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Phänomenologische Reduktion und „Unwirklichkeit“.

Bemerkungen zu der
frühen Rezeption der Phänomenologie in Spanien (José Ortega y Gasset, Xavier
Zubiri und José Gaos)

Guillermo Ferrer

Bergische Universität Wuppertal

Die frühe Rezeption der Philosophie Husserls in Spanien, besonders in der sogenannten Schule
aus Madrid (José Ortega y Gasset, Xavier Zubiri und José Gaos), charakterisiert sich einerseits
durch die Hochschätzung der phänomenologischen Methode als ein rein deskriptives
Verfahren, anderseits durch eine kritische Betrachtung der phänomenologischen Reduktion
sowie des damit verbundenen transzendentalen Idealismus. Was diese spanischen Denker vor
allem irritierte und zugleich faszinierte, war der Zustand sowohl des Weltphänomens als auch
des transzendentalen Subjektes nach der Reduktion: Indem diese jede Seinssetzung ausschalte,
weise sich das phänomenologische Residuum (die transzendentale Subjektivität und das
Weltphänomen als ihr Korrelat) als wesentlich unwirklich auf. Gemeint ist jedoch keine
Unwirklichkeit im Sinne des Nichtseins oder eines Fiktums. Es handelt sich vielmehr um das
Irreale als Differenz zwischen dem Phänomen als solches und der „realen Wirklichkeit“ sowie
auch dem konkreten Leben: Nach der Reduktion stelle das Phänomen das Reale dar, lasse
dessen Sinn und Wesen erscheinen, wobei es für das konkrete Leben unwirksam werde oder
geworden sei, an jedem unmittelbaren Vollzugscharakter eingebüßt habe (Zubiri führt oft das
Beispiel des Schreibtisch-Phänomens an, auf welchem man nicht mehr schreiben könne, weil
es durch die Reduktion zum „Eidos“ des realen Schreibtisches geworden sei).

Seitdem machten sich Ortega y Gasset und dessen Schüler zur Aufgabe, dem Überschuss der
realen Wirklichkeit und des wirklichen Lebens gegenüber der „Unwirklichkeit“ des Phänomens
Rechnung zu tragen, ohne daher auf die deskriptive Methode der Phänomenologie zu
verzichten. Meine Absicht ist vor allem philosophisch-geschichtlich, jedoch möchte ich auch,
die Relevanz einer „Phänomenologie des Irrealen“ für eine aktuelle, phänomenologisch
angelegte Arbeitsphilosophie hervorzuheben, welche der Erfahrung der Realität gerecht werden
möchte. Dennoch werde ich auch auf manche Schwierigkeiten und Paradoxien hinweisen,
welche solch eine Charakterisierung der transzendentalen Sphäre und deren eidetischen
Bestimmungen als prinzipiell „unwirklich“ bzw. „unwirksam“ mit sich bringt.

1
[1. Ortega y Gasset: Kritik der phänomenologischen Reduktion und Entwurf einer
Phänomenologie der primären Realität, des realen Geschehens: das Ich und seine Umstände]

Von vornherein stellt sich das philosophische Vorhaben Ortegas kritisch zu dem Idealismus. Er
gehörte zu einer Generation, die sich als Aufgabe machte, die Gleichstellung der Realität bzw.
der Realitätsquelle mit dem Bewusstsein zu überwinden, ohne sich in den neukantianischen
Ansatz zurückziehen zu müssen. Daher sollte man Ortegas Rezeption der Phänomenologie
Husserls -schon im Jahre 1912- immer aus dieser Perspektive erforschen und beurteilen. Jene
war jedoch auf den ersten Blick paradox. Denn einerseits sah Ortega in der Phänomenologie
eine deskriptive Methode, die, ähnlich zu einer physiologisch-histologischen Untersuchung,
imstande ist, das Gewebe der Realität ausführlich zu beschreiben. Andererseits lässt die
Phänomenologie Husserls, laut Ortega, „den Idealismus auf frischer Tat zu ertappen“.1

Im Folgenden wird es gezeigt, inwiefern ein gewisser Unwirklichkeits- bzw. Irrealitätsbegriff


eine entscheidende Rolle in dem Konzept Ortegas der Phänomenologie gespielt hat. Ein solcher
Begriff bildete einerseits die notwendige kritische Instanz, welche den Vorrang des reinen
Bewusstseins Infrage stellen lässt. Andererseits bereitete er Ortegas Phänomenologie der
primären Realität vor, nämlich dessen, was er als das „ursprüngliche Geschehen“ bezeichnet.

Der idealistische Zug Husserls besteht darin, so Ortega, das reine Bewusstsein, zu dem die
phänomenologische Reduktion führt, als die ursprüngliche Realität, das Positive oder Gegebene
gehalten zu haben. Was ist aber dieses reine Bewusstsein? Ortegas Antwort lautet so: „Dieses
Bewusstsein ist ein Ich, welches alles andere gewahrt (se da cuenta)“. Nun gut, es handelt sich
[wohlgemerkt] um ein Ich, das nicht will, sondern sein Wollen und das Gewollte gewahrt. Fühlt
nicht, sondern sieht sein Fühlen und das Gefühlte. Denkt nicht, sondern bemerkt, dass er denkt,
so Ortega weiter. Dieses reine Ich, welches seine wirklichen Aktvollzüge -wirklich im Sinne,
dass sie mit der wirklichen Umgebung des realen Ich völlig verwickelt sind- ausschaltet, ist
letztendlich ein bloßer Zuschauer, „Spiegel, Beobachtung und sonst nichts“. Was er gewahrt,
„ist keine Wirklichkeit, sondern nur Schauspiel“. Ihm also ist kein Reales gegeben, sondern nur
ein reiner Gegenstand, ein reiner Aspekt, ein Sinn, dessen Realität sich in der reinen
Verständlichkeit erschöpft.

1
„Der große Vorteil der Phänomenologie bestand darin, die Frage derart präzisiert zu haben, dass wir gerade den
Zeitpunkt und den Ort ertappen konnten, in dem der Idealismus seine Straftat begeht und die Realität wegzaubert
[verheimlicht] (escamotea), indem er sie in Bewusstsein verwandelt.“ Vgl. José Ortega y Gasset, Obras
Completas. Tomo IX (1933-1948). Obra póstuma. Editorial Taurus. Madrid 2009, S. 157. (Übersetzt von G. Ferrer)
2
Es stellt sich jetzt die Frage, woher kommt jene Illusion, die das reine Bewusstsein
verabsolutiert. Hierzu sei folgende Stelle zitiert:

„Es gibt jedoch etwas, das ich nicht machen kann: [es] behält die frühere Wirklichkeit [Realität] bei,
und jetzt kann ich jene gewesene Wirklichkeit [Realität] beobachten, noch korrigieren noch
‚ausschalten‘. Als solche ist sie schon unwiderruflich. Höchstens konnte mir, aus diesen oder jenen
Gründen, die Meinung bilden, dass jene vergangene Wirklichkeit [Realität] eine Halluzination oder
irgendwelche Art von Fehler war. Aber dies weder zerlegt (deshace) noch entwirklicht, noch schaltet
jene vergangene Wirklichkeit [Realität] aus. Wie könnte sich jetzt das entwirklichen, was jetzt kein
Wirkliches [Reales] ist? Wie könnte der Vollzug einer Wirklichkeit [Realität] „ausgeschaltet“ werden,
welche schon vollzogen worden ist und jetzt nicht vollzogen wird, sondern es gibt nur den Vollzug des
Erinnerns daran, dass sie vollzogen wurde? Als könnte man jetzt den Vollzugsanfang (comienzo de
ejecución) des Nantes-Ediktes einstellen.“2

Diesbezüglich kann man die Argumentation Ortegas wie folgt wiederaufbauen: Damit ich
etwas bloß gewahren, beobachten könne, müsse eine Zeitstrecke [zwischen der Realität dessen,
wovon man bewusst wird, und dem Gewahren (darse cuenta) selbst] schon verstrichen sein.3
Kein intentionaler Gegenstand lässt sich also im Gewahren abschotten, ohne dass das Ding, auf
welches es verweist, sich schon zeitlich distanziert hat. Noch genauer: jedes von dem
Bewusstsein vorgestellte Ding bringt die [faktische] Notwendigkeit des unwiderruflich
Geschehenen mit sich. Kurzum: Man könne strenggenommen nur ein [gewisses] Vergangenes
gewahren. Gemeint ist letzten Endes, dass man keineswegs das Faktum, die „Urtatsache“
aufheben oder ausschalten kann, dass ich, vor dem Gewahren, dem „intentionalen Bewusstsein“
[jener reale Mensch in der Welt gewesen bin], der wirklich [in der Welt seiend] etwas gewollt,
gefüllt oder gedacht hatte. Dieses Vergangene ist selbst eine Art von „Irrealem“ [im Sinne des
Nicht-mehr-Gegenwärtigen] geworden], dessen frühere Realität sich gar nicht ausschalten oder
in Klammern setzen lässt, weil sie eine unwiderrufliche Tatsache ist. Es sei denn, dass man
durch einen Kunstgriff die Fiktion einer unmöglichen Ausschaltung dessen, was nicht mehr
wirklich-gegenwärtigen ist. Eben darin liegt, laut Ortega, die Sinnwidrigkeit der
phänomenologischen Reduktion, welche Husserl zu dem Idealismus unvermeidbar führte.

2
Ebd. S. 156-157. Übersetzt von G. Ferrer.
3
Hierzu vgl. Ebd., S. 155-160. (Fragt man etwa jemandem auf Spanisch „¿te das cuenta de lo que estás diciendo?“,
oder sagt jemand: „me he dado cuenta de algo“, so nimmt man irgendwie an, dass man, wenn nicht alles, schon
etwas gesagt oder bemerkt hat, also es irgendwie zurückliegt. Diese Redeweise gibt ein phänomenologisches
Rätsel auf. Wie auch immer hat Ortega immer die [strittige] Idee vertreten, dass das reflektierende Bewusstsein
immer spät zum Leben im Vollzug kommt, weil jede Reflexion darüber nur nachträglich durchgeführt werden
kann).
3
(Hierzu könnte man vielleicht Ortega einwenden, dass er einen Aspekt jenes Vorausgehens
übersieht. Denn es weist sich nicht nur in der Unwiderruflichkeit dessen auf, was schon
geschehen ist, sondern auch in der gleichsam Präzedens des aktuellen Weltwerdens. Die Frage
lautet denn, ob man das Weltwerden sozusagen „im Begriff“ gewahren kann. Xavier Zubiri hat
diesem Weltwerden durch Analysen zu der dynamischen Struktur der Realität Rechnung zu
tragen versucht –wobei ich nun gar nicht meinen möchte, dass Zubiri in allerlei Hinsicht den
philosophischen Ansatz Ortegas überwunden hat. Das sollte nicht unbedingt immer der Fall
sein).

Jedenfalls ist hier wichtig, Folgendes zu bemerken: Der Schwerpunkt liegt jetzt darin, dass das
so beschriebene irreale Milieu des reinen Bewusstseins sich gar nicht als ein Konstrukt, eine
bloße Fiktion des idealistischen Philosophen brandmarken lässt. In der Hinsicht ist die
Redeweise Ortegas eher zweideutig. Denn selbst wenn er das reine Bewusstsein zurückweist,
muss er doch zugeben, dass eben der konkrete Mensch das irreale Milieu des Gewahrens
hervorbringt oder vollzieht. 4 Möge es sein, dass man völlig falsch das reine Bewusstsein, das
Gewahren (el darse cuenta) hypostasiert und es für die primäre Realität hält, obwohl es sich
tatsächlich um ein irreales Milieu handelt - irreal“ in einem ersten Sinne (das möchte ich
nachdrücklich betonen), nämlich, dass jedes reine Gewahren eine Art von nachträglichem
Bewusstsein ausmacht, welches einem nicht mehr Gegenwärtigen, also schon zeitlich
Entfernten, sei es minimal, gegenübersteht). Der Fiktions- bzw. Scheincharakter (also ein
weiterer Sinn der „Irrealität“) käme zu jenem irrealen Milieu erst dann hinzu, wenn man meint,
die „Irrealität“ des schon Geschehenen ausschalten zu können.

Gleichwohl sollte daraus nur folgen, dass das reine Bewusstsein, anstatt allumfassend zu sein,
[vielmehr] von einer weitgehenden primären Realität umgeben ist. Bekanntlich hat Ortega sie
als eine „Korrelation“ beschrieben, aber diesmal handelt es gar nicht um jene zwischen dem
reinen Bewusstsein und seinen intentionalen Gegenständen, sondern zwischen dem [realen] Ich

4
Dieses primäre Bewusstsein ist im realen Aktvollzug des Menschen derart versunken, dass er keine thematische
Reflektion zulässt. In der Tat muss jeden wirklichen Aktvollzug unterbrochen werden, damit es so etwas wie ein
Gewahren, Beobachten, reines Bewusstsein geben kann. Zubiri wird seinerseits Nachdruck darauflegen, dass die
phänomenologische Reduktion die Aufmerksamkeit von jeglichem Aktvollzug ablenkt, der sich in die
Gegenstände „schießt“ (se dispara), damit so etwas wie eine „primäre Realität“ bzw. die Realität der ganzen Welt
auftreten kann. Sich von Husserl inspirieren lassend, wird Zubiri den Akzent von einer Lebensphilosophie zu einer
Art von transzendentaler Phänomenologie der Realitätserfahrung verschieben.

4
und seinen [realen] Umständen. Es geht bei Ortega darum, dem Faktum Rechnung zu tragen,
dass die Dinge mir geschehen [und umgekehrt geschehe ich ihnen]. Und der Ort dieses
Geschehens ist eben mein unmittelbarer Umstand, „mi circunstancia“.

Die Phänomenologie Ortegas, welche er sich zweifelsohne vornahm, zustande zu bringen,


besteht im Wesentlichen darin, die ganze Begrifflichkeit des „Erlebens“, wie der Idealismus
und weiterhin die Phänomenologie Husserls entwickelt haben, auf die Sprache des
„Geschehens“ zurückzuübersetzen. Es handelt sich im Grunde genommen um eine
Rückübersetzung des „Erlebens“ auf eine Lebensphilosophie, welche die Betonung auf das
Auftauchen des unmittelbaren Verhältnisses zwischen dem Ich und seiner vitalen Umgebung
legt (jegliche Gestaltungen des Geistes sind für Ortega weiter nichts, als höhere Entwicklungen
jener Beziehung eines Lebendigen zu seiner Umwelt).

Der baskische Philosoph Xavier Zubiri, selbst ein Meisterschüler Ortegas, greift zwar
Grundgedanken sowohl dessen Kritik an der phänomenologischen Reduktion als auch dessen
Lebensphilosophie auf, jedoch verschiebt er den Akzent auf eine Art von transzendentaler
Phänomenologie der radikalen Erfahrung der Realität. Dafür spielt die Betrachtung des Irrealen
eine wichtige Rolle. Daher versuchte Zubiri erstens die Art von „Irrealisierung“, welche in der
phänomenologischen Reduktion miteinbezogen ist oder mit ihr einhergeht, genauer als Ortega
zu bestimmen. Zweitens zieht er andere Modi des Irrealen als jener der Fiktion, um ihre Rolle
in der Erfahrung zu beschreiben. Das letztere bildet das Thema des noch nicht auf Deutsch
übersetzten Buches Zubiris, El hombre: lo real y lo irreal.5 Dieses entwirft eine Art
phänomenologischer Anthropologie, welche auf dem Zusammenspiel des Realen und dem
Irrealen in der Erfahrung beruht.

[2. Zubiri: Momente der Ent-wirklichung bei der Epokhé und der phänomenologischen
Reduktion]

Aber bevor ich dahingehe, möchte ich mich mit der Art und Weise befassen, wie Zubiri die
Epoché von der phänomenologischen Reduktion unterscheidet. Jene sei eine Ent-vitalisierung
(desvitalización) jeglicher Aktvollzüge, die sozusagen in die einzelnen Gegenstände
„schießen“. Damit kann sich die Aufmerksamkeit sich auf jenen ursprünglichen Glauben an die
Realität der ganzen Welt richten, der für das [natürliche] Leben im Vollzug verborgen bleibt.
Bedeutet dies, dass ich die reale Welt aufgebe bzw., dass ich jetzt glaube, es komme ihr keine
Existenz zu? Nein, ich lebe in der Welt weiter, aber währenddessen nehme ich eine besondere

5
Xavier Zubiri: El hombre: lo real y lo irreal. Alianza Editorial/Fundación Xavier Zubiri. Madrid 2005.
5
Einstellung, nämlich, lasse die Gültigkeit jeder einzelnen Seinssetzungen in der Schwebe, stelle
ich sie dahin. Aber nicht deswegen habe ich aufgehört, das reale Leben zu leben noch jene Akte
zu vollziehen, aus denen das Leben besteht. Im Gegenteil bleibe ich in dem realen Leben „in
all seiner Fülle und seinen Facetten, in der Vielfalt jeden Erlebnisses“, nur dass ich nicht mehr
an jene Setzungen glaube, die mich früher in dem Leben in der Welt versunken. Solch eine Ent-
vitalisierung kommt einer gewissen Entwirklichung bzw. Irrealisierung gleich.

Die phänomenologische Reduktion geht einen Schritt weiter, so Zubiri weiter. Sie lasse die
Realität auf einem sie konstituierenden Bewusstsein gründen. Es handele sich aber um eine
Fundierung der Realität und der realen Gegenstände, sofern sie dank des Bewusstseins, einer
Operation, die jenes von ihm aus einstellt, erscheinen. Zubiri bemerkt hier, dass für Husserl, im
Unterschied zu Brentano, reicht gar nicht aus, die Intentionalität als Korrelation festzustellen.
Denn das reine Bewusstsein präfigiert den Gegenstand der Intention:

„[…] es hat nicht nur einen Gegenstand, sondern macht von sich selbst her, dass es einen intentionalen
Gegenstand für sie gibt.“6

Das reine Bewusstsein sei also keine bloße Korrelation, sondern das Apriori jeder
gegenständlichen Bekundung, eben sinngebendes Bewusstsein. Es geht nun darum,
klarzustellen, worüber die phänomenologische Reduktion operiert. Die Antwort Zubiris lautet:
über jenen Urglauben in die Realität, welcher das natürliche Leben trägt, auf welchem sich
jeglicher weitere Glaube errichtet. Die phänomenologische Reduktion operiert über eine ganz
besondere cogitatio, und zwar jenem Urglauben an die Realität der ganzen Welt, meine eigene
Realität eingeschlossen, indem er ihn zum ersten Mal auftauchen bzw. sich phänomenalisieren
lässt. Dadurch erscheine ich mir selbst nicht mehr als ein reales Subjekt; ich tauche jetzt als
jenes [transzendentales] Subjekt auf, welches jegliche meiner einzelnen Vollzüge in der Welt
ent-vitalisiert hat; es geht um das Phänomen der Ichhheit, welches erst jetzt, nach der
Reduktion, mir erscheint. Aus dieser Operation ergibt sich ein „irreales Milieu“, nämlich jenes
der intentionalen Korrelation:

„Die Reduktion besteht also darin, die ganze reale Welt auf etwas irreales zu reduzieren, so dass ich
durch diesen Vorgang eine reduzierte Welt erhalte. Ich verliere durch diesen Vorgang nichts reales,
sondern lediglich seinen reellen Charakter [Realitätscharakter].“7

6
Xavier Zubiri: Cinco Lecciones de Filosofía. Con un nuevo curso inédito. Alianza Editorial/Fundación Xavier
Zubiri. Madrid 2009, S. 208.
7
Ebd. S. 199. (Übersetzt von N. Schmich).
6
Der „negative“ Aspekt dessen, was die Reduktion als Phänomen gewinnt, besteht darin, dass
jenes aufhört, faktisch zu sein. Darüber hinaus erweist sich jedoch dieser Prozess als ein
Erscheinen-Lassen, welches die bloße Wesensgestaltung, das Eidos jedes Gegebenen, das Ich
selbst miteingeschlossen, auftreten lässt. Zubiri interessiert sich nicht so sehr für die Frage, ob
die eidetische und die phänomenologische ein und dasselbe sind (in der Tat unterscheidet er sie
voneinander in manchen Stellen, wobei er des Öfteren sie für gleichbedeutend hält ), als für den
neuen Zustand dessen, worüber die Reduktion operiert hat: Das Welt-Eidos bzw. Welt-
Phänomen erweist „sich als vollkommen unwirklich “, und das heißt „[…] jedoch nicht fiktiv
oder ähnliches, sondern lediglich, dass sie, aufgrund der Epoché, auf jegliche Anspielung der
Wirklichkeit [Realität] verzichtet.“8 Zubiri fügt jedoch sofort hinzu:

„Für Husserl bedeutet dies nicht etwa ein Verlust, sondern […] eine maßgebende Errungenschaft. Denn
wissend was ‚das‘ Rot selbst und unwirklich [irreal] ist, verfüge ich über das ‚Metrum‘, gemäß dessen
alle roten Dinge, die es gibt oder wahrhaftig in der Welt sein können, rot, nicht rot oder halb rot sind.“9

Dank der Reduktion hat der Phänomenolog jetzt mit eidetischen Sinneseinheiten zu tun, deren
konstitutive Irrealität die Maßgabe für die Seinserkenntnis [eine ontologische Erkenntnis]
jeglicher faktischen und möglichen Gegenstände stiftet. Man könnte sagen, dass die der
Reduktion eigene „Irrealisierung“ im Grunde genommen eine Auslegung eidetischer
Sinneseinheiten, welche das Apriori jeglicher faktischen und möglichen Weltgegenstände
ausmachen. Zudem gibt es die „irrealen“ Sinneseinheiten bzw. Wesenheiten „Welt“, „Ich“,
welche ihrerseits das Apriori der faktischen Welt sowie jenes jeglicher möglichen Welten, jeder
faktischen und möglicher Selbsterfahrung bilden. In diesem Zusammenhang bedeutet
„Irrealität“ keinen bloßen Verzicht auf die Realität. Denn es handelt sich hier keineswegs um
den bloß [logischen oder metaphysischen] Gegensatz Sein/Nicht-Sein oder Reales/Fiktives,
sondern um einen Prozess, der, die Faktizität aufhebend, unwirkliche, also maßgebende
eidetische Sinneseinheiten gewinnt.

Nun gut, was Zubiri eigentlich interessiert, ist die Tatsache, dass die phänomenologische
Reduktion zum ersten Mal die Realität der ganzen Welt thematisieren, sogar noch mehr:
erscheinen lässt -wobei Zubiri diese „Ganzheit“ nicht naiv annimmt; im Gegenteil macht sie
das Thema einer radikalen Erfahrung der einen Welt aus, auf welche Zubiri in mehreren
Werken eingeht. Diesbezüglich stellt er fest, dass eine Phänomenologie bzw. eine
phänomenologisch angelegte Philosophie der Welterfahrung die [transzendentale] Kategorie

8
Ebd. S. 200.
9
Ebd.
7
des Irrealen braucht, wenn man so reden darf. Zugleich bemerkt er, dass die „Irrealisierung“,
auf ihrer höheren Ebene, sich nicht darauf beschränken könnte, die eidetische Anschauung zu
ermöglichen. Sogar der Ausdruck „irreal“, wenn man sie auf den Zustand des reduzierten
Bewusstseins und dessen reduzierte intentionale Korrelate anwendet, sei zweideutig. Zubiri
fragt sich, ob es sich dabei nicht letztendlich um einen Neutralitätszustand handelt. Denn dass
die phänomenologische Reduktion den Glauben an die Realität außer Spiel lässt10, weist
keineswegs das phänomenologische Residuum als irreal auf. Vielmehr erweist sich das durch
die Reduktion gewonnene Wesen der Welt bzw. Welt-Eidos als neutral der Realität und
Irrealität gegenüber, so Zubiri weiter. In dieser Hinsicht hätte Husserl die Frage nach der
transzendentalen Bedeutung des Irrealen fälsch im Bereich der reinen Wesenheiten verortet.
Hingegen bedarf es einer Analyse des Irrealen innerhalb der realen Welterfahrung, um von ihm
Rechenschaft ablegen zu können.

In vielerlei Hinsicht ist diese Kritik Zubiris an der Husserlschen Behandlung des Irrealen
fraglich. Aus nicht wenigen Stellen geht hervor, inwiefern sich Husserl darum bemüht hat, die
Fiktion sowie verschiedene Phantasiegestaltungen -etwa der sogenannten „perzeptiven
Phantasie“- nicht einfach die Realität überfliegen zu lassen. Aber ebendarum trifft die Kritik
Zubiris einen Schwachpunkt der phänomenologischen Analysen Husserls, den dieser bereits
bemerkt hatte. Denn genauso wie Zubiri wusste Husserl, dass die Fiktion einen gewissen
Zusammenhang mit der Wirklichkeit haben, eine Art von Erfahrung (sei es eine „quasi-
Erfahrung“) sein muss.

Gleichwohl gibt es einen Gedanken Zubiris bezüglich des Irrealen, auf dem Ich Wert lege und
nun zur Diskussion stellen möchte. Es handelt sich eben um das Konzept, dass das Irreale nicht
einfach die Realität überfliegt, irgendwo in der Gestalt eines „bloß Fiktiven“ herumflattert.
Vielmehr ordnet sich das Irreale irgendwie in die Realität ein, lässt es sich sogar in sie
„einschreiben“ (inscribir). Dies kommt aber nur insofern vor, als dass eine „Impression der
Realität“ bzw. „Realitätsimpression“ (impresión de realidad), ähnlich zu der Urimpression
bzw, impressionellen Gegenwart bei Husserl, jenen ursprünglichen Bereich ausmacht, in
welchen jedes Gebilde des Irrealen eintreten muss, um eine mitkonstituierende Rolle in der
Erfahrung zu spielen.

Hier könnte ich nicht in jene Analysen Zubiris zu dem Irrealen und seinen Grundgestaltungen
(die Fiktion, das sogenannte „Gespenst“ [espectro] und die Ideen) tiefer eindringen, welche im

10
Um den Glauben an die Realität der ganzen Welt erscheinen zu lassen, denn jener war früher, solange die
natürliche Einstellung überwog, bloß mitfungierend.
8
Übrigen immer im Dienst einer phänomenologisch angelegten Philosophie der Realität stehen.
Abschließend möchte ich nur auf den Ansatzpunkt weiterer Überlegungen auf das Irreale bei
Zubiri hinweisen. Er meint, dass der Mensch, selbst eine „empfindende Intelligenz“
(inteligencia sentiente), die sinnlichen Inhalte nicht nur empfinde, sondern auch als „real“
auffasse. Der Mensch sei jenes Seiende, welches über jede Seinserkenntnis hinaus, die Realität
der Welt selbst empfindet, sofern jeder seiner sinnlichen Eindrücke von einer intellektuellen
(intelectiva) Auffassung eines [formalen] Realitätsüberschuss begleitet sind. Da dieser
impressionell hereinbrechende, doch formale Realitätsmoment, laut Zubiri, gar nicht spezifisch,
sondern genug homogen (im Sinne einer allumfassenden Welt) kann der Mensch in ihn
„irreale“ Gestaltungen einschreiben. Diese müssen sich jedoch immer einer „Prüfung“ durch
die Realität bzw. Realitätsbewährung unterwerfen, sogar jene Gestaltungen des Irrealen, welche
die schöpferische Phantasie leistet. Damit entwirft sich eine phänomenologisch angelegte
Theorie der Welterfahrung, in welcher das Reale und das Irreale miteinander einhergehen. Dies
wäre jedoch ein Thema für künftige Diskussionen.