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Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Aufstand in der Hexenschule


Eine Geschichte von Ursel Scheffler illustriert von Elke Broska, erschienen im
cbj Verlag.
„So geht es nicht weiter!“, rief die Oberhexe Walpurgis beim Hexentreffen auf

dem Brocken. „Die Menschen fürchten sich nicht mehr vor uns. Sie verkleiden

sich am Halloweentag oder im Fasching selbst als Hexen und Zauberer. Sie

machen sich über uns lustig! Zum Teufel! Ihr müsst in der Schule wieder

ordentlich büffeln. Bis zu den großen Ferien müsst ihr in der Hexenschule

lernen, bis die Perücke qualmt!“

Die Hexen und Zauberer machten lange Gesichter. Mehr lernen? Im Frühling

und Sommer? Wo es draußen so schön war? Bäh!

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Aber es half alles nichts. Sie mussten jeden Tag neun Stunden die Schulbank

drücken.

Montags übten sie das Spuken, Fauchen und Stänkern. Dienstags malten sie

Drudenfüße, Drachen, Mondgesichter und andere Beschwörungszeichen.

Mittwochs paukten sie das Hexeneinmaleins, rechneten mit magischen

Quadraten und übten den Hexenschuss. Donnerstags probten und tobten sie

in der Hexentanzstunde. Sie grölten dazu das Feuerdrachenlied, tanzten die

Killerpolka, den Totenkopf-Rock oder einen der anderen wilden Tänze, die sie

sonst bloß in der Walpurgisnacht tanzten – bis ihnen die Zunge heraushing.

Freitags lehrten sie die Oberhexe Walpurgis und der Zauberer Abraxusknaxus

alle Finten, Listen, Tücken und Schliche des Hexenhandwerks.

Am Samstag gab es Kochunterricht in der Hexenküche. Die Hexen probierten

die altbewährten Rezepte aus, die jede Hexe kennen muss:

Tollkirschenpudding mit Glassplittergelee, Teufelsbraten mit Pech- und

Schwefel-Soße, gedämpfte Fliegenpilze mit Kakteensalat, Arsensuppe mit

eingelegten Mäusezähnchen und andere Leckerbissen.

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Kein Wunder, dass die Hexen und Zauberer am Sonntag fix und fertig waren.

Aber sie durften nicht ausruhen. Sie mussten zum Flugunterricht bei Meister

Dracula!

Dort übten sie Geländeritt, Geschicklichkeit, Allwetterflug, Senkrechtstart,

Sturz- und Schwebeflug, Kreiseln und Loopings.

So wurden die Zauberschüler nach allen Regeln der Hexenkunst gedrillt, bis

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sie wirklich ferienreif waren. Endlich gab sich die Oberhexe zufrieden: Als die

Sommerferien vor der Tür standen, hatte sie die perfektesten Hexen weit und

breit.

„Heute besprechen wir das Schlechtwetterhexen“, sagte die Oberhexe am

Freitag vor den Ferien.

„Wir wollen in den Ferien aber lieber schönes Wetter!“, rief die Blitzhexe.

„Ich habe mich beim letzten Gewitter erkältet!“, beschwerte sich die

Sumpfhexe. „Hatschi! Hatschi! Hatschi!“

Einige Hexen kicherten.

Das machte die Oberhexe wütend, und sie schrie: „Potz Schleuderblitz und

Schwefelfurz! Wollt ihr wohl still sein! Wie das Wetter wird, bestimme ich. Und

diesen Sommer wird es verteufelt schlecht. Hatschi!“

Mühsam unterdrückten die Hexen das Kichern, weil nun auch die Oberhexe

niesen musste.

„Das kommt davon, wenn man sich bloß bei schlechtem Wetter in der Gegend

herumtreibt!“, zischelte die Blitzhexe. „Hatschi, hatschi, hatschi!“, nieste die

Sumpfhexe.

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„Hör endlich mit der dämlichen Nieserei auf!“, fauchte die Oberhexe genervt.

„Was kann ich dafür, wenn es auf den alten Besen immer so zieht?“, klagte die

Sumpfhexe. „Meister Dracula hat uns am Sonntag beim Flugunterricht trotz

des scheußlichen Wetters über Moore und Seen gehetzt.“

„Scheußliches Wetter ist schön!“, behauptete die Oberhexe.

„Für einige von uns“, sagte die Wetterhexe. „Aber wenn man es nicht gewohnt

ist, dann ist es schon eine Zumutung, heute noch auf diesen altmodischen

Besen zu reiten, wo uns die Technik so viele Möglichkeiten bietet.“

„Selbst die Menschen haben es bequemer, wenn sie reisen!“, quiekte die

kleine Quellhexe dazwischen. „Die fahren mit Schiffen, Zügen, Autos,

Flugzeugen …“

„Ihr wollt wohl im Flugzeug in die Ferien fliegen, was?“, spottete die Oberhexe.

„Warum nicht?“, antwortete die Wolkenhexe. „Es ist bequemer und schneller.“

„Es gäbe noch mehr zu sagen, blobb, blobb", blubberte die Moorhexe. „Denkt

nur an unsere blöden ausgefransten Kopftücher …“

„Ja, es ist eine Schande, wie wir herumlaufen müssen. Die Dinger sind

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hässlich, altmodisch und unbequem“, rief die Flusshexe.

„Jetzt schlägt’s aber dreizehn! Ihr wisst, dass ihr eine Kopfbedeckung

braucht, damit ihr für die Menschen unsichtbar seid!“, brüllte die Oberhexe.

„Na gut, aber können wir nicht schicke Hüte bekommen und saubere,

moderne Sachen? Bunte Tücher, Pullover und Regenumhänge, die uns kleiden

und nett aussehen?“, schlug die Windhexe vor.

Jetzt redeten alle Hexen durcheinander. Als selbst die Zornesblicke der

Oberhexe nichts mehr ausrichten konnten, entschied sie sich für das

Einschalten höherer Gewalt. Sie bediente den Alarmknopf neben der Tür und

ließ aus der Deckenlampe einen Blitz auf die aufgescheuchte Schar

herunterfahren.

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„Gift-und-Galle-noch-mal! Der Sommerurlaub ist gestrichen! Und jetzt geht ihr

zur Strafe Würmer suchen. Schlag 12 Uhr treffen wir uns in der Hexenküche.

Es gibt Schlangenfraß!“

Darauf rauschte die Oberhexe zur Tür hinaus und ließ hinter sich eine Reihe

kleiner Schwefelwölkchen entwischen. So aufgeregt war sie.

Die aufgebrachten Hexen aber scharten sich um die Wetterhexe und sagten:

„Jetzt reicht es uns wirklich."– „Schlechtes Wetter für die Ferien!“ – „Würmer

suchen!"– „Schlangenfraß!“ – „Was zu viel ist, ist zu viel!“, riefen alle

durcheinander.

Und dann schmiedeten sie Pläne, wie man der fiesen Oberhexe das

Handwerk legen könnte.

„Wir machen einen Hexenaufstand!“, rief die Donnerhexe.

„Wir müssen sie einsperren und ihr Kopftuch und ihren Besen verbrennen!“,

schlug die Blitzhexe vor.

„Und dann machen wir Ferien, wie wir es möchten!“, rief die Windhexe.

„Und ich hexe euch das beste Wetter, das man sich vorstellen kann!“,

versprach die Wetterhexe.

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Und dann schlichen sie zur Schlafkammer der alten Hexe, um alle ihre

Vorsätze in die Tat umzusetzen.

Ob es ihnen gelungen ist? Nun, man wird es merken, wenn man das

Ferienwetter beobachtet.

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Aufstand in der Hexenschule


Geschichte aus: Erst ich ein Stück, dann du. Das große
Schulgeschichten-Buch
Autor: Ursel Scheffler
Illustration: Elke Broska
Verlag: cbj
Alterseinstufung: ab 7 Jahren
ISBN: 978-3-570-17083-0

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