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Verlierer der Schlichtung

Konfliktbearbeitung á la Stuttgart 21:


außer Phönix haben alle verloren
von Sebastian Schoberansky

Das „Demokratie-Experiment“ ist seit gestern Geschichte, nun geht es an


die Auswertung und die Beobachtung seiner Folgen. Schon die ersten
Reaktionen der Beteiligten lassen nur einen Schluss zu: entgegen der
Beteuerung einiger bestimmter Personen kann nicht von einem Erfolg

Schlichtung Stuttgart 21:


Konfliktbearbeitung á la Stuttgart 21: außer Phönix haben alle verloren
gesprochen werden.
Insbesondere die Äußerungen von Landesvater Stefan Mappus zeigen
das Problem in aller Deutlichkeit. In seinem Schlussplädoyer sprach er
noch davon, dass die Schlichtung keine Gewinner und keine Verlierer
haben dürfe, die Gewinner müssten die Bürger der Stadt Stuttgart sein.
Würde diese Aussage einer echten Haltung entspringen und kein
Politikergeschwafel sein, so hätte er sich in der Pressekonferenz nicht
zufrieden und erfreut, sondern hochalarmiert und besorgt zeigen müssen.
Denn die Schlichtung hat nun einmal Verlierer produziert. Dies wurde in
den noch gemäßigten Äußerungen der Projektgegner wie auch in den

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weniger gemäßigten Protestrufen der Bürger im Rathaus deutlich.
Sicher kann man die umfassende Information der Bürger und den von
allen Projektbefürwortern geäußerten Lerneffekt, man müsse die
Betroffenen früher und besser informieren und einbinden, als Erfolg der
Schlichtung bezeichnen. Dieser Erfolg ist jedoch trivialer Natur, gehören
diese Erkenntnisse doch schlicht zu dem, was der gesunde
Menschenverstand ohnehin schon rät sowie teilweise auch zur simplen
Pflichterfüllung der Verantwortlichen.
Auch wenn die Projektgegner möglicherweise mit kaum erfüllbaren
Hoffnungen und Erwartungen in diese Schlichtung gegangen sein mögen,
so müssen sie diesen Schlichterspruch selbst bei realistischen
Erwartungen als Niederlage empfinden. Denn sie sind neben ihren stark
unterschiedenen Vorstellungen in der Sache auch mit Vorstellungen zur
Veränderung demokratischer Prozesse in diese Auseinandersetzung
gegangen. Diese Vorstellungen sind aber unmittelbar mit dem Erfolg in
der Sache verknüpft gewesen.
Leider greift hier das Kohl´sche „Entscheidend ist, was am Ende
herauskommt“: bei allen, Beteiligten wie Beobachtern, entsteht der
Eindruck, dass selbst mit einem solchen „vernünftigen und geordneten“
Verfahren wie der Schlichtung letztlich keine wirklichen Veränderungen
bewirkt, keine wirksame Beeinflussung der Politiker durch die Bürger
erreicht werden kann.
Die möglichen Reaktionen auf diese Erkenntnis lassen nichts Gutes für
die weitere Entwicklung unserer gesellschaftlichen Kultur erahnen. © mark 2010

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Verlierer der Schlichtung

Bei den Gegnern kann das Gefühl, nicht ausreichend Gehör gefunden
und nichts bewirkt zu haben, verschiedene und zum Teil
entgegengesetzte Reaktionen erzeugen:

• Frust und Ärger führen zu einer weiteren Radikalisierung und laden


die gewählten Äußerungsformen mit noch mehr Energie auf. Dies
dürfte zumindest den Parkschützern, die in vielleicht weiser
Voraussicht nicht an der Schlichtung teilgenommen haben, Zulauf

Schlichtung Stuttgart 21:


verschaffen.

Konfliktbearbeitung á la Stuttgart 21: außer Phönix haben alle verloren


• Die Enttäuschung mündet in Resignation, politische Passivität und
ggf. erneuten und verstärkten Rückzug ins Private. Diese Folge ist als
Politikverdruß auf breiter Front auch bei der beobachtenden
Bevölkerung zu erwarten, da diesen als Nichtbetroffenen die Energie
fehlt, Frust und Enttäuschung in Aktivität zu wandeln.
• Der schmerzhafte Einzug der Realität führt zu einer Ent-Täuschung
über sich selbst und sein bisher weitgehend passives Verhalten und
mündet idealerweise in ein verstärktes politisches Engagement. Selbst
wenn dieses aus dem Wunsch geboren wird, in Zukunft solche
Niederlagen nicht erleben zu müssen, so ist dies sicher ein
begrüßenswerter Lerneffekt.

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Bei den Befürwortern werden die Reaktionen naturgemäß nicht so stark
auseinandergehen:
• Die grundlegende Bestätigung in der Sache führt unbewusst auch zu
einer Bestätigung der bisherigen Form. Die Beteuerungen, mehr
Bürgerbeteiligung zuzulassen, dienen dabei nur der Abwehr von Kritik
und künden nicht von einer Änderung der Haltung, denn die bisherige
wird ja bestätigt.
• Der Eindruck, man bekäme zwar ein bisschen was auf die Finger, am
Ende komme aber doch was man will, kann zu einer Stärkung des
Machtgefühls führen, denn eine Sanktionierung des kritisierten
Verhaltens ist nicht wirklich erfolgt. Damit sinkt die Bereitschaft, etwas
von seiner Macht abzugeben und sich mit den Belangen der Nicht-so-
Mächtigen auseinanderzusetzen.
• Die „Warnschüsse“ werden ernstgenommen und führen zu einer
Verbesserung von Information und Beteiligung der Bürger. Ob dies
aus echter Überzeugung oder aus Angst vor Nachteilen entsteht, ist
dann von Belang, wenn es darum geht, dies bei der eigenen Seite
durchzusetzen. Die Angst vor Nachteilen wird sicher auf mehr
Resonanz treffen als die dem Denksystem fremde Überzeugung.
Für alle besteht die Gefahr, dass sie moderne Formen der Konfliktlösung
insgesamt als nicht mehr attraktiv empfinden. Auseinandersetzungen
werden verstärkt mit dem Blick auf Unterschiede und dem Ziel der
Durchsetzung der eigenen Position geführt. Die Heftigkeit nimmt zu, die
Eskalation, ob nun inner- oder außerhalb rechtsstaatlicher Verfahren, wird © mark 2010

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Verlierer der Schlichtung

beschleunigt. Insofern können auch das gesellschaftliche Klima, der


Bürgersinn und die Demokratie als Verlierer gesehen werden.
Vor diesen recht düsteren Aussichten wirkt es wie Pfeifen im dunklen
Wald, wenn Schlichter Heiner Geißler und mit ihm viele Kommentatoren
die Schlichtung als Erfolg werten. Im Ergebnis und in ihren möglichen
Folgen kann sie nicht überzeugen, die Tatsache, dass sie überhaupt
stattgefunden hat, ist ein trivialer Erfolg, da als Alternativen zu ihrer

Schlichtung Stuttgart 21:


Durchführung nur die weitere Eskalation des Konflikts und die Spaltung

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der Bevölkerung bestand.
Auch Heiner Geißler ist kein wirklicher Gewinner: er machte in
Ausgestaltung und Selbstverständnis seiner Rolle bekanntermaßen nicht
immer eine glückliche Figur. Wie gering seine Unabhängigkeit war,
wurde bei der Verkündung seine Spruches deutlich, als er auf einzelne
Vorträge der Parteien Bezug nahm. Besonders die Ausstiegskosten
hatten für ihn hohes Gewicht, wobei er explizit auf die Drohung von
Bahnvorstand Kefer einging, der umfassende Klagen der Bahn in
Aussicht gestellt hatte. Dieser hatte seine Drohung in Richtung der
Gegner ausgesprochen, nicht in Richtung des Schlichters. Dass er mit

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dem Aufgehen seiner Strategie zur Beeinflussung des Schlichters
zufrieden war, zeigte sein zufriedenes Schmunzeln, als Geißler sich auf
die Drohung bezog.
Bemerkenswert ist der Umstand, dass sich Geißler mit dem Erreichen
seines (sic!) Zieles, die freiwerdenden Grundstücke der Spekulation zu
entziehen, hoch zufrieden zeigte. Es ist schon einigermaßen absurd,
wenn bei dem Versuch der Befriedung eines Streits zu den ohnehin
vorhandenen Kräften mit ihren jeweiligen Zielen durch die Rolle des
Moderators noch eine weitere Kraft mit ganz eigenen Zielen hinzukommt.
Damit besteht die Gefahr, dass sich der Moderator bei beiden Parteien
diskreditiert, zum Spielball ihrer Durchsetzungsbestrebungen wird und
die Parteien viel Energie auf die passende Strategie verwenden, den
Schlichter auf ihre Seite zu ziehen, anstatt Lösungsoptionen in der Sache
zu finden.
Verlierer sind auch moderne Verfahren der Konfliktbearbeitung. Die
Bezeichnung „Mediation“ verschwand glücklicherweise recht schnell aus
der Öffentlichkeit und wurde durch den Begriff „Schlichtung“ ersetzt. Auch
wenn Heiner Geißler selbst diesen Begriff zur „Fakten-Schlichtung“
heruntergekocht hat, so wird der Begriff im Bewusstsein der Menschen
mit dem erlebten eigentümlichen Zwitter aus Info-Veranstaltung und
hochkarätiger Diskussionsrunde verknüpft bleiben. Dies ist ein echter
Schaden, denn das erlebte Verfahren ist weder eine echte Schlichtung
geschweige denn eine Mediation gewesen. Es steht zu befürchten, dass
© mark 2010

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Verlierer der Schlichtung

insgesamt in der Bevölkerung das Vertrauen schwindet, dass die


Einschaltung eines Moderators, Schlichters oder Mediators in irgendeiner
Weise hilfreicher ist, als den üblichen Weg der Eskalation zu gehen.
Einzig der Fernsehsender Phönix hat von der „Schlichtung“ zu Stuttgart
21 enorm profitiert. Von den für den Sender ungewohnt hohen
Einschaltquoten wird sicher auch auf Dauer etwas hängenbleiben, was
nicht zuletzt an der hochkompetenten und spannenden Moderation sowie

Schlichtung Stuttgart 21:


Aufbereitung des Themas lag. Vielleicht ist dies auch der einzige Gewinn,

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der wirklich zufrieden machen kann: die Erkenntnis breiter
Bevölkerungsschichten, dass Politik und gesellschaftliche Themen, dass
das Leben schlechthin immer noch spannender ist als jede noch so
trashige Nachmittagssoap. Es bleibt zu hoffen, dass von diesem Effekt
auch andere Kanäle wie 3sat, arte, ZDFinfo und EinsExtra profitieren.
©Sebastian Schoberansky; 01.12.2010

Kontakt für Fragen und Anregungen: schoberansky@mark-seminare.de

Unterthema

© mark 2010

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