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Akustik und elektroakustische Medien Anton Bruckner Privatuniversität

Akustik und elektroakustische Medien


(© Erich Pintar, MSc, erstellt am 04.2012)

Physiologische Akustik – Auditive Wahrnehmung

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Inhalt:

1. Physiologischer Hörvorgang

2. Funktion des menschlichen Gehörs

3. Datenverarbeitung im Hörsystem

4. Grenzen beim Hörvorgang

5. Schallverarbeitung

6. Anpassung und Verdeckung

7. Räumliches Hören (Lokalisation)

8. Weitere Funktionen des Hörsinnes

9. Gefahren beim Hörvorgang

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Das menschliche Gehör:

1. Physiologischer Hörvorgang:

 Außenohr: Ohrmuschel, Gehörgang,


Trommelfell. Die auftreffenden
Schallwellen werden durch das
Trommelfell weitergegeben.
 Mittelohr: Weiterleitung und
Verstärkung der Schallinformation
durch die 3 Gehörknöchelchen
(Hammer, Amboss und Steigbügel)
 Innenohr: Vorhof, Bogengänge,
Schnecke; der Steigbügel überträgt
die Schallwellen an das „ovale Fenster“
(= 2. Membran) → im dahinterliegenden Gehörwasser entstehen proportionale
Druckwellen. Die Basilarmembran in der Schnecke führt dabei wellenartige
Bewegungen aus (= Tonhöhen- und Lautstärkeempfindung), die von den
Hörsinneszellen des „Cortischen Organs“ (in der Schnecke) in bioelektrische
Spannungsimpulse umgesetzt werden. Daraufhin erfolgt die Aufnahme ins
vegetative Nervensystem des Gehirns.

2. Funktion des menschlichen Gehörs

Im Außenohr (Ohrmuschel, Gehörgang und Trommelfell) wird der Luftschall ähnlich wie in
einem Trichter verstärkt und je nach Einfallsrichtung des Schalls frequenzspezifisch im
Klang verändert. Im daran angrenzenden Mittelohr (Paukenhöhle mit den drei Gehör-
knöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel) wird der Luftschall angepasst, verstärkt
und mit möglichst wenig Verlusten in das flüssigkeitsgefüllte Innenohr weitergeleitet. Im
Innenohr wird der Schall entlang der Basilarmembran in der Schnecke in verschiedene
Frequenzen zerlegt, die mit Hilfe der Haar-Sinneszellen in Nervenaktivität umgesetzt
werden. Die Schnecke (mit 2,5 Windungen und einem Durchmesser von etwa acht

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Millimetern) würde aufgerollt eine Länge von 3,5 Zentimetern ergeben, dies entspricht in
etwa auch der Länge der Basilarmembran. Sie ist Träger der ca. 14.000 Haarzellen, die
wiederum etwa 32.000 Nervenzellen bilden, aus der Cochlea austreten und sich zum
Hörnerv vereinen.

Diese vom Hörnerven zum Gehirn fortgeleiteten Nervenimpulse werden im Hirnstamm


zunächst nach verschiedenen Merkmalen des Schalls (z. B. Tonhöhe; Einfallsrichtung,
Modulationen) ausgewertet. Im Großhirn findet schließlich die Interpretation dieser
neuronalen Erregungsmuster als Höreindrücke statt, sowie die nachfolgende
Verarbeitung z. B. für die Musikwahrnehmung, das Verstehen von Sprache oder zur
Warnung.

Der Ort, an dem die Basilarmembran durch die Wanderwelle ausgelenkt wird, ist
bestimmend für die Tonhöhenumsetzung, die Schwingungsamplitude der Membran ist
verantwortlich für die Lautstärkebildung. Am Schneckeneingang werden hohe
Frequenzen umgesetzt, im Schneckeninneren tiefe Frequenzen. Dieser Vorgang ist über
den Schallbeugeeffekt (Schallwellen, deren Wellenlänge größer als jene des
Ausbreitungshindernisses sind, umgehen das Hindernis) erklärbar.

Schematische Skizze der auseinander gerollten Schnecke

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Die Mittelohrknöchelchen stellen die Verbindung zwischen Außenohr und Cochlea


her. Die Pfeile deuten die eintreffenden Schallwellen und die Bewegungen der
Mittelohrknöchelchen an.

Seitlicher Längsschnitt der "entrollten" Cochlea

Entfernung des Erregungsmaximums vom ovalen Fenster

Hüllkurven der Basilarmembran

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Wanderwellen an der Basilarmembran

Frequenz-Positionszuordnung auf der Basilarmembran

3. Datenverarbeitung im Hörsystem:

Für den Hörvorgang ist ein extrem leistungsfähiger Verarbeitungsapparat Voraussetzung.


Das Hörsystem muss im Alltag sehr viele - in Tonhöhe und Lautstärke - unterschiedliche
Schallwellen gleichzeitig verarbeiten. Dies kann auch als „Datenverarbeitung im
Hörsystem“ bezeichnet werden. Die eintreffenden Schallinformationen beider Ohren
müssen verglichen werden. Gleichzeitig wird festgestellt, ob diese dem gleichen Ursprung
zuzuordnen sind und aus welcher Richtung der Schall aufgenommen wurde. Dieser
Vorgang passiert unbewusst und wird im sogenannten Hirnstamm gesammelt und
verarbeitet. Das vorverarbeitete und aufbereitete Signal gelangt anschließend in den

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Bereich der Großhirnrinde. Dort wird das ankommende Signal mit bereits bekannten und
abgespeicherten Signalen verglichen.

Das Großhirn beinhaltet die beiden sogenannten Hemisphären, die mittels starker
Nervenstränge miteinander verbunden sind. An dieser Stelle wird nun erstmals die
„emotionale“ Komponente des Gehörten gebildet, es setzt also ein Bewertungs-
mechanismus ein, ob das Signal laut/leise, hoch/tief, angenehm/lästig etc. empfunden
wird. Dieser Kontext bildet die Grundlage der Psychoakustik, die sich hauptsächlich mit
Hörphänomenen und auditiven Wirkungen auseinandersetzt. Die linke Hemisphäre ist für
die Verarbeitung von analytischen und rationalen Aufgaben zuständig, die rechte
Hemisphäre für die ästhetischen und künstlerischen. Das Sprachzentrum wird
vorwiegend dem linken System zugeordnet, während die Musikwahrnehmung Teil der
rechten Hemisphäre ist. Die Verarbeitung des alltäglichen, gewöhnlichen Schalls wird von
beiden Hemisphären übernommen.

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4. Grenzen beim Hörvorgang:

Frequenz:
Die Hörempfindlichkeit ist einerseits vom Lebensalter, andererseits von der Frequenz
(1kHz-5kHz) abhängig  siehe Phonkurven.
Die obere Grenzfrequenz sinkt mit zunehmendem Alter stark ab:

20 Jahre bis ca. 20 kHz


35 Jahre bis ca. 15 kHz
50 Jahre bis ca. 12 kHz
ab 65 Jahre bis ca. 8 kHz
_________________________

Lautstärke:
-4
Reizschwelle: 20 µPa (2.10 µbar)  = 0 Phon (0 dB)

Schmerzgrenze: 20 Pa (200 µbar)  = 130 Phon (130 dB)

 Pegelschwankungen von 1 dB sind (abhängig vom Frequenzbereich) gerade noch


hörbar.
 Tonhöhenschwankungen von 3-5 Hz (bei 1 kHz) sind vom geschulten Gehör
hörbar.
 Laufzeitdifferenzen ab 0,6 ms sind gerade noch hörbar.

5. Schallverarbeitung:

 Zwischen Lautstärkeempfindung und Schalldruck  log. Zusammenhang (Basis 10)


 Zwischen Tonhöhenempfindung und Frequenz  log. Zusammenhang (Basis 2)
 2 gleich laute Schallquellen erzeugen eine Gesamtlautstärke, die um 3 dB (doppelte
Schallintensität, 2 – facher Schalldruck) höher ist als die Einzellautstärke.

z.B.: λ 1 = λ 2 = 30 dB  ges = 33 dB (Phon)


λ1 = λ2 = 80 dB  ges = 83 dB (Phon)

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6. Anpassung und Verzerrung:

Unter Anpassung versteht man die Fähigkeit, die Hörempfindlichkeit einem bestimmten
mittleren Schallpegel anzupassen (vgl. Helligkeitsanpassung des Auges).
Ein gleichmäßiger Dauerton erscheint mit der Zeit leiser ( Ermüdung des Gehörs).

Verdeckung oder Maskierung:


Ein Ton mit bestimmter Lautstärke setzt die Empfindlichkeit des Gehörs für leisere andere
Töne herab.

Verzerrung:
Schallereignisse werden bei der Aufnahme und anschließenden Weiterleitung zum Gehirn
durch das Ohr verzerrt.
 Töne (auch Sinustöne) erhalten in der Hörwahrnehmung dadurch zusätzliche
Obertöne.
 Ausbildung von Kombinationstönen: f 1 + f 2, f 1 - f 2

7. Räumliches Hören (Lokalisationsvermögen):

Das Lokalisationsvermögen bedeutet die Fähigkeit des Gehörs, Schallquellen nach


Richtung und Entfernung zu lokalisieren.

Diese Fähigkeit unseres Hörorgans entwickelte sich schon frühzeitlich unter dem
Evolutionsdruck des täglichen Überlebenskampfes. Diese Eigenschaft des Gehörs wird
Lokalisationsvermögen, Richtungshören oder auch „räumliches Hören“ genannt. Die
räumliche Wahrnehmung des Hörorgans wird im Wesentlichen durch die
Richtungswahrnehmung (Einklang der vom Gehör zum Bewusstsein gebrachten
Hörereignisrichtung zur Schallereignisrichtung) in Verbindung mit der
Entfernungswahrnehmung gebildet. Das kopfbezogene Koordinatensystem unterscheidet
zwischen Horizontalebene, der Medianebene und der Frontalebene.

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Tiefenlokalisierung (Raumwahrnehmung):
Die Fähigkeit, die Entfernung einer Schallquelle zu bestimmen (Entfernungshören), ist
besonders beim diffusen Schallfeld (z. B. in großen Räumen) eher schwach ausgebildet
und beruht auf persönlichen Erfahrungswerten. Eine relativ genaue Entfernungs-
bestimmung ist nur in bekannten Räumen möglich, weil sich bei größerer Entfernung die
Klangfarbe und bei kürzerer Distanz die Signalpegel stark unterscheiden.

Höhenlokalisierung (vertikale Ebene):


Die Fähigkeit, den Schalleinfall in senkrechter Ebene (Oben-, Untenlokalisierung)
wahrzunehmen, ist nur sehr schwach ausgeprägt.

Seitenlokalisierung (horizontale Ebene):


Die Links-, Rechtsorientierung hingegen ist sehr gut ausgeprägt („binaurales Hören“).
Beim seitlichen Schalleinfall bilden sich sehr deutliche Laufzeit- und Pegeldifferenzen
zwischen beiden Ohrsignalen. Das Schallsignal wird vom zugewandten Ohr nicht nur
früher wahrgenommen, es hört das Signal auch lauter und klanglich direkter als das
abgewandte Ohr. Der kleinste Zeitunterschied, der zwischen beiden Ohren gerade noch
wahrnehmbar ist und zur Ortung des Herkunftsortes eines einlaufenden Schallsignals
ausgenutzt wird, beträgt 0,01 Millisekunden (Voraussetzung: Ohrmuschelabstand beträgt
17 Zentimeter).

Kopfbezogenes Koordinatensystem zur Ortsbestimmung

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Die sogenannte interaurale Zeitdifferenz bei der Seitenlokalisierung beträgt ca. 0,03
Sekunden. Das bedeutet eine seitlichen Lokalisationsschärfe von 3° bis etwa 5°. Dieser
Wert weicht in der Literatur teilweise ab, weil dabei auch die Frequenz des zu
lokalisierenden Signales eine Rolle spielt. Je höher die Frequenz, desto genauer ist
Schallquelle ortbar. Bei tieffrequenten Signalen wird die Lokalisationsfähigkeit deutlich
gemindert, die Lokalisation einer Schallquelle unter 80 Hz ist unmöglich.

Laufzeitunterschied (Interaurale Zeitdifferenz)

Vorne-, Hintenlokalisierung:
Diese Lokalisierungsfähigkeit ist unterschiedlich ausgeprägt. Grund dafür ist die
individuelle Form und Größe der Ohrmuschel und des Gehörgangs. Beide bilden
zusammen einen sogenannten richtungsabhängigen Filter, der je nach Richtung des
Schalleinfalls bestimmte Resonanzen erzeugt und im Laufe der Zeit eigene
Resonanzmuster anlegt. Außerdem wird die von hinten einfallende Schallinformation
durch Abschattung der Ohrmuschel um bis zu 15 Dezibel leiser wahrgenommen
(interaurale Pegeldifferenz) als Schall von vorne (Ohrmuschelfilterung).

darunter → Schallbeugung (schwache Lokalisierung)


500 Hz
darüber → Schallschatten (starke Lokalisierung)

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Raumempfinden:
Das räumliche Hören wird bestimmt durch die Seitenlokalisierung (links/rechts-Effekt)
sowie durch das Stärkeverhältnis zwischen direktem und indirektem Schall.

Umsetzung in der HIFI-Technik:


Stereophonie: 1., 2. Kanal → L/R - Information
Quadrophonie: 1., 2. Kanal → L/R - Information
3., 4. Kanal → Rauminformationen
Surround (5.1): Kanäle L, R und C (Center)
Surround-L, Surround-R Rauminformationen

8. Weitere Funktionen des Hörsinnes:

 Information
 Warnen und Alarmieren
 Orientierung
 Sitz des Gleichgewichtssinnes
 Kommunikation
 Sozialisation
 Emotionale Wahrnehmung
 Klangwahrnehmung
 Voraussetzung für Sprach- und Intelligenzerwerb sowie -erhalt

Informationsverarbeitung der Sinnesorgane im Vergleich (Infoeinheiten pro


Sekunde):

Nase/Mund (Olfaktorik, Gustatorik) 5 /Sek.


Auge – Stäbchen (Optik) 28 /Sek.
Auge – Zäpfchen 100/Sek.
Fingerkuppe (Haptik) 180/Sek.
Ohr (Akustik) 800/Sek.

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Wirkmechanismen beim Hörvorgang:


1) Mehrfache Umformung der Schallinformation (gasförmige, flüssige Schallleitung sowie
Festkörperleitung)

2) Doppelte auditive Wahrnehmung (Luft-, Knochenleitung):


- überlagerter Hörvorgang (vgl. Hören der eigenen Stimme bei Tonaufnahmen)
- Beispiel Beethoven (Holzstab zwischen den Zähnen + Kontakt mit dem
Klavierresonanzboden)
- Stimmgabel an den Schädelknochen halten

3) Aurale und extraaurale Wirkungen:


- aural: ausschließlich auf das Hörsystem bezogen
- extraaural: Lärmbeeinflussung über andere Bereiche des menschlichen Organismus
Schlaflosigkeit
Bluthochdruck
Kreislaufstörungen
Stresssymptome
Erhöhter Ruhepuls
Erhöhtes Herzinfarktrisiko

9. Gefahren beim Hörvorgang:

 Dauerbelastung durch Lärm ohne Ruhepausen:


Gefahr besteht bereits ab 85 dB/8 Std./Tag
Unbedenklich sind: L  65 dB außen
L  55 dB innen
 Knalltrauma durch impulsartige, steilflankige Signale in Ohrnähe (z.B.
Kinderspielzeugpistolen in Ohrnähe erreichen ca. 180 dB!)
 Ohrinfektionen
 Rauchen
 Neurologisch bedingte Ohrerkrankungen (Hörsturz, Tinnitus, Hyperakusis)
 Altersschwerhörigkeit

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Tonaudiogramme:

Normalhörigkeit Schallleitungsstörung Schallempfindungsstörung kombinierte


Schwerhörigkeit

Zulässige wöchentliche Schallbelastung

Pegelvergleichswerte (Quelle: AG Hörforschung der Universität Gießen)

 Eine Sekunde Presslufthammer in unmittelbarer Nähe entspricht einer Stunde


Rasenmähen des Nachbarn.
 Die Vorbeifahrt eines Krankenwagens mit Sirene entspricht der Vorbeifahrt von
50.000 PKW.

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 Der Knall einer Kinderpistole in Ohrnähe liefert den selben Messwert (bis 180 dB)
wie alle Starts und Landungen auf dem Frankfurter Flughafen im Laufe eines
Jahres aus der Entfernung (Anrainer) gehört.
 Der nach dem Arbeitnehmerschutzrecht erlaubte durchschnittliche
Pegelhöchstwert pro Tag beträgt 85 dB für 8 Stunden. Dieser Wert ist
gleichzusetzen mit:
103 dB für 7 Minuten pro Tag
120 dB für 7 Sekunden pro Tag

Angaben dieser Art beruhen auf Basis des energieäquivalenten Dauerschallpegels (Leq),
dieser wird durch Integration der Schallintensität über die Zeit errechnet.

 Bei Pegel über 115 dB treten Gehirnströme ähnlich jener bei Epilepsieanfällen auf.
 Schlafphase unter Lärmbedingungen – Pulsschlagfrequenz steigt um 3-5 Schläge.
 Dauerschallpegel von 65 dB – Herzinfarktrisiko steigt um ca. 20 %.

Als Ergänzung zum Thema Lautstärkebegrenzung soll noch die DIN 15905-5 erwähnt
werden. Anfang 2006 wurde ein Entwurf zur Neufassung dieser Norm mit dem Titel
„Maßnahmen zum Vermeiden einer Gehörgefährdung des Publikums durch hohe
Schallemissionen elektroakustischer Beschallungstechnik“ veröffentlicht.
Ursprünglich wurde der aus dem Arbeitnehmerschutz verankerte maximal zulässige
Schallpegel von 85 dB pro 8 Arbeitsstunden als Richtlinie für die Schwelle zur
Hörgefährdung übernommen.

Mittlerweile wird dieser Wert etwas differenzierter bewertet und mit anderen konkreten
Angaben ergänzt. Inhalte des Entwurfes:
 Ab Lr = 85 dB(A) soll auf eine mögliche Gehörgefährdung durch laute
Veranstaltungen hingewiesen werden.
 Ab Lr = 95 dB(A) erfolgt eine Aufforderung zum Tragen eines Gehörschutzes.
 Der Wert von Lr = 99 dB(A) soll nicht überschritten werden.
 Ein Spitzenschalldruckpegel von Lr = 135 dB(A) soll zu keinem Zeitpunkt
überschritten werden.
Lr.... Beurteilungspegel - entsprechend des A-bewerteten Mittelwertes – gemessen
über 30 Minuten.

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Lautsphärenvergleich:

Mittelalter Jetzt
Naturlaute 69 % 6%
Werkzeuge, Maschinen, Verkehr 5% 68 %
Menschenlaute 26 % 26 %

Zusammenhang zwischen chronischer Lärmbelastung und Kommunikations- bzw.


Leistungsbeeinträchtigungen (insbesondere bei Kindern, Studie v. Cohen):

- Schlechtere Konzentrationsfähigkeit, Leseleistung, Korrekturleistungen (Erkennen


von Fehlern) sowie auditive Diskrimination (Unterscheidung ähnlich klingender
Wortpaare)

- Geringeres Durchhaltevermögen bei der Lösung von schwierigen Problemen

Lautstärken selber einschätzen:

Werte nach der SUVA (Schweizerische Unfallversicherungsanstalt):

Umgebungslärm bis 70 dB(A) Unterhaltung in normaler Lautstärke möglich


Pegel bis 80 dB(A) Verständigung mit erhobener Stimme möglich
Pegel bis 90 dB(A) Verständigung auch bereits durch Rufen schwierig
Pegel bei 100 dB(A) Verständigung nur mit größtem Stimmaufwand möglich
Pegel ab 105 dB(A) keine Verständigung mehr möglich

Faustformel:
Ein gehörschädigender Lärm ist dann gegeben, wenn im Abstand von einem Meter
die normale Unterhaltungssprache nicht mehr wahrgenommen werden kann.

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Zitate zum Abschluss:

Zitat von Ludwig van Beethoven zum Zustand des tauben Menschen.

„Mitten unter den Menschen zur Einsamkeit verdammt“

1813 - im Alter von 43 Jahren - wird Beethoven auf seinem rechten Ohr taub. Auf dem
linken behält er eine Resthörigkeit, die er mit verschiedenen Hörhilfen verstärkt. Für die
Verstärkung des Luftschalls benutzt er - neben seinen berühmt gewordenen Hörrohren -
Schallbehälter, die an den Klavieren montiert sind und unter die sich Beethoven setzt, um
zu hören. Als er den Luftschall nicht mehr ausreichend empfängt, nutzt er den
Körperschall, die Knochenleitung: Mit einem Holzstab, den er an seine Zähne hält,
während das andere Ende den Resonanzboden seines Klaviers berührt, empfängt er die
Schwingungen der Saiten. Hören mit den Ohren, also über die Luftschallleitung, kann er
die Schwingung der Töne nicht mehr. Er fühlt sie und er imaginiert sie, er hört sie
innerlich.

Immanuel Kant:

„Nicht sehen trennt den Menschen von den Dingen, nicht hören
trennt den Menschen von den Menschen“.

Joachim-Ernst Berendt:

„Das Ohr misst, das Auge schätzt“.

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