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Sonderpädagogisches Gutachten für Karl Kraus* vom 06.12.

2019

geb.: 12.04.2014
Wohnort: Güstrow
Anlass des Gutachtens: Einübung der sprachspezifischen Diagnostik mit dem Verfahren
HASE (Brunner & Schöler, 2008)

1. Anamnese

Das von uns mittels HASE (Heidelberger Auditives Screening) diagnostizierte 4;8-jährige
Junge Karl Kraus*, besucht einen Kindergarten in Güstrow. Er wird im nächsten Jahr in
eine Regelschule eingeschult.
Karl lebt gemeinsam mit seiner alleinerziehenden Mutter und seinem jüngeren Bruder (0;9
Jahre alt) in einem Einfamilienhaus in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern).
Über kritische Lebensereignisse oder besondere Lebensumstände haben wir keine
Informationen eingeholt. Die Tatsache, dass die Mutter des Jungen allein erziehend ist,
und die dadurch bedingte räumliche Abwesenheit des Vaters im Alltag könnte
möglicherweise ein erschwerender Lebensumstand sein. Hierüber müsste vermutlich ein
psychologisches Gutachten entscheiden.
Karl erhielt bei der letzten U-Untersuchung durch den Hausarzt eine Überweisung zum
Logopäden aufgrund eines Sigmatismus. Darüber hinaus haben – soweit uns bekannt –
bisher noch keinerlei Fördermaßnahmen im sprachlichen oder einem anderen Bereich
stattgefunden
Karls Erstsprache ist Deutsch.

2. Darstellung einzelner Entwicklungsbereiche

Äußeres und körperliches Erscheinungsbild


Die körperliche Entwicklung von Karl war unserem Eindruck nach altersentsprechend.
Seine äußere Erscheinung war ordentlich und gepflegt.

Grob- und Feinmotorik


Karls Grobmotorik war meinem Eindruck nach ebenfalls altersentsprechend. Im
Allgemeinen konnte er während der Testung trotz fortgeschrittener Tageszeit (früher
Abend) still sitzen. Allerdings waren seine Hände während der ganzen Testung relativ
aktiv, d.h. er schob diese unter sein Gesäß, berührte sich mit ihnen im Gesicht oder
ähnliches. Ob dies einer gewissen Aufregung geschuldet oder möglicherweise Teil einer
Gedächtnisstrategie war, ließ sich nicht feststellen. Karl ist Rechtshänder
Motorische Aufgaben, soweit diese im Rahmen der Testung mittels HASE stattfanden,
konnte Karl ohne Probleme meistern.
Es ließ sich bei dem Jungen generell während der gesamten Testung eine gewisse
Nervosität beobachten, was jedoch vermutlich daran lag, dass ihm seine Mutter in einem
Vorgespräch erzählt hatte, dass es sich um einen „Test“ handele.
Hinsichtlich Karls Mundmotorik konnten wir keine Auffälligkeiten feststellen.

Aufmerksamkeit und Konzentration


Karl gelang es durchgängig, den Anweisungen der Testleiterin bzw. des Screenings zu
folgen. Er konnte schnell und zielgerichtet antworten.
Teilweise wurden Aufgabenstellungen durch ihn nicht richtig verstanden, z.B. bei der
Aufgabe „Nachsprechen von Zahlenfolgen“. Karl antwortete im Verlauf dieser Aufgabe
mehrmals zu früh, d.h. bevor die Ausgabestimme der HASE-CD die komplette
Zahlenreihe genannt hatte. Dadurch ist die Ermittlung eines validen T-Werts im
Leistungsbereich des phonologischen Arbeitsgedächtnisses erschwert.
Ob dies an Karls Aufmerksamkeit und Konzentration oder an der Formulierung der
Aufgabenstellung durch die Testleiterin lag, müsste im Nachhinein noch evaluiert werden,
um Fehlerquellen möglichst zu minimieren.

Sprache
Karls sprachliche Leistungsfähigkeit wurde gemäß des Heidelberger Auditiven Screening
mittels der Aufgabe „Nachsprechen von Sätzen“ abgeprüft. Diese zeichnet sich im
Kontrast zu spontansprachlichen Aufgaben dadurch aus, dass nicht nur die Produktion,
sondern auch das Verstehen eines Satzes abgeprüft wird.

Das Verstehen des Satzes und seine anschließende Reproduktion gelangen Karl nicht
immer fehlerfrei, doch er erreichte zumindest einen T-Wert von 4 fehlerfreien aus
insgesamt 10 Items. Der T-Wert 4 bildet hier die Grenze zwischen kritischen und nicht-
kritischen Werten. Da diese Schwierigkeiten im Einzelgespräch nicht erkennbar wurden,
entschieden wir uns dazu gemäß der Testung mit HASE von einer durchschnittlichen
sprachlichen Leistungsfähigkeit Karls auszugehen.

Ziel der nächsten Aufgabe („Wiederholen von Zahlenfolgen“) war die Prüfung der
Kapazität bzw. der Leistungsfähigkeit der phonologischen Schleife des
Arbeitsgedächtnisses. Das Erlernen von Lesen und Schreiben, welches für Karl, der bald
eingeschult wird, bald bedeutsam sein wird, erfordert das kurzzeitige Präsent-Halten von
Lauten, Buchstaben, Wörtern, z.B. solange der Leseprozess einer Buchstabenfolge
abgeschlossen ist.
In diesem Test kam es zu dem bereits unter „Aufmerksamkeit und Konzentration“
genannten Schwierigkeiten beim Verständnis der Aufgabe. Karl erreichte hier ebenfalls
einen T-Wert von 4 fehlerfreien aus insgesamt 10 Items. Bei dieser Aufgabe liegt der
kritische Wert für Karls Altersgruppe jedoch bei einem Wert von zwei. Somit scheinen
seine phonologische Schleife und sein auditives Arbeitsgedächtnis altersentsprechend zu
funktionieren.
In der letzten Aufgabe des Screenings – „Nachsprechen von Kunstwörtern und einem
Zauberwort“ – wurde derselbe Leistungsbereich überprüft. Hier erreichte Karl erneut
einen kritischen Wert, indem er 4 Items fehlerfrei nachsprach, während erst mit 5 Items
der Grenzwert für Karls Altersbereich erreicht worden wäre. Da diese Aufgabe ebenfalls
die Kapazität der phonologischen Schleife überprüft, ist somit festzustellen, dass im
Bereich von phonologischer Bewusstheit und phonologischer Schleife möglicherweise
Förderbedarf besteht.

Die Aufgabe „Erkennen von Wortfamilien“ wurde zwar durchgeführt, wird jedoch in
Karls Altersgruppe noch nicht gewertet. Geprüft wird hier die semantisch-morphologische
Strukturerfassung durch das Erkennen eines gemeinsamen bzw. unterschiedlichen
Wortstammes. Karl erreichte einen T-Wert von 3 fehlerfreien aus insgesamt 10 Items.

Kognition und Intelligenz


Es liegen keinerlei Gutachten aus diesem Bereich vor. Karls Intelligenz und seine
kognitiven Fähigkeiten machten auf uns einen altersadäquaten Eindruck.
Wahrnehmung
Es liegen keinerlei Gutachten aus diesem Bereich vor. Karl Wahrnehmung machte auf uns
einen altersadäquaten Eindruck.

Sozio-emotionales Verhalten
Es liegen keinerlei Gutachten aus diesem Bereich vor. Karls Verhalten

Schulleistungen
Karl besucht aktuell noch den Kindergarten. Er wird im nächsten Jahr eingeschult. Daher
liegen noch keine Schulleistungen vor.

3. Zusammenfassung

Stärken
 sprachliche Leistungsfähigkeit mindestens altersadäquat
 kooperatives Arbeitsverhalten
 gute Aufmerksamkeit
 freundliches und offenes Wesen

Förderbedarf
 Sigmatismus (Überweisung zum Logopäden liegt bereits vor)
 phonologische Bewusstheit
 Lautidentifikation, Lautsynthese, Lautanalyse, Lautmanipulation
 phonologische Schleife
 phonologische Verarbeitung/Merkfähigkeit im Arbeitsgedächtnis

4. Förderempfehlungen
Unter Berücksichtigung der Ergebnisse des von uns durchgeführten Screenings HASE
ergeben sich unterschiedliche Fördermöglichkeiten.
Die phonologische Bewusstheit lässt sich bereits durch einfach durchführbare
Übungen wie das Reimen oder Silbenklatschen fördern.
Ratsam wäre möglicherweise das Erlernen des phonologischen Rekodierens mit Hilfe
von Lautgebärden (Verknüpfung Buchstabe-Laut-Handzeichen) sowie die Förderung
der phonologischen Bewusstheit mittels Silbensegmentierung (mündliche Gliederung,
Silbenbögen) oder Eintragen und Vorlesen von Vokalen.

Karl hat weiterhin Probleme bei der Lautidentifikation, Lautsynthese, Lautanalyse,


Lautmanipulation gezeigt. Eine Förderung auf diesem Gebiet könnte mittels
„Pyramidenwörter“, d.h. „Auf-und Abbauwörter“ erfolgen, was zur Verbesserung der
Worterkennung führen könnte.