
vom Ausland in das Bundesgebiet gewahrt bleibt. weiterhin im Ausland betreut und erzogen werden
kann. Eine besondere Härte kann sich aber ins-
besondere dann ergeben, wenn die bisherige Be-
treuungsperson im Heimatland wegen Todes oder
Krankheit unerwartet nicht mehr in der Lage ist,
53
BT-Drucksache 15/420, S. 83 die Betreuung auszuüben.
40 DRK-Suchdienst

3.4.7.7. Geburt eines Kindes WICHTIG: Für die Erteilung der Aufenthaltserlaub-
im Bundesgebiet, nis nach § 33 AufenthG spielt § 5 AufenthG keine
§ 33 AufenthG Rolle (§ 33 Abs. 1 S. 1 AufenthG). Es ist daher
egal, ob der Lebensunterhalt des Kindes gesichert
Bislang galt die Regelung, dass von Amts wegen
ist und ob ausreichender Wohnraum vorhanden
dem im Bundesgebiet geborenen ausländischen
ist. Auch ein Pass für das Kind oder ein Eintrag im
Kind mit einer Mutter, welche eine Aufenthalts-
Pass der Eltern muss nicht vorliegen!
erlaubnis besitzt, eine Aufenthaltserlaubnis nach
§ 33 AufenthG zu erteilen war. Diese Regelung Bei der Geburt eines Kindes im Bundesgebiet soll-
wurde vom Bundesverfassungsgericht als unver- te § 4 Abs. 3 Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG)
einbar mit dem Gleichheitsgrundsatz des Art. 3 GG nicht übersehen werden. Danach erwirbt ein Kind
betrachtet.56 Mit dem Richtlinienumsetzungsge- durch die Geburt im Inland die deutsche Staats-
setz ist die Neufassung des § 33 AufenthG in angehörigkeit, wenn ein Elternteil zum Zeitpunkt
Kraft getreten. der Geburt seit acht Jahren rechtmäßig seinen
gewöhnlichen Aufenthalt im Inland hat und der El-
Nach dem neuen § 33 AufenthG „kann“ dem aus-
ternteil zu diesem Zeitpunkt entweder
ländischen hier in Deutschland geborenen Kind
also nur noch im Ermessenswege eine Aufent- • freizügigkeitsberechtigter Unionsbürger oder
haltserlaubnis erteilt werden, wenn entweder der gleichgestellter Staatsangehöriger eines EWR-
Vater oder die Mutter eine Aufenthaltserlaubnis, Staates ist oder
Niederlassungserlaubnis oder die Erlaubnis zum
• eine Aufenthaltserlaubnis-EU oder
Daueraufenthalt-EG besitzt. In der Gesetzesbe-
gründung heißt es, dass bei der Ermessensaus- • eine Niederlassungserlaubnis bzw. eine Erlaub-
übung auf die Qualität der Beziehung des Eltern- nis zum Daueraufenthalt-EG besitzt.
teils zum Kind maßgeblich abgestellt werden soll,
Da es lediglich auf einen Elternteil ankommt, kann
von dem der Aufenthalt des Kindes abgeleitet
die deutsche Staatsangehörigkeit auch aufgrund
werden soll. Beschränkt sich die Beziehung bei-
des Aufenthalts des Vaters erworben werden.
spielsweise lediglich auf die Vaterschaftsanerken-
nung, soll vom Vater kein Aufenthaltsrecht abge- Darüber hinaus erwirbt ein ausländisches Kind
leitet werden können. Übt der Vater tatsächlich ein automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit,
Umgangsrecht aus bzw. besteht eine familiäre Le- wenn es zum Beispiel von dem deutschen Stief-
bensgemeinschaft, so leitet sich die Aufenthalts- vater adoptiert wird und der notarielle Antrag auf
erlaubnis des Kindes nunmehr auch vom Vater Annahme als Kind (Adoption) vor Vollendung des
ab. Allerdings soll auch der Aufenthaltsstatus des 18. Lebensjahres beim Vormundschaftsgericht ge-
anderen Elternteils berücksichtigt werden können. stellt wurde.
Ist dieser ausreisepflichtig und könnte die famili-
äre Lebensgemeinschaft auch im Heimatland der
Eltern gelebt werden, so soll dies ein Grund sein, 3.4.7.8. Aufenthaltsverlängerung,
dem Kind die Aufenthaltserlaubnis zu versagen.57 § 34 AufenthG

Ein Rechtsanspruch auf Erteilung einer Aufent- § 34 AufenthG regelt die Verlängerung des Aufent-
haltserlaubnis besteht allerdings, sofern beide haltstitels nach erstmaliger Erteilung aus familiä-
Elternteile oder der allein personensorgeberech- ren Gründen.
tigte Elternteil eine Aufenthaltserlaubnis, eine Die Aufenthaltserlaubnis eines Kindes ist auch
Niederlassungserlaubnis oder eine Erlaubnis zum dann zu verlängern, wenn der Lebensunterhalt
Daueraufenthalt-EG zum Zeitpunkt der Geburt be- nicht mehr gesichert ist oder ein ausreichender
sitzen. Wohnraum nicht mehr zur Verfügung steht. Vor-
In beiden Fällen wird die Aufenthaltserlaubnis von aussetzung ist aber, dass das Kind mit dem per-
Amts wegen erteilt. sonensorgeberechtigten Elternteil in familiärer
Lebensgemeinschaft zusammenlebt und dieser
Elternteil im Besitz einer Aufenthalts- oder Nieder-
lassungserlaubnis bzw. einer Erlaubnis zum Dau-
eraufenthalt-EG ist, § 34 Abs. 1 S. 1 AufenthG.
Unabhängig vom Aufenthaltsrecht der Eltern und
54
BVerfG, Beschluss vom 25.10.2005 –2 BvR 524/01, bei
www.asyl.net dem Fortbestand der familiären Lebensgemein-
55
So VAB 2005, 33.1.1 schaft ist die Aufenthaltserlaubnis des Kindes zu
Familienzusammenführung 41

verlängern, wenn bereits die besonderen Vor- ren Gründen60 besitzen, ist ohne Erfüllung weite-
schriften des Rechtes auf Wiederkehr gemäß § 37 rer Voraussetzungen die Niederlassungserlaubnis
AufenthG erfüllt sind.58 Damit gewährt § 37 Auf- zu erteilen. Die strengen Voraussetzungen nach
enthG nicht nur ein Recht auf Wiederkehr, son- § 9 Abs. 2 AufenthG müssen nicht vorliegen. Bei
dern auch ein Bleiberecht. dieser Regelung wird nämlich davon ausgegan-
gen, dass diese Kinder sich bereits sehr weitge-
hend in die rechtliche, wirtschaftliche und soziale
3.4.7.9. Eigenständiges Aufenthaltsrecht Ordnung der Bundesrepublik Deutschland einge-
des Kindes, fügt haben. Der Antrag kann bis zum Eintritt der
§ 34 Abs. 2 AufenthG Volljährigkeit gestellt werden.
Mit Eintritt der Volljährigkeit wird die einem Kind Ab Eintritt der Volljährigkeit des Kindes richtet
erteilte Aufenthaltserlaubnis zu einem eigenstän- sich die Erteilung der Niederlassungserlaubnis
digen, vom Familiennachzug unabhängigen Auf- nach § 35 Abs. 1 S. 2 AufenthG. Diese Vorschrift
enthaltsrecht. Die gleiche Wirkung tritt bei der verlangt, dass
Erteilung der Niederlassungserlaubnis bzw. bei
• der Ausländer volljährig und seit fünf Jahren im
Erteilung einer Erlaubnis zum Daueraufenthalt-
Besitz der Aufenthaltserlaubnis ist und
EG für das Kind ein oder wenn die Aufenthaltser-
laubnis wegen des Vorliegens der Voraussetzun- • er über ausreichende Kenntnisse der deutschen
gen des § 37 AufenthG (Recht auf Wiederkehr) Sprache verfügt und
verlängert worden ist. Damit wird klargestellt, dass
• sein Lebensunterhalt gesichert ist oder er sich
in diesen Fällen der Aufenthalt nicht mehr vom
in einer Ausbildung befindet, die zu einem aner-
Fortbestand der familiären Lebensgemeinschaft
kannten schulischen oder beruflichen Bildungs-
abhängig ist.
abschluss führt.
Dies führt aber auch dazu, dass für das volljäh-
rig gewordene Kind der § 5 Abs. 1 AufenthG Der fünfjährige Besitz der Aufenthaltserlaubnis
wieder voll zur Anwendung kommt. Ab Eintritt der aus familiären Gründen muss nicht bereits bei Ein-
Volljährigkeit muss daher insbesondere der Le- tritt der Volljährigkeit gegeben sein. Ausreichend
bensunterhalt des Kindes eigenständig oder aus ist es, wenn zum Zeitpunkt der behördlichen Ent-
realisierbaren (Unterhalts-)Ansprüchen gesichert scheidung die fünf Jahre voll sind. Sofern der jun-
sein. Bei der Beratung ist daher darauf hinzuwei- ge Ausländer im Bundesgebiet länger als vier Jah-
sen, wie wichtig es ist, dass die Kinder möglichst re eine deutschsprachige Schule besucht hat, wird
rasch in die unbefristete Niederlassungserlaubnis regelmäßig davon ausgegangen, dass er die er-
hineinwachsen. forderlichen Sprachkenntnisse besitzt. Liegt noch
keine eigene Erwerbstätigkeit vor, wird die schu-
lische oder berufliche Ausbildung in vielen Fällen
3.4.7.10. Aufenthaltsverfestigung/ ausschlaggebend sein. Falls ein Ausbildungsplatz
Niederlassungserlaubnis, nicht gefunden werden kann, ist zu empfehlen,
§ 35AufenthG das ausländische Kind auf einer Berufsfachschule
anzumelden.
§ 35 AufenthG erleichtert gegenüber § 9 Abs. 2
AufenthG den Erwerb der Niederlassungserlaub- Zu einem „anerkannten schulischen oder berufli-
nis für Ausländer, die im Wege des Kindernachzu- chen Bildungsabschluss“ führt nicht nur der Be-
ges nach Deutschland gekommen sind.59 such einer allgemeinbildenden Schule, sondern
auch der Besuch von Berufsfachschulen (z.B.
Ausländischen Kindern, die im Zeitpunkt der Voll- Handelsschule) oder sonstigen öffentlichen oder
endung des 16. Lebensjahres seit mindestens staatlich anerkannten berufsbildenden Schulen.
fünf Jahren eine Aufenthaltserlaubnis aus familiä- Die Berufsvorbereitung oder berufliche Grundaus-
bildung sowie die Tätigkeit als Praktikant oder Vo-
lontär reicht allerdings nicht aus.
56
Siehe Erläuterung zu § 37 AufenthG unter 3.7.
57
Wegen der weiter gehenden Rechtsfolgen - Weiterwan-
derung innerhalb der EU ! - sollte aber immer auch geprüft
werden, ob nicht die Erlaubnis zum Daueraufenthalt-EG
nach § 9a AufenthG in Betracht kommt; siehe oben 58
Nach Kapitel 2, 6. Abschnitt AufenthG, reichen andere Au-
unter 3.4.6.6.2. fenthaltstitel, z.B. aus humanitären Gründen, nicht!
42 DRK-Suchdienst

Auf die Voraussetzung von fünf Jahren werden in Nr. 2 AufenthG) sowie der Sicherung des Lebens-
der Regel nicht die Zeiten angerechnet, in denen unterhalts (§ 35 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 und § 35 Abs. 3
das Kind außerhalb des Bundesgebiets die Schule Satz 1 Nr. 3 AufenthG) abzusehen, wenn das Kind
besucht hat (§ 35 Abs. 2 AufenthG). Im Einzelfall wegen einer körperlichen, geistigen oder seeli-
können aber Ausnahmen gerechtfertigt sein, wie schen Krankheit oder Behinderung zur Erfüllung
etwa bei dem Besuch einer deutschsprachigen dieser Voraussetzungen nicht in der Lage ist (§ 35
Schule im Ausland.61 Abs. 4 AufenthG). Das ist dann der Fall, wenn für
die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehren-
Kein Anspruch auf Erteilung einer Niederlas-
den Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens
sungserlaubnis besteht auch nach einem Aufent-
voraussichtlich auf Dauer in erheblichem Maße
halt von fünf Jahren nicht, wenn
eine Hilfsbedürftigkeit besteht.62
• ein auf dem persönlichen Verhalten des Auslän-
ders beruhender Ausweisungsgrund vorliegt
(§ 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 AufenthG), 3.5. Besonderheiten bei
türkischen Staatsangehörigen
• der Ausländer in den letzten drei Jahren wegen
einer vorsätzlichen Straftat zu einer Jugend- Aufgrund der langfristig beabsichtigten Aufnahme
Aufnah
strafe von mindestens sechs oder einer Frei- der Türkei in die Europäische Union bestehen be-
heitsstrafe von mindestens drei Monaten oder reits jetzt aufenthaltsrechtliche Besonderheiten für
einer Geldstrafe von mindestens 90 Tagessät- türkische Staatsangehörige. Diese ergeben sich
zen verurteilt worden oder wenn die Verhän- aus dem „Beschluss Nr. 1/80 des Assoziationsrats
gung einer Jugendstrafe ausgesetzt ist (§ 35 der EWG-Türkei über die Entwicklung der Asso-
Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 AufenthG), ziation (ARB 1/80)“ sowie der dazu ergangenen
Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs.
• der Lebensunterhalt nicht ohne Inanspruch- So bedürfen türkische Staatsangehörige, de-
nahme von SGB II, XII oder VIII (Jugendhilfe) nen nach dem ARB 1/80 Assoziationsabkommen
gesichert ist, es sei denn, der Ausländer be- EWG/Türkei und den dazu ergangenen Assoziati-
findet sich in einer Ausbildung, die zu einem onsratsbeschlüssen ein Aufenthaltsrecht zusteht,
anerkannten schulischen oder beruflichen Bil- keines Aufenthaltstitels (§ 4 Abs. 1 AufenthG). Sie
dungsabschluss führt (§ 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 haben aber nach § 4 Abs. 5 AufenthG die Pflicht,
AufenthG). das Bestehen des Aufenthaltsrechtes durch den
In diesen Fällen kann aber die Niederlassungs- Besitz einer Aufenthaltserlaubnis nachzuweisen.
erlaubnis dennoch im Ermessenswege erteilt Diese wird auf Antrag ausgestellt, sofern der türki-
oder aber nur die Aufenthaltserlaubnis verlängert sche Arbeitnehmer weder eine Niederlassungser-
werden (§ 35 Abs. 3 Satz 2 AufenthG). Das be- laubnis noch eine Erlaubnis zum Daueraufenthalt-
deutet, dass die Erteilung der Niederlassungser- EG besitzt.
laubnis oder die Verlängerung der Aufenthalts- WICHTIG: Für die erstmalige Einreise nach
erlaubnis trotz Vorliegens der Gründe des § 35 Deutschland im Wege des Familiennachzuges
Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 bis 3 AufenthG nicht ausge- gelten für türkische Staatsangehörige keine Be-
schlossen ist. Auch im Falle einer strafrechtlichen sonderheiten. Der Familiennachzug richtet sich
Verurteilung, die zur Bewährung ausgesetzt wur- vielmehr nach den Vorschriften des AufenthG.
de, wird die Aufenthaltserlaubnis in der Regel bis
zum Ablauf der Bewährungszeit verlängert (§ 35 Im Rahmen der Verlängerung von Aufenthalts-
Abs. 3 Satz 3 AufenthG). Diese strafrechtlichen rechten für bereits in Deutschland lebende türki-
Verurteilungen führen also nicht unmittelbar zu sche Staatsangehörige kann sich dann aber aus
einer Aufenthaltsbeendigung! Sie stellen dement- dem ARB Nr. 1/80 ein Aufenthaltsrecht ergeben:
sprechend eine spezialgesetzliche Regelung zu • Nach Art. 6 Abs. 1 Spiegelstrich 1 ARB Nr. 1/80
den Ausweisungstatbeständen der §§ 53 bis 56 hat ein türkischer Arbeitnehmer nach einem
AufenthG dar. Jahr ordnungsmäßiger Beschäftigung bei
Schließlich ist von den Voraussetzungen der aus- dem selben Arbeitgeber einen Anspruch auf
reichenden Sprachkenntnisse (§ 35 Abs. 1 Satz 2 Erneuerung seiner Arbeitserlaubnis bei diesem

59
BT-Drucksache 15/420, S. 84 60
BT-Drucksache 15/420, S. 84
Familienzusammenführung 43

Arbeitgeber, sofern dieser einen Arbeitsplatz als Arbeitnehmer beschäftigt zu sein. Auch hier
weiter zur Verfügung stellt. Aus diesem An- ist § 9 Abs. 1 Nr. 2 Beschäftigungsverfahrens-
spruch auf Erneuerung der Arbeitserlaubnis ordnung mit heranzuziehen.
folgt unmittelbar ein Anspruch auf Verlängerung
• Das Kind türkischer Arbeitnehmer (das sind
der Aufenthaltserlaubnis.
auch die Stiefkinder63), von denen ein Eltern-
• Nach dreijähriger ordnungsmäßiger Be- teil mindestens drei Jahre ordnungsgemäß im
schäftigung beim selben Arbeitgeber, hat Bundesgebiet beschäftigt war, hat unabhängig
nach Art. 6 Abs. 1 Spiegelstrich 2 ARB Nr. 1/80 von der Dauer und dem Zweck seines Aufent-
der türkische Arbeitnehmer das Recht, sich halts das Recht, sich im Bundesgebiet zum
einen Arbeitsplatz in dem gleichen Beruf bei Zwecke der Bewerbung auf jedes Stellenan-
einem anderen Arbeitgeber zu suchen. Das gebot aufzuhalten, wenn es im Bundesgebiet
bedeutet, dass, obwohl der türkische Arbeit- eine Berufsausbildung abgeschlossen hat.
nehmer den Arbeitgeber wechselt, er den An-
spruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis
3.6. Nachzug sonstiger Familienangehöriger
zur Ausübung seiner Erwerbstätigkeit auch bei
§ 36 Abs. 2 AufenthG
dem anderen Arbeitgeber behält.
Der Nachzug von Familienangehörigen außerhalb
• Schließlich hat ein türkischer Arbeitnehmer nach
der Kernfamilie (Ehegatten oder minderjährige
Art. 6 Abs. 1 Spiegelstrich 3 ARB Nr. 1/80 nach
ledige Kinder) zu deutschen als auch zu auslän-
vier Jahren ordnungsgemäßer Erwerbstä-
dischen Familienangehörigen ist gleichlautend in
tigkeit das Recht, sich in der Bundesrepublik
§ 36 Abs. 2 AufenthG geregelt. Der Nachzug ist da-
Deutschland jedwede Arbeit zu suchen, unab-
nach nur zulässig, wenn eine „außergewöhnliche
hängig vom Arbeitgeber und von der Art der Be-
Härte“ vorliegt, selbst dann liegt noch ein Ermessen
schäftigung. Für die Ausübung dieser Tätigkeit
vor und im Übrigen müssen alle Voraussetzungen
hat der türkische Arbeitnehmer wie zuvor auch
des § 5 Abs. 1 AufenthG erfüllt sein. Der Nachzug
einen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthalts-
ist in diesen Fällen daher die absolute Ausnahme.
erlaubnis.
Es kommen insbesondere folgende Nachzugs-
Neben Art. 6 ARB 1/80 ist aber auch die für alle konstellationen in Betracht:
Ausländer geltende Vorschrift des § 9 Abs. 1
Nr. 2 Beschäftigungsververfahrensordnung zu be- • Eltern zu ihren volljährigen Kindern,
achten. Danach besteht bereits nach dreijährigem • volljährige Kinder zu ihren Eltern,
rechtmäßigen Aufenthaltes in Deutschland ein
unbeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt. Daher • Minderjährige zu engen, volljährigen Familien-
spielt der 3. Spiegelstrich des Art. 6 ARB 1/80 in angehörigen, falls diese die alleinige Personen-
der Praxis kaum eine Rolle. sorge innehaben.
Verfügt der nachzugswillige Familienangehörige
Im Wege des Familiennachzuges zu einem türki-
über familiäre Bindungen im Ausland, die stärker
schen Staatsangehörigen nachgezogene Fami-
sind als diejenigen nach Deutschland, wird der
lienangehörige können sich - nach erfolgtem Nach-
Nachzug regelmäßig versagt.
zug - selbst auf Art. 6 ARB 1/80 berufen, sofern
sie die dort genannten Voraussetzungen in eige- Der Begriff der außergewöhnlichen Härte ist ein
ner Person erfüllen. Ferner gewährt Art. 7 ARB unbestimmter Rechtsbegriff und durch das Gericht
1/80 den Familienangehörigen eine Reihe von voll nachprüfbar. Es muss sich um eine außerge-
Sonderrechten: wöhnliche Härte handeln, die über die allgemeine
Härte, dass die Mitglieder der Familie in verschiede-
• Ein Aufenthaltsrecht aus Art. 7 Satz 1, 1. Spie-
nen Ländern leben, hinausgeht. Es wird auch nicht
gelstrich ARB 1/80 erwirbt ein Familienange-
nur eine besondere Härte wie in § 32 Abs. 4 Auf-
höriger eines dem regulären Arbeitsmarkt
enthG, sondern eine außergewöhnliche Härte vor-
angehörenden türkischen Arbeitnehmers,
ausgesetzt. Entweder der in Deutschland lebende
der nach nationalem Recht die Genehmigung
erhalten hat, zu diesem zu ziehen, und dort seit
mindestens drei Jahren seinen ordnungs-
gemäßen Wohnsitz hat. Das Aufenthaltsrecht
wird zu dem Zweck gewährt, sich im Bundesge-
biet auf ein Stellenangebot zu bewerben bzw. 61
EuGH, Urteil vom 30.09.2004, Rg C 275/02 - Ayaz
44 DRK-Suchdienst

oder der nachzugswillige Familienangehörige Der junge Ausländer muss sich vor der Ausreise
müssen auf familiäre Lebenshilfe angewiesen mindestens acht Jahre rechtmäßig im Bun-
sein, die sich nur im Bundesgebiet erbringen lässt. desgebiet aufgehalten haben und mindestens
Dies kann zum Beispiel bei besonderer Betreu- sechs Jahre im Bundesgebiet eine Schule be-
ungsbedürftigkeit der Fall sein. Bei Minderjährigen sucht haben.
sind das Kindeswohl und das Lebensalter vorran-
Die Rechtmäßigkeit des Aufenthaltes wird durch
gig zu berücksichtigen. Es kommt auf individuelle
den Besitz eines Aufenthaltstitels vermittelt. Eine
Besonderheiten des Einzelfalls an, wie zum Bei-
Duldung oder eine Aufenthaltsgestattung nach
spiel Krankheit, Behinderung, Pflegebedürftigkeit,
dem AsylVfG reicht nicht! Vielmehr muss der
psychische Not.
junge Ausländer ein Visum, eine befristete Auf-
Umstände, die sich aus den allgemeinen Lebens- enthaltserlaubnis oder eine Niederlassungser-
verhältnissen im Herkunftsland des nachziehen- laubnis nach dem AufenthG besessen haben
den Familienangehörigen ergeben, werden in der bzw. für Aufenthaltszeiten vor Inkrafttreten des
Verwaltungspraxis nicht berücksichtigt. Keinen Zuwanderungsgesetzes eine Aufenthaltsberech-
Härtefall begründen danach z.B. ungünstige schu- tigung (§ 27 AuslG), Aufenthaltserlaubnis (§§ 15,
lische, wirtschaftliche, soziale und sonstige Ver- 17 AuslG), Aufenthaltsbefugnis (§§ 30, 31 Aus-
hältnisse im Heimatstaat. lG) oder Aufenthaltsbewilligung (§ 28 AuslG).
Die erforderliche Sicherung des Lebensunterhal- Als Schulbesuchszeiten kommen sowohl Zeiten
tes stellt insbesondere beim Nachzug von Eltern des Besuchs allgemeinbildender Schulen, als
zu ihren volljährigen Kindern eine kaum zu über- auch des Besuchs von berufsbildenden Schulen
windende Hürde dar, da auch eine Krankenversi- oder vergleichbarer berufsqualifizierender Bil-
cherung erforderlich ist. Alte Menschen sind aber dungseinrichtungen in Betracht.
in der gesetzlichen Familien-Krankenversicherung
Der Lebensunterhalt muss für den Fall der Wie-
nicht versichert sind und es ist schwierig und teuer,
derkehr gemäß § 37 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AufenthG
eine private Krankenversicherung abzuschließen.
durch eigene Erwerbstätigkeit oder durch eine
Ein Ausweg kann die Herstellung des gesetzlichen
Unterhaltsverpflichtung Dritter gesichert sein.
Krankenversicherungsschutzes durch Aufnahme
Es wird eine Verpflichtungserklärung nach § 68
einer eigenen Erwerbstätigkeit sein, wenn noch
AufenthG verlangt. Die Unterhaltsverpflichtung
eine (geringfügige) Erwerbsfähigkeit besteht.
muss für die Dauer von fünf Jahren - also nicht
unbefristet - übernommen werden.
3.7. Recht auf Wiederkehr,
§ 37 AufenthG Die Rückkehroption muss innerhalb eines Zeit-
raums von fünf Jahren nach der Ausreise und
Diese Vorschrift vermittelt jungen Ausländern, die zwischen dem vollendeten 15. Lebensjahr
Deutschland als Minderjährige nach einem länge-
ren Daueraufenthalt verlassen haben, sowie Rent-
nern ein eigenständiges Wiederkehr- und Aufent-
haltsrecht. Der Anspruch besteht auch, wenn der
Ausländer zum Zeitpunkt seiner Ausreise ausrei-
sepflichtig war. Der Zweck der Vorschrift ist die
Ermöglichung der Rückkehr von Ausländern, die
sich in Deutschland bereits integriert hatten und
bei denen daher nicht mit nennenswerten Schwie-
rigkeiten bei der Wiedereingliederung zu rechnen
ist. Es gelten die Versagungsgründe nach § 37
Abs. 3 AufenthG (bestehende Ausweisung oder
Vorhandensein von Ausweisungsgründen).

3.7.1. Rückkehroption
für junge Ausländer
Unter folgenden in § 37 Abs. 1 AufenthG genann-
ten Voraussetzungen entsteht ein Rechtsan- Schulbesuch in Deutschland - wichtigste Grundlage für den
spruch auf Wiederkehr: dauerhaften Aufenthalt.
Familienzusammenführung 45

und dem vollendeten 21. Lebensjahr ausgeübt das der Gesetzgeber dem Erwerb eines Schul-
werden. Die Frist beginnt mit der auf Dauer an- abschlusses beimisst, ist zu folgern, dass bei
gelegten Ausreise in das Heimatland oder einen Erfüllung dieser Voraussetzung nur gravierende
Drittstaat; vorübergehende Auslandsaufenthalte Abweichungen von den oben dargestellten Ertei-
setzen die Frist nicht in Lauf. Maßgeblich für die lungsvoraussetzungen des § 37 Abs. 1 Satz 1 Nr.
Einhaltung der Frist ist der Zeitpunkt der Antrags- 1 und 3 AufenthG eine negative Ermessensent-
stellung (Visumantrag) bei der deutschen Aus- scheidung rechtfertigen.
landsvertretung.
Ist ein Recht auf Wiederkehr eingeräumt worden,
Sind die Voraussetzungen für die Erteilung der ist diese Aufenthaltserlaubnis gem. § 37 Abs. 4
Aufenthaltserlaubnis als Rechtsanspruch nicht AufenthG auch dann zu verlängern, wenn der Le-
erfüllt, ist jedoch jedenfalls der Lebensunterhalt bensunterhalt nicht mehr gesichert ist.
gesichert und war der frühere Aufenthalt des Aus-
Erfüllt ein hier lebender junger Ausländer die Vo-
länders rechtmäßig, kann bei den nachfolgend
raussetzungen des § 37 AufenthG, so erwirbt er
dargestellten Fallgruppen die Aufenthaltserlaub-
auch ohne Ausreise damit ein eigenständiges Auf-
nis im Wege des Ermessens erteilt werden:
enthaltsrecht, welches nicht mehr an die Eltern
Nach § 37 Abs. 2 Satz. 1 AufenthG kann zur Ver- gebunden ist.
meidung einer besonderen Härte von den Vor-
aussetzungen des § 37 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und
3 AufenthG (Dauer des Aufenthaltes, Dauer des 3.7.2. Rückkehroption
Schulbesuches, Antragsfrist) abgesehen wer- für Rentner
den. Nicht jede Härte ist eine besondere. Es ist Nach § 37 Abs. 5 AufenthG hat ein ausländischer
zu prüfen, ob der junge Ausländer zu dem Per- Rentner, der sich in Deutschland acht Jahre recht-
sonenkreis zählt, den der Gesetzgeber begüns- mäßig aufgehalten hatte und von einem deut-
tigen wollte. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist, ob schen Träger Rente bezieht, in der Regel einen
der Ausländer durch die Lebensverhältnisse im Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis.
Bundesgebiet entscheidend geprägt ist; hierbei Der Aufenthalt muss nicht ununterbrochen gewe-
kommt dem Schulbesuch besonderes Gewicht sen sein. Erforderlich ist der Bezug der Rente be-
zu. Ein Schulbesuch unter fünf Jahren spricht da- reits im Ausland. Auf die Art der Rente kommt es
her wegen der erheblichen Abweichung gegen die nicht an, auch muss es sich nicht um öffentlich-
Annahme einer besonderen Härte. Anderes kann rechtliche Rentenversicherungsträger handeln. So
gelten, wenn die Schule aus zwingenden Grün- kommen etwa auch Betriebsrenten oder Leistun-
den – etwa wegen Erkrankung – verlassen wurde. gen einer privaten Rentenversicherung in Frage.
Eine geringfügige Abweichung von einzelnen Tat- Der Rentenanspruch muss aber zur Bestreitung
bestandsvoraussetzungen kann durch besondere des Lebensunterhaltes ausreichen.
Integrationsleistungen kompensiert werden. Eine
besondere Härte kann auch bei Nichterfüllung ein-
zelner Voraussetzungen vorliegen. Das gilt insbe- 3.8. Aufenthaltstitel für
sondere, wenn dies durch „Übererfüllung“ anderer ehemalige Deutsche
Voraussetzungen (z.B. wesentlich längerer Auf- § 38 AufenthG
enthalt, wesentlich längerer Schulbesuch) mehr Die Vorschrift wurde eingeführt, weil nach der
als ausgeglichen wird. Wurde die Antragsfrist we- Reform des Staatsangehörigkeitsrechts zum
gen Ableistung des Wehrdienstes versäumt, liegt 1.1.2000 ein Verlust der deutschen Staatsangehö-
regelmäßig eine besondere Härte vor, wenn der rigkeit auch bei gewöhnlichem Aufenthalt im Inland
Antrag innerhalb von drei Monaten nach Ableis- eintreten kann. Dies ist beispielsweise der Fall,
tung des Wehrdienstes gestellt wurde. wenn eine ausländische Staatsangehörigkeit an-
Nach § 37 Abs. 2 Satz 2 AufenthG kann von der genommen wird (§ 25 StAG) oder eine Erklärung
Voraussetzung des achtjährigen Aufenthaltes im zugunsten einer ausländischen Staatsangehörig-
Bundesgebiet und des sechsjährigen Schulbe- keit abgegeben wird (§ 29 StAG).64 Im Grundsatz
suchs abgesehen werden, wenn ein anerkannter werden die Aufenthaltszeiten als Deutscher im In-
Schulabschluss erworben wurde. Dies kann so- land den Zeiten des rechtmäßigen Aufenthalts als
wohl ein allgemeinbildender (mindestens Haupt- Ausländer in Deutschland gleichgesetzt.
schulabschluss) als auch ein beruflicher Bildungs-
abschluss sein. Aus dem besonderen Gewicht, 62
BT- Drucksache 15/420, S. 84
46 DRK-Suchdienst

§ 38 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AufenthG ermöglicht die


Erteilung einer Niederlassungserlaubnis abwei-
chend von den in § 9 Abs. 2 AufenthG genannten
Voraussetzungen, wenn der ehemalige Deutsche
zum Zeitpunkt des Verlustes der deutschen Staats-
angehörigkeit sich seit fünf Jahren als Deutscher
im Bundesgebiet aufgehalten hat. Beträgt der Auf-
enthalt nicht fünf Jahre, aber mindestens ein Jahr,
ist nach § 38 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AufenthG eine
Aufenthaltserlaubnis zu erteilen. Liegt auch diese
Voraussetzung nicht vor, ist zu prüfen, ob die Er-
teilung einer Aufenthaltserlaubnis nach anderen
Bestimmungen des AufenthG in Frage kommt. Der
Antrag auf Erteilung eines Aufenthaltstitels nach
den oben genannten Vorschriften ist innerhalb von
sechs Monaten nach Kenntnis des Verlustes der
deutschen Staatsangehörigkeit zu stellen. Bis zur
Entscheidung über den Antrag gilt der Aufenthalt
in entsprechender Anwendung von § 81 Abs. 3
AufenthG (Erlaubnisfiktion) als erlaubt.
Im Rahmen einer Ermessensentscheidung kann
einem ehemaligen Deutschen mit Wohnsitz im
Ausland eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden,
wenn er über ausreichende deutsche Sprach-
kenntnisse verfügt. Es sollen ehemalige Deutsche
begünstigt werden, die aus beruflichen oder fami-
liären Gründen ins Ausland gegangen sind und
wieder nach Deutschland zurückkehren möchten.
Das Ausländerrecht wird hiermit an das Staatsan-
gehörigkeitsrecht angepasst, das in derartigen Fäl-
len nach § 13 StAG die Einbürgerung ehemaliger
Deutscher mit Wohnsitz im Ausland ermöglicht.
Der Erwerb der Aufenthaltserlaubnis oder der
Niederlassungserlaubnis nach § 38 Abs. 1 oder
2 AufenthG ist in besonders begründeten Fällen
abweichend von den allgemeinen Erteilungsvor-
aussetzungen nach § 5 AufenthG möglich. Der
Aufenthaltstitel, der nach dieser Vorschrift erwor-
ben wurde, berechtigt zur Ausübung einer Er-
werbstätigkeit (§ 38 Abs. 4 AufenthG). Bis zur Ent-
scheidung über die Erteilung des Aufenthaltstitels
gilt die Erwerbstätigkeit als erlaubt.
Wurde ein Ausländer von deutschen Stellen zu
Unrecht als Deutscher behandelt und hat er die-
sen Umstand nicht zu vertreten, finden obige
Vorschriften auf ihn Anwendung und er kann sich
auf diese Rechte berufen. Gedacht ist an Fälle, in
denen zu Unrecht von einem gesetzlichen Erwerb
der deutschen Staatsangehörigkeit ausgegangen
wurde (beispielsweise durch Abstammung oder
als Findelkind).65

63
BT-Drucksache 15/420, S. 84
Familienzusammenführung 47

4. Ehe- und Familienrecht Ehefähigkeitszeugnisses beträgt sechs Monate.


als aufenthaltsrechtliche Vorfrage Das bedeutet, dass die Ehe innerhalb von sechs
Monaten nach Ausstellung des Ehefähigkeits-
Die ausländerrechtliche Entscheidung über den zeugnisses geschlossen sein muss.
Aufenthalt wegen familiärer Beziehungen beinhal-
tet regelmäßig als Vorfrage, ob familienrechtlich Nur wenige Länder stellen Ehefähigkeitszeug-
überhaupt gesetzlich geschützte familiäre Bindun- nisse aus, die in Deutschland auch anerkannt
gen bestehen. Daher werden nachfolgend einige werden. Daher ist es in vielen Fällen erforderlich,
wichtige ehe- und familienrechtliche Begriffe er- dass der ausländische Verlobte beim Oberlan-
läutert. desgericht beantragt, ihn von der „Beibringung
des Ehefähigkeitszeugnisses“ zu befreien. Die
Verlobten brauchen dieses Verfahren vor dem
4.1. Rechtliche Voraussetzungen Oberlandesgericht nicht selber einzuleiten. Viel-
für eine Eheschließung mehr ist der Standesbeamte verpflichtet, die für
Die Eheschließung von Ausländern in Deutsch- die Anmeldung der Eheschließung erforderlichen
land gestaltet sich häufig sehr schwierig und zeit- Unterlagen zu sammeln und sodann dem Ober-
aufwändig, da in der Regel diverse Urkunden aus landesgericht zu übersenden, damit „Befreiung“
dem Heimatland vorgelegt werden müssen. erteilt werden kann. Das Oberlandesgericht wird
in diesem Verfahren nicht als Gericht, sondern als
Eine Eheschließung ist beim Standesamt anzu- Behörde tätig. Gegen eine negative Entscheidung
melden. Der Standesbeamte erteilt den Verlob- des Oberlandesgerichts ist dann allerdings ein
ten vorab bereits Auskunft, welche Dokumente gerichtliches Beschwerdeverfahren beim Ober-
für die Anmeldung erforderlich sind. In der Regel landesgericht zulässig.66
sind dies - beim ausländischen Verlobten - ein
gültiger Pass, eine Geburtsurkunde sowie ein Aufgrund zwischenstaatlicher Vereinbarungen
Ehefähigkeitszeugnis aus dem Heimatland. Die erstellen einige Staaten, darunter die Türkei,
Urkunden müssen mit deutscher Übersetzung so- Ehefähigkeitszeugnisse, die problemlos im In-
wie regelmäßig mit einem Legalisationsvermerk land anerkannt werden.67 In diesen Fällen be-
der Deutschen Botschaft bzw. einer Apostille der steht keine Notwendigkeit, eine Befreiung von
zuständigen Behörde des Heimatlandes versehen der Beibringung des Ehefähigkeitszeugnisses zu
sein. beantragen. Diese Ehefähigkeitszeugnisse ver-
fallen jedoch im Gegensatz zu den anderen Ehe-
Für die Eheschließung gelten die Vorschriften der fähigkeitszeugnissen bereits nach drei Monaten.
§§ 1303 ff. BGB. Das Verfahren bestimmt sich
nach §§ 4 bis 8 Personenstandsgesetz sowie Zur Klärung der Identität und Staatsangehörigkeit
§§ 10 bis 18 Personenstandsverordnung. Eine des ausländischen Verlobten ist grundsätzlich ein
Eheschließung kommt erst mit Vollendung des gültiger Reisepass vorzulegen (§ 11 PStV). Der
18. Lebensjahres in Betracht (§ 1303 Abs. 1 „Nüfus“ (Ausweis) bei türkischen Staatsangehöri-
BGB). Sofern aber ein Verlobter das 16. Lebens- gen oder andere Personalausweise können aber
jahr vollendet hat und der andere Verlobte bereits bei gleichzeitiger Vorlage der Geburtsurkunde aus-
volljährig ist, kann der noch minderjährige Ver- reichen, insbesondere wenn aus den Urkunden die
lobte einen Antrag auf Befreiung beim zuständi- Staatsangehörigkeit eindeutig ersichtlich ist.
gen Familiengericht stellen (§ 1303 Abs. 2 BGB). Lehnt der Standesbeamte die Vornahme der Ehe-
Der Eheschließung dürfen zudem keine Ehever- schließung ab, verlangt er aus Sicht der Verlobten
bote entgegenstehen. Insbesondere darf hier in zu Unrecht die Vorlage bestimmter Dokumente
Deutschland eine Ehe nicht geschlossen werden, oder verzögert er das Verfahren unverhältnismä-
sofern einer der Verlobten noch mit einer dritten ßig, so kann das Amtsgericht auf Antrag der Ver-
Person verheiratet ist (§ 1306 BGB). lobten den Standesbeamten dazu anhalten, die
Das gemäß § 1309 Abs. 1 BGB erforderliche Ehe-
fähigkeitszeugnis für Ausländer bescheinigt,
dass bei der im Zeugnis benannten Person kein 64
Einzelheiten des Befreiungsverfahrens nebst „Länderliste“
rechtliches Ehehindernis nach dem jeweiligen der erforderlichen Unterlagen siehe im Internet: www.jum.
Heimatrecht besteht. Insoweit geht das Ehefä- baden-wuerttemberg.de/servlet/PB/menu/1183789/index.
html?ROOT=1182029
higkeitszeugnis über die so genannte Ledigkeits- 65
Abkommen vom 05.09.1980 über die Ausstellung von Ehe-
bescheinigung hinaus. Die Gültigkeitsdauer des fähigkeitszeugnissen
48 DRK-Suchdienst

Eheschließung vorzunehmen bzw. die Vorlage kennung notariell beurkunden und unter Vorlage
bestimmter Dokumente nicht zu verlangen (§ 45 der notariellen Urkunde das Kind beim Standes-
PStG). amt mit den entsprechenden Personalien beider
Elternteile eintragen zu lassen. Der Notar hat sich
Erfolgt die Eheschließung nicht in Deutschland,
nämlich eigenständig über die Identität der Perso-
so ist die im Ausland geschlossene Ehe ohne wei-
nen zu vergewissern und ist dabei - anders als das
teres in Deutschland wirksam (Art. 11 EGBGB).
Jugendamt - nicht an etwaige behördeninterne
Insbesondere bedarf es keiner innerstaatlichen
Vorgaben („nur mit gültigem Pass!“) gebunden.
Anerkennung der Ehe. Als Nachweis können die
Eheleute aber beim Standesamt die Anlegung ei- Sofern eine rechtliche Vaterschaft aufgrund der
nes Familienbuches beantragen. Geburt während der Ehezeit oder aufgrund einer
Vaterschaftsanerkennung besteht, kann die Va-
terschaft durch den rechtlichen Vater, durch die
4.2. Ausländerrechtliche Folgen
Kindesmutter oder durch das Kind angefochten
der bevorstehenden Eheschließung
werden (§ 1600 BGB). Der biologische Vater hat
Juristisch umstritten ist, unter welchen Vorausset- dementsprechend kein Anfechtungsrecht. Wenn
zungen ein ausreisepflichtiger ausländischer die Kindesmutter oder der rechtliche Vater keine
Verlobter in Deutschland bleiben darf, um zu hei- Notwendigkeit für eine Anfechtung der Vaterschaft
raten. Grundsätzlich ist auch die bevorstehende sehen und das Kind noch nicht volljährig ist, muss
Eheschließung von Art. 6 GG geschützt, so dass mit Hilfe des Jugendamtes ein Verfahrenspfleger
der ausländische Verlobte bis zur Eheschließung für das Kind bestellt werden, wenn es dem Wohle
zumindest zu dulden ist. Nach der Rechtsprechung des Kindes dient. Dabei ist zu beachten, dass die
gilt dies aber erst ab dem Zeitpunkt, an dem die Vaterschaft innerhalb einer Frist von zwei Jahren
Eheschließung unmittelbar bevorsteht. Manche angefochten werden muss (§ 1600 b BGB). Der
Gerichte nehmen dies erst an, wenn der Standes- Fristablauf setzt mit der Kenntnis der Umstände
beamte den Eheschließungstermin festgesetzt hat, ein, die gegen die Vaterschaft sprechen.
also alle rechtlichen Überprüfungen nebst einer et- Die rechtliche Vaterschaft ist ausländerrechtlich
waigen Befreiung von der Beibringung des Ehe- ausreichend, um der ausländischen Kindesmut-
fähigkeitszeugnisses bereits erfolgt sind, andere ter ein Aufenthaltsrecht zu verschaffen, wenn der
Gerichte halten es für ausreichend, dass alle erfor- Vater deutscher Staatsangehöriger ist bzw. dem
derlichen Unterlagen beim Standesamt abgeben ausländischen Vater, wenn die Mutter Deutsche ist
worden sind. und der ausländische Vater sich auch tatsächlich
um das Kind kümmert (vgl. § 28 Abs. 1 AufenthG).
4.3. Vaterschaftsanerkennung Aufgrund der bislang begrenzten Möglichkeiten der
Anfechtung einer Vaterschaftsanerkennung waren
Rechtlicher Vater eines Kindes ist der Mann, der
die Ausländerbehörden in der Vergangenheit juris-
entweder mit der Kindesmutter zum Zeitpunkt der
tisch an solche Anerkennungen gebunden, selbst
Geburt des Kindes verheiratet war, der die Va-
wenn die Ausländerbehörden davon ausgehen
terschaft anerkannt hat oder dessen Vaterschaft
mussten, dass es sich um eine „Scheinvater-
gerichtlich festgestellt wurde (§ 1591 BGB). Dabei
schaft“ handelt, also der Anerkennende tatsäch-
kommt es nicht auf die biologische Vaterschaft an,
lich nicht der biologische Vater ist und die Aner-
so dass für den Aufenthalt grundsätzlich nur die
kennung nur erfolgt ist, um dem ausländischen
rechtliche Vaterschaft maßgeblich ist.
Elternteil ein Aufenthaltsrecht zu verschaffen. Mit
Die Vaterschaftsanerkennung bedarf der Zustim- dem Vaterschaftsanfechtungsgesetz vom 13.
mung der Kindesmutter und kann entweder vor dem März 2008 besteht nunmehr ein behördliches
zuständigen Jugendamt oder vor einem Notar Recht zur Anfechtung von Vaterschaftsaner-
abgeben werden. Dabei ist eine Vaterschaftsaner- kennungen bei vermutetem ausländerrechtlichen
kennung schon vor der Geburt des Kindes möglich Missbrauch der Anerkennung. Die behördliche
(§ 1594 Abs. 4 BGB). Mitunter verweigert das Ju- Anfechtung setzt voraus, dass zwischen dem Kind
gendamt aber die Beurkundung, weil die Identität und dem Anerkennenden keine sozialfamiliäre
des Kindesvaters oder der Kindesmutter mangels Beziehung besteht oder im Zeitpunkt der Aner-
Vorlage entsprechender Urkunden wie Pass oder kennung oder seines Todes bestanden hat und
Geburtsurkunde nicht geklärt werden kann. In die- durch die Anerkennung rechtliche Voraussetzun-
sen Fällen ist zu empfehlen, die Vaterschaftsaner- gen für die erlaubte Einreise oder den erlaubten
Familienzusammenführung 49

Aufenthalt des Kindes oder eines Elternteiles ge- Die gemeinsame Sorgeerklärung kann wie die
schaffen werden. Eine sozial-familiäre Beziehung Vaterschaftsanerkennung vor dem zuständigen
besteht, wenn der rechtliche Vater für das Kind tat- Jugendamt oder beim Notar abgegeben werden.
sächliche Verantwortung trägt oder getragen hat. Änderungen der Sorgerechtsregelungen können
Das ausländerbehördliche Verfahren auf Erteilung nur beim Familiengericht beantragt werden und
einer Aufenthaltserlaubnis wird bis zur Entschei- bedürfen einer überzeugenden Begründung zum
dung des Familiengerichtes ausgesetzt. Jedes Wohle des Kindes.
Bundesland muss noch die Behörde benennen,
die für die Anfechtung zuständig ist.
4.5. Umgangsrecht
Bereits die Anerkennung der Vaterschaft soll vom
Standesbeamten abgelehnt werden, wenn „offen- Nach § 1684 BGB haben sowohl das Kind als auch
kundig ist, dass die Anerkennung der Vaterschaft beide Elternteile einen Anspruch auf Umgang mit-
(behördlich) anfechtbar wäre.“ Eine gleichlauten- einander. Dabei kommt es nicht darauf an, ob
de Pflicht der Notare gibt es allerdings nicht. die Eltern im Einzelnen das Personensorgerecht
innehaben. Das Umgangsrecht wird durch den
Jede öffentliche Stelle, z.B. Jugendamt, hat unver-
Schutzbereich des Art. 6 GG (Schutz der Ehe und
züglich die zuständige Ausländerbehörde zu un-
Familie) mit umfasst und kann ausländerrechtlich
terrichten, wenn sie Kenntnis von konkreten Tatsa-
insbesondere bei der Beziehung zwischen einem
chen erlangt, die die Annahme rechtfertigen, dass
ausländischen Elternteil zu seinem deutschen
die Voraussetzungen für ein behördliches Anfech-
Kind ein rechtliches Abschiebungshindernis dar-
tungsrecht vorliegen. Ab sofort muss daher damit
stellen oder über § 28 Abs. 1 S. 4 AufenthG zu
gerechnet werden, dass sich aufenthaltsrechtliche
einem Aufenthaltstitel führen.69
Verfahren auf Grundlage einer Vaterschaftsaner-
kennung sehr lange hinziehen, wenn die Behörde Dabei kommt es jedoch darauf an, dass zwischen
Zweifel an der biologischen Vaterschaft hat und von dem ausländischen Elternteil und dem deutschen
einem ausländerrechtlichen Missbrauch ausgeht. Kind eine sozial-familiäre Beziehung besteht.70
Maßgeblich ist also die tatsächlich gelebte Ver-
bundenheit der Familienmitglieder untereinan-
4.4. Personensorge /
der.71 Damit dürfte eine so genannte Beistands-
Gemeinsame Sorgeerklärung
gemeinschaft, wie sie in der Vergangenheit immer
nach § 1626 a BGB
gefordert wurde, nicht mehr erforderlich sein, je-
Da die Aufenthaltsrechte des ausländischen El- denfalls nicht für das Rechtsverhältnis zwischen
ternteils maßgeblich an die Personensorge für das einem ausländischen Elternteil und einem deut-
Kind geknüpft ist, ist die Frage von Bedeutung, schen Kind.72 Das bedeutet, dass eine eidesstatt-
wann die Personensorge unmittelbar ausgeübt liche Versicherung des anderen Elternteils, dass
wird und wann es einer gemeinsamen Sorgeerklä- der Elternteil sein Umgangsrecht tatsächlich aus-
rung nach § 1626 a BGB bedarf. Sofern die Eltern übt und dadurch eine enge und innige Beziehung
bei der Geburt des Kindes miteinander verheiratet zwischen dem ausländischen Elternteil und dem
sind, wird die Personensorge für das Kind automa- deutschen Kind entstanden ist, ausreichend sein
tisch gemeinsam ausgeübt. Dies gilt auch im Falle dürfte. Darüber hinaus kommt es nicht auf die
einer späteren Scheidung der Ehe, solange kein Häufigkeit des persönlichen Kontakts zwischen
Elternteil den Antrag gestellt wird, das Sorgerecht dem ausländischen Elternteil und dem Kind an,
auf einen Elternteil allein zu übertragen. sondern auf die Qualität der Beziehung.73

In allen anderen Fällen bedarf es einer gemein-


samen Sorgeerklärung nach § 1626 a BGB, falls
eine gemeinsame elterliche Sorge angestrebt wird. 67
Ausführliche Informationen dazu in Abschnitt 3.2.3.
Denn in der Praxis kommt es vor, dass die Kindes- 68
BVerfGE vom 09.04.2003, NJW 2003, S. 2151
mutter das Sorgerecht alleine ausüben möchte.68 69
Dietz, InfAuslR 2004, S. 102f
70
VGH Baden-Württemberg, Beschluss vom 29.06.2004 -13
S 990/04
71
BVerfG, Beschluss vom 30.01.2002 -2BvR 231/00. Das
66
Zum Beispiel befürchten einige Frauen, dass, wenn das Gericht hat seine Entscheidung damit begründet, dass die
Sorgerecht gemeinsam ausgeübt wird, der Vater die Kinder Entwicklung eines Kindes nicht nur durch quantifizierbare
ohne die Zustimmung der Mutter ins Ausland verbringen Betreuungsbeiträge der Eltern, sondern auch durch die
könnte. geistige und emotionale Auseinandersetzung geprägt wird.
50 DRK-Suchdienst

Sofern ein Elternteil den Umgang des anderen El- 5. Erwerbstätigkeit


ternteils mit dem gemeinsamen Kind unterbindet,
kann das Umgangsrecht beim Familiengericht Für den Aufenthalt in Deutschland ist es häufig von
eingeklagt werden. Zuvor sollte jedoch versucht erheblicher Bedeutung, ob und inwieweit der aus-
werden, eine Umgangsregelung mit Hilfe des zu- ländische Familienangehörige erwerbstätig sein
ständigen Jugendamtes zu finden. Ist jedoch der darf. Seit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsge-
Ausländer mit der dort ausgearbeiteten Umgangs- setzes entscheidet hierüber - mit Ausnahme der
regelung nicht einverstanden, sollte er diese Rege- EU-Angehörigen - die Ausländerbehörde. Ledig-
lung auch nicht beim Jugendamt unterschreiben. lich intern muss die Ausländerbehörde in vielen
Diese Regelung kann dann nämlich nur noch eine Fällen die Arbeitsagentur beteiligen.
Entscheidung des Familiengerichts ändern.
Die Erwerbstätigkeit nach dem AufenthG teilt
Sofern zur Durchsetzung des Umgangsrechts eine sich in die selbständige Tätigkeit und die unselb-
familiengerichtliche Regelung notwendig wird, ständige Tätigkeit, „Beschäftigung“ genannt. Die
kann für die Dauer des gerichtlichen Verfahrens Erwerbstätigkeit ist von der Ausländerbehörde
ein rechtliches Abschiebungshindernis geltend ge- zu gestatten, sofern sich im AufenthG eine ent-
macht werden. Denn der Schutzbereich des Art. 6 sprechende Vorschrift für einen bestimmten Auf-
GG beinhaltet auch die gerichtliche Durchsetzung enthaltstitel befindet. Wenn das AufenthG keine
des Umgangsrechts.74 Regelungen für einen bestimmten Fall enthält,
kommt die Beschäftigungsverfahrensordnung zur
Anwendung. Die Verordnung regelt, unter welchen
4.6. Scheidung Voraussetzungen im Einzelfall eine Beschäftigung
Im Falle des Scheiterns einer Ehe kann die Ehe gestattet werden kann.75
nur durch ein Gericht geschieden werden, wenn Gemäß § 4 Abs. 2 AufenthG wird die Gestattung
dies einer der Ehepartner beantragt. Leben bei- einer Erwerbstätigkeit in die Aufenthaltserlaubnis
de Ehepartner in Deutschland und hat einer von eingetragen. Bei einer Familienzusammenführung
ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit, richtet zu einem Deutschen berechtigt die erteilte Aufent-
sich die Scheidung nach deutschem Recht, un- haltserlaubnis stets zur Ausübung einer Erwerbs-
abhängig davon, ob die Ehe in Deutschland oder tätigkeit (§ 28 Abs. 5 AufenthG). Nach § 29 Abs. 5
im Ausland geschlossen worden ist. Sind beide AufenthG berechtigt die Aufenthaltserlaubnis zum
Eheleute keine Deutschen, kann die Ehe dennoch Zweck der Familienzusammenführung zu einem
in Deutschland geschieden werden, selbst wenn Ausländer dann zur Ausübung einer Erwerbstätig-
die Eheschließung im Ausland erfolgt ist. In diesen keit, soweit der hier lebende Familienangehörige
Fällen wendet das deutsche Familiengericht das dazu berechtigt ist.
materielle ausländische Scheidungsrecht an.
Sonst gilt seit Bestehen einer rechtmäßigen fami-
Im Scheidungsverfahren kann neben der Schei- liären Lebensgemeinschaft im Bundesgebiet eine
dung an sich und der Durchführung des Versor- Wartezeit von zwei Jahren. Es kann also unter
gungsausgleichs unter anderem die Regelung Umständen bereits vor der Einreise nach Erwerbs-
des Sorgerechts für gemeinsame minderjährige möglichkeiten gesucht werden.
Kinder sowie die Vaterschaftsanfechtung be-
antragt werden. Das hat den Vorteil, dass mit Für Studenten ergibt sich folgende interessante
Rechtskraft des Scheidungsurteils eine zuvor Konstellation: Der hier lebende ausländische Stu-
abgegebene Vaterschaftsanerkennung unmit- dent darf 90 Tage oder 180 Halbtage pro Jahr einer
telbar wirksam wird und die Regelung des Sor- Beschäftigung nachgehen (§ 16 Abs. 3 AufenthG).
gerechts erfolgt, ohne dass ein anschließendes Seinem nachziehenden Ehepartner wird die Aufent-
getrenntes Verfahren durchgeführt werden muss. haltserlaubnis unter dieser Bedingung erteilt. Nach
zwei Jahren wird er dann nach o.g. Vorschrift einer
Auch über den Ehegatten- und den Kindesun-
vollen Erwerbstätigkeit nachgehen dürfen.
terhalt kann im Scheidungsverbundverfahren
auf Antrag entschieden werden. Hierüber sollte
mit dem Scheidungsanwalt gesprochen werden.

73
Weitergehende Ausführungen zur Gestattung der Beschäf-
tigung finden sich in der DRK-Broschüre „Aufenthalt aus
72
VG Hamburg, Beschluss vom 11.12.2002 - 16 VG 5205/02 humanitären Gründen“, vgl. Fußnote 2.
Familienzusammenführung 51

C. Behördliches und gerichtliches Visumverfahren


Von Rechtsanwalt Ronald Reimann, Einbeziehung der deutschen Geheimdienste.79
DRK-Suchdienst-Leitstelle Liegt die Zustimmung vor und sieht auch die Aus-
landsvertretung keine Hinderungsgründe für die
1. Antragsverfahren Erteilung, so wird der Antragsteller - häufig telefo-
nisch - in die Auslandsvertretung zur Ausstellung
Für die Erteilung eines Visums zum Zwecke des des Visums eingeladen.
Familiennachzuges sind die deutschen Aus-
landsvertretungen (Botschaften, Konsulate) Im Falle einer Ablehnung erlässt die Auslandsver-
zuständig (§ 71 Abs. 2 AufenthG). Das Visum tretung einen schriftlichen Ablehnungsbescheid,
ist persönlich76 von der nachzugswilligen Person der regelmäßig überhaupt nicht oder nur ganz
zu beantragen. Der Antrag ist auf einem vorge- knapp inhaltlich begründet wird (vgl. § 77 Abs. 2
gebenen Formular zusammen mit den erforder- AufenthG).
lichen Unterlagen (z.B. Heiratsurkunde) bei der Bis zu einer Entscheidung über einen Visum-
Auslandsvertretung einzureichen. Das Formular santrag zum Familiennachzug muss auch bei
ist bei den Auslandsvertretungen kostenlos erhält- einfachen, unproblematischen Fällen mit einer
lich. Sinnvoll ist es, sich das Formular bereits vor- mehrmonatigen Bearbeitungsdauer gerechnet
ab von der Auslandsvertretung zu beschaffen und werden. Ergeben sich Komplikationen, z.B. feh-
in Ruhe auszufüllen. Über das Internet kann das lende Dokumente, Sicherheitsbedenken, Zweifel
Formular auch von der Homepage des Auswärti- an der familiären Abstammung, so ist die Dauer
gen Amtes77 abgerufen werden. des Verfahrens nicht vorhersagbar.
Das Visum zum Familiennachzug ist ein natio- Die Gebühr für die Erteilung eines Visums beträgt
nales Visum für einen längerfristigen Aufenthalt regelmäßig 60 Euro.
(§ 6 Abs. 4 S. 1 AufenthG). Die Auslandsvertre-
tung darf das Visum nur erteilen, wenn die für den Die Einhaltung des Visumverfahrens ist ge-
vorgesehen Aufenthaltsort zuständige Auslän- setzlich zwingend vorgeschrieben. Die Umge-
derbehörde der Einreise zustimmt (§ 31 Abs. hung des Visumverfahrens durch eine unerlaubte
1 AufenthV). Die Auslandsvertretung übermittelt Einreise oder die Einreise mit einem „falschen“
daher den bei ihr gestellten Visumsantrag der zu- Visum, z.B. zu touristischen Zwecken führt regel-
ständigen Ausländerbehörde zur Stellungnahme. mäßig dazu, dass der Aufenthaltstitel allein aus
In der Praxis erfolgt dann die eigentliche Prüfung diesem Grunde abgelehnt wird.80
der gesetzlichen Voraussetzungen, insbesondere Lebt der Ausländer aber bereits in Deutsch-
bezüglich der Sicherung des Lebensunterhaltes, land, z.B. als Student, aus humanitären Gründen,
durch die inländische Ausländerbehörde. Diese als Asylbewerber oder mit Duldung, so ist für die
schreibt regelmäßig den in Deutschland leben- Erteilung eines Aufenthaltstitels aus familiären
den Familienangehörigen an und bitten diesen um Gründen die Ausländerbehörde zuständig, die
Vorlage von Unterlagen bzw. um eine persönliche Auslandsvertretung ist nicht in das Verfahren ein-
Vorsprache.78 gebunden. Allerdings kann nach dem Gesetz nur
Nach Abschluss ihrer Prüfung teilt die Auslän- in bestimmten Fällen der Aufenthalt aus familiären
derbehörde der Auslandsvertretung mit, ob dem Gründen direkt im Inland erteilt werden und eine
Visum zugestimmt wird oder nicht. Bei fehlender Ausreise zur Einhaltung des Visumverfahrens ist
Zustimmung darf sich die Auslandsvertretung über dann nicht notwendig. Diese Ausnahmen sind un-
diese Entscheidung nicht hinwegsetzen. Das Vi- ter 2.2.5. erläutert.
sum muss sie dann allein wegen der fehlenden Zu- Kommt eine solche Ausnahme nicht in Betracht
stimmung versagen. Parallel zum Zustimmungs- und ist eine Ausreise zur Durchführung des Vi-
verfahren erfolgt die Sicherheitsüberprüfung unter sumverfahrens nicht zu vermeiden, so kann ins-
besondere in dringenden Fällen das Visumver-
fahren dadurch beschleunigt werden, dass die
74
Zu einer Ausnahme bei anerkannten Flüchtlingen siehe
oben 3.4.2.1.1.
75
www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/WillkommeninD/Einrei
seUndAufenthalt/Visabestimmungen.html#t5 77
Siehe dazu Abschnitt 2.3.1.
75
Zur Befragung bei Scheinehenverdacht siehe Abschnitt 3.1.3. 78
Details dazu im Abschnitt 2.2.5.
52 DRK-Suchdienst

Ausländerbehörde eine sogenannte „Vorabzu- zeugen. Beruht die Ablehnung demgegenüber


stimmung“ erteilt (§ 31 Abs. 4 AufenthG). Dies auf der fehlenden Sicherung des Lebensunterhal-
bedeutet, dass die Ausländerbehörde der zustän- tes und kann nunmehr ein erhöhtes Einkommen
digen Auslandsvertretung bereits vor der Beantra- nachgewiesen werden, so ist die Remonstration
gung des Visums mitteilt, dass die Ausländerbe- häufig erfolgreich.
hörde dem Visumsantrag (vorab) zustimmt. In der
behördlichen Praxis wird von dieser Möglichkeit
allerdings wenig und ungern Gebrauch gemacht. 3. Klageverfahren
Vor einer Ausreise lediglich zur Durchführung des vor dem Verwaltungsgericht Berlin
formalen Visumverfahrens (sogenannte „Ehren- Gegen die Ablehnung eines Visums oder gegen ei-
runde“) sollte dennoch die Ausländerbehörde ge- nen negativen Remonstrationsbescheid kann eine
fragt werden, ob sie nicht bereit wäre, die inhaltli- Verpflichtungsklage erhoben werden. Ist das Vi-
che Prüfung des Antrages auf Aufenthalt bereits sum ohne Rechtsmittelbelehrung versagt worden -
vor der Ausreise durchzuführen und bei positivem wie allgemein üblich - so ist die Klage binnen eines
Ergebnis eine Vorabzustimmung zu erteilen. Jahres ab Bekanntgabe des Ablehnungsbeschei-
des zu erheben. Erlässt die Auslandsvertretung ei-
nen Remonstrationsbescheid mit Rechtsmittelbe-
2. Das „Remonstrationsverfahren“ lehrung, so muss die Klage binnen eines Monats
Gegen die Ablehnung eines Visums zum Fami- ab Zustellung des Bescheides beim Verwaltungs-
liennachzug gibt es kein gesetzlich festgeschrie- gericht eingehen. Klagen kann der einreisewillige
benes Widerspruchsverfahren. Es besteht aber Familienangehörige aber auch der im Inland le-
die Möglichkeit, gegen den Ablehnungsbescheid bende Familienangehörige, da auch er in seinen
binnen eines Jahres zu „remonstrieren“. Dies Rechten durch eine rechtswidrige Versagung des
bedeutet, dass gegenüber der Auslandsvertre- Familiennachzuges verletzt wird.
tung schriftlich eine Gegenvorstellung gegen die
Ablehnung des Visums erhoben wird. In diesem Für Visumsklagen ist ausschließlich das Verwal-
Remonstrationsschreiben sind detailliert alle tungsgericht Berlin81 zuständig, weil das Aus-
Gründe anzugeben, die aus Sicht des Antragstel- wärtige Amt seinen Sitz in Berlin hat. Beim Verwal-
lers für die Erteilung des Visums sprechen. Soweit tungsgericht Berlin entscheiden 33 verschiedene
die Ablehnungsgründe der Auslandsvertretung Kammern82 nach einem Rotationsprinzip über die
bekannt sind, sollte insbesondere auf diese Grün- Visumsklagen. Im Jahr 2007 sind 2.643 neue Vis-
de eingegangen werden. Auch wenn die Ableh- averfahren beim Verwaltungsgericht eingegan-
nungsbescheide regelmäßig keine Begründung gen.83 Die durchschnittliche Verfahrensdauer der
enthalten, so ist häufig dennoch zumindest durch Visaklagen betrug im Jahr 2007 9,9 Monate. Die
persönliche oder telefonische Nachfrage zu erfah- im August 2007 in Kraft getretenen Änderungen
ren, warum das Visum abgelehnt worden ist (z.B. des Aufenthaltsgesetzes haben auch in Visa-
fehlende Sicherung des Lebensunterhaltes oder Streitverfahren erhebliche Auswirkungen. Die ver-
Vorwurf der Scheinehe). schiedenen Kammern müssen sich u.a. mit dem
neu eingeführten Erfordernis deutscher Sprach-
Im Remonstrationsverfahren überprüft die Bot- kenntnisse beim Ehegattennachzug auseinander-
schaft den Sachverhalt erneut anhand der vorge- setzen. Entsprechend ist der Bestand an anhän-
brachten Argumente. Bleibt es bei der Ablehnung, gigen Visaverfahren um rund 15 % angestiegen.84
so erlässt die Auslandsvertretung einen „Remons- Mit einer Verlängerung der Bearbeitungsdauer ist
trationsbescheid“. Dieser wird inhaltlich begrün- daher zu rechnen.
det und mit einer Rechtsmittelbelehrung versehen.
Die Auslandsvertretungen stellen solche Beschei-
de regelmäßig per Einschreiben zu. 79
Kirchstraße 7, 10557 Berlin-Moabit, Telefon: (030) 9014-
Die Durchführung des Remonstrationsverfahrens 8002, Telefax: (030) 9014-8790
80
Eine Kammer besteht aus mindestens drei Berufsrichtern, in
ist nicht in allen Fällen sinnvoll. Hat die Auslands- der mündlichen Verhandlung entscheidet häufig ein Einzel-
vertretung z.B. den Verdacht der Scheinehe auf richter.
Grund einer zeitgleichen Ehegattenanhörung ge- 81
Dies waren mehr als 25 Prozent aller neuen Verfahren beim
wonnen, ist es erfahrungsgemäß kaum möglich, Verwaltungsgericht.
82
Bericht zur Geschäftslage des VG Berlin vom 18.3.2008:
die Auslandsvertretung lediglich mit schriftlichen www.berlin.de/imperia/md/content/senatsverwaltungen/jus
Einwendungen nunmehr vom Gegenteil zu über- tiz/gerichte/vg2/entscheidungen/gesch_ftslage2007.pdf
Familienzusammenführung 53

Über die Visumsklage wird regelmäßig nach


Durchführung einer mündlichen Verhandlung
durch Urteil entschieden. Die Teilnahme des im
Ausland lebenden Familienangehörigen ist nor-
malerweise nur dann möglich, wenn das Verwal-
tungsgericht das „persönliche Erscheinen“ anord-
net. Dann erteilt die Auslandsvertretung ein Visum
zur Teilnahme an der mündlichen Verhandlung.
Dies kommt in der Praxis allerdings nur dann vor,
wenn das Verwaltungsgericht einen persönlichen
Eindruck vom einreisewilligen Kläger bekommen
möchte. Ansonsten kann auch der hier in Deutsch-
land lebende Familienangehörige ihn vertreten.
Hierzu sollte er eine schriftliche Vollmacht beim
Verwaltungsgericht einreichen.
Die Visumsklage ist frühzeitig möglichst umfang-
reich schriftlich zu begründen. Alle erforderlichen
Nachweise sollten in Kopie beigefügt werden.
Die Klagebegründung erhalten das Auswärtige
Amt und die Ausländerbehörde zur Stellungnah-
me. Aus der Stellungnahme sind häufig weitere
Gesichtspunkte abzulesen, die für die Auslands-
vertretung bei der Ablehnung maßgeblich waren.
Ein Anwaltszwang für das Klageverfahren existiert
nicht. In vielen Fällen wird es aber sinnvoll sein,
einen Rechtsanwalt zur Interessensvertretung
einzuschalten. Wenn der Rechtsanwalt keine Ho-
norarvereinbarung schließt, fallen regelmäßig für
ein Klageverfahren in erster Instanz für eine Per-
son Anwaltsgebühren in Höhe von knapp 700 €
zuzüglich Auslagen und gegebenenfalls Reisekos-
ten an. Die Gerichtskosten belaufen sich in einem
solchen Fall auf 363 €.
Gegen das Urteil des Verwaltungsgerichtes
kann jeder Beteiligte einen Antrag auf Zulas-
sung der Berufung stellen, sofern die Berufung
nicht im Urteil bereits zugelassen worden ist. Die
Berufung wird vom Oberverwaltungsgericht nur in
bestimmten, gesetzlich vorgeschriebenen Fällen
zugelassen. Kommt es zur Berufung, entschei-
det das Oberverwaltungsgericht die Sache neu.
Als letzte Instanz kann in bestimmten Fällen das
Bundesverwaltungsgericht angerufen werden.
Für das Verfahren vor dem Oberverwaltungsge-
richt und dem Bundesverwaltungsgericht herrscht
Anwaltszwang. Dies bedeutet, dass nur Anwälte
rechtswirksam Anträge stellen können. Spätestens
nach einem negativen Urteil des Verwaltungsge-
richts muss daher ein Anwalt beauftragt werden,
wenn der Nachzugswunsch gerichtlich weiter ver-
folgt werden soll.
54 DRK-Suchdienst

D. Familienzusammenführung zu bleibeberechtigten Flüchtlingen:


Hürden am Beispiel einer irakischen Familie

aufgezeichnet von Herbert Löffler,


DRK-Generalsekretariat Suchdienst / Die Personen:
Familienzusammenführung Ehemann: seit Juni 2001 in
Deutschland gemäß § 51 Abs. 1
Der Ehemann reist allein nach Deutschland AuslG (alt) anerkannt, seit Juni
und beantragt erfolgreich Asyl. Die restliche 2005 widerrufen
ANFANG Familie gerät in Gefahr, aufgrund finanzieller Ehefrau und 3 Kinder (geb. 1991
2001 Not aus Jordanien in den Irak zurückgeschickt bis 1996): Die christliche Familie
zu werden. Durch die Registrierung und An- floh 1999 aus Bagdad nach Am-
erkennung als Flüchtlinge durch UNHCR Am- man/Jordanien.
man erhalten sie Schutz und Unterstützung.

Erste Anfrage bei einer Beratungsstelle des DRK-Suchdienstes/Familienzusammen-


führung: Der Ehemann kann die materiellen Voraussetzungen für die Familienzusam-
APRIL menführung nicht erfüllen. Einerseits sieht er keine Möglichkeit, in der strukturschwa-
2002 chen Region Unterfranken eine Arbeit zu finden. Andererseits leidet seine Ehefrau
unter extremem Bluthochdruck und bedrängt ihn, „die Angelegenheit zu regeln“. Ein
alternativer Antrag zur Aufnahme der Familie in den USA (beim Onkel) ist bis zur
Entscheidung der deutschen Behörden nicht möglich.

Der Ehemann meldet sich aus Rheinland-Pfalz: Er hat eine unbefristete Stelle. Der
JANUAR
Visumantrag der Ehefrau wird von der Deutschen Botschaft nicht angenommen: Sie
2003
soll einen neuen Pass beantragen, obwohl der alte noch gültig ist. UNHCR Amman
ist wegen der Gefährdung dagegen und interveniert.

FEBRUAR Die Botschaft verlangt eine schriftliche Begründung der Ablehnung und später vom
2003 UNHCR die Bescheinigung der Flüchtlingseigenschaft.

MÄRZ UNHCR Amman schließt das Feststellungsverfahren zur Flüchtlingseigenschaft ab


2003 und bestätigt dies gegenüber der Botschaft, will aber die Umsiedlung zum Ehemann
über die UNHCR-Zentrale in Genf erreichen.

APRIL Der Ehemann versucht vergeblich, bei der Ausländerbehörde eine Vorabzustimmung
2003 zu erreichen. Die Botschaft führt mit der Ehefrau ein Interview zum Visumantrag und
schickt es an die Ausländerbehörde.

Die Ausländerbehörde stimmt zu. Die Botschaft in Amman kann die Visa ausstellen
und beantragt beim BMI die Zustimmung zur Ausstellung von deutschen Reisedo-
JUNI kumenten. Der Ehemann befürchtet dadurch Verzögerungen über die Gültigkeit der
2003 Visa hinaus. Aufgrund der geänderten Verfolgungssituation im Irak nimmt das BMI
diese Anfrage jedoch zum Anlass, die weitere Schutzbedürftigkeit des Flüchtlings
prüfen zu lassen. Als Folge ruht die Familienzusammenführung bis zur endgültigen
Entscheidung.

MÄRZ Die Außenstelle des Bundesamtes für ausländische Flüchtlinge teilt mit, dass das
2004 Widerrufsverfahren eingeleitet wird.
Familienzusammenführung 55

Die Anerkennung wird widerrufen. Der Rechtsanwalt legt Rechtsmittel beim Verwal-
JUNI tungsgericht ein. UNHCR Berlin versucht vergeblich, beim Bundesamt zu intervenie-
2004 ren.

Nach negativem Ausgang des Rechtsweges bis zum Oberverwaltungsgericht erhält


MAI / JUNI der Ehemann von der Ausländerbehörde zuerst eine Aufenthaltserlaubnis für sechs
2005 Monate in einen Reiseausweis für Ausländer, dann für zwei Jahre, als er einen
irakischen Nationalpass vorlegt. Die Arbeitserlaubnis für die alte Arbeitsstelle wird
entsprechend verlängert.

OKTOBER Hoffnungsvoll legt der Ehemann bei der Botschaft in Amman seinen neuen Pass vor
2005 und lässt den alten Visumantrag wieder aufleben. Die Ausländerbehörde bestätigt
der Botschaft den Aufenthaltstitel nach § 25 Abs. 5 AufenthG.

Die Botschaft lehnt den Visumantrag mit der Begründung ab, dass der Aufenthalts-
JANUAR
titel nach § 25 Abs. 5 AufenthG die Familienzusammenführung ausschließt. Damit
2006
habe auch die Ausländerbehörde die Zustimmung verweigert.

MÄRZ Die Ehefrau hat ein Interview zur Einwanderung bei der Australischen Botschaft und
2006 wird trotz Intervention von UNHCR Berlin und Amman im Juni 2006 abgelehnt.

Der Sachbearbeiter bei der Ausländerbehörde spricht von einem Verständigungspro-


JULI
blem in Bezug auf die Wirkung von § 25 Abs. 5 AufenthG und verweist alternativ auf
2006
die Niederlassungserlaubnis nach § 26 Abs. 4 AufenthG als Voraussetzung für die
Familienzusammenführung.

Der Rechtsanwalt hat wegen des erneut ablehnenden Remonstrationsbescheides


NOVEMBER Klage gegen das Auswärtige Amt beim Verwaltungsgericht Berlin erhoben sowie bei
2006 der Ausländerbehörde um Mitteilung gebeten, wann die Voraussetzungen für die
Erteilung einer Niederlassungserlaubnis vorliegen würden.

Eine Auswirkung auf die Familie: Der jüngste Sohn (10 Jahre) hat mehrfach versucht,
sich mit Tabletten zu vergiften.

Der neue Resettlement Officer beim UNHCR in Amman fragt nach den aktuellen Per-
JANUAR spektiven für eine Familienzusammenführung: Die Ausländerbehörde sieht nur die
2007 Möglichkeit nach sieben Jahren Aufenthalt die Niederlassungserlaubnis nach
§ 26 Abs. 4 AufenthG zu erteilen (= Juni 2008).

Der Ehemann befürchtet, dass die potenziellen Aufnahmeländer die weitere Warte-
zeit für zumutbar halten und deshalb die Anträge ablehnen werden.
Die erneute Verschiebung würde auch die Tochter ausschließen: Sie wird am
12.07.2007 sechzehn Jahre alt und müsste dann Deutschkenntnisse vorweisen, die
sie nicht hat.

Nachfrage beim UNHCR Berlin: Aufgrund von Kommunikationsproblemen hat noch


MÄRZ niemand dem Kollegen in Amman geantwortet. Nochmals auf das Wunschland
2007 Schweden hingewiesen.
56 DRK-Suchdienst

Nachfrage beim Ehemann: Er gerät durch die Doppelbelastung zunehmend in finan-


zielle Probleme und hat u.a. seinen Handy-Vertrag gekündigt. Seine Frau versucht,
MAI beim UNHCR Amman Druck zu machen und hat einen neuen Termin erhalten.
2007 Der Kollege in Berlin berichtet nach Amman, dass der Zeitraum und die Erfolgschan-
cen für eine Zustimmung der Ausländerbehörde nicht abzuschätzen sind und auch in
Bezug auf die Tochter ziemlich niedrig sind.

Unter Hinweis auf die geänderte Gefahren-Einschätzung der Christen im Irak stellt
AUGUST der Ehemann über seinen Rechtsanwalt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlin-
2007 ge einen (erfolgreichen) Asylfolgeantrag.

Der positive Bescheid des Bundesamtes wird über die Ehefrau der Botschaft Amman
OKTOBER zugeleitet. Der Ehemann soll den Reiseausweis für Flüchtlinge erhalten und bean-
2007 tragt bei der Ausländerbehörde die Vorabzustimmung für die Familienzusammenfüh-
rung.

FEBRUAR Das Zustimmungsverfahren hat sich hingezogen. Erst jetzt kann die Familie einrei-
2008 sen - mit ca. $ 2.000 Schulden für die Tickets.
Familienzusammenführung 57

Abkürzungsverzeichnis

ARB 1/80 Assoziationsratsbeschluss (EU - Türkei)


AsylVfG Asylverfahrensgesetz
AufenthG Aufenthaltsgesetz (vom 30.07.2004, gültig ab 01.01.2005)
AufenthV Aufenthaltsverordnung
AuslG Ausländergesetz (vom 09.07.1990, gültig bis 31.12.2004)
AuslG-VwV Verwaltungsvorschriften zum Ausländergesetz 1990
AuslR Ausländerrecht
BAMF Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
BGB Bürgerliches Gesetzbuch
BT-DrS. Bundestagsdrucksache
BVerfG Bundesverfassungsgericht
BVerfGE Bundesverfassungsgericht Entscheidungen
DV AuslG Durchführungsverordnung zum Ausländergesetz 1990
EG Europäische Gemeinschaft
EMRK Europäische Menschenrechtskonvention
EU Europäische Union
EWG Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
EWR Europäischer Wirtschaftsraum
FreizügG/EU Freizügigkeitsgesetz/EU (ab 01.01.2005)
FreizügV/EG Freizügigkeitsverordnung/EG (bis 31.12.2004)
GFK Genfer Flüchtlingskonvention
GG Grundgesetz
InfAuslR Informationsbrief Ausländerrecht
OVG Oberverwaltungsgericht
SGB II Sozialgesetzbuch, 2. Buch
VAB 2005 Vorläufige Anwendungshinweise der Berliner Ausländerbehörde
VAH BMI Vorläufige Anwendungshinweise des Bundesministeriums des Innern vom 22.12.2004
VG Verwaltungsgericht
VGH Verwaltungsgerichtshof
ZAR Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik