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Portrait der Oberrealschule zu Herford,1 1911-1952: Vom Aufbau der höheren

Jungenschule, ihrem Weg in die Diktatur und wieder hinaus

Teil 2: Lehrer, Schüler und Eltern zwischen Anpassung, Selbst-Behauptung und Resistenz (1933-
1952)

von Eva Pietsch

Der nachfolgende zweite Teil behandelt schulische und personelle Veränderungen während der
NS-Zeit unter der fortgesetzten Leitung Heinrich Rüpings (bis 1939) sowie dessen Nachfolgers
Paul Baesen (1940-1945). Die Wiederaufnahme des Schulbetriebs ab Februar 1946, unter Leitung
des langjährigen stellvertretenden Direktors Albrecht Burchardt beleuchtet schließlich den
Prozess der konfliktreichen Wieder- und Neubesetzung von Lehrerstellen im Zuge der lokalen
Entnazifizierung in Stadt und Kreis Herford bis zum Jahr von Burchardts Pensionierung 1952.

1. Zwischenresümee, Fragen und Ziele der Untersuchung

Erinnern wir uns: Der Zulauf, den sich die Nationalsozialisten während der 1920er Jahre lautstark
und reichsweit „erarbeitet“ hatten - als rechte Krawallmacher, antisemitische Hetzer,
Demokratieverächter und als erklärte Feinde der Weimarer Verfassung, war im Zuge der
Weltwirtschaftskrise ab 1929 auch in Ostwestfalen immer stärker geworden. Im Verlauf dieser
Krise hatten sie sich als politischer Faktor regelrecht „durchgesetzt“: Nationalkonservative
Kreise, junge und jugendliche „Follower“, sowie Angehörige des mittleren und Kleinbürgertums
wandten sich vermehrt den radikalen Parolen der NSDAP zu und traten deren Organisationen bei,
etwa der SA (Sturm-Abteilung), SS (Schutz-Staffel) oder HJ (Hitlerjugend) und BDM (Bund
deutscher Mädel) – auch in Herford.2 Bereits vor 1933 hatte daher die zunehmende
gesellschaftliche und politische Polarisierung, die den Kern des demokratischen Gemeinwesens
in Frage stellte, auch die schulischen „Statusgruppen“ erreicht – Schüler, Eltern und Lehrer. Ob
verbale antijüdische Ausfälle unter Schülern 1931/32, vom Kollegium disziplinarisch geahndet,
ob Elternbeschwerden, wonach Schüler, die mit „der Bewegung“ sympathisierten, angeblich
durch schlechtere Noten benachteiligt würden, oder ob es Schulleiter Rüpings öffentliches
Demokratiebekenntnis als Festredner der Herforder Verfassungsfeier 1931 war: Politische Risse,
die sich am (Un-)Geist nationalsozialistischer Auffassungen schieden, verliefen quer durch
Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft.3 Zugleich zeigte die Analyse schulinterner Abläufe aus
Protokollbüchern und Aktennotizen der Weimarer Zeit, wie Schulleitung und Kollegium in diesen
letzten Jahren der Weimarer Republik auf diese Anmaßungen und Herausforderungen reagierten -
etwa mit dem Einfordern strikter Disziplin in der Schülerschaft, der strengen Einhaltung
schuladministrativer Vorgaben, sowie einem nach außen mehrheitlich geschlossenen
Zusammenhalt des Kollegiums, um besagten Anwürfen von Schüler- oder Elternseite zu
begegnen.

Nationalsozialistische Provokationen machten in Herford somit bereits vor 1933 nicht vor den
Schultoren halt, wie der Mobbingversuch des ehemaligen Oberprimaners Rudolf Menke im
Frühjahr 1932 zeigte, SA-Mann seit 1929 und NSDAP-Mitglied seit 1930, der die Lehrer der
Oberrealschule beschuldigte und bedrohte, da er sie für seine Nicht-Zulassung zum Abitur
verantwortlich machte.4

Stellten die geschilderten Vorkommnisse bereits eine Zerreißprobe für den Schulalltag dar?
Beurteilt nach den Forderungen der Nationalsozialisten, die von Anfang an klar artikuliert
wurden, eindeutig: Ja. Denn mit dem „System“ der Weimarer Zeit aufzuräumen, gegen
„Demokraten“, “Liberale“ und „Intellektuelle“ eine Herrschaft des „gesunden Volksempfindens“,
bereinigt von „jüdischem Einfluss“ aufzubauen, dies waren schon vor 1933 unablässig
propagierte Botschaften, welche das Schulsystem der Weimarer Republik und seine Beamten
herausforderten, die immerhin der republikanischen Verfassung verpflichtet waren. Hatte die
Schulleitung nationalsozialistische Provokationen bis 1932 noch entschlossen pariert – und auch
die nationalkonservativen Stahlhelmer erhielten in jenem Jahr zumindest ein vorübergehendes
Organisationsverbot, veränderten sich die politischen Vorzeichen im Jahr 1933 drastisch. Somit
waren die Voraussetzungen dafür, nationalsozialistische Vorstellungen „endlich“ in praktische
Handlungsvorgaben zu verwandeln und unter Androhung massiver Benachteiligungen
durchzusetzen, mit Hitlers Machtübernahme am 30. Januar auf die Zielgerade gebracht. Die
anschließende verfassungswidrige Eroberung der Rathäuser durch NS-Bürgermeister im Zuge der
Märzwahlen, in Herford durch Ernennung von Bürgermeister Heinz Rudolf Kosiek, später
Oberbürgermeister Friedrich Kleim, sowie die Ernennung des hitlertreuen Parteigenossen
Bernhard Rust zum preußischen Kultusminister, ab 1934 auch Reichsminister für Erziehung,
stellten personale Variablen dar, die fortan auf die Schulen Herfords Einfluss nahmen, nicht zu
vergessen die Entscheidungsträger in der höheren Schulverwaltung des
Provinzialschulkollegiums in Münster.5 Diese unterschiedlichen Ebenen, vom lokalen
Schulträger, über die vorgesetzte Schulbehörde bis zu übergeordneten Ebenen, gilt es zu
berücksichtigen, will man die Handlungsmöglichkeiten schulischer Akteure ab 1933 untersuchen,
um zu beurteilen, welche Chancen sie zum Knüpfen von Allianzen oder möglichen
Kompromissen besaßen, sei es um auf lokaler Ebene handlungsfähig zu bleiben oder die eigene
Amtsposition zumindest defensiv abzusichern. Wurden Vertreter der nationalsozialistischen
Ideologie an der Oberrealschule mit offenen Armen empfangen, reserviert auf Distanz gehalten
oder gibt es gar Formen der Widerständigkeit zu erkennen, mit der man auf das völkisch-
nationale Programm der Regierung reagierte?

Schule – dies zeigte die Analyse der Weimarer Jahre, war alles andere als ein konfliktfreier
Raum. Fragen, die sich angesichts dieses Zwischenresumees stellen, lauten daher: Wie veränderte
sich das „Handlungsfeld Schule“ nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten und schließlich
über das Ende des Dritten Reiches hinaus? Damit wird auch versucht, den Prozess der
„Gleichschaltung“ näher und genauer fassen, als dies zuweilen geschieht. Ausgehend von der
Herforder Oberrealschule werden dabei allgemeine Entwicklungslinien aufzeigbar und
überprüfbar, etwa inwieweit Schule „in der Diktatur“ tatsächlich einen weitgehend
fremdbestimmten und „durchherrschten“ sozialen Raum darstellte –– oder ob Freiräume bestehen
blieben, in denen der Einzelne, ob Lehrer oder Schüler, nicht von vornherein „zum Gleichschritt
verdammt“ war.

Auf dem Prüfstand stehen insbesondere Auffassungen, wonach etwa für die erste Phase der
nationalsozialistischen Schulpolitik, von 1933 bis 1936, nur eine „vergleichsweise mäßige
Dynamik […] der weltanschaulichen Umgestaltung“ kennzeichnend gewesen sei.6 Die Ereignisse
in Schulpolitik und Schulalltag, die das Herforder Oberrealschul-Kollegium bereits im ersten Jahr
nach der Machtübernahme konfrontierten, lassen erhebliche Zweifel an einer nur „gemäßigten
Dynamik“ zu.

Keinesfalls sollen die damaligen Akteure als „in Großem und Ganzen“ willige Mitläufer
gekennzeichnet werden, wenngleich, so Zeitgenossen, welche die Schule zur Zeit des Zweiten
Weltkriegs als Schüler erlebten, die Oberschule für Jungen „im Sinne des NS-Systems
funktionierte“ (Gossmann). Ein quellengestützter Blick ermöglicht es, genauer hinzuschauen und
zu fragen: Wer nutzte die neuen Verhältnisse für persönliche oder berufliche Vorteile und auf
welche Weise? Es wird zu zeigen sein, dass damalige Akteure sich häufig vor die Wahl gestellt
sahen, als „kleineres Übel“ nationalsozialistischen Organisationen oder angeschlossenen
Verbänden beizutreten, um ihre berufliche Position oder ihren Arbeitsplatz nicht aufs Spiel zu
setzen. Heinrich Rüpings Vorgehen, ab 1933 auf die veränderten „neuen Staatsziele“ in Bildung
und Schule einzugehen, liefert ein Beispiel dafür, wie man(n) sich zwar nicht in einen
parteihörigen Wendehals verwandelte, sich jedoch den neuen Anforderungen eben nicht in den
Weg stellte, sondern – Anweisungen, Verordnungen und Gesetzen gemäß – als ausführendes
Organ der vorgesetzten Dienstbehörde seine Dienstpflicht erfüllte. Dies legt die nähere
Betrachtung seiner Entscheidungen als Herforder Schulleiter nahe, ein Amt, das er bis 1939 an
der Herforder Oberschule für Jungen ausübte, ehe er sich erfolgreich um die Schulleitung der
größeren Helmholtz-Oberrealschule für Jungen in Bielefeld bewarb. Dennoch stellte er sich ab
1933 bewusst schützend vor seine Kollegen.

Wie schmal der Grat zwischen Distanzierung und Anbiederung verlief, zeigen
Personalentscheidungen, die Rüping und dessen Nachfolger Paul Baesen zwischen 1933 und
1945 zu verantworten hatten, an denen häufig die NSDAP – über „politische Gutachten“, der
Herforder Oberbürgermeister und die Schulbehörde in Münster beteiligt waren. Für die
Nachkriegszeit wird der Prozess eines „Neuanfangs mit altem Personal“ mithilfe der
Entnazifizierungsakten zahlreicher Oberschullehrer greifbar.7 Diese Dokumente belegen nicht
nur, wie die Lehrer, die nach 1945 weiter an der Herforder Oberschule unterrichten wollten, ihr
Handeln in der Zeit des „Tausendjährigen Reichs“ aus ihrer persönlichen Sichtweise umdeuteten.
Sie legen ebenfalls Zeugnis ab von Brüchen und Kontinuitätslinien in der „Schulgemeinschaft“.
In diesen Unterlagen finden sich zahlreiche Stellungnahmen von Eltern oder Schülern, in denen
sie sich für ihre langjährigen Pauker verwendeten, um deren Entnazifizierungsverfahren positiv
zu beeinflussen. Dies sind zugleich Dokumente über die Geschichte der unmittelbaren
Nachkriegszeit und der jungen Bundesrepublik, die in Herford mit dem abrupten Ende der
Entnazifizierungsverfahren auch eine Geschichte vorzeitig vertaner Chancen darstellt und in
Teilen eine nicht unerhebliche Hypothek des jungen deutschen Weststaates im Umgang mit seiner
braunen Vergangenheit rund um das Handlungsfeld Schule bedeutete.

Die Absicht der vorliegenden Untersuchung ist es ausdrücklich nicht, damalige Akteure
bloßzustellen. Jedoch würde sich der historisch analysierende Blick ad absurdum führen, würde
man die damals handelnden Personen nur „anonym“ behandeln. Der Versuch, damaliges
Handeln verstehend zu rekonstruieren, gebietet es, dieses Handeln als einerseits gesellschaftlich,
andererseits als individuell geprägt zu begreifen. Würde man bei einem mikrohistorischen
Zugriff, wie hier auf die höhere Herforder Jungenschule, Vorkommnisse und Entwicklungen nicht
den daran beteiligten Akteuren zuschreiben, hieße dies, sie nachträglich als historische
Persönlichkeiten zu übergehen. Ebenso wenig wie Täter, Funktionäre oder Mitläufer des
nationalsozialistischen Regimes sollten auch die Leidtragenden und Opfer dieser
menschenverachtenden Politik nicht namenlos bleiben. Durch den mittlerweile eröffneten Zugang
zu den historischen Schüler-Stammrollen der Oberrealschule lassen sich jene ehemaligen
jüdischen Schüler identifizieren, die noch in der jüngsten Festschrift des Ravensberger
Gymnasiums nur anonym Erwähnung fanden – nicht einmal als Opfer einer rassistischen
Schulgesetzgebung benannt.8 Der Blick auf die übrige Schülerschaft soll neben den Hinweisen
auf das Schicksal der jüdischen Mitschüler, von denen der letzte im Juli 1938 die Schule verließ,
jedoch nicht zu kurz kommen.

2. Das Jahr 1933 – Zäsur oder Zielgerade?

Den politischen Auftakt des Jahres 1933 bestimmte Hitlers Ernennung zum Reichskanzler durch
Reichspräsident Paul von Hindenburg, am 30. Januar. Ein weit entferntes, die Provinz Westfalen
nicht unmittelbar berührendes Ereignis? Weit gefehlt: In Herford machte an diesem Montag eine
Großkundgebung der Hitlerjugend Furore, für die hochrangige, verdiente Nationalsozialisten
angereist waren: Nicht nur der NSDAP-Gauleiter Westfalen-Nord, Dr. Alfred Meyer, der in
markigen Reden, mit „Sieg-Heil“-Rufen garniert, einem großen Herforder Publikum seine Freude
über die Berliner Ereignisse zum Ausdruck brachte. Auch Baldur von Schirach aus Berlin, seit
Oktober 1931 „Reichsjugendführer“ der Partei, verkündete im überfüllten Herforder Vereinshaus
sowie im Saal der Herforder Gaststätte Brinkmann, dass die „erste Etappe der
nationalsozialistischen Revolution […] heute begonnen“ habe. Zugleich warnte er alle politischen
Gegner, nun breche ‚eine Zeit der Vergeltung’ an, mit Worten, die an Gewaltbereitschaft und
Drastik kaum überbietbar waren: „Wenn heute ein zwölfjähriger Hitlerjunge ermordet würde,
würden wir morgen 50 Führer der KPD an die Laternenpfähle Berlins hängen“, so seine „mit
riesigem Beifall“ bedachte Rede in Herford.9 Die „zynische Offenheit“(Pape), mit der Schirach
an diesem Tag in der Werrestadt versprach, „jetzt“ werde ein Staat begründet, „der sich nicht
scheuen wird, für jeden, der seine Gesetze nicht achtet, ein Schafott zu errichten“, fand
begeisterte Zuhörer.10 Ein abendlicher Fackelzug von SA-, SS- und HJ-Formationen „durch die
belebten Straßen Herfords“ beendete diese lokale Machtdemonstration der NSDAP und ihrer
Anhängerschaft, die sich seit diesem 30. Januar auf der Zielgeraden ihrer nationalsozialistischen
Träume sahen.11

Die von Schirach angekündigten Gesetze machten sich die neuen Machthaber in der Folgezeit
nach Gutdünken selbst und - wie aus der historischen NS-Forschung bekannt – jenseits
demokratischer, rechtsstaatlicher und menschenrechtlicher Prinzipien.12 Bereits vor den
Reichstagswahlen vom 5. März 1933 füllte sich so auch der Zellentrakt im Herforder Rathaus mit
politischen Gegnern, seien es Angehörige der Gewerkschaften, KPDler oder Sozial- oder anderer
Demokraten. Im Laufe des Sommers ging es dann, im Zuge des Gesetzes zur Wiederherstellung
des Berufsbeamtentums vom 7. April, in den Lehrerkollegien ans politische „Ausmisten“ (s.u.),
wobei man vor der Absetzung von Schulleitern nicht zurückscheute: Die Entfernung der Dr.
Anne-Marie Morisse aus ihrem Amt als Schulleiterin der Höheren Staatlichen Mädchenschule
(heutiges Mathilde-Gymnasium) zum 1. September 1933, setzte in Herfords Schullandschaft ein
deutliches Zeichen.13 Bereits seit März 1933 verfolgten nationalsozialistische Anhänger eine
Strategie der massiven Einschüchterung demokratisch gesinnter Lehrer, wobei häufig junge
Nachwuchslehrer, noch nicht verbeamtete Referendare und Assessoren, federführend waren. Die
etablierten Beamten sollten sich dem neuen System anpassen, um die NS-Ideologie im System
Schule zu vermitteln. Für sie stellten diese Herausforderungen zweifellos eine Zäsur ihrer bisher
respektierten Dienstausübung und der ihnen entgegengebrachten Wertschätzung im Schulalltag
dar. Dass die neuen Machthaber außer durch NS-begeisterte Nachwuchslehrer auch durch Teile
der Schülerschaft bereits „einen Fuß in der Tür“ besaßen, wurde rasch deutlich.

3. Gleichgeschaltet – gleich geschaltet? Ein Bilderstreit um Hitlers Konterfei

Mitglieder von Jungvolk und Hitlerjugend fanden sich auch in der Schülerschaft der
Oberrealschule, dies ist vielfach belegt.14 Verbieten konnte Schulleiter Rüping die Zugehörigkeit
zu dieser NS-Jugendorganisation nicht. Ein vorübergehendes Verbot aus dem Vorjahr war per
Ministerialerlass im September 1932 wieder aufgehoben worden.15 Doch wie verschafften sich
die Anhänger dieser Jugendorganisation gegenüber einem bis dahin bürgerlich-demokratisch
auftretenden Schulleiter wie Rüping ab 1933 Gehör?

Kaum zwei Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler gingen sehr wahrscheinlich
„Pimpfe“ (Mitglieder des Jungvolks) gegenüber der Schule in die Offensive. Wie Direktor
Rüping den „Herren des Kollegiums“ in der Konferenz vom 13. Februar 1933 mitteilte, hatte eine
ganze Klasse den Wunsch nach neuem Wandschmuck geäußert: „Eine Klasse trat an den
Klassenlehrer mit der Bitte heran, das Bild des Herrn Reichskanzlers aufhängen zu dürfen“.16
Eine Aussprache über diesen Schülerwunsch vermerkte das Protokoll nicht. Es hielt jedoch die
unmissverständliche Reaktion Rüpings fest: Dieser wies die Schülerbitte strikt zurück. Er
begründete seine Ablehnung, „Andersgesinnte“ könnten daran Anstoß nehmen, zumal auch
andere Herforder Schulen die Räumlichkeiten mitbenutzten: „Der Direktor hält es nicht für
richtig, das Bild aufzuhängen, da das leicht zu Unzuträglichkeiten mit Andersgesinnten,[…] z.B.
mit den Schülern der Berufsschule führen könnte. Der Klasse wird daher auf Anordnung des
Direktors das Aufhängen des Bildes nicht gestattet“.17

Offenbar trug dies erst recht zu Unzuträglichkeiten für Rüping bei. Die jugendlichen Hitler-
Begeisterten setzten sich über dessen Verbot nämlich kurzerhand hinweg. Dies belegt ein
Schreiben, das Rüping am Tag nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 in den Briefkasten
flatterte. Daraus geht hervor, dass Jungvolk-Anhänger der besagten Klasse trotz Verbots ein
Hitler-Bild im Klassenzimmer aufgehängt hatten. Dieses war jedoch, entsprechend der Direktive
Rüpings vom 13. Februar, wieder entfernt worden. Der auf den 6. März 1933 datierte
Beschwerdebrief, abgesandt aus dem Vereinshaus der Hitlerjugend, Brüderstraße 13, forderte
Rüping daher auf, dass „das Bild von Volksführer und Kanzler Hitler […] wieder dort angebracht
wird, wo es war“. Als Verfasser zeichnete der „Stammführer“ des „Deutschen Jungvolk in der
Hitlerjugend, Jungenzug Herford“, W. A. Siedler. Er verlangte auch zu wissen, „weshalb es
entfernt worden“ sei.18 Sprach nicht vielleicht Eltern- oder Erwachsenenmund aus diesem
Schreiben? Siedler behauptete in seinem Schreiben, er spreche für „Kläger verschiedener Seiten“
und drohte ultimativ, eine Beschwerde an höchster Stelle einzureichen, nämlich „an den
Reichsminister für Kultur und Wissenschaft“, sollte das Hitler-Konterfei nicht binnen acht Tagen
wieder aufgehängt sein – offenbar hatte Stammführer Siedler seine Informanten. In
emphatischem Duktus setzte er vor seinen abschließenden „Heil Hitler“ Gruß die düster-
prophezeiende Rechtfertigung für seine Empörung: „Ein neues Deutschland ist erstanden und
dieses Deutschland duldet keine Schädlinge des Volkes“.

Eine direkte Antwort Rüpings, der mit dem Entfernen des Bildes klar von seinem Hausrecht
Gebrauch gemacht hatte, ist nicht überliefert. Jedoch war es für Rüping durch die Ereignisse der
nächsten Zeit unerlässlich, seine Entscheidung zu überdenken.

Der kleine Bilderstreit stellte nämlich nichts weniger als eine Kampfansage an den
Oberrealschuldirektor dar, da es, neben seiner persönlichen Diffamierung als „Volksschädling“,
um nicht weniger als um die Schule als öffentlichen Ort ging. Hier sollte es, nach Auffassung von
NS-Anhängern, Schülern fortan möglich sein, dem neuen Reichskanzler ins gescheitelte Antlitz
zu blicken. Der Zeitpunkt des Schreibens lässt ferner keinen Zweifel daran zu, dass sich der
Jungvolk- und Beschwerdeführer durch das Ergebnis der Reichstagswahlen bestärkt, beflügelt
und ins Recht gesetzt sah. Dieses Ergebnis hatte man in Herford und Umgebung schon am
Wahltag, dem 5. März, durch Umzüge und öffentliche Fahnenverbrennungen als
Machtübernahme vor der lokalen Öffentlichkeit inszeniert und forderte nun in weiteren
öffentlichen und privaten Institutionen Vollzug.19 So wurden die Schulen ebenfalls am 6. März
1933 angewiesen, für Gedenkfeiern am kommenden Samstag „schwarz-weiß-rot“ zu flaggen. Die
Farben der Republik (Schwarz-Rot-Gold) hatten ausgedient.20

Die Oberrealschule war nicht die einzige Schule im Kreis Herford, für die eine solche
Auseinandersetzung über Hitler als Wandschmuck belegt ist (KAH). Will man in Rüpings
Entscheidung vom Februar 1933 einen Akt des Widerstands erkennen, so war dieser, zumindest
äußerlich, dreieinhalb Monate später, also rasch, gebrochen: Ende Juni 1933 teilte Direktor
Rüping seinen Kollegen in der Lehrerkonferenz kommentarlos mit, „das Hitlerbild eines
Herforder Künstlers“ solle „in acht Exemplaren von der Stadt für die Schule angefordert werden“
21
– für jede Klasse eines.

(Zwischen-Überschrift) Aggressive Presseberichte: „Seien Sie vorsichtig, Herr Direktor“


Wie lässt sich Rüpings Kehrtwende in der Bilderfrage erklären, mit der er einen, nein acht
regelrechte Haken schlug, und so dem Führerkult in jedem Klassenzimmer der Oberrealschule
fortan Raum und Richtung bot?

Als Erklärung ist zu berücksichtigen, wie massiv Schulleitungen seit März 1933 öffentlichen
Gegenwind erhielten; ein Gegenwind, der an von Schirachs Warnungen und
„Vergeltungsdrohungen“ anknüpfte und unverhüllt in einer bereits „auf Linie“ schreibenden
Presse verbreitet wurde – Parallelen zum hate speech der Gegenwart könnten nicht auffälliger
sein.22 Schulleiter wurden dabei nicht einfach als politisch unzuverlässig dargestellt, sondern
insbesondere als Respektspersonen und Repräsentanten der alten (Weimarer) „Systemzeit“ in
Frage gestellt, insbesondere, wenn sie sich den neuen Machthabern allzu plötzlich und
bereitwillig andienten. Gerade dann wurde die „innere Nähe“ des Betreffenden zur neuen
Weltanschauung bezweifelt. Unverhohlen warnten Presseberichte daher vor „Jugendbildnern“,
also Lehrern, deren allzu rasche Bekehrung zum Nationalsozialismus stutzig machen müsse, da
sie unglaubwürdig sei. Geradezu hämisch drohte ein in Herford erschienener Artikel vom März
1933 dem Schulleiter des Herforder Friedrichs-Gymnasiums, Theodor Denecke, der an einem
Empfang des preußischen Kulturministers Rust vor „tausenden Parteigenossen“ und begeisterten
Interessierten in der Nachbarstadt Bielefeld teilgenommen hatte. In diesem Bericht war „der
Herforder Direktor“ aufgrund der erwähnten Amtszeit zweifelsfrei als Denecke identifizierbar. Er
wurde offen als „Konjunkturritter“ diffamiert, der sich „krampfhaft bemühte […], mit dem neuen
Minister in Tuchfühlung zu kommen“. Der Pressebericht machte Deneckes Verhalten zudem
lächerlich, hatte er doch den Minister statt mit „Heil Hitler“ im Versammlungsraum „mit ‚Heil
Rust’-Rufen überschüttet“.23 Statt Denecke die „ernste und edle Absicht“ zuzubilligen, sich für
den Aufbau „der für den neuen Staat passenden Schule“ einsetzen zu wollen, attestierte ihm der
Presseschreiber eine „Kautschuckseele“. Zwar habe sich der Direktor damit gebrüstet, dass „sich
sein Sohn in Berlin als Blockwart betätige“; Es gebe jedoch, so der Verfasser unverhüllt drohend,
viele Schüler, die über ihren Schuldirektor „viel Gegenteiliges erzählen könnten, womit zu jeder
Zeit aufgetischt werden kann“. Der Berichterstatter schloss mit der expliziten, persönlichen
Warnung: „Seien Sie vorsichtig, Herr Direktor, Sie werden beobachtet, auch in Zukunft. Für
Menschen Ihres Schlages ist der Nazigeist etwas sehr Ungemütliches“(ebd.).

Diese Warnung an die Adresse des Herforder Gymnasialdirektors Denecke dürfte seinen
Eindruck bei anderen Herforder Schulleitern kaum verfehlt haben, auch bei Rüping und
Kollegen. Der Zeitungsartikel wanderte schließlich nicht zufällig in die damalige
Pressesammlung der Oberrealschule. Schulleiter waren damit öffentlichkeitswirksam angezählt.
Man stellte sie unter die „Beobachtung“ einer Stadt- und Schulöffentlichkeit, deren Augen und
Ohren nun das Verhalten der Schulleiter täglich auf den ideologischen Prüfstand stellten. Für den
deutlich jüngeren Heinrich Rüping, Jahrgang 1896, seit April 1931 Schulleiter der
Oberrealschule, musste dies ein mahnendes Beispiel für die absolute Respektlosigkeit abgeben,
mit der man seinen gestandenen Berufskollegen, Sympathien hin oder her, derart öffentlich
diffamierte und – als Tüpfelchen auf dem „i“ - die Schüler als Instrument einer angedrohten
Entlarvung „falscher Fuffziger“ einspann beziehungsweise dazu unverhohlen aufforderte.24

4. Der Erziehungsminister schenkt den Schülern eine Versetzung

Doch stellte das „Verpetzen“ eines Lehrers, gar eines Schulleiters, durch Schüler eine realistische
Gefährdung dar? Das Beispiel des Jungvolkführers Siedler aus Herford macht zumindest
anschaulich, wie unverhohlen anmaßend die Jugendorganisation im Namen der Schüler
aufzutreten bereit war. Am 20. April 1933, dem Geburtstag Adolf Hitlers, erfuhr die NS-
Jugendorganisation dann eine unvermittelte offizielle Aufwertung durch den preußischen
Erziehungsminister Bernhard Rust, die zugleich geeignet war, Loyalität und Gefügigkeit der
Lehrerschaft auf die Probe zu stellen. Wenige Wochen nach den Osterzeugnissen ging den
Schulleitungen der höheren Schulen ein Erlass zu, in dem Rust dazu aufforderte, für
nichtversetzte Schüler, deren „schlechte Leistungen“ durch das Engagement für die „nationale
Erhebung […] verschuldet“ worden seien, nachzuprüfen, „ob eine Versetzung nicht doch noch
ausgesprochen werden kann“. Ihm sei, so Rust als „Reichskommissar für das preußische
Kultusministerium“, „eine große Anzahl von Gesuchen zugegangen“, aus denen hervorgehe,
„dass die Zeiten nationaler Erregung an unseren Schülern nicht spurlos vorübergegangen sind,
die Schulleistungen ungünstig beeinflusst haben und so dazu beitrugen, dass manche Schüler […]
nicht versetzt werden konnten“. Da diese Jungen aber „nicht die schlechtesten“ seien, sondern
sich im Gegenteil „mit der ganzen Leidenschaftlichkeit der Jugend in ihren Verbänden […]der
nationalen Erhebung zur Verfügung gestellt“ hätten, forderte Rust die Kollegien auf, für solche
Schüler „auf Antrag“ eine Nachversetzung vorzunehmen. Großherzig erklärte er, die
Entscheidung lege er „in die Hand der Klassenkonferenz“, fügte jedoch hinzu, dass er diesen
„dringend ans Herz lege […] weitherzig zu urteilen“.25

Zahlreiche Eltern Herforder Oberrealschüler ließen diese Einladung, eine Nachversetzung zu


beantragen, nicht ungenutzt verstreichen. Dies belegen zahlreiche Klassenkonferenzen, die in der
Oberrealschule im Mai 1933 anberaumt wurden. Obwohl die Kollegen in den
Zeugniskonferenzen vom 30. und 31. März über Leistungsstand und Zeugnisnoten bereits
geurteilt hatten – dabei waren 35 von 277 Schülern nicht versetzt worden (=12,6 Prozent), sahen
sich die Pädagogen nun gezwungen, dieses Leistungsprinzip außer Kraft zu setzen. Stattdessen
sollte Engagement für die „Bewegung“ und den Führer mit der nachträglichen Versetzung
belohnt werden.26 Sich der ministeriellen Herzensbitte zu verschließen, traute sich das Kollegium
offenbar nicht. So befanden die Oberrealschulkollegen etwa über den Untersekundaner Willi
Kunke nach Vorlage entsprechender Unterlagen, dessen „politische Betätigung im Sinne der
nationalen Erhebung“ sei einwandfrei erwiesen. Er hatte „Beiträge einkassiert, […] Spenden
gesammelt und Flugblätter verteilt“. Belegt wurde dies durch dessen „Bruder Werner […],
dessen Glaubwürdigkeit“ wiederum „durch den Kreispropagandaleiter der NSDAP Herford […]
bescheinigt wird“.27

Auf insgesamt fünf Klassenkonferenzen zwischen 1. und 17. Mai 1933 wurden somit acht
Schüler nachversetzt, deren Väter entsprechende Gesuche gestellt hatten. Auch ein Maurermeister
Nolting aus Bad Salzuflen beantragte eine nachträgliche Versetzung – für seinen Schwager, den
Unterprimaner Huep. Diesen Antrag hatte Nolting sogar mit dem Vorwurf verknüpft, Hueps
schulische Leistungen seien seit dessen Eintritt in die HJ „ungerecht beurteilt“ worden. Die in der
Unterprima unterrichtenden Kollegen wiesen diesen Vorwurf „einmütig und entschieden“ zurück
- winkten Hueps Versetzung in die Oberprima aber dennoch durch, allerdings mit „großen
Bedenken“, wie das Protokoll festhielt.28 Mit den insgesamt acht Schülern, die infolge der Rust-
Amnestie nachversetzt wurden, hatte ein Viertel der Sitzenbleiber vom März 1933 eine
„politische“ Nachversetzung erreicht: Zwei Schüler in die Obertertia, zwei in die Obersekunda,
sowie vier in die Oberprima.29 Zieht man vergleichend Schulakten aus Bielefeld heran, zeigt sich
für April und Mai 1933 ein ähnliches Bild. Für Schüler der Helmholtz-Oberrealschule etwa,
Rüpings späterer Wirkungsstätte ab September 1939, finden sich in den Elterngesuchen neben der
Tätigkeit in der HJ auch Hinweise auf die Mitgliedschaft ihrer Söhne im „Scharnhorst“, der
Jugendorganisation des Stahlhelm, die als Beleg für das „nationale“ Engagement der Schüler
angeführt wurden.30

Beeinflussten die von Rust initiierten Nachversetzungen die Tendenz des Kollegiums, Schüler
nicht zu versetzen? Die Entwicklung der Sitzenbleiberquote an Herfords Oberrealschule lassen
hierauf keine eindeutige Antwort zu. Zwar sank diese Quote am Ende des Folgeschuljahrs und
betrug im März 1934 nur 8 Prozent (von 247 Schülern wurden 20 nicht versetzt), betrug aber im
Jahr darauf, im März 1935, erneut 12,7 Prozent (von 221 Schülern blieben 28 sitzen).31 Das
Kollegium gab seine Entscheidungskompetenz, Schüler bei unzureichenden schulischen
Leistungen nicht zu versetzen, infolge des Rust-Erlasses zum Führer-Geburtstag 1933 also nicht
grundsätzlich auf. Dem war sicher zuträglich, dass die Schüler-Neuanmeldungen, die 1933 einen
Tiefpunkt erreicht hatten (nur 40 Anmeldungen), seit 1934 wieder spürbar anzogen.32

Dennoch belegt ein weiterer Vorgang, nämlich eine Reifeprüfung, wie unangenehm berührt, ja
sogar gefährdet das Kollegium der Oberrealschule durch das politische Hineinregieren in die
Schule wurde. Ein „NS“-Konjunkturritter, der durch den Rust-Erlass vom April 1933 seine
Chance gekommen sah, das 1931 verfehlte Abitur doch noch zu erhalten, der SA-Mann Rudolf
Menke, meldete sich nämlich im Juni 1933 erneut zu Wort.

5 SA-Mann Menke beantragt die nachträgliche Reifeprüfung - und erhält sie

Ein Flüsterwitz aus der Zeit des Dritten Reichs lautete: „Was ist 1 Rust? Antwort: Die kürzeste
Zeit zwischen Erlass und Aufhebung einer Verfügung“.33 Zwar sind aus den Schulakten nach dem
Mai 1933 keine weiteren „Rust-Versetzungen“ für ‚nationalerregte’ Schüler ersichtlich. Aber am
Beispiel des früheren Oberprimaners Menke, der 1933 aufgrund seiner Verdienste für die NS-
Bewegung auf sein „Reifezeugnis“ pochte, lässt sich rekonstruieren, wie Direktor Rüping und
Kollegen zum einen auf die Sprunghaftigkeit von Bildungsminister Rust sowie auf die
unablässigen Forderungen von NS-Anhängern reagierten.34

Menke, Jahrgang 1909 und mittlerweile „Kaufmann“, hatte bereits direkt nach seiner Nicht-
Zulassung zum Abitur im Dezember 1930 gegen diese Entscheidung des Prüfungsausschusses der
Oberrealschule Beschwerde eingelegt: beim Provinzialschulkollegium Münster. Nach der
dortigen Ablehnung hatte Menke auch noch ein Gesuch an das preußische Bildungsministerium
gerichtet, war jedoch im Februar 1931 abschließend abgewiesen worden. Menke war an der
Korrektheit des schulischen Prüfungsverfahrens und seinen eigenen, nachweislich
unzureichenden Leistungen gescheitert.

Nun, nachdem „seine“ Partei die gesellschaftlichen Machtverhältnisse umzukehren begann,


wagte Rudolf Menke einen neuen Anlauf aufs Abitur. Unter Verweis auf den Ministererlass vom
April 1933 beantragte Menke beim Oberpräsidenten (OP) der Schulbehörde in Münster die
„nachträgliche Zulassung zur Reifeprüfung“. Rüping, auf dessen Schreibtisch das Gesuch zur
Stellungnahme landete, befürwortete es nach Rücksprache mit der früheren Prüfungskommission
sogar, wohl um den aufdringlichen Ex-Schüler, SA-Mann seit 1929, NSDAPler seit 1930,
endgültig loszuwerden. Seine Kollegen, die sich als Lehrer und Prüfer der damaligen Oberprima
dazu im Juni 1933 erneut berieten, hatten in ihrer Stellungnahme nochmals betont, Menkes
damaliges Versagen sei auf „Unfleiss“, sowie den „Mangel an innerer Beteiligung am Unterricht“
zurückzuführen gewesen. Sie erklärten darin aber andererseits – im Sinne des Rust-Erlasses –
willfährig, Menke habe sich gemäß einer Bescheinigung „im Sinne der nationalen Erhebung“
betätigt.35 Von diesem Entgegenkommen des Kollegiums jedoch unbeeindruckt, machte der OP in
Münster allen Beteiligten einen Strich durch die Rechnung: Der OP lehnte eine nachträgliche
Zulassung ab: Der Erlass sei nicht auf die Reifeprüfung von 1931 anwendbar – da er nicht
rückwirkend gelte.36 Was blieb Menke übrig? Ihm spielte abermals Minister Rust in die Hände.
Fast zeitgleich mit der Ablehnung aus Münster (vom 7.7.1933) hatte dieser am 4. Juli einen
weiteren Erlass vorgelegt. Diesem zufolge konnte das Reifezeugnis bei aktiver politischer
Betätigung sogar ohne Prüfung (!) nachträglich zuerkannt werden. Menke ergriff die Gelegenheit
erneut: Unter Berufung auf den neuen Erlass vom 4.7.1933 stellte er Ende August eine Eingabe
auf „nachträgliche Zuerkennung der Reife“ an Minister Rust - wieder über den vorgesehenen
behördlichen Weg, die Herforder Schulleitung.37 Beigefügt hatte Menke aktuelle politische
Bescheinigungen seiner Partei- und SA-Vorgesetzten, der NSDAP-Kreisleitung Herford sowie
des „SA-Sturmbanns V/55“, beide vom 24.8.1933.

Die Anwürfe gegen das Kollegium der Oberrealschule, die in Form dieser Gutachten auf Rüpings
Tisch gelandet waren, mussten diesen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen. SA-
Sturmbannführer Hartwig Bentlage lobte darin Menke als „stets bemüht“, der „Sache durch
Pflichterfüllung und Opfer zu dienen“. Er gestand zu, Menke habe wohl den „an ihn gestellten
Wünschen seiner Lehrer […] nicht immer folgen können“. Unmissverständlich wies er aber auf
die politische Unzuverlässigkeit des Kollegiums hin: „Auch mag die politische Einstellung eines
Teiles der Lehrerschaft ihm nicht förderlich gewesen sein.“

Noch schwerer wog das Gutachten Heinz Rudolf Kosieks, des NSDAP-Kreisleiters von Herford-
Stadt und seit 3. Mai 1933 Herforder Bürgermeister. Seine Anschuldigungen waren noch
deutlicher formuliert, ja denunzierten das Kollegium regelrecht: So habe Menke ihm „des öfteren
geklagt […] wegen seiner Mitgliedschaft von einem Teil seiner Lehrer gedrückt“ und schlecht
benotet worden zu sein. Kosiek verstieg sich sogar zu der Behauptung, Menkes „NSDAP-
Mitgliedschaft“ und dessen „Betätigung für die Freiheitsbewegung“ seien „Schuld daran
gewesen […] dass Menke zum Abitur nicht zugelassen wurde.“38 Dass diese Behauptungen
umgehend Rüpings Selbstschutz alarmierten, zeigt das mehrseitige Konvolut von Erläuterungen
und Dokumenten, darunter neun Erklärungen der damaligen Oberprima-Lehrer, mit denen
Rüping am 4. September Menkes Eingabe an den Wissenschaftsminister weiterleitete, wiederum
über den OP in Münster. Rüping dokumentierte damit detailliert Menkes Zensurenentwicklung,
dessen früheren Eingaben, sowie die dafür bereits 1930 und 1931 erstellten Sondergutachten und
Berichte der Oberrealschullehrer, welche die Nicht-Zulassung Menkes sachlich begründet hatten.

In seinem dreiseitigen Bericht an Wissenschaftsminister Rust kam Rüping unter Verweis auf alle
früheren Belege und die nunmehr beigebrachten Zeugnisse allerdings zu dem bemerkenswerten
Schluss, dass „nur diese Tätigkeit im Sinne der nationalsozialistischen Erhebung die schlechten
Leistungen Menkes verschuldet“ hätten. Mit diesem Kotau vor den Forderungen des Ministers,
der lokalen NS-Größen und dem Wunsch Menkes, bei gleichzeitiger Bestätigung der damaligen
Entscheidungen seiner Kollegen, hoffte Rüping zweierlei zu erreichen: Den politisch
gefährlichen und rachsüchtigen Bittsteller Menke durch ein ‚geschenktes Abitur’ endgültig
loszuwerden, vor allem aber den Vorwurf der politischen Unzuverlässigkeit vom Kollegium
abzuschütteln! Geschickt wies Rüping deshalb sogar auf die damals außerordentlich günstige
Benotung Menkes im Weihnachtszeugnis 1930 hin (in „Betragen“: Sehr gut). Auch habe das
damalige (letztlich ablehnende) Gutachten zur Reifeprüfung Menke „als Persönlichkeit durchaus
wohlwollend charakterisiert“. Explizit wies Rüping unter Hinweis auf die beigefügten
Klassenlehrerberichte die Anfeindungen der NSDAP weit von sich. Die „Annahme politischer
Beweggründe“ der Kollegen sei „abwegig“.39

Wie entschieden die dienstvorgesetzten Behörden über das neue Menke-Gesuch? Abermals
schlug das Ministerium eine unerwartete Volte. Am 8. November 1933 teilte der OP Münster
Direktor Rüping mit, der Minister habe entschieden, das Reifezeugnis könne Menke „nicht ohne
Prüfung zuerkannt werden“. Gegen seine Zulassung bestünden aber „keine Bedenken“.

Da Menke das ministerielle Angebot ergriff, rollte in der Oberrealschule somit ab Mitte
November die Vorbereitung einer außerordentlichen Reifeprüfung an, die minutiös alle Details,
von der Planung bis zur Durchführung und den Endergebnissen, von den Kollegen dokumentiert
wurde. Liest man diese schulischen Prüfungsunterlagen, erhärtet sich der Eindruck, dass hier
nicht nur der Pg.-Abiturient, sondern vor allem die Lehrer der Oberrealschule auf dem Prüfstand
des NS-Ministers standen, die jedoch gewillt waren, sich keinerlei parteipolitische Blösse zu
geben. Schon an den Prüfungsvorschlägen der Kollegen, die Rüping am 17. November nach
Münster weiterreichte, zeigte sich, dass er und seine Kollegen begriffen hatten, was in den
„neuen Zeiten“ von ihnen und den Schülern gefordert war. So lauteten etwa die Vorschläge für
Menkes Abiturprüfung im Fach Deutsch: 1. Wie Goethe in Strassburg zum Dichter bekehrt
wurde, 2. Welches Werk des neuesten deutschen Schrifttums mir am meisten zusagt, 3. Was
bedeutet der Sieg der nationalsozialistischen Bewegung für das deutsche Volk und die Welt? 4.
Wie kann ich als Soldat Hitlers dem deutschen Volke dienen?40 Mit diesen Auswahlfragen für den
schriftlichen Abituraufsatz begann am 4. Dezember 1933 Menkes Prüfungsparcours, der am 16.
Januar 1934 mit den mündlichen Prüfungen schloss. Ihm wurde nichts geschenkt. Die Fächer der
Kollegen, Französisch und Musik, die Menke bei seiner Denunziation im Frühjahr 1932
besonders hart angegangen war, blieben in seiner Reifeprüfung ungeprüft. Stattdessen hatte
Menke wenigstens bei der Teilprüfung in „Turnen“ mit „guten“ Leistungen geglänzt,
durchgeführt vor versammelter Prüfungskommission in der Turnhalle Lübberbruch. Am 18.
Januar 1934 meldete Rüping der Schulbehörde in Münster, dass Menke seine Reifeprüfung
bestanden habe: „Trotz der nicht genügenden Leistungen im Französischen und in der Musik wird
ihm das Reifezeugnis zuerkannt mit Rücksicht auf seine Gesamtreife“.41 Gab es ein Nachspiel?
Menke nahm anschließend ein Studium der Volkswirtschaftslehre auf. Im Mai 1935 erreichte
Rüping eine Anfrage von Herfords Oberbürgermeister Kleim, ob Menke „Aussicht habe, nach
Lage seiner damaligen Leistungen in der Schule“ sein Studium zu beenden? Menke hatte bei der
Stadt um eine Studienbeihilfe gebeten. Rüping, der Menkes Reifezeugnis gemeinsam mit seinen
prüfenden Kollegen unterzeichnet hatte, blieb dem damaligen Prüfungsergebnis treu und
antwortete Kleim: Es ist anzunehmen, dass Menke sein Studium auf Grund seiner Begabung mit
Erfolg beenden kann.42

6. “Sie werden beschuldigt, ein Gegner des Nationalsozialismus zu sein“ – Anfeindungen im


Zuge der politischen Überprüfung des Kollegiums 1933

Als hätte die Anfeindung des Kollegiums als „Volksschädlinge“ - durch Vertreter des Jungvolks,
die Denunziation „eines Teils des Kollegiums“ als politisch unzuverlässig durch NS- und SA-
Gutachten, sowie Elterngesuche, die Versetzungen für die HJ-Tätigkeit ihrer Söhne verlangten,
noch nicht gereicht, sah sich jeder einzelne Kollege ab Juni 1933 außerdem mit der Durchführung
des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums konfrontiert. Im Kern wurde damit
nach politisch unzuverlässigen Beamten gefahndet, weshalb das Ausfüllen hierzu ausgeteilter
Fragebögen für die individuelle berufliche Zukunft eine entscheidende Bedeutung besaß. Rüping
war dies vermutlich klar, weshalb er das „eingehende“ Besprechen dieser Fragebögen und der
betreffenden Gesetzesverfügungen Ende Juni auf die Agenda der letzten Lehrerkonferenz vor den
Sommerferien setzte.43 Wenngleich die Stahlhelm-Mitglieder – Albrecht Burchardt,
stellvertretender Schulleiter, Ernst König, Adolf Bähr, Wilhelm Görich und Wilhelm Bartels –
sich angesichts der Schulterschlüsse des Altfrontkämpferbunds mit den Nationalsozialisten
möglicherweise in Sicherheit wogen: Zumindest die Logenbrüder unter ihnen (Burchardt, König
und Bähr, ferner Ludwig Hezel) mussten sich angesichts der erklärten Gegnerschaft der Nazis
zum Freimaurertum dennoch unwohl fühlen.44

Sich gegen weitere politische Anfeindungen zu wappnen, musste daher zu diesem Zeitpunkt ein
Anliegen des gesamten Kollegiums sein. Es wurde bereits ab August über weitreichende
Neuerungen im Unterrichtsprogramm informiert: Im Fach Leibesübungen wurde, in Konsequenz
der Wehrsport-Idee, das Kleinkaliberschießen und Boxen eingeführt, das Kollegium hatte sich
mit Grundlagen der Vererbungslehre, Rassenkunde und Eugenik vertraut zu machen, es wurde zu
Luftschutzlehrgängen abgeordnet, Broschüren zum „freiwilligen Reichsarbeitsdienst“ und
verschiedenen NS-Gliederungen wurden ausgeteilt oder bekanntgeben, genauso wie neue
Richtlinien für die politische Erziehung – all diese Veränderungen prasselten ab August bis
Jahresende 1933 auf das Kollegium ein, das diese Neuausrichtung umzusetzen hatte!45 Äußeres
Zeichen der dienstlich angeordneten „Neugestaltung“ von „Bildungsformen und
Erziehungsnormen“ war zumal, dass Lehrer und Schüler ab 1. August „in der Schule und auf der
Straße beim Grüßen den Hitlergruß anwenden“.46

Doch selbst diesen Forderungen nachzukommen, schützte nicht zwingend vor schweren
persönlichen Denunziationen. Dies erfuhr der Mathematik-, Physik- und Erdkundelehrer Dr. Fritz
Bruns am 1. September 1933, als ihn ein regelrecht inquisitorisches Schreiben der
„Untersuchungskommission des OP Münster“ mit dem Vorwurf konfrontierte, „ein Gegner des
Nationalsozialismus zu sein“. Konkret warf ihm das Schreiben vor, er habe (1) „Zeitungen wie
[…] Frankfurter Zeitung [und] die Wahlhetzzeitungen des Zentrums im Konferenzzimmer
ausgelegt, den Völkischen Beobachter dagegen zerrissen und in den Papierkorb geworfen“, (2)
sich „in großen Gehässigkeiten gegen Hitler und seine Bewegung ergangen“ und (3) „geäußert,
es wäre unverantwortlich, dass die Regierung nationalsozialistisch denkende Lehrer im Amte
liesse“.47 Bruns wurde aufgefordert, zu diesen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Wie heute aus
Bruns Personalakte hervorgeht, fußten diese Anklagepunkte auf einer anonymen Denunziation,
verfasst von Wilhelm Büse, der die Oberrealschule von 1929 bis 1932 als Studienassessor
kennengelernt hatte.48

Bereits Ende April 1933 hatte Büse in seinem nicht unterzeichneten Schreiben den bei den
Segelflug-Schülern beliebten Bruns, als Fluglehrer und Fliegerwart in ganz Herford bekannt, aufs
heftigste angefeindet.49 Darin schrieb Büse, Bruns sei ein „blind eingeschworener Verfechter der
demokratischen Partei“, „glühende(r) Feind des Nationalsozialismus“, ein „demokratische(r)
Geist […] bis in die Fingerspitzen“. Als „echter Demokrat“ (so Büses „Beschimpfung“) huldige
er sogar „dem Pazifismus“. Wie zum Beweis fügte Büse hinzu: „Bücher wie ‚Im Westen nichts
Neues’ wurden von ihm gelobt“.50 Angesichts der von Bruns geleiteten Segelfluggruppe sei dies
besonders verwerflich: „Jugendertüchtigung in ideeller vaterländischer Hinsicht, insbesondere
der Wehrgedanke [seien] ihm fremd“. Für die Zukunft schlug Büse hemdsärmelig vor, Bruns
unbedingt „an eine Schule mit streng nationalsozialistischer Leitung“ zu versetzen. Sein Verbleib
an der Oberrealschule in Herford sei dagegen „unmöglich“. Bruns stelle nämlich „ein großes
Hindernis für die notwendige Umstellung des ganzen Kollegiums“ dar, „dem das
nationalsozialistische Denken […] Wollen und Handeln noch recht fremd ist“. Damit schwenkte
Büses Hassbrief auf das Gesamtkollegium ein, dem er unheilvoll attestierte, es fehle dort
„wahrhaftig […] der nationale Schwung“, was er ironisch aber zielsicher „den g(e)istreichen
Freimaurern im Lehrkörper“ anlastete.

Dieser Angriff auf das Kollegium erscheint systematisch geplant und angelegt. Seine anonyme
Anklageschrift hatte Büse Ende April 1933 bei seinem Parteifreund, dem Gewerbelehrer
Friedrich Averbeck eingereicht, Kreisschulungsleiter der NSDAP, Mitbegründer sowie
Vorsitzender des 1932 gegründeten Herforder Ortsgruppe des NS-Lehrerbundes (NSLB).51
Averbeck, seit März 1933 zudem NSDAP-Fraktionsvorsitzender im Herforder Stadtrat, leitete
diesen Brief, versehen mit dem Eingangstempel der NSDAP-Kreisleitung und dem Hinweis
„Dieser Bericht wird als durchaus glaubwürdig anerkannt“ an die Lehrerkommission der
Regierung Minden weiter. Die wiederum schickte ihn Mitte Mai an die vorgesetzte höhere
Schulbehörde, den OP in Münster weiter – wo eine „Untersuchungskommission“ im Laufe des
Sommers daraus die besagte Anklageschrift an Bruns verfasste.52

Wie reagierte Bruns? In enger Absprache mit Rüping, über dessen Schreibtisch das Schreiben aus
Münster die Oberrealschule erreichte, trat Bruns „die Flucht nach vorn“ an. Er wies alle Vorwürfe
zurück und stellte sich – unter Verweis auf seine frühere Kriegsteilnahme, militärische
Beförderungen und Fronteinsätze, seine akademischen Leistungen aber auch seiner Arbeit als
Fluglehrer – als nationalpatriotischer Pädagoge und verdienter Soldat dar, der seine ganze „Kraft
[…] um des nationalen Gedankens willen […] in den Dienst des Wiederaufstiegs der deutschen
Luftfahrt“ gestellt habe. Das Zerreißen eines Exemplars des Völkischen Beobachters (VB), einen
Vorfall, den er auf 1930 oder 1931 datierte, stellte er als Teil einer regelmäßigen, normalen
Aufräumaktion im Lehrerzimmer dar und berief sich für sonstige Äußerungen oder
Verhaltensweisen auf Erinnerungslücken.

Interessant an Bruns mehrseitiger, maschinenschriftlicher Verteidigung vom 3. September ist,


dass für Bruns und Rüping offenbar der Denunziant dieser Vorkommnisse klar war. Bruns
erklärte nämlich, hätte er gewusst, dass ihm das Zerreißen des VB von Assessor Büse
„übelgenommen“ wurde, hätte er diesem „natürlich sofort die Kosten dafür bzw. die Zeitung
ersetzt“. Ebenfalls bemerkenswert ist Bruns Strategie, Verbänden und Organisationen beizutreten,
die seine positive Haltung gegenüber Staat und Nation zweifelsfrei untermauern sollten. So
verwies er auf seinen „freiwilligen Eintritt“ zum NSLB - als Gegenbeweis zu seiner angeblichen
Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, ein Vorwurf, den er als „schwere Beleidigung“
qualifizierte. Abschließend führte Bruns eine beeindruckende Reihe untadliger Zeugen an, um
seine Ausführungen zu untermauern, nämlich Bankdirektor Herpers, als Leiter des Herforder
Luftfahrtvereins, zwei Lehrerkollegen aus Münster und Bielefeld, beide NSDAP-Mitglieder,
sowie ferner den Polizeipräsident von Essen sowie einen Landrat aus Breslau, letzterer
Landesgruppenführer des Deutschen Luftsport-Verbandes. Schließlich, so Bruns, könne für seine
Haltung in der Schule Studiendirektor Dr. Rüping aussagen, der (s.o.) seit dem 1.8.1933 dem
NSLB angehörte. Schließlich bat Bruns von den erhobenen Beschuldigungen entlastet zu werden.
Mit Schreiben vom 8. September 1933 wurde dieser Bitte Bruns durch die
Untersuchungskommission Münster entsprochen. Er war noch einmal ‚davon gekommen’.53

7. Die Oberrealschüler jüdischer Konfession – in Zahlen, Dokumenten und Erinnerungen

Eines der Gesetze, das die Reichsregierung im April 1933 erließ, behandelte die Neuzulassung
jüdischer Schüler und Studenten an Schulen und Hochschulen. Das neutral formulierte „Gesetz
gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ (Kursivsetzung d. Autorin), von
Hitler und Reichsinnenminister Frick unterzeichnet, hatte ursprünglich „gegen die Überfremdung
[…]“ lauten sollen.54 Trotz des irreführend harmlosen Titels verbarg sich dahinter eine
diskriminierende Maßnahme auf rassistischer Grundlage, die vielerorts zu Schulentlassungen und
Exmatrikulationen führte: Der erlaubte Anteil jüdischer Schüler und Studenten wurde darin
entsprechend des jüdischen Bevölkerungsanteils auf eineinhalb Prozent festgelegt.55

Tab.1 Jährliche Neuanmeldungen von Schülern an der Herforder Oberrealschule


(ab 1938: Oberschule für Jungen) 1929 bis 1944:
Jahr Anmeldungen Jahr Anmeldungen
1929 64 1937 82
1930 69 1938 65
1931 67 1939 75
1932 64 1940 57
1933 40 1941 91
1934 55 1942 78
1935 65 1943 205
1936 76 19441) 22
Anm.1) : Eintragungen nur bis 11.8.1944.
Angaben nach Kalenderjahren. Enthält die Anmeldungen der Schüler-Nrn. 6409 bis 7626.
Quelle: Schüler-Stammbuch der Herforder Oberrealschule (1928-1944), KAH.

Allerdings hatten die antijüdischen Regelungen nicht überall die Entlassung jüdischer Schüler zur
Folge: Die gesetzliche Quote war vielerorts nicht ausgeschöpft. So auch an der Herforder
Oberrealschule, wo deren Anzahl überschaubar blieb. Nach Durchsicht der Schülerstammlisten
sind unter den von April 1928 bis August 1944 aufgenommenen 1.217 Schülern lediglich sechs
jüdischer Konfession verzeichnet, also 0,5 Prozent. Die Aufnahme dieser jüdischen Schüler
erfolgte in den Jahren 1930 bis 1937. Zwar gab es zuvor immer wieder vereinzelt Schüler
jüdischer Religionszugehörigkeit. Ein in der damaligen Schulgeschichte viele Jahre präsenter
jüdischer Schüler war Hans Baruch, der 1912, als Schüler der Sexta b der Herforder
Landwirtschafts- und Realschule, in jungem Alter verstorben war. Bis 1936 war nach ihm eine
Stiftung benannt, die jedes Jahr für einen „würdigen Schüler ohne Ansehen der Konfession“ an
der Oberrealschule das Schulgeld übernahm. Der Vater des verstorbenen Sextaners, der Fabrikant
Isidor Baruch von der Firma Elsbach, hatte diese Stiftung 1913 mit einem Legat von 4000 Mark
gegründet und zum Andenken an seinen Sohn „Hans-Baruch-Stiftung“ genannt.56

Obwohl jüdischen Schülern der Besuch öffentlicher Schulen erst ab dem 30. Juli 1939 strikt
verboten wurde, war zu diesem Zeitpunkt kein einziger jüdischer Schüler mehr an der Herforder
Oberschule für Jungen vorhanden – die übrigen antijüdischen Maßnahmen zur sozialen und
wirtschaftlichen Ausgrenzung und Vertreibung jüdischer Mitbürger hatten bis dahin ihre Wirkung
getan. Für diejenigen Schüler, die bis dahin noch an öffentlichen Schulen unterrichtet wurden,
gab es Sonderbestimmungen. So wurde ab dem 1. August 1934 von der Münsteraner
Schulbehörde verfügt, dass „nichtarische Schüler“ von Schulfeiern und bestimmten
Unterrichtsstunden „befreit“, sprich ausgeschlossen wurden.57 Zudem mussten Neuzulassungen
ab dem Frühjahr 1935 strikter gehandhabt werden: „Väter der neuaufgenommenen Schüler
müssen schriftlich erklären, dass ihr Sohn arischer Abstammung ist“, lautete die Ende April 1935
von der Schulbehörde erlassene Anweisung.58

Tab.2 Schüler jüdischer Konfession (1930-1938), laut Schüler-Stammrolle der Herforder Oberrealschule:
Stamm- Name Geboren, in Besuch der Oberrealschule
Rolle Herford
Nr. (von – bis)
6572 Grundmann, Rudolf Max 23.4.1915 Vlotho 23.4.1930 - 7.4.1931
6612 Leeser, Hans 11.3.1921 Herford 14.4.1931 – 13.12.1934
6654 Loeb, Hans 26.9.1916 Vlotho 6.4.1932 - 1.4.1933
6674 Kaufmann, Werner 2.6.1922 Krefeld 6.4.1932 – 28.9.1934
6783 Rosenbaum, Hans 9.9.1923 Herford 6.4.1934 - 21.12.1937
6952 Rosenbaum, Erich Siegfried 9.9.1926 Herford 13.4.1937 – 22.7.1938
Quelle: Schüler-Stammbuch der Herforder Oberrealschule (1928-1944), KAH.

Wer waren die ehemaligen jüdischen Mitschüler? Nicht alle stammten aus Herford.59 Rudolf Max
Grundmann, eingeschult im April 1930, stammte aus Vlotho. Als er die Schule nach Besuch der
Untersekunda nach einem Jahr wieder verließ, gab der fast Sechzehnjährige als Berufswunsch
"Kaufmann“ an. Eine derart kurze, nur einjährige Verweildauer an der Oberrealschule war nicht
ungewöhnlich.60 Auch Hans Loeb, wie Rudolf Grundmann aus Vlotho, war im April 1932 mit 15
Jahren an der Oberrealschule eingeschult worden. Er verließ sie nach einem Jahr, am 1. April
1933, um an die „Handelsschule [in] Bielefeld“ zu wechseln.

Ein jüdischer Schüler, der bereits als Zehnjähriger in die fünfte Klasse (Sexta) eingeschult wurde,
war der 1921 in Herford geborene Hans Leeser. Er verließ die Schule im Dezember 1934 als
Quartaner, um, wie in der Stammrolle notiert wurde, in ein „Landschulheim“ zu wechseln. Mit
einem Fortzug aus der Werrestadt war auch für Werner Kaufmann das Verlassen der
Oberrealschule in Herford verbunden. Der in Krefeld Geborene wechselte Ende September 1934
als Zwölfjähriger an eine Oberrealschule in Düsseldorf. Inwiefern diese Schul- und
Wohnortwechsel verfolgungsbedingt waren, bleibt mangels näherer Informationen Spekulation,
kann angesichts der zunehmenden antijüdischen Ausschreitungen aber kaum ausgeschlossen
werden. Hans Loeb schildert aus seiner Zeit als Fahrschüler, den er auf „Anfang 1934“ datiert,
einen Vorfall, der sich in der Kleinbahn von Vlotho nach Herford ereignete, bei dem drei
Hitlerjungen einen jüdischen Freund Loebs tätlich angriffen, der zur Arbeit bei der Herforder
Wäschefabrik Elsbach fuhr. Nachdem sich dieser aber erfolgreich zur Wehr setzen konnte und die
„Niederlage der Hitlerjungen“ in Vlotho bekannt wurde, musste dieser Freund fortan die
Kleinbahn meiden, und die Strecke Vlotho-Herford per Motorrad zurücklegen, da ihm die
örtliche SA Vergeltung angedroht hatte.61

Zu Beginn jenes Schuljahrs, im April 1934, wurde der gebürtige Herforder Hans Rosenbaum an
der Oberrealschule aufgenommen, wo er dreieinhalb Jahre, bis Ende 1937 blieb, ehe er sie, noch
in Untertertia, verließ. Hans’ jüngerer Bruder Erich, beide Söhne des Kaufmannsehepaars Max
und Bernhardine Rosenbaum, wurden im April 1937 in die fünfte Klasse eingeschult. Er verließ
die Schule wieder im Juli 1938, um an eine „andere Schule in Berlin“ zu wechseln.

Was ist über das Schicksal dieser Oberrealschüler bekannt? Durch die Nachforschungen Lutz
Brades und anderer Lokalhistoriker wissen wir, dass Hans Leeser ein Sohn des aus Evesen, heute
Bückeburg, stammenden Kaufmanns Fritz Leeser und dessen Ehefrau Ilse war, eine geborene
Hamlet aus Bad Salzuflen. Nach dem Verlassen der Oberrealschule trat Hans eine Lehre an. Im
August 1938 gelang der Familie die Flucht in die USA, zusammen mit Hans’ sechs Jahre
jüngerem Bruder Kurt.62

Den erwähnten Brüdern Hans und Erich Rosenbaum gelang im Februar 1939 die erzwungene
Auswanderung. Gemeinsam mit ihren Eltern emigrierten sie in die USA, wohin der ältere Bruder
Walter, 1912 in Herford geboren, später aus Palästina nachzog, wohin er im Juli 1936 geflüchtet
war. Nicht alle Angehörigen der Familie konnten jedoch ihr Leben vor der nationalsozialistischen
Verfolgung retten. Hans und Erichs Großeltern, Elise und Samuel Rosenbaum, die im Dezember
1936 nach Herford gekommen waren, wurden im Alter von 85 und 86 Jahren im Juli 1942 von
Herford nach Theresienstadt deportiert und kamen dort um. Zwei Tanten von Hans und Erich,
Schwestern des Vaters, Bertha Nussbaum und Jenny Wolff, wurden kurz zuvor im März 1942 aus
Herford in den Osten abtransportiert, von wo sie nicht zurückkehrten. Ihre Ehemänner waren zu
diesem Zeitpunkt beide verstorben, nachdem sie infolge des Novemberpogroms 1938 ins KZ
Buchenwald verschleppt worden waren. Eine Kusine von Hans und Erich Rosenbaum, Regina
Hille, geboren 1926 in Detmold, überlebte die Zwangsarbeit im KZ Bergen-Belsen.63

Von Hans (Stephan) Loeb (1916-1998) aus Vlotho, Oberrealschüler von 1932 bis 1933, existieren
aufschlussreiche Selbstzeugnisse über sein Leben in Vlotho und über seine Erfahrungen als
Fahrschüler, während er zur Schule nach Herford und später Bielefeld pendelte. Im Juli 1934
nahm er eine Stelle als kaufmännischer Lehrling in Hamburg an und konnte, vermittelt durch
seinen Vater, im August 1938 zu Verwandten in die USA emigrieren. Loebs Eltern wurden Ende
1941 nach Riga verschleppt und dort ermordet. Durch Kontakte, die in den 1960er Jahren zu
ehemaligen jüdischen Einwohnern Vlothos geknüpft wurden, kam Stephen H. (Hans) Loeb, wie
er sich seit der Emigration nannte, in den 1980er Jahren mehrfach in seine Heimatstadt zurück
und beteiligte sich dort an der historischen Erinnerungsarbeit, die bis heute durch die Mendel-
Grundmann-Gesellschaft geleistet wird. Für sein Engagement erhielt Loeb 1991 die
Ehrenbürgerschaft der Stadt Vlotho.64

Rudolf Grundmann, an der Oberrealschule Herford im Schuljahr 1930/31, wurde tatsächlich


Kaufmann. Zwei Tage nach der Pogromnacht im November 1938 wurde der damals 23jährige am
12. November 1938 verhaftet und zwangsweise von Bielefeld ins KZ Buchenwald deportiert,
zusammen mit 406 männlichen jüdischen Einwohnern aus Ostwestfalen-Lippe. Unter diesen
befanden sich neun jüdische Bürger aus Vlotho, darunter auch der damals 56jährige Vater des
drei Monate zuvor emigrierten Hans Loeb, Gustav Loeb.65 Grundmann, der an Heiligabend 1938
aus Buchenwald entlassen wurde, wanderte Ende März 1939 mit seinen Eltern nach
Großbritannien aus. Dorthin folgte Rudolf Grundmann seine spätere Ehefrau Margarethe
Goldschmidt, die in Vlotho zuvor in der Familie Gustav Loebs als Hausangestellte beschäftigt
gewesen war.66 Die Ängste, Erniedrigungen und die Zerstörung der materiellen Existenz dieser
jüdischen Familien aus Herford und Vlotho, deren Söhne während der dreißiger Jahre die
Herforder Oberrealschule besuchten, stehen auf einem anderen Blatt. Hier soll dennoch ihrer
erinnert sein, da ihnen ein namentliches, öffentliches Gedenken in der Geschichte der Schule
bislang nicht zuteilwurde.

8. Lehrer als Pgs und in NS-Organisationen - Personelle Veränderungen bis 1945

Braucht es weitere Belege, als die in den Abschnitten 2 bis 6 genannten, um nachvollziehen,
warum die Kollegen der Oberrealschule, die noch von Rüpings Vorgänger Paalhorn rekrutiert
worden waren, sich ab 1933, angeführt von Direktor Rüping, für eine Strategie des
„Mitmachens“ entschieden?67 Sie sahen sich, einzeln aber auch als Kollektiv, erheblichen
Vorwürfen der politischen Unzuverlässigkeit ausgesetzt. Ihr „Mitmachen“ beinhaltete auch den
Beitritt zu verschiedenen Organisationen und Diensten im Schulalltag, um Versetzungen,
Abmahnungen oder anderen Nachteilen zu entgehen.
Tab 3a: Kollegiumsmitglieder an der Oberschule für Jungen, nach Beschäftigungszeit, Schulfächern, NSDAP- und
NSDAP-Gliederungen- oder Verbandszugehörigkeit, sowie Kategorisierung im Entnazifizierungsverfahren, nach
Eintritt ins Kollegium (Zeitraum 1914-1933). Quellen: Personalakten KAH, Entnazifizierungsakten LA R Duisburg.

Name, Letzte An Partei-, Parteigliederungen- und Weitere Klassifikation


Lebensdaten Amts- der Verbandszugehörigkeit, Verbands- bei Entnazi-
bezeichn Schu- Jahr/Datum des Beitritts Zugehörigkeit mit fizierung durch
ung, le (in Klammern: dort innegehabte Beitrittsjahr Milit. Reg.
Fächer Ämter)
Dr. Albrecht OstD, 1914- NSRL /DRL Ende 33 DPV 1912-34 D2: „can be
Burchardt EFD 1952 VDA Ende 1933; NSV 1/1937 Freimaurer 1921- employed“
(1886-1975) Lb NSLB 2/1937; RLB 1939 35 11.11.1946
Stahlhelm o.D.
Ernst König StR, 1914- VDA seit 1924 DPV 1914 D2: „can be
(1885-1970) DG 1950 NSV 1.6.1934 Freimaurer 1921- employed“
Erdk RLB 1934; NSLB 1.4.1937 35; Stahlhelm 1929 9.10.1946
RKB 8.12.37; NSFK 1.5.38 EvBk 1934
Dr. Ludwig StR, 1919- VDA 1932; NSV 4/1934 Freimaurer D2: „can be
Hezel M, Ch 1949 RLB 7/34; NSLB 6/1937 1923-6/1933 employed“
(1884-?) Ph RKB 11/37; DRK 1940 Stahlhelm o.D. 4.11.1946
NSAHB 12/42
Friedrich StR, 1919- NSV 1934 DPV o.D. D2: „can be
Ebbinghaus Religion 1948 NSLB 1935 employed“
(1888-1979) DE VDA 1937 11.10.1946
Dr. Adolf Bähr StR, 1921- NSV 1934; VDA 1936 DPV 1914 D2:„can be
(1887-?) DG 1953 NSLB 1937; RKB 1937 Freimaurer 1923- employed“
Erdk RLB 1939 (Blockwart 1942) 35; Stahlhelm o.D. 9.10.1946
Dr. Martin StR, 1926- VDA 1930, NSV 1933 DPV 1926 D2: „can be
Harling D F L, 1963 NSLB 1933, RKB (D. unbek.) Wehrmacht employed“
(1897-1963) Lb RLB (D. unbek.) 8/1939-10/1939 6.11.1946
(Dolmetscher)
Dr. Fritz Bruns OstD, 1927- VDA 1933-39; NSV 1934-42 DPV 1927 D2: „can be
(1895-1980) M, Ph, 1958 RLB 1936-42; NSLB 1.12.1937 Wehrmacht (Luft- employed“;
Erdk NSFK 1937-42 (DLV seit 1926) waffe) 1939 12.11.1946,
RKB 1940-42 Zensuroffizier „Gegner des NS“
1943
Dr. Willy StR, 1928- VDA 1925, NSV 1935, DPV 1922 D2:„can be
Bartels M Ph 1954 NSLB 1938 (Luftschutzwart 1941) Stahlhelm employed“
(1892-1971) Bio RLB (D. unbek.) 29.10.1946
Dr. Heinrich OstD 1931- NSLB 8/1933-1943 (Ämter s. Schulleiter in N: „politisch
Rüping M Ph 1939 Text); NSV 9/1934 Bielefeld ab einwandfrei.
(1896-1972) NS-Fliegerortsgruppe 1934-41 9/1939-1962; Dem Ausschuss
(NSFK ab 1937); VDA 1934-39 Leiter Schulabtei- als Gegner der
RKB 12/1937-3/1940 lung RB Minden Partei bekannt.“
NSDAP-Anwärter 9/1939-1941 7/1945-1947 22.3.1947

Anmerkung: Der Kategorien „D2“ und „IV“ ermöglichten die Wiederbeschäftigung und wurden in der Regel damit
begründet, dass es sich um „Mitläufer“ handelte, einen „nominal participant in party activities“. Kategorien „D1“
und „III“ bedeuteten „belastet“ und führten zur Entlassung aus dem höheren Schuldienst. Kategorie „N“ und „V“
bedeuteten „entlastet“. Mit Einführung des SBE (Der Sonderbeauftragte für die Entnazifizierung des Landes NRW)
zog sich die britische Militärregierung aus den Entnazifizierungsverfahren zurück.

Abkürzungen:
DPV Deutscher Philologenverband, ein gewerkschaftlicher Zusammenschluss von Lehrern, 1903 gegründet, wurde
1933 zur Auflösung gezwungen. Zwangseingliederung in den NSLB (1934).
DRK Deutsches Rotes Kreuz, gegr. 1921, 1933 „gleichgeschaltet“ (Hilfsorganisation für die Mobilmachung ab 1935)
EvBk Evangelische Bekenntniskirche der Mariengemeinde Stift Berg
NSAHB Nationalsozialistischer Altherrenbund, gegr. 1931
NSFK Nationalsozialistisches Fliegerkorps, paramilitärische NS-Organisation (1937-1945), Rechtsnachfolger des
DLV (Deutscher Luftsportverband)
NSLB Nationalsozialistischer Lehrerbund 1929-1943
NSRL Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen, Dachorganisation des Sports ab 1938 (umbenannt aus
dem DRL, Deutscher Reichsbund für Leibesübungen, gegr. 9.3.1934) – erhöhte die gesellschaftspolitische Stellung
des Sports, ab 1938 den NSDAP-Gauleitern unterstellt, zuvor den Bürgermeistern.
NSV Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, gegr. 18.4.1932, seit 5/1933 Parteiorganisation
RKB Reichskolonialbund, Sammlungsbewegung zur Wiedererlangung deutscher Kolonien 1933-1943
RLB Reichsluftschutzbund, gegr. 29.4.1933
SA Sturmabteilung, paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, gegr. 1921
Sipo Sicherheitspolizei, hauptverantwortlich für die Verfolgung politischer Gegner in den besetzten Gebieten;
Heinrich Himmler als „Reichsführer SS“ unterstellt, umfasste Geheime Staatspolizei (Gestapo) und Kriminalpolizei
(Kripo)

Rüping vermied es, den Kollegen einen sofortigen oder geschlossenen Beitritt zum NSLB
nahezulegen. Vielmehr folgten diese zu unterschiedlichen Zeitpunkten Rüping in diesen
Berufsverband nach, welcher die Erzieher auf die nationalsozialistische Weltanschauung
verpflichten sollte. Dagegen legte Rüping allen Kollegen einen Beitritt zum Verein für das
Deutschtum im Ausland (VDA) nahe, der – ab 1933 in „Volksbund für…“ umbenannt – zwar eine
vertiefte „völkische“ Ausrichtung erfuhr, aber noch den Hauch einer Gewalt ablehnenden
Organisation besaß und der schon im Weimarer Staat über 5000 Schulgruppen angehört hatten.68
Geschlossen und auf gemeinsamen Beschluss hin trat das Kollegium im März 1935 dem
Volksbund für die Kriegsgräberfürsorge bei, wenngleich dies nur bedingt als Beweis für die
ideologische Verlässlichkeit gelten konnte.69 Da die NSDAP ab Mai 1933 ein Aufnahmeverbot
erlassen hatte, kamen als Parteiorganisation, über die man „Volksnähe“ und nationales
Engagement bekunden konnte, etwa die NS-Volkswohlfahrt (NSV) in Frage, der die meisten
Kollegen über kurz oder lang aus Opportunitätsgründen beitraten.70 Eine ähnliche Rolle als
Massenorganisation, der sich mehrere Kollegen zuwandten, war der Reichsluftschutzbund (RLB),
zumal fast alle nicht kriegsverwendeten Lehrer im Luftschutz ausgebildet wurden.71 Der
Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) oder das Nationalsozialistische
Fliegerkorps (NSFK, ab 1937) boten eine Art „Ersatz-Mitgliedschaft“ für diejenigen an, die, wie
Rüping oder Bruns, letztlich nie NSDAP-Mitglieder wurden, aber als ehemals bekennende
Demokraten unter erhöhter Aufmerksamkeit standen.72 Auch Rüpings Amt als Leiter einer NSLB-
Arbeitsgemeinschaft genau wie seine Funktion als NSLB-Sachbearbeiter für Erziehungs- und
Unterrichtlehre waren zweifellos seiner „demokratischen Vergangenheit“ vor 1933 geschuldet.73

Die Entwicklung der Beitritte zu NS-Organisationen der Lehrerschaft zeigt somit die
Beitrittszeitpunkte ab 1933 als „individuell wählbar“, auch zum NSLB. Geht man von einer
(vielleicht) zurückhaltenden Einstellung der älteren Kollegen zum Nationalsozialismus aus,
verstärkt sich der Eindruck, dass man(n) von Jahr zu Jahr immer wieder einen „neuen“
Mitgliedsbeitritt nachlegte, um eventuelle Zweifel an der Zustimmung zum NS-Regime zu
zerstreuen.

Gab es trotz des insgesamten Funktionierens der Pädagogen im immer stärker ideologisch
überformten System Schule noch Platz für ein Gegensteuern oder gar Resistenz? Eine eindeutige
Antwort hierauf ist schwierig. Eine „Indizienführung“ wie die nachfolgende, bleibt letztlich
unbefriedigend: So drängte Direktor Rüping im Februar 1934 darauf, dass der bereits
verpflichtende Hitlergruß („Deutscher Gruß“) „von jetzt ab so erwiesen wird, wie […]
vorgeschrieben“. Gleichzeitig ordnete er relativierend an, dass die Schülerhände in den
Klassenzimmern wegen Platzmangels zur Begrüßung unten bleiben durften: „Gemäß des Herrn
Oberpräsidenten sollen die Schüler wegen des Mangels an Raum zwischen den Bänken die Hand
nicht erheben“.74

Als Direktor Rüping, dem allgemeinen Drängen der NS-Jugendführer folgend, im Oktober 1933
zu Beginn einer Lehrerkonferenz aufforderte, den „Eintritt der Schüler in das NS-Jungvolk und in
die Hitlerjugend zu fördern“, fügte er hinzu „dabei sollen aber […] die anderen Verbände, die
ebenfalls sich Verdienste um die Pflege und Ertüchtigung der Jugend erworben haben, nicht
übergangen werden“ – Ausdruck einer schützenden Hand über Schülern, die Mitglieder anderer,
etwa kirchlicher Jugendverbände waren?75 Rüpings Wunsch nach „guter Presse“ ließ andererseits
schon 1933 kaum Raum für eine öffentliche Distanzierung von der HJ. Im Gegenteil. So berichtet
ein Artikel über einen Elternabend an der Oberrealschule, der am Respekt der Schulgemeinschaft
für die HJ keinen Zweifel lassen sollte: Direktor Rüping begrüßte dort den Bannführer der
Herforder HJ als Ehrengast und der Schülerchor intonierte das feierliche HJ-Lied „Wir Jungen
schreiten gläubig“.76

Nimmt man die Entwicklung der HJ in der Schule in näheren Augenschein, wird deutlich, dass
deren Mitglieder ab 1934 deutliche Freiräume genossen. Zwar kam es bisweilen zu
„Unstimmigkeiten“ zwischen Schulleitungen und Mitgliedern der HJ, die für ihre Organisation in
der Schule warb. Darauf reagierte Mitte 1934 der preußische Bildungsminister mit einem Erlass,
der die „Ausgestaltung und Einführung“ einer „Werbestunde für die HJ“ förmlich anordnete.
Dieser Prozess sollte, so die ministerielle Anweisung, ab 1. Oktober 1934, durch zu benennende
„Vertrauenslehrer der Hitlerjugend“ vorangebracht werden.77 Rüping betraute mit dieser Funktion
sogleich einen im Oktober 1934 neu überstellten Referendar, den SS-Scharführer und SS-
Sportwart Dr. Erich Stranghöner aus Herford, der älteren Kollegen noch als ehemaliger Schüler
vertraut war.78 Rüpings Vertrauen enttäuschte er nicht: Im Januar 1936 gab der Direktor dem
Kollegium bekannt: „Die Schule darf die HJ-Fahne hissen, da 95 Prozent der Schüler im J.V.
oder der H.J. sind“.79

Mit Stranghöner kam nach 1933 eine neue Generation von Assessoren an die Schule: So Heinz
Retzlaff (Eintritt ins Kollegium siehe Tabelle 3b), Bernhard Möhring, Dr. Karl Stork, Paul
Veldtrup, Friedrich Westermann und Walter Lampe. Wie Assessor Wilhelm Büse waren sie der
NSDAP oder in einer ihrer Gliederungen (hier: SS und SA) häufig schon als Studenten oder
Referendare beigetreten (Möhring: NSDAP 1933, Retzlaff: NSDAP 1931/SS 1932, Stork:
NSDAP 1932/SA 1934, Westermann: SA 1933, Lampe: NSDAP und SA 1931). Ihr Elan, die
Parteizugehörigkeit für die berufliche Karriere zu nutzen, war unterschiedlich ausgeprägt und
wurde von Direktor Rüping oder seinem Nachfolger Dr. Paul Baesen (SA 1934/ NSDAP 1937),
unterschiedlich unterstützt. Während Rüping etwa den HJ-Vertrauenslehrer Stranghöner noch
1939 zum Studienrat beförderte, welcher der NSDAP 1937 beigetreten war und ab 1938 als
Mitarbeiter des kreispolitischen Amts für Rassefragen fungierte80, musste Paul Veldtrup, obwohl
seit 1937 in der NSDAP und ab 1939 Herfords „Kreishauptstellenleiter für den Ahnennachweis“,
bis Anfang 1942 auf seine Verbeamtung warten, für die sich Direktor Baesen trotz Veldtrups
kriegsbedingter Abwesenheit schließlich einsetzte. Die Beförderung wurde per Feldpost
zugestellt.81 Assessor und Pg. Friedrich Westermann, der 1939 vom Hitler-Gymnasium Dortmund
an die Herforder Oberschule für Jungen gewechselt war, wo er Rüpings Mathematik-Stelle
„verwaltete“, musste gar bis 1943 warten, ehe er von Baesen aufgefordert wurde, seine
Beförderung zum Studienrat zu beantragen, die schließlich 1944 ausgesprochen wurde.
Tab. 3b: Kollegiumsmitglieder an der Oberschule für Jungen, nach Beschäftigungszeit, Schulfächern, NSDAP- und
NSDAP-Gliederungen- oder Verbandszugehörigkeit, sowie Kategorisierung im Entnazifizierungsverfahren, nach
Eintritt ins Kollegium (Zeitraum 1934-1942). Quellen: Personalakten KAH, Entnazifizierungsakten LA R Duisburg.

Name, Letzte An Partei-, Parteigliederungen- und Weitere Klassifikation


Lebensdaten Amts- der Verbandszugehörigkeit, Verbands- bei Entnazi-
bezeichn Schu- Jahr/Datum des Beitritts Zugehörigkeit mit fizierung durch
ung, le (in Klammern: dort innegehabte Beitrittsjahr Milit. Reg.
Fächer Ämter)
Dr. Erich OstR, 1934- SS 6/33-9/34 (SS-Scharführer und Wehrmacht Kat. IV: mit
Stranghöner B Ch 1968f -Sportwart ab 1.12.1933) 8/1939-4/1945 Vermögens- und
(1906-?) Lb f NSLB 1933-1939 Kontensperre
Rudern NSRL 1935 (Leichtathletik- und 2/1948; nach
Schwimmwart) ; NSV 1936, Berufung:
HJ 1936-38 (Scharführer) Kat. IV ohne
NSDAP 1.5.1937-9/1939 Sperre
(Kreisamtsleiter, Bevölkerungs- u. 7/1949
Rassepolitisches Amt 1938)
Heinz Retzlaff StR, 1936- NSDAP 5/1931-1945 Einsatz im KZ Festnahme,
(1906-? F E Erdk 1945 (Kreishauptstellenleiter Sachsen-hausen (ab Internierung,
weltanschauliche u. theoretische 1939), dann KZ verurteilt zu 3
Ausrichtung; Kreisredner 1935ff.) Dachau; als Monaten
NSLB 1932 (Kreisschulungswart Mitglied der Sipo Gefängnis
1935) in Norwegen (Spruchgericht
Allgemeine SS 4/1932-18.9.39 Stade 1947); Kat.
(Sturmbannschulungsleiter ab IV mit
1934; SS-Hauptscharführer ab Berufseinschränk
1937) ung; 1949
NSV 1937; RKB und RLB 1938 Verfahren wg.
Waffen-SS 18.9.1939-1945 Fragebogenfälsc
(Unterscharführer 1944) hung
Dr. Karl Stork OstD, 1937- VDA 1925-28 Wehrmacht D1: “may not be
(1907-1998) DG 1958 NSDAP 1932 1939-45 employed”
Religion SA 1934 8/1946; “als StR
NSV 1936, NSLB 1937-43 entlassen“
11/1946;
Berufung nach
Kat. IV 10/1947
abgelehnt;
Spätere Wieder-
einstellung nach
SBE-Entscheid
Bernhard OstD, 1937- NSDAP 5/1933-1945 Wehrmacht D2: “can be
Möhring FED 1975 NSV 1939 5/1939-1945 employed”
(1910-?) NSLB 12/1936-1945 11.10.46;
VDA 1938-39 Schulleiter 1952
Paul Veldtrup OstR, 1938- NSV 1935-1937 (Stlv. Ortsgrup- Wehrmacht D1: “may not be
(1908-1971) FLE 1968f penamtsleiter, Organisationswal- 11/1940-8/1942 employed”
f ter) ; NSLB 7/1933-1945 Verwundung 11/1946: “als
NSDAP 1.5.1937 (NSDAP-Kreis- 9/1942-8/1943 StR entlassen”;
hauptstellenleiter für Ahnen- Wiedereinberufung Kat IV ohne
nachweis seit 10/1939) 4/1944-5/1945 Sperre nach Be-
rufung 10/1947
Friedrich OstR, 1939- SA 1933-40 (Oberscharführer) Wehrmacht D1/Kat. III: „als
Westermann M Ph 1968f NSLB 1936 6/1941-1/1942 StR zu entlas-
(1910-?) Ch f NSDAP 5/1937 (komm. (Köln, Funker); sen“, mit Kon-
Ortsgruppenleiter 3/1943-7/44); tensperre 9/1947;
(komm. Verwalter des Amtes für Luftschutz Kat V ab 9/1949
Volkstumsfragen im Kreis HF) 1942 (Berufungskam-
VDA (Leiter des VDA- mer Minden)
Kreisverbandes 8/1944-3/45);
NSV 1938
Dr. Paul OstD 1940- NSLB 1.8.1933-1945 Stahlhelm Suspendiert
Baesen z.Wv. 1945 (Amtswalter) 1933-34 8/1945;
(1895-1972) NSV 1934-45; NSLB 1934-45 D2: „can be
E Erdk SA 1934-45 (Sturmmann in 11/R employed“
Geologie 55, ab 1940 SA-Reserve) 7/1946;
NSRL 1934-1945 Kat. IV 3/1948;
NSDAP 1.5.1937-1945 nach Wieder-
(Blockleiter) aufnahme Kat.
VDA 1937-1945 V (5/1951) durch
SBE
Walter Lampe OstR 1942- NSDAP, SA, NS-Studentenbund Wehrmacht Entlassen
(1907-?) M Ph Lb 1968f 1931-1932/33 8/1939 12/1945, wg.
f SA 1.7.33-23.8.1939 (Oberleutnant) NSDAP-
(Sportreferent, Zugehörigkeit
Wehrdienstausbilder, vor 1.4.33;
Oberscharführer) D1 ab 8/1946;
NSV 1936-45 nach Berufung
NSLB 1936-45 Kat III: „darf
NSDAP 1.5.1937-1945 keinerlei Lehr-
tätigkeit
ausüben“;
10/1947;
Kat. IV ohne
Sperre (5/1948)
durch SBE

Anmerkung: Weitere Einstellungen während des 2. Weltkriegs waren (Beschäftigungszeiten an der Oberschule für
Jungen in Klammern) Wilhelm Lecon (1942-1961), Friedrich Hackenberg (1943-1968ff), Friedrich Hurtsieker
(1943-57), Wilhelm Leun (1943-1961), Martin Decius (1943-1969), Dr. Frithjof Liedstrand (1944-1962) und Erwin
Streletzki (1944-1964), sowie Assessorinnen. Zur Kategorisierung vgl. Tab. 3a.
9. Häutungen - Die Wiedereinstellung von Lehrkräften ab 1946 (oder Geschichten von der
Entnazifizierung: „Sport ist doch etwas ganz Unpolitisches“)

Die weiteren innerschulischen Umwälzungen an der Herforder Oberrealschule und Oberschule


für Jungen von 1933 bis 1939, von der Überarbeitung der Schulbibliothek und Sammlungen, über
HJ- und Sonderveranstaltungen zu NS-Feiertagen, bis hin zu rasseideologisch veränderten
Lehrinhalten, sind bereits andernorts dargestellt worden.82 Die Vereinnahmung der Schülerschaft
durch die NS-Ideologie zeigt sich darüberhinaus im Sprachduktus, der in Schüleraufsätzen aus
dieser Zeit zu finden ist.83 Dass Rüping bis zum Ende seiner Amtszeit an der Oberschule in
Herford an morgendlichen Kurzandachten festhielt, ist in den Konferenzprotokollen verbürgt.
Dass diese durch den gleichzeitigen Morgenappell der HJ auf dem Schulhof durch lautes Singen
gestört wurden, ist eine bis in die Gegenwart kolportierte, eher bedrückende Anekdote. Mit
Rüpings Weggang an die größere Bielefelder Helmholtz Oberschule für Jungen84 setzte durch den
gleichzeitigen Kriegsausbruch eine Phase ein, die bis 1945 von Schulleiter Paul Baesen geprägt
war, einem SA-Sturmmann und NSDAPler, dessen Berufung von der NSDAP-Gauleitung 1940
„wärmstens empfohlen“ worden war.85 Baesen brachte auch das von ihm in Bielefeld geleitete
Staatliche Bezirks-Lehrerseminar mit nach Herford. Die Konferenzprotokolle dieser Zeit
erscheinen zunehmend fahrig, teils unleserlich und unvollständig, beinahe symptomatisch für
eine Schulgemeinschaft, die sich während des Krieges zunehmend im Ausnahmezustand befand.
Betrachtet man diese Zeit bis Kriegsende sowie den Neuanfang am Februar 1946 aus der
Perspektive der Personal- und Entnazifizierungsakten, werden die erheblichen persönlichen
Verstrickungen des Kollegiums deutlich. Das Geschehen an der „Heimatfront“ Schule blieb mit
der „Kriegsfront“ verzahnt, wie bereits am Beispiel der Beförderungen deutlich wurde.

Mit dem Kriegsende kam es während der durch die Militärregierung verfügten Schulpause ab
September zu den ersten Suspendierungen. Der schon als Paalhorns Stellvertreter tätige
Burchardt übernahm im September 1945 die Schulleitung, die er bis 1952 behielt. Doch auch er
durchlief wie alle anderen Lehrkräfte in der Folgezeit ein Entnazifizierungsverfahren, das über
die künftige Weiterbeschäftigung entschied. Sämtliche älteren Studienräte, von König bis Bartels,
zählten bei Wiedereröffnung der Schule im Februar zur „neuen“ alten Kollegiumsmannschaft, da
keiner von ihnen der NSDAP, SS oder SA beigetreten war. Sie galten als minderbelastet, Fritz
Bruns sogar als ausgesprochener „NS-Gegner“, der aufgrund von Äußerungen in privaten Briefen
1942 sogar vorübergehend in militärische Untersuchungshaft gekommen war.86 Die
Entnazifizierung der „jüngeren“, erst nach 1933 verbeamteten Kollegen, aber auch Paul Baesens,
gestaltete sich dagegen deutlich langwieriger.
Bezeichnend ist, dass die älteren Studienräte zu ihren damaligen „Posten“ oder Tätigkeiten in den
Militärischen Fragebögen von vornherein Stellung nahmen. Adolf Bähr führte aus, worin seine
Tätigkeit als Blockwart des RLB bestanden hatte. Dr. Ernst Wunram, Vorsitzender der
Entnazifizierungskammer Herford, urteilte daher, Bähr sei angesichts der Mitgliedschaft in
„untergeordneten“ NS-Organisationen „nicht gänzlich unbelastet“, empfahl aber dennoch dessen
Weiterbeschäftigung.87 Ludwig Hezel hatte von 1934-1939 nebenberuflich an der
Heeresfachschule in Herford vor künftigen Militäranwärtern unterrichtet, bis dort ein
hauptamtlicher Lehrer angestellt wurde. Er erläuterte zudem die Tätigkeit seiner Ehefrau in der
NS-Frauenschaft, seiner Tochter (Jg. 1920) als Maidenführerin im Reichsarbeitsdienst für die
weibliche Jugend, sowie seines Sohnes (Jg. 1921) als Kameradschaftsführer in der Marine-HJ.88
‚Flucht nach vorn’ könnte man diese Verteidigungsstrategie nennen. Willy Bartels betonte
angesichts seiner Mitgliedschaft im Stahlhelm bis zu dessen Auflösung im Jahr 1935, den Eintritt
in die SA „abgelehnt!“ zu haben.89
Der erste Kollege der „jüngeren“ Generation, der seinen Dienst an der Oberschule für Jungen
wiederaufnehmen durfte, war Bernhard Möhring. Für ihn fiel positiv ins Gewicht, dass er der
NSDAP kurz vor seinem Universitätsexamen beigetreten war. Als „Kriegswaise“, so Möhring,
habe er ein Darlehen des Studentenwerks benötigt, was aber ohne Parteieintritt aussichtslos
gewesen sei. Er hatte weder Amt noch Funktion in der Partei ausgeübt und konnte sogar ein
Leumundszeugnis von Direktor Heinrich Rüping vorweisen, das entsprechendes Gewicht besaß,
da dieser als „politisch einwandfrei“ galt.90
Regelrecht aussichtslos war hingegen Heinz Retzlaffs Bemühung um Wiedereinstellung. Zwar
schrieb ihm Ludwig Hezel sogar ein Leumundszeugnis. Dennoch war die Beweislast gegen das
langjährige Mitglied von Waffen-SS und Sicherheitspolizei erdrückend, seine Einstellung gemäß
Urteil des Spruchgerichts Stade 1947 uneinsichtig. Als Retzlaff 1936 als Assessor an die
Oberrealschule gekommen war, hatte er bereits einen Aufsatz zur „Schulung in Rasse“ verfasst,
war Schulungsleiter in der SS sowie NSDAP-Kreisredner. Seine Beförderung zum Studienrat
1937 erscheint daher als „politisch“ gefördert.91

Paul Veldtrup hatte das Pech, zunächst zwischen die Fronten von Befürwortern und Gegnern
seiner Wiedereinstellung zu geraten. Zwar hatte ihn die Herforder Entnazifizierungskammer
Mitte 1946 für die Kategorie „D2“ empfohlen und als „Mitläufer“ eingestuft, die Militärregierung
war dieser Empfehlung jedoch nicht gefolgt. Sie stufte Veldtrup aufgrund seiner Ämter in
NSDAP und NSV als „belastet“ ein und entliess ihn im November 1946 aus dem Schuldienst.
Veldtrups daraufhin angestrengte Berufung produzierte eine Fülle von Leumundszeugnissen,
welche die „völlig unpolitische Bedeutung“ der Kreishauptstellenleitung für den Ahnennachweis
behaupteten. So stellte Burchardt fest, das Amt „mit dem pompösen Titel ‚Leiter für
Ahnennachweis’“ habe „keine weltanschauliche Bedeutung“ besessen. Die deutsche
Entnazifizierungskammer sah darin lediglich „eine Art Standesbeamtenarbeit“ (Wunram). Die
Anwälte Veldtrups stellten klar, „die Tätigkeit [habe] nur darin bestanden, Ahnentafeln und
Ahnenpässe mit den Originalurkunden zu vergleichen und zu beglaubigen“ – als ob nicht genau
dieser bürokratisierte Rassenwahn über Wohl und Wehe persönlicher Schicksale entschied.92
Auch Veldtrups Verhalten im Unterricht führten seine Unterstützer ins Feld. So gab sich Martin
Harling „als Fachkollege überzeugt“, Veldtrup habe die behördliche „Forderung der
nationalpolitischen Unterweisung der Schüler ignoriert“ und im Unterricht eine „ausschließlich
sprachlich logische Schulung“ durchgeführt. Sogar vierzehn Abiturienten der Oberschule
beschworen gemeinschaftlich: „Es war uns bis heute nicht bekannt, dass Herr Veldtrup ein Amt
in der NSDAP innehatte“. Im Unterricht habe er sich „stets jeder politischen Äusserung
enthalten“.93 Schließlich winkte die Berufungskammer Minden Veldtrups Widerspruch „wegen
der Einfachheit des Falles“ durch und ermöglichte damit ein knappes Jahr später dessen
Rückkehr ins Kollegium.94

Eine noch längere Hängepartie erlebte Friedrich Westermann. Ihm war zwar von der
Berufungskommission in Minden Mitte 1947 bescheinigt worden, er werde „ein wertvolles
Mitglied für den demokratischen Aufbau sein“. Sein „früher“ Beitritt zur SA 1933 wurde
mittlerweile als „nicht freiwillig“ bewertet, da Westermann Student gewesen sei und „Studenten
damals ohne weiteres in die SA eingereiht wurden“. Auch das positive Zeugnis des Herforder
Oberbürgermeisters Höcker, so die Mindener Kammer, müsse als entlastend gelten. Doch wie bei
Veldtrup lehnte die britische Militärregierung Westermanns Wiederbeschäftigung im September
1947 aufgrund der von ihm ausgeübten Ämter ab. Erst bei seiner zweiten Berufung 1949 wurde
mit der Einstufung in Kategorie IV seine Wiedereineinsetzung an der Oberschule möglich und er
umgehend in seine frühere Studienratsstelle eingesetzt.95 Dass Schulleiter Burchardt hierbei unter
Umgehung des Schulausschusses agierte, zeigt die nachträgliche Stellungnahme, die Burchhardt
zur bis dahin „belasteten“ Personalie Westermann anschließend gegenüber dem Schulausschuss
abgeben musste. Durch Burchardts Parteinahme für Westermann war der seit 1946 an der
Oberschule tätige Assessor Dr. Kurt Beier, eine „ostvertriebene“ Lehrkraft, der durch NSDAP
und HJ erhebliche berufliche Nachteile entstanden waren, in Herford um eine Beförderung
gekommen und nach Hamm versetzt worden.96
Anders als Westermann versagte die Berufungskammer Minden dagegen dem früheren SA-
Oberscharführer Walter Lampe, ein Herforder Lehrersohn, im Oktober 1947 die Entlastung. „Die
Sache Lampe ist undurchsichtig“, notierte das Mindener Kammermitglied Walter Michael, der
sich von den zahlreichen Leumundszeugnissen nicht blenden ließ, die Lampes christliche
Überzeugungen hervorhoben. Nach Einsicht in die Personalakte sah sich die Kammer durch stark
belastendes Material außerstande, Lampe zu entlasten: Er war bereits 1931 in Partei und SA
eingetreten und nur auf Druck des katholischen Vaters („ein überzeugter Zentrumsmann“) für
kurze Zeit ausgetreten. Ab 1933 hatte Lampe sich als SA-Mitglied aktiv in der
Wehrmachtsausbildung hervorgetan, so an der „Vorbereitung für den Krieg“ mitgewirkt sowie
dazu beigetragen, die SA zu einem „Instrument der Unterdrückung und Niederknüppelung eines
jeden, der anderer Ansicht war“ zu machen.97

Zeitgleich zum Fall Lampe wurde auch Karl Storks Berufung im Oktober 1947 in Minden
verhandelt. In Storks Fall, Religionslehrer, liess sich zwar die deutsche Berufungskammer zur
Umstufung in Kategorie IV bewegen, was seine Entlassung rückgängig gemacht hätte. Zu diesem
Wandel Storks vom Saulus zum Paulus hatte unter anderem Studienrat Harling beigetragen. Er
hatte in der mündlichen Verhandlung in Minden bezeugt, Stork habe 1938 im Konferenzzimmer
der Schule eine Auseinandersetzung mit dem der SS angehörenden Studienrat Retzlaff „über
Religionsfragen“ gehabt, Stork habe daraufhin „sehr erregt das Parteiabzeichen von seinem
Rockaufschlag entfernt“, in die Tasche gesteckt, und Harling habe es seitdem an Stork „nicht
mehr gesehen“.98 Die Kollegen Burchardt und König hatten Storks „schweren Stand“ gegenüber
Schülern im Fach Religion hervorgehoben, die häufig „Citate aus dem Stürmer mit in den
Unterricht brachten“ oder „unter dem Einfluss der HJ standen“.99
Die Empfehlung der Mindener Kammer fand bei der britischen Militärregierung dennoch keine
Zustimmung. Letztlich kam für Stork der Sonderbeauftragte in Düsseldorf als rettende Instanz ins
Spiel, obwohl Herfords Oberstadtdirektor Meister seit Mitte September 1948 beim OP Münster
Storks Entlassung betreiben wollte, „aufgrund seiner politischen Belastung“.100

Entwaffnend naiv, wenngleich berechnend waren die Entlastungsversuche, die im Zuge der
Entnazifizierung des Erich Stranghöner vorgebracht wurden, mit der er immerhin im Juli 1949
erreichte, dass die noch im Vorjahr gegen ihn verfügte Vermögens- und Kontensperre aufgehoben
wurde. Stranghöner leugnete nach 1945 sein Amt als Kreisstellenleiter im Rassepolitischen Amt,
obwohl seine Personalakte das Gegenteil belegt. Als Zeugen führte Stranghöner 1948
ausgerechnet Bruno Otto Schulze an, der als langjähriger NSDAP-Kreisgeschäftsführer und
Kreispropagandaleiter nur bedingt glaubwürdig war.101 Ob das kühne, heute absurd anmutende
Argument des Anwalts verfing, „Sport hat aber mit Politik nichts zu tun“, folglich würden
Stranghöners Ämter als Scharführer und Sportwart in SA und HJ „nicht auf eine politische
Betätigung schliessen“ lassen, sei dahingestellt.102 Entlastend dürfte dagegen die zurückhaltende
Aussage Rüpings gewirkt haben, der Stranghöner „wunschgemäß“ bescheinigte, dieser habe
„immer die Interessen der Schule denen der HJ vorangestellt“. In gleichem Sinne hatte auch Otto
Amberger erklärt, Vater eines früheren Oberschülers, aus den Erzählungen seines im Krieg
getöteten Sohnes wisse er, „dass er [Stranghöner] durchaus nicht mit allem einverstanden war,
was vom Nationalsozialismus gefordert wurde“.103 Im Herforder Schulausschuss wendete man
mit Bezug auf „Dr. Stork“ und „Dr. Stranghöner“ ein, „dass derartige belastete Lehrpersonen
Personen weiterhin mit der Erziehung der Jugend beauftragt würden“ finde keine Zustimmung,
man ging angesichts der schützenden Hand Burchardts für Kollegen, die keine
Beschäftigungssperre mehr besassen, jedoch auch nicht mehr gegen sie vor.104 Dem Zuspruch,
den die Oberschule nach ihrer Wiedereröffnung erfuhr, taten all diese auf die Lehrkräfte
bezogenen Argumente, Behauptungen und Tatsachen, häufig nur hinter verschlossenen Türen und
auf geduldigem Papier ausgetauscht, keinen nachhaltigen Abbruch. Dies belegen die
Schülerzahlen. Die bewilligten Lehrer-Planstellen sprechen für die steigende Wertschätzung der
Anstalt in den Nachkriegsjahren auch beim städtischen Schulträger.

Tab. 4 Schülerzahlen und Lehrerplanstellen nach 1945

Jahr Schüler Lehrer-Planstellen Verhältnis


(Ostern) (Ostern) Lehrer : Schüler
1928 494 21 1: 23

1946 (Feb) 430 8 1: 53


1946 454 11 1: 41
1947 541 16 1: 33
1948 468 21 1: 22
1949 478 23 1: 20
1950 503 23 1: 21
1951 485 24 1: 20
Quelle: Verwaltungsberichte, Stadt Herford. KAH.

Dass auch Paul Baesen gerne wieder dorthin zurückgekehrt wäre, insbesondere als Schulleiter,
zeigte seine beinahe erfolgreiche Bewerbung um Burchardts Nachfolge Ende 1951.105
Der langjährige FGH-Direktor Theodor Denecke, 1945 in den Ruhestand verabschiedet, war
allerdings der einzige Berufskollege, der für Baesen 1946 ein Leumundszeugnis verfasste. Darin
versuchte er vor allem zu entkräften, dieser sei durch „Mitwirkung der NSDAP“ zum Leiter der
Oberschule in Herford geworden - eine damals offenbar allgemein verbreitete Ansicht.106 SPD-
Bürgermeister Heinrich Höcker, von dem sich Baesen im März 1946 eine Beurteilung erbat,
nachdem er als suspendierter Schulleiter im Herforder Rathaus seit Ankunft amerikanischer
Truppen Anfang April 1945 Dolmetscherdienste geleistet hatte, sich strategisch geschickt im
„Vorzimmer des Bürgermeisters“ platzierend, hatte sich zwar für dessen Wiedereinstellung
ausgesprochen, aber lediglich „als Studienrat“ – und somit unter einer klaren Rückstufung im
Amt.107
Baesens Entnazifizierungsprozess offenbart darüberhinaus, dass er im Kollegium der Oberschule
für Jungen nach 1945 keinen einzigen offenen Befürworter besaß. Seine Entlastung, die er
schließlich 1951 durch den deutschen Sonderbeauftragten erfuhr, zahlte sich zwar in finanzieller
Hinsicht für ihn positiv aus. Seine Glaubwürdigkeit stellte dies nach der Leugnung seiner
Parteizugehörigkeit, seiner Tätigkeit als Blockleiter sowie als „Amtswalter“ des NSLB für die
damaligen Zeitgenossen kaum wieder her.108 Persönliche Integrität sah anders aus.

Für Bernhard Möhring, der 1952 Burchardts Nachfolge als Schulleiter antreten konnte, trifft
zweifellos zu, dass mit ihm eine authentische Persönlichkeit den Zuschlag erhielt, die sich zu
ihrer NSDAP-Zugehörigkeit bekannt und davon glaubwürdig distanziert hatte – wenngleich dies
nicht das Ende, sondern allenfalls den zarten Beginn einer Aufarbeitung der NS-Zeit für die
Schulgemeinschaft markierte.

1
Ab 1937 umbenannt in „Oberschule für Jungen“. Ihren heutigen Namen „Ravensberger Gymnasium Herford“
erhielt die Schule 1954. Fortsetzung von Teil 1, Eva Pietsch, Schwierige Anfänge in einer Demokratie – Schule
zwischen moderner Reform und konservativ-radikalem Druck (1911-1933) in: HfJb 2019, Herford 2018, S. 50-85.
2
Die „HJ“ wurde 1926, der „BDM“ 1930 gegründet. Zum Aufbau dieser und anderer nationalsozialistischer
Ortsgruppen in Stadt und Landkreis Herford siehe Norbert Sahrhages grundlegende Studie zu Herford, Diktatur und
Demokratie in einer protestantischen Region, Bielefeld 2005.
3
Vgl. Pietsch, Teil 1, wie Anm. 1, bes. S. 75ff. Zu ähnlichen antisemitischen Vorfällen vor 1933 am Herforder
Friedrichs-Gymnasium (FGH) vgl. Christoph Kaleschke u.a., Das Friedrichs-Gymnasium in der Zeit der
nationalsozialistischen Herrschaft, in: 450 Jahre FGH, Herford 1990, S. 67-93, hier S. 80f.
4
Vgl. Pietsch, Teil 1, wie Anm. 1, S. 77.
5
Bernhard Rust (1883-1945), Studium der Germanistik und klassischen Philologie, hochdekorierter Teilnehmer am
1. Weltkrieg und bis 1930 formal Studienrat für Deutsch und Latein am Ratsgymnasium in Hannover, war zunächst
Anfang der 1920er Jahre Mitglied der Deutsch-Völkischen Fortschrittspartei und des Stahlhelm, ehe er 1925 der SA
und NSDAP beitrat. Fortan machte er als Gauleiter (1925-1928), preußischer Landtagsabgeordneter (1929) und
schließlich Reichstagsabgeordneter (ab September 1930) parteipolitische Karriere als Gefolgsmann Hitlers. Vgl.
Anne Nagel, Hitlers Bildungsreformer: Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1934-
1945, Frankfurt/Main 2012, S. 40ff.
6
So Rolf Schörken, Jugend, in: Wolfgang Benz u.a. (Hg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1998, S.
203-2019, Zitat S.205.
7
Im Staatsarchiv Duisburg.
8
„Im Schuljahr 1933/34 hatten noch drei jüdische Schüler die Anstalt besucht. Fünf Jahre später hatte der letzte
jüdische Junge die Schule verlassen“, heißt es dort verklausuliert. 150 Jahre Ravensberger Gymnasium Herford,
1868-2018, Festschrift, Herford 2018, S. 43.
9
Meyer (1891-1945), promovierter Nationalökonom und seit 1928 in der NSDAP, war über die Ortsgruppenleitung
Gelsenkirchen und die Bezirksleitung Emscher-Lippe 1931 in die Gauleitung (GL) mit Sitz in Münster aufgestiegen.
Zur Biographie Meyers, der später Teilnehmer der Wannseekonferenz war, vgl. Ernst Klee, Das Personenlexikon
zum Dritten Reich, Frankfurt/Main 2003, S. 406, zu Schirach, seit 1928 von Hitler in die NSDAP-Reichsleitung
berufen, ebd., S. 536. Schirach-Zitate nach Rainer Pape, Sancta Herfordia, Herford 1979, S. 300f.
10
Pape, wie Anm. 6, S. 301.
11
Auch Joseph Goebbels empfand diesen Tag offenbar als „traumhaft“: „Es ist fast ein Traum. Die Wilhelmstraße
gehört uns.“ Eintrag Joseph Goebbels, Tagebuch vom 30.1.1933, zit. n. Lemo. Zur „Inszenierung“ der „lokalen
Machtergreifung“ in Herford vgl. Norbert Sahrhage, Fackelzüge auch in der Region, Der Minden-Ravensberger 75,
S. 26-31.
12
Insbesondere durch die sogenannte Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933, welche die Bürgerrechte
der Weimarer Verfassung weitgehend außer Kraft setzte.
13
Vgl. Sahrhage, 2005, wie Anm. 2, S. 279.
14
Vgl. Hierzu generell den Abschnitt „Die Schulen“ bei Sahrhage, Diktatur und Demokratie, S. 278-283.
15
Vgl. dazu die Erläuterung in der Klassenkonferenz vom 12.5.1933 (Bl. 51), RGH-Archiv.
16
AK vom 13.2.1933, Bl. 35-36, RGH-Archiv (jetzt KAH).
17
Ebd.
18
Vgl. Abbildung dieses Schreibens vom 6.3.1933 in: 150 Jahre RGH, Festschrift Herford 2018, S. 42.
19
Zu diesen lokalen Machtdemonstrationen im Zuge der Märzwahlen, in deren Zuge schließlich die Braunhemden
auch in die Rathäuser einzogen, vgl. ausführlich Sahrhage, Diktatur und Demokratie, Bielefeld 2005, S. 155-162.
20
AK vom 6.3.1933 (Bl. 37-38). Die Beflaggung war für eine „Gedenkfeier“ am folgenden Samstag nach Ende des
Unterrichts, um 11 Uhr“ angeordnet.
21
AK v. 29.6.1933 (Bl. 60-61).
22
Bereits am 13. März 1933 wurde vom Reichspräsidenten Hindenburg die Errichtung des Reichsministeriums für
Volksaufklärung und Propaganda verfügt, um in Presse und Rundfunk „eine geistige Mobilmachung“ des Volkes „zu
vollziehen, wie Goebbels im selben Monat offen bekundete. Zit. n. Jutta Sywottek, Mobilmachung für den totalen
Krieg. Die propagandistische Vorbereitung der deutschen Bevölkerung auf den Zweiten Weltkrieg, Opladen 1976, S.
23.
23
Zit. n. Otto Droste, Ereignisse aus dem Schulleben im Spiegel der Presse, in: Fischenberg (Hg.), RGH Festschrift
1968, S. 74-80, hier S. 74f. Denecke, Jahrgang 1878, war zu diesem Zeitpunkt 54 Jahre alt, ein gestandener
Pädagoge und eine Herforder Persönlichkeit, die das Friedrichs-Gymnasium seit 1914 leitete (bis 1945). Vgl.
Sahrhage, Demokratie und Diktatur, S. 509.
24
Die Angst vor zu vielen „falschen“ Freunden, die am März 1933 der NSDAP zuliefen, waren schließlich der
Grund den verfügten Aufnahmestopp der Partei ab 1. Mai 1933, der erst 1937 aufgehoben wurde.
25
„Nachträgliche Versetzung von Schülern“, vom 20.4.1933, eingegangen am 21.4.1933 bei Direktor der Helmholtz-
Oberrealschule in Bielefeld, in: Bestand Helmholtz 150,10, Stadtarchiv (StA) Bielefeld.
26
Vgl. Ergebnis der Zeugniskonferenzen (ZK) vom 30 und 31. März 1933, Bl. 39-47, Protokollbuch 1932-1936,
RGH-Archiv.
27
Vgl. Klassenkonferenz vom 17.5.1933.
28
Klassenkonferenz (KK) vom 12.5.1933, Bl. 51, RGH-Archiv.
29
Vgl. Einträge der KK am 1., 8., 12. und 17. Mai 1933, Bl. 48-50, 52f. Protokollbuch 1932-1936, RGH-Archiv.
30 Schreiben v. Bruno Braunroth vom 20.4.1933, in: Bestand Helmholtz 150,10, StA Bielefeld. Dort weitere

Gesuche, in der Regel durch offizielle Schreiben von Ortsgruppen des Stahlhelms, der NSDAP oder der HJ bestätigt.
31Auswertung der Versetzungskonferenzbeschlüsse im Protokollbuch 1932-1936, Zeugniskonferenzen vom

32.3.1934, Bl. 93-101, sowie der Versetzungskonferenz von 1935, Bl. 153.
32 Vgl. Tabelle „Jährliche Neuanmeldungen“ 1929-1944.
33 Ernst Klee, Das Personenlexikon, wie Anm. o., S. 516.
34 Zu Menke, der Ende 1930 aufgrund unzureichender Leistungen nicht zur Reifeprüfung im Februar 1931
zugelassen worden war, vgl. Pietsch, Teil 1 (wie Anm. 1), S. 77. Dort auch dessen Mobbingversuch gegenüber den
Lehrern Wöhlke, Öchslin und Bruns, die er 1932 bei Direktor Rüping anschwärzte.
35
Hinweis auf Gesuch des Menke auf „nachträgliche Zulassung“ auf Konferenz des Prüfungsausschusses der
Reifeprüfung von Ostern 1931, vom 19.6.1933, Bl. 56. Protokollbuch 1932-36, RGH-Archiv.
36
Schreiben des OP Münster an Rüping, vom 12.7.1933, RGH-Archiv.
37
Dieser Antrag Menkes datierte vom 31.8.1933. Akte Rudolf Menke, RGH-Archiv.
38
Menke sei, so Kosiek abschließend, „ein Parteigenosse, den ich nur als Vorbild hinstellen kann“. Gutachten der
Herforder NSDAP-Kreisleitung vom 28.8.1933, ebd., RGH-Archiv.
39 Rüping ergänzte: „Auch aufgrund meiner Zusammenarbeit mit dem Kollegium seit Ostern 1931 bin ich fest

überzeugt, dass die Mitglieder des Prüfungsausschusses streng sachlich beurteilt haben und dass politische Motive
keine Rolle gespielt haben“, Schreiben Rüping an Rust vom 4.9.1933, Akte Rudolf Menke, RGH-Archiv. Das neue
Gesuch Menkes und dessen abermalige Zustimmung durch Rüping und das Kollegium war auch Gegenstand der
Allgemeinen Konferenz am 4.11.1933 (Bl. 68), Protokollbuch 1932-36, KAH.
40
Vorschläge von Dr. Harling vom 17.11.1933, von Rüping am selben Tag genehmigt und nach Münster
weitergeschickt, dort am 24.11.1933 genehmigt. Akte Rudolf Menke, RGH-Archiv.
41 Die „Turnreifeprüfung“ an Reck, Barren, Pferd und Kasten erfolgte am 19.12.1933. Ebd, RGH-Archiv.
42Antwort Rüping an Oberbürgermeister Kleim vom 20. Mai 1935, Akte Menke, RGH-Archiv.
43Das Gesetz stammte zwar vom 7. April, die Befragung der Lehrerschaft mittels Fragebögen wurde aber an der

Oberrealschule erst ab Juni akut, vgl. AK v. 29.6.1933 (Bl. 60-61), Protokollband 1932-36, RGH-Archiv.
44 Zur Stahlhelm- und Logenzugehörigkeit dieser Kollegiumsmitglieder sowie deren politischer Orientierung vgl.

Pietsch, Teil 1, wie Anm. o., S. 62f. Zu den Verschwörungstheorien der Nationalsozialisten gegenüber Freimaurern
sowie deren Verfolgung vgl. Wolfgang Benz u.a. (Hg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus (wie Anm.o.), Eintrag
„Freimaurer“, S. 469f. Die Auflösung der Herforder Loge am heutiges Logenplatz, in deren repräsentatives Domizil
1935 … die NSDAP-Kreisleitung?? Einzog, ist bekannt.
45Vgl. Protokolle der AK ab August 1933 (Bl. 62-85), ebd.
46 AK vom 1.8.1933, Bl. 64, ebd.
47 Schreiben des OP Münster vom 1.9.1933 in: Personalakte Fritz Bruns, PA 1435, KAH.
48 Büse war mit einer Unterbrechung von sechs Monaten 1931 insgesamt vier Jahre an der Oberrealschule

beschäftigt, von 1929 bis 1932. Er sei daher „sehr wohl in der Lage [...] über die Gesinnung der Lehrer an der Schule
Auskunft zu geben“, ebd., Anonymes Schreiben (W. Büse) vom 27. April 1933, in: PA Bruns 1435, KAH.
49
Zu Bruns vgl. Pietsch, Teil 1 (Anm. o.), S. 61f. Bruns intensive Aufbautätigkeit bei den Herforder Segelfliegern
seit 1927, von deren Leitung er sich um 1932/1933 zurückzog, schildert die aufschlussreiche Festschrift von Rolf
Meyerkord, 100 Jahre Luftfahrt im Herforder Verein für Luftfahrt e.V. (unv. Manuskript), dem die Autorin herzlich
für die Einsichtnahme dankt. Erwähnt wird Bruns lediglich mit einem Vortrag über den Aufbau der Herforder
Segelfliegerei im Mai 1938, vgl. Herforder Kreisblatt, 13. Mai 1938, nach Meierkord, Manuskript S. 344.
50 Erich Maria Remarques Anti-Kriegsroman, 1928 veröffentlicht und bereits 1930 in den USA verfilmt, der die

Grausamkeiten des Krieges thematisierte, wurde bereits 1933 von den Nazis als „schädliches und unerwünschtes
Schrifttum verboten. Vgl. Markus Henkel, Walter Flex und Erich M. Remarque – ein Vergleich, in: Heinrich Mann-
Jahrbuch 19 (2001), S. 177-213.
51 Averbeck, NSDAP-Mitglied seit 1925, war seit 12.4.1933 zudem Fraktionsvorsitzender der NSDAP im Herforder

Stadtrat, vgl. Sahrhage, Diktatur und Demokratie (wie Anm.o.), S. 158f., 244. Zu Wilhelm Büse ebd.
52 Am 8. Mai 1933 waren der Lehrerkommission Minden im übrigen „Berichte über 3 Lehrpersonen an höheren

Schulen“ aus Herford übersandt worden, mit der Bitte, „die Angaben nachzuprüfen und weiteres zu veranlassen“,
neben Bruns war davon auch Morisse, die Leiterin der Höheren Mädchenschule, sowie ein Lehrer „Müller“
betroffen. Minden reichte diese Berichte am 12.5.1933 an die „zuständige Untersuchungskommission“ nach Münster
weiter. Vgl. PA Bruns, KAH.
53 Dem NSLB trat Bruns tatsächlich erst 1937 bei. Weitere Beitritte etwa zum VDA, NSV und anderen vgl. Tabelle.

Als kriegsverwendungsfähig wurde Bruns ab 1939 als Hauptmann der Reserve bei der Luftwaffe zum Kriegseinsatz
berufen und kehrte erst nach Kriegsende an die Schule zurück.
54
Dass der Oberrealschule angesichts der seit 1931 sinkenden Schülerzahlen keinerlei „Überfüllung“ drohte, braucht
hier nicht näher nachgewiesen werden. Der wirtschaftsbedingte Rückgang der Schülerzahlen (1933: 277; 1934: 247;
1935: 221. Zahlen nach Protokollbuch 6.4.1932-1.7.1936, RGH-Archiv) wurde ab 1936 aufgehalten und umgekehrt.
Für 1938 beziffert Fischenberg die Schülerzahl auf 308, für 1942 auf 345. Ders., RGH Festschrift 1968, S. 34.
55
Das Gesetz datierte vom 25. April 1933. Nach der ersten öffentlichen anti-jüdischen Aktion der neuen Regierung,
dem Boykott-Tag am 1. April, war dieses Gesetz nur eines von vielen auf der kurzen Etappe zur systematischen
Ausschaltung jüdischer Mitbürger aus dem gesellschaftlichen Leben, die über das Gesetz zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums (7. April 1933) bereits mit den Nürnberger Gesetzen (15. September 1935) einen ersten
Höhepunkt der Entrechtung erreichte. Vgl. Wolfgang Scheffler, Judenverfolgung im Dritten Reich, Berlin 1964, S.
17-22.
56
Hans Baruch verstarb am 28. Juni 1912. Die Satzung sowie Korrespondenz zur jährlichen Auswahl der
Stipendiaten, meist vom Direktor vorgeschlagen, sind erhalten. Durch NS-Oberbürgermeister Friedrich Kleim wurde
die Hans-Baruch-Stiftung 1936 mit anderen Stiftungen, etwa der Burgtorf-Stiftung, zusammengelegt, sodass ihr
Name verschwand, in: C 662, KAH.
57
Etwa in Unterrichtsstunden zur „Rassenkunde“ oder zur „Behandlung der „Saarfrage“, vgl. AK v. 1.8.1934 (Bl.
114f), RGH-Archiv.
58
AK vom 29.4.1935 (Bl. 154), RGH-Archiv.
59
Alle nachfolgenden Angaben aus dem Stammlistenbuch 1929-1944. RGH-Archiv, jetzt KAH.
60 Nach der Volksschule erwarben auch protestantische Söhne auf der Oberrealschule in nur einem Jahr das Rüstzeug

für eine weitere Station auf ihrem Bildungsweg, sei es für eine kaufmännische Lehre oder den anschließenden
Besuch der Handelsschule.
61
Vgl. Hans Loeb, Als jüdisches Kind in Vlotho, in: Manfred Kluge, 2013, S. 126-133, hier 130.
62
Lutz Brade, Die Aberkennung der Menschenrechte, Bad Oeynhausen 2001, S. 53.
63
Lutz Brade, Die Aberkennung, wie Anm. o., S. 48, 61, 67f., 80.
64
Loeb starb 1998 in Kalifornien/USA. Die umfangreichen Dokumente, die das Schicksal seiner Familie beleuchten,
aber auch seine eigenen Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung sind ein erschütterndes, überaus lesenswertes
Zeugnis. Manfred Kluge (Hg.), Wir wollen weiterleben. Das Schicksal der jüdischen Familie Loeb – dokumentiert in
Briefen und Selbstzeugnissen, Bielefeld 2003.
65
Zu diesen Deportationen aus Vlotho nach Buchenwald vgl. Manfred Kluge (Hg.), Sie waren Bürger unserer Stadt.
Beiträge zur Geschichte der Juden in Vlotho, Löhne 2013. S. 182.
66
Rudolf Grundmann starb 1980 in Großbritannien. Angaben nach Kluge, 2013, S. 299.
67 Ab April 1934 gehörten so z.B. Lehrgänge zu Schulungstagungen des NSLB oder Luftschutzlehrgänge zum

regulären Fortbildungsangebot, für die Beurlaubungen ausgesprochen wurden, vgl. AK v. 12.4.1934 (Bl. 101-103),
Protokollband 1932-1936, RGH-Archiv.
68 Zum Charakter des VDA und Rolle und Veränderung 1933-45 vgl. Wolfgang Benz u.a. (Hg.), Enzyklopädie (Anm.

o.), Eintrag „Volkstumspolitik“, S. 788-790. Rüping hatte bereits im April 1932 eine Wiederbelebung der
schuleigenen VDA-Gruppe initiiert und deren Leitung Dr. Martin Harling übertragen. AK vom 20.4.1932 (Bl. 3-4),
Protokollband 1933-36, RGH-Archiv.
69 AK vom 23.3.1935, Bl. 145, Protokollband 1932-36, RGH-Archiv.
70 Die NSV stellte schließlich 1943 mit 17 Mio. Mitgliedern die zweitgrößte Massenorganisation nach der Deutschen

Arbeitsfront dar. Vgl. Wolfgang Benz u.a. (Hg.), Enzyklopädie (Anm.o.), Eintrag „NS-Volkswohlfahrt“, S. 619.
71 Der im April 1933 von Reichsminister Hermann Göring gegründete RLB diente neben der praktischen und

psychologischen Vorbereitung auf einen Luftkrieg auch der Anleitung zum Brand- und Selbstschutz der
Bevölkerung, sowie deren politischer und polizeilicher Kontrolle. 1939 waren im RLB 15 Mio. Mitglieder
organisiert.
72 Rüping wurde 1939, im Zuge seiner Bewerbung nach Bielefeld, NSDAP-„Anwärter“, was er zwei Jahre lang

blieb. Er verfolgte die Parteimitgliedschaft nach erfolgreicher Versetzung nicht aktiv weiter. Vgl. Tabelle 3a.
73 Diese Ämter nach Rüpings eigenen Angaben in seinem Entnazifizierungsverfahren. Die von ihm geleiteten AGs

behandelten die Fachgebiete „Philosophie“ und „Mathematik“. Untersucht man Protokolle der von ihm geleiteten
Seminarsitzungen für Referendare an der Oberrealschule, bzw. Oberschule für Jungen, erhärtet sich der Eindruck
seiner ideologisch starken Zurückhaltung. Vgl. Militärischer Fragebogen, ausgefüllt von Dr. Heinrich Rüping am
26.11.1946, Personalakte Rüping, LA (R) Duisburg. Ferner Seminarprotokolle Mathematik und Philosophie, RGH-
Archiv.
74AK vom 12.2.1934, Bl. 90-93, Protokollband 1932-1936, RGH-Archiv.
75AK vom 17.10.1933, Bl. 77, Protokollband 1932-1936, RGH-Archiv
76
„Himmlische Gnade uns den Führer gab/Wir geloben Hitler Treue bis ins Grab“ (Auszug aus Strophe 3). Hinweis
auf diesen Artikel bei Otto Droste, wie Anm. o., S. 75.
77
AK v. 14.6.1934 (Bl. 111-114), RGH-Archiv.
78 Vgl. AK vom 12.10.1934 (Bl. 121-124), in der die Assessoren Stranghöner und Lennartz begrüßt wurden. In

derselben Konferenz wurde die Gleichstellung von HJ und Jungvolk bekanntgegeben. Fortan galten beide
Mitgliedschaften als Entschuldigungsgrund für die Nichtteilnahme an den schulischen Turnnachmittagen. Ebd.(Bl.
123) zur Einführung der HJ-Werbestunde. Protokollband 1932-1936, RGH-Archiv.
79 AK vom 10.2.1936, Protokollbuch 1932-1936, RGH-Archiv.
80 Zu Stranghöner auch Sahrhage, Diktatur und Demokratie, wie Anm. o., S. 206, 534. Alle anderen Angaben aus

Personal- und Entnazifizierungsakten, KAH, LA (R) Duisburg.


81
Veldtrup war von 1940 bis 1942 als Dolmetscher im Stalag (Stammlager) Bathorn im Einsatz, ein
Internierungslager der Wehrmacht im Emsland für zunächst west-alliierte, ab 1940 auch für polnische und
sowjetische Kriegsgefangene, die für den Arbeitseinsatz registriert wurden. Im September 1941 waren in diesem
Lager mit insgesamt vier Zweiglagern 27.313 Kriegsgefangene inhaftiert, darunter über 11.000 Franzosen und mehr
als 13.900 Sowjets. Da die fünf Lager, ursprünglich für 5.500 Gefangene errichtet, hoffnungslos überfüllt waren,
starben viele Gefangene angesichts katastrophaler Bedingungen an Seuchen, Kälte und Hunger. Vgl. Martin
Weinmann (Hg), Das nationalsozialistische Lagersystem, Franfurt/Main 1998 3, S.76.
82 Vgl. Festschrift RGH 2018, Beitrag Günter Möller, „Physikunterricht im Dritten Reich“, S. 45, zur Bibliothek: E.

Pietsch, „Kaleidoskop des Zeitgeistes ab1868“, ebd., S. 25-27.


83 Vgl. Schüleraufsätze im RGH-Archiv. Ferner Hausaufsatz des Oberprimaners H. Steffen, „Der Weg zur nationalen

Musik über das Radio“ vom 12.8.1933 (im Besitz d. Autorin).


84 Zu den Umständen dieser Bewerbung vgl. Eva Pietsch, Rüping: Sonntagsbild mit Schatten, in: Festschrift RGH

Herford 2018, S. 38-41.


85
Unterstreichung i.Original, Vgl. Sonderbeauftragter für die Entnazifizierung im Land NRW, Düsseldorf, Vermerk
vom 20.4.1950; in: Akte Baesen, LA R Duisburg.
86
Bruns sechswöchige militärische Untersuchungshaft endete Mitte Juni 1942, da der erhobene Vorwurf des
Geheimnisverrats nicht haltbar war. Vgl. Erklärung Bruns in: NW 1063 Nr. 552, LA R Duisburg. Dort auch Abschrift
des Haftbefehls.
87
„Einkassieren der Beiträge, Kontrolle der Luftschutzräume, Entrümpelung der Dachböden, Verdunkelung“, vgl.
von Bähr ausgefüllter Fragebogen vom 4.8.1946, S. 9; sowie Empfehlungsschreiben Deutsche
Entnazifizierungskammer Stadtkreis Herford vom 23.8.1946, in: Akte Bähr, NW 1063 Nr. 80, LA R Duisburg.
88
Vgl. Akte Hezel, NW 1063 Nr. 1351, in: LA R Duisburg.
89
Wunram kam daher zu dem Gesamturteil, Bartels sei „politisch nicht hervorgetreten“. Akte Bartels, Fragebogen S.
8, NW 1063, Nr. 93, LA R Duisburg.
90
Der neue Direktor Albrecht Burchardt erklärte ausserdem, Möhrings Beförderung zum Studienrat im September
1942 sei ohne Einflussnahme der Partei erfolgt. Ein Apotheker aus Dortmund, dessen Sohn Möhring als Assessor
Privatstunden erteilt hatte, bezeugte, Möhring sei damals von einer Dortmunder NSDAP-Ortsgruppe „wegen
politischer Interesselosigkeit“ verwarnt worden. Militärische Beförderungen hatte Möhring während des gesamten
Krieges, in dem er in Polen, Frankreich und der Sowjetunion eingesetzt war, abgelehnt. Die deutsche
Entnazifizierungskammer stufte Möring daher als „Mitläufer“ ein. Schreiben Möhring vom 23.7.1946, Schreiben
Rüping vom 7.5.1946, Schreiben Burchardt vom 20.7.1946. Schreiben Ernst König vom 18.7.1946. Schreiben
Wilhelm Wartmann (Dortmund) vom 25.5.1946, alle in: Akte Möhring, NW 1063 Nr. 2219, LA R Duisburg.
91
Vgl. Akte Retzlaff, NW 1118 Nr. 1620, LA R Duisburg. Heinz Retzlaff „Schulung in Rasse“, in: Der NS-Erzieher
24 (1935), S. 381. Retzlaff wollte, laut Spruchgericht Stade (1947), „keine Kenntnis davon besessen haben, dass […]
die SS zur Begehung von Verbrechen bestimmt und eingesetzt worden“ sei und “niemals etwas von Grausamkeiten
und sonstigen brutalen Übergriffen vernommen haben“, in: LA NRW (R) 1.127-1.201.
92
Der Herforder Kaufmann Wilhelm Massmann verteidigte ernsthaft Veldtrups Behauptung, mit der Ernennung zum
Kreishauptstellenleiter habe NSDAP-Kreisleiter Nolting diesen „bestrafen wollen, um seinen passiven Widerstand
gegen die Partei zu brechen“. Schreiben Burchardt vom 21.6.1946, Empfehlung Wunram vom 23.8.1946;
Begründung der Berufung durch die Rechtsanwälte (Herford) vom 9.1.1947, Schreiben W. Massmann (Herford),
vom 31.12.1946, in: NW 1063 Nr. 3598 LA R Duisburg.
93 Der ehemalige Schüler Franz Jünemann, mittlerweile Jurastudent in Hamburg, bescheinigte gar, Veldtrup habe ihm

„als Lehrer das wahre Gesicht der Nazi-Ideologie aufgezeigt und dieser Ideologie […] die Grundsätze der
katholischen Weltanschauung entgegengesetzt“. Schreiben Harling vom 20.12.1946, Schreiben von 14 Abiturienten
vom 18.12.1946, Schreiben Franz Jünemann (Hamburg) vom 31.12.1946, Schreiben Bartels vom 30.12.1946, ferner
Schreiben Königs vom 22.6.1946, in: NW 1063 Nr. 3598 LA R Duisburg.
94
Schreiben Dr. Kornblum (Minden) vom 3.3.1947, ebd.
95
Vgl. Akte Westermann, NW 1068-ED Nr. 1129, Nr. 1124, LA R Duisburg.
96
Beier wurde auf eigenen Antrag und mit Unterstützung des Herforder Schulaussschusses schließlich ein Jahr später
an das FGH versetzt, da seine Familie längst in Herford ansässig war. Vgl. Personalakte Kurt Beier, KAH.
97
Aus dem Schuldienst sei er somit „unter Verlust des Ruhegehalts zu entfernen“ und dürfe weder im „öffentlichen“,
„halböffentlichen Dienst“ noch in „Privatunternehmen in Stellungen beschäftigt werden, die die Anstellung und
Entlassung von Personal mit sich bringt“. Aus: Begründung des Urteils der Berufungskammer Minden vom
27.10.1947, Notiz Michael (Minden) vom 24.10.1947 in: Akte Lampe, NW 1063 Nr. 1914, LA R Duisburg.
98
Zeugenprotokoll vom 27.10.1947, NW 1063, Nr. 3359, LA R Duisburg. Nicht zuletzt mit diesem Vorfall,
zusammen mit Storks Austritt aus der Reiter-SA, sowie einem angeblich „scharfen“ Auftreten gegen
nationalsozialistische Ideen, begründete die Mindener Berufungskammer am 27.10.1947 Stork Einstufung in
Kategorie IV ohne Vermögenssperren.
99
Stellungnahme Burchardt vom 20.7.1946. Auch habe Stork, so Ernst König, „den von der Partei aufgezogenen
Kampf gegen die evangelische Kirche“ abgelehnt. Erklärung König vom 20.7.1946, ebd.
100
Schreiben Berufungskammer Minden an den Sonderbeauftragten für Entnazifizierung (Düsseldorf) vom
14.10.1948, in: Akte NW 1063, Nr. 3359, LA R Duisburg.
101
Schulze verfasste seine eidesstattliche Erklärung für Stranghöner am 16.2.1948, kurz nach der Rückkehr aus
seiner über zweijährigen Internierungshaft, vgl. Akte Erich Stranghöner, Berufungsschreiben Rechtsanwalt Herbert
Wolff (Herford) vom 1.3.1948, in: LA R Duisburg, NW 1074, Nr. 161. Zu Schulte ferner Sahrhage, Diktatur und
Demokratie, wie Anm.o., S. 532.
102
Eine Einstufung in die für Stranghöner geforderte Kategorie „V“ erreichte der Anwalt nicht. Zur
hochideologischen und damit politischen Bedeutung des Schulsports im Dritten Reich vgl. Lorenz Peiffer, „Wir
haben uns eingereiht in die neue Front!“ – Turnen und Turnunterricht in Westfalen in der NS-Zeit, in: Maria
Perrefort/Diana Lenz-Weber (Hg.), SportGeist. Die Kulturgeschichte von Turnen und Sport in Westfalen, Hamm
2006, S. 168-185.
103
Der ehemalige Lehrer und Kollege Karl Hermann, von 1903 bis 1937 Zeichenlehrer an der ORS, bescheinigte
Stranghöner gar, „sich als Lehrer häufig abfällig über die Art […] der Betätigung in der HJ“ geäußert zu haben.
Schreiben Dr. Heinrich Rüping (Bielefeld) vom 5.5.1947, Schreiben Otto Amberger (Herford) vom 13.9.1947,
Schreiben Karl Herrmann vom 3.9.1947, alle in: NW 1074, Nr. 161, LA R Duisburg.
104
Schulausschusssitzung vom 29.7.1948, KAH.
105 Zur Bewerbung Baesens und den Gründen für seine Ablehnung im Herforder Schulausschuss Ende April 1952

vgl. Pietsch, „Vergangenheit, die nicht verging“, Festschrift 150 Jahre RGH, Herford 2018, S. 59.
106
Schreiben Deneckes vom 18.3.1946, Entnazifizierunsakte Baesen, Anm. o.
107
Beurteilung des P. Baesen von Höcker, vom 22.3.1946. Entnazifizierunsakte Baesen, Anm. o.
108
Während Baesen angab, lediglich „Parteianwärter“ gewesen zu sein, bestätigte ein Schreiben der NSDAP-
Gauleitung, dass Baesen, sich 1939 und 1940 sogar als NSDAP-Blockleiter betätigte. Während Baesen im
Entnazifizierungsfragebogen angab, kein Amt im NSLB ausgeübt zu haben, bezeichnete ihn der Regierungsdirektor
Lasse am 31.3.1939 als „sehr geschätzt[en] Amtswalter“ im NSLB.